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Kitabı oku: «Mann und Weib», sayfa 19

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In einer Woche sollte er seine Arrangements getroffen haben. Wie sollte er es zunächst mit dem Einüben halten? Er einschloß sich diesmal, zwei Lehrmeister zu engagiren, einen den er nach Schottland kommen lassen und der ihn in seines Bruders Haus einüben sollte, und einen zweiten, der ihn bei seiner Rückkehr nach London mit frischen Augen betrachten und weiter ausbilden sollte. Er ließ sich die Siege seines furchtbaren Rivalen, dem er gegenüber treten sollte, durch den Kopf gehen. Jener war unfehlbar der raschere Läufer. Die Wetten zu Gunsten Geoffrey’s waren auf die noch nie dagewesene Länge des Laufes und auf Geoffrey’s unerhörte Ausdauer berechnet. Wie lange er seinen Gegner den Vorsprung lassen solle? In« welchem Moment es richtig sein würde, denselben einzuholen und wie nahe dem Ziel er auf die Erschöpfung des Gegners würde rechnen und ihn überholen können? Das waren feine, schwer zu entscheidende Fragen, zu deren Lösung ihm ein Wettlaufs-Geheimer-Rath würde behülflich sein müssen, um ihm die schwere Verantwortlichkeit zu erleichtern.

Wem konnte er wohl in dieser Beziehung Vertrauen schenken? Er konnte A. und B. zwei Autoritäten, vertrauen. Aber wie stand es mit C.? Als Autorität unanfechtbar, als Character zweifelhaft. Das Problem in Betreff C.’s ließ ihn in seinen Bewegungen inne halten und von der Lösung desselben in diesem Augenblick abstehen. Einerlei! Er konnte sich doch immer bei A. und B. Raths erholen; inzwischen mochte C. zum Teufel gehen und er konnte wieder versuchen an etwas Anderes zu denken. An was anderes? An Mrs. Glenarm! O, hole der Henker die Weiber, eine ist wie die andere, sie watscheln alle. wenn sie laufen und füllen sich alle vor Tisch den Magen mit dünnem Thee. Das ist der einzige Unterschied zwischen Frauen und Männern, im Uebrigen sind sie nichts als eine schwache Nachahmung von uns. Hole der Teufel die Weiber und ich will versuchen an etwas Anderes zu denken. Woran dieses Mal? An etwas, woran zu denken der Mühe werth ist: mir meine Pfeife wieder zu stopfen. Er zog seinen Tabacksbeutel ans der Tasche, hielt aber in dem Augenblick, wo er ihn öffnen wollte, plötzlich inne. Was war das, was er am andern Ende einer Allee von Zwerg-Birnbäumen zu seiner Rechten sah? Ein Frauenzimmer, seiner Kleidung nach offenbar ein Dienstbote, das ihm den Rücken zukehrend, vorüber gebeugt etwas aufsammelte; wie es ihm schien Kräuter. Und was war das Ding, das an einem Bindfaden an dem Gürtel des Frauenzimmers hing? »Eine Schiefertafel?« Ja. »Was zum Teufel wollte sie mit der Schiefertafel an der Seite?« Er suchte ja gerade etwas, was ihn auf andere Gedanken bringen könnte und er hatte es gefunden. »Mir ist alles Recht«, dachte er, »ich will doch die Person ein Bischen wegen ihrer Schiefertafel hänseln! Er rief durch die Birnbaumallee nach dem Frauenzimmer: »Halloh!« Das Frauenzimmer richtete sich auf, kam langsamen Schrittes auf ihn zu, und vor ihm stand, den Blick auf ihn gerichtet, Hester Dethridge mit ihren eingesunkenen Augen, ihrem von Sorgen durchfurchten Gesicht und ihrer eisernen Ruhe. Geoffrey ward stutzig! Er war nicht darauf gefaßt gewesen, das, was er und seine Kameraden unter Hänseln verstanden, an einem Frauenzimmer wie Dieses da zu versuchen. »Wozu braucht Ihr die Schiefertafel?« fragte er, um das Gespräch einzuleiten.

Hester legte die Hand an die Lippen und schüttelte den Kopf.

»Stumm?«

Hester nickte bejahend.

»Wer seid Ihr?«

Hester schrieb etwas auf ihre Tafel und reichte ihm dieselbe über die Birnbäume hinweg: »Ich bin die Köchin!«

»Nun Köchin! Seid Ihr stumm geboren?«

Sie schüttelte mit dem Kopf.

»Was hat Euch denn stumm gemacht?«

Sie schrieb auf ihre Tafel: »Ein Schreck.«

»Wer hat Euch diesen Schrecken bereitet?«

Sie schüttelte wieder mit dem Kopf.

