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Kitabı oku: «Mann und Weib», sayfa 33

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Die Geschirrkammer

Siebentes Kapitel.
Anne erringt einen Sieg

An einem Abend im September, um die Zeit, wo Arnold und Blanche sich auf der Rückreise von Baden nach Ham-Farm befanden, saß ein alter Mann, mit einem verschleierten blinden und einem feuchten, gesunden Auge, allein in der Geschirrkammer der »Schottischen Harfe« in Perth, und war damit beschäftigt ein Glas Whisky-Punsch bedächtig mit dem erforderlichen Zucker zu versehen. Es war derselbe alte Mann, den wir im Laufe dieser Erzählung bereits als den väterlichen Freund Anne Silvester’s und als den, willfährigen Diener Blanche’s bei dem Ball in Swanhaven Lodge kennen gelernt haben. Jetzt lebte er der Hoffnung, zu einer dritten Dame, Mrs. Glenarm, in der mystischen Eigenschaft eines »Freundes im Verborgenen« in freundschaftliche Beziehungen zu treten.

Am Tage nach den Festlichkeiten in Swanhaven in Perth angelangt, hatte sich Bishopriggs alsbald in die »Schottische Harfe« begeben, hier, wo er dem Wirth als Mrs. Inchbare’s rechte Hand bekannt war und wo er auf der von dem Oberkellner geführten Liste obenan stand, konnte er hoffen, Beschäftigung zu finden. Seinen Freund, den Kellner Thomas Pennyquick, nach dem Bishopriggs zuerst fragte, fand er in einer traurigen körperlichen Und geistigen Verfassung. Der arme Mensch kämpfte vergebens gegen einen immer weiter um sich greifenden, lähmenden Rheumatismus und sah dem traurigen Loose entgegen, lange krank zu Hause liegen und dabei Frau und Kinder ernähren zu müssen, während die mit seiner Stellung verknüpften Einnahmen in die Tasche des ersten besten Fremden wandern würden, der sich zur Uebernahme seiner Stelle im Gasthof melden möchte. Kaum hatte Bishopriggs diese traurige Geschichte gehört, als er auch schon schlauer Weise seine Gelegenheit ersah, die Rolle eines großmühtigen und ergebenen Freundes von Thomas Pennyquick zu spielen und dabei sein eigenes Interesse wahrzunehmen. Er erbot sich sofort die Stelle des erkrankten Oberkellners, ohne auf die Einnahmen desselben Anspruch zu machen, unter der selbstverständlichen Bedingung zu übernehmen, daß der Wirth ihm unentgeltlich Kost und Logis im Gasthof gewähre. Nachdem der Wirth bereitwillig auf dieses Anerbieten eingegangen war, hatte, sich Thomas Pennyquick in den Schooß seiner Familie zurückgezogen und Bishopriggs sah sich nun durch eine respectable Position und eine tugendhafte Handlung gegen jede Gefahr eines auf ihn, als einen Fremden fallenden Verdachts für den Fall, daß, seine Correspondenz mit Mrs. Glenarm von Seiten ihrer Freunde zum Gegenstand einer gerichtlichen Untersuchung gemacht werden sollte, zwiefach gesichert.

In dieser meisterhaften Weise hattet er seinen Feldzug eröffnet und derselbe umsichtige Scharfsinn leitete auch seine ferneren Schritte. Gleichwohl sollte s ihn die Entdeckung von einer Seite her ereilen, die er in seinen Berechnungen nicht mit in Anschlag gebracht hatte.

Anne Silvester war nach Perth gekommen, um, wie Sir Patrick richtig vorausgesehen hatte, sich Gewißheit darüber zu verschaffen, ob ihr Verdacht, daß Bishopriggs die Person sei, die es versuchte, ihre Correspondenz zu einem pecuniären Vortheile für sich auszubeuten, begründet sei. Die auf Anne’s Veranlassung unmittelbar nach ihrer Ankunft eingezogenen Erkundigungen ergaben leicht, daß Bishopriggs, der frühere Oberkellner in Craig-Ferine und der aufopfernde Freund Thomas Pennyquick’s, ein und dieselbe Person seien.

Bereits am Tage nach ihrer Ankunft in Perth erfuhr Anne, daß Bishopriggs in dem unter dem Namen der »schottischen Harfe« bekannten Gasthofe in Dienst stehe. Der Wirth des Hotels, in welchem sie abgestiegen war, erbot sich, eine Bestellung für sie auszurichten. Sie lehnte aber dieses Anerbieten mit der Bemerkung ab, daß sie ihre Bestellung selbst ausrichten wolle und erbat sich nur Jemandem der ihr den Weg nach dem Gasthof zeige.

