Kitabı oku: «Mann und Weib», sayfa 13
London
Fünftes Kapitel.
Geoffrey als Briefsteller
Lord Holchester’s Dienerschaft erwartete, den Kellermeister an der Spitze, die Ankunft des Herrn Julius Delamayn von Schottland. Das gleichzeitige Erscheinen der beiden Brüder war für die gesammte Dienerschaft eine Ueberraschung. Alle Fragen an den Kellermeister gingen von Julius aus, während Geoffrey bei Seite stand und der ganzen Scene nur als Zuhörer beiwohnte.
»Lebt mein Vater noch?«
»Seine Lordschaft befinden sich Gottlob zum Erstaunen der Aerzte besser, Mr. Delamayn; er hat sich vorige Nacht wunderbar erholt, wenn es achtundvierzig Stunden so fortgeht, so ist die Wiederherstellung seiner Lordschaft gewiß.«
»Was fehlt meinem Vater?«
»Ein Schlaganfall. Als MyLady Ihnen nach Schottland telegraphirte hatten die Aerzte seine Lordschaft aufgegeben.
»Ist meine Mutter zu Hause?«
»Mylady ist zu Hause für Sie.«
Der Kellermeister betonte das »für Sie« sehr scharf. Julius sah seinen Bruder an.
Die Besserung in Lord Holchesters Zustand machte Geoffrey’s Position in diesem Augenblick zu einer peinlichen. Das Haus war ihm ausdrücklich verboten worden.
Seine einzige Entschuldigung dafür, daß er dieses Verbot übertrat, war, daß sein Vater im Sterben liege. Wie die Dinge jetzt standen, blieb das Verbot in voller Kraft.
Die untergeordneten, in der Vorhalle versammelten Diener, denen die Aufrechthaltung dieses Verbotes bei Verlust ihrer Stellen vorgeschrieben war, sahen abwechselnd Geoffrey und den Kellermeister an; der Kellermeister seinerseits sah abwechselnd Geoffrey und Julius an und Julius sah wiederum seinen Bruder an. Es entstand eine peinliche Pause; der zweite Sohn des Hauses war in den Augen der Dienerschaft ein wildes Thier, dessen man sich auf alle Weise zu entledigen suchen mußte.
Die Frage war nur: wie?
Da erhob Geoffrey die Stimme und löste die Frage: »Oeffne Einer von Euch Kerls die Thür, ich gehe!«
»Warte einen Augenblick« rief ihm sein Bruder zu. »Es würde eine große Enttäuschung für unsere Mutter sein, wenn sie erfährt, daß Du hier gewesen und fortgegangen bist, ohne sie zu sehen.
Wir sind hier unter ganz ungewöhnlichen Umständen. Komm mit mir hinauf, ich übernehme die Verantwortlichkeit.«
»Ich für mein Theil übernehme aber die Verantwortlichkeit nicht; macht die Thür auf!« erwiderte Geoffrey.
»So warte doch, bis ich Dir eine Botschaft herunter schicken kann!«
»Schicke Deine Botschaft nach Nagel’s Hotel, ich wohne bei Nagel, nicht hier!«
In diesem Augenblick wurde die Debatte in der Halle durch das Erscheinen eines kleinen Hundes unterbrochen. Bei dem Anblick der Fremden fing der Hund an zu hellen. Die Aerzte hatten die vollständigste Ruhe im Hause strenge anbefohlen. Die Diener aber machten durch einen gemeinschaftlichen Versuch, das Thier zu fangen, den Lärm noch schlimmer. Auch dieses Problem wußte Geoffrey in seiner entschlossenen Weise zu lösen. In dem Augenblick, wo der Hund an ihm vorüber lief, drehte er sich rasch um und versetzte dem Thiere einen Stoß mit seinem schweren Stiefel. Das arme Geschöpf fiel winselnd zu Boden.
