Kitabı oku: «Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers»
Wilhelm Heine
Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021
EAN 4064066115128
Inhaltsverzeichnis
Vorwort.
Künstlerausflug durch den Staat New-York.
1.
2.
3.
Ein Jahr in Central-Amerika.
I. Vorwort. – Zweck der Reise. – Allgemeine Bemerkungen über Central-Amerika – Canalproject zur Verbindung des atlantischen und des stillen Oceans.
II. Abreise von New-York. – Die Brig Rogelin. – Ansicht von Haiti. – Eintritt in die Wendekreise. – Unbewohnte Insel. – Mosquitoküste. – San Juan di Nicaragua. – Deutsches Gasthaus. – Lebensweise.
III. Vorbereitungen zur Flußfahrt. – Das Bungo. – Abreise von San Juan. – San-Juan-River. – Clima. – Fruchtbarkeit. – Die Machuca-Rapids. – Verunglückte Tigerjagd. – Unwetter. –Aerztliche Hülfe. – Castillo Viego. – Prophezeihung. – Der Wundarzt wider Willen. – San Carlos. – Douane. – See von Granada. – Ankunft in Granada. – Gastfreundlichkeit. – Jahresfeier des 4. Juli.
IV. Die Stadt Granada. – Bauart. – Einwohner. – Lebensweise in Central-Amerika. – Festtage. – Reisezurüstungen. – Unsicherheit der Straßen. – Art zu reisen. – Fleiß der Indianer. – Massaga. – Indisches Begräbniß.
V. Lavafelder. – Managua. – Reisebekanntschaft. – Landschaftliches. – Puebla nuova. – Ein Raubmord. – Nächtliche Störung. – Ankunft in Leon.
VI. Freundliche Aufnahme in Leon. – General Munnoz. – Ein demüthiger Apostel Christi. – Rückkehr nach Granada.
VII. Indigobereitung. – Verfall des Landbaues. – Schlimme Aussichten für Ansiedler. – Gefährliche Galanterie. – Zunahme der ärztlichen Praxis. – Einfluß des Mondes. – Selbsthülfe zu rechter Zeit. – Die Schwefelquellen von Tipitapa. – Gefährliche Begegnung. – Kriegsanstalten. – Militairische Exercitien.
VIII. Der geendigte Krieg in Nicaragua. – Aufregung in Granada. – Unangenehme Conflicte. – Meeting in Massaga. – Hauptquartier in Managua. – Don Fruto Chamorro. – Gefecht von Nagarote. – Erkrankung. – Gefecht von Chinandega. – Mißverhältniß der Streitkräfte. – Vertrag von Posolteja. – Treubruch des Generals Lopez. – Ehrenhaftes Benehmen des amerikanischen Gesandten. – Traurige Aussichten.
IX. Neue Erkrankung. – Excursion in das Hochgebirge und die Minendistricte. – Reiseanstalten. – Aufbruch von Leon. – Nachtlager. – Räubergerüchte. – Nächtlicher Ueberfall. – Eintritt ins Gebirge. – Trockenheit. – Zuckererbauung. – Aztekische Sage. – Beschwerlicher Marsch. – Heimathliche Erinnerung.
X. Aufenthalt in San Rafael. – Viehzucht. – Versuch mit dem Lasso. – Weiterreise. – Nächtliches Concert. – Totogalpa. – Der gastfreundliche Cura. – Eine Hochzeit. – Ocotal. – General Guardiola. – Hahnenkämpfe. – Spielwuth der Bewohner.
XI. Dipilto. – Mangelhafter Zustand des Bergbaues. – Wiederkehrende Gesundheit. – Taminos Feuer- und Wasserprobe zu Pferd. – Erlegter Tiger. – Der Staat Honduras.
XII. Yuscaran. – Don Pedro Xatrerha. – Indianerstämme. – Gefahren eines Besuches bei ihnen. – Gewaltsame Requisition. – Tegucigalpa. – Sennora L... – General Cabannas.
XIII. Süßer Abschied. – Cerro di Ule. – Prachtvolles Panorama. – Heimweh. – Portillo de la Victoria. – Künstlerische Ausbeute. – Indianische Fiesta. – Große Hitze. – Ein tropisches Gewitter. – Ankunft zu rechter Zeit. – Fata morgana. – San Martin. – Choluteca. – Esteroreal. – Noch etwas über das Canalproject. – Ankunft in Leon.
XIV. Glücklicher Zufall. – Abschied von Leon. – Ein Jahr Unterschied. – Stars and Stripes! – Verändertes Aussehen von St. Juan di Nicaragua. – Abschied von Central-Amerika. – Allgemeine Bemerkungen und Warnungen für Auswanderer.
Vorwort.
Inhaltsverzeichnis
Der Leser soll hier zum ersten Mal mit einem jungen Künstler bekannt werden, den nicht nur sein frischer fröhlicher Muth und jene geheimnißvolle, aber doch auch so gewaltige Lust nach einem regen Leben, sondern auch der ernste Zweck, seinen Studien obzuliegen und seine Kenntnisse zu erweitern, in die Welt hineingetrieben, und der selbst in diesem Augenblicke bei unseren Antipoden herumschwimmt, oder mit der Büchse auf der Schulter und der Palette in der Mappe die Küsten des indischen Archipels durchforscht und die Schätze plündert, die Mutter Natur da draußen ja mit vollen Händen ausgestreut über das wundervolle Land.
Wilhelm Heine, zuerst zum Architekten bestimmt, fand mehr Freude an der freien Malerkunst. Sein Talent hierzu offenbarte sich bald. Von dem König von Sachsen in seinem Plane unterstützt, wandte er sich zuerst nach Paris, dort Decorationsmalerei zu studiren und später seine Kenntnisse der Dresdener Hofbühne zu widmen. Die dort 1849 ausgebrochenen Unruhen warfen aber die Kunst weit in den Hintergrund und von seinem rastlosen Eifer für dieselbe angetrieben, zog der junge Künstler dorthin, wohin es Tausende damals schon, wie noch jetzt, in unaufhaltsamer Sehnsucht hinüberdrängte über das Meer, in dem fernen Lande des Westens, Studien zu sammeln, und das auszubilden in der freien Welt, was er in den Kunst-Sälen von Paris vorbereitet hatte mit emsigem Fleiße.
