Kitabı oku: «Die jüdisch-christlich-islamische Kultur Europas», sayfa 7
Die römisch-katholische Kultur und Europa
Nach dem Untergang des Römischen Reiches folgte der allmähliche Aus- und Aufbau Roms als der Zentrale des Katholizismus. Diese Umgestaltung Roms von einem politisch-militärischen Machtzentrum zu einem Zentrum der katholischen Religion und Kultur soll sich aus katholischer Sicht ziemlich naht- und reibungslos vollzogen haben. Theologische Geschichtseschatologen stellen diese Entwicklung von Rom zu einer katholischen Machtzentrale gerne so dar, als ob Jesus Christus, der jedem Machtdenken abhold war, in weiser Voraussehung Rom als die Zentrale der Christenheit ausersehen hätte. Die berühmte Matthäusstelle „Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ muss dann immer dafür herhalten, dass Jesus den Apostel Petrus als den Führer seiner Kirche auserwählt habe. So anrührend diese Stelle klingt, so unwahrscheinlich ist sie aber auch. Denn warum sollte Jesus, der mit seinen Jüngern nur Aramäisch sprach, dem Simon den griechischen Namen „Petrus“ gegeben haben? Zudem gibt es zu dieser Stelle deutliche Widersprüche zwischen Matthäus und Lukas.253 Hyam Maccoby hält den Tod des Petrus in Rom für eine „Legende aus dem zweiten Jahrhundert“254 und schließt daraus, dass Petrus auch nicht der erste Bischof von Rom oder gar der erste Papst gewesen sein kann. Es gibt keinerlei stichhaltige archäologische Nachweise dafür dass „sich Petrus überhaupt jemals in Rom aufgehalten hat“.255 Selbst im Falle eines solchen Nachweises steht noch lange nicht fest, dass er der erste Papst und das ausgerechnet in Rom war.
„Dem Juden Jesus wäre die Vorstellung, daß seine Lehre ihr organisatorisches Zentrum in Rom finden sollte, der Hauptstadt eben jener Militärmacht, gegen die er sein Leben lang kämpfte, wohl ausgesprochen verblüffend und kränkend vorgekommen“256, gibt Maccoby als weiteres Argument zu bedenken.
Umstritten ist auch eine Stelle aus dem 1. Clemensbrief vom Jahre 98 u. Z. Aus dieser wollen christliche Theologen eine Vorrangstellung der Gemeinde von Rom herauslesen. Dieser Brief nimmt Bezug auf das Martyrium der Apostel Petrus und Paulus in Rom, ist jedoch kein sicherer Beleg für ein frühes römisches Papsttum. Auch die Möglichkeit, dass die im Jahre 2009 in der römischen Basilika San Paolo fuori le mura (St. Paul außerhalb der Mauern) in einem Marmorsarkophag entdeckten Knochenreste von Paulus stammen, ist noch lange kein Beweis für eine Vorrangstellung der römischen Kirche in der christlichen Welt des Mittelmeerraumes.
Seit dem 4. Jahrhundert wurden Petrus und Paulus häufig als Paar dargestellt. Eine sehr frühe Darstellung der beiden Apostel findet sich als spätantikes Mosaik in der Apsis der Kirche Santa Pudenziana, welche im 4. Jahrhundert auf dem Esquilinhügel in Rom als eine der ersten römischen Kirchen erbaut wurde.
„Es gibt jedoch eine Überlieferung, nach der sie bereits von Bischof Pius I. [140-155] erbaut wurde.“257
Die Mitte dieses Mosaiks zeigt den thronenden Christus als Weltenherrscher im Purpurgewand mit einem Buch in seiner linken Hand, die Rechte ist horizontal zum Gebet ausgestreckt. „Neben Christus stehen Petrus und Paulus, über deren Haupt symbolische weibliche Gestalten die Kronen halten.“ Beide halten ein Buch mit einer Inschrift und stehen für bestimmte Richtungen der ecclesia, der Kirche. Der ecclesia ex circumcisione, der aus der jüdischen Beschneidung hervorgehenden Kirche, des dem konservativen Judentum verhafteten Petrus wird die ecclesia ex gentibus, die Heidenkirche (gentes = Heiden und nichtjüdische Völker) des Völkerapostels Paulus, des römischen Bürgers, gegenübergestellt.258 Dieses Mosaik und die Widersprüche zwischen den Briefen des Paulus, der Apostelgeschichte und den Evangelien legen den Verdacht nahe, dass sich selbst noch in der Spätantike nicht nur zwei Richtungen einer einzigen Kirche, sondern zwei verschiedene christliche Richtungen, die judenchristliche Gemeinde von Jerusalem und die von Kaiser Konstantin geförderte synkretistisch orientierte römisch-katholische Universalkirche paulinischer Prägung gegenüberstanden.
