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Kitabı oku: «Der Mondstein», sayfa 15

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»Ehe ich nach Frizinghall ging« fiel ihm der Sergeant in’s Wort, «habe ich Sie angewiesen, ein wachsames Auge auf Rosanna Spearman zu haben, ohne sie merken zu lassen, daß sie überwacht werde. Wollen Sie mir sagen, daß Sie sie haben entwischen lassen?«

»Ich fürchte« erwiderte Joyce, der zu zittern anfing, »daß ich vielleicht zu sehr darauf bedacht war, sie meinen Auftrag nicht merken zu lassen. —«

»Seit wann vermissen Sie sie?«

»Grade seit einer Stunde, Herr.«

»Sie können zu ihrer regelmäßigen Berufsthätigkeit nach Frizinghall zurückkehren,« sagte der Sergeant in seinem gewöhnlichen ruhigen und trübseligen Ton.

»Ich glaube nicht, Herr Joyce, daß Ihre natürliche Begabung Sie für den Beruf eines Polizeibeamten bestimmt hat. Die Ihnen zugewiesenen Pflichten übersteigen Ihre Kräfte ein wenig. Ich empfehle mich Ihnen.«

Der arme Mann schlich sich davon. Was mich betrifft, so wird es mir sehr schwer meine Empfindungen bei der Nachricht, daß Rosanna Spearman vermißt werde, zu schildern. Die verschiedenartigsten Gefühle bestürmten mich. In dieser Gemüthsverfassung stand ich sprachlos da und starrte Sergeant Cuff an.

»Mein Herr Betteredge,« sagte der Sergeant, als ob er sofort erkannt habe, was mich zumeist beschäftigte und mir vor allem darüber eine Auskunft geben wolle, »Ihre junge Freundin Rosanna soll mir nicht so leicht durch die Finger schlüpfen wie Sie denken. So lange ich Fräulein Verinder’s Aufenthalt weiß, habe ich Mittel auch ihre Mitschuldige zu erreichen. Ich habe sie verhindert vorige Nacht mit einander zu conferiren. Nun gut. Da sie sich hier nicht mehr haben sprechen können, werden sie sich in Frizinghall treffen. Die gegenwärtige Untersuchung muß etwas früher, als ich es geglaubt hatte, einfach von diesem Hause nach dem Hause, wo Fräulein Verinder jetzt zum Besuch ist, verlegt werden. Inzwischen muß ich Sie, fürchte ich, mit einer abermaligen Zusammenberufung der Domestiken bemühen.

Ich ging mit ihm in das Domestikenzimmer. Es macht mir wenig Ehre, aber es ist doch wahr, daß ich bei seinen letzten Worten abermals einen Anfall von Entdeckungsfieber hatte. Ich vergaß meinen Haß gegen Sergeant Cuff, ergriff vertraulich seinen Arm und sagte: »Um Gottes willen, sagen Sie mir, was Sie mit den Domestiken beginnen wollen?«

Der große Cuff stand plötzlich still und wandte sich in einer Art von melancholischer Entzückung an die leere Luft.

»Wenn dieser Mann,« sagte er, indem er offenbar mich damit meinte, »nur etwas von der Rosenzucht verstünde, so wäre er der vollkommenste Mensch auf Erden.«

Nach diesem starken Gefühlsausbruch seufzte er und legte seinen Arm in den meinigen.

»Die Sachen stehen so,« sagte er, sich wieder den Geschäften zuwendend »Rosanna hat von zwei Dingen eines gethan. Entweder sie ist direct nach Frizinghall gegangen und trifft dort ein, bevor ich dahin gelangen kann, oder sie hat zuerst den Ort ihres Verstecks am Zitterstrand aufgesucht Das Erste, was ich herausfinden muß, ist, welcher von den Dienstboten sie, bevor sie das Haus verlassen, zuletzt gesehen hat.«

Diese Untersuchung ergab, daß das Küchenmädchen Nancy die letzte Person gewesen war, welche Rosanna gesehen hatte.

Nancy hatte gesehen, wie sie mit einem Briefe in der Hand sich davon machte und den Schlachtergesellen, der eben Fleisch im Hinterhause abgegeben hatte, aufhielt. Nancy hatte gehört, wie sie den Mann bat, den Brief auf die Post zu legen, wenn er nach Frizinghall zurückkäme. Der Mann hatte die Adresse betrachtet und dabei bemerkt, es sei ein Umweg, einen nach Cobb’s Hole adressirten Brief in Frizinghall auf die Post zu geben, und das noch dazu an einem Sonnabend, wo der Brief nun erst am Montag-Morgen an feinen Bestimmungsort gelangen werde. Rosanna hatte darauf geantwortet, daß ihr an dem Aufschub der Bestellung des Briefes nichts gelegen sei. Das einzige, worauf es ihr ankomme, sei, daß er genau thue, was sie ihm sage. Der Mann hatte das versprochen und war dann weggefahren. Darauf hatte Nancy wieder an ihre Arbeit in der Küche gehen müssen. Und kein Mensch hatte mehr etwas von Rosanna Spearman gesehen.

