Kitabı oku: «Ein tiefes Geheimniss», sayfa 19
»Betsey, liebes Kind,« wiederholte Onkel Joseph, »hat dieses viele Geschwätz Eure Ohren der Fähigkeit zu hören beraubt? Hat es Euch taub gemacht?«
»Warten Sie!« rief Mr. Munder ungeduldig. »Ich bestehe darauf, daß Sie warten, Sir!«
»Sie bestehen darauf. Wohlan, wenn Sie ein unhöflicher Mensch sind, so ist dies für mich kein Grund, ebenfalls ein unhöflicher Mensch zu sein. Wir wollen noch ein wenig warten, Sir, wenn Sie noch etwas zu sagen haben.«
Nachdem Onkel Joseph der Höflichkeit zu Liebe dieses Zugeständnis gemacht, ging er mit seiner Nichte in dem Gange draußen vor der Tür langsam auf und ab.
»Sara, mein Kind, ich habe den Mann, der so das große Wort führt, eingeschüchtert,« flüsterte er. »Bemühe dich, nicht so sehr zu zittern – wir werden bald wieder draußen in der frischen Luft sein.«
Mittlerweile setzte Mr. Munder seine leise Unterhaltung mit der Haushälterin fort und machte, trotz seiner Verlegenheit, eine verzweifelte Anstrengung, seine gewohnte gönnerhafte Miene zu behaupten.
»Es liegt,« begann er sanft, »allerdings sehr viel Wahres in dem, was Sie sagen, Madame. Sie sprechen aber von der Frau, während ich von dem Manne spreche. Meinen Sie, ich solle ihn nach dem, was geschehen ist, gehen lassen, ohne wenigstens darauf zu bestehen, daß er mir seinen Namen und seine Adresse angebe?«
»Haben Sie zu dem Ausländer so viel Vertrauen, daß Sie glauben, er würde Ihnen seinen rechten Namen und seine rechte Adresse nennen, wenn Sie ihn danach fragen?« entgegnete Mistreß Pentreath. »Ohne Ihrem bessern Urteil vorgreifen zu wollen, muß ich doch gestehen, daß ich es nicht glaube. Gesetzt aber, Sie wollten ihn zurückhalten und bei der Behörde anklagen – wie Sie dies tun wollen, da die Wohnung des Friedensrichters ungefähr zwei Stunden weit von hier entfernt ist, weiß ich freilich nicht – so müssen Sie es auf die Gefahr ankommen lassen, Mistreß Frankland auch durch Gefangenhaltung und Anklage der Frau zu beleidigen, denn, Mr. Munder, obschon ich glaube, daß der Ausländer zu allem fähig ist, so war es doch die Frau, welche die Schlüssel wegnahm – nicht wahr?«
»Ganz recht, ganz recht,« sagte Mr. Munder, dessen schläfrige Augen sich jetzt erst dieser schlichten und klaren Ansicht des Falles öffneten. »Seltsamerweise stand ich, gerade als Sie anfingen zu sprechen, im Begriff, mir diese Frage selbst vorzulegen. Ja, ja – so ist es, so ist es.«
»Ich kann nicht umhin zu glauben,« fuhr die Haushälterin mit geheimnisvollem Flüstern fort, »daß das Allerbeste, was wir in Übereinstimmung mit unsern Instruktionen tun können, darin besteht, daß wir beide gehen lassen und tun, als ob wir es verschmähten uns noch weiter mit ihnen herumzustreiten, und daß wir ihnen dann bis an den nächsten Platz, wo sie einkehren, jemanden nachschicken. Jakob, der kleine Sohn des Gärtners, jätet heute nachmittag den breiten Gang im westlichen Garten. Diesen Knaben haben diese Leute hier im Hause nicht gesehen und brauchen ihn nicht zu sehen, wenn wir sie zu der südlichen Tür hinauslassen. Jakob ist ein ganz gewitzter Junge, wie Sie wissen, und wenn er gehörig instruiert würde, so sehe ich wirklich nicht ein, warum –«
»Es ist ein höchst eigentümlicher Umstand, Mistreß Pentreath,« unterbrach sie Mr. Munder mit dem Ernste vollendeter Dreistigkeit, »aber in dem ersten Augenblick, wo ich mich an diesen Tisch niedersetzte, fiel mir dieser Gedanke wegen Jakob auch ein. Durch die Anstrengungen des Sprechens und die Hitze des Streites bin ich wieder auf höchst unerklärliche Weise davon abgekommen –«
Hier steckte Onkel Joseph, dessen Vorrat an Geduld und Höflichkeit allmälig zur Neige ging, seinen Kopf wieder in das Zimmer.
