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Kitabı oku: «Das Schatzhaus des Königs», sayfa 9

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Mit Ungeduld hing das Auge der Witwe, nachdem sie also gesprochen, an den Zügen ihres Sohnes, der träumerisch zu Boden sah. Ohne Zweifel war sie aufs äußerste gespannt, was er auf diese ihre Forderung erwidern werde, denn sie wechselte mehrmals die Farbe und wischte sich den Schweiß hastig von der Stirne. Als Menes immer noch schwieg, verdüsterten sich ihre Blicke immer mehr, erst als er plötzlich zusammenzuckte und ihr groß in die Augen sah, versuchte sie wieder ihr eigenartiges Lächeln.

»Nun, Menes,« sagte sie, »ich wünsche deine Meinung zu hören. Bist du so schwach, dich nicht von Myrrah trennen zu können, die du doch in guten Händen weißt! Sieh nur, dein Mädchen besitzt mehr Mut wie du.«

Myrrah war vom Boden, auf dem sie bis jetzt gekauert, aufgestanden; ihre Züge drückten die beängstigendste Unruhe aus; auch sie wartete mit bebender Spannung auf die Antwort ihres Menes. Dieser richtete sich nun an seine Geliebte.

»Was soll ich tun, Myrrah?« frug er. »Gib du mir deinen Rat zu hören.«

»Wie?« rief Asso, »ein Mann fordert, den Rat eines unerfahrenen Kindes zu hören? Hast du keine eigenen Entschlüsse? Hängst du von fremdem Willen ab?«

»Ich frage dich, Myrrah,« sagte Menes, »noch einmal, soll ich gehen? Dich verlassen? Du schüttelst traurig dein liebes Haupt? Aber dennoch werde ich es müssen. Meiner Mutter kann ich nicht unrecht geben, sie meint es gut mit mir und, wenn ich ihrem Wunsche folge, erzeige ich mir selbst den größten Dienst.«

Er trat zu der Erblassenden heran.

»Du bist stark genug, die Prüfungszeit, die wir uns beide auferlegen müssen, geduldig zu ertragen,« sagte er, sie umschlingend, »komme, tritt zu der Frau, die dein Wohl und das meine zu fördern versprochen, reiche ihr die Hand. Sie hat durch ihr rasches Handeln einen ungünstigen Eindruck auf dich gemacht, jedoch sie kann auch weich und gut sein, wie du bemerkst. Sieh! sie lächelt dich freundlich an, sie will dich zu ihrer Tochter machen; fasse Zutrauen zu der, die ich achten und verehren muß. Sie ist nicht so, wie sie sich dir anfangs zeigte.«

Asso faßte die Hand der Widerstrebenden.

»Mein Kind,« sagte sie mit sanfter Würde, »von deinem Benehmen wird es abhängen, ob ich dich lieben lernen kann. An mir soll es nicht fehlen, ich werde mir Mühe geben, mich an dich zu gewöhnen. Sei heiter, denn deiner harren glückliche Tage.«

Da Myrrah regungslos mit niedergeschlagenen Augen dastand, wendete sich die Witwe an Menes.

»Du siehst,« sagte sie, »meinen guten Willen, mir dies Herz zu gewinnen; es ist nicht meine Schuld, wenn sie meine Liebe abweist.«

»Gönne ihr einige Tage Ruhe und Überlegung,« entgegnete Menes, »ich bin davon überzeugt, daß sie sich an dich anschließen wird. Noch zittert der Schrecken dieser Überraschung in ihrer Seele nach; wenn sich der Sturm gelegt, wird sie klarer einsehen, welche Wohltat sie durch dich genießt. Überlasse sie nur meinem Troste.«

Asso wandte sich zum Gehen, ihr Auge glänzte wie das eines sieghaften Feldherrn. Hatte sie es doch erreicht, was sie wünschte, ihren Sohn diesem tatlosen Leben entrissen und einem ruhmvolleren entgegengeführt zu haben.