»Nun?« fragte ich, als wir wieder allein waren.

»Nun,« sagte der Sergeant, »ich muß nach Frizinghall.«

»Wegen des Briefes?«

»Ja wohl! Die Notiz über den Ort des Verstecks liegt in diesem Briefe. Ich muß mir auf dem Postamt die Adresse ansehen. Wenn es die Adresse ist, die ich vermuthe, so werde ich unserer Freundin Frau Yolland nächsten Montag wieder einen Besuch abstatten.«

Ich ging mit dem Sergeanten, den Ponywagen zu beordern. Auf dem Platz vor dem Stalle ging uns ein neues Licht über das Verbleiben des vermißten Mädchens auf.

Siebzehntes Capitel

Die Nachricht von dem Verschwinden Rosanna’s hatte sich, wie es schien, auch schon unter den Gutsleuten außerhalb des Hauses verbreitet. Sie hatten gleichfalls ihre Nachforschungen angestellt und hatten sich eben eines behenden, kleinen Buben mit Namen Duffy bemächtigt, der gelegentlich dazu verwandt wurde, das Unkraut im Garten auszujäten, und der Rosanna Spearman noch vor einer halben Stunde gesehen hatte. Duffy versicherte, daß das Mädchen in der Tannen-Anpflanzung in der Richtung des Strandes an ihm vorüber gelaufen sei.

»Kennt der Junge den Strand hier?« fragte Sergeant Cuff.

»Er ist hier am Strande geboren und erzogen.« antwortete ich.

»Duffy!« sagte der Sergeant, »willst Du einen Shilling verdienen? Wenn Du das willst, so komme mit mir. Halten Sie den Ponywagen für die Zeit meiner Rückkehr bereit, Herr Betteredge.«

Und nun machte er sich nach dem Strande mit einer Raschheit auf den Weg, mit welcher meine, wiewohl für mein Alter recht wohl conservirten Beine nicht Schritt halten konnten.

Der kleine Duffy heulte vor Vergnügen, wie es die kleinen Wilden in unserer Gegend zu thun pflegen und trabte hinter dem Sergeanten her.

Hier befinde ich mich abermals außer Stande, deutliche Rechenschaft von dem Zustande zu geben, in welchem sich mein Gemüth befand, nachdem uns Sergeant Cuff verlassen hatte. Eine sonderbare und betäubende Ruhelosigkeit bemächtigte sich meiner. Ich fing ein Dutzend verschiedene unnütze Dinge in und außerhalb des Hauses zu thun an, von denen ich mich keines einzigen mehr entsinne. Ich weiß sogar nicht mehr, wie lange es her war, daß der Sergeant sich nach dem Strande aufgemacht hatte, als Duffy mit einer Botschaft für mich zurückgelaufen kam. Sergeant Cuff hatte dem Jungen ein aus seiner Brieftasche gerissenes Blatt übergeben, aus welchem mit Bleistift die Worte geschrieben waren: »Schicken Sie mir möglichst rasch einen von Rosanna Spearmans Stiefeln.«

Ich ließ von dem ersten Mädchen, das mir begegnete, einen Stiefel aus Rosanna’s Zimmer holen und schickte den Jungen mit der Meldung zurück, daß ich sofort mit dem Stiefel folgen würde.

Das war freilich nicht die schnellste Art der erhaltenen Weisung nachzukommen, des war ich mir wohl bewußt, aber ich beschloß; bevor ich dem Serganten Rosanna’s Stiefel auslieferte, mich mit eigenen Augen zu überzeugen, um was für eine neue Mystification es sich handle. Meine alte Grille, das Mädchen so viel wie möglich zu schützen, schien in der elften Stunde noch einmal über mich gekommen zu sein. Dieses Gefühl spornte mich, sobald ich den Stiefel in der Hand hatte, ganz abgesehen von dem Endeckungsfieber, meine Beine so in Bewegung zu sehen, wie es einem über 70 Jahre alten Manne irgend möglich ist. Als ich mich dem Strande näherte, ballten sich pechschwarze Wolken am Himmel zusammen und der Regen fing in schweren, vom Winde gepeitschten Tropfen zu fallen an. Ich vernahm das Brausen der Wellen auf der Sandbank an der Mündung der Bucht. Etwas weiter hin traf ich den Jungen, der an der Windseite der Dünen Schutz gegen den Regen suchte, und erblickte die wüthende See, den Wogendrang auf der Sandbank, den vom Sturm wie ein fliegendes Gewand über das Wasser hingefegten Regen und die gelbe Wildniß des Strandes, aus der sich nur eine einzige schwarze Gestalt, die Gestalt Sergeant Cuff’s, erhob.

