Kitabı oku: «Ein Mann und sein Rad»
Wilfried de Jong
Ein Mann und sein Rad
Geschichten vom Radfahren
Aus dem Niederländischen von Ilja Braun

Der erste Teil dieses Buches erschien als Originalausgabe im Jahr 2012
unter dem Titel »Kop in de wind« bei Uitgeverij Podium, Amsterdam.
Die Erzählungen im zweiten Teil dieses Buches sind dem Band
»De man en zijn fiets« entnommen, der im Jahr 2009
ebenfalls bei Uitgeverij Podium, Amsterdam, erschien.
© Wilfried de Jong, 2012, 2009
Wilfried de Jong: Ein Mann und sein Rad
Geschichten vom Radfahren
Aus dem Niederländischen von Ilja Braun
© der deutschsprachigen Ausgabe: Covadonga Verlag, 2014
Covadonga Verlag, Spindelstr. 58, D-33604 Bielefeld
ISBN-eBook 978-3-936973-92-1
ISBN-Print 978-3-936973-91-4
Coverfoto: Stephan Vanfleteren
Umschlaggestaltung und Satz: Covadonga Verlag
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise,
nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.
Covadonga ist der Verlag für Radsportliteratur.
Besuchen Sie uns im Internet: www.covadonga.de
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
Inhalt
Teil I
Mona Lisa
Schwarze Federn
Aufkleber
Krampf
Montalto
Kappe
Hôtel Neuf
Platten
Kurve
Wolle
Teil II
Nebel auf dem Ventoux
Munkzwalzm
Radrenn-Porno
Bauer auf der Straße
Das Vorderrad drehte sich noch
Die Zentimeter von Merckx
Eine Runde mit Jan Janssen
Glasbecherchen
Merde
Nackt mit Rad
Strawberry Banana Flavour
with extra sodium
the key electrolyte
to compensate sweat loss
fast energy delivery
Suggested usage
one pouch
every 20–45 minutes
during exercise
with 400 ml water
TEIL I
Mona Lisa
Der Soldat hatte einen Karabiner im Anschlag. Er blickte über mich hinweg zum Berggipfel. Die Spitze seines Bajonetts deutete schräg nach vorn, auf die imaginäre Brust eines Deutschen. Um sie zu durchstoßen, bis man die Rippen brechen hörte.
Mort pour la patrie.
Ich radelte in gemächlichem Tempo, so dass ich das steinerne Denkmal lange betrachten konnte. Wie viele Kriegsdenkmäler mochte es in Frankreich geben? Überall sah man diese jungen Männer mit fest entschlossenen Gesichtern unter ihren Helmen. Nie auch nur ein Anflug von Zweifel in den Blicken oder ein dunkler Fleck im Schritt der Kampfhosen.
Es war später Nachmittag. Vor nunmehr anderthalb Stunden hatte ich den erhitzten Kopf am Straßenrand in ein Betonbecken gehalten, unter einen Wasserhahn. Als hätte man eine glühend heiße Pfanne unter einen kalten Strahl gehalten, so groß war der Temperaturunterschied gewesen. Prustend war ich wieder hochgekommen.
Von diesem prickelnden Gefühl war nichts mehr übrig. Die Luft war stickig. Mein schneller Herzschlag pochte mir in den Schläfen.
Erst als ich aus dem Sattel ging, verschwand der Soldat langsam aus meinem Blickfeld. Ich fragte mich, ob vielleicht die Bremsbeläge am Hinterrad schleiften. Unsinn. Es war einfach steil. Ich schaute nach rechts. Die Straße, die ich hochgefahren war, schlängelte sich durchs Tal wie eine schwarze Schlange durchs grüne Unterholz. Ein Schluck aus der Trinkflasche. Es ging heute ziemlich schnell mit der Flüssigkeit.
In der Böschung rieben Grillen ihre Flügel aneinander. Es klang wie ein Notsignal. Der Berg war kurz davor, sich zu überhitzen.
Die Franzosen hier aus der Gegend suchten im Sommer ein paar Wochen Abkühlung an der 150 Kilometer entfernten Côte d’Azur. Selbst die Wachhunde der wenigen an meiner Route gelegenen Häuser lagen benommen auf den Höfen.
Ich fuhr über weiß getünchte Buchstaben hinweg, die teils vom Regenwasser fortgespült waren. Sie standen verkehrt herum auf der Fahrbahn. Der Name war nicht zu entziffern. War die Tour de France hier durchgefahren? Ich konnte mich nicht daran erinnern.
Ein Kilometerstein gab an, welche Höhe ich inzwischen erreicht hatte: 825 Meter. Der Col de l’Homme Mort, ein Berg der ersten Kategorie, war noch ein ganzes Stück weit weg.
Ich schlürfte das letzte Wasser vom Boden meiner Trinkflasche. Leer. Blöd, dass ich keinen zweiten Halter montiert hatte.
Der Asphalt ging immer weiter bergauf. Ich konnte keinen Augenblick verschnaufen. Immer weiterfahren. Nach zwanzig Metern stand ein Holzschild am Straßenrand, in der Form eines Pfeils: MONA LISA 500 M, stand darauf gepinselt.
Mona Lisa. Komischer Name hier mitten in der Landschaft der Provence. Marie, hätte man erwartet. Christine. Oder Jeanne-Marie, wenn man mit dem Vornamen etwas hermachen wollte. Aber Mona Lisa? So ein Schild gehörte doch eher nach Paris, in den Louvre, als Hinweis auf den schnellsten Weg zu dem Gemälde von Leonardo da Vinci.
Ich fuhr daran vorbei. Was konnte ich als Nächstes anvisieren?
Der letzte Schluck aus der Trinkflasche hatte nicht gegen den Durst geholfen. Die Zunge lag mir ausgetrocknet im weit offenen Mund.
Weiter vorn tauchte noch so ein Pfeil auf. Ich redete mir selbst zu: Wenn ich es bis zu diesem Pfeil schaffe, komme ich auch ohne Absteigen bis nach oben.
Genau wie bei dem vorigen Schild war jeder Buchstabe des Namens in einer anderen Farbe gemalt. Der einzige, der zwei Mal vorkam, war das kleine a. Ich musste an die Grundschule zurückdenken, an Wasserfarben. Mehr an Wasser als an Farben.
MONA LISA 100 M.
Der Pfeil wies mir den Weg zu einem Wasserhahn. Mona Lisa, das war vielleicht eine Autowerkstatt, ein Bilderrahmenmacher oder ein Hersteller von Trüffelöl. Es war mir gleichgültig, Hauptsache, es gab dort einen Hahn mit kaltem Wasser. Der Col de l’Homme Mort konnte mir gestohlen bleiben.
Der nächste Pfeil, unübersehbar. MONA LISA stand da wieder, nun doppelt so groß wie auf dem vorigen Schild. Mit dem Zusatz: LAVANDE. Der Pfeil zeigte schräg nach unten. Man sollte die ansteigende Asphaltstraße verlassen.
Ein unbefestigter Pfad führte nach unten. Ich stieg ab. Mit kleinen Schritten, die Hände an den angezogenen Bremshebeln, ging ich neben meinem Rad. Die kleinen Platten unter meinen Fahrradschuhen machten den Abstieg tückisch.
Am Ende des Pfads tauchte ein altes Steinhaus auf. Die Ziegel des schrägen Dachs waren von Efeu überwuchert. Die Tür war halb abgeschliffen und stand einen Spalt offen.
»Bonjour«, sagte ich.
Es blieb still. Nichts als das unablässige, eintönige Zirpen der Grillen.
»Allô?«, rief ich, in zweifelndem Tonfall, um anzudeuten, dass ich nichts Böses im Sinn hatte.
Keine Reaktion.
Vor dem Haus stand ein krumm verzogener Holztisch. Ein paar Lavendelsträuße, dazwischen ein Stück Pappe mit einer handschriftlichen Mitteilung.
Retour dans quinze minutes.
Ich lehnte mein Rad an einen Baum und nahm meine Trinkflasche aus dem Halter. Wie alt mochte diese kurze Notiz sein? Vielleicht kam der Hausbesitzer ja schon in ein paar Minuten zurück.
Ich schaute auf die Uhr. Es war sechs. Wenn ich umkehrte und zu meinem Hotel hinunterfuhr, konnte ich in anderthalb Stunden unter der Dusche stehen und noch vor dem Abendessen mit einem Bier auf der Terrasse sitzen. Aber gut, ich hatte mir für den heutigen Tag schließlich ein Ziel gesetzt: den Gipfel des l’Homme Mort.
Ich ging um das Haus herum und suchte nach einer Wasserstelle. Die azurblauen Fensterläden waren geschlossen. An der Hauswand standen gepflegte Kübel mit blühendem Thymian und Lavendel. Nirgends ein Wasserhahn. Ich nahm den Helm ab und hängte ihn an den Lenker.
Vor der Tür hing ein Fadenvorhang aus Plastik, damit kein Ungeziefer hereinflog.
Vorsichtig steckte ich den Kopf zwischen den Fäden hindurch.
»Allô … bonjour?«
Meine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Es roch muffelig. Nach feuchtem Bettzeug.
Ich tat ein paar Schritte in den Raum hinein. Das Haus bestand nur aus diesem einen Raum. In der Ecke stand ein schmales Bett mit einem unordentlichen Laken. In der Mitte ein runder Gartentisch aus Metall, mit zwei Plastikstühlen. An der Wand eine Resopal-Küchenzeile.
Mit einem Wasserhahn, zum Glück.
Mir fielen immer mehr Details auf. Zu meiner Linken hing eine alte Schullandkarte von Frankreich. Mit Bleistift waren verschiedene Routen eingezeichnet. Neben der Karte schlichte Gemälde von Berggipfeln, manche schneebedeckt, manche im Sonnenschein.
Die Wand, an der das Bett stand, war bis unter die Decke mit Fotos von Radrennfahrern gepflastert. Ich stützte mich mit den Knien an der Matratze ab und schaute, wer es alles war. Die Fotos waren anscheinend eilig aus Zeitschriften ausgeschnitten oder herausgerissen worden. Ich erkannte das Logo von Paris Match. Auf den Rahmen der Räder und den schweißbedeckten Gesichtern spiegelte sich die Sonne. Das Blau des Himmels war das Himmelsblau meiner Jugend: klar, strahlend.
Die Wand war eine einzige Hommage an berühmte Kletterer. Die Gesichter auf den meisten Fotos erkannte ich: Bahamontes, Induráin, Bartali, Pingeon, Hinault, Simpson, Coppi, Zoetemelk, Pantani, Armstrong, Fuente, Herrera. Vereinzelt waren Schlagzeilen aus L’Équipe darübergeklebt, einer französischen Sportzeitung.
Der Besitzer dieses Hauses musste ein totaler Radsportfanatiker sein.
Ich ging zur Küchenzeile hinüber. An der Spüle lehnte ein Hinterrad mit plattem Reifen. Davor lag ein Knäuel schwarzer Fahrradschläuche. Wie leblose Aale ineinander verschlungen. Ich beugte mich vor, um nachzusehen, was sie für Ventile hatten.
»Bonjour, monsieur!« Die Begrüßung klang schrill. Ich drehte mich um. Im Türrahmen stand eine hochgewachsene Frau. Die Fäden des Plastikvorhangs hingen ihr wie Dreadlocks um den Kopf. Mit wenigen Schritten hatte sie schwungvoll den kleinen Tisch mit den Stühlen umrundet.
Jetzt erst konnte ich ihr Gesicht sehen. Oval, mit vielen kleinen Falten über den Augenbrauen. Lange rote Haare, die ihr von dem grauen Scheitel wie zwei Gardinen über die Schläfen fielen.
»Je suis Lisa.«
Sie lachte eine Spur übertrieben.
Ich schüttelte ihr die Hand und wollte mich gerade entschuldigen, dass ich einfach so hineingekommen war, aber sie ergriff sofort selbst wieder das Wort.
»Was gibt’s? Platter Reifen, kaputtes Schaltwerk? Oder brauchst du eine Zange, um die Bremsen einzustellen? Nur raus mit der Sprache.«
Ich hielt meine Trinkflasche hoch.
»Die ist leer.«
Sie nahm mir die Trinkflasche aus der Hand, ging damit zum Hahn und füllte sie randvoll mitWasser. Dann stellte sie sie mitten im Raum auf den Gartentisch.
»Allez, setz dich, dann geb’ ich dir was Richtiges zu trinken. Wasser ist etwas für Pflanzen.«
Sie zog einen Vorhang vor einem türlosen Schrank zur Seite, holte eine Karaffe mit einer roten Flüssigkeit heraus und stellte sie mit zwei Gläsern dazu auf den Tisch.
»Preiselbeersaft. Gut für den Darmkanal.«
Ich setzte mich an den Tisch. Es kam mir zwangsläufig vor, so als wäre es hier, wo diese Frau das Sagen hatte, gar nicht anders möglich.
Schweigend tranken wir den Saft. Über mein Glas hinweg schaute ich sie an. Rosige Haut, viele Sommersprossen im Gesicht, nackte Schultern und kräftige Arme. Ihre Augen sahen frisch und munter aus. Aber ihren etwas steifen Bewegungen und ihrer faltigen Haut nach zu urteilen, musste sie um die sechzig Jahre alt sein.
»Wo musst du noch hin?«
»Ich habe mich in der Nähe von Sault einquartiert.«
Sie warf den Kopf in den Nacken und kippte die letzten Tropfen aus ihrem Glas hinunter. Der oberste Knopf ihres Blumenkleids stand offen. Was darunter war, konnte man kaum Brüste nennen. Man musste Busen dazu sagen.