Menes pries sich glücklich, daß die Dinge, die so ernst begonnen, eine so schöne, hoffnungerweckende Wendung genommen hatten; der Sturm, der drohend herangebraust war, löste sich nun in milden Duft auf; er hatte, wie er sich sagte, das Herz seiner Mutter besiegt; auch nicht die leiseste Wolke des Argwohns trübte den Horizont seines Glückes. Die Zukunft glänzte vor seinem Blick wie die Landschaft nach der Überschwemmung des Nil; die kurze Trennung von der Geliebten diente ja nur der Seligkeit zur Würze, und da diese Trennung unvermeidlich war, wie gut, daß er nun wenigstens Myrrah zufrieden im Arm des Reichtums wußte. Auch Myrrah, die sich anfangs unter Tränen dagegen sträubte, die Dienerin einer solchen Frau zu werden, gab schließlich den sanften Vorstellungen ihres Geliebten Raum und erklärte ihm, daß sie willenlos, was er von ihr wünsche, tun werde, daß sie jedoch gegen Asso eine unüberwindliche Abneigung gefaßt. Sie beschwor ihn, nicht jedem Worte seiner Mutter Vertrauen zu schenken, sie riet ihm zu prüfen, zu beobachten; Menes jedoch wies fast mit Entrüstung die Zweifel zurück, die das Mädchen in die Offenheit Assos setzte. Er tadelte ihr Mißtrauen und versicherte, seine Mutter ließe sich zwar leicht hinreißen, jedoch sei ihr Charakter höchst achtbar und unantastbar.

»Ich habe dich gewarnt,« entgegnete Myrrah, »mehr kann ich nicht tun. Jedoch ich werde, auch wenn er mir Unheil bringen sollte, deinem Befehl folgen und will mich befleißigen, deiner Mutter zu gefallen. Sie soll nie über mich zu klagen haben.«

Hierauf verfügten sich alle nach dem Palast zurück, Asso leutselig plaudernd an ihres Sohnes Seite wandelnd, Myrrah schweigsam und Rebekka den Dreien im Tanzschritte singend vorauseilend.

* * *

Von diesem Tage an hatte sich Menes nicht mehr über seine Mutter zu beklagen. Obgleich sie seine Zusammenkünfte mit dem Mädchen überwachen und dieselben öfter unterbrechen ließ, war doch ihr Betragen tadellos, behandelte sie die Geliebte ihres Sohnes mit der Achtung, die einer solchen gebührte. Menes ließ es nicht an Dankbarkeit fehlen; man hätte scherzweise sagen können, er verwandelte sich in den Geliebten seiner Mutter, mit soviel Höflichkeit trug er ihr den Sonnenschirm nach, mit soviel Galanterie bot er ihr bei Tafel die Schüsseln. Die Mutter ging auf seinen Scherz ein, nahm das galante Betragen einer viel umworbenen Hofdame an und wußte, graziös wie in ihren jungen Tagen, mit dem Palmblattfächer ihres Verehrers Schulter zu schlagen. Der vertrauungsvolle Jüngling wußte sich die oft nachdenklichen Falten der mütterlichen Stirne nicht zu deuten, seine Menschenkenntnis reichte nicht aus, um hinter der glatten Freundlichkeit dieser Weltdame das ewig arbeitende Herz der Intrigantin schlagen zu hören, und so lebte er in kindlicher Unbefangenheit dahin, im Wahne, seine Mutter füge sich seiner Autorität, während es sich gerade umgekehrt verhielt. Von seiner Abreise war bis jetzt nicht weiter die Rede gewesen; er schien ein Gespräch hierüber zu meiden.

Eines Tages jedoch, als er durch die unteren Räume des Hauses schritt, um daselbst nach den Bruchstücken einiger alten Papyrusrollen zu suchen, fielen seine Blicke auf zwei bis obenhin mit prächtigen Gewändern angefüllte Reisekisten. Er beachtete dieselben nicht weiter, sondern schritt, nachdem er die Rollen vergebens gesucht, in das Gemach seiner Mutter, sie in heiterem Tone fragend: ob sie vorhabe, zu verreisen. Asso ergriff die Gelegenheit, sich über den Nutzen, welchen das Reisen einem unerfahrenen Menschen bringen könne, zu verbreiten, schilderte in lebhaften Farben eine Fahrt auf dem Nil, malte die Pracht Thebens und ließ vor ihres Sohnes Augen den Palast des Königs erstehen. Ein junger Mann, der noch nie seine Heimat verlassen, sagte sie, sei wie ein Schwert, welches noch nie aus der Scheide gezogen wurde, beide seien in gewissem Sinne verächtlich. Da Menes, der wohl fühlen mochte, worauf seine Mutter es abgesehen hatte, einen hastigen Blick durchs Fenster warf, als empfände auch er den allen Jünglingen eigenen Drang, in die Ferne zu schweifen, schritt Asso energischer auf ihr Ziel los.

»Möchtest du reisen, möchtest du reisen?« frug sie, ihn erregt beobachtend.

