Kitabı oku: «Gesetz und Frau»
Erster Theil
Erstes Capitel.
Der Irrtum der Braut
»Denn in dieser Weise zieren sich die heiligen Frauen des Alterthums, welche auf Gott baueten, selbst, indem sie sich unterwürfig machten ihrem Eheherrn, so wie Sarah Abraham gehorchte und ihn Herr nannte, als deren Töchter Ihr Euch bekennen dürft, so lange, als Ihr wohl handelt und nicht bange seid in irgend einem Bedenken.«
So die wohlbekannten Worte der Trauformel unserer englischen Kirche endend, schloß mein Onkel Starkweather sein Buch, und warf mir über das Altargitter hinweg einen Blick herzlichen Interesses zu, der sein ganzes breites Angesicht erleuchtete. In demselben Augenblick tippte mir meine Tante Mrs. Starkweather, welche neben mir stand, auf die Schulter und sagte:
»Valeria, nun bist Du verheirathet!«
Wo waren meine Gedanken? Was war aus meiner Aufmerksamkeit geworden? Ich war zu verwirrt, um es zu wissen. Ich stutzte und blickte meinen Gatten an. Er schien beinahe eben so Verwirrt, als ich es war. Es schien, als wenn wir Beide in diesem Augenblick denselben Gedanken gehabt. War es denn wirklich möglich daß wir, trotz des Einspruches seiner Mutter, dennoch Mann und Frau geworden? Meine Tante Starkweather erledigte die Frage, indem sie mir noch einmal auf die Schulter tippte.
»Nimm seinen Arm!« flüsterte sie, in einem Ton, als wenn sie alle Geduld mit mir verloren hätte.
Ich nahm seinen Arm.
»Folge Deinem Onkel.«
Mich fest an meinen Gatten schmiegend, folgte ich meinem Onkel und dem Hilfeprediger, welcher bei der Trauung assistirt hatte.
Die beiden Geistlichen führten uns in die Sakristei. Die Kirche lag in einer der traurigen Gegenden Londons, welche sich zwischen der City und dem West-End hinziehen. Der Tag war trübe; die Luft schwer und feucht.
Wir bildeten eine melancholische kleine Hochzeitsgesellschaft, welche vollständig mit der traurigen Umgebung und dem traurigen Tage sympathisirte. Keine Verwandte und Freunde meines Gatten waren anwesend; weil, wie ich bereits angedeutet, seine Familie unsere Verbindung mißbilligte. Von meiner Seite waren auch nur mein Onkel und meine Tante erschienen. Meine beiden Eltern hatte ich längst verloren und die wenigen Freunde wohnten zu entfernt. Der ehemalige alte Schreiber meines Vaters, Benjamin, war auf wenige Stunden nach London gekommen, um meiner Trauung beizuwohnen. Er hatte mich von Kindesbeinen an gekannt und war mir nachher in meiner verlassenen Stellung ein zweiter Vater gewesen.
Der Rest der Ceremonie bestand wie gewöhnlich darin, das die beiden jungen Gatten den Trauact unterzeichneten. In der Befangenheit, welche die Situation mit sich brachte, beging ich einen Irrthum, welcher, nach der Ansicht meiner Tante Starkweather, von übler Vorbedeutung war. Ich unterzeichnete meinen Frauennamen anstatt dessen, den ich als Mädchen geführt.
»Was!« rief mein Onkel laut und verwundert, »Du hast schon Deinen Namen vergessen? Wir wollen hoffen, daß Du es nie bereuen mögest, ihn so schnell beseitigt zu haben. Schreibe noch einmal Valeria.
Mit zitternden Fingern ergriff ich noch einmal die Feder und zeichnete meinen Mädchennamen:
Valeria Brinton
Als meinem Gatten die Feder überreicht ward, bemerkte ich mit Erstaunen, daß seine Hand ebenfalls zitterte und daß er, wie ich, nur eine sehr schlechte Unterschrift aufs Papier brachte:
Eustace Woodville
Meine Tante, die ebenfalls aufgefordert wurde, zu unterzeichnen, that es unter Protest.
»Ein schlechter Anfang!« sagte sie, mit dem anderen Ende der Feder auf meine erste Unterschrift deutend. »Ich sage wie mein Mann, ich hoffe, daß Du es nie bereuen mögest.« Selbst in jenen Tagen meiner Unwissenheit und Unschuld verursachte mir die seltsam abergläubische Aeußerung meiner Tante ein gewisses unbehagliches Gefühl. Ich fühlte einen Trost in dem leisen Händedruck meines Gatten; es war eine unbeschreibliche Erleichterung für mich, als meines Onkels herzliche Stimme mir eine glückliche Zukunft wünschte. Der gute Mann hatte seine, im Norden gelegene Pfarre, meine zweite Heimath seit der Eltern Tode, verlassen, um den Trauact an uns zu vollziehen, und er wollte nun mit meiner Tante den Mittagszug zur Rückkehr benutzen. Er schloß mich in seine großen starken Arme und gab mir einen Kuß, der von den Müßiggängern gehört werden mußte, welche draußen vor der Kirchthür auf die Neuvermählten warteten.
»Ich wünsche Dir alles Glück und Wohl- ergehen, mein liebes Kind! Du warst alt genug, um selbst zu wählen, und ich bitte Gott, Valeria, daß Du gut gewählt haben mögest. Unser Haus wird uns recht leer ohne Dich vorkommen; aber ich muß mich bescheiden Wenn Du nur glücklich wirst, dann will ich es auch sein. O, O, nun weine nur nicht, sonst steckst Du Deine Tante auch noch an. Außerdem verderben Thränen die Schönheit. Trockne Deine Augen und blicke dort in den Spiegel, dann wirst Du sehen, daß ich Recht habe. Und nun lebe wohl, Kind, und Gott sei mit Dir!«
Er nahm den Arm meiner Tante und verließ die Sacristei. So sehr ich meinen Gatten liebte, that mir doch das Herz weh, als ich den treuen Freund und Beschützer meiner Mädchentage scheiden sah.
Dann kam der Abschied vom alten Benjamin. »Ich wünsche Ihnen alles Gute, und vergessen Sie mich nicht!« war Alles, was er sagte. Aber so wenig Worte es auch waren, riefen sie mir doch alte Erinnerungen aus der Heimath zurück. Benjamin speiste jeden Sonntag bei uns, als mein Vater noch lebte, und jedes mal brachte er mir ein kleines Geschenk mit. Ich hätte beinahe wieder meine Schönheit verdorben, wie mein Onkel sich ausdrückte, als ich dem alten Manne die Wange zum Kuß bot, und als er aufseufzte, als wenn er keine rechte Hoffnung auf mein künftig Glück hätte.
Die Stimme meines Gatten machte meinen Sinn heiterer.
»Wollen wir gehen, Valeria?« fragte er.
Ehe wir die Kirche verließen, wollte ich noch meines Onkels Rath befolgen und in den Spiegel blicken, der über dem Kamin in der Sacristei angebracht war.
Welche Bilder zeigte mir der Spiegel?
Er zeigte mir ein großes, schlankes, junges Weib von dreiundzwanzig Jahren. Sie gehört durchaus nicht zu den Personen, welche auf der Straße die Blicke der Vorübergehenden auf sich ziehen, obgleich sie des goldblonden Haares und der rothen Wangen entbehrt, welche den meisten Engländerinnen eigenthümlich sind. Ihr Haar ist schwarz und fällt in breiten, sanft gekräuselten Locken von der Stirn auf Schulter und Nacken herab. Ihre Farbe ist bleich: mit Ausnahme von Momenten heftiger Erregung, in denen sich ihre Wangen röthen. Die Augen sind von so dunklem Blau, daß sie gewöhnlich für schwarz gehalten werden. Die Augenbrauen, obwohl schön geformt, sind zu dunkel und zu stark. Die scharf gebogene Nase wird von Leuten, die sich auf Nasen verstehen, für zu groß gehalten. Der Mund, der schönste Theil ihres Antlitzes, ist sehr edel geschnitten und außerordentlich ausdrucksfähig. Was das Antlitz im Allgemeinen betrifft, so ist es zu schmal und im unteren Theile zu lang, während es im oberen Theile, namentlich in der Stirn, zu breit erscheint.
Das ganze Bild, welches der Spiegel zurückwirft, zeigt eine elegante Figur, aber zu bleich, zu ruhig und ernst in Momenten des Schweigens, kurz eine Person, welche den gewöhnlichen Beobachter im ersten Augenblicke besticht, welche aber mit dem nächsten und jedem folgenden Blicke gewinnt. Was ihre Kleidung anbetrifft, so sucht diese eher zu verschweigen als zu erzählen, daß sie sich soeben verheirathet hat. Sie trägt einen Tunika von grauem Caschmir, und darunter einen Rock von gleichem, Stoff und gleicher Farbe. Von dem Haupt herab fließt ein weißer Schleier, der mit einer dunkelrothen Rose im Haar befestigt ist.
Ist mir die Beschreibung gelungen oder mißrathen, welche ich von meiner eigenen Person lieferte? Ich kann nicht sagen. Ich habe mein Bestes gethan, mich von zwei Eitelkeiten fern zu halten, von der Eitelkeit der Selbstherabsetzung und von der Eitelkeit des Selbstlobes.
Jedenfalls danke ich Gott, daß ich damit zu Ende bin. Und wen sehe ich im Spiegel an meiner Seite? Ich sehe einen Mann, nicht ganz so groß wie ich, der das Unglück hat, älter auszusehen als er ist. Seine Stirn ist vor der Zeit kahl geworden. Sein dichter kastanienbrauner Backenbart und lang herabfallender Schnurrbart sind, ebenfalls vor der Zeit, schon vielfach mit weißem Haar durchzogen. Sein Antlitz besitzt die Rothe, welche dem meinigen fehlt. Er blickt mich mit den zärtlichsten hellbraunen Augen an, die ich jemals bei einem Mann bemerkt. Sein Lächeln ist mild und liebreich; sein Benehmen obgleich ruhig und zurückhaltend, besitzt dennoch eine stumme Ueberredungsgabe, welche Frauen gegenüber von unwiderstehlicher Wirkung ist. Sein Gang ist ein klein wenig hinkend, in Folge einer Wunde, die er in früheren Jahren als Soldat in Indien empfing, und er trägt deshalb ein Bambusrohr mit seltsam geschnittener Krücke. Dies ist aber der einzige Fehler in seiner äußern Erscheinung, ein Fehler, der ihm in meinen Augen sogar eine gewisse Grazie verleiht. Das Beste aber, was ich an ihn finde, ist, daß ich ihn liebe. Mit diesem tiefgefühlten Geständniß beschließe ich das Portrait meines Gatten, wie es an unserem Hochzeitstage von dem Spiegel in der Sacristei zurückgeworfen wurde.
Da der Spiegel mir Alles erzählt, was ich wissen wollte, verließen wir die Kirche. Der Himmel, schon vom Morgen an bewölkt, hat sich unterdeß noch dunkler bezogen, und ein schwerer Regen fällt hernieder. Die Vorübergehenden blicken beinahe grimmig unter ihrem Regenschirm hervor, als wir ihnen über den Weg gehen, um unseren Wagen zu erreichen. Kein Frohsinn kein Sonnenschein keine Blumen auf den Weg gestreut, kein Bankett, keine Festreden, keine Brautjungfern keinen Segen von Vater, Mutter. Ein trüber Hochzeitstag und, wie Tante Starkweather sagt, ein schlechter Anfang.
Auf dem Bahnhof ist ein Coupe für uns reservirt worden. Der aufmerksame Portier, in Erwartung eines guten Trinkgeldes, hat die seidenen Rouleaux vor den Fenstern heruntergelassen, um uns den Blicken der Neugierigen zu entziehen. Nach einem scheinbar unendlich langen Aufenthalt, wird der Zug abgelassen. Mein Gatte schlingt den Arm um meine Taille »Endlich!« flüstert er mit so viel Liebe im Blick, wie Worte sie nicht auszudrücken vermögen und zieht mich sanft an sich. Mein Arm stiehlt sich langsam um seinen Hals; unsere Blicke begegnen sich. Dann vereinen sich die Lippen zu einem langen heißen Kuß. O, welche Erinnerungen steigen in mir auf, während ich dies niederschreibe! Ich muß meine Augen trocknen und das Papier für heute bei Seite legen.
Zweites Capitel.
Die Gedanken der Braut
Wir mochten ungefähr eine Stunde gefahren sein, als mit uns Beiden eine Veränderung vorging.
Dicht nebeneinander sitzend, meine Hand in der seinen, den Kopf an seine Schulter gelehnt, wurden wir allmälich immer schweigsamer. Hatten wir das kleine, aber doch so beredte Wörterbuch der Liebe schon erschöpft? Oder waren wir stillschweigend übereingekommen, nach der Wollust der Leidenschaft, die in der Sprache liegt, uns der noch tieferen Leidenschaft hinzugeben, welche im Denken beruht? Ich wage es nicht zu entscheiden. Ich weiß nur, daß eine Zeit kam, in welcher unsere Lippen sich gegen einander verschlossen hielten. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Waren die seinen ebenso ausschließlich bei mir, wie die meinen sich ausschließlich mit ihm beschäftigten? Noch ehe wir unser Ziel erreichten stiegen Zweifel in mir auf, und ein wenig später wußte ich gewiß, daß seine Gedanken weitab von seiner jungen Frau, sich zu dem Unglück seines Lebens gewandt hatten.
Was mich betrifft, so fühlte ich mich dennoch außerordentlich glücklich, ihn an meiner Seite zu haben.
Ich malte mir mit stillem Behagen aus, wie wir uns zum ersten Mal begegneten nicht weit vom Hause meines Onkels.
Unser berühmter Forellenbach strömte murmelnd und schäumend über sein steiniges Bett, durch grünes Wiesenland. Es war ein stürmischer, trüber Abend. Die Sonne sank unter blutrothen Wolken im fernen Westen hernieder. Ein einsamer Angler stand an einer Biegung des Stromes, wo am gegenüberliegenden Ufer ein überhängender alter Baum das Wasser beschattet. Von seinen Zweigen verdeckt, befand sich ein junges Mädchen ich selbst, und folgte mit regem Interesse dem schnellen Dahingleiten der Forellen.
Der Angler seinerseits folgte jeder ihrer Bewegungen mit aufmerksamem und geübtem Blick, und am sandigen Ufer des Baches entlang gehend, ließ er oft die Angelschnur im seichten Wasser schwimmen bald zog er sie an, um den Fisch mit dem Köder zu locken. Ich folgte auf dem anderen, unebenen Ufer, um das Spiel zwischen dem Angler und der Forelle weiter zu beobachten. Ich hatte lange genug bei meinem Onkel Starkweather gelebt, um nicht Etwas von seinem Enthusiasmus für die Kunst des Angelns abbekommen zu haben. So folgte ich, von dem Fremden ungesehen, und die Augen fest auf jede Bewegung der Angelruthe und des Köders gerichtet, auf der anderen Seite des Baches, ohne auf den Weg Acht zu geben. Ein Fehltritt auf dem losen, etwas erhöhten, Ufer ließ mich straucheln, und ich fiel in den Bach.
Die Höhe war unbedeutend, das Wasser flach, das Bett an dieser Stelle nicht steinig. Außer dem Schreck und der Durchnässung trug ich keinen Schaden davon. Binnen wenigen Minuten war ich schon wieder aus dem Wasser und auf festem Grunde. So kurz der Zwischenfall auch war, hatte er doch dem Fische Gelegenheit gegeben, zu entfliehen. Der Angler hatte meinen ersten instinctiven Schreckensruf gehört, und in demselben Augenblick ward die Angel bei Seite geworfen und er eilte herbei, um mir zu helfen. Wir standen zum ersten Male einander gegenüber, ich auf dem etwas erhöhten Ufer, er in dem flachen Wasser unter mir. Unsere Blicke begegneten sich, und ich glaube, unsere Herzen thaten dasselbe. Soviel weiß ich gewiß, daß wir gegen alle gute Sitte und Erziehung uns schweigend eine ganze Weile anschauten.
Ich war die Erste, die wieder zu sich selbst kam.
Ich sagte ihm, daß ich mir kein Leides gethan und bat ihn, seine Beschäftigung wieder aufzunehmen und zu versuchen, ob er den Fisch nicht noch bekommen könnte.
Er folgte widerstrebend meiner Aufforderung und kehrte dann, natürlich ohne Forelle, zu mir zurück. Da ich wußte, wie unglücklich mein Onkel in der Stelle des Fremden gewesen sein würde, bat ich ihn, daß er mir nicht zürnen möge. In meinem Eifer, ihn für seinen Verlust zu entschädigen, wollte ich ihm sogar eine Stelle im Bach zeigen, wo er schnell das Versäumte nachholen könne.
Er wollte nicht darauf hören, sondern bat mich nur, nach Hause zu gehen und die Kleidung zu wechseln. Ich machte mir Nichts aus der Durchnässung, aber ich gehorchte ihm, ohne zu wissen, warum.
Erging an meiner Seite. Mein Heimweg zum Pfarrhause war sein Heimweg zum Gasthof. Er hatte unsere Gegend ausgesucht, erzählte er mir, nicht allein des Fischens, sondern auch der ruhigen Zurückgezogenheit wegen. Er hatte mich schon einige Male von seinem Fenster aus bemerkt; er fragte mich, ob ich des Predigers Tochter sei.
Ich klärte ihn auf über meine Verhältnisse. Ich erzählte ihm, daß der Prediger meiner Mutter Schwester geheirathet, und daß die Beiden dann, nach dem Tode meiner Eltern, Vater- und Mutterstelle bei mir vertreten hätten.
Er fragte mich, ob er es wagen dürfe, am nächsten Tage dem Doctor Starkweather seinen Besuch zu machen, indem er den Namen eines seiner Freunde nannte, den, wie er glaubte, mein Onkel kennen müsse. Ich lud ihn ein, zu uns zu kommen, als wenn ich die Herrin des Hauses gewesen wäre. Ich war wie bezaubert durch seine Stimme und durch seinen Blick. Niemals, in keines anderen Mannes Gegenwart, war mir so seltsam zu Muthe gewesen, wie ich es jetzt empfand. Die Schatten des Abends waren dunkler geworden, als er mich verließ. Ich lehnte mich gegen das Gitter unseres Gartens. Ich vermochte kaum zu athmen; ich konnte nicht denken; mein Herz schlug, als wenn es mir aus der Brust springen wollte, und Alles das für einen Mann, den ich nie zuvor gesehen. Ich erglühe vor Scham, und dennoch war ich so glücklich!
Und nun, nachdem erst wenige Wochen vergangen, halte ich ihn an meiner Seite, und er ist mein für das ganze Leben. Ich erhob mein Haupt von seiner Schulter, um ihn anzublicken.
Er wurde meine Bewegung nicht gewahr; er blieb still und regungslos in seiner Ecke sitzen. War er in tiefen Gedanken, und befanden sich diese Gedanken bei mir?
Ich ließ mein Haupt wieder leise sinken, um ihn nicht zu stören. Meine eigenen Gedanken wanderten abermals zurück und zeigten mir ein anderes Bild aus der goldenen Gallerie meiner Vergangenheit. Der Garten des Pfarrhauses bildete den Schauplatz. Es war Nacht. Wir waren heimlich zusammen gekommen. Wir gingen, ohne vom Hause ans bemerkt werden zu können, langsam auf und nieder, bald in den schattigen Steigen des Gehölzes, bald auf dem mondlichtbeglänzten Grasplatz. Wir hatten uns längst unsere Liebe gestanden, und unser Leben einander gewidmet. Unsere Interessen waren bereits eins geworden; wir theilten unsere Freuden und unser Leid. Ich war ihm in jener Nacht mit schwerem Herzen entgegengekommen, und hoffte Trost durch seine Gegenwart zu finden. Er hörte meinen Seufzer, als er mich in seine Arme schloß, und wandte sanft meinen Kopf dem Mondlicht zu, um in meinen Zügen lesen zu können. Wie oft hatten ihm dieselben in früheren Zeiten nur Glück und Freude entgegengestrahlt!
»Du bringst mir schlechte Zeitung, mein Engel,« sagte er, mir das Haar aus der Stirn streichend. »Dein Auge erzählt mir von Sorge und Kummer; ich wünschte beinahe, ich liebte Dich weniger, Valeria.«
»Und weshalb?«
»Um Dich Dritter Freiheit zurückgeben zu können. Wenn ich den Ort verließe, würde Dein Onkel sehr zufrieden sein, und Dir selbst blieben für die Folge alle Sorgen erspart, die Dich um meinetwillen drücken.«
»O sprich nicht so, Eustace! Du weißt ja, daß ich nicht mehr ohne Dich leben kann.«
Ein Kuß bereinigte unsere Lippen, und wir vergaßen während einiger köstlicher Minuten den harten Weg, auf dem wir wandelten. Dann kehrten wir zur Wirklichkeit zurück, und ich war gestärkt und getröstet, belohnt für Alles, was ich erlitten, und bereit, dasselbe noch einmal zu erleiden, um eines zweiten solchen Kußes willen. Wendet nur dem Weibe wahrhafte Liebe zu, und es wird Nichts geben, was es nicht dieser Liebe wegen erduldete und wagte.
»Haben sich wieder neue Hindernisse unserer Verbindung entgegengesetzt?« fragte er, als wir wieder langsam neben einander herschritten.
»Nein, die Hindernisse haben ein Ende erreicht. Onkel und Tante haben sich erinnert, daß ich mündig bin und selbst wählen kann, Sie wollten mich allerdings überreden, Dich aufzugeben. Meine Tante, die ich immer für hart gehalten, sah ich zum ersten Male um mich weinen. Mein Onkel, der immer freundlich und gut zu mir gewesen, ist es jetzt noch mehr denn sonst. Er sagte mir, daß, wenn ich darauf bestände, Deine Frau zu werden, er mich nicht an meinem Hochzeitstage verlassen werde. Wo wir uns auch verheirathen möchten, er würde dorthin kommen, um den heiligen Art zu vollziehen, und meine Tante würde mich zur Kirche begleiten. Aber er beschwört mich auf das Ernsthafteste, in Erwägung zu ziehen, was ich beginne; mich von Dir zu trennen, ehe es zu spät ist, und andere Leute um Rath zu fragen, wenn ich mich mit seiner Ansicht nicht einverstanden erklären könnte. Zwingen wollen sie mich nicht, aber sie sind dennoch eifrig bemüht, uns zu trennen, als wenn Du der schlechteste aller Männer wärst, während Du doch deren bester bist.«
»Ist seit gestern etwas vorgefallen, das ihre Abneigung gegen mich erhöht hätte?« fragte er.
»Ja.«
»Und was?«
»Du erinnerst Dich Eures gemeinschaftlichen Freundes?«
»Ganz recht. Des Majors Fitz-David.«
»Mein Onkel hat an ihn geschrieben.«
»Weshalb?«
Er sprach dieses eine Wort in einem so fremdartigen Ton, als wenn es gar nicht zu seiner Sprache gehörte.
»Du mußt aber nicht böse sein, wenn ich es Dir erzähle, Eustace,« sagte ich. »Mein Onkel, wenn ich ihn, recht verstanden habe, hatte verschiedener Gründe, dem Major zu schreiben. Einer derselben war, um die Adresse Deiner Mutter zu bitten.«
Eustace stand plötzlich still.
Ich hielt in demselben Augenblick inne, weil ich fühlte, daß ich nicht weiter gehen dürfe, ohne ihn zu beleidigen.
Die Wahrheit zu sprechen, war sein Benehmen, als er den Onkel um meine Hand bat, etwas unruhig und seltsam. Der Pfarrer hatte ihn natürlich um seine Familie befragt. Er erhielt zur Antwort, daß der Vater todt sei, und dann hatte Eustace, obgleich nicht ohne Widerstreben, darin gewilligt, daß unser Verlöbniß seiner Mutter angezeigt werden dürfte. Nachdem er uns mitgetheilt, daß sie auch auf dem Lande wohne, hatte er sich zu ihr begeben, jedoch ohne uns ihre Adresse zu hinterlassen. Nach zwei Tagen war er mit einem Bescheide zurückgekehrt, der uns stutzig machte. Seine Mutter hatte Nichts gegen mich oder meine Verwandten einzuwenden gehabt; aber sie mißbilligte in so hohem Grade die Absicht ihres Sohnes, sich mit mir verheirathen zu wollen, daß sie, im Verein mit allen Familienmitgliedern, ihre Gegenwart bei der Trauungsfeierlichkeit verweigerte, wenn Mr. Woodville darauf bestände, seine Verlobung mit Dr. Starkweathers Nichte aufrecht zu erhalten. Um die Ursache dieses seltsamen Ausspruches befragt, erzählte uns Eustace, daß seine Mutter und Schwestern seine Verheirathung mit einer andern Dame wünschten, und daß sie sich daher bitter gekränkt und enttäuscht fühlten, daß er eine Fremde in die Familie bringen wollte. Diese Erklärung genügte mir vollkommen, denn sie enthielt, so weit ich es beurtheilen konnte, für meine Person die Schmeichelei, daß ich größeren Einfluß über Eustace gewonnen, als jene Andere. Onkel und Tante zeigten sich aber weniger zufriedengestellt. Ersterer sprach gegen Mr. Woodville den Wunsch aus, seiner Mutter schreiben oder sie besuchen zu dürfen, tun sie ihres seltsamen Ausspruches wegen zu befragen. Eustace verweigerte auf das Hartnäckigste die Adresse seiner Mutter, unter dem Vorgeben, daß des Pastors Intervention vollkommen nutzlos sein würde. Hieraus zog mein Onkel sofort den Schluß, daß in dem Geheimniß welches auf der Adresse der Mutter ruhte, etwas Böses verborgen sein müsse. Er verweigerte es, Mr. Woodvilles erneutes Anhalten um meine Hand zu befürworten und schrieb noch am nämlichen Tage an den gemeinschaftlichen Freund, Major Fitz-David, um Erkundigungen über Mr. Woodville einzuziehen.
»Hat Dein Onkel eine Antwort vom Major Fitz-David erhalten?« fragte Eustace.
»Wurde Dir erlaubt, sie zu lesen?« Seine Stimme sank bei diesen Worten zum Geflüster herab, und seine Züge verriethen eine Angst, die mich schmerzlich berührte.
»Ich habe die Antwort mitgebracht, um sie Dir zu zeigen,« sagte ich.
Er riß mir beinahe den Brief aus der Hand und wandte den Rücken, um ihn im Mondlicht zu lesen.
Der Brief war kurz genug und lautete folgendermaßen:
Lieber Vicar!
Mr. Eustace Woodville ist Gentleman von Geburt und Lebensstellung und besitzt, nach seines verstorbenen Vaters Testament, ein unabhängiges Einkommen von 2000 Pfund jährlich.
Stets der Ihre
Lawrence Fitz-David
»Kann es eine einfachere Antwort geben?« fragte Eustace, mir den Brief zurückgebend.
»Wenn ich Auskunft über Dich verlangt hätte; würde sie mir allerdings genügend gewesen sein.«
»Deinem Onkel genügt sie also nicht?«
»Nein.«
»Was sagt er?«
»Weshalb willst Du das wissen?«
»Ich muß es wissen, Valeria. In dieser Angelegenheit darf kein Geheimniß zwischen uns bestehen. Sprach Dein Onkel irgend Etwas, als er Dir des Majors Brief zeigte?«
»Ja.«
»Und was?«
»Mein Onkel sagte mir, daß sein Brief drei Seiten gefüllt habe, und daß die Antwort in einem einzigen Satze bestände. Er sagte, Du siehst, wie kurz mich der Major abfertigt. Ich bat ihn um die Adresse von Mr. Woodvilles Mutter.
Er übergeht die Frage mit völligem Stillschweigen. Urtheile nach Deinem eigenen gesunden Menschenverstande, Valeria. Ist dies Benehmen bei einem Gentleman und Freunde nicht auffällig?«
Eustace unterbrach mich hier.
»Erwidertest Du etwas darauf?« fragte er.
»Nein,« entgegnete ich. »Ich sagte nur, daß ich das Benehmen des Majors nicht verstände.«
»Und was bemerkte Dein Onkel darauf? Bei Deiner Liebe, Valeria, sage mir die Wahrheit.«
»Er bediente sich harter Worte, Eustace, er ist ein alter Mann, Du mußt ihm das nicht übel nehmen.
»Ich nehme es nicht übel. Was sagte er?«
»Er sagte: Merke wohl auf meine Worte! Es schwebt ein Geheimniß über Mr. Woodville und seiner Familie, welches der Major nicht enthüllen darf. Der Brief soll aber dennoch eine Warnung sein, zeige ihn Mr. Woodville und erzähle ihm, was ich Dir soeben gesagt.«
Eustace unterbrach mich abermals.
»Du weißt gewiß, daß Dein Onkel sich dieser Worte bediente?« sagte er, mein Antlitz sorgfältig im Mondlicht betrachtend.
»Ganz gewiß Aber ich bin nicht der Ansicht meines Onkels; denken wir nicht mehr daran.«
Er zog mich plötzlich an seine Brust, und seine Augen blickten in die meinen. Sein Aussehen erschreckte mich.
»Gute Nacht, Valeria!« sagte er, »bewahre mir ein freundliches Andenken, wenn Du einem glücklicheren Manne vermählt sein wirst.«
Er machte Miene mich zu verlassen. Ich hing mich in einem Anfall von Schrecken an ihn und zitterte am ganzen Körper.
»Was willst Du damit sagen?« flüsterte ich als-ich der Sprache wieder mächtig war. »Ich bin Dein, nur Dein! Was habe ich gethan, um diese entsetzlichen Worte zu verdienen?«
»Wir müssen uns trennen,« antwortete er traurig. »Die Schuld ist nicht Dein; aber mein ist das Unglück Wie kannst Du einen Mann heirathen wollen, der Deinen nächsten Angehörigen verdächtig ist? Ich habe ein trauriges Leben geführt. Nie sah ich ein Weib, das mir so sympathisch war, als Du es bist, und das mir so süßen Trost gewährte. ist hart Dich zu verlieren, es ist hart, in das freudlose Leben zurückzukehren. Deinetwegen muß ich das Opfer aber bringen. Ich kann des Majors Brief ebenso wenig erklären, als Ihr es könnt. Wird Dein Onkel mir glauben? Noch einen letzten Kuß, Valeria! Vergieb mir, daß ich Dich leidenschaftlich und mit tiefer Ergebenheit liebte. Vergieb mir das, und laß mich gehen!«
Ich klammerte mich in halber Verzweiflung an ihn.
»Gehe, wohin Du willst,« sagte ich, »ich gehe mit Dir! Was sind mir Ehre, Ruf, Freunde? Dein Besitz wiegt das Alles auf! Mache mich nicht wahnsinnig, Eustace! Ich kann nicht ohne Dich leben! Ich will und muß Dein Weib werden!« Jene wilden Worte waren das einzige was ich hervorbringen konnte; dann löste sich mein Elend in einen Strom von Thränen auf.
Er gab nach. Er tröstete mich mit seiner bezaubernden Stimme; er brachte mich mit sanfter Liebkosung zu mir selbst zurück. Er rief den sternenklaren Himmel zum Zeugen, daß er mir sein ganzes Leben weihen wolle. Und wie beredt und feierlich seine Worte klangen! Er schwur, daß nur ein Gedanke ihn belebe, Tag und Nacht, nämlich der, mich glücklich zu machen und sich meiner würdig zu bezeigen. Und hat er nicht jenes Gelöbniß gehalten? Folgte nicht dem Schwur in jener erinnerungsreichen Nacht der Schwur vor dem Altar, der Schwur vor Gott? Und welch’ ein Leben sah ich vor mir! Die ganze irdische Glückseligkeit erwärmte meine Seele.
Noch einmal hob ich das Haupt von seiner Schulter, um ihn anzublicken, mein Leben, meine Liebe, meinen Gatten, mein Alles! Kaum erwacht aus den Erinnerungen der Vergangenheit zu den Wirklichkeiten der Gegenwart, lehnte ich meine Wange an die seine und flüsterte ihm zu: »O, wie ich Dich liebe! Wie ich Dich liebe!«
Im nächsten Augenblick schreckte ich von ihm zurück. Mein Herz stand still, ich führte die Hand an mein Antlitz. Was fühlte ich auf meiner Wange? Eine Thräne!
Sein Antlitz war mir noch abgekehrt, ich faßte es sanft mit beiden Händen und wandte es zu mir.
Ich blickte es an und sah die Augen meines Gatten, an unserem Hochzeitstage, voller Thränen.
Drittes Capitel.
Der Strand von Ramsgate
Es gelang Eustace, mich zu beruhigen, aber ich kann gerade nicht sagen, daß es recht nachhaltig geschah.
Er erzählte mir, daß er über die Gegensätze seines vergangenen und gegenwärtigen Lebens nachgedacht. Bittere Erinnerungen aus verflossenen Jahren waren in seiner Seele aufgestiegen und hatten sie mit melancholischen Zweifeln erfüllt, ob er wohl im Staude sein würde, unser Zusammenleben glücklich zu gestalten. Er hatte sich gefragt, ob er mir nicht zu spät begegnet sei, ob er nicht schon ein Mann wäre, dessen Kraft die Enttäuschungen der Vergangenheit gebrochen? Diese und ähnliche Gedanken und Zweifel hatten seine Seele bedrückt und ihm die Augen mit Thränen gefüllt, mit Thränen, die er mich zu vergessen bat, und die er versprach, nie wieder vergießen zu wollen.
Ich vergab ihm, tröstete ihn und belebte ihn durch meine Unterhaltung; aber es kamen Momente über mich, welche die bittere Frage in meinem Innern laut werden ließen, ob ich wirklich in so hohem Grade das Vertrauen meines Gatten besäße wie er das meine.
Wir verließen den Zug in Ramsgate. Der beliebte Badeort war leer; die Saison eben vorüber. Unsere Pläne für die Hochzeitsreise schlossen auch eine Fahrt durch das mittelländische Meer in sich, zu welcher ein Freund von Eustace ihm eine Yacht leihen wollte. Wir liebten beide die See und fühlten den gemeinschaftlichen Wunsch, in Anbetracht der Verhältnisse, unter denen wir uns geheirathet hatten, der Neugier von Freunden und Bekannten zu entfliehen. Nachdem wir unsere Hochzeit ganz still in London gefeiert, hatten wir den Bootsmann der Yacht nach Ramsgate beordert, um uns dort abzuholen. In diesem Hafen konnten wir uns nach Beendigung der Saison weit unbemerkter einschiffen, als auf der großen Yachtstation der Insel Wight.
Drei Tage vergingen, Tage entzückender Einsamkeit, unaussprechlichen Glückes, die nimmer meinem Gedächtniß entschwinden und die ich immer wieder durchleben werde, bis mir der Tod mein Auge brechen wird.
Früh am Morgen des vierten Tages, kurz vor Sonnenaufgang ereignete sich etwas, das anscheinend geringfügig, dennoch von großer Wichtigkeit für mich wurde.
Ich erwachte plötzlich und auf unbegreifliche Weise aus einem tiefen, traumlosen Schlaf mit einem Gefühl nervöser Unbehaglichkeit, das ich nie zuvor empfunden hatte. In meinen Kinder- und Mädchenjahren war ich als tiefe Schläferin berühmt gewesen und hatte manchen Scherz deshalb hinnehmen müssen. Von dem Augenblicke an, wo sich mein Haupt aufs Kissen legte, bis zu dem Moment, an dem das Mädchen mich weckte, hatte ich garnicht gewußt, was Erwachen sei. —
Und nun wurde mein Schlaf gestört, ohne daß irgend ein Grund dafür anzugeben war. Ich versuchte wieder einzuschlafen Es war vergebens. Ich wurde von einer solchen Unruhe erfaßt, daß es mir nicht einmal möglich war, im Bett zu bleiben. Mein Gatte schlief tief und ruhig an meiner Seite. In der Befürchtung ihn zu stören, stand ich leise auf und schlüpfte in das Morgenkleid und die Pantoffeln. Ich trat ans Fenster. Die Sonne stieg gerade empor über der ruhigen graublauen See. Für wenige Minuten übte das majestätische Schauspiel einen beruhigenden Einfluß auf meine heftig erregten Nerven. Doch es währte nicht lange so ergriff mich die Ruhelosigkeit von Neuem. Ich ging langsam im Zimmer auf und nieder, bis die Monotonie der Bewegung mir widerstrebte. Ich nahm ein Buch und legte es wieder aus der Hand. Meine Gedanken wanderten; der Autor hatte nicht die Macht, sie zu fesseln. Ich stand wieder auf und blickte ans Eustace und bewunderte ihn und liebte ihn in seinem ruhigen Schlaf. Ich ging zum Fenster zurück, und des schönen Morgens überdrüssig, setzte ich mich vor den Spiegel und betrachtete mein Antlitz. Wie mich die wenigen Stunden des fehlenden Schlafes angegriffen hatten! Die Enge des Zimmers begann erdrückend auf mich zu wirken. Ich öffnete die Thür zu meines Mannes Ankleidezimmer und trat ein, um mir eine Veränderung zu machen.
Der erste Gegenstand, der mir in die Augen fiel, war sein Toilettenkasten, der offen auf dem Tische stand.
Ich beschäftigte mich damit, die Fläschchen, Töpfe, Bürsten, Kämme, Messer und Scheren auf der einen Seite, die Schreibmaterialien auf der andern, herauszunehmen. Ich roch an den Parfums und Pomaden und stäubte die Flaschen mit meinem Taschentuch ab. Nach und nach hatte ich das ganze Kästchen geleert. Es war mit blauem Sammet gefüttert. In einer Ecke bemerkte ich sein seidenes Bändchen. Indem ich es zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und es aufwärts zog, entdeckte ich einen doppelten Boden, der ein geheimes Fach für Briefe und Papiere verschloß. In meiner nervösen Ungeduld gewährte es mir eine Zerstreuung, die Papiere herauszunehmen, gerade wie ich es mit den andern Sachen gemacht hatte.
Ich fand einige quittirte Rechnungen, welche mir kein Interesse abgewannen, Briefe, die ich ungelesen bei Seite legte, und unter dem Allen eine Photographie, das Bild nach unten, und etwas Geschriebenes auf der Rückseite.
Ich las es; es waren folgende Worte:
»Meinem lieben Sohne Eustace.«
Seine Mutter! Die Frau, welche so hartnäckig und mitleidslos unserer Verbindung sich widersetzt hatte!
Schnell drehte ich die Photographie um, in Erwartung, ein kaltes herzloses Antlitz zu schauen. Zu meinem Erstaunen erblickte ich Reste großer Schönheit, der Gesichtsausdruck, obgleich fest, war dennoch gewinnend, zärtlich und gütig.
Das graue Haar war in seltsamen kleinen Locken zu beiden Seiten der Stirn arrangirt, welche sich unter einer einfachen Haube hervorstahlen. In dem einen Mundwinkel bemerkte ich ein Zeichen, anscheinend ein Maal, welches die characteristische Eigenthümlichkeit des Antlitzes noch erhöhte. Ich prägte mir das Bild fest ins Gedächtniß. Diese Frau, welche meine Verwandten und mich beinahe beleidigt hatte, besaß ohne allen Zweifel so viel Anziehendes, daß unwillkürlich der Wunsch in mir aufstieg, sie näher kennen zu lernen.
Ich versank in tiefe Gedanken. Das Auffinden der Photographie beruhigte mich, wie mich bisher noch nichts beruhigt hatte.
Das Schlagen der Uhr unten in der Halle erinnerte mich an den Lauf der Zeit.
Ich legte alle Gegenstände, wie ich sie gefunden, in den Toilettenkasten zurück und begab mich wieder in das Schlafzimmer.
»Als ich meinen noch ruhig schlafenden Gatten anblickte, drängte sich mir die Frage auf: Was konnte diese gütige Mutter veranlaßt haben, uns auf eine so grausame Art trennen und unsere Verbindung hindern zu wollen? Sollte ich Eustace die Frage vorlegen, wenn er erwachte? Nein Es war zwischen uns ausgemacht worden, seiner Mutter nicht zu erwähnen, und außerdem hätte es ihn unangenehm berühren können, daß ich das geheime Fach seines Toilettenkästchens geöffnet.
Nach Beendigung des Frühstücks erhielten wir Nachricht von der Yacht. Das Fahrzeug war im Hafen angekommen, und der Steuermann erwartete die Befehle meines Gatten.
Eustace schien meine Begleitung nicht zu wünschen, weil die Vorbereitungen zur Reise kein Interesse für mich hätten. Er fragte mich, ob ich seine Rückkehr abwarten wollte. Der Tag war ausnehmend schön, und das Meer war in der Ebbe. Ich bat ihn Inn Erlaubniß, einen Spaziergang am Strande machen zu dürfen, und unsere Wirthin, die gerade im Zimmer war, erbot sich, mich zu begleiten wurde verabredet, daß wir in der Richtung nach Broadstairs gehen und daß wir uns ans dem Heimwege am Strande treffen wollten.
Nach einer kleinen halben Stunde war ich mit der Wirthin unterwegs.
Das landschaftliche Bild des schönen Herbstmorgens war bezaubernd. Die frische Brise, der klare Himmel, die wogende blaue See, die sonnbeglänzten Berge und der gelbe Sand zu ihren Füßen, das ruhige Dahingleiten bewimpelter Schiffe, das Alles war so entzückend, die Seele erfrischend, daß, wäre ich allein gewesen, ich hätte tanzen können wie ein kleines Kind. Der einzige Mißton, der meine Freude durchdrang, war die geschwätzige Zunge der Wirthin. Sie war ein offenes, gutmüthiges, leerköpfiges Weib, das in fortwährendem Sprechen blieb, ich mochte zuhören oder nicht, und das sich angewöhnt hatte, in jedem Satze mindestens einmal meinen Namen zu nennen.
Wir mochten eine halbe Stunde gegangen sein, als wir eine Dame einholten, welche vor uns am Meeresstrande hinging.
Gerade in dem Augenblick, wo wir ihr Vorbeigehen wollten, faßte sie nach ihrem Taschentuch und riß einen Brief mit heraus, der unbemerkt von ihr auf den Sand fiel. Ich hob ihn auf und bot ihn der Dame.
Als sie den Kopf wandte, um mir zu danken, stand ich wie angewurzelt. Das war das Original des photographischen Portraits aus meines Mannes Toilettenkästchen. Es war seine Mutter, die mir gegenüber stand. Ich erkannte die seltsamen kleinen grauen Locken, die gütig blickenden Augen, das Maal in ihrem Mundwinkel. Ein Irrthum war nicht möglich.
Die alte Dame hielt, wie es wohl natürlich war, meine Verwirrung für Befangenheit. Mit vollkommen feinem Takt begann sie eine Unterhaltung mit mir. In der nächsten Minute ging ich ruhig an der Seite der Frau, die mich als Mitglied ihrer Familie verworfen hatte, nicht wissend, ob ich es wagen dürfte, in Abwesenheit meines Gatten mich ihr vorzustellen.
Einen Augenblick darauf erledigte meine Wirthin die Frage, welche mich soeben beschäftigte. Ich äußerte die Ansicht, daß wir Broadstairs wohl schon nahe sein dürften.
»O nein, Mrs. Woodville!« rief die zungenfertige Wirthin, »wir sind noch ein ganzes Stück davon ab.«
Bei der Nennung des Namens blickte ich mit klopfendem Herzen auf die alte Dame. Zu meinem unaussprechlichen Erstaunen zeigte nicht die geringste Veränderung ihrer Züge, daß er sie überrascht. Die alte Mrs. Woodville sprach eben so ruhig und unbefangen mit der jungen Mrs. Woodville weiter, als wenn sie den Namen in ihrem ganzen Leben nicht gehört.
Mein Antlitz und Benehmen mußte etwas von der inneren Erregung verrathen haben, die mich beherrschte.
»Sie haben Sich zu sehr angestrengt,« sagte die Dame mit ihrem gütigen Ton. »Sie sehen bleich und ermüdet aus. Lassen Sie uns hier ein wenig niedersitzen.«
Ich folgte ihr zu einigen rohen Steinen, welche uns als Bank dienten.
Wenn es nach mir gegangen wäre, würde ich sofort eine Erklärung herbeigeführt haben. Der Gedanke an Eustace hielt mich aber von derselben zurück.
Während ich mich darüber beunruhigte, welche Gründe die alte Dame veranlassen möchten, mich nicht als ihre Schwiegertochter zu betrachten, begann sie wieder freundlich mit mir zu sprechen. Sie sagte, daß sie sich ebenfalls angegriffen fühle, daß sie eine schlechte Nacht am Bett einer nahen Verwandten zugebracht, die hier in Ramsgate wohne. Am gestrigen Tage hätte sie ein Telegramm zu der kranken Schwester gerufen. Gegen Morgen habe sich der Zustand aber gebessert, und der Arzt habe ihr die Versicherung begeben, daß das Schlimmste nicht mehr zu befürchten sei. Da hätte sie es für gut gehalten, einen kleinen Spaziergang am Wasser zu machen, um sich zu erfrischen. Ich hörte die Worte, ich verstand ihren Sinn, aber ich war noch zu verwirrt und eingeschüchtert, um die Unterhaltung fortsetzen zu können.
Die Wirthin brach zuerst wieder das Schweigen. »Dort kommt ein Gentleman,« sagte sie, nach der Richtung von Ramsgate deutend. »Die Damen werden nicht zu Fuß zurückkehren können. Wollen wir den Herrn nicht bitten, daß er von Broadstairs einen Wagen hierher schickt?«
Der Gentleman kam näher und näher.
Die Wirthin und ich erkannten ihn in demselben Moment.
Es war Eustace, der der Verabredung gemäß uns nachgegangen war.
»O, Mrs Woodville, sehen Sie doch, da kommt Mr. Woodville!« rief die Wirthin voller Freude.
Ich blickte noch einmal auf meine Schwiegermutter. Noch einmal machte der Name nicht den geringsten Eindruck auf sie. Ihr Auge war nicht so scharf als das unsere, sie hatte ihren Sohn noch nicht erkannt. Er aber hatte junge Augen wie wir und erkannte sofort seine Mutter. Für einen Moment stutzte er, als wenn der Blitz ihn getroffen. Dann schritt er langsam weiter, sein sonst rothes Antlitz bleich vor niedergekämpfter Erregung, die Augen fest auf seine Mutter gewandt »Du hier!« sagte er.
»Wie geht es Dir, Eustace?« entgegnete sie ruhig und sanft.
»Hast Du schon von Deiner Tante Krankheit gehört? Wußtest Du überhaupt, daß sie in Ramsgate sei?«
Er antwortete nicht.
Die Wirthin, aus den gehörten Worten ihre Schlüsse machend, blickte mit solchem Staunen von mir auf meine Schwiegermutter, daß selbst ihre Zunge gelähmt wurde. Ich wartete, die Augen auf meinen Gemahl gerichtet, was er beginnen würde. Wenn er jetzt gezögert hätte, mich anzuerkennen, würde vielleicht meine ganze Zukunft Meine andere Richtung bekommen haben – denn ich hätte ihn verachtet.
Er zögerte aber nicht. Er trat an meine Seite und nahm meine Hand- »Weißt Du, wer diese Dame ist?« fragte er seine Mutter.
Sie antwortete mit einem freundlichen Neigen des Kopfes gegen mich:
»Eine Dame, die ich am Strande traf, und die so gütig war, einen Brief aufzuheben, den ich hatte fallen lassen. Mich dünkt, ich hörte auch den Namen nennen; Mrs. Woodville, war es nicht so?«
Meines Gatten Finger umschlossen mit so krampfhaftem Druck meine Hand, daß es mich schmerzte. Er belehrte seine Mutter, zu seiner Ehre muß ich es ihm nachsagen, auch ohne einen Moment schurkischen Zögerns »Mutter,« sagte er vollkommen ruhig, »die Dame ist meine Frau.«
Die alte Lady, die bis jetzt ihren Platz behauptet hatte, erhob sich langsam und blickte ihren Sohn schweigend an. Der erste Ausdruck des Staunens wich aus ihren Zügen und verwandelte sich in einen schrecklichen Blick, welcher zugleich Zorn und so tiefe Verachtung ausdrückte, wie ich sie nie zuvor in eines Weibes Auge gesehen.
»Ich bemitleide Dein Weib!« sagte sie.
Mit diesen Worten winkte sie ihm mit der Hand, nicht näher zu treten, und ging dann allein weiter, wie sie allein gekommen.
Viertes Capitel.
Auf dem Heimwege
Als wir miteinander allein waren, herrschte einen Augenblick Schweigen zwischen uns. Eustace brach es zuerst.
»Bist Du im Stande, zurück zu gehen?« sagte er zu mir, »oder wollen wir nach Broadstairs und von dort mit der Eisenbahn nach Ramsgate?«
Er that diese Fragen mit so ruhiger Fassung, als wenn nichts Bemerkenswerthes vorgefallen wäre. Aber seine Augen und Lippen verriethen ihn. Sie erzählten mir von seinem tiefen inneren Leiden. Die außergewöhnliche Scene, welche soeben ihr Ende erreicht hatte, weit entfernt, den letzten Rest meines Muthes zu erschüttern, hatte vielmehr meine Nerven angespannt und mein Selbstgefühl befestigt.
Ich hätte mehr oder weniger als ein Weib sein müssen, wenn meine Selbstachtung nicht hätte verwundet werden, wenn meine Neugier durch das seltsame Benehmen meines Mannes, während er mich seiner Mutter vorstellte, nicht hatte auf den höchsten Gipfel getrieben werden sollen. Aus welchem Grunde verachtete sie ihn und bemitleidete sie mich? Worin fand ich die Erklärung ihrer unbegreiflichen Gleichgültigkeit, als mein Name zweimal in ihrer Gegenwart genannt wurde? Weshalb hatte sie uns so plötzlich verlassen, als ob der bloße Gedanke, in unserer Gesellschaft zu verharren, ihr Abscheu einflößte? Das Hauptinteresse meines Lebens bestand nun darin, das Geheimniß zu durchdringen. Gehen? Ich befand mich in einer so fieberhaft erwartungsvollen Aufregung, daß mir war, als wenn ich an meines Gatten Seite bis ans Ende der Welt hätte gehen können.
»Mir ist wieder ganz wohl,« sagte ich, »laß uns zu Fuß zurückkehren, wie wir gekommen.«
Eustace warf einen Blick auf die Wirthin. Die Wirthin verstand ihn.
»Ich will Ihnen meine Gesellschaft nicht aufdrängen, Sir,« sagte sie scharf. »Ich habe Geschäfte in Broadstairs, und nun ich so nahe daran bin, will ich die Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Guten Morgen, Mrs. Woodville.«
Sie legte einen starken Druck auf meinen Namen und fügte einen bedeutungsvollen Blick hinzu, den ich in meiner Verwirrung nicht verstand. Es war auch weder Zeit noch Gelegenheit, sie darüber zu befragen. Mit einer leichten steifen Verbeugung gegen Eustace verließ sie uns, wie seine Mutter uns verlassen hatte, und ging mit schnellen Schritten in der Richtung nach Broadstairs zu.
Endlich waren wir allein Ich verlor keine Zeit mit einleitenden Worten, sondern richtete sofort eine klare, deutliche Frage an meinen Gatten:
»Was hat das Betragen Deiner Mutter zu bedeuten?«
Anstatt zu antworten, brach er in ein lautes, heiseres, hartes Gelächter aus, das so gänzlich verschieden von seinen sonstigen Aeußerungen der Heiterkeit war, daß ich erschreckt still stand.
»Eustace, Du bist nicht mehr Du selbst,« sagte ich. »Du flößest mir Entsetzen ein.«
Er achtete nicht aus meine Worte, sondern schien den heiteren Gedanken zu verfolgen, der in seiner Seele aufgetaucht war.
»Das sieht meiner Mutter ganz ähnlich!« rief er, noch immer unter dem Einfluß seines humoristischen Ideenganges. »Erzähle mir, wie das zuging, Valeria.«
»Ich soll Dir erzählen?« wiederholte ich. Nach dem, was vorgefallen wäre es doch wohl Deine Sache, mir Aufklärung zu geben.«
»Du durchschnitt also die Dinge nicht?« sagte er.
»Nein,« entgegnete ich, »ich sehe in Deiner Mutter Sprache und Deiner Mutter Benehmen nur etwas, das mich berechtigt, eine ernstliche Erklärung von Dir zu verlangen.«
»Meine liebe Valeria! Wenn Du meine Mutter kenntest, wie ich sie kenne, würdest Du eine ernstliche Erklärung ihres Benehmens geradezu für eine Unmöglichkeit halten. Meine Mutter ernsthaft nehmen! Das ist ganz köstlich!«
Er brach wiederum in jenes unnatürliche Gelächter aus. »Mein Kind, Du weißt gar nicht, wie Du mich amüsirst.«
Es klang Alles erzwungen und gewaltsam. Er, der feinste, rücksichtsvollste Mann ein Gentleman in des Wortes edelster Bedeutung, benahm sich jetzt roh, laut und gemein. Trotz aller meiner Liebe zu ihm sank mein Herz unter der Last dieses Gedankens. In unaussprechlicher Verzweiflung und Aufregung fragte ich mich selbst: »Beginnt dein Mann bereits, dich zu betrügen, nachdem wir kaum eine Woche verheirathet?«
Ich beschloß, sein Vertrauen ans neue Weise zu gewinnen. Er wollte mir augenscheinlich seine eigene Ansicht von der Sache aufdrängen. Ich meinerseits war geneigt, scheinbar diese Ansicht zu adoptiren.
»Du sagst mir, daß ich Deine Mutter nicht verstände,« begann ich in sanftem Ton »Willst Du mir behilflich sein, sie verstehen zu lernen?«
»Es ist nicht leicht, Dich eine Frau verstehen zu lehren, die sich selbst nicht versteht,« antwortete er. »Aber ich will dennoch den Versuch machen. Der Schlüssel zu meiner armen Mutter Character ist, mit einem Wort Exzentrizität.«
Wenn ich aus dem ganzen Wörterbuche das allerungeeignetste Wort herausgesucht hätte, um den Character seiner Mutter zu bezeichnen, so würde es das Wort exzentrisch gewesen sein. Wenn ein Kind gesehen hätte, was ich sah, gehört, was ich hörte, so würde es in diesem Augenblicke nicht im Mindesten daran gezweifelt haben, daß er die Unwahrheit sprach.
»Merke Dir, was ich Dir vorhin gesagt, und wenn ich Dir das Benehmen meiner Mutter erklären soll, so theile mir erst mit, was vorgefallen. Wie kamt Ihr mit einander ins Gespräch?«
»Deine Mutter sagte es Dir ja bereits, Eustace. Ich ging hinter ihr, als sie zufällig einen Brief fallen ließ —«
»Das war kein Zufall,« unterbrach er mich. »Das geschah aus Absicht!«
»Ganz unmöglich!« rief ich aus. »Weshalb sollte Dritte Mutter absichtlich einen Brief fallen lassen?«
»Brauche immer den Schlüssel zu ihrem Character, mein Kind. Exzentrizität! Meiner Mutter eigenthümliche Art, Bekanntschaft mit Dir zu machen.«
»Bekanntschaft mit mir zu machen? Ich habe Dir ja eben erzählt, daß ich hinter ihr ging. Sie hatte ja keine Ahnung von mir, ehe ich zu sprechen begann.«
»So glaubst Du, Valeria.«
»Ich bin dessen gewiß.«
»Du kennst meine Mutter nicht, wie ich sie kenne.«
Ich begann, alle Geduld mit ihm zu verlieren.
»Willst Du mir vielleicht weiß machen,« sagte ich, »daß Deine Mutter heute mit der direkten Absicht an den Strand kam, um meine Bekanntschaft zu machen?«
»Ich zweifle nicht im Mindesten daran,« entgegnete er kühl.
»Weshalb erkannte sie denn aber nicht meinen Namen?« rief ich aus. »Zweimal nannte mich die Wirthin Mrs. Woodville, und zweimal machte es nicht den geringsten Eindruck auf Deine Mutter. Sie sah aus, als wenn sie den Namen nie zuvor in ihrem Leben gehört hätte.«
»Komödie!« antwortete er, eben so ruhig und gefaßt als vorhin. »Die Frauen ans der Bühne sind nicht die Einzigen, welche Komödie spielen können. Meiner Mutter Absicht war, Dich rückhaltlos kennen zu lernen, deshalb führte sie sich als Fremde bei Dir ein. Dieser Umweg, eine Schwiegertochter kennen zu lernen deren Wahl sie nicht billigte, sieht ihr durchaus ähnlich; wenn ich nicht zufällig dazu gekommen wäre, würde sie Dich in ein peinliches Verhör genommen haben, und Du hättest ihr in Deiner Unschuld geantwortet, als wenn Du einer Fremden gegenüber ständest. Bedenke, daß meine Mutter nicht Deine Freundin, sondern Deine Feindin ist, daß sie nicht Deine Vorzüge, sondern Deine Fehler entdecken will. Und da wunderst Du Dich, daß Dein Name keinen Eindruck auf sie machte? Zu ihrem größten Mißbehagen störte ich durch mein Hinzukommen Eure Unterhaltung und machte derselben ein Ende, indem ich Euch einander vorstellte. Aus diesem Umstande kannst Du Dir den Grund ihres Zornes erklären.«
Ich hatte ihn sprechen lassen, ohne ihn zu unterbrechen. Ich folgte seinen Worten mit schwerem Herzen und niederdrückender Enttäuschung und Verzweiflung. Das Idol meines Vertrauens, der Gefährte, Führer, Beschützer meines Lebens, wie tief war er gesunken. Konnte es eine schamlosere Entstellung der Thatsachen geben, als diese es war? War ein einziges wahres Wort in seiner ganzen Rede? Ja, wenn ich nicht zufällig das Portrait seiner Mutter entdeckt hätte, war es allerdings richtig, daß mir das Original unbekannt geblieben wäre. Alles Uebrige war Lüge, aus der nur ein Entschuldigungsgrund für ihn sprach, daß er noch nicht an Falschheit und Betrug gewöhnt war. Großer Gott! Wenn meinem Gatten Glauben zu schenken war, hätte uns seine Mutter nachspüren müssen bis London, bis in die Kirche, bis auf den Bahnhof, bis nach Ramsgate. Daß sie aber expreß an den Strand gekommen sein sollte, und den Brief hätte fallen lassen, um meine Bekanntschaft zu machen, gehörte zu den größten Unglaublichkeiten, die man hervorbringen konnte.
Ich vermochte nicht weiter zu sprechen. Ich wandelte schweigend an seiner Seite mit der überzeugenden Gewißheit im Herzen, daß ein Abgrund, in Gestalt eines Familiengeheimnisses, zwischen mir und meinem Gatten gähnte. Geistig, wenn nicht auch körperlich, waren wir bereits von einander getrennt, nachdem wir erst vier Tage verheirathet gewesen.
»Valeria,« fragte er, »hast Du mir nichts zu sagen?«
»Nichts.«
»Bist Du nicht zufrieden mit meiner Erklärung?«
Ich bemerkte ein leises Zittern seiner Stimme, als er diese Frage that. Der Ton bekam wieder eine gewisse Weiche, einen wehmüthigen Schmelz, den ich schon öfter an ihm bemerkt. Unter den hunderttausend geheinmißvollen Einwirkungen, welche dem Manne über das Weib, das er liebt, zu Gebote stehen, ist ohne Zweifel eine der unwiderstehlichsten der Klang seiner Stimme. Ich gehöre nicht zu den Frauen, welche bei geringfügigen Veranlassungen Thränen vergießen; als ich aber jenen Uebergang in seiner Stimme hörte, wanderten meine Gedanken zurück zu dem glücklichen Tage, wo ich mir zum ersten mal gestand, daß ich ihn liebte. Ich brach in Thränen aus.
Plötzlich stand er still, nahm mich bei der Hand und versuchte, mir ins Antlitz zu blicken.
Ich behielt den Kopf gesenkt und die Augen zu Boden gerichtet. Ich schämte mich meiner Schwäche und meines Mangels an Geistesgegenwart.
In dem Schweigen das nun folgte, stürzte er mir plötzlich mit einem Schrei der Verzweiflung zu Füßen, der mir wie ein Messer durch die Seele schnitt.
»Valeria! ich habe Dich betrogen – ich bin Deiner unwürdig! Glaube nicht ein Wort von dem, was ich gesagt; es sind alles elende, verächtliche Lügen! Du weißt nicht, was ich gelitten habe, wie ich gefoltert worden bin. Verachte mich nicht! Ich war von Sinnen als ich vorhin zu Dir sprach. Ich wollte Dir einen Augenblick des Kummers und des Schmerzes ersparen. Ich wollte der Sache einen Mantel umhängen und sie vergessen machen; Ich beschwöre Dich, dringe nicht weiter in mich, Dir noch mehr zu erzählen. Es besteht etwas zwischen meiner Mutter und mir, aber Du brauchst Dich deshalb nicht zu beunruhigen; es ist nur noch eine Erinnerung. Ich liebe Dich, ich bete Dich an; mein ganzes Herz, meine ganze Seele sind Dein! Laß Dir daran genügen. Vergiß das Vorgefallene. Du sollst meine Mutter nie wiedersehen. Wir wollen morgen diesen Ort verlassen. Wir wollen mit unserer Yacht in das weite Meer. Ist es nicht gleichgültig, wo wir leben, wenn wir nur für einander leben? O, Valeria vergieb und vergiß!«
Seine Züge drückten unaussprechliches Elend aus; unaussprechliches Elend lag im Ton seiner Stimme.
»Es ist leicht zu vergeben,« sagte ich traurig. »In Deinem Interesse, Eustace, will ich auch suchen, zu vergessen.«
Ich zog ihn sanft empor. Er küßte demüthig meine Hände. Unsere gegenseitige Verlegenheit war dermaßen peinlich, als wir langsam neben einander hergingen, daß ich ängstlich nach einem Gegenstande der Unterhaltung suchte, als hätte ich mich in Gesellschaft eines Fremden befunden. Aus Mitleid für ihn bat ich ihn, mir etwas von der Yacht zu erzählen.
Er ergriff das Thema, wie die Hand des Ertrinkenden nach dem Strohhalm greift, um sich zu retten.
Und er erzählte und erzählte von der Yacht mit einer Umständlichkeit und Weitschweifigkeit als wenn sein Seelenheil davon abhinge, mit der Behandlung des Themas den Weg bis Ramsgate auszufüllen. Mir war es schrecklich, ihn anzuhören. Am der Heftigkeit, mit welcher er, ein Gegensatz zu seiner sonstigen Ruhe, die unbedeutendsten Sachen besprach, könne ich ermessen, was er innerlich leiden mußte. Nur mit der größten Mühe bewahrte ich meine Selbstbeherrschung, bis wir die Thür unserer Wohnung erreichten. Hier war ich genöthigt, Unwohlsein vorzuschützen, um ihn zu bitten, mich in mein Zimmer zurückziehen zu dürfen.
»Wollen wir morgen reisen?« rief er mir nach, als ich die Treppe emporstieg.
Schon am nächsten Tage mit ihm in das weite Meer hinaussegeln Wochen und Monate mit ihm allein sein, in den engen Grenzen eines kleinen Fahrzeuges, mit dem entsetzlichen Geheimnis, das uns täglich mehr von einander drängen mußte? Es überlief mich kalt bei dem Gedanken. »Morgen ist es wohl noch etwas früh,« warf ich ein. »Willst Du mir noch einige Tage zur Vorbereitung gönnen?«
»Gewiß, so viel Du willst,« antwortete er mit sichtbarem Widerstreben. »Während Du ruhst, will ich noch einmal nach der Yacht hinunter gehen. Aus Wiedersehen, Valeria!«
»Auf Wiedersehen Eustace.«
Er ging mit eiligen Schritten zum Hafen hinab.
Fürchtete er sich vor seinen eigenen Gedanken, wenn er allein in seinem Zimmer war?«
Nutzlose Frage! Was wußte ich von ihm und seinen Gedanken. Ich verschloß mich in mein Zimmer.
Fünftes Capitel.
Die Entdeckung der Wirthin
Ich setzte mich und versuchte, mein Gemüth zu beruhigen. Nun oder nimmer war es an der Zeit, mich zu entscheiden welche Pflichten ich gegen meinen Gatten und welche ich gegen mich selbst zu erfüllen hatte.
Die Anstrengung war vergebens. Ich vermochte nicht einen klaren Gedanken zu fassen. Mich drückte nur das Gefühl zu Boden daß es mir unmöglich sein würde, die Schatten zu zerstreuen die sich auf unser so heiter begonnenes Eheleben gebreitet hatten. Um dem Schein zu genügen konnten wir ja weiter mit einander leben aber das Geschehene zu vergessen mich in meiner Lage glücklich zu fühlen, ging über die Grenzen meiner Willenskraft hinaus. Meine Ruhe hing einzig und allein davon ab, den Schlüssel zu dem Betragen meiner Schwiegermutter und zu der Erklärung jener wilden Worte der Reue und des Selbstvorwurfes zu finden die ich aus dem Munde meines Gatten gehört.
In vollständiger Rathlosigkeit, wie ich zunächst handeln sollte, warf ich mich auf mein Bett und fiel in einen unruhigen Schlaf.
Ein Klopfen an der Thür erweckte mich. War es mein Gatte? Bei dem Gedanken sprang ich sofort auf. Sollten meine Geduld und meine Kraft aufs Neue einer Prüfung unterworfen werden? Mit zitternder Stimme fragte ich, wer dort sei.
»Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?« antwortete mir die Stimme der Wirthin.
Ich öffnete die Thüre Obgleich ich meinen Gatten innigst liebte, muß ich dennoch gestehen daß in dieser schrecklichen Stunde die Enttäuschung eine angenehme war. Ein tröstliches Gefühl beschlich mich, daß Eustace nicht nach Hause gekommen.
Die Wirthin trat ein, nahm ohne daß er ihr angeboten wurde, einen Stuhl und setzte sich dicht neben mich. Sie begann mich als Ihresgleichen zu betrachten. Noch einen Schritt auf der socialen Leiter herabsteigend, stellte sie sich auf den Standpunkt der Beschützerin und blickte auf mich, wie auf einen Gegenstand des Mitleids. »Ich bin eben von Broadstairs zurückgekehrt,« begann sie. »Ich hoffe, Sie werden nicht daran zweifeln daß ich aufrichtig das Geschehene bedaure.«
Ich machte eine Verbeugung und erwiderte nichts.
»Als anständige Frau,« fuhr die Wirthin fort, »und nur durch Familienunglück genöthigt Zimmer zu vermiethen, trotzdem aber immer eine anständige Frau, habe ich aufrichtiges Mitgefühl für Sie. Ich will noch weiter gehen und sagen daß ich Sie selbst nicht tadle. Nein nein! Ich bemerkte recht gut, wie Sie bei dem Betragen Ihrer Schwiegermutter stutzten und erschracken. Sie erschracken beinahe ebenso sehr als ich, und das will viel sagen. Dennoch habe ich eine Pflicht gegen Sie zu erfüllen. Eine unangenehme, aber dennoch unerläßliche Pflicht. Ich bin unverheirathet; nicht etwa, daß es mir an Gelegenheiten gefehlt hatte, meine Lage zu verändern sondern aus freier Wahl. In dieser meiner Stellung wird es Ihnen begreiflich sein, daß ich nur achtbare Personen in meinem Hause empfangen kann. Geheimnißvolle Personen sind nichts für mich. Ein Geheimniß auf einer Person läßt immer, ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll – ich möchte Sie auch nicht gern beleidigen – einen gewissen Flecken zurück. Das ist der Ausdruck. Nun bedenken Sie doch selbst: darf eine Person in meiner Lebensstellung sich selbst beflecken, indem sie eine Befleckte aufnimmt? Ich mache diese Bemerkungen aus der reinsten Menschen- und Christenliebe. Da Sie doch eine Lady vorstellen wollen oder da Sie. . . . «
Hier konnte ich es nicht länger ertragen und unterbrach sie deshalb.
»Ich verstehe,« sagte ich, »daß Sie uns die Wohnung kündigen wollen, wann wünschen Sie, daß wir dieselbe verlassen.«
»Oh!« sagte die Wirthin wieder mit ihrer Protectormiene. »Nicht diesen Ton nicht diese Blicke! Ich verstehe ja vollkommen daß Sie Sich gekränkt fühlen müssen. Versuchen Sie doch Sich wieder zu beruhigen. Sie meinen, wann Sie die Wohnung räumen sollen? Wir wollen sagen in einer Woche. Ich will ja als Freundin an Ihnen handeln obgleich Sie nicht wissen, welch’ ein grausames Opfer ich Ihnen bringe.«
»Sie!« rief ich aus. »Und welches Opfer bringen Sie mir denn?«
»Welches Opfer?« wiederholte die Wirthin. Ich habe mich als anständige Frau herabgesetzt. Ich habe meine Selbstachtung verwirkt.« Sie schwieg einen Augenblick, dann ergriff sie mit einem förmlichen Freundschaftsenthusiasmus meine Hand. »O, Sie armes unglückliches Geschöpf! rief die unleidliche Person, »ich habe Alles entdeckt! Ein Schurke hat Sie betrogen. Sie sind nicht mehr verheirathet als ich es bin!«
Ich zog meine Hand aus der ihren und stand auf.
»Sind Sie wahnsinnig?« fragte ich.
Die Wirthin erhob ihre Augen zur Decke, mit dem Ausdruck, als wenn sie ein wohlverdientes Märtyrerthum erlitte.
»Ja,« sagte sie. »Ich beginne allerdings wahnsinnig zu werden, bei dem Gedanken, daß ich mein hartes Opfer, meine schwesterliche und christliche Liebe an eine Frau wegwarf, die es nicht verdient. Ich werde es aber auch nicht wieder thun. Der Himmel vergebe mir; ich werde es nicht wieder thun!«
»Was wollen Sie nicht wieder thun?« fragte ich.
»Ihrer Schwiegermutter nachgehen,« schrie die Wirthin. »Ich erröthe, wenn ich daran denke. Ich folgte dieser höchst achtbaren Frau auf Schritt und Tritt bis zu ihrer Thür.
Bis hierher hatte mich mein Stolz aufrecht erhalten, jetzt ertrug ich es nicht länger. Ich sank auf meinen Stuhl zurück, in erwartungsvoller Furcht, was nun noch kommen werde.
»Ich warf Ihnen einen Blick zu, als ich Sie am Strande verließ,« fuhr die Wirthin fort, indem sie lauter und lauter, röther und röther wurde. »Eine dankbare Frau würde jenen Blick verstanden haben. In fünf Minuten hatte ich Ihre Schwiegermutter eingeholt. Ich folgte ihr – O, wie ich mich jetzt dadurch gedemüthigt fühle – ich folgte ihr bis zum Bahnhof in Broadstairs. Sie kehrte mit der Bahn nach Ramsgate zurück. Ich ging auch mit der Bahn nach Ramsgate. Sie begab sich zu Fuß nach ihrer Wohnung. Ich begab mich auch nach ihrer Wohnung. Hinter ihr her – wie ein Hund! O, wie ich mich dadurch gedemüthigt fühle! Der Wirth des Gasthofes war zufällig mein Freund und zufällig zu Hause. Was Gäste anbetrifft, haben wir kein Geheimnis vor einander. Deshalb befinde ich mich in der Lage, Madame, Ihnen den wahren Namen Ihrer Schwiegermutter zu nennen. Sie heißt nicht Woodville. Ihr Name, und folglich auch ihres Sohnes Name ist Macallan. Mrs Macallan, Wittwe des verstorbenen Generals Macallan. Ihr Gatte ist also nicht Ihr Gatte! Sie sind weder Mädchen, Frau noch Wittwe. Sie sind schlechter als Nichts, Madame – und Sie müssen mein Haus meiden.«
Ich hielt sie zurück, als sie die Thür öffnete, um das Zimmer zu verlassen. Der Zweifel, den sie auf meine Verheirathung geworfen hatte, war mehr, als menschliche Resignation ertragen konnte.
»Geben Sie mir Mrs. Macallan’s Adresse,« sagte ich.
»Sie wollen doch nicht zu der alten Dame?« entgegnete die Wirthin, vom Zorn zum Staunen übergehend.
»Nur die alte Dame kann mir erzählen, was ich wissen muß,« antwortete ich. »Ihre Entdeckung mag genug sein für Sie; für mich ist sie es nicht. Woher können Sie wissen, daß Mrs. Macallan nicht zweimal verheirathen und daß der Name ihres ersten Gatten nicht Woodville war?«
Das Staunen der Wirthin ging jetzt in Neugier über. Der Grundcharacter der Frau war eigentlich Gutmüthigkeit, und ihre zornigen Aufwallungen besaßen jene Kurzlebigkeit, wie sie bei alten gutmüthigen Menschen vorkommt; schnell erregt und schnell verflogen.
»Daran dachte ich nicht,« sagte sie. »Wenn ich Ihnen die Adresse gebe, wollen Sie mir denn auch Alles erzählen, wenn Sie zurückkommen?«
Ich gab ihr das Versprechen und empfing die Adresse.
»Nichts für ungut,« sagte die Wirthin, plötzlich zu ihrer alten Gutmüthigkeit zurückkehrend.
»Nichts für ungut,« entgegnete ich, so gelassen, wie es mir in diesem Augenblicke möglich war.
Zehn Minuten weiter und ich befand mich vor dem Hause meiner Schwiegermutter.
Sechstes Capitel.
Meine eigene Entdeckung
Glücklicher Weise für mich öffnete mir nicht der Wirth, als ich klingelte. Ein dumm aussehendes Mädchen für Alles, das gar nicht daran dachte, nach meinem Namen zu fragen, ließ mich ein. Mrs. Macallan war zu Hause und allein. Nach diesem Bescheid führte mich das Mädchen eine Treppe hinan und wies mich in das Zimmer, ohne mich vorher angemeldet zu haben.
Meine Schwiegermutter saß am Fenster und häkelte. Als ich in das Zimmer trat, legte sie ihre Arbeit fort, stand auf und deutete mir mit einer gebieterischen Bewegung au, daß sie zuerst zu sprechen wünsche.
»Ich weiß, weshalb Sie zu mir gekommen sind,« sagte sie.
»Sie wollen mir Fragen vorlegen Schonen Sie mich und Sich selbst. Ich sage es Ihnen im Voraus, daß ich keine, Frage in Betreff meines Sohnes beantworten werde.«
Das war fest, aber ohne Härte gesprochen. Ich antwortete in derselben Weise.
»Ich bin nicht hierher gekommen, Madame, um Sie in Betreff Ihres Sohnes zu befragen, sondern in Betreff Ihrer selbst.« Sie stutzte und blickte mich scharf über ihre Brillengläser an; ich hatte sie offenbar in Erstaunen gesetzt.
»Was wünschen Sie zu wissen?« fragte sie.
»Ich höre heute zum ersten Male, Madame, daß Ihr Name Macallan ist,« sagte ich.
»Ihr Sohn hat mich unter dem Namen Woodville geheirathet, die einzige Erklärung dieses Umstandes ist die, daß mein Gatte Ihr Sohn erster Ehe sein könnte. Das Glück meines Lebens hängt davon ab. Wollen Sie gütigst meine Lage in Betracht ziehen. Wollen Sie mir die Frage gestatten, ob Sie zweimal verheirathet waren, und ob Ihr erster Gemahl Woodville hieß?«
Sie überlegte ein wenig, ehe sie antwortete.
»Die Frage ist in Ihrer Stellung eine ganz natürliche,« sagte sie. »Aber ich halte es für besser, sie nicht zu beantworten.«
»Und weshalb nicht?«
»Wenn ich diese Frage beantwortete, würde sie zu anderen führen, über die ich die Antwort verweigern müßte. Es thut mir leid, daß ich Sie enttäuschen muß. Ich wiederhole Ihnen, was ich bereits am Strande gesagt, ich habe kein anderes Gefühl als das der Sympathie für Sie. Hatten Sie mich vor Ihrer Heirath um Rath gefragt, würde ich Ihnen mein volles Vertrauen geschenkt haben. Nun ist es zu spät. Sie sind verheirathet. Ich rathe Ihnen, der Sache die beste Seite abzugewinnen und sich mit der Lage der Dinge zu begnügen, wie sie ist.«
»Verzeihen Sie mir, Madame,« entgegnete ich. »Wie kann ich mich damit begnügen, da ich nicht einmal weiß, ob ich verheirathet bin. Ich weiß nur, daß er mich unter falschem Namen geehelicht. Auf welche Weise kann ich erfahren, ob ich seine rechtmäßige Frau bin?«
»Ich halte es für außer allem Zweifel, daß Sie ihm rechtmäßig angetraut sind,« antwortete Mrs. Macallan. »Uebrigens dürfte es nicht, schwer sein, sachverständige Auskunft darüber zu erhalten. Welches auch die Fehler meines Sohnes sein mögen, so ist er dennoch unfähig, wissentlich ein Mädchen zu betrügen, das ihm liebend vertraute, und wenn er es unwissentlich gethan, wird er den Fehler wieder gut machen. Wenn die sachverständige Auskunft Ihren rechtlichen Ansprüchen zuwider ist, verspreche ich, Ihnen jede Frage zu beantworten, die Sie an mich richten werden. Ich bin überzeugt, daß Sie meines Sohnes rechtmäßige Frau sind. Folgen Sie meinem Rath und begnügen Sie Sich mit Ihres Gatten Liebe. Wenn Seelenfriede und Lebensglück Ihnen etwas werth sind, so stehen Sie davon ab, mehr erfahren zu wollen, als Sie bis jetzt wissen.«
Sie setzte sich mit einer Miene, als hätte sie ihr letztes Wort gesagt.
Da ferneres Fragen mir nutzlos erschien, wandte ich mich zum Gehen.
»Sie sind hart gegen mich, Madame,« sagte ich beim Scheiden. »Ich hänge von Ihrer Barmherzigkeit ab und muß mich fügen.« Sie blickte plötzlich empor und antwortete mir mit seinem Aufleuchten ihres gütigen, hübschen, alten Gesichtes.
»So wahr Gott mein Zeuge, Kind, ich bemitleide Sie aus dem Grunde meines Herzens!«
Nach diesem seltsamen Gefühlsausbruch nahm sie mit der einen Hand ihre Arbeit wieder auf und winkte mir mit der anderen, sie zu verlassen.
Ich verbeugte mich schweigend und ging.
Als ich das Haus betrat, war ich mir völlig im Unklaren, was ich in Zukunft zu thun hätte. Als ich das Haus verließ, hatte ich den festen Entschluß gefaßt, es möge kosten, was es wolle, das Geheimniß zu entdecken, welches Mutter und Sohn vor mir verbargen. Was den Namen anbetrifft, so hatte ich jetzt dieselbe Ansicht darüber, als ich sie das erste Mal gehabt. Wäre Mrs. Macallan zweimal verheirathet gewesen, so würde sie es ohne Zweifel markirt haben, wenn sie mich bei dem Namen ihres ersten Gatten anreden hörte. Soviel stand jedenfalls fest, Eustace hatte mich unter einem angenommenen Namen geheirathet.
Als ich mich der Thür unseres Gasthauses näherte, sah ich meinen Gatten, augenscheinlich in Erwartung meiner Rückkehr, vor derselben auf- und niedergehen.
Als er mich erblickte, trat er mir schnell und aufgeregt entgegen.
»Ich habe eine Gunst von Dir zu erbittert, Valeria,« sagte er. »Willst Du mich mit dem nächsten Zuge nach London begleiten?«
Ich blickte ihn fragend an.
»Es betrifft eine Geschäftsangelegenheit,« fuhr er fort, »die nur mich interessirt und die meine sofortige Gegenwart in London erheischt.«
Ich hatte nichts dagegen einzuwenden; im Gegentheil, die Fahrt war mir angenehm. In London konnte ich die gewünschte Auskunft über die Rechtmäßigkeit meiner Ehe einziehen. In London standen mir Rath und Hilfe des alten Benjamin zur Seite, dem ich vertrauen konnte wie keinem Andern. So sehr ich meinen Onkel Starkweather liebte, widerstrebte es meinem Gefühl, mich jetzt an ihn zu wenden. Seine Frau hatte es für ein schlechtes Beginnen erklärt, als ich den unrichtigen Namen unter die Trauacte gesetzt. Mein Stolz empörte sich dagegen, ihr Recht zu geben, ehe die Flitterwochen vorüber waren.
In zwei Stunden befanden wir uns auf der Eisenbahn. Welcher Contrast zwischen dieser Reise und der vorigen!
Wir begaben uns in ein Privathotel in der Nähe Portland Plato. Nachdem wir am anderen Tage gefrühstückt, kündigte mir Eustace an, daß er mich verlassen müsse, um seinem Geschäft nachzugehen. Ich hatte ihm schon vorher gesagt, daß ich Einkaufe zu machen wünschte. Er bestellte mir den Hotelwagen.
Mein Herz war schwer an jenem Morgen.
Als Eustace bereits die Thür geöffnet hatte, um zu gehen, kehrte er noch einmal zurück und küßte mich. Der kleine Beweis von Zärtlichkeit ließ eine Thräne in mein Auge treten. Der Eingebung des Augenblicks folgend, schlang ich den Arm um seinen Nacken und zog ihn näher an mich.
»Schenke mir Dein Vertrauen, Eustace,« sagte ich.
»Ich weiß, daß Du mich liebst, zeige mir auch, daß Du mir vertraust.« Er seufzte bitterlich und entzog sich meiner Umarmung; nicht zornig, sondern sorgenvoll.
»Ich dachte, wir wären übereingekommen, Valeria, den Gegenstand nicht mehr zu berühren,« sagte er. »Weshalb neue Wolken zwischen uns herauf beschwören?«
Er verließ schnell das Zimmer, und ich ließ den Wagen verfahren, um meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben.«
Nachdem ich meine Einkäufe gemacht, fuhr ich nach Benjamins Villa in einer der Nebenstraßen von St. Johns Wood.