»Was für eine Übersetzung fährst du?«
»50/34 vorn und 13-26 hinten.«
Sie schaute auf meine nackten Beine unter dem Tisch, dann auf meinen Oberkörper, dann sah sie mir wieder in die Augen.
»So kann ich dich nicht losfahren lassen. Das schaffst du nie.«
Sie ging zur Küchenzeile, öffnete einen Schrank und holte einen Topf heraus. Füllte ihn mitWasser und stellte ihn auf den Herd. Mit einem Streichholz zündete sie die Flamme an.
»Schöne Sammlung. Von Ihnen?« Ich zeigte auf die Fotos.
Sie schaute zur Wand, während sie mit dem erloschenen Streichholz hinter ihren Schneidezähnen herumstocherte.
»Ich kenne diese Männer wie meine Westentasche. Ich weiß alles von ihnen: die wichtigen Rennergebnisse, ihre Rahmengröße, ihren Ruhe- und Belastungspuls, ihre Gewohnheiten, ihre Stammbäume, all ihr Freud und Leid.«
Die Frau steckte das hintere Streichholzende in den kleinen Spalt zwischen ihren Schneidezähnen, bewegte ihn schnell hin und her und nahm ihre Beute in Augenschein. Dann warf sie das Streichholz in einen Aschenbecher und setzte sich wieder.
Ich nahm noch einen Schluck Saft, dann stand ich auf und ging zu den Rennfahrerfotos. Ich wollte ihre Kenntnisse auf die Probe stellen. War diese Lisa eine Fantastin, oder kannte sie sich wirklich mit Radrennen aus?
»Miguel Induráin. Oder?«
Sie schaute schräg zu dem Foto hoch, auf das ich zeigte. »Ach ja, Miguel. Der Lange von Pamplona. Hat fünf Mal hintereinander die Tour de France gewonnen. Wie der 1990 beim Schlussanstieg nach Luz Ardiden den Weltmeister LeMond abgehängt hat. Das war schön. Die Hände locker am Lenker, großer Gang. Immer wenn ich diesen geraden Blick bei ihm sah, wusste ich: Das ist ein guter Tag für ihn.«
Sie ging wieder zum Herd. Den Test hatte sie gut bestanden. Ich erinnerte mich auch noch an diese Bergetappe. Induráin in Topform.
Lisa riss eine Packung Spaghetti auf und ließ den Inhalt in einen Topf mit kochendem Wasser gleiten.
»Kohlenhydrate. Die halten deinen Motor am Laufen.«
Ich wagte nicht, das Angebot abzulehnen. Außerdem hatte sie recht: Mein Magen war leer. Sah sie mir das an?
»Ich wollte eigentlich nur meine Trinkflasche auffüllen und dann weiter.«
»Typisch Rennradfahrer«, sagte sie.
Sie hatte mir den Rücken zugewandt. An den leichten Bewegungen ihres Hinterns war zu erkennen, dass sie den Topf umrührte.
Ich ging nach draußen. Die Sonne stand schon ziemlich tief, trotzdem war es noch warm. Mein Fahrrad lehnte noch an dem Baum. Ich drückte eine Taste an meinem Radcomputer. Distance: 41,7 Kilometer. So weit war ich von meinem Hotel entfernt. Wenn ich zum Essen hierbliebe, würde es spät werden. Außerdem wollte ich ja noch zum Gipfel des l’Homme Mort.
»Fertig!«, rief sie auf Deutsch.
Ich ging ins Haus.
Der Dampf frisch abgegossener Pasta hing im Raum. An der Spüle verteilte die Frau die Spaghetti auf zwei Teller und goss aus einem kleineren Topf eine rote Soße darüber. Geschickt verrührte sie das Ganze und stellte die Teller auf den Tisch.
»Essen«, sagte sie, in der Befehlsform.
Sie holte ein paar Gläser und eine offene Flasche Rotwein. Dann schenkte sie ein und hob das Glas.
»Auf alle Rennradfahrer der ganzen Welt«, sagte sie.
Wir aßen und tranken, ohne ein Wort zu sagen. Bei den ersten Bissen knurrte mir noch der Magen.
Als ihr Teller leer war, fing sie an zu erzählen.
»Mein Mann fuhr auch Rennrad. Jean Hochon. Du wirst ihn nicht gekannt haben. Er war ein mittelmäßiger Rennfahrer aus der Region hier. Hat nie irgendwas gewonnen. Tagsüber musste er ganz normal arbeiten, im Schlachthaus. Er konnte immer nur morgens eine kleine Runde trainieren. Dann wird das natürlich nie etwas.«
Sie stellte die Teller bei der Spüle ab. Die Spaghetti lagen mir schwer im Magen, aber ich merkte, dass mein Energielevel wieder zunahm. Ja, ich musste meine Trinkflasche nehmen und wieder aufs Rad steigen. Ich stand auf. Lisa kam einen Schritt näher.
»Leg dich mal aufs Bett.«
Ihre Stimme klang entschlossen.
»Äh, ich würde Ihnen eigentlich gern einen kleinen Obolus anbieten für das leckere Essen und …«
»Jetzt leg dich mal hin. Lisa macht jetzt ihre Arbeit zu Ende.«
Zugegeben, ich hatte frecherweise ihr Haus betreten und mich neugierig umgesehen. Nicht ganz die feine englische Art, aber es erwuchs daraus auch keine Verpflichtung, hier länger zu bleiben.
Lisa zeigte auf das Bett. »Ich weiß, wie schwer der l’Homme Mort ist«, sagte sie.
Es war der entschlossene, gebieterische Blick in ihrem ovalen Gesicht, dem ich mich fügte. Was konnte schon passieren, wenn ich mich aufs Bett legte? Vielleicht würde sie für mich beten. Die Gegend war stark katholisch.
Aus Höflichkeit zog ich meine Radschuhe aus. Ich stellte sie vor dem Bett ab und ließ mich langsam auf den Rücken sinken. Im Fensterrahmen hingen Spinnweben.
Das Bett fühlte sich klamm an. Auf diesen Laken hatten schon viele gelegen. Die Laken rochen nach Männern. Verschwitzten Männern.
»Wo ist denn Ihr Mann, wenn ich fragen darf? Fährt er immer noch?«
Sie ging zur Spüle und holte hinter ein paar Töpfen und Pfannen eine Sprühdose hervor, die sie kräftig schüttelte.
»Jean ist tot. Schon zwanzig Jahre. Er hat sich bei der Schlachterei eine Infektion eingefangen. Durch eine Verletzung beim Entbeinen. Sein Arm wurde ganz dick und blau. Mit hohem Fieber haben sie ihn im Krankenhaus aufgenommen, in Carpentras. Drei Tage später war er tot. Schwere Blutvergiftung, sagten sie.«
Sie setzte sich neben mich aufs Bett und zog mir die weißen Socken aus. Ich schämte mich für meine schmutzigen Fußnägel, aber Lisa schien sie gar nicht zu sehen.
»Mein Mann war vielleicht kein besonders guter Radrennfahrer«, sagte Mona Lisa mit einem verträumten Blick in den Augen, »aber er hatte die schönsten Beine von allen hier in der Gegend. Er selbst war auch stolz darauf. Alle zwei Tage hab’ ich sie rasiert. Ganz altmodisch, mit Klinge und warmer Rasierseife. Dieses angenehme, leichte Kratzgeräusch auf seiner Haut. Ich hab’ das immer noch im Kopf, als wäre es gestern erst gewesen. Jean hasste es, wenn Stoppeln zu sehen waren. Und ich auch, ehrlich gesagt. Die Frau eines Radrennfahrers kann ihren Mann nachts nicht richtig liebhaben, wenn diese kleinen Stachel in ihre weiche Haut piksen.«
Sie schüttelte die Sprühdose noch ein paar Mal und drückte dann auf den Knopf. Weißer Schaum landete auf meinen braunen Beinen. Geschickt verteilte sie ihn gleichmäßig, bis alle Stellen bedeckt waren.
»Jetzt ein paar Minuten still liegen bleiben.«
Wofür war dieses Zeug? Der Geruch erinnerte an Desinfektionsseife in Krankenhäusern. Oder vielleicht war es so eine Art Tigerbalsam. Dann würden sich meine Beine jetzt bald warm anfühlen.
Über mir erklomm Lucho Herrera in seinem Bergtrikot eine steile Asphaltstrecke. Fans mit nackten Oberkörpern feuerten ihn an. Sie streckten die geballten Fäuste in die Luft und jubelten dem Bergkönig zu, aus vollen Lungen, der dünnen Luft zum Trotz. Herrera. Auf den ebenen Strecken der Tour de France konnte der kleine Kolumbianer kaum Anschluss an das Peloton halten. Erst in den Bergen fühlte er sich zu Hause, fern von dem nervösen Gewimmel im Hauptfeld. Lenker an Lenker zu fahren, war nichts für ihn. Wie viele Kletterer war auch er ein Einzelgänger auf seinem Rad.
Lisa kam mit einem nassen, tropfenden Handtuch zurück. Sie legte es mir auf die Schenkel und fing an, es kräftig hin und her zu reiben.
»Voilà!«, rief sie aus.
Zusammen mit dem Schaum verschwanden die Haare von meinen Beinen. Durch die braune Haut schimmerten Adern hindurch, die ich noch nie so deutlich gesehen hatte.
Wenn das alles war, wovor hatte ich dann Angst gehabt? Lisa leistete gute Arbeit. Sie ging zu einem Schrank. Flaschen klirrten. Ich schaute hinüber. Sie hatte eine Flasche mit einer durchsichtigen grünen Flüssigkeit herausgenommen und öffnete den Schraubverschluss.
»Was ist das?«, fragte ich.
»Mein Geheimnis«, sagte Lisa. Sie goss mir die Flüssigkeit über die nackten Beine. Die fettigen kleinen Rinnsale kitzelten die Haut. Es roch nach Eukalyptus. Ich hob den Kopf aus den Kissen, um sehen zu können, was sie machte. Mit ihren molligen Händen verrieb sie das Zeug auf meinen Ober- und Unterschenkeln.
»Sie haben alle hier auf diesem Bett gelegen. All die großen Fahrer, die da über dir hängen. Herrera. Ich konnte ertasten, wie fest seine Muskeln an den Knochen saßen. Wie kleine Schweinelenden, in der Mitte rund, zu den Enden hin immer härter. Er ist hier jedes Mal eingeschlafen. Unterhalten konnten wir uns nicht, er mit seinem Spanisch, ich mit meinem Argot aus der Gegend hier. Unmöglich. Aber meine Hände verstanden seine Beine.«
Ich ließ den Kopf wieder in das Kissen sinken. Dann spürte ich, wie sie noch einen Schuss von dem hellgrünen Zeug auf meine Beine tat. Geschickt hob sie mein eines Bein hoch. Die Flüssigkeit lief mir über die Haut. Rasch rieb sie auch die Rückseite meiner Schenkel ein, ohne dabei etwas auf die Laken tropfen zu lassen.
»Und bei Bernard Hinault, diesem verrückten Bretonen, musste ich kräftig zupacken. Der hatte so dicke Haut, so zähes Fleisch, dass ich fest mit den Daumen durchdrücken musste, wenn ich an seine Muskeln kommen wollte. Plus fort, plus fort!, rief er dann immer. Ein richtiger Wilder, dieser Hinault.«
Aus ihrem Zwerchfell kam ein sonderbares Kichern. Es klang viel höher als ihre normale Stimme.
Mit Daumen und Zeigefinger beider Hände packte sie meine Wadenmuskeln und rieb das Öl zu meinem Knie hin ein. Es fühlte sich an, als würde sie mit dem Blut herumspielen, das sich in dem Muskel gesammelt hatte. Es tat weh, aber zugleich war es angenehm.
»Koblet. Ein totales Weichei. Verweiblicht. Sie nannten ihn ja auch den schönen Hugo. Trug immer einen Kamm in seiner Trikottasche. Wie steifes Ziegenfleisch, so fühlte sich das bei ihm an. Und wenn ich ihn massierte, entstanden immer kleine Dreckwülste unter meine Fingerspitzen. Ein Radrennfahrer, der sich nicht wusch. Du bist schön sauber. Du schwitzt natürlich, aber es ist sauberer Schweiß. Fahrradschweiß. Der Geruch ist unvergleichlich.«
Lisa wischte sich die Hände an ihrem Kleid ab und ging in die Mitte des Raums. Sie zog eine Schachtel Streichhölzer hervor und steckte eine große, halb abgebrannte Kerze an, die in der Mitte des Tisches stand. Der Lichtschein fiel auf ihr Gesicht. Ihre Falten bildeten ein Meer von kleinen Wellen.
Ich unterdrückte ein Gähnen. Es war stickig hier drinnen. Lisa kam zum Bett zurück und setzte sich wieder neben mich. »Fausto Coppi, den mochte ich am liebsten. Zartes Wadenfleisch, bis in die kleinste Faser durchblutet. Für ihn nahm ich mir immer alle Zeit der Welt. Fausto, das war ein Schatz. Wenn er sein Fahrrad den Pfad hier zu unserem Haus hinunterschob, pfiff er immer das Mona-Lisa-Lied vor sich hin.«
Sie fing im Flüsterton an zu singen. In schlechtem Englisch, ich musste mich anstrengen, um die Worte zu verstehen. Die Augen fielen mir zu. Sie fing an, über meine Schenkel zu reiben. Mit beiden Händen umfasste sie den größten Muskel, kniff leicht hinein und glitt dann an den Leisten hinauf. Mal um Mal wiederholte sie diese Bewegung.