Menes seufzte auf. Sollte er reisen? Er kam so schwer zu einem Entschluß. Seine Phantasie, durch die Beschreibungen der Mutter entzündet, schwelgte bereits in der Ferne. Er sah sich in der Wüste von brennendem Sand umwirbelt, er sah sich auf den Wellen des Nil, vorübergleitend an herrlichen Baudenkmalen; eine verzehrende Neugier, die Geheimnisse Meröes zu entschleiern, kam über ihn, die seltsame freudige Erregung der Reiselust füllte ihm die Brust. Vor dieser Reiselust mußte sogar die Liebe zurücktreten; war es doch so süß, in der Ferne an die Geliebte zu denken, zu wissen: wenn du wieder nach Hause kehrst, empfangen dich offene Arme. Asso wußte ihren errungenen Vorteil klug zu benutzen, und als nun Myrrah mit niedergeschlagenen Augen in das Gemach trat, bemächtigte sie sich derselben sogleich, küßte und streichelte ihre Wangen, kurz, gab auf alle Weise zu verstehen, in welch guten Händen das Mädchen während Menes' Abwesenheit ruhte. Und dennoch konnte sich der Jüngling nicht entschließen, das Haus seiner Mutter zu verlassen; von einem Tag auf den anderen verschob er die Abreise; es war, als flüstere ihm sein guter Dämon Warnungen ins Ohr, über deren Rätsel zu brüten er nicht Zeit genug finden konnte. Wie oft hatte er sich gesagt: Der kommende Morgen sieht dich nicht mehr in Memphis! Aber ein zaghafter Blick aus Myrrahs Gazellenaugen brachte stets seine Entschlüsse wieder zum Wanken.

* * *

Asso mochte Gründe haben, ihren Sohn nicht zur Abreise zu drängen, sie vermied selbst allzuviel Gewicht auf die Beschleunigung derselben zu legen. Menes war ein zuvorkommender Sohn, wie ihn sich eine Mutter nur wünschen kann. Er trug Asso auf den Händen, war stets um sie beschäftigt, half ihr sogar beim Ankleiden und unterstützte seine Myrrah in ihren häuslichen Beschäftigungen, in welche sie allmählich eingeweiht wurde, da sie ihr Amt bereits angetreten. Das Verhältnis von Mutter und Sohn schien sich gänzlich umgewandelt zu haben, Scherz und Lachen trat an die Stelle der früheren verdrossenen Schweigsamkeit. Menes bezeugte seine Dankbarkeit in tausend Kleinigkeiten, ja er ließ sich sogar dazu herab, das ihm verhaßte Brettspiel zu erlernen, das seine Mutter allabendlich meist mit dem Nomarchen spielte, und brachte es in kurzer Zeit dahin, fast regelmäßig den Sieg davonzutragen, was Asso zu der Bemerkung veranlaßt: er habe ein entschiedenes Talent zum Feldherrn. Sogar an den Geruch einer gewissen Blume, den Asso über alles liebte, gewöhnte er sich, obgleich er ihm fast Übelkeit erregte. Er hatte indes seine Mutter im Verdacht, daß sie nur deshalb diesen Duft jedem anderen vorzog, weil ihn der verstorbene König Seti für den feinsten erklärt. Auch über den Stuhl, auf welchem dieser König gesessen, da er das Haus Assos mit seinem Besuche beehrt, und der wie ein Heiligtum aufbewahrt wurde, erlaubte sich Menes keine Scherze mehr. Mehr denn fünfzigmal ließ er sich geduldig diesen Besuch des Königs schildern, da er wußte, wie sehr Asso diese Tage als den Glanzpunkt ihres Lebens betrachtete, ja er unterdrückte stets das aufsteigende Lächeln, wenn sie nicht ohne Stolz erwähnte, daß der Sohn der Sonne sich nicht satt an ihrem damals sehr niedlichen Fuße habe sehen können, und daß er seinem Bildhauer den Befehl gegeben, diesen Fuß in Gold nachzubilden. Über die mysteriöse Liebesgeschichte des Herrschers schwieg sie standhaft. Myrrahs Leben war, verglichen mit ihrem früheren, ein blühender Rosenbusch. Sie aß mit Menes und Asso an einem Tisch, was natürlich den Neid der Dienerschaft heftig hervorrief, sie brauchte nicht viel zu arbeiten, sie hatte ein bequemes Zimmer, und dennoch blieb sie schweigsam, verschlossen. Kaum, daß ihr Menes' Zärtlichkeit ein wehmütiges Lächeln entlockte. Wenn er sie über ihr Betragen zur Rede stellte, nahm sie zwar für kurze Zeit ihre heitere Miene wieder an, jedoch ihr Lachen klang so erzwungen, ihre Zärtlichkeitsbeweise waren so feierlicher, ernster Natur, daß Menes sie einst betroffen ansah, wähnend, er habe ihre Liebe verloren. Da jedoch, als er ihr dies sagte, brach sie in einen Strom von Tränen aus, sank vor ihm zu Boden und rief: »Menes, gedenke meiner, wenn du im Königspalast zu Theben wandelst!«