New-York aber genügte ihm auch nicht auf die Länge der Zeit – der Amerikaner ist für die Kunst empfänglich und liebt die Künstler, aber das Land ist noch zu jung, – die Energie seiner Bewohner wird noch zu sehr für das augenblicklich Praktische gefordert, um dem Schönen schon seine vollen Sinne weihen zu können, und wo der Meubleshändler noch die »Bilder« zusammen mit Sopha und Stühlen verkauft, wo diese Gemälde noch zu so und so vielen Dutzend bestellt werden, kann natürlich der Künstler nicht Befriedigung finden.
Heine ergriff denn auch mit Freuden eine günstige Gelegenheit, die sich ihm bot, in Begleitung des, schon durch seine früheren archäologischen Forschungen in Nord- und Mittel-Amerika berühmten Herrn Squier, auch früherem Gesandten der Vereinigten Staaten in Mittel-Amerika, das letztere Land zu bereisen, um zu Mr. Squier's beabsichtigtem Werke über diese Strecken die Illustrationen zu liefern.
Ueber diese Reise, die Heine aber leider allein beenden mußte, da Mr. Squier durch Verhältnisse gehindert wurde, ihm zu folgen, handelt, mit Ausnahme eines kurzen Künstlerausflugs im Staat New-York, dies kleine Bändchen, und der Leser folgt dem jungen lebensfrohen Manne vielleicht noch mit mehr Aufmerksamkeit und Interesse, wenn er erfährt, daß Wilhelm Heine auch selbst in diesem regen Leben nicht den Drang befriedigt fühlte, der ihn weiter und weiter trieb auf der einmal betretenen Bahn, denn er befindet sich in diesem Augenblicke an Bord des amerikanischen Geschwaders, das zu einer Recognoscirungstour des indischen Archipels, vorzüglich aber der japanischen Küsten ausgesandt ist, und wohl nicht wiederkehren wird, ohne ein tüchtiges Stück von der Welt gesehen, ja vielleicht auch ein Stück in der Welt gethan zu haben.
Von dort werden seine Berichte für jetzt in der Allgemeinen Zeitung und dem Ausland erscheinen, seine Stellung an Bord eines der Kriegsschiffe, mit ehrenvollen Aufträgen der amerikanischen Regierung für unterwegs anzustellende Sammlungen, sichert ihm dabei die Gewißheit, den größtmöglichsten Nutzen von solch wilder Fahrt zu ziehen, und wir dürfen hoffen, daß er uns noch manches Schöne von fernen Ländern erzählen wird. Der Einzelne wird doch ja immer nur, möge seine Route liegen so weit sie will, auf einen verhältnismäßig kleinen Kreis beschränkt, und dem Leser bleibt es überlassen, sich von den verschiedenen Ansichten und Bildern der draußen Herumstreifenden den Honig zu sammeln und seine Meinung festzustellen.
Heine's Styl ist leicht und ungezwungen, seine Schilderung lebendig und das Herzliche und Gemüthliche seines ganzen Wesens läßt uns ihn bald liebgewinnen, und so hoffe ich denn, daß Dir, lieber Leser, diese Gabe eine willkommene sein wird, wie es mir selber eine besondere Freude gewährt hat, den jungen, noch gewissermaßen vom Seewasser triefenden Künstler bei Dir einzuführen.
Friedrich Gerstäcker.
Künstlerausflug durch den Staat New-York.
Inhaltsverzeichnis
1.
Inhaltsverzeichnis
Die Glocke des Steamers New-York läutet zum drittenmale, der Ingenieur giebt das Zeichen, das schöne große Schiff setzt sich in Bewegung, an seinem Bord drei lustige deutsche Maler. Der Abend war angenehm und lieblich, wie die Abende im Monat August nach einem heißen Tage an den Ufern des Hudson in der Regel sind.
Auf dem Deck und im Salon des Steamers gab es gutgekleidete Lustreisende, Leute aus der beau monde, welche in die Bäder von Saratoga, zu den lieblichen Trentonfällen oder dem großartigen Niagarafall reisten; Frauen und Mädchen, hold und anmuthig, wie sie Amerika und vor allem New-York aufzuweisen hat, in süßem Müßiggange sich im einladenden Schaukelstuhle wiegend, lachend, kokettirend; Büreau-Generale, nach ihren Landhäusern gehend, um den Sonntag dort zuzubringen; Brod- und Schweinehändler en gros, welche nach abgeschlossenen Geschäften sich wiederum ins Land hinein begeben, um alsbald mit neuen Sendungen nach New-York zurückzukehren; mitunter auch wohl ein finsterer Pfaffe, deren einer, ein Methodist, sogar später das Publikum mit einer Art Reisepredigt erlabte, an der jedoch nur blutwenig Zuhörer Geschmack zu finden schienen.
Die große wandernde Stadt, auf der wir uns befinden, Euch näher zu beschreiben, erlaßt Ihr mir wohl, meine Lieben; Fritz Gerstäcker hat es in seinen Mississippi-Bildern bereits besser gethan, als ich es im Stande sein würde. Die achthundert Pferdekraft der Dampfmaschine trieben uns rasch den prachtvollen, hier ziemlich sechshundert Fuß breiten Hudson stromaufwärts. Zur Linken streckten sich hohe Felswände in die Höhe, die Palisaden genannt, zur Rechten lagen lachende Landhäuser in üppig blühenden Gärten, kleinere oder größere Dorfschaften dazwischen, hier und da ein Bach oder ein Flüßchen, dessen Wasser sich entweder still und geräuschlos mit dem Hudson vermählt, oder eine kleine Bucht bildet, an deren Saum freundliche Spaziergänge den Reisenden zu längerem Verweilen anzulocken scheinen.