Hyam Jaccoby geht noch weiter: Die Jerusalemer Christengemeinde, deren Leitung der Bruder von Jesus übernahm, war ursprünglich keine von Jesus gegründete Kirche, sondern noch lange fest im Judentum und im jüdischen Gesetz verankert. Der wahre Gründer des globalen Christentums war nach Jaccoby nicht Petrus, der wohl nie in Rom war, sondern Paulus, der dem Judentum – trotz der Aufnahme von Heidenchristen (meist „Griechen“) und trotz der Übernahme von nichtjüdischen Elementen in die Gemeinde – stark verbunden blieb. Petrus und Paulus waren also weit davon entfernt, ein Herz und eine Seele zu sein. Es gab wohl von Anfang an mehrere christliche Ausrichtungen, auf jeden Fall aber keine von Jesus gegründete „Kirche“.259 Kirche hat ja etwas mit Organisation und Hierarchie zu tun. Genau diese beiden Kriterien finden sich nicht im Neuen Testament. Die paulinisch-global orientierte Richtung stand der jüdisch orientierten bzw. judenchristlichen Richtung von Petrus und Jakobus durchaus nicht harmonisch gegenüber. Die erstere hatte ihre Wirkungsschwerpunkte in Griechenland und später in Rom, die letztere in Jerusalem und Palästina.

Abb. 6: Apsis-Mosaik der Kirche Santa Pudenziana um 410: Christus als Lehrer, Quelle: Mancinelli: Katakomben und Basiliken, 1981/1984, S. 58. Hinweis von Dr. M. Neusel.
Angesichts dieses petrinisch-paulinischen Antagonismus und der sehr zweifelhaften Quellenlage ist es nicht sicher, ob die römische Kirche in den ersten 100 Jahren wirklich durch einen einzigen Bischof, den Papst oder vielleicht durch ein Kollegium von Priestern geführt wurde (Frage der Herausbildung des Monepiskopats). „Letzteres gilt als wahrscheinlicher.“260 Die Bezeichnung von Petrus und seiner frühchristlichen Nachfolger als „Papst“ ist also historisch nicht sicher überliefert. In der römischkatholischen Kirche stammt die erste bekannte Verbindung des Titels „Papst“ mit dem Bischof von Rom aus der Zeit des Marcellinus († 304). Dieser wurde in der Grabinschrift des Diakons Severus als Papa bezeichnet. Amtlich wurde dieser Titel aber erst unter Papst Siricius (384-399). Seit Papst Gregor I. (590-604) ist der Titel „Papst“ eine im Westen Europas weitgehend anerkannte kirchenrechtlich gültige Bezeichnung.
In seltsamem Widerspruch zu einem frühen Papsttum von und seit Petrus steht die wenig bekannte Tatsache, dass das nur wenige Seiten umfassende Petrusevangelium261 kein kanonisiertes Werk der Bibel ist, sondern auf dem „Abstellgleis“ der Apokryphen262 (Texte, die nicht offiziell in den biblischen Kanon aufgenommen sind) gelandet ist, obwohl der auf uns gekommene Inhalt dieser Schrift mit dem katholischen Dogma durchaus vereinbar ist. Der Autor dieses Evangeliums, das erst in der Mitte des 2. Jahrhunderts entstanden sein soll, rückt „die Schuldfrage ganz in den Vordergrund“ und versucht den Beweis zu erbringen, dass „nicht Pilatus, sondern ganz allgemein die Juden schuld am Tode Jesu sind.“263 Diese Auffassung der jüdischen Alleinschuld vertrat die Römisch-Katholische Kirche bis in die neueste Zeit hinein. Auch sie wäre also kein Grund für die Apokryphisierung des Petrusevangeliums. Vielleicht kann diese Aussonderung des Petrusevangeliums damit erklärt werden, dass in den ersten Jahrhunderten des Christentums die judenchristliche Linie des Petrus nicht zur globalen heidenfreundlichen Orientierung des Paulus passte. Man kann davon ausgehen, dass in der Spätantike bzw. im frühen Mittelalter die von Petrus vertretene Richtung wieder an Boden gewann. Nicht zu dieser Petruslegende passt auch die nachgewiesene Tatsache der zahlreichen Missions- und Visitationsreisen des Hl. Paulus im östlichen Mittelmeerraum. Er war der eigentliche Gründer und Organisator der jungen christlichen Kirche und war als solcher auch mehrfach in Rom präsent. Warum hätte er so viele Missions- und Visitationsreisen nach Rom unternehmen sollen, wenn Petrus schon einige Jahrzehnte vor ihm in Rom als Papst gewirkt hätte? Da wäre es doch viel wahrscheinlicher gewesen, wenn Petrus solche Reisen durch einen Mann seiner Couleur organisiert hätte.