In seiner einsamen Geschirrkammer saß Bishopriggs, friedlich damit beschäftigt, den Zucker in seinem Whisky-Punsch zu schmelzen. Es war die Abendstunde, zu welcher gewöhnlich eine Pause der Ruhe einzutreten pflegte, ehe der sogenannte Nachtdienst des Hauses seinen Anfang nahm. Diese Pause pflegte Bishopriggs regelmäßig zu benutzen, um zu trinken und seinen Gedanken Audienz zu geben. Er kostete den Punsch und ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen, als er das Glas wieder niedersetzte, seine Aussichten waren die besten. Bis jetzt hatte er die Adpocaten bei den vorläufigen Verhandlungen überlistet. Jetzt brauchte er nur noch abzuwarten, bis die durch gelegentliche Briefe ihres »Freundes im Verborgenen« unterhaltene Furcht vor einem öffentlichen Skandal auf Mrs. Glenarm die gebührende Pression geübt und sie dahin gebracht haben würde, den Kaufpreis für die Correspondenz mit eigener Hand auszuzahlen. »Ich muß ihr Zeit lassen, sich die Sache zu überlegen«, dachte er, »und die Goldfüchse werden schon aus ihrer Börse herausspazieren.«

Seine Reflexionen wurden durch die Erscheinung eines unordentlich aussehenden Dienstmädchens, das ein baumwollenes Tuch um den Kopf gebunden hatte und eine Casserole in der Hand hielt, unterbrochen. »O, Mr. Bishopriggs«, rief das Mädchen, »da ist eine hübsche junge Dame, die nach Ihnen fragt!«

»Eine Dame?« wiederholte Bishopriggs, mit einem Blick tugendhafter Entrüstung »Du thust nicht gut, mein Kind, zu einem anständigen, für seinen Wandel verantwortlichen Mann mit einer solchen Liebesbotschaft zu kommen; wofür hältst Du mich? Für einen Mark-Anton, der um der Liebe Willen die Welt verlor und ein großer Narr war, oder für einen Don Juan, der seine Geliebten nach Hunderten zählte, wie König Salomo? Fort mit Dir zu Deinen Töpfen und Pfannen und heiße die wandernde Venus, die Dich) abgesandt hat, nach Hause gehen und spinnen.«

Noch ehe das Mädchen antworten konnte, wurde es sanft von der Schwelle der Thür weggeschoben und Bishopriggs sah, wie vom Blitz getroffen, Anne Silvester an der Stelle des Mädchens stehen. »Sie thäten besser, diesem Mädchen zu sagen, daß, ich keine Fremde für Sie bin«, sagte Anne mit einem Blick auf das Küchenmädchen, das sie mit dem Ausdruck dumpfen Staunens vom Vorplatz aus anstarrte.

»Mein eigenes Schwesterkind!« rief Bishopriggs mit einer jener frechen Lügen, um die er nie verlegen war; »gehe Deiner Wege, Maggie, das hüsbsche Kind da ist mein eigenes Fleisch und Blut; dagegen werden böse Zungen doch wohl nichts einzuwenden haben. – Herr des Himmels!« fügte er in einem andern Ton hinzu, sobald das Dienstmädchen, die Thür hinter sich geschlossen hatte, »was führt Sie hierher?«

»Ich habe Ihnen! etwas zu sagen, ich bin nicht ganz wohl und muß mich erst einen Augenblick erholen – geben Sie mir einen Stuhl!«

Bishopriggs gehorchte schweigend; Sein eines sehendes Auge ruhte, während er den Stuhl bereit setzte, mit einer behaglichen und argwöhnischen Aufmerksamkeit auf Anne. »Ich muß Sie vor Allem Eines« fragen, meine liebe Madam, auf welchem wunderbaren Wege sind Sie in diesen Gasthof gelangt?«

Arme erzählte ihm kurz und offen, wie sie ihre Erkundigungen eingezogen habe und zu welchem Ergebniß dieselben geführt hätten.

