Kitabı oku: «Mann und Weib», sayfa 30
Drittes Kapitel.
Die Wahrheit kommt endlich an den Tag
Zwei Tage nach der Hochzeit, am Mittwoch den neunten September, wurde ein in Windygates eingetroffenes Packet Briefe von Lady Lundie’s Verwalter nach Ham-Farm weiter befördert. Mit einer einzigen Ausnahme waren die Briefe alle entweder an Sir Patrick oder an seine Schwägerin adressirt. Der einzige Brief aber, der eine Ausnahme machte, war an Mr. Arnold Brinkworth gerichtet, Adresse Lady Lundie, Windygates-House, Perthshire, und sorgfältig versiegelt. Als Sir Patrick sah, daß der Brief mit einem Glasgower Poststempel versehen war, betrachtete er die Handschrift auf der Adresse mit einem gewissen Mißtrauen. Sie war ihm unbekannt, rührte aber offenbar von einer weiblichen Hand her.
Lady Lundie saß ihm gegenüber« am Tische. In gleichgültigem Tone sagte er: »Ein Brief für Arnold« und schob ihr ihn über den Tisch hin zu. Lady Lundie nahm den Brief auf, ließ ihn aber, sobald sie die Handschrift angesehen hatte, plötzlich wieder los, als ob sie sich die Finger an demselben verbrannt hätte.
»Wieder die »Person«, rief Lady Lundie »Die »Person« nimmt sich heraus, einen Brief an Arnold Brinkworth unter der Adresse meines Hauses zu schreiben?«
»Miß Silvester?« fragte Sir Patrick.
»Nein!« sagte Lady Lundie, indem sie die Zähne zusammenbiß, »die »Person« kann mich insultiren, indem sie einen Brief unter meiner Adresse abschickt, aber der Name der »Person« soll meine Lippen nicht beflecken selbst nicht in Ihrem Hause, Sir Patrick, auch nicht Ihnen zu Gefallen!«
Das war für Sir Patrick Antwort genug. Nach Allem, was vorgefallen war, nach ihrem Abschiedsbrief an Blanche, schrieb Miß Silvester hier wieder aus freien Stücken an Blanche’s Mann, das war gelinde gesagt, unerklärlich; er nahm den Brief wieder zur Hand und sah ihn noch einmal an. Lady Lundie’s Verwalter war ein Mann, der sehr methodisch zu Werke zugehen pflegte; er hatte auf der Rückseite jedes in Windygates eingetroffenen Briefs den Tag der Ablieferung notirt. Der an Arnold gerichtete Brief war am Montag, den siebenten September, an Arnold’s Hochzeitstage abgegeben worden. Was hatte das zu bedeuten? Es war müßig, weiter danach zu forschen Sir Patrick stand auf, um den Brief in ein Schubfach des hinter ihm stehenden Schreibtisches zu verschließen, aber Lady Lundie that im Interesse der Sittlichkeit Einspruch.
»Sir Patrick!«
»Nun?«
»Halten Sie es nicht für Ihre Pflicht den Brief zu öffnen?«
»Meine verehrte Frau Schwägerin, wie kommen Sie auf einen solchen Gedanken?«
Die tugendhafteste aller lebenden Frauen war um eine Antwort nicht verlegen. »Ich denke«, sagte Lady Lundie, »an Arnold’s sittliche Wohlfahrt.«
Sir Patrick lächelte. Auf der langen Liste jener respectablen Lügen, unter denen wir unsere Neigung, uns wichtig zu machen und uns in die Angelegenheiten Anderer zu mischen, verhüllen, steht die Rücksicht auf die sittliche Wohlfahrt unserer Nebenmenschen obenan. »Wir werden wahrscheinlich in einem oder zwei Tagen von Arnold hören«, sagte Sir Patrick, indem er den Brief in das Schubfach einschloß. »Er soll den Brief haben, sobald ich weiß, wohin ich ihm denselben schicken kann.«
Schon der nächste Morgen brachte Nachrichten von dem jungen Paare. Sie berichteten, daß sie zu selig seien, um sich darum zu bekümmern, wo sie sich aufhielten, so lange sie nur bei einander seien. Die Entscheidung jeder Frage, außer der Frage ihrer Liebe, sei dem Ermessen ihres erfahrenen Couriers überlassen. Dieser verständige und zuverlässige Mann habe erklärt, daß kein vernünftiger Mensch daran denken dürfe, sich im Monat September längere Zeit in Paris aufzuhalten; er habe bestimmt, daß sie auf ihrem Wege nach der Schweiz am zehnten nach Baden-Baden abreisen sollten; bis auf Weiteres seien daher Briefe dorthin zu dirigiren. Wenn Baden dem Courier gefalle, würden sie wahrscheinlich eine Zeitlang dort bleiben, wenn aber der Courier Lust bekommen sollte, in’s Gebirge zu gehen, so würden sie nach der Schweiz weiter reisen; inzwischen habe Arnold kein anderes Interesse, als Blanche und Blanche kein anderes Interesse, als Arnold.