Ich ließ sie gewähren. Sie drückte mir die Müdigkeit aus den Beinen heraus, die sich allmählich immer leichter anfühlten. Coppi. Hatte der italienische Weltmeister nicht einen blinden Masseur gehabt? Cavanna. Vorsichtig hatte er sich mit Stock und Sonnenbrille durch die Welt des Radsports hindurchgetastet. Aber wenn ihm der Geruch von Massageöl in die Nase gestiegen war und er die Beine seines Fausto berührt hatte, hatte er sich im Wirrwarr aus Muskeln und Sehnen zielsicher zurechtgefunden.
Ich konnte das Gähnen nicht mehr unterdrücken. Kämpfte gegen den Schlaf an. Lisa rieb über meine Oberschenkel. Sie glühten. Der ganze Raum roch nach Eukalyptus.
Ich musste das Gespräch am Laufen halten. Hier einzuschlafen, wäre ein bisschen zu weit gegangen. Ich kannte Lisa überhaupt nicht. Außerdem hatte ich bis zu meinem Hotel noch ein gutes Stück Weg vor mir. Ich versuchte mich zu konzentrieren. Kamen all die Rennfahrer hier vorbei, um in den Bergen zu trainieren? Bahamontes kam doch aus Toledo, Pantani wohnte in Italien. Was suchten sie hier?
Lisa ging wieder zum Tisch. Sie nahm einen großen Schluck aus der Weinflasche.
»Lisa, was hat diese berühmten Kletterer eigentlich hierher verschlagen?«
Sie kam wieder zu mir. Auf ihrem Hals und ihren Unterarmen waren rote Flecken entstanden. Sie sprach leiser als zuvor: »Mon ami, du fragst zu viel. Genieß es einfach, so wie deine Vorgänger.«
Ich überlegte mir noch eine neue Frage. Coppi … wie, in Gottes Namen, konnte Coppi hier auf diesem Bett gelegen haben? Der war schon 1960 gestorben, am 2. Januar. Das hatte ich mir gemerkt, seit ich seine Biografie gelesen hatte.
»Lisa, hast du Coppi noch lebend gesehen?«, fragte ich träge. »Wie alt bist du denn?« Ich fing an zu rechnen.
Sie goss noch etwas Eukalyptusöl auf meine Beine. Ich spürte, wie es mir an der Innenseite des linken Schenkels hinablief. Das vertraute Jucken. Ich war zu müde, um mich zu kratzen.
»Sie haben Angst in den Bergen«, flüsterte Lisa. »Angst, alleine zu sein, genau wie alle Menschen. Ich schenke ihnen mein Lächeln, damit sie die Angst überwinden. Wer hier gelegen hat, dem kann nichts mehr zustoßen. Alle Radrennfahrer wissen das.«
Ihre Hände glitten über meine Schenkel. Meine Muskeln fühlten sich weicher an als jemals zuvor. Ich versuchte, mich aufzurichten, aber meine Finger fanden keinen Halt, die Matratze war spiegelglatt. Ich spannte die Oberarme an, dann die Bauchmuskeln. Für einen Augenblick kam es mir vor, als hätte ich es fast geschafft.
Ich kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. Mit ihren dicken Fingern strich sich Lisa die Haare aus dem Gesicht, dann öffnete sie den obersten Knopf ihres Kleids. Und den darunter. Ihre alten Brüste hingen lose in ihrem Unterkleid, die kleinen Schweißperlen in ihrem Dekolleté glommen im Kerzenschein. Eine schwere Welle lief durch meinen Kopf, die Muskeln in meinen Oberarmen erschlafften. Ich konnte mich nicht mehr halten, musste loslassen. Los. Ich fiel. Tiefer, als ich je gefallen war.
Wie lange war ich weg gewesen?
Die Kerze auf dem Tisch spendete gerade noch so viel Licht, dass ich die Fotos über mir erkennen konnte. Lucho Herrera fuhr noch immer an derselben Stelle der Bergflanke, seine Fans machten ihm weiter Mut. Die verchromten Speichen seines Rads waren erstarrt.
Neben meinem Bett hörte ich jemanden schwer atmen. Ich drehte mich auf die Seite. Eine Mischung aus Schweiß, Eukalyptus und einer Alkoholfahne stieg mir in die Nase.
Lisa musste auf dem Boden eingeschlafen sein. Sie lag auf der Seite. Die Träger ihres Unterkleids waren ihr von den Schultern gerutscht. Ihre Hände lagen zwischen den nackten Schenkeln. Es war der größte Fötus, den ich je gesehen hatte.
Langsam richtete ich mich auf. Ihr Blumenkleid lag zusammengeknüllt neben meinem Kopf auf dem Bett. Ich drehte mich so, dass ich auf der Bettkante sitzen konnte. Meine Füße berührten jetzt den Boden, dicht neben dem schlafenden Gesicht Lisas. Es war zweifellos schon viel Rotwein durch diesen Körper geflossen. Ich betrachtete sie aus der Nähe. Das Lächeln einer jungen Frau in einem alten Gesicht. Je länger ich es anschaute, desto mehr verwandelte es sich in ein leichtes Grinsen. Ein sardonisches, glückseliges Grinsen.
Behutsam, Schritt für Schritt, schlich ich an dem schlafenden, halb nackten Körper vorbei. Sie erinnerte mich an einen treuen Hund, der in der Nähe seines Herrn schlief, aber seinen Jagdinstinkt schon verloren hatte.
Ich ging zum Tisch in der Mitte des Raums, um meine Trinkflasche zu nehmen. Wasser, dafür war ich schließlich gekommen. Es schien mir vernünftig, die Kerze auszublasen.
»Merci, Lisa«, flüsterte ich in die Dunkelheit hinein.
Um nicht irgendwo gegen zu laufen, schlurfte ich mit ausgestreckten Armen zur Tür. Durch die Plastikfäden konnte ich mein Fahrrad sehen. Es war eine klare Nacht, der Mond schien. Draußen war es immer noch warm, wenn auch zum Glück nicht so stickig wie drinnen. Ich steckte meine Trinkflasche in den Halter. Dann nahm ich den Helm vom Lenker und setzte ihn auf. Ich schob das Fahrrad ein paar Schritte über das lose Geröll. Hoffentlich wurde Lisa von dem Geräusch nicht wach. Im Haus blieb es still.
Oben an der Asphaltstraße schwang ich das rechte Bein über den Sattel und klickte den Schuh ins Pedal. Besonders weit sehen konnte man nicht. Links ging es hinunter zum Hotel, rechts hinauf zum Col de l’Homme Mort.
Ich hatte geschlafen, hatte Wasser in der Trinkflasche, einen vollen Magen, Öl auf den Beinen.
Wie hatte Lisa gesagt, als ich auf dem Bett gelegen hatte? »Wer hier gelegen hat, dem kann nichts mehr zustoßen.«
Ich fuhr los, nach rechts.
Meine schläfrigen Augen folgten dem durchgezogenen weißen Streifen neben mir auf dem Asphalt. Es ging gut. Der große Gang bereitete mir keine Schmerzen.
Die Farbe des Berges veränderte sich, der Bewuchs wurde dünner. Am Straßenrand stand ein Schild: COL DE L’HOMME MORT OUVERT. Natürlich war der Pass »offen«. Ich konnte bis zum Gipfel.
Es war dunkel, so ohne Licht am Rad. Zum Glück beschien der Mond die Flanke des Bergs. Meine Beine gehorchten mir vollkommen. Ich schaltete einen Gang hoch, um noch mehr Kraft auf die Pedale bringen zu können.
Keine Schilder mehr, keine Häuser, keine Menschen. Der Tote Mann war ein stiller Berg. Meine Beine glühten. Da war wieder das Schild am Straßenrand, mit dem Namen und der Höhe des Bergs: COL DE L’HOMME MORT, 1163 MÈTRES.
Ich stand auf dem Gipfel.
Zufrieden stieg ich ab und griff nach meiner vollen Trinkflasche. Das Wasser schmeckte anders als das aus meinem Hotel. Weicher. Laternen markierten den Weg ins Tal hinab. Wo lag Lisas Haus?
Eine frische Brise trieb mir alle Müdigkeit aus, ohne jedoch meine Beine zu kühlen, die immer noch glühten. Ich trank die ganze Flasche leer. Wie von selbst wanderten meine Mundwinkel nach oben: Ich strahlte.
Ich stieg auf mein Fahrrad und machte mich im Dunkeln an die Abfahrt. Der Wind sauste mir um die Ohren. Und die ganze Zeit über stand mir ein Lächeln im Gesicht.
Ich holte tief Luft und schrie ihren Namen heraus.
Er wurde von einem Berg zum nächsten getragen.
Ich rief noch einmal, diesmal mit einer kurzen Pause.
Li-sa.
Sie war jetzt allein mit ihren Radrennfahrern. Von ihren Rädern aus schauten sie Lisa an. Niemand durfte Lisa zu nahe kommen. Sie gehörte den Kletterern. Jetzt gehörte sie auch mir.
Schwarze Federn
Blesshühner.
Das linkische Getrippel erkannte ich schon aus großer Entfernung. Es waren zwei. Herr und Frau Blesshuhn, wahrscheinlich. Stolz überquerten sie den Fahrradweg. Der Asphalt war nur drei Meter breit, Autos durften hier nicht fahren. Die Wasservögel hatten alle Zeit der Welt.
Ich hatte den Wind im Rücken. Auch ohne zu treten, konnte ich die Geschwindigkeit halten. Eine unsichtbare Hand schob mich auf den letzten Kilometern meiner wöchentlichen Fahrt zurück in die Stadt.
Es war Brutzeit. Unterwegs hatte ich viele Vögel gesehen, die eifrig mit Strohhalmen und kleinen Zweigen beschäftigt gewesen waren. Haubentaucher, Enten, Teichhühner. Blesshühner bauten am liebsten treibende Nester. Auf dem Wasser wähnten sie sich sicher.
Was hatte die zwei Blesshühner dazu bewogen, hier an Land zu gehen? Nahrung?
Entlang des Radwegs standen Villen. In den letzten Jahren waren hier viele freistehende Einfamilienhäuser neu gebaut worden. Wer es sich leisten konnte, entfloh der städtischen Hektik und nahm sich eine Wohnstatt mit Blick auf das beruhigende Wasser der Rotte.
Noch etwa fünfzig Meter. Jetzt mussten die Vögel langsam mal in die Gänge kommen.
»Hopp, hopp!«, rief ich.
Das vordere Blesshuhn reagierte erschrocken. Das hintere trippelte zurück und sprang von der schmalen Böschung ins Wasser. Noch dreißig Meter.
Das andere Tier blieb auf dem Asphalt stehen. Blesshuhn, im Zustand des Zweifelns. An seinen Bewegungen sah ich, dass es eine Abschätzung der Lage vornahm: vor oder zurück?
Noch zwanzig Meter. Das Tier hob den rechten Fuß und setzte ihn dann wieder an derselben Stelle auf. Es tat nichts, sondern sah mich nur an.
»Weg!«, rief ich. Ein viel zu menschlicher Ausruf, der das Blesshuhn erstarren ließ. Ich bremste.
Im Fernsehen hatte ich mal eine Verkehrssendung gesehen, in der es um die Länge des Bremswegs gegangen war. Fahrer schätzten den Abstand oft falsch ein. Sie neigten dazu, ihren Bremsen überproportionale Kräfte anzudichten und ihre tatsächliche Geschwindigkeit zu unterschätzen. Wie vernichtend die Wirkung eines Zusammenstoßes sein kann, wird einem erst bewusst, wenn man den Unfall noch einmal in Zeitlupe sieht.
Mein Bremsweg war eindeutig zu lang. Mit lautem Quietschen scheuerten die Bremsbeläge an den Felgen, mein Hinterrad rutschte weg. Das Blesshuhn erschrak von dem Geräusch. Es machte sich kleiner, indem es die Krallen unter sein Gefieder steckte.
Ich musste dem Tier ausweichen. Nach links oder nach rechts?
Wo befand sich bei einem Blesshuhn die Knautschzone?
Das Tier zog den Kopf ein und schien abzuwarten. Mit seinen Kulleraugen schaute es mir entgegen. Noch ein Meter. Unerwartet machte das Blesshuhn einen Sprung. Es hatte sich für die Flucht entschieden. In die falsche Richtung.
Es war nicht mehr zu verhindern.
Mit hoher Geschwindigkeit prallte mein Vorderrad auf die Brust des Tieres. Ich verlor das Gleichgewicht und musste höllisch aufpassen, nicht zu stürzen. Schwarze Federn wirbelten durch die Luft. Flügel ratterten an meinen Speichen entlang. Mit Hüftbewegungen versuchte ich den Sturz aufzuhalten. Das Blesshuhn drehte sich im Vorderrad mit und wurde dann zwischen den Speichen und der Gabel eingequetscht. Das Vorderrad blockierte, der Vogel klemmte in der Gabel fest, das Hinterrad ging hoch. Ich ließ die Bremsen los. Unter meinen Pedalen plumpste das Blesshuhn auf den Asphalt.
Schwarz auf schwarz.
Im nächsten Augenblick rollte mein Hinterrad über das Tier hinweg. Ich hörte ein Knacken. Wie wenn man bei einem Brathähnchen an einer Keule dreht, bis der Knochen vom Fleisch abreißt.