»Ich wünsche bloß noch ein letztes Wort an Sie zu richten, Sir,« sagte Mr. Munder, ehe der alte Mann sprechen konnte. »Glauben Sie nicht, daß ihr Poltern irgendwelche Wirkung auf mich geäußert hat. So etwas mag wohl bei Ausländern angewendet sein, gegen Engländer aber richten Sie nichts damit aus, das versichere ich Ihnen!«
Onkel Joseph zuckte die Achseln, lächelte und begab sich wieder hinaus zu seiner Nichte. Während die Haushälterin und der Kastellan sich miteinander beraten hatten, war Sara eifrig bemüht gewesen, ihren Onkel zu bereden, ihre Kenntnis des Ganges, welcher nach der südlichen Tür führte, zu benutzen und unbemerkt zu entschlüpfen. Der alte Mann weigerte sich aber hartnäckig diesem Rate zu folgen.
»Ich will nicht als Schuldiger aus einem Hause gehen, wo ich nichts verbrochen habe,« sagte er. »Nichts soll mich bewegen, dir oder mir etwas von unserm Rechte zu vergeben. Ich besitze nicht viel Scharfsinn, wohl aber lasse ich mich stets von meinem Gewissen leiten und solange ich dies tue, gehe ich auch den rechten Weg. Man hat uns freiwillig hier hereingelassen, Sara, und freiwillig muß man uns auch wieder hinauslassen.«
»Mr. Munder, Mr. Munder”, flüsterte die Haushälterin, indem sie sich einmischte, um einer abermaligen Explosion zuvorzukommen, mit welcher die Entrüstung des Kastellans wegen der Verachtung drohete, die in Onkel Josephs Achselzucken auf ihn lag. »Soll ich, während Sie mit diesem kecken Manne sprechen, in den Garten hinauseilen und Jakob instruieren?«
Mr. Munder dachte eine Weile nach, ehe er antwortete. – Er bemühte sich sehr, einen würdevolleren Ausweg aus dem Dilemma, in welches er sich gebracht, zu entdecken, als der von der Haushälterin vorgeschlagene war. Es gelang ihm jedoch durchaus nicht, etwas der Art zu ermitteln – deshalb schluckte er seine Entrüstung auf einen einzigen heldenmütigen Ruck hinunter und antwortete nachdrücklich und pathetisch:
»Ja, gehen Sie, Madame.«
»Was soll das heißen? Warum geht sie dort hinaus?« sagte Sara rasch und mißtrauisch flüsternd zu ihrem Onkel, als die Haushälterin auf ihrem Wege nach dem westlichen Garten rasch an ihnen vorbeeilte. Ehe noch Zeit war, diese Frage zu beantworten, folgte eine zweite von Mr. Munder gestellte.
»Nun, Sir,« sagte der Kastellan, indem er sich, mit den Händen unter den Rockschößen und den Kopf stolz emporrichtend, unter die Tür stellte. »Nun, Sir, nun, Madame, hören Sie mein letztes Wort. Soll ich eine angemessene Erklärung über das Entfremden und Wegnehmen dieser Schlüssel erhalten oder nicht?«
»Jawohl, Sir, sollen Sie diese Erklärung haben,« entgegnete Onkel Joseph. »Es ist, wenn es Ihnen recht ist, dieselbe Erklärung, die ich die Ehre hatte, Ihnen vor einer kleinen Weile zu geben. Wünschen Sie dieselbe noch einmal zu hören? Es ist die ganze Erklärung, die wir bei uns haben.«
»So? Wirklich?« entgegnete Mr. Munder. »Dann habe ich zu Ihnen beiden weiter nichts zu sagen, als: Verlassen Sie augenblicklich dieses Haus! – augenblicklich!« setzte er in dem gröbsten, beleidigendsten Tone hinzu, indem er zur Insolenz Zuflucht nahm, denn das unklare Bewußtsein der Ungereimtheit seiner eigenen Stellung drängte sich ihm auf, während er noch sprach. »Ja, Sir,« fuhr er fort, indem er über die Gelassenheit, womit Onkel Joseph ihm zuhörte, immer entrüsteter ward; »Sie können Ihre Kratzfüße machen und Ihr elendes Englisch radebrechen wo Sie wollen, nur hier nicht. Ich habe mir überlegt und bin mit mir zu Rate gegangen und ich habe mich gefragt – ruhig – wie Engländer stets tun – ob es etwas nützen könnte, wenn ich weiteres Aufhebens mit Ihnen machte, und ich bin zu einem Schluß gekommen und dieser Schluß lautet: Nein, es könnte nichts nützen. Glauben Sie deshalb ja nicht, daß Ihr Poltern und Ihre Unverschämtheiten die mindeste Wirkung auf mich geäußert haben. – Zeige diesen Leuten den Weg hinaus, Betsey! – Sie sind nicht wert, Sir, daß ich weiter Notiz von Ihnen nehme. – Zeige ihnen den Weg hinaus, Betsey! – Ich entlasse Sie und betrachte, sehe und beschaue Sie mit Verachtung!«
»Und ich, Sir,« antwortete der Gegenstand der vernichtenden Erklärung mit der herausforderndsten Höflichkeit, »ich werde für Ihre Verachtung etwas sagen, was ich für Ihre Achtung ganz gewiß nicht sagen würde, nämlich – meinen Dank. Ich, der kleine Ausländer, nehme die Verachtung des aufgeblasenen Engländers als das größte Kompliment hin, welches von einem Manne Ihrer Art einem Manne meiner Art gemacht werden kann.«
Mit diesen Worten machte Onkel Joseph eine letzte phantastische Verbeugung, nahm seine Nichte beim Arm und folgte Betsey die Gänge entlang, welche nach der südlichen Tür führten, und Mr. Munder konnte nun eine angemessene Entgegnung mit Muße ersinnen.