»Wollt Ihr mir das nicht sagen?«

Sie schüttelte abermals mit dem Kopf. Ihre Augen waren, während er sie befragte, starr, kalt, stumpf und ausdruckslos wie die Augen einer Leiche auf ihn gerichtet. Fest wie seine Nerven waren, gewaffnet wie er unter gewöhnlichen Umständen gegen jede Wirkung der Einbildungskraft war, erfüllte ihn der langsam durchbohrende Blick der stummen Köchin mit einem unheimlich, fröstelnden Gefühl. Es überlief ihn eiskalt. Es drängte ihn aus einmal von ihr loszukommen; auch war das einfach genug, er brauchte nur guten Morgen zu sagen und hinweg zu gehen. Er sagte guten Morgen, ging aber nicht seiner Wege. Er steckte die Hand in die Tasche und bot Hester ein Stück Geld an, um sie dadurch zum Fortgehen zu bewegen. Sie streckte durch die Birnbäume hindurch ihre Hand aus, um das Geld zu nehmen, hielt aber plötzlich mit emporgehobenem Arm inne. Eine furchtbare Veränderung ging in ihrem, bis dahin todtenähnlich ruhigen Gesicht vor, ihre dicht geschlossenen Lippen öffneten sich langsam, ihre stumpfen Augen erweiterten sich und blickten, sich von ihm abwendend, nach einer seitwärts von ihm befindlichen Stelle, wandten sich dann wieder von dieser Stelle ab und starrten unheimlich glänzend über seine Schultern hinweg, als ob eine Schreckensgestalt hinter ihm stehe. »Wonach seht Ihr in’s Teufels Namen?« fragte er und wandte sich rasch um, aber hinter ihm war absolut Nichts zu sehen. Er wandte sich wieder nach dem Weibe um, aber unter dem Einfluß irgend eines plötzlichen Entsetzens war sie trotz ihres Alters spornstreichs davongelaufen, seinen Anblick fliehend, als wäre er die Pest. »Die ist verrückt!« dachte er und kehrte ihr den Rücken.

Er fand sich, er wußte kaum wie, auf einmal wieder vor dem Wallnußbaum. In wenigen Minuten hatten sich seine stählernen Nerven völlig erholt. Jetzt konnte er über den sonderbaren Eindruck, den das Weib auf ihn hervorgebracht hatte, wieder lachen. »Zum ersten Mal in meinem Leben erschrocken!« dachte er bei sich, »und das vor einem alten Weibe; es wird Zeit, daß ich anfange mich wieder einüben zu lassen, wenn es schon so weit mit mir gekommen ist.« Er sah nach der Uhr. Es war beinahe schon die Zeit des zweiten Frühstücks und er war noch immer nicht mit sich einig geworden, was er in Betreff des Briefes an Anne thun solle; jetzt aber entschloß er sich auf der Stelle einen Entschluß fassen. Das Weib, das stumme Weib mit dem steinernen Gesicht und den fürchterlichen Augen erschien ihm wieder und störte ihn in seiner Entschließung.

»Pah! eine verrückte alte Person, die vielleicht einmal Köchin gewesen ist und jetzt das Gnadenbrot ißt, weiter nichts. Ich will mich davon nicht weiter incommodiren lassen.« Er legte sich in’s Gras und richtete seine Gedanken ganz auf die ernste Frage: wie er es möglich machen könne, den Brief an Anne mit Mrs. Arnold Brinkworth zu bezeichnen und ihn doch sicher in Anne’s Hände gelangen zu lassen. Da trat ihm wieder das Bild des stummen, alten Weibes in den Weg. Ungeduldig schloß er die Augen und versuchte die Erscheinung auf diese Weise los zu werden. Aber das Schließen der Augen schützte ihn nicht gegen die Erscheinung des Weibes. Er sah sie vor sich, als ob er eben eine Frage an sie gethan habe, auf ihrer Schiefertafel schreibend. Was sie schrieb war er nicht im Stande zu entziffern, im Augenblick war die Erscheinung in Nichts zerflossen. Er sprang mit einem unbehaglichen Gefühl der Verwunderung über sich selbst wieder auf und in demselben Augenblicke durchfuhr ihn ein Gedanke mit der Schnelligkeit des Blitzes. Ohne sich einer besonderen Anstrengung bewußt zu sein, sah er auf einmal sicher seinen Weg durch die Schwierigkeiten, die ihn bisher beirrt hatten. Natürlich zwei Couverte, ein inneres unversiegeltes an Mrs. Brinkworth adressirt und ein äußers versiegeltes mit der Adresse an Miß Silvester.