»Mylady’s Lieblingshund!« rief der Kellermeister, »Sie haben ihm die Rippen zerbrochen, Master!«
»Ich habe ihn im Bellen unterbrochen, meinen Sie«, erwiderte Geoffrey, »hol’ der Henker seine Rippen«, und fuhr dann zu seinem Bruder gewendet fort: »Mich dünkt, damit ist die Sache entschieden. Ich thue wohl besser, das Vergnügen, unsere gute Mutter zu sehen, bis zu einer anderen Gelegenheit zu verschieben. Adieu Julius, Du weißt, wo Du mich findest; komm zum Essen zu Nagel, da geben sie Dir ein Beafsteak, wie Du es noch nie gefunden hast.« Mit diesen Worten ging er fort.
Die Diener betrachteten den zweiten Sohn seiner Lordschaft mit unverhohlener Hochachtung. Sie hatten ihn bei der Jahresfeier des christlichen Faustkämpfervereins öffentlich mit Stulphandschuhen angethan gesehen. Er wäre im Stande gewesen den Stärksten unter ihnen in drei Minuten halbtodt zu schlagen.
Der Pförtner verneigte sich tief, als er die Thür öffnete. Das ganze Interesse der versammelten Dienerschaft concentrirte sich auf Geoffrey. Julius ging zu seiner Mutter hinauf ohne die mindeste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Es war im August, die Straßen waren leer, der abscheulichste Wind den es in London giebt, ein heißer Qstwind, wehte an jenem Tage. Selbst Geoffrey schien von dem Einfluß dieses Wetters nicht unberührt zu bleiben, als er sich vom Hause seines Vaters nach dem Hotel fahren ließ. Er nahm den Hut ab und knöpfte die Weste auf, zündete sich seine ewige Pfeife an und brummte und knurrte zwischen den Zähnen in den Rauchpausen. War es der heiße Wind allein, der ihm diese Aeußerung des Unbehagens entlockte, oder lastete eine geheime Sorge auf seinem Gemüth die der deprimierende Einfluß des Wetters verstärkte? Allerdings trug er sich mit einer geheimen Sorge und diese Sorge hieß »Anne.« Was sollte er, wie die Dinge jetzt standen, mit dem unglücklichen Frauenzimmer anfangen, die in dem schottischen Gasthofe auf einen Brief von ihm wartete? Schreiben oder nicht schreiben, das war für Geoffrey die Frage! Die erste Frage, unter welcher Adresse er den Brief an Anne Silvester zu befördern haben Winde, war bereits gelöst; sie hatte ja mit ihm verabredet, daß sie sich, falls es nothwendig werden sollte, bevor Geoffrey ihr folgen könnte, ihren Namen zu sagen, sich statt Miß Silvester, Mrs. Silvester nennen würde. Ein an Mrs. Silvester gerichteter Brief würde sie unfehlbar, ohne ihr eine Verlegenheit zu bereiten, erreichen. Nicht darin lag die Schwierigkeit, sondern wie gewöhnlich in der Nothwendigkeit sich zwischen den beiden Fällen einer Alternative zu entscheiden. Was war das richtige Verfahren, Anne noch heute zu benachrichtigen daß eine Zeit von achtundvierzig Stunden verfließen müsse, bevor die Wiederherstellung seines Vaters als gewiß betrachtet werden könne, oder abzuwarten, bis diese Zeit verflossen wäre und je nach dem Ergebniß zu handeln? Als er dieses auf dem Weg nach dem Hotel erwog, gelangte er zu dem Entschluß, daß es richtig sein würde, Anne dadurch hinzuhalten, daß er ihr mittheilte, wie die Dinge augenblicklich stünden. Im Hotel angekommen setzte er, sich hin, um den Brief zu schreiben, wurde unschlüssig und zerriß das Geschriebene, wurde wieder unschlüssig und fing von Neuem an, wurde zum dritten Male unschlüssig zerriß den Brief wieder, sprang auf und gestand sich in nicht wieder zu gebenden Ausdrücken, daß er, wenn es ihm auch das Leben kosten sollte, nicht zu einem Entschluß darüber gelangen könne, was das Richtige sei, zu schreiben oder zu warten. In diesem kritischen Augenblick gab ihm sein gesunder physischer Instinct physische Mittel als Erleichterung an die Hand. »Mir ist zu Muthe, als stecke ich in einem Sumpfe, ich will ein Bad nehmen.