Zehn Minuten später kehrte die Haushälterin atemlos in ihr Zimmer zurück und fand den Kastellan in einem Zustand gewaltiger Entrüstung darin auf- und abgehen.
»Beruhigen Sie sich, Mr. Munder,« sagte sie. »Sie sind nun endlich beide aus dem Hause, Jakob folgt ihnen über das Moorland und läßt sie nicht aus den Augen.«
Siebentes Kapitel
Mozart spielt den Abschiedsgruß
Mit Ausnahme des Abschieds, den Onkel Joseph von Betsey, der Hausmagd, mit großer Herzlichkeit nahm, sprach Onkel Joseph nach seiner letzten Antwort an Mr. Munder kein Wort weiter, als bis er mit seiner Nichte sich wieder allein an der östlichen Mauer von Porthgenna Tower befand.
Hier blieb er stehen, blickte an dem alten Gebäude empor, dann auf seine Begleiterin, dann wieder auf das Haus und öffnete endlich den Mund, um zu sprechen.
»Es tut mir leid, mein Kind,« sagte er. »Es tut mir von Herzen leid. Dies war, wie man zu sagen pflegt, ein sehr schlechtes Geschäft.«
In der Meinung, er spräche von dem Auftritt, der soeben in dem Zimmer der Haushälterin stattgefunden, bat Sara ihn um Verzeihung, daß sie unschuldigerweise die Veranlassung gewesen, ihn mit einem solchen Manne wie Mr. Munder in feindselige Kollision zu bringen.
»Nein, nein, nein,« rief er, »ich dachte nicht an den Mann mit dem großen Körper und dem großen Maule. Er reizte mich zum Zorne, das will ich nicht leugnen, aber dies ist nun vorbei. Ich hielt mir ihn mit sammt seinem großen Maule vom Leibe, gerade so wie ich hier diesen Stein mit dem Fuße aus dem Wege stoße. Ich spreche jetzt nicht von diesen Munders, oder diesen Betseys, sondern von etwas, was dir näher am Herzen liegt und mir auch, weil ich dein Interesse auch als das meinige betrachte. Ich will dir, während wir weitergehen, sagen, was es ist, denn ich sehe dir am Gesicht an, Sara, daß du unruhig und ängstlich bist so lange wir in der Nähe dieses Kerkers verweilen. Komm, ich bin bereit, den Marsch wieder anzutreten. Hier ist der Fußsteig. Laß uns auf demselben zurückkehren und unser kleines Gepäck in dem Gasthause, wo wir es gelassen, jenseits dieser kahlen, windigen Einöde, wieder abholen.«
»Ja, ja, Onkel, wir wollen schnell gehen. Fürchte nicht, mich zu ermüden. Ich fühle mich jetzt wieder ganz wohl und kräftig.«
Sie schlugen wieder denselben Pfad ein, auf welchem sie während des Nachmittags nach Porthgenna Tower gelangt waren.
Als sie etwa zweihundert Schritt zurückgelegt hatten, stahl Jakob, der Knabe des Gärtners, sich mit seiner Hacke in der Hand hinter der verfallenen Einhegung auf der nördlichen Seite des Hauses hervor.