Nach dem ersten Erstaunen, mich so unerwartet zu sehen, bemerkte er mein blasses, angegriffenes Antlitz. Wir setzten uns an den Kamin der kleinen Bibliothek und dort erzählte ich dem alten Freunde auf das Genaueste meinen Kummer und dessen Ursachen.
Er drückte in warmer Theilnahme meine Hand und dankte Gott, daß mein Vater nicht gehört, was seine Ohren jetzt vernommen.
»Macallan?« sagte er dann leise vor sich hin. »Macallan? Wo habe ich denn den Namen schon gehört?«
Dann gab er das vergebliche Forschen auf und fragte, was er für mich thun könne. Ich bat ihn zunächst, mir den schrecklichen Zweifel aufklären zu helfen, ob ich rechtmäßig verheirathet sei oder nicht. Er war sofort zu meinem Dienst bereit.
»Ihr Wagen steht vor der Thür, liebes Kind,« sagte er. »Lassen Sie uns sogleich zu meinem Notar fahren.«
Wir fuhren nach Lincoln's Inn Fields.
Benjamin trug dem Notar die Frage vor, als die Sache meiner Freundin, für die ich mich interessirte. Die Antwort erfolgte unverzüglich. Ich hatte im guten Glauben, daß der angegebene Name der richtige sei, meinen Mann geheirathet, und die Zeugen hattest in demselben Glauben gehandelt. Unter diesen Umständen war meine Ehe eine zweifellos gültige. Macallan oder Woodville, ich war seine Frau.
Diese entschiedene Antwort hob eine Centnerlast von meiner Seele. Ich nahm die Einladung meines alten Freundes an, zu seiner frühen Stunde bei ihm zu speisen. Unterwegs theilte ich ihm meinen Entschluß mit, entdecken zu wollen, weshalb Eustace mich nicht unter seinem wahren Namen geheirathet.
Benjamin schüttelte den Kopf und gab mir seltsamer Weise, fast Wort für Wort, denselben Rath, den ich bereits von meiner Schwiegermutter empfangen: »Lassen Sie die Dinge gehen, wie sie sind. Im Interesse Ihres Seelenfriedens und Ihrer Ruhe begnügen Sie Sich mit der Liebe Ihres Gatten. Sie wissen jetzt, daß Sie sein rechtmäßiges Weib sind, und daß er Sie liebt. Ist das genug?«
Ich hatte nur eine Antwort hierauf: daß das Leben unter solchen Umständen mir geradezu unerträglich sei. Nichts konnte in dieser Beziehung meinen Entschluß ändern. Es handelte sich nur darum, ob Benjamin, auch wenn ich gegen seine Ansicht handelte, mir Rath und Hilfe gewähren wolle.
»Sagen Sie, was Sie von mir begehren,« war Alles, was er darauf erwiderte.
Wir fuhren gerade durch eine Straße in der Gegend von Portman Square. Ich wollte eben wieder zu reden beginnen, als die Worte auf meinen Lippen erstarben. Ich sah meinen Gatten.
Er trat aus einem Hause; seine Blicke waren zu Boden gerichtet, er schenkte dem vorüberfahrenden Wagen keine Aufmerksamkeit. Ich bemerkte, daß die Nummer des Hauses 16 sei. An der nächsten Ecke las ich auch den Namen der Straße. Es war Vivian Place.
»Wissen Sie vielleicht zufällig, wer Vivian Place Nr. 16 wohnt?« fragte ich meinen Begleiter.
»Nein,« entgegnete er erstaunt.
»Weshalb die Frage?«
»Ich sah Eustace eben das Haus verlassen.«
»Und was ist daran Wunderbares?«
»Alles, was mein Mann thut, erregt mein Mißtrauen, Benjamin.«
Benjamin hob seine welken Hände wie zum Gebet und ließ sie dann wieder still in den Schooß sinken.
»Ich wiederhole Ihnen,« fuhr ich fort, »ich kann mit diesem Zweifel gegen den Mann meiner Liebe das Leben nicht länger ertragen. Setzen Sie Sich in meine Lage, was würden Sie thun?«
»Ich würde versuchen, einen intimen Freund Ihres Gatten aufzufinden,« sagte er, »nur ihm einige discrete Fragen vorzulegen.«
Sofort fiel mir der Major Fitz-David ein.
Was konnte es mir schaden, wenn ich den Versuch machte?
Ich wollte mich sofort um seine Adresse bemühen und fragte Benjamin, ob er einen Wohnungsanzeiger zu Hause habe.
Er verneinte, fügte aber hinzu, daß er sofort darnach schicken wolle.
Wir kehrten nach der Villa zurück, und als wir bei Tische saßen, langte auch das Buch an.
Indem ich unter 'F' nach des Majors Namen suchte, wurde ich durch eine neue Entdeckung stutzig gemacht. »Sehen Sie hier,« sagte ich zu Benjamin; »welch’ seltsames Zusammentreffen.«
Major Fitz-David’s Adresse war Nr. 16, Vivian Place. Dasselbe Haus, aus dem ich meinen Gatten hatte kommen sehen, als wir vorüber fuhren.
Siebentes Capitel.
Auf dem Wege zum Major
»Ja,« sagte Benjamin, »das ist allerdings ein seltsames Zusammentreffen Aber ich sehe durchaus nichts Verdächtiges darin, wenn Ihr Gemahl während seiner Anwesenheit in London einen seiner Freunde besucht, und es ist ebenso natürlich, daß wir auf unserm Rückwege vom Notar Vivian Place passieren mußten.«
»Das mag ja sein. Mir sagt aber eine unabweisliche innere Stimme, daß der Besuch beim Major kein zufälliger, sondern ernstlich vorgenommener, war.«
»Lassen wir uns nicht bei unserem Diner stören,« sagte Benjamin.
»Hier ist eine Schnitte Hammelbraten. Darf ich sie Ihnen auf den Teller legen? Oder sehen Sie etwas Verdächtiges darin? Bitte, zeigen Sie mir, daß Sie kein Mißtrauen in den Hammelbraten haben. Und der Wein ist auch ganz offen und ehrlich. Ihr Wohlsein, mein Kind!«
Ich nahm den Humor des alten Mannes an, so gut ich konnte, und wir aßen und tranken und sprachen von vergangenen Zeiten. Für eine kleine Weile fühlte ich mich beinahe glücklich in der Gesellschaft meines väterlichen Freundes, »Weshalb war ich nicht ebenfalls alt? Weshalb hatte ich nicht die Liebe hinter mir, mit ihrem gewissen Elend, ihren vorübergehenden Wonnen und grausamen Verlusten? Die letzten Herbstblumen am Fenster erglänzten matt im herbstlichen Sonnenlicht. Benjamins kleiner Hund verzehrte mit vollkommener Seelenruhe sein Diner unter dem Ofen. Der Papagei im Nebenhanse ließ seine mistönende Stimme erschallen. Ich setze keinen Zweifel darin, daß es ein großes Vorrecht ist, ein menschliches Wesen zu sein. Aber wären wir nicht vielleicht glücklicher als Pflanze oder als Thier? Das kurze Wohlbehagen ging schnell vorüber, und meine früheren Beängstigungen kehrten zurück. Als ich aufstand, um mich zu empfehlen, war ich wieder dasselbe zweifelnde, verzagende unglückliche Geschöpf wie zuvor.
»Versprechen Sie mir, Sich nicht zu übereilen, mein Kind,« sagte Benjamin, als er mir die Thür öffnete.
»Ist es eine Uebereilung, zum Major Fitz-David zu gehen?« fragte ich.
»Wenn Sie allein gehen, ja; Sie können nicht wissen, was für ein Mann es ist, und wie Sie von ihm empfangen werden. Lassen Sie mich jetzt versuchen, Ihnen den Weg zu bahnen.«
Ich überlegte einen Augenblick. Dann faßte ich aber einen entscheidenden Entschluß. Ich wollte die ganze Verantwortung auf meine eigenen Schultern nehmen. Gut oder schlecht, theilnehmend oder grausam, der Major konnte sich immerhin gegen eine Frau nicht vergessen.
Es war nicht leicht, Benjamin dies mitzutheilen, weil es ihn kränken konnte. Ich bat deshalb den alten Mann, am andern Morgen zu mir in’s Hotel zu kommen, damit wir die Angelegenheit noch einmal durchsprächen. Ich muß aber zu meiner Schande gestehen, daß ich bereits mit mir einig war, vorher dem Major meinen Besuch abzustatten.
»Noch einmal, keine Uebereilung, mein Kind,« sagte Benjamin, mir die Hand drückend. »In Ihrem eigenen Interesse, keine Uebereilung.«
Als ich zu Hause kam, wartete Eustace bereits auf mich. Er schien bedeutend besserer Laune, als er bei unserem Scheiden gewesen. Er trat mir freundlich mit einem offenen Bogen Papier in der Hand entgegen.
»Mein Geschäft ist abgethan Valeria,« begann er heiter. »Kannst Du dasselbe von Deinen Einkäufen sagen?«
Ich hatte bereits seiner heiteren Laune mißtrauen gelernt und war deshalb vorsichtig geworden. »Ich bin mit Allem fertig,« entgegnete ich.
»Dann steht unserer Abreise nichts entgegen,« rief er, seinen Arm um meine Taille schlingend, und mir das Blatt Papier zum Lesen vor die Augen haltend. Es war ein Telegramm an den Steuermann der Yacht des Inhalts, daß wir diesen Abend nach Ramsgate zurückkehren und mit Eintritt der nächsten Fluth nach dem mittelländischen Meer absegeln wollten.
»Es thut mir leid, ich kann heute Abend nicht nach Ramsgate zurückgehen,« sagte ich.
»Und weshalb nicht?« fragte er, plötzlich seinen Ton ändernd.
Als er darauf einen Kuß aus meine Stirn drückte, machte er den Entschluß wankend in meiner Seele, zu Major Fitz-David zu gehen. Es bedurfte nur einer einzigen Liebkosung seinerseits, ihm mein Herz wieder ohne Rückhalt zuzuwenden. Als ich aber die Augen zu ihm emporwandte, bemerkte ich ein ungeduldiges Lauern in seinem Blick. Ich wurde sofort wieder eine Andere. Ich fühlte deutlich, daß ich nicht stillstehen dürfe sondern auf meinem Wege vorwärts schreiten müsse.
»Ich sagte Dir ja schon in Ramsgate daß ich noch einer Frist bedürfe, bis wir absegelten,« entgegnete ich ihm.
»Zu welchem Zweck?«
Nicht allein der Ton, sondern auch der Blick, indem er diese Frage an mich that, ließen jeden Nerv in mir erzittern. Die ganze nächste Vergangenheit kam mir wieder frisch ins Gedächtniß. Um aber nichts Uebereiltes zu sagen, schwieg ich lieber. Frauen allein können verstehen, was mich dieses Schweigen kostete, und Männer allein können verstehen, wie dieses Schweigen meinen Gatten irritiren mußte.
»Du brauchst Frist?« wiederholte er.
»Ich frage Dich noch einmal, zu welchem Zweck?«
Meine Selbstbeherrschung bis an die äußerste Grenze getrieben, verließ mich hier. »Ich bedarf der Frist,« sagte ich, »um mich an meinen wahren Namen zu gewöhnen.«
Er trat mit finsterem Blick auf mich zu.
»Was verstehst Du unter Deinem wahren Namen?«
»Das weißt Du ja,« antwortete ich.
»Erst dachte ich, daß ich Mrs. Woodville wäre, jetzt habe ich erfahren, daß ich Mrs. Macallan bin.«
Er schreckte vor seinem eigenen Namen zurück, als wenn ich ihn geschlagen hätte – er wurde so tödtlich bleich, daß ich glaubte, er werde ohnmächtig zu meinen Füßen sinken. – O, meine Zunge, meine Zunge! Weshalb hatte ich meine unglückselige Zunge nicht bemeistert?«
»Ich wollte Dich nicht verletzen, Eustace,« sagte ich. »Verzeihe mir.«
Er winkte ungeduldig mit der Hand, als wenn meine Worte glühende Käfer wären, die er verjagen wollte.
»Was hast Du noch mehr entdeckt?« fragte er mit leiser, ernster Stimme.
»Nichts, Eustace?«
»Nichts?« wiederholte er, indem er seine Hand vor die Stirn preßte, wie um einen Schmerz zu betäuben. »Natürlich nichts,« fügte er noch leiser, wie zu sich selbst sprechend, hinzu, »sonst würde sie ja nicht hier sein.« Er warf einen langen forschenden Blick auf mich.
»Sage das nie wieder, was Du soeben gesagt,« fuhr er dann fort. »Um Deinet- und meinetwillen, Valeria; nie ein Wort mehr darüber.«
Dann sank er in den nächsten Stuhl und sprach nicht mehr.
Ich hatte die Warnung vollständig gehört; aber die einzigen Worte, welche einen wirklichen Eindruck auf mich machten, waren die vorhergehenden, die er zu sich selbst gesprochen hatte: »Natürlich nichts, sonst würde sie ja nicht hier sein.«
Wenn ich also noch etwas Anderes, außer dem falschen Namen, entdeckt hätte, würde es mich verhindert haben, zu meinem Gatten zurückzukehren? Was konnte das Schreckliche sein, das uns auf immer geschieden hätte? Ich stand schweigend an seinem Stuhl und suchte vergebens die Antwort auf meine Fragen in seinem Antlitz. Sonst war es so beredt wenn es mir von Liebe sprach; jetzt sagte es mir Nichts.
Er saß einige Zeit, ohne mich anzublicken, und in tiefe Gedanken versunken.
Dann stand er plötzlich auf und nahm seinen Hut »Der Freund, der mir die Yacht lieh, befindet sich in London,« sagte er, »ich will zu ihm gehen und ihm sagen, daß wir unseren Plan geändert haben.« Er zerriß das Blatt mit einer Art dumpfer Resignation. »Du suchst keinen Aufschub, Du willst überhaupt nicht mit mir zur See gehen,« fügte er hinzu, »es ist also besser, wenn wir es aufgeben.«
»Bestimme darüber, wie Du willst, Eustace,« entgegnete ich traurig. »Jeder Weg durch meine Zukunft scheint mir ein- trostloser. So lange ich von Deinem Vertrauen ausgeschlossen bin, ist es ganz gleich, ob wir auf dem Lande oder der See leben; glücklich werden wir nirgends sein.«
»Wenn Du im Stande wärst, Deine Neugier zu mäßigen,« entgegnete er ernst, »könnten wir glücklich genug leben. Ich glaubte ein Weib geheirathet zu haben, das über den Schwachheiten seines Geschlechtes erhaben wäre. Eine gute Frau sollte etwas Besseres thun, als sich in die Angelegenheiten ihres Gatten drängen, die sie nichts angehen.«
Das war gewiß schwer zu ertragen, aber ich ertrug es.
»Es geht mich also nichts an,« fragte ich freundlich, »wenn ich entdecke, daß mein Gatte mich unter falschem Namen geheirathet? Es geht mich nichts an, wenn ich Deine Mutter sagen höre, daß sie mich bemitleidete? Es ist hart, mich der Neugier zeihen zu hören, weil ich die unerträgliche Stellung nicht annehmen kann, in die Du mich versetzest. Dein grausames Schweigen vergiftet unser Glück und trennt uns von einander, nachdem wir kaum angefangen haben, gemeinsam zu leben. Und dieser Gefühle wegen tadelst Du mich? Du sagst, ich dränge mich in Deine Angelegenheiten? Bedenke daß Deine Angelegenheiten auch die meinen sind. O, Eustace, weshalb läßt Du mich im Dunkeln?«
»Um Deines eigenen Besten willen,« antwortete er mit mitleidsloser Kürze.
Ich wandte mich schweigend von ihm ab. Er behandelte mich wie ein Kind.
Nach einer Weile legte er die Hand auf meine Schulter und zwang mich, ihn wieder anzublicken.
»Höre mich an,« sagte er. »Was ich Dir jetzt mittheilen werde, sage ich Dir zum ersten und zum letzten Male Valeria! Wenn Du jemals entdeckst was ich Deinem Wissen vorenthalte, dann lebst Du von diesem Augenblick an auf der Folter; Deine Ruhe ist dahin für immer. Deine Tage werden Tage des Schreckens sein; Deine Nächte voller entsetzlicher Träume! »Und ohne meine Schuld – bedenke das wohl – ohne meine Schuld! Jeder Tag Deines Lebens wird Dir neuen Kummer bringen, neue Furcht vor mir – und dennoch wirst Du mir fortwährend Unrecht thun. Bei meinem Glauben als Christ, bei meiner Ehre als Mann, wenn Du noch einen Schritt weiter thust in dieser Sache, dann ist unser Glück gemordet bis an unsern Tod! Ziehe ernstlich in Betracht, was ich Dir gesagt habe, und lasse Dir Zeit dazu. Ich gehe nun zu meinem Freunde um ihm zu sagen, daß wir unsern Plan aufgegeben. Ich werde vor Abend nicht zurück sein.« Er seufzte und blickte mich mit unbeschreiblicher Trauer an. »Ich liebe Dich, Valeria,« sagte er. »Trotz Allem, was vorgekommen ist, so wahr Gott mir helfe, ich liebe Dich mehr denn je.«
Mit diesen Worten verließ er mich.
Ich muß die vollständige Wahrheit über mich schreiben. Ich glaube kaum, daß ein anderes Weib in meiner Stelle ebenso gehandelt hätte, wie ich es that. Die entsetzlichen Worte die mein Mann zu mir gesprochen, übten keinen niederschmetternden Einfluß auf mich, im Gegentheil, sie bestärkten mich nur in meinem Entschloß, zu entdecken, was mir verborgen ward. Eustace war noch nicht zwei Minuten fort, als ich den Wagen bestellte, um zu Major Fitz-David zu fahren.
Während ich noch wartete und unruhig auf- und niederging, warf ich zufällig einen Blick in den Spiegel.
Ich erschrak vor meinem eigenen Antlitz, so wild und verstört sah es aus. Konnte ich hoffen, in diesem Zustande den nothwendig günstigen Eindruck auf einen Fremden zu machen? Meine ganze Zukunft hing vielleicht davon ab, wie ich von dem Major Fitz-David aufgenommen wurde.
Ich klingelte nachdem Stubenmädchen und dieses erschien. Ich kann keine bessere Erklärung von der verzweifelten Stimmung geben, in der ich mich befand, als durch das Geständniß, daß ich diese vollständig fremde Person über meine äußere Erscheinung befragte Sie war bereits in mittleren Jahren, und eine lange Lebenserfahrung mit all’ ihrem Elend, allen ihren Täuschungen war deutlich auf ihrem Antlitz geschrieben. Ich gab ihr soviel Geld, daß es ihr Erstaunen erweckte. Sie dankte mir mit cynischem Lächeln indem sie sichtlich meiner Annäherung an sie eine übliche Bedeutung gab.
»Was kann ich für Sie thun, Madame?« fragte sie mit vertraulichem Lächeln. »Sprechen Sie nicht so laut. Es ist Jemand im Nebenzimmer.«
»Ich wünsche hübsch auszusehen,« sagte ich, »und Sie sollen mir dabei behilflich sein.«
»Ich verstehe Madame.«
»Was verstehen Sie?«
»Ich weiß ja mit diesen Sachen Bescheid,« flüsterte sie mit einem bedeutungsvollen Kopfnicken. »Es ist ein Gentleman im Spiel.« Dann sah sie mich mit einem prüfenden Blicke an. »Ich würde meinen Anzug nicht wechseln, wenn ich in Ihrer Stelle wäre,« fuhr sie fort, »denn er steht Ihnen vortrefflich.«
Es war zu spät die Unverschämtheit des Weibes zurückzuweisen, ich konnte nicht anders, als mich ihrer bedienen. Uebrigens hatte sie in Betreff des Anzuges Recht Ich trug ein hellgrünes Seidenkleid, reich mit Spitzen besetzt, ganz entschieden das beste meiner ganzen Toilette. Mein Haar dagegen bedurfte noch der Sorgfalt einer geschickten Hand. Das Mädchen arrangirte es mit bewunderungswürdiger Uebung. Als sie Kamm und Bürste niederlegte blickte sie mich an und suchte emsig auf dem Tische umher.
»Wo haben Sie denn das hingelegt?« fragte sie.
»Ich weiß nicht was Sie meinen.«
»Sehen Sie doch nur Ihr blasses Antlitz, Madame. Er wird erschrecken, wenn er Sie anschaut Sie müssen einen Anflug von Farbe haben. Wo haben Sie es denn hingelegt? Wie? Sie besitzen es nicht? Sie brauchen es nie? O, wie unrecht!«
Damit ging sie hinaus und kam bald mit Schminke und Puder wieder. Ich that nichts, um sie von ihrem Vorhaben zurückzuhalten. Als ich nach einiger Zeit wieder in den Spiegel blickte, hatte mein Antlitz eine falsche Farbe, mein Auge einen falschen Glanz, und ich war weit entfernt mich davor zu entsetzen. Im Gegentheil, ich war sehr zufrieden mit dem abscheulichen Betrug, an dem ich Theil genommen hatte.
Ich war nur darauf bedacht, mir durch irgend welches Mittel das Vertrauen des Majors zu gewinnen. Ich mußte um jeden Preis wissen, was jene letzten Worte meines Gatten bedeuteten?
Achtes Capitel.
Der Freund der Frauen
Es ist mir fast unmöglich, meine Gefühle zu beschreiben während ich nach der Wohnung des Majors Fitz-David fuhr. Von dem Augenblick an, wo ich mich den Händen des Stubenmädchens überlassen schien ich mein früheres Selbst verloren und einen anderen Charakter angenommen zu haben. Sonst hatte ich ein ängstliches und nervöses Temperament das jede Schwierigkeit übertrieb, welche sich mir entgegenstellte. Sonst wenn ich einem bedeutungsvollen Zusammentreffen mit einem Fremden entgegen gegangen wäre, würde ich sorgfältig überlegt haben, was ich zu sagen oder zu verschweigen hätte. Jetzt dachte ich mit keinem Gedanken an den Major; ich fühlte ein unbegrenztes Vertrauen zu mir selbst und setzte ein blindes Vertrauen in ihn. Ich kümmerte mich weder um Vergangenheit oder Zukunft; sondern lebte einzig und allein für die Gegenwart Ich interessirte mich für die Läden und für die vorüber fahrenden Equipagen. Ich bemerkte die bewundernden Blicke, welche mir die Fußgänger zuwarfen und freute mich sogar über dieselben. Ich sagte mir, daß diese Blicke ein günstiges Vorzeichen wären, wie ich von dem Major empfangen werden würde. Als wir vor das Haus Nr. 16 in Vivian Place fuhren, hegte meine Seele nur eine Befürchtung, nämlich die, daß der Major nicht zu Hause sein könne. Die Thür wurde mir von einem alten Diener geöffnet der aussah, als wenn er früher Soldat gewesen wäre. Er betrachtete mich mit ernster Aufmerksamkeit die allmälich in ein pfiffiges Wohlgefallen überging. Ich fragte nach dem Major Fitz-David. Die Antwort war nicht gerade ermuthigend. Der Mann wußte nicht bestimmt ob er zu Hause sei. Ich gab ihm meine Karte mit dem Namen Mrs. Eustace Woodville. Der Diener wies mich in ein Zimmer zu ebener Erde und verschwand mit meiner Karte.
Indem ich mich umblickte gewahrte ich eine Tapetenthür und, bei noch näherer Besichtigung, eine Spalte die groß genug war, um durch dieselbe Alles hören zu können, was im nächsten Zimmer gesprochen wurde.
»Was hast Du ihr gesagt, Oliver?« fragte eine männliche Stimme in leisen Tönen.
»Daß ich nicht gewiß wüßte, ob Sie zu Hause seien,« entgegnete der Diener, der mich eingelassen.
»Ich denke, es ist besser, sie nicht zu empfangen Oliver,« begann die Stimme des Majors wieder.
»Gut, Sir.«
»Sage, ich wäre ausgegangen und Du wüßtest nicht, wann ich zurückkäme,« fuhr der Major fort. »Die Lady möchte so gut sein und mir schreiben.«
»Gut, Sir.«
»Noch einen Augenblick, Oliver. – Ist sie jung?«
»Ja, Sir.«
»Hübsch?«
»Mehr als hübsch, Sir.«
»Fein?«
»Gewiß, Sir.«
»Groß?«
»Beinah’ so groß als ich, Sir.«
»Schlank?«
»Wie eine junge Birke, Sir.«
»Laß sie ein, laß sie ein, Oliver.«
Soviel war mir jetzt klar, ich hatte Recht gethan, das Stubenmädchen kommen zu lassen. Wie würde Olivers Bericht ausgefallen sein, wenn ich mit meinen bleichen Wangen gekommen wäre?«
Der Diener kam zurück und führte mich in das anstoßende Zimmer. Der Major Fitz-David trat mir zum Willkommen entgegen.
Er war ein wohl conservirter Sechziger, klein und schmächtig, und mit einer ganz außerordentlich langen Nase. Auf dem Haupt trug er eine sehr schöne braune Perrücke dann bemerkte ich noch lebhafte, kleine, graue Augen, gesunde Gesichtsfarbe kleinen, braun gefärbten militairischen Schnurrbart weiße Zähne und gewinnendes Lächeln. Er trug einen enganschließenden blauen Frack, mit einer Camelie im Knopfloch und einen prachtvollen Rubin am kleinen Finger seiner rechten Hand.
»Meine theure Mrs. Woodville,« sagte er, nachdem wir Beide Platz genommen »wir gütig von Ihnen, daß Sie mich besuchen. Ich habe mich schon lange darnach gesehnt Sie kennen zu lernen. Eustace und ich sind alte Freunde. Ich beglückwünschte ihn, als er mir seine Verheirathung anzeigte. Jetzt, nachdem ich sein Weib gesehen, beneide ich ihn.«
Meine Zukunft lag vielleicht in dieses Mannes Händen. Ich studierte ihn aufmerksam, um seinen Character aus seinen Zügen lesen zu können.
Die stechenden grauen Augen des Majors wurden sanfter als sie mich anschauten; seine starke rauhe Stimme sank zu leisen zärtlichen Tönen herab, wenn er mit mir sprach; sein Benehmen gegen mich war ein Gemisch von Bewunderung und Achtung. Er zog seinen Stuhl dicht an den meinen. Dann nahm er meine Hand und führte sie mit einem Seufzer an seine Lippen. »Theure Mrs. Woodville,« sagte er dann, meine Hand sanft wieder in den Schooß zurücklegend, »haben Sie Nachsicht mit einem alten Knaben, welcher Ihr bezauberndes Geschlecht verehrt. Wenn Sie wüßten welches Vergnügen ich dabei empfinde wenn ich Sie ansehe!«
Der alte Gentleman hatte gar nicht nöthig, dies kleine Geständniß zu machen. Man sah auf den ersten Blick, daß der Major Fitz-David ein Freund der Frauen war.
»Danke Ihnen Herr Major, für Ihren freundlichen Empfang und Ihr artiges Compliment,« sagte ich, einen so unbefangenen Ton annehmend, wie es mir möglich war. »Darf ich nun auch sprechen?«
Major Fitz-David ergriff noch einmal meine Hand, und rückte seinen Stuhl so dicht wie möglich an den meinen. Ich warf ihm einen ernstem Blick zu und machte einen Versuch, meine Hand zu befreien.
»Ich habe Sie heute zum ersten mal sprechen hören,« sagte der Major. »Ich befinde mich unter dem Einfluß Ihrer bezaubernden Stimme. Haben Sie Nachsicht mit einem alten Knaben Mrs. Woodville. Zürnen Sie mir nicht meiner unschuldigen Vergnügungen wegen. Lassen Sie mir diese allerliebste kleine Hand. Ich kamt weit besser zuhören, wenn ich Ihre Hand zwischen der meinen fühle. Die Damen haben alle Nachsicht mit meiner Schwäche. Sie werden hoffentlich keine Ausnahme machen. Was wollten Sie also die Güte haben, mir zu sagen?«
»Ich wollte sagen, Major, daß ich mich außerordentlich glücklich über Ihre freundliche Bewillkommnung fühle, und daß ich deshalb den Muth gewinne, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten.«
Ich war mir klar bewußt, daß ich zu schnell auf mein Ziel losging; aber des Majors Bewunderung für mich war mir mit noch größerer Schnelle vorangegangen, so daß ich die Nothwendigkeit fühlte, derselben Einhalt zu thun.
»Die Gefälligkeit ist so gut wie bewilligt,« sagte der Major, meine Hand loslassend, »und nun sagen Sie mir, wie befindet sich Eustace?«
»In sehr übler Laune,« antwortete ich.
»Ist sehr übler Laune!« wiederholte der Major. »Der beneidenswerthe Mann, der sich Ihr Gatte nennt, ist übler Laune? ist ja abscheulich! Ich werde ihn aus der Liste meiner Freunde streichen.«
»In diesem Falle müssen Sie mich gleich mit ausstreichen, denn ich bin noch weit mißgestimmter als er. Sie sind der Freund meines Gatten. Ihnen kann ich es also sagen, daß unser junges Eheleben kein glückliches ist.«
»Jetzt schon – nicht glücklich?« sagte der Major, mich erstaunt anblickend. »Ist denn Eustace der gefühlloseste aller Männer?«
»Er ist Deren Bester!« entgegnete ich. »Aber es ruht ein Geheimniß auf seiner Vergangenheit. —« Der Major unterbrach mich mit einer höflichen Geberde, die mir aber sehr verständlich sagte, daß, wenn ich mich auf indiscreten Grund begebe, er mich nicht dorthin begleiten würde.
»Meine theure Freundin!« rief er aus. »Sie besitzen unter tausend anderen entzückenden Eigenschaften eine lebhafte Einbildungskraft. Lassen Sie diese nicht die Oberhand gewinnen. – Womit kann ich Ihnen dienen? Eine Tasse Thee, Mrs. Woodville?«
»Bitte-, nennen Sie mich bei meinem richtigen Namen, Sir,« entgegnete ich. »Ich weiß so gut wie Sie, daß mein Name Macallan ist.«
Der Major stutzte und blickte mich aufmerksam an.
»Darf ich mir erlauben, zu fragen,« sagte er mit ganz verändertem Ton und Wesen, »oh Sie Ihrem Herrn Gemahl bereits die Entdeckung mitgetheilt haben, die Sie eben gegen mich geäußert?«
»Gewiß!« antwortete ich. »Ich habe meinen Gatten um eine Erklärung seines seltsamen Benehmens wegen gebeten, und er hat sie mir in einer Sprache verweigert, die mich erschreckte. Ich habe mich an seine Mutter gewandt, und diese hat mich in einem Ton zurückgewiesen, der mich demüthigte. Herr Major, ich habe keinen Freund als Sie, thun Sie mir den größesten aller Gefallen, sagen Sie mir, weshalb Eustace mich unter falschem Namen geheirathet.«
»Thun Sie mir auch den größesten aller Gefallen,« antwortete der Major, »und verlangen Sie das nicht von mir.«
Trotz seiner abschlägigen Antwort fühlte ich, daß der Major Sympathien für mich hatte, und beschloß daher, mich nicht so schnell aus dem Felde schlagen zu lassen.
»Ich muß es von Ihnen verlangen, Herr Major,« sagte ich. »Bedenken Sie doch meine Lage! Ich möchte lieber das Entsetzlichste hören, als zu fortwährender Ungewißheit verdammt zu sein. Ich liebe meinen Gatten von ganzem Herzen, aber in diesem Dunkel kann ich nicht mit ihm weiter leben. Ich vertraue mich Ihrer Gnade an, Herr Major, bitte, helfen Sie mir.«
Mehr konnte ich nicht sagen. In der furchtbaren Erregung des Augenblicks faßte ich die Hand des Majors und zog sie an meine Lippen. Der alte Gentleman zuckte zusammen, als wenn er einen electrischen Schlag bekommen hätte.
»Meine theure Lady,« rief er aus, »ich kann Ihnen nicht sagen, was ich für Sie empfinde! Sie entzücken mich, Sie überwältigen mich, Sie rühren mir das Herz. Ich kann aber wirklich nichts thun, als Ihre bewunderungswürdige Offenheit erwidern. Sie haben mich von Ihrer Lage unterrichtet. Lassen Sie mich Ihnen die meinige enthüllen. Aber fassen Sie Sich erst wieder! Ich habe hier ein Riechfläschchen für die Damen. Erlauben Sie mir, daß ich es Ihnen anbiete.«
Er brachte mir das Riechfläschchen und stellte eine kleine Bank unter meine Fuße.
»Unseliger Thor!« hörte ich ihn leise vor sich hinmurmeln, als er mich in Agonie befangen glaubte. »Wenn ich in Deiner Stelle ihr Gatte gewesen, ich hätte ihr die Wahrheit gesagt, was auch daraus entstanden wäre.«
Ich zitterte. War er im Begriff, mir das Geheimniß zu enthüllen?
Der aufregende Gedanke beschäftigte noch meinen Geist, als ich durch ein lautes, anmaßendes Klopfen an der Straßenthür erschreckt wurde. Der Major horchte aufmerksam. Einen Augenblick daraus ward die Thür geöffnet, und ich hörte deutlich das Rauschen eines seidenen Kleides auf dem Flur. Der Major eilte, mit der Schnelligkeit eines jungen Mannes nach der Stubenthür. Es war zu spät. Gerade als er die Thür erreicht hatte, wurde sie von der andern Seite heftig aufgerissen. Die Dame mit dem rauschenden Seidenkleid stürzte in’s Zimmer.
Neuntes Capitel.
Die Niederlage des Majors
Major Fitz-David's Besuch erwies sich als ein plumpes, rundäugiges, übermäßig geputztes Mädchen mit rothem Gesicht und strohblondem Haar. Nachdem sie mir einen fast intpertinenten Blick des Erstaunens zugeworfen, entschuldigte sie ihr unangemeldetes Hereinkommen bei dem Major allein. Das Geschöpf hielt mich unzweifelhaft Tür den Gegenstand der jüngsten Neigung des Majors, und sie verbarg deshalb keineswegs ihre mimische Mißbilligung, uns beide zusammen zu sehen.
Major Fitz-David arrangirte die Sache sogleich mit seiner unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit. Er küßte die Hand des geputzten Mädchens mit derselben Ehrfurcht, mit der er die meine geküßt hatte, und sagte ihr, daß sie entzückend aussähe. Dann führte er sie, mit seiner glücklichen Mischung von Bewunderung und Respect, zu der Thür, durch welche sie eingetreten.
»Ich brauche mich wohl nicht zu entschuldigen, mein Kind,« sagte er. »Diese Dame ist in Geschäften bei mir. Sie werden Ihren Gesanglehrer im oberen Salon finden. Beginnen Sie nur immer Ihre Lection, ich werde in wenigen Minuten bei Ihnen sein. Auf Wiedersehen, mein reizender kleiner Zögling!«
Die junge Dame beantwortete diese Anrede mit einem Flüstern, indem sie ihre großen runden Augen noch immer mißtrauisch auf mir ruhen ließ. Dann verließ sie das Zimmer, und der Major Fitz-David hatte nun Gelegenheit, sich mit mir zu arrangiren!
»Diese junge Dame ist meine letzte glückliche Entdeckung,« sagte der alte Gentleman wohlgefällig »Ich kann wohl ohne Uebertreibung äußern, daß sie die schönste Sopranstimme in Europa besitzt. Werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich sie aus einem Bahnhofe fand? Das arme unglückliche Geschöpf stand hinter dem Buffet, spülte Weingläser und sang sich ihr Liedchen dazu. Allmächtiger Gott, welche Stimme! Ihre hohen Töne electrisirten mich förmlich. Ich sagte zu mir selbst: das ist eine geborene Primadonna; die muß der Welt gerettet werden. Das ist nun schon die dritte, die ich habe ausbilden lassen. Später werde ich sie nach Italien schicken. In diesem einfach auftretenden Mädchen sehen Sie die künftige Königin des Gesanges. Hören Sie nur! jetzt beginnt sie ihre Scalen. Welche Stimme! Bravo! bravo! bravissimo!«
Während er so sprach, klangen die Soprantöne der künftigen Königin des Gesanges schmetternd durch das Haus. Laut genug war es jedenfalls, über den Schmelz und die Reinheit der Stimme ließen sich aber wohl bedeutende Zweifel erheben.
Nachdem ich dem Major einige zustimmende Worte gesagt, wie es die Höflichkeit doch erforderte, führte ich den Gegenstand der Unterhaltung zu dem Punkt zurück, bei welchem uns der neue Besuch gestört hatte. Dem Major schien dies keineswegs angenehm zu sein. Er schlug mit dem rechten Zeigefinger fortwährend den Tact zu der Musik über unseren Häuptern, fragte mich, ob ich ebenfalls Stimme habe und bemerkte, daß ihm das Leben ohne Liebe und ohne Kunst ganz unerträglich sein würde. Jeder andere in meiner Stelle würde die Geduld hierbei verloren haben; da ich aber mein festes Ziel im Auge hatte, blieb mein Entschluß unumstößlich. Endlich gelang es mir, ihn von seiner Kunstbegeisterung zurück zu bringen und wieder von Eustace zu sprechen.
»Ich habe ihren Gatten von seinen Knabenjahren an gekannt,« begann er. »In einem gewissen Abschnitt seines Lebens wurde er von einem entsetzlichen Unglück betroffen. Das Geheimniß dieses entsetzlichen Unglücks ist seinen Freunden bekannt und wird auf das Gewissenhafteste von ihnen bewahrt. Es ist dasselbe Geheimniß, das er auch Ihnen vorenthält. So lange er lebt, wird er es Ihnen nicht mittheilen. Was mich betrifft, so ist meine Zunge durch Ehrenwort gebunden. Jetzt kennen Sie die Stellung, die ich Ihrem Gatten gegenüber einnehme. Mehr kamt ich Ihnen nicht sagen, meine liebe Mrs. Woodville.«
»Sie bestehen darauf, mich Mrs. Woodville zu nennen,« sagte ich.
»Ihr Gatte wünscht, daß ich darauf bestehe,« antwortete der Major.
»Er nahm den Namen Woodville an, weil er es nicht wagte, sich unter seinem wahren Namen in Ihres Onkels Hause vorzustellen. Jetzt wird er sich überhaupt zu keinem andern mehr bekennen. Jede Einwendung würde nutzlos sein. Sie müssen dasselbe thun, was wir thun: mit einem unvernünftigen Menschen Nachsicht haben. In jeder andern Beziehung der beste Mann der Welt, in diesem Punkte von einem Starrsinn ohne Gleichen. Wenn Sie mich nach meiner Ansicht fragen, so halte ich es für Unrecht, daß er sich Ihnen unter falschem Namen vorstellte und Sie unter falschem Namen heirathete. Indem er Sie zu seinem Weibe machte, vertraute er Ihnen sein Glück und seine Ehre an. Weshalb konnte er Ihnen nicht ebenso gut die Geschichte seines Unglücks vertrauen? Seine Mutter ist in diesem Punkt ganz derselben Ansicht wie ich. Sie müssen sie nicht tadeln, weil sie nach ihrer Verheirathung Sie von ihrem Vertrauen ausschloß; da war es zu spät. Vor Ihrer Verheirathung that sie, ohne ihr anvertraute Geheimnisse zu verrathen, Alles was sie konnte, um ihren Sohn zu bewegen, daß er rechtlich gegen Sie handle. Ich begehe keine Indiscretion, wenn ich Ihnen erzähle, daß sie sich nur aus dem Grunde Ihrer Heirath widersetzte, weil Eustace sich weigerte, Ihnen seine wahre Lage zu entdecken. Was mich betrifft, so gebrauchte ich meinen ganzen Einfluß, um Mrs. Macallan in ihrem Entschluß zu bestärken. Als Eustace mir schrieb, daß er sich mit der Nichte meines guten Freundes Dr. Starkweather verlobt, und daß er mich vorgeschlagen habe, Auskunft über ihn zu geben, schrieb ich ihm zurück, daß ich nichts mit der Geschichte zu thun haben wollte, es sei denn, daß er seinem künftigen Weibe die volle Wahrheit eingestehe. Er verwarf meinen Rath, wie er den Rath seiner Mutter verworfen und hielt mich fest bei meinem ihm gegebenen Ehrenwort, sein Geheimniß zu bewahren Als Starkweather sich an mich wandte, blieb mir nichts anderes übrig, als in einem so schroffen und zurückhaltenden Ton zu antworten, daß der Briefwechsel damit unter allen Umständen geschlossen werden mußte. Ich befürchte, daß ich hierdurch meinen guten alten Freund beleidigte. Nach dieser Auseinandersetzung wird Ihnen die peinliche Lage klar geworden sein, in der ich mich befinde. Um die Schwierigkeit der Situation noch zu vermehren, war Eustace heute bei mir, um mir zu sagen, daß ich auf meiner Hut sein möge, im Fall Sie das Gesuch an mich richteten, welches Sie vor einer Viertelstunde wirklich über Ihre Lippen gebracht. Er erzählte mir, daß Sie durch einen unglücklichen Zufall mit seiner Mutter zusammengetroffen wären und seinen wirklichen Namen entdeckt hätten. Er fügte hinzu, daß er expreß nach London gekommen sei, um mit mir über diesen ernsten Gegenstand zu sprechen. »Ich kenne Ihre Schwäche den Frauen gegenüber,« sagte er. »Valeria weiß, daß Sie mein alter Freund sind. Sie wird Ihnen gewiß schreiben. Es ist sogar nicht unwahrscheinlich, daß sie Ihnen einen Besuch macht. Erneuern Sie daher Ihr mir gegebenes Ehrenwort Ihren Eid halten und das größte Unglück meines Lebens gegen Jedermann verschweigen zu wollen. Das waren seine Worte. Ich liebe ihn, wie Sie ihn lieben. Was blieb mir also übrig, als den Eid zu erneuern, welcher der Erinnerung eigentlich gar nicht bedurfte. Ich fühle die lebhafteste Sympathie für Sie, meine theure Lady. Von Herzen gern möchte ich Sie von Ihrem Kummer entlasten, aber Sie werden selbst einsehen, daß es unter den obwaltenden Umständen bei dem guten Willen bleiben muß.«
Er hielt inne und wartete auf meine Antwort. Ich hatte ihm zugehört ohne ihn zu unterbrechen. Die außergewöhnliche Veränderung, welche mit seinem ganzen Wesen vorging, als er wieder von Eustace sprach, beunruhigte mich, wie mich bis jetzt noch nichts beunruhigt hatte. Wie schrecklich mußte diese unerzählte Geschichte sein, wenn deren bloße Erwähnung im Stande war, den leichtherzigen Major Fitz-David ernsthaft sprechen zu lassen, ihn zu verhindern, mir auch nur die leiseste Schmeichelei zu sagen und ihn selbst unempfindlich zu machen gegen den Gesang seines Lieblings, der von oben herab ertönte. Das Herz wurde mir schwer in der Brust indem ich diese Schlußfolgerungen machte. Ich war mit meinen Hilfsquellen zu Ende und wußte weder was zu sagen noch was zu thun.
Dennoch behielt ich meinen Platz. Niemals war der Entschluß, das Geheimniß meines Gatten entdecken zu wollen mächtiger in mir gewesen als jetzt. Der Gesang im oberen Salon nahm seinen Fortgang. Major Fitz-David schien wie aus Kohlen zu stehen, um meine Antwort oder meine ferneren Entschlüsse zu hören.
Ehe ich noch mit mir im Klaren war, was ich zunächst beginnen sollte, trat ein anderes häusliches Ereigniß ein. Ein abermaliges Klopfen an der Hausthür kündigte einen neuen Besuch an. Diesmal war es aber keine Dame im rauschenden Seidenkleide, sondern anstatt deren trat der alte Diener mit einem prächtigen Blumenstrauß ein. »Lady Clarinda läßt sich dem Herrn Major bestens empfehlen, und er möchte nicht vergessen was er ihr versprochen.« Wieder eine Lady! Und diesmal eine Lady mit einem Titel Eine große Dame, welche dem Major Blumen sandte. Dieser, nachdem er mich um Entschuldigung gebeten, schrieb einige beantwortende Zeilen und sandte sie dem Boten hinaus. Als die Thür sich wieder geschlossen hatte, wählte er sorgfältig die schönste Blume aus dem Strauß und reichte sie mir mit den Worten: »Darf ich mir die Frage erlauben, ob Sie Sich jetzt von der delikaten Lage überzeugt haben, in der ich mich Ihrem Herrn Gemahl gegenüber befinde?«
So klein die Unterbrechung durch den Blumenstrauß war, hatte sie mir dennoch Gelegenheit geboten mich wieder zu sammeln und dem Major zu verstehen zu geben, daß er seine Auseinandersetzung nicht nutzlos fortgeworfen.
»Ich sage Ihnen meinen besten Dank, Major,« entgegnete ich. »Sie haben mir die Ueberzeugung beigebracht, daß Sie um meinetwillen Ihr meinem Gatten geleistetes Versprechen nicht in den Wind schlagen dürfen. Der Eid ist heilig, und es sei fern von mir, Sie zum Bruch desselben verleiten zu wollen.«
Der Major stieß einen tiefen erleichternden Seufzer aus und klopfte mir auf die Schulter, um mir auszudrücken wie vollständig er meine Worte billigte.
»Außerordentlich hübsch gesagt!« erwiderte er, sofort wieder zu seiner alten lächelnden Freundlichkeit übergehend. »Meine theure Lady, Sie besitzen die Gabe, Sympathien einzuflößen und Ihr scharfer Blick hat sofort meine Situation durchschaut. Sie erinnern mich lebhaft an meine reizende Lady Clarinda. Sie hat ebenfalls die Gabe, Sympathien einzuflößen und meine Lage zu durchschauen. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn es mir gestattet würde, Sie einander vorstellen zu dürfen.«
Trotz der vom Major versuchten Abschweifungen behielt ich mein Ziel fest im Auge.
»Ich freue mich außerordentlich auf die Bekanntschaft der Lady Clarinda,« sagte ich.
Indessen —«
»Ich werde Ihnen ein kleines Diner geben,« unterbrach mich der Major mit aufloderndem Enthusiasmus. »Sie und ich und Lady Clarinda. Unsere junge Primadonna soll am Abend kommen und uns etwas vorsingen. Was meinen Sie, wollen wir gleich das Menü entwerfen? Meine süße Freundin welches ist Ihre Lieblings-Herbstsuppe?«
»Wollen wir nicht lieber noch etwas bei unserm ersten Thema verweilen?« unterbrach ich sein Entzücken.
Des Majors Lächeln starb dahin; seine Hand ließ die Feder sinken, welche den Namen meiner Lieblings-Herbstsuppe unsterblich machen sollte.
»Muß es denn sein?« fragte er bittend.
»Nur für einen Augenblick, Major.«
»Sie erinnern mich lebhaft,« sagte er mit traurigem Schütteln des Kopfes, »an eine andere reizende Freundin von mir – eine Französin, Madame Mirliflore. Sie verfolgt ihre Zwecke ebenso hartnäckig, wie Sie es thun. Glücklicherweise ist sie in London. Wollen wir sie auch zu unserm kleinen Diner bitten?« Die Züge des Majors strahlten bei dem Gedanken und er nahm die Feder wieder auf. »Darf ich mir also noch einmal erlauben, Sie zu fragen, welches Ihre Lieblings-Herbstsuppe ist?«
»Wollen wir nicht erst den andern Gegenstand erledigen?« fragte ich, ihn abermals abkühlend.
Der Major legte zum zweiten Mal die Feder nieder.
»Allerdings!« sagte er mit resignirtem Lächeln. »Sie wollten also bemerken —?«
»Ich wollte bemerken,« entgegnete ich, »daß Ihr Eid Ihnen nur verbietet mir das Geheimniß meines Gatten zu erzählen. Er verbietet Ihnen aber nicht, mir einige Fragen zu beantworten.«
Major Fitz-David erhob warnend seine Hand und warf mir einen eigenthümlichen Blick aus seinen kleinen grauen Augen zu.
»Halt! meine süße Freundin!« sagte er. »Ich weiß ganz genau, wohin mich Ihre Fragen führen werden und welches das Resultat sein wird, wenn ich sie beantworte. Als Ihr Gatte mich heut besuchte, erinnerte er mich daran, daß ich einer schönen Frau gegenüber so weich wie Wasser sei. Er hat ganz Recht. Ich bin so weich wie Wasser; ich kann einem reizenden Weibe nichts abschlagen. Theure, anbetungswürdige Lady, mißbrauchen Sie nicht den Einfluß, den Sie auf mich haben! Lassen Sie einen alten Soldaten nicht seinem Ehrenworte untreu werden!«
Ich versuchte etwas zu erwidern; aber der Major faltete seine Hände und sah mich mit fast rührender Bitte an.
»Weshalb denn die Sache so beeilen?« fragte er.
»Ich leiste ja keinen Widerstand Ich bin ein Lamm – weshalb mich opfern? Ich erkenne Ihre Macht an; ich empfehle mich Ihrem Mitleid. Alle Unglücksfälle meiner Jugend und meines Mannesalters sind mir durch die Frauen gekommen. Jetzt, bereits mit einem Fuß im Grabe, habe ich mich noch nicht im geringsten gebessert. Ich bin ihnen noch ebenso gut wie je und noch ebenso bereitwillig, mich von ihnen mißleiten zu lassen. Sehen Sie diese Narbe!« sagte er, eine Locke seiner Perrücke emporhebend und mir eine schwere Verletzung an der Seite seines Kopfes zeigend. »Diese Wunde entstand durch eine Pistolenkugel. Ich empfing sie nicht etwa im Dienste meines Vaterlandes, sondern im Dienste einer schwer beleidigten Dante von der Hand ihres schurkischen Gatten. Sie war des Opfers aber werth!« Er küßte zärtlich seine Hand, zum Andenken an die todte oder abwesende Dame, und deutete dann auf ein Gemälde in Wasserfarben, das an der Wand gegenüber hing und ein hübsches Landhaus darstellte. »Das schöne Gut gehörte mir einst,« fuhr er fort. »Es ist schon vor manchen Jahren verkauft Und wer hat das Geld bekommen? Die Frauen – Gott segne sie alle! – die liebenswürdigen und reizenden Frauen. Es thut mir nicht leid. Wenn ich noch ein Gut hätte, würde es ohne allen Zweifel denselben Weg gehen. Das Einziges was ich mir bewahrt habe, ist meine Ehre. Und nun ist diese auch in Gefahr. Ja, ja, wenn Sie mit Ihren verführerischen Fragen fortfahren mit Ihren lieblichen Blicken und Ihrer holden Stimme, dann weiß ich genau, was geschehen wird. Sie werden mich des letzten und besten aller Besitzthümer berauben. Habe ich es wohl verdient, so von Ihnen behandelt zu werden?«
Ich machte abermals einen Versuch, zu sprechen, aber der Major Fitz-David vertraute sich noch unschuldiger meiner Gnade denn zuvor an.
»Verlangen Sie von mir, was Sie wollen,« fuhr er fort, »nur nicht einen Freund zu verrathen. Ich bezweifle nicht daß man Ihnen übel mitgespielt; es ist grausam, von einer Frau, wie Sie es sind, zu verlangen, daß sie ihr ganzes Leben im Dunkel bleiben solle. Wenn ich Sie so vor mir sehe, in Ihrer Schönheit und in Ihrem Unglück, möchte ich daran denken daß ein Versprechen selbst ein Eid, seine Grenzen habe wie alles andere in der Welt. Dennoch werde ich mich durch meinen Eid gebunden halten; aber ich würde nicht den kleinen Finger aufheben, um Sie zu verhindern, das Geheimniß selber zu entdecken.«
Er hatte diese Worte mit tiefem Ernst gesprochen und namentlich die Schlußwendung scharf betont. Unwillkürlich sprang ich vom Stuhl empor. Major Fitz-David hatte einen neuen Gedanken in mir erweckt.
»Nun verstehen wir einander!« sagte ich.
»Ich nehme Ihre eigenen Bedingungen an. Ich will nichts weiter von Ihnen verlangen, als was Sie mir soeben aus eigenem Antriebe angeboten.«
»Was ich Ihnen angeboten?« fragte er ein wenig aufgeregt.
»Nichts, das Sie Ursache haben werden, zu bereuen,« antwortete ich; »nichts, das Ihnen schwer werden wird, zu erfüllen. Darf ich mir eine kühne Frage erlauben? Setzen wir den Fall, dies Haus wäre mein, anstatt daß es Ihnen gehört.«
»Betrachten Sie es ganz als das Ihre,« rief der galante alte Gentleman. »Vom Boden bis zur Küche herab, betrachten Sie es ganz als das Ihre!«
»Tausend Dank, lieber Major; für den Augenblick nehme ich Ihr Geschenk an Sie wissen, daß eine Hauptschwäche aller Weiber die Neugier ist. Nehmen wir also an, meine Neugier hätte mich hierher geführt, um mein neues Haus bis in seine geringsten Details kennen zu lernen. Wenn ich nun von Zimmer zu Zimmer, von Schrank zu Schrank ginge, glauben Sie, daß ich Chancen haben würde, um —?«
Der Major verstand mich sogleich und schien ebenfalls von einem neuen Gedanken belebt.
»Würde ich also Chancen haben,« fuhr ich fort, »irgend eine Spur von meines Mannes Geheimniß in diesem Hause zu finden? Ein Wort als Entgegnung, Majors Ja oder nein?«
»Ja,« sagte er nach kurzem Ueberlegen.
Der erste wichtige Schritt war gethan. Er genügte mir aber noch nicht, ich fühlte die unabweisliche Nothwendigkeit, noch weiter zu forschen.
»Bedeutet dieses Ja,« fragte ich weiter, »daß ich hier im Hause einen greifbaren Schlüssel finden könnte?«
Er überlegte abermals. Ich hatte ihn, ohne daß er es klar bemerkt, in meine Interessen gezogen.
»Der Schlüssel, von dem Sie sprechen, existirt allerdings,« sagte er.
»In diesem Hause?« fiel ich schnell ein.
»In diesem Zimmer!« antwortete der Major, mir einen Schritt näher tretend.
In meinen Gedanken begann es zu schwirren; mein Herz schlug mir fast hörbar in der Brust. Ich versuchte zu sprechen; es war vergebens. In dem Schweigen, das nun folgte, hörte ich von oben herab das Klavierspiel der künftigen Primadonna. Dann sang sie die liebliche Arie aus der Somnambula: come per me sereno.
Bis auf den heutigen Tag kann ich niemals das Lied hören, ohne an jenes unglückselige Hinterzimmer in Vivian place erinnert zu werden.
Der Major brach zuerst das Schweigen.
»Setzen Sie Sich wieder,« sagte er; »nehmen Sie aber den bequemen Stuhl. Sie sind sehr aufgeregt und bedürfen der Ruhe.«
Er hatte Recht. Ich konnte mich nicht länger aufrecht erhalten und sank in den Stuhl. Major Fitz-David klingelte und sprach einige leise Worte zu dem eintretenden Diener.
»Ich bin schon so lange hier gewesen,« bemerkte ich schwach.
»Sagen Sie mir aufrichtig, ob ich Sie störe.«
»Stören?« wiederholte er mit seinem unwiderstehlichen Lächeln. »Sie vergessen, daß Sie Sich in Ihrem eigenen Hause befinden.«
Der Diener kehrte mit einer halben Flasche Champagner und einem Teller kleiner Bisquits zurück.
»Das halte ich mir immer für die Damen,« sagte der Major. »Sie müssen mir den Gefallen thun, einige Erfrischungen zu Sich zu nehmen, und dann —« fuhr er, mich eigenthümlich anblickend fort, »und dann werde ich zu meiner Primadonna hinaufgehen und Sie hier allein lassen.«
Ich nahm seine Hand und drückte sie dankbar.
»Die Ruhe meines ganzen Lebens steht auf dem Spiel,« sagte ich. »Wenn Sie mich hier allein lassen, darf ich dann in diesem Zimmer suchen, wie und wo ich will?«
»Trinken Sie erst und essen Sie,« entgegnete er mit bezeichnender Handbewegung; »dann will ich Ihnen Rede stehen.«
Ich that, wie er mir geheißen. Der schäumende Wein belebte mich auf wunderbare Weise.
»Es ist also Ihr ausdrücklicher Wunsch,« fragte er, »daß ich das Zimmer verlassen soll, während Sie suchen?«
»Mein ausdrücklicher Wunsch,« entgegnete ich.
»Ich belaste mich mit einer schweren Verantwortung, indem ich Ihren Wunsch erfülle; aber ich erfülle ihn dennoch, weil ich glaube, daß die Ruhe Ihres ganzen Lebens von der Entdeckung der Wahrheit abhängt.« Indem er diese Worte sprach, nahm er zwei Schlüssel aus seiner Tasche. »Meine verschlossenen Thüren werden Ihnen natürlich verdächtig sein,« fuhr er fort. Die einzigen verschlossenen Räume in diesem Zimmer – sind die Schranke unter dem langen Repositorium und die Thür zu der italienischen Chiffonnière in jener Ecke. Hier sind die Schlüssel dazu.«
Er überreichte mir dieselben.
»Bis hierher,« sagte er, »habe ich das Ihrem Gatten gegebene Versprechen nicht verletzt. Ich werde demselben treu bleiben, welches auch das Resultat Ihres Suchens sein möge. Ich habe meine Ehre verpfändet, Ihnen weder durch Wort noch That beizustehen. Es ist mir nicht einmal gestattet, Ihnen den leisesten Wink zu geben. Nun noch eine letzte Warnung. Wenn Sie durch Zufall den Schlüssel zum Geheimniß finden sollten, wird die Entdeckung eine fürchterliche sein. Wenn Sie nur den geringsten Zweifel in Ihre Fähigkeit setzen, den Schlag ertragen zu können, so lassen Sie um Gottes willen vom ferneren Forschen ab!«
»Ich danke Ihnen für Ihre Warnung, Major; aber ich muß die Entdeckung machen, es koste was es wolle.«
»Gut, das Haus und seine Bewohner stehen vollständig zu Ihren Diensten. Auf einmaliges Klingeln erscheint der Diener, auf zweimaliges die Hausmagd. Von Zeit zu Zeit werde ich mich selbst überzeugen, wie weit Sie sind.«
Er führte meine Hand an seine Lippen und heftete einen letzten beobachtenden Blick auf mein Antlitz.
»Ich denke, ich werde nicht zu viel riskiren,« sagte er mehr zu sich selbst als zu mir. »Die Frauen haben mich zu mancher raschen Handlung verleitet; was Wunder, daß Sie mir die rascheste von allen abnöthigten!« Mit diesen Worten machte er mir eine ernste Verbeugung und ließ mich im Zimmer allein.
Zehntes Capitel.
Valeria sucht
Das Feuer im Kamin war im Erlöschen, und draußen wehte ein kalter Herbstwind; dennoch war mir glühend heiß, als der Major Fitz-David mich verließ. Ich nahm Hut und Mantel ab, zog die Handschuhe aus und öffnete ein wenig das Fenster. Die Aussicht aus demselben war wenig erquickend. Ein öder gepflasterter Hof, auf der andern Seite begrenzt von den Ställen des Majors. Wenige Minuten am offenen Fenster kühlten, meine brennende Stirn und erfrischten mich. Ich schloß es wieder und that meine ersten Schritte zu der Durchsuchung des Zimmers.
Ich war erstaunt über meine Gemüthsruhe. Ich fühlte einen Trost darin, mit mir allein zu sein.
Das Zimmer hatte die Gestalt eines Oblongums. Von den beiden kürzeren Wänden enthielt die eine jene bereits von mir erwähnte Thür mit der Spalte, welche die Verbindung mit dem vorderen Zimmer herstellte; die zweite kurze Wand wurde fast vollständig von einem breiten Fenster eingenommen, das nach dem Hof blickte.
Ich begann mit der Wand, in welche die Thür mit der Spalte eingelassen war. An jeder Seite derselben stand ein Kartentisch. Ueber jedem der beiden Tische befand sich auf einem kunstvoll geschnittenen Consol eine prachtvolle chinesische Vase vom feinsten Porzellan.
Die Schubläden der kleinen Tische enthielten nur Karten und Spielmarken. Mit Ausnahme eines einzigen Spiels waren die Karten sämmtlich neu, als wenn sie eben aus dem Laden gekommen wären. Ich blätterte das bereits benutzte Packet sorgfältig durch, ohne das geringste Verdächtige zu entdecken
Mit Hilfe einer kurzen Leiter, die zu den Repositorien gehörte, blickte ich in die chinesischen Vasen. Beide waren vollkommen leer. In den Ecken der kurzen Wand standen zwei kleine Stühle von eingelegtem Holz und lose Kissen auf den Sitzen. Ich hob sie aus, nichts war darunter.
Ich ging nun zu der entgegengesetzten Wand über, welche hauptsächlich von dem breiten Fenster eingenommen wurde. Der schmale Raum zu beiden Seiten war gerade groß genug für zwei Chiffonnièren von Polysander, deren jede eine Reihe kleiner Fächer sehen ließ.
Mit der Chiffonnière linker Hand beginnend, fand ich in den sechs Schiebläden nur eine Sammlung von Fossilien, welche der Major wahrscheinlich von seinen früheren Reisen mitgebracht.
Ich wandte mich also zu der Chiffonnière rechts, deren Durchsuchung mich längere Zeit kostete.
Die oberste Schieblade enthielt eine Menge Tischlerhandwerkszeug en miniature, jedenfalls aus der Knabenzeit des Majors herrührend. Die zweite Schieblade enthielt Geschenke von zarten Händen. Gestickte Serviettenbänder, Cigarrentaschen, Morgenschuhe, Börsen, und was der Dinge mehr waren. Der Inhalt der dritten Schieblade interessirte mich noch weniger. Er bestand aus alten Rechnungsbüchern, die ziemlich weit bis in frühere Jahre hinaufreichten. Ich schüttelte jedes dieser Hefte, um zu sehen, ob vielleicht ein loses Blatt herausfallen möchte; ganz vergebens. Im vierten Fach lagen quittirte Rechnungen, sauber mit rothen Bändchen zusammengebunden. Die fünfte Schieblade befand sich in trauriger Unordnung. Eine Menge Menüs längst verzehrter Diners, Visitenkarten, Einladungen, Theaterzettel, Textbücher, Pfropfenzieher, ramponirter Cigarretten, ein Bündel rostiger Schlüssel, zwei Cigarrentaschen und ein Plan von Rom. Ich kam nun zu der sechsten und letzten Schieblade, deren Inhalt mich gleichzeitig mit Staunen und Enttäuschung erfüllte: denn er bestand nur in den Fragmenten einer zerbrochenen Vase. Ich hatte mich auf einen niedrigen Stuhl der Chiffonnière gegenüber gesetzt und wollte eben, dem ersten Gefühl des Unwillens folgend, die Schieblade mit dem Fuße zustoßen, als die nach der Halle führende Thür sich öffnete und der Major Fitz-David vor mir stand.
Seine Blicke, die erst den meinigen begegnet waren, glitten dann zu meinem Fuß herab. Als er das noch offene Fach bemerkte, sah ich seine Mienen sich verändern. Es war nur für einen Moment; aber in diesem Moment sprachen ans seinen Augen Verdacht und Staunen, als wenn ich bereits meine Hand auf den Schlüssel des Geheimnisses gelegt.
»Bitte, lassen Sie Sich nicht stören,« sagte Major Fitz-David. »Ich bin nur heruntergekommen, um eine Frage an Sie zu richten.«
»Und die wäre, Major?«
»Es sind Ihnen im Verlauf Ihrer Nachforschungen vielleicht Briefe von mir in die Hand gefallen?«
»Bis jetzt noch nicht. Sollte es aber in Zukunft der Fall sein, werde ich sie selbstverständlich ungelesen lassen.«
»Darum wollte ich Sie eben freundlichst gebeten haben; denn ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß keiner meiner Briefe Sie auch nur um Zollbreite Ihrem Ziele näher führen wird. Sind Sie noch nicht müde vom vielen Suchen? Fühlen Sie Sich noch nicht entmuthigt?«
»Nicht im mindesten, Major. Wenn Sie gütigst erlauben, werde ich meine Forschungen noch einige Zeit fortsetzen.«
Ich hatte das Fach der Chiffonnière noch nicht wieder hineingestoßen und blickte, während ich ihm Antwort gab, mit fingirter Gleichgültigkeit auf die Fragmente der zerbrochenen Vase. Der Major hatte jetzt seine Selbstbeherrschung vollständig wiedergewonnen. Denn er begleitete meinen Blick mit derselben Gleichgültigkeit, die ich zur Schau getragen.
»Das sieht allerdings nicht sehr ermuthigend aus,« sagte er mit mattem Lächeln, indem er auf die Scherben wies.
»Man kann dem Anschein nicht immer Glauben schenken,« entgegnete ich. »Das klügste was ich in meiner gegenwärtigen Lage thun kann, ist, allem zu mißtrauen, selbst einer zerbrochenen Vase.«
»Werden Sie auch nicht von der Musik dort oben gestört?« fragte er, zu einem andern Gegenstande übergehend.
»Nicht im mindesten, Major.«
»Es wird auch gleich vorüber sein. Der Gesanglehrer wird bald gehen und der italienische Professor ist eben gekommen. Ich spare weder Mühe noch Kosten, das Talent des Wunderkindes auszubilden. Nicht allein den Gesang, sie muß auch die Sprache lernen, welche hauptsächlich das Idiom des Gesanges ist. Kann ich noch etwas für Sie thun, ehe ich Sie wieder verlassen muß?«
Ich dankte ihm, er küßte meine Hand und wendete sich zum Gehen. Während er sich langsam der Thür zu bewegte, bemerkte ich, daß sein Blick sich auf eines der Repositorien heftete. Es war nur ein Moment, und im nächsten war er bereits aus dem Zimmer.
Als ich wieder mit mir allein war, schenkte ich diesem Repositorium zum ersten Mal eine große Aufmerksamkeit. Es war von geschnitztem Eichenholz lehnte sich an die Wand, welche das Zimmer von der Halle trennte, und nahm fast den ganzen Raum der ersteren ein. Auf dem obersten Brett standen Vasen, Kandelaber und Statuetten paarweise in eine Reihe gestellt. Diese entlang blickend, bemerkte ich einen leeren Platz am äußersten Ende derselben, zunächst dem Fenster. Die correspondirende Stelle in der Reihe, an dem andern äußersten Ende zunächst der Thür, war von einer schönen seltsam geformten Vase eingenommen. Wo mochte ihr Pendant geblieben sein? Ich kehrte zu der sechsten Schieblade der Chiffonnière zurück und prüfte abermals ihren Inhalt. Es war kein Zweifel mehr, die zerbrochene Vase hatte einst in der von mir bemerkten Lücke auf dem obersten Brett des Repositoriums gestanden.
Nachdem ich diese Entdeckung gemacht, nahm ich die Scherben bis auf den kleinsten Splitter heraus und betrachtete sie einen nach dem andern.
Der Grund war von einem matten Gelb und die Verzierungen bestanden in Blumenzweigen und kleinen Cupidos, welche zwei Medaillons auf jeder Seite der Vase umrankten. Auf einem dieser Medaillons war mit unendlich feinen Zügen ein Frauenkopf dargestellt; das Haupt einer Nymphe, einer Gottheit oder irgend einer berühmten Person. Ich war nicht gelehrt genug, um das unterscheiden zu können. Das andere Medaillon zeigte den Kopf eines Mannes, ebenfalls im klassischen Styl. Freundliche Schäfer und Schäferinnen im Watteau-Kostüm mit ihren Hunden und Schafen bildeten die Zierrathe des Piedestals. So hatte die Vase ausgesehen, als sie noch auf ihrem Platz auf dem obersten Brett des Repositoriums stand. Durch welchen Zufall war sie zertrümmert worden? Und weshalb vor allen Dingen hatte sich die Miene des Major Fitz-David verändert, als er bemerkte, daß ich das zerstörte Kunstwerk entdeckt? Die Trümmer ließen jene wichtigen Fragen unbeantwortet. Und dennoch hegte ich die festeste Ueberzeugung, daß ich in jenen Scherben den Schlüssel zu meinem Geheimniß direkt oder indirekt gefunden habe.
Da ferneres Verbleiben bei dem zerbrochenen Porzellan sich als nutzlos erwies, kehrte ich zum Repositorium zurück, auf das der Blick des Majors mich aufmerksam gemacht.
Ich blickte über die langen Reihen der Bücher hinweg; ich las deren Titel auf dem Rücken. Da stand Voltaire in rothem Maroquin, Shakespeare in Blau, Walter Scott in Grün, die Geschichte von England in Braun. Ich stieß einen Seufzer aus bei dem Gedanken, daß ich alle diese Bücher durchblättern sollte.
Major Fitz-David hatte von einem entsetzlichen Unglück gesprochen, das meines Gatten Vergangenheit getroffen. In welcher Beziehung konnte dieses Unglück mit einem der Bände Shakespeare's oder Voltaire's stehen? Ich war der Ansicht, daß ein bloßer Versuch, alle diese Bücher einer genauen Prüfung zu unterwerfen, eine Thorheit sein würde.
Und dennoch hatte der Major einen verstohlenen Blick nach dem Repositorium geworfen. Und dennoch hatte er sich entfärbt, als er meinen Blick auf die zerbrochene Vase geheftet sah. Diese beiden Dinge mußten also unter allen Umständen in Verbindung mit einander stehen.
Ich stellte mich auf die Zehen und blickte nach den höheren Brettern empor.
Hier herrschte nicht die Sauberkeit wie in den unteren Regionen, die Bände waren nicht so sorgfältig arrangirt und so schön gebunden. Ihr Aeußeres war unscheinbar, sie standen loser an einander gereiht, einige waren vor- oder zurückgewichen, andere umgefallen. Auch zeigten sich leere Raume, aus denen Bände herausgenommen und nicht wieder hineingestellt worden waren. Ich kam zu dem Entschluß, die Prüfung des Repositoriums von oben zu beginnen.
Ich blickte mich nach der Leiter um, deren ich mich vorher bedient hatte, um in die chinesischen Vasen auf den Consolen zu gucken. Indem ich meinen Kopf rückwärts wandte, hörte ich ein Geräusch in dem anstoßenden Zimmer, das auf die Straße ging. Ein heller schmaler Lichtstrahl, der durch die schon öfter erwähnte Spalte fiel, brachte mich auf den Gedanken, daß ich bei meiner Arbeit belauscht werden könnte. Leise schlich ich auf den Zehen durch das Zimmer nach der Thür und drückte sie schnell nach der andern Seite hin auf. Ich stand dem Major gegenüber. Er hatte mich augenscheinlich belauschen wollen.
Der Hut in seiner Hand zeigte an, daß er im Begriff war, ausgehen zu wollen, und er benutzte sofort diesen Umstand zu seiner Entschuldigung.
»Ich habe Sie doch hoffentlich nicht erschreckt?« sagte er.
»Ein wenig allerdings, Major.«
»O, das thut mir so leid und ich fühle mich so beschämt! Ich war eben im Begriff, die Thür zu öffnen, um Ihnen zu erzählen, daß ich einen kleinen Gang thun müsse. Ich habe einen pressirenden Auftrag von einer Dame erhalten Ein reizendes Wesen – ich wünschte wohl, daß ich sie Ihnen vorstellen könnte! Die Arme befindet sich in augenblicklicher Verlegenheit. Kleine Rechnungen – unverschämte Lieferanten, die ihr Geld haben wollen – und ein Gemahl, der ihrer ganz unwürdig ist. Ein höchst interessantes Geschöpf. Sie erinnern mich etwas an sie – namentlich im Blick und in der Haltung des Kopfes. Ich bleibe höchstens eine halbe Stunde fort. Kann ich noch etwas für Sie thun, ehe ich gehe? Nein? Dann versprechen Sie mir zu klingeln, wenn Sie etwas bedürfen sollten. Auf Wiedersehen, meine schöne Freundin, auf Wiedersehen!«
Als er fort war, überließ ich mich erst meinen Reflexionen. Es stand fest, er hatte mich beim Repositorium beobachtet. Der Mann, der meines Gatten Vertrauen besaß, der Mann, welcher wußte, wo der Schlüssel meines Geheimnisses lag, hatte mich bei seinen Büchern beobachtet! Ohne es zu wollen, hatte er mir das Versteck gezeigt, in dem sich das Gespenst meines Lebens verborgen hielt. Von diesem Augenblick an hatten die übrigen in dem Zimmer befindlichen Dinge wenig oder gar kein Interesse mehr für mich. Selbst den Portraits an den Wänden, größtentheils Frauenköpfe und Gegenstände früherer Verehrung des Majors, schenkte ich keine Aufmerksamkeit. Ich erhob mich von neuem zur Arbeit und ging nach der Leiter, um sie an das Repositorium zu stellen.
Auf dem kurzen Wege, den ich machen mußte, um sie zu holen, sah ich die Schlüssel auf dem Tisch liegen, welche der Major zu meiner Verfügung gestellt hatte. Der Verdacht, den man gewöhnlich gegen verschlossene Raume hegt, brachte mich zu dem Entschluß, erst diese zu prüfen, ehe ich mich wiederum zu den Büchern wandte.
Die Schranke, welche unter dem Repositorium angebracht waren, hatten drei Thüren. Als ich die erste derselben öffnete, hörte der Gesang oben auf. Es lag für mich etwas Schauerliches in dem plötzlichen Uebergang von dem laut tönenden Clavierspiel zur absoluten Stille. Ich stand einen Augenblick wie festgebannt. Das nächste Geräusch, das ich vernahm, waren die knarrenden Stiefel, wahrscheinlich des Gesanglehrers, der die Treppe hinabging. Gleich darauf fiel die schwere Hausthür hinter ihm ins Schloß; dann herrschte tiefes Schweigen wie zuvor. Ich machte eine gewaltsame Anstrengung, meine Selbstbeherrschung wiederzugewinnen und kehrte zu dem ersten Schrank unter dem Repositorium zurück.
Er war in zwei Hälften getheilt.
Die obere Hälfte enthielt nichts als Cigarrenkisten, während in der unteren sich eine Muschelsammlung befand. Sonst war in dem ersten Schrank nichts Verdächtiges zu entdecken.
Als ich den zweiten Schrank öffnete, fiel es mir plötzlich auf, daß es dunkel geworden war.
Ich sah nach dem Fenster. Es war mittlerweile Abend geworden. Die plötzliche Verfinsterung war durch Wolken hervorgebracht worden, die sich am Himmel zusammengezogen hatten. Schwere Regentropfen schlugen gegen die Fensterscheiben; der Herbstwind pfiff traurig durch die Raume des öden Hofes. Ich schürte das Feuer ein wenig an, ehe ich meine Nachforschungen erneuerte.
Trotz des wieder auflodernden Feuers war mir eiskalt, als ich zu dem Repositorium zurückkehrte. Meine Hände zitterten, ich wußte mir die Ursache dieser plötzlichen Nervenverstimmung nicht zu erklären.
Das zweite Spind enthielt in seiner oberen Hälfte einige sehr schöne, aber nicht geschnittene Kameen. In einer Ecke bemerkte ich ein sauber geschriebenes Manuscript. Ich griff schnell danach, aber nur um einer neuen Enttäuschung zu begegnen. Das Manuseript enthielt nichts als einen Katalog über die Kameen.
Zu der unteren Hälfte übergehend fand ich schon kostbarere Kuriositäten, schön geschnittene Elfenbeinsachen aus Japan und feine Lacksachen aus China. Die Durchsuchung der Schätze des Majors begann mich abzuspannen. Als ich das zweite Spind schloß, empfand ich kaum Neigung, das dritte zu öffnen. Endlich that ich es dennoch.
Auf dem obersten Fach entdeckte ich ein einziges großes prachtvoll gebundenes Buch, in blauem Sammet mit zierlich ciselirten Klammern, die so fest in ihre Oesen gedrückt waren, als hätten sie die Ausgabe, den Inhalt des Bandes vor neugierigen Augen zu schützen.
Die Blätter waren vom feinsten Velimpapier, rund herum mit geschmackvoll gezeichneten Illustrationen. Und was enthielten diese kostbar geschmückten Seiten? Zu meinem unaussprechlichen Erstaunen, zu meinem tiefsten Widerwillen enthielten sie nur Haarlocken welche in der Mitte eines jeden Blattes mit zierlichen Seidenstichen befestigt waren Unter denselben bemerkte ich Zuschriften welche mir bewiesen daß die verschiedenen Haarlocken Liebes- und Erinnerungszeichen von Damen waren, welche des Majors leicht entzündliches Herz in verschiedenen Perioden bezaubert hatten Die Unterschriften waren außer in der englischen in verschiedenen anderen Sprachen geschrieben.
So zeigte die erste Seite eine Locke vom allerhellblondesten Haar mit der Unterschrift: »Meine angebetete Madeleine Ewige Treue. 22. Juli 1839!« Andere Locken in Braun, Schwarz und Roth trugen italienische, französische und spanische Unterschriften. Endlich legte ich das Buch entrüstet nieder und war eben im Begriff, mich dem Repositorium zuzuwenden, als ich fast instinctiv den Band noch einmal in die Hand nahm.
Ich wandte alle Blätter um, bis ich zu dem ersten leeren gelangte. Nachdem ich die Entdeckung gemacht, daß die folgenden Blätter ebenfalls nicht von Locken beschwert waren, faßte ich das Buch vorsichtig an beiden Seiten des Rückens und schüttelte es in der Hoffnung, daß vielleicht lose Blätter darin sein möchten die ich beim ersten Durchsehen nicht entdeckt.
Diesmal wurde meine Geduld durch eine Entdeckung belohnt, welche mich unbeschreiblich irritirte und betrübte.
Eine kleine Photographie in Visitenkartenformat fiel aus dem Buch.
Bei dem ersten flüchtigen Blick bemerkte ich sofort die Portraits zweier Personen auf der Karte.
In der einen dieser Personen erkannte ich meinen Gatten.
Die andere Figur stellte eine Frau dar.
Ihr Antlitz war mir vollständig unbekannt. Sie war nicht mehr jung. Sie saß auf einem Stuhl, und mein Gatte stand hinter ihr und beugte sich über sie, indem er eine ihrer Hände hielt. Die Züge der Frau waren hart geschnitten und häßlich, mit unverkennbaren Zeichen heftiger Leidenschaften und großer Willenskraft. Trotz ihrer großen Häßlichkeit preßte mir die Eifersucht das Herz zusammen als ich den ruhig gütigen Blick meines Mannes bemerkte, der auf sie gerichtet war.
Eustace hatte mir in den Zeiten unseres Verlobtseins die Mittheilung gemacht, daß er sich früher, ehe er mich gekannt, öfters in dem Glauben befunden habe, verliebt zu sein. Sollte dies so wenig anziehende Weib ein Glied in der Kette jener Damen bilden denen er früher seine Bewunderung geschenkt? Hatte sie ihm nahe genug gestanden um ihn zu dem Entschluß zu bringen sich Hand in Hand mit ihr photographiren zu lassen? Je länger ich die beiden Portraits anschaute, desto weniger vermochte ich ihren Anblick zu ertragen. Ich warf die Photographie unwillig in eine Ecke des Schrankes. Ich war ernstlich böse aus meinen Gatten; ich haßte von ganzem Herzen und von ganzer Seele jenes Weib, dessen Hand er in der seinen hielt, jenes unbekannte Weib mit den harten häßlichen Zügen.
Während dieser ganzen Zeit wartete der untere Raum des Schrankes vergebens auf Besichtigung. Ich kniete nieder, um das Versäumte nachzuholen und um durch andere Eindrücke die entwürdigende Eifersucht zu verbannen die von meinem ganzen Wesen Besitz genommen.
Unglücklicherweise enthielt die untere Abtheilung des Schrankes nichts als Reliquien aus, des Majors militärischer Vergangenheit Degen, Pistolen, Epauletten, Schärpen u.s.w. u.s.w., was Wunder, daß meine Augen wieder nach dem oberen Raum wanderten und daß meine Hände die Photographie wieder herausholten, deren Anblick mich sofort aufregte und verletzte. Dies-mal bemerkte ich, was ich vorhin unbeachtet gelassen, einige von Frauenhand geschriebene Zeilen auf der Rückseite der Karte:
»Dein Major Fitz-David mit zwei Vasen Von seinen Freunden S. und E. M.«
War eine von diesen Vasen vielleicht die zerbrochene gewesen? Hatte die Veränderung der Miene, die ich am Major bemerkte, hiermit in Zusammenhang gestanden? Weit mehr als die Beantwortung dieser beiden Fragen beschäftigten mich die Initialen auf der Rückseite der Karte.
»S. und E. M.?« Die letzteren beiden Buchstaben konnten für die Initialen des wahren Namens meines Mannes gelten: Eustace Macallan In diesem Fall bedeutete wohl der erstere Buchstabe S. ihren Namen. Mit welchem Recht durfte sie sich in dieser Weise mit meinem Manne associiren? Ich dachte einen Augenblick nach. Mein Gedächtniß half mir, Eustace hatte mir ja erzählt daß er Schwestern besäße. War ich thöricht genug gewesen mich seiner Schwestern wegen mit Eifersucht zu martern? Es mochte wohl sein. Das S. bedeutete jedenfalls den Vornamen einer seiner Schwestern. Ich fühlte mich tief beschämt nach dieser Reflexion. Welch ein Unrecht hatte ich in Gedanken Beiden zugefügt! Bereuend und traurig ließ ich noch einmal einen Blick auf die beiden Portraits fallen um sie diesmal mit milderem Urtheil zu prüfen.
Ich konnte auch nicht die geringste Familienähnlichkeit zwischen den beiden Köpfen finden. Im Gegentheil sie waren einander so verschieden wie es Gesichter überhaupt nur sein können. War sie denn überhaupt seine Schwester? Ich blickte genauer auf die Hände Ihre rechte Hand war von der meines Gatten umschlossen die linke ruhte auf ihrem Schooß. Auf dem dritten Finger derselben trug sie einen Trauring. War denn eine der Schwestern meines Mannes verheirathet? Ich hatte ihm früher diese Frage vorgelegt und ich entsann mich jetzt deutlich, daß er sie verneinte.