Sir Patrick beförderte sofort Anne Silvester’s Brief an Arnold poste restante nach Baden-Baden. Gleichzeitig wurde ein zweiter an diesem Morgen eingetroffener, an Arnold gerichteter Brief, anscheinend die Zuschrift eines Advocaten und mit dem Poststempel Edinburgh versehen, befördert.
Zwei Tage später hatten alle Gäste Ham-Farm verlassen. Lady Lundie war wieder nach Windygates zurückgekehrt; die übrigen hatten sich nach verschiedenen Richtungen hin zerstreut. Sir Patrick der gleichfalls daran dachte, nach Schottland zurückzukehren, blieb noch eine Woche allein in Ham-Farm, als einsamer Gefangener in seinem eigenen Landhause. Aufgehäufte Geschäftsrückstände, welche sein Verwalter unmöglich allein beseitigen konnte, nöthigten ihn zu diesem verlängerten Aufenthalte. Das war für einen Mann, der keinen Geschmack an der Rebhühnerjagd findet, ein hartes Loos. Sir Patrick vertrieb sich die nicht durch seine Geschäfte in Anspruch genommene Zeit mit Lectüre. Zu Tische kam der Pfarrer einer benachbarten Kirche zu ihm herübergefahren und spielte Abends mit ihm eine Parthie Piquet; sie verabredeten daß sie einen Abend um den andern, einer zu dem andern kommen wollten. Der Pfarrer war ein ausgezeichneter Spieler und Sir Patrick, obgleich ein geborener Presbyterianer, segnete die englische Staatskirche die ein so harmloses Kartenspiel nicht verpönte, aus Herzensgrunde.
Drei weitere Tage verflossen. Die Abwickelung der Geschäfte nahm einen raschen Fortgang und die Zeit von Sir Patricks Rückkehr nach Schottland nahte heran. Die beiden Herren kamen überein, eine letzte Parthie am nächsten Tage im Hause des Pfarrers zu spielen. Aber diese letzte Parthie Piquet zwischen dem Baronet und dem Pfarrer sollte nie gespielt werden. Am Nachmittag des vierten Tages kam Sir Patrick von einer Ausfahrt zurück und fand einen Brief von Arnold vor, der mit der letzten Post gekommen war. Dem äußern Anschein nach war es ein Brief von ungewöhnlich bedenklicher, vielleicht auch von ungewöhnlich interessanter Natur. Arnold war einer der letzten Menschen in der Welt, dem irgend einer seiner Bekannten eine Neigung zu längerer Correspondenz würde zugetraut haben, und doch lag hier ein Brief von ihm, der dreimal so dick und schwer war, wie seine gewöhnlichen Briefe und übrigens augenscheinlich von mehr als gewöhnlicher Wichtigkeit in Betreff seiner Nachrichten. In der einen Ecke des Couverts stand »rasch zu befördern« und in einer andern Ecke stand gleichfalls unterstrichen das Wort »Vertraulich.« »Halloh, was hat das zu bedeuten?!« dachte Sir Patrick. Als er den Brief eröffnete, fielen zwei Einlagen heraus. Er warf einen Blick darauf und sah, daß es die beiden Briefe waren, die er nach Baden-Baden befördert hatte; der Brief, den er in der Hand behielt und der zwei Bogen füllte, war von Arnold selbst. Sir Patrick las diesen Brief zuerst; er war aus Baden-Baden datirt und fing an, wie folgt:
»Lieber Sir Patrick!