So. war das Problem gelöst; gewiß das einfachste Problem, das je einen Kopf in Verlegenheit gesetzt hatte. Warum war ihm diese Lösung nicht früher eingefallen? Darüber wußte er sich keine Rechenschaft zu geben, und warum fiel sie ihm jetzt ein? Wieder erschien ihm das stumme, alte Weib, als ob die Antwort auf diese Frage etwa mit ihrer Person in Verbindung stehe. Zum ersten Mal in seinem Leben beunruhigte ihn sein eigener Zustand. Hatte der beharrliche Eindruck, den ein verrücktes, altes Weib auf ihn hervorbrachte, vielleicht etwas mit dem erschütterten Gesundheitszustand zu thun, von dem der Arzt gesprochen hatte? War er von einem Schwindel ergriffen oder hatte er mit nüchternem Magen zu viel getaucht und hatte er nach einer durchreisten Nacht zu lange sein gewöhnliches Getränk, das Ale entbehrt? Sofort verließ er den Garten, um die Richtigkeit dieser letzteren Vermuthung zu prüfen. Das Publicum würde unbedingt gegen ihn gewettet haben, wenn es ihn in diesem Augenblicke gesehen hätte; Er sah verstört und bekümmert aus und das aus guten Gründen.

Urplötzlich und ohne die mindeste Vorbereitung war ihm der Zustand seines Nervensystems zum Bewußtsein gekommen und hatte ihm in einer ihm bis dahin unbekannten Sprache zugerufen: »Da bin ich!«

In den Blumengarten zurückgekehrt, begegnete Geoffrey einem Diener, der eben einem der Gärtner einen Auftrag ertheilte. Er fragte denselben nach dem Kellermeister, als der einzigen sicheren Autorität, an die er sich in seiner augenblicklichen Verlegenheit wenden konnte.

In des Kellermeister’s Zimmer geführt, bat Geoffrey diesen hohen Hausbeamten, ihm eine Kanne seines ältesten Ale und dazu etwas Consistentes in der Gestalt einer gehörigen Scheibe Brod und Käse zu bringen. Der Kellermeister sah ihn erstaunt an. Diese Art der Herablassung von Seiten eines Mitgliedes der vornehmen Gesellschaft war ihm ganz neu. »Das zweite Frühstück wird gleich bereit sein, Mr. Delamayn.«

»Was giebt es zum Frühstück?«

Der Kellermeister zählte ihm eine Reihe sehr einladender Gerichte und alter feiner Weine auf.

»Hole der Teufel Ihre feinen Geschichten!« sagte Geoffrey. »Geben Sie mir eine Kanne altes Ale und ein gehöriges Stück Brod mit Käse.«

»Wo wünschen Sie das zu genießen, Mr. Delamayn.«

»Natürlich hier, und je eher desto besser.«

Der Kellermeister gab die nöthigen Ordres mit aller dienstfertigen Bereitwilligkeit und stellte alsbald die einfache von dem Herrn verlangte Erfrischung ganz fassungslos vor ihn hin. Der Sohn eines Edelmannes und noch dazu ein berühmter, öffentlicher Character, der Brod, Käse und Ale zugleich in der anspruchslosesten und gierigsten Weise an seinem, des Kellermeisters Tisch zu sich nahm, – das war ihm noch nicht vorgekommen. Der Kellermeister wagte eine kleine, verbindliche Vertraulichkeit. Lächelnd berührte er das Wettbuch in seiner Brusttasche »Ich habe auch sechs Pfund auf Sie gewettet, Mr. Delamayn!«

»Ganz gut mein alter Junge, Sie sollen auch Ihr Geld gewinnen!« Mit diesen edlen Worten klopfte der »ehrenwerthe Geoffrey« ihm auf den Rücken und hielt ihm sein Glas entgegen, auf daß er es ihm zum zweiten Male füllte. Beim Füllen des Glases mit dem schäumenden Ale fühlte sich der Kellermeister dreifach stolz als Engländer: »O, dachte er, fremde Nationen können ihre Revolutionen haben. Bei ihnen mag die Aristokratie zusammenbrechen, die britische Aristokratie lebt in dem Herzen des Volkes und auf ewig!«

