Kitabı oku: «Tödliches Nickerchen am Mondsee»
Wilhelm Huch
Tödliches Nickerchen am Mondsee
Kriminalroman
© 2020 Marco Islands Books
Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2020
Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Inhalt
Nackte Tatsachen
Zum Silbernen Halbmond
Ein Sommer wie damals
Das prunkvolle Stiegenhaus,
die Gestalt am See und ein unsichtbarer Liebhaber
Der Hauskauf
Der Kampf mit der Krimi-Materie
Die Goldene Gans
Die Inbesitznahme des Hauses
Intermezzo
Aus dem Leben eines Autoverkäufers
Diamonds are a girl’s best friend
Das Plädoyer
Eine Hausführung der besonderen (langatmigen) Art
Im Zaunwissa
Das Ende eines schönen Traums
Der Fußballtraum
Krimi oder Wirklichkeit?
Die Teufelsgasse wird ihrem Namen gerecht
Ein Festnetztelefonat
Der letzte Traum
Kommissar Maigret betritt die Szene
Auf dem Land
Ein Handy-Telefonat
Verehrt sei Marlene Dietrich in alle Ewigkeit
Mittagessen bei Waagners
Ein Sonnenuntergang am Mondsee – Epilog
Charaktere
Nackte Tatsachen
Ich nannte mich Wolfgang W., oder es wäre korrekter zu sagen, meine Eltern hatten mich so genannt, hatten mir diesen Namen aufoktroyiert, auf dass ich fortan mit diesem Namen durch das Leben gehen musste. Wolfgang W., W. wie Oscar Wilde oder Winston Churchill. Es lag aber nicht an meinem Namen, dass mein Leben in der Folge nicht immer so verlief, wie ich mir dies vielleicht erträumt hätte. Denn anfangs hatte ich mir gar nichts erträumt. Ich lebte vielmehr so vor mich hin, verbrachte eine an besonderen Ereignissen sehr karge Kindheit, eine Jugend, deren Höhepunkt ein dritter Platz bei einem Oberklassenfußballturnier gewesen war, und schlitterte über den Umweg eines mir sicher nicht auf den Leib geschneiderten Studiums in meinen jetzigen Beruf eines Autoverkäufers. Eigentlich verkaufe ich eher Träume, denn wenn sich ein Österreicher mit all seinen Ersparnissen einen japanischen Sportwagen kauft, ist damit meist der Traum verbunden, dass sein neues Automobil in Wahrheit ein Porsche sei. Deshalb passieren auch immer so viele Unfälle mit japanischen Sportwagen: Deren Fahrer schließen beim Anblick des Fahrzeugemblems auf dem Lenkrad die Augen und bilden sich ein, sie lenkten das deutsche, für sie leider unerschwingliche Luxusfahrzeug.
Mein Job im Verkaufen von Autoträumen mag zwar helfen, die Träume vieler finanziell nicht so gut situierter Menschen zu verwirklichen – bis eben zu jenem Moment, wo sie auf der Autobahn die Augen schließen und in eine Leitplanke fahren –, mir hilft er lediglich, ein sorgenfreies, aber deshalb nicht unbedingt zufriedenes Leben zu führen. Warum ich vom Stadium der Zufriedenheit trotz einer reizenden Frau und zwei braven Kindern so weit entfernt bin, dürfte auch daran liegen, dass ich Autos im Grunde hasse. Am liebsten gehe ich zu Fuß, manchmal fahre ich auch mit dem Fahrrad. Um ein Auto mache ich außerhalb meines Jobs aber beständig einen großen Bogen. Es ist mir bewusst, dass es absurd klingt, dass ausgerechnet ich Autoverkäufer wurde. Aber man weiß ja, wie das läuft. Man ist zur falschen Zeit am falschen Ort, trifft dort die falschen Leute und schon hat man einen gut bezahlten, aber äußerst widerwärtigen Job. Es kommt immer wieder vor, dass ich auf dem Weg von der Teeküche, wo ich mir ein Glas Wasser hole, in mein Büro denke, ich müsste jetzt das Wasserglas an die Wand schleudern, um meine Frustration und Aggression gegenüber meinen Kollegen und potentiellen Kunden abzubauen. Dass ein Wechsel meines Arbeitsplatzes nur sehr selten in Erwägung gezogen wird, hängt mit meiner schon sprichwörtlichen Beharrlichkeit und jeglichen Änderungen abgeneigten Persönlichkeit zusammen. Wäre ich im antiken Griechenland geboren und hätte dort die Gelegenheit gehabt, mit Heraklit zu sprechen, ich hätte ihn gewiss davon abgehalten, das Leben als einen ständigen Fluss – von Überdrüssigkeiten? – zu brandmarken. Ich hätte alles dafür gegeben, dass es statt „Panta rhei“ „Vita est institio“ hieße oder wie es Heraklit eben auf Altgriechisch ausgedrückt haben würde.
Interessant und für mich im Nachhinein doch verwunderlich an jenem Ereignis, das ich kurz schildern möchte, war, dass es zu keinerlei Ängsten oder Unsicherheiten über die Zukunft führte. Obwohl es immerhin der Paradefall des Panta rhei war und mein stillstandgeprägtes Leben hätte erschüttern müssen, war es mir sehr willkommen, dass man bei einer Routineuntersuchung als sogenannten Zufallsbefund einige nicht sehr hoheitsvoll aussehende Veränderungen in meinem Gehirn und daran anschließend eine kleine Öffnung in meinem Herzen feststellte, die an einem Ort war, an dem sie nichts zu suchen hatte. Die damit verbundenen Krankenhausaufenthalte empfand ich sonderbarerweise als etwas überaus Glückhaftes. Im Besonderen die Möglichkeit, Thomas Manns Zauberberg in eben jener waagrechten Lage zu lesen, die für Castorps Leben offenbar auch die bevorzugtere Daseinsform zu sein schien, erfüllte mich mit einer gewissen Dankbarkeit. Dass ich dem Zustand der Zufriedenheit näher gekommen wäre, möchte ich in diesem Zusammenhang aber nicht behaupten.
Nach der Konfrontation mit dem Befund des ungehörig seit meiner Geburt nicht zugewachsenen Loches schien für mich klar zu sein, dass dieses Loch zu verschließen sei, so dies medizinisch durchführbar war. Da mir dies von vielen Seiten bestätigt wurde, die Folgen eines solchen Eingriffes darüber hinaus als überaus minimal vor Augen geführt wurden, galt mein weiteres Bestreben nur mehr dem Ziel, den Lochverschluss so schnell wie möglich hinter mich zu bringen. Über Freunde von Bekannten meiner Eltern stellte ich den virtuellen Kontakt zu dem den Eingriff vornehmenden Arzt her, ein persönlicher Termin ging sich vor der Operation nicht mehr aus. So lernte ich Dr. Fabregas nur telefonisch kennen, seine Stimme schien nichts Böses zu verheißen und auch der von ihm vorgeschlagene Termin „11. September“ – oder, wie er zu sagen pflegte, Nine Eleven – hatte für mich nichts Unbehagliches oder gar Abschreckendes an sich. Mir war nur wichtig, dass ich bald unter das Messer kam. Dabei zerstörte Dr. Fabregas aber gleich meine Vorstellungen von einer ernsthaft famosen Herzoperation, indem er erklärte, dass das Messer nur dazu diente, einen kleinen Schnitt zu setzen, um danach ein dünnes Schläuchchen in eine meiner Venen einzuführen, durch das man ein winziges Schirmchen in mein Herz einführen wollte, das dort für die Herstellung des von der Natur grundsätzlich vorgesehenen lochfreien Zustandes meines Herzens sorgen sollte. Wie der Eingriff im Einzelnen vonstattengehen würde, interessierte mich im Grunde nicht. Dennoch konnte ich die Details den seitenlangen Erklärungen, die ich später im Spital zu lesen bekam, entnehmen, um an deren Ende mit meiner Unterschrift auch noch zu bestätigen, dass ich letztlich damit einverstanden wäre, zu sterben, wenn die Operation oder der Eingriff nicht den geplanten und allgemein voraussehbaren Verlauf nehmen sollte.
Als ich einen Tag vor dem 11. September ins Krankenhaus einrückte, traf ich dort Olga Flor, die einen Freund besuchen wollte. Obwohl wir seit den gemeinsamen Schultagen, die auch ein paar gemeinsame Stunden auf einem Skilager und in einem schon seit Jahren der Vergangenheit angehörenden „Lion’s Pub“ einschlossen und gut zwanzig Jahre zurücklagen, kein Wort mehr miteinander gewechselt hatten, entwickelte sich ein angeregtes Gespräch. Gespräch mag vielleicht nicht der treffendste Ausdruck sein, denn tatsächlich erzählte sie mir eine Geschichte nach der anderen, ohne dass ich auch nur einmal zu Wort kam. Ich wusste daher auch nicht, ob sie mir Begebenheiten aus ihrem Leben oder aus einem ihrer bereits geschriebenen oder noch der Niederschrift harrenden Bücher erzählte. Natürlich war ich geschmeichelt, dass sie mich nach all den Jahren überhaupt noch erkannt und eines Wortwechsels für würdig befunden hatte. Schließlich hatte sie es zu etwas gebracht, nicht nur zu einem abgeschlossenen Physikstudium, sondern auch zu drei vollendeten Romanen, einem Platz auf der Longlist für den deutschen Buchpreis 2008 und zu regelmäßiger Erwähnung in den österreichischen Tageszeitungen. Wenn gelegentlich ein japanischer Sportwagen in einen Unfall verwickelt war, dessen Fahrer ein Opfer meiner „Traumverkäufe“ gewesen war, so hielten es die Zeitungen zum Glück nie der Rede wert zu erwähnen, von wem das Unfallauto verkauft worden war.
Ich war unleugbar beglückt, den Erzählungen einer echten Schriftstellerin lauschen zu dürfen, auch wenn der Redeschwall nach einer Weile im gesteigerten Ausmaß ermüdend wurde und ich darob außerdem meinen Termin für die Voruntersuchung versäumte. Sollte meine Operation nicht so erfolgreich verlaufen, wie mir dies Dr. Fabregas in Aussicht gestellt hatte, sondern eher eine solche Wendung nehmen, wie es die von mir unterschriebene Einverständniserklärung für durchaus möglich erscheinen ließ, so würde ich jedenfalls die Erzählungen einer jungen, aufstrebenden Dichterin mit ins Jenseits genommen haben.
Als es schließlich ernst wurde und ich nur mit einem Spitalsnachthemd bekleidet im Vorzimmer zum Operationssaal auf meinem Bett lag, wurde mein Denken von einem einzigen Gedanken geprägt: Was würde geschehen, wenn ich während der Operation plötzlich den Drang verspüren sollte, auf die Toilette zu müssen? Da ich sehr lange warten musste, bis ich endlich in den OP geschoben wurde, schien es nicht so abwegig zu sein, dass das von mir Befürchtete auch tatsächlich eintrat. Dass die Gabe einer hinreichend großen Dosis eines Narkotikums das Entstehen des mir so bedrohlich erscheinenden Dranges allenfalls verhindern würde, kam mir nicht in den Sinn. Auch jetzt würde ich nicht ausschließen, dass die mir damals noch bevorstehende, jetzt schon lange zurückliegende Narkose mein Problem doch nicht gelöst haben würde. Was verwunderlich war: Ich dachte nicht an den Erfolg oder Misserfolg der anstehenden Reparatur meines Herzens, sondern nur an das zuvor Erwähnte. Wahrscheinlich machte dies aber die langsam verrinnenden Minuten im Vorzimmer genauso schwer erträglich wie die in dieser Situation viel näher liegende Angst vor dem als möglich dargestellten Ergebnis der Operation.