Erst ein paar Meter weiter kam ich zum Stillstand, mitten auf dem Fahrradweg. Das Tier lag reglos da.
Tot?
Ein paar Daunen wirbelten noch um das Blesshuhn herum. Der Kopf des Tiers war seltsam abgeknickt. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich wendete das Rad und fuhr zurück. Das eine Kullerauge war halb geöffnet. Ich konnte kein Anzeichen von Leben darin erkennen, es blickte an mir vorbei. Wie das schwache Auge des Nachbarjungen aus meiner Kindheit, wenn er vor dem Schlafengehen von seiner Augenklappe erlöst wurde. Ein benommener, unscharfer Blick.
Langsam hob sich der linke Flügel vom Asphalt. Ein letztes Zucken? Die Federn standen wild in alle Richtungen ab. Der Wind fuhr hinein und blies sie auseinander. Dann sank der Flügel wieder zu Boden.
Ich schaute um mich. Musste man nach einer Kollision mit einem Wasservogel den Tierrettungsdienst rufen? Das Blesshuhn und ich befanden uns auf Höhe einer Villa mit einem frisch gedeckten Reetdach. Hinter den Fenstern war niemand zu sehen.
Vom Wasser schallte ein hervorgestoßener Kehllaut herüber. Das Geräusch kehrte alle paar Sekunden wieder. Hinter dem Schilf erschien das Blesshuhn-Weibchen. Unruhig schwamm es im Fluss hin und her.
Wann ist ein Vogel tot? Ich hatte schon Menschen sterben sehen. Wenn die Hautfarbe sich veränderte und die Totenstarre eintrat, wusste man, dass jetzt das Leben einen Körper verließ. Wie ein Geist die Flasche. Bei einem sterbenden Menschen war der Unterschied zwischen noch am Leben und schon tot klar zu erkennen. Bei einem Tier wusste ich nicht, worauf ich achten musste.
Gaben die Hirnzellen des Blesshuhns noch irgendwelche Reize an den verunstalteten Körper weiter, oder war das, was ich vor mir sah, nur noch ein zusammengeknüllter Packen von Knochen und Federn? Der eingedrückte Brustkasten des Tiers bewegte sich nicht mehr. Aber ich musste mich selbst davon überzeugen, dass das Tier tot war. Wankelmut wäre feige gewesen.
Mit der Spitze meines Fahrradschuhs stieß ich vorsichtig den Kopf des Blesshuhns an. Der Schnabel öffnete sich leicht.
Leben. Verdammt.
Ich umklammerte den Lenker und rollte das Rad über den Hals des Blesshuhns. Vor, zurück, vor, zurück. Zu meinem Schrecken fing der Flügel wieder zu schlagen an. Das letzte bisschen Leben? Sicherheitshalber drückte ich mit dem Reifen den Hals noch einmal platt. Wieder eine Bewegung des Flügels. Weniger hoch als davor, aber doch deutlich wahrnehmbar.
Vielleicht drückte ich dem Blesshuhn ja nur die Luft ab. Um es von seinem Leiden zu erlösen, musste ich das Gehirn zertrümmern. Ich hob mein Vorderrad an und rammte es dem Tier ein paar Mal auf den Kopf. Kleine Teile des weißen Hornschilds lagen jetzt auf dem Asphalt. Aus dem offenen Schnabel lief Blut. Das Auge war zerquetscht. Das Blesshuhn hatte kein Gesicht mehr. Totalschaden, hätte die Feststellung bei einem Auto gelautet. Das Tier konnte man abschreiben.
Adrenalin schoss durch meinen Körper. So musste sich ein Mörder fühlen, nachdem er seinem verstümmelten Opfer den Gnadenstoß verpasst hatte.
Jetzt war es tot, ja. Das Blesshuhn war tot. Da war ich sicher. Ganz sicher. Mir war speiübel.
Unwillkürlich war ich in die Rolle eines Verbrechers geraten. Was sollte ich mit der Leiche machen? Sollte ich ein weißes Taschentuch darüberlegen oder das tote Tier an den Beinen in die Böschung ziehen? Ich nahm meinen eigenen Körpergeruch wahr. Das war kein Schweiß vom Radfahren. Das war Angstschweiß.
Wieder sah ich mich um. Niemand. Nur das schneidende Gequäke des anderen Blesshuhns, das mich vom Wasser aus beobachtete.
Ich konnte den verwüsteten Kadaver wohl kaum so liegen lassen. Wenn ich das tote Blesshuhn in den Schilfgürtel des Flusses warf, würde es niemand merken.
Ich sah zu dem unruhig hin und her schwimmenden Weibchen. Es waren Tiere, keine Menschen. Aber trotzdem, mit einem toten Blesshuhn nach einem lebenden zu werfen, das konnte ich wirklich nicht bringen.
Vor dem Haus mit dem Reetdach war der Garten bis zum Fahrradweg umgegraben. Lose, nicht festgetretene Erde. Ich legte mein Rad am Rand des Wegs ab und hob das schlaffe Blesshuhn an den Beinen hoch. Der blutige Kopf baumelte über dem Asphalt.
Ich legte das Tier vorsichtig auf die umgepflügte Erde und fing schnell zu graben an. Es ging leicht. Ich musste nur ein paar Mal kräftig mit den Händen hineingreifen, dann hatte ich die gewünschte Tiefe erreicht. Ich legte das Blesshuhn in die Kuhle.
Friedlich lag es da, mit schlaff aus dem Gefieder hängenden Beinen und vorgeneigtem Kopf. Es erinnerte mich an einen alten Mann mit schwarzem Pullover, der in seinem Sessel vor dem Fernseher eingedöst ist.
Während ich die aufgeschüttete Erde auf den toten Tierkörper schaufelte, sah ich auf. In der Ferne waren zwei Rennradfahrer zu sehen. Sie kamen näher. Hastig plättete ich den Boden. Man konnte kaum erkennen, dass hier jemand gegraben hatte. Noch ein letztes Mal fuhr ich mit den Fingern durch die Erde.
Die beiden Radfahrer waren ziemlich schnell. Sie trugen Trikots von bekannten Radsport-Teams. Sky und Leopard.
Ich wischte mir die Finger an der Radhose ab und stellte mein Fahrrad in Fahrtrichtung. Pro forma fummelte ich ein bisschen an der Hinterradbremse herum. Zwischen den Schilfhalmen gab das Weibchen immer noch seine alarmierenden Kehllaute von sich. Damit konnte es jetzt aber auch langsam aufhören.
Hinter mir erklang eine Fahrradklingel. Derselbe helle Klang wie bei der Glocke im Restaurant, wenn der Koch sein fertiges Gericht unter eine rote Warmhaltelampe schiebt.
Die beiden Männer fuhren an mir vorbei. Der hintere Fahrer, der im Sky-Trikot, warf mir einen Blick zu. War er neugierig, was an meinem Rad kaputt war? Kurz begegneten sich unsere Blicke. Dann fuhr er in schnellem Tempo hinter dem Rücken seines Fahrradkumpels her.
Hatte er mich beim Graben gesehen?
Ich schaute zu der Stelle zurück, wo der Vogel unter der Erde lag. In meiner Jugend hätte ich mir mehr Mühe mit dem Grab gegeben und aus Stöcken und einem Gummiband noch ein Kreuz zusammengezimmert. Jetzt kam es mir mehr auf Anonymität an. Es war ein Unfall. Ein Unglück, Schicksal, bloßes Pech.
Das Blesshuhnweibchen trieb nun still auf dem Wasser. Es hatte aufgehört zu quäken, schaute mich aber immer noch an.
Der Fahrradweg lag einsam und verlassen da, die beiden Rennradfahrer waren außer Sichtweite. Als ich mich mit dem freien Fuß abstieß, wurde mein Blick von der Villa angezogen, vom Wohnzimmerfenster. Durch einen Spalt zwischen den Gardinen sah ich die Umrisse eines Gesichts und ein graues Haarbüschel. Spähte da eine Frau hinaus? Wie lange stand sie dort schon? Schnell wandte ich mich ab und trat kräftig in die Pedale. Ich wagte mich nicht mehr umzuschauen.
Es war um dieselbe Zeit herum, eine Woche später, etwa zwölf Uhr mittags. In den letzten Tagen war es wärmer geworden. Man konnte den Sommer schon riechen.
Ich fuhr den Fahrradweg an der Rotte entlang und schaute auf mein Vorderrad. Auf dem Gummiprofil des Reifens waren rote Flecken gewesen. Mit Scheuerschwamm und warmem Wasser hatte ich das Blut abgewischt. Nach ein paar Mal Wischen war es weg gewesen. Auch das letzte Beweismaterial hatte ich verschwinden lassen. Ich hatte den Schwamm in den Abfall geworfen und gleich noch den Müllsack gewechselt. Erst als der Müllmann am nächsten Tag den Sack in das gähnende Loch an der Hinterseite seines Wagens geworfen hatte, war ich sicher gewesen, dass alle Spuren getilgt waren.
Bei diesem schönen Wetter waren auch die Wasservögel wieder aktiv. Gerade tauchte ein Haubentaucher geschmeidig unter Wasser. Ich fuhr zu schnell, um zu sehen, wo er wieder hochkam. Kurz hinter der Zugbrücke lag ein Nest im Schilf. Ein Blesshuhn brütete darin, wachsam streckte es den Kopf hoch. Lagen da schon Eier unter den Federn?
In der Ferne tauchte das Reetdach der Villa auf. Um nicht wiedererkannt zu werden, hatte ich mein blaues Italien-Trikot gegen ein älteres von Acqua & Sapone eingetauscht. Ein knallrotes. Außerdem trug ich eine Sonnenbrille, obwohl der Himmel halb bewölkt war.
Noch eine Kurve, dann sah ich die Villa vor mir liegen.
Gegenwind. Ich schaltete einen Gang herunter und musste kräftig treten, um das Tempo zu halten. Noch knapp zweihundert Meter. Wie oft hatte ich diesen Teil meiner festen sonntäglichen Tour nicht schon gedankenlos abgefahren? Jetzt nahm ich alles ganz genau wahr: die Böschung, die Sträucher, die Breite des Flusses, die Laternenpfähle, den Schilfgürtel.
Neben der Villa parkte ein Geländewagen mit einem Anhänger. Noch dreißig Meter. Ich nahm die Beine hoch und verringerte mein Tempo. Auf der Heckklappe des Autos stand VAN WEELDEN TUINARCHITECTEN. Ein Gartenarchitekt. Ein Mann im Overall lehnte mit dem Rücken an der Seite des Wagens. Er telefonierte und trat dabei mit den Hacken seiner Stiefel gegen den Hinterreifen. Kleine Erdbrocken fielen zu Boden.
Ich schaute schräg zur Seite. Zu der Stelle. Zu dem Blesshuhngrab. Meine Augen suchten den Garten ab. Lose, dunkle Erde war nirgends mehr zu sehen. Und doch war ich sicher, dass es hier gewesen war. Jetzt erst sah ich es. Sie hatten Grassoden über die Erde gelegt. Man konnte noch sehen, wo zwischen den einzelnen Plaggen die Fugen verliefen.
Vor der Hauswand war ein Streifen Erde frei geblieben. Ein Junge in einem Overall saß dort auf den Knien. Neben ihm stand ein Holzkasten mit knallorangen Samtblumen. Er grub keine Löcher in die Erde.
Mitten auf dem frischen Rasen standen ein paar Gartenmöbel zusammen. Auf einem der Liegestühle saß eine Frau, die eine Zeitschrift las. Ich erkannte sie wieder. Hinter der Umschlagseite ragte ihr grauer Haarschopf hervor. Schnell trat ich wieder in die Pedale.
Am Rand des Rasens, vor dem Fahrradweg, standen zwei Glasschalen im Gras. Als ich daran vorbeifuhr, warf ich einen Blick hinein. Kleine Stücke Weißbrot. Ohne Rinde.
Dann war ich vorbei. Dem anhaltenden Gegenwind zum Trotz schaltete ich hoch. Links neben mir wiegte sich das Schilf. Im Fluss schwammen Blesshühner. Es waren mehr als je zuvor.
Aufkleber
Beobachtet fühlte ich mich ganz und gar nicht, hier in der Metropole. Ich beschloss, die Gardinen meines Hotelzimmers offen zu lassen. In den Lofts auf der anderen Straßenseite hatte ich niemanden am Fenster stehen sehen.
Ich wollte gerade meine schwarze Radhose anziehen, als es an der Zimmertür klopfte. Es war ein Uhr mittags. Die Zimmerreinigung konnte es nicht sein. Ich hatte gerade erst eingecheckt.
»One moment, please!«
Hastig zog ich die Hose hoch und die Träger über die Schultern. Dann öffnete ich die Tür.
Hinter einem kleinen Wagen mit Softdrinkdosen, Nüssen, Nougat und Schokolade stand eine etwas ältere Frau, die indischer Herkunft zu sein schien. Sie hatte einen kleinen roten Punkt auf der Stirn.
»Welcome to Hotel Thompson. You want ice?«, fragte sie, mit einem Lächeln, das ein bisschen forciert wirkte.
Sie tippte auf den Deckel eines weißen Eimers, der ganz oben auf dem kleinen Wagen stand. Ihre langen künstlichen Fingernägel waren golden lackiert.
Nein, ich brauchte kein Eis.