Wahrlich, wer sich die Staaten Nord-Amerikas als arm an malerischen Naturschönheiten vorstellt, der befindet sich in großem Irrthume; sie sind freilich von ganz anderem Charakter wie unsere europäischen, wollen studirt und in ihrer Eigenthümlichkeit aufgefaßt sein, bieten dann aber auch dem Künstler gar manche schätzbare Ausbeute.
Ermüdet vom Getreibe der riesigen Hauptstadt, erlabte ich Augen und Herz an den lieblichen Gemälden.
Der Kessel von Sing-Sing, wo der Strom eine große Bai von vielleicht einer deutschen Meile im Durchmesser bildet, ward mit Sonnenuntergang passirt, und von den Bergen von West-Point strahlte bereits der Mond sein mildes Licht über die lieblichen Gefilde. Der Abend rückte weiter vor und nachdem die schön geformten Berge von Katshill in der Ferne vorüber geglitten, ging ich in meine Koje, mich für den kommenden Tag zu stärken, da die Ufer von hier an bis Albany flach werden und nicht mehr die Mühe des Aufbleibens lohnen.
Bei meinem Erwachen legte der Steamer gerad am Quai von Albany an, weshalb ich auch außer dem Quai und der Straße, die nach der Eisenbahn führt, nichts von dieser Stadt sah. Kurze Rast nebst Frühstück, und weiter ging es beim ersten Strahl der lauen Morgensonne auf dem Schienenwege hin, durch das Mohawkthal. Ueberall blühende, fruchtbare Felder, nette Ortschaften, freundliche Landhäuser, großartige Fabrikgebäude längs der ganzen Bahn; der zur Seite sich hinziehende große Kanal voll regen Lebens, überall thätige, kräftige, gesunde Menschen, überall Leben, Licht, Freiheit. So ging's bis Utica, dem ersten Haltpunkte.
Nachdem wir uns glücklich durch die lärmende, drängende Menge hindurchgearbeitet, mietheten wir einen Wagen, der uns mit seinen vier Rößlein zu den Trentonfällen bringen sollte. Auf einem gut unterhaltenen Bohlenwege, dessen holzverschwenderische Anlage und Erhaltung – der ganze Weg ist mit zwölf Fuß langen, zwölf Zoll breiten und vier Zoll starken Bohlen belegt – manchen unserer gewissenhaften deutschen Forstmänner zur Verzweiflung bringen würde, rollten wir munter dahin; die acht Miles waren verhältnißmäßig schnell zurückgelegt und bald empfing uns das gastliche Dach des Herrn Moore.
Unsere gespannte Neugierde erlaubte uns zuvörderst kein langes Verweilen unter demselben, wir eilten den Fällen zu und hatten schon bei ihrem ersten Erblicken die freudige Ueberzeugung, daß dieser eine Punkt allein schon der Reise werth war.
Der West-Canada-Creek stürmt hier durch tiefe Schluchten, längs welcher sich starre, hier und da mit Bäumen und Buschwerk gekrönte, oft auch nackte, in bizarren Formen gebildete, zwischen dreihundert und vierhundert Fuß hohe Felswände, senkrecht aus dem Flusse erheben. Dazwischen hin schäumt der Fluß, manchmal in einer Breite von hundertfünfzig Fuß, über die geradlinigen Flötzgebirgformationen weggleitend, dann wieder in einen viel engeren Raum zusammengezwängt, durch zerklüftete Felsblöcke sich Bahn brechend, mit einer Fallhöhe von dreihundertachtzig Fuß auf eine kleine halbe (engl.) Meile. Nach Freund Müller's Aussagen gleicht der größte dieser Wassersturze in mehren Absätzen den Wasserfällen, welche er auf seiner letzten europäischen Reise in Dalmatien gesehen.
Hier schied ich auch von einem alten Landsmanne, D. M., der nur vorläufig nach Amerika herübergekommen war, um sich das Land, behufs einer etwaigen späteren Uebersiedelung, zu besehen und uns junges Volk bis hierher begleitet hatte. Er schien von dem, was er bis da gesehen, nicht sehr befriedigt; das paßte alles nicht recht zu seinen deutschen Agriculturbegriffen. Der Abschied von dem alten Knaben war ein wehmüthiger und schwerlich dürfte ich ihn noch einmal wiedersehen.
Die schönen landschaftlichen Vorwürfe wurden nun fleißig ausgebeutet und nach zehntägigem Aufenthalt hatten wir unsere Malermappen mit manchen höchst schätzenswerthen Motiven bereichert.
Herr Moore, der gastfreundliche, humane Besitzer des großen Hotels, ein großer Kunstliebhaber, bestellte bei uns einige Bilder mittlern Formats für recht anständigen Preis, und überdies noch einen Cyclus von Zeichnungen, als Illustrationen einer beabsichtigten Beschreibung der Trentonfälle. Trotzdem sich Herrn Moore's selbst erworbenes Vermögen kaum über einen angenehmen Wohlstand hinaus erstreckt, ist derselbe doch ein eifriger Beförderer der schönen Künste und besitzt eine, für seine Mittel nicht unbedeutende Sammlung von Gemälden, größtentheils von Künstlern, die bei ihm einsprachen. Nebstdem hat er auch noch den gewöhnlichen Hotelpreis von zwei Dollars täglich, für Künstler auf die Hälfte herabgesetzt, was bei der ganz vorzüglichen Bewirthung eine sehr mäßige Bezahlung ist. Herr Moore trieb seine Artigkeit so weit, uns selbst nach Utika zurückzufahren, wo wir herzlich und auf baldiges Wiedersehen von ihm schieden.