Hierauf eilte sie hinweg. Es war klar, sie malte sich die Versuchungen aus, deren Menes am Hof zu Theben ausgesetzt sein würde und ihr liebendes Herz erbebte, wenn sie sich verglich mit den reichen Töchtern der vornehmen Königsbeamten. Menes eilte ihr erschrocken nach; auf seine Beteuerungen erwiderte sie nichts; Tränen waren ihre ganze Antwort. Wenige Tage später kam ein Schreiben des Oberkämmerers an, welches Menes nach Theben rief und ihm gute Aufnahme im Königspalast versprach. Als Asso ihrem Sohne diesen Brief vorlas, überwältigte ihn ein heftiges Zittern. Er war keiner von denen, welche die Zukunft leicht in zu rosigem Lichte erblicken; bange Vorgefühle stiegen in ihm auf und eine gewisse süße Beklommenheit bemächtigte sich seiner, wie sie der fühlt, der mit warmen Gliedern in einen kalten Strom springen will. Myrrahs Zukunft war gesichert – die seinige fröstelte ihn unheimlich an, wie der Eingang zu einem Felsengrab.

Zweites Kapitel

Menes hatte Memphis verlassen. Der Abschied war von Asso mit Absicht so sehr verkürzt worden, daß, ehe Menes oder Myrrah recht zur Besinnung kamen, bereits Felder und Wälder sie trennten. Sie hatte Myrrah an den entlegensten Teil des Landgutes geschickt, um dort am Nilkanal Papyrusstauden zu sammeln, mit welchen sie Handel trieb. Menes wurde unterdessen hastig in eine Gondel gedrängt, die ihn in den Hafen bringen sollte, wo das größere Boot seiner harrte. Er selbst mochte einsehen, daß es besser sei, den Abschied auf diese Weise zu erleichtern, denn er frug kaum nach Myrrah, sprach überhaupt keine drei Worte während des ganzen Tages seiner Abreise. Seine zusammengepreßten Lippen, seine brennenden Augen ließen wohl auf die Erregung seines Inneren schließen, sein äußeres Benehmen jedoch verbarg seine Stimmung aufs sorgfältigste. Als er bereits in der Gondel stand und den tränenschweren Blick wie suchend über das Ufer gleiten ließ, bewegte er die Lippen zum Sprechen; da er aber fühlen mochte, wie in diesem Moment auch das kleinste Wort seiner männlichen Fassung ein Ende gemacht haben würde, erhob er die rechte Hand wie drohend und sah seiner Mutter mit einem Blick ins Auge, der in seinem tiefen Seelenweh alles sagte, mehr als es seine Zunge vermocht. Asso flüsterte ihm Trost zu und versicherte, getreulich über Myrrah wachen zu wollen; sie solle es haben in ihrem Hause wie in den Gefilden der Seligen. Als man Myrrah die Nachricht von der Abreise ihres Geliebten brachte, rang sie sichtlich nach Atem und verschloß sich darauf in ihrem Zimmer. Von dem Tage an, welcher ihr Menes geraubt, ging sie noch stiller wie zuvor ihren häuslichen Beschäftigungen nach, ohne sich in das Gespräch der übrigen Diener, zu welchen sie jetzt gehörte, zu mischen. Sie lebte lautlos für sich, mitten in dem Treiben des großen, reichen Hauses, einsam, abgeschieden von allem Umgebenden. Nichts vermochte ihr Interesse zu erregen; es war, als habe sich eine schwere Wolke um sie gelagert, welche ihr die Verbindung mit der Außenwelt verbot. Ihr Auge blieb tränenlos, aber der Ausdruck ihrer Züge erzählte von durchwachten Nächten. Ihrer Gebieterin begegnete sie mit scheuer Unterwürfigkeit, auch mied sie dieselbe, soviel es in ihrer Macht stand. Tadel wie Lob nahm sie mit derselben Gleichmütigkeit hin, man sah ihr an, daß sie eine Welt im Inneren trug, die sie mit der äußeren nicht in Berührung kommen lassen wollte. Das einzige lebende Wesen, mit dem sie schließlich noch umging, das ihr eine innigere Teilnahme erregte, war das kaum zweijährige Kind einer syrischen Sklavin, welche für die Reinhaltung der Gefäße zu sorgen hatte. Mit diesem Kinde beschäftigte sie sich, sobald es ihre Arbeiten erlaubten, an seine unschuldige Seele klammerte sich ihre vom Schmerz zernagte; dies Kind, mochte sie dunkel empfinden, war das einzige Wesen, dem sie nun, nachdem sie ihn verloren, trauen durfte; es war noch nicht fähig, sich zu verstellen, seine Liebe war aufrichtig; hier fand sie, was sie suchte – ungeheuchelte Hingabe, Trost und Erquickung. Als die kleine Netkro anfing, den alleinigen Umgang mit Myrrah langweilig zu finden, als sie sich weigerte, der Unglücklichen auf ihr Zimmer zu folgen, mußte die Arme sich wieder mit sich selbst begnügen, bis der Vater des Kindes, den der Zustand des Mädchens rühren mochte, auf ein Auskunftsmittel verfiel. Er gab Myrrah eine von ihm aus Holz geschnitzte kleine Gondel, welche dann auch bald Netkro wieder auf das Zimmer ihrer Freundin lockte; aber auch dieses Spielzeug besaß nicht lange Anziehungskraft auf das Kinderherz; nach wenigen Wochen mußte sich Myrrah die Hauskatze zur einzigen Gefährtin erwählen.