Sobald er meiner ansichtig wurde, machte er mit der Hand eine Bewegung nach Norden hin.

»Halten Sie sich an der Seite,« rief er mir zu, »und kommen Sie zu mir herunter.«

Ich schleppte mich, völlig außer Athem und mit entsetzlichem Herzklopfen zu ihm hin. Ich war sprachlos. Hundert Fragen hätte ich ihm thun mögen, aber keine einzige vermochte ich über die Lippen zu bringen. Der Ausdruck seines Gesichts machte mich betroffen. Sein Blick hatte etwas Furchtbares. Er riß mir den Stiefel aus der Hand und paßte ihn in einen Fußstapfen, der in südlicher Richtung von uns gerade auf die felsigen Klippen der sogenannten Südspitze hinwies. Die Fußspur war noch nicht vom Regen verwischt und der Stiefel des Mädchens paßte auf ein Haar hinein.

Der Sergeant deutete ohne ein Wort zu sagen auf den Stiefel in der Fußspur.

Ich ergriff seinen Arm und versuchte zu reden, aber eben so erfolglos wie vorher.

Er fuhr fort den Fußstapfen Schritt für Schritt bis an die Stelle zu verfolgen, wo sich die Felsklippen mit dem Strande vereinigten.

Die Südspitze war eben von der hereinbrechenden Fluth überströmt; die Wellen ergossen sich über die nicht mehr sichtbare Fläche des Zitterstrandes. Unter einem beharrlichen Schweigen, das bleischwer auf mir lastete, mit einer eigensinnigen Geduld, die etwas Entsetzliches hatte, paßte Sergeant Cuff den Stiefel an den verschiedensten Stellen in die Fußstapfen und fand, daß sie überall dieselbe Richtung gerade auf die Felsklippe zu zeigten. Aber wie er auch suchen mochte, nirgends konnte er die Spur eines von der Felsklippe herführenden Fußstapfens finden.

Er mußte es am Ende aufgeben. Er sah mich wieder an und blickte dann auf die Wassermasse vor uns, die den Zitterstrand höher und höher mit ihren Fluthen überdeckte. Ich folgte seinen Blicken und las seine Gedanken in denselben. Plötzlich überfiel mich in meiner Sprachlosigkeit ein furchtbares Zittern. Ich sank am Strande auf meine Knie.

»Sie ist wieder an dem Ort des Verstecks gewesen,« hörte ich den Sergeanten vor sich hin sagen. »Auf dem Felsen da muß ihr ein Unglück zugestoßen sein.«

Das veränderte Aussehen und Wesen des Mädchens – die Art von starrer Betäubung in der sie mich angehört und mit mir gesprochen, als ich sie noch vor wenigen Stunden mit dem Ausfegen des Corridors beschäftigt gefunden hatte, stiegen während der letzten Worte des Sergeanten vor mir auf und mahnten mich, daß er mit seiner Vermuthung ganz fehl gehe. Ich machte einen Versuch, ihm die Angst, die mich überkommen hatte, zu schildern; ich versuchte es zu sagen: »Sie hat den Tod, den sie gestorben ist, selbst gesucht!« Aber nein! die Worte wollten nicht heraus. Sprachlos zitterte ich fort und fort; unempfindlich für den strömenden Regen, blind für die steigende Fluth, während das arme verlorne Geschöpf mit in einem Traumgesicht heimsuchte Ich sah sie wieder, wie ich sie in vergangenen Tagen gesehen hatte an jenem Morgen, wo ich hingegangen war, sie wieder nach Hause zu holen. Ich hörte sie wieder, wie sie mir sagte, daß es ihr sei, als ob der Zitterstrand sie gegen ihren Willen an sich ziehe, und daß sie wohl wissen möchte, ob sie dort ihr Grab finden werde.

Mich ergriff ein Grausen in dem Gedanken an mein eigenes Kind. Meine Tochter war gerade von ihrem Alter. Auch meine Tochter hätte, wenn ihr die Versuchung so nahe getreten wäre wie Rosanna, vielleicht ein ebenso elendes Leben gelebt und wäre vielleicht eines ebenso schrecklichen Todes gestorben wie diese.

Der Sergeant hob mich freundlich auf und führte mich von der Stelle, wo sie ihren Tod gefunden hatte, hinweg.