Die Sonne war soeben untergegangen, aber es lag noch ein schönes Licht über der weiten, offenen Fläche des Moorlandes und Jakob blieb stehen, um den alten Mann und seine Nichte noch ein wenig weiter von dem Schlosse hinwegkommen zu lassen, ehe er ihnen folgte. Die Haushälterin hatte ihn instruiert, die beiden Fremden bloß im Auge zu behalten, aber weiter nichts zu tun, und wenn er bemerkte, daß sie stehen blieben und hinter sich schauten, sollte er ebenfalls stehen bleiben und tun, als ob er mit seiner Hacke auf dem Moorland zu tun hätte.
Durch das Versprechen eines Sixpence, wenn er seinen Auftrag sorgfältig ausführte, angefeuert, bewahrte Jakob die ihm erteilten Instruktionen treulich im Gedächtnis, behielt die beiden Fremden scharf im Auge und hatte somit die gegründetste Hoffnung, den in Aussicht gestellten Sixpence auch wirklich zu bekommen.
»Und nun, mein Kind, will ich dir sagen, was mir leid tut,« hob Onkel Joseph, während sie ihren Weg weiter fortsetzten, wieder an. »Es tut mir leid, daß wir diese Reise gemacht, unsere kleine Gefahr bestanden, die an uns gerichteten Scheltworte hingenommen, aber dadurch nichts gewonnen haben. Das Wort, welches du mir ins Ohr sagtest, Sara, als es mir gelang, dich aus deiner Ohnmacht zu erwecken – ich würde dich viel eher daraus erweckt haben, wenn das alberne Volk in diesem alten Gefängnis schneller mit dem Wasser bei der Hand gewesen wäre – das Wort, welches du mir ins Ohr sagtest, war nicht viel, aber es war genug, um mir zu sagen, daß wir diese Reise vergebens gemacht haben. Ich kann schweigen, ich kann gute Miene dazu machen, ich kann mich begnügen, mit verbundenen Augen in einem Geheimnis herumzutappen, welches meinen Augen auch den kleinsten Lichtschimmer bietet – aber deswegen ist es nicht weniger wahr, daß das eine Ding, was dir am meisten am Herzen lag zu tun, als wir diese Reise antraten, auch das eine Ding ist, welches du nicht getan hast. Das weiß ich, wenn ich auch nichts anderes weiß, und ich sage nochmals: es ist ein schlechtes Geschäft – ja, ja, bei meinem Leben, es läßt sich nicht verhehlen, es ist, wie man zu sagen pflegt, ein schlechtes Geschäft.«
Während er seiner Sympathie in diesen seltsamen Ausdrücken Worte lieh, ging die wachsame Angst, die Furcht und das Mißtrauen, welche die natürliche Sanftheit, die in Saras Augen lag, beeinträchtigte, in den Ausdruck wehmütiger Zärtlichkeit über, der ihnen ihre ganze Schönheit zurückzugeben schien.
»Mach dir keinen Kummer um meinetwillen, Onkel,« sagte sie, indem sie stehen blieb und mit ihrer Hand sanft einige Staubflecken von dem Kragen seines Rockes entfernte. »Ich habe so viel und so lange gelitten, daß die schwersten Täuschungen mich nicht viel tiefer beugen können.«
»Das mag ich nicht hören,« rief Onkel Joseph. »Es geht mir durch und durch, wenn ich dich auf diese Weise zu mir sprechen höre. Du sollst keine Täuschen mehr erfahren! Ich, Joseph Buschmann der Hartnäckige, der Dickköpfige, ich sage es.«
»Der Tag, wo ich keine Täuschungen mehr erfahren werde, Onkel, ist nicht mehr fern,« entgegnete Sara. »Laß mich nur noch ein wenig warten und ein wenig dulden – ich habe geduldig der Hoffnung entsagen gelernt. Von meiner Jugend an ist mein Leben aus bangen Befürchtungen und fehlgeschlagenen Erwartungen zusammengesetzt gewesen und nun bin ich an dieses Leben gewöhnt. Wenn du – wie du auch vollkommen Grund dazu hast – erstaunt bist, daß ich den Brief nicht in meinem Besitz habe, während ich doch die Schlüssel des Myrtenzimmers in der Hand hatte und niemand in meiner Nähe war, um mir es zu wehren, so gedenke der Geschichte meines Lebens und nimm diese als Erklärung hin. Befürchtungen und fehlgeschlagene Erwartungen – wenn ich dir die ganze Wahrheit erzählte, so könnte ich dir doch nicht mehr sagen als dies. Laß uns weiter gehen, Onkel.«
Die Resignation, welche in ihrer Stimme und Gebärde lag, während sie sprach, war die Resignation der Verzweiflung. Sie erhielt dadurch eine unnatürliche Herrschaft über sich selbst, die sie in Onkel Josephs Augen fast zu einem ganz andern Wesen machte. Er betrachtete sie mit unverhohlener Unruhe.
