Kitabı oku: «Ein tiefes Geheimniss», sayfa 16
»Guten Morgen, Mistreß Pentreath,« sagte Mr. Munder. »Gibt’s etwas Neues heute?«
Welch ein Gewicht und welche Bedeutung gaben seine tiefe Stimme und seine eindrucksvoll langsame Art und Weise, sich derselben zu bedienen, diesen beiden unbedeutenden Redesätzen!
»Es gibt etwas Neues, Mr. Munder,was Sie in Erstaunen setzen wird,« entgegnete die Haushälterin. »Ich habe heute morgen von Mistreß Frankland einen Brief erhalten, der jedenfalls das Seltsamste ist, was mir in dieser Beziehung vorgekommen. Es wird mir darin gesagt, daß ich den Brief Ihnen mitteilen soll, und ich habe den ganzen Morgen gewartet, Ihre Meinung darüber zu hören. Ich bitte, setzen Sie sich nieder und schenken Sie mir Ihre ganze Aufmerksamkeit, denn ich versichere Ihnen, daß der Brief dieselbe durchaus verlangt.«
Mr. Munder setzte sich und ward sofort die verkörperte Aufmerksamkeit – nicht die gewöhnliche Aufmerksamkeit, welche ermattet werden kann, sondern die richterliche Aufmerksamkeit, welche keine Ermüdung kennt und der Macht der Langeweile ebenso überlegen ist wie der Macht der Zeit.
Die Haushälterin öffnete, ohne weiter die kostbaren Minuten zu vergeuden – denn Mr. Munders Minuten kamen an Wichtigkeit unmittelbar hinter denen eines Premierministers – den Brief ihrer Herrin, widerstand der sehr natürlichen Versuchung, einige einleitende Bemerkungen dazu zu machen, und las dem Kastellan sofort den ersten Satz vor, welcher folgendermaßen lautete:
»Mistreß Pentreath!
Ihr werdet bestimmt schon längst einen Brief von mir erwartet haben, in welchem ich einen Tag für unsere Ankunft bestimme. Bei dieser, der dritten Veranlassung, an Euch in Bezug auf unsere Pläne zu schreiben, wird es, glaube ich, am besten sein, wenn ich nicht zum dritten Male einen Tag bezeichne, sondern sage, daß wir in dem Augenblick, wo ich die Erlaubnis des Arztes erhalte, von West Winston nach Porthgenna abreisen werden.«
»Insoweit,« bemerkte Mistreß Pentreath, indem sie den Brief auf ihren Schoß legte und, während sie sprach, mit fast gereizter Miene glattstrich, »insoweit hat die Sache weiter nichts auf sich. Der Brief scheint mir allerdings – unter uns gesagt – in ziemlich ordinären Ausdrücken geschrieben und viel zu sehr der gewöhnlichen Redeweise ähnlich zu sein, als daß er meiner Idee von dem Briefstile einer vornehmen Dame entsprechen sollte – aber dies ist Sache der persönlichen Ansicht. Ich kann nicht sagen, und würde auch die letzte Person sein, die so etwas behauptete, daß der Anfang von Mistreß Franklands Brief im Ganzen genommen nicht vollkommen klar sei. Es ist vielmehr die Mitte und das Ende, worüber ich Sie, Mr. Munder, zu Rate zu ziehen wünsche.«
»Ganz recht,« sagte Mr. Munder; nur zwei Worte sprach er, aber wie inhaltsschwer!
Die Haushälterin räusperte sich sehr laut und lange und las dann folgendermaßen weiter:
»Der Hauptzweck, weswegen ich diese Zeilen schreibe, ist, um auf Befehl meines Gatten den Wunsch auszusprechen, daß Ihr und Mr. Munder so geheim als möglich zu ermitteln sucht, ob eine Person, welche jetzt in Cornwall reist, und für welche wir uns zufällig sehr interessieren, vielleicht in der Nachbarschaft von Porthgenna gesehen worden ist. Die fragliche Person ist uns unter dem Namen Mistreß Jazeph bekannt. Sie ist eine schon etwas ältliche Frau von ruhigem, gebildetem Benehmen und nervenschwachem, kränklichen Aussehen. Sie kleidet sich, wie wir gesehen haben, außerordentlich sauber und nett und in dunkle Farben. Ihre Augen haben einen eigentümlichen Ausdruck von Schüchternheit, ihre Stimme ist eigentümlich sanft und gedämpft und ihr Benehmen wird sehr oft durch außerordentliches Zögern auffällig. Ich beschreibe sie so ausführlich für den Fall, daß sie nicht unter dem Namen reisen sollte, unter welchem wir sie kennen.
