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Kitabı oku: «Mann und Weib», sayfa 45

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Achtes Kapitel.
Der Morgen

Wann quält uns der Kummer über unwiderbringlich Verlorenes am schreckIichsten? Wann erblicken wir die unsichere Zukunft in den schwärzesten Farben? Wann erscheint uns das Leben am werthlosesten, und wann wünschen wir den Tod am sehnlichsten herbei? In den schrecklichen Morgenstunden, wo die Sonne in ihrer ganzen Pracht aufgeht, wo die Vögel den neugebornen Tag mit ihrem Gesang begrüßen.

Anne erwachte in dem fremden Bette und schaute in dem von der Morgensonne beleuchteten fremden Zimmer umher.

Der Regen, der während der Nacht gefallen war, hatte nachgelassen. Die Sonne stand wieder unbewölkt an dem klaren Herbsthimmel. Anne stand auf und öffnete das Fenster; die frische Morgenluft drang mit ihrem erquickenden Hauch in das Zimmer. Nah und fern lag über der Gegend dieselbe freundliche Ruhe. Anne schaute zum Fenster hinaus. Ihr Geist war wieder klar, ihr Gemüth hatte seine Fassung wieder gewonnen, sie konnte wieder denken, wieder fühlen, sie konnte der einzigen noch übrigen Frage, welche der unbarmherzige Morgen ihr jetzt aufdrängte: »Wie wird das alles werden?« scharf in’s Gesicht sehen.

Morgen.

Gab es noch eine Hoffnung für sie, eine Hoffnung, daß sie selbst etwas für sich würde thun können? Was kann eine verheirathete Frau für sich thun? Sie kann ihr Unglück, vorausgesetzt, daß dasselbe von einer gewissen Beschaffenheit ist an die Oeffentlichkeit bringen und kann sich, wenn sie das gethan hat, allein mit der Gesellschaft abfinden. Weiter vermag sie nichts.

Gab es eine Hoffnung für sie, daß Andere noch etwas würden für sie thun können? Blanche konnte ihr schreiben, konnte vielleicht sogar, wenn Anne’s Mann es erlaubte, sie besuchen, das war aber auch Alles. Sir Patrick hatte ihr beim Abschied die Hand gedrückt und ihr zugeflüstert, sie möge auf ihn vertrauen. Er war der beste, zuverlässigste Freund, aber was konnte er thun? Gab es doch Dinge, die ihr Mann nach dem Gesetze zu thun berechtigt war, bei deren bloßen Gedanken ihr das Blut in den Adern erstarrte. Konnte Sir Patrick sie dagegen schützen? Lächerlicher Gedanke! Das Gesetz, und die Gesellschaft würden vielmehr ihren Gatten in seinen ehelichen Rechten schützen. Gesetz und Gesellschaft hatten nur eine Antwort für sie, wenn sie Schutz von ihnen verlangte: »Du bist sein Weib.«

Keine Hoffnung auf Rettung weder durch sich selbst noch durch Andere, auf der weiten Welt keine Rettung, keine! Ihr blieb nichts übrig, als im Vertrauen auf die göttliche Grube, im Vertrauen auf eine bessere Welt das Ende abzuwarten.

Sie nahm aus ihrem Koffer ein kleines, durch häufigen Gebrauch sehr abgegriffenes Gebet- und Andachtsbuch, das einst ihrer Mutter gehört hatte. Sie setzte sich mit demselben an’s Fenster und las darin. Jetzt war die Aehnlichkeit ihrer Lage mit der ihrer Mutter noch frappanter geworden. Beide waren sie an Männer verheirathet, von welchen sie gehaßt wurden, an Männer, deren Interesse sie auf Geldheirathen mit anderen Frauen hinwies, an Männer, deren einziger Wunsch und einziger Zweck es war, sich von ihren Frauen loszumachen. Sonderbar! auf wie verschiedenen Wegen Mutter und Tochter beide demselben Schicksale entgegen geführt worden waren; nur die Frage, ob die Aehnlichkeit ihrer Schicksale sich auch bis auf den Ausgang erstrecken würde, war noch unentschieden. »Ob ich wohl«, fragte sie sich, an die letzten Augenblicke ihrer Mutter denkend, »in Blanche’s Armen sterben werde?«

Unter solchen Gedanken war ihr die Zeit vergangen, ohne daß sie des allmälig im Hause erwachten Lebens inne geworden wäre. Erst die vor ihrer Thür ertönende Stimme der Magd brachte sie wieder zu dem Bewußtsein der Gegenwart.