»Erschrecken Sie nicht, wenn Sie irgend umhin können, ich bin in schrecklicher Verlegenheit.«
Sir Patrick blickte einen Augenblick von dem Briefe auf. Wenn ein junger Mann aus Baden-Baden schreibt, daß er in einer schrecklichen Verlegenheit ist, wie hat man diese Verlegenheit zu erklären? Sir Patrick zog den unvermeidlichen Schluß, Arnold müsse gespielt haben; Er schüttelte den Kopf und las weiter:
»Ich darf sagen, daß ich, so schrecklich die Sache auch ist, nicht zu tadeln bin und auch sie, die Aermste nicht.«
Sir Patrick hielt wieder inne, »Sie?« Blanche hatte augenscheinlich auch gespielt. Es fehlte nichts, um das Bild vollständig zu machen, als daß der nächste Satz, meldete, daß auch der Courier seinerseits von der unersättlichen Spielwuth ergriffen worden sei. Sir Patrick las weiter:
»Sie werden gewiß nicht von mir verlangen, daß ich die Gesetze hätte kennen sollen und was die arme Miß Silvester betrifft —«
Miß Silvester? Was hatte denn Miß Silvester damit zu thun und was konnte die Beziehung auf die Gesetze zu bedeuten haben? Sir Patrick hatte den Brief bis hierher stehend gelesen. Bei dem Namen Silvester aber beschlich ihn ein eigenthümliches Mißbehagen. Er konnte sich keine klare Vorstellung von dem machen, was nun folgen werde; ein unbeschreibliches Etwas regte sich in ihm und afficirte seine Nerven derartig, daß er plötzlich die Schwächen seines Alters zu fühlen glaubte. Er war genöthigt, sich niederzusetzen und einen Augenblick inne zu halten, bevor er fortfahren konnte. Der Brief lautete weiter:
»Und was die arme Miß Silvester betrifft, so konnte sie doch, obgleich sie, wie ich mich erinnere, ein unbestimmtes Vorgefühl von der Bedenklichkeit der Situation hatte, da auch sie nicht gesetzeskundig ist, keine Ahnung davon haben, wie die Sache enden würde. Ich weiß kaum, wie ich es anfangen soll, Ihnen die Sache mitzutheilen, ich kann und will es nicht glauben, aber selbst wenn die Sache wahr sein sollte, so bin ich überzeugt, daß Sie einen Ausweg für uns finden werden. Ich werde vor nichts zurückschrecken und Miß Sylvester wird, wie Sie aus ihrem Briefe ersehen werden, gleichfalls vor nichts zurückschrecken, um die Sache in Ordnung zu bringen. Natürlich habe ich meiner geliebten Blanche, die ganz glücklich ist und nicht den leisesten Verdacht hegt, nichts davon gesagt. Alles dies, lieber Sir Patrick, ist, fürchte ich, sehr schlecht geschrieben, aber es hat den Zweck, Sie vorzubereiten und die Dinge von vornherein in das beste Licht zu stellen. Indessen muß die Wahrheit gesagt werden und die Wahrheit ist eine Schmach für das schottische Gesetz. Die Sache ist kurz folgende: Geoffrey Delamayn ist ein noch größerer Schurke, als wofür Sie ihn halten und ich bereue es, wie die Dinge sich jetzt herausgestellt haben, bitter, daß ich an jenem Abende, wo Sie und ich unsere vertrauliche Unterhaltung in Ham-Farm hatten, geschwiegen habe. Sie werden denken, daß ich zwei Dinge in einander mische, aber das thue ich nicht, bitte, bleiben Sie dessen, was ich eben über Geoffrey gesagt habe, eingedenk, und bringen Sie es in Verbindung mit dem, was ich Ihnen jetzt zu sagen habe. Das Schlimmste kommt noch. Miß Silvester’s einliegender Brief meldet mir die schreckliche Nachricht. Sie müssen wissen, daß ich an dem Tage jenes Gartenfestes in Windygates im Geheimen als Geoffrey’s Bote zu ihr ging. Nun, wie es geschehen sein mag, weiß nur der Himmel, aber es ist Grund zu der Besorgniß vorhanden, daß ich, ohne selbst etwas davon zu wissen, mich im vorigen August im Gasthof zu Craig-Fernie mit Miß Silvester verheirathet habe.«
Der Brief entfiel Sir Patricks Händen. Er sank in seinen Stuhl zurück und war einen Augenblick durch den Schreck völlig betäubt. Bald aber erholte er sich wieder, sprang auf und ging im Zimmer auf und ab, stand dann still, nahm sich zusammen und waffnete sich mit all seiner Willenskraft. Er hob den Brief wieder auf und las den letzten Satz noch einmal. Sein Gesicht überflog eine tiefe Röthe. Er stand auf dem Punkt sich einem nutzlosen Zornesausbruch gegen Arnold zu überlassen, als sein besseres Urtheil ihn noch zu rechter Zeit zurückhielt.
»Ein Narr in der Familie ist genug,« sagte er; »an mir ist es, in dieser schrecklichen Lage um Blanche’s willen, mir den Kopf klar zu halten.« Er hielt abermals inne, um sich seiner eigenen Fassung zu versichern und nahm dann wieder den Brief zur Hand, um zu sehen, was der Schreiber zur Erklärung und Entschuldigung der Sache zu sagen habe. Arnold wußte genug zu sagen, nur wußte er leider nicht, wie er es sagen sollte. Es war schwer zu entscheiden, welche Eigenschaft in seinem Briefe die hervorragendste war, die vollständige Abwesenheit aller klaren Zusammenstellung, oder der vollständige Mangel an jeder Zurückhaltung. Ohne Anfang, Mitte oder Ende erzählte er die Geschichte seiner verhängnißvollen Verbindung mit Anne Silvester’s Angelegenheiten von dem denkwürdigen Tage an, wo Geoffrey Delamayn ihn nach Craig-Fernie geschickt hatte, bis zu dem ebenso denkwürdigen Abende, wo Sir Patrick es vergebens versucht hatte ihm in Hain-Farm die Lippen zu öffnen.