Die gefurchte Stirn Bishopriggs fing an, sich wieder zu glätten. »So, so«, rief er aus, indem er sich wieder in dem Besitz seiner ganzen angeborenen Unverschämtheit fühlte. »Ich habe schon einmal Gelegenheit gehabt, gegen eine andere Dame zu bemerken, daß es ganz wunderbar ist, wie sich die guten Handlungen eines Menschen in diesem Jammerthale doch belohnen; ich habe eine gute Handlung an dem armen Thomas Pennyquick gethan und nun ist ganz, Perth voll von meinem Lobe und Samuel Bishopriggs so bekannt, daß ein Fremder nur nach ihm zu fragen braucht, um ihn zu finden, aber bitte, glauben Sie ja nicht, daß ich für mich selbst in die Posaune gestoßen habe; als ein guter Calvinist habe ich nicht den allermindesten Glauben an gute Werke; wenn ich meine eigene Berühmtheit betrachte, so frage ich grade, wie der Psalmist gefragt hat: »Warum toben die Heiden und die Leute reden so vergeblich! Aber Sie wollen mir etwas mittheilen«, fügte er hinzu, indem er plötzlich wieder auf den Zweck von Anne’s Besuch zurückkam. »Ist es menschenmöglich, daß Sie nur zu diesem Zweck die ganze Reise nach Perth gemacht haben?« In seinem Gesicht fingen die Spuren des Argwohnes wieder an, sich zu zeigen.

Anne versuchte es, so gut es gehen wollte, den Widerwillen, den er ihr einflößte, zu verbergen und theilte ihm den Zweck ihres Kommens ohne alle Umschweife und in möglichst kurzen Worten mit. »Ich bin hergekommen, Sie um etwas zu bitten«, sagte sie.

»Ei, ei, was können Sie von mir wünschen?«

»Ich wünsche den Brief, den ich in Craig-Fernie verloren habe.«

Selbst Bishopriggs’ ganz ungewöhnliche Gewalt über sich, wurde durch diesen unerwarteten Angriff erschüttert; seine geläufige Zunge war einen Augenblick wie gelähmt. »Ich weiß nicht, was Sie wollen«, sagte er nach einer kleinen Pause, in dem verdrießlichen Bewußtsein, daß er sich beinahe verrathen hätte.

Die Veränderung in dem Benehmen Bishopriggs’ überzeugte Amte, daß er der Mann sei, den sie suche.

»Sie haben meinen Brief«, wiederholte sie im Tone fester Ueberzeugung, »und Sie versuchen es, den Brief zu einem unerlaubten Zweck auszubeuten, ich werde nicht zugeben, daß Sie meine Privatangelegenheit zu einer verkäuflichen Waare machen. Sie haben einen Brief von mir einer Fremden zum Verkauf angeboten und ich bestehe darauf, daß Sie mir denselben zurückgeben, bevor ich das Zimmer verlasse.«

Bishopriggs zauderte wieder. Sein erster Argwohn, daß Anne im Geheimen von dem Advocaten Mrs. Glenarm’s instruirt worden sei, schien sich zu bestätigen; er fühlte die ungeheure Wichtigkeit einer vorsichtigen Antwort und sagte nach einer kurzen Ueberlegung: »Ich will die kostbare Zeit nicht damit hinbringen, die Verleumdung die mir hier in den Weg tritt, von mir zu weisen. Die Verleumdung macht vergebliche Anstrengungen meine liebe Madam, wenn sie sich gegen einen ehrlichen Mann wie mich wendet. Pfui, schämen Sie sich, daß Sie so etwas sagen mögen und zu mir, der ich wie ein Vater in Craig-Fernie an Ihnen gehandelt habe. Wer hat Sie dazu angestiftet; ist die Person, die mich hinter meinem Rücken verleumdet hat, ein Mann oder eine Frau?«

Anne zog die »Glasgower Zeitung« aus der Tasche ihres Reisemantels und legte dieselbe so vor ihn hin, daß er die Stelle, welche den Erpressungsversuch bei Mrs. Glenarm schilderte, gerade vor Augen hatte. »Sehen Sie, hier habe ich Alles gefunden, was ich zu wissen brauche.«

»Die ganze Bande von Redacteuren, Druckern, Papierfabrikanten, Zeitungsverkäufern und alle dergleichen Gesindel sollen in der Hölle braten.« Mit diesem innerlich empfundenen aber nicht ausgesprochenen frommen Wunsch setzte. Bishopriggs seine Brille auf und las die vor ihn hingelegte Stelle. »Ich finde da nichts im Betreff Samuel Bishopriggs’ oder eines Verlustes, den Sie in Craig-Fernie gehabt haben könnten«, sagte er, nachdem er die Stelle gelesen hatte, indem er seine Position mit einer Entschlossenheit, die einer bessern Sache werth gewesen wäre, zu vertheidigen suchte.

Anne’s Stolz sträubte sich, dagegen noch länger mit ihm zu disputiren, sie stand auf und sagte ihr letztes Wort:

»Ich weiß zur Genüge, daß das einzige Argument, für welches Sie empfänglich sind, klingende Münze ist. Wenn Geld mich der widerwärtigen Nothwendigkeit, mit Ihnen zu disputiren überheben kann, Geld sollen Sie, so arm ich auch bin, bekommen. Schweigen Sie, bitte, Sie sind persönlich bei dem interessirt, was ich Ihnen jetzt sagen will.«

Sie öffnete ihre Börse und zog eine Fünf-Pfund-Note heraus.