Und weiter ging es per Dampf, über Syrakus, wo bei Ankunft des Zuges zwanzig Glocken, in den Händen von zwanzig Kellnern, vor eben so vielen Hotels, einen wahren Heidenlärm erhoben, um allen Ankommenden recht eindringlich das Zeichen zum Essen zu geben; dann wieder weiter, nach Oswego hin, oft durch Wälder und ödes Sumpfland. Die Gegend sieht hier fiebrig und unheimlich aus, so daß man kaum zu athmen wagt.
In Oswego, einer Stadt von nahe an fünftausend Einwohnern, bestiegen wir von Neuem einen Steamer und rasch dahin glitten wir über die blaue Wasserfläche des Ontariosees, bald nur noch einen schmalen Streifen Land im Gesicht behaltend. Vier Uhr Morgens langten wir in Lewis-Town an, noch ein kurzes Stück Eisenbahn, und zwar das erbärmlichste, das je von Menschenhand erbaut worden ist, und mit Tagesanbruch standen wir da, wo:
»schäumendes Gewässer mit Donnergebrüll hinabstürzt in die grausige Tiefe!«
Es kann nicht meine Absicht sein, geognostische Abhandlungen zu verfassen, und eben so wenig poetische Reisenovellen zu schreiben; doch muß ich gestehen, daß das großartige Naturschauspiel, ohne Zweifel das größte dieser Art auf dem bekannten Erdenrund, erst allmälig begann, einen tiefen und gewaltigen Eindruck auf mich zu machen, je länger ich davor verweilte und die colossalen Proportionen zu messen begann. Die ganze Länge des Falles mag etwa tausend Schritte betragen, die senkrechte Höhe, nach dem Augenmaß beurtheilt, vielleicht ein Drittheil so viel, und ist in der Mitte von einer kleinen Felseninsel unterbrochen, zu der oberhalb des Falles eine Brücke führt. Der Niagara selbst ist von brillantem Smaragdgrün und bis weit unterhalb des Falles vom Schaume milchig gefärbt, was dem Maler reizende Farbenabwechselungen und Uebergänge gewährt; auf beiden Seiten begränzen den Fall hundertachtzig bis zweihundert Fuß hohe Felswände. Alle diese Formationen (Flötzgebirge) tragen Spuren der Gewalt des Gewässers und bis eine (engl.) Meile unterhalb seiner jetzigen Stelle hat der Fall die Merkmale seiner Zerstörungswuth zurückgelassen. Man hat nach Wahrscheinlichkeitsgründen berechnet, daß der Fall dreißigtausend Jahre gebraucht habe, um sich diese Bahn auszuwaschen; aber bei aller möglichen Hochachtung vor den Berechnungen der Gelehrten und Naturforscher, erscheint mir die hier in Frage gestellte denn doch etwas problematisch, ohngefähr so wie die Berechnung der Entfernung mancher Fixsterne. Da heißt es auch: wer's nicht glaubt, mag das Gegentheil beweisen! Das ganze Ufer zunächst des Flusses ist bedeckt mit herabgestürzten Felstrümmern, deren eben so viele in den Fluthen begraben sein mögen, gleich dem Table-Rock seligen Andenkens, der etwa vier Wochen vor unserer Ankunft glücklich zur Tiefe abgefahren ist. Ich besinne mich, irgendwo von der Berechnung eines englischen Ingenieurs gelesen zu haben, der ganz vor Kurzem erst herauscalculirt haben wollte, wie lange das Wasser sich durchaus noch zu strapaziren habe, bevor es mit der Unterwaschung besagten Table-Rocks glücklich zu Stande gekommen sei; ich möchte wohl wissen, wie weit er in seiner Berechnung fehlgeschossen haben mag? – Die Ufer des Niagara waren in den Jahren 1812 bis 15 der Schauplatz zahlreicher Gefechte mit den Engländern, und in einer Schlacht ohnweit der Fälle sollen an viertausend Todte geblieben sein.
Amerika ist das Land der Industrie und Speculation, Niagara das Land der fünfundzwanzig Cents: Du gehst auf die Heiligeninsel, kostet 25 Cents, – Du gehst zwei Meilen unterhalb der Fälle über die Hängebrücke, kostet 25 Cents, – Du läßt Dich in einem kleinen Boote über den Fluß setzen, kostet 25 Cents, – Du willst unter den Fall selbst steigen, kostet 25 Cents u. s. w.
Der hiesige Gasthof war das Gegentheil von Herrn Moore's Hotel; zwei Dollars täglich und alles mordschlecht. Wir machten Studien so viel als möglich, und beeilten uns fortzukommen, so viel als möglich, und zwar um so mehr, als wir beim Arbeiten viel von der unerträglichen Neugierde des reisenden Publikums zu leiden hatten.
Noch am letzten Tage hatten wir das traurige Schauspiel, ein armes Pferd, welches sich, oberhalb der Fälle von Hunden gehetzt, in den Fluß retirirt haben mochte, den Fall hinunterstürzen zu sehen. Weiter unterhalb fanden wir das arme Thier, zerschellt und kaum noch kenntlich, von den Fluthen auf's Ufer geschleudert daliegen. Ein Canalboot mit einer Schweinefleischladung, welches vor etwa sechs Wochen den Fluß hinabgetrieben worden war, hängt inmitten des Falles, von einem emporragenden Felsen aufgehalten, auf dem Rand des Sturzes, von brausenden Gewässern umtobt; das Treibeis des nächsten Winters wird es wohl noch vollends zertrümmern. Seltsam, trotzdem es nur ein lebloser Gegenstand ist, kann man es nicht ohne ein Gefühl des Bangens da hängen sehen und empfindet unwillkürlich eine Art von Mitleid mit dem armen Ding.
