Kitabı oku: «Die ihre Seele töten», sayfa 7
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Das Jahr 1629 fängt ja gut an. Auf der anderen Seite ist es ein Vorteil, dass wir jetzt, Anfang März, die erste Gildeversammlung des Jahres haben. Da braucht es wenigstens keine außerordentliche. Die Nachricht, die ich da überbringen muss, ist allerdings alles andere als gut. Ach was, ich pfeif auf die Nachricht, um die prächtige Büchse ist es schade. Die ganze Arbeit, die drin steckt. Hmmh, ich werde wohl eine neue machen müssen, brummte Heinrich Schlachmann vor sich hin. Die Gilde will ja nun mal dem Herzog eine Büchse schenken. Naja, ist schon richtig. Vielleicht ermuntert das ja den Herzog und seine Sippe, mehr Aufträge zu erteilen.
Heinrich hatte keinen Blick für die Martinikirche, auch dem Rathaus der Altstadt schenkte er keine Aufmerksamkeit. Allein der Marienbrunnen kam ihm kurz in den Blick. Er war immer noch mit verharschtem Schnee bedeckt.
„Verdammter Winter“, murmelte Heinrich und betrat das altehrwürdige Gewandhaus durch die üppig gearbeitete schmiedeeiserne Tür am Ostgiebel und ging die paar Stufen hinab in das dort untergebrachte Wirtshaus.
Gleich dahinter hatte die Schmiedegilde, zu der auch die Büchsenschmiede gehörten, ihren Versammlungsraum. Eigentlich diente das Gewandhaus den Tuchhändlern als Lagerhaus. Auch einige Verkaufsläden waren an der Längsseite des Gebäudes untergebracht. Der Ostgiebel war vor ungefähr vier Jahrzehnten von einem gewissen Baumeister Lampe mit einer Schaufassade versehen worden, ganz im Renaissancestil.
All das war Heinrich im Moment völlig egal. Und doch fiel sein Blick zuerst auf die Löwen-Aquamanile der Braunschweiger Schmiedegilde, als er den Raum betrat. Ein aus Bronze gegossener, stilisierter Löwe, der immerhin schon mindestens sechzig Jahre alt war. Ein Gießlöwe, früher sogar mal ein Gebrauchsgerät.
„Auch unsere Altvorderen haben schon meisterliche Stücke hergestellt, nicht wahr, Meister Brennecke?“, begrüßte er ein Gildemitglied. Nicht wissend, was Heinrich gemeint hatte, nickte der und ermahnte die Umstehenden, sich zu setzen. Man wollte anfangen.
Heinrich als amtierender Gildemeister eröffnete also die Versammlung. Natürlich stand so allerlei auf der Tagesordnung. Man würde das vergangene Jahr besprechen, über die schleppenden Geschäfte reden, obwohl es eigentlich ganz gut ging und zum Schluss würde man die politische Lage erörtern und einige Humpen Mumme zu sich nehmen.
„Meister der angesehenen Gilde der Schmiede und Büchsenmacher“, eröffnete Heinrich nach vorgeschriebenem Ritual die Versammlung. „Ich muss heute einen Tagungsordnungspunkt hinzufügen. Ach was“, unterbrach Heinrich sich selbst.
„Es ist etwas Vermaledeites passiert. Die Herzogsbüchse ist gestohlen worden. Zwei Tage nach unserem Schlachttag habe ich es bemerkt. Dazu noch ein wichtiges Buch unserer Familie, aber das lassen wir hier mal beiseite.“
Augenblicklich war es still im Raum. Zwölf Grobschmiede und Büchsenschmiede waren anwesend. Nicht eben viele, aber das Wetter war sicher mit ein Grund dafür.
Meister Brennecke fing sich als Erster. „Wie kann das passieren? Wir wollten damit unser Geschäft ankurbeln. Der Herzog hätte sich wahrscheinlich nicht lumpen lassen!“
„Ich baue natürlich eine neue Büchse auf meine Kosten“, schnippte Heinrich sofort zurück. Gute Laune hatte er heute nicht gerade. Als Gildemeister, auch der große Meister genannt, genoss er allerdings einen besonderen Respekt.