Bevor ich die Tür wieder schloss, drückte sie mir etwas kleines Quadratisches in die Hand, dazu ein Formular. Letzteres war offenbar die Bestellliste für das Frühstück. Irish oatmeal, home-made granola, smoked salmon, skimmed milk.
An den nächsten Morgen wollte ich jetzt noch nicht denken. Heute würde ich zum ersten Mal in meinem Leben in New York Fahrrad fahren. Vor ein paar Stunden war ich auf dem Flughafen JFK gelandet.
Das quadratische Etwas erwies sich als verpackter Brownie. Eine Gratis-Nascherei, mit der das Hotel seine Gäste willkommen hieß. Auf der Rückseite stand: BAKED JUST FOR YOU, MY PRETTY. Hersteller: Fat Witch Bakery.
Ich zog mein Trikot an. Das Gebäck steckte ich in die Rückentasche. Für den Fall, dass ich unterwegs einen Hungerast bekam.
Im Internet hatte ich gute Kommentare zu einem Fahrradverleih an der West Street gelesen, Downtown Manhattan. BICYCLES, stand in großen Lettern an der Fassade über dem Laden. Ich stieg aus dem Taxi und ging hinein.
In dem kleinen Ladenraum hingen hauptsächlich Helme und Schlösser an der Wand. An der Ladentheke standen drei Stadträder und zwei verchromte Roller. Ein junger Mann mit rasiertem Kopf kam auf mich zu. Er wischte sich an einem ausgefransten Putztuch die Hände ab.
»Vermietet ihr auch richtige Räder?«, fragte ich ihn.
»Was meinst du mit richtig?«
»Na, zu Hause fahre ich ein racebike.«
Er lachte. »Nein, wir haben hier nur hybrids.«
Citybikes. Sportliche Stadträder, die so tun, also wären sie Rennräder. Die Transsexuellen unter den Zweirädern.
Der junge Mann bedeutete mir, mit nach draußen zu kommen. An der Wand stand ein glänzendes Rennrad. Sie vermieteten also doch welche. Es war ein Bottecchia, wie man an den großen Buchstaben auf dem Unterrohr des Rahmens ablesen konnte, mit Carbonfelgen von Ambrosio.
Der Junge mit dem kahlen Kopf sah meinen begierigen Blick. »Sorry«, sagte er. »Das war jetzt blöd von mir. Das Rad gehört dem Jungen, der hier mitarbeitet, der steht auch auf italienische Rahmen. Ist leider nicht zu vermieten. Aber du kannst unser Citybike haben.«
Er trat hinter mich und öffnete eine in den Boden eingelassene Luke aus Stahl. Über eine stählerne Rampe kam er wenig später mit einem Rad aus dem Keller hinauf.
Ich nahm das Citybike in Augenschein. Ein Biria. Ich kannte die Marke nicht. Ein wuchtiges Modell, das dafür gebaut war, beim Fahren in der Stadt keinen Schaden zu nehmen. Dicke Rohre, breite Reifen, vorn und hinten Schutzbleche, zehn Gänge und ein gerader Lenker. Vor allem beim Sattel waren Hopfen und Malz verloren. Breit, beigefarben, mit einem Loch. Ein Damenfahrrad.
Ich schlug zwei Mal kurz mit der Hand auf den Sattel und fragte: »Habt ihr noch einen anderen?«
»No, one size fits all.«
Der junge Mann ging zur Ladentheke und reichte mir einen Briefbogen. Der Leihvertrag. Es stand ungefähr drin, dass ich das Fahrrad heil zurückbringen musste und dass der Laden keinerlei Verantwortung übernahm, falls ich mit einem Auto zusammenknallte. Während der junge Mann eine Kopie meines Führerscheins anfertigte, unterschrieb ich das Formular.
»Helm? Korb? Schloss?«, fragte er.
Einen Helm, auf einem geschlechtslosen Citybike? Einen Korb? Ich war doch kein Modenarr auf Schnäppchenjagd. Und ein Schloss? Überflüssig. Innerhalb von ein paar Stunden wollte ich einmal um Manhattan herumgefahren sein.
Hinter mir fragte ein Junge nach »free air«. Das war kein Problem. Er nahm den Schlauch von der Außenwand und pumpte seine Reifen auf.
Free air.
Für Luft bezahlen zu müssen – in New York hätte mich das nicht verwundert. Am JFK-Terminal hatte ich einen Sightseeing-Bus gesehen, mit einem Reklameschriftzug über die gesamte Breite: ENJOY YOUR 2-HOUR TOUR MORE: CLEAN AIR IN OUR BUS.
Ob das ging, die dreckige Luft von Manhattan filtern und sie dann sauber durch einen Bus hindurchpusten?
Der Ladenbesitzer pumpte meine Reifen auf.
»Prima, dann breche ich mal auf«, sagte ich.
Das Leihfahrrad neben mir her schiebend, überquerte ich die verkehrsreiche West Street, um auf die Fahrradspur zu kommen, die bike lane. Der zweispurige Weg war auf meiner Streckenkarte grün eingezeichnet, als Klasse 1. Besser ging nicht mehr. Der Weg verlief am Hudson River entlang, vom Süden Manhattans in den Norden.
Ich stieg auf das Citybike und fuhr die ersten paar Meter Probe. Fahrradfahren in NewYork. Aufregend! Ich tauchte ein in den Verkehrsstrom einer Metropole, die für hohe Geschwindigkeiten ausgelegt war. Sie war anscheinend ein Paradies für Taxis, die mit 80 Stundenkilometern über die breiten Avenues rasten, und für Metros, die wie Klapperschlangen durch die Schächte schossen.
Rechts von mir fuhren Autos in den südlichen Teil der Halbinsel, um so schnell wie möglich in den Holland Tunnel zu kommen.
Links plätscherte der Hudson in der Sonne. Ich konnte den Fluss riechen. Ein Salzgeruch, vermischt mit dem Gestank von Altöl und toten Fischen. Es roch vertraut, nach Hafen, nach dem Wasser der Maas in Rotterdam. Kurz bevor ich angekommen war, hatte das Wasser des Flusses noch gespenstisch laut gegen die Kaimauern Manhattans geschlagen. Der Orkan Irene hatte die Ostküste der Vereinigten Staaten tagelang in seinen Klauen gehalten. Doch während ganze Landstriche des Kontinents unter Wasser gestanden hatten, war New York glimpflich davongekommen.
Ich saß nicht wirklich gut auf dem Leihfahrrad. Der Sattel war unbequem und auch noch zu niedrig eingestellt. Die Innenseiten meiner Schenkel scheuerten am Kunststoff. Aber bei den vielen Radfahrern und Joggern konnte ich auch nicht einfach anhalten und absteigen. In einem großen Bogen fuhr ich um einen Mann herum, der kiloweise blubberndes Fett durch die Hitze schleppte, und brachte das Rad am äußersten Rand des Asphalts zum Stehen. Mit dem rechten Fuß stand ich schon auf dem Gras des Seitenstreifens. Schnell löste ich den Hebel unter dem Sattel und stellte ihn ein paar Zentimeter höher. Als ich wieder aufstieg, merkte ich sofort, dass ich jetzt mehr Druck auf die Pedale brachte. Es war stickig in New York. Ich war froh, dass ich mir schon im Hotel das Gesicht eingecremt hatte. »Faktor 30«, hatte in dem kleinen Kreis auf der Tube gestanden. Das musste reichen.
Rechts von mir eröffneten sich zwischen den Häuserblocks immer wieder prächtige Ausblicke auf die Stadt. 30th Street, 31th Street, 33th Street. Die Ampeln spielten mit, ich hatte drei Mal hintereinander grün. Auf Höhe der 34th Street sah ich den oberen Teil des Empire State Building. Ob wohl von den Kissing Towers aus, in 380 Metern Höhe, jemand mit dem Fernglas zu mir hinabschaute? Ein kleiner Mann auf einem Fahrrad, am Hudson River. Der es anscheinend eilig hatte.
Ein junger Mann mit nacktem Oberkörper radelte an mir vorbei, auf einem hippen Fixie: schmaler, gerader Lenker, hellgrau lackierter Rahmen, Räder mitHochprofilfelgen und beigefarbenen Reifen. Im Fahren tippte er mit seinen Daumen eine Nachricht in die Tastatur unter dem hochgeschobenen Slider seines Mobiltelefons. Als er an mir vorbeifuhr, sah ich, dass er ein Tattoo hatte, einen Adler. Das Bild des Vogels bedeckte seinen gesamten Rücken, die Federn der Flügel waren bis ins letzte Detail ausgearbeitet, in verschiedenen Farben. Kleine Schweißrinnsale liefen über den Vogel hinab.
Ich stellte den Schalthebel am Lenker auf 6 und fuhr hinter ihm her. Seine Geschwindigkeit schätzte ich auf etwa 30 Stundenkilometer.
Der junge Mann drehte sich zu mir um.
»Hi«, sagte er.
»Hi«, erwiderte ich.
Er fuhr immer noch freihändig.
»Wie lange schaffst du das, ohne Hände?«, fragte ich neugierig.
»Von der Canal Street bis zur 125th Street ist mein persönlicher Rekord.«
»Nicht schlecht.«
Seine Finger rasten über die Tasten. Er schrieb offenbar eine ziemlich lange Nachricht.
Zwischendurch drehte er sich kurz zu mir um.
»Wo fährst du hin?«
Auf der Karte hatte ich gesehen, dass dieser Fahrradweg am Hudson River entlang bis nach Inwood führte, zu einem der am weitesten im Norden gelegenen Viertel Manhattans.
»Nach Inwood und von dort wieder zurück nach Downtown Manhattan«, sagte ich, als wäre es die normalste Sache der Welt. »Und selbst?«
»Ich fahre immer von meiner Wohnung in Brooklyn zu meiner Arbeit in Harlem, jeden Tag. Wart mal kurz.«
Er tippte wieder etwas in seine Tastatur.
»Send. Äh … ich gebe geistig zurückgebliebenen Kindern in Harlem Schwimmunterricht.«
Im Hudson River lag ein Kriegsschiff vor Anker. Auf dem Deck stand eine Reihe von Düsenjägern, ältere Modelle, die ihr Maximum an Flugstunden hinter sich hatten.
Aus dem Telefon kam ein kurzer Schlagzeugsound. Der junge Mann warf einen Blick auf sein Display.
»Fuck. Ich muss hier rechts ab. See you!«
Er legte jetzt doch die Hände an den Lenker.
Also heute kein Rekord. Dann bremste er und bog rechts ab, Richtung 42th Street.
Ich befand mich auf Höhe von Midtown Manhattan. Auf dem Fahrradweg wurde es allmählich ruhiger. Ob die Geschäftsleute hier weniger Fahrrad fuhren als die kulturelle Elite aus SoHo?
Mein Sattel war jetzt doch ein bisschen zu hoch. Ich musste gleich noch mal kurz anhalten, um ihn herunterzustellen.
Rechts in der Stadt erkannte ich das rote M auf dem Dach eines hohen Gebäudes wieder. Das M von Milford, vom Milford Plaza auf der 45th Street. Als ich das erste Mal in New York gewesen war, 1980, hatte ich in diesem Hotel übernachtet. Die schiere Größe der Stadt hatte ich damals nicht fassen können: ein neuer Horizont, anderes Licht, andere Geräusche. Nach dem Einchecken war ich in den Fahrstuhl gestiegen und ins zwanzigste Stockwerk gefahren. Von meinem Zimmer aus hatte ich die gesamte 8th Avenue überblickt. Endlich, zum ersten Mal im Leben, in der Stadt meiner Träume. Ausgelassen hatte ich mich aufs Bett fallen lassen, kopfüber. Das Kopfkissen hatte meinen tiefen Urschrei erstickt.
Bei einer Bank am Ufer des Hudson hielt ich an. Während der Fahrt hatte mir der Wind den Kopf gekühlt. Jetzt lief mir schon wieder der Schweiß über die Schläfen. Ich stellte das Fahrrad an die Rückenlehne der Bank und setzte mich.
In der Ferne sah ich die Konturen der Washington Bridge: eine hohe Stahlbrücke, über die der dichte Autoverkehr von Manhattan nach New Jersey fließt. Dort musste ich hin.
Ruhe schien es in New York nicht zu geben. In meinem Rücken war ein unablässiges Getöse. Dröhnende Motorräder, brummende Laster, rumpelnde Uralt-Taxis. Und Sirenen. Die Hilfsdienste schienen hier vierundzwanzig Stunden täglich im Einsatz zu sein. Brände, Herzinfarkte, Schießereien.
Auf einem flachen Felsen am Ufer des Flusses sah ich einen Mann. Er stand reglos da, die Arme ausgestreckt, die Finger gespreizt. Langsam fing er an, sich um die eigene Achse zu drehen und mit den Armen zu schwingen. Tai Chi. An den absurdesten Orten standen in Manhattan Leute wie angenagelt in der Gegend herum und machten irgendwelche Meditationsübungen. Hier musste man sich seine Entspannung selbst organisieren.
Ein Stück weiter, an der nächsten Bank, lehnte ein Damenrad. Ein relativ kleines Modell, für Mädchen im Schulalter. Ein Mann mit mattschwarzer Hautfarbe saß auf der Bank. Er trug eine schlabbrige lange Trainingshose und hatte kaputte Crocs an den nackten Füßen. Zwischen den Fingern zwirbelte er seine Dreadlocks. Die unordentlichen Zöpfe standen in alle Richtungen ab.