Aus Gründen, die ich hier nicht weiter anzugeben brauche, halten wir es für wahrscheinlich, daß Mistreß Jazeph zu einer frühern Zeit ihres Lebens mit der Umgebung von Porthgenna in gewisser Verbindung gestanden hat. Mag dies jedoch der Fall sein oder nicht, so ist doch unbestreitbar gewiß, daß sie das Innere von Porthgenna Tower genau kennt, und daß sie ein vollkommen unerklärliches Interesse irgend welcher Art an diesem Hause hat. Wenn wir diese Tatsachen mit der Kenntnis in Zusammenhang bringen, welcher zufolge sie sich gegenwärtig in Cornwall befindet, so glauben wir, es liege recht wohl im Bereich des Möglichen, daß Ihr oder irgend eine andere Person in unserem Dienste mit ihr zusammentrifft, und es liegt uns viel daran, daß, wenn sie vielleicht das Innere des Hauses zu sehen verlangt, Ihr sie in demselben nicht bloß mit vollkommener Bereitwilligkeit und Höflichkeit herumführt, sondern daß Ihr auch von dem Augenblick an, wo sie das Haus betritt bis zu dem, wo sie es verläßt, ihr Benehmen im Stillen, aber ganz genau, beobachtet. Laßt sie deshalb nicht eine Minute lang aus den Augen und beauftragt womöglich eine zuverlässige Person, ihr, nachdem sie das Haus verlassen hat, unbemerkt zu folgen und zu ermitteln, wohin sie geht.
Es ist von der größten Wichtigkeit, daß diese Instruktionen – so seltsam dieselben Euch auch erscheinen mögen – unbedingt und buchstäblich befolgt werden.
Ich habe bloß noch Zeit und Raum, hinzuzufügen, daß wir nichts dieser Person zum Nachteil Gereichendes wissen und daß es uns lieb sein wird, wenn Ihr, im Fall Ihr mit ihr zusammentrefft, Euch hinreichend diskret gegen sie benehmt, damit sie nicht argwohne, daß Ihr auf Befehl handelt oder ein besonderes Interesse daran habt, ihre Schritte zu überwachen.
Ihr werdet so gut sein, diesen Brief dem Kastellan mitzuteilen, ebenso wie Euch freigestellt ist, von den darin enthaltenen Instruktionen, da nötig, irgend eine andere zuverlässige Person in Kenntnis zu setzen.
Ergebenst
Rosamunde Frankland.
P.S. – Das Zimmer brauche ich nicht mehr zu hüten und der Junge gedeiht, daß es eine Lust ist.«
»Da!« sagte die Haushälterin. »Nun möchte ich wissen, wer daraus klug werden soll. Ist Ihnen, Mr. Munder, in Ihrem ganzen Leben schon ein solcher Brief vorgekommen? Man bürdet uns eine schwere Verantwortlichkeit auf, ohne ein Wort der Erklärung hinzuzufügen. Ich habe mir schon bald den Kopf darüber zerbrochen, was für ein Interesse unsere Herrschaft an dieser geheimnisvollen Person haben kann und je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger kann ich es erraten. Was ist Ihre Meinung, Mr. Munder? Wir müssen jedenfalls sofort etwas tun. Wissen Sie vielleicht ein bestimmtes Verfahren anzugeben?«
Mr. Munder hustete leise, schlug das eine Bein über das andere, hielt den Kopf kritisch auf die Seite, hustete zum zweiten Male und sah die Haushälterin an.
Hätte es irgend einem andern Menschen in der Welt angehört, so würde Mistreß Pentreath gemeint haben, daß das Gesicht, welches sich jetzt dem ihrigen gegenüber befand, nichts verriete als die tiefste, ratloseste Verblüfftheit. Aber es war Mr. Munders Gesicht und dieses konnte nur mit Vertrauen und mit Gefühlen ehrerbietiger Erwartung betrachtet werden.
»Ich glaube« – begann Mr. Munder.
»Nun?« fragte die Haushälterin begierig.
Ehe weiter ein Wort gesprochen werden konnte, trat die Magd in das Zimmer, um für Mistreß Pentreath den Tisch zu decken.
»Laß das jetzt sein, Betsey,« sagte die Haushälterin ungeduldig. »Decke den Tisch nicht eher als bis ich dir klingle. Mr. Munder und ich haben jetzt etwas sehr Wichtiges zu besprechen und können uns nicht stören lassen.«
Kaum aber hatte sie dieses Wort ausgesprochen, als eine Unterbrechung von ganz unerwarteter Art erfolgte.