»Noch eins«, sagte Geoffrey, indem er ihm sein leeres Glas hinhielt, »auf gutes Glück.« Er leerte das Glas auf einen Zug, nickte dem Kellermeister zu und ging hinaus. Hatte dieses Experiment sich erfolgreich erwiesen, war jetzt der Beweis der Richtigkeit seiner Vermuthung erbracht? Ganz gewiß! Ein leerer Magen und die Wirkung zu vielen Rauchens auf den Kopf, das waren die wirklichen Ursachen des»sonderbaren Geisteszustandes, in den er in dem Kuchengarten verfallen war. Jetzt verschwand das stumme Weib mit dem steinernen Gesicht wie ein Nebel, jetzt fühlte er nichts mehr als ein angenehmes Summen im Kopfe, eine sehr behagliche Wärme im ganzen Körper und eine unbegrenzte Fähigkeit, jede Verantwortlichkeit, die menschlichen Schultern aufgebürdet werden konnte, zu tragen. Geoffrey war wieder er selbst. Er ging in die Bibliothek, um endlich seinen Brief an Anne zu schreiben, um sich das erst einmal vom Halse zu schaffen. Die Gesellschaft war in der Bibliothek in Erwartung der Frühstücksglocke versammelt; alle vertrieben sich die Zeit mit müßigem Geplauder und unfehlbar würden einige, sobald Geoffrey sich gezeigt hätte, sich an ihn gemacht haben. Er zog es daher vor, an der Schwelle wieder umzukehren. Das einzige Mittel, in ungestörter Ruhe seinen Brief zu schreiben, war zu warten, bis sie alle beim Frühstück sein würden und dann in die Bibliothek zurückzukehren. Dieselbe Gelegenheit würde er benützen können, einen Boten für seinen Brief zu finden, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und nachher unbemerkt fortzugehen und einen langen Spaziergang zu machen. Eine Abwesenheit von drei oder vier Stunden würde hinreichen, um Arnold den nöthigen Sand in die Augen zu streuen, denn unfehlbar würde dieser die Abwesenheit, als durcb einen Besuch bei Anne veranlaßt, erklären. Müssig schlenderte er durch den Garten und entfernte sich immer weiter und weiter vom Hause.

Vierzehntes Kapitel.
Geschehen

Die Unterhaltung in der Bibliothek war überwiegend leer und oberflächlich. Nur in einem Winkel des Raums, in welchem Sir Patrick und Blanche zusammensaßen, wurde ein ernsthaftes Gespräch geführt.

»Onkel! Seit ein paar Minuten habe ich Dich scharf beobachtet.«

»Bei meinem Alter, liebe Blanche, machst Du mir damit ein sehr verbindliches Compliment!«

»Weißt Du auch, was ich gesehen habe?«

»Du hast einen alten Herrn gesehen, der sich nach dem Frühstück sehnt.«

»Ich habe einen alten Herrn gesehen, der in Gedanken versunken war, und ich möchte wissen warum?«

»Wegen zurückgetretener Gicht.«

»Nein, damit laß’ ich mich nicht abspeisen, Onkel, ich will wissen« —

»Nicht weiter Blanche, ein junges Mädchen, welches sagt: »ich will wissen,« ist in sehr gefährlicher Gemüthsverfassung. »Du weißt, auch Eva sagte: »ich will wissen,« und sieh’ nur wohin das geführt hat; auch Faust sagte »ich will wissen,« und die Folge davon war, daß er in schlechte Gesellschaft gerieth.«

»Du bist über etwas besorgt,« erwiderte Blanche, »und was mehr sagen will, Sir Patrick, Sie haben sich vorhin sehr auffallend benommen!«

»Wann denn?«

»Als Du Dich mit Mr. Delamayn in die gemüthliche Nische da einsperrtest; ich habe wohl gesehen, daß Du vorangingst, während ich, mit den langweiligen Einladungen zum Diner für Lady Lundie beschäftigt war!«

»Das nennst Du beschäftigt? Ich möchte wohl wissen, ob es jemals ein weibliches Wesen gegeben hat, das sich mit ungetheilter Aufmerksamkeit irgend einer irdischen Beschäftigung zugewendet hätte!«

»Laß doch die Frauen aus dem Spiel, lieber Onkel; was kann der Gegenstand Deiner Unterhaltung mit Mr. Delamayn gewesen sein und warum sehe ich jetzt, nachdem die Unterhaltung vorüber ist, eine Falte zwischen Deinen Augenbrauen, die ganz gewiß nicht da war, ehe Du die vertrauliche Unterhaltung mit Mr. Delamayn hattest!«

Bevor Sir Patrick antwortete, überlegte er, ob er Blanche in’s Vertrauen ziehen solle oder nicht. Der Versuch, sich über die Persönlichkeit der ungenannten Dame Geoffrey’s zu vergewissern, den er zu machen entschlossen war, mußte ihn nach Craig-Fernie führen und würde ihn unzweifelhaft nöthigen, sich schließlich an Anne zu wenden. Unter diesen Umständen konnte Blanches vertraute Bekanntschaft mit ihrer Freundin unstreitig für ihn von Nutzen sein, und auf Blanches Discretion konnte er sich in einer Angelegenheit, bei der es sich um Miß Silvester’s Interessen handelte, unbedingt verlassen. Andererseits erheischte die Unvollständigkeit seiner Kunde gebieterisch die größte Vorsicht. Die Vorsicht trug für dieses Mal bei Sir Patrick den Sieg davon. Er beschloß erst abzuwarten, was seine Nachforschungen in dem Gasthofe ergeben würden.