Kurz und gut, unsere Studien waren beendet, unsere Zeit gemessen und wir hatten nicht Lust, länger hier müssig liegen zu bleiben; wir begaben uns daher vermittelst obbemeldeter schlechten Eisenbahn wieder auf die Wanderschaft und an Bord des nämlichen Steamers, der uns in Lewis-Town ans Land gesetzt hatte.
2.
Inhaltsverzeichnis
Unsere zweite Fahrt auf dem Ontariosee war bei weitem länger als die erste, denn wir befuhren ihn in seiner ganzen Längenausdehnung, berührten nochmals Oswego, landeten in Sacketts Harbour, ein Name, der sowohl im britisch-französischen, als im amerikanischen Befreiungskriege vielfach genannt worden, als wichtigster Posten am Ontariosee; sahen später Kingston und die rothen Röcke der englischen Soldaten und passirten am Nachmittage die Tausend-Inseln. War schon die Fahrt über den See mit seinen langgedehnten flachen Ufern langweilig, so wird die Fahrt zwischen diesen kleinen, niedrigen, mager bewaldeten, sich ähnelnden Inselchen zuletzt im höchsten Grade ermüdend. Ob es ihrer gerade tausend waren, weiß ich nicht, denn ich habe sie wahrhaftig nicht gezählt, war aber herzlich froh, als uns am Abend die Lichter von Ogdensburg das Ziel unserer Wasserfahrt andeuteten.
Hier wurden wir auf dem Landgute des Herrn von R......... höchst gastfreundlich aufgenommen und bewirthet. Diese Farm, von ungefähr eintausend Acres geklärten Landes, kann als ein vollendetes Muster amerikanischer Landwirthschaft gelten und ich hätte wohl gewünscht, mein alter Landsmann D. M. hätte seine Untersuchungsreise bis hierher ausgedehnt. Herr v. R......... hat in unglaublich kurzer Zeit Alles, was er besitzt, aus einer Wüste geschaffen; denn als er sich in Ogdensburg ansiedelte, wurden noch da Hirsche geschossen, wo jetzt sein schönes Wohnhaus steht, und dunkle Kieferwaldung stand noch da, wo jetzt ein lieblicher Park angenehme Spaziergänge bietet und in großartigen Glashäusern Südfrüchte und tropische Pflanzen reifen. Mühlen aller Art, Manufakturen, Eisenwerke, fast alle von Herrn v. R........ gegründet, liegen in und um Ogdensburg. Es kam ihm allerdings bei seinen Unternehmungen trefflich zu Statten, daß er ein sehr bedeutendes väterliches Vermögen mitbrachte, was freilich unter allen Umständen das Farmerleben aller Orten wesentlich angenehmer macht; immer aber kann man sich hier überzeugen, daß sich auch ohne jenes Zaubermittel Fleiß und Ausdauer hier reichlicher lohnen, wie in vielen andern Ländern. Nach so manchen Beobachtungen möchte ich daher überhaupt jedem in der Union Einwandernden dringend anrathen sich, wenn es seine Mittel irgend verstatten, erst in den verschiedenen Strichen des Landes umzusehen und sich mit dem landwirthschaftlichen Betrieb da und dort recht genau bekannt zu machen, bevor er sich für einen Punkt entscheidet und dann das Ganze nach vielleicht getäuschten Erwartungen beurtheilt. Eben so Viele sind durch Nichtbeachtung dieser Vorsicht zu Grunde gegangen, als andrerseits durch deren Beachtung binnen nicht sehr langer Zeit Andere zu Wohlstand, ja sogar zu Reichthum gelangt sind. Wer aber aus Trägheit oder Unwissenheit darauf beharrt, sich am ersten besten Fleck niederzulassen und das Land nach den aus Deutschland mitgebrachten Begriffen zu bebauen, dem wird es nicht besser ergehen, wie es wahrscheinlich einem Amerikaner ergehen würde, dem es einfiele unbebautes Land in Ungarn oder Rußland zu aquiriren und nach amerikanischem Systeme auszubeuten.
Nicht verschweigen kann ich es, daß ich auch in Frau v. R........ eine der liebenswürdigsten, feingebildetsten Frauen kennen lernte, die nicht nur die Erziehung und den Unterricht ihrer Kinder fast allein besorgt, sondern auch durch rastlose Thätigkeit und umsichtige Leitung ihres großen Hausstandes, eine Gewohnheit, die sonst den amerikanischen Frauen, bei vielen anderen Vorzügen, nicht eben sehr eigen ist, wesentlich zum Gedeihen des Ganzen beiträgt.
Ogdensburg gegenüber wurden in der Insurrection von 1837 mehre Gefechte geliefert; unter andern hatten die Insurgenten eine sehr feste Stellung inne, die nur nach hartnäckigem Kampfe genommen werden konnte. Im Lande ist sie unter dem Namen: die Schlacht bei der Windmühle, bekannt geblieben.
In Ogdensburg war während unseres Aufenthaltes daselbst von der Miliz des Districtes ein Uebungslager bezogen worden, an das man allerdings nicht den Maßstab unserer europäischen Revuen und Manövers legen darf. Diese Miliztruppen waren nämlich in vier Gattungen getheilt, als: erstens, Bewaffnete und Uniformirte; zweitens, Bewaffnete und Nichtuniformirte; drittens, Uniformirte und Nichtbewaffnete; viertens endlich, Nichtuniformirte und Nichtbewaffnete. – So passirte dieses Corps von beiläufig dreihundert Köpfen die Revue, durchzog die Stadt mit Musik und erfüllte sie mit kriegerischem Gepränge. Nichtsdestoweniger hat jedoch die Erfahrung bereits bewiesen, daß diese Leutchen, sobald es einmal Ernst gilt, ebenso wacker zu kämpfen wissen, wie nur irgend eine Truppe der Welt. – Wir aber zogen von dannen, denn nun sollte der zweite Theil unseres Ausfluges, das Waldleben beginnen.