Petrus sollte also, wie man heute von Seiten der Kirche glaubt, von Rom aus zentral die Kirche leiten. Im Zusammenhang mit diesem Matthäuswort steht „die Legende, dass der Apostel Petrus nach Rom gekommen sei, um dort eifrig mitzuhelfen, die neue christliche Lehre zu verbreiten.“ Daraus entwickelte sich dann der Glaube, „dass Petrus in Rom sogar als Vorsteher der Gemeinde, also als ihr Bischof gewirkt habe.“ Die (erste) Peterskirche, die Laterankirche und Santa Croce in Gerusalemme wurden erst nach 324 erbaut, „also zur Zeit des Papstes Sylvester I. (314-335). Über diesen Papst sind so gut wie keine konkreten Nachrichten überliefert.
Die bis auf Petrus zurückgeführte Papstliste ist unter Historikern also nach wie vor umstritten, nicht zuletzt die Päpste vor Gregor I. (590-604 konventioneller Zeitrechnung):
„Aufgrund der spezifischen Quellenlage ist die Liste der Päpste in den ersten 100 bis 200 Jahren mit großer Vorsicht zu genießen.“264
Auch die „doppelte Folge teils gleichlanger Pontifikate“265 im frühen Mittelalter rechtfertigt eine kritische Einstellung zur überlieferten Papstliste. Hinzu kommt noch, dass die Regierungszeiten diverser antiker und mittelalterlicher Päpste nicht einwandfrei nachgewiesen sind. Selbst bei Gregor V., dem ersten deutschen Papst (offizielle Regierung 996-999), fehlt auf seinem Bamberger Sakrophag das Jahresdatum, es sind nur Todestag und Todesmonat angegeben. Es scheint, dass man sich nicht sicher war, welcher Chronologie man sich anschließen sollte.
Bei so vielen Unwägbarkeiten der überlieferten römischen Papstliste ist es also nicht verwunderlich, wenn Grotefend seine „Pontifikatsjahre der Päpste“266 erst mit Gregor I. (offiziell 590-604 Papst) beginnen lässt. In dieser Liste, welche angeblich auf 160 nach Chr. zurückgehen soll, kommen Namen wie z.B. Zephyrin (199-217) und der angebliche Gegenpapst Anastasius Bibliothecarius (855, gest. 878/879) vor, die in der Papstliste nur einmal auftauchen und auch sonst in der Kirchengeschichte später nie mehr vorkommen. Der angeblich um 850 wegen (angeblicher) Pflichtverletzung exkommunizierte und 853 wieder rehabilitierte Bibliothecarius soll sogar um 875 herum die dritte Fassung des Liber Pontificalis, das sog. „Buch der Päpste“ geschrieben haben.
Angesichts solcher Ungereimtheiten sind Zweifel an einer über 2000 Jahre lückenlos überlieferten Papstliste267 angebracht. Erstaunlich ist, dass die Papstliste in den ersten drei Jahrhunderten, also in vorkonstantinischer Zeit, keine Lücken aufweist. Die erste größere Lücke zeigt sich nach dem Tod von Papst Marcellinus (296-304). Marcellus I. wurde erst 308 Papst. Auch im Jahre 310 fehlt zwischen Eusebius und Miltiades ein Papst in der Liste. Auch in den nachfolgenden Jahrhunderten des frühen Mittelalters tauchen immer wieder Lücken von einem Jahr auf. Es kann sich dabei aber auch um chronologische Fehler handeln.