„Das dauert. Und die Aufträge laufen schleppend zurzeit, Heinrich.“ Meister Wagner sagte das ruhig und freundlich.
„Du hast noch nicht gesagt, wie das passieren konnte“, warf Brennecke, wegen der schnippischen Art Heinrichs leicht angesäuert, dazwischen. „Die Büchse war doch sicher irgendwo verschlossen und sicher aufbewahrt, oder? Und wie kann ein Fremder überhaupt da rankommen?“
„Na gut!“ Heinrich stand auf. „Die Büchse war offenbar nicht sicher in meiner Werkstatt. Ich hatte sie in einer Truhe, die aber nicht verschlossen war. Bisher ist so etwas in meinem Hause nicht vorgekommen.“
„Die Büchse ist weg und damit basta“, mischte sich ein weiterer Meister ein.
Zustimmendes Gemurmel folgte. Sollte wohl heißen: Klar, Heinrich hat einen Fehler gemacht, aber mal ehrlich, wer schloss schon etwas in seinem Hause weg. Unser Gildemeister hat sich immer in den Belangen der Gilde als umsichtig erwiesen.
„Danke, Männer.“ Um deine Frage zu beantworten, sagte Heinrich jetzt deutlich ruhiger. „Möglicherweise war es kein Fremder, aber ich muss vorsichtig mit solchen Äußerungen sein, denn beweisen kann ich nichts. Otto, mein Geselle ist seit dem Schlachtfest verschwunden. Ich habe ihn rausgeschmissen. Warum, tut hier nichts zur Sache. Das ist allein meine Angelegenheit. Ich bitte euch also, diesen Umstand für euch zu behalten.“
Das Thema war erst einmal besprochen. Die Braunschweiger Mentalität ließ es nicht zu, alles ellenlang und immer wieder durchzukauen.
Dass der Graf angeblich das Signum der Gilde benutzen soll, hatte der Gildemeister bewusst nicht angesprochen. Diese Angelegenheit musste sehr sorgfältig angegangen werden. Zunächst wollte er mit Camann darüber sprechen.
Man traf sich nach Ende der Versammlung noch in der Schenke, um den einen oder anderen Humpen Mumme zu genießen. Jetzt erst kam man dazu, die politische Lage noch ein wenig zu erörtern.
Um Braunschweig herum war es ruhig. Magdeburg wurde allerdings immer noch belagert. Tilly zögerte wohl. Man munkelte, dass der schwedische König Gustav II. Adolf von Schweden mit dreizehntausend Mann an der pommerschen Küste an Land gehen wolle, um zugunsten der Protestanten in den Krieg einzugreifen. Andere sagten, wenn er erst mal gelandet sei, würde er da oben im Norden kaum auf Widerstand stoßen. Die Verlierer würden sich ihm anschließen und seine Armee würde wachsen.
So sollte es auch gekommen. Es war damals üblich, dass Söldner die Seiten wechselten, wenn der Sold stimmte. Andere wurden einfach der schwedischen Streitmacht einverleibt. Gustav II. Adolf landete 1630, stieß kaum auf Gegenwehr, sodass seine Truppe auf ungefähr vierzigtausend Mann anwuchs.
„Na, dann werden wir wohl bald wieder von gut katholisch auf protestantisch gesetzt“, lachte Heinrich und begann sich zu verabschieden. Fröhlich war ihm eigentlich nicht zumute. Der Krieg rückt unweigerlich näher, musste er sich eingestehen. Sarah spürt das.
13
Warum soll der Zeugherr Boiling darin verwickelt sein? Michael hatte Camann aufgesucht und seinen Vater dort vorgefunden. Die beiden waren tief im Thema „Kämmerer“ versunken, wegen seiner Äußerungen am Stammtisch. Und es ging wohl auch um den Grafen.
„Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit, sagt der Volksmund.“ Michael war sofort mit einbezogen worden. Camann hatte nicht einmal gefragt, was ihn zu ihm führte. So beschäftigte ihn das Thema.
„Und dann Otto. Ich könnte schwören, an dem Abend unseren Gesellen gesehen zu haben. Aber es war natürlich ein saumäßiges Wetter.“ Heinrich richtete sich in dem gemütlichen, lederbezogenen Stuhl auf.
„Es war Otto.“ Michael ließ keinen Zweifel daran.
Camann fuhr etwas nachdenklich fort. „Mehr noch finde ich bedenkenswert, dass der Graf, der Zeugherr und der Kämmerer auf dem Altstadtmarkt ein Schwätzchen halten. Was, um alles in der Welt, haben die zu besprechen? Da kommen doch nicht Menschen aus drei Ständen zusammen und reden über das Wetter und sei es noch so saumäßig.“
Heinrich ließ sich genüsslich zurückfallen und machte es sich bequem. Michael folgte seinem Beispiel. Beide wussten, jetzt kommt eine längere Ausführung, so wie es nun mal Camanns Art war.
„Nun, man nennt zwar Braunschweig auch ‚das Zeughaus der Hanse‛. Nichtsdestotrotz ist der Zeugherr das schwächste Glied dieses Triumvirats. Dennoch, er ist Herr über das ehemalige Franziskanerkloster, das man seit den Siebzigern des letzten Jahrhunderts immer mehr zum Zeughaus entwickelt hat. Was wohl die Mönche sagen würden, die hier mal gelebt haben, wenn sie wüssten, dass ihr zu Ehren Gottes erbaute Kloster nun eine Rüstkammer ist?“
Wo will er mit seinen Ausführungen hin? Aber man musste ihn gewähren lassen. Zwar hatte Onkel Camann eine ziemlich umständliche Art, wie sie ja bei Gelehrten nicht unüblich ist, aber man konnte in der Regel etwas lernen, dachte Michael.
„Das Braunschweiger Zeughaus ist berühmt für seine großen Bestände an Geschützen aller Kaliber mit Steinkugeln und auch mit gegossener Munition. Hauptsächlich enthält es aber Handwaffen und Harnische. Veraltete Stücke werden ständig abgestoßen und neue beschafft. Der Zeugherr hat die letzte Verantwortung für das Amt.
Dennoch. Dieser Herr Boiling hat es nicht leicht, wie man hört. Ständig hat er mit der Unzuverlässigkeit und Faulheit seiner Leute zu kämpfen, zum Beispiel mit den Zeugwarten, die zum Waffenreinigen und -einfetten gebraucht werden. Für wichtiger aber halte ich das permanent schlechte Verhältnis zum ‚Engen Rate’. Der ist ihm vorgesetzt und nicht gut auf den Zeugherrn zu sprechen, weil der ständig Geldforderungen an den Rat hat. Andererseits will die Aufgabe auch niemand übernehmen, sie wird ziemlich schlecht bezahlt. Ich habe mich unauffällig erkundigt. Und da liegt der Hase im Pfeffer. So weit also meine Analyse.
Das Motiv des Zeugherrn Boiling könnte demnach Geld sein – aus einer zumindest so empfundenen Not heraus. Er bekommt einhundertzwanzig Gulden im Jahr, vier Scheffel Roggen, freie Wohnung und für jeden Tag, wenn er selbst im Zeughaus arbeitet, sechs Mariengroschen. Das ist alles in allem nicht viel. Und der Kämmerer schwafelte von Geschäften. In dem Fall kann ich mir nur Gier vorstellen.“
„Und der Graf?“, warf Michael ein.