Die Torglocke läutete. Dies war in Porthgenna Tower ein sehr ungewöhnliches Ereignis. Die wenigen Personen, welche in häuslichen Angelegenheiten Veranlassung hatten, das Schloß zu besuchen, traten stets durch ein kleines Seitenpförtchen ein, welches während des Tages bloß zugeklinkt war.
»Wer ums Himmels willen kann das sein!« rief Mistreß Pentreath, indem sie an das Fenster eilte, welches die Seitenansicht der unteren Türstufen beherrschte.
Der erste Gegenstand, der ihrem Auge, als sie hinaussah, begegnete, war eine Frau, die auf der untersten Stufe stand – ein Frau sehr sauber und nett in bescheidene dunkle Farben gekleidet.
»Gütiger Himmel, Mr. Munder,« rief die Haushälterin, indem sie an den Tisch zurückeilte und Mistreß Franklands Brief aufraffte, den sie hier liegen gelassen. »Es wartet schon eine fremde Person an der Tür, eine Dame – oder wenigstens eine Frau – und sauber gekleidet in dunkle Farben. Es ist mir als müßte ich ohnmächtig werden, Mr. Munder! Bleib, Betsey – bleib!«
»Ich wollte bloß gehen und das Tor öffnen,« sagte Betsey erstaunt.
»Bleib, sag ich,« wiederholte Mistreß Pentreath, sich mit großer Anstrengung fassend. »Zufällig habe ich bei der gegenwärtigen Gelegenheit gewisse Gründe, von meinem Platze herabzusteigen und mich an den deinigen zu stellen. Geh aus dem Wege, du Gaffmaul! Ich werde selbst gehen, um zu sehen, wer Einlaß begehrt.«
Fünftes Kapitel
Im Hause
Mistreß Pentreaths Überraschung, als sie durch das Fenster schauend eine Dame gesehen, stieg noch weit höher als sie, nachdem sie die Tür geöffnet, einen Herrn vor sich sah. Onkel Joseph war, nachdem er die Klingel gezogen, dicht an dem Klingelgriff stehen geblieben und stand daher dem Hause so nahe, daß er von Mistreß Pentreaths Fenster aus nicht hatte gesehen werden können. Der aufgeregten Phantasie der Haushälterin zeigte er sich auf der Schwelle mit der Plötzlichkeit einer Erscheinung – der Erscheinung eines kleinen, rotbäckigen, alten Herrn, welcher sich lächelnd verbeugte und seinen Hut mit einer Schwenkung abnahm, in deren Gewandtheit und Schwung sozusagen etwas Übermenschliches lag.
»Gehorsamer Diener! Wie befinden Sie sich? Wir kommen, um uns das Innere des Schlosses anzusehen,« sagte Onkel Joseph, indem er in dem Augenblick, wo die Tür geöffnet ward, sein untrügliches Auskunftsmittel, Zutritt zu erlangen, versuchte.
Mistreß Pentreath war sprachlos vor Erstaunen. Wer war dieser familiäre alte Herr mit dem fremdländischen Akzent und der phantastischen Verbeugung? Und was meinte er damit, daß er zu ihr sprach als ob sie seine intime Freundin wäre? Mistreß Franklands Brief enthielt von Anfang bis zu Ende nicht ein Wort über ihn.
»Wie befinden Sie sich? Wir kommen, um uns das Innere des Schlosses anzusehen,« wiederholte Onkel Joseph, indem er seine unwiderstehliche Form der Begrüßung zum zweiten Male versuchte.
»Das haben Sie schon einmal gesagt, Sir,« bemerkte Mistreß Pentreath, indem sie so viel Selbstbeherrschung wiedergewann, daß sie sich ihrer Zunge zu ihrer eigenen Verteidigung bedienen konnte. »Wünscht die Dame,« fuhr sie fort, indem sie über die Schulter des alten Mannes auf die Stufe hinunterblickte, wo seine Nichte stand, »wünscht die Dame auch das Innere des Schlosses zu sehen?«
Saras sanft gesprochene Antwort überzeugte, so kurz sie auch war, die Haushälterin, daß die in Mistreß Franklands Brief beschriebene Frau wirklich und wahrhaftig vor ihr stand. Außer der saubern, bescheidenen Kleidung war auch die sanfte, wohlklingende Stimme da und, als sie eine Sekunde lang aufblickte, auch die schüchternen Augen, woran sie so leicht zu erkennen war.