»Der Herr wünscht, daß Sie herunterkommen, Madame!«

Anne stand sofort auf und legte das kleine Andachtsbuch bei Seite.

»Ist das Alles, was Sie mir bestellen sollen?« fragte sie, indem sie die Thür öffnete.

»Ja, Madame.«

Sie folgte dem Mädchen hinunter, indem sie sich der sonderbaren Worte erinnerte, die Geoffrey am Abend zuvor in Gegenwart der Dienstboten an sie gerichtet hatte. Sollte sie jetzt erfahren, was mit diesen Worten eigentlich gemeint war? Dass mußte sich bald zeigen.

»Was immer für Prüfungen mir beschieden sein mögen«, dachte sie bei sich, »ich will sie tragen, wie weine Mutter sie getragen haben würde.«

Die Magd öffnete die Thür des Speisezimmers. Das Frühstück stand auf dem Tisch; Geoffrey stand am Fenster; Hester Dethridge hatte sich zum Aufwarten bereit an die Thür postirt.«

Als Anne eintrat, kam ihr Geoffrey mit einem freundlich lächelnden Ausdruck, wie sie ihn noch nie an ihm wahrgenommen hatte, entgegen und bot ihr die Hand. Sie hatte, als sie das Zimmer betrat, auf Alles gefaßt zu sein geglaubt. Auf einen solchen Empfang aber war sie nicht gefaßt, sprachlos stand sie da und sah ihn an. Auch Hester sah ihm, nachdem sie auf Anne beim Eintreten einen raschen Blick geworfen hatte, fest in’s Gesicht und wandte, solange Anne im Zimmer blieb, das Auge nicht wieder von ihm ab.

Nach einer Pause brach er wieder das Schweigen, mit Worten, deren Ton wie der einer ihm fremden Stimme klang, und mit einer unheimlichen Zurückhaltung, wie sie früher nie an ihm beobachtet hatte.

»Willst Du Deinem Mann nicht die Hand geben«, fragte er, »wenn Dein Mann Dich darum bittet?«

Mechanisch legte sie ihre Hand in die seinige, aber er fuhr zusammen und ließ die Hand auf der Stelle wieder fahren.

»Gott, wie kalt!« rief er aus.

Seine eigene Hand glühte und zitterte fortwährend. Er wies auf einen Stuhl am oberen Ende des Tisches hin.

»Willst Du Thee machen?« fragte er.

Mechanisch hatte sie ihm die Hand gereicht, mechanisch trat sie jetzt einen Schritt vor, stand aber dann wieder still.

»Möchtest Du lieber allein frühstücken?« fragte er.

»Wenn Du nichts dagegen hast«, antwortete sie mit schwacher Stimme, »würde ich es vorziehen.«

»Warte einen Augenblick, ich habe Dir noch etwas zu sagen, bevor Du gehst.«

Sie wartete. Er besann sich offenbar auf Etwas, das er vorbereitet hatte, bevor er sprach. »Ich habe«, fing er an, »die ganze Nacht Zeit gehabt, mit mir zu Rathe zu gehen, Und die Nacht hat nun einen neuen Menschen aus mir gemacht. Ich bitte Dich wegen dessen, was ich gestern Abend gesagt habe, um Verzeihung. Ich war gestern meiner selbst nicht mächtig und sprach Unsinn. Bitte vergiß das und vergieb es mir. Ich will ein Anderer werden und mein bisheriges Betragen wieder gut machen. Ich will versuchen ein guter Ehemann zu werden. In Gegenwart von Mrs. Dethridge bitte ich Dich, mir diesen Versuch möglich zu machen, ich will Deiner Neigung keine Gewalt anthun. Wir sind einmal verheirathet, wozu nützt es, das zu beklagen? Bleibe hier, wie Du es gestern wolltest, unter Deinen eigenen Bedingungen. Jetzt will ich Dich nicht länger zurückhalten, ich bitte Dich nur, Dir die Sache zu überlegen. Guten Morgen.«