Das erleichterte mich so, daß ich anfing wieder zu Athem zukommen und die Dinge um mich her wieder zu sehen wie sie wirklich waren. Als ich jetzt nach den Dünen blickte, sah ich, wie die männlichen Gutsleute und der Fischer Yolland alle zusammen rasch auf uns zugelaufen kamen und hörte sie ängstlich rufen, ob das Mädchen gefunden sei. So kurz wie möglich erklärte ihnen der Sergeant, daß ihr ein Unglück begegnet sein müsse. Dann rief er den Fischer herbei und that ihm eine auf die See bezügliche Frage:

»Sagen Sie mir, ist es möglich, daß ein Boot sie von jener Felsklippe, an der sich ihre Fußstapfen verlieren, abgeholt hat?«

Der Fischer deutete auf die über die Sandbank hinstürzenden Wogen und die gewaltigen Wellen, die sich in aufsprühenden Schaumwolken an den Felsspitzen zu unsern beiden Seiten brachen.

»Kein Boot der Welt,« antwortete er, »hätte da hindurch zu ihr gelangen können.«

Sergeant Cuff warf einen letzten Blick auf die Fußstapfen im Sande, welche der Regen jetzt rasch hinwegwusch.

»Hier,« sagte er, »haben wir den Beweis, daß sie diesen Ort zu Lande nicht wieder verlassen haben kann. Und hier,« fuhr er, mit einem Blick auf den Fischer fort, »haben wir den Beweis, daß sie nicht zur See fortgekommen sein kann.« Bei diesen Worten hielt er inne und dachte einen Augenblick nach. »Eine halbe Stunde, ehe ich vom Hause hierher kam, hat man sie hier hinunterlaufend gesehen,« sagte er zu Yolland »Seitdem ist etwas« Zeit verflossen; Alles in Allem vielleicht eine Stunde. Wie hoch kann das Wasser vor einer Stunde an dieser Seite der Felsen gestanden haben?« Er deutete nach der Südseite hin, mit andern Worten der Seite, die nicht vom Flugsand bedeckt war.

»Wie die Fluth heute herankommt,« antwortete der Fischer, »ist an der Seite der Felsspitze wohl nicht so viel Wasser gewesen, um eine junge Katze darin zu ertränken.«

Sergeant wandte sich nun nach der Nordseite in der Richtung des Flugsandes um.

»Und an dieser Seite?« fragte er.

»Noch weniger,« antwortete Yolland, »das Wasser kann eben über den Zittersand hinweggeflossen sein, mehr nicht.«

Der Sergeant wandte sich zu mir und bemerkte, der Unfall müsse sich an der Seite des Flugsandes ereignet haben. Mit diesem Worte hatte er mir die Zunge gelöst: »Kein Unfall!« sagte ich zu ihm, »sie ist ihres Lebens müde hergekommen, um demselben hier ein Ende zu machen.«

Er fuhr zurück und fragte: »Woher wissen Sie das?« Die Andern drängten sich heran. Der Sergeant faßte sich auf der Stelle wieder, schob die Andern zurück und sagte zu ihnen, ich sei ein alter Mann, die Entdeckung habe mich erschüttert, sie sollten mich einen Augenblick in Ruhe lassen. Darauf wandte er sich wieder zu Yolland und fragte ihn: »Ist irgend eine Chance sie wiederzufinden, wenn die Fluth wieder abläuft?« und Yolland antwortete: »Keine! Was der Sand einmal erfaßt hat behält er für immer.« Nach diesen Worten trat der Fischer wieder einen Schritt auf mich zu und sagte: »Herr Betteredge, ich habe Ihnen ein Wort über den Tod des jungen Mädchens zu sagen. Vier Fuß landeinwärts liegt an der Seite der Südspitze, ungefähr einen halben Faden tief unter dem Sande eine Felsbank. Nun frage ich, warum ist sie nicht darauf gestoßen? Wenn sie zufällig von der Südspitze ausgeglitten wäre, so hätte sie auf die Stelle fallen müssen, wo man in einer Tiefe, die sie kaum bis an die Taille bedeckt haben würde, Grund findet. Sie muß darüber hinaus gewatet oder gesprungen sein, sonst würden wir sie jetzt nicht vermissen. Kein Unfall, Herr! Sie liegt in der Tiefe des Flugsandes und hat sich selbst da hineingestürzt.«

Nach diesem Zeugniß eines Mannes, auf dessen Aussage man sich verlassen konnte, schwieg der Sergeant. Wir Andern hielten uns gleichfalls still. Wie auf ein gegebenes Zeichen schritten wir alle wieder den Strand hinauf.