« Er ging in eine große, viele Räume umfassende und mit Einrichtungen zu allen möglichen Lagen und Körper-Manipulationen eingerichtete Badeanstalt. Er nahm ein Dampfbad, dazu ein Vollbad, dann ein Regenbad und ein gewaltiges Sturzbad. Er legte sich auf den Rückem dann auf den Bauch, die Badediener kneteten und rieben ihn voll Ehrerbietung vom Kopf bis zum Fuß mit wohlgeübten Händen. Nach diesen Proceduren sah er glatt, rein, rosig und schön aus. Er kehrte nun in’s Hotel zurück und fing an zu schreiben, aber siehe da, die unerträgliche Unentschlossenheit war nicht von ihm gewichen, hatte sich nicht wegbaden lassen wollen. Dieses Mal sollte Anne an Allem Schuld sein. »Die verfluchte Person wird mich noch ruiniren«, sagte Geoffrey, indem er seinen Hut ergriff, »ich will es noch einmal mit den Hanteln versuchen.« Um durch dieses neue Mittel sein träges Gehirn anzustacheln, mußte er in ein benachbartes Gasthaus gehen, dessen Wirth ein Läufer war, der die Ehre gehabt hatte, ihn verschiedene Male zu öffentlichen athletischen Wettkämpfen einzuüben, »Ein Zimmer für mich und die schwersten Hanteln, die Sie haben!« rief ihm Geoffrey entgegen.
Er zog sich Rock und Weste aus und ging mit den schweren Gewichten in jeder Hand an die Arbeit, indem er sie auf- und niederwärts, vorwärts und rückwärts nach jeder erdenklichen Richtung hinschwang, bis seine prachtvollen Muskeln so gespannt waren, daß die geschmeidige Haut bersten zu wollen schien. Allmälig fingen seine Lebensgeister an, wieder wach zu werden. Die starken Körperübungen wirkten berauschend auf den starken Mann. Seiner Aufregung gab er durch die heillosesten Flüche Ausdruck, indem er in Erwiderung der ihm reichlich gespendeten Beifallsbezeugungen des Gymnastikers und seines Sohnes abwechselnd Donner und Blitz, Pulver und Blei rief. »Dinte, Feder und Papier her!« schrie er, als er endlich von der Körperübung erschöpft war, »ich habe mich entschlossen, ich will schreiben und die Sache los sein!«
Wie gesagt, so gethan, er ging an’s Werk und beendigte den Brief auf der Stelle; im nächsten Augenblick hätte der Brief sicher im Postkasten gelegen. Aber gerade in diesem Augenblick ergriff ihn wieder seine krankhafte Unentschlossenheit. Er öffnete den Brief wieder, las ihn nochmals und zerriß ihn dann wieder. »Nun weiß ich doch noch nicht, was ich will! rief Geoffrey indem er seine großen, wilden, blauen Augen auf den Professor der Gymnastik heftete. »Donner und Blitz, Pulver und Blei! Lassen Sie Crouch kommen.« Crouch war überall da, wo englische Mannhaftigkeit respectirt wurde, ein bekannter und hochgeschätzter, in’s Privatleben zurückgetretener Preisfechter. Er erschien jetzt mit dem dritten und letzten Geoffrey Delamayn bekannten Mittel, seinen Geist frei zu machen, nämlich mit zwei Paar Boxhandschuhen in einem Reisesack. Geoffrey und der Preisfechter zogen die Handschuhe an und stellten sich in der klassisch correcten Stellung erprobter Faustkämpfer einander gegenüber. »Aber keine Spielerei»brummte Geoffrey; schlagen Sie ordentlich, Sie Schuft!« Als ob es wieder um Preise ginge.«
Kein Mensch auf der Welt wußte besser was wirkliches Schlagen heißt, und welche furchtbare Schläge selbst mit anscheinend so harmlosen Waffen, wie es wattirte Handschuhe sind, ausgetheilt werden können, als der große, schreckliche Crouch. Er that aber auch nur, als ob er sich den Wünschen Geoffrey’s füge. Dieser belohnte ihn für seine Höflichkeit und Rücksichtsnahme damit, daß er ihn zu Boden schlug. Der große Schreckliche erhob sich wieder ohne eine Miene zu verziehen.