Er sprach diese merkwürdigen Worte wie ein Schuljunge, der eine schwere Lection aufsagt, die Augen auf den Boden geheftet und mit den Fingern fortwährend verlegen einen Knopf an seiner Weste auf- und zuknöpfend. Anne ging wieder hinaus. Auf dem Vorplatz mußte sie stehen bleiben und sich gegen die Wand lehnen. Seine unnatürliche Höflichkeit war ihr fürchterlich gewesen, seine wohütberlegte Versicherung seiner Reue hatte sie mit Entsetzen erfüllt. Noch nie, selbst in den Momenten seiner wildesten Wuthausbrüche, wo er sich der niedrigsten Ausdrücke gegen sie bedient, hatte sie einen solchen Schauder vor ihm empfunden, wie eben jetzt. Hester Dethridge folgte ihr und schloß die Thür hinter sich. Sie sah Anne scharf in’s Gesicht und hielt ihr die Tafel entgegen, nachdem sie auf dieselbe die Worte geschrieben hatte: »Glauben Sie ihm?«

Anne stieß die Tafel von sich und eilte die Treppe hinauf. Sie schloß die Thür und sank in einen Stuhl. »Er bereitet etwas gegen mich vor«, sagte sie sich, »was mag es sein?«

Ein ihr ganz neues Gefühl physischer Furcht ließ sie davor zurückschrecken, diese Frage weiter zu verfolgen. Es befiel sie eine Angst, die sie fast ohnmächtig machte; sie trat an’s offene Fenster. In demselben Augenblick erscholl die Glocke an der Pforte. Argwöhnisch gegen Jedermann und gegen Jedes, wie sie in diesem Augenblicke war, schien es ihr nicht gerathen, sich blicken zu lassen. Sie trat etwas vom Fenster zurück und blickte durch die Vorhänge hinaus. Ein Livreediener, der einen Brief in der Hand hielt, trat durch die Pforte. In dem Augenblick, wo er unter Anne’s Fenster vorüberging, sagte er zu der Magd, die ihm geöffnet hatte: »Ich komme von Lady Holchester, ich muß Mr. Delamayn auf der Stelle sprechen.« Sie gingen in’s Haus.

Kurz darauf ging der Diener wieder fort. Nach einer kleinen Weile wurde an Anne’s Thür geklopft Sie zauderte. Das Klopfen wiederholte sich, und das stumme Gemurmel Hester Dethridge’s wurde von draußen vernehmbar. Anne öffnete die Thür, Hester trat mit dem Frühstück ein und deutete auf einen Brief, der auf dem Frühstücksbret lag. Der Brief war von Geoffrey’s Hand an Anne adressirt und enthielt die folgenden Worte:

»Mein. Vater ist gestern gestorben. Bestelle Dir schriftlich Deine Trauerkleider, der Bursche soll das Billet besorgen. Du brauchst nicht selbst nach London zu gehen, sondern kannst Dir Jemanden aus dem Laden her beordern.«

Anne ließ den Brief, ohne aufzublicken in ihren Schooß fallen. Im demselben Augenblick hatte Dethridge verstohlen ihre Tafel zwischen das Billet und Anne’s Augen geschoben, darauf standen die Worte: »Seine Mutter kommt heute. Sein Bruder ist telegraphisch von Schottland herbeigerufen. Gestern Abend war er betrunken, jetzt trinkt er wieder. Ich weiß, was das zu bedeuten hat. Geben Sie Acht, Madame, geben Sie Acht.«

Anne machte ihr ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Hester ging hinaus und zog die Thür nach sich, ohne sie jedoch zu schließen. Wieder klingelte es an der Pforte. Wieder trat. Anne an’s Fenster. Diesmal war es nur der Bursche, der kam, seine Ordres für den Tag entgegen« zu nehmen. Kaum war er in den Garten getreten, als ihm der Postbote auf dem Fuße folgte; Eine Minute später vernahm sie Geoffrey’s Stimme auf dem Vorplatz und gleich darauf die schweren Tritte, mit denen er die Treppe hinaufstieg. Anne eilte an die Thür um die Riegel vorzuschieben, aber noch ehe sie die Thür hatte schließen können, stand Geoffrey vor ihr. »Hier ist ein Brief für Dich«, sagte er, indem er es ängstlich vermied, die Schwelle des Zimmers zu betreten. »Ich denke nicht daran, Deinen Neigungen Gewalt anzuthun, ich bitte Dich nur, mir zu sagen, von wem der Brief ist.«

Seine Haltung war dabei von derselben ergebenen Höflichkeit wie vorher, aber sein unaussgesprochenes Mißtrauen gegen sie verrieth sich in seinen Blicken. Sie warf einen Blick. auf die Adresse.

»Der Brief ist von Blanche«, antwortete sie.

Leise setzte er seinen Fuß zwischen Thür und Thürpfosten und wartete, bis sie Blanche’s Brief gelesen hatte.

»Darf ich den Brief sehen?« fragte er, und steckte dabei seine Hand durch die Thür.