Auf den Dünen begegneten wir dem Stalljungen, der uns vom Hause her entgegengelaufen war. Es ist das ein braver Bursche, der den gehörigen Respect vor mir hat. Er überreichte mir mit betrübtem Gesicht ein kleines Billet. »Das hat mir Penelope für Sie gegeben, Herr Betteredge sie fand es in Rosanna’s Zimmer.«

Es war ihr letztes Lebewohl an den alten Mann, der sein Bestes – Gott sei Dank immer sein Bestes – gethan hatte, ihr beizustehen.

»Sie haben mir in früheren Tagen oft vergeben, Herr Betteredge. Das nächste Mal, wo Sie den Zitterstrand betreten, verzeihen Sie mir wieder, wenn Sie können. Ich habe mein Grab gefunden, wo es meiner wartete. Ich bin Ihnen bis in den Tod für Ihre Güte dankbar gewesen.«

Das war Alles. Die wenigen Worte erschütterten mich auf’s Tiefste. Wir weinen leicht, wenn wir jung sind und wenn wir im Begriff stehen, die Welt zu verlassen. Ich brach in Thränen aus.

Sergeant Cuff trat mir, unfehlbar in freundlicher Absicht, einen Schritt näher, aber ich fuhr vor ihm zurück. »Rühren Sie mich nicht an!« sagte ich. »Die Furcht vor Ihnen hat sie das Leben gekostet«

»Sie irren sich, Herr Betteredge,« sagte er ruhig, »aber wir werden Zeit genug haben, darüber zu reden, wenn wir wieder zu Hause sind.«

Ich folgte den Uebrigen, auf den Arm des Stalljungen gestützt. In strömendem Regen kehrten wir nach Hause zurück, wo Verwirrung und Schrecken unserer harrten.

Zweiter Band

Achtzehntes Capitel

Als wir im Hause eintrafen, war die Schreckensbotschaft von einigen uns vorausgeeilten Gutsleuten bereits überbracht worden. Wir fanden die Dienerschaft in einem Zustande der höchsten Aufregung. Als wir an Mylady’s Zimmer vorüberkamen, wurde die Thür von innen heftig aufgestoßen und meine Herrin trat, gefolgt von Herrn Franklin heraus. Sie rang vergebens nach Fassung, die Todesnachricht hatte sie ganz außer sich gebracht. »Das haben Sie zu verantworten« rief sie laut mit einer furchtbar drohenden Handbewegung gegen den Sergeanten. »Gabriel, geben Sie dem Elenden sein Geld und befreien Sie mich von seinem Anblick.«

Der Sergeant war der einzige unter uns, der im Stande war, es mit ihr aufzunehmen, denn er allein hatte die Fassung nicht verloren.

Mylady,« sagte er, »ich habe diesen betrübenden Unglücksfall so wenig zu verantworten, wie Sie. Wenn Sie nach Verlauf einer halben Stunde noch darauf bestehen, daß ich dieses Haus verlasse, so werde ich Ihre Entlassung, gnädige Frau, aber nicht Ihr Geld annehmen.« Er sprach diese Worte in einem höchst respectvollen, aber sehr festen Tone und sie verfehlten ihre Wirkung sowenig auf meine Herrin, wie auf mich. Sie ließ sich von Herrn Franklin in ihr Zimmer zurückführen. Als sich die Thür hinter ihnen geschlossen hatte, bemerkte der Sergeant, der sich unter den weiblichen Dienstboten in seiner beobachtenden Weise umsah, daß, während alle Uebrigen nur erschrocken schienen, Penelope weinte. – »Kommen Sie doch,« sagte er zu ihr, »wenn Ihr Vater seine nassen Kleider gewechselt haben wird, in sein Zimmer, um mit uns zu reden.«

Noch ehe eine halbe Stunde vergangen war, hatte ich trockene Kleider angezogen und Sergeant Cuff aus meiner Garderobe gleichfalls mit dem Nöthigen versehen. Penelope trat herein, um zu hören, was der Sergeant von ihr wolle. Ich glaube, ich hatte noch nie so lebhaft empfunden, was für eine gute pflichttreue Tochter ich habe, wie in jenem Augenblick. Ich nahm sie auf den Schoß und betete für sie. Sie verbarg ihr Gesicht an meinem Busen, schlang ihre Arme um meinen Hals und wir schwiegen eine kleine Weile. Der Sergeant trat an’s Fenster und blickte hinaus. Es schien mir nur schicklich, ihm für dieses rücksichtsvolle Benehmen zu danken und das that ich.