Nach einer allenfalls durch technische Gebrechen verursachten und mir als Unendlichkeit erscheinenden Wartezeit schob man mich in den OP, wodurch meine Gedanken naturgemäß etwas abgelenkt waren, die Situation insgesamt sich jedoch leider nicht entspannte. Nun trat das unvermeidliche Ereignis immer näher an mich heran, man beraubte mich meines ohnehin schon sehr dürftigen Nachthemdes und begann, die der Tunnelöffnung für mein Schirmchen entgegenstehenden Schamhaare abzurasieren. Meinem Ersuchen nach ein wenig wärmenden Textilien – den Schwestern und dem später herantretenden Ärzteteam mochte es angesichts der anstehenden Arbeit warm gewesen sein, ich hingegen fror, nicht zuletzt wegen der mir verordneten Bewegungslosigkeit – kam man zwar nach, dennoch fühlte ich mich sehr nackt auf dem OP-Tisch. Und ich war es ja wohl. Dabei verließ mein Bewusstsein im Laufe der nächsten Vorbereitungshandlungen allmählich den Ort des Geschehens, man ließ die Wohltat der Narkose durch eine Leitung in mich fließen, bevor man das berühmte Schirmchen durch das fachgerecht verlegte Kanalrohr in mein Herz einführte. Dr. Fabregas dürfte den OP erst betreten haben, als ich mich schon teilweise in meine Traumwelt verabschiedet hatte. Dunkel tauchte in späteren Jahren sein von einem riesigen Mundschutz verhängtes Gesicht vor meinen Augen auf. Da ich ihn weder davor noch später je persönlich in wachem Zustande getroffen hatte, beruhten meine diesbezüglichen Erinnerungen wohl nur auf der Annahme, dass es Dr. Fabregas gewesen sein musste. Denn anders als bei traditionellen Fahrzeugkontrollen durch die Polizei wies sich Dr. Fabregas mir gegenüber nicht durch einen Lichtbildausweis aus. Selbst wenn er dies getan hätte, wäre ein Vergleich des Ausweisbildes mit der Wirklichkeit durch die Operationsverkleidung des Arztes nur schwer möglich gewesen. Damals hatte ich aber keinen Grund, an seiner Identität zu zweifeln. Auch an seinen Fähigkeiten, die man zuvor schon vielfach gelobt hatte, hatte ich keinen Zweifel. Ich ergab mich ohne erlebnisstarke Gefühle dem da Kommenden und war bloß dadurch peinlich berührt, dass der Gedanke an den plötzlich notwendigen Toilettenbesuch die schönen Geschichten Olga Flors zu überlagern drohte.
Als mein Geist den OP verlassen hatte, wurde ich dadurch entschädigt, dass ich davon träumte, in einem der Spitalsgänge lustzuwandeln. Es war ein beinahe schwereloses Hinweggleiten über den kalten Boden. Mein Blick streifte die Patienten, die in ihren Betten auf den Gängen ihrer weiteren Bearbeitung harrten, und die zwischen ihnen emsig umherschwirrenden Krankenschwestern und Ärzte. Da ich meinen Spaziergang dazu nutzen wollte, ein mir verschriebenes Medikament zu nehmen, vertiefte ich mich in die Lektüre des Beipackzettels. Dieser legte mir nahe, das Medikament, das ein einer Zahnpaste nicht unähnliches Gel war, auf dem Beipackzettel selbst, und zwar entlang des aus zwei Worten bestehenden Namens des Medikamentes aufzutragen. Ich bestrich den Beipackzettel daher mit dem Gel, konnte danach aber die weiteren Anwendungsvorschriften nicht mehr lesen. Ich fragte eine mir entgegenkommende, wohl nicht unattraktive Patientin oder Krankenschwester, wie ich das Medikament nun zu mir nehmen solle. Sie fuhr mit ihren Fingern über den Beipackzettel und wischte das Gel davon ab, sodass es sich auf ihren Fingern befand. Diese steckte sie mir in den Mund. Ich schleckte sie – genussvoll? – ab. Dies wiederholte sich mehrmals, bis das ganze auf dem Beipackzettel befindliche Medikament in meinen Körper eingedrungen war. Ob zu diesem Zeitpunkt das Schirmchen mein Loch im Herzen in der Realität bereits verschlossen hatte, konnte ich nachträglich nicht mehr eruieren.
Zum Silbernen Halbmond
Finda, Fabregas und Blassnig saßen wie immer am Donnerstag im Silbernen Halbmond und tranken ihr Bier. Finda war ein leidlich erfolgreicher Anwalt in Linz, hatte stets einen grünen Trachtenanzug an und fuhr einen farblich darauf abgestimmten Puch G. Er war nicht allzu groß, für sein Alter aber noch mit ziemlich vielen Haaren gesegnet, sodass man ihn zumeist jünger schätzte, als er tatsächlich war. Dafür war es schon des Öfteren vorgekommen, dass man ihn ob seiner hohen Fistelstimme am Telefon für eine Frau gehalten hatte, was seinem sehr stark ausgebildeten Selbstbewusstsein für ein paar Augenblicke einen kleinen Dämpfer versetzte. Sein herausragendes Merkmal war eine ausgesuchte Höflichkeit, die in krassem Gegensatz zu seinen verschlagenen Gesichtszügen stand und nichts Gutes verhieß. Vielleicht war es diese wie aufgesetzt wirkende Höflichkeit, die jeden, der ihn zum ersten Mal traf, misstrauisch werden ließ. Und dieses Misstrauen ließ in der Regel auch später nicht nach, wenn man Finda länger kannte, denn die Diskrepanz zwischen seinen einschmeichelnden Worten und seinen tatsächlichen Handlungen bewies Findas wahren unlauteren Charakter. So kam es auch, dass er trotz seiner Redegewandtheit und einer für Rechtsanwälte überdurchschnittlichen Kenntnis der diversen Rechtsgebiete letztlich vor Gericht in den meisten Fällen den Kürzeren zog. Denn die Richter vermuteten hinter seinen salbungsvollen Worten stets etwas anderes, als diese ausdrückten. Und in den meisten Fällen hatten sie auch Recht, Findas Mandanten bekamen Unrecht und Finda sein Honorar. Da er es aber auch nach verlorenen Prozessen verstand, seine Mandanten durch seine Höflichkeitsfloskeln von der Realität abzulenken, kamen einige immer wieder zu ihm zurück, um auch im nächsten Prozess zu verlieren.
Seit Kindheitstagen war er mit dem dickbäuchigen Blassnig befreundet, einem seit Kurzem in Frühpension befindlichen Mittfünfziger, der es in seiner aktiven Zeit vom Sportwagenfahrer zum massierenden Besitzer eines physiotherapeutischen Ambulatoriums gebracht hatte. Da er von seiner Jugend an stets auf zu großem Fuße, welcher in der Regel in genagelten handgefertigten Schuhen steckte, gelebt hatte, war der Konkurs seines Unternehmens unvermeidlich gewesen. Dies minderte Blassnigs Lebensfreude aber nicht sonderlich, als er sich kurzerhand in den keineswegs wohlverdienten Ruhestand verabschiedete. Aus sozialversicherungsrechtlicher Sicht wäre dies naturgemäß nicht möglich gewesen. Aber eine der drei Lebensgefährtinnen, die er zur damaligen Zeit sein eigen nannte, machte es ihm möglich. Sie versprach ihm, als Sekretärin in einem oberösterreichischen Leitbetrieb noch mehr zu arbeiten und noch weniger für sich selbst auszugeben. Auf diese Weise konnte Blassnig weiterhin Maßanzüge beim alten Schneider Baseltov in der Bergschlösselgasse kaufen, teure, wenngleich geleaste Autos fahren und dicke Zigarren rauchen. Dass Blassnig in jungen Jahren ein Gigolo der besonderen Art gewesen sein mag, war angesichts seiner jetzigen Beleibtheit nicht leicht vorstellbar, zumindest war seine leicht angegraute, auf eineinhalb Zentimeter gestutzte Haarpracht von solcher Art, dass man versucht war, wie bei kleinen Kindern mit der Hand darüber zu streichen und leise „Mein Bärli!“ zu flüstern. Ein weiteres Charakteristikum Blassnigs war sein unorthodoxer Gebrauch des Besteckes, den er auch seinen Kindern teils erfolgreich weitergegeben hatte. Als sich ein Bekannter Blassnigs über die Ursache und den Zweck dieser Eigenheit Klarheit zu verschaffen versuchte, fand er eine der Wahrheit sehr nahe kommende Erklärung bei Thomas Bernhard: „Der Emporkömmling hatte sich eine aristokratische Eßweise angewöhnen wollen und ist in einem grotesk-komischen Besteckgebrauch steckengeblieben.“ (Holzfällen)
Der Dritte des donnerstäglichen Stammtisches im Silbernen Halbmond war Dr. Fabregas, ein auf Herzkathederuntersuchungen und Herzeingriffe mittels Katheder spezialisierter Oberarzt im Krankenhaus der Elisabethinen. Er hatte schütteres Haar, eine Brille, die stets schief auf seiner Nase saß, und eine sehr attraktive Frau. Seine Heirat mit Marla Tannhäuser, einer über die Grenzen von Linz hinaus nicht allzu weit bekannten Film- und Literaturkritikerin, hatte ihm nicht nur zwei Kinder, sondern auch einen Nebenjob im Ambulatorium seines Schwiegervaters, des Primarius Tannhäuser, gebracht. Die Ironie des Schicksals hatte es mit sich gebracht, dass das Tannhäuserische Herzambulatorium in jenen Räumlichkeiten untergebracht war, in welchen Blassnig seine große Karriere als Heilmasseur begonnen und sein „Ambulatorium an der Donau“ untergebracht hatte. Fabregas konnte es sich ob seines zweiten Jobs und der damit verbundenen Aussicht auf Nachfolge in der Leitung des Herzambulatoriums leisten, seine Tätigkeit bei den „Liesl’n“, wie das Krankenhaus der Elisabethinen landläufig genannt wird, mehr als Hobby denn als ernsthafte Beschäftigung mit der Materie zu betrachten. Konsequenterweise zeigte sich dies insbesondere im Umgang mit den Patienten, die er als notwendiges Übel ansah und nur insofern duldete, als sie ihm jene Herzen zur Verfügung stellten, in welche er so gerne – von Ultraschallbildern begleitet – mit seinen Schirmchen und sonstigen medizinischen Heilbehelfen eindrang. Wenn die Patienten ihr Herz am Eingang des OP abgegeben hätten und während der Kathedereingriffe draußen im Wartezimmer geblieben wären, während er mit den diversen Unzulänglichkeiten seines Lieblingsorgans spielte, wäre ihm dies wohl Erfüllung all seiner Träume gewesen. Abgesehen von seiner insofern unkonventionellen Patientenbehandlung wurde er unter seinen Kollegen als sehr kenntnisreicher Spezialist auf seinem Schirmchen-Gebiet respektiert, wegen seiner Penetranz in anderen Bereichen und vor allem seiner Unfähigkeit, Terminpläne einzuhalten und mit den computerunterstützten Informationssystemen umzugehen, allerdings mit großen Vorbehalten betrachtet und als Kollege alles andere als geschätzt. Dies war auch einer der Gründe, weshalb ausgerechnet er ein guter Freund von Finda und Blassnig geworden war. Mit Finda hatte er bereits bei ihrem ersten Treffen anlässlich einer Ausfahrt der Puch-G-Freunde zu den Mostheurigen im Alpenvorland die chemische Übereinstimmung ihrer beider Unaufrichtigkeiten festgestellt. Und als er vor zwanzig Jahren das erste Mal auf Blassnigs Massagetisch gelegen war, stellte sich mit diesem eine fast unzeitgemäße Übereinstimmung ihrer Ess- und Trinkgewohnheiten heraus. Zu Fabregas‘ Vorteil führten bei ihm die zahlreichen gemeinsamen Ess- und Trinkgelage mit Blassnig nicht zu solchen körperlichen Verformungen wie bei Blassnig. Fabregas konnte essen und trinken, was und so viel er wollte, er nahm kein Kilogramm zu.
Die drei hatten an diesem Abend bereits jeder sechs Krügerl hinter sich und starrten ein wenig stier auf die Tischplatte vor sich.
„Darf es noch eine Runde für die drei Peter sein?“, fragte der Wirt und wollte sich daran machen, drei weitere Krügerl mit Bier zu füllen. Blassnig rülpste und meinte, dass sie nun genug Bier getrunken hätten und dass es an der Zeit für etwas Erfrischendes sei, zum Beispiel sechs vierfache Heidelbeerschnäpschen. Der Wirt brachte das Gewünschte, die drei hoben die Gläser und stürzten sie in ihre Schlünder. Sie holten kurz Luft und setzten jeder das zweite Glas nach.
„Wie wäre es, wenn jeder von uns vor der nächsten Schnäpschen-Runde eine heitere Anekdote aus seinem Leben erzählt?“, fragte Finda die beiden.
„Gute Idee, ich fange gleich an, denn dieser Heidelbeerschnaps hat mir gerade wieder mein Gedächtnis zurückgegeben, das ich schon im Bier verloren zu haben glaubte“, sagte Fabregas.