»Ich muß bekennen,« schloß der Brief, »daß, wie die Dinge sich jetzt herausgestellt haben, ich ein Narr gewesen bin, Geoffrey Delamayn’s Geheimniß zu bewahren; Aber wie konnte ich etwas über ihn aussagen, ohne Miß Silvester zu compromittiren. Lesen Sie ihren Brief und Sie werden sehen, was Sie sagt, und wie großmüthig sie mich jeder Verpflichtung entbindet. Es nützt nichts, daß ich sage, es thut mir leid, daß ich, zu rücksichtsvoll war, das Uebel ist geschehen, aber ich werde, wie ich schon vorhin gesagt habe, vor nichts zurückschrecken, um es wieder gut zu machen, nur sagen Sie mir, was der erste Schritt ist, den ich zu thun habe und verlassen Sie sich darauf, daß ich denselben, falls er mich nicht von Blanche trennt, sofort thun werde. In Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich, lieber Sir Patrick, Ihr sich in der peinlichsten Verlegenheit befindender
Arnold Brinkworth.«
Sir Patrick faltete den Brief zusammen und betrachtete die beiden auf dem Tische liegenden Einlagen. Sein Auge blickte finster, als er die Hand ausstreckte, um Anne’s Brief aufzunehmen. Der Brief von Arnold’s Advocaten in Edinburgh lag ihm näher; mechanisch griff er daher zuerst nach, diesem. Der Advocat berichtete in Kurze, daß er die nöthigen Nachforschungen in Glasgow mit folgendem Ergebniß angestellt habe. Anne’s Spur war bis zum Schöpfen-Hotel verfolgt worden; dort hatte sie bis Anfang September schwer krank darnieder gelegen. Man hatte erfolglose Anzeigen in den Glasgower Blättern erlassen. Am fünften September endlich war sie soweit wiederhergestellt gewesen, um das Hotel verlassen zu können; man hatte sie an demselben Tage an der Eisenbahnstation gesehen, aber damit war jede Spur von ihr wieder verloren gegangen. Demnächst habe der Advocat, wie er weiter berichtete jedes weitere Verfahren eingestellt und erwarte jetzt eine Instruction von seinem Clienten.
Der Brief blieb nicht ohne Einfluß auf Sir Patrick, indem er ihn veranlaßte weniger hart und rasch über Anne zu urtheilen, als er es zu thun im ersten Augenblick geneigt gewesen war. Schon ihre Krankheit gab ihr das Recht auf ein wenig Sympathie; ihre hilflose Lage, welche sich in den durch die Zeitungen erlassenen Aufrufen so klar und traurig abspiegelte, forderte dringend dazu auf, ihre Fehler, wenn sie deren begangen hatte, milde zu beurtheilen. Ernst aber nicht mehr zornig öffnete Sir Patrick ihren Brief, – den Brief, welcher einen Zweifel gegen die Gültigkeit der Ehe seiner Nichte erhob.
Viertes Kapitel.
Anne opfert sich
Anne Silvester’s Brief lautete:
»Glasgow, den 5. September.
Lieber Mr. Brinkworth!