Vornehme Leute, die sich des höchsten Luxus in allen Dingen erfreuen, können sich auch den Luxus, ihren Gefühlen nachzugeben, erlauben. Geringe Leute dürfen sich das nicht gestatten. Die Noth, welche die Vornehmen verschont, hat mit uns kein Mitleid. Wir müssen es lernen, unsere Gefühle zurückzudrängen und unser Joch, geduldig weiter zu tragen. Dies soll keine Klage sein, sondern nur eine Bemerkung. Penelope und ich standen dem Sergeanten zu Diensten, sobald er sich wieder an uns wandte. Auf die Frage, was ihre Kameradin wohl zum Selbstmord veranlaßt haben möge, antwortete meine Tochter, wie es der Leser nicht anders erwarten wird, daß es die Liebe zu Herrn Franklin Blake gewesen sei. Auf die fernere Frage, ob sie diese ihre Auffassung bereits irgend Jemandem mitgetheilt habe, antwortete Penelope, sie habe Rosanna’s wegen der Sache gegen Niemanden Erwähnung gethan. Hier schien es mir nothwendig, ein Wort hinzuzufügen und ich sagte:

»Und auch Herrn Franklin’s wegen, liebes Kind. Wenn Rosanna aus Liebe zu ihm gestorben ist, so ist es ohne sein Wissen und ohne seine Schuld geschehen. Laß ihn, wenn es dazu kommt, heute ohne den unnöthigen Kummer der Kenntniß des wahren Sachverhalts abreisen.«

Sergeant Cuff bemerkte nur: »Ganz richtig!« und beobachtete dann wieder ein Schweigen, während dessen er, wie mir schien, Penelopes Auffassung mit seiner eigenen, von dieser abweichenden, die er aber für sich behielt, verglich.

Nach Verlauf einer halben Stunde schellte Mylady.

Auf dem Wege zu ihr begegnete ich Herrn Franklin, der eben aus ihrem Wohnzimmer kam. Er bemerkte, daß Mylady bereit sei, Sergeant Cuff, wie schon mehrfach, in meiner Gegenwart zu sprechen und fügte hinzu, daß er selbst noch vorher dem Sergeanten zwei Worte zu sagen wünsche.

Als wir zusammen wieder nach meinem Zimmer zurückgingen, stand er in der Halle still, um die dort hängende Tabelle der Abgangszeiten der Eisenbahnen anzusehen.

»Wollen Sie uns wirklich verlassen, Herr Franklin?« fragte ich. »Fräulein Rachel wird sicherlich wieder zur Vernunft kommen, wenn Sie ihr nur Zeit lassen.«

»Sie wird wieder zur Vernunft kommen,« antwortete Herr Franklin, »wenn sie hört, daß ich abgereist bin und daß sie mich nicht wiedersehen wird.«

Es schien mir, als ob er unter dem Eindruck der Behandlung sprach, die ihm von meinem jungen Fräulein widerfahren war. Aber dem war nicht so. Mylady hatte von dem Augenblick an, wo zuerst Polizeibeamte in unser Haus gekommen waren, bemerkt, daß die bloße Erwähnung von Franklins Namen Fräulein Rachel völlig außer sich bringe. Er hatte seine Cousine zu sehr geliebt, um sich jenen Sachverhalt fest einzugestehen, bis sich ihm die Wahrheit in dem Augenblick gewaltsam aufdrängte, wo sie zum Besuch ihrer Tante abfuhr.

Nachdem ihm die Augen endlich so grausam geöffnet waren, hatte Herr Franklin seinen Entschluß gefaßt – den einzigen Entschluß, den ein Mann von Herz fassen konnte – das Haus zu verlassen.

Was er dem Sergeanten zu sagen hatte, sprach er in meiner Gegenwart. Er erklärte, daß Mylady bereit sei, anzuerkennen, daß ihre Aeußerung von vorhin übereilt gewesen sei, und fragte, ob Sergeant Cuff sich nun bereit finden lassen wolle, sein Honorar anzunehmen und die Angelegenheit des Diamanten auf sich beruhen zu lassen. Der Sergeant antwortete: »Nein, mein Herr, ich empfange mein Honorar dafür, daß ich meine Pflicht thue, und werde es daher in diesem Fall nicht annehmen, bis meine Pflicht gethan ist.«

»Ich verstehe Sie nicht!« erwiderte Herr Franklin.

»So will ich mich näher erklären« entgegnete der Sergeant. »Als ich hierher kam, übernahm ich es, das nöthige Licht über die Angelegenheit des verlornen Diamanten zu verbreiten. Ich bin bereit und warte nur auf die Möglichkeit mein Wort zu lösen. Nachdem ich Lady Verinder den Fall dargelegt haben werde, wie er jetzt liegt, «und nachdem ich mich gegen sie klar darüber ausgesprochen haben werde, welche Wege jetzt zur Wiedererlangung des Mondsteins einzuschlagen sein würden, werde ich mich meiner Verantwortlichkeit ledig fühlen. Dann mag Verinder selbst entscheiden, ob ich mein Verfahren fortsetzen soll oder nicht. Erst dann werde ich gethan haben, was ich zu thun übernommen habe, und bereit sein, mein Honorar anzunehmen.«

Durch diese Worte führte Sergeant Cuff uns zu Gemüth, daß es selbst in der Sphäre der geheimen Polizei einen guten Ruf zu verlieren giebt.