Natürlich fehlte es nicht am Spott der übrigen Dienerinnen. Wenn sie aufgefordert wurde, mit den Zofen den Ball zu werfen und sie sich ohne Gegenrede hinwegstahl, rief man ihr allerlei Necknamen nach.

»Sie hat die Sprache verloren,« lachte der Haushofmeister, wenn er ihr einen Auftrag gab und sie, nichts darauf erwidernd, ihn still ausführte.

»Sie ist eine Eule und wird erst bei Nacht lebendig,« lächelte der Gondelführer verschmitzt seinen Ruderknechten zu, wenn sie Kissen in die Gondel trug, um dieselbe zur Fahrt zu rüsten, und ohne sie eines Blickes zu würdigen, an den begehrlich dreinschauenden Gesichtern vorüberschritt.

»Sie dünkt sich mehr als wir, sie ist anmaßend,« sagte die erste Kammerdienerin Hassura, wenn die arme Jüdin überhört hatte, daß sie der Herrin den Morgentrunk nebst dem Gebäck an das Lager bringen möchte. Solange Menes sich noch im Hause befunden, war Asso dem Mädchen mit einschmeichelnder Freundlichkeit entgegengekommen, hatte sie »Mein Kind!« angeredet und ihr die Wangen gestreichelt. Von dem Augenblick an, als Menes das Haus verlassen, änderte sich das Benehmen des stolzen Weibes auffallend; sie bekümmerte sich kaum um ihre Schutzbefohlene, ja manchmal mochte es scheinen, als begünstige sie die Spöttereien der Diener. Ein Brief, den Menes von Theben aus an seine Mutter gerichtet und worin er Myrrah ihrer Sorge aufs dringendste empfahl, übte weiter keinen Einfluß auf die Handlungsweise der Frau. Myrrah gewahrte dies mit quälender Besorgnis; so sehr sie sich auch auf schlimme Tage gefaßt gemacht hatte, das, was sie nun zu erdulden gezwungen war, überstieg alle ihre Erwartungen. Aber selbst in ihrem tiefsten Seelenjammer schleuderte sie keine Vorwürfe auf das Haupt ihres Geliebten – er wollte ja ihr Bestes! sie mußte leiden, weil sein leichtgläubiges Herz sich in derjenigen geirrt, die er gezwungen war, als Mutter zu verehren. Ihre Unruhe stieg, als sie bald mehrere peinliche Beobachtungen machen mußte. Sie sah nämlich einmal, wie Asso, ehe sie sich zur Nachtruhe niederlegte, lächelnd dem Diener, der ihr den Abendtrunk zu reichen hatte, ein paar auf sie bezügliche Worte ins Ohr flüsterte, worauf dieser, ein keck aussehender, blutjunger Ägypter, feurige Blicke auf sie schoß. Myrrah entfernte sich, nachdem sie dies mit Abscheu bemerkt, hastig auf ihr Zimmer. Als sie die Türe geschlossen, hörte sie noch den jungen Diener häßlich auflachen. Bald darauf klopfte es leise an die Türe ihres Schlafgemachs, sie aber öffnete nicht.

Ein andermal schalt sie der Haushofmeister in Gegenwart der Gebieterin mit rohen Worten, ohne daß dieselbe es ihm untersagt hätte. Diese Scheltworte überraschten sie, der man bis jetzt nur Freundliches gesagt, dergestalt, daß sie an diesem Tag wie von einem bösen Traume befangen einherschlich. Einige Tage später stach sie, als sie sich ungeschickt beim Ankleiden benommen, eine der Zofen mit einer goldenen Nadel in den Oberarm, wobei die Gebieterin tat, als habe sie diese Roheit nicht bemerkt. Des armen, verlassenen Kindes Mißtrauen wuchs, als sich von Tag zu Tag immer deutlichere Anzeichen einstellten, daß die Witwe das Versprechen, welches sie ihrem Sohne in betreff seiner Geliebten gegeben, nicht nur nicht zu halten gedachte, sondern daß sie diesem Versprechen durchaus zuwider zu handeln sich befleißigte. Einst hatte Myrrah ein Gefäß voll Datteln, das sie der Herrin zu reichen hatte, zu Boden fallen lassen; der Griff blieb in ihren Händen, während die Schale sich davon lostrennte. Dies Lostrennen trat so plötzlich ein, daß Myrrah sofort den Verdacht schöpfte, man habe den Henkel absichtlich vorher von dem Gefäß gebrochen, um ihn notdürftig wieder daran zu kleben, damit ihr dieser Unfall aufgebürdet werden könne.