Vor etwa drei Wochen versuchte ich es, Ihnen von hier aus zu schreiben, aber in dem Augenblick, wo ich eben die Feder angesetzt hatte, wurde ich plötzlich von einer schweren Krankheit ergriffen, habe von diesem Augenblicke an bis heute hilflos darniedergelegen und war, wie man mir sagt, dem Tode sehr nahe. Vorgestern und gestern fühlte ich mich stark genug, um mich ankleiden zu lassen und kurze Zeit aufzusitzen; heute fühle ich mich noch stärker, ich kann wieder meine Gedanken sammeln. Der erste Gebrauch, den ich von meiner Besserung mache, besteht darin daß sich Ihnen diese Zeilen schreibe. Ich werde Sie voraussichtlich durch meine Mitteilung überraschen, vielleicht erschrecken, aber es giebt kein Mittel, weder für Sie noch für mich, der Sache zu entgehen, es muß geschehen; indem ich darüber nachdenke, wie ich das, was ich Ihnen zu sagen genöthigt bin, am Besten vorbringe, finde ich keinen bessern Weg, als Sie zu bitten, sich eines Tages zu erinnern, den wir Beide Ursache haben bitter zu bereuen, des Tages, an welchem Geoffrey Delamayn Sie zu mir nach dem Gasthof von Craig-Fernie schickte. Vielleicht erinnern Sie sich nicht mehr, wenigstens schien es damals unglülcklicherweise keinen Eindruck auf Sie zu machen, daß ich bei jener Gelegenheit mehr als einmal ein entschiedenes Mißbehagen darüber empfand und zu erkennen gäb, daß Sie mich Vor den Leuten im Gasthofe für Ihre Frau ausgaben. Sie thaten es, weil es nothwendig war, um mir die Erlaubniß zu erwecken, in Craig-Fernie zu bleiben; ich wußte das und doch widerstrebte mir die Sache. Es war mir unmöglich Ihnen zu widersprechen, ohne Sie in die peinlichen Folgen dieses Protestes zu verwickeln und Gefahr zu laufen, einen Scandal zu veranlassen, der Blanche leicht hätte zu Ohren kommen können. Auch das wüßte ich und doch fühlte ich Gewissensbisse, es war ein unbestimmtes Gefühl, ich wußte nichts von der positiven Gefahr in die wir uns selbst brachten, sonst würde ich mich, gleichviel was daraus entstehen mochte, auf der Stelle ausgesprochen haben. Ich hatte, was man ein Vorgefühl nennt davon, daß Ihre Handlungsweise üble Folgen nach sich ziehen könne, das war Alles. Bei dem Andenken meiner geliebten Mutter, bei meinem Vertrauen auf die Gnade Gottes betheure ich, daß sich die Sache so und nicht anders verhält. Sie verließen den Gasthof am nächsten Morgen und wir haben uns seitdem nicht wieder gesehen. Wenige Tage nachdem Sie mich verlassen hatten, vermochte ich meine Einsamkeit nicht länger zu ertragen und ging im Geheimen nach Windygates, wo ich Blanche sprach. Als sie mich auf einige Minuten verlassen hatte, sah ich Geoffrey Delamayn zum ersten Mal, seit ich mich bei Lady Lundie’s Gartenfeste von ihm getrennt hatte, wieder. Er behandelte mich wie eine Fremde, sagte mir, daß er hinter Alles gekommen sei, was zwischen uns im Gasthofe vorgefallen; sagte dann, er habe den Rath eines Rechtskundigen eingeholt, und – O, Mr. Brinkworth, wie kann ich es aussprechen, wie kann ich die Worte niederschreiben die er dann zu mir sagte, aber es muß geschehen, so schrecklich es auch für mich ist, es muß geschehen, er weigerte sich, mich zu heirathen, weil, wie er sagte, ich schon verheirathet, weil ich Ihre Frau sei.
Jetzt wissen Sie, warum ich Sie bat, sich dessen zu erinnern, was ich fühlte und zu fühlen bekannte, als wir in Craig Fernie zusammen waren. Wenn Sie hart von mir denken und sich hart über mich aussprechen, so habe ich kein Recht, Sie deshalb zu tadeln, ich bin unschuldig und doch ist es mein Fehler.
Mir schwimmt es vor den Augen und die thörichten Thränen drängen sich unwillkürlich vor, ich muß mich unterbrechen und ein wenig ruhen.