Angesichts der Zweifel an der auf uns gekommenen Papstliste verwundert es auch nicht, dass man in der Nekropole hinter dem Borgo das Vatikans nicht nur auf den christlichen Kult, sondern auch auf ägyptische, griechisch-hellenistische und sonstige ‘heidnische’ Kulte stieß. Zu denken gibt auch, dass das jüdische Viertel offensichtlich schon seit der frühen römischen Kaiserzeit sich ganz in der Nähe dieses Borgos befand und heute noch befindet.268
Christen sollen, so stellt es die konventionelle Forschung dar, ihre Gottesdienste in den Katakomben gefeiert und die Toten dort bestattet haben. Allerdings hatten auch die Juden nachweislich „eigene Friedhöfe in den Katakomben, deren Reste noch zu sehen sind: Berühmt sind jene von Vigna Rondanini, von Monteverdi oder der Via Appia, wo wir Gedenksteine (heute im Museum) nicht nur mit typisch jüdischen Namen, sondern auch mit den üblichen Emblemen sehen.“269 Für die Katakomben von Malta ist allerdings nachgewiesen, dass die ersten Christen dort vor allem Liebesmahle an den Gräbern mit ihren Toten feierten.270 Auch arme Christen wurden dort gespeist. Es gibt also auch schon sehr früh einen christlichen Ahnenkult, zumindest auf Malta.
Die Existenz von jüdischen Katakomben in Rom (und anderen Städten Italiens) schließt nicht aus, dass die in Rom lebenden Juden eigene Gotteshäuser (Synagogen) oberhalb der Erde hatten. Jüdische Synagogen sind nachgewiesen für das 1. und 4. Jahrhundert u. Z. in der römischen Hafenstadt Ostia271, wo die Juden sich wohl noch früher als in Rom niedergelassen hatten. Es ist also naheliegend, dass auch die in Rom lebenden Christen wie die Juden bzw. Judenchristen neben ihren Katakomben eigene Gotteshäuser gehabt haben müssen. Da aber christliche Kirchen in Rom erst relativ spät nachweisbar sind, bestehen berechtigte Zweifel, ob sich Juden und Christen überhaupt religiös und liturgisch voneinander unterschieden. Wie Jesus mit seinen Jüngern zeit seines Lebens jüdische Synagogen besuchte und dort sogar predigte, so trafen sich wohl auch die römischen Christen, welche von den dortigen Juden nicht als Abweichler empfunden wurden, in den jüdischen Synagogen Roms. Diese weitgehende Identität von Juden, Christen und Judenchristen scheint sich bis zu den großen Religions- und Kirchenreformen von Konstantin gehalten zu haben. Erst unter Kaiser Konstantin wurde das jüdische Element der christlichen Religion massiv zurückgedrängt. Zur religiösen Befriedung des Römischen Reiches formte der Kaiser eine neue synkretistische Mischreligion aus den Elementen verschiedener vorderasiatischen Religionen. Abraham Ibn Daud (1110-1180), der jüdisch-sephardische Chronist, Philosoph und Astronom, gelangt in seinem Werk Sikhron divre Romi (Chronik von Rom) sogar zu der Auffassung, dass Kaiser Konstantin im Rahmen seiner synkretistischen Religionspolitik das Neue Testament gefälscht habe.272
Der persische Mithraskult war wohl in Europa noch vor dem Christentum präsent und wirksam – auch im alten Bayern. Die archäologischen Relikte sind allerdings „dafür doch recht spärlich.“273 Der Kult war aber weitaus mehr als ein Randphänomen, denn eine der ältesten Mithraskultstätten ist ausgerechnet gewissermaßen als Krypta unter der alten Kirche San Clemente274 in Rom bestens erhalten. Die christliche Kirche veränderte und zerstörte diese Kultstätte nicht, sondern baute auf ihrem Fundament weiter. Die ungebrochene baugeschichtliche Tradition von San Clemente legt den Gedanken nahe, dass die babylonisch-mesopotamische Kultur sowohl über den Mithraskult als auch über das Judentum auf die römischkatholische Kirche gewirkt hat.
Aus Babylon275 „nahmen die Juden den Teufel mit nach Israel und in die Welt des Glaubens“.276 Im seinem Gefolge kamen auch kleinere Teufel wie der Dämon Asmodeus, „ein Dämon aus der altpersischen Glaubenswelt, Hüter des Verborgenen, Prätorianer des salomonischen Tempels im alten Israel“277 in die christliche Glaubenswelt. Asmodeus befindet sich gelegentlich auch an dunklen und versteckten Stellen in christlichen Gotteshäusern, z.B. in der französischen Kirche von Rennes-le-Château.278
Dieser Teufel und seine Gefolgsleute sind auch im Jüdischen ursprünglich nicht mit der Hölle verbunden. Im Alten Testament wird Satan bzw. Luzifer ursprünglich sehr positiv dargestellt, wie z.B. die Wette von Gott und Satan um die Seele des Hiob (Hiob Buch 1, 6-12) zeigt. Satan zählt zu den „Gottessöhnen“ (Job 2,1) und darf vor das Antlitz Gottes treten (Job 2,7). In Job 40,2 übernimmt Satan sogar die ehrenvolle Rolle des „Anklägers Gottes“.