Der Rahmen des Damenrads war komplett mit Aufklebern zugepflastert. Produktmarken, Sportclubs, Firmennamen, verschiedene andere Namen, die mir nichts sagten. Etliche waren kaputt oder lösten sich am Rand ab. Aufkleber mit Eselsohren. Als hätte jemand die Haut des Fahrrads aufgekratzt. Nur an einzelnen Stellen konnte man noch die ursprüngliche Farbe des Rahmens erkennen: rosa.
Ich nahm mein Mobiltelefon und tat so, als würde ich auf dem Display irgendetwas anschauen. Dabei richtete ich die Kamera auf das Fahrrad und den Mann. Wegen des Sonnenlichts konnte ich nicht richtig sehen, ob der Ausschnitt gut war. Ich drehte das Handy, damit ein Foto im Querformat herauskam. Als ich das Auslösersymbol auf dem Touchscreen berührte, erklang ein »Tschack«.
Der Mann hatte das Geräusch auch gehört.
»Hey man, was machst du da?«
Erwischt.
»I like your bike.«
Freundliche Annäherung und Schadensbegrenzung. Ich steckte das Telefon in die Rückentasche meines Trikots und ging zu dem Mann hinüber.
MY NAME IS, stand in Großbuchstaben als Vordruck auf seinem Shirt. In den weißen Kasten darunter hatte jemand mit zittriger Handschrift Trouble eingetragen.
»Aufkleber sind dafür da, auf Sachen draufgeklebt zu werden«, sagte der Mann, ohne mich anzusehen. Mit der einen Hand zwirbelte er weiter an seinem Zopf, die andere streckte er mir entgegen. »Hey, mister nice guy. My name is Trouble. And yours?«
Ich nannte meinen Namen, den er allerdings nur halb verstand.
»Woolf? Nice.«
Woolf. Na ja, warum auch nicht. Dann hieß ich heute eben Woolf.
»Welche Marke fährst du?«, fragte ich und zeigte auf sein Damenrad.
»Budweiser, Dodge, Delta, Sneakers, Tamoil, New York Post, Gillette, Diet Coke. Mein Rad hat Hunderte von Namen.«
Der Form des Stahlrahmens nach zu urteilen, war das Rad schon ein paar Jahre alt. Vom Vorbau führte ein Doppelrohr in einem Bogen zum Tretlager.
»Gestern saß in dem Baum dort ein Eichhörnchen«, sagte Trouble. »Ich hab’ da gesessen, wo du jetzt sitzt, und das Geräusch gehört. Es trippelte am Stamm hinunter und ging sich im Hudson River waschen. Manchmal wurde es von einer Welle komplett überspült. Ich mag Eichhörnchen.«
Trouble sah mich an. Er hatte zwei ungleiche Augen: Das eine blickte geradeaus, das andere schien zu schlafen, halb verdeckt von einem hängenden Lid.
»Du glaubst mir nicht, Woolf, stimmt’s?«, fragte er. »Brauchst du auch nicht.«
Er zwirbelte weiter an seinen Dreadlocks und ließ sich dann die Strähnen durch die Hände gleiten. »Heute müssen die gut sitzen. Von den ganzen Abgasen werden meine Haare so schnell dreckig. Dann kommt beim Waschen braunes Wasser heraus.«
Abrupt unterbrach er sein Herumgefrickel an den Haaren.
»Sammelst du auch Aufkleber?«, fragte er aus dem Nichts heraus.
»Nein, tut mir leid.«
Trouble stand auf, nahm sein Damenrad und stellte es vor mich hin.
»Da, schau.«
Er zeigte auf die Sattelstütze. Neben einem halb abgefallenen Sticker mit der amerikanischen Flagge befand sich ein sauberer, apfelförmiger Aufkleber in Silber.
»Schön, woher hast du den?«, fragte ich neugierig.
»Von dem Pförtner des Apple Stores in der Prince Street. Der dicke Jay. Ist mit mir in Melrose zur Schule gegangen. Kennst du Melrose? Liegt am anderen Ufer des East River.«
Aus der Tasche seiner ramponierten Trainingshose holte er eine braune Papiertüte. Er schüttete sich ein paar Erdnüsse in die Hand. Dann legte er sich eine nach der anderen auf den Daumen, dorthin, wo sich früher mal ein Nagel befunden hatte, und schnippte sie in hohem Bogen geschickt in seinen Mund.
»Willst du auch?«
Er schüttete auch mir welche in die Hand.
Ich versuchte, sein Nüsse-Schnipsen zu imitieren. Gleich der erste Versuch misslang. Die Erdnuss fiel unter die Bank.
»Was machst du denn?«, fragte Trouble. Seine Stimme klang enttäuscht, wie bei einem kleinen Kind, das seinen Willen nicht bekommt.
»Sorry, hat nicht geklappt«, antwortete ich.
»Dann freuen sich die Eichhörnchen«, sagte Trouble. »Ich gebe ihnen immer etwas zu fressen, sonst überleben sie nicht. Siehst du die Krähen dort? Die versuchen immer, die Erdnüsse wegzupicken. Diebisch sind die. Sollen sich bloß vorsehen. Ich reiß’ ihnen den Kopf ab und verkaufe das Fleisch an die Chinesen in der Canal Street.«
Ohne weitere Erläuterungen fing er mit dem anderen Daumen, bei dem der Nagel noch nicht fehlte, an einem Aufkleber zu kratzen an. An einigen Stellen klebten mehrere Schichten übereinander. Auf einem gelb fluoreszierenden Sticker stand eine Telefonnummer, in derselben Kritzelschrift wie der Name Trouble. Die Nummer fing mit 212 an, der New Yorker Vorwahl.
»Sag mal, Trouble …«
Zum ersten Mal nahm ich seinen Namen in den Mund. »Was ist denn das für eine Telefonnummer, wenn ich so neugierig sein darf?« Ich deutete auf eines der Rahmenrohre seines Rads.
»Ich kenne dich nicht, Woolf. Und du kennst mich nicht. So what?«
Er hatte recht. Ich kannte ihn nicht. Ich konnte bloß raten, wie er wohl drauf war.
»Mir gefällt halt dein Rad, mit den vielen Aufklebern«, sagte ich.
»Du meinst kein Wort von dem, was du sagst, Woolf.«
Trouble stand auf. Mit der einen Hand umklammerte er den Lenker seines Rads, mit der anderen versetzte er dem Sattel einen kräftigen Schlag.
Ich erschrak und setzte mich kerzengerade auf.
»Okay?«, fragte er.
Noch ein Schlag auf den Sattel.
»Verstanden?«
Mit wildem Blick sah er mich an.
»Woolf, hast du mich verstanden?«, wiederholte er.
Erst jetzt, da er mich mit weit aufgerissenen Augen ansah, konnte ich Troubles Alter schätzen. Etwa fünfunddreißig, vermutete ich. Vorher hätte ich eher auf vierzig getippt, wegen der Falten in seinem erschöpften Gesicht.
»All right, all right«, sagte ich, um ihn zu beruhigen.
Auf dem Radweg näherte sich ein Mann auf einem Klapprad mit kleinen Rädern. Die Pedale drehten sich viel zu schnell. Unter seinem Hemd mit dem Logo der Chicago Bulls war ein kleiner Bauch zu erkennen.
»Wrong club, mister!«, rief Trouble ihm nach.
Der Mann tat, als hätte er nichts gehört, und fuhr in gemächlichem Tempo weiter.
Ich richtete den Blick in die Ferne. Die Segelboote, die bei den hölzernen Wellenbrechern vor Anker lagen, schaukelten auf dem Hudson River vor sich hin.
»Wohin fährst du?« Trouble sah mich eindringlich an.
»Inwood.«
»Ich muss auch in die Richtung. Zum Geburtstag meiner Tochter.«
Ich nahm den Brownie aus der hinteren Tasche meines Trikots. Vorsichtig zog ich den BAKED JUST FOR YOU, MY PRETTY-Sticker von der Cellophanverpackung ab und reichte ihn Trouble.
Ohne die Werbebotschaft eines Blickes zu würdigen, klebte er ihn auf die Vorderlampe.
Ich riss die Verpackung auf und brach den Brownie in zwei Hälften. Schweigend aßen wir ihn auf.
»Fahren wir los?«, fragte Trouble.
»Moment«, sagte ich. Beidhändig drückte ich den Sattel etwa einen Zentimeter herunter und drehte den Hebel fest zu.
Trouble nahm sein Fahrrad und schob es zum Weg, wobei er unterschiedlich fest auftrat, als hätte er einen kleinen Stein im Schuh. Wie eine Frau setzte er sich auf den Sattel. »Let’s go.«
Die ersten Kilometer fuhren wir stumm nebeneinander her. Bis Inwood war es noch etwa eine Viertelstunde Fahrt, schätzte ich. Worauf hatte ich mich da eingelassen?
In mäßigem Tempo fuhr Trouble Richtung Norden. Der Radfahrer mit dem Chicago-Bulls-Shirt kam uns wieder entgegen.
»I said: wrong club!«, rief Trouble.
Der Mann mit dem Bulls-Shirt bremste und machte Anstalten abzusteigen.
Trouble verlangsamte sein Tempo. Anscheinend wollte er ebenfalls anhalten.
Ich fuhr dichter an ihn heran und zog ihn an der Jacke mit.
»Lass mal. New York ist eine Nummer zu groß für die Windy City.«
Trouble spuckte, aber es kam kein Tropfen zwischen seinen Lippen hervor. Er sah mich an und ließ sich von mir mitziehen. Sein rechtes Pedal schleifte bei jeder Umdrehung am Kettenschutz.
Der Mann mit dem Chicago-Bulls-Shirt blickte uns nach. Er hielt den Mittelfinger hoch. Zum Glück sah Trouble es nicht.
Ich ließ seine Jacke wieder los. Wir fuhren weiter. Troubles Gesicht sah angespannt aus.
»Ich brauche Geld von dir«, sagte er plötzlich, in vertraulichem Tonfall.
Um Zeit zu gewinnen, schwieg ich.
»Money, Woolf«, sagte er, mit der Betonung auf money.
Vor uns erstreckte sich endlos der Fahrradweg. Die Washington Bridge kam immer näher, aber der Wendepunkt war noch Kilometer weit entfernt. Ich musste zusehen, dass ich wieder in die bewohnte Welt zurückfand. Aber von hier aus ins bevölkerte Manhattan abzubiegen, kam nicht in Frage. Auf der West Street rechts von uns brausten acht Verkehrsspuren in zwei Richtungen dahin.
Mit bösem Blick murmelte Trouble etwas in sich hinein. Er griff in seine Tasche, holte eine Handvoll Erdnüsse heraus und stopfte sie sich in den Mund. Die Hälfte fiel auf den Boden.
»Du bist ein netter Kerl, Trouble. Aber Geld? Warum? Ich hab’ sowieso kaum welches dabei. Ein paar Zehner, von denen ich noch die Leihgebühr für das Rad bezahlen muss.«
Giftig packte Trouble mich am Arm. Ich wehrte ihn ab. Fast hätten unsere Lenker sich ineinander verkeilt.
»Fass mich nicht an«, sagte ich.
Erneut streckte er die Hand nach mir aus, doch diesmal hielt er mich sanfter fest.
»Meine Tochter ist heute dreizehn geworden. Ich will eine Kleinigkeit für sie kaufen.«
Auf dem Hauptbahnhof in Amsterdam hatte ich mal einem verwirrten Mann, der zu seinem plötzlich gestorbenen Vater fahren wollte, fünf Euro gegeben. Ich hatte ihm geglaubt. Eine Woche später hatte ich gesehen, wie er einen anderen Reisenden anbettelte.
»Du glaubst mir nicht, was?«, fragte Trouble.
»Stimmt«, sagte ich.
Wir näherten uns der Washington Bridge. Mir fiel auf, wie hoch diese stählerne Hängebrücke war. Der Wind trug den Verkehrslärm zu uns hinüber. Die Autos krochen langsam vorbei, in dichten Reihen.
Der Fahrradweg führte unter der Auffahrt zur Brücke hindurch. Zehn Meter über uns donnerte der Verkehr über die Stahlkonstruktion hinweg. Ein Höllenlärm.
Trouble spuckte Erdnusssplitter aus.
»Fuck it!«, rief er.
Er überholte mich und bremste ab. Mein Vorderrad kam an seinem hinteren Schutzblech zum Stehen. Trouble hatte einen Nerventick, den ich vorhin noch nicht bemerkt hatte: Er riss immer wieder kurz die Augen auf.
»Dein Telefon. Gib mir dein verficktes Telefon!«, sagte Trouble.
Ich sah mich um. Weit und breit niemand. Ich beschloss, mit ihm zu verhandeln.
»Okay, nimm mein Geld. Aber lass mich das Telefon behalten, ja?«
Trouble schmiss sein Rad um und kam auf mich zu. Ich blieb stehen, das Fahrrad zwischen den Beinen. Er packte mich am Trikot und brachte sein Gesicht ganz nahe an meines. Seine Haut erinnerte an abgenutztes schwarzes Schmirgelpapier.
Dann schloss er plötzlich die Augen. Er seufzte ein paar Mal, sackte etwas in sich zusammen und ließ von mir ab.
»Sorry«, hörte ich ihn murmeln. Und dann noch einmal, etwas leiser: »Sorry.«
Als er sich umdrehte, sah ich, dass das Weiß in seinen Augen rot angelaufen war. Mit einem Blick, der seine Verwundbarkeit verriet, sah er mich an.