Wir hatten uns dazu die Ufer des Roquette-River ausersehen. Wollt Ihr, meine Lieben, diesen Platz auf einer Spezialkarte der Vereinstaaten finden, so sucht ihn im Norden des Staates New-York, auf dem westlichen Abhange des Höhenzuges, welcher ihn von Süd nach Nord durchschneidet. Dort ist noch eine undurchdringliche Wildniß in einer Ausdehnung von hundertzwanzig bis hundertdreißig Meilen, die uns reichen Stoff zu solcher Art landschaftlicher Studien verhoffen ließ. In jeder Richtung hin keine Ansiedelung zu finden; dagegen bevölkern Hirsche im Ueberflusse und selbst Elenthiere den Wald, zahllose Forellen der vorzüglichsten Gattung die Bäche und Flüsse, und wilde Enten, Fasanen, Truthühner, wilde Tauben sind in solcher Masse vorhanden, daß der Jäger die reichste Beute findet. Inmitten dieser Wälder, auf der Hochebene des Gebirges, ist ein ziemlich bedeutender See, Long-Lake genannt, der südwärts den Hudson und nordwärts drei parallel laufende Flüsse, den St. Regis-, den Roquette- und den Gros-River entsendet.
Ueber Canton, Stockholm, Potsdam, Rom kamen wir bis Parisville, wo die Poststraße aufhört. Ein kleines Wägelchen führte unser Gepäck weiter, wir selbst aber wanderten per pedes nebenher, über Knüppeldämme, Sumpf und Moor in den Wald hinein, selten eine Ansiedelung treffend, die hier schon sehr dünn werden. Zu zehn englischen Meilen brauchten wir einen ganzen Tag; fünfmal brach unser Wägelchen und zuletzt so rettungslos, daß wir es zurücklassen mußten, und die letzten Meilen mit unserer Bagage auf den Schultern marschirten, bis wir spät Abends zum Tode ermüdet im letzten Settlement anlangten.
Hier ließen wir den größten Theil unseres Gepäckes zurück, uns nur auf das Nothwendigste beschränkend, und am anderen Morgen ging die Wanderung auf einem Canoe weiter, dasselbe nach Art der Indianer bei jedem Rapid (Stromschnelle) auf den Schultern um diese herumtragend. So leicht nun auch ein solches Bootchen von Birkenrinde ist, so ist es doch nichts destoweniger eine harte Arbeit, es immer weiter zu schleppen, und oft haben wir bei solcher Bergstelle von kaum einer englischen Viertelmeile mit Aus- und Einladen, Weitertragen, drei bis vier Stunden zugebracht. Noch weitere fünfzehn Meilen wurden auf diese Weise mühsam zurückgelegt und endlich langten wir am Starks-Fall, unserm Bestimmungsorte an.
Eine Schanty d. h. eine kleine Hütte von rohen Stämmen, mit Rinden bedeckt, an der vierten, dem Feuer zugekehrten Seite offen, wie sie Holzfäller bei ihrem Aufenthalt im Walde, oder Jäger die längere Zeit an einer Stelle verweilen, errichten, fanden wir noch in ziemlich gutem Zustande und hatten uns bald so wohnlich, als es irgend gehen wollte, eingerichtet. Ein helles Feuer von mächtigen, acht Fuß langen Klötzen loderte lustig im Abendwinde und in unsere Decken gehüllt, brachten wir unsere erste Nacht in einem amerikanischen Walde trefflich schlafend zu.
Unser Leben war freilich ein etwas beschwerliches, denn da wir allein auf uns verwiesen waren, mußten wir uns selbst Nahrungsmittel verschaffen, Holz für die Feuerung hauen und unser einfaches Mahl selbst bereiten. Meine Hände sahen bald so rauh aus, als zu jener Zeit, da ich Maurerlehrling war, und gar oft klebte mein Blut am Axtstiel. Nichtsdestoweniger wurde fleißig gemalt, wozu wir hier herrliche Studien fanden, und immer noch blieb genugsam Zeit übrig, dem edlen Waidwerk obzuliegen.
Allmorgendlich, sobald es nur hell genug war um Korn und Visir erkennen zu können, ging ich am Flußufer pirschen. Nie habe ich so zahlreiche Fährten nebeneinander gesehen, es war, als ob eine Herde Schafe durch den Wald getrieben worden wären. Da ich aber keine genaue Kenntniß der Wechsel hatte, so jagte ich nur auf der Fährte und hatte das Glück, schon am zweiten Morgen ein altes Thier und zwei Spießhirsche in Zeit von einer Stunde zu schießen; so hatten wir Fleisch im Ueberfluß und besonders gab das der Spießer, auf indianische Manier auf einen Baumzweig gespießt, einen gar saftigen, köstlichen Braten.
Unser Appetit ward aber auch durch die ungewöhnte Lebensweise und den steten Aufenthalt in freier Luft so geschärft, daß wir, im Verein mit ein paar Jägern, die weiter hinauf an den Fluß wollten und einen halben Tag bei uns verweilten, die zwei Spießer in drei Tagen radical aufzehrten, wobei ich indeß bemerken muß, daß die Hirsche hier zu Lande bedeutend schwächer sind, als in Europa.
Einen ganz vorzüglichen Braten bot uns auch die sogenannte schwarze Wildente, welche vom Fressen einer gewissen, nur hier in den Sümpfen vorkommenden Wasserpflanze außerordentlich fett und schmackhaft wird. Aus Mangel an Schrotladung und einer Flinte, war ich genöthigt den Fasan, die Ente und selbst die wilde Taube mit der Büchse zu schießen. Da man indeß selten weiter als vierzig bis fünfzig Schritt zu schießen hat, gewöhnte ich mich bald daran und habe selten gefehlt. Häuten, Aufbrechen und Ausweiden der Thiere, Trocknen der Häute und Räuchern des Fleisches auf indische Weise, gaben manche spaßhafte Beschäftigung und gute Gelegenheit etwas zu lernen. Meinen dritten Hirsch habe ich so tadellos aufgebrochen und ausgewirkt, daß jeder gelernte Waidmann seine Freude daran gehabt hätte.