Wie wenig in der Teufelsfrage das Neue auf dem Alten Testament basiert ist, zeigt seine dortige Funktion als Bösewicht und „Widersacher Gottes“279. Im Lukas-Evangelium (Luk. 10,18) sah Jesus „den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“ Er stieg also nicht aus der Hölle zu ihm auf, sondern kam vom Himmel. Welcher Himmel ist damit gemeint? Der persische Ahriman als der „Geist des Bösen“, die „Macht der Finsternis“ und der Gott der negativen Gegenschöpfung, stand in der mesopotamischpersischen Religion als Repräsentant des Bösen und der Dunkelheit Ahura Mazda, dem Schöpfergott und dem Gott des Lichtes, dem Vertreter des Guten, in einem dualistischen System gegenüber. Ahriman war der Erreger der „9999 Krankheiten“ und lebte in der Unterwelt. In der Mithrasreligion wird Ahriman als Gott verehrt. „Ihm werden Tiere geopfert, die der bösen Macht angehören.“280 Dem Ahriman und dem Luzifer, dem „Lichtbringer“, untersteht eine komplette Hierarchie von Teufeln. Findigen Theologen gelang es sogar die Gesamtzahl aller Teufel auf 7.405.926 zu errechnen.281 Der Satan war also wohl nicht biblischen Ursprungs, sondern „ein Gefolgsmann Zarathustras“.282
Diesen Dualismus von Gott und Teufel, von Gut und Böse, von Himmel und Hölle haben das römisch-katholische Christentum und die auf ihm aufbauenden christlichen Konfessionen übernommen. Die Katharer283, bekannt auch unter den Namen Manichäer, Albigenser und – gelegentlich auch – Arianer, welche die römische Kirche Anfang des 13. Jahrhunderts mit Kreuzzügen ausrottete, lehnten die Existenz von Fegefeuer und Hölle ab. Die Hölle ist mit der menschlichen Existenz auf dieser Welt identisch,284 „diese Erde ist die Hölle.“285 Sie galt den Katharern auch als „Gefängnis der Materie“ und nicht als eine Einrichtung auf ewig. Luzifers Herrschaft dauert nur so lange, „wie der ‘Irrtum’ der Seelen dauert.“286
Der französische Dramatiker Jean-Paul Sartre steht in dieser Tradition, indem er in seinem Drama „Bei geschlossenen Türen“ die Hölle als einen Zustand beschreibt, den sich Menschen auf dieser Erde gegenseitig bereiten. Das auf dem Neuen Testament aufbauende System ist also ein dualistisches. Auf der guten rechten Seite steht Gott, verkörpert durch Jesus, auf der schlechten linken Seite befindet sich der Teufel, verkörpert durch den gefallenen Engel, Gottes Gegenspieler. In dieses dualistische System von Gut und Böse, von Himmel und Hölle passt das Fegefeuer, das erst sehr viel später Eingang in die katholische Dogmatik fand (siehe unten), nicht so recht hinein. Es hatte wohl die Aufgabe, den radikalen Dualismus von Himmel und Hölle etwas zu entschärfen und abzumildern und die Hoffnung der Christen auf ein besseres Leben nach dem Tode aufrechtzuerhalten.
Auch die Schutzengel sind keine genuin christliche Erfindung und kommen im Alten Testament nicht namentlich vor. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die christlichen Schutzengel auf die „Favashi-Engel“ der Lehre des Persers Zarathustra zurückgehen. Diese Schutzengel ordnet Jesus im Neuen Testament287 direkt den Kindern zu. Deren Engel schauen im Himmel das Angesicht Gottes und wachen über die Kinder auf Erden.
Mit der Zentralisierung der römischen Staatsreligion, der rigorosen Eliminierung von christlichen Abweichlern wie z.B. Monophysiten und Arianern, und der Fundierung auf vier große Säulen (Judentum, mesopotamisch-persischer Mithras-, ägyptischer Sonnengottkult und etruskischrömische Religion) konnten sich die Grundlagen eines Systems entwickeln, welches dann später als römisch-katholisch bezeichnet wurde. Bis ins frühe Mittelalter hinein war also nicht der Papst in Rom, sondern der römische Kaiser, der ab dem ausgehenden 3. Jahrhundert in Konstantinopel residierte, als Stellvertreter Gottes auf Erden „Herr über Kirche und Staat.“ Nicht der Papst oder sonst ein Bischof berief bis ins frühe Mittelalter hinein die christlichen Konzilien ein und dominierte diese, sondern der Kaiser. Weder auf dem Konzil von Nicäa (325) noch auf dem 2. ökumenischen Konzil von Konstantinopel (381) tritt der römische Bischof als Papst in Erscheinung. Die griechische Kirche hatte sich im Rahmen der „Hellenisierung des Christentums“288 bereits in der Spätantike „vom Primat der Römer“289 gelöst, ohne jedoch dogmatisch mit der römischen Kirche zu brechen. Nicht ein Papst, sondern die Bischöfe als Gesamtheit korrespondierten und verhandelten auf dem Konzil von Konstantinopel mit dem Kaiser. Die Kirche war also auch im 4. Jahrhundert keine Papst-, sondern eine „Bischofskirche“.290 Der (ost)römische Kaiser, nicht der Bischof von Rom besaß die Richtlinienkompetenz für Politik und Religion bis ins frühe Mittelalter hinein.