»Gut getroffen, gut getroffen! Mr. Delamayn!« sagte er, »versuchen Sie es jetzt mit der andern Faust.«
Geoffrey war nicht so kaltblütig geblieben, indem er Tod und Verderben auf die schon oft genug braun und blau geschlagenen Augen Crouch’s herniederrief, drohte er ihm für immer seine Gunst und Protection zu entziehen, wenn er nicht seine verfluchte Höflichkeit aufgebe und auf der Stelle gewaltig zuschlüge.
Der Held von hundert Faustkämpfen verzagte vor der ihm gestellten Aussicht. »Ich habe eine Familie zu ernähren!« bemerkte Crouch, wenn Sie es aber durchaus wünschen, da haben Sie’s!«
Geoffrey stürzte mit solcher Gewalt zu Boden, daß das ganze Haus davon erdröhnte; aber im Augenblick stand er wieder auf den Beinen und war auch jetzt noch nicht befriedigt. »Ach was mit Ihrem Umwerfen, schlagen Sie ordentlich auf den Kopf, Donner und Blitz, Pulver und Blei! Schlagen Sie mir die Geschichte heraus, zielen Sie nach dem Kopfe.
Der gehorsame Crouch zielte nach dem Kopfe. Die Beiden gaben und empfingen Schläge, die jedes civilisirte Mitglied der menschlichen Gesellschaft auf der Stelle bewußtlos gemacht, vielleicht getödtet haben würde. Der Handschuh des Preisfechters fiel jetzt wie ein Hammer abwechselnd aus die eine und dann auf die andere Seite des eisernen Schädels seines vornehmen Gegners, Schlag auf Schlag, gräßlich anzuhören, bis endlich Geoffrey selbst sich für befriedigt erklärte. »Ich danke Ihnen Crouch«, sagte er zum ersten Male in einem höflichen Tone. »Nun ist es gut! Jetzt fühle ich mich frisch und klar«, er schüttelte drei bis vier Mal den Kopf, trank ein mächtiges Glas Bier und fand seine gute Laune wie durch einen Zauber wieder.
»Wünschen Sie wieder Feder und Dinte?« fragte sein gymnastischer Wirth.
»Nein!« antwortete Geoffrey, »jetzt bin ich die Geschichte los, hole der Teufel Feder und Dinte. Ich will einige meiner Kameraden aufsuchen und mit ihnen in’s Theater gehen.« Er verließ das Wirthshaus in der glücklichsten und heitersten Stimmung. Durch die stimulirende Wirkung von Crouche’s Handschuhen begeistert, hatte er die lähmende Schläfrigkeit seines Hirns abgeworfen und fühlte sich wieder ganz im Besitz seiner natürlichen Schlauheit. »An Anne schreiben? welcher vernünftige Mensch würde das ohne die äußerste Noth thun. Wir wollen ruhig abwarten und sehen, was die nächsten achtundvierzig Stunden bringen, und dann schreiben oder sie im Stich lassen, je nachdem die Dinge sich gestalten werden.« Das war ja so klar wie der Tag für Jeden, der sehen konnte, und Dank dem großen Crouch konnte er jetzt sehen und so ging er fort in der richtigen Stimmung für ein munteres Diner und einen Abend im Theater mit seinen Universitätsfreunden.
Sechstes Kapitel.