Ich habe am Fenster gesessen und die in der Straße vorübergehenden Leute beobachtet, sie sind Alle Fremde aber ihr Anblick wirkt in gewisser Weise beruhigend auf mein Gemüth. Das Geräusch der großen Stadt giebt mir Muth und Kraft fortzufahren. Ich darf es nicht wagen, von dem Manne zu reden, der uns beide betrogen hat. Entehrt und gebrochen wie ich bin, fühle ich doch etwas in mir, was mich über ihn erhebt, Wenn er in diesem Augenblicke reuig zu mir käme und mir Alles böte, was Rang, Reichthum und Ehre der Welt geben können, so würde ich doch sein Weib nicht werden wollen, sondern vorziehen zu bleiben, was ich jetzt bin. Lassen Sie mich von Ihnen und um Blanches willen von mir selbst reden. Ich hätte unzweifelhaft in Windygates auf Sie warten und Ihnen sofort mittheilen sollen, was geschehen war, aber ich war schwach und krank und der Schreck über das, was ich gehört hatte, war so furchtbar, daß ich in Ohnmacht fiel. Als ich wieder zu zu mir kam, ergriff mich bei dem Gedanken an Sie und Blanche ein solches Entsetzen daß ich wie vom Wahnsinn besessen davon eilte und nur darauf bedacht war, mich vor den Blicken der Menschen zu verbergen. Auf dem Wege hierher wurde mein Geist klarer und ruhiger und hier angelangt, that ich, was, wie ich glaube und hoffe, das beste war, das ich thun konnte, ich fragte zwei Advocaten um Rath. Ihre Ansichten darüber, ob wir in Gemäßheit der Gesetze die für diese Dinge in Schottland maßgebend sind, verheirathet seien oder nicht, waren verschieden. Der Eine sagte: »Ja«, der Andere sagte: »Nein«, rieth mir aber, Ihnen auf der Stelle zu schreiben und Sie über Ihre Lage aufzuklären.»Ich versuchte es, noch am selbigen Tage Ihnen zuschreiben, wurde aber dabei, wie Sie bereits wissen krank. Gott sei Dank, daß der dadurch veranlaßte Aufschub nichts zu bedeuten hat. Ich fragte Blanche in Windygates, wann ihre Hochzeit sein werde und sie sagte mir, daß dieselbe nicht Vor Ende Herbst stattfinden würde. Es ist heute erst der fünfte September. Sie haben ja noch Zeit genug vor sich; um unser Aller willen, machen Sie einen guten Gebrauch davon. Was werden Sie thun? Gehen Sie sofort zu Sir Patrick und zeigen Sie ihm diesen Brief, befolgen Sie seinen Rath, gleichviel in welcher Weise ich von demselben betroffen werde. Ich würde Ihre Güte schlecht lohnen, ich würde der Liebe, die ich für Blanche im Herzen trage, wenig gemäß handeln, wenn ich einen Augenblick Bedenken trüge, mich Allem auszusetzen, was in Ihrem und in Blanche’s Interesse etwa nothwendig werden möchte. Sie haben sich in dieser Angelegenheit wahrhaft großmüthig, delicat und gütig benommen, Sie haben mein schmachvolles Geheimniß dessen bin ich gewiß, mit der Treue eines Ehrenmannes der den Ruf einer Frau in Händen hat bewahrt; ich entbinde Sie, lieber Mr. Brinkworth, von ganzem Herzen von jeder Verpflichtung, mein Geheimniß noch länger zu bewahren; ich flehe Sie auf meinen Knieen an, frei die Wahrheit zu verkünden. Ich bin bereit, meinerseits die Sache in jeder durch die Umstände geforderten noch so öffentlichen Weise zu bestätigen. Um jeden Preis machen Sie sich frei und dann, aber nicht eher, schenken Sie Ihre Achtung wieder der unglücklichen Frau, die Sie mit der Last Ihres Kummers beladen und Ihr Leben einen Augenblick mit dem Schatten ihrer Schande verdunkelt hat. Glauben Sie nicht, daß ich mir mit der an Sie gerichteten Aufforderung ein schmerzliches Opfer auferlegte. Für mich handelt es sich nur um die Beruhigung meines Gewissens.
Mich knüpft nichts mehr an das Leben, als die harte Nothwendigkeit des Daseins. Wenn ich jetzt an die Zukunft denke, so überblickt mein Geist die Jahre, die mir noch in diesem Leben beschieden sein mögen; bisweilen wage ich zu hoffen, daß die Gnade Christi, die einst auf Erden für ein schuldiges Weib gleich mir gesprochen hat, auch dereinst nach meinem Tode für meine Seele im Himmel sprechen werde. Bisweilen wage ich zu hoffen, daß ich in einer besseren Welt meine Mutter und Blanches Mutter wiedersehen werde. Ihre Herzen waren zärtlich verbunden wie Schwesterherzen, so lange sie auf Erden wandelten, und sie hinterließen ihren Kindern das Vermächtniß ihrer Liebe. O helfen Sie mir, daß ich, wenn wir uns wiedersehen, mir sagen darf, daß ich nicht umsonst versprochen habe, Blanche eine Schwester zu sein. Jetzt bin ich nur ein Hinderniß für das Glück ihres Lebens, um Gotteswillen opfern Sie mich ihrem Glück, ist das Einzige, um dessentwillen ich noch leben möchte. Ich wiederhole es, an mir ist mir nichts gelegen, ich habe kein Recht darauf, daß irgend welche Rücksicht auf mich genommen werde, und ich wünsche es auch nicht. Sagen Sie die volle Wahrheit in Betreff meiner, und rufen Sie mich so öffentlich, wie es Ihnen gut scheint, auf, die Wahrheit zu bezeugen.