Sollte meine erste instinctive Eifersucht mich dennoch auf den richtigen Weg geführt haben? Wenn dem so war, welcher Zusammenhang bestand zwischen den drei Initialen? Was bedeutete der Trauring? Gott im Himmel! Blickte ich auf das Portrait einer Nebenbuhlerin in meines Gatten Neigung, und war diese Nebenbuhlerin sein Weib?
Mit einem Schrei des Entsetzens warf ich die Photographie von mir. Für den ersten Moment glaubte ich den Verstand zu verlieren. Die Liebe zu Eustace ließ mich meine Geistesgegenwart und Vernunft behalten. Meine besseren und edleren Gefühle gewannen die Oberhand. War der Mann den ich in meines Herzens Herz eingeschlossen der elenden Handlung fähig, mich neben einer zweiten geheirathet zu haben? Nein! Ich war die Elende, die nur für einen Augenblick sich durch einen solchen Gedanken erniedrigen konnte.
Ich nahm die unglückliche Photographie vom Boden auf und legte sie in das Buch zurück. Hastig schloß ich den Schrank wieder zu, holte die kurze Leiter und lehnte sie gegen das Repositorium. Ich wollte durch neue Eindrücke den Rest der schlimmen Zweifel verbannen, die sich in mein Herz und meine Seele geschlichen. Die Bücher! Die Bücher! ehe jene entsetzlichen Gedanken zurückkommen. Ich hatte bereits einen Fuß auf der Leiter, als ich die Thür öffnen hörte, die nach der Halle führte In der Erwartung, den Major zu sehen wandte ich mich um.
Anstatt dessen erblickten meine Augen die zukünftige Primadonna, welche soeben eingetreten war und mich fest anstarrte.
»Ich kann ein gutes Theil vertragen,« begann das Mädchen mit kühlem fast herausforderndem Ton; »aber dies ist mir denn doch zu viel!«
»Was ist Ihnen zu viel?« fragte ich.
»Ja, wenn Sie hier einige Minuten geblieben wären; aber nun sind es bald zwei volle Stunden,« entgegnete sie. »Das gefällt Ihnen wohl, so ganz allein in des Majors Studirzimmer? Ich habe Anlage zur Eifersucht wissen Sie, und ich muß Sie fragen was das zu bedeuten hat.« Mit drohendem Blick und hochrother Wange trat sie mir einige Schritte näher. »Will er Sie vielleicht auch auf die Bühne bringen?« fuhr sie fort.
»O nein.«
»Auch nicht verliebt in Sie – was?«
Unter anderen Umständen als die obwaltenden es waren würde ich der Dirne die Thür gewiesen haben. In meiner gegenwärtigen Lage aber und in dem kritischen Moment war die bloße Gegenwart eines menschlichen Wesens schon ein Trost für mich.
Selbst dieses Mädchen mit seinen aberwitzigen Fragen und seinem rohen Benehmen war eine willkommene Störerin meiner Einsamkeit; sie bot mir eine Zuflucht vor mir selbst.
»Ihre Frage ist gerade nicht sehr höflich,« sagte ich. »Dennoch entschuldige ich sie. Es ist Ihnen ohne Zweifel unbekannt daß ich verheirathet bin.«
»Ach! Als wenn das etwas damit zu thun hätte!« entgegnete sie. »Verheirathet oder unverheirathet das ist dem Major alles egal. Der alte unverschämte Drache, der sich Lady Clarinda nennt ist auch verheirathet, und dennoch schickt sie ihm dreimal wöchentlich ihre verdammten Bouquets. Es ist nicht etwa, weil ich mir etwas aus dem alten Narren mache! Er hat mich aber um meine Stellung auf dem Bahnhof gebracht und meine Zukunft liegt nun in seiner Hand; da muß man sich um seine Angelegenheiten bekümmern und nicht dulden, daß sich andere Frauenzimmer dazwischen drängen. Das ist es, wo mich der Schuh drückt verstehen Sie mich? Das kann mir doch nicht gefallen, daß ich Sie so allein hier herumwirthschaften sehe. Keine Entschuldigungen bitte! Erst ausreden lassen! Ich will wissen was Sie hier zu suchen haben! Wie sind Sie mit dem Major zusammengekommen? Ich habe ihn früher nie von Ihnen sprechen hören!«
Unter der rauhen Oberfläche von Rohheit und Selbstsucht war bei diesem Mädchen doch eine gewisse Offenheit und Freiheit bemerkbar, welche nicht unerheblich zu ihren Gunsten sprach. Ich antwortete ihr ebenso frei und offen wie sie mich gefragt.
»Major Fitz-David ist ein alter Freund meines Gatten,« sagte ich, »deshalb hat er mir erlaubt hier in diesem Zimmer. . . «
Ich unterbrach mich, weil ich nicht wußte, durch welche Beschäftigungen ich meine Anwesenheit motiviren sollte und welche zugleich geeignet waren meine eifersüchtige Gesellschafterin zu beruhigen.
»Nun was hat er Ihnen in diesem Zimmer erlaubt?« fragte sie ungeduldig.
Ihr Auge fiel auf die kurze Leiter, die gegen das Repositorium lehnte und neben welcher ich noch stand.
»Sie wollen Sich wohl ein Buch holen?« begann das Mädchen wieder.
»Ja,« sagte ich, darauf eingehend. »Ich will mir ein Buch holen.«
»Haben Sie es noch nicht gefunden?«
»Nein!«
Sie blickte mich scharf an, als ob sie in meinen Zügen lesen wollte, ob ich die Wahrheit sprach oder nicht.«
»Sie scheinen ein gutes Frauenzimmer zu sein,« sagte sie nach kurzer Ueberlegung. »Sie haben nichts Verdächtiges in Ihrem Gesicht. Wenn ich kann, will ich Ihnen helfen. Ich habe in diesen Büchern schon tüchtig herumrumort und weiß besser in ihnen Bescheid als Sie Was für ein Buch wünschen Sie?«
Als sie jene Frage that bemerkte sie zum ersten Mal das Bouquet von Lady Clarinda, das noch auf derselben Stelle war, wo der Major es hingelegt. Mich und die Bücher gänzlich vergessend, stürmte das seltsame Mädchen wie eine Furie auf die Blumen los und trat sie so lange mit Füßen bis das Bouquet ganz breit gedrückt war.
»So!« schrie sie mit gellender Stimme »Wenn Lady Clarinda hier wäre würde ich sie ebenso behandelt haben.«
»Was wird aber der Major dazu sagen?« fragte ich.
»Das ist mir ganz gleichgültig! Glauben Sie vielleicht daß ich mich vor ihm fürchte? Erst vorige Woche habe ich solch’ Ding da oben entzwei geschmissen und auch nur wegen Lady Clarinda’s Blumen!«
Sie deutete bei diesen Worten nach der bekannten Lücke auf dem obersten Brett des Repositoriums dicht am Fenster. Mein Herz begann sofort heftig zu klopfen als meine Augen der Richtung ihres Fingers folgten. Sie also hatte die Vase zerbrochen! Sollte die Entdeckung meines Geheimnisses durch dieses Mädchen angebahnt werden? Ich hatte kein Wort der Erwiderung für sie; all’ mein Denken war jetzt in meine Blicke gelegt.
»Ja!« sagte sie. »Da stand das Ding. Er weiß, wie ich die Blumen hasse, deshalb stellte er das Bouquet so hoch in jene Vase, damit ich es nicht erreichen sollte. Es war ein Frauengesicht auf das Porzellan gemalt und er erzählte mir, daß es ihr Antlitz wäre; sah ihr aber nicht ähnlicher als ich selbst. Ich befand mich in solcher Wuth, daß ich das Buch, in welchem ich gerade las, nach dem verhaßten Gesicht auf der Vase warf. Ich hatte gut getroffen die Vase fiel herunter, und kracht zerbrach sie auf den Dielen. Ach! was fällt mir denn da eben ein! Sollte das vielleicht das Buch gewesen sein nach dem Sie suchen? Sie sind wohl wie ich? Sie lesen auch wohl gerne Gerichtsverhandlungen?«
Gerichtsverhandlungen? Hatte ich denn recht gehört? Ja wohl, sie hatte es ja klar und deutlich ausgesprochen.
Ich antwortete durch ein bejahendes Nicken meines Kopfes. Ich war noch immer sprachlos. Das Mädchen schlenderte in ihrer kühlen Manier nach dem Kamin nahm die Feuerzange und kehrte mit derselben zum Repositorium zurück.
»Hier muß das Buch hingefallen sein,« sagte sie – »in den Raum zwischen dem Bücherschab und der Wand. Ich werde es gleich herausholen.«
Ich wartete ohne eine Muskel zu bewegen ohne ein Wort zu äußern. Nach weniger als einer Minute kam sie auf mich zu geschritten in der einen Hand die Feuerzange in der andern das Buch.
»Ist das der Band, den Sie suchen?« sagte sie. »Machen Sie es auf und lesen Sie den Titel.
Ich nahm ihr das Buch aus der Hand.
»Es ist ganz furchtbar interessant,« fuhr sie fort. »Ich habe es schon dreimal durchgelesen. Sie mögen es mir glauben oder nicht. Und wenn die Leute noch so viel reden, ich für meine Person glaube doch, daß er es gewesen ist.«
Gewesen ist? Was gewesen ist? Wovon plauderte denn eigentlich das Mädchen? Ich faßte einen gewaltsamen Entschluß, sie danach zu fragen »Was meinen Sie, wovon sprechen Sie denn?« brachte ich mühsam heraus.
Sie schien alle Geduld mit mir zu verlieren Sie riß mir das Buch aus der Hand, schlug den Titel auf und hielt denselben gegen das Licht.
»Natürlich!« rief sie. »Ich habe mich nicht geirrt. Sie sind aber auch so unverständig wie ein kleines Kind.«
Dann hielt sie mir das Buch vor die Augen.
»Da! Ist das das Buch oder ist es nicht das Buch?«
Ich las die ersten Zeilen des Titelblattes:
Ausführlicher Bericht
über
die Verhandlungen
in Untersuchungssachen
gegen
Eustace Macallan,
Ich stutzte und sah das Mädchen an Sie fuhr mit einem Schrei des Entsetzens von mir zurück. Ich blickte noch einmal auf den Titel und las die Schlußzeilen:
beschuldigt des Verbrechens,
seine Frau
vergiftet zu haben
Die Sinne schwanden mir, und ich sank in Ohnmacht.
Elftes Kapitel.
Die Rückkehr zum Leben
Mein erstes Gefühl, als ich wieder zu mir kam, war das Gefühl heftigen Schmerzes, als wenn jeder Nerv meines Körpers verwundet worden sei. Mein ganzes Wesen zitterte und bebte unter dem dumpfen schrecklichen Protest der Natur gegen die Anstrengung, mich in’s Leben zurückzurufen. Ich würde meine Seligkeit darum gegeben haben hätte ich mich so recht ausweinen, hätte ich Gott bitten können, mich dem Tode wieder in den Arm zu legen Wie lange diese sprachlose Agonie mich gefangen hielt, vermag ich nicht zu sagen. Nach einer ganzen Weile hörte ich wieder meinen eigenen Athem; ich fühlte, wie meine Hände sich schwach und mechanisch bewegten gleich denen eines Kindes. Ich öffnete die Augen und blickte um mich.
Die erste Person die ich zu Gesicht bekam, war ein Fremder. Er trat langsam von mir fort und winkte anscheinend einer andern Person zu, die ich nicht sehen konnte.
Langsam und, wie es schien, widerwillig näherte sich jene andere Person dem Sopha auf welchem ich lag. Ein schwacher Freudenschrei entrang sich meiner Brust; ich machte einen Versuch, ihm meine Hände entgegenzustrecken jene andere Person, die sich mir näherte, war mein Gatte.
Ich blickte ihn fest an. Er gab mir meinen Blick nicht zurück. Die Augen zu Boden geheftet mit einer seltsamen Mischung von Kummer und Verwirrung auf seinem Antlitz begab er sich ebenfalls wieder aus meinem Gesichtskreis. Der unbekannte Mann, den ich zuerst bemerkt hatte, folgte ihm aus dem Zimmer.
»Eustace!« rief ich ihm mit schwacher Stimme nach. Er antwortete weder, noch blickte er sich nach mir um. Mit einer Anstrengung bewegte ich den Kopf auf dem Kissen um auch nach der andern Seite hin sehen zu können. Da trat mir ein anderes bekanntes Antlitz entgegen. Mein guter alter Benjamin saß auf der andern Seite des Sophas und betrachtete mich mit Thränen in den Augen.
Als ich ihn anblickte stand er auf und nahm schweigend meine Hand.
»Wo ist Eustace?« fragte ich. »Weshalb hat er mich verlassen?«
Ich war noch sehr schwach. Als ich jene Frage that wanderten meine Augen mechanisch durch das Zimmer. Ich erblickte den Major Fitz-David. Ich sah den Tisch, an welchem die Primadonna das Buch geöffnet hatte, um es mir zu zeigen. Ich sah auch das Mädchen selbst wie es allein in einer Ecke saß und, das Taschentuch vor den Augen leise weinte. Bei ihrem Anblick kehrte jenes entsetzliche Titelblatt mit allen seinen Schrecken in meine Erinnerung zurück.
Das einzige Gefühl, welches jetzt meine Seele beherrschte, war die Sehnsucht meinen Gatten bei mir zu haben, mich in seine Arme zu werfen und ihm zu sagen, wie fest ich an seine Unschuld glaubte und wie sehr ich ihn liebte. Ich ergriff eine von Benjamins Händen »Bringen Sie ihn mir zurück!« rief ich wild, »wo ist er? Helfen Sie mir auf!«
Eine fremde Stimme antwortete mir fest aber freundlich: »Fassen Sie Sich erst etwas mehr, Madame Mr. Woodville wartet im anstoßenden Zimmer, bis Sie Ihre Kraft wiedergewonnen haben werden.«
Ich blickte den Sprecher an und erkannte in ihm den Herrn der meinen Gatten aus dem Zimmer begleitet. Weshalb war er allein zurückgekommen? Weshalb war Eustace nicht bei mir wie die Anderen? Ich versuchte aufzustehen; aber der Fremde drückte mich leise wieder auf das Kissen zurück.
»Sie müssen noch ein wenig ruhen,« sagte er. »Sie müssen ein Glas Wein trinken wenn Sie nicht gewärtigen wollen, in Ihre Ohnmacht zurückzusinken.
Der alte Benjamin beugte sich über mich und flüsterte mir einige Worte der Erklärung zu.
»Es ist der Doctor mein Kind. »Sie müssen seine Vorschriften befolgen.«
Der Doctor? Sie hatten den Doctor gerufen, um mir behilflich zu sein? Ich begann einzusehen, daß meine Ohnmacht doch ernsterer Natur gewesen sein müsse, als es sonst in der Regel bei Damen der Fall zu sein pflegt.
»Weshalb ließen Sie meinen Gatten aus dem Zimmer gehen?« fragte ich den Arzt. »Wenn ich nicht zu ihm kann weshalb bringen Sie ihn nicht zu mir?«
Der Doctor schien in Verlegenheit zu sein was er mir antworten sollte. Er blickte auf Benjamin und sagte: »Wollen Sie nicht zu Mrs. Woodville sprechen?«
Benjamin seinerseits blickte wieder auf den Major Fitz-David und bat diesen die Aufgabe zu übernehmen. Der Major bedeutete Beide, uns zu verlassen. Sie folgten seiner Aufforderung und begaben sich in das vordere Zimmer. Als die Thür hinter ihnen zugefallen war, erhob sich das Mädchen, welches mir auf so seltsame Weise das Geheimniß meines Gatten enthüllt hatte, aus seiner Ecke und näherte sich dem Sopha.
»Es ist wohl besser, wenn ich mich auch entferne?« redete sie den Major Fitz-David an.
»Wenn Sie so gut sein wollen,« entgegnete dieser mit kühlem Ton. Sie schüttelte den Kopf und drehte ihm indignirt den Rücken zu. »Ich muß ein Wort für mich reden!« rief das seltsame Geschöpf mit einem hysterischen Ausbruch von Energie »Ich muß ein Wort reden oder ich platze.«
Mit dieser außerordentlichen Vorrede trat sie plötzlich auf mich zu und überschüttete mich mit einem wahren Strom von Worten.
»Sie hören, wie der Major zu mir spricht!« begann sie. »Er macht mich armes unschuldiges Geschöpf für alles verantwortlich, was geschehen ist. Ich bin so schuldlos wie ein neugeborenes Kind. Ich dachte, Sie wollten das Buch haben. Ich weiß noch jetzt nicht weshalb Sie in Ohnmacht sanken, als ich Ihnen den Titel zeigte; aber der Major schilt mich. Ich bin nicht von der schwachherzigen Sorte, die so leicht in Ohnmacht fällt; aber ich fühle es, kann ich Ihnen sagen. Ich bin von anständigen Eltern müssen Sie wissen. Mein Name ist Hoighty. Ich besitze ein ganz Theil Selbstachtung; aber die ist verletzt worden. Ich kann es nicht leiden wenn ich unverdient getadelt werde. Sie verdienen den Tadel, aber nicht ich. Sagten Sie mir nicht daß Sie nach einem Buch suchten? Und gab ich es Ihnen nicht mit den besten Absichten? Das können Sie doch nicht leugnen seit Sie wieder zur Besinnung gekommen sind. Nun könnten Sie doch auch ein gutes Wort einlegen für ein armes Mädchen das zu Tode gequält wird mit Singen und Sprachen lernen und wer weiß was allem – für ein armes Mädchen das Niemand hat, der sich ihrer annimmt. Ich bin ebenso anständig wie Sie, können Sie glauben Mein Name ist Hoighty – Miß Hoighty. Meine Eltern sind Geschäftsleute und meine Mama hat bessere Tage gesehen und sich in der besten Gesellschaft bewegt.«
Hier führte Miß Hoighty noch einmal das Taschentuch an die Augen und brach in einen Strom von Thränen aus.
Es war entschiedenes Unrecht, sie für das Geschehene verantwortlich zu machen. Ich bat daher den Major Fitz-David, wieder freundlich gegen das Kind zu sein und ihm gut zuzureden. Was er zu ihr sprach, konnte ich nicht hören. Schließlich schien ihm aber doch sein Trosteswerk gelungen zu sein, denn sie ließ sich von ihm die Hand küssen, und dann führte er sie aus dem Zimmer, als wenn sie eine Herzogin gewesen wäre.
»Ich kann Ihnen gar nicht sagen wie sehr ich das Geschehene bedaure,« sagte der Major, zu meinem Sopha zurückkehrend. »Sie werden sich erinnern daß ich Sie warnte. Und dennoch, hätte ich vorhersehen können —«
Ich ließ ihn nicht weiter fortfahren. Keine menschliche Vorsicht wäre im Stande gewesen, das Geschehene zu verhindern. Außerdem, so entsetzlich die Entdeckung auch gewesen war, so sehr ich unter derselben gelitten und noch litt ich würde sie dennoch nicht gegen das Dunkel zurückgetauscht haben, in dem ich mich früher befand. Das erzählte ich dem Major. Dann lenkte ich die Unterhaltung auf meinen Gatten zurück.
»Wie kam er hierher?« fragte ich.
»Mit Mr. Benjamin kurz nachdem ich selbst heimgekommen.« entgegnete der Major.
»Und der Arzt?«
»Ich schickte sofort nach ihm, als ich Sie in Ohnmacht liegend fand.«
»Was brachte Eustace hierher? Hatte er mich im Hotel vermißt?«
»Ja. Er kehrte früher zurück, als er beabsichtigt hatte.«
»Glaubte er, daß ich hier sein könne? Kam er direct vom Hotel zu Ihnen?«
»Nein. Er scheint erst zu Mr. Benjamin gegangen zu sein und ihn befragt zu haben. In dessen Gesellschaft kam er hierher.
Diese kurze Erklärung genügte mir vollständig. Die Anwesenheit meines Gatten im Hause des Majors war mir erklärt. Sein seltsames Benehmen aber, als er das Zimmer in demselben Augenblick verließ, wo ich wieder zu mir selbst kam, bedurfte noch der Erörterung. Major Fitz-David zeigte eine sehr verlegene Miene, als ich diese Frage an ihn richtete.
»Ich weiß wirklich nicht, I was ich Ihnen sagen soll,« entgegnete er. »Eustace hat mich in Erstaunen gesetzt und enttäuscht.«
Er sprach sehr ernst Seine Blicke erzählten mir mehr als seine Worte; seine Blicke erschreckten mich.
»Hat Eustace Ihnen Vorwürfe gemacht?« fragte ich.
»O nein!«
»Er sieht ein daß Sie ihr Versprechen nicht gebrochen haben?«
»Gewiß. Meine junge Sängerin erzählte dem Doctor auf das Genaueste was geschehen, und der Doctor wiederholte es in ihrer Gegenwart Eustace.«
»Sah der Doctor das Buch?«
»Weder der Doctor, noch Mr. Benjamin. Ich habe es eingeschlossen. Das Geheimniß ist immer noch so streng bewahrt wie früher. Benjamin scheint allerdings Verdacht zu hegen; aber der Doctor und Miß Hoighty haben keine Ahnung von der Ursache Ihrer Ohnmacht. Beide glauben, daß Sie nervösen Anfällen unterthan sind, und daß der Name Ihres Gatten wirklich Mr. Woodville ist. Ich habe gethan, was nur der treueste Freund thun konnte, um Eustace zu schonen, dessen ungeachtet tadelt er mich, weil ich Sie mein Haus betreten ließ. Und was noch weit schlimmer, er erklärt daß dies traurige Ereigniß Sie ihm entfremdet habe. Nun ist es mit meinem Eheleben zu Ende, sagte er zu mir, denn sie weiß nun, daß ich der Mann bin, der zu Edinburgh vor Gericht stand, unter der Anklage, sein Weib vergiftet zu haben.«
Ich sprang entsetzt vom Sopha.
»Großer Gott!« rief ich aus, »glaubt Eustace etwa, daß ich seine Unschuld bezweifle?«
»Er stellt geradezu die Möglichkeit in Abrede, daß Sie oder irgend Jemand seine Unschuld glauben könnte,« entgegnete der Major.
»Helfen Sie mir zu der Thür,« sagte ich.
»Wo ist er? Ich muß und will ihn sehen!«
Ich sank erschöpft auf das Sopha zurück, als ich diese Worte gesprochen.
Major Fitz-David goß ein Glas Wein ein und bat mich, es zu trinken.
»Sie sollen ihn sehen,« sagte er. »Ich verspreche es Ihnen. Der Doctor hat ihm verboten, das Haus zu verlassen, ehe er Sie gesehen. Warten Sie nur noch ein wenig, bis Sie Sich gekräftigt haben.«
Mir blieb nichts anders übrig, als ihm zu gehorchen. O diese unglückselige Hilflosigkeit auf dem Sopha! »Bitte, bringen Sie ihn hierher,« sagte ich.
»Ja, wenn das in meiner Kraft stände!« entgegnete der Major traurig. »Was könnte ich, was könnte irgend ein Anderer mit einem Manne beginnen, der im Stande war, Sie zu verlassen, als Sie die Augen wieder aufschlugen! Ich versuchte seinen Zweifel zu erschüttern, den er in Ihren Glauben an seine Unschuld gesetzt; ich wendete alle Mittel an, ihn umzustimmen, doch ganz vergebens. Er hatte nur eine Antwort auf das alles. Er verwies mich auf das schottische Verdict.«
»Das schottische Verdict?« wiederholte ich. »Was ist das?«
Der Major blickte mich bei dieser Frage erstaunt an.
»Haben Sie wirklich nie etwas von der Untersuchung gehört?« sagte er.
»Niemals.«
»Ich wunderte mich,« fuhr er fort, »daß Sie bei der Entdeckung des wahren Namens Ihres Gatten nicht an jenes entsetzliche Ereigniß erinnert worden waren. Es ist noch nicht drei Jahre her, daß ganz England von Ihrem Gatten sprach. Man kann den armen Menschen wahrlich nicht verdammen, daß er unter einem andern Namen Schutz vor der allgemeinen Aufmerksamkeit suchte. Wo sind Sie denn aber zu jener Zeit gewesen?«
Ich dachte einen Augenblick nach.
»Ich glaube diese seltsame Unwissenheit meinerseits vollständig erklären zu können. Vor drei Jahren lebte mein Vater noch; wir bewohnten ein Landhaus in Italien, oben in den Bergen bei Siena. Wir bekamen niemals eine englische Zeitung zu Gesicht, noch begegneten wir einem englischen Reisenden. Es mag auch möglich sein, daß in irgend einem der Briefe, die mein Vater aus England erhielt, des Prozesses erwähnt wurde. Wenn dem so war, sprach er mir nicht davon, und wenn er es gethan, habe ich es jedenfalls gleich nachher vergessen. Bitte, erzählen Sie mir aber, in welcher Beziehung steht das Verdict mit meines Gatten entsetzlichem Zweifel an uns? Eustace ist ein freier Mann. Das Verdict lautete natürlich auf Nicht schuldig?«
Major Fitz-David schüttelte traurig den Kopf.
»Eustace stand in Schottland vor Gericht,« sagte er.
»Dem schottischen Gesetz ist ein Verdict gestattet, welches, so viel ich weiß, von keinem Gesetz irgend eines civilisirten Volkes erlaubt wird. Wenn der Gerichtshof in Zweifel ist, ob er verdammen oder freisprechen soll, ist es der schottischen Jury gestattet, diesen Zweifel in Form eines Mittelweges auszudrücken. Wenn auf der einen Seite nicht Evidenz genug für das Schuldig und auf der andern Seite nicht Evidenz genug für das Nichtschuldig ist, dann ziehen sich die Richter durch das Verdict »Nicht bewiesen« aus der Verlegenheit.
»War das das Verdict in meines Mannes Prozeß?« fragte ich.
»Ja.«
»Der Gerichtshof war also nicht ganz überzeugt, daß mein Mann schuldig, und auch nicht ganz, daß er unschuldig sei. Ist das der Sinn des schottischen Verdict?«
»Allerdings. Seit drei Jahren ist der Zweifel des Gerichtshofes an der Unschuld des Vorgeladenen vom Publikum als authentisch angenommen worden.«
O mein armer unschuldiger Märtyrer! Nun erst verstand ich ihn ganz. Der falsche Name, unter dem er mich geheirathet, die entsetzlichen Worte, die er sprach, als er mich warnte, sein Geheimniß zu bewahren, alles das trat jetzt dicht an meine Sympathien heran. Ich erhob mich noch einmal von dem Sopha, gestärkt durch einen waghalsigen Entschluß, den das schottische Verdict in mir erzeugt, einen Entschluß, so verzweifelt und so heilig zugleich, daß er für den ersten Augenblicks nur für meines Gatten Ohr bestimmt sein konnte.
»Führen Sie mich zu Eustace,« sagte ich.
»Ich bin stark genug, alles zu ertragen.«
Nachdem der Major noch einen beobachtenden Blick auf mich geworfen, bot er mir seinen Arm und führte mich aus dem Zimmer.
Zwölftes Capitel.
Das schottische Verdict
Wir gingen bis zu dem entferntesten Winkel der Halle. Major Fitz-David öffnete die Thür eines langen schmalen Zimmers, das einen Seitenflügel des Hauses bildete und als Rauchzimmer benutzt wurde.
Mein Gatte befand sich allein in dem Gemach. Er saß in Gedanken versunken am Kamin. Als ich eintrat, sprang er auf und blickte mich schweigend an. Der Major machte leise die Thür wieder zu und entfernte sich. Eustace kam mir keinen Schritt entgegen. Ich rannte auf ihn zu, schlang meine Arme um seinen Hals und küßte ihn.
Die Umarmung wurde nicht erwidert, der Kuß nicht zurückgegeben. Er duldete meine Liebkosung, weiter nichts.
»Eustace!« sagte ich. »Ich liebte Dich niemals mehr, als ich Dich in diesem Augenblick liebe!«
Er befreite sich sanft aus meiner Umarmung. Dann deutete er, wie ein Fremder es gethan haben würde, aus einen Stuhl.
»Ich danke Dir, Valeria,« antwortete er mit kaltem, gemessenem Ton; »nach dem, was geschehen, konntest Du mir weder weniger sagen, noch mehr; ich danke Dir.«
Wir standen vor dem Kamin. Er verließ mich und ging mit gesenktem Haupt durch das Zimmer, wahrscheinlich in der Absicht, mich noch ein Mal zu fliehen. Ich folgte ihm und stellte mich zwischen ihn und die Thür.
»Weshalb verläßt Du mich?« sagte ich. »Weshalb sprichst Du zu mir in dieser grausamen Art? Habe ich Dich beleidigt, Eustace? Wenn dem so ist, bitte ich Dich, mir zu vergeben.«
»Es ist an mir, Dich um Vergebung zu bitten,« entgegnete er; »verzeihe mir, Valeria, daß ich Dich zu meinem Weibe machte.«
Er sprach diese Worte mit einer so hoffnungslosen demüthigen Stimme, daß sie Einem das Herz brechen konnte.
»Eustace, sieh mich an!« sagte ich, die Hand auf seine Brust legend.
Langsam hob er die Augen zu meinem Antlitz empor, Augen, kalt und klar und thränenlos, die mich in trauriger Resignation in unwandelbarer Verzweiflung anblickten. Mein Blut erstarrte ebenfalls unter diesem Blick.
»Ist es möglich,« sagte ich, »daß Du meinen Glauben an Deine Unschuld bezweifelst?«
Er ließ die Frage unbeantwortet und stieß einen tiefen Seufzer aus.
»Armes Weib!« sagte er, wie ein Fremder gesagt haben könnte, der mich bemitleidete. »Armes Weib!«
Mein Herz schwoll mir, als wenn es bersten wollte. Ich nahm meine Hand von seiner Brust und legte sie ihm auf die Schulter, um einen Stützpunkt zu gewinnen.
»Ich verlange nicht Dein Mitleid, Eustace, sondern Deine Gerechtigkeit. Du läßt mir keine Gerechtigkeit widerfahren. Wenn Du mir in den Tagen, wo wir einander unsere Liebe gestanden Dein volles Vertrauen geschenkt, ja wenn Du mir mehr gesagt hättest, als ich jetzt erfahren so wahr der Himmel mein Zeuge, ich hätte Dich dennoch geheirathet! Bezweifelst Du nun noch, daß ich Dich für unschuldig halte?«
»Ich bezweifle es nicht,« sagte er. »Alle Deine Eingebungen sind groß und ehrenwerth, Valeria. Du fühlst und sprichst edel. Tadle mich nicht, wenn ich weiter sehe, als Du es thust, mein Kind, wenn ich in die grausame Zukunft blicke.«
»Die grausame Zukunft?« wiederholte ich. »Was meinst Du damit?«
»Du glaubst an meine Unschuld, Valeria. Der Gerichtshof, vor dem ich in Untersuchung stand, bezweifelte diese Unschuld und machte seine Meinung identisch mit der des Publikums. Welchen Grund hast Du dem Verdict gegenüber für Deine Ansicht, daß ich unschuldig sei?«
»Ich bedarf keines Grundes! Ich glaube an Dich trotz des Gerichtshofes und trotz des Verdicts.«
»Und werden Deine Freunde mit Dir übereinstimmen? Wenn Dein Onkel und Deine Tante früher oder später das Geschehene erfahren was werden sie dazu sagen? Sie werden sagen es hat einen schlechten Anfang genommen er verbarg es vor unserer Nichte, daß er schon ein Mal verheirathet gewesen, er ehelichte sie unter falschem Namen. Er mag behaupten daß er unschuldig ist; wir haben keinen Beweis dafür als sein anzuzweifelndes Wort. Der Gerichtshof hat das Verdict »Nicht bewiesen« abgegeben. »Nicht bewiesen« kann uns nicht genügen. Wenn der Gerichtshof ihm Unrecht gethan, wenn Eustace unschuldig ist, möge er es beweisen. Das ist es, was Deine Verwandten denken und sagen würden. Die Zeit wird kommen, Valeria wo Du selbst Du, fühlen wirst, daß Jene Recht hatten und daß Du Dich in einer Täuschung befandest.«
»Die Zeit wird niemals kommen!« entgegnete ich warm. »Du thust mir Unrecht, Du beleidigst mich, indem Du das für möglich hältst.«
Er nahm meine Hand von seiner Schulter und trat mit bitterem Lächeln einen Schritt zurück.
»Wir sind nur wenige Tage verheirathet gewesen Valeria. Deine Liebe für mich ist noch neu und jung. Die Zeit, welche alles abschwächt, wird auch die Gluth dieser Liebe mildern.«
»Niemals, niemals!«
Er zog sich noch weiter von mir zurück.
»Blicke um Dich in der Welt!« sagte er.
»Selbst bei den glücklichsten Ehepaaren findet man Stunden Minuten in denen eine Wolke über den klaren Himmel zieht. Diese Stunden und Minuten sind unausbleiblich und wenn sie auch für uns kommen dann werden die Zweifel und Befürchtungen denen Du jetzt noch fern stehst, den Weg in Dein Herz und in Deine Seele finden. Wenn die Wolken sich auch über unserem Eheleben aufthürmen, wenn mein erstes hartes Wort gefallen ist, das Deine schnelle Entgegnung hervorrief, dann in der Einsamkeit Deines Zimmers, in der Stille der schlaflosen Nacht wirst Du an meines ersten Weibes elendes Ende denken. Es wird Dir vorschweben daß ich dafür zur Verantwortung gezogen und daß meine Unschuld nicht bewiesen wurde. Du wirst Dir sagen: bei der Ersten begann er auch vielleicht nur mit harten Worten welche eine rasche Entgegnung hervorriefen. Wird es eines Tages mit mir enden wie der Gerichtshof fürchtete, daß es mit Jener geendet? Schlimme Fragen für ein junges Weib! Im Anfang wirst Du vor deren Beantwortung zurückschrecken, Du wirst einzuschlafen versuchen; aber wenn der nächste Morgen kommt, wirst Du auf Deiner Hut sein und ich werde es bemerken und in meinem innersten Herzen wissen was es bedeutet. Erbittert durch diese Kenntniß, wird mein nächstes hartes Wort ein noch härteres sein und Deine zu Boden gedrückten Zweifel werden erst leise, dann immer mehr und mehr ihre giftigen Häupter erheben. Dein Gatte war angeklagt, sein Weib vergiftet zu haben und seine Unschuld hat niemals bewiesen werden können. Da mischt sich schon das Material für die Hölle im häuslichen Leben. Kann ich jemals an Deinem Bett sitzen wenn Du Dich krank oder unwohl befindest, ohne Dich selbst bei den unschuldigsten Dingen daran zu erinnern was sich an jenem andern Bett ereignete, mit jener andern Frau, die ich vor Dir geheirathet? Wenn ich Dir einen Löffel Medizin eingieße, begehe ich eine verdächtige Handlung, denn sie sagten ich hätte sie vergiftet in ihrer Medizin. Wenn ich Dir eine Tasse Thee bringe, belebe ich die Erinnerung eines entsetzlichen Zweifels; denn sie sagten ich hätte Arsenik in ihre Tasse geschüttet. Küsse ich Dich, wenn ich das Zimmer verlasse, gebe ich Dir Gelegenheit, daran zu denken daß man mich beschuldigte, sie ebenfalls geküßt zu haben, um auf mich ein gutes, auf die zurückbleibende Pflegerin ein schlechtes Licht zu werfen. Können wir unter solchen Bedingungen mit einander leben? Kein Sterblicher würde im Stande sein das Elend eines solchen Daseins zu ertragen. Erst heute sagte ich Dir: wenn Du noch einen Schritt weiter in dieser Sache thust, dann ist es mit unserem Glück zu Ende für den Rest des Lebens. Du hast diesen Schritt gethan und das Ende unseres Glückes ist gekommen. Der tödtliche Wurm sitzt in unserm Herzen und wird es langsam oder schnell zu Tode nagen.«
Soweit hatte ich ihm gezwungen zugehört. Bei den letzten Pinselstrichen die er an dem Gemälde unserer Zukunft machte, konnte ich es nicht länger ertragen.
»Du sprichst entsetzliche Worte,« sagte ich.
»Noch so jung an Jahren sollten wir Beide schon mit Liebe und Hoffnung abgerechnet haben? Es heißt Liebe und Hoffnung schmähen wenn man diesen Ausspruch thut!«
»Warte, bis Du den Prozeß gelesen hast,« antwortete er. »Denn Du wirst ihn doch lesen?«
»Jedes Wort!«
»Du wirst aus dem Prozeß ebenso wenig Trost schöpfen wie das ganze Publikum gethan. Meine erste Frau starb vergiftet, und der Gerichtshof sprach mich nicht von dem Verdacht frei, die That begangen zu haben. So lange Du mein Geheimniß nicht kanntest, so lange lag das Glück noch in unserm Bereich. Jetzt, da Du es weißt, ist es uns für immer entschwunden.«
»Nein,« sagte ich. »Jetzt, seit ich weiß, hat unser Eheleben erst begonnen begonnen mit einem neuen Grunde für die Ergebenheit Deiner Frau, mit einem neuen, edlen Reizmittel für Deines Weibes Liebe!«
»Was meinst Du damit?«
Ich trat zu ihm und nahm seine Hand.
»Was hast Du mir von dem Urtheil der Welt erzählt?« fragte ich, »was hast Du mir erzählt von dem Urtheil meiner Freunde? Der Urtheilsspruch »Nicht bewiesen« wurde ihnen nicht genügen. Wenn der Gerichtshof ihm Unrecht gethan wenn Eustace nicht schuldig ist, möge er es beweisen. Das waren die Worte, die Du meinen Freunden in den Mund legtest. Ich adoptire sie als die meinigen Ich sage: »Nicht bewiesen« genügt auch mir nicht. Mache Dein Recht klar, Eustace, an dem Verdict »Nichtschuldig!« Deshalb hast Du drei Jahre vergehen lassen ohne es zu thun? Soll ich Dir sagen weshalb? Du wartetest auf Dein Weib, Dir zu helfen Hier ist sie jetzt, zu jedem Beistand bereit mit Herz und Seele. Hier ist sie, von nur einer Lebensaufgabe durchdrungen der Welt und dem schottischen Gerichtshofe zu zeigen, daß Eustace Macallan unschuldig ist!«
Die Worte hatten mich sehr erregt; meine Pulse klopften meine Stimme hallte laut durch den Raum. Hatte ich ihn ebenfalls erwärmt?
»Lies den Prozeß,« das war seine ganze Antwort.
Ich ergriff ihn beim Arm. In meiner Indignation und Verzweiflung schüttelte ich ihn mit meiner ganzen Kraft. Gott vergebe es mir, ich hätte ihn schlagen können für den Ton, in dem er zu mir gesprochen für den Blick, den er mir zugeworfen.
»Ich glaube Dir gesagt zu haben daß ich den Prozeß lesen werde,« sagte ich. »Ich werde ihn mit Dir zusammen lesen Zeile für Zeile. Ein nicht zu entschuldigender Irrthum wird vorgefallen sein. Zu Deinen Gunsten sprechende Umstände sind nicht aufgefunden worden. Das Zeugenverhör ist ein mangelhaftes gewesen. Zu Deinen Ungunsten sprechende Umstände wurden zu leicht genommen Eustace! In meiner Seele lebt die feste Ueberzeugung, daß von Dir oder von Anderen irgend ein schwer ins Gewicht fallendes Versehen begangen ist. Als ich das fatale Buch in die Hand bekam, war es mein erster Entschluß, das Verdict des Gerichtshofes zu corrigiren. Wir wollen das zusammen thun wir müssen es thun um unseretwillen, um unserer Kinder willen wenn wir mit ihnen gesegnet werden sollten O sieh mich nicht mit diesen kalten Augen an! Sprich nicht zu mir in diesem harten Ton!«
Ich hatte ihn noch immer nicht erwärmt. In seine nächsten Worte war ein wenig Mitleid gemischt, das war alles.
»Meine Vertheidigung wurde von den größten Juristen des Landes geführt,« sagte er. »Nachdem diese Männer vergebens ihre Schuldigkeit gethan meine liebe Valeria was bleibt uns da noch zu thun übrig? Wir können uns nur unterwerfen und dulden!«
»Niemals!« rief ich. »Die größten Rechtsgelehrten sind auch nur Sterbliche; die größten Rechtsgelehrten haben auch schon Irrthümer begangen, weshalb sollten sie es nicht jetzt gethan haben?«
»Lies den Prozeß.«
Zum dritten Mal sprach er die entsetzlichen Worte und keines mehr.
Verzweifelnd über das Mißlingen meiner Versuche, ihn zu rühren ihn von meiner grenzenlosen Liebe und Ergebenheit zu überzeugen, fielen meine Gedanken auf den letzten Bundesgenossen den Major Fitz-David. In der Aufregung, in der ich mich befand, nahm ich keine Rücksicht darauf, daß der Major ebenfalls schon einen Mißerfolg gehabt. Dem entsetzlichen Factum gegenüber setzte ich noch immer eine große Hoffnung in seinen alten Freund.
»Warte einen Augenblick auf mich,« sagte ich. »Ich will noch ein anderes Urtheil hören.«
Ich verließ ihn und begab mich in das andere Zimmer. Major Fitz-David war nicht anwesend. Ich klopfte an die Verbindungsthür mit dem Vordergemach. Sie wurde sofort vom Major selbst geöffnet. Der Arzt war bereits gegangen Benjamin noch da.
»Wollen Sie mit Eustace sprechen?« begann ich. Bevor ich noch etwas hinzufügen konnte, hörte ich die Hausthür öffnen und sich wieder schließen. Der Major und Benjamin hörten es ebenfalls und blickten einander schweigend an.
Ehe mich der Major daran verhindern konnte, rannte ich zu dem Zimmer, in welchem ich Eustace zurückgelassen Es war leer. Mein Gatte hatte das Haus verlassen.
Dreizehntes Kapitel.
Dir Entscheidung des Mannes
Meine erste Eingebung war die, Eustace aus die Straße hinaus zu folgen.
Der Major und Benjamin setzten diesem Entschluß lebhaften Widerspruch entgegen. Ihre Berufung auf meinen gesunden Menschenverstand, meine Selbstachtung ging spurlos an mir vorüber.
Als sie mich jedoch baten, aus Mitleid für Eustace noch eine halbe Stunde zu warten ließ ich mich dazu bewegen. Wenn er binnen dieser Frist nicht zurückkehrte, versprachen sie mir, mich zum Hotel zu begleiten.
Was ich während dieser mir aufgedrungenen Zeit litt, können Worte nicht wiedergeben.
Benjamin war der erste, der mich fragte, was zwischen mir und meinem Gatten vorgegangen.
»Sie können ganz offen zu mir sprechen liebes Kind,« sagte er. »Ich weiß alles. Sie werden Sich entsinnen, daß ich gleich anfangs bei dem Namen Macallan stutzte. Jetzt habe ich mir Rechenschaft darüber gegeben.«
Dies hörend, erzählte ich ihnen rückhaltlos, was ich zu Eustace gesprochen und wie er mir geantwortet habe. Zu meiner unaussprechlichen Enttäuschung stellten sich Beide auf die Seite meines Mannes und sagten was er gesagt hatte: »Sie haben nicht den Prozeß gelesen.«
»Ich bedarf des Prozesses nicht,« entgegnete ich. »Ich weiß, daß er unschuldig ist. Weshalb ist seine Unschuld nicht bewiesen? Wenn der Prozeß mir erzählt, daß dies nicht geschehen könne, so verweigere ich es, dem Prozeß zu glauben. Wo ist das Buch, Major? Lassen Sie mich selbst sehen ob die Juristen seinem Weibe nichts zu thun übrig gelassen haben. Liebten sie ihn etwa, wie ich ihn liebe? Geben Sie mir das Buch!«
»Es wird sie nur von Neuem aufregen wenn ich ihr das Buch gebe,« sagte der Major, indem er Benjamin anblickte. »Sind Sie nicht auch meiner Meinung?«
Ich kam Benjamin's Antwort zuvor. »Wenn Sie mir meine Bitte verweigern Major,« sagte ich, »dann werden Sie mich zwingen zum nächsten Buchhändler zu gehen mit dem Auftrage, mir den Band zu verschaffen; denn ich bin fest entschlossen ihn zu lesen.«
Diesmal stand Benjamin ans meiner Seite.
»Schlimmer als es ist, kann es ja nicht werden,« sagte er. »Meine Ansicht ist, daß wir sie ihren eigenen Weg gehen lassen.«
Der Major stand auf und nahm das Buch aus der italienischen Chiffonnière, in die er es verschlossen hatte.
»Meine junge Sängerin erzählte mir, was sie Ihnen von ihrem neulichen Zornesausbruch mitgetheilt,« sagte er, mir den Band einhändigend. »Bis dahin wußte ich nicht, mit welchem Buche sie nach der Vase warf, die dort oben auf dem Repositorium stand. Als ich Sie allein ließ, glaubte ich, daß der Bericht über den Prozeß noch auf seiner gewohnten Stelle saß und es beschlich mich die Neugier, ob Sie wohl aus dem obersten Brett suchen würden. Die zerbrochene Vase vervollständigte einst ein Paar, welches ich von Ihrem Gatten und seiner ersten Frau wenige Wochen vor dem schrecklichen Tode der letzteren zum Geschenk erhielt. Schon als ich Sie die Fragmente jener Vase anblicken sah, empfand ich ein Vorgefühl, als wenn Sie der Entdeckung auf der Spur seien und ich glaube, ich verrieth mich in jenem Augenblick; Sie schienen das bemerkt zu haben.«
»Ich hatte es bemerkt, Major. Auch ich hatte eine schwache Ahnung, ich könne der Entdeckung auf den Fersen sein. Wollen Sie einmal nach der Uhr sehen? Ist dir halbe Stunde noch nicht verflossen?«
Meine Ungeduld hatte mich mißleitet, die Marter jener halben Stunde war noch nicht vollendet.
Langsam und immer langsamer schlichen die Minuten dahin, und keine brachte mir ein Zeichen von meines Gatten Wiederkehr. Wir versuchten die Unterhaltung wieder aufzunehmen; es war vergebens. Ein dunkles Vorgefühl lag auf meiner Seele. Je näher der Zeiger seinem Ziele rückte, desto mehr überkam mich der eisige Gedanke, daß unser Eheleben nun beendet, daß Eustace mir entflohen sei.
Der Major sah, was Benjamin entgangen war, daß meine Kraft unter der Marter des Wartens zu sinken begann.
»Kommen Sie!« sagte er. »Wir wollen nach dem Hotel gehen.«
Es fehlten höchstens noch fünf Minuten an der halben Stunde Ich dankte dem Major mit einem Blick, daß er mir diese erspart. Schweigend bestiegen wir ein Cab und fuhren nach dem Hotel.
Die Wirthin begegnete uns auf dem Flur. Eustace war nicht anwesend; aber ein Brief von ihm sollte oben auf dem Tisch liegen. Er war vor fünf Minuten durch einen Boten überbracht worden.
Athemlos rannte ich die Stufen empor; die beiden Gentlemen folgten mir. Das Herz schmerzte mir in der Brust, als ich seine Hand auf der Adresse erkannte. Ich war nicht in Zweifel, wes Inhalts der Brief sein konnte. Es war sein Abschied von mir. Ich saß mit dem Brief im Schooß, unfähig, ihn zu öffnen.
Der alte Benjamin versuchte mich zu trösten; aber der Major ermahnte ihn, jetzt nicht zu sprechen sondern mir noch Zeit zu gönnen.
Mit einem instinctiven Entschluß hielt ich ihm den Brief hin, während er sprach. Selbst ein Augenblick konnte hier entscheidend sein, wenn es galt, Eustace zurückzurufen. Mir Zeit lassen mochte vielleicht gleichbedeutend sein mit dem Versäumniß der Gelegenheit, ihn mir wiederzubringen.
»Lesen Sie mir den Brief vor, Major,« sagte ich.
Fitz-David zerriß die Enveloppe und las das Schreiben erst für sich. Als er damit fertig war, warf er es mit beinahe verächtlicher Geberde auf den Tisch.
»Es giebt nur eine Entschuldigung für ihn,« sagte er. »Der Mann ist wahnsinnig.«
Die Worte erklärten mir alles. Ich wußte nun das Schlimmste und konnte daher den Brief auch lesen. Er lautete folgendermaßen:
»Meine geliebte Valeria!
Diese Zeilen enthalten meine Abschiedsworte an Dich. Ich kehre zu dem einsamen, freund- und freudelosen Leben zurück, das ich führte, ehe ich Deine Bekanntschaft machte. Dir ist übel mitgespielt worden, mein Kind. Dein böses Schicksal hat Dich an einen Mann verheirathet, der angeklagt wurde, seine erste Frau vergiftet zu haben und dessen Unschuld nicht – genügend bewiesen wurde. Kannst Du unter den gegebenen Verhältnissen mit mir weiterleben? Wenn Dir die Wahrheit fern gehalten wurde, war ein Glück noch zu ermöglichen; nun sind wir damit zu Ende. Die einzige Buße, die ich mir auferlegen kann, ist die, daß ich Dich verlasse; die einzige Chance für Dein künftiges Glück ist die, von meinem entehrten Leben losgerissen zu werden. Ich liebe Dich, Valeria, treu, ergeben leidenschaftlich. Aber das Gespenst des vergifteten Weibes steht zwischen uns. ist gleichgültig, ob ich selbst im Gedanken schuldlos gegen meine erste Frau war. In dieser Welt kann meine Unschuld nicht mehr bewiesen werden. Du bist noch jung, liebevoll, hoffnungsreich. Beglücke Andere, Valeria mit den seltenen Eigenschaften Deines Körpers und Deines Geistes. Ich darf mich an deren Genusse nicht mehr erfreuen; das vergiftete Weib steht zwischen uns. Wenn Du jetzt mit mir weiter leben wolltest, würdest Du sie sehen, wie ich sie sehe. Zu dieser Tortur will ich Dich nicht verdammen. Ich verlasse Dich, weil ich Dich liebe. Halte mich nicht für hart und grausam. Warte ein wenig, und die Zeit wird Deine Denkungsart ändern. Nach Jahren wirst Du Dir einst selber sagen: obgleich er mich betrog, war doch eine gewisse Großmuth in seiner Seele. Er war Mann genug, mich ans freiem Willen aufzugeben. Ja, Valeria, aus freiem Willen gebe ich Dich auf. Wenn es möglich ist, unsere Ehe nichtig zu machen laß es geschehen. Suche Deine Freiheit wiederzugewinnen und sei meiner unbedingten Einwilligung gewiß. Meine Advocaten haben die nöthigen Instructionen hierüber in Händen. Dein Onkel braucht sich nur mit ihnen in Verbindung zu setzen, und ich denke, er wird meinem Entschluß Gerechtigkeit widerfahren lassen. Das einzige Interesse, das ich noch am Leben nehme, ist das Deiner zukünftigen Wohlfahrt, Deines zukünftigen Glückes. Diese beiden Güter kannst Du aber unmöglich länger in Deiner Verbindung mit mir finden. Ich vermag nicht mehr zu schreiben Jeder Versuch, meinen Aufenthaltsort zu erfahren wird ein vergebener sein. Ich kenne meine eigene Schwäche. Mein Herz gehört ganz Dir; ich möchte wieder in Deine Arme eilen, wenn ich zugäbe, daß Du mir noch einmal vor Augen trätest. Zeige diesen Brief Deinem Onkel und allen Freunden, deren Urtheil Dir etwas werth ist. Mir bleibt jetzt weiter nichts übrig, als meinen entehrten Namen zu unterzeichnen, und Jedermann wird die Motive, die meine Hand geleitet, versichert und als gerechtfertigt erkennen. Mein Name rechtfertigt den Brief. Vergieb, vergiß und lebe wohl!
Eustace Macallan«
Mit diesen Worten nahm er Abschied von mir, nachdem wir gerade sechs Tage verheirathet gewesen.
Vierzehntes Kapitel.
Die Antwort der Frau
Bis hierher habe ich über mich selbst mit völliger Offenheit geschrieben und, ich glaube auch hinzufügen zu können mit einigem Muthe. Wenn ich jetzt auf den Abschiedsbrief meines Gatten zurückblicke, entsinkt mir jene Offenheit und jener Muth, und ich werde schwach wie ein Kind.
Als ich nach der Lectüre jenes entsetzlichen Schreibens wieder einige Kraft gesammelt hatte, ging ich an die Beantwortung desselben.
Ich hatte das Hotel verlassen und mich der väterlichen Sorge des alten Benjamin anvertraut. Er trat mir ein Zimmer in seiner kleinen Villa ab. Hier verbrachte ich die erste Nacht nach der Trennung von meinem Gatten. Gegen Morgen schliefen meine milden Lebensgeister ein.
Zur Frühstückszeit ließ sich der Major Fitz-David bei mir melden. Er hatte schon am vergangenen Tage mit den Advocaten meines Gatten gesprochen. Diese hatten zugegeben Eustaces Aufenthalt zu kennen; aber sie fügten hinzu, daß es ihnen verboten sei, ihn mir und jedem Andern namhaft zu machen. Was die bereits erwähnten Instructionen betraf, so brauchte ich mich nur an sie zu wenden, um eine Copie derselben übermittelt zu erhalten.
Das waren des Majors Neuigkeiten. Nachdem er sich noch nach meinem Befinden erkundigt, verabschiedete er sich für heute von mir. Dann hatten er und Benjamin noch eine lange Unterredung in dem Garten der Villa.
Ich begab mich in mein Zimmer und schrieb an meinen Onkel Starkweather, indem ich ihm ausführlich das Geschehene mittheilte und eine Abschrift von meines Mannes Brief beilegte.
Nachdem dies geschehen schöpfte ich einen Augenblick frische Luft, würde aber bald müde und ging in mein Zimmer zurück.
Am Nachmittag fühlte ich mich bereits etwas gestärkt. Ich konnte schon an Eustace denken, ohne in Schluchzen auszubrechen und mit Benjamin sprechen, ohne ihn zu erschrecken.
In der Nacht hatte ich schon etwas mehr Schlaf. Am nächsten Morgen war ich bereits stark genug, den Brief meines Gatten zu beantworten. Ich schrieb folgendermaßen:
»Ich bin noch zu schwach und krank, Eustace, um viele Zeilen an Dich zu richten Mein Geist ist aber klar und ruhig. Ich habe mir meine eigene Ansicht über Dich und Deinen Brief gebildet und ich weiß genau, was Du mir zu thun übrig gelassen. Andere Frauen in meiner Lage würden vielleicht denken daß Du alles Recht auf ihr Vertrauen verloren. Ich denke anders. Höre mich ruhig und aufmerksam an.
Du sagst, daß Du mich liebst – und mich deshalb verläßt. Ich verstehe es nicht wie man ein Weib lieben und es verlassen kann. Was mich betrifft so werde ich trotz der harten Dinge, die Du mir gesagt, trotz der Grausamkeit, mit der Du mich behandelt dennoch fortfahren Dich zu lieben, und nie darin willigen Dich aufzugeben. So lange ich lebe, gedenke ich Dein Weib zu sein. Setzt Dich dies in Erstaunen? Mich setzt es in Erstaunen. Wenn ein anderes Weib in dieser Weise an ihren Gatten schriebe, der sie behandelt hätte, wie Du mich behandelt hast, so würde ich in Verlegenheit sein, ihrem Betragen einen Namen zu geben. Auch für mein Benehmen finde ich keinen Ausdruck. Ich sollte Dich hassen und kann nicht anders als Dich lieben. Ich schäme mich vor mir selbst; aber es ist dennoch so. Du brauchst keine Befürchtungen zu hegen daß ich Deinen Aufenthalt erspähen oder Dich überreden möchte, zu mir zurückzukehren Dazu bin ich nicht thöricht genug. Und Du bist zu einem solchen Schritt noch nicht reif. Wenn jener Zustand der Reife eintritt, wirst Du von selbst kommen; und ich werde schwach genug sein, Dir zu vergeben.
Aber was thun, um Dich wieder aus die richtige Bahn zu lenken.
Ich habe Tag und Nacht meinen armen Kopf zermartert und bin endlich zu der Ansicht gekommen, daß Du ohne meine Hilfe nimmer zurückfinden werdest.
Und wie kann ich Dir helfen? Die Frage ist leicht beantwortet. Was das Gesetz unterlassen hat, für Dich zu thun, Dein Weib wird es nachholen. Wie ich Dir bereits im Hause des Majors Fitz-David gesagt, wiederhole ich Dir heute: Dein Weib wird das schottische Verdict umstoßen. Dein Brief hat mich nur noch mehr in diesem Entschluß bestärkt. Die einzige Chance, die ich sehen kann, um Dich mir als liebenden Gatten zurückzugewinnen, ist die, das oberflächliche schottische Verdict von »Nicht bewiesen« in einen ehrlichen englischen Wahrspruch von »Nicht schuldig« umzuwandeln.
Erstaune nicht über einen solchen Entschluß Deines jungen Weibes. Die Noth hat mich das Gesetz verstehen gelehrt; das Gesetz und das Weib haben begonnen, einander zu verstehen. Mit kurzen Worten, ich habe einen Blick in Ogilvie's Dictionnaire gethan, und Ogilvie erzählt mir: ein Verdict von »Nicht bewiesen« will nur sagen, daß in der Meinung des Gerichtshofes ein Mangel in der Evidenz obwaltet, den Angeklagten zu überführen. Ein Verdict von »Nicht schuldig« thut die Meinung des Gerichtshofes kund, daß der Angeklagte unschuldig ist.
Eustace, das letztere soll die Ansicht der Welt im Allgemeinen und die des schottischen Gerichtshofes im Besonderen über Dich werden. Dieser einzigen Aufgabe widme ich mein Leben, so lange es mir der Herr noch erhalten möge!
Wer mir helfen wird, wenn ich der Hilfe bedarf, ist mehr, als ich bis jetzt weiß. Ich glaubte einst, wir würden Hand in Hand diesen Kampf bestehen. Diese Hoffnung ist in mir gescheitert. Ein Mann, welcher denkt, wie Du denkst, kann in seiner Hoffnungslosigkeit Niemand helfen. Ich muß also für zwei hoffen, für zwei wirken.
Ich sage Dir noch nichts über meine Pläne, denn ich habe den Prozeß noch nicht gelesen. Für mich ist es vorläufig genug, zu wissen, daß Du unschuldig bist. Wenn aber ein Mann unschuldig ist, dann muß es einen Weg geben, dies zu beweisen. Es kommt also hauptsächlich darauf an, diesen Weg zu finden . Früher oder später wird mir diese Aufgabe mit oder ohne Beistand gelingen.
Du wirst über mein blindes Selbstvertrauen lachen; vielleicht daß Du auch Thränen darüber vergießt. Ich verlange nicht, zu wissen, ob ich lächerlich oder des Mitleids bedürftig erscheine. Ich bin mir nur einer Sache klar bewußt, daß ich Dich zurückgewinnen will, gereinigt vor den Augen der Welt, ohne Fleck auf Character und Namen, und das alles bewerkstelligt durch Dein Weib.
Schreibe mir zuweilen, Eustace, und glaube, mir, daß ich immer und ewig bin
Deine treue Valeria.«
Das war meine Antwort. Es war der ehrenwerthe Ausdruck dessen, was ich wirklich glaubte und fühlte.
Ich las Benjamin den Brief vor.
»Viel zu voreilig, viel zu rasch!« sagte der alte Mann.
»Ich habe noch niemals gehört Valeria, daß eine Frau that, was Sie Sich vorgenommen zu thun. Gott stehe uns bei! Ich wünschte, Ihr Onkel Starkweather wäre hier. Ich bin neugierig, was er dazu sagen würde. Wollen Sie denn den Brief wirklich absenden?«
Zu meines alten Freundes unaussprechlichem Erstaunen sagte ich, daß ich sofort ausgehen und den Brief selbst besorgen würde. Dabei konnte ich gleich die Advocaten meines Mannes besuchen, um von deren Instructionen Kenntniß zu nehmen.
Die Firma bestand aus zwei Partnern, welche mich gleichzeitig empfingen Der eine war ein sanfter, magerer Mann mit einem sauren Lächeln. Der andere war groß und fett und hatte übellaunig zusammengezogene Augenbrauen. Beide Männer waren mir zuwider; auf ihrer Seite schien dasselbe Gefühl obzuwalten. Sie zeigten mir meines Gatten Instructionen in Bezug auf mich, welche unter anderen ebenso gleichgültigen Sachen die Bestimmung enthielten, daß mir für Lebenszeit die Hälfte seines ganzen Einkommens ausgezahlt werden sollte. Ich verweigerte sofort die Annahme des Geldes.
Die Advocaten schienen höchlich erstaunt über diesen Entschluß. Sie setzten mir ihre Bedenken auseinander. Der Partner mit den übellaunig zusammengezogenen Augenbrauen wünschte meine Gründe zu wissen; der Partner mit dem sauren Lächeln entgegnete ihm darauf, daß ich ein Weib sei und deshalb keine Gründe anzugeben brauche. Ich antwortete: »Haben Sie die Freundlichkeit meinen Brief zu bestellen Gentleman,« und verließ sie.
Es sei fern von mir, mir in diesen Blättern ein Lob zusprechen zu wollen, das ich nicht verdiene; aber ich konnte unmöglich von Eustace etwas annehmen nachdem er mich verlassen. Mein eigenes kleines Vermögen (800 Pfund jährlich) war mir bei meiner Verheirathung sicher gestellt worden. Das war mehr als ich bedurfte. Benjamin hatte mir ein Asyl in seinem Hause geboten, und so konnte ich meine ganzen Einkünfte auf meine Kleidung und die Kosten verwenden, welche die Nachforschungen in Betreff meines Mannes etwa erfordern dürften.
Wenn ich mich stets bemüht habe, meine Fehler und Schwächen in das richtige Licht zu stellen, so muß ich auch hinzufügen daß, so sehr ich meinen armen, unglücklichen Mann auch liebte, ich ihm einen Fehler nur schwer vergeben konnte.
Ich konnte ihm nur schwer vergeben, daß er mir seine erste Ehe geheim gehalten. Ich glaube, daß die Eifersucht auf dem Grunde dieses Gefühls lag. Selbst jetzt, da ich Kenntniß von dem schrecklichen Ende des armen Weibes hatte, konnte ich noch nicht mit Gewißheit behaupten, ob ich nicht auch jetzt von Eifersucht beherrscht sei. Was würde Eustace gesagt haben, wenn er eine Wittwe geheirathet hätte, ohne es zu wissen?
Als ich gegen Abend nach Hause zurückkehrte, schien mich Benjamin schon am Gartenthor er wartet zu haben.
Bereiten Sie Sich aus eine Ueberraschung vor, mein Kind,« sagte er. »Ihr Onkel Dr. Starkweather ist angekommen. Heute Morgen empfing er Ihren Brief, und jetzt ist er mit dem nächsten Zuge schon da.«
In der nächsten Minute war ich von meines Onkels starken Armen umschlossen. Seine hingebende Liebe preßte mir Thränen des Dankes aus, die mir sehr wohlthaten.
»Ich bin gekommen, Dich zurückzunehmen zur alten Heimath,« sagte er. »Ich brauche Dir wohl nicht die Versicherung zu geben wie dringend Deine Tante und ich gewünscht, daß Du uns nie verlassen. Aber was hilft’s. Das Uebel ist geschehen und wir müssen jetzt daran denken es wieder gut zu machen. Ehe ich es vergesse, Deine Tante schickt Dir ihre schönsten Grüße. Sie ist abergläubischer, als sie es je gewesen. Dein schreckliches Eheunglück überrascht sie nicht im mindesten. Sie sagt, das hätte ja nicht anders kommen können, da Du einen Irrthum bei der Unterschrift des Trauactes begangen. Sie ist ein thöricht Weib, aber sie meint es gut. Sie wäre gern mitgekommen wenn ich es ihr erlaubt s hätte; aber sie muß doch nach dem Hause und der Wirthschaft sehen. Du bekommst Dein altes Zimmer wieder, Valeria, mit den weißen Gardinen und den blauen Franzen daran. Ich denke, wir nehmen morgen früh den Zug um 9 Uhr 40.«
Jetzt mit meinem Onkel zurückkehren? Das s war ganz unmöglich.
»Ich danke Dir von ganzem Herzen Onkel,« sagte ich. »Aber ich kann augenblicklich London nicht verlassen.«
»Du kannst augenblicklich London nicht verlassen?« wiederholte er.
»Was meint sie damit, Mr. Benjamin?«
»Sie ist mir ja auch herzlich willkommen,« entgegnete dieser ausweichend.
»Das ist keine Antwort,« polterte mein Onkel. »Was hält Dich in London zurück?« wandte er sich dann an mich. »Das muß doch einen Grund haben!«
Ich nahm meinen ganzen Muth zusammen und erzählte ihm offen und frei, welche Ausgabe ich mir gestellt.
»Gott sei ihr gnädig!« rief der würdige Mann als ich geendet. »Das arme Kind hat den Verstand verloren!«
»Ja, ja, ich mißbillige es ebenfalls,« sagte Benjamin in seiner zögernden milden Weise.
»Mißbilligen ist nicht das richtige Wort,« brauste der Vicar auf. »Ich nenne es geradezu Wahnsinn!«
Er stellte sich vor mich hin und blickte mich an wie er es zu thun pflegte, wenn er ein widerspenstiges Kind katechisirte. »Es ist aber wohl nicht Dein Ernst was Du gesprochen?«
»Es thut mir leid, Deine gute Meinung über mich abschwächen zu müssen, Onkel,« entgegnete ich. »Ich habe in vollständigstem Ernst geredet.«
»Du bildest Dir also ein,« polterte der Vicar weiter, »daß Du vollbringen wirst, was den größesten Juristen Schottlands mißlang? Ihre ganze Gemeinschaft konnte die Unschuld jenes Mannes nicht beweisen und Du einzelnes armes Wurm unterfängst Dich, dies thun zu wollen? Auf mein Wort Du bist ein wundervolles Frauenzimmer! Da muß ein einfacher Landgeistlicher schon seine Segel streichen, wenn er solchem weiblichen Advocaten gegenübersteht!«
»Ich werde mit Lesung des Prozesses beginnen Onkel,« entgegnete ich sehr ruhig.
»Hübsche Lectüre für ein junges Weib! Und wenn Du damit zu Ende bist was dann?« Haft Du das auch schon bedacht?«
»Ja, Onkel. Meine erste Sorge wird sein, nachdem ich den Prozeß gelesen meinen Verdacht auf die Person zu lenken die wirklich das Verbrechen begangen. Dann werde ich mir eine Liste der Zeugen entwerfen welche zu Gunsten meines Gatten gesprochen. Ich werde jeden dieser Zeugen besuchen, ihm sagen wer ich bin und was ich beabsichtige. Ich werde alle möglichen Fragen an sie richten welche ernste Juristen für unter ihrer Würde halten könnten zu thun. Die zu erhaltenden Antworten werden meine fernere Handlungsweise bestimmen. Welche Hindernisse sich mir auch entgegenstellen dürften, ich werde nicht vor ihnen zurückschrecken. Das sind vorläufig meine Pläne.«
Der Vicar und Benjamin sahen einander an als wenn sie ihren Sinnen nicht trauten.
»Willst Du mir vielleicht damit sagen,« begann der Erstere, »daß Du Dich auf der Landstraße umhertreiben und allen Menschen zur Last fallen oder deren Mitleid erbetteln wirst? Ein junges Weib, von ihrem Mann verlassen Niemand, es zu beschützen! Ich weiß wirklich nicht ob ich wache oder träume. Und das spricht sie alles so unbefangen hin, als wenn es sich von selbst verstände! Was, um des Himmels willen soll ich mit ihr anfangen?«
»Laß mich mein Experiment versuchen Onkel, so seltsam es Dir auch erscheinen mag,« sagte ich. »Nichts anderes in dieser Welt wird mir Trost gewähren und Gott weiß, wie sehr ich des Trostes bedarf.«
Der Vicar blickte mich mit ironischer Miene an.
»Schon manches Weib vor mir,« fuhr ich fort »hat ernsten Schwierigkeiten gegenüber gestanden und sie um des Mannes Willen besiegt den sie liebte.«
»Was muß ich hören!« sagte mein Onkel, sich langsam von seinem Sitz erhebend. »Willst Du damit sagen daß Du Deinen Mr. Macallan noch immer liebst?«
»Ja,« antwortete ich.
»Den Helden des großen Vergiftungsprozesses?« fuhr mein Onkel fort. »Den Mann der Dich betrog und Dich verlassen? Den liebst Du noch?«
»Noch inniger als sonst.«
»Mr. Benjamin!« sagte der Vicar. »Wenn sie bis morgen ihre fünf Sinne wiederbekommt, dann schicken Sie sie mir morgen früh um 9 mit ihrem Gepäck nach Loxley's Hotel, wo ich abgestiegen bin. Gute Nacht Valeria. Mehr habe ich Dir nicht zu sagen.«
»Giebst Du mir keinen Kuß zum Abschied, Onkel?«
»O ja, so viel Du willst. Ich werde an meinem Geburtstag 65, und ich glaubte immer, einige Menschenkenntniß erworben zu haben; es ist aber nicht wahr. Also nach Loxley’s Hotel, Mr. Benjamin Gute Nacht.«
Benjamin blickte sehr ernst, als er, nachdem er den Doctor hinausbegleitet zu mir zurückkehrte.
»Ich habe nicht von Ihnen verlangt, daß Sie meinem Rathe unbedingt folgen sollten,« begann er; »aber Ihres Onkels Ansicht von der Sache ist doch immer der Ueberlegung werth.«
Ich antwortete nicht; es war nutzlos, noch etwas hinzuzufügen.
»Gute Nacht mein lieber alter Freund,« war alles, was ich erwiderte.
Dann begab ich mich mit Thränen in den Augen in mein Schlafzimmer.
Die Jalousien waren in die Höhe gezogen und das herbstliche Mondlicht schien hell und klar in mein kleines Gemach.
Als ich so hinausblickte, kam die Erinnerung an eine andere Mondnacht mir zurück, an jene Nacht in welcher Eustace und ich vor unserer Verheirathung in dem Pfarrgarten auf- und nieder gingen. Wir sprachen von den Hindernissen die sich schon damals unserer Verbindung entgegensetzten. Ich sah sein liebes treues Antlitz wieder, als er beim Mondlicht mir in’s Auge schaute; ich hörte seine Stimme und die meine. »Vergieb mir,« hatte er gesagt »daß ich Dich geliebt habe mit Leidenschaft und aufrichtigster Ergebung; vergieb mir und laß mich von hinnen gehen.«
Und ich hatte darauf geantwortet: »O Eustace, ich bin nur ein Weib, mach’ mich nicht wahnsinnig! Ich kann nicht ohne Dich leben, ich muß und will Deine Frau werden.« Und nun, nachdem das Ehebaud uns umschlossen waren wir von einander getrennt. Getrennt obgleich wir uns noch ebenso leidenschaftlich liebten als vorher. Und weshalb getrennt? Weil er eines Verbrechens angeklagt war, das er nimmer begangen und weil es dem schottischen Gerichtshofe nicht gelungen seine Unschuld darzuthun.
Da entbrannte ein neuer Eifer in meiner Brust »Nein,« sagte ich zu mir selbst »Weder Verwandte noch Freunde werden mich je zurückhalten für meinen Gatten in den Kampf zu gehen. Die Bestätigung seiner Unschuld ist die Aufgabe meines Lebens, und diese Nacht schon will ich sie beginnen.«
Ich zog die Jalousien herunter und zündete die Kerzen an. In der ruhigen Nacht allein und ohne Hilfe, that ich den ersten Schritt auf dem mühevollen und schrecklichen Wege, der vor mir lag. Von dem Titelblatt bis zum Schluß las ich, ohne eine Pause zu machen ohne ein Wort zu übersehen den gegen meinen Mann angestrengten Vergiftungsprozeß.
Zweiter Theil
Erstes Capitel.
Der Prozeß Vorbereitungen
Ehe ich über den Prozeß Bericht erstatte, muß ich noch eine Schwäche bekennen. Ich vermag es nicht über mich, noch einmal jenes entsetzliche Titelblatt zu copiren, welches den Namen meines Gatten dem Publikum gegenüber als entehrt hinstellte.
Die erste Seite also umschlagend, fand ich auf der zweiten eine Note, welche dem Leser die absolute Correctheit des Berichtes und aller Vorgänge des Prozesses versichert. Es waren von allen Seiten und in jeder Beziehung so außerordentliche Vorsichtsmaßregeln getroffen, daß kein Fehler, kein Versehen stattfinden konnte. Ich kann nicht leugnen, daß diese Note mich mit größerer Sammlung und Ruhe an die Lectüre gehen ließ.
Die nächste Seite interessierte mich noch mehr. Sie zählte die in dem juridischen Drama handelnden Personen auf, die Männer, welche meines Gatten Ehre Und Leben in ihren Händen hielten. Dies ist die Liste:

Mr. James Arlifs, W. S., Agent der Krone.

Nun folgte die Anklage gegen den Gefangenen. Ich will nicht die wunderliche Ausdrucksweise copiren, voll von unnützen Wiederholungen (und, wenn ich irgend etwas von der Sache verstehe, ebenso schlecht grammatikalisch), in der mein unschuldiger Gatte feierlich und fälschlich angeklagt wurde, seine erste Frau vergiftet zu haben. Je weniger von dieser falschen und gehässigen Bezichtigung auf diesem Blatte steht, desto besser und wahrer wird das Blatt in meinen Augen aussehen.
Um also kurz zu sein, Eustace Macallan wurde »auf Veranlassung von David Mintlaw, Esqre, dem Anwalt Ihrer Majestät, im Interesse Ihrer Majestät bezichtigt und angeklagt« der Ermordung seiner Frau durch Gift an seinem Wohnort Gleninch in der Grafschaft Mid-Lothian. Das Gift sollte von dem Gefangenen seiner Frau Sara in gemeiner, hinterlistiger Weise bei zwei Gelegenheiten beigebracht sein, und zwar in Gestalt von Arsenik im Thee, der Medizin »oder anderen Nahrungsmitteln oder Getränken, die dem Ankläger unbekannt waren, oder in einer andern dem Ankläger unbekannten Weise.« Es wurde weiter erklärt, daß die Frau des Gefangenen an dem ihr so von ihrem Gatten bei einer oder der andern oder bei beiden der erwähnten Gelegenheiten beigebrachten Gift gestorben und daß sie somit von ihrem Gatten ermordet wäre. Der nächste Passus constatirte, daß der besagte Eustace Macallan, vor den Advocaten John Daviot, Esqre, Sheriff-Substituten von Mid-Lothian, geladen, in seiner Gegenwart zu Edinburgh (an einem bestimmten Tage, nämlich dem 29. October; eine Erklärung unterschrieb, die seine Unschuld an dem vorliegenden Verbrechen versicherte: diese Erklärung war der Anklage beigefügt zusammen mit gewissen in einem Inventar aufgezählten Documenten, Papieren und Gegenständen die zur Ueberführung des Gefangenen dienen sollten. Die Anklage schloß mit der Erklärung, daß, falls das Verdict die gegen den Gefangenen erhobene Beschuldigung bestätigen sollte; er, besagter Eustace Macallan, »mit den gesetzlichen Strafen zu belegen wäre, um Andere von der Begehung der gleichen Verbrechen für alle Zukunft abzuschrecken.«
So viel in Betreff der Anklage Ich bin fertig mit ihr – und ich bin froh, mit ihr fertig zu sein.
Ein langes Inventar von Papieren, Documenten und Gegenständen folgte auf den drei nächsten Seiten. Diesem wieder folgte die Liste der Zeugen und die Namen der Geschworenen (15 an der Zahl), die für den speciellen Fall ausgelost waren. Schließlich begann dann der Bericht über die Verhandlungen. Er gliederte sich meines Erachtens in drei Hauptfragen: Man lasse mich ihn hier wiedergeben, wie er sich mir zur Zeit darstellte.
Zweites Capitel.
Erste Frage – starb die Frau an Gift?
Die Verhandlungen begannen um 10 Uhr.
Der Gefangene erschien vor dem Schwurgericht von Edinburg. Er verbeugte sich respectvoll , vor den Richtern und beantragte mit leiser Stimme das Nichtschuldig.
Das Antlitz des Gefangenen zeigte die Spuren tiefen geistigen Leidens; er war tödtlich blaß. Sein Auge wandte sich niemals zum Publikum. Wenn gewisse Zeugen gegen ihn er schienen, blickte er dieselben mit augenblicklicher Aufmerksamkeit an. Sonst hielt er die Blicke stets zu Boden geheftet. Als die Zeugenaussagen seines Weibes Krankheit und Tod berührten war er tief ergriffen und bedeckte das Antlitz mit den Händen. Es setzte allgemein in Erstaunen daß der Gefangene, obwohl ein Mann weit weniger Selbstbeherrschung in seiner Sache zeigte, als seine Vorgängerin welche mit Zeugenaussagen gegen sich beinahe überbürdet war. Nur eine geringe Minorität der Anwesenden deutete diesen Mangel an Fassung zu Gunsten des Gefangenen. Selbstbeherrschung in einer so entsetzlichen Lage war nach ihrer Ansicht gleichbedeutend mit der Gefühllosigkeit und Herzlosigkeit eines raffinierten Verbrechers, gleichbedeutend mit Schuld anstatt mit Unschuld.
Der erste vorgerufene Zeuge war John Daviot, Esqre, Sheriff-Substitut von Mid-Lothian. Von dem Lord-Anwalt als Ankläger befragt, äußerte er folgendes:
»Der Gefangene wurde unter der schwebenden Anklage vor mich gebracht. Er entwarf und unterschrieb eine Erklärung vom 29. October. Das Schriftstück wurde aus freiem Antriebe aufgesetzt, nachdem der Gefangene pflichtmäßig gewarnt und zur Wahrheit ermahnt worden war.
Nachdem sich der Sheriff-Substitut von der Identität der Declaration überzeugt und von dem Decan der Facultät als Vertheidiger in’s Kreuzverhör genommen war, setzte er seine Aussage mit folgenden Worten fort:
»Die Anklage gegen den Gefangenen ist Mord. Dies wurde ihm mitgetheilt, ehe er die Declaration niederschrieb. Die dem Gefangenen vorgelegten Fragen geschahen theils durch mich selbst, theils durch einen andern Beamten den fiskalischen Procurator. Die Antworten wurden bestimmt und rückhaltlos gegeben.
Ein Schreiber in dem Secretariat des Sheriffs legte dann die Declaration nieder und bekräftigte die Zeugenaussage seines Vorgängers.
Das Erscheinen des nächsten Zeugen rief eine allgemeine Sensation hervor. Es war die Wärterin welche Mrs. Macallan in ihrer letzten Krankheit gepflegt hatte. Sie hieß Christina Ormsay.
Nach den ersten formellen Antworten die sie dem Lord-Anwalt gegeben hatte, ließ sie sich folgendermaßen aus:
»Am 7. October ward zu mir geschickt, da mit ich der verstorbenen Mrs. Macallan in ihrer Krankheit Hilfe leiste. Sie litt damals an einer schweren Erkältung, begleitet von einer rheumatischen Affection des linken Kniegelenks. Vor diesem Anfall sollte ihre Gesundheit nichts zu wünschen übrig gelassen haben. Sie war keine angenehme Kranke, wie man zu sagen pflegt; man mußte mit ihr umzugehen verstehen. Die Dame hatte keinen angenehmen Character. Sie war eigensinnig und heftig, sehr leicht leidenschaftlich erregt und in ihren Ausbrüchen von Zorn sowohl in Worten als Handlungen ziemlich unzurechnungsfähig. Wenn diese Stimmungen über sie kamen bin ich überzeugt, daß sie oft nicht wußte, was sie that. Nach meiner Ansicht war ihr Temperament durch häusliches Unglück ein noch erregteres geworden. Von Zurückhaltung war keine Rede bei ihr. Im Gegentheil, sie war zu mittheilend in Bezug auf sich und ihre Bekümmernisse, selbst gegen Leute, welche, wie ich, weit unter ihr standen. Sie nahm z. B. nicht den geringsten Anstand, mir zu erzählen, daß sie sich sehr unglücklich fühle, und sprach in wenig zärtlichen Ausdrücken von ihrem Gemahl. Einstmals in einer schlaflosen Nacht sagte sie zu mir: —
Der Decan der Facultät, welcher die Interessen des Gefangenen wahrnahm, unterbrach hier die Zeugin mit der Bemerkung an die Richter, ob es erlaubt sei, daß ein solch’ loses und unzusammenhängendes Zeugniß wie dieses überhaupt vom Gerichtshof angenommen werden dürfe. Der Lord-Anwalt im Interesse der Krone beanspruchte es als sein Recht, auch solche Zeugnisse zu Protokoll zu nehmen; denn es sei in diesem Fall von der größten Wichtigkeit, zu zeigen, in welchen Beziehungen Mr. und Mrs. Macallan zu einander standen. Die Zeugin wäre eine sehr achtbare Frau. Sie hatte sich das Vertrauen der unglücklichen Dame, die sie bis an ihren Tod pflegte, gewonnen und verdient.
Nach einer kurzen Berathung entschieden die Richter einstimmig dahin, daß ein solch’ ab schweifendes Zeugniß nicht zulässig sei. Nur was die Zeugin mit eigenen Augen von dem ehelichen Leben der Macallans gesehen, könne als Zeugniß vor dem Gerichtshofe gelten.