In Bezug auf diese von den beiden fremden Personen konnte Mistreß Pentreath, wie aufgeregt und überrascht sie auch sein mochte, hinsichtlich des von ihr einzuschlagenden Verfahrens keine Ungewißheit hegen.
In Bezug auf den anderen Besucher, den unbegreiflichen, alten Ausländer aber, würde sie sofort von den verworrensten Zweifeln gequält. War es am geratensten, sich an den Buchstaben von Mistreß Franklands Instruktionen zu halten und ihn zu bitten, draußen zu warten, während erst die Dame im Hause herumgeführt würde? – oder war es am besten, wenn sie auf ihre eigene Verantwortlichkeit hin handelte und es riskierte, ihn ebenso einzulassen wie seine Begleiterin? Dies zu entscheiden, war ein schwieriger Punkt und mußte deshalb der höhern Weisheit Mr. Munders unterbreitet werden.
»Wollen Sie hereinkommen und einen Augenblick warten, während ich mit dem Kastellan spreche?« sagte Mistreß Pentreath, indem sie absichtlich von dem familiären alten Ausländer keine Notiz nahm, sondern über ihn hinweg direkt mit der auf der untern Stufe stehenden Dame sprach.
»Sehr schön,« sagte Onkel Joseph lächelnd und sich verneigend, ohne das auf ihn berechnete Benehmen der Haushälterin zu beachten. »Was sagte ich dir?« flüsterte er triumphierend seiner Nichte zu, während sie an ihm vorüber in das Haus hineinging.
Mistreß Pentreaths erster Impuls war, sofort wieder in ihr Zimmer zu gehen und mit Mr. Munder zu sprechen. Sie entsann sich jedoch noch rechtzeitig der Stelle in Mistreß Franklands Brief, welche ihr einschärfte, die Frau in der bescheidenen Kleidung nicht aus den Augen zu lassen, und deshalb blieb sie sofort wieder stehen.
Die Erinnerung an diesen speziellen Teil ihrer Instruktion ward in ihr besonders durch eine merkwürdige Änderung in dem Benehmen der Fremden selbst erweckt, welche in dem Augenblick, wo sie die Schwelle überschritten, alle Schüchternheit zu verlieren schien und in überraschend ungeduldiger Weise nach dem Innern des Hauses vorangehen wollte.
»Betsey!« rief Mistreß Pentreath, indem sie vorsichtig die Magd rief, nachdem sie sich bloß einige Schritte von den beiden Fremden entfernt. »Betsey, sage Mr. Munder, er möchte die Güte haben, hierher zu kommen.”
Mr. Munder erschien mit großer Gemessenheit und mit einer gewissen drohenden Würde in seinen Zügen. Er war gewohnt, stets rücksichtsvoll behandelt zu werden, und deshalb unzufrieden mit der Haushälterin, daß sie ihn so ohne weitere Umstände in dem Augenblick verlassen, wo die Klingel gezogen ward, ohne ihm Zeit zu geben, eine Meinung über Mistreß Franklands Brief auszusprechen.
Als ihn daher jetzt Mistreß Pentreath in großer Aufregung beiseite nahm und ihm flüsternd die vertrauliche und erstaunliche Mitteilung machte, daß die Frau, für welche Mr. und Mistreß Frankland sich auf so geheimnisvolle Weise interessierten, in diesem Augenblick leibhaftig vor ihm stünde, nahm er diese Mitteilung mit der Miene der verletzendsten Gleichgültigkeit hin.
Noch schlimmer ward die Sache, als die Haushälterin ihm ihre Verlegenheit mitteilte, wobei sie nicht vergaß, die beiden fremden Personen fortwährend wachsam im Auge zu behalten. Mochte sie so ehrerbietig als sie wollte an Mr. Munders höhrere Weisheit appellieren, so beharrte er dennoch dabei, ihr mit geringschätzendem Stirnrunzeln zuzuhören, und widersprach ihr sogar zuletzt auf herausfordernde Weise, als sie zum Schlusse hinzuzufügen wagte, daß ihre eigenen Ansichten sie geneigt machen, keine Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, sondern den fremdländischen Herrn zu bitten, draußen zu warten, während die Dame in Übereinstimmung mit Mistreß Franklands Instruktionen im Schlosse herumgeführt würde.
»Das kann wohl Ihre Meinung sein, Madame,« entgegnete Mr. Munder in strengem Tone, »aber es ist nicht die meinige.«
Die Haushälterin sah ihn erschrocken an.
»Vielleicht,« meinte sie nachgiebig, »vielleicht glauben Sie, daß der fremde alte Herr darauf bestehen würde, das Haus mit der Dame zugleich in Augenschein zu nehmen?«
»Versteht sich, denke ich das,« sagte Mr. Munder.