Wölfe, obgleich dieselben noch ziemlich häufig sein sollen, habe ich noch nirgend gesehen, selbst nicht Spuren, und ebensowenig Füchse, Panther und Bären, die hier nur höchst selten vorkommen sollen.
An einem Regentage, der das den Boden bedeckende dürre Laub vollkommen durchweicht hatte, folglich höchst günstiges Wetter zu einem Pirschgange bot, hatte ich, obschon auf viele Fährten treffend, erfolglos vom Morgen an gejagt und mich etwas weiter als gewöhnlich von unserm Lager entfernt. Gegen Abend kam ich auf eine ganz frische Fährte die ich verfolgte und mich denn auch bald auf einer kleinen Waldwiese einem stattlichen Hirsche gegenüber befand. Die Entfernung war zwar etwas weit, hundertdreißig bis hundertvierzig Schritt, doch die Zeit drängte, denn wir brauchten Fleisch, und nirgend sah ich eine Deckung um näher heran zu schleichen. Langsam hob ich die treue Büchse, ein scharfer Krach erschütterte die Atmosphäre und mit einem dumpfen Schrei stürzte das edle Thier zu Boden. »Guter Braten!« dachte ich, und stieß in aller Ruhe eine frische Kugel in den Lauf hinab, doch ehe ich noch mit Laden fertig war, erhob sich der Hirsch plötzlich wieder, ein angestrengter Satz und er tauchte in das bunte Dickicht der Sassafrasbüsche nieder. Auf dem Anschuß fand ich Schweiß in Menge und Lungenkrümel. Der deutlich ausgeprägten und mit Schweiß ganz übergossenen Spur folgend, ward ich aber nach dreißig bis vierzig Schritten von undurchwadbaren Sumpf aufgehalten; ich umkreiste denselben, der Hirsch war darin, ich hörte ihn deutlich nur wenige Schritte vor mir, im Todeskampfe die Büsche knicken, und konnte nicht zu ihm, denn so oft und von welcher Seite ich es auch versuchte, versank ich gleich beim ersten Schritt bis über die Knie in den morastigen Boden.
Das war denn nun höchst fatal! nicht nur weil ich sehr ungern das schöne Stück Wild einbüßen wollte, sondern auch weil ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte und folglich Fleisch brauchte. Doch, was war zu machen? Ich verbrach den Anschuß, schnallte mir den Hungerriemen fester und machte mich auf den Weg, um wo möglich noch unser Lager zu erreichen, denn die Sonne war bereits zu Rüste. Ich suchte mich so gut wie möglich in der Richtung zu orientiren und marschirte tapfer vorwärts in die Dunkelheit, die schnell hereinbrach.
Nach zweistündigem Marsch erreichte ich ein ansteigendes Terrain, das ich für dasselbe hielt, welches ich nach meiner Berechnung auf dem Wege zu unserm Lager allerdings passiren mußte; allein schon war ich eine gute Weile gegangen und statt flacher, ward das Terrain immer steiler. Ich ward nun wohl inne, daß ich mich verirrt hatte, wußte aber durchaus nicht, wo ich mich etwa befinden konnte. Vor allen Dingen war es mir darum zu thun, bald möglichst eine Lichtung zu gewinnen, denn der Theil des Waldes, in dem ich mich befand, war so dicht, daß auch nicht ein Zoll breit Himmel zu sehen war. Ich drang also weiter vor, nach der Spitze des Hügels, auf dem ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach befinden mußte; das Terrain war felsig und ebnete sich bald, so daß ich schon Halt machen wollte, um den Aufgang des Mondes abzuwarten, als plötzlich meine Füße ausglitten, ich mich über Moos, Steine und Sträucher rasch dahinrutschen fühlte, endlich wieder ebenen Boden unter mir hatte, aber so im Schusse war, daß ich mich nicht zu halten vermochte, mit dem Kopfe im nämlichen Augenblicke so derb an einen Baumstamm hämmerte, daß mir die Sinne vergingen und ich um und um kollerte. Ein Weilchen mochte ich wohl so dagelegen haben, als ich aber allmählig wieder anfing meine fünf Sinne zusammen zu lesen, ward ich inne, daß ich außer denselben bei dem Purzelbaum auch noch Büchse, Pulverhorn, Mütze und Messer verloren und dafür etliche Knuffe und Püffe eingetauscht hatte, die sich ziemlich unangenehm fühlbar machten. Nach langem Umhertappen fand sich endlich mein Eigenthum, mit Ausnahme des Messers, wieder zusammen, welches letztere ich selbst, als der Mond seine Laterne durch die allmählig dünner gewordenen Wolken heraus steckte, nicht wieder finden konnte. Zu gleicher Zeit belehrte mich auch der Stand des Mondes, daß ich, statt nordwestlich zu gehen, südöstlich gegangen war.
Gern wäre ich jetzt liegen geblieben, denn ich fühlte mich erschöpft und meine zerstoßenen Gliedmaßen schmerzten mich in der That recht empfindlich, aber zwei Umstände verhinderten mich daran, zuerst brennender Durst, sodann der Verlust meines Messers, und Mangel an trocknen Holz; denn ohne Feuer hätte ich die recht beißend naßkalte Nacht in meiner dünnen und durchnäßten Leinwandblouse nicht ausgehalten.
Ich »calculirte,« daß ich mich wahrscheinlich auf dem scheidenden Rücken des St. Regis- und dem Roquette-River befand, nördlich mindestens zwanzig Meilen von der nächsten Ansiedelung, östlich sechs bis acht Meilen vom St. Regis und westlich etwa eben so weit vom Roquette-River entfernt, südlich aber vielleicht hundert Meilen weit dichte Waldung vor mir hatte.