»Ich bin gewiß unschuldig, Herrin,« stammelte sie, »der Griff war kaum an die Schale befestigt.«

»Ja, ja,« höhnte der Aufseher Mut, »unschuldig! Die Luft ist wohl schuld an dem Zerbrechen dieser Kostbarkeit? Oder ein böser Geist, der sich auf ihren Rand setzte, als du sie anfaßtest?«

Sogleich versetzte der Erzürnte ihr einen Schlag mit der flachen Hand auf die Schultern. Myrrah wandte sich mit stummem, blassem Gesicht zu Asso; der schmerzliche Ausdruck ihrer Augen schien sagen zu wollen, sie habe so unbarmherzige Strafe nicht verdient; diese jedoch drehte sich um, dabei dem Aufseher hastig nickend, einen ermutigenden Blick zuwerfend. Der Aufseher versetzte ihr hierauf lachend einen zweiten Schlag, absichtlich dabei auf unverschämte Weise ihr Tuch vom Busen streifend. Das Mädchen, anfangs vor Entrüstung sprachlos, brach sodann in Tränen aus.

»Tue nicht so zimperlich,« bekam sie von der Herrin zu hören.

»Wenn dein Sohn wüßte, Gebieterin,« schluchzte die Gekränkte, »wie man mir seit den wenigen Wochen seiner Abreise hier begegnet – Oh! –« weiter ließ sie ihr Schmerz nicht kommen, ihre Stimme erstickte in einer nicht mehr zurückgepreßten Flut von Tränen.

»Nun? nun? dann? Was würde dann der Fall sein, wenn er es wüßte? Glaubst du wirklich, er dächte noch an dich?« entgegnete die Herrin barsch. »O, du Leichtgläubige! Sei nicht töricht, Kleine. Du mußt erzogen werden. Gebildet werden. Dankbar sein solltest du für die Züchtigung, die ich dir angedeihen lasse. Du hast ja doch nur das Gnadenbrot.«

»Oh! warum ließ ich mich betören, hierzubleiben,« flüsterte Myrrah, ihre Tränen gewaltsam unterdrückend, während Mut sie frech angrinste.

Myrrah schickte heimlich einen Boten nach Theben mit einem Schreiben an Menes, worin sie ihr Leid klagte und ihn bat, zurückzukehren; sie wüßte nicht, was sie, wenn keine Hilfe nahe, aus Verzweiflung begänne. Der Brief enthielt so dringende Bitten, so innige Klagen, daß er, wenn sich Menes nicht von Grund aus verändert hatte, unbedingt einen tiefen Eindruck in seinem Gemüt hinterlassen mußte. Das fühlte die Verlassene, daran klammerte sie sich mit all ihrer Hoffnung – und sie erhielt auf diesen Brief nicht die kleinste Antwort! Sie wartete von Tag zu Tag, von Woche zu Woche – vergeblich! War ihr Schreiben unterschlagen worden? War ihr die Antwort ihres Geliebten vorenthalten worden? Oder – doch unmöglich! Menes konnte sie so schnell nicht vergessen; gewiß! er hatte ihr geantwortet. Plötzlich, nach mehreren Wachen, änderte sich das Benehmen der vornehmen Dame. Wenn sie an Myrrah vorüberschritt, blieb sie stehen, betrachtete sie mit mitleidigen Blicken oder streichelte ihr gutmütig über die Hand, dabei ausrufend: »Armes Ding! schlimme Erfahrungen!« Dies sonderbare Gebaren wiederholte sich so oft, daß sich das Mädchen allmählich ernstlich die Frage vorlegte, was ihre Gönnerin denn nur mit diesen Worten bezwecke, denn irgendeine, ihr bis jetzt verborgen gehaltene Ursache mußte doch diesem auffallenden Betragen zugrunde liegen. Sollte Menes erkrankt sein? Doch warum teilte sie dies ihr nicht offen mit?