Er hatte durchaus nichts der Art gedacht, denn sein einziger Gedanke war in diesem Augenblick der, sein eigene Übergewicht dadurch zu behaupten, daß er sich jedem von Mistreß Pentreath beabsichtigten Arrangement hartnäckig widersetzte.
»Dann würden Sie also die Verantwortlichkeit auf sich nehmen, beide Personen im Hause herumzuführen, weil sie beide gleichzeitig Einlaß begehrt haben?« fragte die Haushälterin.
»Versteht sich, würde ich das,« antwortete der Kastellan mit der wunderbaren Schnelligkeit des Entschlusses, welche alle höher begabten Leute auszeichnet.
»Wohlan, Mr. Munder, ich lasse mich stets gern von Ihrer Meinung leiten und will mich auch jetzt nach derselben richten,« sagte Mistreß Pentreath. »Da nun aber zwei Personen im Auge zu behalten sind – denn dem Ausländer traue ich nicht über den Weg – so muß ich Sie wirklich bitten, die Mühe des Herumführens mit mir zu teilen. Ich bin so aufgeregt und nervenschwach, daß es mir ist, als wäre ich halb vor Besinnung – noch niemals bin ich in einer solchen Lage gewesen – ich sehe mich mitten in Geschehnisse hineinversetzt, die ich nicht verstehe – und mit einem Worte, wenn ich nicht auf Ihren Beistand rechnen kann, Mr. Munder, so stehe ich nicht dafür, daß ich nicht irgend einen Mißgriff begehe. Das aber sollte mir sehr leid tun, nicht bloß meinetwegen, sondern auch –«
Hier stockte die Haushälterin und sah Mr. Munder scharf an.
»Fahren Sie fort, Madame,« sagte Mr. Munder mit grausamer Gelassenheit.
»Nicht bloß um meinetwillen,« hob Mistreß Pentreath schüchtern wieder an, »sondern auch um Ihretwillen, Mr. Munder, denn Mistreß Franklands Brief legt die Verantwortlichkeit bei Führung dieser delikaten Angelegenheit nicht bloß auf meine Schultern, sondern auch auf die Ihrigen.«
Mr. Munder prallte einige Schritte zurück, ward rot, öffnete entrüstet die Lippen, zögerte und schloß sie wieder. Er sah sich in seiner eigenen Falle gefangen. Er konnte sich der Verantwortlichkeit, die Handlungsweise der Haushälterin zu leiten, nicht entziehen, nachdem er einmal diese Verantwortlichkeit freiwillig auf sich genommen hatte, und er konnte auch nicht leugnen, daß Mistreß Franklands Brief bestimmt und wiederholt mit Nennung seines Namens auf ihn Bezug nahm.
Es gab nur einen Weg, um mit Würde aus dieser Schwierigkeit herauszukommen, und Mr. Munder schlug in dem Augenblick, wo er Selbstbeherrschung genug gewonnen, um sich für diese Aufgabe zu sammeln, ohne Erröten diesen Weg ein.
»Ich bin ganz erstaunt, Mistreß Pentreath,« begann er mit der größten Würde. »Ja, ich sage nochmals, ich bin ganz erstaunt, daß Sie mich für fähig halten, Sie unter den eigentümlichen Umständen, in welche wir jetzt versetzt sind, das Haus allein mit diesen fremden Personen durchwandern zu lassen. Nein, Madame, von welcher Art auch meine übrigen Fehler sein mögen, so gehört doch jedes Zurückweichen von meinem Anteil an einer Verantwortlichkeit nicht zu denselben. Ich brauche nicht an Mistreß Franklands Brief erinnert zu werden – und nein – ich brauche auch keine Entschuldigungen. Ich bin vollkommen bereit, Madame, ich bin vollkommen bereit, die Wanderung anzutreten, sobald Sie es sind.«
»Je eher wir dies dann tun, desto besser wird es sein, Mr. Munder, denn dieser kecke alte Ausländer schwatzt schon mit Betsey, als ob er sie sein ganzes Leben lang gekannt hätte.«
Diese Behauptung war vollkommen wahr. Onkel Joseph übte seine Gabe der Vertraulichkeit an der Magd – welche, anstatt in die Küche zurückzukehren, stehen geblieben war, um die Fremden anzugaffen – gerade so wie er sie schon an der alten Dame in dem Personenwagen und an dem Kutscher des Einspänners geübt hatte, welcher seine Nichte und ihn nach der Poststadt von Porthgenna gebracht hatte. Während die Haushälterin und der Kastellan ihre geheime Konferenz hielten, versetzte er Betsey durch die sonderbaren Fragen, die er in Bezug auf das Haus an sie richtete und wie sie mit ihrer Arbeit darin zu Stande käme, in fortwährendes unterdrücktes Kichern. Seine Fragen hatten natürlich von der Südseite des Gebäudes, zu welcher er und seine Begleiterin hereingekommen waren, nach der Westseite, welche sie nun bald explorieren sollten, und von da nach der Nordseite geführt, welche für jedermann im Hause ein verbotenes Terrain war.