„Ihr wisst ja, dass ich mich in den letzten Jahren auf diese Schirmchenoperation spezialisiert habe, diesen Verschluss des Loches zwischen den beiden Vorhofkammern im Herz, das bei manchen Menschen nach der Geburt nicht zusammenwächst. Ich glaube, dass ich in den letzten drei Jahren ungefähr hundertfünfzig solche Eingriffe durchgeführt habe, die alle vollkommene Erfolge waren.“
„Das heißt, hundertfünfzig nackte Patienten auf dem OP-Tisch, hoffentlich mehr Patienten als Patientinnen! Herz, was willst du mehr?“, unterbrach Blassnig den Fabregas in dessen Erzählung.
„Sehr witzig. Jedenfalls letzten Herbst, ausgerechnet zu Nine Eleven, ist mir ein kleiner Patzer passiert. Wahrscheinlich war ich von unserem Donnerstagstammtisch davor leichtgradig ermüdet. Denn beim Einführen des Schirmchens zitterte meine Hand und das Schirmchen fiel mir mitten im Katheder von der Greifzange. Das kommt zwar zuweilen vor und ist im Grund auch kein gravierendes Problem. Wir holen das Schirmchen wieder aus dem Katheder – Kollege Xaver ist darauf schon spezialisiert, weil er schon etliche meiner Schirmchen wieder herausholen musste – setzen es noch einmal auf die Greifzange und wiederholen die ganze Prozedur. Da es aber auch beim zweiten Versuch herunterfiel, gesellte sich zu meinem kleinen Kater vom Vortag doch eine gewisse Nervosität. Ich nahm mir vor, das Schirmchen beim dritten Versuch unbedingt in einem Zug an den vorgesehenen Ort zu bringen. Das gelang mir auch, aber ich konnte es nicht so hundertprozentig platzieren. Das Schirmchen verschloss das Loch zwar größtenteils, aber nicht zur Gänze. Da wir bereits drei Versuche hinter uns hatten, wollte ich nicht noch einen weiteren riskieren. Außerdem war es bereits um die Mittagszeit und ich hatte einen riesigen Hunger. Wir beendeten den Eingriff, weil er ja zumindest zu 7/8 erfolgreich war, und ich gönnte mir einen Riesenteller gebratener Calamari im Klosterhof.“
„Und was ist an der Geschichte so Außergewöhnliches, dass du uns damit langweilst?“, fragte Finda.
„Warte! Stellt euch vor, einige Monate später ruft mich dieser Patient an und meint, er habe von seinem Internisten erfahren, dass mein Eingriff nicht „first class“ gewesen sei. Stellt euch das vor, nicht „first class“? Ich musste mich zusammenreißen, um nicht schallend zu lachen. Denn so eine nette Verharmlosung für einen reichlich vermurksten Eingriff habe ich noch nie gehört. Natürlich musste ich versuchen, ihn irgendwie wieder loszuwerden. Ich sagte ihm daher, dass ich das nicht glauben könne, da der Eingriff meiner Erinnerung nach optimal verlaufen sei. Ich vertröstete ihn damit, dass ich erst die Bilder vom Eingriffstag mit jenen seiner Nachuntersuchung, bei der man auf den nicht vollständigen Verschluss des Loches gestoßen war, vergleichen wollte, bevor ich eine Aussage dazu treffen könne. Der idiotische Patient hat mich inzwischen zwar bereits mehrfach angerufen bzw. anzurufen versucht. Aber bisher konnte ich ihn damit hinhalten, dass ich die Bilder wegen Serverproblemen noch nicht gefunden habe. Bei meinem letzten Telefonat habe ich angedeutet, dass ich die Bilder vielleicht gar nicht mehr finden werde, weil sie im virtuellen Nirwana der IT verschwunden sein könnten. Aber was sagt ihr zu dem Ausdruck „nicht first class“, ist der nicht sensationell?“
„Meinst du, dass dies der neue juristische Ausdruck für einen Kunstfehler werden könnte?“, fragte Finda, der dem Wirt das Zeichen für die nächste Heidelbeerschnäpschen-Runde gab.
„Apropos Juristerei“, warf Blassnig ein, „ich habe zurzeit wieder einmal einen unerquicklichen Prozess anhängig.“
„Wie bitte? Und ich weiß davon gar nichts?“, unterbrach ihn Finda mit gespielter Entrüstung. „Ich dachte, dass ich dein Haus- und Hofanwalt bin?“
„Aber Peter, beruhige dich! Es ist ja bloß ein außerstreitiges Verfahren, bei dem man als Anwalt ohnehin nichts Ordentliches verdienen kann. Das habe ich dem Oberfettinger angehängt, der war mir noch einen Gefallen schuldig. Und da er sich ja nicht nur bei Scheidungen auszukennen scheint, dachte ich mir, wird er mir da auch helfen können“, fuhr Blassnig fort.
„Worum geht es denn in deinem Verfahren?“, fragte Fabregas neugierig.
„Ich habe schon wieder einen Unterhaltsprozess am Hals.“
„Was, in deinem Alter? Schau mir einer an!“ Finda schüttelte lachend den Kopf und leerte den dritten vierfachen Heidelbeerschnaps.
„Ja, schön wäre es, wenn es ein aktueller Fall wäre, will heißen, ein Kind beträfe, das ich vor Kurzem in die Welt zu setzen geholfen hätte. Aber leider hat es mein zwanzigjähriger Sohn Karl für notwendig empfunden, mich auf Alimente zu verklagen. Ihr wisst schon, das ist dieses undankbare Kind von Gerti, die vor zehn Jahren diesen Autoverkäufer geheiratet hat. Ich habe in den letzten zehn Jahren überhaupt keinen Kontakt zu dem Buben gehabt und jetzt kommt er und will von mir plötzlich ein Geld. Aber eines muss ich sagen: Der Oberfettinger ist wirklich genial! Der hat zu mir gesagt: ‚Kein Problem, wir bestreiten einfach die Vaterschaft.‘ Habe ich ihn gefragt, ob das nicht schwierig ist, wenn ich vor zwanzig Jahren ein Vaterschaftsanerkenntnis abgegeben habe. Sagt der Oberfettinger: ‚Kein Problem, wir behaupten einfach, dass die Gerti das Anerkenntnis damals erschlichen hat.‘“
„Aber Peter, das wird doch nicht so einfach sein, zwanzig Jahre nach dem Anerkenntnis plötzlich zu sagen, dass du nicht der Vater bist. Hast du denn jemals Zweifel gehabt, dass du nicht der Vater bist?“, fragte Finda seinen Freund.
„Aber geh, Peter! Natürlich bin ich der Vater, sonst hätte ich doch nie das Anerkenntnis abgegeben. Du kennst die Gerti zwar nicht, aber ich kann dir sagen, die ist damals so auf mich abgefahren, da gab es nicht den geringsten Verdacht, dass sie etwas mit einem anderen Mann gehabt hätte. Du darfst da nicht von mir auf meine Freundinnen schließen. Das waren zwar alles mehrseitige Verhältnisse, aber immer nur von meiner Seite aus gesehen. Die Mädchen und Frauen, die ich mir angelacht habe, die glaubten immer ganz fest an mich und waren so wahnsinnig in mich verliebt, dass da kein Gedanke je für einen anderen Mann blieb. Erst nach ein paar Jahren, meist, wenn sie allmählich dahinterkamen, dass sie mich mit anderen Frauen teilen mussten, kühlte ihre bedingungslose Liebe leise ab. Aber auch nicht bei allen. Rosi und Laetitia zum Beispiel haben mir bis heute die Treue gehalten. Na, jedenfalls hat der Oberfettinger gemeint, es genügt, wenn wir dem Gericht sagen, dass ich den Karl in der Verhandlung über die Unterhaltszahlung zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder gesehen habe und mir dabei aufgefallen ist, dass er mir überhaupt nicht ähnlich sieht. Und als weiteres schlagendes Argument werde ich darauf hinweisen, dass die Gerti kurz nach ihrer Trennung von mir sofort diesen Autoverkäufer geheiratet hat. Das ist doch ein sehr starkes Indiz dafür, dass sie es mit der Treue nicht so genau nimmt.“
„Aber die Heirat mit diesem anderen Mann fand immerhin zehn Jahre nach der Geburt deines Kindes statt, oder nicht?“, warf Finda ein.
„Ja, eigentlich schon. Aber der Oberfettinger hat behauptet, dass er schon einige Vaterschaftsanerkenntnisse mit dieser Masche aus der Welt geräumt hat.“
„Und was ist mit den medizinischen Vaterschaftstests, sind die vor Gericht nicht mehr relevant?“, wollte Fabregas wissen und orderte beim Wirt eine weitere Heidelbeerschnäpschen-Runde.
„Grundsätzlich schon. Dem werden wir uns aber dadurch entziehen, dass ich einen Antrag auf Verfahrenshilfe wegen Vermögenslosigkeit stellen werde. Wenn dieser genehmigt wird, werde ich keinen Kostenvorschuss für den medizinischen Test zahlen müssen. Die sollen nämlich ziemlich teuer sein. Und wie ich Gerti kenne, wird sie sicher nicht gewillt sein, den gesamten Kostenvorschuss alleine zu berappen.“
Finda schüttelte den Kopf und murmelte: „Wenn du dich da nur nicht täuschst, mein lieber Freund. Ich habe ja schon viel Unglaubliches vom Oberfettinger gehört. Aber das war stets im Zusammenhang mit seinen Auftritten im Straflandesgericht. Dort hat er sicher schon einige grausame Mörder und unmanierliche Triebtäter vor dem Gefängnis bewahrt. Aber so richtig überzeugt bin ich von eurer Strategie nicht.“
Die Hitze lag schwer auf Peter Waagners Schultern, der gemeinsam mit seinem Freund Robert Wullner seine morgendliche Runde um den Mondsee lief. Zwei Schwäne schwammen stolz im See, für die Waagner aber kein Auge hatte. Denn er kämpfte mit der Luft und gab diesen Kampf schließlich auf. Das letzte Drittel ging er mit Wullner zu Fuß.
„So oder so ähnlich könnte mein Krimi beginnen“, meinte Waagner zu seinem Freund, nachdem er ihn beim Gehen mit dem ersten Kapitel seines noch zu schreibenden Buches beglückt hatte. Wullner meinte nur lakonisch, ob da nicht bereits zu Beginn den Leser die Langeweile erdrücken könnte.
Ein Sommer wie damals
Merkwürdig war doch, dass man im wirklichen Leben, wenn man nicht gerade Polizist, Anwalt oder Richter war, gar nie mit Toten in Berührung kam. Natürlich, auch Ärzte, Totengräber und Versicherungsangestellte hatten gelegentlich mit Toten, Morden und Selbstmorden zu tun. Aber es wäre interessant zu wissen, dachte Peter Waagner, ob es in der Realität überhaupt so viele Morde gab wie in all den Krimis, die auf der ganzen Welt gerade geschrieben wurden. Die Mordstatistik für Österreich soll im Jahr 2014 von rund 150 Morden gesprochen haben. Darunter wären zwar gelegentlich Morde gewesen, die auch einem nicht unmittelbar mit der Unterwelt in Berührung Stehenden hätten passieren können. So zum Beispiel, wenn man spät abends von einem Discobesuch mit dem Taxi nach Hause fuhr, die letzten hundert Meter zu Fuß gehen wollte, um vor dem Einschlafen noch ein wenig Luft zu schnappen, und dann aus einem vorbeifahrenden Auto ohne jeglichen Grund erschossen wurde. Abgesehen davon, dass ein solcher Mord aus Jux und Tollerei für einen Krimi nicht sehr ergiebig gewesen wäre, hätte Waagner als normales kleinbürgerliches Mitglied der österreichischen Gesellschaft, der seinen Lebensunterhalt als überzeugend fabulierender und somit recht erfolgreicher Autoverkäufer verdiente, noch so oft einen Krimi lesen können, im wahren Leben wäre er nie über eine Leiche gestolpert. Denn die würden üblicherweise und in aller Regel in alten Weinpressen, in Häckselmaschinen, in alten Schlössern und in Kanalschächten, so diese in der Nähe von Freudenhäusern situiert waren, liegen. Und solche Orte lagen im Allgemeinen nicht auf Waagners Jogging-Runden.