»Mr. Delamayn hat mich über eine trockene Rechtsfrage consultirt, die für einen seiner Freunde Interesse hat«, sagte Sir Patrick. »Du siehst, liebes Kind, Du hast Deine Neugierde und Deine Aufmerksamkeit verschwendet!«

Blanches Scharfsinn war aber nicht so leichten Kaufs abzufinden.«

»Warum sagst Du nicht geradezu, daß ich die Wahrheit nicht von Dir erfahren soll«, erwiderte sie. »Du solltest Dich mit Mr. Delamayn einsperren, um über Rechtsfragen mit ihm zu reden und solltest nach einem solchen Gespräch ärgerlich und verdrießlich aussehen? O, ich unglückliches Mädchen!« fügte sie mit einem bittern Seufzer hinzu, »ich muß etwas an mir haben, was die Menschen die ich liebe, abstößt. Kein vertrautes Wort kann ich von Anne erlangen und kein vertrautes Wort von Dir und ich habe ein so liebebedürftiges Herz; das ist wahrhaftig sehr hart. Ich glaube, ich will zu Arnold gehen.«

Sir Patrick ergriff die Hand seiner Nichte.

»Warte einmal, Blanche! Apropos von Miß Silvester. Hast Du heute etwas über sie gehört?«

»O nein, ich fühle mich ihretwegen unglücklicher, als ich es sagen kann.«

»Was meinst Du dazu, wenn Jemand nach Craig-Fernie ginge und die Ursache ihres Schweigens herauszufinden suchte, würdest Du dann glauben, daß doch Jemand ein Herz für Dich hat?«

Blanches Gesicht strahlte vor Ueberraschung und Freude. Sie führte Sir Patricks Hand dankbar an ihre Lippen und rief: »O, das wolltest Du doch nicht selbst thun?«

»Ich bin gewiß der Letzte, der es thun sollte, in Betracht, daß Du in offener Auflehnung gegen meinen ausdrücklichen Befehl nach dem Gasthof gefahren bist und daß ich Dir nur gegen ein reuiges Bekenntniß und ein feierliches Gelöbnis; der Besserung verziehen habe. Es steht dem Haupt einer Familie sehr schlecht an und ist ein schwächliches und verwerfliches Verfahren, wenn er seinen eigenen Principien in’s Gesicht schlägt, nur weil es seiner Nichte beliebt, besorgt und unglücklich zu sein; aber doch, wenn Du mir Deinen kleinen Wagen leihen wolltest, so könnte ich mich vielleicht, wenn auch widerwillig, zu einer einsamen Fahrt nach Craig-Fernie entschließen und da könnte ich ja möglicherweise Miß Silvester begegnen und falls Du ihr etwas auszurichten haben solltest —«

»Etwas?« wiederholte Blanche. Sie umschlang seinen Hals mit ihren Armen und flüsterte ihm eine endlose Botschaft für Anne in’s Ohr.

Während Sir Patrick zuhörte, steigerte sich sein Interesse an der Nachforschung, die ihn im Geheimen beschäftigte. Jenes Mädchen muß edle Eigenschaften haben, dachte er, wie könnte sie sonst eine solche Neigung einflößen.«

Während Blanche ihrem Onkel noch in’s Ohr flüsterte, fand eine andere vertrauliche Conferenz diesmal aber nur über eine rein häusliche Angelegenheit zwischen Lady Lundie und dem Kellermeister, in der Halle vor der Thür der Bibliothek statt.

»Ich habe leider zu melden, Mylady, daß Hester Dethridge wieder einen Anfall bekommen hat.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Sie war ganz ordentlich, Mylady, als sie vorhin in den Küchengarten ging. Seit sie aus demselben zurückgekommen, ist sie wieder sonderbar, verlangt den ganzen Tag für sich, Mylady, sagt, die viele Gesellschaft im Hause sei ihr lästig und sieht, wie ich bekennen muß, in der That wie eine Person aus, die an Körper und Geist erschöpft und angegriffen ist.«

»Sprechen Sie doch nicht so dummes Zeug, Roberts, die Person ist eigensinnig, träge und unverschämt. Sie wissen, ich habe ihr für nächsten Monat gekündigt; wenn sie während dieses Monats ihre Pflicht nicht thun will, so werde ich ihr kein Zeugniß geben. Wer soll denn heute das Mittagessen kochen, wenn ich Hester Erlaubniß gebe, auszugehen?«

»Wie die Sachen stehen, fürchte ich, Mylady, wird das Küchenmädchen heute ihr Bestes thun müssen.