Eines Abends ließ Asso das Mädchen an ihr Lager rufen. Als sie eintrat, entfaltete die Dame eine Papyrusrolle, rückte den Schirm der Lampe zurück und frug Myrrah mit weicher Stimme:

»Liebes Kind, liebst du meinen Sohn noch immer?«

Das Mädchen sah betroffen empor.

»Gewiß, hohe Frau,« war ihre schüchterne Antwort.

»Ach! ach! du Gute! Wenn er nur ebenfalls einen so treuen Charakter besäße wie du! Ach, mein Sohn, mein leichtfertiger Sohn!«

»Er ist gut und treu,« flüsterte das Mädchen, über dessen abgehärmte Wangen bei der Erinnerung an ihn ein verklärendes Lächeln glitt.

»Gut und treu? Du Arme! Nein, denke dir, das ist er nicht,« sagte Asso, die Papyrusrolle seufzend entfaltend.

»Wer wagt es, ihn zu verleumden,« entgegnete Myrrah fast herausfordernd. »Ich weiß, daß ich auf seine Treue bauen kann, wie ich ihn kenne, kennt ihn niemand auf Erden. In meinen Augen soll ihn mir nichts herabsetzen.«

»Hier in diesem Brief wird mir gemeldet,« sprach Asso in bedauerndem Tone ruhig weiter, »daß er sich, denke dir, mein Menes, sich um die Hand Heseptas bewirbt, der Tochter des Oberfeldherrn! So angenehm mir nun eine solch vornehme Verbindung wäre, muß ich doch bedauern, daß seine Neigungen so schnell wechseln. Das wirft ein häßliches Licht auf sein Gemütsleben. Wie schnell hat er dich vergessen, gutes Kind. Ja, ich muß das sehr tadeln, es ist nicht zu billigen. Komm, gib mir deine Hand; ich will gut zu machen suchen, was er an dir verbrochen.«

Myrrah schüttelte das Haupt, redete jedoch keine Silbe. Die Witwe fuhr fort, von der Wankelmütigkeit ihres Sohnes zu sprechen und bemerkte nicht, daß sich allmählich eine große Träne unter der Wimper des Mädchens hervorstahl.

Mit den hastig hervorgestammelten Worten: »Das glaube ich nicht,« unterbrach endlich die Weinende den Redeschwall der vornehmen Dame.

Mitleidig lächelnd klatschte Asso in die Hände, und sogleich erschien ein Sklave, dem sie auftrug, den Boten, der diesen Brief aus Theben gebracht, vorzuführen. Dieser Bote erschien im Reiseanzug und beteuerte die Wahrheit des Briefes mit solcher Sicherheit, daß Myrrahs Busen von quälenden Zweifeln zerrissen ward. Sie wankte und mußte sich setzen.

»Ich habe einen Plan,« lächelte hierauf Asso geheimnisvoll, indem sie Myrrahs Ohr dicht an ihren Mund heranzog, »höre, wie wäre es, mein Kind, wir nähmen Rache an dem Treulosen! Er verdient Strafe!«

»Wie? Wie meint Ihr?« frug das Mädchen verwirrt.

»Nun sieh,« fuhr die andere fort, »wenn er erführe, du seiest seinem Beispiel gefolgt, du seiest, ohne ihn zu fragen, ohne seine Einwilligung, in den Stand der Ehe –«

Aber Asso hatte noch nicht ausgeredet, als Myrrah sie mit der entschiedensten Gebärde des Widerwillens unterbrach und eiligst das Zimmer verließ.