Ich habe wieder eine kleine Pause gemacht und versucht, mir, ehe ich den Brief schließe, zu überlegen, was ich wohl etwa noch zu schreiben haben könnte; ich nichts nichts mehr, außer der Angabe, wo sie mich finden können, wenn Sie wünschen sollten, mir zu schreiben, oder mich zu sprechen. Ehe ich Ihnen dieses mittheile nur noch ein Wort. Es ist mir unmöglich vorauszusehen, was Sie nach Empfang dieses Briefes thun werden, oder was Andere Ihnen rathen werden zu thun. Ich muß es sogar für möglich halten, daß Sie bereits von Geoffrey Delamayn selbst über Ihre Lage aufgeklärt sind; in diesem Fall oder in dem Fall, daß Sie es für richtig halten sollten, Blanche in Ihr Vertrauen zu ziehen, wage ich es Ihnen vorzuschlagen eine Person, der Sie völliges Vertrauen schenken können, damit zu beauftragen, in Ihrem Namen mit mir zu sprechen, oder falls Ihnen das nicht möglich sein sollte selbst in Gegenwart einer dritten Person mit mir zusammenzutreffen. Der Mann, der keinen Anstand genommen hat, uns Beide zu verrathen, würde auch kein Bedenken tragen, uns auch künftig, wo er kann, in der niedrigsten Weise zu verleumden. Um Ihrer selbst willen lassen sie uns wohl beachten, lügnerischen Zungen keine Gelegenheit zu geben, Sie bei Blanche zu verleumden. Hüten Sie sich vor der Gefahr, sich abermals in eine falsche Stellung zu bringen, machen Sie es unmöglich, daß ein ihrer unwürdiges Gefühl in dem liebenden und edlen Herzen Ihres künftigen Weibes erweckt werde. Nachdem ich das geschrieben habe, kann ich Ihnen jetzt sagen, wie Sie mit mir in Verbindung bleiben können, wenn ich von hier fortgereist sein werde. Sie werden auf dem einliegenden Streifen Papier den Namen und die Adresse des zweiten Advocaten finden, den ich in Glasgow consultirt habe; ich habe mit ihm verabredet, daß ich ihn brieflich von, dem nächsten Ort, an den ich mich begeben werde, in Kenntniß setze und daß er diese Mittheilung entweder an Sie oder an Sir Patrick Lundie, sobald Sie persönlich oder schriftlich darum nachsuchen sollten, gelangen lasse. Ich weiß noch selbst nicht, wo ich eine Zuflucht finden werde; nur so viel ist sicher, daß ich in meinem gegenwärtigen schwachen Zustande nicht weit reisen kann. Wenn Sie sich darüber wundern sollten, daß ich überhaupt an Reisen denke, bevor ich mich wieder ganz kräftig fühle, so kann ich Ihnen nur einen Grund angeben, der Ihnen vielleicht excentrisch erscheinen wird. Man hat. mir mitgetheilt, daß in jener Zeit, wo ich todtkrank hier im Hotel lag, Anzeigen in Betreff meiner in Glasgower Blätter erlassen morden sind. Der Kummer hat mich vielleicht krankhaft argwöhnisch gemacht, und so fürchte ich mich vor dem, was geschehen könnte, wenn ich, nachdem mein Aufenthaltsort öffentlich bekannt gemacht worden ist, hier bliebe, und so bin ich, entschlossen, sobald ich dazu fähig. sein werde, im Geheimen abzureisen. Ich werde zufrieden sein, wenn ich an einem stillen Plätzchen auf dem Lande in der Umgebung von Glasgow Ruhe und Frieden finden kann. Sie brauchen sich in Betreff meiner Existenz keine Sorge zu machen, ich habe Geld genug für meine Bedürfnisse, und wenn ich wieder wohl werde, weiß ich mein Brod zu verdienen. Ich trage Ihnen nichts für Blanche auf; ich darf es nicht bevor dies vorüber ist; warten Sie, bis sie Ihr glückliches Weib geworden ist Und geben Sie ihr dann einen Kuß. und sagen, »er kommt von Anne.« Verzeihen Sie mir, wenn Sie konnten, lieber Mr. Brinkworth, ich habe Alles gesagt.
Ihre dankbareAnne Sylvester.
Sir Patkick legte den Brief mit wahrer Achtung für die Schreiberin nieder; etwas von dem persönlichen Einfluß, den Anne mehr oder weniger auf alle Männer, mit denen sie in Berührung trat, übte, schien sich auch dem alten Advocaten durch das Medium ihres Briefes mitgetheilt zu haben; seine Gedanken wandten sich in einer kaum begreiflichen Weise von der ernsten und drängenden Frage der Stellung seiner Nichte ab, einer Region rein speculativer Fragen in Betreff Anne’s zu.
»Welche thörichte Verblendung hat dieses edle Geschöpf in die Hände eines Menschen wie Geoffrey Delamayn gegeben?« fragte sich Sir Patrick.