Kaiser Justinians zentralistische Kirchenpolitik ging zu Beginn des 6. Jahrhunderts noch weit über diejenige von Konstantin hinaus. Es wurden nicht nur 529 die platonische Akademie geschlossen, sondern auch die Philosophie als Lehrfach an den Hochschulen verboten und mit extremer Brutalität die „verbliebenen Heiligtümer des alten Glaubens in Kirchen umgewandelt.“ Abweichler wurden rigoros verfolgt, selbst ihre irdischen Güter wurden konfisziert.291 Helmut Böhme zählt unten weitere Schikanen gegen diejenigen auf, die sich nicht an die Spielregeln der römischkatholischen Staatsreligion hielten bzw. ketzerisch von den von oben verordneten Glaubensinhalten abwichen:
„Mit Polizeigewalt, mit Prügelstrafe, mit Enteignungen, Verbannungen und Deportationen, mit Ausschluß von der Beamtenlaufbahn, mit den Einschränkungen bürgerlicher Rechte, mit dem Verbot zu erben und zu vererben, wurde der katholische Glaube großartig despotisch mit staatlicher Gewalt als Gewissenszwang gefordert und aufrechterhalten. Daß kein Strafgesetz rückwirkende Kraft haben kann – nullum crimen sine lege292 -, wurde für die Verfolgung Nichtgläubiger außer Kraft gesetzt. Die Tempel wurden geschlossen, das Opfer und die olympischen Spiele verboten, sämtliche nichtchristliche Riten mit schweren Strafen belegt.“293
Zur massiven religiösen Gleichschaltung kamen noch wirtschaftliche Ausbeutung im Rahmen der wachsenden Feudalisierung (Leibherrschaft) und erdrückende Steuerbelastung dazu. „Für den Steuerzahler war der Einfall von Barbaren weniger schrecklich als die Ankunft der Steuerbeamten“294. Nicht zuletzt trug diese Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des römischen Reiches dazu bei, dass sich die westlichen Regionen des einstigen Römischen Reiches zunehmend von Ostrom abnabelten und der Bischof von Rom immer mehr religiös und politisch an Einfluss gewann. Mit dem Rückzug Ostroms aus dem Westen des Imperiums seit dem frühen Mittelalter verblasste der Einfluss der byzantinischen Orthodoxie auch in Böhmen, Baiern und Österreich. Der Weg wurde damit frei für die iroschottischen, fränkischen, angelsächsischen und erst relativ spät für die römisch-katholischen Glaubensboten im mittleren und ostmitteleuropäischen Europa. Auch in Böhmen und Polen konnten die römisch orientierten Orden, z.B. Benediktiner und Deutscher Orden, und die römische Kirche im Laufe des hohen Mittelalters immer mehr Fuß fassen. Es waren vor allem die slawischen Fürsten, welche nicht nur die Bauern, sondern auch die Klöster als Kulturbringer ins Land riefen und sich damit eine Verbesserung der materiellen Kultur und überhaupt der Lebensqualität der dort lebenden Menschen erhofften. Auch die Dominanz der römisch-katholischen Kirche – sie war noch keine zentral organisierte Papstkirche – verfestigte sich im frühen Mittelalter nördlich der Alpen immer mehr. Die byzantinische Orthodoxie, die seit dem ausgehenden 6. Jahrhundert immer weiter nach Osten zurückgedrängt wurde, hinterließ jedoch in Ostmittel- und Mitteleuropa ihre Spuren.