So sehr auch Myrrah an der Wahrheit dieser Nachricht zweifelte, schnitt sie ihr doch bei dieser raschen Mitteilung tief ins Herz. Sie fühlte in ihrer Bescheidenheit nur zu sehr, wie sie an allem, was die Männer fesseln kann, unter der reichen Tochter des großen Oberfeldherrn stand. Der Zweifel an der Treue ihres Menes war einmal in ihre Seele geschleudert und er tauchte von Zeit zu Zeit beim Arbeiten, beim Ruhen wieder auf, als beängstigender Traum oder düsteres Grübeln, so sehr sie sich auch klar machte, daß Asso keinen anderen Zweck verfolge, als sie zu betrüben, sie aus dem Herzen ihres Sohnes zu verbannen. War nicht dieser Heiratsvorschlag der deutliche Beweis, wie sehr Asso eine Trennung zwischen den beiden zustande zu bringen suchte? Aber Myrrah schauderte vor dem Gedanken, einem anderen anzugehören, zurück wie vor dem Tode, und selbst wenn Menes an der Seite eines fremden Weibes sein Leben, ohne ihrer zu gedenken, verbrachte – war es nötig, daß, weil er ihr untreu geworden, sie ihm wieder untreu werden mußte? Sie sah Menes am Hofe des Königs von Pracht umgeben, bewundert von schönen Frauen, die Frauen bewundernd, geehrt, umschmeichelt – aber kein Gefühl von Eifersucht stieg bei solchen Betrachtungen in ihrem Busen auf, kaum daß der Schmerz sich zu erheben wagte in ihr, sie wünschte ihm diese Triumphe, sie freute sich seines Glanzes. In unglücklichen Stunden schien es ihr sicher zu stehen, daß er sie vergessen habe; dann wieder machte sie sich Vorwürfe, an ihm auch nur einen Augenblick irre geworden zu sein. Zu einem war übrigens dieses Brüten gut; sie vergaß dadurch zu bemerken, wie man sie im Hause der Witwe immer geringschätziger behandelte. Hatte man es doch gewöhnlich nicht mehr nötig gefunden, ihren Platz bei Tische mit Speisen zu versehen; sie mußte oft tagelang Hunger leiden. Diese Herabsetzung fühlte sie jetzt, nachdem ihre Gedanken von jenem Zweifel hin und her gerissen wurden, nur noch wie durch einen dichten Schleier hindurch; die ganze Welt war ihr wie in Nebel gehüllt; selbst grobe Beleidigungen verloren ihr gegenüber ihren Stachel; sie konnte, ohne zu wissen, was sie tat, lächeln, wenn ihr eine Dienerin Schmähungen entgegenwarf. In diesem Zustand von Schmerztrunkenheit gewahrte sie auch nicht, wie ein dunkelbärtiger fremder Mann seit einigen Tagen im Hause verkehrte. Er schien oft stundenlange Unterredungen mit der Herrin zu pflegen, trat scheu, ja geheimnisvoll auf, warf, wenn er ihr auf dem Gange begegnete, Myrrah wohlwollende Blicke zu und wurde allmählich von der Witwe mit einer Art Freundlichkeit, ja Ehrerbietung behandelt. Die Diener steckten über die seltsame Erscheinung dieses schwarzen Juden neugierig die Köpfe zusammen; Gerüchte über seine Absichten tauchten unter ihnen auf; man brachte ihn in Verbindung mit Myrrah. Schließlich drang auch etwas von diesen Gerüchten in die Abgeschlossenheit der Jungfrau. Sie bekam abgerissene Reden über den rätselhaften Juden zu hören, die sie anfangs unbeachtet ließ, die sie aber später beunruhigten; man rief ihr Glückwünsche nach; ja der Gondelführer begegnete ihr auf einmal mit einer gewissen Achtung, der Aufseher des Hauses trug ihr sogar seinen Schutz an.

»Glückliches Geschöpf,« sagte ihr einmal die junge Zofe, von der sie einige Wochen vorher in den Arm gestochen worden war, »glückliches Wesen, über dir walten die Götter sichtlich. Aber wenn du dies Glück errungen hast, dann denke an mich! Daß ich immer deine beste, treueste Freundin war.«

Damit küßte die Zofe des Mädchens Wangen.

»Welches Glück,« fragte Myrrah verwundert, »soll ich mir erringen?«

»Welches Glück, ei du Schalk,« lachte die Schmeichlerische, »als wenn du das nicht längst erraten hättest! Ei du süßer Schelm, stellst dich unwissend?«

»Ich weiß gewiß nicht, von was du redest,« sagte Myrrah, deren Gutherzigkeit der boshaften Zofe längst vergeben hatte.

»Ha, ha,« lachte diese, »wie du bescheiden tust! Nun, nur so weiter, damit wirst du ihm gewiß gefallen, du kleine Beneidenswerte.«

Mit diesen Worten schlüpfte sie lächelnd hinweg, das Mädchen in ängstlicher Spannung zurücklassend. Was bereitete sich um sie her im stillen? Welches Unheil schwebte bereits mit ausgebreiteten Schwingen über ihrem Haupte? Von welchen Händen ward der Pfad, auf dem sie ging, untergraben? Es war ihr, als lege sich ein schweres Netz immer enger und enger um ihren Leib; sie fühlte, daß man einen Plan geschmiedet, sie nicht völlig zu vernichten, doch unschädlich zu machen für ewig. Immer bedrohlicher wurden die Anzeichen des herannahenden Sturmes, immer banger ward es der Unglücklichen ums Herz. Endlich sollte sich denn dies Geheimnis, das wie auf Fledermausflügeln durch das Haus schwebte, lösen, endlich sollte ihr offenbar werden, vor welchem Abgrund sie bisher schlafend gelegen, in welchen Händen sie ihr argloser, ahnungsloser Menes zurückgelassen.

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Litres'teki yayın tarihi:
04 aralık 2019
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350 s. 1 illüstrasyon
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