Seine Art, die Sache anzusehen, war so entschieden die richtige, daß sich nichts weiter darüber sagen ließ. Als ich aufstand, um ihn nach Mylady’s Zimmer zu geleiten, fragte er, ob Herr Franklin dabei zu sein wünsche, wenn er mit Mylady redete. Herr Franklin antwortete: »Nur falls Lady Verinder es wünschen sollte!« und flüsterte mir in dem Augenblick, wo ich mit dem Sergeanten hinausging, noch die Worte zu: »Ich weiß, was der Mann über Rachel sagen wird; und ich liebe sie zu sehr, um das ruhig mit anhören zu können. Lassen Sie mich davon!«

Und so blieb er zurück, trübselig ans Fenster gelehnt, den Kopf auf die Hand gestützt, während Penelope durchs Schlüsselloch sah und ihm gern tröstend zugeredet hätte. An Herrn Franklin’s Stelle hätte ich sie hineingerufen.

Wenn wir von einem Mädchen schlecht behandelt sind, so gewährt es uns einen großen Trost, einem andern davon zu erzählen, denn meistentheils nimmt die Andere Partei für uns. Vielleicht hat er sie auch, nachdem ich den Rücken gekehrt, noch hineingerufen und in diesem Fall würde meine Tochter gewiß Alles aufgeboten haben, um Herrn Franklin zu trösten.

Inzwischen gingen Sergeant Cuff und ich zu Mylady auf ihr Zimmer.

Bei der letzten Conferenz, die wir mit ihr gehabt, hatten wir sie nicht allzu geneigt gefunden, ihre Augen von dem vor ihr liegenden Buche zu erheben. Dieses Mal trat sie uns besser gerüstet entgegen. Sie sah dem Sergeanten mit einem Blick, der ganz so fest war wie der seinige, in’s Auge.

Der Genius der Familie leuchtete aus jedem ihrer Züge hervor, und ich war jetzt überzeugt, daß Sergeant Cuff einen ebenbürtigen Gegner an meiner Herrin finden werde, die sich aufgerafft hatte und entschlossen war, das Schlimmste zu hören, was er ihr sagen könne.

Mylady ergriff, nachdem wir Platz genommen hatten, zuerst das Wort.

»Sergeant Cuff,« sagte sie, »die rücksichtslose Art, mit der ich mich vor einer halben Stunde gegen Sie ausgedrückt habe, wäre vielleicht zu entschuldigen. Indessen will ich gar nicht versuchen mich zu entschuldigen, sondern aufrichtig bekennen, daß es mir leid thut, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin.«

Die Anmuth in Ausdruck und Geberde, mit welcher sie diese Worte sprach, verfehlte ihre Wirkung auf den Sergeanten nicht. Er bat um die Erlaubniß, sich rechtfertigen zu dürfen, indem er diese Rechtfertigung als eine Pflicht der Hochachtung für meine Herrin bezeichnete.

Er könne unmöglich, sagte er, in irgend einer Weise für den Unglücksfall, welcher uns Alle so tief erschüttert habe, verantwortlich gemacht werden und zwar aus dem einfachen Grunde, daß es für den erfolgreichen Verlauf seiner Untersuchung gerade von der entscheidendsten Wichtigkeit gewesen wäre, weder etwas zu sagen noch zu thun, was Rosanna hätte beunruhigen können.

Er forderte mich auf ihm ’zu bezeugen, daß er sie keinen Moment aus den Augen gelassen habe. Ich konnte ihm dieses Zeugnis, nicht versagen, und damit hätte, wie mir schien, die Sache rechtlich auf sich beruhen bleiben können.

Sergeant Cuff ging indessen noch einen Schritt weiter, offenbar – wie der Leser sich gleich selbst überzeugen wird, – zu dem Zweck, um es gewaltsam zu der denkbar peinlichsten Erklärung zwischen Mylady und ihm zu bringen.

»Ich habe,« fing der Sergeant an, »ein Motiv für den Selbstmord des Mädchens anführen gehört, das möglicherweise wirklich zu der That Veranlassung gegeben hat.« Dieses Motiv hat mit der Angelegenheit, derentwegen ich mich hier befinde, durchaus nichts zu thun. Ich halte es jedoch für meine Pflicht hinzuzufügen, daß ich anderer Ansicht bin. Nach meiner Meinung hat eine unerträgliche Seelenangst in Verbindung mit dem Verlust des Diamanten das arme Geschöpf zu seiner unseligen That getrieben. Ich maße mir nicht an, den Grund jener unerträglichen Seelenangst zu kennen. Ich glaube aber – mit Ihrer Erlaubniß, Mylady – eine Person bezeichnen zu können, welche im Stande ist zu entscheiden, ob ich Recht oder Unrecht habe.«

»Ist diese Person augenblicklich hier im Hause?« fragte meine Herrin nach einer kleinen Pause.