Geoffrey als Heirathskandidat
Die achtundvierzig Stunden vergingen, ohne daß irgend eine persönliche Begegnung zwischen den beiden Brüdern stattgefunden hätte. Julius schickte von dem Hause seines Vaters aus kurze geschriebene Bülletins über den Zustand Lord Holchester’s an seinen Bruder in’s HoteL Das erste lautete: »Es geht fortwährend gut; die Aerzte sind zufrieden.« Das zweite lautete noch zuversichtlicher: Es geht vortrefflich, die Aerzte haben die besten Hoffnungen.« Das dritte war das Ausführlichste von allen: »Ich soll unseren Vater in einer Stunde sprechen, die Aerzte stehen für seine Wiederherstellung ein; verlaß Dich darauf, daß ich ein gutes Wort für Dich einlegen werde und wenn möglich, warte auf weitere Nachrichten Von mir im Hotel.« Geoffrey’s Züge verfinsterten sich bei Lesung des dritten Bulletins. Jetzt verlangte er nochmals das verhaßte Schreibmaterial; denn nun schien es ihm doch unerläßlich, sich mit Anne in Verbindung zu setzen. Lord Holchester’s Wiederherstellung brachte ihn wieder in dieselbe kritische Lage, in der er sich in Windygates befunden hatte; jetzt war es wieder die einzige gesunde Politik, die Geoffrey beobachten konnte, Anne abzuhalten einen verzweifelten Entschluß zu fassen, der ihn in einen öffentlichen Scandal verwickeln und, soweit seine Erbschaft in Betracht kam, ihn ruiniren würde. Sein Brief umfaßte Alles in Allem zwanzig Worte: »Liebe Anne! ich höre eben, daß mein Vater noch nicht in’s Gras beißen will, bleibe wo Du bist, ich schreibe wieder.« Nachdem Geoffrey diese lakonische Botschaft durch die Post expedirt hatte, zündete er sich seine Pfeife an und wartete das Resultat der Zusammenkunft Lord Holchesters mit seinem ältesten Sohne ab.
Julius fand seinen Vater schrecklich verändert, aber, obgleich so schwach, daß er nicht im Stande war den Händedruck seines Sohnes zu erwidern oder sich ohne Hilfe im Bett umzudrehen, war er doch im vollen Besitz seiner Geisteskräfte, hatte sich der alte Advokat die ganze Klarheit seines scharfen Auges und die ganze Frische seines energischen Geistes bewahrt. Das Ziel seines Ehrgeizes war, Julius im Parlament zu sehen. Gerade jetzt hatte sich Julius auf ausdrücklichen Wunsch seines Vaters in Perthshire als Wahlcandidat präsentirt. Noch ehe sein ältester Sohn zwei Minuten an seinem Bette geweilt hatte, ging Lord Holchester eifrig aus die politischen Angelegenheiten des Landes ein. »Ich danke Dir, lieber Julius, für Deine Glückwünsche; Leute meines Schlages sterben nicht so leicht, sieh nur Brougham und Lyndhurst. Du kannst ja noch nicht in’s Oberhaus kommen und würdest zunächst in’s Unterhaus gewählt werden, gerade wie ich es wünsche. Wie sind Deine Aussichten bei den Wählern, erzähle mir doch wie Du mit ihnen stehst und wo und wie ich Dir nützen kann!«
»Aber lieber Vater, Du bist doch wahrlich noch zu schwach, um jetzt von Geschäften zu reden!«
»Ich fühle mich stark genug; ich brauche etwas, was meine Gedanken angenehm beschäftigt, mein Geist fängt an sich in vergessene Zeiten zu versenken, in Dinge die besser vergessen bleiben.« Plötzlich verzog sich sein bleiches Gesicht krampfhaft, er sah seinen Sohn scharf an und that ihm ganz unerwartet die Frage: »Julius, hast Du je von einem jungen Mädchen mit Namen Anne Silvester gehört?«
Julius verneinte die Frage. Seine Beziehungen zu Lady Lundie beschränkten sich darauf, daß er und seine Frau ihre Karten bei derselben abgegeben hatten; eine Einladung Lady Lundie’s zu ihrem Gartenfeste hatten sie dankend abgelehnt. Mit Ausnahme von Blanche kannten sie in dem Familienkreise in Windygates Niemanden. —