Als daher Mistreß Pentreath mit dem Kastellan sich näherte, hörte sie folgenden Austausch von Fragen und Antworten zwischen dem alten Ausländer und der Magd:
»Aber sagt mir, liebe Betsey,« sagte Onkel Joseph, »warum geht denn niemand in jene modrigen alten Zimmer?«
»Weil ein Gespenst darin umgeht,« antwortete Betsey lachend, als ob eine Reihe von gespenstischen Zimmern und eine Reihe von vortrefflichen Späßen genau ein und dasselbe wäre.
»Du schweigst augenblicklich und gehst wieder in deine Küche!« rief Mistreß Pentreath entrüstet. »Die unwissenden Leute hier,« fuhr sie fort, indem sie immer noch Onkel Joseph absichtlich ignorierte und ihre Worte bloß an Sara richtete, »erzählen abgeschmackte Geschichten von einigen alten Zimmern auf der verfallenen Seite des Hauses, die seit länger als einem halben Jahrhundert nicht bewohnt gewesen sind – abgeschmackte Geschichten von einem Gespenst, und meine Magd ist so albern, daran zu glauben.«
»Nein, das ist nicht wahr,« sagte Betsey, indem sie sich mit Protest in die untern Regionen zurückzog. »Ich glaube kein Wort von dem Gespenst – wenigstens nicht am hellen Tage.«
Indem Betsey diesen wichtigen Vorbehalt flüsternd hinzufügte, zog sie sich ungern von dem Schauplatz zurück.
Mistreß Pentreath bemerkte mit einiger Überraschung, daß die geheimnisvolle Fremde in der saubern, bescheidenen Kleidung bei Erwähnung der Gespenstergeschichte sehr bleich ward und keinerlei Bemerkung darüber machte.
Während sie sich noch fragte, was dies zu bedeuten habe, trat Mr. Munder in würdevoll hervorragender Weise heran und wendete sich stolz, nicht an Onkel Joseph und nicht an Sara, sondern an die leere Luft zwischen ihnen.
»Wenn Sie das Haus zu sehen wünschen,« sagte er, »so werden Sie die Güte haben, mir zu folgen.«
Mit diesen Worten bog Mr. Munder feierlich in den Korridor ein, der nach dem Fuße der westlichen Treppe führte, indem er mit jenem eigentümlichen gespreizten Schritte ging, der allen ernsten Engländern eigen ist, wenn sie eine Sonntagspromenade machen.
Die Haushälterin paßte ihren Schritt mit weiblicher Fügsamkeit dem Schritte des Kastellans an und machte die nationale Sonntagspolonaise, als ob sie zwischen Vor- und Nachmittagskirche mit ihm die frische Luft zu schöpfen ginge.
»So wahr ich ein armer sündhafter Mensch bin, das ist gerade, als wenn wir einem Leichenbegängnis folgten,« flüsterte Onkel Joseph seiner Nichte zu. Er zog ihren Arm durch den seinigen und fühlte, während er dies tat, daß sie zitterte.
»Was fehlt dir?« fragte er sie leise.
»Onkel! Es liegt etwas Unnatürliches in der Bereitwilligkeit dieser Leute, uns das Innere des Hauses zu zeigen,« war die matt geflüsterte Antwort. »Was sprachen diese Leute soeben heimlich miteinander? Warum hielt diese Frau ihre Augen so fortwährend auf uns geheftet?«
Ehe der alte Mann antworten konnte, drehte die Haushälterin sich herum und bat in ernst nachdrücklichem Tone, daß sie die Güte haben möchten, zu folgen. Binnen weniger als einer Minute standen sie alle am Fuße der westlichen Treppe.