»Würdest du dein Telefon nehmen und diese Nummer für mich anrufen, Woolf? Bitte!«
Trouble hob sein Fahrrad vom Boden auf und zeigte auf den fluoreszierenden Aufkleber auf dem oberen Rahmenrohr.
»Und dann? Wen kriege ich da an die Strippe?«
»Jetzt ruf schon an.«
Seine Hitzigkeit war verflogen. Ich würde es auf den Versuch ankommen lassen.
Ich nahm das Telefon aus meiner Rückentasche und gab die Nummer ein. Trouble stand mit offenem Mund dabei, starrte mich an. Wieder dieser Nerventick.
Am anderen Ende ging jemand dran. Im Hintergrund hörte ich laute Popmusik.
»Hier ist Tracy Stanford.«
Eine muntere Mädchenstimme und pubertäres Gelächter von anderen Mädchen im Hintergrund.
Trouble bedeutete mir, dass ich etwas sagen sollte. Ich wusste nicht, was.
»Äh, hier ist, äh … Woolf.«
Trouble kam ganz dicht an mich heran. »Sag ihr, dass ich auf dem Weg bin.«
»Ich soll von äh … Trouble ausrichten, …«
Trouble wedelte nervös mit den Händen. »Von Daddy, sag: von Daddy.«
»Äh, Daddy sagt, er ist auf dem Weg«, sagte ich.
»Mit deinem rosa Fahrrad«, flüsterte Trouble mir ein. Er drängte sich ganz dicht an mich, um die Reaktion des Gegenübers mitzubekommen.
»Mit deinem rosa Fahrrad«, wiederholte ich.
Am anderen Ende blieb es still. Ich hörte nur noch die Musik. Ein Hit von Alicia Keys. Das Gekicher der Mädchen im Hintergrund war verstummt.
»Hallo?«, fragte ich.
»Tell the motherfucker he ain’t daddy anymore.« Dann ein trockenes Klicken. Die Verbindung war beendet.
An Troubles Gesicht konnte ich ablesen, dass er die Botschaft verstanden hatte.
»Was hat sie gesagt?«
»Dass du nicht willkommen bist.«
Er schüttelte den Kopf und plättete mit den Händen seine Dreadlocks.
»Schon das vierte Jahr, dass ich nicht kommen darf.«
Ich steckte das Telefon wieder ein.
»Wo wohnt sie?«
»Sie wohnt irgendwo. Okay? Bei meiner Ex.«
Ich schaute nach oben, zur Unterseite der Brücke. Der Verkehr staute sich, die Autos auf der Spur nach Manhattan klebten mit den Stoßstangen aneinander.
Trouble schubste sein Rad mit einem kräftigen Stoß von sich weg.
»Was machst du denn?«, rief ich.
Das Rad schlingerte ein Stück den Fahrradweg entlang, schwenkte dann nach rechts und fiel scheppernd zu Boden. Trouble lief hinterher und trat mit dem Fuß ein Loch in den Kettenschutz.
Im Schritttempo fuhr ich zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Soll ich noch mal anrufen?«, fragte ich.
Er schob meine Hand weg und schüttelte den Kopf.
»Nein. Sie will einfach nicht. Shit. Tomorrow is another day.«
Er fing an, den fluoreszierenden Aufkleber abzukratzen, bis das Rosa des Rahmens sichtbar wurde. Die kleine Kugel aus Aufkleberresten legte er sich auf einen Knöchel am Handrücken und schnipste sie weg. Dann hob er das Rad auf.
»Ich fahre wieder zurück zu meiner Bank«, sagte er.
Ich holte mein Portemonnaie hervor und nahm einen Zehn-Dollar-Schein heraus. »Hier«, sagte ich.
Trouble nahm den Schein entgegen und küsste ihn.
»Danke schön, netter Mann.« Er wedelte mir mit dem Schein vor dem Gesicht herum und steckte ihn dann in seine Hosentasche. »Für neue Erdnüsse.«
In gemächlichem Tempo radelte er davon.
Ich setzte meinen Weg fort, unter der Brücke hindurch. Er führte zu einer weiteren, kleineren Fahrradbrücke, die die verkehrsreiche West Street überwölbte. So kam ich weiter bis nach Inwood. Dort angekommen, fuhr ich ein paar Häuserblocks geradeaus, bis ich den Broadway erreicht hatte. Ich bog rechts ab, es wurde Zeit, wieder Richtung Süden zu fahren. Die berühmte Avenue verlief von der Bronx bis ins tiefste Manhattan, wie die Lebenslinie in einer alten Hand.
Daran, schön in einem durchfahren zu können, war nicht mehr zu denken. Nach jeder Querstraße musste ich wieder schauen, ob ich die nächste Ampel schaffte. Langsam und ruckweise erreichte ich Harlem. Über die Lenox Avenue fuhr ich Richtung Central Park. Dabei kam ich an einem Krankenhaus vorbei. Vor dem Eingang saß eine schwarze Frau in einem Rollstuhl. Sie hatte einen blauen Atemschutz vor dem Mund, gegen die Abgase.
Gesunde frische Luft war ein knappes Gut, auch in Harlem.
Den Verkehrsschildern zufolge hatte ich den Times Square erreicht, meine Tour war zu Ende. Ich stieg ab und sah mich um. Gigantische Videobildschirme, auf denen Fotomodelle ihre fünf Meter breiten Münder spitzten, für einen Lippenstift, der wie eine Rakete auf die Lippen zugeschossen kam.
Ob Trouble schon wieder auf seiner Bank saß und auf den Hudson River schaute?
Die Dämmerung über dem Times Square wurde von der enormen Menge künstlichen Lichts, die hier in den Himmel flutete, absorbiert. Hier war helllichter Tag, selbst in der finstersten Nacht. War das der Grund, weshalb die Menschen hier zusammenkamen, um sich des Lichts und der Wärme zu vergewissern? Die Gesichter rundum wurden rot, violett, gelb, dann weiß, vom Widerschein der Videowände.
Die Decke auf meinem Hotelbett war zurückgeschlagen. Auf meinem Kissen lag ein in Cellophan verpackter Brownie. Dieses Mal war es ein heller. Auf der Rückseite stand: THIS BABY IS A NATURAL BLONDE.
Mit den Zähnen riss ich die Plastikhülle der kleinen Blonden auf und biss in ihre sanfte Taille. Ich schlang große Happen hinunter. Es krümelte. »Da freuen sich die Eichhörnchen«, hatte Trouble gesagt.
Ich zog mich aus und streckte meine müden Beine unter die Laken.
Der Fernseher war auf ein Programm voreingestellt, in dem zu sehen war, wie die Polizei von Manhattan bei jungen Kriminellen einbrach. Mit der Kamera im Kielsog rammten sie Türen auf. Sie legten den jungen Männern Handschellen an und schleppten sie zu einem bereitstehenden Bus. Die jungen Männer versprachen der Polizei, sich zu bessern. Schon ab morgen. Ich konnte sehen, dass sie logen.
Tomorrow is another day.
Krampf
Unter dem Tisch versuchte ich, meine Finger aus den neuen Fahrradhandschuhen herauszubekommen. Ich hatte sie im Internet bestellt und den Haken für die Größe bei Medium gesetzt. Drei Tage später hatte der Kurier das Päckchen bei mir zu Hause abgeliefert. Die weißen Handschuhe waren aus weichem Leder gefertigt, mit Aussparungen für die Knöchel. Sie saßen eng wie eine zweite Haut. Ich konnte sie kaum wieder abstreifen.
Ohne die Tasse hochzuheben, schlürfte ich am Milchschaum.
»Zu heiß?«, fragte die Bedienung.
»Nein, perfekt.«
Sie ging zum nächsten Tisch. Es war der erste warme Frühlingstag, eine Menge Leute tummelten sich auf der Caféterrasse in Noordwijk.
Endlich hatte ich die Handschuhe aus- und die Finger freibekommen, so dass ich sie durch den Henkel der Kaffeetasse stecken konnte. Ich nahm einen großen Schluck. Kein Tag ohne Kaffee. Ohne Kaffee war ich kein Mensch. Und schon gar kein Radfahrer.
Koffein. Zu viel davon ist für Radsportler allerdings verboten.
Der italienische Radrennfahrer Gianni Bugno war einmal positiv auf Koffein getestet worden. Wütend war er auf den Doping-Kontrolleur losgegangen: »Ich bin Italiener. Ihr wisst doch wohl, dass wir viel Espresso trinken, oder?« – »Aber keine tausend am Tag«, hatte der Kontrolleur erwidert, die getestete Urinprobe in der Hand.
Ich hatte Verständnis für Bugno gehabt. Koffein ist doch wohl kein Doping, oder? Kaffee gehört zur Standardversorgung eines jeden Radsportlers. Außerdem ist es gut für den Stuhlgang. Es ist genauso wichtig wie Pasta, Wasser, Powergels mit Eiweiß, isotonische Durstlöscher, Müsliriegel, Bananen und Reiswaffeln.
Ich löffelte den restlichen Schaum aus der Tasse und schaute zum Strand. Ein paar Surfer zogen sich Neoprenanzüge an. Einer von ihnen nahm die Unterseite seines Boards in Augenschein, bevor er das Ding in die Wellen warf.
Ich bezahlte meinen Kaffee.
»Wieder unterwegs nach Scheveningen heute?«, fragte die Bedienung.
»Genau.« Ich hielt den Finger in die Luft. »Rückenwind auf dem Hinweg, Gegenwind auf dem Rückweg.«
Auf der Küstenstraße parkten jede Menge Autos und Busse. Nach fünfzig Metern Slalom bog ich rechts auf den Fahrradweg ab. Dort fing meine Strecke durch die Dünen an. Ich schaltete, die Kette legte sich auf das große Kettenblatt. Kurz mussten meine Beine sich an den Widerstand gewöhnen. Ich ging aus dem Sattel und zog mich am Lenker in den Gang hinein.
Es war ein idealer Frühlingstag, um sich tief über den Lenker zu beugen und so schnell wie möglich zu fahren. Der Kilometerzähler lief immer weiter. Die Reifen summten über den alten Asphalt. Der Tacho blieb mehr oder weniger konstant bei etwa 45 Stundenkilometern. Ziemlich schnell für meine Verhältnisse. An manchen Stellen hatte der Wind feinen Dünensand auf den Weg geweht. Ich musste aufpassen, dass ich nicht ins Schlittern geriet.
Ich schnaubte erst das eine, dann das andere Nasenloch aus und sog die salzige Luft ein. Eine Wohltat, im Vergleich zu der dreckigen Stadtluft. Schätzungsweise war ich gerade bei 90 Prozent meiner Leistungsfähigkeit. Als Zeitfahrer befand ich mich im Wettstreit mit der Uhr.
Scheveningen hin und zurück kostete mich in der Regel anderthalb Stunden. Ich beugte mich weit vor und schaute geradeaus. Auf dem Weg war weit und breit niemand zu sehen. Ich spuckte Schleim aus. Perfekt. Meine Atemwege waren jetzt frei. Der Mensch als Maschine: mit Luftpumpe, Öl, einem Tank voll Benzin, einem Motor, Zahnrädern, Schrauben. Alles lief wie geschmiert. Mit dem Wind im Rücken sowieso.
Erst nach fünf Kilometern Fahrt der erste Gegenverkehr. Ein steif dahinwankender Mann mit Stöcken. Nordic Walking. Welcher Idiot hatte diese Freizeitbeschäftigung für Senioren bloß in die Niederlande importiert?
Der Mann schien Angst zu haben, dass ich ihn anfahren würde. Er schüttelte den Kopf.
»Na na na!«, hörte ich ihn rufen, als ich an ihm vorbeiraste.
»Fahrradweg!«, rief ich zurück.
Es folgte ein leicht abfallender Streckenabschnitt. Als der Asphalt vorübergehend etwas rauer wurde, summte mein Vorderrad ein wenig lauter. Der Weg raste unter mir dahin. Ich brauchte immer noch nicht herunterzuschalten. Solange ich Rückenwind hatte, konnte ich mit Souplesse fahren. Erst später würde eine ordentliche Steigung kommen, eine Düne hinauf.
Ich schaute in den Himmel und sah, dass ich von einem Lachmöwenpaar begleitet wurde. Sie brauchten sich weniger anzustrengen als ich. Sie breiteten bloß die Flügel aus und ließen den Wind das Weitere erledigen. Erwarteten sie, dass ich ihnen Brotkrusten zuwarf, verwöhnt wie sie wahrscheinlich waren, von den vielen Essensresten, die die Badegäste zurückließen?
Die Möwen kamen so nahe, dass ich sehen konnte, wie sie ihre schwarzen Köpfe bewegten. Enttäuscht, dass ich nichts bei mir hatte, drehten sie schließlich ab und schlugen mit den Flügeln kräftig gegen den Wind an. Diesen Gegenwind würde ich auch noch zu spüren bekommen, wenn ich später bei dem Wasserturm in den Scheveninger Dünen umkehrte. Es gab nichts Schöneres, als mit dem Wind im Rücken durch die Dünen zu brettern. Kurz hörte ich auf zu treten und schüttelte die Beine aus.
Neben mir schob sich ein Schatten in mein Blickfeld. Ich erkannte den Umriss eines Helms. Nicht umschauen. Wie lange fuhr der andere schon hinter mir? Ich blieb tief über den Lenker gebeugt und behielt das schnelle Tempo bei. Wann würde er mich überholen? Oder wartete er auf ein Zeichen, um die Spitze zu übernehmen? Ein richtiger Radrennfahrer würde kurz den Ellbogen nach außen bewegen. Wasserträger beherrschten das gut, vor allem wenn sie lange in hohem Tempo an der Spitze gefahren waren, vor dem Sprinter ihres Teams.