Christina Ormsay fuhr nun in ihrer Aussage fort:
»Ja meiner Stellung als Wärterin hatte ich Gelegenheit, tiefere Einblicke in das Leben der Mrs. Macallan zu thun, als es irgend einer anderen Person gestattet war.«
»Wie ich schon einmal bemerkt, sah ich deutlich genug, daß Mr. und Mrs. Macallan uneinig mit einander lebten. Ich erlaube mir, ein Beispiel aus meiner eigenen Beobachtung mitzutheilen: Als meine Beschäftigung bei Mrs. Macallan sich bereits ihrem Ende zuneigte, kam eine junge Wittwe Namens Mrs. Beanly, eine Nichte von Mr. Macallan, nach Gleninch zum Besuch. Mrs. Macallan war eifersüchtig auf die Dame, und sie zeigte es öfters in meiner Gegenwart, so auch an dem Tage vor ihrem Tode, als Mr. Macallan in ihr Zimmer kam, um sich zu erkundigen, wie sie die Nacht geschlafen. »O,« sagte sie, »bekümrnere Dich doch nicht um meinen Schlaf! Das kann Dir ja ganz gleichgültig sein! Wie hat denn Mrs. Beanly die Nacht zugebracht? Ist sie diesen Morgen noch schöner als sonst? Bitte, geh’ doch zurück zu ihr. Was verschwendest Du Deine Zeit an meinem Krankenbett?« In dieser Weise beginnend, sprach sie sich zuletzt in völlige Wuth. Ich war gerade dabei, ihr das Haar zu bürsten, und da ich sah, daß meine Anwesenheit unter diesen Umständen überflüssig sei, machte ich Miene, das Zimmer zu verlassen Sie verbot es mir. Mr. Macallan, welcher wohl von demselben Gefühl beherrscht sein mochte als ich, bat mich in milden Worten, daß ich gehen möchte. Mrs. Macallan aber bestand auf mein Bleiben und äußerte dies in einer so heftigen und insolenten Weise gegen ihren Gatten, daß dieser sagte:
»Wenn Du so wenig Selbstbeherrschung hast, muß entweder die Wärterin das Zimmer verlassen oder ich.« Mrs. Macallan opponirte noch immer. »Eine hübsche Entschuldigung,« sagte sie, »zu Mrs. Beanly zurückzukommen. Geh!« Er nahm sie beim Wort und verließ das Zimmer. Kaum hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen, als sie in der beleidigendsten Weise über ihn herzog. Sie behauptete unter Anderem, daß alle Nachrichten der ganzen Welt ihm nicht so angenehm sein würden, als die Nachricht von ihrem Tode. Ich erlaubte mir, ganz bescheiden Einspruch dagegen zu thun. Da nahm sie die Haarbürste, warf sie mir an den Kopf und hieß mich gehen. Ich verließ das Zimmer und wartete unten, bis der Wuthanfall vorüber sein würde. Dann kehrte ich zurück, und es war wieder eine Weile ruhig.
Es mag nicht unangemessen sein, noch ein Wort hinzuzufügen, welches zur Motivirung von Mrs. Macallan’s Eifersucht gegen ihres Gatten Nichte dienlich sein könnte. Mrs. Macallan war eine durchaus unschöne Person. Sie schielte auf einem Auge, und ihr Teint war so schmutzig und sinnig, wie ich es in meinem Leben noch nicht gesehen hatte. Mrs. Beanly dagegen besaß ein sehr anziehendes Wesen. Ihren Augen wurden allgemein bewundert, und ihre Haut war von der Weiße eines Lilienblatts. Die arme Mrs. Macallan sagte immer, aber gewiß mit Unrecht, daß sie sich schminkte. Die Unvollkommenheiten in der äußern Erscheinung der verstorbenen Lady standen aber in durchaus keiner Beziehung zu ihrer Krankheit. Diese schien, so weit ich es beurtheilen kann, mehr lästig und beschwerlich als gefahrvoll. Bis zum letzten Tage hatten sich durchaus keine beunruhigenden Symptome gezeigt. Die rheumatische Anschwellung ihres Knies war natürlich schmerzhaft und das ewige Imbettbleiben unangenehm, – das war aber auch alles. Sie hatte Bücher und Schreibmaterial auf einem invaliden Tisch, der sich um seine Axe drehte und ihr daher sehr bequem war, neben dem Bette stehen. Zu Zeiten las und schrieb sie viel. Manchmal lag sie aber auch still, mit ihren Gedanken beschäftigt, oder mit mir und einigen Freundinnen sprechend, die sie tagtäglich besuchten.
Ihren Schreiberei, so weit ich es beurtheilen kann, bestand größtentheils in Verse machen, worin sie eine bedeutende Fertigkeit hatte. Ich mußte manche Gedichte lesen. Dieselben sprachen gewöhnlich Verzweiflung über sich selbst aus, Unzufriedenheit, daß sie überhaupt geboren, und was des Unsinns noch mehr war. Ihrem Gatten ertheilte sie auch manchen wuchtigen Hieb wegen seines grausamen Herzens und weil er die Verdienste seines Weibes nicht anerkannte. Mit einem Wort, sie machte ihrem Unmuth so wohl mit der Feder als mit der Zunge Luft. Es gab Stunden, in denen ein Engel hätte vom Himmel kommen können, ohne daß es ihm gelungen sein würde, Mrs. Macallan zu genügen.
Während der ganzen Dauer ihrer Krankheit bewohnte die verstorbene Lady dasselbe Zimmer. Ja! der Plan des Zimmers ist ganz richtig gezeichnet. Eine Thür führte in den großen Corridor, auf den auch alle anderen Thüren münden; eine zweite Thür (auf dem Plan mit B bezeichnet) führte in Mr. Macallan’s Schlaf zimmer, eine dritte dieser gegenüber liegende Thür (C auf dem Plan) communicirte mit dem kleinen Studir- oder Bücherzimmer, welches, wie mir erzählt wurde, Mr. Macallans Mutter bewohnte, wenn sie in Gleninch war. Sonst kam , dort selten Jemand hinein. Die Thür zwischen dem Schlafgemach und dem Studirzimmer war verschlossen und der Schlüssel abgezogen; wer den Schlüssel in Verwahrung hatte, kann ich nicht angeben. Ich habe die Thür niemals offen gesehen; nur von einer andern Seite habe ich einmal einen Blick hineingeworfen.
Nun komme ich zu dem plötzlichen Wechsel, welcher in der Krankheit der Mrs. Macallan eintrat, der mit ihrem baldigen Tode endete. Nach des Doctors Anweisung mußte ich mir in jener Zeit über verschiedene Dinge Noten machen, die mir vollständig gegenwärtig sind.
Vom 7. October an, dem Tage, wo ich zu ihr gerufen wurde, bis zum 20. desselben Monats besserte sich die Kranke langsam, aber sichtlich. Ihr Knie, obgleich noch schmerzhaft, war nicht mehr so entzündet als sonst. Eine Schwäche, vom langen Bettliegen abgerechnet, und die dadurch verstärkte schlechte Laune konnten eigentlich als der Nest ihres Unwohlseins bezeichnet werden. Ihr Schlaf wer allerdings immer schlecht, weshalb sie vom Doctor verordnete beruhigende Tränke erhielt.
Am Morgen des 21., wenige Minuten nach 6, machte ich zuerst die Entdeckung, daß es mit Mrs. Macallan nicht richtig sei.
Um die angegebene Zeit ward ich von dem Geklingel der Handglocke erweckt, die sie vor ihrem Bette stehen hatte. Ich war um 2 Uhr Morgens vor Müdigkeit auf dem Sopha eingeschlafen. Mrs. Macallan wachte zu jener Zeit; sie war wieder einmal nicht gut auf mich zu sprechen. Ich hatte sie nämlich bewegen wollen, mich ihr Toilettenkästchen vom Nachttisch nehmen zu lassen nachdem sie es gebraucht. Es nahm viel Raum ein, und sie bedurfte dessen bis zum nächsten Morgen nicht mehr. Sie wollte es aber durchaus nicht missen. Es befand sich ein Spiegel in dem Kästchen und obgleich sie so häßlich war wie die Sünde, wurde sie doch nicht müde, ihr Angesicht zu betrachten. Ich ließ ihr also das Kästchen und da ich sah, daß sie zu eigensinnig war, um mit mir sprechen und aus meiner Hand ihren Abendtrunk nehmen zu wollen, so legte ich mich auf das Sopha und schlief, wie ich bereits gesagt habe, ein.
So wie ich die Klingel hörte, war ich munter und wieder an ihrem Bett.
Ich fragte, was sie wünsche Sie klagte über Schwäche und Bedrückung und sagte, daß sie sich übel fühle. Ich erkundigte mich, ob sie während meines Schlafes etwas zu sich genommen habe; sie antwortete mir, daß vor ungefähr einer Stunde ihr Gatte hereingekommen sei und, da er sie schlaflos gefunden ihr den beruhigenden Trank gegeben habe. Mr. Macallan welcher im anstoßenden Zimmer schlief, kam herein, während sie noch sprach. Er war ebenfalls von dem Klingeln erweckt worden Er hörte, was Mrs. Macallan über den Beruhigungstrank sagte, und machte keine Bemerkung dazu. Er schien über die Schwäche seiner Frau Besorgniß zu fühlen. Ich schlug vor, daß sie etwas Wein oder Cognac in Wasser nehmen möge, sie antwortete, daß sie so scharfe Sachen nicht zu sich nehmen könne, weil sie bereits einen brennenden Schmerz im Magen empfände. Ich legte meine Hand ganz leicht auf ihre Magengegend, und sie schrie auf bei der bloßen Berührung.
Dies Symptom beunruhigte uns. Wir sandten sogleich ins Dorf zum Arzt Mr. Gale, welcher Mrs. Macallan während ihrer Krankheit behandelt hat. Der Doctor schien nicht weniger besorgt als wir. Nachdem die Kranke über Durst geklagt ließ er sie etwas Milch trinken. Nicht lange darauf folgte Erbrechen, das wohlthätig auf sie zu wirken schien. Dann wurde sie müde und schlief ein. Mr. Gale verließ uns mit der strengen Weisung, sofort nach ihm zu schicken wenn die Kranke wieder schlechter werden sollte.
In den nächsten drei Stunden oder mehr ereignete sich nichts der Art. Gegen halb zehn erwachte sie und fragte nach ihrem Gatten. Ich theilte ihr mit, daß er in sein Zimmer zurückgekehrt, und fragte, ob ich nach ihm schicken sollte. Sie verneinte. Ich fragte weiter, ob sie etwas zu essen oder zu trinken wünsche. Sie verneinte abermals und schickte mich dann hinunter, damit ich frühstücken solle. Auf der Treppe begegnete ich der Haushalterin; sie lud mich zum Frühstück in ihr Zimmer, anstatt daß ich es wie sonst mit dem übrigen Gesinde zusammen nahm. Ich blieb bei der Haushalterin ungefähr eine halbe Stunde.
Auf meinem Wege zurück traf ich das Unterhaus-Mädchen, welches die Treppe fegte.
Sie theilte mir mit daß Mrs. Macallan während meiner Abwesenheit eine Tasse Thee getrunken habe.
Mr. Macallans Diener habe den Thee im Aufträge seines Herrn für seine Herrin bestellt. Das Unterhaus-Mädchen bereitete den Thee und trug ihn selbst nach Mrs. Macallans Zimmer. Der Herr, sagte sie, öffnete auf ihr Klopfen die Thür und nahm ihr die Tasse aus der Hand. Er öffnete die Thür weit genug, um sie sehen zu lassen, daß sich Niemand weiter im Zimmer befände als er und seine Frau.
Nachdem ich noch einige Worte mit dem Unterhaus-Mädchen gewechselt kehrte ich in das Krankenzimmer zurück. Mrs. Macallan war allein und lag vollkommen ruhig mit mir abgewandtem Antlitz auf ihren Kissen. Indem ich mich dem Bett näherte, stieß mein Fuß an etwas. Es war eine zerbrochene Theetasse. Ich fragte Mrs. Macallan wodurch die Tasse zerbrochen worden sei. Sie antwortete, ohne mich anzusehen mit undeutlicher mürrischer Stimme, sie habe sie fallen lassen. »Ehe Sie den Thee tranken Madame,« fragte ich. »Nein« sagte sie, »als ich Mr. Macallan nachdem ich getrunken die Tasse zurückgab.« Ich hatte nämlich die Frage nur deshalb gethan um zu wissen ob noch mehr Thee nöthig sei, wenn sie die Tasse zerbrochen ehe sie getrunken Ich fragte weiter, ob sie lange allein gewesen sei. »Ja,« entgegnete sie kurz, »ich versuchte einzuschlafen.« Während der ganzen Zeit behielt sie ihr Antlitz nach der Wand gekehrt. In dem ich mich über sie beugte, um ihre Betttücher zu ordnen blickte ich nach dem Tisch. Sie mußte geschrieben haben, denn eine der Federn war naß von Tinte.
»Sie haben gewiß wieder gedichtet Madame?« fragte ich. Sie stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. »Ja,« sagte sie, »gedichtet!« »Das ist hübsch,« entgegnete ich, »da befinden Sie Sich gewiß besser.« Sie antwortete nur mit einer ungeduldigen Bewegung der Hand. Ich verstand das Zeichen und ließ sie allein.
Es verfloß ungefähr eine halbe Stunde, ohne daß die Klingel ertönte. Es war mir nicht ganz gut zu Muthe, obgleich ich mir nicht Rechenschaft geben konnte, weshalb. Der hohle Ton ihrer Stimme hatte mir nicht gefallen. Es war mir fatal, sie allein zu lassen und dennoch wagte ich nicht zurückzukehren, aus Furcht ihren Zorn zu erwecken. Endlich wagte ich mich in ein Zimmer, gewöhnlich das Morgenzimmer genannt um Mr. Macallan zu befragen.
Obgleich er sonst immer des Vormittags hier anwesend war, fand ich das Zimmer jetzt leer. Eben wollte ich die Thür schließen als ich des Herrn Stimme draußen auf der Terrasse hörte. Ich ging hinaus und fand ihn im Gespräch mit einem gewissen Mr. Dexter, einem alten Freunde von ihm, der gleich Mrs. Beanly als Gast im Hause anwesend war. Mr. Dexter, ein Krüppel, saß im Rollstuhl an einem Fenster der ersten Etage, und Mr. Macallan sprach zu ihm hinauf:
»Dexter, wo ist Mrs. Beanly? Haben Sie sie nicht gesehen?«
Mr. Dexter antwortete verneinend. Dann trat ich vor und bat meine Störung zu entschuldigen. Ich war eben im Begriff, ihm die Schwierigkeit zu schildern, in der ich mich befände, als ein Diener mit der Meldung eintrat daß Mrs. Macallan heftig klingele.
Es war nahe an elf; ich eilte in das Krankenzimmer zurück.
Ehe ich die Thür öffnete, hörte ich Mrs. Macallan stöhnen. Sie litt schreckliche Pein durch Hitze im Magen und in der Kehle; auch fühlte sie wieder die Übelkeit , von der sie schon am Morgen befallen gewesen. Der zweite Anfall trat entschieden heftiger auf als der erste. Nachdem ich nach einem Diener geklingelt den ich an Mr. Macallan senden könnte, öffnete ich in meiner Ungeduld die Thür und bemerkte auf dem Corridor Mrs. Beanly, welche, wie sie sagte, aus ihrem Zimmer kam, um sich nach Mrs. Macallan’s Befinden zu erkundigen. Ich sagte zu ihr: »Mrs. Macallan ist ernstlich krank, Madame. Wollen Sie so freundlich sein dies Mr. Macallan mitzutheilen und nach dem Doctor zu schicken?« Sie rannte sofort die Treppe hinab.
Es dauerte nicht lange, so kamen Mr. Macallan und Mrs. Beanly zusammen in’s Krankenzimmer. Mrs. Macallan warf einen seltsamen gar nicht zu beschreibenden Blick auf die Beiden und hieß sie wieder gehen Mrs. Beanly, die sich sehr zu fürchten schien zog sich augenblicklich zurück. Mr. Macallan trat einige Schritte näher an’s Bett. Seine Frau blickte noch einmal in jener unheimlichen Weise nach ihm, dann schrie sie halb drohend halb bittend: »Laß mich mit der Wärterin allein geh!« Er flüsterte mir zu, daß nach dem Doctor geschickt sei und verließ dann das Zimmer.
Ehe Mr. Gale anlangte, wurde Mrs. Macallan heftig übel. Was sie auswarf war schaumig und trüb, leicht mit Blutstreifen durchzogen. Als Mr. Gale das sah, hörte ich ihn leise sagen: »Oh, oh! was ist denn das!« Nach einem Weilchen schien Mrs. Macallan weniger zu leiden; dann kam wieder eine verstärkte Uebelkeit. Als ich sie zurecht legte, fühlte ich, daß ihre Hände und Füße kalt wurden. Der Doctor meinte vom Pulse, er sei kurz und schwach. Gleich darauf äußerte Mr. Gale, daß er die Verantwortlichkeit allein nicht langer übernehmen könne, und daß man noch einen Edinburgher Arzt zu Rathe ziehen solle.
Das schnellste Pferd aus den Ställen von Gleninch wurde in einen leichten Wagen gespannt und der Kutscher fuhr, was das Zeug halten wollte, nach Edinburgh, um den berühmten Doctor Jerôme zu holen. Während wir auf den Arzt warteten kam Mr. Macallan mit Dr. Gale in das Zimmer seiner Frau. Schwach, wie sie war, erhob sie ihre Hand und winkte ihm, daß er sie verlassen möge. Er versuchte durch einige besänftigende Worte sie zu bewegen daß sie ihm erlauben möge, bei ihr zu bleiben Sie bestand darauf, daß er das Zimmer verlasse. Mr. Macallan schien das in Gegenwart des Doctors unangenehm zu sein. Ehe die Kranke ihres Gatten ansichtig geworden war er schnell an ihr Bett getreten und hatte ihre Stirn geküßt. Sie war mit einem Schreckensruf von ihm zurückgewichen Mr. Gale legte sich darauf ins Mittel und veranlaßte Mr. Macallan sich dem Wunsch seiner Gattin zu fügen, damit die Aufregung ihr nicht schade.
Am Nachmittag kam Dr. Jerôme.
Der berühmte Arzt langte gerade an um Mrs. Macallan in einem neuen Anfall von Uebelkeit zu sehen. Er beobachtete sie, ohne ein Wort zu sprechen. Ich glaubte, er würde nie mit seinen Beobachtungen zu Ende kommen. Endlich blickte er auf und sagte mir, daß ich ihn mit Mr. Gale allein lassen möge. Er würde klingeln wenn er meiner bedürfe.
Es dauerte lange, ehe das geschah. Der Kutscher wurde gerufen ehe man mich in das Krankenzimmer zurück befahl. Der Kutscher ging mit einer zweiten Sendung nach Edinburgh, um den ersten Assistenzarzt des Dr. Jerôme zu bestellen, daß dieser für die nächsten Stunden nicht zurückkehren werde. Ich zog daraus einen Schluß zu Ungunsten der Mrs. Macallan. Andere waren wieder der Meinung, daß der Doctor sie retten aber lange Zeit dazu gebrauchen würde.
Endlich schickte man nach mir. Als ich eintrat verließ Dr. Jerôme das Zimmer, um mit Mr. Macallan zu sprechen Mr. Gale blieb zurück. Von diesem Augenblick an bis zum Ende der Kranken war ich nie mehr allein mit ihr. Einer der beiden Doctoren war stets im Zimmer. Arzneien wurden der Kranken nicht verschrieben. Daran schienen beide Aerzte gar nicht mehr zu denken, sondern nur darauf bedacht zu sein bei der Kranken Wache zu halten. Das setzte mich in Erstaunen, denn das Wache halten war doch eigentlich die Sache der Wärterin.
Als die Lampe angezündet ward, sah ich, daß das Ende nicht mehr fern war. Mit Ausnahme eines leichten Krampfgefühls in den Beinen schien sie weniger zu leiden; aber ihre Augen waren tief eingesunken die Haut fühlte sich kalt und feucht an, die Lippen erschienen bläulich blaß. Sie war gleichgültig gegen alles bis auf den letzten Versuch ihres Gatten sie zu sehen. Er trat mit Dr. Jerôme ins Zimmer, gleich einem Manne, der vom Schreck überwältigt ist. Sie war gerade im Begriff, mit mir zu sprechen. In dem Augenblick aber, als sie ihn zu Gesicht bekam, machte sie schwache Zeichen welche wiederum ihren Willen ausdrückten, daß er ihr nicht nahe kommen möge. Mr. Macallan verließ abermals das Zimmer. Keine andere Person durfte die Kranke sehen. Mr. Dexter und Mrs. Beanly baten darum, wurden aber abgewiesen. Als der Abend hereindunkelte, saßen beide Doctoren zu jeder Seite des Bettes und schienen auf ihren baldigen Tod zu warten.
Gegen acht Uhr schien sie den Gebrauch ihrer Arme und Hände verloren zu haben. Ein wenig später sank sie in einen tiefen dumpfen Schlummer. Nach und nach schwächten sich ihre schweren Athemzüge ab. Zwanzig Minuten nach neun hieß mich Dr. Jerôme die Lampe ans Bett bringen. Er blickte sie an und legte die Hand auf ihr Herz. Dann sagte er zu mir: »Sie können hinuntergehen, es ist alles vorbei.« Ehe ich seinem Verlangen willfahrte, sagte er zu Mr. Gale: »Wollen Sie nicht fragen ob Mr. Macallan uns empfangen kann?« Ich öffnete Mr. Gale die Thür und folgte ihm hinaus. Dr. Jerôme rief mich für einen Augenblick zurück und sagte mir, ich solle ihm den Schlüssel zu der Thür geben. Ich that es, obgleich ich mich darüber wunderte. Als ich in das Gesindezimmer herunterkam, fand ich eine Stimmung vor, als wenn etwas nicht ganz richtig wäre. Wir alle fühlten uns unbehaglich und wußten nicht, weshalb.
Nach einer kleinen Weile verließen die beiden Aerzte das Haus. Mr. Macallan war gänzlich unfähig gewesen sie zu empfangen und zu hören was sie ihm zu sagen hatten. In dieser unangenehmen Lage hatten sie insgeheim mit Mr. Dexter gesprochen, Mr. Macallans altem Freunde und dem einzigen Gentleman in Gleninch. Vor Schlafengehen ging ich hinauf, um die Ueberreste der verstorbenen Lady für den Sarg vorzubereiten. Das Zimmer, in welchem sie lag, war verschlossen ebenso die beiden Thüren welche zu Mr. Macallan’s Zimmer und dem Corridor führten Mr. Gale hatte die Schlüssel mit sich genommen. Zwei Diener waren vor das Sterbezimmer postiert um Wache zu halten. Sie sollten um vier Uhr Morgens abgelöst werden, war alles, was sie mir erzählen konnten.
Bei dem Mangel jeglicher Instruction für mich nahm ich mir die Freiheit an Mr. Dexter’s Thür zu klopfen. Aus seinem Munde er hielt ich zuerst die entsetzliche Nachricht. Beide Aerzte hatten sich geweigert den gebräuchlichen Todtenschein zu geben. Am nächsten Morgen sollte noch eine specielle Aufnahme über den Leichenbefund stattfinden.«
Hier endete die Aussage der Wärterin Christina Ormsay.
Unbekannt, wie ich mit den Gesetzen war, konnte ich dennoch beurtheilen, welcher Eindruck durch die vorhergegangene Zeugenaussage auf die Mitglieder des Gerichtshofes ausgeübt werden sollte. Nachdem erst dargethan war, daß sich meinem Gatten zwei Gelegenheiten boten das Gift beizubringen einmal in der Medizin, das andere Mal im Thee, führte der Syndicus der Krone den Gerichtshof zu der Folgerung, daß der Gefangene beide Gelegenheiten wahrgenommen um sich von einem häßlichen und eifersüchtigen Weibe zu befreien dessen abscheuliches Temperament er nicht länger ertragen konnte.
Nachdem der Lord-Anwalt auf diese Weise seinen Zweck erreicht hatte er vorläufig keine Frage mehr an die Zeugin zu richten. Nun erhob sich der Decan der Facultät um im Interesse des Gefangenen durch Kreuzverhör der Wärterin die günstigen Seiten im Character der verstorbenen Mrs. Macallan herauszukehren. Wenn ihm dies gelang, so war es möglich, daß der Gerichtshof seine Ansicht von neuem dahin modificirte, daß die Frau durch die Fehler ihres Temperaments ihren Gatten nicht zur Verzweiflung getrieben. Wo blieben dann in diesem Fall die Motive, sie zu vergiften und wo blieb ferner die Behauptung für des Gefangenen Schuld?
Durch den geschickten Juristen gepreßt und gedrängt wurde die Wärterin veranlaßt den Character der verstorbenen Lady von einer ganz neuen Seite zu beleuchten.
Nachstehendes zog der Decan der Facultät aus Christina Ormsay heraus:
»Ich beharre auf meiner Aussage, daß Mrs. Macallan ein sehr heftiges Temperament hatte. Sie pflegte jedoch auch gern um Entschuldigung zu bitten wenn sie Jemand wehe gethan. Das kann ich aus meiner eigenen Erfahrung bezeugen. Im ruhigen Zustande konnte ihr Benehmen sogar gewinnend genannt werden. Ihre Sprache war gewählt und höflich. Nun zu ihrer äußern Erscheinung. Obgleich häßlichen Antlitzes hatte sie doch eine schöne Figur. Man erzählte mir, daß ihre Hände und Füße einem Bildhauer zum Modell gedient. Auch war sie musikalisch und hatte eine hübsche Stimme. Von ihrem Mädchen hörte ich, daß sie außerordentliche Toilette gemacht. Obgleich Mrs. Beanly in hohem Grade ihre Eifersucht erregte, hatte sie doch oft bewiesen daß sie ihr Gefühl bemeistern konnte. Mrs. Beanly befand sich übrigens auf ihren, nicht auf Mr. Macallan’s Wunsch im Hause. Mrs. Beanly hatte ihren Besuch wegen Mrs. Macallan’s Krankheit hinausschieben wollen. Mrs. Macallan aber, nicht ihr Gatte, veranlaßte sie, es beim Alten zu lassen. Trotz ihres heftigen Temperaments war Mrs. Macallan beliebt bei ihren Freunden, populär bei ihren Dienern. Im ganzen Hause war kein trockenes Auge, als sich die Nachricht von ihrem Tode verbreitete.« – Schlußfolgerung der Richter und moralischer Eindruck auf die Geschworenen: War dies die Frau welche ihren Mann dahin bringen konnte, sie zu vergiften? Und ferner: War dies der Mann, der fähig sein konnte, eine solche That zu verüben?
Nachdem der Decan der Facultät diesen Gegeneindruck hervorgebracht, setzte er sich, und die ärztlichen Sachverständigen wurden aufgerufen.
Hier gestaltete sich die Zeugenaussage noch schlagender.
Dr. Jerôme und Mr. Gale erhärteten eidlich, daß die Symptome der Krankheit identisch seien mit den Symptomen der Arsenikvergiftung. Dann folgte der Arzt welcher die Section vorgenommen hatte. Er beschwor ebenfalls, gleich lautend mit Dr. Jerôme und Mr. Gale, daß die inneren Organe der Todten auf Arsenikvergiftung schließen ließen. Endlich, um dies überwältigende Zeugniß noch zu bestätigen erschienen zwei Chemiker, welche dem Gerichtshofe das in der Leiche gefundene Arsenik in einer Quantität vorzeigten, welche hinreichend gewesen wäre, zwei Personen anstatt einer zu tödten. Einem solchen Zeugniß gegenüber war das Kreuzverhör eine leere Form. Die erste aufgeworfene Frage: Wurde die Frau vergiftet? beantwortete sich daher bejahend mit Ausschluß auch des allerleisesten Zweifels.
Die nächsten Zeugen hatten nun die neue und entsetzliche Frage zu beantworten: Wer vergiftete sie?
Drittes Capitel.
Zweite Frage – Wer vergiftete sie?
Die Vernehmung der Aerzte und der Chemiker schloß die Verhandlungen am ersten Tage s des Prozeßverfahrens.
Am zweiten Tage hatte das von der Anklage beizubringende Beweismaterial im voraus ein allgemeines Gefühl der Neugier und des Interesses wachgerufen Der Gerichtshof sollte jetzt vernehmen was von denjenigen Personen , gesehen und geschehen war, welche amtlich bestellt sind, solche Fälle eines muthmaßlichen Verbrechens, wie den in Gleninch geschehenen zu verificiren Der fiscalische Procurator als die offiziell dazu bestellte Person die Voruntersuchung nach den gesetzlichen Vorschriften zu leiten, war der erste Zeuge, der am zweiten Tage der Verhandlungen vernommen wurde.
Von dem Lord-Anwalt verhört machte der Fiscal folgende Aussage: »Am 26. October erhielt ich eine Mittheilung von Dr. Jerôme in Edinburgh und von Mr. Alexander Gale, practischem Arzt wohnhaft in dem Dorf oder Flecken Dingdovie bei Edinburgh. Die Mittheilung bezog sich auf den unter verdächtigen Umständen im Hause ihres Gatten, dicht bei Dingdovie in Gleninch, er folgten Tod der Mrs. Eustace Macallan. Gleich zeitig wurden mir mit dem eben erwähnten Document zwei Berichte eingesandt. Einer verzeichnete die Ergebnisse einer Section der verstorbenen Lady, und der andere constatirte die bei einer chemischen Analyse gewisser innerer Organe ihres Körpers gemachten Befunde. Das Resultat führte in beiden Fällen zu dem Schluß, daß Mrs. Eustace Macallan an Arsenikvergiftung gestorben war.
»Unter diesen Umständen beantragte ich eine Haussuchung in Gleninch und etwa anderswo sonst, einfach zu dem Zweck, Licht in die Verhältnisse zu bringen, unter denen der Tod der Lady erfolgt war.
»In meinem Büreau wurde in Veranlassung des Todesfalls keine Criminal-Anklage gegen irgend Jemanden erhoben, weder in der Mittheilung, welche ich von dem Arzt erhielt noch in irgend einer andern Weise.
Die Nachforschungen in Gleninch und anderswo, die am 26. October begannen, wurden erst am 28. beendet. Unter diesem letzteren Datum erhob ich – auf Grund gewisser Entdeckungen welche mir gemeldet wurden und meiner eigenen Prüfung von Briefen und anderen Documenten welche meinem Büreau zugegangen waren, – eine Criminal-Anklage gegen den Gefangenen und erhielt den Befehl, ihn festzunehmen. Er wurde vor dem Sheriff vernommen am 29. October und diesem Gerichtshofe behufs Verhandlung der Sache überwiesen.«
Nachdem der Fiscal seine Angaben gemacht und (lediglich in Bezug auf technische Fragen) ins Kreuzverhör genommen war, wurden zunächst die in seinem Büreau beschäftigten Beamten vernommen. Diese Leute hatten eine Mittheilung vom höchsten Interesse zu machen. Ihrer Kunst gelangen die fatalen Entdeckungen welche den Fiscal berechtigt hatten, meinem Gatten den Mord seiner Frau zur Last zu legen. Der erste der Zeugen war aus der Amtsstube des Sheriffs. Er gab als seinen Namen Isaiah Shoolcraft an.
Befragt von Mr. Drew – Anwalts-Substituten und Syndicus der Krone neben dem Lord-Anwalt – erklärte Isaiah Shoolcraft.
»Am 26. October erhielt ich den Befehl, nach dem mit dem Namen Gleninch bezeichneten Landhause bei Edinburgh zu gehen. Ich nahm Robert Lorrie, Assistenten des Fiscals, mit mir. Wir untersuchten zuerst den Raum, in welchem Mrs. Eustace Macallan gestorben war. Auf dem Bett und auf einem Rolltisch, welcher vor demselben stand, fanden wir Bücher und Schreibmaterialien und ein Blatt mit einigen unvollendeten Versen als Manuscript von dem später constatirt wurde, daß es die Handschrift der Verstorbenen war. Wir schlugen diese Sachen in einen Bogen Papier ein und versiegelten denselben.
»Demnächst öffneten wir eine Chiffonnière in dem Schlafzimmer. Hier fanden wir viel mehr Verse auf viel mehr Blättern Papier in derselben Handschrift. Auch entdeckten wir zu nächst einige Briefe und dann ein zusammengeballtes Papier, das in einen Winkel von einem der Regale bei Seite geworfen war. Bei genauerer Untersuchung fand sich auf diesem Stück Papier der Firma-Stempel eines Chemikers. Auch fanden wir darin einige zerstreute Körnchen eines weißen Pulvers. Das Papier und die Briefe wurden sorgfältig eingewickelt und wie die andern Gegenstände versiegelt.
»Eine fernere Untersuchung des Zimmers ergab nichts, was irgend ein Licht auf die in Frage stehende Sache werfen konnte. Wir unter suchten die Kleider, das Silberspind und die Bücher der Verstorbenen, welche wir sofort verschlossen und versiegelten. Ferner versiegelten wir ihr Toilettenkästchen welches wir dem Büreau des Fiscals übergaben, ebenso wie die an deren in dem Zimmer gefundenen Gegenstände.
»Am nächsten Tage wurde die Untersuchung des Hauses fortgesetzt, nachdem in der Zwischenzeit neue Instructionen vom Fiscal eingetroffen waren. Wir begannen unsere Arbeit in dem Schlafzimmer, welches mit dem Nebenzimmer der Mrs. Macallan in Verbindung stand. Da wir hier durchaus nichts von Wichtigkeit vorfanden begaben wir uns in ein Gemach auf demselben Flur, in welchem Mr. Macallan bettlägerig krank lag.
»Sein Unwohlsein sollte in einer nervösen Aufregung bestehen, verursacht durch den Tod seiner Gattin und die damit verbundenen Umstände. Der Diener berichtete uns, daß er ganz unfähig sei, sich zu erheben und fremde Personen zu empfangen. Wir bestanden dennoch darauf, in das Zimmer eingelassen zu werden. Als wir ihn fragten, ob er irgend etwas aus dem Schlaf- und Sterbezimmer seiner Frau in das seinige gebracht habe, gab er keine Antwort. Er blieb mit geschlossenen Augen liegen und schien uns gar nicht einmal zu bemerken. Ohne ihm ferner beschwerlich zu fallen, begannen wir die Durchsuchung des Zimmers und die in dem selben enthaltenen Gegenstände.
»Während wir noch damit beschäftigt waren wurden wir durch ein seltsames Geräusch unterbrochen. Es schien uns das Rollen von Rädern auf dem Corridor zu sein.
»Die Thür öffnete sich, und es erschien ein verkrüppelter Gentleman der sich selbst in einem Rollstuhl fuhr. Er bewegte sich, ohne auf uns Rücksicht zu nehmen zu einem kleinen Tisch, welcher neben des Gefangenen Bett stand, und flüsterte ihm etwas zu, was wir nicht verstehen konnten. Der Gefangene öffnete die Augen und beantwortete die Anrede durch ein schnelles Zeichen. Wir gaben dem verkrüppelten Gentleman sehr respectvoll zu verstehen, daß er sich in diesem Zimmer nicht aufhalten dürfe. Er schien anderer Ansicht zu sein. Seine einzige Antwort war: »Mein Name ist Dexter. Ich bin einer von Mr. Macallans alten Freunden. Sie sind hier die Eindringlinge, nicht ich bin es. Wir sagten ihm noch einmal, daß er das Zimmer verlassen müsse, und berührten mißbilligend den Umstand, daß er seinen Stuhl gerade in einer Weise an’s Bett gerollt hatte, welche uns verhinderte, dasselbe zu untersuchen. Er lachte dazu. »Können Sie denn nicht sehen, daß es ein einfacher Tisch ist?« Als Antwort hierauf theilten wir ihm mit, daß er sich unserm legalen Auftrage widersetze, und daß er in Unannehmlichkeiten gerathen dürfte, wenn er uns fernerhin an der Ausübung unserer Pflicht verhinderte. Da wir sahen, daß durch Güte nichts mit ihm anzufangen war, rollte ich seinen Stuhl fort, während Robert Lorrie den Tisch in die andere Ecke des Zimmers trug. Der verkrüppelte Gentleman wurde furchtbar wüthend auf mich, weil ich es gewagt hatte, seinen Stuhl zu berühren. »Mein Stuhl ist ich,« sagte er, »wie können Sie Sich unterstehen mich anzufassen?« Als Antwort darauf öffnete ich die Thür, gab seinem Stuhl von hinten einen kräftigen Stoß und beförderte ihn auf diese Weise sicher und sanft aus dem Zimmer.
»Nachdem wir die Thür verschlossen um fernere Invasionen zu verhindern, machten Robert Lorrie und ich uns daran, den Tisch zu untersuchen. Er hatte eine Schieblade, und diese Schieblade war verschlossen.
»Wir verlangten vom Gefangenen den Schlüssel dazu. Er weigerte sich, ihn uns zu geben, und sagte, wir hätten kein Recht, seine Schiebfächer aufzuschließen. Er war so aufgebracht, daß er erklärte, wir könnten von Glück sagen, daß er zu schwach sei, um aufzustehen. Wir erwiderten ihm, daß es unsere Pflicht sei, das Fach zu untersuchen, und daß, wenn er sich noch länger weigere, den Schlüssel herauszugeben wir uns genöthigt sehen würden, den ganzen Tisch mitzunehmen, um ihn vom Schmied aufbrechen zu lassen.
»Als wir noch im vollen Disputiren mit ihm waren, klopfte es an die Thür.
»Ich öffnete dieselbe vorsichtig Anstatt des verkrüppelten Gentlemans, den zu sehen wir erwartet hatten, stand ein anderer Fremder auf dem Flur. Mr. Macallan redete ihn als Freund und Nachbar an und bat dringend, daß er ihn gegen uns in Schutz nehmen möge. Der andere Gentleman theilte uns mit, daß Mr. Dexter nach ihm geschickt habe, und daß er selbst Jurist sei. In dieser Eigenschaft verlangte er, unsern schriftlichen Befehl zu lesen. Nachdem er einen flüchtigen Blick darauf geworfen, theilte er dem Gefangenen zu dessen großem Erstaunen mit, daß er sich der Untersuchung der Schieblade, jedoch unter Protest, fügen müsse. Dann nahm er ohne weiteres den Schlüssel und öffnete uns selbst die Schieblade.
»Wir fanden darin verschiedene Briefe und ein großes Buch mit einer Kramme, das in goldenen Buchstaben die Worte trug: »Mein Tagebuch.« Selbstverständlich ergriffen wir Besitz von den Briefen und dem Tagebuch und versiegelten sie behufs Uebergabe an den Fiscal. Gleichzeitig schrieb der Gentleman für den Gefangenen einen Protest nieder und übergab uns seine Karte. Die Karte belehrte uns, daß er Mr. Playmore war – gegenwärtig einer der Agenten für den Gefangenen. Die Karte und der Protest wurden zusammen mit den anderen Documenten zum Depositum des Fiscals genommen. Andere Entdeckungen von Wichtigkeit wurden in Gleninch nicht gemacht.
»Unsere nächsten Untersuchungen führten uns nach Edinburgh – zu dem Droguisten, dessen Firma wir auf dem zusammengeballten Stück Papier gefunden hatten, und zu anderen Droguisten, die wir gleichfalls auszufragen Befehl hatten. Am 28. October war der Fiscal im Besitz aller Informationsstücke die wir hatten beibringen können, und wir hatten unsere zeitweilige Amtspflicht erfüllt.«
Hiermit war die Zeugen-Aussage von Shoolcraft und Lorrie geschlossen. Sie wurde nicht in Kreuzverhör genommen und bewies sich als durchaus ungünstig für den Gefangenen.
Als die nächsten Zeugen vernommen wurden, gestaltete sich die Sache noch schlimmer. Zuerst erschien der Drogist, dessen Firma-Stempel auf dem zusammengeballten Stückchen Papier gefunden worden war, um die Stellung meines unglücklichen Gatten noch kritischer zu machen, als sie es bisher gewesen.
Andrew Kinlay, Droguist in Edinburgh, legt folgende Aussage nieder: Ich führe ein Special-Registerbuch über alle Gifte, die bei mir verkauft werden und lege dasselbe hiermit den Richtern vor. An dem darin angezeichneten Datum erschien der Angeklagte, Mr. Eustace Macallan in meinem Laden und sagte, daß er Arsenik zu kaufen wünsche. Ich fragte ihn, zu welchem Zweck er sich desselben bedienen wolle. Er entgegnete mir, sein Gärtner wolle eine Auflösung davon machen, um schädliches Insect im Treibhause zu vertilgen. Gleichzeitig nannte er auch seinen Namen: Mr. Macallan zu Gleninch. Ich bat meinen Assistenten, die geforderten zwei Unzen abzuwiegen und notirte dieselben in meinem Buch. Mr. Macallan unterzeichnete die Eintragung und ich gegenzeichnete als Zeuge. Er bezahlte das Arsenik und nahm es, in zwei Stücken Papier gewickelt, mit sich. Auf dem äußeren Papier standen mein Firma-Stempel , nebst Adresse und das Wort Gift in großen Buchstaben, auf ein Haar ähnlich dem Papier, welches in Gleninch gefunden und hier vorgezeigt wurde.
Der nächste Zeuge Mr. Stockdale, eben falls Droguist in Edinburgh, ließ sich folgender maßen aus:
Der Gefangene erschien, zwei Tage nachdem er bei Mr. Kinlay gewesen war, auch in meinem Laden. Er forderte für sechs Penny Arsenik. Mein Gehilfe, an den er sich gewandt, rief mich herbei, weil es bei mir Regel ist, daß Gifte nur von mir selbst verkauft werden dürfen. Ich fragte den Gefangenen, wozu er das Arsenik bedürfe. Er antwortete, er wolle damit Ratten in seinem Hause zu Gleninch vertilgen. Ich sagte: Habe ich die Ehre, mit Mr. Macallan zu sprechen? – Er entgegnete, daß dies sein Name sei. Ich verkaufte ihm die verlangten 1½ Unzen Arsenik, wickelte die Flasche in ein Stück Papier mit meinem Firma-Stempel und schrieb eigenhändig »Gift« daraus. Er unterzeichnete das Register, bezahlte, und nahm das Arsenik mit sich.
Nachdem das Kreuzverhör beendet, blieb das entsetzliche Factum unberührt, daß mein Gatte in beiden Fällen das Gift selbst gekauft.
Die nächsten Zeugen, der Gärtner und der Koch zu Gleninch, machten den Verdacht gegen meinen Gatten noch erbarmungsloser.
Auf Befragen versicherte der Gärtner auf seinen Eid:
»Ich habe niemals, weder von dem Gefangenen noch von irgend einer anderen Person Arsenik empfangen, und weder ich noch meine Leute bedienten sich jemals einer Auflösung dieses Giftes im Treibhanse oder im Garten. Ich mißbillige überhaupt die Anwendung von Arsenik zur Vertreibung schädlicher Insekten auf Blumen oder Gesträuchen.«
Der nun vorgerufene Koch gab eine ebenso positive Aussage wie der Gärtner.
»Weder mein Herr noch andere Personen gaben mir Arsenik zur Vertilgung von Ratten. Ich versichere auf meinen Eid, daß ich im Hause von Gleninch weder jemals Ratten gesehen, noch von deren Anwesenheit gehört.«
Andere Diener und Dienerinnen aus dem Haushalt von Gleninch legten ähnliche Zeugnisse ab. Die Kreuzverhöre führten auch zu keinen besseren Resultaten. Die Erwerbung des Giftes blieb ganz allein auf meinem Gatten haften.
Die nächsten Zeugen thaten ihr Bestes, um die Lage meines Gatten noch zu verschlimmern. Die Schlußfolgerung was er mit dem Gift gemacht habe, lag auf der Hand.
Der Diener des Gefangenen sagte aus, daß sein Herr, am Sterbetage seiner Herrin, zwanzig Minuten vor zehn nach ihm geklingelt und eine Tasse Thee für die Kranke verlangt habe. Der Mann empfing den Befehl an der offenen Thüre von Mrs. Macallan’s Zimmer und konnte beschwören, daß zur Zeit kein Anderer als Mr. Macallan und seine Gemahlin in demselben anwesend waren.
Das nun aufgerufene Unter-Hausmädchen sagte, daß sie den Thee bereitet und denselben noch vor zehn Uhr nach Mrs. Macallans Zimmer getragen habe. Der Herr habe ihr die Tasse in der offenen Thür aus der Hand genommen. Sie konnte deutlich bemerken, daß kein Dritter in dem Zimmer gewesen.
Die Wärterin, Christan Ormsay, nochmals vorgerufen, wiederholt, was Mrs. Macallan an dem ersten Tage ihres ernstlichen Krankseins gesagt. Sie hatte, und zwar um 6 Uhr Morgens, geäußert: »Mr. Macallan kam vor ungefähr einer Stunde herein. Er fand mich noch nicht eingeschlafen und reichte mir den beruhigenden Trank. – Dies war um 5 Uhr Morgens geschehen, als die Wärterin noch eingeschlafen auf dem Sopha lag. Ferner beschwor die Wärterin, daß, seit sie der Kranken den letzten Trank gereicht, eine Portion in der Flasche gefehlt habe.
Bei dieser Gelegenheit erregte das Kreuzverhör besonderes Interesse. Die an die Wärterin und das Unter-Hausmädchen gerichteten Schlußfragen verriethen zum ersten mal, welchen Character die Vertheidigung annehmen werde.
Das Kreuzverhör, welches der Dekan der Facultät mit dem Unter-Hausmädchen vornahm, gestaltete sich folgendermaßen:
»Bemerkten Sie jemals, wenn Sie der verstorbenen Lady Zimmer reinigten, daß das in der Karaffe oder im Waschbecken zurückgebliebene Wasser eine schwärzliche oder bläuliche Farbe hatte?« Die Zeugen entgegneten, daß sie nie etwas Derartiges gesehen.
Der Dekan der Facultät fuhr fort:
»Fanden Sie jemals unter dem Kopfkissen oder in irgend einem Winkel in Mrs. Macallans Zimmer, Bücher oder Recepte, welche Mittel gegen den schlechten Teint angaben?«
Die Zeugin antwortete mit »nein«?
Der Dekan der Facultät fragte weiter:
»Hörten Sie jemals Mrs. Macallan sagen, daß Arsenik im Waschwasser oder als innerliches Mittel heilsam gegen schlechten Teint sei?«
Die Zeugin verneinte abermals.
Aehnliche Fragen wurden nun auch an die Wärterin gerichtet und alle in derselben Weise beantwortet.
Hier machte sich, trotz der verneinenden Antworten, den Richtern und dem Auditorium zum ersten Male der Plan zur Vertheidigung in schwachen Umrissen bemerkbar. Um auch nur der entfernten Möglichkeit eines Irrthums in einer so wichtigen Angelegenheit zuvorzukommen, legte, nach Abgang der Zeugen, der oberste Richter dem Vertheidiger des Gefangenen folgende einfache Frage vor:
Die Richter und die Geschworenen, sagte seine Lordschaft, wünschen zu wissen, ob es in der Theorie der Vertheidigung liegt, daß Mrs. Macallan das von ihrem Gatten gekaufte Arsenik als Mittel zur Verbesserung ihres schlechten Teints gebraucht habe?«
Der Dekan der Facultät antwortete:
»Gewiß, Mylord! Das ist es, was wir als Grundlage der Vertheidigung annehmen wollen. Wir sehen uns außer Stande, die Zeugenaussage der Mediciner, daß Mrs. Macallan vergiftet worden sei, zu bestreiten; aber wir behaupten, daß sie an einer zu großen, unbewußt genommenen Dosis Arsenik, welche sie als Mittel gegen die festgestellte schlechte Beschaffenheit ihres Teints brauchte, starb. Die Erklärung des Gefangenen vor dem Sheriff betont expreß, daß das Arsenik auf Verlangen seiner Gattin von ihm gekauft worden sei.«
Hierauf fragt der oberste Richter, ob Jemand etwas dagegen habe, daß die eben erwähnte Erklärung vorgelesen würde, ehe der Prozeß seinen Fortgang nehme.
Der Dekan der Facultät spricht sich sofort für die Lesung aus. Wenn er sich des Ausdrucks bedienen dürfe, würde es dem Urtheil der Geschworenen zum leichteren Verständniß seiner Vertheidigung den Weg bahnen.
Der Lord-Anwalt als Haupt der Anklage, stimmt seinem gelehrten Bruder bei, indem er äußert, daß, so lange die in der Erklärung enthaltenen Behauptungen nicht bewiesen wären, sie nur der Gegenpartei von Nutzen sein könnten.
Darauf wird die eigene Erklärung des Gefangenem seine Unschuld betreffend, öffentlich vor gelesen, wie folgt:
»Bei beiden namhaft gemachten Gelegenheiten kaufte ich zwei Päckchen Arsenik auf den ausdrücklichen Wunsch meiner Frau.
Bei der ersten Gelegenheit sagte sie mir, der Gärtner habe das Gift für sein Treibhaus verlangt; bei der zweiten Gelegenheit sollte sie der Koch zur Vertreibung von Ratten darum angegangen haben.
Ich übergab beide Päckchen Arsenik sofort nach meiner Rückkehr den Händen meiner Frau. Nachdem ich es gekauft, hatte ich mit dem Gift nichts mehr zu thun. Ich war von meiner Frau gewohnt, daß sie stets persönlich mit dem Gärtner und dem Koch verkehrte. Ich selbst that dies niemals. Ich legte meiner Frau keine l weiteren Fragen über den Verbrauch des Arsenik vor, weil mich die Sache durchaus nicht interessirte. Ich kam manchmal monatelang nicht ins Treibhaus, und um die Ratten kümmerte ich mich noch weniger. Ich hielt einfach die Sache für abgethan.
Meine Frau äußerte niemals zu mir, daß sie das Arsenik als Remedium für ihren schlechten Teint anwenden wolle. Außerdem wäre ich gewiß der Letzte gewesen, der dies Toilettengeheimniß erfahren hätte.
Ich bekräftige in bestimmtester Form, daß ich mit meiner Frau auf gutem Fuße lebte.
Kleine ehrliche Unannehmlichkeiten und Zerwürfnisse kommen ja überall vor. Den Kummer, den ich über gewisse Enttäuschungen empfand, verschloß ich als Gatte und Gentleman in mein Inneres, eher ihn meine Frau blicken zu lassen. Ich fühlte nicht allein aufrichtiger Schmerz bei ihrem unerwarteten und frühzeitigen Tode, sondern es beschlichen mich auch der Selbstvorwurf und die Reue darüber, daß ich bei ihren Lebzeiten nicht aufmerksam und liebevoll genug gegen sie gewesen.
Schließlich erkläre ich hiermit feierlich, daß ich nicht weiß, auf welche Weise das Arsenik in ihren Körper gekommen. Ich bin unschuldig daran, selbst nur im Gedanken das arme Weib gekränkt zu haben. Ich goß den Beruhigungstrank direct aus der Flasche in den Löffel. Später reichte ich ihr die Tasse Thee, wie ich sie aus den Händen des Unter-Hausmädchens empfangen. Nachdem ich meiner Frau das Gift überreicht, habe ich es nie wieder zu Gesicht bekommen. Ich bin gänzlich unschuldig daran, was nachher mit dem Arsenik geschah. Ich er kläre vor Gott: ich bin unschuldig an dem entsetzlichen Verbrechen, dessen man mich beschuldigt hat.
Mit der Vorlesung dieser glaubhaften rührenden Worte ward der zweite Tag des Processes beschlossen. Ich muß gestehen daß bis hierher die Lectüre des Processes mein Gemüth bedrückt, meine Hoffnungen herabgestimmt hatte. Das ganze Gewicht der Zeugenaussagen sank nach Beendigung des zweiten Tages, zu Ungunsten meines Gatten in die Wagschale.
Der erbarmungslose Lord-Anwalt hatte bewiesen daß Eustace das Gift gekauft, daß der Grund, den er dem Droguisten angegeben, ein falscher gewesen sei, und daß er zwei Gelegenheiten benutzt habe, um seiner Frau insgeheim das Arsenik beizubringen. Was hatte dagegen der Decan der Facultät als Vertheidiger bewiesen? – Bis jetzt eigentlich gar nichts. Die in der Erklärung des Gefangenen niedergelegten Behauptungen seiner Unschuld entbehrten des gesetzmäßigen Beweises. Es war auch nicht ein Atom von Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß Mrs. Macallan insgeheim das Gift gegen ihren unreinen Teint gebraucht habe.
Mein einziger Trost bestand darin, daß die bisherige Lectüre des Processes mir wenigstens zwei Personen gezeigt hatte, aus deren Hilfe und Sympathie ich wohl unter allen Umständen rechnen durfte.
Der verkrüppelte Mr. Dexter hatte sich bereits als treuer Freund meines Gatten bewiesen. Mein Herz schlug dem Manne warm entgegen der seinen Stuhl an das Bett meines armen Eustace gerollt hatte, um dessen Papiere so lange wie möglich den Dienern des Gesetzes vorzuenthalten. Es war fest in meinem Inneren beschlossen, daß Mr. Dexter der Erste sein sollte, dem ich mein Vertrauen schenken würde. Den zweiten Freund glaubte ich in dem Advocaten Mr. Playmore zu besitzen, der gegen die Beschlagnahme der Papiere meines Gatten Protest eingelegt.
Durch diese Entschlüsse gestärkt, wandte ich das Blatt um und las die Verhandlungen des dritten Proceßtages.
Viertes Capitel.
Dritte Frage – Welches war sein Grund?
Die erste Frage: Wurde die« Frau vergiftet? war positiv beantwortet worden. Die zweite Frage: Wer vergiftete sie? hatte keine günstige Lösung für meinen Gatten gefunden. – Nun blieb noch die dritte und letzte Frage übrig: Welches war sein Grund?
Die zur Beantwortung herbeigerufenen Zeugen bestanden aus Freunden und Verwandten der Verstorbenen Lady Brydehaven, Wittwe des Contre-Admirals Sir George Brydehaven von dem Kronanwalt Mr. Drew befragt, legte folgende Aussage nieder:
»Die verstorbene Mrs. Macallan war meine Nichte. Sie war das älteste Kind meiner Schwester und lebte nach dem Tode derselben in meinem Hause. Ich widersetzte mich ihrer Heirath aus Gründen, die von anderen Freunden für fantastisch und sentimental gehalten wurden und die öffentlich auszusprechen mir sehr peinlich ist. Nichtsdestoweniger werde ich sie der Wahrheit gemäß berichten.
Der Gefangene befand sich zu der Zeit, von der ich spreche, als Gast in meinem Hause. Auf einem Spazierritt erlitt er einen Unfall, welcher eine ernste Verletzung eines seiner Beine zur Folge hatte. Derselbe Fuß war schon ein mal verletzt worden während er als Soldat in Indien diente. Dieser Umstand machte die zweite Verwundung bedeutend gefährlicher. Er mußte wochenlang in liegender Stellung auf dem Sopha verharren und die Damen im Hause wechselten sich ab, um ihm vorzulesen oder auf andere Weise die Zeit zu verkürzen. Meine Nichte war ebenfalls unter diesen Pflegerinnen. Sie spielte ausgezeichnet Clavier und der Kranke liebte die Musik über Alles.
Die Folgen dieser anfänglich ganz unschuldigen Unterhaltungen endeten unglücklicherweise damit, daß meine Nichte sich leidenschaftlich in Mr. Eustace Macallan verliebte, ohne in diesem ein gleiches Gefühl zu erwecken.
Ich that mein Möglichstes, meine Nichte von ihren Gedanken zurückzubringen so lange es noch Zeit war.
Unglücklicherweise versagte sie mir ihr Vertrauen Sie leugnete auf das Entschiedenste, ein wärmeres Gefühl für Mr. Macallan zu empfinden als freundschaftliches Interesse. Diese Unwahrheit machte es mir unmöglich die Beiden zu trennen ohne daß ich mit dem wirklichen Grunde hervorgetreten wäre, welcher vielleicht einen Scandal heraufbeschworen hätte, der dem Rufe meiner Nichte nur schaden konnte. Mein Gatte lebte noch zu jener Zeit, und das Einzige was ich thun konnte, bestand darin ihn zu bitten daß er mit Mr. Macallan spräche und es ihm zur Ehrensache machte, uns aus dieser fatalen Situation zu befreien ohne meine Nichte in irgend einer Weise zu compromittiren.
Mr. Macallan benahm sich außerordentlich in der Angelegenheit. Obgleich er noch immer nicht gehen konnte, ersann er einen Grund, uns zu verlassen dem man von keiner Seite entgegentreten konnte. Bereits zwei Tage, nachdem mein Gatte mit ihm gesprochen ließ er sich aus dem Hause schaffen.
Das Mittel war gut in der Absicht; aber es kam zu spät und schlug daher gänzlich fehl. Das Unglück war einmal geschehen. Meine Nichte siechte augenscheinlich dahin und weder ärztlicher Beistand noch Luftveränderung vermochten ihr zu helfen Im Laufe der Zeit, nachdem Mr. Macallan seine Gesundheit wieder erlangt, machte ich die Entdeckung daß meine Nichte, mit Hilfe ihres Mädchens, einen heimlichen Briefwechsel mit ihm unterhielt. Seine Briefe waren sehr überlegt und reservirt geschrieben. Dessenungeachtet hielt ich es für meine Pflicht der Correspondence Einhalt zu thun.
Meine Einmischung brachte die Sache zur Crisis. Eines Tages fehlte meine Nichte beim Frühstück. Am nächsten Tage erfuhren wir, daß das arme Geschöpf zu Mr. Macallan nach London gegangen und von einigen ihn besuchenden Freunden im Schlafzimmer verborgen gefunden worden sei.
Für dieses Unglück war Mr. Macallan in keiner Weise zu tadeln. Indem er draußen Jemand kommen hörte, blieb ihm nur noch Zeit, sie im nächsten Zimmer zu verbergen und das nächste Zimmer war zufällig sein Schlafgemach. Die Sache hatte sich natürlich herumgesprochen und war in der niedrigsten Weise ausgelegt worden Mein Gatte hatte eine abermalige Unterredung mit Mr. Macallan. Letzterer benahm sich wiederum untadelhaft. Er erklärte nämlich öffentlich, daß meine Nichte ihn als sein angetrautes Weib besucht habe. Vierzehn Tage nachher ließ er sich wirklich insgeheim mit ihr trauen und brach so dem Skandal die Spitze ab.
Ich allein hatte mich der Verbindung widersetzt denn ich hielt dieselbe, als was sie sich auch nachher herausgestellt für einen unglücklichen Irrthum.
Es würde schon traurig genug gewesen sein« wenn Mr. Macallan sie ohne irgend welche Gegenliebe von seiner Seite geheirathet hätte. Um die Sache aber noch schlimmer und hoffnungsloser zu machen, war er zur nämlichen Zeit das Opfer einer unglücklichen Leidenschaft die er zu einer Dame hegte, welche einem an deren Manne verlobt war. Ich weiß sehr wohl, daß er dies aus Mitleid leugnete, ebenso wie er aus Mitleid zu meiner Nichte Liebe affectirte, als er sie heirathete. Seine hoffnungslose Anbetung der vorhin erwähnten Dame wurde von seinen Freunden als unbestrittenes Factum hingestellt; auch muß noch hinzugefügt werden daß ihre Verheirathung der Seinen voranging.
Als er meine Nichte zur Frau nahm, hatte er unwiederbringlich das Weib verloren, das er mit ganzer Seele liebte, stand er ohne Hoffnung, ohne Aussicht auf Lebensglück in der Welt.
Nach meinem Dafürhalten hätte meine Nichte, wenn sie ledig geblieben, von keinem Unglück betroffen werden können, das dem vergleichbar war, welches sie in ihrem Eheleben erlitt. Niemals konnten zwei Menschen zusammengebracht werden die weniger zu einander paßten als meine Nichte und Mr. Macallan.
Die Aussage dieser Zeugin Verursachte große Erregung unter den Zuhörern und Geschworenen. Das Kreuzverhör zwang Lady Brydehaven ihre Ansicht dahin zu modificiren, daß die hoffnungslose Neigung des Gefangenen zu einer andern Dame vielleicht nur ein Gerücht gewesen sein könne. Die Facta in ihrer Erzählung blieben aber unerschüttert und legten deshalb dem meinem Gatten zugeschriebenen Verbrechen den Anschein der Möglichkeit bei, welcher in dem ersten Theil dieser Zeugenaussage nicht zu erzielen war.
Nun wurden zwei andere Damen (intime Freundinnen der Mrs. Macallan) aufgerufen. Diese wichen in einigen Nebensachen von der Ansicht der Lady Brydehaven ab; in allen an deren Hauptpunkten aber stimmten sie der Aussage ihrer Vorgängerin bei und hielten daher den tiefen Eindruck wach, welchen jene unter den Richtern und im Auditorium hervorgebracht hatte.
Das nächste Zeugniß, welches nun geprüft werden sollte, war die stillschweigende Aussage der Briefe und des Tagebuches, welche in Gleninch gesunden worden waren.
Der Lord-Anwalt erklärte, daß die er wähnten Briefe von Freunden des Gefangenen und seiner verstorbenen Frau geschrieben wären und daß verschiedene Stellen in denselben direct auf die Bedingungen hinwiesen unter denen die beiden Gatten ihr eheliches Leben eingegangen und dasselbe geführt. Das Tagebuch hatte als Zeugniß noch größere Wichtigkeit. Es enthielt den täglich niedergeschriebenen Bericht des Gefangenen über häusliche Begebenheiten und theilte gleichzeitig die Gedanken und Gefühle mit, welche ihn bei denselben beschäftigt und bewegt.
Nach dieser Erklärung folgte eine höchst peinliche Scene.
Obgleich ich lange Zeit nach Ablauf jener Begebenheiten erzähle, kann ich dennoch nicht umhin detaillirt zu beschreiben was mein unglücklicher Gatte in jenem verzweiflungsvollen Stadium des Processes sagte und that. Tief erregt durch die Aussage der Lady Brydehaven hatte er große Selbstbeherrschung anwenden müssen um sie nicht in ihrer Rede zu unterbrechen. Als sie jedoch zu Ende war, verlor er plötzlich alle Gewalt über sein Gefühl. In durchdringenden durch den ganzen Saal hallen: den Tönen protestirte er gegen die öffentliche Verletzung seiner und seiner verstorbenen Gattin heiligsten Interessen. »Hängt mich, obgleich ich unschuldig bin,« rief er aus; »aber erspart mir fernere Scenen wie diese letzte es war!« Der Eindruck dieses Gefühlsausbruches auf alle Anwesenden soll ein unbeschreiblicher gewesen sein. Die Aufregung war allgemein; einige Frauen fielen in Ohnmacht; endlich ward die Ruhe durch den Dekan der Fakultät wieder hergestellt dem es gelang, den Gefangenen zu besänftigen und welcher dann, in beredter, rührender Ansprache die Richter um Nachsicht für seinen unglücklichen Clienten bat. Die Rede, das Meisterstück eines Impromptu schloß mit einem gemäßigten aber ernsten Protest gegen die öffentliche Lesung der in Gleninch gefundenen Papiere.
Die drei Richter zogen sich zur Berathung zurück, und die Sitzung wurde über eine halbe Stunde unterbrochen.
Wie es in ähnlichen Fällen in der Regel geschieht theilte sich die Aufregung im Saal der auf der Straße harrenden Menge mit, welche, durch Schreiber oder Aufseher von dem Gange der Verhandlung unterrichtet Partei gegen den Gefangenen nahm. Wenn die Briefe und das Tagebuch vorgelesen werden sagte der brutale Pöbel, dann werden sie ihn an den Galgen bringen.
Bei der Rückkehr der Richter wurde bekannt gemacht daß die Majorität sich für die Lesung der Briefe als wichtige, nicht zu über gehende Zeugnisse, ausgesprochen habe. Dann nahm der Proceß seinen Fortgang. Die Lesung , der Briefe, natürlich im Auszuge, und des Tagebuches begann.
Fünftes Capitel.
Dritte Frage, – Welches war sein Grund?
(Fortsetzung.)
Die ersten Briefe waren die, welche man in der Chiffonniére, in Mrs. Macallans Zimmer gefunden. Sie waren an die Verstorbene von Freundinnen gerichtet, mit denen sie laufend in Correspondence stand. Drei verschiedene von drei verschiedenen Correspondenten angefertigte Extracte waren zur öffentlichen Lesung gewählt worden.
Erster Correspondent: – »Ich kann Dir gar nicht sagen, meine liebe Sarah, wie Dein letzter Brief mich betrübt hat. Vergieb mir, wenn ich meine Ansicht ausspreche, daß Deine sehr sensitive Natur, unbewußt natürlich, die Vernachlässigung übertreibt und falsch deutet, welche Du von Deinem Gatten erdulden zu müssen glaubst. Ich bin mit den Eigenthümlichkeiten seines Characters zu wenig bekannt, um mir ein klares Bild seiner Handlungsweise machen zu können. Aber, mein liebes Kind, ich bin ein ganz Theil älter als Du, und meine Erfahrung hat einen so tiefen Einblick in die Lichter und Schatten des ehelichen Lebens gethan, daß Du meiner Meinung schon Gehör schenken kannst , Jungverheirathete Frauen welche, wie Du, ihren Gatten innig zugethan sind, begehen in der Regel einen sehr großen Fehler, indem sie viel zu viel von ihrem Manne erwarten. Die Männer sind aber nicht wie wir, meine arme Sarah Ihre Liebe, selbst wenn sie es gut und aufrichtig meint, gleicht nicht der Unsrigen. Sie ist nicht die einzige Hoffnung, der einzige Gedanke ihres Lebens, wie dies bei uns der Fall. Uns bleibt keine Alternative, als uns in diesen Unterschied zwischen der männlichen und weiblichen Natur stillschweigend zu fügen. Ich beabsichtige durchaus nicht, die Kälte Deines Gatten zu entschuldigen. ist zum Beispiel entschieden unrecht von ihm, daß er Dich nie ansieht, wenn er mit Dir spricht, und daß er Deinen Bestrebungen ihm gefallen zu wollen nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkt. Es ist noch mehr unrecht ja es ist sogar grausam von ihm, daß er niemals Deinen Kuß erwidert. Aber, mein Kind, bist auch gewiß, daß er stets absichtlich kalt s und grausam ist? Mag nicht sein Benehmen oft die Folge von Verdrießlichkeiten und Sorgen sein, welche, Dir unbekannt auf feiner Seele lasten? Wenn Du sein Betragen von dieser Seite betrachtest, wirst Du vieles verstehen und entschuldigen, was Dich jetzt bekümmert. Habe Geduld mit ihm, Kind. Halte Deine Klagen s gegen ihn zurück und dränge ihm nicht Deine Liebkosungen auf, wenn er präoccupirt und übelgelaunt ist. Bei Deiner heißen Liebe zu ihm ist dieser Rath gewiß schwer zu befolgen; aber sei überzeugt daß die Wurzel unseres ehelichen Glückes in Resignation und stillem Dulden zu finden ist, die ich Dir hiermit dringend anempfehle. Denke darüber nach, was ich Dir geschrieben und lasse bald wieder von Dir hören.«
Zweiter Correspondent: »Wie kannst Du so thöricht sein, Sarah, Deine Liebe an einen so kaltherzigen rohen Menschen wegzuwerfen wie Dein Gatte es ist. Allerdings bin ich noch nicht verheirathet, sonst würde ich vielleicht nicht so erstaunt über Dich sein. Wenn ich aber einmal in den Ehestand getreten sein werde, und mein Gatte behandelte mich, wie Mr. Macallan Dich behandelt, würde ich sofort auf Scheidung bestehen. Lieber möchte ich mich schlagen lassen, wie die Weiber der niederen Klassen es von ihren Männern erfahren, als daß ich mich mit so höflicher Vernachlässigung und Verachtung behandeln ließe, wie Du sie mir in Deinen Briefen schilderst. Bei dem bloßen Gedanken daran glühe ich vor Indignation. Es muß unerträglich sein. Lasse Dir das nicht länger gefallen, Sarah. Verlasse ihn und eile zu mir. Mein Bruder ist Jurist wie Du weißt. Ich las ihm einige Stellen Deines Briefes vor, und er ist der Ansicht daß Du eine Separation durchsetzen würdest. Komme und besprich Dich mit ihm.«
Dritter Correspondent: »Sie wissen meine liebe Mrs. Macallan welche Erfahrungen ich bei den Männern gemacht habe. Ihr Brief setzt mich nicht im Geringsten in Erstaunen. Ihres Gatten Benehmen gegen Sie läßt nur einen Schluß zu: er liebt eine Andere, der er alles das zuwendet was er Ihnen entzieht. Ich kenne das, weil ich dasselbe erlebt. Machen Sie es zur Aufgabe Ihres Lebens, Ihre Nebenbuhlerin aufzufinden. Vielleicht sind es sogar Mehrere. Darauf kommt es aber nicht an. Haben Sie nur eine entdeckt dann machen Sie ihm sein Leben eben so elend, wie er Ihnen das Ihre gemacht. Bedürfen Sie meiner Hilfe, dann sprechen Sie, und ich stehe zu Ihrem Dienst. Von dem zweiten nächsten Monats an kann ich nach Gleninch kommen und eine Zeit bei Ihnen bleiben.«
Mit diesen verabscheuungswürdigen Zeilen schloß das Vorlesen der Briefe. Der längste derselben hatte den tiefsten Eindruck gemacht, alle drei aber, obgleich sie von verschiedenen Standpunkten ausgingen, kamen doch zu dem selben Schluß: Mrs. Macallan war ein unglückliches, vernachlässigtes Weib.
Jetzt kamen die Briefe und das Tagebuch des Gefangenen an die Reihe.
Die Briefe waren mit einer Ausnahme, sämmtlich von Männern geschrieben und obschon sie sich weit gemäßigter ausdrückten als die von zarter Hand entworfenen so kamen auch sie ebenfalls zu demselben Schluß: Das Leben des Mr. Macallan in Gleninch war gleich trostlos als das seiner Frau.
Einer der Freunde lud ihn ein, auf seiner Yacht mit ihm eine Reise um die Welt zu machen. Ein Anderer schlug einen sechsmonatlichen Aufenthalt auf dem Continent vor. Ein Dritter empfahl die Zerstreuungen des Sport. Alle kamen aber schließlich auf eine mehr oder weniger vollständige Separation zurück.
Der letzte der zur Lesung kommenden Briefe war von Damenhand und nur mit einem Vornamen unterzeichnet.
»Mein armer Eustace, welch’ grausames Schicksal hat uns getroffen! Mein Herz zieht sich schmerzlich zusammen wenn ich daran denke, daß Ihr Leben diesem elenden Weibe gewidmet ist. Wenn wir Beide Mann und Frau geworden wären, wie sollte es meine Lebensaufgabe gewesen sein, dem besten und edelsten der Männer die irdische Glückseligkeit zu bereiten. Aber wir müssen uns in Ruhe dem Unvermeidlichen fügen. Wir sind geschieden für dieses Leben, geschieden durch Umstände, die wir Beide betrauern, die wir aber respectiren müssen. O, mein Eustace, es giebt auch noch jenseits eine Welt. Dort werden unsere Seelen nebeneinander fliegen und in eine ewige, himmlische Umarmung zerfließen in eine Entzückung, welche uns auf Erden nicht gegönnt ward. Weshalb mußten Sie auch dies Weib heirathen? Trösten Sie Sich mit mir durch den Gedanken an unsere Vereinigung nach dem Tode. Verbrennen Sie sofort diesen eilig hingeworfenen Brief und denken Sie recht oft an Ihren Helena.«
Einer der Richter fragte, ob der Brief kein Datum oder keine Adresse trüge.
Der Lord-Anwalt Verneinte Beides. Es war nur ersichtlich, daß das? Schreiben in London zur Post gegeben sei. Dann schlug ein Richter vor, einige Stellen ans dem Tagebuche zu lesen, in welchen der unterzeichnete Name mehr denn einmal vorkäme. Vielleicht war hieraus die Persönlichkeit der Schreiberin festzustellen.«
Nun kamen die erwähnten Stellen zur Lesung. Die erste datirte beinahe ein Jahr vor Mrs. Macallan’s Tode. Sie lautete folgendermaßen:
»Heute mit der Morgen-Post Nachrichten, die einen überwältigenden Eindruck auf mich machten. Helena’s Gatte starb vor zwei Tagen am Herzschlage.
Sie ist frei . . . meine geliebte Helena ist frei! – Und ich? —
Ich bin an meine Frau gefesselt, mit der ich in keinem einzigen Punkt in Uebereinstimmung lebe. Helena ist für mich verloren, durch meine eigene Schuld. Ah! Jetzt erst habe ich die Macht der Versuchung kennen gelernt und wie leicht das Verbrechen ihr folgen möge. Wenn ich an meine Lage denke, möchte ich wahnsinnig werden.«
Die nächste Stelle, von etwas jüngerem Datum, behandelte dasselbe Thema.
»Von allen Thorheiten, die ein Mann begehen kann, ist die größte auf Antrieb eines ; Andern zu handeln. Ich that dies, indem ich das unglückliche Geschöpf heirathete, das nun mein Weib ist.
Wie ich leider zu voreilig urtheilte, war mir Helena damals verloren. Sie hatte den Mann geheirathet, dem sie sich unbesonnen verlobte, ehe sie mich kennen lernte. Er war jünger und vielleicht euch hübscher als ich. So weit ? ich blicken konnte, war mein Schicksal für dieses Leben besiegelt. Helena hatte mir einen Abschiedsbrief geschrieben und mir Lebewohl gesagt. Meine Aussichten waren entschwunden, meine Hoffnungen erloschen. Mir schien nichts anderes mehr zu thun, als eine ritterliche Handlung, als einen Art der Resignation und Selbstverleugnung zu begehen.
Die obwaltenden Umstände begünstigten diesen Gedanken. Das unselige Weib, das, Gott weiß es, ohne mein geringstes Zuthun, sich an mich geheftet, hatte, grade zu jener Zeit, ihren Ruf der Barmherzigkeit der Welt preisgegeben. Es ruhte in meiner Hand die geschwätzige Zunge des Scandals zu beschwichtigen. Helena verloren, konnte ich kein Glück mehr erwarten. Eine Frau war mir ebenso gleichgültig als die andere. Eine großmüthige Handlung aber konnte Sarah retten. – Weshalb sie also nicht vollbringen? Dies berücksichtigend heirathete ich sie, – heirathete ich sie mit demselben Gefühl, das mich veranlaßt haben würde, in’s Wasser zu zu springen und sie herauszuziehen, wenn sie dem Ertrinken nahe gewesen wäre.
»Und nun steht das Weib, dem ich dies Opfer gebracht, zwischen mir und meiner Helena . . . meiner Helena, nun frei und ledig, den Mann, der sie anbetet, mit allen Schätzen ihrer Liebe zu beglücken!
»Thor! Wahnsinniger! Weshalb zerrenne ich mir nicht den Schädel an der Wand, während ich diese Zeilen schreibe?
»Dort in der Ecke steht mein Gewehr. – Ein schwacher Fingerdruck und . . . . Nein! Meine Mutter lebt noch. Meiner Mutter heiliger Liebe darf ich diesen Schmerz nicht anthun. Ich habe nicht das Recht, mir das Leben zu nehmen, das sie mir gab. So muß ich mich denn unterwerfen und dulden. Oh, Helena! Helena!«
Ein dritter Extract war ungefähr zwei Je Monate vor dem Tode der Mrs. Macallan geschrieben.
»Noch mehr Vorwürfe auf mich gehäuft! – Ich habe nie ein Weib so viel klagen gehört. Sie lebt fortwährend in einer Atmosphäre von schlechter Laune und Unzufriedenheit.
»Ich habe ihr also zwei neue Beleidigungen zugefügt. Ich bitte sie nie mehr, mir etwas vorzuspielen, und wenn sie, um mir zu gefallen, ein neues Kleid anzieht, bemerke ich es nicht. – Gott im Himmel! Das ist ja eben die gewaltsame Anstrengung meines Lebens, sie nie und nirgends zu bemerken, sie möge sprechen und thun, was sie wolle. Wie könnte ich meinen Unwillen beherrschen, wenn ich mich nicht sorgfältig bemühte, jegliches tête-à-tête mit ihr zu vermeiden. – Und ich beherrsche meinen Unwillen. Ich bin nie hart, noch führe ich harte Sprache gegen sie. Sie hat doppeltes Anrecht auf meine Geduld, weil sie ein Weib ist, zu dem unser Gesetz sie gemacht. Das rufe ich mir stets in’s – Gedächtniß zurück; aber ich bin nur ein Mensch. Je weniger ich sie sehe, desto mehr vermag ich es, mich zu beherrschen.
»Ich kann mir eigentlich keine klare Rechenschaft darüber geben, weshalb sie mir so unangenehm ist. Sie ist häßlich; aber ich habe häßliche Frauen gesehen deren Liebkosungen ich hätte ertragen können ohne jenen Schauder, den ich jedes mal empfinde, wenn sie meine Hand nimmt oder mich küssen will. Ich verberge diesen Widerwillen aber, soviel ich kann. Sie liebt mich, die Arme, und ich bemitleide sie. Ich wünschte, ich könnte mehr für sie thun. – Ich wünschte, ich könnte nur ein klein wenig die Neigung erwidern die sie für mich hegt. Aber nein . . . nein . . . ich habe nichts für sie als Mitleid. Wenn sie mit einem freundschaftlichen Zusammenleben zufrieden sein wollte, könnten wir noch erträglich miteinander auskommen Sie verlangt aber Liebe, das unglücklichste aller Gottes-Geschöpfe verlangt Liebe!
»Oh, meine Helena! Ich habe keine Liebe für sie zurückbehalten. Mein Herz ist ganz Dein!
»Letzte Nacht träumte mir, mein armes Weib wäre todt. Der Traum war so lebhaft, daß ich ans dem Bett sprang, die Thüre ihres Zimmers öffnete und horchte.
»Ihr ruhiges, regelmäßiges Athmen war deutlich hörbar in der Stille der Nacht. Sie , lag in tiefem Schlummer. Ich schloß die Thüre wieder, zündete ein Licht an und las. Helena belebte mein ganzes Sein, und ich mußte mir Mühe geben meine Aufmerksamkeit auf das Buch zu heften. Alles Andere war aber besser als ins Bett zurückzukehren und vielleicht zum zweiten mal zu träumen, daß ich frei sei.
»Welch’ ein Leben führe ich! – Und welch’ ein Leben führt sie! – Wenn das Haus in Flammen stände, möchte ich wohl wissen ob ich einen Versuch machen würde, mein Leben zu retten, oder das Ihre. —
Das Folgende war von späterem Datum.
»Ein schwacher Lichtschein ist in mein dunkles Leben gedrungen.
»Helena ist nicht länger zur Abgeschlossenheit der Wittwenschaft verdammt. Die Zeit gestattet ihr, sich wieder in die Gesellschaft zu mischen. Sie besucht Freundinnen in unserem Theil Schottlands und, da wir Cousin und Cousine sind, ist es eigentlich selbstverständlich, daß sie mich, ehe sie den Norden verläßt, auf einige Tage in Gleninch besuchen werde. Sie schreibt mir darüber, daß ihr Besuch, wie peinlich er auch sein möge, dennoch gemacht werden müsse, um dem Schein zu genügen. – Ich werde also den Engel in meinem Fegefeuer sehen! —
»Aber wir müssen sehr vorsichtig sein. Helena schreibt unter Anderem: »Ich komme zu Ihnen als eine Schwester, Eustace. Entweder müssen Sie mich als Bruder oder gar nicht empfangen. Ich werde, wegen des Tages meiner Ankunft, mit Ihrer Frau in Correspondence treten. – Und schließlich werde ich nicht vergessen . . . . vergessen Sie es ebenfalls nicht . . . . daß ich mit Erlaubniß Ihrer Gattin zu Ihnen komme.«
»O, wenn ich sie nur sehen kann! Alles Andere will ich gerne entbehren und ertragen«
Der dritte und letzte Extract bestand nur aus wenigen Zeilen:
»Ein neues Unglück! Meine Frau ist krank geworden. – Grade zu der Zeit, in welcher Helena erwartet wurde, nöthigte sie eine rheumatische Erkältung das Bett zu hüten. Ich muß aber gestehen daß sie sich bei dieser Gelegenheit sehr liebenswürdig benommen. Sie schrieb an Helena, daß durch den kleinen Zwischenfall der Besuch einer Cousine bei ihrem Cousin nicht aufgeschoben werden dürfe und daß es daher bei dem festgesetzten Tage der Ankunft bleiben müsse.
»Das ist ein großes Opfer von Seiten meiner Frau. – Eifersüchtig auf alle Damen unter zwanzig Jahren muß sie natürlich auch eifersüchtig auf Helena sein; aber sie beherrscht sich und vertraut mir.
»Ich bin ihr Dankbarkeit dafür schuldig und will sie ihr beweisen. Von diesem Tage an gelobe ich, ihr mehr Zuneigung zu zeigen. Heute Morgen habe ich sie zärtlich geküßt, und ich hoffe, das arme Geschöpf hat nicht die Selbstüberwindung bemerkt, die es mich gekostet.«
Hiermit schlossen die Vorlesungen ans dem Tagebuch.
Dieselben waren mir unter allen Phasen des Processes am allerunangenehmsten gewesen, denn einige Ausdrücke, deren sich Eustace bedient, schmerzten mich nicht allein, sondern erschütterten auch die Achtung, die ich bisher für ihn gehegt. Ich würde alle meine Habe darum gegeben haben hatte ich einige Stellen des Tagebuches ungeschrieben machen können. Einige leidenschaftliche Liebesergüsse gegen Mrs. Beanly fuhren mir wie zweischneidige Schwerter durch die Seele. Als er mir den Hof machte, hatten meine Ohren ähnliche Worte getrunken. Ich hatte keine Ursache zu zweifeln daß er mich treu und innig liebte. Aber die Frage war: hatte er vor mir Mrs. Beanly ebenso treu und innig geliebt? War sie es oder ich, die zuerst sein ganzes Herz gewonnen? Wie oft hörte ich seine Erklärung, daß er nur geliebelt, ehe er mich gekannt – Ich hatte ihm Glauben geschenkt. Ich glaubte ihm noch heute. – Aber ich haßte Mrs. Beanly!