»Ah!« rief Onkel Joseph so ungewzungen und redselig wie je, selbst in Gegenwart des würdevollen Mr. Munder. »Ein schönes großes Haus und eine sehr gute Treppe!«
»Wir sind nicht gewohnt, von dem Geläuder oder der Treppe in solchen Ausdrücken sprechen zu hören, Sir,« sagte Mr. Munder, indem er sich vornahm, die Vertraulichkeit des Ausländers im Keime zu ersticken. Der ‚Führer durch Westcornwall’, mit welchem Buche Sie wohlgetan haben würden sich bekannt zu machen, ehe Sie hierher kamen, nennt Porthgenna Tower ein Schloß und bedient sich, indem er von der westlichen Treppe spricht, des Wortes grandios. Ich bedaure zu finden, daß Sie den ‚Führer durch Westcornwall’ nicht zu Rate gezogen haben.«
»Warum sollte ich das?« entgegnete der Deutsche, ohne sich einschüchtern zu lassen. »Was brauche ich ein Buch, wenn ich Sie zum Führer habe? Ach, mein werter Herr, Sie sind nicht gerecht gegen sich selbst. Ist nicht ein lebendiger Führer wie Sie, welcher spricht und einhergeht, für mich viel besser als tote Blätter, gedruckte Buchstaben? Nein, nein! Lassen Sie mich dies nicht wieder hören – begehen Sie keine weitere Ungerechtigkeit an sich selbst.«
Hier machte Onkel Joseph eine zweite phantastische Verbeugung, blickte lächelnd in das Gesicht des Kastellans empor und schüttelte mit der Miene freundlichen Vorwurfs mehrmals den Kopf.
Mr. Munder war es zumute, als sollte ich der Schlag rühren. Und wenn dieser obskure Ausländer ein englischer Herzog gewesen wäre, so hätte er von ihm nicht mit ungezwungenerer und gleichgültigerer Vertraulichkeit behandelt werden können. Oft hatte er von dem Gipfelpunkt der Keckheit gehört, und hier sah er ihn auf sichtbare, wunderbare Weise in einem einzigen, kleinen, ältlichen Individuum verkörpert, welches den Boden, auf dem es stand, nicht ganz um fünf Fuß überragte.
Während der Kastellan von einem Gefühl beleidigter Würde schwoll, welchem er vergebens versucht haben würde, Worte zu leihen, ging die Haushälterin, von Sara gefolgt, langsam die Treppe hinauf.
Als Onkel Joseph sie hinaufgehen sah, eilte er seiner Nichte nach und Mr. Munder folgte, nachdem er eine Weile auf der Binsendecke gewartet, um sich zu fassen, dem kecken Ausländer mit der Absicht, sein Benehmen scharf im Auge zu behalten und seine Unverschämtheit bei der ersten Gelegenheit durch einen eindringlichen Verweis zu züchtigen. Die auf diese Weise gebildete, sich die Treppe hinauf bewegende Prozession ward jedoch nicht von dem Kastellan geschlossen, sondern fernerweit durch Betsey, die Magd, geschmückt und vervollständigt, welche sich aus der Küche stahl, um den Fremden auf ihrer Wanderung durch das Haus so dicht zu folgen als sie dies tun konnte, ohne von Mistreß Pentreath bemerkt zu werden. Betsey besaß auch ihren Anteil von angeborener menschlicher Neugier und Liebe zur Veränderung. Noch niemals hatte ein solches Ereignis, wie die Ankunft von Fremden – so lange wenigstens sie sich erinnern konnte – Leben und Abwechslung in die schauerliche Eintönigkeit von Porthgenna Tower gebracht und sie war daher entschlossen, nicht allein in der Küche zu bleiben, solange es Gelegenheit gab, ein wenig Konversation zu hören, oder zu sehen, was die Gesellschaft da oben wohl beginnen würde.
Mittlerweile war die Haushälterin bis auf den Vorplatz der ersten Etage vorangeschritten, zu dessen beiden Seiten die größeren Zimmer der westlichen Front lagen.
Durch Furcht und Mißtrauen geschärft, entdeckten Saras Augen sofort die Reparaturen, welche an dem Geländer und an den Stufen der zweiten Treppe bewirkt worden waren.
»Sie haben Arbeitsleute im Haus gehabt,« sagte sie rasch zu Mistreß Pentreath.