»Wenn Sie sich entschließen, die Wahrheit. zu gestehen und mir den Brief heraus zu geben«, nahm sie wieder auf, »so will ich Ihnen diese Fünf-Pfundnote als eine Belohnung dafür zahlen, daß Sie Etwas, was ich verloren habe, gefunden und mir wiedergegeben haben. Wenn Sie bei Ihrer jetzigen Unterschlagung beharren, so kann und will ich machen, daß der Brief, welchen Sie mir gestohlen haben, in Ihren Händen zu einem werthlosen Stück Papier wird. Sie haben Mrs. Glenarm mit meiner Dazwischenkunft bedroht. Wenn ich nun vor Ablauf der Woche dazwischen träte, wenn ich zu Mrs. Glenarm ginge und noch andere in meinem Besitz befindliche Briefe von Mr. Delamayn zu meiner Rechtfertigung producirte, – was sollte Mrs. Glenarm dann wohl noch bewegen, den fraglichen Brief von Ihnen zu kaufen, antworten Sie mir darauf«.

Ihre bleichen Wangen färbten sich, ihre Augen, die trübe und matt gewesen waren, als sie das Zimmer betrat, waren jetzt mit dem Ausdruck unverhohlener Verachtung scharf und klar aus Bishopriggs gerichtet.

»Antworten Sie mir darauf!« wiederholte sie mit einem Ausdruck ihrer alten Energie, der es offenbar machte, daß das Feuer und die Leidenschaft in diesem Weibe auch noch jetzt nicht erloschen waren.

Wenn Bishopriggs ein Verdienst hatte, so war es das bei Männern seltene Verdienst, daß er sofort wußte wenn er geschlagen war und es verstand, sich nach einer Niederlage mit allen Kriegsehren zurückzuziehen.

»Der Himmel sei uns gnädig!« rief er mit dem unschuldigsten Tone von der Welt, »haben Sie selbst den Brief an den Mann mit Namen Geoffrey Delamayn geschrieben und die kurze, mit Bleifeder auf der weißen letzten Seite geschriebene Antwort erhalten? Wie in aller Welt konnte ich wissen, daß das der Brief sei, den Sie suchten, als Sie zu mir kamen. Haben Sie mir je in Craig-Fernie gesagt, daß Sie Anne Silvester seien? Niemals! Konnte ich vermuthen, daß der armselige kleine Patron von Ehemann den Sie im Gasthofe bei sich hatten, Geoffrey Delamayn sei? Ich habe ja seitdem Geoffrey Delamayn mit eigenen, Auge gesehen und mich überzeugt, daß man zwei solcher Patrone aus ihm machen könnte! Ihnen Ihren Brief wiedergeben? Gewiß! Jetzt, wo ich weiß, daß es der Ihrige ist, werde ich ihn Ihnen mit Vergnügen wiedergeben.«

Er öffnete seine Brieftasche und zog den Brief mit einer heiteren Bereitwilligkeit heraus, die des ehrlichsten Menschen in der Christenheit würdig gewesen wäre und was noch wunderbarer war, er sah mit einer täuschend nachgeahmten Miene vollendeter Gleichgültigkeit auf die Fünf-Pfundnote in Anne’s Hand.

»Meiner Treu«, sagte er, »ich weiß gar nicht, ob ich ein Recht habe, das Geld von Ihnen zu nehmen. Nun, nun, wenn Sie es wünschen, will ich es ja nehmen als ein kleines Andenken an die Zeit, wo ich Ihnen im Gasthofe kleine Dienste habe leisten können. Sie werden nichts dagegen haben«, fügte er hinzu, indem er plötzlich wieder einen ganz geschäftlichen Ton annahm, »Mir eine kurze Zeile als Quittung auszustellen, um mich vor jedem Verdacht in Betreff des Briefes zu reinigen.«

Anne warf die Banknote auf den Tisch, neben dem sie stand und riß ihm den Brief aus der Hand.

»Sie brauchen keine Quittung«, sagte sie. »Es soll keinen Brief mehr geben, der Zeugniß gegen Sie ablegen könnte.« Sie erhob die andere Hund, um den Brief in Stücke zu zerreißen.

Bishopriggs aber ergriff sie in demselben Augenblick an beiden Handgelenken und hielt sie fest.