Ich selbst war ohne Kompaß, ohne Feuerzeug, ohne Messer, ohne Decke, dünn gekleidet, nüchtern seit dem Morgen, eine Kugel in der Büchse und nur noch zwei in der Tasche, allerdings eine etwas ungemüthliche Situation. Nach reiflicher Ueberlegung hielt ich es für das Beste, vor allen Dingen den Roquette-River aufzusuchen und dann an seinen Ufern hinabzugehen; ich mußte dann doch am Ende auf unser Lager, oder auf irgend eine Ansiedelung stoßen. Fand ich nur erst Wasser, so konnte ich es im schlimmsten Fall wohl noch einen ganzen Tag ohne Speise aushalten. Das Empfindlichste war mir vor der Hand der Mangel eines guten, erwärmenden Feuers.
Den Mond zur Linken, gings nun westlich und nach dreistündigem höchst beschwerlichem Marsche, während welchem mein Fuß oft über Stämme und Steine stolperte und ich einen gefährlichen Moorbruch passiren mußte, befand ich mich glücklich am Ufer des Flusses. Ich verrichtete zuvörderst ein geringfügig Waidmannsgebetlein, und zwar keinesweges in der Meinung, daß dadurch irgend etwas Verdienstliches geschehe, sondern weil es mich in Wahrheit drängte, Dem, der ja auch hier mir nahe war, meinen Dank abzustatten. Mein Durst war mit zwei Mützen voll Wasser gestillt, aber nunmehr verlangten meine durchkälteten Gliedmaßen desto ungestümer nach Wärme.
Neue Verlegenheit: kein Messer, kein Feuerzeug. Ich suchte in allen Taschen nach etwas Papier, um mit Hülfe der Büchse Feuer zu bekommen, aber auch das fehlte; ich fand nichts als einen Brief von meinen Lieben aus der Heimath, der während meiner Abwesenheit in New-York eingetroffen und mir noch zur letzten Station nachgesendet worden, und den wollte ich doch nicht gern verbrennen; war er mir doch jetzt doppelt theuer in meiner Einsamkeit, als freundliches Liebeszeichen aus weiter Ferne! – Endlich fand ich einen ziemlich trocknen, verfaulten Stamm, derselbe ward tüchtig mit Pulver eingerieben, die Büchse dicht davor losgedrückt, die Funken zur Flamme angeblasen, und bald loderte der Stamm hell empor, durch seine wohlthuende Wärme die Mühe reichlich lohnend. Bei seinem Scheine hatte ich die Freude, als Ersatz für das mangelnde Nachtmahl, die lieben Zeilen noch einmal zu durchlesen, dann warf ich mich todtmüde unter die breiten Aeste einer Ceder, als einziges Kopfkissen ein gut Gewissen, über mir als Bettdecke den gestirnten Himmel, diesen großen Mantel aller Trostbedürftigen. Meine Uhr zeigte auf halb Zwei, ich war demnach ziemlich sieben Stunden in der Irre umher marschirt.
Mehrmals ward ich aus dem tiefen Schlafe aufgeschreckt durch den gellenden Schrei einer Nachteule, so nahe, daß ich aufsprang und nach der Büchse griff, meinend, ein Panther wolle mich mit seinem nächtlichen Besuche beehren.
Am anderen Morgen nach dem Frühstück, d. h., nachdem ich abermals aus dem Fluße getrunken, machte ich mich auf, den Fluß hinabzugehen, wegen der vielen Sumpfstellen, die man entweder umgehen oder durchwaden muß, ein etwas beschwerlicherer Marsch, als eine Promenade im Dresdner großen Garten.
Auch fand ich hier eine alte, oftgehörte Jagderfahrung sehr handgreiflich bestätigt, daß nämlich der Jäger, der am nöthigsten Wild braucht, keine Klaue zu sehen bekommt. Wenigstens ging es mir an dem Tage so, und mit knurrenden Magen mußte ich durch den Wald schreiten, der von Wild wimmelt, alle Augenblicke einmal frische Fährten kreuzend. Es war die Geschichte vom Herrn Tantalus.
Einmal rauschte ein prächtiger Adler kaum dreißig Schritte vor mir empor, die Jagdpassion riß mir die Büchse an den Backen, aber im Zielen fiel mir noch zu rechter Zeit ein, daß ich jetzt nur noch eine Kugel in der Büchse und eine in der Tasche hatte, die dritte war ja in den Baumstamm gefahren, und so blieb das Rohr stumm.
Endlich gegen zehn Uhr stieß ich wieder auf das Lager, und ich versichere Euch, von der Hirschkeule die ich in Angriff nahm, blieb außer dem Knochen auch nicht ein Atom übrig.
Die Genossen waren besorgt um mich gewesen und hatten wiederholt ihre Gewehre abgefeuert; allein zu jener Zeit war ich wenigstens schon vier Meilen von ihnen entfernt.
Zweierlei höchst weise Erfahrungen hatte ich bei dieser Gelegenheit gesammelt, erstens, daß es sehr unklug ist, ohne Compaß und ohne Feuerzeug in solcher Wildniß zu jagen, und zweitens, daß man sich in einem amerikanischen Urwalde doch nicht so leicht zurecht findet, als in unseren von Flügeln und Schneusen durchschnittenen königlichen Forsten. Uebrigens aber war ich sehr froh, daß meine abhärtende Lebensweise und frühzeitiges Vertrautsein mit unangenehmen Situationen mich in den Stand setzten, mich vorkommenden Fährnissen leichter zu entziehen. Ersteres verdanke ich Eurer Erziehungsweise, geliebte Eltern, letzteres großentheils dem wackeren alten Ohm. Sei Euch allen mein Dank dafür übers Meer geschickt, dem guten Ohm aber insbesondere noch für die treue Büchse, die mir in kalter Nacht Feuer, und außerdem noch manchen guten Braten verschafft hat.
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