»Diese Person hat das Haus verlassen, Mylady.«

Diese Antwort bezeichnete auf die unzweideutigste Art Fräulein Rachel als die fragliche Person. Es entstand eine Pause. die mir ewig dauern zu müssen schien. Gott im Himmel! wie der Wind heulte und wie der Regen gegen das Fenster peitschte, während ich da saß und wartete, ob einer von Beiden wieder das Wort ergreifen möchte.

»Haben Sie die Güte,« sagte Mylady endlich, »sich deutlich zu erklären. Meinen Sie meine Tochter?«

»Ja!« antwortete Sergeant Cuff kurz.

Meine Herrin hatte ihre Geldbörse bei sich liegen als wir ins Zimmer traten, ohne Zweifel um dem Sergeanten ein Honorar zu bezahlen. Jetzt legte sie dieselbe in eine Schublade. Es versetzte mir einen Stich ins Herz, zu sehen, wie ihre arme Hand dabei zitterte – diese Hand, die ihren alten Diener mit Wohlthaten überschüttet hatte; diese Hand, in die ich Gott bitte, die meinige legen zu können, wenn einmal mein Stündlein schlagen wird und ich meine Stelle für immer verlassen muß.

»Ich hatte gehofft,« sagte Mylady sehr langsam und ruhig, »daß ich Ihre Dienste belohnen und Sie entlassen können würde, ohne daß der Name Fräulein Verinder’s offen zwischen uns ausgesprochen wäre, wie es jetzt eben geschehen ist. Mein Neffe wird Ihnen vermuthlich, bevor Sie hierher kommen, eine Mittheilung gemacht haben.«

»Herr Blake hat mir Ihre Bestellung ausgerichtet und ich habe ihm gesagt, warum —«

»Ich verlange Ihre Gründe nicht zu kennen. Nachdem, was Sie vorhin ausgesprochen haben, wissen Sie so gut wie ich, daß Sie zu weit gegangen sind, um jetzt zurückzutreten. Ich bin es mir selbst und meinem Kinde schuldig, darauf zu bestehen, daß Sie jetzt noch länger hier verweilen und daß Sie sich jetzt unumwunden aussprechen.«

Der Sergeant sah auf seine Uhr.

»Wenn die Zeit hingereicht hätte, Mylady,« antwortete er, »so würde ich es vorgezogen haben, meinen Bericht schriftlich zu erstatten. Wenn aber die Untersuchung ihren Fortgang nehmen soll, so ist die Zeit zu kostbar, um mit Schreiben vergeudet zu werden. Ich bin bereit, sofort zu reden. Es ist das ein für mich nicht weniger, als für Sie, Mylady, peinliches Geschäft —«

Hier unterbrach ihn meine Herrin zum zweiten Mal.

»Vielleicht bin ich im Stande,« sagte sie »es weniger peinlich für Sie und für meinen Diener und guten Freund hier zu machen, wenn ich mit dem guten Beispiel einer rückhaltslosen Aeußerung vorangehe. Sie haben Fräulein Verinder in Verdacht, uns Alle zu hintergehen und den Diamanten zu einem besondern Zweck bei Seite gebracht zu haben. Ist dem so?«

»Vollkommen, Mylady!«

»Gut. Als Fräulein Verinder’s Mutter muß ich Ihnen, ehe Sie mit Ihrem Bericht beginnen, erklären, daß sie absolut unfähig ist, eine Handlung wie die, deren Sie sie zeihen, zu begehen. Ihre Kenntniß ihres Charakters ist wenige Tage alt; meine Kenntniß ihres Charakters aber so alt, wie sie selbst. Sprechen Sie Ihren Verdacht so entschieden aus, wie Sie wollen – Sie können mich auf keine Weise dadurch verletzen ich bin im Voraus fest überzeugt, daß Sie trotz aller Ihrer Erfahrung von den Umständen in verhängnißvoller Weise irregeleitet worden sind. Vergessen Sie nicht, daß mir keinerlei besondere Kunde in dieser Angelegenheit zu Gebote steht. Meine Tochter hat mich ganz so wenig in ihr Vertrauen gezogen, wie Sie. Den einzigen Grund, der mich berechtigt, so entschieden zu sprechen, haben Sie bereits gehört: Ich kenne mein Kind!«

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
04 aralık 2019
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780 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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