»Sie meinen auf der Treppe?« entgegnete die Haushälterin. »Ja, da haben wir Arbeitsleute gehabt.«
»Anderswo nicht?«
»Nein, aber sie wären an vielen anderen Orten sehr nötig. Selbst hier, in dem besten Teile des Hauses, ist die Hälfte der Schlafzimmer kaum zu benutzen. Dieselben waren, wie ich gehört habe, schon zur Zeit der seligen Mistreß Treverton nicht im besten Zustande, und seitdem diese tot ist –«
Die Haushälterin schwieg, die Stirn runzelnd und mit einem Blick der Überraschung. Die Frau in dem saubern, bescheidenen Anzuge machte, anstatt den Ruf guter Manieren, welcher ihr in Mistreß Franklands Brief zuerkannt worden, zu rechtfertigen, sich der unverzeihlichsten Unhöflichkeit schuldig, indem sie sich von Mistreß Pentreath abwendete, ehe dieselbe ausgeredet hatte. Entschlossen, sich auf diese Weise nicht zum Schweigen bringen zu lassen, wiederholte die Haushälterin kalt und deutlich die Worte:
»Und seitdem Mistreß Treverton tot ist –«
Sie ward zum zweiten Male unterbrochen. Die Fremde drehte sich rasch herum, trat ihr mit sehr bleichem Gesicht und unruhigem Blick gegenüber und tat auf die abgebrochenste Weise eine ganz unerhebliche Frage.
»Erzählen Sie mir doch etwas von jener Gespenstergeschichte,« sagte sie. »Meint man, es sei der Geist eines Mannes oder einer Frau?«
»Ich sprach von der verstorbenen Mistreß Treverton,« entgegnete die Haushälterin im strengsten Tone der Zurechtweisung, »und nicht von der Gespenstergeschichte, die man von den nördlichen Zimmern erzählt. Dies würden Sie wissen, wenn Sie mir die Gefälligkeit erzeigt hätten, auf das zu hören, was ich sagte.«
»Ich bitte um Verzeihung – ich bitte tausendmal um Verzeihung für meine scheinbare Unaufmerksamkeit. Es fiel mir gerade ein – oder ich wünschte wenigstens zu wissen-«
»Nun,« sagte Mistreß Pentreath, durch die augenscheinliche Aufrichtigkeit der an sie gerichteten Entschuldigung erweicht, »wenn Ihnen daran gelegen ist, etwas so Abgeschmacktes zu wissen, so kann ich Ihnen sagen, daß das Gespenst der Sage nach der Geist einer Frau ist.«
Das Gesicht der Fremden ward bleicher als je und sie wendete sich wieder nach dem offenen Fenster des Vorplatzes.
»Wie heiß es ist!« sagte sie, indem sie das Gesicht hinaus ins Freie hielt.
»Heiß, bei Nordostwind!« rief Mistreß Pentreath erstaunt.
Hier näherte sich Onkel Joseph mit der höflichen Frage, wann man die Zimmer in Augenschein nehmen werde. Während der letzten wenigen Minuten hatte er alle Arten Fragen an Mr. Munder gerichtet, und da er keine Antwort erhalten, die nicht von der kürzesten und unfreundlichsten Art gewesen wäre, die Unterhaltung mit dem Kastellan verzweifelt aufgegeben.
Mistreß Pentreath schickte sich an, in das Frühstückszimmer, die Bibliothek und das Gesellschaftszimmer voranzugehen. Diese drei Zimmer standen alle miteinander in Verbindung und jedes hatte noch eine zweite Tür, die in einen langen Korridor führte, zu welchem der Eingang sich auf der rechten Seite des Vorplatzes der ersten Etage befand.
Ehe die Haushälterin in diese Zimmer voranging, berührte sie Sara an der Schulter, um ihr zu verstehen zu geben, daß es Zeit sei, weiterzugehen.
»Was die Gespenstergeschichte betrifft,« hob Mistreß Pentreath wieder an, während sie die Tür des Frühstückszimmers öffnete, »so müssen Sie sich, wenn Sie dieselbe vollständig hören wollen, an die unwissenden Leute wenden, welche daran glauben. Ob das Gespenst ein alter Geist oder ein neuer Geist ist und warum man von ihm glaubt, daß er umgehe, dies ist mehr als ich Ihnen sagen kann.«
Trotzdem daß die Haushälterin auf diese Weise die größte Gleichgültigkeit gegen den volkstümlichen Aberglauben leugnete, hatte sie doch von der Gespenstergeschichte genug gehört, um sich zu fürchten, obschon sie es nicht gestehen wollte. In dem Hause sowohl als außer demselben wäre niemand zu finden gewesen, der weniger geneigt gewesen wäre, sich allein in die nördlichen Zimmer zu wagen, als eben Mistreß Pentreath selbst.
Während die Haushälterin in dem Frühstückszimmer die Fenstergardinen aufzog und Mr. Munder die Tür öffnete, welche von hier in die Bibliothekszimmer führte, stahl Onkel Joseph sich an die Seite seiner Nichte und sprach in seiner seltsamen, freundlichen Weise einige Worte der Ermutigung zu ihr.