Hester ist, wie Mylady sagen, sehr eigensinnig wenn sie ihren Anfall bekommt!«

»Wenn Hester Dethridge es dem Küchenmädchen überläßt, das Essen zu kochen, Roberts, so muß sie noch heute meinen Dienst verlassen. Ich will nichts weiter über die Sache hören. Wenn sie bei ihrem Ungehorsam beharrt, so lassen Sie ihr Ausgabenbuch in die Bibliothek bringen, während wir beim Frühstück sind und es dort auf meinen Schreibtisch legen. Nach dem Frühstück komme ich zurück und wenn ich das Ausgabenbuch dort finde, so werde ich wissen, was es bedeutet. in dem Fall werde ich Sie instruiren, sie abzulohnen. Jetzt läuten Sie zum Frühstück!«

Die Glocke zum Frühstück erschallte, die Gäste gingen Alle in’s Eßzimmer. Sir Patrick mit Blanche am Arm folgte ihnen von dem entferntesten Ende der Bibliothek nach. An der Schwelle des Eßzimmers blieb Blanche stehen und bat ihren Onkel es zu entschuldigen, wenn sie ihn allein hineingehen lasse. »Ich komme gleich wieder!« sagte sie, »ich habe noch etwas vergessen.«

Sir Patrick trat ein, die Thür des Eßzimmers schloß sich hinter ihm und Blanche ging allein wieder in die Bibliothek.

Bald unter diesem, bald unter jenem Vorwande, hatte sie die drei letzten Tage das in Craig-Fernie gegebene Versprechen, zehn Minuten während des Frühstücks in der Bibliothek auf Anne zu warten, treulich erfüllt. Heute, als am vierten Tage setzte sich das treue Mädchen wieder allein in das große Zimmer und wartete ruhig, die Augen auf den Rasen geheftet. Fünf Minuten vergingen, ohne daß ein anderes lebendes Wesen erschienen wäre, als die auf dem Rasen hüpfenden Vögel. Einige Minuten später aber vernahm Blanches scharfes Ohr das schwache Geräusch eines über den Rasen hinstreifenden Frauenkleides. Sie eilte an das nächste Fenster, blickte hinaus und klatschte mit einem Ausruf des Entzückens in die Hände. Da war die wohlbekannte Gestalt, die sich ihr raschen Schrittes näherte. Anne bewährte sich als treue Freundin und hatte ihr Versprechen endlich gehalten.«

Blanche eilte hinaus und zog sie triumphirend in die Bibliothek hinein.

»Das macht Alles wieder gut, Du Engel! Du giebst mir die erwünschte Antwort auf meinen Brief, Du bringst mir das Liebste, Dich selbst.« Sie veranlaßte Anne, sich zu setzen, lüftete ihren Schleier und sah ihr nun beim hellsten Sonnenlicht gerade in’s Gesicht. Die Veränderung, die mit der ganzen Erscheinung Anne’s vorgegangen war, erschien den liebenden Augen, die jetzt auf ihr ruhten, furchtbar. Anne sah, um viele Jahre älter aus, als sie wirklich war. Der Ausdruck ihres Gesichts hatte etwas unheimlich Ruhiges. Eine stumpfe Resignation, eine Ergebung in Alles, was kommen mochte und konnte, waren ihrem Gesichte aufgedrängt. Drei Tage und Nächte kummervoller Einsamkeit, drei Tage und Nächte ruheloser Ungewißheit hatten diese fein organisirte Natur zerrüttet, hatten dieses warme Herz erkaltet; ihre Lebensgeister waren entflohen, nur ihr Schatten war es, der noch lebte und sich bewegte, ein Hohn auf ihr früheres Selbst.

»O, Anne, Anne, was ist, was kann Dir begegnet sein, bist Du erschrocken? Du brauchst durchaus nicht zu fürchten, daß irgend Jemand hier uns stört. Die ganze Gesellschaft ist beim Frühstück und die Dienstboten sind beim Mittagessen. Wir können ganz über das Zimmer verfügen. Mein Engel, Du siehst so angegriffen aus, laß mich Dir eine Erfrischung geben.«

Anne zog Blanche’s Kopf an sich und küßte sie matt und langsam ohne ein Wort zu sagen, ohne eine Thräne zu vergießen, ohne einen Seufzer auszustoßen.