»Nein,« sagte er, »wir wollen nicht weiter gehen; wir wollen nach dem alten Gefängnis zurückkehren; wir wollen einen andern Plan entwerfen; wir wollen versuchen, zu diesem verteufelten Brief auf eine andere Weise zu gelangen. Ich frage nicht nach diesen Munders, diesen Haushälterinnen, diesen Betseys – ich frage nach weiter nichts als daß du das bekommst, was du haben willst und daß ich dich so ruhig in deinem Gemüt wie ich selbst bin, wieder nach Hause bringe. Komm, laß uns umkehren.«
»Dazu ist es zu spät.«
»Wie, zu spät? Ha, du altes, dumpfiges, Gefängnis des Teufels, wie hasse ich dich!« rief Onkel Joseph, indem er sich umschaute und drohend beide Fäuste gegen Porthgenna Tower erhob.
»Es ist zu spät, Onkel,« wiederholte Sara, »zu spät, weil die Gelegenheit vorbei ist, und spät, weil ich, wenn ich dieselbe auch zurückbringen könnte, doch nicht wagen würde, mich nochmals dem Myrtenzimmer zu nähern. Meine letzte Hoffnung war, das Versteck des Briefes zu wechseln, und diese letzte Hoffnung habe ich aufgegeben. Ich habe nun bloß noch einen Lebenszweck und bei Erreichung desselben kannst du mir behilflich sein. Ich kann ihn dir aber nicht mitteilen, wenn du nicht sogleich mir mir weiter kommst – wenn du nicht deine Absicht aufgibst, wieder nach Porthgenna Tower zurückzukehren.«
Onkel Joseph begann Gegenvorstellungen zu machen. Seine Nichte unterbrach ihn mitten in einem Redesatze, indem sie ihn an der Schulter berührte und auf einen besondern Punkt zeigte, der auf der immer dunkler werdenden Fläche des Moorlandes undeutlich sichtbar war.
»Schau,« sagte sie. »Dort kommt jemand hinter uns her; ist es ein Knabe oder ein Mann?«
Onkel Joseph schaute durch das sich immer mehr herabsenkende Dunkel und sah in einer kleinen Entfernung wirklich eine Gestalt. Es schien die eines Knaben zu sein, der mit einer Hacke auf dem Moorland beschäftigt war.
»Komm, wir wollen sofort weiter gehen!« bat Sara, ehe der alte Mann ihr antworten konnte. »Ich kann das, was ich dir sagen möchte, Onkel, nicht eher sagen, als bis wir sicher und wohlbehalten im Gasthause sitzen.«
Sie gingen weiter, bis sie die höchste Stelle des Moorlandes erreichten. Hier blieben sie stehen und schauten wieder hinter sich.
Der noch übrige Weg führte abwärts und der Platz, auf dem sie standen, war der letzte Punkt, von welchem sie noch einen Blick auf Porthgenna Tower werfen konnten.
»Wir haben den Knaben aus den Augen verloren,« sagte Onkel Joseph, indem er seine Blicke über die unter ihnen liegende Fläche schweifen ließ. Saras jüngere und schärfere Augen bezeugten die Wahrheit der Worte ihres Onkels – die Aussicht und das Moorland war jetzt, so weit man sehen konnte, nach jeder Richtung hin einsam.
Ehe Sara wieder weiterging, trat sie ein wenig von dem alten Mann hinweg und betrachtete den Turm des alten Schlosses, welcher drohend und schwarz in dem Dämmerlichte emporstieg, während der dunkle Hintergrund des Meeres sich gleich einer Mauer hinstreckte.
»Niemals wieder!« flüsterte sie bei sich selbst. »Niemals, niemals, niemals wieder!«
Ihre Augen schweiften hinweg nach der Kirche und nach der Umhegung des Begräbnisplatzes daneben, der jetzt in dem Schatten der hereinbrechenden Nacht kaum noch zu erkennen war.
»Warte noch ein wenig,« sagte sie, indem sie mit angestrengtem Blicke nach dem Begräbnisplatze hinschaute und ihre Hand auf die Stelle ihrer Brust drückte, wo sie das Gesangbuch trug. »Meine Wanderungen sind nun bald zu Ende – der Tag meiner Heimkunft ist nicht mehr fern.«
Tränen traten ihr in die Augen und umflorten die Aussicht. Sie holte ihren Onkel ein, faßte ihn am Arme und zog ihn einige Schritte den nun abwärts führenden Pfad entlang mit sich fort. Dann blieb sie, wie von einem plötzlichen Argwohn betroffen, stehen und ging einige Schritte zurück bis auf den höchsten Punkt des Moorlandes.