Die Vorlesung der Briefe und des Tagebuches schienen den peinlichen Eindruck auf Richter und Auditorium nur noch erhöht zu haben.
Die Aussage des letzten Zeugen welchen der Ankläger aufrief, that noch mehr, die Lage des Gefangenen zu verschlechtern.
William Enzie, Untergärtner in Gleninch, wurde vereidigt und ließ sich dann folgendermaßen aus:
»Am zwanzigsten October, um elf Uhr Vor mittags, wurde ich nach den demjenigen Theil des Gartens, welcher der »Holländische Garten« genannt wird, zunächst gelegenen Anlagen zur Arbeit geschickt. In dem holländischen Garten , steht ein Sommerhaus, das seine Hinterfront den buschigen Anlagen zukehrt. Der Tag war, für die vorgerückte Jahreszeit wunderschön hell und warm.
»Ich kam auf meinem Wege an der Hinterfront des Sommerhauses vorbei. Ich hörte Stimmen im Innern eine Männer- und eine Frauenstimme. Die Stimme der Frau war mir unbekannt. Die Stimme des Mannes erkannte ich als die meines Herrn. Der Boden in den Anlagen war weich, und meine Neugier erregt. Ungehört und unbemerkt kehrte ich zu dem Sommerhause zurück und horchte.
»Die ersten Worte, die ich unterscheiden konnte, sprach mein Herr. Er sagte:
»Hätte ich voraussehen können daß Sie eines Tages frei sein würden, wie glücklich wäre ich gewesen!« – Die Damenstimme antwortete »Still doch! Wie können Sie so etwas sprechen ?« – Mein Herr entgegnete daraus: »Ich muß sprechen was ich denke, und ich muß stets daran denken daß ich Sie verloren habe.« – Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Erzeigen Sie mir eine Gunst mein Engel! Versprechen Sie mir, Sich nicht wieder zu verheirathen.« Die Dame fragte darauf in scharfem Ton: »Was wollen Sie damit sagen?« – Mein Herr sagte »Ich wünsche dem armen Geschöpf das wie ein Alp auf meiner Seele liegt, nichts Böses; aber wenn der Fall einträte,« . . . »Machen Sie keine Voraussetzungen!« entgegnete die Lady; »kommen Sie zurück ins Haus.«
»Mit diesen Worten erschien sie zuerst im Garten und winkte meinem Herrn zu ihr zu kommen. Ich konnte jetzt deutlich ihr Antlitz sehen und erkannte sofort die junge Wittwe, welche zum Besuch in Gleninch war. Mrs. Beanly und mein Herr gingen nun langsam ins Haus zurück. Ich konnte nicht weiter hören was sie miteinander sprachen.
Das Kreuzverhör des Zeugen ergab einige Schwankungen in dem ersten Theil seiner Aussage; bei den letzten zwischen seinem Herrn und der Dame gewechselten Worten blieb er aber fest stehen; auch behauptete er unverbrüchlich, daß jene Dame Mrs. Beanly gewesen sei.
Nach diesem Verhör stand der Beantwortung der dritten Frage des Processes nichts mehr entgegen.
Die allgemeine Meinung erklärte sich gegen meinen Gatten. Dieser schien das auch selbst zu fühlen. Als er am Ende des dritten Tages den Saal verließ, war er so niedergedrückt und erschöpft daß er sich auf den Arm des Gefängnißwärters stützen mußte.
Sechstes Capitel.
Die Zeugenaussage für die Vertheidigung
Am vierten Tage war das Interesse für den Proceß noch gewachsen – Es sollte jetzt die Zeugenaussage für die Vertheidigung gehört werden.
Die erste unter ihnen legte des Gefangenen Mutter ab. Als sie ihren Schleier lüftete, um Vereidigt zu werden, warf sie einen Blick auf ihren Sohn. Er brach in Thränen aus. In diesem Moment pflanzte sich die für die Mutter gefühlte Sympathie auch auf ihren unglücklichen Sohn fort.
Von dem Dekan der Fakultät befragt, gab die ältere Mrs. Macallan ihre Antworten mit außerordentlicher Würde und Selbstbeherrschung. Nach einigen Fragen über Unterhaltungen, die zwischen ihr und ihrer verstorbenen Schwiegertochter stattgehabt, erklärte sie, daß Letztere sehr viel auf ihre äußere Erscheinung gegeben. Sie war ihrem Gatten wahrhaft zugethan, und die größte Sorge ihres Lebens bestand darin, sich ihm so anziehend wie möglich darzustellen. Die Unvollkommenheiten ihres Aeußeren und hauptsächlich ihres Teints verursachten ihr den lehhaftesten Kummer. Zeugin hatte sie wieder hofentlich sagen gehört, daß sie kein Mittel scheuen würde, ihre Hautfarbe zu verbessern. »Die Männer,« meinte sie, »werden nur durch äußerliche Schönheit gewonnen. Mein Gatte würde mich mehr lieben, wenn ich einen besseren ; Teint hätte.«
Befragt, ob die Extracte aus dem Tagebuche ihres Sohnes als verläßliches Zeugniß gelten könnten, d.h. Ob sie Eigenthümlichkeiten seines Characters und die wahren Gefühle gegen seine Frau zur Anschauung brächten, verneinte Mrs. Macallan dies in der bestimmtesten Weise.
»Die Extracte ans meines Sohnes Tagebuch sind ein Pasquill auf seinen Character,« sagte sie. »Ein um so größeres Pasquill, als das Tagebuch von ihm selbst geschrieben wurde. Soweit ich meinen Sohn kenne, muß er jene Zeilen unter dem unbeherrschbaren Einfluß der Verzweiflung hingeworfen haben. Kein Mann mit ruhigem Verstande und gerechtem Sinn beurtheilt einen Mitmenschen nach schnellen, leidenschaftlichen Worten, die ihm in unzurechnungsfähigen Stimmungen entfahren sein mögen. Soll also mein Sohn verurtheilt werden, weil er diese Worte zufällig niedergeschrieben, anstatt sie zu sprechen? Die Feder ist in diesem Falle sein tödtlichster Feind gewesen. Ich gebe zu, daß er nicht glücklich in seiner Ehe war, aber ich muß hinzufügen, daß er sich stets aufmerksam gegen seine Frau benahm. – Ich besaß das Vertrauen Beider und hatte Gelegenheit, in die geheimsten Falten ihres Herzens zu blicken. Trotz alle Dem, was die Frau an ihre Freundinnen geschrieben, erkläre ich, daß mein Sohn ihr niemals Ursache zu gerechter Klage über Vernachlässigung und Grausamkeit gegeben.«
Diese, fest und überzeugend gesprochenen Worte machten einen tiefen Eindruck auf die Anwesenden.
Der Lord Anwalt, überzeugt, daß dieser Eindruck sich nicht werde abschwächen lassen, beschränkte sich daher im Kreuzverhör nur auf zwei Fragen:
»Wenn Ihre Schwiegertochter über ihren schlechten Teint sprach,« sagte er, »spielte sie dabei jemals auf den Gebrauch von Arsenik an?«
»Nein!«
»Empfahlen Sie ihr Arsenik, oder erwähnten Sie nur desselben zu dem gedachten Zweck?«
»Niemals!«
Der Lord-Anwalt setzte sich wieder. Mrs. Macallan, die ältere, zog sich zurück.
Die Erscheinung des nächsten Zeugen beachte wieder ein ganz neues Interesse in die Richter und das Auditorium. Der nächste Zeuge war keine Andere als Mrs. Beanly selbst. Der Bericht schildert sie als eine Dame von außerordentlich anziehender Persönlichkeit, bescheiden und weiblich in ihrem Wesen und, allem Anschein nach, tief niedergedrückt durch die öffentliche Stellung, die ihr jetzt angewiesen war.
Der erste Theil ihrer Aussage war eigentlich nur eine Wiederholung dessen, was die Mutter des Gefangenen bereits mitgetheilt, nur mit dem Unterschiede, daß sie von der Verstorbenen thatsächlich nach einem Mittel gegen schlechten Teint gefragt sein wollte. Mrs. Macallan hatte die Weiße und Glätte ihrer Haut gelobt und sich dabei erkundigt, ob sie künstliche Mittel zu deren Erhaltung anwende. Zeugin habe verneinend auf diese Frage geantwortet, auch geäußert, daß ihr überhaupt kein Mittel zur Verbesserung des Teint bekannt sei, worauf eine Erkältuug zwischen den beiden Damen ein getreten wäre.
Nach ihren Beziehungen zu dem Gefangenen befragt, leugnete Mrs. Beanly mit Indignation, daß weder sie noch Mr. Macallan der Verstorbenen jemals die leiseste Veranlassung zur Eifersucht gegeben. Es sei der Zeugin unmöglich gewesen, Schottland zu verlassen, ohne ihrem nahen Verwandten einen kurzen Besuch abgestattet zu haben. Die Unterlassung dieser Höflichkeit würde ihr von sämmtlichen Freunden und Bekannten verdacht worden sein. Sie leugnete nicht, daß Mr. Macallan, als sie Beide noch ledig gewesen, ihr den Hof gemacht habe. Von dem Augenblicke an aber, wo er und sie sich anderweitig verheirathet hätten, wären sie einander stets als Bruder und Schwester begegnet. Mr. Macallan sei ein Gentleman, der sehr gut wisse, welche Pflichten er gegen Mrs. Beanly und seine eigene Frau zu erfüllen habe. Sie würde niemals sein Haus betreten haben, wenn sie hiervon nicht fest überzeugt gewesen. Was die Aussage des Unter-Gärtners anbeträfe, so müsse sie dieselbe für wenig mehr als bloße Erfindung bezeichnen. Der größte Theil der von ihm den Richtern hinterbrachten Unterhaltung sei rein aus der Luft gegriffen und hätte niemals stattgefunden. Das wenige Wahre daran sei scherzend hingeworfen worden. Auch sie müsse bekräftigen, daß Mr. Macallans Benehmen gegen seine Frau stets unveränderlich gut und aufmerksam gewesen sei. Während ihrer Krankheit pflegte er sie, wie er konnte, und äußerte sein aufrichtiges Beileid für ihren Zustand. Als Mrs. Macallan, an ihrem Todestage dem eigenen Gatten und der Zeugin befohlen habe, das Zimmer zu verlassen, hatte Mr. Macallan gleich darauf zu ihr geäußert: »Wir müssen ihre Eifersucht zu ertragen suchen, um so mehr, als wir sie nicht verdienen.« Mit dieser himmlischen Geduld begegnete er stets den leidenschaftlichsten Ausbrüchen ihres heftigen Temperaments von Anfang bis zu Ende.
Das Haupt-Interesse beim Kreuzverhör der Mrs. Beanly gipfelte in einer Frage, die ihr ganz am Schluß vorgelegt wurde.
»Es ist ein, nur mit Helena unterzeichneter und an den Gefangenen adressirter Brief vorgelesen worden,« sagte der Lord-Anwalt, ihr denselben hinhaltend. »Ist das Ihre Handschrift?«
Bevor Zeugin antworten konnte, protestirte der Dekan der Fakultät gegen diese Frage. Die Richter schlossen sich dem Protest an und er klärten die Frage für unzulässig Mrs. Beanly zog sich darauf zurück. Als man des Briefes Erwähnung gethan, und ihr denselben vor die Augen gehalten, hatte sie eine deutlich bemerkbare Aufregung verrathen, welche auf verschiedene Weise beurtheilt wurde. In der Hauptsache aber hatte ihr Zeugniß den günstigen Eindruck für den Gefangenen noch verstärkt, zu welchem die Aussagen der Mutter bereits den Grund gelegt.
Die nächsten Zeugen, beides Damen und Schulfreundinnen der verstorbenen Mrs. Macallan, nöthigten dem Gerichtshofe wiederum ein neues Interesse ab. Sie fügten gewissermaßen der Kette der Aussagen die fehlende Schake hinzu.
Die erste der beiden Damen erklärte, daß sie gegen Mrs. Macallan des Arseniks als Remedium gegen schlechten Teint erwähnt habe. Sie hätte es selber niemals angewendet, aber in verschiedenen Büchern gelesen, daß der Genuß von Arsenik unter dem steyrischen Landvolk häufig vorkomme, um sich ein blühendes und gesundes Ansehen zu verschaffen.
Die zweite Zeugin, welche bei vorstehender Unterhaltung zugegen gewesen, bestätigte nicht allein die Aussage ihrer Vorgängerin, sondern fügte auch noch hinzu, daß sie eines der betreffenden Bücher, auf Wunsch der verstorbenen Mrs. Macallan angeschafft und per Post nach Gleninch geschickt habe.
In den beiden Aussagen war noch ein uns genauer Punkt, den das Kreuzverhör sofort aufdeckte. Beide Damen wurden nacheinander gefragt, ob Mrs. Macallan, direct oder indirect, die Absicht gegen sie geäußert habe, das Arsenik wirklich gegen ihren schlechten Teint nehmen zu wollen. In beiden Fällen war die Antwort auf diese außerordentlich wichtige Frage: Nein! Mrs. Macallan hatte von dem Mittel gehört und das Buch erhalten. Ueber ihre Absichten, ob sie das Mittel gebrauchen wolle, war ihr kein Wort entfallen. Sie hatte beide Damen gebeten, nicht darüber sprechen zu wollen, und damit hatte die Sache ihr Ende erreicht.
Es gehörte keines Juristen Auge dazu, um den fatalen Defect zu bemerken, welcher nun in der Zeugenaussage der Vertheidigung erweckt worden war. Jedes mit gesundem Menschenverstande ausgerüstete Mitglied der Versammlung konnte sehen, daß die Chance einer ehrenvollen Freisprechung des Gefangenen jetzt darin bestände, darzuthun, auf welche Weise er das Gift seiner verstorbenen Gattin eingehändigt, oder wenigstens zu beweisen, daß er es überhaupt auf ihren ausdrücklichen Wunsch angeschafft. In beiden Fällen würde dann die Erklärung der Unschuld des Gefangenen die Unterstützung der Zeugnisse in Anspruch nehmen, welche, so indirect sie auch sein möchten, dennoch die Zustimmung jedes ehrenhaften, intelligenten Mannes auf ihrer Seite haben mußten. – Sollte dieser Fall eintreten? – Hatte die Vertheidigung ihre Hilfequellen noch nicht erschöpft?
Das dichtgedrängte Auditorium wartete in athemloser Spannung auf die Erscheinung des nächsten Zeugen. Es ging ein Flüstern herum, daß nun ein alter Freund des Gefangenen seine Aussage machen würde.
Nach einer kurzen Pause entstand eine lebhafte Bewegung im Saal, und einen Moment darauf nannte der Gerichtsdiener den außergewöhnlichen Namen des nächsten Zeugen:
»Miserrimus Dexter.«
Siebentes Capitel.
Das Ende des Prozesses
Der Aufruf des neuen Zeugen rief ein lautes Gelächter im Auditorium hervor, das wohl hauptsächlich dem seltsamen Namen des selben galt.
Der Lord-Richter Clerk erklärte, daß er den Saal räumen lassen würde, im Fall die Unterbrechung sich erneuern sollte.
Während des Schweigens, das nun folgte, erschien der Zeuge.
Er rollte sich in seinem Räderstuhl selbst durch die ihm nothdürftig platzmachende Menge, und da bei diesem Drängen die Decke herabfiel, welche über seinen Stuhl geworfen war, erblickte die staunende Neugier faktisch nur einen halben Menschen, das heißt Kopf, Rumpf und Arme. Die unteren Gliedmaßen fehlten vollständig. Um diese Deformität noch schlagender und entsetzlicher zu machen, war das, was von dem Unglücklichen übrig geblieben, von ganz außergewöhnlicher Schönheit. Sein langes, seiden weiches, kastanienbraunes Haar fiel auf zwei kräftige Schultern vom schönsten Ebenmaß herab. Sein Antlitz strahlte von Lebhaftigkeit und Intelligenz. Seine großen, lichtblauen Augen und seine schmalen, weißen Hände glichen denen eines schönen Weibes. Man hätte ihn überhaupt für eine Frau halten können, wären nicht Hals, Brust und Schultern ungewöhnlich , ausgebildet gewesen und hätte nicht sein langer, wallender Schnurr- und Vollbart den Rest des Gegenbeweises geführt. Niemals hatte die Natur einen größeren oder grausameren Irrthum begangen, als da sie diesen Mann schuf.
Er leistete den Eid natürlich in seinem Stuhl sitzend. Nachdem er seinen Namen genannt, verbeugte er sich vor den Richtern und bat um die Erlaubniß, vor seiner Zeitgen Aussage noch einige erläuternde Worte sprechen zu dürfen.
»Die Leute lachen gewöhnlich, wenn sie meinen seltsamen Vornamen hören,« sagte er mit einer klaren, sonoren Stimme, welche bis in die entferntesten Winkel des Saales drang. »Ich erlaube mir den guten Leuten mitzutheilen, daß viele unserer gebräuchlichsten Namen ihre Bedeutungen haben. Dasselbe ist mit dem Meinen der Fall. »Alexander« bedeutet z.B. im Griechischen »einen Helfer von Menschen.« »David« bedeutet im Hebräischen »der Geliebte« Mein Name »Miserrimus« ist im Lateinischen gleichbedeutend mit »sehr elend.« Ich erhielt ihn von meinem Vater wegen der Mißgestalt, welche ich mit auf die Welt brachte. Nun werdet Ihr nicht mehr über meinen Namen lachen! – Nicht wahr!« —
»Nun stehe ich zu Diensten, Herr Dekan!« wandte er sich dann an diesen, um befragt zu werden. »Ich bitte um Entschuldigung, daß ich den Gang der Verhandlung auch nur um einige Minuten aufgehalten habe.«
Dann leistete er, vom Dekan aufgefordert, seine Aussage wie folgt:
»Zur Zeit, da Mrs. Macallan krank wurde und starb, war ich als Gast in Gleninch anwesend,« begann er. Doctor Jerôme und Mr. Gale wünschten mich in geheimer Unterredung zu sprechen, weil sich der Gefangene in einem Zustande geistiger und körperlicher Zerrüttung befand, die es ihm nicht erlaubten, seinen Pflichten als Hausherr nachzukommen. Bei dieser Unterredung erschreckten mich die beiden Aerzte aufs Aeußerste durch die Erklärung, daß Mrs. Macallan vergiftet worden sei. Sie überließen es mir, die entsetzliche Nachricht dem Gatten der Verstorbenen zu hinterbringen, und sie theilten mir gleichzeitig mit, daß der todte Körper einer Obduction unterworfen werden würde.«
»Wenn der Fiscal meinen alten Freund gesehen hätte, als ich ihm die Botschaft der Aerzte ausrichtete, würde er es schwerlich gewagt haben, ihn des Mordes an seiner Gattin anzuklagen. Nach meiner Ansicht war die Anklage nichts weiter als die Zufügung einer Schmach. Weil ich die Sache in diesem Sinne auffaßte, widersetzte ich mich der Beschlagnahme des Tagebuches und der Briefe des Gefangenen. Nun Extracte aus dem Tagebuche vorgelesen sind, stimme ich mit der Mutter des Mr. Macallan in dem Ausspruch überein, daß dieselben nicht als Zeugniß gegen ihn zu betrachten sind. Ein Tagebuch ist in der Regel, wie auch in dem vorliegenden Falle, nichts besseres als der bemitleidenswerthe Ausdruck der ärmsten und schwächsten Characterseiten Dessen, der es geschrieben. In neun Fallen unter zehn ist es stets die mehr oder weniger verächtliche Aeußerung von Gefühlen der Selbstsucht und Eitelkeit, welche der Schreiber gegen keinen Andern zu thun wagt, als gegen sich selbst. Ich bin der älteste Freund des Gefangenen. Ich erkläre hiermit feierlich, daß ich ihm niemals solchen Unsinn zugetraut habe, wie er ihn in sein Tagebuch niedergelegt.
»Er sein Weib tödten! Er sein Weib vernachlässigen und grausam behandeln! Ich wage, nachdem ich den Gefangenen zwanzig Jahre gekannt, den Ausspruch, daß Niemand in dieser ganzen Versammlung weniger der Grausamkeit und des Verbrechens fähig ist, als der Mann, der hier als Angeklagter vor den Schranken steht. Da ich einmal im Zuge bin, lassen Sie mich noch ein wenig weiter sprechen.
»Ich habe gehört, was die unwissende und vorurtheilsvolle Wärterin Christina Ormsay über die verstorbene Lady ausgesagt. Nach meiner eigenen Beobachtung bestreite ich jedes Wort ihres Zeugnisses Mrs. Macallan war, die Mängel ihrer äußeren Erscheinung abgerechnet, eines der reizendsten Wesen, denen ich je begegnete. Sie hatte eine wahrhaft vortreffliche Erziehung genossen. Niemals bewunderte ich ein lieblicheres Lächeln, graciösere Bewegungen. Ihre Stimme, ihr Anschlag beim Clavierspiel wurde von allen Sachverständigen hoch gerühmt Ihre Unterhaltung war leicht, fließend und geistvoll. Wer aber behauptet daß ein solches Weib wie dies, von dem Mann . . nein, von dem Märtyrer, der dort steht . . erst grausam vernachlässigt und dann noch gar ermordet werden konnte, der möge ebenso gut behaupten, daß der Himmel sich nicht über der Erde wölbe.
»Ich weiß, daß die Briefe ihrer Freundinnen beweisen, wie bitter die Verstorbene sich über ihren Gatten beklagt. Erinnern Sie Sich aber auch, was die klügste dieser Freundinnen auf ein solches Schreiben erwidert: »Vergieb mir, weint ich meine Ansicht ausspreche, daß Deine sehr sensitive Natur, unbewußt natürlich, die Vernachlässigung übertreibt und falsch deutet, welche Du von Deinem Gatten glaubst erdulden zu müssen.« In dem einen Satz liegt die ganze Wahrheit Mrs. Macallan’s Natur war die sensitive, selbstquälende Natur der Dichterin. Keines Sterblichen Liebe würde sie jemals befriedigt haben. Kleinigkeiten, welche von weniger empfindsamen Frauen gänzlich übersehen worden wären, lasteten auf ihrer Seele wie Centnergewichte. Es giebt Menschen, die zum Unglück geboren sind, und die arme Mrs. Macallan gehörte zu diesen. Nun habe ich genug geredet.«
»Nein! – Ein Wort muß ich doch noch hinzufügen.
Es dürfte vielleicht den Herren Richtern noch nicht bekannt sein, daß der Tod seiner Frau, in pecuniärer Beziehung, ein schwerer Verlust für Mr. Macallan war. Die Verstorbene hatte darauf bestanden, daß sie allein über ihr Capital und Zinsen zu verfügen haben solle. Ihre Mittel erhielten den Glanz des gastlichen Hauses von Gleninch. Des Gefangenen eigenes Einkommen würde lange nicht hingereicht haben, einen solchen Train zu führen. Dies vorausgeschickt kann ich bekräftigen, daß mein Freund Eustace durch den Tod seiner Frau zweier Drittheile seiner Revenüen beraubt wurde. Dennoch ist er hier als ein selbstsüchtiger und grausamer Mann angeklagt worden, der wohlüberlegt sein Weib getödtet haben soll, um sich da durch für Lebenszeit in beschränkte Verhältnisse zu bringen.
»Es ist nutzlos, mich zu fragen, ob ich in dem Benehmen des Gefangenen gegen Mrs. Beanly irgend etwas bemerkt hätte, das einer Frau Berechtigung zur Eifersucht gegeben haben könnte. Ich habe mich um Mrs. Beanly nicht sonderlich viel bekümmert und ich habe noch weniger meinen Freund veranlaßt mir etwas von ihr zu erzählen. Er war überhaupt ein Verehrer schöner Frauen, soviel ich es aber beurtheilen kann, in durchaus unschuldiger Weise. Wenn er Mrs. Beanly nicht hübscher gefunden hätte als seine Frau, müßte er keine Wahrnehmungswerkzeuge gehabt haben. Den Mangel derselben habe ich aber niemals bei ihm entdecken können.
»Was nun die Frage betrifft auf welche Weise der Gefangene das Arsenik seiner Frau übergeben, so will ich darüber eine Aussage machen, die der Aufmerksamkeit des hohen Gerichtshofes nicht unwerth sein wird.
»Ich war während der Prüfung der Papiere und der übrigen in Gleninch aufgefundenen Gegenstände im Bureau des Fiscals anwesend. Das der Verstorbenen gehörige Toilettenkästchen ward mir gezeigt ehe dessen Inhalt vom Fiscal selbst officiell untersucht wurde. Ich habe, wie man zu sagen pflegt, einen sehr glücklichen Griff. Indem ich das Kästchen in die Hand nahm, entdeckte ich auf der inneren Seite des Deckels ein verborgenes Fach, das zwischen beiden Wänden des Deckels angebracht war. In diesem kleinen Raum fand ich die Flasche, welche ich die Ehre habe, hiermit vorzuzeigen.«
Während die den Richtern übergebene Flasche mit denen verglichen wurde, welche eigentlich zu dem Toilettenkasten gehörten, wurde das fernere Verhör des Zeugen unterbrochen.
Diese letzteren Flaschen waren vom feinsten, geschliffenen Glase und höchst eleganter Form, gänzlich ungleich der Flasche aus dem verborgenen Fach des Kastens, welche die ordinaire Gestalt derer zeigte, die bei Chemikern in Anwendung kommen. Nicht ein Tropfen Flüssigkeit nicht ein Atom irgend einer festen Substanz waren in derselben bemerkbar. Kein Geruch drang aus dem Innern und, noch unglücklicher für die Vertheidigung, kein Etiquett klebte an der Außenseite.
Der Chemiker welcher dem Gefangenen die zweite Dosis Arsenik verkauft wurde herbeigerufen. Er erklärte, daß die vorgezeigte Flasche derjenigen auf ein Haar ähnlich sei, in welche er das Arsenik gethan. Für dieselbe konnte er sie aber dennoch nicht ausgeben, weil sie hundert Anderen in seinem Laden ebenfalls ähnlich war und weil das Etiquett fehlte, auf das er eigenhändig das Wort »Gift« geschrieben. Das Toilettenkästchen sowie auch das ganze Zimmer der verstorbenen Lady war sorgfältig nach jenem Firmastempel durchsucht worden, im Fall er vielleicht durch Zufall von der Flasche abgefallen sein könnte; aber vergebens. Nach bloßer moralischer Ueberzeugung mußte die gefundene Flasche allerdings für identisch mit derjenigen erklärt werden welche das Gift enthalten hatte. Gesetzlich war nicht der geringste Beweis dafür vorhanden.
Hiermit endete die letzte Anstrengung der Vertheidigung, das von dem Gefangenen gekaufte Arsenik bis in den Besitz der Todten zu verfolgen.
Die wieder aufgenommene Befragung von Miserrimus Dexter berührte Fragen von nicht allgemeinem Interesse. Das Kreuzverhör bestand in einem geistigen Kampf zwischen dem Lord-Richter Clerk und dem Zeugen und endete mehr zu Gunsten des Gefangenen. Aus dem ganzen Hin- und Herblitzen des Geistes will ich nur eine Frage und eine Antwort herausheben die mir von ganz besonderer Wichtigkeit erschienen.
»Ich glaube, Mr. Dexter,« sagte der Lord-Richter Clerk in seiner meist ironischen Weise, »daß Sie eine eigene Theorie haben, nach welcher der Tod der Mrs. Macallan Ihnen nicht als Geheimniß erscheint.«
»Mag sein, daß ich über diesen wie auch über andere Gegenstände meine eigenen Ideen habe,« entgegnete der Zeuge; »aber lassen Sie mich eine Frage an Ihre Lordschaften wie an den Richter thun: Bin ich hier, um Theorien zu erörtern oder um Thatsachen zu bestätigen?«
Ich machte mir eine Note bei dieser Antwort Mr. Dexters »Ideen« waren die Ideen eines treuen Freundes meines Gatten und eines Mannes von mehr als gewöhnlichem Geschick. Dies konnte mir für die Folge von unberechenbarem Vortheil sein.
Dieser Bemerkung fügte ich eine zweite hinzu. Während seiner Aussage hatte Mr. Dexter von Mrs. Beanly so leichthin ich möchte fast sagen, so wegwerfend gesprochen daß der Gedanke nahe lag, er möchte nicht viel von ihr halten, vielleicht gar ihr mißtrauen. Dies war eine neue, dringend an mich herantretende Ursache, unter allen Umständen die Bekanntschaft des Mr. Dexter zu machen.
Nun war der letzte Zeuge verhört worden. Der Räderstuhl mit dem halben Menschen rollte zurück und verschwand in einem entfernten Winkel des Saals.
Der Lord Anwalt als Ankläger erhob sich, um den Gerichtshof anzureden.
Ich zögere keinen Augenblick auszusprechen daß ich nie etwas Infameres gelesen habe, als die Rede dieses großen Juristen. Er schämte sich nicht zu erklären daß er von der Schuld des Gefangenen fest überzeugt sei. – Mit welchem Recht durfte er einen solchen Ausspruch thun? Lag in seinen Händen die Entscheidung? Vereinigte er in seiner Person den Richter und die Geschworenen? Nachdem der Lord-Anwalt damit begonnen, nach eigener Autorität den Gefangenen zu verdammen fuhr er fort indem er mit glänzender Beredtsamkeit den unschuldigsten Handlungen des unglücklichen Mannes einen schlechten und gehässigen Character beilegte. Ich will nur einige Beispiele herausheben: Als Eustace, auf deren Sterbebett, die Stirn seiner Frau küßte, that er nur, um bei dem Arzt und der Wärterin einen günstigen Eindruck zu machen. Wenn der Kummer ihn zu übermannen schien, triumphirte er in seinem Inneren über das Gelingen der Schandthat. Wenn Ihr in sein Herz blicken könntet würdet Ihr auf dem Grunde desselben tödtlichen Haß für seine Frau und leidenschaftliche Liebe für Mrs. Beanly entdecken! Alles, was er gesprochen war Lüge gewesen, in jeder seiner Handlungen hatte er sich als herzloser Bösewicht bewiesen. – So redete der oberste Richter von dem armen Gefangenen der schwach und hilflos vor ihm stand. An meines Gatten Stelle würde ich ihm etwas an den Kopf geworfen haben, wenn ich ihm nichts anderes hätte anhaben können. Jetzt mußte ich mich darauf beschränken die elende Rede aus dem Proceß zu reißen und sie mit Füßen zu treten. Das erleichterte mich etwas; obgleich ich mich bald nachher der unwürdigen Rache schämte.
Der fünfte Tag des Processes begann mit einer Rede für die Vertheidigung. Welcher Contrast zwischen der edlen Darlegung des Dekans der Facultät und den Infamien welche der Lord-Anwalt ausgesprochen hatte!
»In der Bemitleidung der Vergifteten,« begann er, »stehe ich hinter Niemand zurück. Aber ich spreche es ebenso offen aus, der Märtyrer in diesem Fall, von Anbeginn bis zum Ende, das ist der Gefangene! Was auch die arme Frau erduldet haben mag, der unglückliche Gatte erduldete mehr und duldet noch. Wenn er nicht der beste Mensch und Ehemann wäre, würde er gar nicht hier vor Gericht stehen. Ein Mann von gewöhnlicherer, härterer Natur, würde sofort Verdacht geschöpft haben, als seine Frau ihn bat das Gift für sie zu kaufen, er würde ihre Pläne durchschaut und sich entschieden geweigert haben, auf ihr Verlangen einzugehen. Der Gefangene war zu gut für seine ränkevolle Gemahlin, zu kurzsichtig und unschuldig die gefährlichen Folgen vorherzusehen welche seine Gefälligkeit haben konnte. Und was ist nun das Resultat? Dort steht er, als Mörder gebrandmarkt weil er zu hochherzig war, seiner Frau zu mißtrauen. – Der Lord-Anwalt hat mit bitterer Ironie gefragt weshalb uns der Beweis mißlang, daß der Gefangene das Gift den Händen seiner Frau übergeben. Ich antworte darauf: Wir haben bewiesen, erstens, daß Mrs. Macallan ihrem Gatten leidenschaftlich zugethan war, zweitens, daß sie schmerzlich die Unvollkommenheiten ihrer äußeren Erscheinung beklagte, und drittens, daß sie von dem Remedium des Arseniks als innerliches Mittel da gegen in Kenntniß gesetzt war. Es gehört nur geringe Menschenkenntniß dazu, hierin des Beweises genug zu sehen. Will mein gelehrter Freund allen Ernstes behaupten, daß Frauen ihrer geheimen Schönheitsmittel gegen Jedermann Erwähnung thun? Oder noch mehr, glaubt er vielleicht, daß es eine Dame selbst ausplaudern würde, wenn sie ihren schönen Teint der Anwendung eines tödtlichen Giftes wie Arsenik verdankte? Eine solche Behauptung ist geradezu absurd! Deshalb hörte ja auch Niemand Mrs. Macallan von Arsenik sprechen. Deshalb überraschte sie ja auch Niemand beim Gebrauch desselben. Es liegt ja deutlich aus der Hand, daß sie nicht einmal mit der Freundin darüber sprechen wollte, die ihr das Buch verschafft. Sie bat die beiden Vertrauten, gegen Jedermann über diese Unterhaltung zu schweigen. Das arme Wesen bewahrte ihr Geheimniß, geradeso wie sie es verschwiegen haben würde, wenn sie falsches Haar oder falsche Zähne getragen. Und dort sehen Sie ihren Gatten in Lebensgefahr, weil sein Weib handelte, wie alle Frauen, selbst die der Herren Richter, gehandelt haben würden, wenn sie sich in ähnlicher Lage befunden.«
Nach dieser glänzenden Rede sprach nur noch der Lord-Anwalt zu den Geschworenen.
Seine Lordschaft bemerkte zuerst, daß sie einen directen Beweis für die Vergiftung nicht erwarten dürften. So schlagende Beweise kämen überhaupt bei Vergiftungen selten vor. Die Herren Geschworenen müßten sich daher mit einem den Umständen entnommenen Beweise begnügen, der hier auf der Hand läge 2c. 2c.
Nach dieser trockenen Rede zogen sich die Geschworenen zur Berathung zurück.
Dann kehrten sie nach einer Weile wieder und gaben ihr schüchternes und zitterndes schottisches Verdict in folgenden Worten:
»Nicht bewiesen.«
Es folgte ein schwacher Applaus des für einen Augenblick enttäuschten Publikums. Der Gefangene durfte sich zurückziehen. Er that dies langsam, gebrochen, den Kopf aus die Brust gesenkt. Er blickte nicht auf und antwortete keine Silbe, wenn seine Freunde ihn anredeten. Der Unglückliche fühlte das Brandmal, welches das Verdict ihm ausgedrückt.
»Wir sagen nicht, daß Du an dem, Dir zur Last gelegten, Verbrechen unschuldig bist; wir sagen nur, daß es an Beweisen mangelt, Dich für schuldig zu erklären.«
Mit diesem lahmen, ohnmächtigen Schluß endeten damals die Verhandlungen.
Und so würde es für alle Zeiten geblieben sein, wenn ich nicht gewesen wäre.
Achter Kapitel.
Ich sehe meinen Weg
Der Morgen des nächsten Tages dämmerte bereits, als ich die Lectüre des Processes beendete.
Ich war durchaus nicht von Müdigkeit überwältigt und fühlte nicht das geringste Bedürfniß zum Schlafen. Mir war zu Muthe, als wenn ich geruht hätte und eben erwacht wäre, ein anderes Weib mit einer neuen Seele.
Jetzt konnte ich wenigstens verstehen, weshalb Eustace mich verlassen. Für einen Mann von so zarten Gemüth würde es ja ein Märtyrerthum gewesen sein, seinem Weibe ins Auge zu blicken nachdem es gelesen, was aller Welt von ihm berichtet war. Ich fühlte das in meinem tiefsten Herzen. Ich vergab ihm, daß er von mir gegangen und hoffte auf seine baldige Wiederkehr.
Ein kleiner Umstand lastete mir aber, trotz meiner Philosophie, auf der Seele. Liebte Eustace noch im Stillen Mrs. Beanly? oder war jene Leidenschaft bereits in ihm erloschen! Zu welcher Art von Schönheit mochte die Dame wohl gehören?
Das Fenster meines Zimmers blickte nach Osten. Ich zog das Rouleau auf und sah die Sonne strahlend am Horizont emporsteigen. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen auszugehen und die frische Morgenluft zu athmen. Ich setzte den Hut auf, schlang den Shawl um die Schultern und nahm den Bericht des Processes unter den Arm. Eine Minute später befand ich mich in Benjamins kleinem Garten.
Getröstet und gestärkt durch die Einsamkeit und die erquickende Luft, fand ich Muth genug der ernsten Frage über meine Zukunft entgegenzutreten.
Ich hatte den Proceß gelesen. Ich hatte es mir zur heiligen Lebensaufgabe gemacht, die Unschuld meines Gatten an den Tag zu bringen. Wie sollte ich einsames, verlassenes Weib meine Ausgabe beginnen?
Der kühnste Anfang war jedenfalls der beste. Mein erster Gedanke war an Miserrimus Dexter. Wie er auch meine Handlungsweise beurtheilen mochte; jedenfalls mußte das Experiment gemacht werden. Ich hatte Vertrauen zu dem verwachsenen Mann mit dem seltsamen Namen. Wenn er mich fragen würde: »Was gedenken Sie zu thun?« oder: »Wie kann ich Ihnen dabei behilflich sein?« Konnte ich ihm ans diese beiden Fragen antworten? Gewiß! Mr. Dexter war der einzige Mensch, dem ich die geheimen Gedanken hätte anvertrauen mögen die sich, während der Lectüre des Processes, in meiner Seele gebildet.
Ich vermochte es nicht, den gefaßten Verdacht länger zurückzudrängen. Der Lord-Anwalt hatte mir den ersten Anstoß dazu gegeben, in dem er durch seine Reden meinen Gatten in das allerungünstigste Licht stellte. Daß Mrs. Macallan aus Versehen, sich selber vergiftet habe, glaubte ich nicht, sondern ich war ganz entschieden der Ansicht, daß sie im Besitz des Giftes gewesen sei, um es als Remedium gegen ihren schlechten Teint zu gebrauchen. Eine andere Person mußte ihr nachher das Gift in todtbringender Dosis beigebracht haben; da diese andere Person aber nicht mein Gatte sein konnte; wer war es sonst? – Mein Verdacht fiel sofort auf ein Weib, und der Name dieses Weibes war Mrs. Beanly.
Blicken wir einmal zurück auf jenen Brief, der nur mit »Helena« unterzeichnet und an Mr. Macallan adressirt war. Kein vernünftiger Leser wird daran zweifeln daß Mrs. Beanly jenes Schreiben verfaßt Gut! In dem Inhalt dieses Schreibens sehe ich deutlich die Absicht der schönen Dame, die sie bei ihrem Besuch in Gleninch hegte.
Wie lauteten die betreffenden Worte?
»Mein armer Eustace! Mein Herz zieht sich schmerzlich zusammen wenn ich daran denke, daß Ihr Leben diesem elenden Weibe gewidmet ist.«
Und dann sagt sie weiter: »Wenn wir Beide Mann und Frau geworden wären wie sollte es meine Lebensaufgabe gewesen sein, dem besten und edelsten der Männer die irdische Glückseligkeit zu bereiten.«
Ist dies nicht die Sprache eines Weibes, die schamlos und fast wahnsinnig in einen Mann verliebt ist, den sie nicht Gatten nennt? Sie ist dermaßen bezaubert von ihm, daß sie den Traum ihres Verhältnisses sogar bis in die andere Welt fortsetzt. In dieser Seelen und Körperbeschaffenheit sieht sich die Dame plötzlich durch den Tod ihres Gatten wieder frei. Ihren Liebkosungen und Zärtlichkeiten sehen sich ebenfalls der drückenden Fessel entledigt. Sobald es irgend der Anstand erlaubt, Besuche zu machen macht sie Besuche und wird im Laufe der Zeit der Gast des Mannes, den sie anbetet. Die Gattin desselben liegt krank im Bett. Der einzige, andere Besuch in Gleninch ist ein Krüppel, der sich nur im Räderstuhl fortbewegen kann. Die Lady hat also das Haus mit dem geliebten Gegenstande fast ganz für sich allein. Es steht nichts zwischen ihr und dem Idol ihrer Seele als eine kranke, häßliche Frau, für die Mr. Macallan nicht einen Funken von Neigung fühlt.
Ist es so vollkommen absurd zu denken daß ein Weib wie dies, von solchen Motiven geleitet und in einer ähnlichen Situation nicht eine so günstig dargebotene Gelegenheit ergreifen sollte, um ein Verbrechen zu begehen?
Was äußerte sie in ihrer eigenen Aussage?
Sie giebt zu mit Mrs. Macallan eine Unterredung gehabt zu haben, in welcher die Letztere sie um cosmetische Mittel zur Verbesserung des Teint befragt. Sollte sich während dieser Unterredung nicht noch mehr ereignet haben? Sollte Mrs. Beanly nicht vielleicht mit Mrs. Macallan ein Experiment gemacht haben das später so unheilvolle Folgen hatte?
Mrs. Beanly erwähnte dessen nicht.
Und was sagte der Gärtner aus?
Er belauschte eine Unterhaltung zwischen Mr. Macallan und Mrs. Beanly, welche wenigstens die Möglichkeit zeigte, daß Letztere einmal die Stelle der gegenwärtigen Gattin ersetzen konnte. Sie bricht das Gespräch darüber als zu gefährlich ab, während der keinen bösen Gedanken hegende Mr. Macallan ruhig arglos weiter geplaudert haben würde.
Was erzählte die Wärterin Mrs. Ormsay?
Am Todestage von Mrs. Macallan wird sie entlassen und hinunter geschickt. Sie verläßt die von ihrem ersten Anfall sich bessernde Kranke, die ihre Zeit mit Schreiben verbringen will. Mrs. Ormsay bleibt wohl eine halbe Stunde unten und wundert sich dann daß die Klingel sie nicht zurückruft. Sie begiebt sich in’s Morgenzimmer, um Mr. Macallan darüber zu befragen. Hier vernimmt sie, daß Mrs. Beanly vermißt wird. Mr. Macallan weiß nicht wo sie ist und fragt Mr. Dexter, ob er sie nicht gesehen habe. – Mr. Dexter verneint es. Wann verschwindet also Mrs. Beanly? Zu derselben Zeit wo Christina Ormsay Mrs. Macallan allein gelassen hat.
Endlich ertönt die Klingel heftig. Die Wärterin kehrt fünf Minuten vor elf in’s Krankenzimmer zurück und findet daß die alten Symptome von heute Morgen im verschlimmerten Maße wieder eingetreten sind. Höchstwahrscheinlicherweise ist also der Kranken während der Abwesenheit der Wärterin und seit dem verschwinden der Mrs. Beanly eine zweite, verstärkte Dosis des Giftes gereicht worden. Als die Wärterin um Hilfe zu suchen auf den Corridor hinausblickt begegnet sie Mrs. Beanly, die grade aus ihrem Zimmer kommt, um sich nach dem Befinden der Kranken zu erkundigen.
Etwas später begleitet Mrs. Beanly Mr. Macallan zum Besuch seiner Frau. Die Sterbende wirft einen seltsamen Blick auf die Beiden und fordert sie auf, das Zimmer zu verlassen Mr. Macallan betrachtete diese Aeußerung als eine Folge körperlichen Leidens und wartet im Zimmer, um der Wärterin zu sagen daß nach dem Arzt geschickt sei. Und was thut Mrs. Beanly? Sie verläßt bei dem Blick der Mrs. Macallan in panischem Schrecken das Zimmer. Selbst Mrs. Beanly scheint ein Gewissen zu haben.
Findet nach solchen Vorgängen der Verdacht noch keine Berechtigung?
Mir ist die Schlußfolgerung ganz klar.
Die zweite Dosis Arsenik ward von Mrs. Beanly’s Hand gegeben. Dies zugestanden muß sie ihr auch die erste Dosis gereicht haben. Auf welche Art konnte sie dies bewerkstelligen? Gehen wir auf die Zeugenaussage zurück. Die Wärterin giebt an, daß sie von Morgens zwei bis sechs Uhr im festen Schlaf lag. Sie spricht ebenfalls von einer verschlossenen Verbindungsthür, deren Schlüssel, man wußte nicht von wem, entfernt worden. Er mußte also gestohlen sein. Weshalb nicht von Mrs. Beanly?
Weiter!
Miserrimus Dexter hatte beim Kreuzverhör indirect zugestanden daß er seine eigenen Ideen über Mrs. Macallan’s Tod habe. Gleichzeitig hatte er von Mrs. Beanly in einem Tone gesprochen der deutlich genug verrieth, daß er ihr nicht freundlich gesinnt war. Hatte er ebenfalls Verdacht gegen sie? – Die Frage mußte ihm vorgelegt werden ehe irgend etwas Anderes geschah. Wenn er ebenso über sie dachte, wie ich es that, war mir mein Weg klar vorgezeichnet. Ich mußte sorgfältig meine Identität verbergen und mich Mrs. Beanly als harmlose Fremde vorstellen.
Die erste Schwierigkeit bei meinem Unternehmen war die, zu Miserrimus Dexter zu gelangen.
Der beruhigende Einfluß der frischen Luft hatte mich müder gemacht als die nächtliche Lectüre es gethan. Als ich beim offenen Fenster vorüberging, blickte mich mein Bett einladend an.
Nach fünf Minuten folgte ich der Einladung und sagte für kurze Zeit meinem Kummer und meinen Sorgen Lebewohl. Kaum hatte ich mich niedergelegt als ich fest entschlummerte.
Ein bescheidenes Klopfen an der Thür er weckte mich.
»Liebes Kind!« hörte ich draußen Benjamins Stimme sprechen. »Wenn Sie noch länger schlafen werden Sie verhungern. Es ist ein Uhr durch, und ein Freund von Ihnen wird mit uns frühstücken.«
Ein Freund von mir? Wer konnte das sein?
– Mein Gatte war weit weg, und Onkel Starkweather hatte mich aufgegeben.
»Wer ist es?« rief ich von meinem Bett aus, durch die geschlossene Thüre.
»Major Fitz-David!« antwortete Benjamin.
Ich sprang aus dem Bett. Grade der Mann dessen ich bedurfte, wartete auf mich. Major Fitz-David kannte alle Welt. Eng befreundet mit meinem Gatten würde er mir gewiß etwas von dessen altem Freunde Miserrimus Dexter sagen können.
Ich machte sorgfältige Toilette und ließ das Frühstück warten. Kein lebendes Weib würde anders gehandelt haben, wenn sie vom Major Fitz-David eine Gunst zu erbitten gehabt hätte.
Neuntes Capitel.
Der Major macht Schwierigkeiten
Als ich die Thür des Eßzimmers öffnete, eilte mir der Major entgegen. Er trug wieder sein gewinnendes Lächeln zur Schau und küßte mir galant die Hand. Es war mir förmlich angenehm, dem modernen Don Juan zu begegnen.
»Ich brauche Sie nicht nach Ihrer Gesundheit zu fragen,« sagte der alte Herr; »Ihren Augen antworten mir, bevor ich um Auskunft gebeten. In Ihrem Alter ist ein langer Schlaf der beste Verjüngungstrank. Nur recht lange im Bett das ist das einfache Geheimniß, ein hohes Alter zu erreichen.«
»Ich bin nicht so lange im Bett gewesen, als Sie zu glauben scheinen. Ich habe die ganze Nacht über ein Buch gelesen.«
Major Fitz-David zog erstaunt die Augen brauen in die Höhe.
»Wie nennt sich das glückliche Buch, das Ihr Interesse in so hohem Grade in Anspruch nahm?«
»Der Prozeß meines Mannes, wegen Vergiftung seiner ersten Frau,« antwortete ich.
Das Lächeln des Majors erstarb auf seinen Zügen und er trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
»Erwähnen Sie nicht dieses entsetzlichen Buches!« rief er aus. »Sprechen Sie nicht von diesem entsetzlichen Gegenstande. Was haben Anmuth und Schönheit mit Prozessen und Vergiftungen zu thun? Weshalb entwürdigen Sie Ihre schönen Lippen, indem Sie von solchen Dingen reden? Weshalb die Liebesgötter verscheuchen, welche aus Ihrem Lächeln blicken? Vergönnen Sie einem alten Knaben sich von der Sonne Ihres Lächelns erwärmen zu lassen. Uebrigens ist das Frühstück fertig. Frühstücken wir also und seien wir lustig.«
Er führte mich zu Tische und füllte mir Teller und Glas, als wenn er sich dem wichtigsten Geschäft der Welt hingebe.
»Major Fitz-David bringt Ihnen einige Neuigkeiten,« eröffnete Benjamin die Unterhaltung. »Ihren Schwiegermutter Mrs. Macallan ist heute hierher gekommen um Sie zu besuchen.«
»Meine Schwiegermutter? Hat sie etwas von meinem Gatten gehört?« fragte ich schnell.
»Ich glaube, daß sie von ihm gehört hat ebenso von Ihrem Onkel, dem Prediger,« sagte der Major. »Unser vortrefflicher Starkweather hat ihr geschrieben und dieser Brief ist die Veranlassung ihres Herkommens. Ich traf die alte Dame gestern in Gesellschaft und bot alles auf, um etwas von ihr heraus zu bekommen aber vergebens. Freilich muß ich zu meiner Schande gestehen daß ich mit alten Damen nicht umzugehen weiß. Nehmen Sie also den Willen für die That meine süße Freundin.« —
Diese Worte boten mir die Gelegenheit nach der ich trachtete.
»Ihr gütiges Entgegenkommen ermuthigt mich, Ihnen eine Frage vorzulegen und nach deren Beantwortung um eine fernere Gunst zu bitten.«
Major Fitz-David nahm das Weinglas von den Lippen und blickte mich mit athemlosem Interesse an.
»Befehlen Sie über mich, meine theure Lady. Ich bin ganz der Ihre,« sagte der galante alte Herr. »Welche Frage wünschen Sie mir vorzulegen?«
»Kennen Sie Miserrimus Dexter?«
»Gott im Himmel!« rief der Major; »das , ist allerdings eine unerwartete Frage. Gewiß kenne ich ihn. Was wollen Sie von ihm?«
»Vorläufig möchte ich Sie nur um eine Karte bitten, die mich bei dem genannten Herrn einführt.«
Der Major erbleichte unter seiner Schminke, und die kleinen grauen Augen blickten mich mit unverhehlbarem Schrecken an.
»Sie wollen Miserrimus Dexter kennen lernen?« wiederholte er, wie ein Mann der an seinen eigenen Sinnen zweifelt. »Mr. Benjamin sollte ich Zuviel von Ihrem vortrefflichen Wein getrunken haben? Bin ich das Opfer einer Täuschung, oder hat mich Ihre schöne Freundin wirklich gebeten sie bei Miserrimus Dexter ein zuführen?«
»Das Letztere glaube ich allerdings,« sagte Benjamin mich ebenfalls erstaunt anblickend.
»Und was ist in meiner Frage so befremdliches?« sagte ich.
»Der Mann ist wahnsinnig!« rief der Major. »Ist ganz England hätten Sie keinen ungeeigneteren Mann zur Vorstellung bei einer jungen Dame finden können als Mr. Dexter. Haben Sie von seiner entsetzlichen Verkrüppelung gehört?«
»Ich habe davon gehört und es schreckt mich nicht ab.«
»Schreckt Sie nicht ab? Meine theure Lady, des Mannes Geist ist ebenso verkrüppelt wie sein Körper.
Er ist ein Gemisch von einem Tiger und einem Affen. In einem Augenblick erschreckt er sie zum Tode, und im anderen reizt er sie zum lauten Lachen. Ich will damit nicht sagen daß er nicht auch gute Eigenschaften besitze und daß er Gewaltthaten begangen oder wissentlich Jemand beleidigt habe. Vor allen Dingen aber ist er verrückt. Können Sie mir die Frage verzeihen was Sie von Mr. Dexter wollen?«
»Ich will ihn zu Rathe ziehen wegen meines Mannes Prozeß.«
Major Fitz-David stöhnte und suchte für einen Augenblick Trost in seinem Weinglase.
»Wieder jene entsetzliche Geschichte!« rief er aus. »Weshalb denn immer und ewig dabei verharren ?«
»Ich muß bei dem verharren was zu meiner einzigen Beschäftigung zu meiner einzigen Lebenshoffnung geworden ist,« sagte ich.
»Ich bin der Ansicht, daß Mr. Dexter mir helfen könne, den Flecken vom Character meines Mannes zu waschen mit welchem der schottische Gerichtshof ihn gebrandmarkt hat. Möge er nun Tiger oder Affe sein ich wage es dennoch bei ihm einzudringen. Deshalb bitte ich noch einmal um Ihre Empfehlungskarte.«
Der Major blickte kläglich aus Mr. Benjamin und schüttelte den Kopf, und Mr. Benjamin blickte kläglich auf den Major und schüttelte auch den Kopf.
»Wenn sie darauf besteht kann ich nicht die Verantwortlichkeit übernehmen die Dame allein zu Mr. Dexter zu schicken,« sagte der Major.
»Soll ich sie begleiten Sir?« fragte Benjamin.
Der Major überlegte einen Augenblick und wandte sich dann schnell zu mir.
»Meine reizende Freundin,« sagte er zu mir, »lassen Sie uns die Sache zu einem Vergleich kommen, was sagen Sie zu einem kleinen Diner?«
»Ein kleines Diner?« wiederholte ich, ohne ihn zu verstehen.
»Ganz recht ein kleines Diner,« sagte der Major noch einmal. »Ja meinem Hause. Sie bestehen darauf, bei Dexter eingeführt zu werden und ich kann nicht darin willigen Sie mit ihm allein zu lassen. Der einzige Punkt in dem wir zusammen kommen können ist die Vereinigung beider Parteien zu einem kleinen Diner unter dem Schutze meines Daches. Wir können noch einige andere Schönheiten dazu bitten Madame Mirliflore ist in London. Sie wird Ihnen sehr gefallen. Und wen sonst noch? Lady Clarinda? Ebenfalls ein reizendes Weib! Mr. Benjamin, Sie sollen neben ihr sitzen. Einen größeren Beweis meiner Hochachtung kann ich Ihnen nicht geben. Wollen wir meine kleine Primadonna nach dem Essen singen lassen? Ich denke. Sie ist so schön. Sie wird die Häßlichkeit des Mr. Dexter verdunkeln helfen. Die Sache ist also abgemacht. Wollen wir sagen heut über 8 Tage?« fragte der Major sein Taschenbuch hervorziehend.
Ich willigte, obgleich nicht gerne, in den Vergleich. Mit einem Empfehlungsbrief hätte ich Mr. Dexter noch heute Nachmittag sehen können. So mußte ich noch acht Tage warten. Doch was half es? Wenn der Major einmal seinen Eigensinn aufsetzte, wie ich, dann konnte noch weit mehr verloren werden.
»Also Punkt acht Mr. Benjamin,« wiederholte der Major. »Schreiben Sie es ebenfalls in Ihr Buch.«
Benjamin gehorchte, indem er mir einen Blick zuwarf, den ich recht gut verstand. Mein alter Freund hatte keine große Lust mit einem Herrn zu diniren der halb Tiger und halb Affe war, und der Vorzug neben Lady Clarinda zu sitzen, schreckte ihn mehr ab, als er ihn entzückte. Mein bittender Gegenblick stimmte ihn zu meinen Gunsten und er notirte die Stunde in seinem Buche. Der Major sah auf seine Uhr und er hob sich schnell.
»Es ist später, als ich dachte,« sagte er. »Ich habe mich mit einer Freundin verabredet. Ein ganz reizendes Geschöpf! Sie thut mir die Ehre an, mich um mein Urtheil über alte Stickereien zu befragen. Ich verstehe etwas von alten Stickereien. Ich studire Alles, was mich Ihrem bezauberndem Geschlechte nützlich machen kann.«
Er nahm meine Hand und betrachtete sie mit kritischen Blicken.
»Eure reizende Hand,« sagte er. »Verargen Sie es mir nicht wenn ich sie küsse. Schöne Hände gehören zu meinen kleinen Schwächen. Vergehen Sie mir also. Ich verspreche Ihnen zu bereuen und zu büßen.«
»In Ihrem Alter, Major, sollten Sie nicht so viel Zeit zu verlieren haben,« sagte eine fremde Stimme hinter uns.
Wir alle drei blickten uns nach der Thüre um. Da stand meines Mannes Mutter mit einem satyrischen Lächeln auf den edlen Zügen.
Der alte Soldat war schnell mit der Antwort fertig.
»Das Wort Alter ist ein relativer Ausdruck, Mrs. Macallan« sagte er. »Es giebt Leute, die nie jung gewesen sind und wieder Andere, die nie alt werden. Ich gehöre zu den letzteren. Auf Wiedersehen!«
Mit dieser Antwort warf der unverbesserliche Major uns eine Kußhand zu und verließ das Zimmer.
Benjamin öffnete die Thür zu seiner kleinen Bibliothek und bat Mrs. Macallan und mich einzutreten.
Zehntes Capitel.
Meine Schwiegermutter setzt mich in Erstaunen
Ich setzte mich auf einen Stuhl in respectvoller Entfernung von Mrs. Macallan welche auf dem Sopha Platz genommen hatte. Die alte Dame lächelte und winkte mich an ihre Seite. Als Feindin war sie sicherlich nicht zu mir gekommen. Es kam nun darauf an, zu er fahren in wie fern sie meine Freundin sein wollte.
»Ich habe einen Brief von Ihrem Onkel, dem Prediger, erhalten,« begann sie. »Er forderte mich auf, Sie zu besuchen und ich schätze mich glücklich, seinem Verlangen nachkommen zu können. Unter anderen Umständen würde ich mich schwerlich in Ihre Nähe gewagt haben. Mein Sohn hat so schlecht und unentschuldbar gegen Sie gehandelt daß ich als seine Mutter mich beinahe schäme, Ihnen in’s Auge zu blicken. Ihr Onkel erzählte mir, was Sie nach der harten Prüfung und nachdem Sie mein Sohn verlassen, zu thun beabsichtigten. Der gute Prediger bittet mich, meinen ganzen Einfluß auf Sie anzuwenden damit Sie von Ihren gefaßten Ideen abstehen und in’s Vaterhaus zurückkehren. Ich stimme durchaus nicht mit der Ansicht Ihres Onkels überein. So wild und kühn Ihre Pläne auch sein mögen so außerordentlich wenig Erfolg ich mir von ihnen verspreche, so bewundere ich doch Ihren Muth, Ihre Treue und Ihren unerschütterlichen Glauben an meinen unglücklichen Sohn, nachdem er sich so unverzeihlich gegen Sie benommen. Geben Sie mir einen Kuß, liebes Kind. Sie verdienen die Gattin eines Helden zu sein und haben den schwächsten Mann unter der Sonne geheirathet. Gott vergebe mir, daß ich so von meinem eigenen Sohne spreche.
Diese Beurtheilung meines Gatten selbst von seiner Mutter, konnte ich nicht ertragen. »Ich fühle mich aufrichtig erhoben durch Ihre gute Meinung von mir,« sagte ich. »Aber ich kann nicht mit Ihrer Ansicht übereinstimmen daß Eustace der schwächste Mann unter der Sonne sein solle.«
»Sie machen es wie alle guten Ehefrauen indem Sie den geliebten Mann zum Helden er heben obgleich er es nicht verdient. Ich kenne Eustace besser als Sie. Er besitzt eine Menge guter Eigenschaften. Von dem Augenblick an aber, wo er Ihres Onkels Haus betrat ist sein Betragen nicht zu rechtfertigen. Was glauben Sie, daß er nun jetzt wieder gethan? Er ist einer barmherzigen Brüderschaft beigetreten und mit einem rothen Kreuz auf dem Arm, in den Krieg nach Spanien gezogen anstatt seiner Frau zu Füßen zu fallen und sie zu bitten daß sie ihm vergeben möge.«
Diese Nachrichten erschreckten und betrübten mich. Also nicht allein Trennung von ihm ich mußte ihn jetzt noch in Gefahr wissen.
»Was ich am meisten an meinem Sohn beklage,« fuhr die grausame alte Frau fort »ist, daß er Sie so gänzlich mißverstehen konnte. Weshalb konnte er Sie nicht durchschauen wie ich es schon nach so kurzer Bekanntschaft mit Ihnen thue. Anstatt sich unter falschem Namen Ihrer Liebe zu versichern mußte er Ihnen von vorneherein die volle Wahrheit gestehen. Er hat nicht einen Blutstropfen von mir, sondern ist feig und schwach in allen seinen Handlungen, und leider Gottes dabei auch unvernünftig und eigensinnig. Das ist die reine Wahrheit. Werden Sie mir nicht böse darüber. Ich liebe ihn wie Sie ihn lieben. Ich erkenne seine Verdienste an. Eines der hervorragendsten ist das, ein muthiges und treues Weib geheirathet zu haben, so lieb zu ihm, daß seine eigene Mutter es nicht wagen darf, die Fehler ihres Sohnes aufzudecken Mein gutes Kind, ich liebe Sie dafür, daß Sie mich hassen.«
»Ich hasse Sie durchaus nicht verehrte Frau! Ich sollte nur meinen daß Sie eine Verwechselung machen zwischen einem feinfühlenden und einem schwachen Mann.«
»Lassen Sie uns zu einem andern Thema kommen liebes Kind.«
»Und welches wäre dies, Madame?«
»Wenn Sie mich Madame nennen werde ich es Ihnen nicht sagen. Nennen Sie mich Mutter«
»Und welches wäre dies, Mutter?«
»Daß Sie gesonnen sind, sich selbst in einen Gerichtshof zu verwandeln um die Welt zu zwingen ein anderes Urtheil über Ihren Mann zu sprechen. Sind Sie dies noch Willens?«
»Ich bin es.«
»Sie wissen, wie sehr ich Ihren Muth bewundere,« entgegnete die alte Frau. »Ich kann Sie aber nicht gegen Unmöglichkeiten ankämpfen sehen ich kann nicht zugeben daß Sie Ihren Ruf und Ihr Glück aufs Spiel setzen ohne Ihnen wenigstens eine wohlmeinende Warnung zugerufen zu haben. Geben Sie Ihr Vor haben auf.«
»Ich fühle mich Ihnen tief verpflichtet für das Interesse, das Sie an mir nehmen; aber, ob Recht ob Unrecht ob leicht oder gefahrvoll, werde ich meinen Plan dennoch verfolgen!«
»O Jugend! O Jugend!« sagte meine Schwiegermutter seufzend. »Und was gedenken Sie nun zunächst zu beginnen?«
In diesem Augenblick schoß mir ein Gedanke durch den Kopf. Sie konnte mich bei Miserrimus Dexter einführen, sie mußte ihn ja kennen als einen alten Freund ihres Sohnes.
»Ich denke Miserrimus Dexter zu consultiren,« antwortete ich kühn.
Mrs. Macallan rückte mit einem lauten Ausruf des Erstaunens von mir fort.
»Sind Sie von Sinnen?« fragte sie.
»Ich habe Grund anzunehmen daß Mr. Dexter’s Rath mir von Nutzen sein könne.«
»Und ich,« entgegnete Mrs. Macallan, »habe Ursache zu glauben daß Sie ebensogut einen Wahnsinnigen befragen können als Mr. Dexter. Erschrecken Sie nicht Kind, ich will damit nicht gesagt haben daß er Sie in irgend einer Weise verletzen könnte, sondern ich meine nur, daß es keinen ungeeigneteren Menschen giebt einer jungen Dame Rath zu ertheilen als Mr. Dexter.«
Seltsam! Dieselbe Warnung, beinahe in denselben Worten wie der Major sie ausgesprochen. Ich schlug sie aber in den Wind, wie die vorige.
»Sie setzen mich in Erstaunen,« sagte ich. »Mr. Dexters Aussage beim Prozeß erschien mir sehr klar und vernünftig.«
»Gewiß!« antwortete Mrs. Macallan. »Die Stenographen drücken die Aussage zusammen ehe sie sie niederschreiben. Wenn Sie gehört hätten was ich gehört habe, würden Sie ihm entweder sehr gezürnt oder sehr über ihn gelacht haben. Der Anfang war sehr vernünftig, im Verlauf aber zeigte sich sofort der Narr. Er wurde mehrere Male zur Ordnung gerufen und wegen Beleidigung des Gerichtshofes sogar mit persönlicher Haft bedroht. Manchmal schien er völlig im Delirium. Mit einem Wort, er ist der unbefähigste Rathgeber, der je gelebt. Ich denke, nun werden Sie mich nicht mehr bitten, Sie bei ihm einzuführen.«
»Nach dem, was Sie mir soeben gesagt, werde ich noch eine Woche warten, bis zu ( Major Fitz-Davids Diner. Er hat versprochen, mir Mr. Dexter bei dieser Gelegenheit vorzustellen.«
»Das sieht dem Major ähnlich!« rief die alte Dame. »Wenn Sie dem Mann vertrauen, thun Sie mir leid. Er ist so glatt wie ein Aal. Dexter verabscheut ihn, mein Kind. Der Major weiß so gut wie ich, daß Mr. Dexter nicht zu seinem Diner kommen wird. Er brauchte nur diese Ausflucht, um nicht offen heraus nein sagen zu müssen, wie ein ehrlicher Mann es gethan haben würde.«
Das waren schlechte Nachrichten, aber sie drückten mich nicht nieder.
»Im schlimmsten Falle kann ich ihm auch schreiben und ihn um eine Unterredung bitten,« sagte ich.
»Und womöglich selber zu ihm gehen?« fragte Mrs. Macallan.
»Gewiß.«
»Und Sie glauben, daß ich das erlauben werde?«
»Wodurch wollten Sie es verhindern ?«
»Indem ich Sie begleite. Ich kann ebenso eigensinnig sein wie Sie. Können Sie die bereits in Vergessenheit gerathene Sache nicht ruhen lassen, anstatt sie wieder aufzurühren? Sie sind eine thörichte junge Person. Dennoch liebe ich Sie und will Sie nicht allein zu Mr. Dexter gehen lassen. Setzen Sie Ihren Hut auf.«
»Jetzt gleich ?« fragte ich.
»Gewiß! Mein Wagen steht vor der Thür. Je schneller es vorüber ist, desto besser.«
In zehn Minuten waren wir auf dem Wege zu Miserrimus Dexter.
Elftes Kapitel.
Miserrimus Dexter! Erste Begegnung
Die Sonne verbarg sich hinter schweren Wolken, und die frühe herbstliche Dämmerung begann hernieder zu sinken, als wir noch unterwegs waren.
Wir nahmen, wie ich bemerken konnte, die Richtung nach der großen nördlichen Vorstadt London’s.
Ueber eine Stunde lang rollte der Wagen durch ein Labyrinth von Straßen, die immer enger und enger, immer schmutziger und schmutziger wurden. Dann kamen wir bei zunehmender Dunkelheit über wüste, unbebaute Flächen. Und hinter diesen lagen einige zerstreute Häusergruppen dunkel in der dunklen Atmosphäre. Der Anblick wurde immer trauriger, bis der Wagen endlich hielt, und Mrs. Macallan mir mit scharfem, ironischen Tone ankündigte:
»Wir sind am Ziel unserer Reise. Dies ist Prinz Dexter’s Palais. Wie gefällt es Ihnen?«
Ich blickte mich um und wußte nicht, was ich davon denken sollte.
Wir verließen den Wagen und standen nun auf einem ungeebneten Kiespfade. Rechts und links erblickte ich im Abzudunkeln mehrere im Bau begriffene Häuser, im ersten Stadium ihres Daseins. Ueberall lagen Bretter, Balken und Steine umher, und riesenhafte schaffotähnliche Gerüste erhoben sich aus dieser Einöde, wie große Bäume ohne Zweige und Aeste. Hinter uns breitete sich ein noch gänzlich unbebauter Platz aus, aus dem weite Kalkgruben geisterhaft hervorleuchteten. Vielleicht hundert Schritte vor uns unterschieden meine, sich an das Dunkel gewöhnende Augen ein niedriges langes Haus mit einer Hecke von wucherndem Immergrün vor seiner Front. Der Diener ging uns voran und führte uns durch Steinhaufen, über Austernschaalen und zerbrochenem Küchengeräth dem Gebäude zu. Und dies war Prinz Dexter’s Palais.
Mit Mühe fanden wir eine Klingel. Als der Diener sie zog, klang sie beinahe so laut wie eine Kirchenglocke.
Während wir darauf warteten, eingelassen zu werden, deutete Mrs. Macallan auf das alte Haus.
»Das ist auch eine von seinen Thorheiten,« sagte sie. »Speculanten haben ihm für den Grund und Boden, auf dem die alte Baracke steht, mehrere tausend Pfund geboten. Sie war ursprünglich das herrschaftliche Gebäude dieses Distrikts. Dexter kaufte es vor vielen Jahren in einer seiner abenteuerlichen Launen. Das alte Ding fällt ihm beinahe über dem Kopf zusammen, und das gebotene Geld würde er gut gebrauchen können. Aber nein! Er wies die Speculanten mit folgenden Worten ab: »mein Haus ist ein stolzes Monument des Pittoresken und Schönen zwischen den häßlichen, entwürdigenden und abgeschmackten Konstruktionen einer häßlichen, entwürdigenden und abgeschmackten Zeit. Ich behalte mein Haus, Gentleman, als eine lehrreiche Lection für Sie. Betrachten Sie es, während Sie rund um mich herbauen, und erröthen Sie, wenn Sie es können, über Ihr eigenes Werk.«
»Doch still! Ich höre Schritte im Garten. Da kommt seine Cousine. Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, weil Sie sie sonst im Dunkeln für einen Mann halten könnten.«
Eine rauhe, tiefe Stimme fragte von jenseits des Thores:
»Wer ist da?«
»Mrs. Macallan,« antwortete meine Schwiegermutter.
»Was wünschen Sie?«
»Wir wünschen Herrn Dexter zu sprechen.«
»Sie können ihn nicht sprechen.«
»Weshalb nicht?«
»Wie war Ihr Name?«
»Macallan. Mrs. Macallan. Eustace Macallan’s Mutter. Nun werden Sie mich verstanden haben.«
Die Stimme murmelte etwas vor sich hin, dann knarrte das Schloß der Gartenthür, und wir wurden eingelassen.
In dem Dunkel der Gebüsche konnte ich nur unterscheiden, daß die Cousine einen Männerhut trug. Nachdem sie das Thor wieder geschlossen, führte sie uns, ohne ein Wort der Bewillkommnung nach dem Hause.
»Eine hübsche Familie«, flüsterte mir meine Schwiegermutter zu. »Diese Cousine ist das einzige Frauenzimmer im Hause und außerdem schwachsinnig.«
Wir traten in einen geräumigen Flur mit niedriger Decke, welcher, von einer kleinen Oellampe nothdürftig erleuchtet war. Es hingen Bilder an den Wänden, deren Darstellungen ich nicht unterscheiden konnte.
»Nun sagen Sie mir,« wandte sich meine Schwiegermutter an die Cousine mit dem Männerhut, »weshalb können wir Mr. Dexter nicht sprechen?«
Die Cousine nahm ein Blatt Papier von dem Flurtisch und reichte es Mrs. Macallan.
»Der Herr hat geschrieben,« entgegnete das seltsame Geschöpf in heiserem Flüsterton, als wenn ihr der bloße Gedanke an den Herrn Entsetzen einflößte. »Lesen Sie es, und gehen, oder bleiben Sie, wie Sie wollen.«
Sie öffnete eine unsichtbare Seitenthür in der Mauer, verschwand wie ein Geist vor unseren Blicken und ließ uns allein auf dem Flur.
Mrs. Macallan näherte sich der Oellampe und blickte auf das Papier, daß die Cousine ihr gegeben. Ich sah ihr über die Schulter. Das Papier enthielt einige groß und wunders schön geschriebene Zeilen:
Nachricht:
Meine Phantasie ist im Arbeiten. Mächtige Visionen entrollen sich vor meinem Blick. Die alte Heroenzeit lebt in mir wieder auf. Das Gehirn glüht in meinem Kopf. Wer mich unter den gegenwärtigen Umständen stört, thut es auf Gefahr seines Lebens. —
Dexter«
Mrs. Macallan sah mich mit sardonischem Lächeln an.
»Bestehen Sie noch darauf, bei ihm eingeführt zu werden,« fragte sie.
»Wenn ich Ihr Leben nicht in« Gefahr bringe, ja!«
Meine Schwiegermutter legte, ohne zu antworten, das Papier wieder auf den Tisch und führte mich dann zu einer niedrig gewölbten Thür, hinter welcher ich die breiten Stufen einer Treppe bemerkte.
»Folgen Sie mir,« sagte Mrs. Macallan emporklimmend. »Ich weiß, wo ich ihn zu finden habe.«
Zwölftes Kapitel.
Miserrimus Dexter! Erste Begegnung
Wir stiegen bis zum ersten Ruheplatz empor, die zweite Treppenflucht, welche sich der entgegen gesetzten Richtung zuwandte war ebenfalls durch eine Oellampe matt erleuchtet. Oben angekommen schritten wir über einen kurzen Corridor, und Mrs. Macallan, sein altes Stück Tapete emporhebend, führte mich jenseits desselben.
»Hören Sie!« flüsterte sie mir zu.
Ich befand mich jetzt in einer halbdunkeln Passage, an deren Ende ich eine geschlossene Thür bemerkte. Ich lauschte und hörte hinter jener Thüre eine laut sprechende Stimme welche von einem Hin- und Herrollen begleitet war, das meines Erachtens nach über einen großen Raum ging. So sehr ich mich auch bemühte, konnte ich doch nicht die einzelnen Worte unterscheiden. Außerdem vermochte ich mir nicht zu erklären, wodurch das seltsame Rollen hervor gebracht wurde.
»Was geht denn dort vor?« fragte ich meine Schwiegermutter.
»Kommen und sehen Sie,« entgegnete sie mit leiser Stimme.
Dann öffnete sie geräuschlos die Thür.
In dem Schatten der Passage bleibend, sahen wir jetzt, ohne gesehen zu werden.
Ich erblickte ein langes dunkles Zimmer mit niedriger Decke. Der ersterbende Glanz eines schlecht erhaltenen Feuers bildete die einzige Erleuchtung, die mich Gegenstände und Entfernungen beurtheilen ließ. Die Mitte des Zimmers, unserer Stellung gegenüber, schwamm in unbestimmt röthlichem Licht, während die Umgebungen in totaler Finsterniß gehüllt waren. Kaum hatte ich diese Bemerkung gemacht, als ich das seltsame Rollen näher kommen hörte. Ein hoher Rollstuhl fuhr durch den röthlichen Schein, und ein Mann saß darin mit lang wallendem Haar, wild mit den Armen gesticulirend und die Maschine zur äußersten Schnelligkeit antreibend.
»Ich bin Napoleon beim Sonnenaufgang von Austerlitz!« rief der Mann in dem Stuhl, als er durch den Feuerschein rollte. »Ich spreche ein Wort, und Throne sinken, und Könige fallen, und Nationen zittern und Tausende fechten und sinken blutend dahin!«
Der Stuhl rollte vorbei, und der Mann in demselben wurde ein anderer Held.
»Ich bin Nelson,« rief die gellende Stimme weiter. »Ich führe die Flotte nach Trafalgar. Ich weiß bestimmt, dass ich siegen und sterben werde. Ich sehe meine eigene Apotheose, mein öffentliches Begräbniß, die Thränen meiner Nation. Die Zeit wird meinen Namen forttragen auf ihren Schwingen, und Dichter werden mir lobsingen in unsterblichen Versen!«
Der Stuhl verschwand und kam wieder; der moderne Centaur, halb Mensch, halb Maschine flog wieder durch das ersterbende Licht.
»Ich bin Shakespeare!« rief das phantastische Geschöpf. »Ich schreibe den König Lear, die Tragödie der Tragödien. Ich bin der Dichter aller Dichter! Die Zeilen fließen wie Lava aus dem Krater meiner vulkanischen Seele!«
Als er sich dem Kamin näherte flammte ein unversehrtes Stück Kohle plötzlich auf, und zeigte ihm unsere Gestalten in der offenen Thür. Mit gewaltigem Ruck hielt er seinen Rollstuhl an, gab ihm eine andere Richtung und flog wie ein wildes Thier auf uns zu. Wir traten bei Seite und der Stuhl rannte in die herunterhängende Tapete. Das seltsame Wesen gebot seinen Rädern Stillstand und blickte uns an, daß das Blut in meinen Adern erstarrte.
»Habe ich sie zu Staub zermalmt?« sagte er zu sich selbst. Dann uns abermals erblickend fuhr er fort: »Goneril und Regan! meine beiden unnatürlichen Töchter, welche gekommen sind, mich in die düstere Nacht hinaus zu treiben!«
»Durchaus nicht,« sagte meine Schwiegermutter so ruhig, als wenn sie ein vernünftiges Wesen anredete. »Ich bin Ihre alte Freundin, Mrs. Macallan, und ich habe Eustace Macallan’s zweite Frau mitgebracht, die Ihre Bekanntschaft zu machen wünscht.«
Bei den Worten »Eustace Macallan’s zweite Frau« stieß der Mann in dem Rollstuhl einen entsetzlichen Schrei aus und sprang in die Luft, als wenn er von einem Schuß getroffen worden sei. Einen Augenblick sah man ein menschliches Wesen in der Luft schweben, der gänzlich beider Beine beraubt war. In der nächsten Secunde sank das entsetzliche Geschöpf, mit der Geschicklichkeit eines Affen, auf seine beiden Hände herab und hüpfte so, mit bewunderungswürdiger Schnelle durch das Zimmer bis an den Kamin. Dann kroch er über die verglimmenden Kohlen, schüttelte sich als wenn ihn fröre und rief wohl ein dutzendmal hintereinander: »O! O! Habt Mitleid mit mir! Habt Mitleid mit mir!«
Das war der Mann, dessen Rath ich hatte erbitten, dessen Beistand ich hatte in Anspruch nehmen wollen in der Stunde der Noth.
Dreizehntes Capitel.
Miserrimus Dexter! Zweite Begegnung
»Ich hatte Unrecht und Sie hatten Recht,« flüsterte ich erschreckt meiner Schwiegermutter zu.
»Lassen Sie uns gehen.«
»Nein!« rief Mr. Dexter, der es gehört hatte »Eustace Macallans zweite Frau soll hier bleiben. Ich bin ein Gentleman ich muß sie um Entschuldigung bitten. Ich bin ein Kenner weiblicher Charactere ich wünsche sie zu sehen.«
Der Mann schien wie mit einem Zauberschlage verändert. Er sprach so weich, wie ein Weib, das eben Thränen vergossen. War es neubelebter Muth oder war es neubelebte Neugierde? Als Mrs. Macallan mich fragte: »Wollen Sie noch gehen? Der Anfall ist jetzt vorüber« – antwortete ich: »nein, lassen Sie uns wieder eintreten.«
»Es thut mir leid, Sie erschreckt zu haben,« sagte die sanfte Stimme am Kamin. »Es giebt Menschen, die mich für periodisch wahnsinnig halten. Wenn jene Leute Recht haben, kamen Sie gerade zu einer solchen Zeit. Meine Einbildungskraft läuft manchmal mit mir fort und ich sage seltsame Dinge. Wenn man bei diesen Gelegenheiten jenes entsetzlichen Prozesses erwähnt, werde ich in die Vergangenheit zurück geworfen und bekomme Nervenschmerzen. Ich bin ein sehr gefühlvoller Mensch. Nehmen Sie also meine Entschuldigung an, treten Sie näher und haben Sie Mitleid mit mir.«
Er würde jetzt kein Kind mehr erschreckt haben. Das Zimmer wurde dunkler und dunkler. Wir konnten nichts unterscheiden als die hockende Figur am Kamin.
»Wollen Sie kein Licht anzünden lassen?« fragte Mrs. Macallan.
»Und soll diese Dame wenn das Zimmer erleuchtet ist, Sie außerhalb Ihres Stuhles sehen?«
Er nahm etwas Glänzendes, das um seinen Hals hing und blies eine Reihenfolge schriller, vogelartiger Töne hinein. Eine kurze Pause und der Ruf bekam ein entferntes, abgeschwächtes Echo.
»Ariel kommt schon« sagte er. »Gedulden Sie Sich nur noch ein wenig Mama Macallan, Ariel wird mich sofort kurfähig machen.«
Er hüpfte auf seinen Händen in die tiefe Dunkelheit an das Ende des Zimmers.
»Noch ein wenig Geduld,« sagte Mrs. Macallan; »dann kommt eine andere Ueberraschung, die zarte Ariel.«
Wir hörten schwere Fußtritte in dem Vorzimmer.
»Ariel!« seufzte Miserrimus Dexter aus der Dunkelheit heraus, in seinen sanftesten Worten.
»Hier!« rief die heisere Stimme der Cousine mit dem Männerhut.
»Meinen Stuhl, Ariel!«
Die gerufene Person zog die herunterhängende Tapete etwas bei Seite indem sie einen Lichtstrom einließ und den Rollstuhl vor sich herschob. Dann hielt sie still und hob Miserrimus Dexter wie ein Kind vom Boden auf. Ehe sie ihn noch auf den Stuhl setzen konnte sprang er mit einem fröhlichen Schrei von ihrem Arm auf seinen Sitz, wie ein Vogel, der von einem Zweig zum anderen flattert.
»Die Lampe,« sagte Miserrimus Dexter.
»Und den Spiegel. Verzeihen Sie mir, meine Damen daß ich Ihnen den Rücken kehre. Sie dürfen mich nicht eher sehen, bis mein Haar in Ordnung ist. Ariel! den Kamm, die Bürste und die Pomaden.«
Die Lampe in der einen Spiegel, Bürste und Pomade in der anderen Hand und den Kamm zwischen den Zähnen erschien Mr. Dexter’s Cousine zum ersten mal im vollen Licht. Ich sah nun des Frauenzimmer’s fleischiges, ausdrucksloses Gesicht, die stieren glanzlosen Augen die plumpe Nase, das schwere Kinn. Ein nur halb lebendes Wesen; ein unvollkommen entwickeltes Thier, gekleidet in eine Matrosenjacke einen rothen Flanellunterrock und ein paar Stulpenstiefeln. In dem wirren sandblonden Haar trug sie einen zerbrochenen Kamm. Diese wundervolle Erscheinung gab ihrem Herrn den kleinen Spiegel in die Hand und machte sich dann an das Werk des Frisirens.