»Du siehst so angegriffen und verweint aus. Bist Du zu Fuß hergekommen? Du darfst aber nicht wieder zu Fuß fortgehen, dafür will ich sorgen!«

Bei diesen Worten raffte sich Anne auf und ergriff zum ersten Male das Wort in einem leiseren und traurigeren Tone als ihr sonst eigen war, während der Reiz, die natürliche Weiche und Schönheit ihrer Stimme den Untergang ihres ganzen übrigens Wesens überdauert zu haben schien. »Ich gehe nicht wieder zurück, Blanche, ich habe den Gasthof verlassen!

»Den Gasthof verlassen, mit Deinem Manne?«

Anne beantwortete nur die erste Frage, nicht die zweite. »Ich kann nicht zurückgehen, der Gasthof ist kein Aufenthalt für mich. Ein Fluch scheint sich an meine Fersen zu heften, wohin ich auch meine Schritte wende. Ich bin, Gott weiß es, ohne mein Zuthun, die Ursache von Streit und Elend. Der alte Mann, welcher Oberkellner im Gasthofe war, ist auf seine Art freundlich gegen mich gewesen, hat sich darüber mit der Wirthin nach einem heftigen Wortwechsel veruneinigt und that in Folge dessen seine Stelle verloren. Die Wirthin legt mir die ganze Sache zur Last, sie ist eine hartherzige Person und war, nachdem sie Bishopriggs fortgeschickt hatte, noch unfreundlicher gegen mich, als zuvor. Ich vermißte einen Brief im Gasthofe, ich muß ihn wohl weggeworfen und vergessen haben; ich weiß nur, daß ich mich gestern Abend dieses Briefes erinnerte und ihn nicht finden konnte. Ich erzählte das der Wirthin und sie benutzte den Anlaß, sich, noch fast ehe ich ein Wort gesagt hatte, mit mir zu streiten. Sie fragte mich, ob ich sie beschuldigen wolle, mir meinen Brief gestohlen zu haben und sagte mir Dinge, die ich nicht wiederholen kann. Ich bin nicht sehr wohl und fühle mich völlig außer Stande, mit Leuten dieser Art zu verkehren. Ich habe es daher für das»Beste gehalten, Craig-Fernie diesen Morgen zu verlassen. Ich wünsche und hoffe von ganzem Herzen, daß ich Craig-Fernie nicht wieder sehen werde.« – Sie hatte ihre kleine Geschichte ohne das mindeste Zeichen irgend einer Gemüthsbewegung erzählt und lehnte, als sie zu Ende war, ihren Kopf wieder ermüdet in den Sessel zurück.

Blanche’s Augen füllten sich bei ihrem Anblick mit Thränen. »Ich will Dich nicht mit Fragen quälen«, sagte sie sanft, »komm mit mir hinauf und ruhe Dich auf meinem Zimmer aus, Du bist nicht im Stande zu reisen, liebes Kind, ich will schon dafür sorgen, daß Niemand zu uns kommt.« Die Stallglocke schlug ein Viertel auf zwei Uhr.

Anne fuhr zusammen und sprang auf. »Was, hat die Uhr geschlagen?«

Blanche sagte es ihr.

»Dann darf ich nicht länger bleiben, ich bin hergekommen, um etwas ausfindig zu machen. Du wirst mich nicht näher darüber fragen; thue es nicht, um unserer Freundschaft willen, thue es nicht?«

Blanche wandte sich mit schwerem Herzen ab. »Ich will nichts thun, Geliebte, was Dir peinlich sein könnte.« Sie ergriff Anne’s Hand und verbarg die Thränen, die ihr über die Wangen zu rollen begannen.

»Ich möchte etwas wissen, Blanche! Willst Du es mir sagen?«

»Ja, was ist es?«

»Wer sind die Herren, die jetzt hier zum Besuch sind?«

Blanche sah sie plötzlich wieder mit ängstlicher Ueberraschung an. Eine unbestimmte Besorgniß ergriff sie, daß Anne’s Geist der schweren Bürde der auf ihr lastenden Sorgen erlegen sein könnte.