Wenn er weiter hinter mir blieb, konnte ich davon ausgehen, dass er froh war, bei meinem Tempo mithalten zu können. Ich blickte noch einmal auf den Schatten neben mir. Dessen Form verriet, dass der Fahrer eine aerodynamische Haltung eingenommen hatte. Profis machten mittlerweile Tests im Windkanal, um die ideale Sitzposition zu finden. In einem geschlossenen Raum wird ihnen gefärbte Luft entgegengeblasen, während sie pedalieren. Alles wird gefilmt. Dann können die Fahrer hinterher sehen, wo genau ihr Körper zu viel Widerstand geboten hat. Vielleicht mussten sie die Arme doch etwas tiefer unter den Brustkasten halten oder den Kopf etwas mehr zwischen die Schultern ziehen. Die Herangehensweise an den Radrennsport wurde immer wissenschaftlicher. Mir war schon klar, warum. Beim Zeitfahren kam es am Ende auf Zehntelsekunden an. Aber ich hielt doch mehr von der alten Schule: treten, Schmerz spüren, durchhalten.
Da kam schon die scharfe Kurve. Ich kannte diese Dünen-Strecke auswendig. Wie oft war ich hier nicht schon langgefahren? Es war die ideale Strecke, um im Frühjahr die Kraft in den Beinen aufzubauen. Nach dieser Kurve würde eine hohe Düne kommen. Ich griff mit den Händen schon mal am Lenker um, um den kleinen Anstieg besser hochtreten zu können.
Ich fuhr immer noch ein ordentliches Tempo. Trotzdem musste ich nach den ersten paar Metern einen Gang herunterschalten. Meine Geschwindigkeit fiel auf 30 Stundenkilometer. Der Schatten meines Hintermanns befand sich immer noch im selben Abstand, stellte ich fest. Ob er bis zum Dünenkamm hinter mir bleiben würde?
Ein Hinterradlutscher. Ich hasste diese Typen.
Nein, da kam er. Aus dem Augenwinkel sah ich links von mir ein Vorderrad auftauchen, erst nur als Schatten, dann das Rad selbst. Mein Hintermann wollte die Führung übernehmen. Nach dem Vorderrad rückte nun der Rahmen ins Sichtfeld. Ich schaute zur Seite. SPECIALIZED, stand auf dem roten Unterrohr. Gute Marke.
Ein junger Typ fuhr in schnellem Tempo an mir vorbei. Ich musste mich gehörig anstrengen, um nicht sofort abgehängt zu werden. Mit ein paar kräftigen Tritten in die Pedale konnte ich mich gerade noch an sein Hinterrad heften. Ich sah lange gebräunte Beine, weiße Socken, weiße Schuhe. WIELERCLUB KATWIJK, stand auf seinem Rücken, der Name seines Radsportclubs. Aus den Ärmeln ragten jugendliche Oberarme mit flaumiger Behaarung. Sein Rücken war oben breit, endete jedoch in einer Wespentaille. Wie alt mochte dieser Rennradfahrer sein? Wenn ich das wissen wollte, musste ich noch einmal an ihm vorbeifahren und ihm ins Gesicht sehen. Es waren schätzungsweise noch fünfzig Meter bis zum höchsten Punkt der Düne. Nein, ich musste hinter ihm bleiben. Hier zu überholen, wäre so etwas wie sportlicher Selbstmord.
Als der Junge kurz vor dem Dünenkamm aus dem Sattel ging, konnte ich seinen schmalen Hintern sehen. Die meiste Kraft schien aus seinen Oberschenkeln zu kommen, sie bewegten sich wie Hebel auf und ab. Ich biss die Zähne zusammen und versuchte, das Tempo zu halten, das er vorgab. Mein Atem ging schnell, zu schnell, aber ich musste mithalten! Von der anfänglichen Souplesse war nicht mehr viel übrig, ich kämpfte mich auf dem Rad ab. Mein Vorderrad hatte jetzt zwanzig Zentimeter Abstand zu seinem Hinterrad. Dreißig Zentimeter. Nicht aufgeben. Ich schaltete in einen leichteren Gang, um mit höherer Kadenz treten zu können. Es half nicht. Inzwischen lag schon ein ganzer Meter Abstand zwischen uns. Zwei Meter. Drei.
Ich musste ihn ziehen lassen.
Oben auf dem Dünenkamm schnappte ich nach Luft. Meine Beine fühlten sich geschwollen an. Der Junge war im Freilauf in die Abfahrt gegangen und hatte bereits ein gutes Stück Vorsprung gewonnen. Dieses Mal hatte ich keine Zeit für den grandiosen Ausblick über die Dünenlandschaft. Ich musste mich ranhalten, um das Hinterrad meines Vordermanns wieder einzuholen. Erst auf den letzten Metern der Abfahrt schaffte ich es, mich wieder an seine Fersen zu heften. Ich atmete in kurzen Zügen. Dabei war ein Pfeifen zu hören wie bei einem Motor mit undichten Kolben.
Der Junge hatte sich noch kein einziges Mal nach mir umgeschaut.
Ich blickte auf meinen Schatten. Mein langgezogener Kopf reiste unter seinen Pedalen mit. Vermutlich hatte er mitbekommen, dass ich wieder hinter ihm fuhr.
Es folgte ein Stück ebener Strecke. Der richtige Moment, um in einen schwereren Gang zu schalten.
Los jetzt, spornte ich mich selbst an.
Ich lenkte nach links und fuhr damit voll in den Wind hinein. Der Junge schaute auf seine Pedale. Anscheinend sah er, dass mein Schatten sich nach vorn schob – für ihn das Zeichen, sein Tempo abermals zu steigern. Seine glatten Waden spannten sich an. Ich schaltete noch einen Gang höher und beugte mich noch tiefer über den Lenker. Vergeblich. Mit leichtem Tritt fuhr der Junge wieder voraus.
Nach wenigen Sekunden betrug der Abstand zwischen uns wieder zwanzig, dann dreißig Meter. Ein Gefühl von Ohnmacht. Ich hasste das. Ein Kaninchen mit kahlen Stellen im Fell flitzte über den Weg und dann im Zickzack in die Dünen.
Ich versuchte, weiter schnell zu fahren. Der Junge nahm unterdessen die Beine hoch. Nur mit Mühe konnte ich wieder zu ihm aufschließen. Er schaute sich nicht um, und er gönnte mir auch keine Sekunde Ruhe. Sobald er merkte, dass mein Vorderrad sich wieder seinem Hinterrad näherte, steigerte er erneut das Tempo. Ich verfluchte meinen Schatten. Den Verräter.
Dieser Rotzbengel machte mich zu seinem Spielzeug. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Als er einen Schluck aus seiner Trinkflasche nahm, erkannte ich meine Chance. Mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, kämpfte ich mich aus seinem Windschatten heraus. Noch ein paar Pedaltritte, und ich würde sehen können, wie alt er war.
Der Junge steckte seine Trinkflasche zurück in den Halter. Meine Schultern hoben und senkten sich. Zentimeter für Zentimeter kroch ich näher. Noch ein paar kräftige Tritte in die Pedale.
Endlich fuhr ich neben ihm. Der Junge sah zur Seite, mit einem seidigen Lächeln. Das Gesicht eines Minderjährigen. Blaue Augen, volle Lippen und rötliche Wangen.
»Hallo«, sagte ich.
Er nickte mir zu.
»Scheveningen?«, fragte ich keuchend.
»Ja. Hin und zurück. Ist ein gutes Training. Fahren Sie auch in die Richtung?« Wegen seiner Zahnspange hatte er eine feuchte Aussprache.
Ich nickte und spuckte zugleich Schleim aus. »Schnell«, keuchte ich väterlich. »Du.«
»Sie aber auch.«
Sie. Höflich war er ja.
»Wie alt … bist du?«
»Fünfzehn.«
»Echt?«
»Ja. Ich werde immer älter geschätzt. Ich bin ziemlich groß und schwer für mein Alter. Da kann ruhig noch ein Kilo runter.«
Seine Beine schienen von einem computergesteuerten Motor angetrieben zu werden. Er fuhr in einem rasenden Tempo. Ich schaute auf meinen Tacho: 51 Stundenkilometer. So schnell war ich noch nie gegen die Uhr gefahren.
»Schon viel gefahren?«, fragte ich.
»Ich fahre so um die zwanzigtausend Kilometer im Jahr.«
Ich dachte an die armseligen dreitausend, die ich Ende letzten Jahres auf meinem Kilometerzähler gehabt hatte.
»Ich bin Vereinsmeister bei den Anfängern.«
»Super.«
Es kam wieder eine hohe Düne in Sicht. Wortlos deutete ich mit dem Finger darauf.
»Fahren Sie mal vor«, sagte der Junge.
Ich ging aus dem Sattel und fuhr an ihm vorbei. Durch das Gespräch war ich jetzt noch mehr außer Atem. Hinsetzen. Atem regulieren. Durch die Nase ein-, durch den Mund ausatmen. Es funktionierte nicht. Mir blieb die Luft weg.
Die ersten Meter die Düne hinauf kämpfte ich noch dagegen an, dass mein Tempo nachließ. Warum sollte ich aufgeben? Weil er jünger war? Das Alter war auch nicht alles. Der deutsche Radprofi Jens Voigt fuhr noch mit vierzig Jahren fanatisch in Spitzengruppen. Sein Körper war noch makellos. Und er hatte sechs Kinder. Womit das Gerücht, dass man von zu viel Radfahren impotent wird, eindeutig widerlegt war. Mein Atem ging immer noch schnell und unregelmäßig. Egal. Die Warnsignale des eigenen Körpers gelegentlich zu überhören, machte die Sache erst spannend. Ich gehörte schließlich nicht zu der Generation von Fahrern, die immer mit einem Pulsmesser unterwegs waren und in Panik gerieten, wenn der in den »roten Bereich« kam.
Im roten Bereich fängt der Kampf erst richtig an. Im roten Bereich trennt sich die Spreu vom Weizen. Das Herz eines Sportlers hat, wer im roten Bereich durchhält.
Links, rechts. Nichts zu sehen. Der Schatten des Jungen war weg. Ich schaute zurück. Er fuhr zwanzig Meter hinter mir, die Hände am Oberlenker. Ging ihm jetzt wohl die Puste aus? Hab’ ich doch gleich gesagt: Das Alter, die Anzahl der Trainingskilometer, all das sagte am Ende nichts darüber aus, wer stärker war. Bei Radrennen kam es immer auf die Kampfeslust an.
Noch hundert Meter, dann hätte ich den höchsten Punkt der Düne erreicht, als Erster. Ich würde mich im Sattel aufrichten, mein Trikot glattziehen und mit den Händen dem Strandhafer zuwinken, als wären die Halme tausend jubelnde Fans.
Hinter mir hörte ich das Rauschen von Reifen auf dem Asphalt. Bevor ich mich danach umsehen konnte, sauste der Junge schon an mir vorbei. Im Stehen fahrend, bewegte er mit kräftigen Tritten einen großen Gang. Mit jeder Pedalumdrehung ließ er mich ein Stück weiter zurück.
Auch ich ging aus dem Sattel. Ein, zwei, drei, vier kräftige Pedaltritte. Es sah aus, als würde der Junge seinen Vorsprung nicht weiter vergrößern. Durchhalten. Wieder hörte ich das Pfeifen in meinen Lungen. Ich kam etwas näher.
Ein stechender Schmerz in meiner rechten Wade. Als würde der Muskel unsanft von innen weggesogen. Fluchend sank ich in den Sattel zurück und hielt die Pedale kurz still. Der Junge wiegte sein Rad in entspanntem Rhythmus hin und her. Er hatte jetzt mehrere Meter Vorsprung.
Ich ging wieder aus dem Sattel.
Gleich nach dem ersten kräftigen Tritt spürte ich erneut einen Stich. Während ich links kräftig durchtrat, um in Fahrt zu bleiben, drehte ich den rechten Fuß aus dem Pedal. Um den Krampf loszuwerden, setzte ich mich wieder in den Sattel.
Ferse runter, Zehen hoch. Es half wenig. Mein Rad schwenkte nach links.
Es war nichts mehr zu retten. Ich löste den anderen Fuß aus dem Pedal, bremste und kam im Dünensand zum Stehen.
Während ich mit dem Daumen kräftig auf die Wölbung in meiner Wade drückte, schaute ich nach vorn. Der Junge hatte den Dünenkamm natürlich schon erreicht. Er setzte sich wieder in den Sattel und verschwand außer Sicht.
Der Egoist.
Keuchend über den Lenker gebeugt, kam ich langsam wieder zu Atem. Ich war zu erschöpft, um nach meiner Trinkflasche zu greifen, und humpelte ein Stück weiter in die Böschung hinein. Niedergeschlagen starrte ich vor mich hin. In einiger Entfernung schlenderten zwei Frauen in kurzen Hosen durch die Dünen. Beobachtete die eine mich mit ihrem Fernglas? Schnell drückte ich den Rücken durch. Die andere Frau streckte den Finger aus. Aber sie zeigte nicht auf mich, sondern auf die Düne hinter mir. Ich drehte mich um. Mit schnellen Flügelschlägen lief ein Fasan durchs Gras und verschanzte sich schließlich hinter ein paar dichten Sträuchern.
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