Sie kämmte sie bürstete sie ölte und parfümirte die wallenden Locken und den langen seidigen Bart Mr. Dexters mit einem seltsamen Gemisch von Schlechtlaunigkeit und Geschick. Nachdem das Werk künstlerisch und zur vollen Zufriedenheit Dexter’s vollendet, blieb er dennoch eine Weile mit dem Antlitz uns abgewendet.
»Mama Macallan; sagte er, »welches ist der Vorname Ihrer zweiten Schwiegertochter?«
»Weshalb wollen Sie ihn wissen?« fragte Mrs. Macallan.
»Weil ich sie nicht Mrs. Eustace Macallan anreden kann.«
»Und weshalb nicht?«
»Weil es mich an die andere Mrs. Eustace Macallan erinnert. Weil ich dann wieder an jene entsetzlichen Tage in Gleninch denken muß.«
»Ich heiße Valeria,« antwortete ich für mich selber.
»Ein römischer Name,« bemerkte Dexter. »Ich finde ihn hübsch. Ich würde den Körper eines Römers gehabt haben, wenn ich mit Beinen auf die Welt gekommen wäre. Wenn Sie erlauben werde ich Sie also Mrs. Valeria nennen. Mrs. Valeria darf ich Sie zunächst fragen ob Sie das Gesicht dieses Geschöpfes sehen können?«
Er deutete bei diesen Worten mit dem Spiegel auf seine Cousine ungefähr wie er auf einen Hund gedeutet haben würde, und die Cousine ihrerseits nahm nicht mehr Notiz davon wie ein Hund der beleidigenden Aeußerung geschenkt hätte.
»Ist das nicht das Gesicht einer Blödsinnigen?« fuhr Dexter fort. »Sehen Sie sie an! Ein Kohlkopf in meinem Garten hat in diesem Augenblick mehr Leben und Ausdruck als dieses Frauenzimmer. Würden Sie glauben daß in diesem nur halb entwickelten Wesen Intelligenz, Zuneigung, Stolz und Treue wohne?«
Ich wußte nicht, was ich ihm darauf antworten sollte.
»Ich habe diese Zuneigung, diesen Stolz, diese Treue in meiner Hand,« sprach Dexter weiter. »Ich besitze den Schlüssel zu dieser schlafenden Intelligenz. Jetzt sehen Sie sie an, während ich spreche. Sie kennt ihren Namen den ich ihr gegeben wie ein Hund den seinigen. Nun sehen Sie und hören Sie Ariel!«
Des Frauenzimmers ausdrucksloses Gesicht begann sich zu erleuchten.
»Ariel! Hast Du gelernt mich zu frisiren?«
»Ja! Ja! Ja!« antwortete sie mit noch strahlenderen Zügen. »Und Sie sagen daß ich es gut mache.«
»Das sage ich. Würdest Du es gerne einen Anderen thun lassen?«
Ihre Augen wurden schmelzend und sanft. Ihre seltsame unweibliche Stimme sank zu leisen Tönen herab.
»Niemand Anderes darf es thun,« sagte sie mit Stolz und Zärtlichkeit. »So lange ich lebe soll Sie kein Anderer berühren als ich.«
»Auch nicht die Dame dort?« fragte Mr. Dexter, auf mich deutend.
Ihre Augen flammten plötzlich auf, und ihre Hand schüttelte in drohender Eifersucht den Kamm gegen mich.
»Daß sie es nicht versuche!« schrie das arme Geschöpf.
Dexter brach in Lachen aus.
»Nun entlasse ich wieder Deine Intelligenz,« sagte er. »Kehre zu Deinem eigenen Selbst zurück.«
Der Glanz ihrer Augen erlosch allmälich, der Ausdruck ihrer Züge verhärtete sich und er starb. Eine Minute später und das Gesicht war wieder starr und stumpfsinnig wie zuvor.
»Ich dachte mein kleines Experiment würde Sie interessiren,« sagte Mr. Dexter. »Die schlafende Intelligenz in meiner seltsamen Cousine gleicht dem schlafenden Ton in einem musikalischen Instrument. Ich spiele darauf und es antwortet meiner Berührung. Ihr größtes Vergnügen ist, mich Geschichten erzählen zu lassen. Sie müssen das einmal mit anhören.«
Dexter warf noch einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel.
»Verschwinde!« rief er dann seiner Cousine zu, und diese tappste mit ihren schweren Stiefeln aus dem Zimmer, ohne die geringste Notiz von uns zu nehmen.
Während ich der Abgehenden nachblickte hatte Mr. Dexter seinen Stuhl umgewandt und das Licht der Lampe fiel jetzt voll auf seine Gestalt. Ich sah deutlich das schöne intelligente Antlitz und die großen blauen Augen das wallende kastanienbraune Haar, die schmalen weißen Hände und den schön gebauten Oberkörper. Die Verkrüppelung der fehlenden Glied maßen war durch eine bunte orientalische Decke verhüllt welche über seinem Rollstuhl lag. Er trug eine Jacke von schwarzem Sammet mit großen Malachit-Knöpfen und die Wäsche nach der Mode des verflossenen Jahrhunderts. Ich konnte auch nicht das Geringste Seltsame mehr an ihm wahrnehmen. Das Einzige was mir nicht ganz gefallen wollte, war beim Lachen und Lächeln ein fremdartiges Faltenziehen in den äußeren Augenwinkeln welches zu dem jugendlichen Antlitz unschön contrastirte. Der Mund, soweit der Bart ihn zu sehen erlaubte war klein und schön geformt: die Nase nach griechischem Modell im Vergleich zu der breiten Stirn und den vollen Wangen vielleicht etwas , zu dünn. Im Ganzen aber war er ein schöner Mann. Ein Maler würde ihn als Modell zum heiligen Johannes gebraucht haben und ein junges Mädchen unbekannt mit seiner Verkrüppelung, hätte beim ersten Anblick ausgerufen: »Das ist das Ideal meiner Träume!«
Er hielt seine großen blauen Augen fest auf mich gerichtet und ein seltsam abwechselnder Ausdruck lag auf seinen Zügen der mich theils interessirte theils mich bestürzt machte.
»Nun Mrs. Valeria,« sagte er ruhig, er schrecke ich Sie noch?«
»Gewiß nicht Mr. Dexter«
Zuerst lag Zweifel in seinem Blick, dann strahlte derselbe so bewundernd, daß ein eitles Weib gedacht haben könnte sie habe seine Eroberung gemacht. Dann kam sofort wieder eine neue Veränderung. Die Augen senkten sich, der Kopf fiel auf die Brust herab, und er erhob beide Hände mit einer Geste des Bedauerns. Er murmelte vor sich hin indem er einem trüben Gedankengange zu folgen schien, der ihn weiter und weiter zu ferner liegenden Erinnerungen führte. Hier und da hörte ich eins der Worte. Nach und nach versuchte ich schon die dunklen Vorgänge in der Seele des seltsamen Mannes in lose Verbindung zu bringen.
»Ein weit reizenderes Gesicht,« hörte ich ihn sagen. »Aber keine schönere Figur. Eine schüttete Figur, als die ihre es war, ist nicht zu denken. Worin besteht die Aehnlichkeit die mir ihr Bild zurückführt? Vielleicht in der Stellung? In der Bewegung? Armer unglücklicher Engel! Welches Leben! Und welcher Tod! Und welcher Tod!«
Sollte er mich mit dem Opfer des Giftes, mit meines Gatten erster Frau vergleichen? Seine Worte schienen den Schluß zu rechtfertigen. Die vergiftete Frau hatte sich jedenfalls seiner Bewunderung zu erfreuen gehabt. Er beklagte sie noch nach ihrem Tode. Wenn ich es versuchte dies seltsame Wesen in mein Vertrauen zu ziehen, welches würde das Resultat werden? Würde ich bei dem Vergleich mit ihr gewonnen oder verloren haben? Fühlte er sich durch meinen Anblick getröstet oder niedergedrückt? Ich hätte gerne noch mehr von jener ersten Frau gehört; aber kein Wort über dieselbe entfloh seinen Lippen. Eine neue Veränderung kam über ihn. Er hob entsetzt das Haupt und blickte um sich, wie ein müder Mann der aus tiefem Schlaf erwacht.
»Was habe ich gethan?« sagte er, »habe ich meine Gedanken wieder wandern lassen?« Er schauderte und seufzte. »O, dieses Haus in Gleninch!« murmelte er traurig vor sich hin. »Werde ich nimmer meine Gedanken davon ab bringen können?«
Zu meinem großen Bedauern unterbrach ihn Mrs. Macallan in seiner Weiterbetrachtung. Etwas in seinem Ton und Wesen als er über ihres Sohnes Landhaus gesprochen schien sie verletzt zu haben.
»Ich glaube Sie wissen nicht was Sie sprechen,« sagte sie unwillig.
Sein großes blaues Auge flammte sie stolz an. Mit einer Bewegung seiner Hand brachte er den Stuhl dicht an ihre Seite. Im nächsten Augenblick faßte er ihren Arm und beugte sie zu sich nieder, damit er ihr in’s Ohr flüstern könne. Er war heftig erregt. Sein Flüstern klang laut genug, um es mir hörbar zu machen.
»Ich weiß nicht was ich spreche?« wieder holte er, indem er seine Augen nicht auf meine Schwiegermutter, sondern auf mich richtete. »Sie kurzsichtige, alte Frau! Wo haben Sie Ihre Brille? Sehen Sie sie an! Bemerken Sie keine Aehnlichkeit – die Figur – das Antlitz. Sehen Sie keine Aehnlichkeit zwischen ihr und der ersten Frau?«
»Reine Einbildung!« entgegnete Mrs. Macallan.
Er schüttelte sie ungeduldig.
»Nicht so laut!« flüsterte er. »Sie kann uns hören.«
»Ich habe allerdings gehört,« sagte ich. »Sie können dreist vor mir sprechen Mr. Dexter. Ich weiß, daß mein Mann schon einmal verheirathet war, und ich weiß auch, wie elend die erste Frau ums Leben kam. Ich habe den Prozeß gelesen.«
»Sie haben das Leben und den Tod einer Märtyrerin gelesen?« rief Dexter, und mit einer schnellen Bewegung rollte er seinen Stuhl zu mir. Die Augen waren mit Thränen gefüllt.
»Niemand schätzte sie nach ihrem wahren Werth, wie ich,« sagte er.
Mrs. Macallan ging ungeduldig an das Ende des Zimmers.
»Wollen wir nun wieder fahren Valeria?« sagte sie.
Mein Interesse für die ferneren Mittheilungen des Mr. Dexter waren derartig, daß ich noch keine Lust hatte ihn jetzt zu verlassen. Ich that also, als wenn ich Mrs. Macallan nicht gehört hätte und legte die Hand auf Dexter’s Stuhl, um ihn bei mir zu behalten.
»Schon in Ihrer Aussage beim Prozeß gaben Sie die hohe Achtung zu erkennen, welche Sie der Dahingeschiedenen bezeigten,« sagte ich. »Ich glaube daß Sie Ihre eigenen Ideen über ihren Tod haben, Mr. Dexter.«
Bei dieser Frage hob er plötzlich den gesenkten Kopf und blickte mich mißtrauisch an.
»Wie kommen Sie zu dieser Vermuthung?« fragte er sehr ernst.
»Ich weiß es aus der Lesung des Prozesses. Ich hatte nicht die Absicht Sie zu beleidigen, Mr. Dexter.«
Sein Antlitz klärte sich eben so schnell auf, wie es sich bewölkt hatte. Er lächelte und legte seine Hand auf die Meine. Seine Berührung durchschauerte mich, und ich mußte schnell meine Hand zurückziehen.
»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich Sie mißverstand,« sagte er. »Ich habe auch meine eigenen Ideen über jene unglückliche Dame.«
Dann blickte er mich wieder eine Weile schweigend an.
»Haben Sie ebenfalls Ihre Ideen über ihr Leben und ihren Tod?«« fragte er.
»Ja,« antwortete ich, um mehr aus ihm herauszulocken.
»Ideen die Sie schon Jemand mitgetheilt?« fuhr er fort.
»Nein.«
»Das ist sehr seltsam,« sagte er, noch immer mein Antlitz studirend. »Welches Interesse können Sie an einer Todten haben die Sie niemals gekannt? Haben Sie irgend einen Grund gehabt mich aufzusuchen?«
Ich antwortete bejahend.
»Und steht dieser Grund mit der verstorbenen Lady Macallan im Zusammenhange?«
»Ja.«
»Mit irgend einem Ereigniß ihres Lebens?«
»Nein.«
»Mit ihrem Tode?«
Er faltete plötzlich seine Hände dann schlug er sie mit einer wilden Geste der Verzweiflung vor seine Stirne als wenn ein heftiger Schmerz ihn durchzuckt hätte.
»Ich kann es heute nicht hören« sagte er, »ich würde Welten darum geben es zu vernehmen, aber ich darf nicht. Ich würde alle Herrschaft über mich selbst verlieren. Ich besitze nicht Muth genug, das Grab der todten Märtyrerin zu öffnen. Ich besitze eine zu lebhafte Einbildungskraft. Ich spiele die Rolle aller Helden die je gelebt haben. Ich denke mich in ihr innerstes Wesen hinein und dann bin ich der Mann, der ich mir einbilde zu sein. Wenn ich jene Phantasien zurückdrängen wollte, würde ich wahnsinnig werden. Die Bilder verlassen mich erst wenn ich zu erschlaffen beginne. In solchen Momenten darf ich keine neuen Aufregungen haben. Wollen Sie morgen am Tage wiederkommen? Ich habe eine Chaise und einen Pony. Ariel kann Sie von Mama Macallan abholen. Ich sterbe vor Verlangen, Sie zu hören. Ich werde auch recht höflich, unterhaltend und liebenswürdig gegen Sie sein. Doch nun genug davon. Ich muß mich jetzt beruhigen oder mir platzt das Gehirn. Die Musik ist meine beste Trösterin. Meine Harfe! Meine Harfe!« Er rollte sich zu dem entferntesten Winkel des Zimmers.
Währenddessen trat wieder Mrs. Macallan zu mir heran.
»Kommen Sie!« sagte die alte Dame. »Sie haben ihn gesehen nun wird er langweilig.«
Der Stuhl rollte jetzt langsam zu uns zurück. Mr. Dexter leitete ihn diesmal nur mit einer Hand, in der anderen hielt er eine Harfe wie ich sie bis jetzt nur auf Bildern gesehen. Es war die schmale Harfe der walisischen Barden.
»Gute Nacht, Dexter,« sagte Mrs. Macallan. « Er hob befehlend eine Hand empor.
»Noch nicht!« sagte er. »Sie soll mich erst singen hören.«
Dann wandte er sich zu mir.
»Ich improvisire nämlich Text und Musik,« sagte er. »Lassen Sie mich nur einen Moment nachdenken.«
Er schloß die Augen und lehnte das Haupt an das Holz der Harfe. Die Finger irrten auf den Saiten umher. Dann blickte er plötzlich auf und präludirte den Gesang. Es war eine wilde monotone Musik, die manchmal in eine Art orientalischen Tanzes hinüber klang. Die Worte die er in Musik kleidete waren ebenso wild und regellos. Er fang sein Lied mit einer der schönsten Tenorstimmen, die ich je gehört:
Weshalb ist sie gekommen?
Sie erinnert mich an die Todte;
Sie erinnert mich an die Todte:
Ihre Gestalt wie die Andere,
Ihr Gang wie die Andere.
Weshalb ist sie gekommen?
Brachte sie mir das Schicksal?
Sollen wir zusammen
Die Vergangenheit durchstreifen?
Sollen wir zusammen
Geheimnisse ergründen?
Sollen wir zusammen
unsere Gedanken auswechseln?
Brachte sie mir das Schicksal?
Die Zukunft wird es zeigen.
Laßt nur die Nacht vorüber,
Laßt nur den Tag kommen;
Dann werde ich in ihre Seele blicken
Und sie in die Meine.
Die Zukunft wird es zeigen.
Seine Stimme sank, die Finger liefen schwächer durch die Saiten. Das überangestrengte Gehirn bedurfte der Ruhe der Kopf sank zurück, und er schlief ein.
Wir stahlen uns leise aus dem Zimmer und überließen Miserrimus Dexter, den Dichter, Componisten und Narren seinem friedlichen Schlummer.
Vierzehntes Capitel.
Mehr von meiner Halstarrigkeit
Als wir hinunterkamen fanden wir Ariel, halb schlafend, halb wachend, auf dem Flur. Ohne mit uns zu sprechen ohne uns anzublicken führte sie uns durch den Garten und schloß die Thüre hinter uns zu.
»Gute Nacht Ariel!« rief ich ihr nach. Ich erhielt keine Antwort als ihren schweren nach dem Hause zurückkehrenden Schritt und einen Augenblick darauf das dröhnende Zuschlagen der Thür.
»Nun,« sagte meine Schwiegermutter, als wir wieder im Wagen saßen, »wie hat Ihnen Miserrimus Dexter gefallen? Toller wie heut habe ich ihn nie gesehen.«
»Es thut mir leid, Ihnen widersprechen zu müssen,« sagte ich; »aber wahnsinnig habe ich ihn nicht gefunden.«
»Nicht wahnsinnig!« rief Mrs. Macallan.
»O, Valeria! Wie können Sie einen solchen Mann für vernünftig halten?«
»Ich bitte um Verzeihung, Mrs. Macallan. Ich war gewiß ebenso erschreckt wie Sie aber jetzt da ich mich wieder beruhigt kann ich doch nicht umhin, den Wahnsinn dieses seltsamen Menschen anzuzweifeln. Mir scheint es, als wenn er Gedanken und Gefühle, welche wir als Schwachheiten in uns verschließen würden offen und ungescheut darlegt. Auch uns passirt es in den Kinderjahren, daß wir uns in andere Gestalten hinein versetzt denken, z.B. in märchenhafte Persönlichkeiten von denen wir gelesen oder von denen man uns erzählt. Mr. Dexter hat diese Eigenthümlichkeit beibehalten, wenn aber seine Einbildungskraft sinkt ist er wieder ein vollkommen vernünftiger Mensch. Die Einsamkeit in der er lebt trägt auch gewiß viel dazu bei, seine Sonderbarkeiten zu nähren. Ich hoffe daß dies offene Geständniß mich nicht ernstlich in ihrer guten Meinung von mir zu rücksetzen werde, der Besuch hat lebhaft mein Interesse in Anspruch genommen.«
»Sie wollen ihn doch nicht etwa noch einmal sehen?« fragte Mrs. Macallan.
»Das kommt darauf an, wie ich morgen früh über die Sache denke,« sagte ich. »Für heute habe ich mir allerdings vorgenommen meinen Besuch bei ihm zu wiederholen. Wir begannen ein Gespräch, dessen Fortsetzung meiner Sache von großem Nutzen werden dürfte, jener Sache, welche jetzt das einzige Interesse meines Lebens bildete, die Sie aber leider mißbilligen.«
»Sie wollen ihn doch nicht in Ihr Vertrauen ziehen.«
»Das denke ich allerdings. Es ist ein Wagniß, aber ich muß das Wagniß bestehen. Ich handle vielleicht nicht klug, aber die bloße Klugheit wird mich nicht zum Ziele führen.«
Mrs. Macallan machte keine fernere Erwiderung. Sie nahm aus einer Wagentasche eine Schachtel mit Zündhölzern und eine Eisenbahnlampe.
»Sie zwingen mich, Ihnen mitzutheilen, was Ihr Gatte über Ihren nette Sonderbarkeit sagt,« meinte sie. »Ich habe seinen letzten Brief aus Spanien bei mir. Sie werden selbst hören, ob mein Sohn des hoffnungslosen Opfers werth ist, das Sie ihm bringen wollen. Zünden Sie ein Licht an.«
Ich gehorchte. Nachrichten von meinem Gatten, wie dieselben auch sein mochten, mußten immer eine belebende Wirkung auf mich ausüben.
Als die Lampe brannte, zog Mrs. Macallan ihres Sohnes Brief hervor. Keine Thorheit gleicht im Entfernsten der Thorheit der Liebe. Es kostete mich große Selbstbeherrschung, den Brief nicht zu küssen, den sie in ihrer Hand hielt.
»Da!« sagte meine Schwiegermutter. »Beginnen Sie auf der zweiten Seite, die von Ihnen handelt; dann werden Sie hoffentlich, ehe zu spät ist, zu einer besseren Ueberzeugung kommen.«
Ich nahm den Brief und las folgende Worte:
»Und nun laß mich von Valeria sprechen. Sage mir, wie sie sich befindet, wie sie aussieht, was sie thut. Ich denke fortwährend an sie. An jedem Tage betrauere ich ihren Verlust. O, wenn sie niemals die entsetzliche Wahrheit entdeckt hätte!
Als ich sie zum letzten male sah, sprach sie davon, den Prozeß lesen zu wollen. Hat sie es gethan? Ich glaube, ich würde vor Scham und Entsetzen todt zu Boden gesunken sein, wenn ich, nachdem sie von der furchtbaren Anklage gegen mich gehört, ihr gegenüber getreten wäre. Ich werde krank, wenn ich daran denke.
Hält sie noch immer jenen hoffnungslosen Plan aufrecht, meine Unschuld vor der Welt beweisen zu wollen, so bitte ich Dich, Mutter, gebrauche Deinen ganzen Einfluß auf sie, Valeria diese unglückliche Idee aufgeben zu lassen. Versäume kein Mittel, das in Deiner Macht steht, sie von ihrem Vorhaben abzubringen.
Ich sende ihr keinen Gruß. Rufe mich nicht in ihre Erinnerung zurück, sondern hilf ihr, mich zu vergessen. Das Beste, was ich für sie thun kann, ist, mich ans ihrem Gedächtniß zu löschen.«
Ich gab schweigend den Brief meiner Schwiegermutter zurück.
»Wenn Sie das nicht entmuthigt, wird Sie allerdings nichts entmuthigen,« sagte sie. »Lassen Sie uns nun über die Sache schweigen.«
Ich antwortete nicht, sondern weinte hinter meinem Schleier. Meine häuslichen Aussichten wurden immer trauriger; mein unglücklicher Gatte war fast hoffnungslos mißleitet. Das einzige Rettungsmittel für uns beide war das Festhalten an meinem Entschluß. Der Brief meines Gatten hatte mich noch mehr darin bestärkt. Wenigstens hatte er mich nicht vergessen und betrauerte meinen Verlust. Hierin bestand für den Augenblick meine Ermuthigung.
»Wenn Ariel mich morgen abholt,« dachte ich bei mir selbst, »dann fahre ich mit Ariel hinaus.«
Mrs. Macallan setzte mich an Benjamins Thür ab.
Im Augenblick des Scheidens theilte ich ihr mit, daß Mr. Dexter mich morgen von ihrer Wohnung abholen lassen wollte und daß ich deshalb um Erlaubniß bäte zur verabredeten Zeit zu ihr kommen zu dürfen, widrigenfalls ich sie ersuchte, den Wagen zu Mr. Benjamin zu schicken. Ich hatte auf diese meine Willensäußernng mindestens eine starke Mißbilligung erwartet. Diese erfolgte jedoch nicht.
»Wenn Sie darauf bestehen, Mr. Dexter abermals zu besuchen, so soll dies wenigstens nicht von meiner Thüre aus geschehen,« sagte sie. »Aber ich hoffe, Sie werden Sich morgen früh anders besonnen haben.«
Der Morgen kam. Wenige Minuten vor neun ward mir das Eintreffen der Pony-Equipage gemeldet und mir gleichzeitig ein Brief von Mrs. Macallan übergeben.
»Ich habe kein Recht, Ihren Handlungen zu überwachen,« schrieb meine Schwiegermutter. »Ich schicke also den Wagen zu Mr. Benjamin’s Hause und hege die feste Ueberzeugung daß Sie Sich nicht hineinsetzen werden. Ich wünschte, ich könnte Sie umstimmen, Valeria; denn ich bin ihre aufrichtige Freundin. Ich bedaure jetzt mehr denn je, daß ich mich damals nicht hartnäckiger Ihrer unglücklichen Heirath widersetzte. Hätte mein Sohn mir genauere Angaben gemacht, hätte er mir vor allen Dingen Ihren Namen genannt, dann würde ich zu Ihnen geeilt sein« und es wäre mir vielleicht gelungen, Sie zur Feindin meines eigenen Sohnes zu machen. Weshalb quäle ich Sie denn mit eines alten Weibes Mißbilligungen und Vorwürfen? Weil ich mich für verantwortlich halte, wenn Ihnen irgend ein Unglück geschieht. Derselbe Gedanke hat auch diesen Brief in’s Leben gerufen. Gehen Sie nicht zu Mr. Dexter! Ich kann mich des Gedankens nicht entschlagen, daß der Besuch übel ausfallen werde. Schreiben Sie ihm eine Entschuldigung. Ich fühle, daß Sie es bereuen werden, wenn Sie in jenes Hans zurückkehren.«
Wurde jemals ein Weib liebevoller gewarnt als ich? Und dennoch schlug ich die Warnung in den Wind.
Ich war gerührt durch den Brief meiner Schwiegermutter, aber nicht überzeugt. Es schwebte mir ein leuchtender Stern vor, der mich unwiderstehlich nach sich zog, dieser Stern war die Hoffnung, meines Mannes Unschuld beweisen zu können.
Ich schrieb Mrs. Macallan einen dankbaren Brief und begab mich dann hinaus, um die Chaise zu besteigen.
Fünfzehntes Capitel.
Mr. Dexter zu Hause
Vor der Thüre fand ich die ganze Straßenjugend der Umgegend um die Pony-Equipage versammelt, und mancher Witz fiel über den seltsamen Kutscher, im rothen Unterrock und mit dem Männerhut. Der Ponty, welcher sich eben falls verhöhnt glaubte, begann unruhig zu werden. Ariel saß, die Peitsche in der Hand, völlig gefühllos für die Welt um sich her. Ich bot ihr einen guten Morgen, als ich einstieg, sie erwiderte denselben nur mit einem »Hü!« und es ging von dannen. Ich hatte mich selbstverständlich darauf gefaßt gemacht, die große Tour stillschweigend zurückzulegen. Was sollte ich auch mit Ariel sprechen, da Ariel nicht antwortete. Aber die Erfahrung ist nicht immer unfehlbar. Nachdem wir eine halbe Stunde gefahren waren, überraschte mich Ariel durch eine Anrede.
»Wissen Sie wohin wir nun kommen?« fragte sie, dem Pony scharf auf die Ohren sehend.
»Nein,« antwortete ich.
»Wohin kommen wir denn?«
»Wir kommen an einen Kanal.«
»Nun ?«
»Nun! Ich habe große Lust, Sie hinein zu werfen.«
Diese furchtbare Ankündigung ließ mich eine Erklärung wünschen. Ich nahm mir die Freiheit, sie zu verlangen.
»Und weshalb wollten Sie mich hineinwerfen?« erkundigte ich mich.
»Weil ich Sie hasse,« war die kalte und kurze Antwort.
»Wodurch habe ich Sie denn beleidigt?«
»Was haben Sie denn mit meinem Herrn , vor?«
»Meinen Sie Mr. Dexter?«
»Ich will mit Mr. Dexter sprechen.«
»Das ist nicht wahr! Sie wollen meine Stelle haben. Sie wollen sein Haar und seinen Bart bürsten Sie altes Scheusal!«
Nun begann ich zu verstehen. Die Idee, welche Mr. Dexter gestern Abend scherzend ausgesprochen war ihr nach 15 Stunden zum Verständniß gekommen.
»Ich will sein Haar und seinen Bart nicht anrühren« sagte ich. »Das überlasse ich Ihnen gänzlich.«
Sie blickte sich nach mir um und ihr Antlitz leuchtete.
»Sagen Sie es noch einmal,« rief sie; »aber dieses mal sagen Sie es leiser.«
Ich sagte es noch einmal und sagte es leiser.
»Schwören Sie es!« rief sie immer aufgeregter.
Da der Kanal gerade in der Nähe war, schwur ich.
»Sind Sie nun zufrieden?« fragte ich.
Ich erhielt keine Antwort. Der Vorrath ihrer Rede war erschöpft. Das seltsame Wesen stieß ein zufriedenes Grunzen aus, blickte dem Pony wieder zwischen die Ohren hindurch und sprach während der Fahrt kein Wort mehr mit mir. Wir fuhren am Ufer des Kanals dahin, ohne daß Sie daran dachte mich hinein zu werfen. Wir rasselten durch elende Straßen und über jene unbebauten Flecken deren ich mich von gestern erinnerte, die aber im hellen Tageslicht noch weit abschreckender und ärmlicher aussahen. Der Wagen fuhr eine Gasse hinunter, in welcher ein zweites Gefährt nicht hätte ausweichen können und hielt dann an einer Mauerpforte, die mir neu war. Ariel öffnete die Pforte mit einem Schlüssel und führte den Pony dann durch den hinteren Garten und auf den Hof des Mr. Dexter gehörigen baufälligen Hauses. Der Pony ging, den Wagen nach sich ziehend, sogleich in den Stall. Meine schweigende Gefährtin geleitete mich durch eine finstere Küche und eine eben solche Passage. Eine Thür rechts öffnend gelangten wir auf den bereits bekannten Flur. Hier führte Ariel ein kleines Instrument an den Mund und blies die schrillen vogelartigen Töne, mit denen ich ebenfalls schon Bekanntschaft gemacht hatte.
»Warten Sie hier, bis Sie den Herrn pfeifen hören dann gehen Sie hinauf.«
So äußerte sie sich zum letzten Mal.
Es wurde mir also gepfiffen wie einem Hunde. Und noch schlimmer, ich mußte gehorchen wie ein Hund.
Ariel kehrte mir den Rücken und verschwand in der dunklen Region der Küche.
Nachdem ich eine oder zwei Minuten gewartet hatte, ohne daß ein Signal ertönt war, trat ich auf die hellere Seite des Flurs, auf der sich eine Anzahl von Bildern befand, die von Mr. Dexter selbst gemalt waren und so wilde, grausige Gegenstände darstellten, daß meine Nerven allmälich heftig erregt wurden und ich erschrocken zusammenfuhr, als der schrille Ton der Pfeife an mein Ohr drang. Ich mußte mich setzen und es dauerte mehrere Minuten ehe ich meine Kaltblütigkeit wiedergewonnen hatte.
Die schrille Pfeife ertönte zum zweiten mal. Ich stand auf und stieg die Treppe zum ersten Stockwerk empor. Mein Herz klopfte noch ungestüm als ich mich der Thür des Vorzimmers näherte, und ich muß gestehen, daß ich in diesem Augenblick meine Fürwitzigkeit bereute.
Die niederhängende Tapete, welche die innere Thür bedeckte, war bei Seite gezogen. So leise meine Schritte auch waren, das feine Gehör Mr. Dexters hatte sie bereits erspäht.
»Ist das Mrs. Valeria?« hörte ich seinen schönen tönenden Tenor: »Bitte treten Sie ein.«
Ich trat ein.
Der Rollstuhl kaut mir so leise und sanft entgegen daß ich ihn kaum hörte. Miserrimus Dexter streckte mir schwach die Hand hin. Sein Haupt neigte sich gedankenvoll zur Seite, und die großen blauen Augen blickten mich wehmüthig an. Nicht eine Spur mehr von dem wilden Phantasten, der mich gestern erschreckt. Nur die Kleidung war ebenso seltsam, wenn auch anders wie am vergangenen Tage. Seine Jacke war von meergrünem Atlas und um die Handgelenke trug er massive Armbänder von Gold und in antiker Form.
»Wie liebenswürdig von Ihnen daß Sie gekommen sind,« sagte er in weichen musikalischen Tönen. »Ich habe Ihnen zu Ehren meine schönsten Kleider angelegt. Erschrecken Sie nicht. Mit Ausnahme dieses elenden materiellen Jahrhunderts kleideten sich, Männer sowohl als Frauen in kostbare Stoffe und glänzende Farben. Vor 500 Jahren schmückte man sich mit diesen goldenen Armbändern. Ich verabscheue die Misachtung der Schönheit und die Furcht vor Ausgaben, welche einen Gentleman so weit entwürdigen konnte, sich in elendes schwarzes Tuch zu kleiden. Ich liebe es schön zu sein, namentlich wenn die Schönheit mich besucht. Sie wissen nicht wie hoch ich Ihre Gesellschaft schätze. Heute ist einer von meinen melancholischen Tagen. Thränen treten ungebeten in meine Augen. Ich seufze und klage über mich selbst; ich lechze nach Mitleid. Bedenken Sie doch, was ich bin! Ein armes, elendes Wesen verflucht zur entsetzlichen Verkrüppelung. Mein liebendes Herz – welkte dahin. Meine außerordentlichen Talente kommen nicht zur Geltung. Wie traurig! Bemitleiden Sie mich.«
Er weinte in der That Thränen des Mitleids über sich selbst. Sein Ton war der eines kranken Kindes, das der Pflege bedarf. Ich war in Verlegenheit, was zu thun.
»Bitte, bedauern Sie mich doch!« fuhr er fort, »seien Sie nicht grausam. Ich verlange ja nur wenig. Schöne Mrs. Valeria, sagen Sie, daß Sie mich bemitleiden!«
Ich that es und fühlte daß ich erröthete.
»Ich danke Ihnen,« sagte Mr. Dexter wehmüthig.
»Es hat mir wohlgethan. Gehen Sie noch etwas weiter. Streicheln Sie meine Hand.«
Die Absurdität einer solchen Bitte, obgleich mit vollem Ernste vorgetragen ließ mich in helles Lachen ausbrechen.
Mr. Dexter sah mich so erstaunt an, daß sich meine Heiterkeit noch vermehrte. Hatte ich ihn beleidigt? Anscheinend nicht. Nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt, ließ er sein Haupt an die Lehne des Stuhls zurücksinken, mit dem Ausdruck eines Kritikers, der irgend einer Vorstellung beiwohnt.
Als ich mich recht müde gelacht applaudirte er mit seinen weißen Händen und beehrte mich mit einem da capo-Ruf.
»Bitte noch einmal,« sagte er auf kindische Art. »Sie haben solch’ musikalisches Lachen Mrs. Valeria, und ich solch musikalisches Ohr. Bitte noch einmal.«
»Vergeben Sie mir, Mr. Dexter,« sagte ich, mich vor mir selber schämend.
Er antwortete mir nicht. Sein Temperament unterlag einer neuen Wandlung. Er betrachtete jetzt meine Kleidung und schien seine eigenen Gedanken darüber zu haben. Dann forderte er mich auf, mir einen bequemen Sessel zu holen, dann einen Ofenschirm zwischen mich und das Feuer zu setzen. Er beobachtete oder studirte dabei – wie er selbst eingestand – meinen Gang und verglich ihn mit dem der »Todten«. Wirklich, ich fürchtete jeden Augenblick, er würde wieder einen Anfall bekommen.
Plötzlich begann er:
»Wir sprachen gestern Abend von ihr. Was sagte ich? Was sagten Sie? Meine Erinnerung ist verschwommen. Halb weiß ich es, halb hab' ich es vergessen. Helfen Sie mir.«
»Wir sprachen,« antwortete ich, »von Mrs. Eustace Macallans Tode, und wir erwähnten —«
»Ja! Ja!« unterbrach er mich. »Und ich wunderte mich darüber, daß Sie ein Interesse zu haben schienen das Geheimniß ihres Todes aufzuklären. Vertrauen Sie es mir an. Ich sterbe vor Begier, es zu hören.«
»Nicht nur ein Interesse,« antwortete ich, »die Glückseligkeit meines ganzen Lebens hängt davon ab, der Sache auf den Grund zu kommen.«
»Großer Gott! Und weshalb!« rief er. »Halten Sie ein! Ich rege mich auf, und das thut mir nicht wohl. Ich muß meine Sinne zusammen behalten; ich darf sie nicht wandern lassen. Die Sache ist zu ernsthaft. Warten Sie eine Minute.
« An dem einen Arm seines Rollstuhls hing ein eleganter kleiner Korb. Er nahm eine an gefangene Stickerei nebst Häkelhaken heraus. Er bemerkte mein Erstaunen darüber.
»Frauen,« sagte er, »bedienen sich der Handarbeit um bei derselben ruhiger denken zu können. Weshalb sind wir Männer solche Thoren solche Weisheit nicht nachzuahmen?«
Mit diesen Worten arrangirte dies seltsame Wesen seine Stickerei und begann mit der größten Geschicklichkeit zu häkeln.
»Wenn Sie nun so gut sein wollen,« sagte er. »Ich arbeite, Sie sprechen.«
Sechzehntes Capitel.
Im Dunkeln
Mit solch’ einem Manne wie Miserrimus Dexter und mit solch’ einem Vorhaben wie ich es in Aussicht hatte, war mit Halbheiten nichts gethan. Ich mußte mit der vollen Wahrheit herausrücken. Die Mittelstraße konnte mir nur verderblich werden.
»Bis jetzt wissen Sie eigentlich wenig oder nichts von mir, Mr. Dexter,« sagte ich. »Es scheint Ihnen auch unbekannt zu sein daß mein Gatte und ich augenblicklich nicht zusammen leben.«
»Es ist unnöthig, daß Sie Ihres Gatten erwähnen,« sagte er, ohne von seiner Stickerei aufzublicken.
»Es ist unumgänglich nothwendig,« entgegnete ich. »Ich kann mich Ihnen aus keinem anderen Wege erklären.«
Er senkte den Kopf und seufzte resignirt.
»Wollten Sie damit sagen daß Ihr Gatte Sie verlassen habe?« fragte er.
»Er hat mich verlassen und ist in’s Ausland gegangen.«
»Ohne irgend welche Nothwendigkeit?«
»Ohne irgend welche Nothwendigkeit.«
»Hat er den Zeitpunkt seiner Rückkehr bestimmt ?«
»Wenn er bei seinem ersten Beschlusse verharrt wird er niemals zu mir zurückkehren.«
Mit einem Zeichen lebhaften Interesses erhob Mr. Dexter den Kopf.
»Also so ernstlich überworfen?« fragte er. »Also nach gegenseitigem Uebereinkommen friedlich auseinandergegangen?«
Der Ton, in dem er diese Worte sprach, gefiel mir durchaus nicht. Der Blick, mit dem er diese Worte begleitete, legte mir den Gedanken nicht fern, daß ich mit ihm allein sei und daß er hieraus Vortheil ziehen könne. Mehr durch mein Benehmen als durch meine Worte rief ich ihm den Respekt zurück, den er mir schuldete.
»Sie irren sich,« sagte ich. »Es besteht durchaus kein Mißverständniß zwischen uns. Nur mit beiderseitigem bitterem Kummer sind wir auseinandergegangen Mr. Dexter.«
Sein Gesicht zeigte den Ausdruck ironischer Resignation.
»Ich bin ganz Ohr,« sagte er, seine Nadel einfädelnd. »Bitte fahren Sie fort, ich werde Sie nicht wieder unterbrechen.«
Von dieser Aufforderung Gebrauch machend erzählte ich ihm die volle Wahrheit dessen was zwischen mir und meinem Gatten vorgefallen, indem ich jedoch darauf Bedacht nahm, Eustace's Motive stets in das beste Licht zu stellen. Miserrimus Dexter ließ seine Stickerei in den Schooß sinken und lachte stillvergnügt über meine kleine Erzählung, die jeden Nerv von mir auf die Folter spannte.
»Ich sehe darin nichts zu lachen,« sagte ich scharf.
Seine schönen blauen Augen ruhten auf mir mit unschuldigem Staunen.
»Nichts zu lachen?« wiederholte er. »Bei solcher Darlegung menschlicher Thorheit, wie Sie eben die Güte hatten sie zu schildern.«
Sein Gesichtsausdruck änderte sich plötzlich; die Züge wurden düster und hart.
»Halten Sie ein!« rief er, bevor ich ihm antworten konnte. »Es kann nur einen Beweggrund für Sie geben Mrs. Valeria, der Sie bewog zu handeln wie Sie es thun und dieser eine Beweggrund ist die Liebe.«
»Jawohl,« entgegnete ich. »Ich liebe ihn aus tiefster Seele.«
Mr. Dexter strich seinen wunderschönen Bart und wiederholte nachdenkend meine Worte. Sie lieben ihn aus tiefster Seele? Wissen Sie auch weshalb?«
»Weil ich nicht anders kann.«
Er lachte satyrisch und häkelte weiter.
»Seltsam!« sagte er zu sich selbst »Eustaces erste Frau liebte ihn auch. Es giebt Männer, die von allen Frauen geliebt werden, und es giebt auch wieder andere, um die sich keine kümmert. Beide Handlungsweisen entbehren des genügenden Grundes. Der eine Mann ist eben so gut als der Andere, gerade so hübsch, so liebenswürdig, so ehrenwerth und reich. Und dennoch, für Nr. 1 werden sie durch Feuer und Wasser gehen, und nach Nr. 2 drehen sie noch nicht einmal den Kopf. Und weshalb? Sie wissen es selber nicht wie Mrs. Valeria soeben gesagt hat. Giebt es dafür einen vernünftigen Grund? Ich muß einmal darüber nachdenken, wenn ich Zeit und Laune habe.«
Dann blickte er mir wieder voll in’s Antlitz. »Ich bin noch immer im Dunkeln über Ihre Motive,« sagte er. »Ich weiß noch immer nicht weshalb Sie die entsetzliche Tragödie von Gleninch studiren wollen. Theure Mrs. Valeria, bitte nehmen Sie mich bei der Hand und führen Sie mich zum Licht. Sie sind mir doch nicht böse? Klären Sie mich auf, und ich will Ihnen diese Stickerei schenken wenn sie fertig ist. Ich bin nur ein armer Unglücklicher mit etwas seltsamen Ideen; aber ich thue Niemand etwas zu Leide.«
Er kaut wieder zu seiner kindischen Weise zurück, er nahm wieder sein unschuldiges Lachen an, mit den seltsamen Faltenbildungen in den äußeren Augenwinkeln. Ich nahm mir vor, im weiteren Verlaufe meines Besuches, gegen seine geistigen und körperlichen Unvollkommenheiten etwas nachsichtiger zu sein.
»Lassen Sie uns auf Gleninch zurückkommen,« sagte ich.
»Sie stimmen doch dahin mit mir überein daß Eustace an dem ihm zur Last gelegten Verbrechen unschuldig ist. Ihre Zeugenaussage bürgt mir dafür.«
Er blickte mir so voll und ernst ins Antlitz, wie er es bisher noch nie gethan.
»Das ist unsere Ansicht,« antwortete ich. »Aber es war nicht die Ansicht des Gerichtshofes. Das Verdict war: Nicht bewiesen. Mit einem Wort der Gerichtshof sah sich nicht veranlaßt meines Mannes Unschuld auszusprechen. Ist dem nicht so?«
Anstatt mir zu antworten steckte er die Stickerei schnell in den Korb zurück und rollte seinen Stuhl dicht neben den Meinen.
»Wer erzählte Ihnen das?« fragte er.
»Ich habe es selbst in einem Buche entdeckt.«
Bis jetzt hatte sein Antlitz nur große Aufmerksamkeit ausgedrückt. Jetzt schien es mir, als wenn seine Züge sich verdunkelten. Ich empfand ein schreckenvolles Unbehagen.
»Damen pflegen sonst kein Vergnügen an trockenen Rechtsfragen zu finden,« sagte er.
»Sie müssen also ein sehr wichtiges Motiv haben Ihre Studien auf diesem Felde zu machen.«
»Allerdings habe ich ein wichtiges Motiv, Mr. Dexter. Mein Gatte hat sich dem schottischen Verdict gefügt. Seine Mutter hat sich ebenfalls dem schottischen Verdict gefügt. Ich aber weigere mich, demselben beizustimmen.«
In dem Augenblick, als ich diese Worte gesprochen schien der Wahnsinn wieder im Ausbrechen zu sein. Er bog sich auf seinem Stuhl heraus, legte mir beide Hände auf die Schultern und seine wilden Augen starrten mich, nur wenige Zoll von meinem Gesicht entfernt an.
»Was wollen Sie damit sagen?« rief er mit gellender Stimme.
Eine tödtliche Furcht ergriff mich. Ich mußte meine volle Selbstbeherrschung anwenden, um in Wort und Blick ruhig zu bleiben.
»Nehmen Sie Ihre Hände fort, Sir,« sagte ich. »Und begeben Sie Sich auf Ihren Platz zurück.«
Er gehorchte mir mechanisch und entschuldigte sich auf dieselbe Weise. Seine Seele war augenscheinlich noch mit den vorhin von mir gesprochenen Worten und deren Deutung beschäftigt.
»Ich bitte demüthigst um Entschuldigung,« sagte er. »Der Gegenstand regt mich auf, er schreckt mich, und macht mich wahnsinnig. Sie glauben nicht welche Anstrengung es mich kostet ruhig zu bleiben. Aber fürchten Sie Sich nicht vor mir. Ich fühle mich schon elend genug, Sie beleidigt zu haben. Strafen Sie mich dafür. Nehmen Sie einen Stock und schlagen Sie mich. Rufen Sie Ariel, die so stark wie ein Pferd ist und befehlen Sie ihr, mich zu binden. Theuere Mrs. Valeria! Ich will jede Strafe von Ihnen erdulden, wenn Sie mir sagen wollen, in welcher Weise Sie Sich dem schottischen Verdict nicht zu unterwerfen gedenken.«
Er rollte seinen Stuhl zurück.
Bin ich nun weit genug fort?« fragte er. »Flöße ich Ihnen noch Furcht ein? Oder soll ich mich in meinem Stuhl verkriechen?«
»Verlieren Sie kein Wort mehr darüber. Ihre Entschuldigungen genügen mir,« sagte ich. »Wenn ich Ihnen erzähle, daß ich mich dem schottischen Verdict nicht unterwürfe, so meinte ich damit lediglich nur das, was meine Worte ausdrückten. Das Verdict hat einen Fleck auf dem Character meines Mannes zurückgelassen, einen Fleck, der ihm sein ganzes Leben verbittert. Weil er sich degradirt glaubt, hat er mich verlassen. Es genügt ihm nicht, daß ich von seiner Unschuld überzeugt bin. Nichts wird ihn zu mir zurückbringen als der Beweis seiner Unschuld, die das Publikum noch heute bezweifelt. Er, seine Freunde und seine Vertheidiger sind dabei verzweifelt jenen Unschuldsbeweis zu finden oder jemals finden zu können. Ich aber bin sein Weib. Und keine liebt ihn, wie ich ihn liebe. Ich allein bin nicht verzweifelt, und ich habe mein Leben daran gesetzt, meines Gatten Unschuld aufzudecken. Sie sind sein alter Freund, deshalb bin ich hergekommen, Sie um Ihren Beistand zu bitten.«
Jetzt schien es, als wenn ich ihn erschreckt hätte. Er erbleichte und fuhr sich mit der Hand ruhelos über die Stirn, als wenn er Erinnerungen aus seinem Kopfe entfernen wollte.
»Ist dies einer von meinen Träumen?« fragte er schwach. »Sind Sie eine meiner nächtlichen Visionen?«
Ich bin nur ein hilfloses Weib,« sagte ich, »welches all sein Glück verloren hat und es so gerne wiedergewinnen möchte.«
Er rollte seinen Stuhl wieder dichter zu mir heran. Auf einen Wink von meiner Hand ließ er ihn wieder rückwärts gehen. Wir sahen uns schweigend einige Minuten an. Seine Hände zitterten sein Antlitz wurde blasser und blasser, und die Unterlippe sank schlaff herab. Welche todten und längst begrabenen Erinnerungen mochte ich zu ihrem alten Schrecken wieder erweckt haben?
»Also Ihr Interesse besteht darin das Geheimniß von Mrs. Eustace Macallans Tode aufzuklären ?« fragte er.
»Ja.«
»Und Sie glauben, daß ich Ihnen dabei helfen könne?«
»Das thue ich.«
Er erhob langsam seine rechte Hand und streckte den Zeigefinger gegen mich aus.
»Sie haben Jemand in Verdacht,« sagte er.
Der Ton in welchem er sprach, war langsam und drohend, und warnte mich, auf meiner Hut zu sein. Wenn ich ihm aber, auf der anderen Seite, jetzt mein Vertrauen entzog, konnte ich leicht die Vortheile wieder verlieren, die ich mit so großer Mühe errungen.
»Sie haben Jemand in Verdacht,« wieder holte er.
»Vielleicht,« entgegnete ich.
»Meinen Sie schon eine bestimmte Person?«
»Nein.«
Er stieß einen schwachen langgezogenen Seufzer aus. War er enttäuscht? Oder fühlte er sich erleichtert? Wer konnte es wissen?
»Wollen Sie mich fünf Minuten entschuldigen?« fragte er mit gesenktem Kopf. »Sie wissen bereits, wie jene Erinnerungen mich erschüttern. Ich werde gleich wieder zu Ihrem Dienst sein.«
Mit diesen Worten geleitete er mich zu dem Vorzimmer, ließ mich die Schwelle desselben überschreiten, und schloß dann die Thüre zwischen uns.
Siebzehntes Capitel.
Im Licht
Eine kleine Pause war mir ebenso erwünscht wie Mr. Dexter. Ich mußte mich beruhigen für das Kommende sammeln.
Nach einiger Zeit öffnete die Thür sich wieder; die Stimme meines Wirthes rief mich in das innere Zimmer zurück.
»Willkommen!« sagte Miserrimus Dexter. »Ich habe mich jetzt wieder vollkommen erholt.«
Während meiner kurzen Abwesenheit war wiederum eine vollkommene Umgestaltung mit seinem äußeren Menschen vorgegangen. Seine Augen glänzten seine Wangen glühten unter dem Einfluß einer neuen Erregung. Selbst seine Kleidung hatte er einer Veränderung unterworfen. Er trug eine Mütze von weißem Papier; seine Manchetten waren aufgeschlagen, und eine saubere weiße Schürze lag über der Decke seines Stuhles. Er deutete lächelnd und schweigend mit der Grazie eines Tanzmeisters nach einem Sessel, von dem ich Besitz nehmen sollte.
»Ich bin jetzt ein Koch,« sagte er. »Ehe wir unsere schwierige Arbeit wieder aufnehmen, bedürfen wir beide der Erfrischung. Ich habe bereits etwas Wein getrunken; darf ich Ihnen auch ein Glas anbieten?«
Er füllte ein altes venetianisches Glas mit purpurner Flüssigkeit.
»Burgunder,« sagte er. »Der König der Weine. Und dieses ist der König des Burgunders Eles Vougeot. Ich trinke ans Ihren Gesundheit und ihr Glück!«
Er füllte einen zweiten Pokal für sich selbst und leerte ihn bis auf den Grund. Jetzt verstand ich den Glanz seiner Augen und die Röthe seiner Wangen. Ich trank ebenfalls etwas von dem Wein.
Und nun geschah etwas so Komisches und Wunderliches, daß ich es kaum erzählen kann. Er bat mich, ihn zu einem kleinen Nebenverschlage zu folgen, der einen vollständigen Kochapparat nebst Allem, was zu einer Küche gehört, enthielt, und dort bereitete er für sich und mich Trüffeln in Burgunder, während er zugleich Vorlesungen über die mangelnde Kochkunst der Frauen hielt, die nie einem einzigen Gegenstande ihre ungetheilte Aufmerksamkeit schenken könnten.
Ich mußte ihn gewähren lassen. Wie konnte ich anders? Wußte ich doch, daß ich nie etwas Bestimmtes über die Angelegenheit, die mich so vollkommen in Anspruch nahm, erfahren würde, wenn ich seinen Launen und Phantasten nicht freien Spielraum ließe.
Endlich war auch dieses Zwischenspiel vorüber. Ich nahm allen meinen Muth zusammen und fragte plötzlich:
»Mr. Dexter, haben Sie in neuester Zeit nichts von Mrs. Beanly gehört?« .
Die fröhliche Behaglichkeit, der er sich während des eigenthümlichen Mahles überlassen hatte, schwand von Dexters Antlitz und ging aus wie ein verlöschtes Licht.
»Kennen Sie Mrs. Beanly?« fragte er mit verändertem Ton.
»Nur aus der Lesung des Prozesses,« sagte ich.
»Sie müssen doch irgend ein Interesse für sie haben, sonst würden Sie Sich nicht nach ihr erkundigen,« sprach Mr. Dexter weiter. »Ist dies das Interesse eines Freundes oder eines Feindes?«
Ein Blick auf ihn schickte mir abermals eine Warnung, vorsichtig zu sein, ehe es zu spät wäre.
»Wenn ich Ihnen die Frage beantworten soll,« entgegnete ich, »muß ich abermals auf den Prozeß zurückkommen.«
»Nur zu!« sagte er mit einem grimmigen Ausdruck seines Humors. »Ich bin hier Ihrer Barmherzigkeit preisgegeben. Ich bin ein Märtyrer auf dem Holzstoß. Schüren Sie das Feuer!«
»Ich bin nur ein unwissendes Weib,« warf ich ein, »aber es scheint mir doch, als wenn in einem Theile des Prozesses ein vollständiger Irrthum enthalten sei.«
»Ein vollständiger Irrthum?« wiederholte er, indem er die Sache leicht zu nehmen versuchte. Aber ich konnte dennoch bemerken, daß meine Aeußerung auf ihn gewirkt, denn ich sah seine Hand zittern, als er sein Glas zum Munde führte.
»Ich bezweifele nicht, daß meines Gatten erste Frau ihn wirklich ersucht habe, das Arsenik zu kaufen,« fuhr ich fort.
»Ich bezweifele nicht, daß sie es als Mittel gegen ihren schlechten Teint gebraucht habe. Was ich jedoch nicht glaube, ist, daß sie an einer aus Versehen genommenen zu starken Dosis des Giftes starb.«
Er setzte sein Glas so heftig auf einen Nebentisch, daß der größere Theil des Weines überfloß. Für einen Augenblick begegneten seine Augen den Meinigen; dann sah er zu Boden.
»Wie glauben Sie denn, daß sie starb?« fragte er so leise, daß ich ihn kaum versichert konnte.«
»Durch die Hand eines Vergifters,« antwortete ich.
Er machte eine Bewegung, als wenn er aus dem Stuhl springen wollte, sank dann aber aus Mangel an Kraft zurück.
»Meinen Gatten meine ich nicht,« beeilte ich mich hinzuzufügen. »Sie wissen ja, daß ich von seiner Unschuld überzeugt bin.«
Ich sah ihn zittern. Er mußte sich mit beiden Händen an den Stuhl halten.
»Wer vergiftete sie denn?« fragte er in seinem Stuhl zurückgelehnt.
In diesem kritischen Moment verließ mich mein Muth. Ich fürchtete mich, ihm zu sagen wen ich beargwöhnte.
»Wissen Sie es nicht?« fragte ich.
Es entstand eine Pause. Plötzlich fuhr er in seinem Stuhl empor. Seine Augen bekamen ihren alten Glanz, die Röthe kehrte auf seine Wangen zurück. Hatte er über das Interesse nachgedacht, das ich für Mrs. Beanly hegte? Und hatte er gerathen? Er hatte es!
»Antworten Sie auf Ihr Ehrenwort,« rief er. »Versuchen Sie nicht, mich zu hintergehen!«
Meinen Sie ein Weib?«
»Ja.«
»Welches ist der erste Buchstabe ihres Namens?«
»B.«
»Beanly?«
»Beanly!«
Er hielt beide Hände empor und brach in ein convulsivisches Lachen aus.
»Ich habe lange genug gelebt,« rief er wild. »Endlich habe ich doch Jemand entdeckt, der ebenso klar in der Sache sieht, wie ich. Sie grausame Mrs. Valeria! Weshalb haben Sie das nicht gleich gesagt?«
»Wie!« äußerte ich, auf seine Erregung eingehend. »Ihre Ideen sind also auch meine Ideen? Wäre es möglich, daß Sie ebenfalls Mrs. Beanly beargwöhnen?«
»Beargwöhnen?« wiederholte er mit Verachtung. »Da bleibt ja nicht ein Schatten von Zweifel übrig. Mrs. Beanly hat Mrs. Macallan vergiftet.«
Dritter Theil
Erstes Capitel.
Die Anklage der Mrs. Beanly
Ich sprang auf meine Füße und blickte Dexter an. Ich war zu erregt, um sprechen zu können. Meine äußersten Erwartungen waren nicht auf diesen Ton der Ueberzeugung vorbereitet gewesen, in dem er gesprochen hatte.
»Setzen Sie Sich wieder,« sagte er ruhig. »Worüber denn erschrecken? In diesem Zimmer kann uns Niemand hören.«
»Haben Sie denn keinem Anderen gesagt, was Sie mir soeben mittheilten?« fragte ich nach einer längeren Pause.
»Niemals. Weil Niemand sie beargwöhnte.«
»Selbst nicht die Richter?«
»Selbst nicht die Richter. Es besteht weiter kein legales Zeugniß gegen Mrs. Beanly.«
»Wenn Sie Richter gewesen wären, würden Sie wohl die Schuldige überführt haben?«
Er lachte über die Idee.
»Sehen Sie mich an,« sagte er. »Wie kann ein Mann Jemand überführen, der an seinen Stuhl gefesselt ist? Außerdem lagen noch andere Hindernisse auf meinem Wege. Ich bin ein vorsichtiger Mann, obgleich Sie es nicht bemerkt haben werden. Dennoch konnte ich meinen angemessenen Haß gegen Mrs. Beanly nicht ganz verbergen. Wenn Augen Geheimnisse erzählen können, muß sie in meinen Blicken gelesen haben, daß ich danach hungerte und dürstete, sie am Galgen zu sehen. Mrs. Borgia-Beanly war aber ans ihrer Hut gegen mich. Ich bin nicht im Stande ihre List zu beschreiben. Sie übersteigt das Maß alles Glaubhaften. Wenn Sie noch jemals überführt werden sollte, wird es nicht durch einen Mann geschehen, sondern durch ein Weib, dessen sie sich nicht versah.«
»Sagen Sie doch gleich, durch ein Weib, wie ich es bin,« sagte ich. »Ich bin bereit, den Versuch zu wagen.«
Seine Augen glänzten, seine Zähne wurden unter dem Schnurrbart sichtbar. Er trommelte stolz mit beiden Händen auf die Lehnen seines Stuhles.
»Wollten Sie das wirklich?« fragte er.
»Wenn Sie mir beistehen,« antwortete ich. »Erleuchten Sie mich mit Ihrer moralischen Gewißheit, und Sie werden sehen!«
»Ich will es thun!« sagte er. »Beantworten Sie mir nur vorher noch eine Frage. Wie kamen Sie darauf, sie zu beargwöhnen?«
Ich erzählte ihm, was ich aus dem Prozeß wußte, und legte einen Hanptaccent auf die Situation, wo Mrs. Beanly gerade um die Zeit vermißt wird, in welcher Christina Ormsay Mrs Eustace Macallan allein gelassen hat.
»Sie haben es getroffen!« rief Mr. Dexter. »Sie sind ein wundervolles Weib! Was that sie an jenem Morgen, an welchem Mrs. Eustace Macallan vergiftet wurde, und wo war sie während der Nacht?«
»Ich kann Ihnen sagen, wo sie nicht war. Sie war nicht in ihrem Zimmer.«
»Nicht in ihrem Zimmer?« wiederholte ich. »Sind Sie dessen ganz gewiß?«
»Wenn ich von Mrs. Beanly spreche, bin ich jedes Wortes gewiß. Beherzigen Sie das, und nun hören Sie zu. Dies ist ein Drama, und ich excellire in der dramatischen Erzählung. Sie werden Sich selbst davon überzeugen. Datum, der 20 October. Scene, der Korridor, genannt »der Korridor der Gäste,« in Gleninch. Auf einer Seite eine Reihe Fenster auf den Garten blickend. Auf der anderen Seite eine Reihe von vier Schlafzimmern, mit daran stoßenden Ankleide-Kabinets. Erstes Schlafzimmer (von der Treppe anfangend) von Mrs. Beanly bewohnt. Zweites Schlafzimmer leer. Drittes Schlafzimmer von Miserrimus Dexter bewohnt. Viertes Schlafzimmer leer. Das ist die Bühne. Nun kommt die Zeit: 11 Uhr Abends. Mr. Dexter liegt in seinem Schlafzimmer und liest. Mr. Eustace Macallan tritt zu ihm ein und redet ihn folgendermaßen an: »Mein lieber Junge, sei heute recht still und fahre nicht so viel mit Deinem Stuhl spazieren.« Dexter fragt: »Weshalb?« Eustace antwortet: »Mrs. Beanly hat mit einigen Freundinnen in Edinburgh dinirt und ist sehr angegriffen zurückgekommen. Sie hat sich auf ihr Zimmer begeben, um zu ruhen.« Dexter thut noch eine Frage: »Wie sieht denn Mrs. Beanly aus, wenn sie sehr angegriffen ist? So schön wie immer?« Antwort: »Ich weiß es nicht, ich habe sie nicht gesehen; sie ging auf ihr Zimmer, ohne mit Jemand gesprochen zu haben.« Dritte Frage des Mr. Dexter: »Wenn sie zu Niemand gesprochen hat, wie kannst Du wissen, daß sie sehr angegriffen war?« Eustace giebt mir ein Stückchen Papier und antworten »Sei doch nicht närrisch! Ich fand dieses auf dem Flurtisch. Und nun verhalte Dich ruhig und schlafe wohl!« Eustace geht. Dexter nimmt das Papier und liest folgendes mit Bleistift Geschriebene: »Eben zurückgekehrt. Vergehen Sie mir, daß ich zu Bett gehe, ohne Ihnen Gute Nacht gesagt zu haben. Ich bin todtmüde. Helena.« Dexter, von Natur argwöhnisch, beargwöhnt Mrs. Beanly. Die Gründe gehören nicht hierher. Er überlegt sich die Sache folgendermaßen: Ein todtmüdes Weib würde sich nicht die Mühe gegeben haben, noch mehrere Zeilen zu schreiben, sondern sie hätte den weit bequemeren Weg gewählt, an die Thüre zu klopfen und mündlich Gute Nacht zu sagen. Dahinter muß etwas stecken. Gut. Dexter denkt eine Nacht über den Vorfall nach. Mitten in seinen Betrachtungen öffnet er seine Thür, rollt sich leise sich den Corridor, schließt die beiden Thüren der leeren Zimmer auf und kehrt mit den Schlüsseln in der Tasche in sein eigenes Gemach zurück. »Nun!« sagt Dexter zu sich selbst, »jetzt habe ich die Sache. Wenn ich mitten in der Nacht leise eine Thüre öffnen höre, dann ist es natürlich die Thüre der Mrs. Beanly.« Nachdem er also gedacht, schließt er U seine eigene Thür, welche ihm eine kleine Spalte bietet, um hindurch sehen zu können. Das thut er denn auch, nachdem er sein Licht gelöscht. Der Corridor ist der einzige Ort, den er zu sehen wünscht. Das wird durch eine Lampe erleichtert, welche dort die ganze Nacht brennt. Es schlägt Zwölf. Die Hausthür wird geschlossen und Nichts geschieht schlägt halb Eins; noch Alles still. Das Haus ist ruhig wie das Grab. Ein Uhr, Zwei Uhr, dasselbe Schweigen. Halb Drei; – endlich geschieht etwas. Dexter hört ganz nahebei auf dem Corridor ein Geräusch. Es ist der Ton einer sich leise öffnenden Thür, und diese Thüre kann nur die der Mrs. Beanly sein. Dexter läßt sich von seinem Stuhl auf die Hände nieder, legt sich platt auf die Erde und horcht. Er hört die Thüre wieder schließen und sieht etwas Schwarzes sich an ihm vorbei bewegen. Er drückt seine eigene Thür, die er nur herangezogen, auf, steckt den Kopf leise hinaus und wirft einen Blick auf den Corridor, wo Niemand ihn vermuthet. Und was sieht er? Mrs. Beanly! Dort geht sie mit dem langen braunen Mantel um die Schultern, welchen sie zu tragen pflegt, wenn sie ausfährt. Im nächsten Augenblick verschwindet sie wieder hinter dem vierten Schlafzimmer und biegt scharf um eine Ecke nach dem sogenannten südlichen Corridor hin. Welche Zimmer liegen an dem südlichen Corridor? Es sind deren drei. Das erste, ein kleines Studierzimmer, das bereits in der Zeugenaussage der Wärterin erwähnt wurde. Zweites Zimmer, Mrs. Macallans Schlafgemach. Drittes Zimmer, das Schlafgemach ihres Gatten. Was hat die todtmüde Mrs Beanly um halb drei des Morgens in diesem Theile des Hauses zu thun? Dexter, um dies zu erfahren, setzt seine Entdeckungsreise fort. Er kriecht ihr auf den Händen leise nach.«
»Bitte, fahren Sie fort,« sagte ich, als Mr. Dexter eine Pause machte.
»Ich bin ebenso geschickt im autobiographischen Styl als im dramatischen,« entgegnete Miserrimus. »Wollen wir einmal der Veränderung halber den autobiographischen versuchen?«
»Wie Sie wollen,« entgegnete ich, »nur fahren Sie fort.«
»Zweiter Theil. Autobiographischer Styl,« kündigte er an. »Ich kroch also auf den Händen den Corridor der Gäste entlang und kam in den südlichen Corridor. An dem kleinen Sudirzimmer hielt ich an. Die Thür stand offen, Niemand darin. Ich begab mich an die zweite, Thür, welche zu Mrs. Macallans Schlafzimmer führt. Verschlossen! Ich sah durch das Schlüsselloch. War da etwas auf der anderen Seite vorgegangen? Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, daß ich nichts sehen konnte, als absolute Finsterniß. Ich horchte. Nichts zu hören! Absolute Finsterniß, absolutes Schweigen in Mrs. Macallans Schlafkammer. Ich kroch weiter zu ihres Gatten Schlafzimmer. Ich hatte die allerschlechteste Meinung von Mrs. Beanly, ich würde nicht im Mindesten erstaunt darüber gewesen sein, hätte ich sie in Eustaces Schlafzimmer entdeckt. Ich sah durch das Schlüsselloch. Hier war der Schlüssel entweder abgezogen oder günstig für mich gedreht. Eustaces Bett stand der Thür gegenüber. Keine Entdeckung. Ich sah ihn, und zwar ganz allein, im unschuldigen Schlaf. Ich dachte ein wenig nach. Die Hintertreppe war am Ende des Corridors auf der anderen Seite. Ich glitt die Stufen hinab und blickte mich, bei dem Schein der Nachtlampe, vorsichtig auf dem unteren Flur um. Die Thüren waren Alle fest verschlossen, und die Schlüssel steckten, zu meiner Disposition, von außen in den Schlössern. Die Hausthür verschlossen und verriegelt. Die Thüre zum Gesindezimmer verschlossen und verriegelt. Ich kroch in mein eigenes Zimmer zurück. Wo konnte sie sein? Jedenfalls doch irgendwo im Hause. Aber wo? Sie konnte sich nur in Mrs. Macallans Zimmer befinden, dem einzigen, das sich meiner Untersuchung entzogen hatte. Hierzu füge man den Umstand, daß der Schlüssel zum Studirzimmer, welches mit dem Schlafgemach der Mrs. Macallan in Verbindung stand, nach der Zeugenaussage der Wärterin fehlte, und außerdem sei nicht vergessen, daß es Mrs. Beanlys sehnlichster Wunsch war, Eustace Macallans glückliche Frau zu werden. Diese Dinge erwägend und auf fernere Ereignisse wartend saß ich wieder auf meinem Stuhl in meinem Zimmer. Gegen 4 Uhr Morgens schlief ich, trotz meiner Versuche, mich wach zu erhalten, ein. Aber nicht für lange. Ich schreckte aus dem kurzen Schlummer empor und sah nach der Uhr. 25 Minuten nach 4. War sie während meines Schlafes in ihr Zimmer zurückgekehrt? Ich kroch an ihre Thür und horchte. Kein Laut. Ich öffnete die Thür. Das Zimmer war leer. Ich kehrte in mein eigenes Zimmer zurück, um zu wachen und zu warten. Es ward mir schwer die Augen offen zu halten. Ich öffnete das Fenster, um die frische Luft einströmen zu lassen. Es begann ein harter Kampf zwischen der erschöpften Natur und meinem Willen. Die erschöpfte Natur gewann die Oberhand. Ich schlief abermals ein. Diesmal war es 8 Uhr Morgens, als ich erwachte. Ich hörte weibliche Stimmen unter meinem offenen Fenster. Ich sah vorsichtig hinaus Mrs. Beanly und ihr Mädchen in vertraulicher Unterhaltung. Mrs Beanly und ihr Mädchen blickten sich argwöhnisch um, ob sie auch nicht belauscht würden. »Sehen Sie Sich vor, Madame,« hörte ich das Mädchen sagen, »das scheußliche Ungethüm ist schlau wie ein Fuchs.« Mrs. Beanly antwortete: »Geh’ Du zuerst und blicke vorsichtig um Dich, ich werde Dir folgen und aufpassen, daß uns Niemand folgt.« Mit diesen Worten verschwanden beide um die Ecke des Hauses. Fünf Minuten weiter hörte ich Mrs. Beanlys Thür leise öffnen und wieder schließen. Drei Stunden später begegnete ihr die Wärterin auf dem Flur, ganz unschuldig nach Mrs. Macallans Befinden fragend. Was denken Sie hiervon? Was konnten Mrs. Beanly und ihr Mädchen sich zu sagen haben, das sie im Innern des Hauses nicht auszusprechen wagten? Was sagen Sie zu meinen Entdeckungen an dem nämlichen Morgen, da Mrs. Macallan von Mörderhand vergiftet wurde? Leitet sich nun Ihr Verdacht auf eine bestimmte Person? Und ist der wahnsinnige Mr. Dexter Ihnen ein wenig nützlich gewesen?«
Ich war zu heftig erregt, um antworten zu können. Endlich war mir der Weg zur Feststellung von meines Gatten Unschuld gebahnt.
»Wo ist sie?« rief ich. »Und wo ist die Dienerin, die ihre Vertraute war?«
»Das weiß ich nicht« sagte Mr. Dexter.
»Wo kann ich mich erkundigen?«
Er dachte ein wenig nach.
»Es giebt einen Mann, der Ihnen das sagen, oder der Sie wenigstens auf die Spur bringen könnte,« antwortete er.
»Wo ist er? Wie heißt er?«
»Er ist ein Freund von Eustace. Major Fitz-David.«
»Ich kenne ihn. Ich esse nächste Woche bei ihm. Sie sind auch eingeladen.«
Miserrimus Dexter lachte verächtlich.
Major Fitz-David mag den Damen genügen,« sagte er, »die Ladies betrachten ihn als eine Art großen Schooßhund. Ich dinire nicht mit Schooßhunden. Ich habe abgelehnt Sie müssen hingehen. Er, oder eine von den Damen möchte Ihnen von Nutzen sein. Wer sind die anderen Gäste?«
»Eine französische Dame, deren Name ich vergessen habe, und Lady Clarinda.«
»Schön! Sie ist eine Freundin von Mrs. Beanly. Sie wird ihren Aufenthalt kennen. So wie Sie ihn wissen, kommen Sie zu mir. Vergewissern Sie Sich auch, wo das Mädchen ist. Wenn die plaudert haben, wir Mrs. Beanly in der Falle. Und wir vernichten sie!« sagte er, mit der Hand wie ein Blitz durch die Luft fahrend. »Doch beinahe hätte ich bei dem Mädchen die Hauptsache vergessen; haben Sie Geld?«
»Viel Geld!«
»Dann ist das Mädchen unser!« rief er freudig.
»Noch eine andere Frage. Wie denken Sie über Ihren Namen? Wenn Sie in Ihrer wahren Gestalt zu Mrs. Beanly kommen, so werden Sie empfangen werden, wie eine verhaßte Nebenbuhlerin, die sie verdrängt.«
Meine lange zurückgehaltene Eifersucht auf Mrs Beanly schlug jetzt in hellen Flammen empor. Ich konnte nicht länger widerstehen; ich müßte ihn fragen, ob mein Gatte sie geliebt.
»Sagen Sie mir die Wahrheit« rief ich.
»Liebte Eustace —?«
Dexter brach in ein malitiöses Lachen aus.
»Ja,« sagte er, »Eustace liebte sie wirklich. Darüber kann kein Zweifel obwalten. Sie hatte, jeden Grund zu glauben, daß sie nach Mrs. Macallans Tode deren Stelle einnehmen werde. Der Prozeß macht aber aus Eustace einen anderen Menschen. Mrs. Beanly war Zeugin seiner öffentlichen Entwürdigung gewesen. Das verhinderte ihn, sie zu heirathen. Er brach mit ihr für immer, wahrscheinlich aus demselben Grunde, der ihn veranlaßte sich von Ihnen zu trennen. Sie wollten die Wahrheit wissen. Ich habe sie Ihnen gesagt. Sie haben Ursachen, gegen Mrs. Beanly vorsichtig nicht eifersüchtig zu sein. Nahen Sie Sich ihr also unter falschem Namen.«
»Ich werde mich bei dem Diner Mrs. Woodville nennen, das ist der Name, unter dem Eustace mich geheirathet.«
»Sehr gut!« rief er.
»Ich wünschte, ich könnte dabei sein, wenn Lady Clarinda Sie Mrs. Beanly vorstellt. Bedenken Sie die Situation. Drei Frauen! Die eine verbirgt ein frevelhaftes Geheimniß in ihrem Herzen die Zweite weiß darum, und die Dritte will es an den Tag bringen. Welch schöner Novellenstoff! Ich bin im Fieber, wenn ich daran denke. Aber fürchten Sie Sich nicht!« rief er, mit dem wilden Aufleuchten seiner Augen »Mein Gehirn beginnt schon wieder zu sieden. Ich muß zu körperlicher Uebung meine Zuflucht nehmen. Ich muß mir ein Ventil öffnen, sonst explodire ich vor Ihren Augen.«
Der alte Wahnsinn hatte ihn wieder ergriffen. Ich ging in’s Vorzimmer, um mir nöthigenfalls den Rückzug zu sichern; dann blickte ich nach ihm hin.
Er flog wieder, halb Mensch halb Stuhl wie ein Wirbelwind im Zimmer umher. Selbst die Heftigkeit dieser Bewegung schien ihm diesmal nicht genug. Er sprang aus dem Stuhl auf seine Hände und blickte um sich wie ein riesenhafter Frosch. Nach dem anderen Ende des Zimmers hüpfend, warf er unterwegs alle Stühle um, dann stieß er einen Triumphschrei aus und sprang auf seinen Händen über die umgeworfenen Stühle.
»Nicht wahr, für einen Menschen ohne Beine bin ich geschickt genug, Mrs Valeria?« sagte er. »Lassen Sie uns noch eine Flasche Burgunder trinken, auf daß Mrs. Beanly an den Galgen komme!«
»Sie vergessen« sagte ich, »daß ich sofort zum Major muß. Wenn ich ihn nicht bei Zeiten warne, möchte er zu Lady Clarinda meines wirklichen Namens Erwähnung thun.«
Schnelle, gewaltsame Ideen waren es gerade, welche von Dexter geliebt wurden. Er blies wüthend in das kleine Instrument welches Ariel rufen sollte und tanzte dann in vollem Entzücken auf seinen Händen umher.
»Ariel soll Ihnen ein Cab besorgen!« rief er. »Fahren Sie im Galopp zum Major. Sie dürfen keinen Augenblick mehr verlieren. O, was für ein Tag ist dies gewesen. Welche Wohlthat war es mir, mein Geheimniß in Ihre Brust gegossen zu haben. Ich ersticke beinahe vor Glückseligkeit!«
Während er sprach, überschritt ich die Schwelle. Als ich durch das Vorzimmer ging, veränderte er sich abermals. Ich hörte sein gellendes Geschrei, ich hörte das dumpfe Geräusch seines Hüpfens auf den Dielen. Unten auf dem Flur fand ich Ariel bereits vor.
Als ich mich ihr näherte war ich im Begriff, mir die Handschuhe anzuziehen. Sie verhinderte mich daran, indem sie meinen rechten Arm faßte und meine Hand gegen ihr Gesicht erhob. Wollte sie sie küssen, oder sie beißen? Keines von Beiden Sie beroch dieselbe wie ein Hund und ließ sie dann mit heiserem Lachen wieder fallen. »Sie riechen nicht nach seinen Parfüms,« sagte sie. »Sie haben seinen Bart nicht berührt. Jetzt glaube ich Ihnen. Ein Cab gefällig?«
»Dank’ Ihnen. Ich werde gehen, bis ich einem Cab begegne.«
Ariel hielt mich noch durch eine Bewegung zurück.
»Es ist mir doch lieb, daß ich Sie nicht in den Canal geworfen habe,« sagte sie.
Dann gab mir das weibliche Ungethüm einen freundlichen Klaps auf die Schulter, der mich beinahe umgeworfen hätte, und öffnete mir die Gartenthüre.
Dann hörte ich noch eine Weile ihr heiseres Lachen. Mein guter Stern war aber entschieden im Steigen. An ein und demselben Tage hatte ich Ariels Vertrauen und das ihres Herrn erworben.
Zweites Capitel.
Die Vertheidigung von Mrs. Beanly
Die Tage, welche dem Diner des Major Fitz-David vorangingen, waren mir sehr kostbar.
Meine lange Unterhaltung mit Miserrimus Dexter hatte mich doch mehr angegriffen, als ich anfangs geglaubt. Erst mehrere Stunden, nachdem ich ihn verlassen, fühlte ich, wie nervös mich die Zusammenkunft gemacht. Beim geringsten Geräusch fuhr ich erschreckt empor; bei der kleinsten Gemüthsbewegung brach ich in Thränen aus. Absolute Ruhe war das was ich brauchte, und glücklicherweise konnte ich mir diese gewähren. Ich hielt es für selbstverständlich, daß ich meinem alten Freunde Benjamin nicht eher von meinem Besuch bei Mr. Dexter erzählte, als bis ich mich vollständig erholt haben würde. Ich empfing keine Besuche Mrs. Macallan kam zu mir, und Major Fitz-David machte mir seine Aufwartung, die Eine, um zu hören, was zwischen mir und Miserrimus vorgefallen, der Andere, um mich mit Stadtneuigkeiten zu unterhalten, ohne daß Einer von Beiden vorgelassen wurde. Benjamin nahm es auf sich, mich zu entschuldigen. Nachmittag nahmen wir einen offenen Wagen und machten eine erfrischende Spazierfahrt. Die folgenden Tage brachten wir damit zu, Domino zu spielen oder von alten Zeiten zu plaudern. Als der Tag des Diners herankam, hatte ich mich wieder vollkommen erholt und war begierig, Lady Clarinda vorgestellt zu werden.
Benjamin sah etwas betrübt aus, als wir zum Major Fug-David fuhren.
Die Erinnerung, welche mir von den Personen und Ereignissen des Diners geblieben, ist ziemlich unklar. Ich entsinne mich nur, daß wir sehr lustig waren, als wenn wir schon lange alte Freunde gewesen. Ich entsinne mich, daß Madame Mirliflore in ihrer prachtvollen Toilette und in der Art und Weise, wie sie dem splendiden Diner des Majors Gerechtigkeit widerfahren ließ, hoch über allen andern stand. Ich erinnere mich des Majors junger Primadonna, deren Anzug noch extravaganter, deren Stimme noch schärfer geworden war. Ich erinnere mich des Majors selbst, der fortwährend unsere Hände küßte, fortwährend schöne Redensarten sagte und von Anfang bis zu Ende den alternden Don Juan spielte. Ich erinnere mich, daß der alte Benjamin vollständig aus dem Häuschen kam, sich vor Madame Mirliflore fürchtete, vor Lady Clarinda schämte, dem Major Unterwürfigkeit zeigte, beim Gesang der Primadonna Zahnschmerzen bekam und sich von ganzem Herzen nach Hause sehnte. Am deutlichsten steht Lady Clarinda vor mir. Ich entsinne mich jedes Wortes, das ich mit ihr gesprochen, als wenn es gestern gewesen wäre.
Ich sehe ihre Kleidung, ich höre ihre Worte Sie trug einfachen weißen Mousselin über weißem Atlas, ohne irgend welchen Besatz oder sonstige Verzierungen. Ein kleines weißes Band, vorn durch eine Diamant-Broche zusammengehalten. Sie war außergewöhnlich schön, dennoch hatte ihre Schönheit etwas von dem harten und eckigen Character, dem man so oft in der englischen Aristokratie begegnet, die Nase zu dünn, das Kinn zu vorstehend und zu scharf geschnitten, die hübschen großen grauen Augen voll Geist und Würde, jedoch der Sanftmuth und Zärtlichkeit entbehrend. Ihr Benehmen athmete den ganzen Reiz, welchen feine Erziehung mit sich bringt und dabei die leichte Unbefangenheit, welche das Gespräch mit ihr so angenehm und flüssig machte. Sie gab ein Bild einer vornehmen Frau, die vollkommen frei von Stolz und Aufgeblasenheit ist.
Wir unterhielten uns vortrefflich miteinander. Verabredeter Maßen war ich ihr als Mrs. Woodville vorgestellt. Noch ehe das Diner vorüber war, hatten wir einander versprochen, uns besuchen zu wollen.
Es fehlte mir nur noch die Gelegenheit, das Gespräch auf Mrs. Beanly zu bringen.
Spät Abends kam diese Gelegenheit.