Die Meisten von uns haben wohl schon einmal in ihrem Leben einer ähnlichen Frage, wie sie jetzt Sir Patrick außer Fassung brachte, rathlos gegenüber gestanden. Die Erfahrung lehrt uns täglich, daß Frauen sich an ihrer unwürdige Männer wegwerfen, und daß Männer sich Hals über Kopf für ihrer unwürdige Weiber in’s Verderben stürzen. Wir haben das Institut der Ehescheidung neuerdings auch bei uns in England und zwar hauptsächlich deshalb eingeführt, um beiden Geschlechtern die Möglichkeit zu gewähren, die fortwährend so leichtsinnig unter ihnen eingegangenen Verbindungen wieder zu lösen, und doch sind wir bei jedem neuen Beispiel einer solchen leichtsinnigen Verbindung auf’s Neue erstaunt, zu finden, daß der Mann und das Weib sich nicht aus vernünftigen und wohlerwogenen Gründen mit einander für’s Leben verbunden haben. Fragt die besonnensten unter Anne Silvester’s Schwestern, welche vernünftigen Rechtfertigungsgründe sie für die Wahl des Mannes, dem sie Herz und Hand schenkten, hatten, und ihr werdet an diese besonnensten Frauen eine Frage richten, die sie sich niemals selbst vorgelegt haben. Ja noch mehr, befragt Eure eigene Erfahrung und gesteht offen: Konntet Ihr Eure eigene vortreffliche Wahl zu der Zeit da Ihr sie trafet, rechtfertigen? Hättet Ihr Eure Gründe, in dem Augenblick, wo Ihr Euch zuerst gestandet, daß Ihr ihn liebtet, zu Papier bringen können und würden die Gründe, wenn Ihr es gethan hättet, eine strenge Kritik ausgehalten haben?
Sir Patrick sah sich vergebens nach einer genügenden Antwort auf seine Frage um. Auch lag ihm die Beschäftigung mit einer nothwendigeren und unmittelbar practischen Angelegenheit näher. Die Interessen seiner Nichte standen auf dem Spiel. Vor allen Dingen mußte er sich bei dem Pfarrer entschuldigen lassen, damit er den Abend frei behielt, um ungestört überlegen zu können, welche Schritte er Arnold rathen solle, zunächst zu thun.
Nachdem er seinem Piquet-Partner einige Zeilen der Entschuldigung geschrieben hatte, in denen er Familienangelegenheiten als Grund seiner Absage angab, klingelte Sir Patrick.
Der treue, Duncan erschien und sah auf der Stelle an dem Gesicht seines Herrn daß etwas vorgefallen sei.
»Schicke Jemand mit diesem Billet nach dem Pfarrhause«, sagte Sir Patrick, ich kann heute nicht bei dem Pfarrer essen, Du mußt mir ein Hammelkotelett machen lassen.«
»Um Vergebung, Sir Patrick, ist es unbescheiden zu fragen, ob Sie schlimme Nachrichten erhalten haben?«
»Die denkbar schlechtesten Nachrichten, Duncan, Ich kann Dir jetzt nichts Näheres darüber sagen. Bleib’ so nahe, daß Du die Glocke hören kannst, inzwischen aber laß Niemanden mich unterbrechen, selbst den Verwalter würde ich jetzt nicht sprechen können.«
Nachdem er sich die Sache sorgfältig überlegt hatte gelangte Sir Patrick zu der Ueberzeugung, daß es hier keine Wahl gebe, sondern daß er Arnold und Blanche auf der Stelle nach England zurückkommen lassen müsse. Es war von der dringendsten Nothwendigkeit, Arnold über die kleinsten Details in Betreff jedes Umstandes seines Zusammenseins mit Anne Silvester im Gasthof zu Craig-Fernie Gasthof zu befragen. Zu gleicher Zeit schien es um Blanche’s Willen wünschenswerth, sie augenblicklich wenigstens über das, was geschehen war, im Dunkeln zu lassen. Sir Patrick war um einen Ausweg zur Ueberwindung dieser Schwierigkeit nicht verlegen. Er sandte dass folgende Telegramm an Arnold: »Ihren Brief mit Einlagen erhalten, kehren Sie sobald wie möglich nach Ham Farm zurück, halten Sie die Sache noch vor Blanche geheim, sagen Sie als Grund Ihrer Rückkehr, daß die verlorne Spur Anne Silvester’s wieder aufgefunden sei und daß vielleicht Gründe vorhanden seien, die es wünschenswerth machten, daß Sie nach England zurückkehren, bevor irgend etwas Weiteres in der Sache vorgenommen werde.«