Die radikale Änderung der jüdisch-christlichen Kirche unter straffer Führung von Kaiser Konstantin und seiner Nachfolger (vor allem des oströmischen Kaisers Justinian), soll, zumindest bei zahlreichen westlichen Theologen wie z.B. Augustinus, im Laufe der Spätantike immer mehr die Überzeugung gefördert haben, dass dem Bischof von Rom der Primat unter allen Bischöfen der Kirche zustehe. Die Idee des päpstlichen Primates in der römisch-katholischen Kirche war aber bis ins Frühe Mittelalter hinein, wie gesagt, weitaus mehr Anspruch als Realität. Schon aus logistischer Sicht hätte sich im frühen Mittelalter ein zentral organisiertes Papsttum nicht einmal für Europa durchsetzen lassen.
Dieser päpstliche Primatanspruch soll erstmals erstaunlich spät angeblich von einem Papst Stephanus (254-257), dessen Geburtsdatum unbekannt ist,295 geäußert worden sein, „noch bevor die römischen Kaiser das Christentum annahmen.“ Der Bischof von Rom erntete aber damit heftige Widersprüche in der damaligen christlichen Welt. Die Bischöfe der großen Weltstädte des Ostens, Konstantinopel, Antiochia, Jerusalem und Alexandria sahen „im römischen Papst nichts anderes als den Patriarchen der armseligen Westhälfte des Reiches“, bestenfalls „einen ihnen gleichgestellten Kollegen.“ Der Primat des Bischofs von Rom wurde nicht einmal in Italien akzeptiert, wo „die Bistümer von Ravenna, Mediolanum und Aquileia eine ernsthafte Konkurrenz für den Papst“ in Rom darstellten. Nicht zuletzt hatte Ambrosius, der Bischof von Mailand (Mediolanum), eine starke Position in der Kirche Italiens inne. Er brauchte den Vergleich mit dem Bischof von Rom nicht zu scheuen. Es war also nicht der Bischof von Rom, der im Abendland an der Spitze der römisch-katholischen Kirche stand, „sondern eindeutig Ambrosius“ in Mailand. Roms christliche Hegemonie war aber nicht nur von Mailand, sondern auch den beiden anderen sich auf den Apostel Petrus berufenden Patriarchenstädten Alexandria und Antiochia bedroht. Die These von den „drei petrinischen Sitzen Alexandria, Antiochia und Rom“ entstand erst unter Damasus I., der von 366 bis 384 Bischof von Rom war und als „Diakon des römischen Bischofs Liberius296 zum Papst gewählt“ wurde. 297 Dass Damasus „in den höheren Kreisen der römischen Gesellschaft große Anerkennung“ fand und „insbesondere die Damenwelt“298 ihn sehr verehrte, war für seine Wahl zum Bischof von Rom sicher kein Nachteil. Damasus war von Anfang an ein Verfechter der Idee, dass „der erste Sitz des Apostels Petrus der römischen Kirche“299, also Rom, zustehen sollte. Dabei liegt der schwere Verdacht nahe, dass Damasus eine Bischofsliste vom ausgehenden 4. Jahrhundert bis zurück zu Petrus, dem angeblichen ersten Bischof von Rom, erfinden musste. In dieses System einer frühchristlichen Geschichtsfälschung passt auch der Auftrag von Damasus an Hieronymus, die Bibel ins Lateinische zu übersetzen (Vulgata) und zur Aufwertung des römischen Bischofs in der christlichen Welt beizutragen. Damit wurde das Lateinische als die neue Bibelsprache gegenüber dem Griechischen und der christlichen Orthodoxie des Ostens aufgewertet und gleichzeitig auch der Hegemonialanspruch Roms verstärkt. Trotz solcher massiver prorömischer Maßnahmen dauerte es aber noch lange, bis es gelang, den römisch-katholischen Machtanspruch in Italien durchzusetzen.
Ein massiver Verfechter des römischen angeblich auf den Apostel Petrus zurückgehenden Primats von Rom in der christlichen Welt war Papst Gregor I., genannt „der Große“ (Papst von 590 – 604). Diesen obersten christlichen Primat beanspruchte in der Regierungszeit von Papst Gregor I. auch der Patriarch von Konstantinopel, der sich den Titel „Allgemeiner Patriarch“ gegeben hatte. Dem Ziel, den Byzantinern in der christlichen Kirche diesen Primat streitig zu machen, kam Gregor mit politischen und diplomatischen Maßnahmen näher als mit theologischen Argumenten. Zu diesen gehörten der Kauf des Friedens 592/595 „durch Zahlung einer hohen Geldsumme“ an die Langobarden und die dubiose Ausdehnung des römisch-katholischen Christentums nach England, wo sich angeblich König Ethelbert taufen ließ.300 Die Schöpfer der großen Papstgeschichten versäumen es aber fast immer, sich zur Finanzierung der (angeblichen) römischen Papstkirche im frühen und hohen Mittelalter zu äußern. Vielleicht haben die Juden von Rom und Latium die Expansion der römischen Kirche finanziert. Natürlich sind solche Aktionen nicht aktenmäßig belegbar.