»Warten Sie doch einen Augenblick«, sagte er, »den Brief bekommen Sie nicht ohne Quittung, meine liebe Madame. Es kann Ihnen jetzt, wo Sie mit einem andern Mann verheirathet sind, gleichgültig sein, ob Geoffrey Delamayn Ihnen früher einmal die Ehe versprochen hat oder nicht; aber für mich ist es von Wichtigkeit, nachdem Sie mich beschuldigt haben, Ihnen den Brief gestohlen und ihn zu einer Waare gemacht zu haben und der Himmel weiß was noch Alles, eine Empfangsbescheinigung schwarz auf weiß dafür zu haben; geben Sie mir meine kleine Quittung und thun Sie dann mit Ihrem Brief was Sie wollen.«

Anne Verlor die Kraft, den Brief fest zu halten, und ließ es geschehen, daß Bishopriggs denselben vom Boden, auf den sie ihn hatte fallen lassen, wieder aufhob und an sich nahm, ohne einen Versuch zumachen, ihn daran zu hindern.

Bishopriggs Worte: »Es kann Ihnen jetzt, wo Sie mit einem andern Manne verheirathet sind, einerlei sein, ob Geoffrey Delamayn Ihnen einmal früher die Ehe versprochen hat oder nicht«, ließen ihr plötzlich ihre Lage in einem andern Lichte ansehen, als sie es bis jetzt gethan hatte. Sie hatte der Verachtung, die sie für Geoffrey empfand, einen getreuen Ausdruck gegeben, als sie in einem Brief an Arnold erklärte: »daß selbst, wenn Geoffrey ihr jetzt, um das Vergangene wieder gut zu machen, seine Hand anböte, sie lieber in ihrer jetzigen Lage verharren würde, als sein Weib werden.«

Noch nie war es ihr bis jetzt eingefallen, daß Andere den empfindlichen Stolz, der sie von der Geltendmachung ihrer Ansprüche auf den Mann, der sie in’s Unglück gestürzt hatte, abstehen ließ, würden mißdeuten können. Erst in diesem Augenblick wurde es ihr klar, daß, wenn sie im Gefühl ihrer Verachtung für Geoffrey ihn seiner Wege gehen und sich an das erste beste Weib verkaufen ließ, das Geld genug haben würde ihn zu kaufen, ihr Benehmen zu dem falschen Schluß führen könnte, sie habe keine Macht dagegen einzuschreiten, weil sie bereits mit einem andern Mann verheirathet sei.

Die Röthe auf ihren Wangen schwand und wich wieder einer tödtlichen Blässe Sie fing an zu begreifen, daß der Zweck ihrer Reise noch nicht vollständig erreicht sei. »Ich will Ihnen Ihre Quittung geben«, sagte sie, »was soll ich schreiben?«

Bishopriggs dictirte ihr den Wortlaut der Quittung, sie schrieb dieselbe nieder und unterzeichnete sie. Er legte die Quittung mit der Fünf-Pfundnote in seine Brieftasche und händigte ihr den Brief ein. »Zerreißen Sie ihn jetzt, wenn Sie wollen, das ist mir einerlei.«

Sie schwankte einen Augenblick. Plötzlich ergriff sie ein Schauder, vielleicht war es das Vorgefühl des Einflusses, welchen der um eines Haares Breite von ihr in Stücke gerissene Brief auf ihr künftiges Leben zu üben bestimmt war. Sie erholte sich wieder und zog ihren Shawl dichter um ihre Schultern, als ob es sie fröstele »Nein«, sagte sie, »ich will den Brief behalten!« Sie faltete ihn zusammen und steckte ihn in eine Tasche ihres Kleides, drehte sich dann um, um fortzugehen, blieb aber an der Schwelle der Thür noch einmal stehen und fügte hinzu: »Noch eins, wissen Sie die gegenwärtige Adresse von Glenarm?«

»Sie wollen doch nicht wirklich zu Mrs. Glenarm gehen?«

»Das geht Sie gar nichts an. Beantworten Sie mir meine Frage oder nicht, wie Sie wollen.«

»O, meine liebe Madame, ihr Temperament ist nicht mehr so, wie es damals im Gasthofe war. Nun, nun, Sie haben mir ja Geld gegeben und ich will mich Ihnen dankbar dafür erweisen. Mrs. Glenarm ist im Geheimen – incognito wie man sagt – bei Geoffrey Delamayn’s Bruder in Swanhaven-Lodge. Sie können sich auf diese Auskunft verlassen, die Sie anderweitig nicht so leicht bekommen hätten. Mrs. Glenarm und ihre Freunde bilden sich ein, sie könnten die Sache vor aller Welt geheim halten, aber Thomas Pennyquick’s vorvorjüngster kleiner Sohn diente als Groom in dem Hause in der Nähe von Perth, wo die Dame zum Besuch gewesen ist, und die Leute mögen machen wie sie wollen, vor den pfiffigen Ohren ihrer Domestiken in der Küche können sie doch kein Geheimniß bewahren.«