»Ich glaube,« sagte sie, den verwunderten und fragenden Blick ihres Begleiters beantwortend, »ich glaube, wir haben den Knaben, der dort auf dem Moorlande hackte, noch nicht zum letzten Mal gesehen.«
Während sie ihre Worte noch sprach, stahl sich eine Gestalt hinter einem der großen Granitblöcke hervor, welche nach allen Seiten hin auf der Einöde umhergestreut lagen. Es war wieder die Gestalt des Knaben und wieder begann er ohne den mindesten ersichtlichen Grund auf dem unfruchtbaren Boden zu seinen Füßen herumzuhacken.
»Ja, ja, ich sehe,« sagte Onkel Joseph, als seine Nichte ihre Aufmerksamkeit eifrig auf die verdächtige Gestalt lenkte. »Es ist derselbe Knabe und er hackt wieder; aber was geht das uns an?«
Sara versuchte nicht zu antworten.
»Laß uns weitergehen,« sagte sie hastig. »Laß uns machen, daß wir so schnell als möglich das Gasthaus erreichen.«
Sie drehten sich wieder herum und schlugen den vor ihnen liegenden abwärts führenden Pfad ein. Binnen weniger als einer Minute hatten sie Porthgenna Tower, die alte Kirche und die ganze westliche Gegend aus dem Gesicht verloren. Dennoch, und obschon weiter nichts als das kahle, immer finsterer werdende Moorland zu sehen war, blieb Sara immer noch so lange es nur noch ein wenig hell war, stehen, um einen Blick hinter sich zu werfen. Sie machte keine Bemerkung, sie entschuldigte sich nicht, daß sie die Wanderung nach dem Gasthause auf diese Weise verzögerte. Erst als sie die Lichter der Poststadt zu Gesicht bekam, hörte sie auf zurückzublicken, und sprach mit ihrem Begleiter.
Die wenigen Worte, die sie an ihn richtete, bestanden bloß in der Bitte, daß er, sobald sie ihr Nachtquartier erreichten, ein besonderes Zimmer verlangen möchte.
Demgemäß wurde ihnen, als sie in das Gasthaus kamen, das beste Zimmer angewiesen, wo sie warten wollten, bis ihnen das Abendessen gebracht würde, um sich später in ihre Schlafzimmer zu begeben. In dem Augenblick, wo sie miteinander allein waren, zog Sara ihren Stuhl dicht an den des alten Mannes und flüsterte ihm die Worte ins Ohr:
»Onkel, man ist uns von Porthgenna Tower bis hierher auf jedem Tritt nachgeschlichen.«
»So? Woher weißt du das?« fragte Onkel Joseph.
»Still! Es kann ja jemand an der Tür horchen, es kann jemand unter dem Fenster lauern! Bemerktest du den Knaben, der auf dem Moorland hackte?«
»Aber Sara, fürchtest du dich vor einem Knaben, und willst du, daß auch ich mich davor fürchte?«
»O, nicht so laut, nicht so laut! Man hat uns eine Schlinge gelegt. Onkel, ich argwohnte es gleich, als wir das Schloß Porthgenna betraten; nun bin ich davon überzeugt. Was hatte das Geflüster zwischen der Haushälterin und dem Kastellan zu bedeuten, als wir in der Halle standen? Ich beobachtete ihre Gesichter und ich weiß, daß sie von uns sprachen. Sie waren lange nicht überrascht genug, uns zu sehen – sie waren nicht überrascht genug zu hören, was wir wollten. Lache mich nicht aus, Onkel! Es ist wirklich Gefahr vorhanden – ich bilde es mir nicht bloß ein. Die Schlüssel – rücke näher heran – die Schlüssel der Nordzimmer sind jetzt alle mit angehängten Nummern versehen und dieselben Nummern stehen an den Türen geschrieben. Das bedenke! Bedenke das Geflüster als wir eintraten und das Geflüster später in dem Zimmer der Haushälterin, als du aufstandest, um fortzugehen. Du bemerktest die plötzliche Veränderung in dem Benehmen jenes Mannes, nachdem die Haushälterin mit ihm gesprochen – du mußt es bemerkt haben. Sie ließen uns viel zu leicht hinein und viel zu leicht wieder heraus. Nein, nein! Ich täusche mich nicht. Es war irgendein geheimer Beweggrund vorhanden, uns in das Haus zu lassen, und ein eben solcher, aus welchem man uns wieder herausließ. Dieser Knabe auf dem Moorland verrät es, wenn es auch durch sonst nichts weiter verraten würde. Ich sah ihn ganz deutlich uns auf dem ganzen Wege hierher folgen, so deutlich, wie ich dich sehe. Ich ängstige mich diesmal nicht ohne Grund. So gewiß als wir beide uns jetzt in diesem Zimmer befinden, so gewiß haben die Leute in Porthgenna Tower uns eine Schlinge gelegt.«
»Eine Schlinge? Was für eine Schlinge? Und wie? Und warum? Und weshalb?« fragte Onkel Joseph, indem er seine Verblüfftheit dadurch veranschaulichte, daß er seine beiden Hände rasch vor den Augen hin und her bewegte.