Warum sich Waagner in den Kopf gesetzt hatte, in seinem Urlaub, den er am Mondsee verbrachte, ausgerechnet einen Krimi zu schreiben, war ihm inzwischen schon wieder entfallen. Wollte er darin vielleicht ein Verewigungsverfahren (Robert Musil) seiner selbst gefunden haben? Mitausschlaggebend könnte naturgemäß gewesen sein, dass er – offenbar wie viele andere Österreicher auch – einem Beruf nachging, der ihn geradewegs in die Arme eines Psychiaters geführt hätte, wäre es ihm nicht um das Honorar für einen solchen, wohl sich wiederholenden Arztbesuch zu schade gewesen. Waagner war ein quartalsweise frustrierter Autoverkäufer, der zwar im Verkauf von japanischen Sportwagen sehr erfolgreich zu sein schien, darin aber nur wenig Genugtuung fand und sich stets die Frage stellte, weshalb er überhaupt Germanistik studiert hatte. Nicht nur, dass dieses Studium auf eine mehr oder weniger brotlose Zukunft ausgerichtet war, falls man nicht den Fehler begangen haben würde, in irgendeinem Schulgebäude den Schülern zum Fraße vorgeworfen zu werden, sondern es schien ihm überdies seit den ersten Tagen an der Universität die unbeschwerte Lektüre von Literatur verleidet zu haben. Waagner konnte keine Seite eines Buches lesen, ohne Satzgefüge und Stil, Entstehungsgeschichte und Semantik, Rechtschreibung und Grammatik zu analysieren und ohne sich stets zu fragen, ob es sich beim jeweiligen Schriftsteller um ein Genie, einen Handwerker oder gar einen Psychopathen gehandelt hatte. Zu Beginn seiner Berufslaufbahn war ihm der Verkauf von Gebrauchtwagen als reinste Katharsis nach den geistig intensiven Tagen an der Universität und den durchzechten Nächten in den Studentenlokalen der Bundeshauptstadt erschienen. Der ihm wie ein Geschenk in den Schoß fallende Erfolg bei den Autoliebhabern ließ ihn anfangs für kurze Zeit vergessen, dass er sich sein akademisch ausgebildetes Leben anders vorgestellt hatte. Das irrwitzige Ausmaß seiner mit jedem Verkauf steigenden Provisionen, der Wechsel vom Gebrauchtwagen- in den Neuwagenbereich, der Übertritt von der italienischen defektanfälligen Modellpalette zur qualitativen japanischen Spitze und schließlich zur Verkaufsleitung hatten viele Jahre darüber hinweggetäuscht, dass Waagner sein Leben gleichermaßen vollständig verpfuscht hatte. Auch er war dem schnöden Mammon erlegen, fuhr schauerlich-prachtvolle japanische Luxusgefährte, lebte in einer respektablen Eigentumswohnung und leistete sich eine liebreizende Frau und zwei Kinder. Der Schein war perfekt, würde man gesagt haben, unter der Oberfläche hatte es seit einiger Zeit jedoch zu brodeln begonnen.
So überraschend mag der Wunsch, einen Krimi zu schreiben, dann wohl doch nicht gewesen sein. Hätte er Betriebswirtschaftslehre studiert, wäre ihm vielleicht die Idee gekommen, nach den abstoßend-prickelnden Grenzerfahrungen der Finanzkrise seinen Job überhaupt sein zu lassen und in das Investment Banking zu wechseln. Und hätte er sein Geld als Arzt in einem AKH verdient, wäre jetzt sicherlich der Zeitpunkt gekommen gewesen, um in Afrika oder im Regenwald Brasiliens Arzt ohne Grenzen und Verantwortung zu spielen. Aufgrund seiner germanistischen und teils auch germanischen Herkunft blieb ihm aber nichts anderes übrig, als seine blödsinnige und abgeschmackte Idee eines Buches während seiner Urlaubswochen in die Tat umzusetzen. Dabei war zu berücksichtigen, dass er sich dem Thema „Buch“ nicht zum ersten Mal anzunähern gedachte. Zuvor hatte er sich, wie er sich nachträglich einzugestehen hatte, bereits einmal in einem Anfall völliger Verzweiflung über sein automobilabhängiges Dasein an der Paraphrasierung einer kurzen Geschichte Joseph Roths versucht. Dass ihm diese sehr gut gelungen sei, hatte er sich während des Schreibens und kurz danach stets einzureden versucht. Er hatte in diesem Zusammenhang sogar kurzfristig daran gedacht, eine neue Kategorisierung von Büchern in den literarischen Kunstbetrieb einzuführen, etwas, das für Waagner als typisch bezeichnet werden konnte. Er war vom literarischen Kunstbetrieb so weit entfernt wie Österreichs Fußballnationalmannschaft vom Gewinnen der Weltmeisterschaft und dachte bereits an den möglicherweise zu führenden öffentlichen Diskurs über seine noch zu schreibenden Bücher und seine eigenen Beiträge hierzu!
Waagner stellte sich vor, zum Beispiel im Rahmen der Präsentation seines Buches auf der Frankfurter Buchmesse über die verschiedenen Funktionsbücher referieren zu wollen: Dabei würde er Gebrauchsanweisungen als Algebra-Bücher bezeichnen. Juristische Gebrauchstexte, wie zum Beispiel Vertragsauslegungen, wären demnach Geometrie-Bücher gewesen. Vektor-Bücher könnten laut Waagner solche Bücher sein, die von ihren Urhebern nur deshalb geschrieben werden, um damit Geld zu verdienen. Wollte man mit einem Buch unmittelbar das eigene und das Leben nahestehender Personen zu beeinflussen versuchen, so würde Waagner ein solches Buch als Integral-Buch bezeichnen. Und schließlich gab es noch die Differential-Bücher, mit deren Hilfe Autoren persönliche Ereignisse, Verluste und sonstige Tragödien zu verarbeiten und damit zu überwinden trachteten. Als Integral-Buch würde Waagner, hätte er außerhalb des Genfer und des Pariser Autosalons je hierzu die Gelegenheit gehabt, eben seine Paraphrase auf Joseph Roths Legende vom heiligen Trinker sehen wollen. Bei Waagner hieß die Geschichte übrigens Die Legende vom einfältigen Ehebrecher. Als Integral-Buch hätte sie ihm Mittel dazu sein sollen, bestimmte Personen seiner näheren Umgebung im Sinne dieses Buches zu beeinflussen. Der „Erfolg“ war überwältigend gewesen: Marla Tannhäuser, eine von Waagner in Jugendtagen sehr verehrte Studienkollegin, die inzwischen zur angesehenen Literaturkritikerin avanciert war, hatte neben vier Verlagen als Einzige das Buch zu lesen bekommen und verriss es – leider nicht öffentlich – in den höchsten Tönen. Von den Verlagen, die Waagner mit seinem Manuskript belästigt hatte, schrieben ihm zwei einen ingrimmigen Serienablehnungsbrief, einer bedankte sich für die „interessante Geschichte vom einfältigen EINBRECHER“, ein weiterer blieb stumm und die restlichen hundert von ihm nicht kontaktierten Verlage konnten ihr Glück nicht fassen, nichts davon zu wissen, dass sie sich das Porto für das Ablehnungsschreiben erspart hatten. Die Niedergeschlagenheit Waagners ob dieses erstklassigen Nichterfolges seines literarischen Erstlings machte sich gegenüber der Enttäuschung über die Erkenntnis, dass die besten Literaturkritiker den wahren Gehalt eines Buches nicht erkannten, nur minimal aus. Dass er das Buch für Marla Tannhäuser geschrieben hatte, um mit ihr wieder in Kontakt zu kommen, war von dieser mit höchster Ignoranz gewürdigt worden.
Wahrscheinlich war dies auch der Grund, weshalb sich Waagner bei seinem zweiten literarischen Versuch nun in ein Vektor-Buch zu stürzen beabsichtigte, wohlwissend, dass die Chance, damit wirklich Geld zu verdienen, grenzwertig gegen Null ging. Dass er dabei gleich zu Beginn mit den wesentlichen Problemen der Kriminalliteratur konfrontiert war, schien seine diesjährige Sommerurlaubslaune nicht gerade zu fördern. Denn zuerst musste er sich naturgemäß über die Personen seines Krimis klar werden. Es mussten zumindest so viele sein, dass ungefähr fünf bis sieben als potentielle Mörder in Frage kamen. Das war gar nicht so einfach, denn bei so vielen Verdächtigen musste er sich auch ebenso viele Motive aus den Fingern saugen. An klingenden Namen für seine Verdächtigen fehlte es Waagner nicht: Alexis Bubat, ein vom Schicksal stark gebeutelter Installateurgeselle, Laetitia Huncar, eine Zigeunerin mit sieben Kindern, Walter Yvtoncic und David Smeralnov, zwei Freunde von Bubat, ein namenloser Schotte und Josef Kella, der ehemalige Marketingleiter eines Autohauses, der inzwischen einer Werbeagentur vorstand. Zu viele Personen durften es wiederum auch nicht sein, denn sonst wären seine Leser, von deren intellektuellen Fähigkeiten Waagner noch keine genaue Vorstellung hatte, zu schnell überfordert. Durch eine nur bedingt repräsentative Umfrage unter drei Bekannten hatte er in Erfahrung bringen können, was für einen erfolgreichen Krimi ausschlaggebend war: Ein nicht zu komplizierter Aufbau der Geschichte und eine große, leicht lesbare Schrift. Ob er das erste Erfolgskriterium berücksichtigen wollte, erschien ihm eher unwahrscheinlich. Auf das Erscheinen seines Krimis in Großdruck würde er aber größten Wert in den Verhandlungen mit den Verlagen legen, die sich angesichts der unschlagbaren Werbebotschaft „Der erste Krimi des letzten Autoverkäufers“ eines hemmungslos großartigen wirtschaftlichen Erfolges sicher sein durften.
Neben den Mordverdächtigen wollte Waagner auch eine gewisse Mindestanzahl von pompös konstruierten Statisten in das Geschehen einführen. Diese sollten nicht, wie er dies in seiner Legende vom einfältigen Ehebrecher angeblich getan hatte, blutleere, von Stereotypen und Klischees triefende Personen sein, die ohne Sinn und Herkunft lieblos in die Landschaft gestellt wurden. Kellner, die eine Geschlechtsumwandlung beabsichtigten, oder Weinbauern, die nur im Weinkeltern ihre Erfüllung sahen, schieden damit als Staffage für seinen Sherlock-Holmes-Fall aus. Auch sich nur über ihren roten Lippenstift und ihren herzbetörenden Duft definierende Frauengestalten waren demnach verpönt. Waagner rang innerlich mit sich, ob es eine gute Idee sein würde, das Personal seines Krimis dem wahren Leben zu entlehnen. In den Sinn waren ihm unter anderen gekommen: Seine Freunde Hardy Leiter und Robert Wullner, der Rechtsanwalt Dr. Oberfettinger sowie eine gewisse Adelheid Ripkö, die auch die wandelnde Hausmeisterin genannt werden konnte. Schließlich spielte er auch mit dem Gedanken, Marla Tannhäuser ein Denkmal zu setzen, als kleine Revanche für ihre Unwilligkeit oder Unfähigkeit, die wahre Botschaft seiner Legende vom einfältigen Ehebrecher zu entschlüsseln. Der Rückgriff auf die Wirklichkeit hatte aber naturgemäß den Nachteil, dass man seinem Werk nicht den stumpfsinnig-grandiosen Satz voranstellen konnte: „Alle Personen dieses Buches sind frei erfunden und allfällige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig, wenn auch nicht unbeabsichtigt.“Außerdem wäre bei einem gewissen Minimalerfolg des Krimis auch nicht auszuschließen, mit dem Bernhard-Syndrom in Berührung zu kommen: Darin geübte Juristen würden es sich gegebenenfalls verbieten, in Papierform unter die Menschen gebracht zu werden, und deshalb einen Auslieferungsstopp der druckfrischen Bücher einstweilig verfügen lassen.