Aber Anne beharrte auf ihrer sonderbaren Bitte. »Sage mir ihre Namen, Blanche, ich habe meine Gründe, warum ich wissen möchte, wer die Herren sind, die jetzt hier im Hause zum Besuch verweilen.«

Blanche zählte jetzt die Namen der Gäste Lady Lundies auf und schloß: »Dann sind noch zwei diesen Morgen angekommen, Arnold Brinkworth und sein abscheulicher Freund, Mr. Delamayn!«

Annes Kopf sank wieder in den Sessel zurück. Es war ihr ohne Argwohn zu erregen gelungen, die Entdeckung zu machen, um derentwillen sie nach Windygates gekommen war. Er war also wieder in Schottland und erst diesen Morgen von London zurückgekehrt, hatte demnach kaum Zeit gehabt, sich, noch bevor sie den Gasthof verlassen hatte, mit Craig-Fernie in Verbindung zu setzen, namentlich da er ja das Briefschreiben haßte. Die Umstände sprachen zu seinen Gunsten. Es war wirklich und wahrhaftig kein Grund vorhanden, bis jetzt zu glauben, daß er sie verlassen habe. Das Herz des unglücklichen Weibes hüpfte ihr im Busen unter dem ersten Strahl der Hoffnung, der es seit einem Monat erwärmte. Bei diesem plötzlichen Aufruhr ihrer Empfindung wurde ihr schwacher Körper tief erschüttert. Ihr Gesicht wurde einen Augenblick dunkelroth, dann wieder todtenbleich.

Blanche, die sie ängstlich beobachtete, fand es jetzt unerläßlich, ihr augenblicklich eine Erfrischung zu verschaffen. »Ich will etwas Wein für Dich holen, Du wirst ohnmächtig werden, wenn Du nicht etwas zu Dir nimmst. »Ich bin gleich wieder bei Dir und ich will es schon einrichten, daß Niemand etwas davon merkt!« sie schob Anne’s Stuhl an das nächste offene Fenster am obern Ende der Bibliothek und lief hinaus.

Kaum hatte Blanche das Zimmer durch die nach der Vorhalle führende Thür verlassen, als Goffrey durch eine der nach dem Garten führenden Glasthüren eintrat. Ganz in dem Gedanken an den Brief, den er zu schreiben im Begriff war, vertieft, ging er langsamen Schrittes durch’s Zimmer auf den nächsten Tisch zu.

Als Anne Fußtritte vernahm, fuhr sie zusammen. Und sah sich um Ihre erschöpften Kräfte hoben sich augenblicklich bei seinem Anblick; sie erhob sich und ging raschen Schrittes mit schwach errötheten Gesicht auf ihn zu.

Er blickte auf. Da standen sich die Beiden wieder gegenüber von Angesicht zu Angesicht, ohne Zeugen.

»Geoffrey!« sagte sie.

Er sah sie an, ohne ihr eien Schritt entgegen zu treten. In seinen Augen zuckte es unheimlich. Sein Schweigen war das Schweigen eines wilden Thieres, das stumm droht. »Er heitre seinen Entschluß gefaßt, sie nie wieder zu sehen und jetzt hatte sie ihn in die Falle einer Zusammenkunft gelockt. Er war entschlossen, ihr zu schreiben und jetzt stand sie vor ihm und zwang ihn zu reden. Das Maaß ihres Unrechts gegen ihn war jetzt voll. Wenn jemals der leiseste Funke von Mitleid sich in seinem Herzen geregt hätte, so würde dieser Funke doch jetzt völlig erloschen sein.

Sie begriff die ganze Bedeutung seines Schweigens. Sie entschuldigte sich bei ihm, daß sie es wagte, wieder nach Windygates zu kommen; entschuldigte sich bei dem Mann, dessen bewußte Absicht es in diesem Augenblick war, sie hülflos in die weite Welt hinauszustoßen. »Verzeih’ mir, bitte, daß ich hergekommen bin, ich habe nichts gethan, was Dich compromittiren könnte, Niemand als Blanche weiß, daß ich in Windygates bin und ich habe meine Fragen über Dich so zu stellen gewußt, daß sie keine Ahnung von unserm Verhältnisse haben kann.« Dann hielt sie inne und fing an zu zittern. Jetzt entdeckte sie in seinem Gesicht etwas, was ihr anfänglich entgangen war. »Ich habe Deinen Brief erhalten,« fuhr sie fort, indem sie ihre sinkenden Kräfte zusammennahm, »ich beklage mich nicht, daß er so kurz war, ich weiß, Du bist kein Freund vom Briefschreiben, aber Du hast versprochen, von Dir hören zu lassen und ich habe nichts von Dir gehört und es war so einsam in dem Gasthof.« Wieder hielt sie inne und stützte sich wankend auf den Tisch. Die Schwäche bemächtigte sich ihrer wieder; sie versuchte fortzufahren, es war vergeblich, sie konnte ihn nur noch ansehen.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
930 s. 1 illüstrasyon
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