»Man will, daß ich spreche, man will mir nachschleichen, man will uns auskundschaften, wohin ich gehe, man will Fragen an mich richten,« antwortete sie, heftig zitternd. »Onkel, du entsinnst dich, was ich dir von jenen wahnsinnigen Worten erzählte, die ich zu Mistreß Frankland gesagt – lieber hätte ich mir die Zunge ausreißen als diese Worte sprechen sollen. Sie haben mir furchtbares Unheil zugefügt – ich weiß es gewiß – furchtbares Unheil schon jetzt. Ich habe mich verdächtig gemacht. Wenn Mistreß Frankland mich wieder ausfindig macht, so werde ich ausgefragt werden. Sie wird sich bemühen, mich ausfindig zu machen – man wird sich hier nach uns erkundigen – wir müssen alle Spuren verwischen, welche verraten könnten, wohin wir von hier gegangen sind – wir müssen dafür sorgen, daß die Leute in diesem Gasthause keine Frage in dieser Beziehung beantworten können – o, Onkel Joseph, was wir auch tun mögen, so laß uns wenigstens hierauf bedacht sein!«
»Gut,« sagte der alte Mann, indem er mit vollkommen selbstzufriedener Miene und freundlich mit dem Kopfe nickte. »Sei ganz unbesorgt, mein Kind, ich werde schon dafür sorgen. Wenn du zu Bett bist, so werde ich den Wirt rufen lassen und zu ihm sagen: ‚Besorgt uns einen kleinen Wagen, um morgen wieder nach der Station zurückzufahren, von welcher aus wir den Personenwagen nach Truro benutzen können.’«
»Nein, nein, nein! Hier dürfen wir keinen Wagen mieten.«
»Und ich sage: Ja, ja, ja! Wir wollen hier einen Wagen mieten, weil ich mich vor allen Dingen des Wirts versichern will. Höre mich an. Ich werde zu ihm sagen: ‚Wenn etwa, nachdem wir fort sind, Leute mit neugierigen Blicken und zudringlichen Fragen kommen, so haltet gefälligst reinen Mund.’ Dann werde ich mit dem Auge blinzeln, den Finger an die Nase legen – so – auf bedeutsame Weise lächeln und – knick! Knack! – habe ich mich des Wirtes versichert und die Sache hat ein Ende.«
»Wir dürfen dem Wirt nicht trauen, Onkel, wir dürfen niemandem trauen. Wenn wir morgen diesen Ort verlassen, so muß es zu Fuße geschehen und wir müssen Sorge tragen, daß keine lebende Seele uns folge. Sieh, hier hängt eine Karte von West Cornwall, auf welcher alle Haupt- und Nebenstraßen angegeben sind, an der Wand. Auf ihr können wir im voraus finden, welche Richtung wir einzuschlagen haben. Eine Nacht Ruhe wird mir so viel Kraft geben, als ich bedarf und wir haben kein Gepäck, welches wir nicht tragen könnten. Du hast nichts weiter mit als deinen Ranzen und ich weiter nichts als die kleine Reisetasche, welche du mir geliehen. Wir können, wenn wir zuweilen unterwegs ausruhen, recht gut sechs, sieben, ja zehn Meilen zu Fuße zurücklegen. Komm her und sieh die Karte an – ich bitte dich, komm her und sieh die Karte an.«
Obschon Onkel Joseph gegen das Aufgeben seines Planes, von dem er die Überzeugung hatte, derselbe sei vollkommen geeignet, alle Schwierigkeiten ihrer Lage zu begegnen, protestierte, so zog er doch auf Bitten seiner Nichte die Wandkarte zu Rate. Ein wenig jenseits der Poststadt war eine Kreuzstraße angegeben, welche nördlich mit der nach Truro führenden Hauptstraße einen rechten Winkel bildete und in eine andere Straße einmündete, welche breit genug aussah, um eine Fahrstraße zu sein und durch eine Stadt führte, die nicht ganz unbedeutend sein konnte, denn ihr Name war mit großen Buchstaben gedruckt.