»Weiß Gott, sie ist gegangen, ohne mir Adieu zu sagen« rief Bishopriggs plötzlich aus, als Anne ihn ohne Umstände inmitten seiner Abhandlung über Domestiken-Geheimniße stehen ließ. »Ich fürchte, ich bin geprellt«, fügte er hinzu, indem er trübselig über den traurigen Ausgang der viel verheißenden Speculation, in die er sich eingelassen, nachgedacht hatte. »Aber mir blieb wahrhaftig nichts Anderes übrig, nachdem die Madame mich einmal gefaßt hatte, als mich so schlau wie möglich aus der Affaire zu ziehen. Was aber hat sie noch mit Geoffrey’s Heirath oder Nichtheirath zu thun?« dachte er, indem ihm die Frage wieder einfiel, die Anne beim Fortgehen an ihn gerichtet hatte, »und was bezweckt sie damit, Mrs. Glenarm aufzusuchen, wenn sie wirklich daran denkt?« Daß Anne wirklich daran dachte Mrs. Glenarm aufzusuchen, zeigten ihre weiteren Schritte.

Nachdem sie sich zwei Tage ausgeruht, verließ sie Perth mit dem ersten Morgenzuge, um nach Swanhaven-Lodge zu fahren.

Das Musikzimmer

Achtes Kapitel.
Julius stiftet Unheil an

Julius Delamayn war allein und schlenderte müssig, seine Violine in der Hand, auf der Terrasse, seines Hauses in Swanhaven-Lodge auf und ab. Am Himmel zeigten sich die ersten Abendwolken. Es war der Abend des Tages, an welchem Anne Silvester Perth verlassen hatte. Noch vor wenigen Stunden hatte Julius sich den Pflichten der politischen Stellung, die der Einfluß seines Vaters ihm verschafft hatte, gewidmet. Er hatte, der bitteren Nothwendigkeit gehorchend, vor seinen Wählern in der Nachbarstadt Kirkandrew in einer öffentlichen Versammlung geredet hatte eine abscheuliche Atmosphäre athmen, unverschämte Oppositionen beschwichtigen, dumme Fragen beantworten, rohe Unterbrechungen ertragen, gierige Simplicanten zufrieden stellen und schmutzige Hände schütteln müssen. Das sind die Stufen, auf welchen der Engländer empor zu klimmen hat, wenn er aus der bescheidenen Dunkelheit des Privatlebens in die ruhmvolle Oeffentlichkeit des Unterhauses gelangen will.

Julius hatte die mit einem ersten öffentlichen Auftreten unerläßlich verbundenen Leiden, wie freie Institutionen sie mit sich bringen, mit der nöthigen Geduld ertragen, und war zu seiner ihm lieben Häuslichkeit womöglich noch gleichgültiger gegen das öffentliche Leben zurückgekehrt. Die Mißklänge des brüllenden Haufens, die noch in seinen Ohren schrillten, hatten seine Empfänglichkeit für die Poesie des Tones, wie sie sich in Mozarts unsterblichen Werken offenbart, noch erhöht. Er hatte seine geliebte Violine zur Hand genommen und war auf die Terrasse hinausgetreten, um sich in der Abendluft abzukühlen.

Ein Diener, dem er eben im Musikzimmer geklingelt hatte, erschien an der Schwelle der Glasthür und berichtete auf die Frage seines Herrn, daß Mrs. Delamayn ausgefahren sei, um Besuche zu machen und mindestens noch eine Stunde ausbleiben würde.

Julius seufzte. Die schönsten Compositionen Mozart’s für die Violine erfordern Clavierbegleitung; ohne die Unterstützung seiner Frau war sein Instrument zum Schweigen verdammt. Nach einer kurzen Ueberlegung fiel Julius etwas ein, was dem Uebel einigermaßen abhelfen zu können schien.

»Ist Mrs. Glenarm auch ausgefahren?« fragte er.

»Nein, Mr. Delamayn!«

«.Machen Sie Mrs. Glenarm meine Empfehlung und fragen Sie, ob sie, wenn sie nicht anderweitig beschäftigt sei, die Güte haben wolle, zu mir in’s Musikzimmer zu kommen.«

Der Diener ging fort, um seine Bestellung auszurichten.

Julius setzte sich auf eine auf der Terrasse stehende Bank und fing an seine Violine zu stimmen.