Mit dieser am Ende des 6. Jahrhunderts erfolgenden Expansion in den Nordwesten Europas erhoffte sich Gregor I. einen Machtgewinn und eine Prestigesteigerung des römischen Katholizismus gegenüber der byzantinischen Kirche. In einem seltsamen Widerspruch zu dieser römischkatholischen Invasion nach England steht aber die erstaunliche Tatsache, dass iroschottische, fränkische und angelsächsische Missionare noch bis ins 9. Jahrhundert hinein die christliche Botschaft in den süddeutschen Raum brachten. Warum hat denn Rom, das angeblich den italischen Mönch Augustinus 596 zu Missionszwecken nach England sandte, es nicht geschafft, römisch/italienische Glaubensboten in das viel nähere Baiern und Österreich zu schicken?
Auf Grund meiner kritischen Ausführungen zum umstrittenen christlichen Primat zwischen Rom und Konstantinopel ist es nur logisch, dass nicht zuletzt in den lange Zeit zur byzantinischen Herrschaft gehörenden Teilen Italiens der römische Primat erst relativ spät anerkannt wurde. Die politischen und diplomatischen Aktivitäten der Päpste von Rom trugen im westlichen Europa allmählich Früchte. „Papst“ Agatho (678-681) soll erreicht haben, dass Theodor v. Ravenna (678-687) die Abhängigkeit seiner Kirche von der römischen anerkannte. Noch später soll sich ein Johannes von Ravenna (850-871) erst in den Jahren 861/62 dem „Papst“ Nikolaus I. (858-867) von Rom unterworfen haben.301 Diese erstaunlich späte Integration von italischen Bistümern in die römische Kirche macht deutlich, dass sich ein wirklicher römischer Primat erst relativ spät im Laufe des frühen Mittelalters herausbildete. So verwundert es auch nicht, dass die Deutschen nicht von Italien aus, sondern von den Franken und Iro-Schotten vom Nordwesten Europas missioniert wurden. Auch die großen religiösen Zentren im Nahen Osten, Alexandria, Antiochia und Konstantinopel waren nie bereit, die Hegemonie Roms zu akzeptieren. Die Kirchen von Konstantinopel und Rom betrachteten sich bereits vor dem großen Schisma des 10. Jahrhunderts nicht als eine einheitliche Kirche, sie traten darum auch als Wettbewerber bei der Missionierung der sog. heidnischen Völker wie der Baiern und der Slawen auf. Noch heute beruft sich das Christentum in Böhmen auf die Slawenapostel Kyrill und Method. Nach Rudolf Reiser kamen in der Spätantike und wohl auch noch im Frühen Mittelalter nicht nur die Machthaber, sondern auch die Missionare „aus Rom, Byzanz und Paris“.302 Reiser weist nach, dass die zahlreichen bairischen Peters- und Paulskirchen „die Route der alten Römerstraße vom Brenner das Inntal entlang nach Rosenheim (der römische Pons Aeni) und von dort weiter nach Regensburg“303 markieren. Von dieser Hauptlinie zweigen dann noch einige Nebenstraßen ab, an welchen sich wiederum nicht wenige Patrozinien von Peter und Paul befinden.304 Die Routen mit diesen römischen Patrozinien endigen häufig in alten Römersiedlungen wie z.B. Salzburg, Regensburg und Straubing mit ihren Peterskirchen. Auf den ersten Blick hin liegt es nahe, anzunehmen, dass die Römer hier schneller waren als die Byzantiner und dass es bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts, als zahlreiche römische Siedler Baiern den Rücken kehrten, dünne Ansätze eines frühen Christentums gab. Ob es sich um ein römisches und nicht um ein arianisches oder sonstiges Christentum handelt, ist m.E. noch nicht wirklich geklärt. Die durchaus reale Züge aufweisende Legende der Hl. Afra, welche im ausgehenden 3. Jahrhundert u. Z. durch den aus Spanien stammenden Bischof Narzissus, der das Freudenhaus von Afras Mutter aufgesucht hatte, zum Christentum bekehrt worden sein soll, deutet eher auf arianisches Christentum. Denn dieses war auf der iberischen Halbinsel noch lange die führende christliche Religion. Der Zugriff des römischen Papsttums erfolgte bestenfalls erst ab dem 11. Jahrhundert.305