Als Sara dies entdeckte, schlug sie vor, diese Kreuzstraße, die auf der Karte nicht mehr als fünf bis sechs Meilen lang zu sein schien, zu Fuße einzuschlagen und nicht eher ein Fuhrwerk zu nehmen, als bis sie die mit großen Buchstaben angegebene Stadt erreicht hätten. Wenn sie dies Verfahren einhielten, so verwischten sich, nachdem sie die Poststadt verlassen, alle Spuren der Weiterreise, wenn ihnen nämlich nicht von diesem Orte aus zu Fuße nachgeschlichen ward, wie ihnen über das Moorland nachgeschlichen worden.
Im Fall eine neue Schwierigkeit dieser Art eintrat, wußte Sara kein besseres Mittel vorzuschlagen, als bis nach Einbruch der Nacht auf der Straße zu verweilen und es der Finsternis zu überlassen, die Wachsamkeit der Personen zu täuschen, welche sie vielleicht von ferne belauerten, um zu sehen, wohin sie gingen.
Onkel Joseph zuckte resigniert die Achseln, als seine Nichte die Gründe angab, aus welchen sie wünschte, die Reise zu Fuße fortzusetzen.
»Da werden wir viel im Staube waten, uns viel umschauen und viel Umwege machen müssen,« sagte er. »Das ist lange nicht so bequem, mein Kind, als wenn wir uns des Wirtes versichern und auf den Polsterkissen der Personenkutsche sitzen. Wen du es aber einmal so haben willst, so soll es auch so sein. Ganz wie du willst, Sara, wie du willst – das ist die ganze Meinung, die ich mir erlaube zu sagen, bis wir wieder in Truro sind und nach Beendung unserer Reise ausruhen.«
»Nach Beendung deiner Reise, Onkel; nach Beendung meiner Reise, wage ich nicht zu sagen.«
Diese wenigen Worte veränderten das Gesicht des alten Mannes augenblicklich. Seine Augen hefteten sich vorwurfsvoll auf seine Nichte, seine roten blühenden Wangen verloren ihre Farbe, seine rastlosen Hände sanken schlaff herab.
»Sara,« sagte er in leisem, ruhigen Tone, der ein ganz anderer war als in welchem er gewöhnlich sprach. »Sara, kannst du es wirklich übers Herz bringen, mich wieder zu verlassen?«
»Habe ich wohl den Mut, in Cornwall zu bleiben? – Das ist die Frage, welche es gilt, Onkel! Hätte ich bloß mein eigenes Herz zu Rate zu ziehen, o wie gern würde ich dann unter deinem Dache leben – bis zur Stunde meines Todes, wenn du es mir gestattest. Aber diese Ruhe, dieses Glück ist mir nicht beschieden. Die Furcht, durch Mistreß Frankland ausgefragt zu werden, treibt mich hinweg von dir. Selbst meine Furcht, daß der Brief gefunden werde, ist jetzt kaum so groß als meine Furcht, ausgekundschaftet und ausgefragt zu werden. Ich habe schon gesagt, was ich nicht hätte sagen sollen. Wenn ich mich wieder in Mistreß Franklands Gegenwart befinde, so gibt es nichts, was sie mir nicht ablocken könnte. O mein Gott, wenn ich bedenke, daß diese gutherzige, liebenswürdige junge Frau, welche Glück überall hinbringt, wohin sie geht, mir nur Furcht und Angst bringt – Furcht, wenn ihre mitleidigen Augen mich anblicken, Furcht, wenn ihre gütige Stimme zu mir spricht, Furcht, wenn ihre zarte Hand die meine berührt! Onkel, wenn Mistreß Frankland nach Porthgenna kommt, werden selbst die Kinder sich zu ihr drängen – jedes Geschöpf in diesem armen Dorfe wird von dem Lichte ihrer Schönheit und Herzensgüte angezogen werden, als ob es der Sonnenschein des Himmels selbst wäre – und ich – ich von allen lebenden Wesen – ich allen – muß sie meiden, als ob sie die Pest wäre! Der Tag, wo sie nach Cornwall kommt, ist auch der Tag, wo ich es verlassen muß – der Tag, wo wir zwei einander Lebewohl sagen müssen. Mache meinen Jammer nicht größer, indem du mich fragst, ob ich es übers Herz bringen könne, dich zu verlassen! Um meiner seligen Mutter willen, Onkel Joseph, glaube, daß ich dankbar bin, glaube, daß es nicht mein eigener Wille ist, was mich hinweg führt, wenn ich dich wieder verlasse.«