Mrs. Glenarm, die, wie Bishopriggs richtig gemeldet hatte, sich aus Furcht vor anonymen Correspondenten nach Swanhaven Lodge geflüchtet hatte und sich dort im Geheimen aufhielt, war, was ihre musikalischen Leistungen anlangte, weit entfernt, eine genügende Stellvertreterin für Mrs. Delamayn zu sein. – Julius besaß in seiner Frau eine der wenigen Clavierspielerinnen, welche diesem seelenlosen Instrument eine ihm sonst nicht eigene Ausdrucksfähigkeit zu verleihen verstand und auf demselben nicht blos Geräusch, sondern wirklich Musik hervorbrachte. Aber eine so feine Organisation, wie sie allein ein solches Wunder bewirken kann, war Mrs. Glenarm nicht beschieden. Sie war gut unterrichtet und spielte correct, aber das war auch Alles.

Julius, der sich nach Musik sehnte, fügte sich in die Umstande und wollte sich mit Mrs. Glenarm’s Spiel begnügen. Der Diener brachte die Antwort zurück, »Mrs. Glenarm werde in zehn Minuten zu Mr. Delamayn in’s Musikzimmer hinunterkommen.«

Julius stand erleichtert auf und fing wieder an auf und abzuschlendern, bald kleine Passagen spielend, bald wieder still stehend, um die Blumen auf der Terrasse mit liebevollem Auge zu betrachten.

Wenn das Parlament, in das Julius einzutreten im Begriff stand, ihn in diesem Augenblick gesehen hätte, würde es sich vielleicht veranlaßt gefunden haben, an seinen berühmten Vater die Frage zu richten: »Ist es möglich, Mylord, daß Sie der Vater eines solchen Parlaments-Candidaten sind?«

Nachdem er wieder einen Augenblick still gestanden hatte, um eine Saite auf seiner Violine fester anzuziehen, sah er, als er von seinem Instrument wieder aufschaute, zu seiner Ueberraschung eine Dame auf sich zukommen. Er ging ihr entgegen und nahm, als er fand, das; sie ihm vollkommen fremd sei, an, daß sie seine Frau besuchen wolle.

»Habe ich die Ehre, eine Freundin von Mrs. Delamayn vor mir zu sehen?« fragte er; »leider ist meine Frau nicht zu Hause.«

»Ich kenne Mrs. Delamayn nicht,« antwortete die Dame. »Der Diener sagte mir, daß sie ausgegangen sei und daß ich Mr. Delamayn hier finden würde.«

Julius verneigte sich und harrte des Weiteren.

»Ich muß sie bitten, mir die Art, wie ich eindringe, zu vergeben,« fuhr die Fremde fort, »mein Zweck ist, Sie um die Erlaubniß zu bitten, hier eine Dame zu sprechen, die, wie ich erfahren habe, als Gast in ihrem Hause verweilt.«

Die außerordentliche Förmlichkeit dieser Bitte hatte für Julius etwas Auffallendes. »Meinen Sie Mrs. Glenarm?« fragte er.

»Ja.«

»Bitte, reden Sie doch nicht von einer besondern Erlaubniß. Eine Freundin Mrs. Glenarm’s kann einer guten Aufnahme in diesem Hause gewiß sein.«

»Ich bin keine Freundin Mrs. Glenarm’s, ich bin ihr vollkommen fremd.«

Das machte die Förmlichkeit der von der Dame vorgetragenen Bitte etwas verständlicher, ließ aber den Zweck, den sie bei ihrem Wunsche, Mrs. Glenarm zu sehen, im Auge hatte, noch völlig unerkennbar.

Julius wartete höflich, bis es ihr gefallen möchte, fortzufahren und sich weiter zu erklären. Aber diese Erklärung schien ihr nicht leicht zu werden. Ihre Augen senkten sich zu Boden; sie zauderte offenbar in peinlicher Verlegenheit. »Wenn ich Ihnen meinen Namen nenne,« begann sie wieder, ohne vom Boden aufzusehen, »kann Ihnen vielleicht Aufschluß darüber werden – —«, sie hielt inne. Wiederholt wechselte sie die Farbe, zauderte, rang mit ihrer Aufregung und bezwang sich wieder. »Ich bin Anne Silvester« sagte sie plötzlich, ihr bleiches Antlitz abwendend, mit fester Stimme.

Julius fuhr zusammen und sah sie mit schweigendem Erstaunen an. Dieser Name war ihm zweifach bekannt; es war noch nicht lange her, daß er denselben von den Lippen seines Vaters an dessen Krankenlager gehört hatte. Lord Holchester hatte es ihm dringend an’s Herz gelegt dieses Namens wohl eingedenk zu bleiben und dem Weibe, das ihn trage, wenn dasselbe sich jemals künftig an ihn wenden sollte, zu helfen. Dann aber hatte er erst ganz kürzlich den Namen in einer scandalösen Verbindung mit dem Namen seines Bruders gehört. Beim Empfang des ersten anonymen Briefes hatte Mrs. Glenarm nicht nur Geoffrey selbst aufgefordert, die gegen ihn geschleuderten Verleumdungen zu widerlegen, sondern hatte auch eine Copie des Briefes an seine Verwandten in Swanhaven-Lodge geschickt. Geoffrey’s Vertheidigung hatte Julius nicht völlig überzeugt, daß seinen Bruder kein Tadel treffe.