Nach dem Gesang der Primadonna hatten wir uns in ein kleines Hinterzimmer zurückgezogen. Wir saßen nebeneinander, beide ganz allein in dem Gemach, ungehört und ungesehen von der Gruppe, die sich um das Piano gesammelt hatte. Zu meinem unaussprechlichen Vergnügen brachte Lady Clarinda das Gespräch auf Miserrimus Dexter. Dann ging die Unterhaltung ebenso natürlich auf Mrs. Beanly über.
Welche Belohnung wurde mir endlich zu Theil! Während ich jetzt an meinem Pult sitze, und schreibe, sinkt mir das Herz in der Brust, wie es mir an jenem nie vergessenen Abende sank. —
»Also sprach Dexter wirklich zu Ihnen von Mrs. Beanly?« rief Lady Clarinda. »Sie glauben nicht, wie Sie mich dadurch in Erstaunen setzen.«
»Darf ich fragen warum?«
»Er haßt sie! Als ich ihn das Letzte mal sah, wollte er mir nicht erlauben, ihren Namen auszusprechen. Es gehört dies zu seinen zahllosen Seltsamkeiten. Und doch sind sie beinahe für einander geschaffen, denn wenn Mrs. Beanly in Extase geräth, sagt und thut sie Dinge, deren Dexter in ähnlichem Zustande sich nicht zu schämen hätte. Ich bin neugierig, ob sie Ihnen gefallen wird.«
»Sie sind so gut gewesen, mich einzuladen, Sie zu besuchen, Lady Clarinda. Vielleicht habe ich das Vergnügen, Mrs Beanly in Ihrem Hause zu begegnen.«
Lady Clarinda lachte, als ob sie diese Idee amüsirte.
»Ich hoffe, daß Sie nicht warten werden, bis der Zufall es so fügt,« sagte sie. »Helena’s letzte Laune besteht darin, sich einzubilden, daß sie die Gicht hat. Sie hat sich nach einem böhmischen oder ungarischen Bade begeben, dessen Namen ich vergessen. Und was sie nachher beginnen wird, ist ganz unmöglich vorher zu sagen. Liebe Mrs. Woodville! Ist es Ihnen hier zu warm? Sie sind ganz bleich geworden.«
Ich hatte das selbst gefühlt. Die Abwesenheit der Mrs. Beanly hatte mir einen Schlag gegeben.
»Wollen wir in das andere Zimmer gehen?« « fragte Lady Clarinda.
In das andere Zimmer gehen hieß der Unterhaltung ein Ende machen. Dahin durfte ich es nicht kommen lassen. Es war ja immerhin noch möglich, daß Mrs. Beanlys Mädchen nicht mit nach Ungarn gegangen sei, oder den Dienst ihrer Herrin bereits verlassen habe. Das mußte ich jedenfalls noch in Erfahrung bringen. Ich rückte meinen Stuhl etwas vom Feuer ab und nahm einen Handschirm vom Tisch. Wenn noch mehr dergleichen Nachrichten kamen, war es besser, wenn ich mein Gesicht maskiren konnte.
»Ich danke Ihnen, Lady Clarinda. Mir war allerdings etwas heiß. Sie setzen mich wegen Mrs. Beanly in Erstaunen. Nach dem, was Mr. Dexter mir sagte –«
»Oh, Mr. Dexter müssen Sie durchaus keinen Glauben schenken,« unterbrach mich Lady Clarinda. »Er liebt es, seine Hörer zu mystificiren und hat auch Sie ohne allen Zweifel irre geführt. Wenn alles, was ich vernommen, wahr ist, muß er mit Helena’s Seltsamkeiten und Capricen vertrauter gewesen sein, als die meisten Anderen ihrer Bekannten Beispielsweise belauschte er sie einst auf einem ihrer Abenteuer in Schottland, das mich lebhaft an Auber’s reizende Oper . . . Gott, wie heißt sie doch? . . . erinnert. Ich glaube, ich werde nächstens noch meinen eigenen Namen vergessen. Ich meine die Oper, in der die beiden Nonnen aus dem Kloster entwischen, um auf den Ball zu gehen. Hören Sie doch! – Ist das nicht seltsam? – Indem Augenblick, wo wir darüber sprechen, singt das gewöhnlich aussehende Mädchen die Castagnetten-Arie aus dem zweiten Akt. Major! – Bitte, sagen Sie mir doch . . . aus welcher Oper ist das Lied!«
Der Major war höchst mißgestimmt über die Unterbrechung.
»Pst! Pst! meine schöne Lady!« flüsterte er auf den Zehenspitzen in das Hinterzimmer tretend. »Aus dem »schwarzen Domino.« – Dann schlich er auf den Fußspitzen wieder zurück.
Ich hatte es ebenfalls gewußt, aber nicht die Kraft zum Sprechen gehabt. Wenn, wie ich vermuthete, das von Lady Clarinda erwähnte Abenteuer der Mrs. Beanly mit den geheimnißvollen Vorgängen am Morgen des 21. October zusammenhing, befand ich mich allerdings auf der Schwelle der wichtigen Entdeckung, der ich jede Stunde meines Lebens geweiht. Ich maskirte mit dem Handschirm mein Antlitz und sagte dann in dem ruhigsten Ton, dessen ich Herrin zu werden vermochte:
»Bitte, erzählen Sie mir doch das Abenteuer.«
Lady Clarinda fühlte sich geschmeichelt durch, mein eifriges Verlangen, die Geschichte hören zu wollen.
»Ich hoffe, daß meine kleine Erzählung sich des Interesses werth zeigen wird, das Sie die Güte haben, ihr zuzuwenden,« sagte sie. »Wenn Sie Helena doch kennten; es sieht ihr so ähnlich. – Sie müssen nämlich wissen, daß ich die Geschichte von ihrem eigenen Mädchen habe. Sie hat ein neues Mädchen mit nach Ungarn genommen, das fremde Sprachen spricht; die alte Dienerin wurde mir unterdessen anvertraut. Ein förmlicher Schatz! Ich würde sehr glücklich sein, sie in meinem Dienst behalten zu können, wenn sie nicht einen Fehler hätte . . nur einen einzigen, sie heißt nämlich Phöbe. Doch nun zur Sache! Helena und Phöbe hielten sich nämlich in einem Landhause bei Edinburgh auf, das, wenn ich mich recht entsinne, Gleninch hieß. Die Besitzung gehörte jenem Mr. Macallan, der später angeklagt wurde, seine Frau vergiftet zu haben. . . Sie erinnern Sich vielleicht des scandalösen Vorfalls. – Doch fürchten Sie Sich nicht, meine Erzählung wird nichts damit zu thun haben; sie beschäftigt sich nur mit Helena Beanly. Eines Abends also, und zwar während ihres Aufenthalts in Gleninch, wurde sie von einigen englischen Freunden aufgefordert mit ihnen zu diniren. An demselben Abend fand in Edinburgh ein Maskenball statt. Den Namen des Wirthes habe ich aber wieder vergessen. Wenn dies Ereigniß in dem strengsittlichen Schottland überhaupt schon verpönt war, so wurde es noch mehr in den Augen des Publikums, weil es eine ziemlich bunt zusammengewürfelte Gesellschaft sein sollte. Damen von zweifelhaftem Ruf, und Gentleman, die ganz damit zufrieden waren. Helena’s Freunde hatten trotzdem nicht der Versuchung widerstehen können, sich Einlaßkarten zu verschaffen und vertrauten dann dem Schutz ihrer Masken. Helena war natürlich auch zur Theilnahme aufgeforden worden, und da grade eine wilde Laune über sie kam, nahm sie sich vor, derselben Folge zu leisten. Es kam ja nur darauf an, das Abenteuer in Gleninch nicht bekannt werden zu lassen, da Mr. Macallan ein äußerst strenger Sittenrichter war und die Ansicht ausgesprochen hatte, daß jede Lady, die einen solchen Ball besuchte, ihres guten Rufes verlustig ginge. Helena fädelte die Sache aber ganz geschickt ein. Sie fuhr von Gleninch zum Diner nach Edinburgh, nachdem sie Phöbe bereits dahin vorausgesandt. Als das Essen vorüber und es Zeit war, wieder nach Hause zu fahren, setzte sie ihr Mädchen in die Kutsche und ließ es, statt ihrer, nach Gleninch zurückkehren. Die Täuschung konnte dadurch ermöglicht werden, daß Phöbe Mantel, Hut und Schleier ihrer Herrin anlegte. Das Mädchen wurde dahin instruirt, daß es gleich nach seiner Ankunft die Treppe hinauflaufen solle, nachdem als Entschuldigung, einen von Helena selbst geschriebenen Zettel auf den Flurtisch gelegt habe. Herrin und Dienerin waren von gleicher Größe, so daß das Gesinde in Gleninch leicht getäuscht wurde. Phöbe gelangte unangefochten in das Zimmer der Mrs. Beanly. Hier hatte sie die Weisung zu warten, bis das Hans zur Ruhe gegangen sei, und dann sich zu ihrem eigenen Zimmer hinabzuschleichen. Während des Wartens schlief das Mädchen jedoch ein und wachte erst um zwei Uhr morgens oder noch später wieder auf. Schnell ging sie auf den Fußspitzen hinaus und zog die Thüre hinter sich zu. Noch ehe sie am Ende des Corridors war, kam es ihr vor, als wenn sie ein Geräusch hörte. Sie wartete eine Weile und blickte dann verstohlen und unbemerkt nach oben. Da gewahrte sie Dexter auf den Händen umherhüpfend und durch die Schlüssellöcher guckend, zweifelsohne in der Absicht, die Person zu entdecken, welche um 2 Uhr morgens daß Zimmer verlassen, und ebenso zweifelsohne Phöbe, welche vergessen Mrs. Beanly’s Hut und Mantel abzunehmen, für deren Herrin haltend. Am andern Morgen in aller Frühe kehrte Helena in einem Miethsfuhrwerk und in geborgtem Hut und Mantel nach Gleninch zurück. Sie stieg auf der Landstraße aus und gelangte durch den Garten unbemerkt in das Haus. Nun, hat die Geschichte nicht Aehnlichkeit mit dem schwarzen Domino? – Am andern Tage fand das schreckliche Ereigniß der Vergiftung statt. – Aber Sie werden schon wieder bleich, liebe Mrs. Woodville. Es ist zu heiß im Zimmer. Nehmen Sie mein Riechfläschchen; ich will ein Fenster öffnen.«
»Bitte, lassen Sie mich hinaus in die frische Luft, und sagen Sie nichts!« konnte ich nur mit Mühe hervorbringen.
Ich gelangte auch unbemerkt auf den Flur und setzte mich auf eine Treppenstufe, um mich ein wenig zu erholen. Einige Minuten darauf fühlte ich eine sanfte Hand auf meiner Schulter und erblickte Benjamin, der traurig auf mich herabsah.
Lady Clarinda hatte ihn meinetwegen in Kenntniß gesetzt und ihn gebeten, mir seinen Beistand angedeihen zu lassen.
»Mein liebes Kind, was ist Ihnen?« flüsterte er mir zu.
»Bitte, bringen Sie mich nach Hause, dann will ich Ihnen Alles erzählen.« Mehr vermochte ich nicht zu sagen.
Drittes Capitel.
Ein Probestück meiner Weisheit
Zwei Tage waren seit Major Fitz-Davids Diner vergangen. Ich hatte mich nach der Zerstörung aller meiner Pläne für die Zukunft, nach der Vernichtung aller meiner Hoffnungen wieder ein wenig erholt.
Ich erkannte nun ganz deutlich, daß ich in übereilter Weise ein unschuldiges Weib in Verdacht gehabt, und daß ich gleichzeitig die flüchtigen und oberflächlichen Schlüsse Dexters für absolute Wahrheiten genommen.
Ich schämte mich meiner selbst, wenn ich an die Vergangenheit dachte, ich fühlte mich total entmuthigt und des Selbstbewußtseins bar, wenn die Zukunft vor meinen geistigen Blick trat. Ich war so tief gedemüthigt und niedergedrückt, daß ich zum ersten Male freundlich gebotenen Rath annahm.
»Mein liebes Kind,« sagte der gute alte Benjamin, nachdem ich ihm mein ganzes Herz ausgeschüttet. »Auch alledem, was Sie mir erzählt haben, kann ich aber dem Mr. Dexter nicht trauen. Versprechen Sie mir, daß Sie nicht eher wieder zu ihm gehen wollen, bis Sie vorher Jemand um Rath gefragt, der würdiger ist, ihn zu ertheilen, als meine geringe Wenigkeit.«
Ich gab ihm dies Versprechen, aber unter einer Bedingung.
»Wenn es mir nicht gelingt, jene Person zu finden,« sagte ich, »wollen Sie mir dann helfen?«
Benjamin gelobte mir, dies zu thun.
Am andern Morgen, als ich mir das Haar machte und meine Angelegenheiten die Revue passiren ließ, rief ich mir einen Entschluß ins Gedächtniß zurück, den ich vergessen, seit ich meines Gatten Prozeß gelesen; ich meine nämlich den Entschluß, wenn mir Miserrimus Dexter nicht von Nutzen sein könnte, ich mich an einen der beiden Fiscale wenden wollte, der Eustace’s Vertheidigung vorbereitet hatte, nämlich Mr. Playmore. Wie sich der Leser erinnern wird, hatte sich dieser Gentleman meinem Vertrauen empfohlen, als die Beamten des Sheriffs die Papiere meines Gatten durchsuchten. Auf die Zeugenaussage des Isaiah Schoolcraft zurückgehend, fand ich, daß Mr. Playmore von Miserrimus Dexter hereingerufen worden war, um Eustace mit Rath und That beizustehen. Er war daher nicht allein als Freund meines Mannes, sondern auch als persönlicher Bekannter von Mr. Dexter zu betrachten. Konnte ich einen besseren finden, um einiges Licht in die völlige Dunkelheit meines armen Lebens zu bringen? Benjamin billigte diesmal meinen Plan vollkommen und versprach mir, in der Ausführung desselben behilflich zu sein. Nach kurzer Zeit hatte ich bereits meinen Empfehlungsbrief an Mr. Playmore in Händen, vor dem ich mich dreist als Mr. Macallan’s zweite Frau präsentiren konnte.
Noch an demselben Abende begaben sich Benjamin und meine Wenigkeit mit der Eisenbahn nach Edinburgh. Vorsichtigerweise hatte ich einige Tage vorher an Miserrimus Dexter geschrieben, daß Geschäfte mich auf kurze Zeit von London abriefen, daß ich ihm aber sofort nach meiner Rückkehr das Resultat meiner Unterredung mit Lady Clarinda mittheilen würde.
Ariel brachte eine characteristische Antwort zurück:
»Mrs. Valeria! Ich bin ein Mann von schneller Auffassungsgabe, und ich vermag daher die ungeschriebenen Zeilen Ihres Briefes ebenso gut zu entziffern als die geschriebenen. Sehr gut! Ich verpflichte mich, Ihr Vertrauen zu Lady Clarinda zu erschüttern. Unterdessen fühle ich mich nicht beleidigt. In ernster Fassung erwarte ich die Ehre Ihres nächsten Besuches. Telegraphiren Sie mir, ob Sie wieder Trüffeln oder irgend eine leichte Speise genießen wollen. Für immer Ihr Verbündeter und Bewunderer, Ihr Poet und Koch – Dexter.«
In Edinburgh angelangt hatte ich mit Benjamin ein kleines Zwiegespräch.
Es handelte sich nämlich darum, ob ich allein oder in seiner Begleitung zu Mr. Playmore gehen sollte. Wir entschieden uns bald für das Erstere.
»Meine Welterfahrung ist allerdings keine große,« sagte ich, »aber ich habe die Bemerkung gemacht, daß in 9 Fällen unter 10 ein Mann einem Weibe stets Concessionen machte, wenn es ihm allein nahte. War es jedoch in Begleitung eines andern Mannes, habe ich fast immer gesehen, daß er zurückhaltend war und sich besann. Fällt mein erster Besuch bei Mr. Playmore nicht nach Wunsch aus, dann kann der zweite ja noch immer in Ihrer Begleitung gemacht werden.« – Diesen Argumenten hatte mein alter Freund beigepflichtet.
Ich sandte meinen Empfehlungsbrief an das Bureau des Mr. Playmore, dessen Privatwohnung in der Nähe von Gleninch lag..
Mein Bote brachte die höfliche Antwort zurück, daß mein Besuch ihm sehr angenehm sein werde. Pünktlich zu der bestimmten Stunde zog ich an der Klingel seines Bureau’s.
Viertes Capitel.
Ein Probestück meiner Thorheit
»Ich habe die Ehre ein alter Freund von Mr. Macallan zu sein,« mit diesen Worten empfing mich Mr. Playmore, indem er mir die Hand reichte; »und ich freue mich außerordentlich, jetzt auch die Bekanntschaft seiner Frau zu machen. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Ist dies Ihr erster Besuch in Edinburgh? Ich, werde mich bemühen, Ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Vielleicht gestatten Sie mir, daß ich Ihnen auch meine Frau vorstelle. Wir bleiben jetzt eine Weile in Edinburgh. Die italienische Oper ist hier; wir haben für heute Abend eine Loge. Wollen Sie bei uns speisen und uns dann in’s Theater begleiten?«
»Sie sind sehr gütig,« antwortete ich; »aber ich bin jetzt grade in niedergedrückter Stimmung und würde für Mrs. Playmore eine schlechte Gesellschafterin sein. Wie mein Brief Ihnen angedeutet, möchte ich weit lieber in sehr ernster Angelegenheit mit Ihnen sprechen.«
»Hm!« machte er. »Die Wahrheit zu gestehen, habe ich Ihren Brief noch gar nicht zu Ende gelesen. Verzeihen Sie mir diese Flüchtigkeit. Ein anderes Geschäft brachte mich davon ab. Also wirklich eine juridische Consultation?«
»Leider ja, Mr. Playmore! Ich befinde mich in einer sehr peinlichen Situation und bin hierhergekommen, Sie über höchst ungewöhnliche Dinge um Rath zu fragen. Sie werden erstaunen, wenn ich Ihnen sage, um was es sich handelt.«
»Ich stelle mich ganz zu Ihrer Verfügung,« « sagte Mr. Playmore. »Was kann ich für Sie thun, Mrs. Macallan?«
Die Freundlichkeit, mit der mir entgegengekommen wurde, ermuthigte mich, und ich erzählte ihm frei und offen meine seltsame Geschichte, ohne den leisesten Rückhalt.
Mr. Playmore hatte mir mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Meine Trennung von Eustace betrübte ihn, mein Entschluß, gegen das schottische Verdict aufzutreten und mein ungerechter Verdacht gegen Mrs. Beanly riefen erst seine Heiterkeit hervor und dann sein Erstaunen. Die größte Wirkung übte ich aber auf sein Gemüth durch die Erzählung meines Besuches bei Miserrimus Dexter und meiner Unterhaltung mit Lady Clarinda. Ich sah ihn die Farbe wechseln. Dann murmelte er, als wenn er meine Anwesenheit ganz vergessen:
»Großer Gott! Könnte es denn möglich sein? – Sollte die Wahrheit dennoch gelogen haben?«
Ich nahm mir die Freiheit, ihn zu unterbrechen.
»Es scheint mir, als wenn ich Sie in Erstaunen gesetzt,« sagte ich.
Bei dem Ton meiner Stimme schreckte er zusammen.
»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung« rief er aus. »Sie haben mich nicht allein in Erstaunen gesetzt, Sie haben meinen Gedanken einen ganz neuen Weg eröffnet. Ich bringe in diesem Augenblick mit dem Giftmorde in Gleninch eine Idee in Verbindung, die mir bisher noch nicht aufgestoßen. Das sind ja schöne Geschichten,« fuhr er dann in seinen alten Humor zurückfallend fort; hier bringt der Client seinen Advokaten auf die rechte Spur. Meine liebe Mrs. Macallan wie steht jetzt eigentlich die Sache. – Bedürfen Sie meines Rathes, oder bedarf ich des Ihren?«
»Wollen Sie mir vielleicht die neue Idee mittheilen die Ihnen gekommen?« fragte ich.
»Nicht in diesem Augenblick, wenn ich bitten darf,« entgegnete er. »Sie müssen gütigst meine nothwendige, geschäftliche Vorsicht berücksichtigen. Ehe wir daher weitergehen, gestatten Sie mir, erst noch einige Fragen an Sie richten zu dürfen.«
»Bitte, fragen Sie, Mr. Playmore.«
»Lassen Sie mich also bis zu dem Besuch zurückgehen den Sie mit Ihrer Frau Schwiegermutter bei Mr. Dexter machten. Ich glaube, Sie doch recht verstanden zu haben. Als Sie ihm zuerst mittheilten daß Sie Ihre eigenen Ideen über Eustaces erste Frau hatten, blickte er Sie mißtrauisch an, nicht wahr?«
»Sehr mißtrauisch.«
»Und sein Antlitz klärte sich wieder auf, als Sie erwähnten, daß Sie Ihre eigenen Ideen nur aus der Lesung des Prozesses geschöpft?«
»Ganz richtig.«
Mr. Playmore nahm ein Stück Papier aus der Schieblade seines Pultes, sann ein wenig nach und setzte einen Stuhl für mich dicht an seine Seite.
»Nun verschwindet der Advokat,« sagte er, »und der Mann nimmt dessen Stelle ein. Wir wollen keine professionellen Mysterien zwischen uns bestehen lassen. Als Ihres Gatten alter Freund fühle ich das lebhafteste Interesse für Sie. Ich muß Sie vor allen Dingen warnen, ehe es zu spät ist, obgleich ich dabei eine Gefahr laufe, der sich wenige Männer in meiner Stellung aussetzen würden. Ich setze das vollkommenste Vertrauen in Sie. Nun setzen Sie Sich hierher und blicken Sie über meine Schulter, während ich mir Bemerkungen mache. Wenn Sie mich schreiben sehen, werden Sie die Vorgänge in meiner Seele kennen lernen.«
Ich setzte mich und blickte über seine Schulter.
Er begann zu schreiben wie folgt:
»Der Giftmord in Gleninch – Frage: – In welcher Beziehung steht Mr. Dexter zu dem schrecklichen Ereigniß? Und was kann er muthmaßlicherweise darüber wissen?«
»Er birgt Geheimnisse in seiner Brust und er hegt Befürchtungen daß er dieselben verrathen habe, oder daß sie, auf ihm unbegreifliche Weise entdeckt worden seien. Er fühlt sich augenscheinlich erleichtert, wenn er glaubt, sich in seinen Befürchtungen getäuscht zu haben.«
Hier hielt die Feder inne, und Mr. Playmore legte mir neue Fragen vor.
»Kommen wir nun zu Ihrem zweiten Besuch,« begann er von neuem; »als Sie allein bei Mr. Dexter waren. Erzählen Sie mir noch einmal, was er that und wie er aussah, als Sie ihm sagten, daß Sie mit dem schottischen Verdict nicht einverstanden seien.«
Ich wiederholte, was ich bereits in diesen Zeilen niedergelegt.
Nachdem ich geendet, schrieb die Feder folgende Zeilen:
»Er hört, daß eine ihn besuchende Person das schottische Verdict im Prozeß Macallan nicht als ein endgültiges anerkennt. Was thut er darauf?«
»Er stellt alle Symptome panischen Schreckens zur Schau! er sieht sich in Gefahr; in einem Moment übermannt ihn der Zorn, im andern wird er feig und demüthig. Er will und muß wissen, welches die eigentliche Absicht der ihn besuchenden Person ist. Wenn er über diesen Punkt aufgeklärt ist, erbleicht er tödtlich und beginnt an seinen eigenen Sinnen irre zu werden. Darauf sagt er seinem Besuche auf den Kopf zu, daß dieser Jemand in Verdacht habe. Welche Frage drängt sich hier auf: Wenn man kleine Summen Geldes in einem Haushalt vermißt und die Dienerschaft zusammengerufen und ihr das Ereigniß mitgetheilt wird, was denken Sie von dem einzelnen Dienstboten der zuerst spricht und fragt: »Haben Sie mich vielleicht in Verdacht?«
Mr. Playmore legte die Feder abermals nieder.
»Ist das richtig?« fragte er.
Ich begann jetzt den Zweck des Schreibens einzusehen, Anstatt seine Frage zu beantworten bat ich ihn, mir die Erklärungen zu geben, welche noch gefehlt hatten, um mich zu überzeugen.
Mr. Playmore unterbrach mich, indem er warnend den rechten Zeigefinger hob.
»Noch nicht« sagte er. – »Sagen Sie mir, ob ich bis hierher Recht habe.«
»Vollkommen recht.«
»Schön Nun erzählen Sie mir, was zunächst geschah. – Wenn Sie Sich auch wiederholen; das schadet nichts. Ich bitte um alle Details, von Anfang bis zu Ende.«
Ich kam seinem Wunsche nach.
Mr. Playmore schrieb nun, zum dritten und letzten Mal, Folgendes:
»Er wird indirect dahin beruhigt daß er nicht die beargwöhnte Person sei. Er stößt einen langen erleichternden Seufzer aus; er wünscht eine Weile allein zu sein, unter dem Vorwande, daß die Unterhaltung ihn zu sehr aufgeregt habe. Als der Besuch wieder vorgelassen wird, hat Dexter währenddessen getrunken. Der Besuch kommt auf das alte Thema zurück . . . . nicht Dexter. Der Besuch hat die Ueberzeugung gewonnen, daß Mrs. Eustace Macallan durch einen Giftmörder gestorben ist und spricht dies offen aus. Dexter sinkt halb ohnmächtig in seinen Stuhl zurück. Das Entsetzen des Schuldbewußtseins hat ihn erfaßt. – Und wie befreit er sich wieder von den Einflüssen des Schreckens? Er flieht von einem Extrem zum andern und fühlt sich außerordentlich glücklich darüber, daß der Besuch seinen Verdacht auf eine abwesende Person gelenkt. Schließlich spricht er aus, daß, er von vornherein denselben Verdacht gehabt als sein Besuch. Dies sind Facta. Zu welchem Schluß führen sie uns?«
Er legte seine Notizen fort und betrachtete mein Antlitz, in der Erwartung, daß ich zuerst sprechen solle.
»Ich verstehe Sie, Mr. Playmore,« begann ich. »Sie glauben, daß Mr. Dexter —«
Sein warnender Zeigefinger unterbrach mich abermals-.
»Sagen Sie mir,« begann er dann, »wie Dexter sich äußerte, als er Ihrer Ansicht über Mrs. Beanly beistimmte.«
»Er sagte: »Da bleibt kein Zweifel mehr. Mrs Beanly hat sie vergiftet.«
»Und ich,« entgegnete der Advokat, »kann seinem guten Beispiele nur folgen und sagen: »Mr. Dexter hat sie vergiftet.«
»Scherzen Sie, Mr. Playmore?«
»Ich habe niemals in heiligerem Ernst gesprochen. Ihr vorschneller Besuch bei Dexter und Ihre kaum begreifliche Unklugheit, den Menschen in Ihr Vertrauen zu ziehen, hat zu den überraschendsten Resultaten geführt. Das Licht, das die berühmtesten Juristen Schottlands vergebens bemüht waren, auf den Giftmord in Gleninch zu werfen, ist durch einen Zufall durch eine Dame dorthin gelenkt worden, welche allen Vernunftgründen spottete und ihren eigenen, scheinbar unvernünftigen Weg gehen wollte. Fast unglaublich und dennoch vollkommen wahr.
»Unmöglich!« rief ich aus.
»Was ist umnöglich?« fragte der Advokat kühl.
»Daß Mr. Dexter meines Gatten erste Frau vergiftet.«
»Und weshalb dürfte das unmöglich sein? wenn ich fragen darf!«
Ich war beinahe wüthend aus Mr. Playmore geworden.
»Können Sie mir die Frage beantworten?« entgegnete ich indignirt. »Ich erzählte Ihnen, daß Mr. Dexter mit Achtung und Zuneigung, von Mrs. Macallan gesprochen. Er verehrt sie noch in der Erinnerung. Ich verdanke meine freundliche Aufnahme bei ihm nur der Aehnlichkeit, welche meine Figur mit der der Verstorbenen haben soll. Ich habe Thränen in seinen Augen gesehen; ich habe seine Stimme zittern gehört, wenn er von ihr sprach. Mr. Dexter mag der Schlechteste aller Menschen sein; aber mit Mrs. Macallan meinte er es gut. Es giebt Merkmale, durch die sich ein Weib niemals täuschen läßt, wenn ein Mann zu ihr von Herzensangelegenheiten redet. Ich habe jene Merkmale gesehen. Ebenso gut kann ich auch den Mord begangen haben, als er es that. Es thut mir leid, daß ich meine Meinung der Ihrigen entgegensetzen muß, Mr. Playmore; aber ich kann nicht anders. Ich muß Ihnen offen gestehen, daß ich beinahe böse auf Sie bin.«
Der Advokat schien eher angenehm berührt, als beleidigt zu sein.
»Meine theure Mrs. Eustace, Sie haben auch nicht den geringsten Grund, mir zu zürnen,« sagte er. »Ich theile ja eigentlich Ihre Ansicht, nur mit dem Unterschiede, daß ich noch etwas weiter gehe als Sie.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Das wird sofort anders werden. Sie beschreiben Mr. Dexters Gefühl für die verstorbene Mrs. Macallan als ein glückliches Gemisch von Achtung und Zuneigung. Ich sage Ihnen aber, daß jenes Gefühl ein weit wärmeres war. Ich habe meine Information von der unglücklichen Dame selbst, welche mich Jahre lang mit ihrer Freundschaft und ihrem Vertrauen beehrte. Ehe sie Mr. Macallan heirathete, war Mr. Dexter in sie verliebt, ein Umstand, welcher Eustace jedoch verborgen blieb. Miserrimus Dexter hielt, trotz seiner schrecklichen Verkrüppelung, ganz ernsthaft um ihre Hand an.«
»Und dennoch behaupten Sie, daß er die Arme vergiftet habe!« rief ich mit Indignation.
»Dennoch behaupte ich es. Ich finde keinen anderen Schluß, nach dem, was Sie mir erzählt. – Sie erschreckten ihn bis zur Ohnmacht. Wovor sollte er sich denn sonst gefürchtet haben?«
Ich war in der That um eine Antwort verlegen.
»Mr. Dexter ist ein alter und treuer Freund meines Gatten,« begann ich endlich. »Als er mich sagen hörte, daß ich mich bei dem Verdict nicht beruhigen könnte, beunruhigte er sich vielleicht Eustaces wegen . . . «
»Ah so!« unterbrach mich Mr. Playmore ironisch. »Er beunruhigte sich Ihres Gatten wegen, weil er die Folgen der Wiedereröffnung des Prozesses für ihn fürchtete. Dieser Ausspruch stimmt mit dem Glauben an Ihres Mannes Unschuld nicht recht überein. Wollen Sie gefälligst Ihren Kopf von einem Irrthum befreien,« fuhr er dann, ernster werdend, fort, »welcher Sie im Verlauf Ihrer ferneren Nachforschungen bedeutend mißleiten könnte. Glauben Sie meinem Wort, Miserrimus Dexter hörte an demselben Tage auf, Eustaces Freund zu sein, als dieser seine erste Frau heirathete. Dexter hat im Geheimen und im Oeffentlichen stets für seine Biederkeit zu wirken gewußt. Seine Zeugenaussage zu Gunsten seines Freundes wurde mit dem tiefen, überzeugenden Gefühl abgegeben, das Jedermann ihm zutraute. Dennoch bin ich der festen Ansicht, daß Mr. Macallan keinen grimmigeren Feind auf der weiten Erde hat, als Miserrimus Dexter.«
Mir wurde ganz kalt. Hier fühlte ich wenigstens, daß er Recht hatte. Mein Gatte hatte das Weib gewonnen, welches Dexters Hand zurückgewiesen. War Dexter der Mann, dies vergeben zu können? Meine eigene Erfahrung antwortete mir: Nein!«
»Beherzigen Sie, was ich Ihnen gesagt habe,« fuhr Mr. Playmore fort, »und nun lassen Sie uns Ihre eigene Stellung in dieser Angelegenheit näher ins Auge fassen. Vor allen Dingen bitte ich Sie, vorläufig meinen Rath anzunehmen, er wird, mit Ihrem Glücke vereint, schneller zur Enthüllung der Wahrheit führen. Ich bin vollständig davon überzeugt, daß Miserrimus Dexter der Mann ist, welcher, anstatt Ihres Gatten, wegen des Giftmordes in Gleninch hätte vor Gericht stehen müssen. Da seitdem schon eine geraume Zeit vergangen, bleibt uns nichts weiter übrig, als uns genau an die Zeugenaussagen zu halten. Es kommt vor allen Dingen darauf an, die Meinung des Publikums umzustimmen. Der Glaube desselben an Ihres Gatten Unschuld kann nur dadurch hergestellt werden, daß man es von Mr. Dexters Schuld überzeugt. Wie wollen Sie zu diesem Resultat gelangen? In den Akten des Prozesses findet sich auch nicht ein Atom von Verdacht gegen ihn. Wenn Sie Dexter überführen wollen, kann es nur durch sein eigenes Geständniß geschehen.«
Wenn der Mann Recht hatte, waren wir jetzt allerdings vor dem Ziele angekommen. Aber, so sehr ich auch die Ueberlegenheit seines Urtheils anerkannte, konnte ich selbst nicht die Ueberzeugung gewinnen, daß er Recht hatte. Ich konnte nicht umhin, ihm dies offen zu gestehen.
Er lächelte gutmüthig.
»Ist-i jedem Fall werden Sie mir zugestehen, s daß Dexter Ihnen nicht die volle Wahrheit gesagt,« bemerkte Mr. Playmore, »und daß er Ihnen etwas vorenthält, in dessen Entdeckung Sie ein großes Interesse setzen.«
»Ja, das gebe ich zu.«
»Schön! Und ich behaupte-, daß das, was er Ihnen vorenthält, eben das Geständniß seiner Schuld ist. Sie haben mir erzählt, daß er Ihnen auch noch die Instruktion schuldig ist, welche zur Ueberführung eines anderen Schuldigen leiten soll. Also Geständniß oder Instruktion, wie wollen Sie eines von beiden erlangen?«
»Vielleicht durch Ueberredung.«
»Und wenn diese fehlschlägt? Glauben Sie, daß Sie ihn überlisten oder erschrecken können?«
»Wenn Sie einen Blick in Ihre Notizen thun wollen, Mr. Playmore, so werden Sie sehen; daß ich ihn bereits erschreckt habe, und zwar ohne es zu wollen.«
»Sehr schön. Was Sie einmal gethan haben, dürfte Ihnen aber nicht zum zweiten Mal gelingen. Wenn Sie jedoch entschlossen sind, das Experiment zu wiederholen, so wird es Ihnen nicht schaden können, wenn Sie noch etwas mehr über Mr. Dexters Character und Temperament erfahren, als Sie bis jetzt wissen. Was meinen Sie, wenn wir uns nach einem Bundesgenossen umsähen?«
Ich blickte erschreckt um mich; denn nach seiner Rede zu urtheilen, mußte die Person, die er meinte, ganz in unserer Nähe sein.
»Erschrecken Sie nicht,« sagte er. »Das Orakel ist stumm und das Orakel ist hier.«
Er schloß eine Schublade auf, nahm ein Paquet Briefe aus derselben und suchte einen davon heraus.
»Als wir die Vertheidigung für Ihren Gatten aufstellten,« sagte er, »machte es uns einige Schwierigkeit, Miserrimus Dexter überhaupt als Zeugen zu bekommen. Es lag ja, wie ich Ihnen bereits gesagt, nicht der geringste Verdacht gegen ihn vor. Wir fürchteten aber seine Excentricität, und daß er durch die Aufregung vollständig in Wahnsinn gerathen könne. In dieser Verlegenheit wandten wir uns an einen Arzt, und führten diesen unter irgend einem Verwende bei Dexter ein. Nach einiger Zeit erhielten wir sein schriftliches Gutachten. Hier ist es.«
Er öffnete den Brief, bezeichnete mir eine Stelle und ließ mich dieselbe lesen.
»Das wird uns vollständig genügen,« sagte er.
Ich las folgende Worte:
»Die Summe meiner Beobachtungen läßt sich dahin zusammenfassen, daß unzweifelhaft starke periodische Ueberspanntheit vorhanden. Wirkliche Symptome von Wahnsinn habe ich indessen nicht zu entdecken vermocht. Ich glaube, Sie können ihn dreist sein Zeugniß abgeben lassen. Wenn auch etwas Närrisches dazwischen laufen sollte, so werden Sie mindestens eben so viel Wahrheit erfahren, und es wird die Sache der Richter und Geschworenen sein, die Spreu von dem Weizen zu sichten. Für die Zukunft kann ich natürlich nicht einstehen. Mein Gutachten gilt nur für die Gegenwart. Daß er im Wahnsinn sterben wird, ist wohl wahrscheinlich. Wann aber dieser Wahnsinn eintritt, ist nicht zu bestimmen. Es dürfte dies von dem Zustand seiner Gesundheit abhängen. Sein Nervensystem ist im höchsten Grade erregt, wahrscheinlich durch ein wechselvolles, seltsames Leben. Wenn er seine Gewohnheiten änderte, und sich namentlich mehrere Stunden des Tages in freier Luft bewegte, würde er vielleicht ein hohes Alter erreichen können. Wenn er dagegen bei seinen jetzigen Gewohnheiten beharrt, und wenn sein Nervensystem noch bedeutenden Aufregungen ausgesetzt sein sollte, würde unfehlbar der Wahnsinn mit dem Culminationspunkt dieser Erregungen zusammen treffen. Der Eintritt dieses Wahnsinns wird in beregtem Falle augenblicklich geschehen. Eine Heilung ist dann nicht mehr möglich. Wenn das Gleichgewicht einmal verloren ist, wird es in diesem Leben nicht mehr herzustellen sein.«
Nachdem ich also gelesen, legte Mr. Playmore den Brief wieder in sein Pult.
»Das ist die Ansicht einer unserer bedeutendsten Autoritäten,« sagte er. »Scheint Ihnen Dexter nun der Mann zu sein, der so leicht sein Nervensystem der Chance einer Entdeckung opfern sollte? Sehen Sie keine bedeutenden Schwierigkeiten auf Ihrem Wege?«
Mein Schweigen antwortete ihm.
»Gesetzt, Sie kehrten zu Dexter zurück,« fuhr er fort, »und gesetzt, daß des Doctors Meinung die Gefahr übertrieben habe; was würden Sie dann thun? Als Sie ihn das letzte Mal sahen, hatten Sie den bedeutenden Vortheil der Ueberraschung. Seine leicht erregbaren Nerven gaben, dem Angriff nach, und er verrieth die Furcht, die Sie ihm einflößten. Jetzt ist er vorbereitet und auf seiner Hut. Wenn Sie nichts Schlimmeres begegnen, werden Sie es das nächste Mal mit seiner Schlauheit zu thun haben. Sind Sie ihm darin ebenbürtig? Und was Mrs. Beanly betrifft, so hat er Sie jedenfalls mit Bedacht irre geführt.«
»So weit ich es beurtheilen kann, sagte er mir die Wahrheit«, entgegnete ich, noch immer in meiner schwächlichen Opposition befangen. »Was er mir von dem Corridor in Gleninch erzählt, hat er jedenfalls wirklich gesehen.«
»Er erzählte Ihnen aus dem Grunde die Wahrheit,« antwortete Mr. Playmore, »weil er schlau genug war, zu bemerken, daß diese Wahrheit ihm dazu dienen werde, Sie noch weiter irre zu führen, und Ihren Verdacht abzulenken. Denn Sie glauben doch nicht, daß er Ihre Beargwöhnung theilte?«
»Weshalb nicht?« sagte ich, »er wußte ebenso wenig, was Mrs. Beanly in jener Nacht begangen, als ich es wußte, bis ich Lady Clarinda gesprochen. Jedenfalls bleibt zu beobachten ob er ebenso erstaunt sein wird als ich es war, wenn ich ihm erzähle, was Lady Clarinda mir erzählt.«
Diese einfache Antwort brachte einen Effekt hervor, den ich nicht erwartet hatte.
Zu meinem nicht geringen Erstaunen ließ Mr. Playmore plötzlich jede weitere Diskussion über die Sache fallen. Er schien daran zu verzweifeln mich überzeugen zu können.
»Also Alles, was ich Ihnen gesagt habe, war nicht im Stande, Sie meiner Ansicht zuzuwenden?« sagte er.
»Ich besitze nicht Ihre Geschicklichkeit und Ihre Erfahrung,« antwortete ich, »es thut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß ich nicht denken kann, wie Sie es thun.«
»So sind Sie also wirklich entschlossen, Mr. Dexter noch einmal zu besuchen?«
»Ich habe es ihm versprochen.«
»Sie haben mich um meinen Rath gebeten,« sagte er nach einer kleinen Pause, »so rathe ich Ihnen denn ernstlich, Ihre Verbindungen mit Mr. Dexter abzubrechen. Ja, ich gehe noch weiter; ich beschwöre Sie, Mr. Dexter nicht wiederzusehen.«
Dasselbe, was meine Schwiegermutter sagte! Dasselbe, was Benjamin und Major Fitz-David mir gerathen! Sie waren Alle gegen mich. Wenn ich auf meine Halsstarrigkeit zurückblicke, muß ich selbst erstaunen. Ich fühle mich auch beschämt, zu gestehen, daß ich Mr. Playmore keine Antwort gab, obgleich er auf dieselbe zu warten schien. Ich erhob mich von meinem Stuhl und stand mit niedergeschlagenen Augen vor ihm. Er stand ebenfalls auf; er fühlte, daß die Conferenz zu Ende war.
»Schön!« sagte er, mit einem Gemisch von Traurigkeit und Laune. »Wie konnte ich denn auch erwarten daß eine junge Dame, wie Sie, und ein alter Advokat, wie ich, derselben Meinung sein würden. Lassen Sie mich nur noch die Bitte hinzufügen unsere Unterhaltung vorläufig als Geheimniß zu betrachten; dann wollen wir zu etwas Anderem übergehen. Kann ich Ihnen noch in irgend einer Weise dienlich sein? Sind Sie allein in Edinburgh?«
»Nein, ein alter Freund hat mich begleitet.«
»Bleiben Sie morgen noch hier?«
»Ich denke wohl.«
»Wollen Sie mir den Gefallen thun, unser Gespräch noch einmal zu durchdenken, und mich morgen früh noch einmal zu besuchen?«
»Sehr gern, Mr. Playmore. Vorläufig nehmen Sie meinen Dank für Ihre Güte.«
So schieden wir.
Der gute Mann seufzte, als er mir die Thüre öffnete. Die Weiber sind recht seltsame Geschöpfe! Dieser Seufzer rührte mich mehr, als alle seine Argumente. Ich fühlte, daß ich erröthete, als ich ihm den Rücken wandte und auf die Straße hinaustrat.
Fünftes Capitel.
Gleninch
Ich fand Benjamin im Hotel, eine illustrirte Zeitung in der Hand, und bemüht einen Rebus zu rathen.
Mein alter Freund war nämlich ein großer Liebhaber von diesen Bilderräthseln und oft so in dieselben vertieft daß es, bei gewöhnlichen Gelegenheiten, zu den größten Schwierigkeiten gehörte, seine Aufmerksamkeit davon abzulenken.
In diesem Falle aber überwog das Interesse, das Resultat der Unterredung mit dem Advocaten zu hören, seine alte Gewohnheit.
Er legte die Zeitung schnell aus der Hand und fragte mich, was es Neues gäbe.
Ich erzählte es ihm, indem ich selbstverständlich das Vertrauen, welches Mr. Playmore in mich gesetzt, in keiner Weise mißbrauchte. Der entsetzliche Verdacht gegen Miserrimus Dexter kam nicht über meine Lippen.
»Aha!« sagte Benjamin schmunzelnd.
»Der Advocat hat also dieselbe Ansicht wie ich. Wenn Sie mir nicht geglaubt haben, werden Sie hoffentlich ihm glauben.«
»Es thut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen,« antwortete ich. »Leider ist es mir nicht gegeben, von meinen Freunden Rath annehmen zu können. Ich möchte so gern ein leicht lenkbares, vernünftiges Frauenzimmer sein. Aber es lebt etwas in mir, das sich nicht belehren lassen will. Ich fürchte, daß ich noch einmal, Mr. Dexter gehen werde.«
Jetzt verlor selbst Benjamin seine Geduld mit mir.
»Ja, ja,« sagte der alte Mann. »Sie waren schon als Kind nicht zu regieren, und mit den zunehmenden Jahren wird man nicht weicher. Wenn wir doch lieber in London geblieben wären.«
»Ich bereue die Fahrt nicht,« entgegnete ich. »Da wir nun einmal hier sind, wollen wir auch in Augenschein nehmen, was ich sonst wohl nie zu sehen bekommen hätte. Meines Gatten Landhaus ist nur wenige Meilen entfernt, morgen wollen wir nach Gleninch fahren.«
»Wo die arme Lady vergiftet wurde?« fragte Benjamin mit einem mißbilligenden Blick.
»Ja, ich muß das Zimmer sehen, in dem sie gestorben ist. Ich Muß das ganze Haus in Augenschein nehmen.«
Benjamin ließ die Hände resignirt in den Schooß sinken.
»Ich verstehe die neue Generation nicht mehr,« sagte er traurig, »aber in das Unvermeidliche muß der Mensch sich fügen.«
Ich theilte Mr. Playmore meinen beabsichtigten Besuch in Gleninch brieflich mit. Das Haus, in welchem sich die entsetzliche Tragödie abgespielt, welche meines Mannes Leben vergiftet, flößte mir das größte, wenn auch entsetzliche Interesse ein.
Auf meinen Brief an Mr. Playmore erhielt ich die freundlichste Antwort: Wenn ich bis Nachmittag warten könnte, wollte er sein Bureau schließen und mich in seiner eigenen Equipage hinausfahren.
Die Halsstarrigkeit, welche mir Benjamin sonst immer zum Vorwurf machte, zeigte sich jetzt ebenfalls bei dem sonst so ruhigen Mann. Er hatte sich schon im Stillen vorgenommen, nicht mit nach Gleninch zu gehen. Er verlor aber kein Wort über die Angelegenheit. Erst, als Mr. Playmore's Wagen vor der Thüre hielt, erinnerte sich Benjamin eines alten Freundes, den er besuchen müsse, und bat mich, ihn für den Nachmittag entschuldigen zu wollen.
So fuhren wir also ohne ihn ab. Der Weg bis zu unserem Ziele bot wenig des Interessanten. Der Park von Gleninch war, von einem englischen Auge beurtheilt, wild und schlecht gehalten. Das Haus war in den letzten 70 oder 80 Jahren gebaut. Von außen machte es den Eindruck eines Gefängnisses. Die inneren Raume drückten das Gemüth, wie es alle Zimmer thun, die lange nicht bewohnt gewesen. Seit der Beendigung des Prozesses, also seit beinahe Jahren, hatte das Haus leer gestanden. Nur ein einziges Zimmer war von einem alten Ehepaar bewohnt, welches die Schlüssel hatte. Der Mann schüttelte schweigend den Kopf, als Mr. Playmore ihm befahl, die Thüren auszuschließen und das Tageslicht in die dunklen Räume fließen zu lassen. In der Bibliothek und der Gemälde-Gallerie brannte Kaminfeuer damit Bücher und Bilder nicht durch die Feuchtigkeit leiden sollten. Zu dem oberen Stockwerke emporsteigend, sah ich die Zimmer, welche mir schon durch die Lesung des Prozesses bekannt geworden waren. Ich besah das kleine Studirzimmer, welches mit dem Schlafgemache in Verbindung stand. Ich warf einen Blick in das Zimmer, in welchem die unglückliche Herrin von Gleninch gestorben war. Das Bett stand noch an seinem Platz, ebenso das Sopha, auf dem die Wärterin geschlafen. Da war auch der Tisch, auf welchem Mrs. Macallan’s einfaches Mahl gestanden und auf dem sie ihre Gedichte niedergeschrieben. Die dicke, dumpfige Luft fiel mir schwer auf die Brust, als wenn sie noch das Entsetzen jenen längst vergangenen Tage athmete. Da war auch das Schlafzimmer, an dessen Thüre Mr. Dexter gehorcht, dort war der Corridor, den er entlang gekrochen, um der vermeintlichen Mrs. Beanly zu folgen. Wohin ich auch blickte, schien mir eine Stimme entgegen zu rufen: »Wir kennen das Geheimniß des Giftmordes, aber wir verrathen es nicht.«
Ich konnte den Aufenthalt in dem traurigen Hause nicht länger aushalten und sehnte mich wieder nach frischer Luft. Mein Begleiter verstand mich und führte mich hinaus.
Im grauen Abenddunkel schlenderten wir nach dem verlassenen Garten und bahnten uns den Weg durch das verwilderte Gebüsch. Hinter dem Kuchengarten, in welchem nur ein kleiner Fleck für das alte Ehepaar bebaut war, kamen wir auf einen unbebauten Platz, der auf drei Seiten mit Bäumen bepflanzt war. In einer entfernten Ecke dieses Platzes bemerkten wir einen Gegenstand, den man an jedem anderen Orte eher vermutet hatte, denn hier. Es war ein Staub- und Schutthaufen. Der große Umfang desselben und die seltsame Stelle, die man ihm angewiesen, erregten flüchtig meine Neugier. Ich blieb stehen und blickte auf Staub und Asche, auf zerbrochenes Geschirr und altes Eisen. Dort lag ein zerrissener Hut und hier die halb verrotteten Fragmente alter Stiefel, dazwischen Papierstücke und Lumpen.
Mr. Playmore bemerkte das Interesse, welches ich dem Schutthaufen zuwandte.
»Ja dem sauberen England,« sagte er, würde man diese Augenbeleidigung längst hinweggeräumt haben. Wir Schotten sagen aber, so lange der Schmutz so weit entfernt ist, daß er nicht bis zum Hause riecht, braucht man seine Ruhe nicht zu stören. Alles, was Sie hier in Gleninch sehen, meine liebe Mrs. Macallan, ruft nach einer neuen Herrin. Wer weiß, wie bald Sie hier als Königin einziehen werden.«
»Ich werde diesen Ort nie wiedersehen,« entgegnete ich.
Niemals ist ein langer Tag,« sagte mein Begleiter, »und die Zeit birgt für jeden von uns Ueberraschungen in ihrem Schooße.«
Wir gingen schweigend durch den Park zurück und bestiegen den Wagen. Auf unserer Heimfahrt nach Edinburgh vermied Mr. Playmore jede fernere Unterhaltung über Gleninch. Er sah, daß mein Gemüth bedrückt war und versuchte mich zu erheitern.
Als wir kurz vor der Stadt waren, fragte er mich, wann ich nach London zurückkehren wolle.
»Morgen mit dem Frühzuge,« antwortete ich.
»Und ihre Pläne? Sind sie dieselben geblieben?«
»Ich fürchte, ja, Mr. Playmore. Ich bin vielleicht noch zu jung, um klug sein zu können, und so vermag ich denn nur, Um Ihre Nachsicht zu bitten.«
Er lächelte und streichelte meine Hand, dann wurde er plötzlich wieder sehr ernst:
»Dies ist also das letzte Mal, daß ich vor Ihrer Abreise mit Ihnen spreche,« sagte er. »Darf ich ganz offen sein?«
»Ich bitte darum, Mr. Playmore.«
»Es ist nur wenig, was ich zu sagen habe, und dieses Wenige beginnt mit einem Worte der Vorsicht. Gehen Sie nie wieder allein zu Mr. Dexter, sondern nehmen Sie Jemand zur Begleitung mit.«
»Halten Sie die Besuche denn für gefährlich?«
»Nicht gerade im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Ich denke nur, daß ein männlicher Begleiter besser geeignet sei, Miserrimus in seinen Schranken zu erhalten. Ferner, wenn ein unbedachtes Wort seinen Lippen entschlüpfen sollte, haben Sie gleich einen Zeugen bei sich. Der Umstand ist nicht zu unterschätzen. Schließlich seien Sie auf Ihrer Hut, wenn er die Unterhaltung wieder auf Mrs. Beanly lenkt.«
»Auf meiner Hut – gegen wen?«
»Die Praxis, meine liebe Mrs. Macallan, hat mir ein Auge für kleine menschliche Schwachheiten gegeben. Sie besitzen einen stark ausgeprägten Hang, auf Mrs. Beanly eifersüchtig zu sein. Wie leicht können Sie Sich also etwas vergeben, wie leicht können Sie in Ihren Beobachtungen beeinträchtigt werden, wenn Mr. Dexter jene Dame benutzt, um Sie irre zu führen. Spreche ich auch nicht zu frei?«
»Gewiß nicht. Es ist sehr entwürdigend für mich, auf Mrs. Beanly eifersüchtig zu sein. Meine Eitelkeit leidet bitter darunter Sie haben vollständig Recht.«
»Es freut mich, daß wir wenigstens in einem Punkte übereinstimmen,« entgegnete er trocken. »Deshalb verzweifle ich auch noch nicht, Sie in jener ernsten Sache überzeugen zu können.«
»Und, wenn Sie mir keine Hindernisse in den Weg legen, sehe ich mich sogar nach Dexter als einen Bundesgenossen um.«
Diese Aeußerung erregte meine Neugier, weil sie ein Räthsel in sich verschloß.
»Sie äußerten vorhin den Vorsatz, Mr. Dexter Alles wiederholen zu wollen, was Ihnen Lady Clarinda über Mrs. Beanly gesagt,« fuhr er fort. »Und Sie gaben Sich dem Glauben hin, daß er darüber ebenso in Erstaunen gerathen würde, als es bei Ihnen selbst der Fall war. Ich möchte Ihnen eine Prophezeihnng aussprechen, indem ich Ihnen sage, daß Dexter Sie enttäuschen wird. Weit entfernt davon, Ihnen sein Staunen auszudrücken, wird er Ihnen mit frecher Stirn erzählen, daß Sie durch Angabe falscher Thatsachen dupirt worden seien, welche von Mrs. Beanly selbst, im Interesse der Verdeckung ihrer Schuld, in Umlauf gesetzt wären. Nun, antworten Sie mir, wenn er in dieser Weise wirklich den Versuch macht, unbegründeten Verdacht auf eine schuldlose Dame zu werfen, wird das Ihre Ansicht über ihn erschüttern?«
»Es wird das Vertrauen in meine eigene Meinung gänzlich zerstören, Mr. Playmore.«
»Sehr schön. Ich sehe einer Benachrichtigung Ihrerseits entgegen und glaube, daß wir bereits am Ende der Woche vollständig mit einander einverstanden sein werden. Vor allen Dingen reinen Mund gehalten. Mein Name muß ihm gegenüber ungenannt bleiben. Und damit Gott befohlen. Reisen Sie glücklich!«
Mit diesen Abschiedsworten brachte er mich vor mein Hotel. Dann rollte sein Wagen davon.
Mir schauderte noch die Haut, wenn ich daran dachte, welch’ entsetzliche Meinung mir dieser sonst so liebenswürdige Mann beibringen wollte.
Sechstes Capitel.
Mr. Playmore's Prophezeiung
Wir erreichten London zwischen 8 und 9 Uhr Abends, und da Benjamin vorsorglich telegraphirt, fanden wir ein Cab auf dem Bahnhof und das Essen auf dem Tisch.
Als wir eben im Begriff waren, bei Benjamins Villa vorzufahren, mußten wir einen Augenblick warten, um eine Ponny-Chaise vorbeizulassen. Die Chaise, welche von einem rauh aussehenden Mann, mit einer Pfeife im linken Mundwinkel, gefahren wurde, rollte langsam an uns vorüber. Der Kutscher kam mir entschieden bekannt vor. Ich dachte aber nachher nicht weiter an ihn.
Benjamins alte Haushalterin öffnete das Gartenthor und brach in laute Danksagungen gegen den Allmächtigen aus, daß er uns gesund und wohlbehalten wieder zurückgeführt habe.
»Doch nichts vorgefallen?« fragte Benjamin.
Die Haushälterin zitterte bei der Frage und beantwortete dieselbe in folgenden räthselhaften Worten:
»Ich bin furchtbar aufgeregt, Sir. Ich weiß nicht, ob es etwas Gutes giebt oder etwas Schlechtes. – Vor einigen Stunden kam ein seltsamer Mensch herein und fragte, wann Mrs. Valeria zurückkehren würde. – Ich sagte, was mein Herr telegraphirt hätte, und darauf sagte der Mann: warten Sie ein bischen, ich komme gleich wieder! – Es dauerte auch kaum eine Minute, so war er wieder da und trug ein Ding auf seinen Armen, welches mir alles Blut zu Eis gerinnen ließ. Ich weiß wohl, daß ich ihn eigentlich nicht hätte hereinlassen sollen, aber ich konnte nicht auf meinen Beinen stehen, geschweige denn den starken Mann zurückdrängen. So ging er denn mit dem Dinge auf seinem Arm ganz ungenirt in Ihr Studirzimmer. Dort hat er das Ding hingesetzt und dort ist es noch. Ich bin schon auf der Polizei gewesen, aber die sagen, da könnten sie sich nicht einmischen. Was nun weiter geschehen soll, das weiß ich nicht. Gehen Sie nur jetzt selbst hinein, Madame Sie werden auch einen Schreck bekommen, daß Ihnen die Beine zittern.«
Nun fiel mir wieder die Ponny-Equipage ein, und ich verstand die mir sonst unverständlich gewesene Erzählung der Haushälterin. Ich ging durch das Eßzimmer und blickte durch die halb offen gelassene Thür von Benjamins Bibliothek.
Richtig! Da saß Mr. Dexter, fest eingeschlafen in Benjamins Lieblingsstuhl. Keine Decke verhüllte seine entsetzliche Verkrüppelung und konnte ich mich allerdings nicht darüber wundern, daß der alten Haushalterin die Beine gezittert hatten.
»Was ist das, Valeria?« fragte Benjamin.
Ich habe bereits erwähnt, ein wie außerordentlich feines Gehör Mr. Dexter hatte. So leise Benjamin auch gesprochen, so wurde Dexter durch die wenigen Worte sofort erweckt. Er rieb sich die Augen und lächelte unschuldig wie ein erwachendes Kind.
»Wie geht es Ihnen, Mrs. Valeria?« fragte er. »Ich war ein bischen eingenickt. Sie glauben gar nicht, wie glücklich ich mich fühle, Sie wieder zu sehen. Wer ist der Herr?«
Er rieb abermals seine Augen und blickte auf Benjamin.
Ich stellte ihm diesen als den Hausherrn vor.
»Entschuldigen Sie, daß ich mich nicht erhebe, Sir,« sagte Dexter. »Ich kann nicht aufstehen, weil mir die Natur keine Beine mitgegeben hat. Sie scheinen sich zu wundern, daß ich von Ihrem Stuhl Besitz genommen. Wenn Ihnen das unangenehm ist, werfen Sie mich hinunter, so daß ich auf meine Hände falle. Ich werde Ihnen das durchaus nicht übel nehmen, nur brechen Sie mir nicht das Herz, indem Sie mich fortschicken. Die schöne Dame dort kann auch sehr grausam sein, wenn ihr der Kopf nicht recht steht. Sie hat mich neulich verlassen, wo ich noch so gern ein wenig mit ihr gesprochen hätte. Ich hin ein armer elender Krüppel, mit einem warmen Herzen und unersättlicher Neugier ausgestattet. Unersättliche Neugier ist aber ein Fluch. Ich habe ihn ertragen, bis mir das Gehirn zu sieden begann; dann schickte ich zu meinem Gärtner und ließ mich hierherfahren. Ich bin gern hier. Der Anblick der Mrs. Valeria ist Balsam für mein wundes Herz. Sie hat mir etwas zu erzählen, das zu hören ich vor Begierde brenne. Wenn sie nicht zu ermüdet von der Reise ist, möchte ich die Neuigkeiten gleich in Empfang nehmen. Lieber Mr. Benjamin, Sie sehen aus wie ein Tröster der Betrübten. Reichen Sie mir die Hand, wie ein guter Christ, und lassen Sie mich hier bleiben.«
Er hielt ihm seine Hand entgegen. Seine sanften blauen Augen nahmen den Ausdruck frommen Flehens an. Benjamin schlug ein, wie ein Mann, den ein banger Traum gefangen hält, dann blickte er mich wie um Rath fragend an.
»Lassen Sie mich mit Mr. Dexter allein,« flüsterte ich ihm zu.
Benjamin warf noch einen halb entsetzten Blick auf die seltsame Erscheinung in seinem Stuhl, machte ihr dann ein Compliment und verließ das Zimmer.
Mit einander allein gelassen, blickten wir uns erst eine Weile schweigend an.
Trotz des entsetzlichen Verdachtes, den mir Mr. Playmore wie einen Gifttrunk eingegeben konnte ich in diesem Augenblicke nicht umhin Miserrimus Dexter zu bemitleiden.
Er ergriff zuerst das Wort.
»Lady Clarinda hat Ihr Vertrauen zu mir zerstört!« rief er wild.
»Das hat Lady Clarinda nicht gethan,« entgegnete ich.
»Sie hat durchaus keinen Versuch gemacht, meine Meinung zu beeinflussen. Ich hatte eine wirkliche Veranlassung, auf einige Tage zu verreisen.«
Er seufzte und schloß die Augen, als wenn ich eine schwere Last von ihm genommen.
»Seien Sie barmherzig und erzählen Sie mir noch mehr,« sagte er. »Ich bin während Ihrer Abwesenheit so elend gewesen. Sind Sie sehr müde von der Reise? Ich dürste nach Mittheilungen von des Majors Diner. Nur eine Frage heute, auf das Andere will ich gern bis morgen warten. Was sagte Lady Clarinda über Mrs. Beanly? Alles, was Sie zu hören wünschten?«
»Und noch mehr,« antwortete ich.
»Was? was? was?« rief er mit wilder Ungeduld.
Mr. Playmores letzte prophetische Worte klangen mir wieder in den Ohren. Er hatte in der positivsten Art erklärt, daß Dexter mich zu mißleiten fortfahren und nicht erstaunen würde, wenn ich ihm mittheilte, wie sich Lady Clarinda über Mrs Beanly geäußert. Ich war entschlossen, die Prophezeiung des Advocaten, so weit sie das Erstaunen betraf, aus die härteste Probe zu stellen.
Ich ging ohne irgend welche Einleitung sogleich zum Angriff über.
»Die Person, welche Sie in dem Corridor sahen, war nicht Mrs. Beanly,« sagte ich. »Es war das Mädchen in ihrer Herrin Hut und Mantel. Mrs. Beanly war gar nicht im Hause anwesend. Sie tanzte aus einem Maskenball in Edinburgh. So erfuhr es Lady Clarinda von dem Mädchen, und so erfuhr ich es von Lady Clarinda.«
Ich hatte diese Worte so schnell gesprochen, wie es mir möglich war; aber Miserrimus Dexter machte die Prophezeiung des Advocaten vollständig zu Schanden. Er schaudert unter dem Angriff zusammen. Seine Augen öffneten sich weit. »Sagen Sie es noch einmal!« rief er. »Ich muß es noch einmal hören!«
Ich war mit diesem Resultat mehr als zufrieden und triumphirte über meinen Sieg. Diesmal hatte ich wirklich Veranlassung mit mir zufrieden zu sein. Ich hatte, Mr. Playmore gegenüber, die Angelegenheit von der christlichen Seite aufgefaßt und sofort meine Belohnung erhalten.
Indem ich auf Mr. Dexters Wunsch die Nachricht wiederholte, fügte ich alle Details hinzu, durch welche Lady Clarinda die Sache noch glaubwürdiger erscheinen ließ.
Miserrimus Dexter hörte mit athemloser Aufmerksamkeit zu.
»Was soll man davon denken,« sagte er mit 's einem Blick der Verzweiflung »So seltsam es auch scheint, klingt es von Anfang bis zu Ende wahr.«
Was wurde Mr. Playmore gesagt haben, wenn er diese Worte gehört. Ich nahm zu seiner Ehre an, daß er ihn ebenfalls für unschuldig gehalten hätte.
»Was soll man anders davon denken,« entgegnete ich, »als daß Mrs. Beanly unschuldig ist und Sie ihr bitteres Unrecht gethan haben.«
»Ich bin ganz Ihrer Meinung,« antwortete er, ohne einen Augenblick zu zögern. »Mrs. Beanly ist unschuldig Ihre Vertheidigung im Prozeß war eine ganz richtige.«
Damit lehnte er sich behaglich in seinen Stuhl zurück und schien mit dem neuen Resultat vollständig zufrieden.
Ich konnte von mir nicht dasselbe behaupten. Zu meinem eigenen Erstaunen war ich die weniger vernünftige Person von uns Beiden.
Mr. Dexter hatte mir eigentlich mehr gegeben, als ich verlangte. Er hatte nicht allein Mr. Playmore’s Prophezeiung zu Schanden gemacht, sondern er war noch weit über diese Grenze hinausgegangen. Wenn die Vertheidigung vor dem Gerichtshof nicht anzugreifen war, konnte ich sofort aller Hoffnung entsagen, meinen Mann von jeder Schuld freigesprochen zu sehen. Ich hielt aber dennoch an dieser Hoffnung fest.
»Ihre Ansicht in Ehren,« sagte ich, »ich halte aber an der meinen fest.
Er runzelte die Stirn, als wenn ich ihn enttäuscht hätte.
»Wollen Sie damit sagen, daß Sie Ihren Plan verfolgen wollen?«
»Gewiß.«
Mr. Dexter schlug sofort seine gewohnheitsmäßige Höflichkeit in den Wind.
»Abgeschmackt! – Unmöglich!« rief er voller Verachtung »Sie haben selbst erklärt, daß wir Unrecht thaten, Mrs Beanly zu beargwöhnen. Ist es denn möglich, noch Verdacht auf einen Andern zu werfen? Vollständig lächerliche Frage! Wir müssen die Sache lassen, wie sie ist, und nicht ferner darin herumrühren. Ich rathe Ihnen, sich dem schottischen Verdict zu fügen.«
»Das wird nimmermehr geschehen, Mr. Dexter.«
Er machte eine gewaltsame Anstrengung, seinen Unmuth niederzukämpfen und wurde wieder ruhig und freundlich.
»Schön! Gestatten Sie, daß ich mich einen Augenblick in meine eigenen Gedanken versenke; ich will etwas thun, das ich bisher noch nicht gethan habe. Ich will in Mrs. Beanly’s Körper fahren und versuchen, ihre Gedanken zu denken.«
Welche neue Umwandlung sollte ich bei diesem seltsamen Wesen erleben? Nachdem er eine Weile mit gesenktem Haupt geträumt, sah er mich wieder mit scharf beobachtendem Blick an.
»Ich komme eben aus Mrs. Beanly's Haut,« sagte er, »und ich bin zu folgendem Resultat gekommen: Wir sind Beide zu hastig gewesen, unsere endgültigen Schlüsse zu ziehen.«
Er hielt inne. Ich erwiderte nichts. Begann der Zweifel an ihm, sich in mir zu regen?
»Ich bin völlig von der Wahrheit dessen überzeugt, was Lady Clarinda Ihnen mitgetheilt,« fuhr er fort. »Wir haben aber etwas außer Acht gelassen. Die Geschichte unterliegt zwei Auslegungen, einer zu Tage tretenden und einer verborgenen. In Ihrem eigenen Interesse hefte ich mein Auge auf die verborgene und halte es für leicht möglich, daß Mrs. Beanly schlau genug war, dem Verdachte zuvorzukommen und ein Alibi beizubringen. Bitte folgen Sie mir aufmerksam. War denn das Mädchen etwas Anderes, als ihrer Herrin passive Mitschuldige? war sie nicht blos die Hand, deren ihre Herrin sich bediente? konnte die erste Dosis des Giftes nicht bereits gegeben sein, als ich sie im Korridor entdeckte? war Mrs. Beanly nicht absichtlich nach Edinburgh gegangen, damit kein Verdacht auf sie fallen solle?«
Als ich Dexter diese Worte sprechen hörte, verstärkten sich die Schatten meines Zweifels an ihm. Sollte ich ihn zu schnell freigesprochen haben? machte er in der That den Versuch, abermals den Verdacht auf Mrs. Beanly zu lenken, wie Mr. Playmore es voraussichtlich gesagt? Dies Mal war ich genöthigt, ihm eine Antwort zu geben.
»Das scheint allerdings weit hergeholt, Mr. Dexter,« sagte ich.
»Es ist auch weit hergeholt,« gab er zu. »Ich stellte ja auch nur die Möglichkeit hin. Wenn Sie aber meine Ansicht verwerfen, was gedenken Sie nun zu thun? Wenn weder Mrs. Beanly noch ihr Mädchen die That begangen haben, wer beging sie denn? Sie ist unschuldig, und ihr Gatte ist unschuldig Auf welche neue Person wollen Sie denn nun Ihren Verdacht lenken? Soll ich sie vielleicht vergiftet haben?« rief er mit flammenden Augen und gellender Stimme. »Haben Sie, oder hat irgend ein Anderer mich im Verdacht? Ich liebte sie; ich betete sie an; ich habe seit ihrem Tode sie betrauert. Ich will Ihnen ein Geheimniß mittheilen – sagen Sie es aber nicht Ihrem Mann, es möchte unsere Freundschaft zerstören – ich wollte sie heirathen, ehe Eustace sie kennen lernte; aber sie schlug mich aus. Fragen Sie Dr. Jerôme, wie ich gelitten, als ich ihren Tod erfuhr. Als ich mich unbemerkt glaubte, kroch ich in ihr Zimmer und nahm den letzten Abschied von den kalten Ueberresten des Engels, den ich geliebt. Ich weinte an ihrem Sterbebett, ich küßte sie zum ersten und letzten Mal. Ich stahl eine Locke von ihrem Haar und habe sie seitdem geküßt jeden Tag, jede Nacht. O Gott! Ich sehe das Sterbezimmer wieder! Das todte Antlitz steht mir vor Augen! Da ist es! Da ist es!t«
Nach diesen Worten zerrte er ein kleines Medaillon hervor, das er an einem Bande um den Hals trug, warf es mir zu und brach in einen Strom von Thränen aus.
Ich muß gestehen, daß Mr. Dexter abermals mein Mitleid erregte. Ich stand auf, gab ihm das Medaillon zurück und legte, kaum wissend, was ich that, meine Hand auf des Unglücklichen Schulter.
»Ich bin unfähig, Sie zu beargwöhnen,« sagte ich freundlich. »Sie thun mir leid im Innersten der Seele.«
Er ergriff meine Hand und bedeckte sie mit Küssen. Seine Lippen brannten wie Feuer. Mit einer blitzschnellen Bewegung schlang er seinen Arm um meine Taille. Von Schrecken ergriffen und vergebens mit ihm kämpfend, rief ich nach Hilfe.
Die Thür ging auf, und Benjamin erschien aus der Schwelle.
Dexter ließ mich los.
Ich lief Benjamin entgegen und verhinderte ihn, einzutreten. Zum ersten Mal in meinem ganzen Leben sah ich meinen väterlichen Freund in Zorn. Mit aller meiner Kraft hielt ich ihn in der Thüre zurück.
»Vergreifen Sie Sich nicht an einem Krüppel,« sagte ich. »Lassen Sie seinen Kutscher hereinkommen, damit er ihn hinwegnimmt.«
Mit diesen Worten zog ich Benjamin aus dem Zimmer und verschloß die Thür. Die Haushälterin ging, den Mann von draußen hereinzurufen. Der Mann kam und wir sahen ihn in die Bibliothek treten. Er nahm Dexter auf den Arm, als wenn er ein kleines Kind gewesen wäre.
»Verbirg’ mein Gesicht,« hörte ich Dexter sagen.
Der Mann öffnete seine rauhe Jacke steckte den Kopf seines Herrn unter den linken Aufschlag und trug ihn hinaus.
Siebentes Capitel.
Ariel
Ich verbrachte eine schlaflose Nacht.
Die mir zugefügte Beleidigung war schon demüthigend genug für mich, aber die damit verbundenen Folgen konnten noch verderblicher werden. In der Verbindung mit Mr. Dexter hatte ich die Verwirklichung meines Lebensplanes gesucht; nun erhob sich ein unübersteigliches Hinderniß zwischen mir und ihm. Obgleich durchaus nicht prüde schreckte ich doch vor dem Gedanken zurück, wiederum einem Manne zu nahen, der mich so gröblich beleidigt.
Ich stand spät auf und mühte mich vergebens ab, an Mr. Playmore zu schreiben.
Gegen Mittag, in Benjamin’s Abwesenheit, kündigte mir die Haushälterin einen neuen seltsamen Besuch an.
»Diesmal ist es eine Frau oder etwas Aenliches,« sagte sie in vertraulichem Tone. »Ein großes, starkes, blödsinnig aussehendes Geschöpf mit einem Männerhut und einem Stock in der Hand. Sie sagt, sie hätte einen Brief für Sie, den sie nur persönlich übergeben dürfte.«
Indem ich das Original dieses Bildes sofort erkannte setzte ich die Haushalterin höchlichst in Erstaunen, als ich ihr den Befehl gab, das Wesen sofort eintreten zu lassen.
Ariel erschien, schweigsam wie immer, aber ich bemerkte eine Veränderung die mich in Erstaunen setzte. Ihre blödsinnigen Augen waren roth und mit Blut unterlaufen, als wenn sie viele Thränen vergossen.
»Ich höre, daß Sie mir etwas bringen,« sagte ich. »Wollen Sie Sich nicht setzen?«
Ohne zu antworten und ohne einen Stuhl zu nehmen, händigte mir Ariel den Brief ein. Ich erkannte Mr. Dexters Handschrift und las Folgendes:
»Versuchen Sie, mit einem Elenden Mit-
»leid zu haben, der den Wahnsinn eines
»Augenblicks bitter bereut Wurm Sie mich
»sehen könnten, würden Sie selber sagen,
»daß meine Strafe hart genug. Ich be-
»schwöre Sie, verlassen Sie mich nicht!
»Ich war außer mir, als ich das Gefühl
»nicht mehr zu bemeistern wußte, das Sie
»in mir erweckt. Ich werde es Sie nie
»wieder blicken lassen; es soll als Geheimniß
»nur mir zu Grabe gehen. Wenn Sie Sich
»jemals wieder herablassen sollten mich zu
»sehen, lassen Sie es in Gegenwart einer
»dritten Person geschehen, die Sie beschützen
»kann. Ich muß mich dem unterziehen, denn ich
»habe es nicht anders verdient Ich will ge-
»duldig warten, bis Ihr Unwille gegen mich
»sich wieder beruhigt hat. Sagen Sie zu Ariel:
»ich vergebe ihm, und er soll mich einst auch
»wiedersehen!« Wenn Sie Ariel ohne Ant-
»wort lassen, schicken Sie mich direct in’s
»Irrenhaus.
Miserrimus Dexter.«
Ich blickte Ariel an.
Sie stand mit gesenkten Augen vor mir und hielt mir ihren Stock hin.
»Nehmen Sie den Stock,« sagte sie.
»Was soll ich damit?« entgegnete ich.
»Sie sind böse auf meinen Herrn. Lassen Sie es mich entgelten. Schlagen Sie mich. Mein Rücken ist breit. Schlagen Sie mich, aber seien Sie ihm nicht mehr böse.«
Damit zwang sie mir den Stock in die Hand und drehte mir den Rücken zu. Mir traten Thränen in die Augen. Ich versuchte vergebens, sie zu beruhigen. Sie bat mich fortwährend, sie zu schlagen und ihrem Herrn nicht mehr böse zu sein.
»Wie soll ich das verstehen?« fragte ich.
Sie versuchte, sich deutlicher zu machen, fand aber keine Worte. Endlich nahm sie ihre Zuflucht zu Gesten, wie sie ein Wilder vielleicht zur Schau getragen hätte. Sie kroch an den Kamin und starrte mit entsetztem Blick ins Feuer. Dann drückte sie beide Hände vor ihre Stirn und bewegte sich hin und her.
»So sitzt er und weint um Sie den ganzen Tag- die ganze Nacht!« sprach sie dazu mit ihrer rauhen unheimlichen Stimme. Mir fiel unwillkürlich jener Brief ein, den der Arzt über Dexters Gesundheit geschrieben und welcher augenblicklichen Wahnsinn verkündigte wenn seine Erregtheit den Culminationspunkt erreichen sollte.
»Stehen Sie aus« sagte ich. »Ich vergebe Ihrem Herrn.«
Sie wandte sich um, und wie ein Hund auf Händen und Knieen vor mir auf der Erde, blickte sie mich mit fast rührender Dankbarkeit an.
»Sagen Sie es ebenso, wie es im Briefe steht,« flehte sie.
Ich suchte die Stelle in dem Briefe und wiederholte nun wörtlich: »Ich vergebe ihm und er soll mich einst auch wiedersehen.«
Mit einem Satz sprang sie vom Boden empor.
»So war es richtig!« rief sie.
»So will ich es meinem Herrn wiedersagen.«
Ich bot ihr zu essen und zu trinken an, aber es war, als wenn ich zu einem der Stühle gesprochen hätte. Sie nahm ihren Stock vom Boden auf und ließ einen wilden Frendenschrei ertönen.
»Nun hat sie es richtig gesagt!« rief sie mit ihrer heiseren Stimme. »Das wird meines armen Herrn Kopf kühlen! Hurrah!«
Dann stürzte sie wie ein wildes, aus dem Käfig gelassenes Thier hinaus.
Als ich wieder allein war, dachte ich über eine Frage nach, die schon klügere Köpfe beschäftigt hatte, als der meine es war. Konnte ein Mann, welcher so hoffnungslos elend war, Jemand eine so rührende Ergebenheit einflößen, wie Dexter sie diesem Wesen eingehaucht, welches ihn am vergangenen Abend so liebevoll auf seinen Armen fortgetragen? Wer kann das entscheiden? Der größte Schurke auf Erden findet immer noch einen Freund – in einem Weibe – oder in einem Hunde.
Ich setzte mich wieder an das Pult und machte einen erneuerten Versuch, an Mr. Playmore zu schreiben. Indem ich mir alle Einzelheiten meiner Begegnung mit Miserrimus Dexter zurückrief, weilte mein Gedächtnis mit besonderem Interesse auf dem seltsamen Gefühlsausdruck, welchen das Geständniß seiner Liebe zu der verstorbenen Mrs. Macallan zur Folge hatte. Die entsetzliche Scene im Krankenzimmer wollte nicht aus meiner Erinnerung weichen, namentlich da ich in jüngster Zeit das Sterbezimmer selbst in Augenschein genommen. Ich kannte die ganze Lokalität, als wenn ich sie selber bewohnt.
Als mein Träumen bei dem Corridor weilte, hielt ich plötzlich inne, und meine Gedanken schlugen eine andere Richtung ein.
«Welche neue Ideen-Verbindung als die mit der Person Dexters konnte ich beim Anblick des Corridors bekommen? War etwas, das ich bei meiner Anwesenheit in Gleninch gesehen? Nein. War es etwas, das ich gelesen? Ich nahm den gedruckten Prozeß wieder zur Hand. Ich schlug die Zeugen-Aussage der Wärterin auf und kam bei Durchlesung derselben zu folgenden Zeilen:
»Vor Schlafengehen ging ich die Treppe
»hinunter, um die Ueberreste der verstor-
»benen Lady für den Sarg vorzubereiten.
»Das Zimmer, in welchem sie lag, war
»verschlossen; ebenso waren es die Thüren
»welche nach Mrs. Macallans Zimmer und
»die, welche nach dem Corridor führen.
»Die Schlüssel waren von Mr. Gale fort-
»genommen worden Zwei Diener standen
»vor dem Schlafzimmer, um Wache zu
»halten, sie sollten Morgens 4 Uhr abge-
»löst werden, das war Alles, was sie mir
»zu sagen hatten.«
Dergestalt war meine verlorene Ideenverbindung mit dem Corridor. Dieses Umstandes hatte ich mich erinnern sollen, als Dexter mir von seinem Besuche bei der Leiche erzählte. Wie war er in das Schlafzimmer gekommen, obgleich die Thüren zu demselben verschlossen waren und die Schlüssel in Mr. Gales Tasche steckten? Nur von einer der verschlossenen Thüren hatte Mr. Gale nicht den Schlüssel, und dies war die Verbindungsthür zwischen der Bibliothek und dein Schlafgemach. Von dieser Thür fehlte der Schlüssel. War er gestohlen worden? Und war Dexter der Dieb? Er konnte auch an den Dienern vorüber gegangen sein, im Fall sie eingeschlafen waren. Aber auf welchem anderen Wege konnte er in das Schlafgemach gelangen, als durch die verschlossene Thür zur Bibliothek. Er mußte also den Schlüssel gehabt haben. Und er mußte ihn schon Wochen vor Mrs. Macallans Tode in Verborgenheit gehalten haben. Als am 7. des Monats die Wärterin zum ersten Mal nach Gleninch kam, hatte sie, ebenfalls den Schlüssel bereits vermißt, wie sie später in ihrer Zeugenaussage darthat.
Zu welchem Schluß führten diese Betrachtungen und Entdeckungen? Sollte Miserrimus Dexter in einem Augenblick nicht zu beherrschender Aufregung mir den Schlüssel des Geheimnisses in die Hand gegeben haben, welcher auf diese Weise identisch wurde mit dem fehlenden Schlüssel der Verbindungsthür? Ich kehrte zum dritten Mal an mein Pult zurück. Der Einzige, welcher vielleicht eine Antwort auf diese Frage finden konnte, war Mr. Playmore. Ich schrieb ihm einen ausführlichen Bericht über alles Geschehene, ich bat ihn um Verzeihung wegen der undankbaren Aufnahme seines mir so gütig ertheilten Rathes und gab ihm das heilige Versprechen, nichts zu unternehmen, ohne vorher seine Ansicht gehört zu haben.
Da es ein schöner Tag war, und ich mich nach frischer Luft sehnte, beschloß ich, den Brief selbst ans die Post zu tragen.
Als ich zu der Villa zurückkehrte, theilte die Haushälterin mir mit, daß meine Schwiegermutter gekommen sei und mich erwarte.
Achtes Capitel.
Am Bett
Ehe meine Schwiegermutter ein Wort gesprochen hatte, las ich schlechte Nachrichten auf ihrem Antlitz.«
»Eustace?« sagte ich.
Sie antwortete mir mit einem Blick.
»Lassen Sie mich sogleich Alles wissen!« rief ich.
Mrs. Macallan erhob die Hand und zeigte, eine telegraphische Depesche, welche sie bisher unter ihrem Mantel verborgen.
»Nehmen Sie Ihren Muth zusammen und lesen Sie das,« sagte sie.
Ich las das Telegramm. Es war von dem Oberarzt eines Feld-Hospitals abgesandt und zwar aus einem Dorfe im nördlichen Spanien:
»Mr. Eustace in einem Scharmützel durch
»einen Schuß schwer verwundet Bis jetzt
»nicht in Gefahr. Aller Sorgfalt anver-
»traut. Warten Sie ein zweites Tele-
»gramm ab.«
Ich wandte mein Antlitz, um den Schmerz zu verbergen, der sich auf ihm ausdrücken mußte. Jetzt fühlte ich erst, wie innig ich ihn liebte!
Meine Schwiegermutter schlang den Arm um mich und küßte meine Stirn. Sie fühlte wohl, daß sie in diesem Augenblick nicht zu mir sprechen durfte.
Ich raffte meinen ganzen Muth zusammen und zeigte auf die letzte Stelle des Telegramms.
»Gedenken Sie zu warten?« fragte ich.
»Nicht einen Tag!« antwortete sie. »Ich gehe sofort auf dass auswärtige Amt wegen eines Passes und der nöthigen Empfehlungsbriefe. Mit dem Nachtzuge fahre ich nach Calais«
»Sie wollen reisen?« sagte ich. »Sie allein? Bringen Sie mir meinen Paß auch gleich mit; um 7 Uhr heute Abend werde ich bei Ihnen sein.«
Sie suchte mich von meinem Entschlusse abzubringen; aber schon bei den ersten Worten unterbrach ich sie. »Haben Sie meine Halsstarrigkeit schon wieder vergessen, Mutter? Bitte, eilen Sie, ehe die kostbare Zeit verloren geht!«
Sie gab mit großer Liehenswürdigkeit nach. Dann küßte sie mich und fuhr von dannen.
Meine Reise-Erinnerungen sind wenig klar und unvollkommen. Wir hatten manche Beschwerde zu erdulden, manchen Aufenthalt zu ertragen, der unsere Geduld auf harte Proben stellte. Ich erinnere mich, Freunde gefunden zu haben, welche uns in einem kritischen Moment unserer Reise beschützten. Eine lange Reihe von Männern tritt vor mein geistiges Auge, wild aussehende Gestalten, die ebenso grausam gegen Pferde als höflich gegen Damen waren. Am lebhaftesten steht aber in meiner Erinnerung ein elendes Schlafzimmer in einem elenden Dorfwirthshause, in welchem wir unsern Eustace fanden, zwischen Leben und Tod schwankend und gefühllos für die ganze kleine Welt um ihn her.
Es war durchaus nichts Romantisches, das meines Gatten Leben in Gefahr gebracht.
Um einen armen Verwundeten vom Schlachtfelde zu holen, hatte er sich dem Gefecht zu nahe gewagt und dabei den Schuß bekommen. Seine Brüder vom Feld-Hospital hatten ihn mit Gefahr ihres Lebens zurückgetragen.
Das Wundfieber hatte wie gewöhnlich ein Delirium herbeigeführt. So weit ich seine wenigen und undeutlichen Worte verstehen konnte, beschäftigten sich seine wandernden Gedanken ausschließlich mit seiner Frau. Während der Stunden seines Deliriums, Stunden, welche mit erbarmungsloser Regelmäßigkeit wiederkehrten, trat mein Name oft auf seine fieberhaft bewegten Lippen. Der herrschende Gedanke, welcher seine Träume durchzog, beschäftigte sich mit dem entsetzlichsten Ereigniß seines Lebens und mit dem letzten Gespräch, das er mit mir gehabt. Die Erinnerung, vor der Welt als schuldig dazustehen quälte ihn auf schreckliche Weise. In seinen Fieber-Phantasieen bildete er sich ein, noch unter den alten Einflüssen mit mir zu leben. Er spielte, so zu sagen, die Befürchtungen durch, welche er gehegt, und die ihn veranlaßt hatten, sich von mir zu trennen. Er gab erst seine Rolle und dann die meine. Er reichte mir eine Tasse Thee, und ich sagte, wir hatten gestern einen kleinen Streit, Eustace. Ist sie vergiftet? Er küßte mich als Zeichen der Versöhnung und ich erwiderte lachend: es ist jetzt Morgen, liebes Kind. Soll ich heute Abend um 9 Uhr sterben? Ich lag krank im Bett und er gab mir meine Medizin. Ich blickte ihn argwöhnisch an. Ich sagte ihm: »Du liebst ein anderes Weib. Befindet sich etwas in der Medizin, von dem der Doctor nichts weiß?« Das waren die sich ewig wiederholenden Scenen des Dramas, welches sich in seinem Geiste abspielte. Bei andern Gelegenheiten wanderten seine Gedanken zu meinem verzweifelten Projekt, ihn unschuldig erklären zu lassen. Zuweilen lachte, zuweilen weinte er darüber, manchmal gab er sich aber auch Mühe, mir unvermuthete Hindernisse in den Weg zu legen. Die Personen mit denen ich nach seiner Ansicht in Verbindung getreten, suchte er auf alle mögliche Weise mir abwendig zu machen. »Kümmert Euch nicht darum, wenn sie weint. Es ist nur zu ihrem Guten. Es geschieht nur, um das arme Weib vor Gefahren zu retten, die ihre Seele nicht ahnen kann. Ihr müßt kein Mitleid mit ihr haben, wenn sie sagt, daß es um meinetwillen geschehe. Seht doch! Sie geht dem Verderben entgegen, sie wird sich entwürdigen ohne es zu wissen. Haltet sie auf!«
Obgleich ich ihn in Fieber-Phantasien wußte, kann ich dennoch nicht leugnen, daß mir viele dieser Aeußerungen große Kränkung bereiteten.
Wochen gingen dahin und er schwankte noch immer zwischen Leben und Tod.
Da ich kein Tagebuch führte, vermag ich nicht den Tag anzugeben, an welchem sich sein Zustand zur Besserung neigte. Ich erinnere mich nur, daß es an einem schönen Wintermorgen war, als der Ausspruch des Arztes die schwere Last von unserer Seele nahm. Der Doctor stand gerade an seinem Bett, als der Patient erwachte. Mit einem Blick sagte er mir, daß ich mich schweigsam verhalten und zurücktreten solle. Meine Schwiegermutter that dasselbe, und mit vollem Herzen dankten wir Gott, daß er uns den Sohn und Gatten wiedergegeben.
Noch an demselben Abend sprachen meine Schwiegermutter und ich über die Zukunft.
»Der Arzt sagt mir,« meinte Mrs. Macallan »daß Eustace zu schwach ist, um irgend eine Ueberraschung ertragen zu können. Wir müssen uns also überlegen, ob es rathsam ist oder nicht, ihm mitzutheilen, daß wir ihn gemeinschaftlich gepflegt. Können Sie es über Ihr Herz bringen Valeria, ihn jetzt zu verlassen, da Gott ihn uns wiedergegeben?«
»Wenn ich nur mein eigenes Herz befragte,« antwortete ich, »würde ich ihn niemals mehr verlassen.«
Mrs. Macallan blickte mich erstaunt an.
»Was haben Sie denn sonst noch zu befragen?« Fragte sie.
»Ich habe das Glück unserer Zukunft zu bedenken Mutter. Ich kann viel erdulden aber ich kann es Nicht über mein Herz bringen, ihn noch einmal mich verlassen zu sehen.«
»Sie thun ihm Unrecht, Valeria wenn Sie ihm zutrauen, daß er Sie noch einmal verlassen könnte.«
»Meine liebe Mrs. Macallan haben Sie denn schon wieder vergessen, was wir gehört, als wir an seinem Krankenbett saßen?«
»Das waren Fieber-Phantasien. Es ist hart, ihn dafür verantwortlich zu machen.«
»Es ist noch härter,« sagte ich, »seiner Mutter zu widerstehen, wenn sie die Partei ihres Sohnes nimmt. Ich mache Eustace nicht für das verantwortlich, was er im Fieber gesagt. Die wildesten Worte die von seinen Lippen gefallen glichen denen auf ein Haar, die er in den Tagen voller Kraft zu mir gesprochen. Welche Hoffnung habe ich, daß seine Ansicht sich geändert habe? Trennung und Krankheit konnten dies nicht zu Wege bringen. In voller Gesundheit und in der Phantasie des Fiebers hegte er denselben schrecklichen Zweifel gegen mich. Ich sehe nur einen Weg, ihn mir wieder zu gewinnen. Ich muß den Grund, weshalb er mich verlassen, mit der Wurzel ausrotten. Es ist nutzlos, ihn zu versichern, daß ich ihn für unschuldig halte. Ich muß ihm zeigen, daß dieser Glaube nicht länger nothwendig sei, indem ich die ganze Welt von seiner Unschuld überzeuge.«
»Valeria! Valeria! Sie verschwenden Zeit und Worte. Sie haben das Experiment versucht und ebenso gut eingesehen wie ich, daß kein günstiges Resultat damit zu erzielen ist. Gesetzt, Sie kehrten aus reinem Mitleid für einen Elenden, halb Wahnsinnigen, zu Mr. Dexter zurück, welcher Sie bereits insultirt, so kann diese Rückkehr nur in meiner oder in der Gesellschaft einer anderen älteren Person geschehen. Sie können nur so lange bei ihm bleiben, bis er Ihnen eine neue Komödie vorgespielt, die Sie mit mehr oder weniger Gefallen angeschaut haben. Damit ist dann Alles geschehen. Gesetzt auch, Dexter sei noch im Stande, Ihnen behilflich zu sein, wie können Sie Sich dieser Hilfe anders bedienen, als daß Sie familiär mit ihm werden und ihn zu Ihrem Vertrauten machen. Antworten Sie mir aufrichtig. Können Sie das thun, nachdem Sie solchen Auftritt in Benjamins Hause erlebt?«
Ich hatte keinen Grund, meine Schwiegermutter zu tadeln, und ich stimmte deshalb auch mit ihrer Ansicht überein, daß ich mit Miserrimus Dexter niemals wieder auf einen vertrauten Fuß kommen dürfe.
Mrs. Macallan verfolgte mitleideslos den Vortheil, den sie über mich gewonnen.
»Sehr gut,« sagte sie, »da Ihnen diese Quelle nun Verstopft ist, was gedenken Sie ferner zu thun?«
Ich fühlte mich augenblicklich außer Stande, diese Frage zu beantworten.
Mrs. Macallan führte ihren letzten Streich auf mich, welcher ihren Sieg vollendete.
»Mein armer Eustace ist schwach und angegriffen,« sagte sie, »aber er ist nicht undankbar. Mein Kind, Sie haben ihm Böses mit Gutem vergolten, Sie haben den Beweis geliefert, wie treu und innig Sie ihn lieben. Vertrauen Sie mir und vertrauen Sie ihm. Er wird Ihnen nicht widerstehen können. Lassen Sie ihn das treue Antlitz sehen, das er in seinen Träumen geschaut, und er wird aufs Neue der Ihre sein fürs ganze Leben.«
Sie stand auf und berührte meine Stirn mit ihren Lippen, ihre Stimme war zu Tönen der Zärtlichkeit herabgesunken, wie ich sie nie von ihr gehört.
»Sagen Sie ja, Valeria,« flüsterte sie, »und seien Sie ihm und mir theurer denn je!« Ich war besiegt, meine Energie verloren. Von Mr. Playmore war kein Brief angelangt, der mich hätte aufrichten und mir rathen können.
Ich hatte so lange und so vergebens widerstanden, ich hatte so viel gelitten, war so großem Ungemach, so harten Enttäuschungen begegnet, und er – befand sich in dem Nebenzimmer noch todesschwach und langsam zum Leben zurückkehrend. Wie konnte ich widerstehen. Indem ich die Bitte meiner Schwiegermutter erfüllt, hatte ich meinem Ehrgeiz, meiner großen und schönen Hoffnung für die Zukunft Lebewohl gesagt.
Fahr wohl also, schöner und herrlicher Kampf. Willkommen dumpfe Resignation, der ich jetzt mit großen Schritten wieder entgegen gehe!
Meine Schwiegermutter und ich schliefen zusammen in einem Kämmerlein unter dem Dach. Die Nacht, welche unserer Unterredung gefolgt, war bitter und kalt. Uns fror in den Betten, trotz der übergedeckten Plaids und Kleidungsstücke. Meine Schwiegermutter schlief, ich konnte aber keine Ruhe finden. Der Gedanke, wie mein Gatte mich empfangen würde, die Ungewißheit meiner nächsten Zukunft ließen keinen erquickenden Schlummer in meine Augen kommen.
In diesem qualvollen Zustande mochten einige Stunden vergangen sein, als ein seltsames Gefühl über mich kam, das mich staunen machte und erschreckte. Athemlos und mit klopfendem Herzen fuhr ich im Bett empor. Die Bewegung erweckte Mr. Macallan. »Sind Sie krank?« fragte sie. »Was fehlt Ihnen?« Ich erzählte ihr, so gut ich es vermochte. Sie schien mich zu verstehen, ehe ich zu Ende war. Sie nahm mich zärtlich in ihre Arme und drückte mich an ihr Herz. »Mein armes unschuldiges Kind,« sagte sie, »ist es möglich, daß Sie das noch nicht wissen?« Dann flüsterte sie einige Worte in mein Ohr.
Nimmer werde ich den Aufruhr der Gefühle vergessen, welche diese geflüsterten Worte hervorriefen, ein seltsames Gemisch von Furcht und Freude, von Kummer und Trost, von Stolz und Demuth, welches meine ganze Seele erfüllte und von diesem Moment an ein neues Wesen aus mir machte. Wenn Gott mir noch einige Monate Leben gab, sollte ich der heiligsten aller menschlichen Freuden theilhaftig werden, der entzückenden Freude, Mutter zu sein.
Ich weiß nicht, wie der Rest der Nacht verlief. Als ich am andern Morgen erwachte, kleidete ich mich schnell an und ging in die frische Luft hinaus, um ein wenig mit mir allein zu sein. Ich habe gesagt, daß ich mich wie ein neues Wesen fühlte. Der Morgen fand mich mit einem neuen Entschluß, mit einem neuen Muthe beseelt. Wenn ich jetzt an die Zukunft dachte, hatte ich nicht mehr allein für meinen Mann zu sorgen. Sein guter Name gehörte nicht mehr ihm und mir. Er sollte auch bald die kostbarste Erbschaft werden, die er seinem Kinde hinterlassen konnte. Was hatte ich gethan, während mir dieses Ereigniß noch unbekannt war? Ich hatte der Hoffnung entsagt, seinen Namen von dem Flecken zu reinigen, der noch immer auf ihm haftete, wenn er auch in den Augen des Gesetzes noch so klein sein mochte. Unser Kind konnte einst gehässige Zungen hören: »Dein Vater stand einst wegen Giftmordes vor Gericht und wurde nicht freigesprochen.« Das durfte unter keinen Umständen geschehen. Ich mußte noch einmal einen Versuch wagen, einen klareren Blick in Dexters Gewissen zu thun.
Ich ging nach dem Hause zurück und schüttete meiner Schwiegermutter mein ganzes Herz aus, indem ich ihr den veränderten Entschluß mittheilte, welcher diesen Morgen über mich gekommen.
Sie war mehr denn enttäuscht, sie war beinahe böse auf mich. Das Glück, welches nun bald eintreten würde, sollte ein neues Band zwischen meinem Gatten und mir werden. Wenn ich Eustace unter diesen Umständen verließe, würde ich herzlos und thöricht zu gleicher Zeit handeln. Bis ans Ende meines Lebens würde ich es bereuen, die goldene Gelegenheit fortgeworfen zu haben, die einzig und allein im Stande wäre, unsere Wege für die Zukunft zu ebnen. Diesmal kostete es mich einen harten Kampf; aber ich hielt fest an meinem Entschluß. Die Ehre des Vaters, die Erbschaft des Kindes, erhielten meinen Willen aufrecht. Meine angeborene Halsstarrigkeit trug den Sieg über alle Vernunftgründe davon. Manchmal blickte ich auch ins Krankenzimmer, und das Bild des schlafenden Eustace verlieh mir neue Kraft.
Ich machte Mrs. Macallan nur eine Concession, ich willigte ein mit meiner Rückreise nach England noch zwei Tage zu warten.
Es war gut, daß ich also gethan. Andern zweiten Tage übergab mir der Director des Feldhospitals einen Brief von Mr. Playmore. Wenn ich noch in Zweifel über meinen Entschluß gewesen wäre, würde der vortreffliche Mann denselben gelöst haben.
Im Folgendem gebe ich einen Auszug aus seinem Briefe:
»Lassen Sie mich Ihnen erzählen,« schrieb
»er, »was ich gethan habe, um die in Ihrem
»Schreiben angedeuteten Schlußfolgerungen
»nach besten Kräften zu bewahrheiten.
»Ich habe einen der Diener aufgefunden,
»welche in jener Nacht den Corridor be-
»wachten, als Eustace's erste Frau verschied.
»Der Mann erinnert sich vollkommen, daß
»Mit Dexter in einer späten Stunde der
»Nacht vor ihm und seinem Kameraden er-
»schienen sei. Dexter sagte zu ihnen, ich darf
»doch wohl in die Bibliothek gehen und ein
»wenig lesen? Ich kann nicht schlafen nach
»dem schrecklichen Ereigniß! Die Leute hatten
»keine Instruction, den Eintritt in die Biblio-
»thek zu verwehren. Sie wußten ja, daß die
»Verbindungsthür mit dem Schlafzimmer ver-
»schlossen war, und daß die Schlüssel zu den
»beiden anderen Thüren sich im Besitz des
»Mr. Gale befanden. Die Diener erlaubten
»also Mr. Dexter, die Bibliothek zu be- »
treten. Er schloß die Thür hinter sich und
»blieb, wie die Diener glaubten, in der
»Bibliothek, und wie wir wissen, im Schlaf-
»zimmer. Jetzt konnte er von der Bibliothek
»in das Schlafzimmer nur mit Hilfe des feh-
»lenden Schlüssels gelangen. Wie lange er ab-
»wesend war, ist nicht mit Genauigkeit zu
»bestimmen. Der Diener erinnert sich nur,
»daß er bleich wie der Tod herauskam und,
»ohne ein Wort zu sagen, in sein Zimmer zu-
»rückkehrte.
»Dies sind Facta! Die aus denselben zu
»ziehenden Schlüsse erscheinen von höchster
»Wichtigkeit und rechtfertigen Alles, was ich
»Ihnen in Edinburgh gesagt.
»Nun zu Ihnen selbst. Sie haben un-
»wissentlich in Mr. Dexter ein Gefühl gegen
»sich wachgerufen, welches leicht zu charac-
»terisiren ist. Es liegt in Ihrer Figur, in
»ihren Bewegungen ein gewisses Etwas; wel-
»ches, auch nach meinem eigenen Urtheil, an
»die verstorbene Mrs. Macallan erinnert.
»Ohne länger bei diesem Gegenstande ver-
»weilen zu wollen, mache ich Sie nur noch
»darauf aufmerksam, daß Dexter in Folge
»Ihres über ihn gewonnenen Einflusses, und
»zwar in Momenten heftiger Erregung, seine
»Gefühle durch die Sprache verräth, ehe der
»Gedanke das Gefährliche seiner Handlungs-
»weise überlegte. ist mehr denn wahr-
»scheinlich, daß er dies wiederholen wird, wenn
»Sie ihm die Gelegenheit dazu geben. Wäh-
»rend Ihres kurzen Aufenthaltes in Edinburgh
»sind Sie entschieden Ihrem Ziel einen Schritt
»näher gerückt. Ich lese aus Ihrem Briefe
»die feste Ueberzeugung, daß Dexter in ge-
»heimer Beziehung zu der Verstorbenen ge-
»standen, und zwar nicht allein zur Zeit Ihres
»Todes, sondern bereits Wochen vorher. Wenn
»es Ihnen gelingen sollte, die Art dieser ge-
»heimen Beziehungen zu entdecken, so haben
»Sie höchst wahrscheinlich auch den Schlüssel
»zu der Unschulds-Erklärung Ihres Gatten
»gefunden. Deshalb kann ich Ihnen als Ihr
»aufrichtiger Freund nur rathen, das Wagniß
»einer neuen Zusammenkunft mit Dexter zu
»bestehen. Eine Verantwortlichkeit kann ich
»allerdings nicht übernehmen, und überlasse
»daher die endgültige Entschließung Ihrer
»eigenen Einsicht. In jedem Fall aber bitte
»ich Sie mir Ihre Entschließung mittheilen zu
»wollen.
Mein Entschluß war gefaßt, ehe ich den Brief zu Ende gelesen. Am nächsten Tage berührte ein französischer Dampfer die spanische Küste. Schnell wie gewöhnlich, ohne Jemand um Rath zu fragen, nahm ich einen Platz auf demselben.
Neuntes Kapitel.
Auf der Rückreise
Wenn ich die Heimkehr in meinem eigenen Wagen angetreten, würden die folgenden Capitel nicht geschrieben worden sein; denn ehe wir eine Meile zurückgelegt, hätte ich dem Kutscher befohlen, umzukehren.
Kann man denn immer entschlossen sein?
Bei Beantwortung dieser Frage denke ich mehr an die Frauen als an die Männer. Ich war entschlossen gewesen, indem ich Mr. Playmores taubes Ohr zu einem hörenden machte, indem ich den Rathschlägen meiner Schwiegermutter widerstand, indem ich einen Platz aus dem französischen Dampfer nahm.
Gleich, nachdem ich denselben bestiegen, sagte ich aber zu mir selbst: »Du Elende, Du hast Deinen Gatten verlassen!« Ich würde meine Seligkeit darum gegeben haben, wenn ich das Schiff hätte anhalten können. Es war eine qualvolle, entsetzliche Reise für mich. Nur einen Tröster führte ich bei mir, es war eine Locke von Eustace’s Haar. Ich raubte sie ihm eines Morgens, als er noch schlief.
Es wird allgemein gesagt, daß die Zeit der beste Tröster für betrübte Seelen sei. Nach meiner eigenen Erfahrung leistet die Entfernung in ähnlichen Fällen noch bessere Dienste. Ich kam sehr bald zu ruhigeren Reflectionen. Ich gewann die Ueberzeugung, daß der Empfang meines Gatten, nach dem ersten freudigen Aufleuchten der Ueberraschung, das Vertrauen seiner Mutter nicht gerechtfertigt haben würde.
Wenn es auch ein Wagniß war, zu Mr. Dexter zurückzukehren, so war es vielleicht ein ebenso großes, mich uneingeladen einem Manne aufzudrängen, welcher zu wiederholten Malen, erklärt hatte, daß unser ferneres Zusammenleben unmöglich und daß unser eheliches Glück vernichtet sei.
An Englands Küste angekommen, blieb ich einen Tag in Portsmouth, um mich etwas zu erholen, und drei Briefe zu schreiben.
Einen an Benjamin, bei dem ich mich zum nächsten Abend anmeldete. Den zweiten an Mr. Playmore mit der Benachrichtigung daß ich im Begriff sei, den letzten Versuch zur Durchdringung des Geheimnisses von Gleninch zu machen. Den dritten an Eustace in welchem ich ihm gestand, daß ich ihn während seiner Krankheit gepflegt, und in welchem ich ihm den einzigen Grund mittheilte, weshalb ich ihn wieder verlassen. Den letzten Brief schloß ich in ein Schreiben an meine Schwiegermutter ein, in dem ich es ihrem Dafürhalten überließ, wann sie denselben an Eustace aushändigen wollte. Unter allen Umständen verbot ich ihr aber, meinem Gatten mitzutheilem welch neues Band uns jetzt zusammenknüpfte. Er sollte die Freudenbotschaft nur von meinen Lippen hören.
Als ich diese drei Briefe geschrieben, war sich bereit, den letzten Trumpf in dem Spiele um mein Lebensglück wegzugeben, nicht wissend, ob ich es gewinnen, oder ob ich es verlieren würde.
Zehntes Capitel.
Auf dem Wege zu Dexter
»Ich glaube beim Himmel, Valeria, daß der Wahnsinn dieses Ungethüms Sie angesteckt hat!«
Das war Benjamins Meinung von mir, nachdem ich ihm meinen Entschluß mitgetheilt, noch einen Besuch bei Miserrimus zu wagen. Ich wandte meine mildeste Ueberredungsgabe an, um meinen alten Freund zu bitten, daß er doch ein wenig Geduld mit mir haben möge; aber diesmal ganz vergebens.
Alle meine Worte waren nur Oel in’s Feuer gegossen.
»Ihn noch einmal besuchen! Ihn wiedersehen!« rief Benjamin unwillig. »Nachdem er Sie so gröblich beleidigt, unter meinem Dach, in diesem Zimmer! Wache ich denn oder träume ich?!«
Diesem leidenschaftlichen Ausbruch seines Gefühls mußte mit Entschiedenheit entgegen getreten werden.
»Ruhe, mein alter Freund,« sagte ich.
»Wir müssen mit einem Manne Nachsicht haben, der unter so erschwerenden Umständen lebt, wie Miserrimus Dexter. Ich beginne fast zu glauben, daß auch ich an jenem Abend mich nicht ganz richtig benommen habe. Eine Frau, die sich selber achtet, und deren ganzes Herz ihrem Gatten gehört, ist wahrlich nicht sehr beleidigt, wenn ein Krüppel es wagt, seinen Arm um ihre Taille zu legen. Außerdem habe ich ihm vergeben und Sie haben dasselbe gethan. Wenn Sie mich begleiten, wird er sich nicht wieder vergessen. Sein Haus, und namentlich die Bilder in demselben, werden Sie interessiren. Ich werde ihm heute schreiben, daß wir morgen kommen.«
Er willigte, wenn auch mit Widerstreben, ein. – — —
Nachdem ich meinen Brief geschrieben, beschlich mich ein gewisses Angstgefühl über Dexters Gesundheit. Wie mochte es ihm während meiner Abwesenheit gegangen sein?
Während ich noch darüber nachdachte, trat die Haushalterin mit irgend einem Begehr in’s Zimmer. Ich fragte sie, ob sie vielleicht etwas von dem seltsamen Wesen gehört, das sie einst so erschreckt habe.
»Ungefähr eine Woche nach Ihrer Abreise, Madame,« sagte sie, mit außerordentlicher Strenge in ihrem Wesen, »hatte es die, von Ihnen erwähnte Person gewagt, Ihnen einen Brief zu schicken. Es wurde dem Boten bedeutet, daß Sie verreist seien und Briefe mit Sicherheit nicht nachgeschickt werden könnten. Nicht lange darauf, Madame, als ich gerade mit Mrs. Macallans Haushälterin Thee trank, hörte ich abermals von der Person. Er kam selbst zu Mrs. Macallan, um dort Erkundigungen über Sie einzuziehen. Wie er sitzen kann, ohne Beine zu haben, ist mir vollständig unverständlich, aber Beine oder nicht Beine, die Haushälterin sah ihn und sagt, daß sie ihn nicht vergessen werde bis zu ihrer Sterbestunde. Sie erzählte ihm von Mr. Eustaces Krankheit und daß Sie und Mrs. Macallan hingereist wären, um ihn zu pflegen. Mit dieser Nachricht fuhr er wieder fort und das ist Alles, was ich von jener Person zu berichten habe.«
Nach diesen Worten verließ sie das Zimmer.
Wieder mit mir allein gelassen, überkam mich neue Unruhe, wie das Experiment des kommenden Tages ablaufen würde. Was ich von der Haushälterin gehört, bewies mir deutlich, daß Mr. Dexter während meiner Abwesenheit in großer Unruhe gelebt, und daß ich ihn morgen wahrscheinlich in größter Aufregung vorfinden würde.
Der nächste Morgen brachte mir eine Antwort von Mr. Playmore. Er schrieb sehr kurz, indem er meinen Entschluß weder tadelte noch lobte, mir aber wiederholt ans Herz legte, jedenfalls bei meinem Besuch einen zuverlässigen Zeugen mitzunehmen. Der interessanteste Passus des Briefes stand am Ende: »Sie müssen darauf vorbereitet sein, eine Umwandlung zum Schlimmen bei Mr. Dexter wahrzunehmen. Ein Freund von mir war neulich mit ihm zusammen und erstaunte über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen. Ihr Besuch wird jedenfalls dazu beitragen jene Erregung noch zu erhöhen. Sie müssen Ihr Benehmen gegen ihn also den Umständen anpassen und das Geständniß seines Geheimnisses auf geschickte um Gottes Willen nicht gewaltsame Art aus ihm herausziehen.« Dann kam noch ein Postscriptum: »Fragen Sie Mr. Benjamin ob er der Bibliotheksthür nahe genug war, um zu hören, was Dexter Ihnen von seinem Besuch des Schlafzimmers in der Nacht, welche Mrs. Macallans Tod sah, erzählte.«
Als wir am Frühstückstische saßen, legte ich Benjamin die Frage vor, durch die er sich abermals verletzt fühlte.
»Ich bin kein Thürenhorcher,« sagte er.
»Manche Menschen haben aber Stimmen, welche darauf bestehen, gehört zu werden. Zu diesen gehört allerdings Mr. Dexter.«
»Sie hörten ihn also?«
»Allerdings, ich hörte, daß er etwas Infames sagte.«
»Diesmal möchte ich Sie bitten, noch mehr zu thun,« wagte ich zu bemerken, »ich möchte Sie bitten, Sich Noten zu machen, während ich mit Mr. Dexter spreche.«
Benjamin sah mich über seinen Teller mit Erstaunen an.
»Das ist wieder ein starkes Verlangen von Ihnen,« sagte er.
»Vergeben Sie mirs Benjamin; trotz Ihres Widerwillens muß ich Sie dennoch ersuchen meinen Wunsch erfüllen.«
Benjamin blickte wieder auf seinen Teller hinab.
»Ich dachte eigentlich, ich hatte mich vom Geschäft zurückgezogen,« sagte er. »Es scheint mir aber beinahe, als wenn ich von Neuem Schreiber werden sollte. Gut denn! Was verlangen Sie also von mir?«
In diesem Augenblicke meldete die Haushälterin, daß der Wagen vor der Thür stehe. Ich stand auf und nahm seinen Arm.
»Nur zwei Dinge,« sagte ich. »Sich hinter Mr. Dexters Stuhl setzen, so daß er Sie nicht sehen kann, aber zu gleicher Zeit auch so, daß Sie mir in’s Antlitz blicken mögen.«
»Je weniger ich von Mr. Dexter sehe, desto lieber wird es mir sein,« entgegnete Benjamin. »Und wenn ich hinter seinem Stuhl sitze, was soll ich dann thun?«
»Auf ein von mir gegebenes Zeichen sollen Sie Dexters Worte niederschreiben, bis ich Ihnen ein anderes Zeichen gebe, wieder aufzuhören.«
»Gut,« sagte Benjamin. »Welches ist das Zeichen für den Anfang und welches ist das Zeichen für das Ende?« Ich war augenblicklich nicht auf eine Antwort vorbereitet. Nach kurzem Sinnen fand ich aber die telegraphische Verbindung zwischen mir, und ihm.
»Ich werde mich in einen Armstuhl setzen,« sagte ich. »Wenn Sie sehen, daß ich die Hand erhebe und mit einem Ohrringe spiele, schreiben Sie nieder, was er sagt. Dann fahren Sie fort, bis Sie mich meinen Stuhl rücken hören. Haben Sie mich verstanden?«
»Vollkommen.«
Wir fuhren nach Dexters Hause.
Elftes Capitel.
Endlich die Nemesis!
Der Gärtner öffnete uns die Thüre.
»Mrs. Valeria?« fragte er.
»Ja.«
»Und Freund?«
»Und Freund.«
»Bitte, gehen Sie hinauf. Sie wissen ja Bescheid.«
Durch die Halle schreitend, blickte ich zufällig auf einen Stock, den Benjamin in der Hand trug.
»Wollen Sie den Stock nicht hier unten lassen?« fragte ich.
»Mein Stock wird mir oben vielleicht sehr nützlich sein,« entgegnete er.
Es war keine Zeit mit ihm zu rechten, deshalb ging ich ihm voraus und stieg die Stufen empor.
Als wir noch unterwegs waren, erschreckte mich ein Schrei, der aus dem oberen Zimmer drang. Der Schrei wiederholte sich, ehe wir in’s Vorgemach traten. Als ich in das innere Zimmer schritt, erblickte ich den vielseitigen Miserrimus in einer neuen Charaktermaske.
Die unglückliche Ariel stand vor einem Tisch, auf dem ein Gericht von kleinen Kuchen befindlich. Um jedes ihrer Handgelenke war eine Schnur gebunden, deren lang herabhängende Enden von Dexters Händen ergriffen worden waren. »Versuche noch einmal, meine Schöne!« hörte ich ihn sagen. »Nimm Dir einen Kuchen.« Nach diesem Kommandowort streckte Ariel gehorsam einen Arm nach dem Gericht aus. Gerade in dem Moment, als sie mit den Fingerspitzen einen der Kuchen ergreifen wollte, wurde ihre Hand vermittelst der Schnur mit einer so teuflischen Kraft und Heftigkeit hinweggerissen, daß ich mich versucht fühlte, Benjamins Stock auf Dexters Rücken zu zerschlagen. Diesmal erduldete Ariel den Schmerz mit spartanischem Schweigen. Sie hatte nämlich meine Anwesenheit bemerkt. Ihre Zähne waren fest zusammengebissen, nicht einmal ein Seufzer entfloh der geängstigten Brust.
»Nehmen Sie ihr die Schnur ab!« rief ich, »oder ich verlasse augenblicklich das Haus.«
Bei dem Klange meiner Stimme brach Dexter in ein schrilles Bewillkommnngsgeschrei aus. Seine Augen hefteten sich auf mein Antlitz, als wenn er mir in der Seele lesen wollte.
»Treten Sie nähert« rief er. »Treten Sie näher und sehen Sie, wie ich die Zeit tödte, wenn die Zeit uns trennt. Ich bin heute in meiner malitiösen Laune, weil ich mich nach Ihnen ängstigte, Mrs. Valeria. Sehen Sie einmal Ariel an. Sie hat den ganzen Tag noch nichts gegessen, und verschmähet es noch jetzt, ein Stückchen Kuchen zu nehmen. Sie brauchen sie nicht zu bemitleiden. Ich verursache ihr keinen Schmerz.«
»Ariel hat keine Nerven,« stimmte das arme Geschöpf ein. »Ariel fühlt keinen Schmerz.«
Ich hörte, wie Benjamin hinter mir seinen Stock schwang.
»Machen Sie die Schnur los!« rief ich, heftiger als vorhin.
»Welch’ herrliche Stimme!« sagte Dexter, indem er die Schnur löste.
»Nimm die Kuchen!« rief er Ariel dann befehlend zu.
Das blödsinnige Wesen ging mit seinen geschwollenen Handgelenken an mir vorüber.
»Ariel hat keine Nerven,« wiederholte sie stolz. »Ariel fühlt keinen Schmerz.«
»Sie sehen,« sagte Miserrimus Dexter, »ich habe ihr nicht wehe gethan. Seien Sie aber nach Ihrer langen Abwesenheit nicht gleich wieder hart gegen mich, Mrs. Valeria.«
Er machte eine Pause. Benjamin, der noch schweigend in der Thür stand, erregte seine Aufmerksamkeit.
»Wer ist das?« fragte er mißtrauisch. »Ah, ich weiß!« rief er, bevor ich antworten konnte. »Das ist der wohlwollende Herr, der das letzte Mal, als ich ihn sah, einem Tröster der Betrübten glich. Sie haben Sich sehr zu Ihrem Nachtheile verändert, Sir. Sie sehen jetzt aus, wie die rächende Justiz. Wohl Ihr neuer Beschützer, Mrs Valeria?«
Er machte Benjamin eine wild ironische Verbeugung.
»Ihr gehorsamer Diener, Herr Justiz-Minister. Ich habe Sie verdient, und ich unterwerfe mich Ihnen. Bitte, treten Sie doch näher. Diese Dame ist das Licht meines Lebens.«
Er rollte seinen Stuhl von Benjamin, welcher ihm mit verachtendem Schweigen zugehört, zurück, bis er sich in meiner Nähe befand.
»Ihr Hand, Licht meines Lebens!« murmelte er in seinen sanftesten Tönen. »Ihre Hand, nur zum Zeichen, daß Sie mir vergeben.« Ich reichte sie ihm. Er küßte sie respektvoll und ließ sie dann mit einem schweren Seufzer wieder fahren.
»Armer Dexter!« sagte er, sich selbst bemitleidend. »Ein warmes Herz in Einsamkeit verwelkt, verhöhnt durch meine Mißgestalt. Armen unglücklicher Dexter!«
Er blickte wiederum mit jener wilden Ironie auf Benjamin.
»Ein schöner Tag, Sir,« sagte er mit höhnischer Höflichkeit. »Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten? Wollen Sie nicht gefälligst Platz nehmen? Wenn ein Justiz-Minister nicht bedeutender ist als Sie, sieht er am besten auf einem Stuhl aus.«
»Und ein Affe sieht am besten in einem Käfig aus,« entgegnete Benjamin.
Die Beleidigung machte keinen Eindruck auf Dexter. Er that als wenn er sie überhört. Er hatte sich abermals verändert. Er war gedankenvoll, und seine Augen hefteten sich mit trauriger Aufmerksamkeit an meine Züge. Ich warf Benjamin einen bezeichnenden Blick zu und setzte mich in den nächsten Armstuhl. Benjamin nahm hinter Dexter Platz. Ariel, ihre Kuchen verschlingend, kauerte sich zu des Meisters Füßen und blickte zu ihm auf wie ein Hund. Es entstand eine Pause, während welcher ich Dexter genauer beobachten konnte.
Mr. Playmores Brief hatte Recht gehabt. Es war eine Veränderung zum Schlimmen mit ihm vorgegangen. Seine Züge waren matt und traurig; das ganze Gesicht schien mir kleiner geworden. Die Milde in seinem Blick war verschwunden. Die Augen waren mit rothen Adern durchzogen. Seine sonst so kräftigen Hände erschienen mir welk und zitternd. Die Blässe seines Antlitzes hatte etwas geisterhaftes bekommen; die Falten waren tiefer gegraben; es schienen Jahre über ihn hinweg gegangen zu sein, während ich nur Monate von ihm entfernt gewesen. Ich bereute jetzt nicht, Spanien so eilig verlassen zu haben. Der von dem Arzt vorhergesehene Moment schien vielleicht näher gerückt als Jener geglaubt. Als sich unsere Blicke zufällig begegneten, fühlte ich deutlich, daß ich es mit einem Verurtheilten zu thun hatte.
Er that mir leid.
Ich wußte, daß er grausam, ich war überzeugt, daß er falsch, und dennoch that er mir leid.
Er errieth meine Gedanken.
»Ich danke Ihnen,« sagte er plötzlich. »Ich thue Ihnen leid, weil ich krank bin. Sie haben mir durch Ihr Erscheinen großes Vergnügen gemacht. Erhöhen Sie dasselbe, indem Sie mich auch Ihre Stimme hören lassen. Erzählen Sie mir, was Sie gethan, seit Sie von England abwesend waren.«
Ich erfüllte seinen Wunsch.
»Lieben Sie Eustace noch immer?« fragte er bitter.
»Ich liebe ihn mehr denn je.«
Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen. Dann sprach er in derselben Situation:
»Und Sie ließen ihn in Spanien? Sie kehrten allein nach England zurück? Weshalb thaten Sie das?
»Weshalb bat ich Sie um Ihren Beistand, Mr. Dexter?«
Er ließ seine Hände sinken und blickte mich an. Er schien erregt.
»Ist es denn möglich,« rief er aus, »daß Sie jene unglückliche Geschichte noch nicht ruhen lassen können? Sind Sie noch immer entschlossen, das Geheimniß von Gleninch zu ergründen?«
»Ich bin noch immer dazu entschlossen, Mr. Dexter, und ich hoffe noch immer auf Ihre Hilfe.«
Der alte Kummer, dessen ich mich so wohl entsann, verdunkelte aufs Neue seine Züge.
»Wie sollte ich Ihnen denn helfen können?« fragte er. »Kann ich die Begebenheiten ändern?« Er hielt inne.
Sein Antlitz wurde abermals heiter, als wenn eine plötzliche Freude über ihn gekommen. »Ich versuchte Ihnen zu helfen,« fuhr er fort. »Ich erzählte Ihnen, daß Mrs. Beanlys Abreise eine Finte war, um dem Verdachte zu entgehen; ich sprach die Vermuthung aus, daß das Gift von Mrs. Beanlys Mädchen beigebracht sein könnte. Hat fernere-s Nachdenken Sie überzeugt?«
Diese Rückkehr zu Mrs. Beanly veranlaßte mich, direkt auf mein Ziel loszugehen.
»Mein Nachdenken hat mich keine Ueberzeugung gewinnen lassen,« antwortete ich. »Ich kann keine Gründe finden. Hatte das Mädchen irgend welche Veranlassung, die Feindin der Verstorbenen zu sein?«
»Kein Mensch auf der Welt hatte Veranlassung, die Feindin der Verstorbenen zu sein!« rief er laut und leidenschaftlich. »Ihr ganzes Wesen athmete Güte, und sie hat weder in Gedanken noch in Worten jemals einen Menschen beleidigt. Sie war eine Heilige auf Erden. Achtung ihrem Angedenken! Lassen Sie die Märtyrerin ruhen in ihrem Grabe.«
Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen und schauderte unter dem Einfluß der Erregung, die er selbst heraufbeschworen. Ariel verließ plötzlich und leise ihren Stuhl und näherte sich mir.
»Sehen Sie meine zehn Krallen?« flüsterte sie, beide Hände emporhebend. »Wenn Sie den Herrn wieder ärgern, werden Sie meine zehn Krallen an Ihrer Kehle fühlen!«
Benjamin erhob sich von seinem Stuhl. Er hatte die Bewegung gesehen, ohne die Worte zu hören. Ich bedeutete ihn, seinen Platz zubehalten. Ariel kroch zu ihrem Stuhl zurück und blickte wieder zu Dexter auf.
»Weinen Sie nicht,« sagte sie. »Hier sind die Schnüre. Schnüren Sie mir noch einmal die Handgelenke zu.«
Er antwortete weder, noch bewegte er sich.
Ariel gab sich Mühe, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich sah es an ihren zusammengezogenen Brauen, an ihren starr auf mich gerichteten Blicken. Plötzlich schlug sie beide Hände zusammen und stieß einen Freudenschrei aus. Sie hatte eine Idee gefunden.
»Herr!« rief sie. Herr!Sie haben mir lange keine Geschichte erzählt. Bringen Sie Grauen in meinen dicken Kopf. Bringen Sie Schauer über meinen ganzen Körper. Bitte, eine recht lange, hübsche Geschichte. Lauter Blut und Verbrechen.«
»Armer Teufel!« sagte er, ihren Kopf streichelnd. »Du verstehst kein Wort von meinen Geschichten, und dennoch liegt es in meiner Macht, dies Haar auf Deinem Haupte sich sträuben zu lassen.«
Er lehnte sich wieder in seinen Stuhl zurück und blickte nach mir. Erinnerte er sich wieder der Worte, welche vor wenigen Minuten zwischen uns gefallen? Nein, seine Gedanken beschäftigten sich mit der Bitte Ariels.
»Ich bin ein außerordentlicher dramatischer Erzähler, Mrs. Valeria,« sagte er. »Dies Geschöpf hier zu meinen Füßen liefert einen sprechenden Beweis dafür. Sie ist eine personifizirte psychologische Studie, wenn ich ihr eine Geschichte erzähle. Ich werde Ihnen eine Probe davon geben. Glauben Sie nicht daß es mich sehr anstrengen wird. Meine Einbildungskraft ist unerschöpflich. Die Herrschaften werden sich sehr gut unterhalten. Ich bin auch gewöhnlich ernster Stimmung, wie Sie, und dennoch muß ich stets über sie lachen.«
Ariel klopfte in ihre großen formlosen Hände. »Er lacht immer über mich!« sagte sie, mich anblickend, mit überlegenem Stolz.
»Hören Sie also, Mrs. Valeria,« begann er mit lauter Stimme. »Ariel, höre Du auch. Wir wollen mit der Formel für alle guten Feengeschichten beginnen. Es war einmal —«
Hier unterbrach er sich schon, legte seine Hand an die Stirn und ließ sie rückwärts und vorwärts darüber hingleiten. Ich hörte ihn leise lachen.
»Es scheint, als wenn ich der Aufregung bedürfte,« sagte er.
Sollten seine Gedanken schon im Wandern begriffen sein? Würde er bald wieder zu sich selbst kommen, wenn wir geduldig warteten und ihm Zeit dazu ließen? Selbst Ariel war erstaunt und schien sich unbehaglich zu fühlen.
So saßen wir in erwartungsvollem Schweigen
»Meine Harfe!« rief er. Die Musik wird mir Anregung geben.«
Ariel brachte ihm die Harfe.
»Herr!« sagte sie verwundert »was ist Ihnen?«
Er gebot ihr mit der Hand Schweigen.
»Ode an die Erfindung,« kündigte er, sich an mich wendend an. »Text und Musik improvisirt von Dexter. Ruhe! Aufgepaßt!«
Seine Finger irrten schwach über die Saiten, aber ohne eine Melodie zu erwecken, ohne ihm Worte zuzuflüstern. Nach einer Weile sank sein Haupt vornüber, und die Stirn ruhte an dem Holz der Harfe. Ich stand auf und näherte mich ihm. War er eingeschlafen oder in Ohnmacht gesunken?
Ich berührte seinen Arm und nannte seinen Namen.
Ariel stellte sich sofort mit drohendem Blick zwischen uns. In demselben Moment hob Miserrimus Dexter den Kopf. Er hatte meine Stimme gehört und sah mich nun mit so ruhiger Beobachtung an, wie ich sie noch nie an ihm wahrgenommen.
»Nimm die Harfe fort,« sagte er mit mildem Ton zu Ariel.
Das nur halb menschliche Geschöpf reizte ihn abermals.
»Nun, Herr?« fragte sie, »wo bleibt denn die Geschichte?«
»Wir brauchen keine Geschichte,« warf ich ein.
»Ich habe noch viel mit Mr. Dexter zu sprechen.«
Ariel sah mich drohend an.
»Ah! Sie wollen es also?« sagte sie, auf mich zuschreitend. In demselben Moment hielt sie des Herrn Stimme von mir zurück.
»Setze die Harfe fort, Du Thier, und warte auf die Geschichte, bis ich sie Dir erzählen werde.«
Sie trug die Harfe gehorsam in einen Winkel des Zimmers. Mr. Dexter rollte mir seinen Stuhl näher. »Ich weiß, was mich aufregen wird,« raunte er mir vertraulich zu. »Ich habe heute noch keine Bewegung gehabt.« Er legte die Hände auf die Maschinerie seines Stuhles und rollte auf die gewöhnliche Art das Zimmer entlang. Doch bald trat eine neue Veränderung ein. Nicht mit pfeifenden und rasenden Rädern wie sonst fuhr er das Zimmer auf und ab, sondern langsamer und schwerer, als wenn es ihm große Mühe verursachte. Dann hielt er inne, wie aus Mangel an Athem.
Wir folgten ihm. Ariel zuerst dann Benjamin und ich. Er winkte die beiden Anderen zurück und gab mir ein Zeichen, näher zu kommen.
»Ich bin außer Uebung« sagte er schwach. »Während Ihrer Abwesenheit habe ich meine Kraft verloren.«
Wer würde ihn jetzt nicht bemitleidet haben? Wer hätte in diesem Moment an seine Verirrungen gedacht? Wiederum war es Ariel, welcher die müden Lebensgeister ihres Herrn weckte.
»Was ist Ihnen, Herr? Wo bleibt die Geschichte?« fragte sie in winselnd weinerlichen Tönen.
»Sie bedürfen der frischen Luft,« sagte ich, »lassen Sie uns eine kleine Spazierfahrt machen.«
Es war nutzlos. Ariels Bitte hatte bereits Dexters schlafende Lebensgeister wieder erweckt.
»Du Elende!« rief er, den Stuhl gegen sie umwendend. »Nun kommt die Geschichte Ich kann sie erzählen! Ich will sie erzählen! Wein her, Du winselndes Kalb! Weshalb dachte ich denn daran nicht früher? Königlichen Burgunders bedarf ich, um meine Phantasie zu entflammen Gläser her für die ganze Gesellschaft!«
Ariel öffnete eine Schieblade im Alkoven und holte eine Flasche und hohe venezianische Gläser hervor. Dexter leerte seinen Humpen aus einen Zug und nöthigte uns ebenfalls zum Trinken. Der feurige Wein übte fast augenblicklich seine Wirkung. Ariel, welche ebenfalls ihr Glas hinunter gestürzt begann mit heiserer Stimme ihre Bitte um die Geschichte abzusingen. Dexter füllte noch einmal sein Glas, und Benjamin beschwor mich mit leiser Stimme, aufzubrechen.
»Nur noch einen letzten Versuch,« flüsterte ich zurück.
Ariel setzte ihren lakonischen Sang fort.
Dexter blickte von seinem Glase auf. Der Wein begann auch in ihm zu wirken. Augen und Wangen bekamen ihren alten Glanz wieder. Der feurige Burgunder war mein Bundesgenosse geworden.
»Keine Geschichte,« sagte ich, »ich bin jetzt nicht in der Laune, eine Geschichte zu hören.«
»Nicht in der Laune?« wiederholte er ironisch »Das ist eine Entschuldigung. Sie glauben, daß meine Phantasie erloschen. Ich will Ihnen zeigen, daß Dexter noch immer der Alte ist. Ruhig, Ariel, oder Du mußt das Zimmer verlassen! Ich habe meine Geschichte fertig, Mrs. Valeria! Es ist gerade etwas, das Sie sehr interessiren wird,« fügte er mit listigem Lächeln hinzu. »Die Geschichte von einer Herrin und einer Magd. Setzen Sie Sich wieder ans Feuer und hören Sie zu.«
Die Geschichte von einer Herrin und einer Magd? Also die Geschichte von Mrs. Beanly. Die Art und Weise, wie er die Erzählung einführte, belebte von Neuem meine Hoffnung. Seine List war wieder erwacht. Unter dem Vorwande, Ariel eine Geschichte zu erzählen, wollte er zweifelsohne einen erneuten Versuch machen, mich auf Irrwege zu führen. Um seine eigenen Worte zu brauchen, Dexter war wieder er selber geworden. Wir setzten uns auf unsere alten Plätze. Ariel sah mich mißtrauisch an, als ob sie glaubte, daß ich ihren Herrn abermals unterbrechen könnte. Das hatte sie aber nicht zu befürchten, ich war jetzt eben so begierig wie sie, die Geschichte zu hören. Das Thema war voller Schlingen für den Erzähler. Er konnte sich in jedem Augenblick verrathen.
Er blickte um sich und begann:
»Ist mein Publikum bereit zu hören?« fragte er heiter. »Blicken Sie mir ein wenig voller in’s Gesicht,« fuhr er mit sanfter Stimme zu mir gewandt fort. »Lassen Sie mich Begeisterung in Ihren Blicken finden. Lassen Sie meine hungrige Bewunderung sich an Ihrer Gestalt sättigen. Begnadigen Sie den Mann, dessen Glück Sie zerstört mit einem Lächeln des Mitleids. Ich danke Ihnen, Licht meines Lebens!l« Dann lehnte er sich in seinen Stuhl zurück.
»Nun endlich die Geschichte! Ich werde sie in die dramatische Form gießen, die kürzeste und treueste, um meine Geschichte zu erzählen. Der Titel also: »Herrin und Magd« Scene: Italien Zeit: 15. Jahrhundert. Blicken Sie auf Ariel. Sie weiß so viel vom 15. Jahrhundert als die Katze in der Küche und dennoch amüsirt sie sich schon. Glücklicher Ariel!«
Ariel blickte mich triumphirend an.
»Ich weiß nicht mehr als die Katze in der Küche,« wiederholte sie eitel. »Ich bin glücklich! Und was sind Sie?«
Miserrimus Dexter lachte, dann fuhr er fort: »Personen des Dramas nur drei Frauen. Angelika, eine vornehme Dame, von Geist und Geburt. Kunigunde ein schöner Teufel in weiblicher Gestalt. Damoride, ihr unglückliches Mädchen. 1. Scene. Dunkel gewölbtes Zimmer in einem Kastell. Es ist Abend. Die Eulen klagen im Walde; die Frösche quaken im Sumpf. Sehen Sie Ariel an. Sie bekommt schon die Gänsehaut. Glückliche Ariel.«
Meine Nebenbuhlerin in des Herrn Gunst sah mich mißtrauisch an. Miserrimus Dexter that wieder einen mächtigen Trunk.
Ich beobachtete ihn aufmerksam; sein Antlitz belebte sich mehr und mehr. Er setzte sein Glas nieder und fuhr fort:
»Personen in dem gewölbten Zimmer: Kunigunde und Damoride. Kunigunde spricht: »Damoride!« – »Madame?« – »Wer liegt denn im Zimmer über uns krank?« —»Die vornehme Dame Angelika, Madame!« – Pause. – Kunigunde spricht wieder: »Damoride!« – »Madame?« – »Mag Angelika Sie leiden?« – »Madame, die vornehme Dame ist gut gegen mich und alle Welt!« – »Haben Sie ihr aufgewartet Damoride?« – »Zuweilen, Madame, wenn die Wärterin müde war.« – »Hat sie die Medizin aus Ihrer Hand genommen?« – »Ein oder zwei Mal, Madame!« – »Damoride, nehmen Sie diesen Schlüssel, und öffnen Sie das Schmuckkästchen auf dem Tisch! (Damoride gehorcht.) »Bemerken Sie ein grünes Fläschchen mit einer Flüssigkeit darin?« – »Ich sehe es, Madame!« – »Nehmen Sie es heraus!« (Damoride ge horcht) – »Wissen Sie, was die Flüssigkeit ist?« – »Nein, Madame!« – »Es ist Gift!« – (Damoride erschrickt und scheint geneigt das Fläschchen aus der Hand zu setzen. Kunigunde deutet ihr an, es zu behalten, und spricht weiter.) – »Ich hasse Lady Angelika. Ihr Leben steht zwischen mir und der Freude meines Herzens. Sie halten ihr Leben in Ihrer Hand.« (Damoride fällt auf ihre Knie und spricht): »Sie erschrecken mich, Madame! Kunigunde tritt nahe an sie heran und sagt mit schrecklichem Blick: »Damoride! Lady Angelika muß von Ihrer Hand sterben, damit kein Verdacht auf mich fällt!«
Dexter hielt inne und nahm wieder einen tiefen Zug.
Ich betrachtete ihn aufmerksam.
Die Röthe seiner Wangen war dieselbe geblieben, aber der Glanz der Augen begann schon zu erlöschen. Zuletzt war auch seine Sprache schon langsamer geworden. War die Wirkung des Weines bereits im Abnehmen? Hatte der Wein bereits Alles für ihn gethan?
Wir warteten, Ariel mit offenem Munde, Benjamin mit aufgeschlagenem Notizbuche in der Hand.
Mr. Dexter fuhr fort.
»Damoride hört die entsetzlichen Worte und faltet flehend ihre Hände. – »O Madame, aus welchem Grunde sollte ich die vornehme Dame tödten?« – Kunigunde antwortet: »Aus dem Grunde, weil Sie mir gehorchen müssen.« – »Ich kann es nicht, Madame, ich wage es nicht!« – »Was ist da zu wagen? Ich habe meinen Plan, uns vor Entdeckung zu sichern!« – (Damoride fleht um Erbarmen Kunigundes Augen flammen vor Wuth. Sie nimmt aus dem Versteck ihres Busens) —« Dexter hielt wiederum inne, weil er den Faden verloren.
War es gerathen, ihn wieder anknüpfen zu helfen oder zu schweigen?
Die Geschichte war mir ja klar genug. Er wollte abermals meinen Verdacht auf Mrs. Beanly lenken, es kam nur darauf an, wie er die Erzählung zu Ende führen, und ob es ihm gelingen würde, meine Ueberzeugung von der Unschuld der Mrs. Beanly und ihres Mädchens wieder zu vernichten.
Ich zog es vor, ihm Zeit zu lassen. Kein Wort kam über meine Lippen. Wir warteten im tiefsten Schweigen kurz vor dem kritischen Moment.
Die starren Züge belebten sich wieder. Er hatte ohne Zweifel ein Motiv zur Anklage der Mrs. Beanly und ihres Mädchens gefunden.
Er begann von Neuem:
»Kunigunde also zieht aus dem Versteck ihres Busens ein beschriebenes Stück Papier, das sie entfaltet. »Blicken Sie hierher,« sagt sie. Damoride sinkt abermals erschreckt zu ihren,Füßen. Kunigunde ist im Besitz eines schmachvollen Geheimnisses ihres Mädchens. Kunigunde kann ihr eine entsetzliche Alternative stellen. Entweder gehorchst Du mir, oder ich entehre Dich!« – Damoride nimmt ihre letzte Zuflucht zum Erheben einiger Schwierigkeiten weil sie sieht, daß sie das Herz der Herrin nicht erweichen kann. – »Wie kann ich es denn aber thun, Madame, wenn die Wärterin dabei ist und es sieht?« – Kunigunde antwortet: »Manchmal schläft die Wärterin und manchmal ist sie auch fort.« – »Die Thür ist ja aber verschlossen Madame, und die Wärterin hat den Schlüssel.«
Mir fiel sofort der fehlende Schlüssel in Gleninch ein. Hatte er ebenfalls daran gedacht? Er bereute gewiß das Wort, als es ihm entflohen. Ich gab Benjamin das verabredete Signal. Benjamin senkte den Bleistift auf sein Notizbuch, ohne daß es Jemand bemerken konnte.
Es dauerte lange, ehe Dexter wieder begann. Sein Auge wurde trüber und trüber.
»Wo war ich stehen geblieben?« fragte er endlich.
»Damoride sagte zu Kunigunde, die Thür ist verschlossen, und die Wärterin hat den Schlüssel,« half ich ihm ein.
»Nein!« antwortete er heftig, »Sie haben falsch gehört. Unsinn! Wer hat denn von einem Schlüssel gesprochen?«
»Ich dächte, Sie thaten es, Mr. Dexter.«
»Ich that es niemals! Ich sagte etwas ganz Anderes!«
Ich vermied es, mit ihm zu streiten, und wartete, was nun folgen würde.
Miserrimus saß schweigend, die Hand an seine Stirn gedrückt, augenscheinlich bemüht, seine wandernden Gedanken zu bemeistern und Licht in das Dunkel zu bringen, das ihn umgab.
»Herr!« rief Ariel.
»Wie wird die Geschichte nun weiter?«
Er fuhr wie aus einem Schlaf empor und schüttelte den Kopf, als wenn er einen bösen Druck ans demselben entfernen wollte.
»Nur Geduld!« rief er.
»Die Geschichte geht gleich weiter.«
Halb verzweiflungsvoll nahm er einen Faden wieder auf, unbesorgt darüber, ob es der richtige oder der falsche war.
»Damoride fiel auf ihre Kniee, brach in Thränen aus und sagte —«
Er hielt inne und blickte sich mit starren Augen um.
»Wie nannte ich doch die andere Dame?« fragte er, ohne sich direkt an Jemand zu wenden.
»Sie nannten sie Kunigunde,« sagte ich.
Beim Klange meiner Stimme wandten sich seine Augen nach mir hin, ohne mich anzublicken. Sie schienen vielmehr suchend in die weite Ferne zu starren. Seine Stimme hatte einen ruhigen, ausdruckslosen Ton bekommen. Sollten wir dem Resultate nahe sein?
»Ich nannte sie Kunigunde,« wiederholte er.
»Und wie nannte ich die andere?«
»Damoride,« sagte ich.
Ariel blickte ihn erstaunt an und suchte seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
»Ist das die Geschichte?« fragte sie.
»Das ist die Geschichte,« entgegnete er, noch immer in’s Leere blickend.
»Doch weshalb Kunigunde und Damoride? Herrin und Mädchen ist ja weit leichter zu behalten —«
»Was sagte das Mädchen zu ihrer Herrin?« sagte er, sich mit leisem Schauer in seinem Stuhl wieder aufrichtend. »Was? – Was? Was?«
Plötzlich schienen neue Gedanken über ihn gekommen, und er sprach in schnellen, seltsamen Worten weiter.
»Der Brief,« sagte das Mädchen. »O mein Herz. Jedes Wort ein Dolchstich. Der Brief, der entsetzliche Brief! – —«
Was sollten diese Worte bedeuten? Verwechselte er in seiner Erinnerung die Scenen in Gleninch mit dem Fortgange seiner Geschichte? Begann die entsetzliche Wahrheit siegend durch die Schatten der Heuchelei und sträflichen Verschwiegenheit zu dringen? Ich konnte nicht mehr sprechen. Ein kalter Schrecken zog durch meine Glieder.
Benjamin warf mir einen warnenden Blick zu.
»Sehr hübsche Geschichte,« sagte Ariel. »Fahre fort, Herr.«
Mr. Dexter fuhr fort, als wenn er schliefe mit offenen Augen.
»Die Herrin sagte zu der Magd: »Zeige ihm den Brief. Du mußt es thun.« – »Nein, ich muß es nicht thun.« Ich zeige ihn ihm nicht. Unsinn! Laß ihn leiden. Möge das Schlimmste zum Schlimmsten kommen.« – Die Herrin sagte,« fuhr er fort, indem er mit der Hand eine Bewegung machte, als wenn er eine unklare Vision verscheuchen wollte. »Wer sprach zuletzt? Natürlich das Mädchen: ,Ihr Schurken Fort von dem Tisch. Da liegt das Tagebuch Nummer neun, Calderhaws. Frage nach Dandie. Ihr sollt das Tagebuch nicht haben. Das Tagebuch wird ihn an den Galgen bringen. Ich will ihn aber nicht hängen sehen. Wie könnt Ihr es wagen, meinen Stuhl anzurühren? Mein Stuhl ist ich. Daß Niemand mich anrührt!«
Die letzten Worte übergossen mich wie mit hellem Licht. Ich hatte sie im Prozeß gelesen Mr. Dexter hatte sie gesprochen als er die Beamten verhindern wollte, sich der Papiere meines Mannes zu bemächtigen. Seine Gedanken waren jetzt beim Geheimniß von Gleninch. Ariel fühlte kein Mitleid mit ihrem Herrn. Ariel wollte die Geschichte zu Ende hören.
»Fahre fort, Herr. Was sagte dann die Herrin nun zu der Magd?«
Dexter fuhr immer schneller, immer irrer und wirrer fort.
»Die Herrin sagte zu der Magd:,was soll's mit dem Brief? Kein Feuer im Kamin? Keine Streichhölzer da? Das ganze Haus in Unordnung? Die Diener alle fort? Zerreiße ihn! Unnützes Papier! Wirf es weg. So, nun ist es fort. O, Sarah! Sarah! Sarah! Fort für immer.«
»O, Sarahs Sarah! Sarah! Fort für immer!« wiederholte Ariel. »Erzähle uns, Herr, wer Sarah war!«
Mr. Dexter begann wieder mit dem alten melancholischen Refrain:
»Die Herrin sagte zu der Magd —«
Hier unterbrach er sich schon wieder, richtete sich in seinem Stuhl empor, erhob beide Hände über den Kopf und brach in ein krampfhaftes Gelächter aus. Dann sank er in den Stuhl zurück und das schrille entsetzliche Lachen erstarb in leisen tiefen Seufzern. Das Antlitz hob sich zur Decke empor. Die Augen schienen fast erblindet, die Lippen verzerrten sich zu einem häßlichen Grinsen. Endlich die Nemesis! Die Nacht war gekommen!
Als der erste Schreck vorüber war, belebte mich wiederum nur das Gefühl des Mitleids für den gerichteten Elenden. Ich stand unwillkürlich auf. Augenblicklich an nichts Anderes denkend, als an den hilflosen Unglücklichen, eilte ich zu ihm, um ihm Beistand zu leisten, als ich mich heftig zurückgezogen fühlte.
,Sind Sie denn blind? Sehen Sie dort hin!«
Ariel war mir zuvor gekommen und hatte hilfreich einen Arm um ihren Herrn geschlungen. Mit der freien Hand schwang sie eine Ofengabel, die sie schnell ergriffen. Ihre Augen funkelten wie die eines wilden Thieres.
»Das ist Ihr Werk!« schrie sie mich wüthend an. »Keinen Schritt näher, oder ich schlage Ihnen das Gehirn aus!«
Benjamin ergriff mich bei der Hand und führte mich zur Thür. Ich sah Ariels Wuth abnehmen, als wir uns entfernten. Sie warf die Ofengabel hin, lehnte den Kopf an Dexters Brust und schluchzte bitterlich. »O Herr, Herr! Nun sollen sie Dir nichts mehr thun. Blicke doch auf! Lache mich doch an, wie Du es früher gethan.«
Ich befand mich jetzt schon im anderen Zimmer, dann hörte ich noch einen wilden Entsetzensschrei des unglücklichen Geschöpfes, und die schwere Thüre sank hinter uns zu. Hilflos und weinend wie ein Kind schmiegte ich mich an meinen alten Freund.
Benjamin verschloß die Thür.
»Weinen Sie nicht,« sagte er ruhig, »sondern danken Sie Gott, daß Sie glücklich aus jenem Zimmer sind.«
Er zog den Schlüssel ab und führte mich durch das Haus in den Garten.«
Der Gärtner, den wir unten trafen eilte zum Doctor. Wir warteten denselben ab und er versprach, mir möglichst bald Nachricht über den Kranken zu senden.
Auf dem Heimwege zeigte mir Mr. Benjamin sein Notizbuch.
»Was soll denn nun mit dem Geschreibsel werden? « fragte er erstaunt.
»Haben Sie denn Alles niedergeschrieben?«
»Gewiß. Sie haben mir ja nicht das Signal zum Aufhören gegeben. Ich habe jedes Wort aufgeschrieben. Soll ich es aus dem Wagenfenster werfen?«
»Geben Sie es mir.«
»Was wollen Sie damit thun?«
»Ich weiß es noch nicht. Ich will Mr. Playmore fragen.«
Zwölftes Capitel.
Mr. Playmore in einer anderen Gestalt
Noch mit der Abendpost ließ ich einen Brief an Mr. Playmore abgehen, welcher das Geschehene erzählte, und sobald wie möglich um seinen Rath bat.
Die Notizen in Benjamins Buch waren theilweise stenographirt und hatten in dieser Form keinen Nutzen für mich. Auf meine Bitte machte er zwei Abschriften davon. Die eine schickte ich Mr. Playmore, die andere legte ich auf meinen Nachttisch, als ich zu Bett ging.
Wieder und wieder während der langen schlaflosen Nacht las ich die letzten Worte von Mr. Dexter. War es möglich, dieselben für mich zu benutzen? Nachdem ich mich stundenlang abgemüht, das Problem zu lösen, warf ich das fatale Papier in halber Verzweiflung fort. Meine Hoffnungen waren wieder in den Wind gestreut, wahrscheinlich würde Mr. Dexter nicht wieder zu klaren Sinnen kommen. Die Aussage des Arztes, die mir Mr. Playmore über ihn mitgetheilt, klangen immer wieder in meinen Ohren. »Wenn die Katastrophe eingetreten, und das Gleichgewicht einmal verloren ist, wird es verloren sein für das ganze Leben.«
Am nächsten Morgen brachte mir der Gärtner den versprochenen Brief vom Doctor.
Miserrimus Dexter und Ariel waren noch in demselben Zimmer, in dem wir sie verlassen. Sie wurden von zuverlässigen Leuten bewacht, bis ein Bruder Dexters eingetroffen sein würde, den man bereits telegraphisch benachrichtigt hatte, und der dann die ferneren Entscheidungen treffen sollte. Es war unmöglich gewesen, die treue Ariel von ihrem Herrn zu trennen. Der Doctors und der Gärtner, beides starke Männer, hatten sich vergebens bemüht, Ariel hinauszuschaffen. Als die alte Dienerin endlich die Erlaubniß erhielt, bleiben zu dürfen, wurde sie wieder still und legte sich wie ein Hund zu des Herrn Füßen.
Der Bericht über Miserrimus Dexters Zustand klang noch trauriger.
»Mein Patient ist vollkommen unzurechnungsfähig,« lauteten des Doctors Worte, welche der mündliche Bericht des Gärtners bestätigte. Vier Stunden lang blieb Dexter in vollständiger Lethargie auf seinem Stuhl. Gegen seine sonstige Gewohnheit hatte er mit thierischer Gier seine Mahlzeit verzehrt. Auf andere Dinge war sein Interesse nicht zu lenken. »Diesen Morgen,« sagte der Gärtner beim Abschied, »schien es uns, als wenn er ein wenig erwacht sei. Er machte eigenthümliche Zeichen mit seinen Händen, die weder der Doctor noch ich verstehen konnte. Ariel aber verstand sie. Sie holte ihm seine Harfe und legte ihm die Hände auf die Seiten. Er vermochte nicht zu spielen. Aber er versuchte es dennoch, indem er fortwährend vor sich hinmurmelte. – Er bekommt seinen Verstand niemals wieder. Das beste für ihn wäre, wenn ihn unser Herrgott zu sich nähme. Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen Madame.«
Er verließ mich mit Thränen in den Augen und ich blickte ihm ebenfalls mit Thränen in den Augen nach.
Eine Stunde später erhielt ich ein Telegramm von Mr. Playmore, folgenden Inhalts:
»Komme mit dem Nachtzuge nach London. Erwarten Sie mich morgen zum Frühstück.«
Mr. Playmore folgte dem Telegramm beinahe auf dem Fuße. Schon seine ersten Worte erfreueten mich:
»Ich kann nicht leugnen« sagte er, »daß wir noch einige schaurige Hindernisse zu überwinden haben. Ich würde auch nicht vor Beendigung meiner eigenen Geschäfte hierhergekommen sein wenn nicht Mr. Benjamins Notizen einen großen Eindruck auf mich gemacht hätten. Sie haben Ihren ersten Erfolg errungen und deshalb biete ich Ihnen rückhaltlos meine Hilfe an. Jener Elende hat im halben Delirium gethan und gesagt, was, wenn er im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gewesen nie über seine Lippen gekommen wäre. Er hat uns den ersten Schimmer der Wahrheit durchblicken lassen. Ihre Idee von ihm war die richtige. Seine Erinnerung hatte am wenigsten gelitten und hielt bis zum letzten Augenblicke Stand.«
»Legen Sie denn eine besondere Wichtigkeit auf den Brief?« fragte ich. »Was mich betrifft, befinde ich mich völlig im Unklaren über denselben.«
»So ist es mit mir ebenfalls,« antwortete er offen. »Der Brief ist eines jener Hindernisse, von denen ich sprach. Die verstorbene Mrs. Macallan muß mit demselben in irgend einer Verbindung gestanden haben oder Dexter hätte nicht von einem Dolche im Herzen gesprochen; Dexter würde nimmer ihren Namen mit den Worten in Verbindung gebracht haben, welche das Oeffnen und spätere Fortwerfen des Briefes beschreiben. Ich glaube mit einiger Sicherheit zu diesem Resultat gelangt zu sein, aber weiter vermag mein Blick noch nicht zu dringen. Wer den Brief geschrieben und was darinnen stand, – ist mir so unbekannt wie Ihnen. Wenn wir diese letzte Entdeckung machen wollen wird uns nichts Anderes übrig bleiben, als unsere ersten Anfragen dreitausend Meilen weit zu schicken. Mit einem Wort, wir müssen uns nach Amerika wenden.«
Dieser Ausspruch setzte mich in das größte Erstaunen.
»Es kommt natürlich auf Sie an, ob Sie die Kosten daran wenden wollen, einen zuverlässigen Menschen nach Amerika zu senden. Den Mann würde ich schon ausfindig machen, und die Kosten schätze ich —«
»Die Kosten sind gänzlich Nebensache,« unterbrach ich ihn, die Geduld verlierend. »Bei Weitem die Hauptsache ist, daß Sie mir mittheilen was Sie entdeckt haben«
Er lächelte. »Sie fragen nicht nach den Kosten« sagte er wohlgefällig zu sich selbst. »Wie das einem Weibe gleich sieht.«
Ich trommelte bereits mit den Fingern auf der Tischplatte und bat ihn noch einmal, mir seine Erfahrungen mitzutheilen.
Er nahm die Kopie aus Benjamins Notizbuche zwischen andern Papieren hervor und deutete auf die Worte, »was ist’s mit dem Briefe? Verbrennt ihn Kein Feuer im Kamin. Keine Streichhölzer. Die Diener alle fort.«
»Verstehen Sie denn wirklich diese Worte?« fragte ich.
»Wenn ich aus meine eigene Erfahrung zurückblicke, ja.«
»Können Sie mir das Verständniß nicht ebenfalls beibringen?«
»Nichts leichter als das. In diesen unverständlich scheinenden Sentenzen hat Dexters Erinnerung in sehr correcter Weise gewisse Facta recapitulirt. Ich habe nur nöthig, Ihnen die Facta mitzutheilen; dann werden Sie eben so klug sein, als ich es bin. Zur Zeit des Prozesses erschreckte und betrübte mich Ihr Gatte, indem er darauf bestand, daß das ganze Gesinde in Gleninch sofort entlassen werde. Ich erhielt den Auftrag, ihnen einen Vierteljahrslohn vorauszuzahlen und ihnen vortreffliche Zeugnisse zu geben unter der Bedingung, daß sie das Haus binnen einer Stunde verlassen haben mußten. Eustace’s Motiv hierfür war ganz dasselbe, welches ihn bei der Handlungsweise gegen Sie leitete. Wenn ich jemals nach Gleninch zurückkehre, sagte er, kann ich mich mit den Flecken auf meiner Ehre nicht jenen treuen Dienern entgegenstellen. Es war unmöglich, ihn von diesem Entschluß abzubringen. Nach Ablauf einer Stunde hatten sämmtliche Diener das Haus verlassen. Die Personen welche mit der Bewachung von Haus und Garten betraut wurden, und welche an den Grenzen des Parkes wohnten waren ein Ehepaar und deren Tochter. Am letzten Tage des Prozesses trug ich der Tochter auf, die Zimmer zu reinigen und zu lüften. Es war ein gutes Mädchen aber sie hatte weder Uebung noch Erfahrung wollte ihr durchaus nicht in den Kopf, wie man das Schlafzimmer heizte und Streichhölzer in die leeren Büchsen stellte. Jene zufälligen Worte von Dexter wollten ohne Zweifel die Beschaffenheit seines Zimmers beschreiben als er mit Eustace und dessen Mutter von Edinburgh nach Gleninch zurückkehrte. Daß er jenen geheimnißvollen Brief in seinem Schlafzimmer zerriß und daß er, indem er keine Gelegenheit fand, ihn zu verbrennen die Fragmente in den leeren Kamin oder in den Papierkorb warf, dürfte der vernünftigste Schluß sein den wir aus dem bisher in Erfahrung gebrachten ziehen können. Auf jeden Fall hatte er wohl nicht lange Zeit gehabt, darüber nachzudenken. An jenem Tage geschah Alles in der größten Eile. Eustace und seine Mutter, von Dexter begleitet, verließen England noch an dem nämlichen Abend. Ich selbst verschloß das Haus und übergab die Schlüssel dem Verwalter, dessen Familie es oblag, das Haus in wohnlichem Zustande zu erhalten. Nachdem ich Ihren Brief bekommen fuhr ich sofort nach Gleninch, um die Verwalterfrau in Bezug auf die Schlafzimmer und speziell um das von Dexter bewohnt gewesene zu befragen. Sie erinnerte sich der Zeit, da das Haus verschlossen wurde und brachte diese Reminiscenz mit einem Unwohlsein in Verbindung, welches sie ans Bett gefesselt hatte. Sie hatte mindestens eine Woche, nachdem Gleninch der Fürsorge ihrer Familie übergeben die Schwelle ihres kleinen Zimmers nicht überschritten. Die ganze Arbeit des Lüftens und Reinigens war während ihrer Krankheit der Tochter anheimgefallen. Diese ganz allein mußte jeden Papierschnitzel bemerkt haben, welcher in Mr. Dexters Zimmer herumgelegen hatte. Das kann ich beschwören daß jetzt auch nicht das Geringste in jenem Zimmer zu finden ist. Wo fand das Mädchen also die Fragmente jenes Briefes? Und was machte sie damit? Das sind Fragen die wir 3000 Meilen weit zur Beantwortung nach Amerika schicken müssen, denn ich habe in Erfahrung gebracht, daß sich die Verwalterstochter seit einem Jahre verheirathet hat und mit ihrem Gatten in New-York aufhält. Nun liegt die Entscheidung in Ihrer Hand. Lassen Sie Sich nicht durch falsche Vorspiegelungen von mir mißleiten. Selbst wenn sich diese Frau erinnert, was sie mit den zerrissenen Papierstückchen angefangen, dürfte es doch nach der langen Zeit sehr schwierig sein, dieselben wieder aufzufinden. Lassen Sie Sich Zeit, ehe Sie Sich entscheiden. Nun Adieu, ich habe noch in der Stadt zu thun.«
»Senden Sie Ihren Vertrauensmann mit dem nächsten Dampfer nach New-York,« rief ich ihm nach, »das ist meine Entscheidung.«
»Wissen Sie auch, was das kosten wird?« rief er, sein Notizbuch hervorstehend.
Ich schrieb ihm einen Blanco-Wechsel und schob ihm denselben über den Tisch.
»Füllen Sie die Summe aus,« sagte ich, »und ums Himmels Willen lassen Sie uns zurück nach Dexter. Hören Sie zu,« sagte ich, Benjamins Notizen lesend.
»Was meinte Dexter, wenn er sagte, Nummer 9 Calderhaws. Nach Dandie fragen. Sie sollen das Tagebuch nicht haben. Das Tagebuch wird ihn an den Galgen bringen! – Wie erfuhr Dexter, was in meines Gatten Tagebuche stand, und was meinte er mit den übrigen Redensarten. Sind das auch Facta?«
»Allerdings!« antwortete Mr. Playmore. »Calderhaws müssen Sie wissen, ist einer der übelberüchtigsten Districte in Edinburgh. Einer meiner vertrautesten Schreiber unternahm es, nach Dandie in Nummer 9 zu fragen. Es war eine kitzliche Aufgabe, und der Mann nahm wohlweislich Jemand mit sich, der in der Nachbarschaft bekannt war. Nummer 9 erwies sich als ein Verkaufsladen von Lumpen und altem Eisen, und Dandie stand im Argwohn, gestohlene Sachen an sich zu bringen. Dank dem Einfluß seines Begleiters und einer Banknote, die Sie mir gelegentlich wiedergeben können, « löste mein Schreiber diesem Menschen die Zunge. Das kurze Resultat war folgendes: Ungefähr 14 Tage vor dem Tode der Mrs. Macallan hatte Dandie nach Wachsmodellen 2 Schlüssel gemacht, welche ein neuer Kunde bei ihm bestellt. Das Geheimnißvolle der Sache und das seltsame Benehmen des mit derselben betrauten Agenten erregte Dandie's Mißtrauen. Bevor er die Schlüssel ablieferte, hatte er die Entdeckung gemacht, daß sein neuer Kunde Miserrimus Dexter sei. Fügen Sie Dexters unbegreifliche Kenntniß des Tagebuchs Ihres Gatten zu dieser Information hinzu, so erhalten Sie als Product, daß die Wachsmodelle, welche an Dandie geschickt wurden, von den Schlüsseln des Tagebuchs und der Schieblade, in welcher es enthalten, genommen waren. Ich habe meine eigenen Ideen hierüber, auf die ich aber augenblicklich noch nicht näher eingehen will. Ich wiederhole Ihnen nur, daß Dexter für den Tod der Mrs. Macallan verantwortlich zu machen ist, in welcher Weise, wird Ihnen vielleicht gelingen, herauszubekommen. Nachdem die Angelegenheit soweit gediehen, halte ich es jetzt allerdings für Ihre Pflicht, sowohl gegen die Gerechtigkeit als gegen Ihren Gatten, Alles zu thun, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Was die Schwierigkeiten anbetrifft, die sich Ihnen entgegenstellen, so werden Sie dieselben durch Geduld, Entschlossenheit und Sparsamkeit überwinden.«
Mit starker Betonung des letzten Wortes wollte sich Mr. Playmore abermals entfernen.
»Noch ein Wort,« sagte ich. »Haben Sie so viel Zeit, Mr. Dexter zu sehen, ehe Sie nach Edinburgh zurückkehren? Nach des Gärtners Aussagen muß sein Bruder jetzt schon bei ihm sein. Ich würde gern erfahren, wie es dort steht.«
»Der Besuch bei Dexter bildet einen Theil meines Reisezweckes,« sagte Mr. Playmore. »Auf seine Wiedergenesung setze ich keine Hoffnung, aber ich möchte mich vergewissern, ob sein Bruder sich seiner annehmen kann und will. So weit es uns angeht, hat der Unglückliche seine letzten Worte gesprochen.«
Er öffnete die Thür, hielt inne und kam noch einmal zurück.
»Was die amerikanische Sendung anbetrifft,« sagte er, »so würde ich Sie bitten, die Summe in Ihrem Blanco-Wechsel selbst, und zwar in Zahlen und Worten, auszufüllen Ich kann mich dazu in keiner Weise verstehen. Also noch einmal, guten Morgen, Mrs. Macallan.«
Mit einer tiefen Verbeugung legte er den Blume-Wechsel auf den Tisch und verließ mich.