Anne hatte ihre Widerstandskraft verloren. Sie reichte ihm das offene Schreiben. Der Brief war sehr kurz. Nach einigen herzlichen Worten beschränkte er sich geflissentlich darauf; den Zweck, zu welchem er geschrieben war, anzugeben. Blanche wünschte Anne am Nachmittage des heutigen Tages in Begleitung ihres Onkels zu besuchen; sie fragte vorher an, um sicher zu sein, Anne zu Hause zu finden. Das war Alles. Der Brief war ersichtlich unter Sir Patricks Aufsicht geschrieben.

Geoffrey gab ihn ihr zurück, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte.

»Nachdem mein Vater gestern gestorben ist«, sagte er, »kann meine Frau keine Besuche annehmen, bevor er begraben ist. Ich will Deinen Neigungen keine Gewalt anthun, ich sage nur, ich kann vor erfolgtem Begräbniß, außer Mitgliedern meiner Familie, keinen Besuchern den Zutritt zu uns gestatten. Sage Deiner Freundin das in einer Zeile, die der Bursche besorgen kann.«

Mit diesen Worten verließ er sie.

Eine Berufung auf die Schicklichkeit konnte in dem Munde Geoffrey Delamayn’s nur zweierlei bedeuten. Entweder war, was er gesagt hatte, ein roher Hohn gewesen, oder er hatte dabei einen Hintergedanken gehabt. Wollte er den Tod seines Vaters als Vorwand benutzen, seine Frau von allem Verkehr mit der Außenwelt abzuschneiden? Hatte er noch unausgesprochene Gründe, den Verkehr Anne’s mit ihren Freunden zu fürchten? Die Zeit verging und Hester Dethridge erschien wieder, um zu melden, daß der Bursche auf Anne’s Ordres im Betreff ihrer Trauertoilette und auf ihr Billet an Mr. Arnold Brinkworth warte. Anne schrieb die Ordres und das Billet. Als sie damit fertig war, drängte sich abermals die furchtbare Tafel zwischen ihr Schreibpapier und ihre Augen, mit den erbarmungslos warnenden Worten: »Er hat die Pforte abgeschlossen. Wenn geklingelt wird, sollen wir uns den Schlüssel von ihm holen. Er hat an eine Frau geschrieben die nach der Adresse Mrs. Glenarm heißt. Er hat wieder Branntwein getrunken. Grade wie mein Mann, nehmen Sie sich in Acht.«

So war also der einzige Ausgang aus den das Haus rings umgebenden Mauern verschlossen, war es ihren Freunden untersagt, sie zu besuchen, war sie gefangen in Einzelhaft und der Kerkermeister war ihr Mann. Noch waren nicht vierundzwanzig Stunden vergangen, seit sie das Haus betreten hatte, und schon war es dahin gekommen. Und was würde weiter geschehen?«

Mechanisch trat sie wieder an’s Fenster. Der Anblick der Außenwelt, das gelegentliche Vorüberfahren eines Wagens übte eine belebende Wirkung auf sie. In diesem Augenblick ging der Bursche durch den Vordergarten, im Begriff seine Besorgungen in London auszurichten. Geoffrey ging mit thut, um die Pforte zu öffnen und rief ihm, als er ihn hinausgelassen hatte, nach: »Vergiß die Bücher nicht.«

Die Bücher! Was für Bücher? Für wen? Die geringste Kleinigkeit erweckte jetzt Anne’s Verdacht. Noch Stunden lang verfolgte sie der Gedanke an diese Bücher. Geoffrey schloß die Pforte wieder ab und ging nach dem Haus zurück; unter Anne’s Fenster blieb er stehen und rief sie. Sie sah zum Fenster hinaus. »Wenn Du frische Luft und Bewegung wünschen solltest«, sagte er, »so steht der Hintergarten ganz zu Deiner Disposition.« Dann steckte er den Pfortenschlüssel in die Tasche und ging wieder in’s Haus.