»Notire Dir doch den Namen!« fuhr Lord Holchester fort. »Anne Silvester! Ihre Eltern sind beide todt; ich kannte ihren Vater. In früheren Zeiten wurde ihrer Mutter bös mitgespielt, es war eine häßliche Geschichte. Seit vielen Jahren habe ich zum ersten Male wieder an die Sache gedacht. Wenn das Mädchen noch lebt und in England ist, so erinnert sie sich vielleicht unseres Familiennamens. Sollte sie sich jemals um Unterstützung an Dich wenden, so stehe ihr mit Rath und That bei, Julius« – Wieder zuckte es krampfhaft in dem Gesicht des Alten. Hatten seine Erinnerungen ihn an jenen denkwürdigen Sommerabend nach Hampstead-Villa zurückgeführt, sah er wieder, wie die verlassene Frau zu seinen Füßen ohnmächtig niedersank? . . . . . »Aber ich wollte etwas von Deiner Wahl wissen«, fing er ungeduldig wieder an, »mein Geist ist nicht gewohnt, müßig zu sein, gieb ihm Beschäftigung.«
Julius machte über seine Chancen eine kurze und bündige Mittheilung. Der Vater fand gegen den Bericht nichts einzuwenden, als die Abwesenheit des Sohnes vom Wahlfelde; er schalt auf Lady Holchester, daß sie Julius nach London habe rufen lassen. Er war verdrießlich darüber, daß sein Sohn in einem Augenblicke an seinem Bette saß, wo er die Wähler hätte aranguiren sollen. »Das ist unpassend«, sagte er ungestüm, »siehst Du das nicht selbst ein?«
Julius, der mit seiner Mutter übereingekommen war, die erste sich darbietende Gelegenheit zu einer Erwähnung Geoffrey’s zu benutzen, beschloß eine Erklärung für seine Anwesenheit zu geben, auf die sein Vater durchaus nicht gefaßt war. Die Gelegenheit bot sich jetzt dar und er ergriff sie auf der Stelle. »Es ist nicht unpassend lieber Vater! Weder für mich noch für meinen Bruder Geoffrey. Geoffrey war auch um Deinetwillen besorgt und ist mit nach London gekommen.« – — Lord Holchester sah seinen ältesten Sohn mit einem höhnisch satyrischen Ausdruck der Ueberraschung an. »Habe ich Dir nicht schon gesagt«, erwiderte er, »daß mein Geist durch meine Krankheit nicht afficirt ist? Ist Geoffrey um mich besorgt? Besorgniß ist eine civilisirte Gemüthsbewegung, in dem Zustand der Wildheit, in dem er sich befindet, ist der Mensch dieser Empfindung ganz unfähig!«
»Geoffrey ist aber kein Wilder, lieber Vater!«
»Er ist gut gesättigt und sein Körper mit Leinen und Wollstoffen anstatt mit rother Farbe und Oel bedeckt, soweit ist Dein Bruder gewiß zu den civilisirten Menschen zu rechnen, in jeder andern Hinsicht aber ist er ein Wilder, Du weißt das so gut wie ich.«
»Aber, lieber Vater! Es läßt sich doch Manches zu Geoffrey’s Entschuldigung anführen. Er übt seinen Muth durch Entwickelung seiner Körperkräfte, und Muth und Körperkraft sind doch ganz gewiß nicht zu verachtende Eigenschaften!«
»Vortreffliche Eigenschaften so weit sie reichen. Wenn Du wissen willst, wie weit sie reichen, so fordere doch Geoffrey einmal auf, einen Satz in anständigem Englisch zu schreiben, und sieh, ob sein Muth ihn da nicht verläßt. Gieb ihm seine Bücher, um sich auf sein Examen vorzubereiten, und trotz aller Körperstärke wird er schwach werden. Du wünschest, daß ich Deinen Bruder sehe? Nichts wird mich dazu bewegen, bis er sein Leben ganz und gar geändert hat, und ich glaube, es ist nur eine Möglichkeit vorhanden, ihn dazu zu bringen. Es ist denkbar, daß der Einfluß einer verständigen, mit so eminenten Vorzügen der Geburt und des Vermögens ausgestatteten Frau, daß selbst ein Wilder davor Respect haben müßte, auch Geoffrey nicht ganz