Als er jetzt die vor ihm stehende Anne Silvester betrachtete, däuchte es ihn wahrscheinlich, ja fast gewiß, daß sein Bruder zu tadeln sei. War dieses so bescheidene, so sanfte, so einfache und ungezierte Weib die schamlose Abenteurerin, die, wie Geoffrey behauptet hatte, auf Grund einer kindischen Liebeständelei Ansprüche gegen ihn geltend mache, während sie sehr wohl wisse, daß sie im Geheimen an einen andern Mann verheirathet sei? War dieses Weib, in deren Stimme, in deren Blick, in deren ganzem Wesen sich wahre Vornehmheit aussprach, wirklich wie Geoffrey behauptet hatte, im Bunde mit dem ungebildeten Spitzbuben der in anonymen Briefen von Mrs. Glenarm Geld zu erpressen suchte? Das war unmöglich! unmöglich, selbst wenn man dem Sprichwort, daß der »Schein trügt« volle Rechnung trug.

»Ihr Name ist mir nicht fremd,« antwortete Julius nach einer kleinen Pause. Sein feines Gefühl ließ ihn davor zurückschrecken auf die Verbindung ihres Namens mit dem seines Bruders anzuspielen. »Mein Vater hat, als ich ihn zuletzt in London sprach, gegen mich Ihres Namens Erwähnung gethan,« fügte er wohlüberlegt hinzu, indem er auf diese Weise seine Bekanntschaft mit ihrem Namen erklärte.

»Ihr Vater?« Mit einem Blick des Mißtrauens und des Erstaunens trat sie einen Schritt näher. »Ihr Herr Vater, Lord Holchester, nicht wahr?«

»Ja.«

»In welcher Veranlassung hat er meiner gegen Sie Erwähnung gethan?«

»Er war damals krank,« antwortete Julius, »und dachte an Ereignisse seines früheren Lebens, die mir völlig fremd sind. Er sagte mir, er habe Ihren Vater und Ihre Mutter gekannt und sprach den Wunsch aus, daß ich, wenn Sie jemals eines Beistandes bedürftig sein sollten, Ihnen meine Dienste zur Verfügung stellen möchte, und er legte mir diesen Wunsch sehr dringend an’s Herz. Ich hatte den Eindruck, als ob die Erinnerung, die ihn zu dieser Mahnung veranlaßte, etwas Schmerzliches für ihn habe.«

Langsam und schweigend trat Anne bis an die, wenige Schritte von ihr entfernte, niedrige Terrassenmauer zurück; sie stützte die eine Hand auf dieselbe, um sich aufrecht zu erhalten. Julius hatte, ohne eine Ahnung von dem zu haben, was er gethan, Worte von fürchterlicher Bedeutung gesprochen. Bis zu dieser Stunde hatte Anne Silvester nicht gewußt, daß der Mann, der sie betrogen hatte, der Sohn jenes anderen Mannes sei, dessen Entdeckung eines Mangels in der Ehe ihrer Mutter einst zu deren Unglück geführt hatte. Bei dieser erschütternden Entdeckung beschlich sie das unheimliche Gefühl einer abergläubischen Furcht. Lag sie in den Banden eines unsichtbaren Verhängnisses, das sie, gleichviel welchen Weg sie einschlug, immer wieder die Spur ihrer unglücklichen Mutter auf der Bahn eines unabwendbaren Schicksals verfolgen ließ? Die Gegenwart schwand vor ihren Blicken, als diese schreckliche Frage in ihr aufstieg. Für einen Augenblick sah sie sich wieder in die Zeit ihrer Kindheit versetzt. Wieder sah sie das Antlitz ihrer Mutter mit dem Ausdruck der Verzweiflung, den es trug, als ihr die Rechte einer verheiratheten Frau abgesprochen und die Pforten der Gesellschaft für immer geschlossen wurden.

Julius trat an sie heran und suchte sie aus ihren Träumen zu erwecken.

»Darf ich Ihnen irgend etwas anbieten?« fragte er. »Sie sehen sehr leidend aus. Ich habe doch hoffentlich nichts gesagt, was Sie schmerzlich berührt hat?«

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
930 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain