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Kitabı oku: «Mann und Weib», sayfa 40

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Zweites Kapitel.
Verloren

Die beiden jungen Männer Delamayn und Fleetwood standen Schulter an Schulter da, jeder die markirte Stelle mit seinem Fuß berührend zum Ablaufen bereit. Ein Pistolenschuß war das Signal dazu. Im Moment des Knalles liefen sie ab.

Fleetwood war alsbald voraus, und Delamayn um zwei bis drei Yards hinter ihm. In dieser Weise liefen sie dreimal in die Runde, Beide ihre Kräfte aufsparend, und Beide mit athmloser Spannung von jedem Auge in der Versammlung beobachtet. Die Trainers liefen mit ihren Kannen in den Händen vorund rückwärts über den Rasen hin und her, um an gewissen Stellen ihre Zöglinge zu treffen und sie sich schweigend, genau anzusehen. Die officiellen Personen standen in einer Gruppe zusammen und verfolgten mit ihren Blicken jeden Schritt der Läufer mit dem gespanntesten Interesse. Der Arzt des Trainers der noch immer bei seinem berühmten Collegen stand, gab diesem und dessen Freunde alle nöthigen Erklärungen.

»Während der ersten Meile kann man außer der Haltung der beiden Leute nicht viel sehen.«

»Sie meinen sie gebrauchen absichtlich noch nicht ihre ganze Kraft.«

»Allerdings. Sie versuchen sich erst im Athemholen und im Aufsetzen der Füße. Ein charmanter Läufer der Fleetwood, nicht wahr? Er hält seine Beine ein klein wenig besser grade vor sich und hebt die Hacken nicht ganz so hoch wie unser Mann. Seine Art zu laufen ist die Bessere, das muß ich zugeben. Aber nun beachten Sie, wenn sie an uns vorbeikommen, wer von Beiden die gradeste Linie einhält. Darin ist Delamayn dem Andern überlegen. Er hat einen festeren, sichereren, zuverlässigeren Schritt, und Sie werden sehen, was das sagen will, wenn sie den halben Weg zurückgelegt haben werden.«

So erging sich der Arzt während der drei ersten Rundläufe in Erörterungen über die beiden verschiedenen Gangarten der Läufer – und zwar in Ausdrücken, die er rücksichtsvoll dem Verständniß von Leuten anpaßte, die der eigentlichen Kunstsprache der Rennbahn nicht kundig waren.

Bei dem vierten Rundlauf, mit andern Worten, bei dem Rundlauf, der die erste Meile vollendete, trat die erste Veränderung in der Stellung der Läufer zu einander ein. Delamayn eilte plötzlich voran, Fleetwood lächelte, als ihn sein Gegner überholte. Delamayn behauptete den Vortritt bis zur Hälfte des fünften Rundlaufs, wo Fleetwood, auf einen Wink seines Trainers, sich wieder der Führung bemächtigte. Mit leichtem Schritt eilte er im Nu an Delamayn vorüber und behauptete die Führung bis an’s Ende des sechsten Rundlaufs.

Beim Beginn des siebenten Rundlaufs übernahm wieder Delamayn die Führung. Einige Augenblicke liefen sie dicht nebeneinander. Dann kam Delamayn wieder zollweise voran und übernahm abermals die Führung. Der erste Ausbruch des Beifalls aus der Mitte der Anhänger des Südens ertönte, als der riesige Läufer, Fleetwood mit seiner eigenen Taktik schlug und ihn in dem kritischen Moment, wo die erste Hälfte des Wettlaufs beinahe ihr Ende erreichte, überholte.

»Es hat beinahe den Anschein, als ob Delamayn wirklich das Rennen gewinnen würde!« beinerkte Sir Patrick.

Der Arzt des Trainer’s vergaß sich einen Augenblick. Von der wachsenden Aufregung der ganzen Versammlung angesteckt, verrieth er die Wahrheit.

»Warten Sie noch ein wenig« sagte er. »Fleetwood hat seine Ordre, ihn vorbeizulassen Fleetwood wartet seine Zeit ab.«

»Sie sehen, Sir Patrick,« bemerkte Mr. Speedwell ruhig, »daß Schlauheit eines der Elemente männlicher Wettkämpfe bildet.«

Am Schluß des siebenten Rundlaufs zeigte Fleetwood, daß der Arzt Recht hatte. Wie ein vom Bogen abgeschossener Pfeil schnellte er an Delamayn vorüber. Am Schluß des achten Rundlaufs war er um zwei Yards voraus; jetzt war das Rennen zur Hälfte vorüber. Die dazu gebrauchte Zeit betrug zehn Minuten und dreiunddreißig Secunden.

Gegen Ende des neunten Rundlaufs ließ Fleetwood wieder ein wenig nach und Delamayn gewann wieder einen Vorsprung. Er behauptete die Führung bis zum Beginn des elften Rundlaufs In diesem Augenblick aber lief Fleetwood plötzlich mit einer triumphirenden Bewegung der erhobenen Hand und dem Ausruf »Hurrah für den Norden!« an Delamayn vorüber. Die Zuschauer wiederholten den Ruf. In dem Grade, wie sich die Wirkung des Laufes auf die Renner geltend zu machen anfing, stieg die Aufregung unter den Zuschauern.

Bei dem zwölften Rundlauf war Fleewood um sechsd Yards voraus. Triumpgeschrei ertönte aus der Mitte der Anhänger des Nordens und wurde durch herausfordernde Rufe des Südens erwidert. Beim nächsten Rundlauf bot Delamayn Alles auf, seinem Gegner wieder näher zu kommen. Beim Beginn des vierzehnten Rundlaufs liefen sie wieder nebeneinander her. Noch einige Yards weiter, und Delamayn war, unter einem Beifallsturmes der ganzen Versammlung, wieder voran. Einige Yards weiter aber, und Fleetwood kam ihm wieder ganz nahe, eilte an ihm vorüber, blieb wieder zurück, kam wieder voran und wurde am Ende des Rundlaufs wieder von Delamayn überholt. Die Aufregung der Zuschauer erreichte ihren höchsten Gipfel, als die Renner, nach Athem schnappend, mit dunkelrothen Gesichtern und keuchender Brust abwechselnd an einander vorübereilten. Hurrahrufen und Flüche wechselten in rascher Folge, Frauen erbleichten und Männer knirschten mit den Zähnen, als der vorletzte Rundlauf anfing.

Im Beginn desselben war Delamayn noch voraus. Aber, noch ehe sechs Yards weiter durchlaufen waren, zeigte es sich, warum Fleetwood sich bei dem vorigen Rundlauf hatte überholen lassen; zum ersten Mal lief er, so rasch er konnte, an seinem Gegner vorüber und electrisirte dadurch die ganze Versammlung. Jetzt wurde es für Jedermann klar, daß Fleetwood Delamayn absichtlich die Führung gelassen, daß er ihn geschickt verleitet hatte, seine ganze Kraft auszugeben und ihn nun erst ernstlich überholt hatte. Delamayn machte mit verzweifelter Entschlossenheit eine neue Anstrengung, die den Enthusiasmus der Versammlung bis zum Wahnsinn steigerte. Während die Stimmen der Menge gewaltig ertönten, während Hüte und Taschentücher auf allen Seiten in der Luft geschwungen wurden, und während der wirkliche Ausgang des Rennens noch für einen letzten Augenblick zweifelhaft war, stieß Mr. Speedwell Sir Patrick an.

»Machen Sie sich darauf gefaßt!« sagte er. »Es ist mit ihm vorbei.«

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen als Delamayn schwankte, sein Trainer übergoß ihn mit Wasser. Er erholte sich, lief noch ein paar Schritte, schwankte dann wieder, stolperte, hielt sich die Hand mit einem heiseren Wuthschrei vor den Mund, biß sich wie ein wildes Thier in das eigene Fleisch und fiel besinnungslos zu Boden.

Ein ungeheures Gewirr von wild durch einander tönenden Rufen erscholl im nächsten Augenblick, indem sich die an einigen Stellen ausgestoßenen Rufe der Angst und Besorgniß mit dem Triumphgesehrei der Anhänger Fleetwood’s mischten, welcher leichten Schrittes weiter lief, um den nun unbestrittenen Sieg zu erringen. Nicht nur in den eingehegten Rau sondern sogar auf die Rennbahn drang die Menge ein. Inmitten des Tumults wurde der am Boden liegende Delamayn auf den Rasen gezogen, wo ihm Mr. Speedwell und der Arzt des Trainers ihren Beistand leisteten. In dem schrecklichen Augenblick, da der Arzt dem Bewußtlosen die Hand auf’s Herz legte, kam Fleetwood, für den seine Freunde und die Polizei einen Weg durch die Menge gebahnt hatten, auf seinem sechszehnten und letzten Rundlauf an der Stelle, wo Delamayn lag, vorüber. War der Besiegte nur ohnmächtig oder todt? Jedermann blickte in höchster Spannung auf die Hand des Arztes.

Der Arzt sah auf und rief nach Wasser und Branntewein zum Besprengen. Das Leben kehrte wieder, Geoffrey hatte das Rennen überlebt. Eben ertönte der letzte Beifallsruf, der Fleetwood’s Sieg begrüßte, als sie Delamayn vom Boden erhoben, um ihn nach dem Pavillon zu tragen. Sir Patrick war der einzige Fremde, dem auf Mr. Speedwell’s Ersuchen der Zutritt zu dem Pavillon gestattet wurde. In dem Augenblick, wo er die Stufen zu demselben hinauf stieg, berührte Jemand seinen Arm. Es war Capitain Newenden.

»Stehen die Doctoren für sein Leben ein?« fragte er. »Ich kann meine Nichte nicht bewegen, die Rennbahn zu verlassen, bis sie darüber beruhigt ist.«

Mr. Speedwell, der die Frage gehört hatte beantwortete sie kurz von der obersten Stufe aus mit den Worten:

»Für den Augenblick, ja.«

Der Capitain dankte ihm und ging wieder fort.

Sie traten in den Pavillon. Hier wurden die nöthigen Belebungsmittel sofort nach Mr. Speedwell’s Anweisung zur Anwendung gebracht.

Da lag der überwundene Athlet. Dem äußeren Ansehen nach eine ruhende, von Kraft strotzende Körpermasse, selbst nachdem sie zusammengebrochen noch ein gewaltiger Anblick, in Wahrheit in Allem, was die innere Lebenskraft begründet, ein schwächeres Geschöpf, als die Fliege die an der Fensterscheibe summte. Langsam flackerte das Lebenslicht wieder auf.

Die Sonne ging unter und die Abenddämmerung brach ein. Mr. Speedwell winkte Perry, ihm in einem Winkel des Zimmers zu folgen.

»In höchsteiis einer halben Stunde wird er hinreichend wieder hergestellt sein, um nach Hause gebracht werden zu können. Wo sind seine Freunde? Hat er nicht einen Bruder?«

»Sein Bruder ist in Schottland, Mr. Speedwell.« —

»Und sein Vater?«

Perry kratzte sich den Kopf. »Nach Allem was ich hörte, Mr. Speedwell, steht er mit seinem Vater nicht auf dein besten Fuße.«

Mr. Speedwell wandte sich an Sir Patrick. »Wissen Sie irgend etwas von seinen Familienverhältnissen?«

»Sehr wenig, aber ich glaube, was der Mann Ihnen gesagt hat, ist wahr.«

»Lebt seine Mutter noch?«

»So will ich selbst an sie schreiben. Inzwischen muß Jemand ihn nach Hause bringen. Er hat ja eine Menge von Freunden hier, wo sind denn die?«

Bei diesen Worten sah er zum Fenster hinaus. Eine dichte Menschenmasse hatte sich vor dem Pavillon versammelt, um zu hören, wie es mit Delamayn stehe. Mr. Speedwell wies Perry an, hinaus zu gehen und zu sehen, ob er nicht unter den Versammelten ihm von Ansehen bekannte Freunde Delamayn’s finde. Perry zauderte und kratzte sich wieder den Kopf.

»Worauf warten Sie?« fragte Mr. Speedwell in scharfem Tone. »Sie kennen doch seine Freunde von Ansehen, nicht wahr?«

»Ich glaube nicht, daß ich sie draußen finden werde« erwiderte Perry.

»Warum denn nicht?«

»Sie haben doch auf ihn gewettet, Mr. Speedwell, und haben Alle verloren.«

Trotz dieses unwiderleglichen Grundes der Abwesenheit der Freunde Geoffrey’s bestand Mr. Speedwell ganz entschieden darauf, daß Perry hinaus gehen sollte, um in der Menge nach einem Freunde Delamayn’s zu suchen. Der Trainer ging und kehrte alsbald zurück, um zu berichten.

»Sie haben Recht, Mr. Speedwell. Es sind einige von seinen Freunden draußen, die ihn zu sehen wünschen.«

»Lassen Sie zwei oder drei von ihnen herein kommen.«

Es erschienen ihrer drei. Sie starrten Geoffrey an und gaben ihr Mitleid in kurzen, der Rennsprache entnommenen Ausrufen zu erkennen. Zu Mr. Speedwell sagten sie:

Was ist mit ihm los?«

»Seine Gesundheit ist tief erschüttert!«

»Ist er schlecht trainirt?«

»Die Schuld liegt an den athletischen Wettspielen«

»O, danke Ihnen. Guten Abend!«

Mr. Speedwell’s Antwort trieb sie fort, wie Hundegebell eine Heerde Schaafe. Sie ließen Mr. Speedwell nicht einmal Zeit, sie zu fragen, ob einer von ihnen Geoffrey nach Hause bringen wolle.

»Ich will schon für ihn sorgen, Mr. Speedwell«, sagte Perry. »Sie können sich aus mich verlassen.«

»Ich werde auch mit gehen«, fügte der Arzt des Trainers hinzu, »und mich überzeugen, daß er für die Nacht ordentlich versorgt ist.«

Die beiden einzigen Männer, die ihre Wetten dadurch sicher gestellt hatten, daß sie im Geheimen auch auf seinen Gegner gewettet hatten, waren auch die Einzigen die sich bereit erklärten, ihn nach Hause zu bringen.

Sie traten wieder an das Sopha heran, auf welchem er lag. Seine mit Blut unterlaufenen Augen rollten schwer und unsicher umher, wie wenn sie etwas suchten. Seine Blicke hefteten sich einen Augenblick auf den Arzt, kehrten sich aber dann wieder ab, richteten sich auf Mr. Speedwell und hafteten auf seinem Gesichte wie festgebannt.

Der Arzt beugte sich über ihn hin und fragte: »Was wünschen Sie?«

Er antwortete keuchend und mit schwerer Zunge ein Wort mühsame nach dem anderen herausbringend: »Muß – ich – sterben?«

»Ich hoffe es nicht.«

»Gewiß nicht?«

»Nein.«

Er blickte wieder um sich. Dieses Mal hafteten seine Blicke auf dem Trainer.

Perrh trat dicht an ihn heran. »Was kann ich für Sie thun, Mr. Delamayn?«

Langsam wie vorher antwortete er: »Meine – Rock – tasche.«

»Diese, Mr. Delamayn?«

»Nein.«

»Diese?«

Der Trainer fühlte in die Tasche hinein und zog das Wettbuch heraus.

»Was soll damit geschehen, Mr. Delamayn?«

»Lesen.«

Der Trainer öffnete das Tascbenbuch, und schlug die letzten beiden Seiten, auf denen Wetten eingetragen waren auf. Er drehte seinen Kopf ungeduldig auf dem Sophakissen hin und her. Es war klar, daß er sich noch nicht hinreichend wieder erholt hatte, um lesen zu können, was er geschrieben hatte.«

»Soll ich es für Sie lesen, Mr. Delamayn?«

»Ja.«

Der Trainer las hinter einander drei von den eingetragene Wetten aber keine davon war die rechte; sie waren alle erledigt. Bei der vierten rief der schwer Darniederliegende »Halt!« Das war die erste von den eingetragenen Wetten, deren Entscheidung noch von einem künftigen Ereigniß abhing. Die Notiz betraf jene in Windygates gemachte Wette, bei welcher Geoffrey der von dem Arzt geäußerten Ansicht zum Trotz, auf sich selbst gewettet hatte, daß er im nächsten Frühjahr an dem Universitätsrudern theilnehmen werde, und Arnold Brinkworth gezwungen hatte, gegen ihn zu wetten.

»Nun, Mr. Delamayn, was soll hier geschehen?«

Er sammelte mühsam seine Kräfte und antwortete dann mit großer Anstrengung, indem er, wie vorhin, Iangsam ein Wort nach dem andern hervorbrachte:

»Schreiben – an Bruder – Julius. – Bezahlen, – Arnold – gewinnt.«

Er ließ die Hand, die er wie zu einer feierlichen Bekräftigung seiner Worte erhoben hatte, wieder sinken, schloß die Augen und versank in einen tiefen Schlaf.

Seien wir gerecht gegen ihn; wenn er auch ein Schurke war der furchtbare Augenblick, wo sein Leben an einem Faden hing, fand ihn treu gegen das Einzige was den Menschen seiner Gattung in unserer Zeit noch heilig ist: gegen die Verpflichtungen des Wettbuchs.

Sir Patrick und Mr. Speedwell verließen die Rennbahn zusammen, nachdem Geoffrey zuvor in seine in der Nähe befindliche Wohnung gebracht worden war. An der Eingangspforte trafen sie Arnold Brinkworth. Er hatte sich während des Rennens in der Menge verborgen gehalten und wollte jetzt allein wieder nach Hause gehen. Die kurze Trennung von Blanche hatte einen ganz andern Menschen ans ihm gemacht. Für die Zeit, die verfließen mußte, bis er seine Frau wiedersehen würde, hatte er sich von seinen Freunden nur die Gunst erbeten, daß man ihm gestatte, sein Schicksal auf seine Weise zu tragen und ihn sich selbst zu überlassen.

Sir Patrich der sich jetzt von dem drückenden Gefühl, das während des Rennens anf ihm gelastet und ihm Schweigen auferlegt hatte, befreit fand, richtete im Nachhausefahren eine Frage an den Arzt, die ihn von dem Augenblick an, wo Geoffrey beim Rennen unterlegen war, beschäftigt hatte.

»Es wird mir schwer«, sagte er, »die Besorgniß zu verstehen, die Sie im Betreff Delamayn’s äußerten als Sie fanden, daß er nur in Folge der Anstrengung ohnmächtig geworden sei. War denn die Sache mehr als eine gewöhnliche Ohnmacht?«

»Ich habe keinen Grund, es jetzt noch zu verheimlichen«, erwiderte Mr. Speedwell; »aber er war ganz nahe daran, einen Schlaganfall zu bekommen.«

»War es das, was Sie besorgten, als Sie damals in Windygates mit ihm sprachen?«

»Das war es, was ich in seinem Gesichte vorauszusehen glaubte, als ich ihn warnte. Ich hatte also bis zu einem gewissen Punkte Recht, unrichtig war meine Schätzung der noch in ihm vorhandenen Lebenskraft. Als er auf der Rennbahn zu Boden fiel, glaubte ich fest, er sei todt.«

»Ist es eine erbliche, paralytische Disposition? Die letzte Krankheit seines Vaters war ähnlicher Art.«

Mr. Speedwell lächelte. »Eine erbliche, paralytische Disposition?« widerholte er. »Dieser Mensch ist nach seiner körperlichen Anlage ein Phänomen von Gesundheit und Kraft – und steht in der Blüthe seiner Jahre. Eine erbliche, paralytische Disposition hätte vielleicht in dreißig Jahren bei ihm zum Vorschein kommen können. Nur sein Rudern und Rennen während der letzten vier Jahre sind Schuld an dem heutigen Vorfall.«

Sir Patrick erlaubte sich die Bemerkung, Mr. Speedwell müsse diese seine Ansicht, der sein Name ein besonderes Gewicht verleihen werde, zur Warnung für Andere veröffentlichen.

»Das würde völlig vergeblich sein«, erwiderte Mr. Speedwell; »Delamayn ist nicht der Erste, der bei Wettläufen der verderblichen Ueberanstrengung der Lebensorgane erlegen ist. Aber das Publikum hat ein merkwürdiges Talent, diese Unfälle zu vergessen. Es würde sich vollkommen befriedigt erklären, wenn man ihm, als Entgegnung auf meine Bemerkungen, den andern, zufällig glücklich durchgekommenen Läufer vorhielte.«

Sir Patrick war noch immer mit Gedanken an Anne Silvester’s Zukunft beschäftigt. In dieser Ideenverbindung galt seine nächste Frage den Aussichten auf eine Wiederherstellung Geoffrey’s.

»Er wird nie wieder hergestellt werden«, erwiderte Mr. Speedwell; »ein Schlaganfall bedroht ihn beständig, wie ein Damokles-Schwert. Wie lange er noch leben wird, kann ich unmöglich sagen: viel hängt dabei von ihm selbst ab. Bei seiner Verfassung kann ihm jede neue Unvorsichtigkeit jede heftige Gemüthsbewegung aus der Stelle das Leben kosten.«

»Wird er sich«, fragte Sir Patrick«, »wenn nichts Besonderes dazu tritt, so weit wieder erholen, um das Bett verlassen und ausgehen zu können?«

»Gewiß.«

»Ich weiß, daß er für nächsten Sonnabend ein Engagement hat. Halten Sie es für wahrscheinlich, daß er im Stande sein wird, dasselbe einzuhalten?«

»Für ganz wahrscheinlich.«

Sir Patrick schwieg. Wieder sah er Anne’s Gesicht vor sich, wie sie in jenem denkwürdigen Augenblick vor ihm gestanden, als er ihr mittheilte, daß sie Geoffrey’s Frau sei.

Portland Place

Drittes Kapitel.
Eine schottische Heirath

Es war am Sonnabend, dem 3. October, dem Tage, an welchem die Behauptung, daß Arnold mit Anne Silvester verheirathet sei, bewiesen werden sollte.

Gegen zwei Uhr Nachmittags betraten Blanche und ihre Stiefmutter den Salon in Lady Lundies Stadthaus in Portland Place.

Seit dem vorigen Abend war das Wetter schlecht geworden. Der Regen, der früh am Morgen zu fallen angefangen hatte, dauerte noch immer fort. Von den Fenstern des Salons aus gesehen, bot Portland Place in seiner trostlosen Oede während der Saison morte den trübseligsten Anblick dar. An allen gegenüberliegenden Häusern waren die Läden geschlossen; auf der Straße lag der feuchte Schmutz zollhoch; der die Atmosphäre in kleinen schwarzen Flocken erfüllende Ruß mischte sich mit den herabfallenden Regentropfen und machte das schmutzige Dunkel des aufsteigenden Nebels noch dunkler. Nur selten unterbrach das Geräusch von Fußtritten und einzelnen vorüberfahrenden Wagen die tiefe, auf dem Platz, herrschende Stille. Selbst die Orgeldreher waren heute stumm und die Straßenhunde zu naß, um zu bellen. Wandte man das Auge von Lady Lundie’s Fenstern dem Innern des Salons zu, so war der Anblick, der sich hier darbot, wo möglich noch melancholischer, als der der Straße. Das Haus war während der Saison geschlossen; man hatte es nicht für nöthig gehalten, für den kurzen Aufenthalt Lady Lundie’s den bestehenden Zustand der Dinge zu ändern. Die Möbel waren mit Ueberzügen von einem trüben Braun bedeckt. Die Candelaber standen, von ungeheuren Säcken verhüllt, unsichtbar da. Die schweigenden Pendulen schliefen unter Glasdächern, die man vor zwei Monaten über sie gestülpt hatte. Auf den in den Ecken stehenden Tischen, die sonst mit Zierrathen aller Art beladen zu sein pflegten, stand jetzt nichts, als Papier, Feder und Tinte, die auf das hinwiesen, was»hier vor sich gehen sollte. Eine dumpfe Atmosphäre und eine dumpfe Stille erfüllten dass Haus. Ein einziger melancholisches Hausmädchen hauste oben in den Schlafzimmern wie ein Geist. Ein einziger melancholischer Diener, der dazu bestellt war die Besuchenden einzulassen, saß einsam in den unteren Regionen.

Lady Lundie und Blanche sprachen kein Wort mit einander. Sie harrten Beide, in Gedanken versunken, des Erscheinens der bei der bevorstehenden Untersuchung betheiligten Personen. Ihre Situation in diesem Augenblick war wie eine traurige Travestie der Situation zweier Damen, welche vor einer Sonne, die sie geben, ihre Gäste erwarten. Fühlte keine von Beiden das Tragikomische ihrer Lage? Oder fühlten sie es und wollten es sich nicht eingestehen. Wer scheute sich nicht in einer ähnlichen Situation, sich etwas der Art einzugestehen? es giebt der Gelegenheiten genug, wo wir die dringendste Veranlassung hätten zu lachen, obgleich uns die Thränen in den Augen stehen; aber nur Kinder haben in solchen Augenblicken den Muth, ihrem natürlichen Antrieb keinen Zwang anzuthun. Die beiden Frauen erwarteten das bevorstehende Gottesgericht in feierlicher Stimmung, wie der Ernst des Augenblicks es erfordern. Das Hausmädchen verrichtete oben schweigend, mit leisen Schritten ihre Arbeit, der Diener wartete regungslos und schweigend unten seines Amtes. Draußen lag die öde Straße wie eine Wüste; im Hause herrschte Grabesstille.

Die Kirchenglocken schlugen zwei Uhr.

In demselben Augenblick erschien die erste von den nicht im Hause wohnenden Personen, die bei der Untersuchung betheiligt waren.

Lady Lundie erwartete in würdiger Haltung das Eintreten des neuen Ankömmlings. Blanche fuhr zusammen und zitterte. War es Arnold? War es Anne?

Die Thiir öffnete sich und Blanche athmete auf. Der zuerst Eingetroffene war nur Lady Lundie’s Advocat, der auf ihre specielle Aufforderung erschien. Er gehörte zu jener großen Klasse von Menschen, deren juristische Thätigkeit in rein handwerksmäßigen Verrichtungen besteht, welche in einem fortgeschritteneren Zeitalter vermutlich durch Maschinen werden ersetzt werden. Er machte sich sofort nützlich, indem er die Tische und Stühle in der Art stellte, daß die streitenden Parteien von einander getrennt sitzen konnten. Zugleich bat er Lady Lundie dringend, nicht zu vergessen, daß er nichts vom schottischen Rechte verstehe, und daß er nur in der Eigenschaft eines Freundes hier sei. Nachdem er das gethan hatte, setzte er sich an’s Fenster und vertiefte sich schweigend in eine Betrachtung des Regens, als ob es sich hier um die Beobachtung eines nie gesehenen Naturschauspiels handele.

Das nächste Klopfen an der Hausthür verkündete einen von dem ersten wesentlich verschiedenen Ankömmling. Der melancholische Diener meldete Capitain Newenden.

War es aus Rücksicht für die feierliche Gelegenheit, oder war es um dem unfreundlichen Wetter Trotz zu bieten, kurz die Erscheinung des Capitain’s war jugendlicher denn je. Er war so geschminkt und auswattirt, so frisirt und angezogen, wie es der Absicht entsprach, das Ideal eines Mannes von fünfundzwanzig Jahren in blühender Gesundheit darzustellen. Mit anderen Worten: die Erscheinung bot das Bild eines Fünfunddreißigjährigen, mit der Prätension einen Fünfundzwanzigjährigen vorzustellen, während in Wahrheit ein Siebenzigjähriger dahinter versteckt war. Mit einer Rose im Knopfloch, einem zierlichen Spazierstöckchen in der Hand, heiter lächelnd, rosig, parfümirt, trat der Capitain raschen Schrittes ein und verbreitete eine freundlichere Atmosphäre in dem ganzen Zimmer. Sein Eintreten erweckte die angenehme Vorstellung eines zu einem Morgenbesuch erscheinendem unbeschäftigten jungen Dandys. Er schien etwas überrascht, Blanche auf dem Schauplatz des bevorstehenden Kampfes anwesend zu finden. Lady Lundie glaubte es sich selbst schuldig zu sein, diese Anwesenheit zu erklären. »Meine Stieftochter ist hier gegen meinen Rath und ungeachtet meiner dringenden Bitten. Es können hier Personen erscheinen, die sie nach meiner Ansicht schicklicher Weise nicht sehen sollte, es werden Enthüllungen gemacht werden, die keine junge Frau in ihrer Stellung mit anhören müßte. Aber sie hat darauf bestanden, Capitain Newenden, und ich habe ihr nachgeben müssen.«

Der Capitain zuckte die Achseln und zeigte seine schönen Zähne.

Blanche war viel zu sehr von dem Interesse an dem kommenden Gottesgericht hingenommen, um es der Mühe werth zu halten sich zu vertheidigen, sie sah aus, als hätte sie die Worte ihrer Stiefmutter gar nicht gehört. Der Advocat verharrte in der Beobachtung des interessanten Schauspiels des Regens. Lady Lundie erkundigte sich nach Mrs. Glenarm. Der Capitain erwiderte, die Angst und Besorgniß seiner Nichte sei so groß – so groß – so groß, er fand keinen Ausdruck und begnügte sich damit, seine ambrosischen Locken zu schütteln und sein zierliches Spazierstöckchen zu schwingen. Mrs. Delamayn sei bei ihr und habe versprochen, bei ihr zu bleiben, bis ihr Onkel mit der Nachricht von dem Ausgange der Verhandlung zurückkommen werde. Und wo war Julius? In Schottland durch Wahlgeschäfte zurückgehalten. Und Lord und Lady Holchester? Lord und Lady Holchester wußten nichts von der Sache.

Wieder klopfte es an die Hausthür. Blanche’s bleiches Gesicht wurde noch bleicher. War es Arnold? War es Anne? Nach einer längeren Pause als gewöhnlich meldete der Diener Mr. Geoffrey Delamayn und Mr. Moy.

Geoffrey, der zuerst langsam eintrat, grüßte die beiden Damen schweigend und nahm von den beiden anwesenden Herren keine Notiz. Der Londoner Advocat müssigte sich einen Augenblick von der Beobachtung des interessanten Naturschauspiels ab und deutete auf die für den neuen Ankömmling und seinen juristischen Rathgeber bestimmten Platze. Geoffrey setzte sich, ohne auch nur einen Blick auf das Zimmer zu werfen. Die Ellnbogen auf die Kniee gestützt, zeichnete er Figuren auf den Teppich mit seinem plumpen Knittel von Eichenholz. Sein gesenkter Blick und sein schlaff herabhängender Mund drückten stumpfe Gleichgültigkeit aus. Seine Niederlage beim Wettrennen und die dieselbe begleitenden Umstände schienen ihn noch träger und stumpfer als gewöhnlich gemacht zu haben; sonst ging nichts in ihm vor.

Capitain Newenden, der auf ihn zugehen wollte, um ihn anzureden, zauderte, besann sich eines Besseren, und wandte sich an Mr. Moy, Geoffrey’s juristischen Rathgcber.

Dieser, ein Schotte von raschem und freundlichem Wesen, kam dem Capitain höflich entgegen. Auf die Frage des Capitains theilte er ihm mit, daß die Zeugen Mrs. Inchbare und Bishopriggs unten im Zimmer der Haushälterin warteten, bis man ihrer bedürfen werde. Ihre Auffindung hatte nicht die mindeste Schwierigkeit gemacht. Mrs. Inchbare war selbstverständlich in ihrem Hotel gewesen, und Bishopriggs war, wie die angestellten Erkundigungen alsbald ergeben hatten, mit seiner früheren Prinzipalin ausgesöhnt und wieder in seine alte Stellung als Oberkellner im Gasthof eingetreten. Der Capitain und Mr. Moy setzten die so zwischen ihnen begonnene Unterhaltung behaglich und munter fort. Nur ihre Stimmen hörte man in der peinlichen Pause, die verfloß, bis sich wieder ein Klopfen an der Hausthür vernehmen ließ.

Endlich erfolgte dasselbe. Dieses Mal konnte es nicht zweifelhaft sein, wer die zu erwartenden Personen sein würden. Lady Lundie ergriff die Hand ihrer Stieftochter und hielt sie fest. Sie war nicht sicher, ob nicht Blanche’s erster Impuls sie zu einem unüberlegten Schritt verleiten würde. Zum ersten Mal in ihrem Leben ließ Blanche ihre Hand bereitwillig in der ihrer Stiefmutter.

Die Thür öffnete sich und sie erschienen, Sir Patrick Lundie mit Anne am Arm voran, und Arnold Brinkworth hinter ihnen. Sir Patrick und Anne verneigten sich schweigend gegen die Versammelten. Lady Lundie erwiderte den Gruß ihres Schwagers sehr förmlich und ignorirte Anne’s Anwesenheit im Zimmer mit demonstrativer Absichtlichkeit. Blanche saß gesenkten Blickes da. Arnold ging mit ausgestreckter Hand auf sie zu. Lady Lundie stand auf, wies ihn mit einer Handbewegung zurück und sagte in ihrem ruhigsten und unbarmherzigsten Tone: »Noch nicht, Mr. Brinkworth.«

Arnold nahm keine Notiz von ihr und sah seine Frau an, diese blickte ihn wieder an; ihre Augen füllten sich mit Thränen Arnold’s dunkle Hautfarbe wurde todtenbleich unter der Anstrengung, die es ihn kostete, sich zu beherrschen. »Ich will Dich nicht betrüben«, sagte er sanft und trat wieder an den Tisch zurück, an welchem Sir Patrick und Anne von den Uebrigen getrennt saßen.

Sir Patrick ergriff Arnold’s Hand und drückte sie zum Zeichen seiner Billigung.

Der einzige Anwesende, der keinerlei Antheil, selbst nicht als Zuschauer an dem nahm, was nach dem Erscheinen Sir Patrick’s und seiner Begleiter im Zimmer vorging, war Geoffrey. Die einzige an ihm bemerkbare Veränderung bestand in einem Wechsel dessen, was« er mit seinem Knittel vornahm. Anstatt Figuren auf den Teppich zu zeichnet schlug der Stock jetzt Tact; im Uebrigen saß er da, seinen schweren Kopf auf die Brust gesenkt, seine starken mächtigen Arme auf die Kniee gestützt, schon im voraus der Vorgänge die seiner warteten, überdrüssig.

Sir Patrick war der erste, der das Schweigen brach. Er wandte sich an seine Schwägerin mit den Worten: »Lady Lundie, sind alle Personen, die Sie heute hier erwarten, anwesend?«

Lady Lundie benutzte sofort die Gelegenheit, den in ihrem Herzen angesammelten Giftstoff auszuspritzen.

»Alle, die ich erwarte, sind hier«, antwortete sie, »und noch mehr als ich erwartete«, fügte sie mit einem Blick auf Anne hinzu.

Diese erwiderte den Blick nicht, sah ihn nicht einmal. Von dem Augenblick an, wo Anne ihren Platz neben Sir Patriek eingenommen hatte, ruhten ihre Augen auf Blanche. Sie veränderten sich nicht, sie verloren nicht einen Augenblick ihren Ausdruck zärtlicher Trauer, als die Frau, die sie haßte, sprach. Alles, was treu und schön in dieser edlen Natur war, schien eine hinreichende Ermuthigung in Blanche zu finden; als sie die Schwester der unvergessenen vergangenen Tage wieder erblickte, erschien auch die angebotene Schönheit des Ausdrucks wieder in ihrem ermatteten und erschöpften Gesicht. Alle im Zimmer anwesenden Männer außer Geoffrey sahen sie bei den Worten Lady Lundie’s an und Alle fühlten fiir sie.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
930 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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