„Keine Ahnung. Da habe ich keinen blassen Schimmer“, gab der Justiziar unumwunden zu. „Immerhin hat der Graf eine Funktion im Niedersächsischen Kreis. Er muss letztlich auch für Ausrüstung und Waffen sorgen. Wir haben aber Friedenszeiten. Naja, so einigermaßen. Ich denke, die drei bilden eine unheilvolle Allianz. Was sagt ihr dazu?“
Camann ist auf dem richtigen Wege. Das sagt mir einfach mein Gefühl, dachte Michael. „Wie steht eigentlich der Graf wirtschaftlich da?“, fragte er, anstatt zu antworten. „Und wie der Kämmerer? Ich glaube, Sie sind auf der richtigen Fährte.“
„Vom Grafen weiß ich nichts, aber der Kämmerer scheint zurecht zu kommen, nach allem, was man so hört“, bemerkte Heinrich.
Bleibt der Graf, dachte Michael. Bleibt nach wie vor der Graf. Camann hat recht. Was haben die drei zu besprechen? Was verbindet sie?
„Na, ich denke, wir kommen heute nicht weiter.“ Heinrich stand auf und schaute seinen Sohn an. „Du hast ja sicher auch einen Grund, Onkel Camann einen Besuch abzustatten. Ich geh dann mal.“
Ja, dachte Michael, ich habe einen Grund. Hoffentlich hat er noch Zeit für mich.
Während Camann seinen Vater hinausgeleitete, schaute sich Michael im Raum um. Er war schon oft in diesem Zimmer gewesen, hatte sich ein Buch ausgeliehen oder mit Onkel Camann über Geschichte oder Politik gesprochen. Er war da sehr geduldig, nur musste man eben seine zuweilen langen Ausführungen ertragen. Meistens waren sie aber interessant. Michael hatte das Gefühl, alles wie aus der Entfernung zu betrachten. Wie abwesend.
Es ist die Behausung eines Gelehrten. Eine großbürgerliche Welt, wie ich sie mir eines Tages auch für mich vorstellen kann, dachte Michael.
„Entschuldige. Dein Vater und ich haben uns auf dem Hof noch etwas verquatscht.“
„Ich weiß gar nicht, ob du noch Lust hast mich anzuhören.“ „Aber klar, ich hole uns eine Flasche Wein. Was meinst du? Dauert aber einen Moment. Ich muss erst in die Speisekammer. Im Haus ist nichts mehr.“
Michael betrachtete weiter den Raum und dachte darüber nach, womit er das Gespräch beginnen sollte.
„Mit dem Anfang“, grinste Camann eine Flasche Weißwein und zwei Gläser auf den Tisch stellend. „Du hältst Selbstgespräche, junger Mann.“
Michael errötete leicht, spürte es und ärgerte sich sofort. Wieso habe ich nur einen solchen übertriebenen Respekt vor diesem Mann. Na egal, ich möchte seinen Rat.
„Es geht um Nürnberg“, fing er einfach an. „Ich will versuchen, bei den Fuggern unterzukommen und möglichst viel lernen. Vater wird Ihnen berichtet haben. Ist es ruhig um Nürnberg? Wissen Sie da etwas und überhaupt interessiert mich ihre Meinung zu meinem Vorhaben.“
„Das dachte ich mir schon und ich freue mich, dass du meinen Rat suchst. Weißt du, Michael, du musst tun, was du tun musst. Das hat dir sicher deine Mutter auch schon gesagt. Sie ist eine kluge Frau.“
„Woher wissen Sie das?“
„Ich weiß es nicht, aber ich sagte ja schon. Sie ist eine kluge Frau. Um Nürnberg herum ist es zurzeit ruhig. Aber man weiß natürlich nie. Weißt du, ich werde dir ein wenig Hintergrund zur aktuellen Entwicklung geben. Vielleicht unsere letzte Unterhaltung oder sollte ich sagen mein Vortrag, zur Geschichte und Politik. Ich werde das vermissen. Du warst immer ein geduldiger Zuhörer.“
Michael nahm einen Schluck Wein und saugte jedes Wort des Gelehrten auf.
„Ich will nicht über den Prager Fenstersturz reden, der letztlich 1618 zum Kriegsausbruch geführt hat. Angefangen hat meiner Meinung nach alles schon viel früher. Das Ende der Reformationszeit war wohl endgültig mit dem Augsburger Frieden gekommen. Frieden hat der Reichstag, der im Jahre 1555 in Augsburg abgehalten wurde, offensichtlich nicht gebracht. Seit damals gilt der Grundsatz ‚Cuius regio, eius religio‛.“
„Wessen Herrschaft, dessen der Glaube“, übersetzte Michael mühelos.
„Die Lateinschule scheint dir gut getan zu haben“, versetzte Camann doch etwas erstaunt und fuhr fort. „Also, das bedeutet, dass nicht dem einzelnen Menschen, sondern den Fürsten die freie Entscheidung zwischen dem alten und dem neuen Glauben gesichert wurde. Andersgläubige durften seitdem allerdings das jeweilige Territorium verlassen. Das aber ist in der Regel doch praxisfremd. Seitdem sind auch wir Braunschweiger mal evangelisch - unsere eigentliche Konfession - und aus pragmatischen Gründen, wenn der Herzog es will, auch mal „gut katholisch“. So viel zu den grundsätzlichen Dingen. Na, aber dann kam es eben doch, aus angeblich religiösen Gründen, zum Kriegsausbruch. Das war, als Kaiser Matthias sich anschickte, die Religionsfreiheit aufzuheben, die sein Bruder und Vorgänger Rudolf II. den überwiegend protestantischen Ständen in Böhmen und Mähren gewährt hatte. In Prag begann also 1618 der Krieg.
Ich glaube allerdings, dass dieser Krieg oder besser gesagt diese Kriege, die seitdem geführt wurden, keine Religionskriege sind. Die Religion wird nur benutzt. Benutzt für ganz klare Machtinteressen der Habsburger oder jetzt auch Gustav Adolfs von Schweden, der vorgibt, für die protestantische Sache einzutreten.“
„So auf den Punkt gebracht habe ich das noch nie gehört“, meldete sich Michael.
„Nun noch mal zu deinem Vorhaben.“
Michael, schon etwas weinselig, wurde hellwach. „Was hältst du davon, wenn ich in meiner Funktion als Syndikus der Stadt Braunschweig und Freund der ehrenwerten Familie des Büchsenschmiedes Heinrich Schlachmann, den Fuggern in Nürnberg einen Brief schreibe und dich als einen blitzgescheiten jungen Mann schildere, dem man bitte ein Praktikum gewähren möge.“
Im Grunde habe ich doch noch gar keine endgültige Entscheidung getroffen, ging es Michael rasend durch den Kopf. Lena und … Was will ich eigentlich?
„Das wäre eine große Hilfe“, antwortete Michael etwas steif.
„Wann willst du denn eigentlich aufbrechen?“
Jetzt war es passiert. „Nach der Hochzeit von Anna und Karl. Vermutlich im Juli.“
Michael sollte später noch an dieses Gespräch zurückdenken. Camann hatte versprochen, einen Brief an die Fugger in Nürnberg zu schreiben. Michael hatte einfach zugestimmt und damit die Entscheidung endgültig gefällt. Später sollte er noch oft daran denken, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn er den Mut gehabt hätte, nicht einfach zuzustimmen. Aber es war so einfach. Oder war er so labil? Oder wollte er es einfach so?
Nach seiner Zustimmung konnte er nicht mehr zurück. Jedenfalls wollte er es nicht.
Was lasse ich hier gerade mit mir geschehen, dachte Michael. Was wird aus Lena? Will sie mich überhaupt?
Michael wollte, ohne es zu wissen oder vielleicht doch in seinem Tiefsten begreifend, dass ihm die Entscheidung irgendwie abgenommen wird.
Auf jeden Fall treibt es mich hinaus. Ich muss hinaus in die Welt.
14
Ich war noch nie in so einem verdammten Badehaus, schimpfte Michael in Gedanken vor sich hin. Und Wein habe ich auch schon getrunken. Camann ist ein Genießer, man könnte sagen, Camann spuckt auch nicht rein. Dass er eine Empfehlung schreiben will, ist wirklich ein Freundschaftsdienst. Jetzt ist es jedenfalls entschieden und fertig.
„Bruder Michael, du bist ein komplizierter Zeitgenosse. Die Sache ist doch ganz einfach.“
Die Magd kam mit zwei Eimern heißem Wasser in die verquiemte Badestube und goss unaufgefordert einen Eimer in Michaels Holzwanne. Er sah kurz ihr schwitzendes Gesicht und die vollen Brüste, die aus der nur wenig geschnürten Bluse quollen. Hat sie mich eben angelächelt?
Schon war Rita, die Magd, bei Hinrich und goss den zweiten Eimer in seinen Bottich. Der Dunst war so stark, dass Michael Hinrich kaum sehen konnte, obwohl er direkt neben ihm in seinem Zuber saß.
„Dralle Person, was, Michael?“, lachte Hinrich. „Jung und hübsch.“
„Was ist ganz einfach, Hinrich?“
„Brüderchen, Brüderchen. Du gestehst Lena deine Liebe, küsst sie und machst sie glücklich.“
„Wie - machst sie glücklich?“
„Na, schläfst mit ihr! Die wartet schon auf dich. Und wenn du wiederkommst, heiratest du sie. Und wenn sich was anderes unterwegs ergibt, heiratest du sie eben nicht. So einfach ist das. Ist doch nicht schwer, oder?“
„Hinrich, du bist in mancher Beziehung ein … “
„Sag es nicht.“
„Leichtfuß“, schmunzelte Michael.
Beide mussten lachen.
„Nein, das ist nicht meine Art. Aber ihr meine Liebe gestehen, das wäre schon gut - vorsichtshalber.“ Liebe ich sie eigentlich? Ich bin vielleicht auch nicht viel besser als Hinrich. Und mit ihr schlafen … erst mal müsste ich überhaupt mit jemandem … Warum eigentlich hat mich Hinrich unbedingt in diesem verdammten Badehaus treffen wollen? Na gut, so unangenehm ist es auch wieder nicht. Der Bader hat mir die Haare geschnitten und vorher sogar den Kopf gewaschen.
Sie saßen etwa eine halbe Stunde im Zuber. Es war wohlig warm. Michael hing seinen Gedanken nach. Sicher, die Badestube liegt nicht gerade in der besten Gegend. Es soll hier oft etwas leichtfertig zugehen. Angeblich wird nach dem Bad ausschweifend gegessen, getrunken und … geliebt. So richtig kann ich mir das eigentlich alles nicht vorstellen. Mein Gott, warum habe ich mich nur darauf eingelassen? Hinrich ist ein Dollbrägen.
Rita war im Anmarsch. Michael nahm sie erst wahr, als sie direkt neben seinem Zuber stand. Plötzlich tauchte Hinrich mit einem großen Laken umschlungen ebenfalls auf.
„Viel Spaß, Brüderchen. Ich gehe schon mal in die Schänke nebenan.“
„Wieso? Hinrich …“
„Na, Michael.“
Rita beugte sich über den Zuber. Sie löste sofort das Band an ihrer Bluse und gab damit ihre wunderbaren, schweren, aber festen Brüste frei. Sie schwebten quasi direkt vor Michaels Augen, während sie ihre linke Hand in das Becken tauchte. Michael hatte es gar nicht bemerkt, wie erregt sein Glied war. Er sagte nichts mehr. Ließ alles geschehen. Später hatte er nur noch eine unwirkliche Vorstellung von dem, was überhaupt geschehen war: das Aussteigen aus dem Zuber. Der Weg in die kleine Kammer neben dem Badehaus. All das wusste er kaum noch. Der Wein bei Camann. Dann die warme Wanne. Rita mit ihren blonden Zöpfen, wie Lena, dachte er einmal zwischendurch, führte ihn in die Wonnen der Liebe ein, jedenfalls dachte er sich das so. Dass es Sex und nicht Liebe war, dass es da gravierende Unterschiede gab, wusste er einfach nicht. Wahrscheinlich hätte ihn das in der Situation auch nicht gestört.
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