Als Hauptakteur schwebte Waagner in erster Linie sein Alter Ego vor. Der Held oder Antiheld würde ein zwar glücklicher, aber nicht zufriedener Autoverkäufer sein. Während Pessoas Hilfsbuchhalter Soares das Leben als einzige Überdrüssigkeit beschrieben und Musils Mann ohne Eigenschaften wohl einen Teil des leeren Lebens einer gewissen Leere des Zeitalters, in dem er lebte, zugeschrieben haben, würde Waagners Held bloß latent verzweifelt sein. Es würde ihm an dichterischem Talent mangeln, um die Sinnlosigkeit und Widerwärtigkeit des Lebens in jener unnachahmlichen Art des Herrn Soares auszudrücken, und er wäre weit von Ulrichs intellektuellen Fähigkeiten entfernt, um sich über die Philosophien dieser Welt entsprechend adäquate Gedanken zu machen. Es könnte ihm aber auch nur schlicht der Wille fehlen, sein Gehirn anzustrengen. Und dennoch könnte sich der Held des Krimis, so wie sein geistiger Vater Waagner, in den Kopf gesetzt haben, ein Buch zu schreiben, ein Buch über die Liebe oder den Tod? Oder beides? Oder gar einen Krimi? Der Gedanke an das Schreiben eines Buches im Rahmen eines Buches, das von jemandem geschrieben wurde, der über das Bücherschreiben schreibt, reizte Waagner und schien ihm trefflich geeignet, einen Großteil der normalen Krimianhängerschaft zu verwirren oder gar abzustoßen und damit sein Ziel, ein Vektor-Buch zu schreiben, von vornherein scheitern zu lassen.
Unschlüssig war Waagner noch darüber, ob sein ermittelnder Polizist dem Helden ebenbürtig sein würde und ob sich die wesentlichen Handlungsstränge um seinen Helden oder um Inspektor K. ranken sollten. Wäre es eine Idee, die von seinem imaginären Publikum mit Beifall bedacht würde, wenn Inspektor K. bloß durch Zufall zur Polizei gekommen und aufgrund seines Jusstudiums alle Basisstationen der Polizeiausbildung übersprungen haben und nun seinen ersten Mordfall gleichsam als sogenannten Einführungsfall an der Seite des sein Büro nicht verlassenden Kommissars Maigret leiten würde? Oder gefiele es dem Leser besser, wenn Inspektor K. so dünn war, dass er sich im Schatten der Verkehrstafelstangen vor der sengenden Kleinstadtsonne verstecken können würde?
Das prunkvolle Stiegenhaus, die Gestalt am See und ein unsichtbarer Liebhaber
Inspektor K. wurde von seiner Freundin in ihrem schwarzen CRX Halbcabrio ins AKH Linz chauffiert. Es war zwar bedrückend, regelmäßig in diesem von hässlich-modernen Gebäuden bestückten Gelände vorzufahren. Aber sein Therapeut hatte es noch zu keiner eigenen Praxis gebracht, weshalb die Sitzungen in dessen Arztzimmer im AKH stattfanden. Als Inspektor K. sein erstes Therapiegespräch hatte, war er vom Ambiente des sehr nüchtern eingerichteten Zimmers mehr als enttäuscht. Er war durch die Bilder von Freuds Ordinationsräumen in der Berggasse so vorbelastet gewesen, dass er damals vergeblich nach der Couch Ausschau gehalten hatte, die er für ein unerlässliches Mobiliar bei einem Therapeuten hielt.
„Ich befand mich in einem sehr stattlichen Pariser Bürgerhaus in der Avenue Mozart. Die Adresse dürfte wohl darauf zurückzuführen sein, dass ein Cousin meiner Freundin einstens dort wohnte. Allerdings war dessen Wohnung eher klein und beengt gewesen, während die Wohnung in meinem heutigen Traum weitläufig und reich ausgestattet war. Auch das Stiegenhaus war prachtvoll: Goldene Lampen, reichliche Stuckaturen, Marmortreppen rund um einen von einem fein verzierten, schmiedeeisernen Gehäuse umgebenen Aufzug. In den Mauernischen standen griechische Skulpturen, an den dazwischen befindlichen Wänden hingen Ölgemälde, welche Szenen aus der griechischen Mythologie zeigten. Der rote Teppich, der von glänzenden Messingstangen in seiner Bahn gehalten wurde, rundete das Traumbild ab, dem zur Vollkommenheit nur noch der richtige Geruch gefehlt hätte. Diesen wird wohl die Tochter des Hauses versprüht haben. Aber genau kann ich mich nicht daran erinnern, wie ich mich überhaupt selten an Gerüche in meinen Träumen erinnern kann. Dass das Unaussprechliche ausgerechnet im Stiegenhaus geschah, überraschte mich. Allerdings weiß ich nicht, was dem vorausgegangen war. Ich war plötzlich – wie in eine Filmszene hineingeworfen – in diesem Stiegenhaus. Ich wusste nur, dass ich in Paris war, dass dieses junge Mädchen sehr liebenswert und das Nachfolgende unvermeidlich war. Ich kannte dieses Mädchen nicht, wusste auch ihren Namen nicht. Etwas Unwiderstehliches trieb mich geradewegs in ihre Arme. Aber ohne den Genuss dieses Moments, dieser Situation länger auskosten zu können, fand ich mich ohne Übergang kurz darauf im großzügigen, ja man könnte sagen, mondänen Badezimmer dieses Hauses wieder. Ich war in der Dusche. Davor stand die Mutter des Mädchens und sprach mit mir über das Vorgefallene. Dabei schwang in ihrer Stimme zu meiner Überraschung kein Vorwurf mit. Es war eine sachliche Analyse des Geschehenen, die Diskussion möglicher Konsequenzen für mich wie auch für ihre Tochter.“
„War dabei auch von einer möglichen Schwangerschaft die Rede?“
„Nein, das glaube ich nicht. Es ging vielmehr um die nun notwendig werdenden Vorbereitungen für eine Hochzeit. Die Mutter meinte wohl meine Hochzeit mit ihrer Tochter. An die Details kann ich mich nicht erinnern. Es blieb nur der eigenartige Nachgeschmack des Umstands, dass ich in dieser nur von Glaswänden umgebenen Dusche stand, während sich die Mutter ungeniert auf einen mit einer Husse überzogenen und mit grünen Kordeln geschmückten Sessel gesetzt hatte, mir beim Duschen zusah und sich mit mir über die Zukunft ihrer Tochter unterhielt. Wie ein kurzer Blitz durchzuckte es mich, ob sie sich bei der Heirat ihrer Tochter mit mir auch etwas für sich versprach. Aber für eine solche frivole Frage schien mir im Traum der Mut zu fehlen. Auch diese Szene ging nahtlos in eine neue über, die aber mit dem davor Erlebten keinen Zusammenhang zu haben schien.
Wieder stand eine Frau im Mittelpunkt, eine sehr schöne Frau. Ob die im Badezimmer sitzende Frau attraktiv gewesen war, vermag ich jetzt nicht mehr zu beurteilen. Diesmal war es eine sehr große, schlanke Frau, die in ein weißes Kleid aus luftigem Tüll gekleidet schien. Ihre langen, blonden Haare umrahmten ein ebenmäßig schönes Gesicht, das vom Licht des Mondes erhellt war. Sie stand am Ufer eines Sees und schaute auf das Wasser hinaus. Ich weiß nicht, ob ich selbst in dieser Traumsequenz mitspielte oder ob ich dies alles nur von einem unbekannten Ort aus beobachtete. Wieder war das Gefühl da, dass es zwischen dieser Frau und mir, der ich zwar im Schlaf, nicht jedoch im Traum existierte, irgendeine unsichtbare Verbindung gab. Banal ausgedrückt könnte es naturgemäß bloß wieder mein unstillbares Begehren nach dieser Schönheit gewesen sein. Oder ist es wieder ein Hinweis auf die in meinem Unterbewusstsein liegenden Wünsche, die in meiner jetzigen Beziehung nicht verwirklichbar erscheinen? Ich genoss jedenfalls den Anblick der Frau, wie sie einfach so dastand. Wahrscheinlich dürfte ein leichter Wind ihre Kleider derart bewegt haben, dass auch jeder andere Mann in Verzückung versetzt worden wäre. Beim genauen Betrachten ihres Gesichtes gewahrte ich, dass sie nicht schwerelos und unbekümmert auf den See hinaussah. Es hatte nicht den Anschein, als würde sie gerade auf ein amouröses Abenteuer warten. Obwohl ich mich in dieser Phase, da ich offenbar auch erkannte, dass ich träumte und es daher in der Hand zu haben glaubte, den weiteren Verlauf meines Traumes durch eine gewisse Anstrengung oder durch Ausüben eines unmerklichen Druckes auf mein Unterbewusstsein in eine Richtung lenken zu können, gerne in die Handlung eingebracht hätte, musste ich feststellen, dass ich hier nur die Rolle des Polizisten hätte übernehmen dürfen.
Denn plötzlich näherte sich ein junger Mann, der einen Körper über seine Schultern geworfen hatte. Aufgrund seiner Bewegungen vermutete ich, dass der Mensch, den er trug, sehr schwer sein musste. Die Frau lief auf den jungen Mann zu und versuchte, ihm beim Tragen behilflich zu sein. Ich konnte nicht erkennen, ob die beiden mit einem toten oder noch lebenden Menschen hantierten, ich wusste nur, dass es ein Mann, ein sehr beleibter Mann sein musste. Gemeinsam schleppten sie den Körper die Böschung zum See hinunter, wo ein Elektroboot – wahrscheinlich ein Frauscher-Boot – angebunden lag. Mit Mühe legten sie den zumindest bewusstlosen Mann in das Boot. Die Frau startete den Motor und lenkte das Boot in die Mitte des Sees. Während mein Unterbewusstsein im Traum noch damit haderte, sich dem Betrachten der schönen Frau nicht weiter hingeben zu können, stellte mein träumerisches Bewusstsein mit Erstaunen fest, dass die Frau und der junge Mann offenbar einen Menschen im See versenken wollten. Ich schien meinen Beobachtungsposten aber nicht zu verändern, denn das Boot wurde immer kleiner, als es auf den See hinausfuhr. Es ist schwer, jetzt im Nachhinein zu beurteilen, ob ich wirklich sah, wie die beiden den Mann mit großer Anstrengung über den Bootsrand hievten und ihn in das dunkle Wasser fallen ließen. Die Szenerie wirkte gespenstisch: Die weiß gewandete Frau, vom Mond wie von einem Scheinwerfer beleuchtet, fast durchsichtig, ohne dass darunter jedoch – wie Sie jetzt vielleicht vermuten – die Silhouette ihres Körpers zu sehen gewesen wäre. Unmittelbar daneben tiefschwarze Dunkelheit, die vor allem den jungen Mann und auch den zu entsorgenden leblosen Körper umgab. Wenn es außerhalb des kleinen Lichtkegels, in dessen Mitte die Frau stand, wirklich so dunkel war, wie ich mich jetzt zu erinnern glaube, so kann ich gar nicht gesehen haben, dass der Mann ins Wasser geworfen wurde. Aber es war so naheliegend, es konnte gar nicht anders sein.“
„Hatten Sie in der Vergangenheit schon einen Mordfall mit einer Wasserleiche?“
„Nein, ich hatte bisher überhaupt noch keinen Mordfall zu bearbeiten. Sie wissen ja, dass ich erst seit Kurzem bei der Polizei bin. Nein, zu einem Mord habe ich es bisher nicht gebracht. Glauben Sie, dass dieser Traum etwas mit meinem Beruf und gar nicht mit dem anderen Problem zu tun hat? Übrigens gab es nach diesem, ich möchte fast sagen, beeindruckenden Schlussbild der weißen Frau im Mondlicht sofort einen erneuten Schnitt. Wieder war ich in einer großen Wohnung oder vielleicht war es diesmal ein Haus. Es war ein mir unbekanntes Haus, erinnerte mich beinahe an ein Schloss, so weit verzweigt waren seine Räume. Ich war hier offenbar weder zu Hause noch geladener Gast. Vielleicht trieb ich mich, Sie würden vielleicht sagen, in voyeuristischer Absicht umher. In einem Zimmer, das zu einer offenbar zusammenhängenden Zimmerflucht gehörte, befand sich eine junge Frau mit ihrem ungefähr drei- bis vierjährigen Sohn. Vielleicht spielten die beiden miteinander oder sie half ihm beim Anziehen oder vielleicht saßen sie bloß auf der Bettkante und sprachen miteinander. Ich weiß es nicht. Die Frau und der Bub sahen mich nicht oder nahmen mich nicht wahr, weil ich wieder nicht anwesend war. Nein, diesmal war ich anwesend, war für die beiden aber nicht sichtbar, weil ich wohl hinter einer Tür oder einem Vorhang stand. Gerade als ich mich entschloss, mich den beiden zu zeigen, schienen andere Familienangehörige nach Hause zu kommen. Es hatte für mich den Anschein, als wohnte in diesem Haus eine amerikanische Großfamilie, deren einer Teil von einer Reise heimgekehrt war. Mit großem Lärm kamen viele Kinder unterschiedlichsten Alters in ein riesiges Esszimmer gerannt, wo man das gemeinsame Abendessen einnehmen wollte. Die junge Frau mit ihrem kleinen Sohn mochte die Tante dieser Kinder sein, auch sie wurde zum Essen gerufen. Irgendwie muss es mir gelungen sein, mit der jungen Frau, die naturgemäß Claudia Schiffer ähnlich sah, auf dem Weg von ihrer Suite ins Esszimmer in Kontakt zu treten. Da das Haus – oder Schloss? – sehr groß war, muss einige Zeit vergangen sein, bis wir das Esszimmer erreichten. In dieser Zeitspanne kam es zu einer gewissen Annäherung zwischen ihr und mir, aber nicht in dem Sinne, wie Sie das jetzt vermuten. Nein, dazu reichte auch die irreale Zeitdimension meines Traumes nicht aus. Die Zeit musste aber ausreichend gewesen sein, um bei uns gegenseitige Sympathien entstehen zu lassen. Und ich hatte den Eindruck gewonnen, es würde sich lohnen, das Abendessen der Großfamilie abzuwarten, um mich danach mit ihr zu treffen. Im Esszimmer angekommen, ereignete sich jedoch das Sonderbare: Ich wurde von den übrigen Familienmitgliedern offenbar nicht wahrgenommen, obwohl ich in meinem Traum tatsächlich existierte. Das konnte ich an den Reaktionen der jungen Frau und ihres Sohnes erkennen, die mir immer wieder sonderbare Blicke zuwarfen. Für die anderen im Raum war ich hingegen unsichtbar. Daraus ergab sich, dass ich nicht die Möglichkeit erhielt, offiziell am Essen teilzunehmen. Ich bewegte mich daher zwischen den einzelnen Familienmitgliedern, die noch dieses und jenes aus der Küche holten, sich an den Tisch setzten und wieder aufsprangen. Dabei bemerkte ich, dass ich zwar unsichtbar, aber nicht unfühlbar war. Denn einige der Anwesenden stießen gegen mich, wenn ich unvorsichtigerweise meine zu begehrlichen Blicke auf die junge Frau richtete und nicht gewahrte, dass ich jemandem im Weg stand. Im Grunde hatte das Ganze etwas von jenen Slapstick-Filmen, in welchen Leute über unsichtbare Gegenstände fielen und sich wunderten, was um sie herum vorging. Für mich wäre dieser Teil meines Traumes letztlich nur mühsam gewesen, wenn nicht die gelegentlichen Zusammenstöße meine Angebetete veranlassten, immer wieder die absurdesten Erklärungen für das Taumeln ihrer Verwandten zu geben. Sie tat dies mit einer solchen Beflissenheit, dass ich daraus den Schluss zog, dass sie mit allen Mitteln verhindern wollte, dass die übrigen Anwesenden von meiner Existenz erfuhren. Wohl in einer gewissen Blindheit der jungen Verliebtheit wollte ich mich glauben machen, dass sie sich auf das vor uns liegende Treffen ebenso freute wie ich mich.“
„Und kam es zu diesem Treffen, bei dem wieder einmal das Unaussprechliche geschah?“
„Nein, diesmal nicht, ich wachte wahrscheinlich eine Minute zu früh auf.“
Der Hauskauf
Es war kühl an diesem Morgen und sehr windig. Der See war aufgewühlt, als Waagner und Wullner ihre morgendliche Joggingrunde um den Mondsee machten. Sie sahen die Haubentaucher verschwinden und erst geraume Zeit später an einer weit entfernten Stelle wieder auftauchen. Soweit Waagner nicht gerade Seitenstechen wegen des für einen Anfänger wie ihn ständig zu hohen Tempos hatte, machte er Wullner mit neuen Ideen für seinen Krimi vertraut. Von Zeit zu Zeit machten sie am Seeufer eine Pause, um die Landschaft auf sich wirken und Waagner wieder zu Luft kommen zu lassen. Dies nutzte Waagner, dem an der sportlichen Ertüchtigung weit weniger lag als an der Möglichkeit, einen Zuhörer für seine Geschichte an der Hand zu haben, immer wieder dazu, Wullner mit Episoden aus dem langsam Gestalt annehmenden Krimi zu verwöhnen. Da die einzelnen Geschichten meist aus dem Zusammenhang gerissen waren, war es Wullner freilich kaum möglich, dem Geschehen wirklich zu folgen. Und auch wenn er gelegentlich Einwände gegen einzelne Handlungsstränge oder Einfälle seines Freundes hatte, Wullner war in die Rolle des passiven Zuhörers gedrängt, seine Fragen und Vorschläge verhallten im Wind, Waagner ließ sich in seinen Monologen nicht stören. Er würde auch berechtigte Kritik nicht beachtet haben, er würde sich über jeden konstruktiven Einwand hinweggesetzt haben, er erzählte, lief, bekam Seitenstechen, lief trotzdem weiter, erzählte, machte endlich eine Pause mit dem Laufen, nicht jedoch mit dem Erzählen und erzählte und erzählte.
Begonnen hatte alles, als wir bei Maiers eingeladen waren. Es war Carmens 35. Geburtstag, den sie in ihrem neuen Haus feierten. Meine Frau und ich waren sehr angetan von Maiers neuer Villa. Auch wenn sie nicht zur Gänze renoviert war – es fehlte noch der neue Außenputz –, war sie ein wahres Jugendstiljuwel, das uns als Liebhaber alter Häuser, Möbel und Musik sehr gut gefiel. Ich hätte es ja bei dieser neidlosen Anerkennung eines vortrefflich gelungenen Eigenheims bewenden lassen wollen. Meine Frau aber meinte, dass es sehr wünschenswert wäre, wenn wir ebenfalls ein Haus mit Garten hätten. Wir lebten nun schon seit bald zehn Jahren in einer gemütlichen Altbauwohnung in einem Innenstadthaus. Dass dieses Haus mir gehörte, galt in diesem Zusammenhang nichts, denn es ging meiner Frau in erster Linie um den Garten. Und unser Haus hatte lediglich einen sehr winzigen, von der Sonne selten beschienenen Innenhof, der außer für eine Biotonne zu nicht viel mehr taugte. Außerdem war er natürlich von allen Bewohnern der umliegenden Häuser einsehbar, was mir eine nähere Beschäftigung mit diesem Hof nicht sehr opportun erschienen ließ. Für meine Frau war die mangelnde Größe das Entscheidungskriterium, denn wo hätte man in diesem Hof einen Swimmingpool aufstellen sollen? Kurzum, wenige Tage später hatte sie bereits ein Haus in Erfahrung gebracht, das ob seines desolaten Bauzustandes geradezu nach einem neuen Eigentümer schrie. Es war nicht weit von Maiers Villa entfernt und schien geeignet, dass wir nach entsprechenden Renovierungsarbeiten zumindest knapp unter Maiers Augenhöhe sein konnten. Über Bekannte hatte meine Frau erfahren, dass dieses Haus dem Rechtsanwalt Oberfettinger gehörte, den sie bereits aus Studientagen kannte.
Der stets in einen feschen Steireranzug gewandete Rechtsanwalt – Zeichen seiner stolzen Herkunft oder seiner mangelnden Loyalität der neuen Heimat gegenüber? – machte uns bei der ersten Besichtigung mit seinem Wunschpreis und seiner Eigenart, beständig für Überraschungen zu sorgen, bekannt. Was den Kaufpreis betraf, eröffnete uns Oberfettinger, dass er selbst verwundert darüber war, dass die Leute so viel für dieses Haus zu zahlen bereit seien, eine Aussage, die er in den nächsten Monaten noch des Öfteren wiederholen sollte, insbesondere, als sich herausstellte, dass die Kaufinteressenten sogar willens waren, mehr zu zahlen, als er anfangs verlangt hatte. Für uns war bei dieser ersten – letztlich nur halben – Besichtigung etwas irritierend, dass er keinen Schlüssel für das Haus hatte und wir uns deshalb mit einer Betrachtung der Außenmauern und des davon abbröckelnden Verputzes begnügen mussten. Erst in einem zweiten Anlauf rund einen Monat später ließ uns Oberfettinger in das Innere der Ruine Einsicht nehmen. Bei diesen ersten beiden Kontakten mit Oberfettinger war mir nicht nur sein Steireranzug widerwärtig, sondern auch seine sehr herablassende Haltung. Die zweite Besichtigung ließ meine Frau und mich zwar nicht unbedingt in grenzenlose Schwärmerei für die kleine Villa oder, wie sie ein Baumeister später nennen sollte, für diese „Vorstadtkeuschen“ ausbrechen, sie führte allerdings zu der uns geradezu beglückenden Erkenntnis, dass die Raumaufteilung für unsere beabsichtigte Nutzung nicht völlig ungeeignet zu sein schien.
Wäre da nicht der aus unserer Perspektive sehr hohe Kaufpreis gewesen, hätten wir Oberfettinger wohl noch an Ort und Stelle ein Kaufanbot unterbreitet. So zog sich der Entscheidungsprozess, ob wir das Haus tatsächlich kaufen sollten, noch über einige Wochen, während der wir sogar eine Architektin mit der Kostenschätzung für die notwendige Renovierung beauftragten. Der Schock war groß, als sie Renovierungskosten in Höhe des Kaufpreises ermittelte. Da uns zum damals in Rede stehenden Kaufpreis noch rund ein Viertel fehlte, hieß dies, dass uns für das bezugsfertige Haus Barmittel von rund 5/8 fehlten. Dies hinderte uns aber nicht, frohgemut in die Kanzlei des Oberfettinger zu pilgern und ihn nach der Möglichkeit eines Kaufpreisnachlasses zu fragen. Dieser, nicht weniger gut gelaunt und wieder in seinen Steireranzug gewandet, erwiderte nur lapidar, dass der Kaufpreis nicht verhandelbar sei, da er auch andere Interessenten habe, die den Preis ohne Wenn und Aber zu zahlen bereit seien. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, waren die Gedanken, die in den nächsten vierundzwanzig Stunden mein Hirn durchkreuzten, nachträglich nicht schlüssig nachvollziehbar. Denn hatten meine Frau und ich beim Verlassen von Oberfettingers Kanzlei noch beschlossen gehabt, dass dieses Haus einerseits unerschwinglich und andererseits es nicht wert sei, sich seinetwegen in finanzielle Abenteuer zu stürzen, teilte ich schon am nächsten Tag meiner Frau mit, dass ich das Haus um den verlangten Preis kaufen wolle und sie dies ihrem Bekannten aus Studententagen mitteilen möge.
War die Entscheidung zum Hauskauf letzten Endes eine auch mich überraschende blitzschnelle Bauchentscheidung gewesen – die Ausläufer der Finanzkrise und der Gedanke an Lehman Brothers dürften dabei eine ausschlaggebende Rolle gespielt haben –, war der sich daran anschließende Kaufprozess von nicht zu überbietender Langsamkeit geprägt. Statt mit Oberfettinger die Details des Kaufvertrages zu verhandeln, musste sich meine Frau von ihm sagen lassen, dass er die anderen Interessenten kontaktieren wolle und sich danach bei uns melden würde. Was wir damals noch nicht wussten, war, dass sich von nun an die Kaufpreisspirale nach oben zu drehen begann. Zunächst ließ uns Oberfettinger einige Tage zappeln, um uns schließlich mitzuteilen, dass ein Kaufinteressent naturgemäß bereit war, für das schmucke Häuschen zehntausend Euro mehr zu zahlen. Dies löste bei mir den durch jahrelanges Verkaufen von Autos geschulten Reflex aus, meine Kaufentscheidung wieder rückgängig zu machen. Meine in dieser Richtung nicht verbildete Frau hingegen war bereit, diesen Mehrpreis aus eigenen Ersparnissen, die bisher bei der Kaufpreisaufbringung noch nicht berücksichtigt worden waren, beizusteuern. Das Spiel konnte daher auf das Lebhafteste weitergespielt werden. Oberfettinger meinte abermals, er müsse mit dem zweiten Interessenten telefonieren und würde sich danach wieder bei uns melden. Tage und Wochen vergingen, aber wie zu erwarten war, kontaktierte Oberfettinger uns nicht.
Wullner hatte zuvor schon mehrmals vergeblich versucht, Waagner in seinem Redefluss zu unterbrechen, was jedoch immer daran scheiterte, dass Waagner unentwegt erzählte. Dies rächte sich nun, Waagner war rot angelaufen und – diesmal ohne zu laufen – massiv in den anaeroben Bereich geraten und begann nach Luft zu schnappen. Diese Chance ließ sich Wullner nicht entgehen.
„Was hat das eigentlich alles mit einem Krimi zu tun? Wird diese Hauskaufgeschichte die Leser nicht unendlich langweilen? Also, wenn du mich fragst, ich glaube, da wird nie etwas Vernünftiges daraus.“
Waagner schaute seinen Freund entgeistert an, erbat sich noch eine kleine Selbst-Reanimationsphase, um ihm dann zu erklären, was es mit dem Hauskauf auf sich hatte. Gerade diese nicht gänzlich alltäglichen Ereignisse rund um den Hauskauf würden in letzter Konsequenz seinen Protagonisten vielleicht die Nerven wegwerfen lassen und zu einer nicht wiedergutzumachenden Tat anstiften. Wullner bemerkte nur lakonisch, dass eine kleine Preistreiberei auf Verkäuferseite wohl kaum als besonders außergewöhnliches Ereignis gewertet werden konnte, sah sich aber schon kurz darauf – die anaerobe Phase war wieder vorbei – mit der Fortsetzung der Erzählung konfrontiert.
Die Preistreiberei des Verkäufers hatte meine Liebe zu dem Objekt rasch erkalten lassen, nicht so meine Frau, das heißt, meine Liebe zu ihr war noch nicht erkaltet, sie selbst war auch noch nicht erkaltet, aber irgendein Virus hatte von ihr Besitz ergriffen. Diesem Virus wurde nicht nur durch ihre große Sehnsucht, ein Grundstück für einen Swimmingpool ihr eigen nennen und mit Maiers wieder auf Augenhöhe verkehren zu können, sondern auch dadurch zum Ausbruch verholfen, dass wir das bisher noch nicht offiziell auf dem Markt befindliche Haus plötzlich von einem Immobilienmakler in einer Tageszeitung beworben sahen. Der Preis lag nun bereits 100.000 Euro höher. Da sich der Zugang zu Oberfettinger als extrem schwierig herausstellte – er war stets bei einer Verhandlung oder einer Klientenbesprechung und ließ dem Versprechen, er werde zurückrufen, nie die Tat folgen –, machte sich meine Frau an eine gewisse Frau Xenavier heran, die laut Grundbuch ein Vorkaufsrecht besaß. Vielleicht ließe sich über diese Dame ein Weg zum Wunschhaus meiner Frau finden, für das nun offenbar immer mehr Interessenten auf den Plan traten. Wen konnte es verwundern? Das Inserat des Immobilienmaklers war immerhin in den Oberösterreichischen Nachrichten, in der Kronen Zeitung und sogar im Volksblatt geschaltet worden. Während sich jedoch der Umweg über die Vorkaufsberechtigte als wenig erfolgreich erwies, hatte ich, der ich zunehmend von der Besessenheit meiner Frau angesteckt zu werden schien, mich mit einem anderen Rechtsanwalt namens Dr. Finda in Verbindung gesetzt.
Dieser war Sachwalter des ursprünglichen Hauseigentümers, eines gewissen Bubat, von dem Oberfettinger das Haus zwei Jahre zuvor gekauft hatte. Wie sich indessen herausstellte, hatte Oberfettinger das Haus dem Bubat allerdings nur vermeintlich abgekauft. Bubat war im Zeitpunkt des Kaufvertragsabschlusses nämlich bereits entmündigt gewesen, was aufgrund eines Fehlers beim Grundbuchsgericht aber nicht rechtzeitig im Grundbuch angemerkt worden war. So wusste Oberfettinger beim Kauf des Hauses nicht, dass er für die Gültigkeit seines Kaufvertrages noch die Zustimmung des Pflegschaftsgerichtes benötigte. Und diese Genehmigung hatte er bisher nicht erhalten. Jetzt schien die Sache kompliziert zu werden. Ich erfuhr von Dr. Finda nicht nur, dass Oberfettinger die Republik Österreich wegen der verspäteten Grundbuchsanmerkung auf Schadenersatz klagte, sondern überdies, dass Finda nicht der erste, sondern bereits der zweite Sachwalter des Bubat war. Und der erste Sachwalter hatte zu allem Überdruss das Haus auch schon einmal verkauft. Dieser Käufer, ein Installationsunternehmer aus dem Innviertel namens Rundler, hatte für seinen Kaufvertrag bisher aber ebenfalls keine pflegschaftsgerichtliche Genehmigung erhalten, weshalb er den ersten Sachwalter, einen Rechtsanwalt namens Dr. Luft, auf Erfüllung des Kaufvertrages klagte. Jeder normale Mensch hätte spätestens jetzt die Finger vom „Villa‘chen Gerti“, wie ich sie bereits nach meiner Frau benannt hatte, gelassen. Nicht aber ich und meine Frau, die wir vom Hauskaufvirus inzwischen schon massiv gezeichnet waren. War es die Herausforderung? Die Langeweile? Oder gar die mich jeden Tag von Neuem niederschmetternde Erkenntnis, dass ich meinen Beruf abscheulich und abstoßend fand? Lassen wir dies unbeantwortet. Gesichert mag sein, dass ich ein Haus zu erwerben beabsichtigte, das in einem erbärmlichen Zustand war, für unsere Verhältnisse extrem teuer und ohne freundliche Unterstützung der oberösterreichischen Kreditwirtschaft unerschwinglich schien und außerdem einen besachwalteten Eigentümer, einen sich als Eigentümer aufspielenden Rechtsanwalt und einen den ersten Sachwalter klagenden dritten potentiellen Eigentümer hatte, der mir später bei einem Treffen nahelegen sollte, das Haus am besten abzureißen.
Die Einzelheiten der nächsten Wochen und Monate würden auch den geduldigsten Leser irgendwann ins Reich der Träume versetzt haben, so will ich mich nur mehr auf zwei kleine Höhepunkte beschränken. Zum einen setzte mir Dr. Finda auseinander, dass er angesichts der etwas verworrenen Umstände als einzigen Lösungsweg eine Versteigerung „à la Finda“ sehe. Er wollte alle Interessenten, einschließlich der beiden vermeintlichen Eigentümer Oberfettinger und Rundler, auffordern, ein neues Kaufanbot zu legen. Diese Anbote würde er an einem Stichtag in Anwesenheit der Interessenten öffnen und da er, wie er sich ausdrückte, ein lustiges Kerlchen sei, würde er alle Angebote auf seinem großen Kanzleitisch ausbreiten und nach dem höchsten Ausschau halten. Zu dieser Auktion kam es schließlich in etwas abgeänderter Form tatsächlich und wenige Tage danach zu dem für mich sehr überraschenden Anruf, dass ich das höchste Anbot gelegt hatte. Die Freude war bei meiner Frau naturgemäß sehr groß, was niemanden verwunderte, schließlich blieb es mir überlassen, den inzwischen gegenüber dem ursprünglich von Oberfettinger genannten Kaufpreis um rund 60.000 Euro angestiegenen Betrag aufzutreiben. Da die Auktion entgegen der ursprünglichen Ankündigung jedoch nicht öffentlich und für einen Anwalt vom Kaliber eines Dr. Finda auch nicht überraschend ohne Beiziehung eines Notars stattfand, war ich mir nicht wirklich sicher, ob ich deshalb Sieger im Bieterwettkampf geblieben war, weil ich ein glückliches Händchen bei der Auswahl des gebotenen Kaufpreises hatte, oder ob ich letzten Endes ohnehin der einzige Bieter gewesen war. In der Anfangseuphorie war dies aber Nebensache, der Kaufvertrag wurde unterschrieben, ein Monat später war mein Kaufvertrag vom Pflegschaftsgericht genehmigt und weitere vier Monate später lag auch die Zustimmungserklärung der Vorkaufsberechtigten, Frau Xenavier, vor. Rund vierzehn Monate nach der ersten Besichtigung mit Oberfettinger bekam ich unversehens die Schlüssel für unser neues Heim von Dr. Oberfettinger in der Kanzlei des Dr. Finda in die Hand gedrückt. Dabei wurde mir noch als Einstandsgeschenk mitgeteilt, dass es über den Winter einen kleinen Wasserrohrbruch gegeben hatte, der inzwischen jedoch wieder behoben worden sei. Die erste Besichtigung des „Villa‘chen Gerti“ als Eigentümer war allerdings sehr ernüchternd. Denn der kleine Wasserrohrbruch stellte sich als mehr oder weniger vollständige Überflutung des gesamten Hauses dar, da an fünf Stellen im Haus entweder Wasserleitungen oder Heizungsrohre gebrochen und Tausende Liter Wasser über Stiegen und Decken vom ersten Stock ins Parterre und von dort in den Keller geflossen waren.
Waagner und Wullner waren inzwischen von ihrer Joggingrunde zurückgekehrt. Wullner war von Waagners Redeschwall mehr ermüdet als von dem durch unzählige Pausen unterbrochenen Morgenlauf. Waagner hingegen war froh, ein weiteres Kapitel seines Krimis in all seinen Details vor seinem Freund ausgewälzt zu haben. Wieder machte er seine Selbst-Reanimationsversuche, indem er die Arme weit über seinen Kopf zog und an seinen Seiten in jähem Tempo herabfallen ließ, gleichzeitig tief Luft holte und sie mit Thomas-Muster-artigen Lauten wieder ausstieß. Dies wiederholte er innerhalb kürzester Zeit mehr als dreißig Mal und so heftig, dass sich Wullner dachte, dass wohl auch er, Waagner, nicht weit entfernt von einer Entmündigung oder, wie es im Juristendeutsch so schön hieß, „Besachwalterung“ sei. Abschließend klärte Waagner seinen Freund noch darüber auf, dass diesem Oberfettinger deshalb eine sehr wesentliche Rolle in seinem Krimi zukommen werde, weil er Wolfgang W., den Krimihelden, bei dessen Hauskauf so oft wie einen Schulbuben zu behandeln wusste, dass sich dieser geschworen hatte, dem Oberfettinger eine über die Rübe zu geben, wenn sich ihm nur einmal die Gelegenheit hierzu bieten würde.
Der Kampf mit der Krimi-Materie
Nicht nur beim morgendlichen Laufen suchte Waagner krampfhaft nach Ideen für seinen Krimi. Auch beim Faulenzen am See marterte er sein Hirn, das wie ausgetrocknet schien. Ausgetrocknet wie ein im Regen vergessenes Taschenbuch, das von seinem Besitzer später in die Mikrowelle zur Wiedergutmachung des Versäumten gesteckt wurde. Waagner saß in seinem Liegestuhl, hatte seine Jack-Nicholson-Sonnenbrille auf und starrte auf die vor ihm liegende Wasserfläche. Aus dem Ort hörte man den Big-Band-Sound, der offenbar am Sonntag das Mondseer Seefest abschloss. Die Segelschiffe glitten bei wenig Wind gemächlich über den See. Der Himmel war wolkenlos blau und die Sonne spiegelte sich vieltausendfach im Wasser, das wie von einer Silberschicht – oder man könnte auch sagen – von Quecksilberperlen überzogen aussah. Das mit der Wolkenlosigkeit stimmte nicht unbedingt, denn hinter der Drachenwand, dem Schafberg und dem Gaisberg mit seiner weithin sichtbaren Fernsehantenne stiegen kleine Wolkenhäufchen auf. Am Horizont sah Waagner das von einem Motorboot aufspritzende Wasser, in dessen Spur ein Wasserskifahrer seinem Hobby frönte. Waagner hasste die Motorboote, zum einen, weil sie so viel Lärm machten, und zum anderen, weil er beim Weit-in-den-See-Hinausschwimmen immer wieder das unangenehme Gefühl hatte, er könnte von einem Motorboot geköpft werden.
Das wäre es doch! Endlich eine naheliegende Möglichkeit, jemanden Unliebsamen aus dem Weg zu räumen. Warten, bis er im See schwimmt, dann kurz ein Motorboot von der Wasserskischule ausborgen und über den Kopf des Schwimmenden hinwegbrausen, sodass sich die hinter dem Boot aufbäumenden Wellen rot färben. Nicht gerade dezent, aber sicherlich zielführend. Wenn da nur nicht die schwer verwischbaren Spuren wären! Waagner schob den Einfall wieder beiseite, denn er schien ihm doch nicht geeignet zu sein, um als Basis für einen subtilen und schwer entschlüsselbaren Krimi zu dienen. Vielleicht würde es den Metzgern (oder wie man in Österreich sagt, den Fleischhauern), falls es solche noch in großer Zahl gab, und den Chirurgen ein gewisses Kribbeln vermitteln, wenn die Schiffsschraube des Motorbootes den Kopf in einem glatten Schnitt vom Körper trennt. Aber sonst schien ihm diese Tötungsmethode eher unpassend. Oder ließe sich mit dem ferngesteuerten Modellschiffchen des Nachbarn etwas machen? Dieses sauste mit dem Summen eines Bienenschwarmes über die Wellen, zog seine Runden und schien bereits nach wenigen Minuten seinen Akku aufgebraucht zu haben. Damit ließe sich wohl einem verkommenen und primitiv niederträchtigen Feind ein blaues Auge oder eine kleine Platzwunde an der Stirn verpassen. Aber ob man es auch als Mordwerkzeug verwenden konnte? Das bezweifelte Waagner. Und letzten Endes fuhr noch in regelmäßigen Abständen der Mondseer Ausflugsdampfer an Waagners müder werdenden Augen vorbei. In Wahrheit waren es zwei Ausflugsdampfer, die sich abwechselten, aber beide der Firma Hemetsberger gehörten, die heuer ihr siebzigjähriges Firmenjubiläum gefeiert hatte. War das die richtige Umgebung für die entscheidende Eingebung? Jedenfalls könnte der Hinweis auf einige Mondseer Spezifika Waagner den Zugang zu öffentlichen Druckkostenbeiträgen öffnen.
Immer wieder kreisten seine Gedanken um die drei wesentlichen Fragen: Wer könnte Opfer, wer Täter sein? Und welche Motive kämen in Frage?
Waagners Frau fragte ihn von ihrem Liegestuhl aus, ob er nicht eine kleine Jause für sie und die Kinder holen wollte. Vielleicht ein paar Pfirsiche, Kekse und – ja sie sagte es tatsächlich – ein Päckchen Manner Schnitten. Manner Schnitten! Den ganzen Tag nichts anderes als Manner Schnitten, dachte sich Waagner und glaubte, damit vielleicht das Motiv für seinen Krimi gefunden zu haben. Seine Frau hatte zu jeder Stunde auf nichts anderes Lust als auf Manner Schnitten. Es verwunderte Waagner, dass sie trotz dieser Vorliebe für das neben dem Riesenrad zweitwichtigste Wiener Wahrzeichen noch immer so schlank war wie vor zehn Jahren, als er sie geheiratet hatte. Manner Schnitten, das schien ihm ein plausibles Motiv für einen Mord zu sein. Waagner dachte sich, dass Manner Schnitten aber ebenso gut als Mordwaffe dienen konnten.
Auf dem Weg ins Haus, wo er einige Pfirsiche und vier Päckchen Manner Schnitten aus der Speis holte, in der in mehreren Kisten gut und gerne 200 Stangen Manner-Schnitten-Päckchen lagerten, verwarf er den Gedanken des süßen Mordmotives. Als Tatwaffe taugten sie wohl auch nur, wenn man mit Hilfe eines Krans eine Palette voll Manner Schnitten auf das Mordopfer fallen ließ. Aber dies hätte wieder umfangreiche Recherchen im Nahebereich des Manner-Konzerns nötig gemacht, wozu er letztlich auch keine Lust hatte. Er brachte seiner Frau und den Kindern die gesunde Jause, ließ sich in seinen Liegestuhl fallen und schloss die Augen.
Da sah er plötzlich vor seinem inneren Auge ganz klar die handelnden Personen seines noch zu schreibenden Buches. Im Mittelpunkt würde ein gewisser Blassnig stehen, ein dickes fettes mit Kurzhaar versehenes Schwein. Diese Beleidigung einer ganzen Tiergattung würde er in seinem Buch naturgemäß näher erläutern müssen. Dieser Blassnig könnte zwar allenfalls eine bemitleidenswerte Vergangenheit haben, er dürfte aber letztlich nicht so geschildert werden, dass beim Leser auch nur ein Funken von Sympathie aufkommen könnte. Waagner schwebte vor, Blassnig als lediges Kind darzustellen, der in seinem späteren Leben immer wieder behaupten würde, sein Vater sei ein hochdekorierter Flieger der englischen Royal Air Force gewesen. Von der Mutter schon bald als das erkannt, was er später werden würde, gab sie ihn in die Obhut der Großeltern. Die würden sich um den kleinen Blassnig zwar sehr bemüht haben, da Blassnigs Vater tatsächlich aber kein englischer Flieger, sondern ein bis in den Mai 1945 hinein unbändig an den Endsieg glaubender SS-Obersturmbannführer gewesen war, konnten die Erziehungsversuche nichts gegen die von Grund aus verdorbenen väterlichen Gene ausrichten. Die Schule würde er zwar aufgrund ausreichend großer finanzieller Zuwendungen an die Lehrerschaft bis in die siebente Klasse Gymnasium durchkämpft haben, aber statt zu seinem achtzehnten Geburtstag seinen Großeltern mit der Matura eine Freude bereitet zu haben, würde ihm sein Großvater zu eben diesem Geburtstag einen Jaguar zum Geschenk gemacht haben. Dies wäre ein Zeichen seiner Vorliebe für Autos und auch ein gewisser Anreiz für den Einstieg in das großelterliche Transportunternehmen gewesen. Letzten Endes würde beides aber nur zu zahlreichen Fahrten in den mittleren Osten mit großen Sattelschleppern geführt haben, ohne dabei die Fähigkeiten entwickelt zu haben, das großelterliche Unternehmen auch wirtschaftlich führen zu können. Dies würde, so dachte sich Waagner die weitere Lebensgeschichte des Blassnig aus, zur unvermeidlichen Insolvenz des Transportunternehmens nach dem Tod des Großvaters geführt haben. Ohne erlernten Beruf, ohne finanzielle Unterstützung und ohne unmittelbare Bezugspersonen wäre Blassnigs Weg in Waagners Fantasie vorgezeichnet gewesen, wie einer der in den nicht ausgesucht originellen Heftchenromanen beschriebenen. Zu würzen wäre all dies noch mit Frauengeschichten sonder Zahl, mit dem für Blassnig unerfreulichen Ergebnis, dass die von ihm beglückten Frauen zwar nie übermäßig reich und damit für ihn keine entsprechende Zukunftssicherung gewesen sein würden, stattdessen ihn in immer kürzer werdenden Abständen mit Söhnen und Töchtern in nicht mehr überblickbarer Anzahl beschenken würden.
Waagner war sich noch nicht im Klaren, welche Rolle Blassnig spielen sollte. Würde er zum Mörder aus Verzweiflung werden oder Opfer eines von Rachegelüsten Getriebenen sein? Wer würden seine Gegenspieler sein? Würde die zweite Hauptfigur, die Waagner bereits in mehr oder weniger scharfen Konturen vor sich sah, sein Komplize oder sein Widersacher sein? Dieser würde der in den USA bereits sehr verachteten, in Österreich aber noch immer mit einem nicht zu unterschätzenden Prestige versehenen Berufsgruppe der Rechtsanwälte angehören. Ein giftiges kleines Männchen würde es sein, kein Anwalt, sondern ein mit einer feinen Frauenstimme ausgestattetes Anwältchen, das beständig vom Glauben getrieben sein würde, durch seine ausgefallene und ausgewählte Höflichkeit seine Bösartigkeit vertuschen zu können. Waagner wollte diesen Anwalt als ein Hauspantoffeln tragendes Ungeheuer zeichnen, als eine Mischung aus Danny de Vito und dem Rumpelstilzchen aus der letzten Shrek-Verfilmung.
Und inmitten dieser Typen, im Spannungsfeld, das nur Personen aufzubauen in der Lage waren, die so irreal erschienen, dass sie letztlich nur dem wahren Leben entnommen worden sein konnten, würde Waagner einen naiven, unschuldigen, im Leben passiv dahintreibenden Durchschnittsmenschen auftreten lassen, der so wie er Autoverkäufer sein würde. Es sollte ein ziemlich frustrierter Autoverkäufer sein, der zwar im Verkauf von japanischen Sportwagen sehr erfolgreich sein könnte, darin aber nicht die wahre Genugtuung finden würde. Da er vielleicht sogar ein Studium hinter sich haben könnte, mit größter Wahrscheinlichkeit jenes der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Marketing, würde ihm seine Tätigkeit im Verkauf immer zu minder erscheinen. Ein Minderwertigkeitsgefühl könnte sich in ihm daher aufbauen, das in immer wilder werdenden verbalen Ausbrüchen seinen Arbeitskollegen gegenüber ausarten würde, den Höhepunkt schließlich darin finden würde, dass er in einem sich ständig wiederholenden Zeremoniell viermal täglich sein Wasserglas an die Wand seines Büros schleudern würde. Dem Umstand, dass er Akademiker sein würde, könnte es Waagners Protagonist verdanken, dass ihn der niederträchtige Rechtsanwalt stets mit „Herr Magister“ ansprechen würde. Waagner hielt es sogar für vorstellbar, dass das Anwaltsmännchen den Autoverkäufer gerade zu jenem Zeitpunkt traf, wo das Frustrationsniveau bei jenem so hoch gestiegen war, dass nicht nur Wassergläser an der Wand ihr frühzeitiges Ende gefunden haben würden, sondern dass auch sein Laptop mit einem ohrenbetäubenden Krach zu Boden geworfen worden sein würde, worauf das Anwältchen aus nicht nachvollziehbaren Gründen zum Autoverkäufer „Herr Magister, Sie sind ja so ein netter Kerl“ sagen würde und damit bei diesem das Fass zum Überlaufen bringen könnte. Ein perfektes Motiv für einen Mord im Affekt, dachte sich Waagner, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass Affektmorde meist ohne Motiv abliefen.
Waagner biss in das saftige Fleisch eines Pfirsichs, der Fruchtsaft rann ihm über die Finger. Obwohl ein paar Tropfen auf sein Notizbuch fielen, in dem er die sporadischen Gedanken zu seinem Krimi festhielt, lag ein gelassenes Lächeln auf seinem Gesicht, ungewöhnlich für ihn, der bei jeder Verschmutzung welchen Gegenstandes auch immer leicht in Rage geriet. Diesmal warf ihn dieses kleine Versehen nicht aus dem Gleichgewicht. Er war mit sich zufrieden, denn auf unerklärliche Weise hatte er das Gefühl, mit diesen drei Hauptpersonen bereits den Schlüssel zu seinem Roman gefunden zu haben.
Dass er mit Dr. Fabregas noch eine weitere Person in den noch zu konstruierenden Plot einzuführen beabsichtigte, die ebenfalls einer von Klischees umwehten Berufsgruppe angehörte, ließ sich am ehesten damit rechtfertigen, dass seine Frau eine beinahe an ihre Manner-Schnitten-Liebe heranreichende Verehrung für und Hinwendung zu Ärzteserien hatte. Es klang zwar vorzüglich, wenn sie dies mit der Möglichkeit, ihre Englischkenntnisse aufzufrischen, zu tarnen versuchte, wenn sie Emergency Room, Grey’s Anatomy, Private Practice etc. im englischen Original verschlang – mit einer Stange Manner Schnitten neben sich – aber es war nur die halbe Wahrheit, denn soweit Waagner informiert war, wurden Klinik unter Palmen, der Bergdoktor, der Walddoktor, der Flussdoktor und die Wiederholungen der Schwarzwaldklinik nicht in englischen Versionen dem österreichischen Publikum dargeboten. Dennoch ließ die massive Präsenz von Ärzten auf den zur damaligen Zeit immer größer werdenden Flachbildschirmen den Schluss zu, dass das Publikum auch abseits seiner Manner Schnitten verzehrenden Gattin ein gewisses Faible für Ärzte hatte. Ein Krimi ohne Arzt würde daher in Waagners Augen von vornherein zum erfolglosen Ladenhüter oder wohl eher zum nie eine Druckerpresse sehenden Manuskript verkommen. Sein Dr. Fabregas würde ein in seinem Oberarztdasein steckengebliebener medizinischer Penetrant sein, der seine fachlichen Unzulänglichkeiten den omnipräsenten IT-Problemen in die Schuhe schieben wollen würde. Waagner würde ihn zwar als verheirateten Vater zweier Kinder in die Geschichte einführen, der neben seiner Arbeit im Krankenhaus der Elisabethinen auch im Kardiologie-Ambulatorium „Zur fröhlichen Forelle“ tätig sein würde, wegen gewisser Vorlieben später aber in Schwierigkeiten kommen könnte, die zumindest eine Beteiligung an einem Verbrechen nicht zur Gänze ausgeschlossen aussehen lassen würden.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.