unberührt lassen würde. Wenn er wieder Zutritt in diesem Hause erlangen will, so laß ihn sich erst wieder Zutritt zur guten Gesellschaft verschaffen und mir eine Schwiegertochter bringen, die seine Mutter und ich respectiren und empfangen können und die bei mir plaidiren kann für ihn. Wenn das einmal geschehen wird, werde ich anfangen, wieder an Geoffrey zu glauben; bis dahin bitte ich Dich, Deinen Bruder bei keiner Unterhaltung mit mir wieder zu erwähnen. Um auf Deine Wahl zurückzukommen ehe Du wieder fortgehst, habe ich Dir noch einen Rath zu geben; Du thust gut schon heute Abend wieder abzureisen. Richte mein Kissen auf, ich werde besser reden können, wenn ich sitze.« Der Sohn that wie ihm geheißen wurde und bat den Vater abermals, sich zu schonen. Es war vergebens, keine Vorstellung vermochte die eiserne Entschlossenheit des Mannes zu erschüttern, der sich den Weg durch die Ränke und Schliche des politischen Lebens zu der hervorragenden Stellung, die er jetzt einnahm, gebahnt hatte. Schwach, geisterhaft, kaum den Klauen des Todes entronnen, lag er da und war damit beschäftigt, seinem Sohne die Lehren des klaren, gesunden Menschenverstandes einzuschärfen, welcher ihm seine hohe Stellung eingetragen hatte. Da fehlte auch kein feiner Wink, keine Vorsichtsmaßregel, die Julius sicher auf der schlüpferigen politischen Bahn leiten konnte, auf der er selbst so sicher und geschickt an’s Ziel gelangt war. Es dauerte noch eine ganze Stunde, ehe der Greis seine müden Augen schloß; seine letzten, in Folge der körperlichen Erschöpfung kaum verständlichen Worte priesen noch die richtigen Parteimanöver im politischen Kampfe. »Es ist eine große Laufbahn, Julius. Ich entbehre nichts so sehr auf der Welt, wie das Unterhaus!«
Als Julius sich endlich wieder seinen Gedanken überlassen und gehen konnte, wohin er wollte, begab er sich direct vom Krankenzimmer seines Vaters in das Boudoir seiner Mutter.
»Hat Dein Vater irgend etwas von Geoffrey gesagt?« lautete die erste Frage Lady Holchester’s, als Julius in’s Zimmer trat.
»Er giebt Geoffrey eine letzte Chance, wenn er sie nur ergreifen wollte.«
Lady Holchester’s Miene verfinsterte. sich. »Ich weiß«, sagte sie mit einem Ausdruck der Enttäuschung, »seine letzte Chance ist, sich auf sein Examen vorzubereiten, das ist ganz hoffnungslos, wenn es nur etwas Leichteres als Das wäre, etwas, wobei ich ihm helfen könnte!«
»Du kannst ihm helfen, liebe Mutter«, schaltete Julius ein. »Geoffrey’s letzte Chance heißt mit einem Worte: »heirathen«!«
»O, Julius! das kann ich nicht glauben.«
Julius wiederholte die eigenen Worte des Vaters. Lady Holchester erschien beim Anhören derselben um zwanzig Jahre jünger.
Als er ausgesprochen hatte, klingelte sie »Ich bin für Niemand zu Hause!« rief sie dem eintretenden Diener entgegen.
Dann wandte sie sich wieder an Julius, umarmte ihn und wies ihm einen Platz neben sich auf dem Sopha an.
»Diese Chance soll Geoffrey ergreifen«, sagte sie vergnügt, dafür stehe ich Dir.«
»Ich weiß drei Partien, von denen jede für ihn passen würde!«
»Setze Dich her, lieber Julius! und lasse uns ruhig überlegen, welche von den dreien wohl die meiste Aussicht hätte, Geoffrey zu gefallen und den Anforderungen seines Vaters in Betreff seiner Schwiegertochter zu entsprechen. Wenn wir einig geworden sind, darfst Du das Ergebniß keinem Schreiben anvertrauen; Du mußt selbst in’s Hotel gehen und Geoffrey sprechen.«
Mutter und Sohn berathschlagten nun und säeten harmlosen Sinnes eine Saat, der eine furchtbare Ernte entsprießen sollte.