Nach einigem Schwanken beschloß Anne von Geoffrey’s Erlaubniß Gebrauch zu machen. In ihrem Zustande banger Ungewißheit wurde ihr der Aufenthalt in ihren vier Mauern völlig unerträglich. Selbst wenn hinter dem anscheinend harmlosen Vorschlag, den Geoffrey ihr gemacht hatte, eine ihr gestellte Falle lauern sollte, so widerstrebte es ihr doch weniger, sich dieser Gefahr auszusetzen, als darüber brüten zu müssen. Sie setzte ihren Hut auf und ging in den Garten hinab. Es begegnete ihr durchaus nichts Bemerkenswerthes, Geoffrey ließ sich nicht blicken. Anne hielt sich auf- und abgehend, in dem Theile des Gartens, der von dem Fenster des Speisezimmers am weitesten ablag. Aus dem Garten zu entkommen war für eine Frau einfach unmöglich. Abgesehen von der Höhe der Mauer waren sie, ihrem ganzen Umfange nach, oben mit Glasscherben bedeckt. Eine kleine, wahrscheinlich für den Gärtner bestimmte Thür in der das äußerste Ende des Hintergartens abschließenden Mauer, war verriegelt und verschlossen. Kein Haus war in der Nähe. Ländereien von Gemüsegärtnern umgaben den Garten auf allen Seiten. Im neunzehnten Jahrhundert, und in der unmittelbaren Nähe einer großen Hauptstadt war Anne von jedem Verkehr mit der Außenwelt so vollständig abgesperrt, wie wenn sie todt gewesen wäre. Nach Verlauf einer halben Stunde wurde die im Garten herrschende Stille durch das Geräusch rollender Wagenräder auf der Landstraße und ein Klingeln an der Pforte unterbrochen. Anne hielt sich dicht an der Rückseite des Hauses, entschlossen sich die Chance, mit dem Besuchenden, es mochte sein wer es wollte, zu sprechen, nicht entgehen zu lassen.

Bald darauf vernahm sie durch das offene Fenster Stimmen im Speisezimmer, die Stimme Geoffrey’s und die einer Frau: Wer mochte das sein? Doch nicht Mrs. Glenarm? Nach einer Weile wurde die Stimme der Besuchenden plötzlich lauter: »Wo ist sie?« rief sie, »ich wünsche sie zu sehen.« Anne ging sofort an die Hinterthür des Hauses, und fand sich hier einer Dame gegenüber, die ihr völlig fremd war:

»Sind Sie die Frau meines Sohnes?« fragte die Dame.

»Ich bin seine Gefangene«, antwortete Anne.

Lady Holchester’s bleiches Gesicht wurde noch bleicher. Es war klar, daß Anne’s Antwort einen Verdacht bei ihr bestätigt hatte, der bereits durch die Unterhaltung smit ihrem Sohne erweckt worden war.

»Was wollen Sie damit sagen?« flüsterte sie.

In diesem Augenblick ließen sich Geoffrey’s schwere Fußtritte im Speisezimmer vernehmen.

Es war keine Zeit mehr zu einer Erklärung, Anne flüsterte nur noch die Worte:

»Lassen Sie meine Freunde wissen, was ich Ihnen gesagt habe.«

Geoffrey erschien an der Thür des Speisezimmers.

»Nennen Sie mir einen Ihrer Freunde«, erwiderte Lady Holchester.

»Sir Patrick Lundie.«

Geoffrey hörte diese Antwort und fragte: »Was ist mit Sir Patrick Lundie?«

»Ich wünsche Sir Patrick Lundie zu sprechen«, antwortete seine Mutter, »und Deine Frau kann mir sagen, wo er zu finden ist.«

Anne verstand sofort, daß Lady Holchester gesonnen sei, ihren Auftrag an Sir Patrick Lundie auszurichten. Sie nannte seine Londoner Adresse. Lady Holchester schickte sich an fortzugehen; ihr Sohn hielt sie zurück.

»Laß uns die Sache in’s Reine bringen, bevor Du gehst«, sagte er. »Meine Mutter«, fuhr er gegen Anne gewandt fort, »meint, es sei nicht viel Aussicht vorhanden, daß wir Beiden gut mit einander leben. Bitte, sag Du ihr selbst, wie es damit steht. Was habe ich Dir beim Frühstück gesagt? Habe ich nicht gesagt, ich wolle versuchen Dir ein guter Ehemann zu sein? Habe ich nicht in Mrs. Dethridges Gegenwart gesagt, ich wolle wieder gut machen, was ich gegen Dich gefehlt habe?«

Er wartete, bis Anne seine Fragen bejahend beantwortet hatte und wandte sich dann wieder an seine Mutter.

»Nun, was denkst Du jetzt?«

»Lady Holchester schien nicht geneigt diese Frage zu beantworten. »Noch diesen Abend«, sagte sie zu Anne, »sehen Sie mich wieder oder sollen von mir hören.«

Geoffrey versuchte es, seine unbeantwortet gebliebene Frage zu wiederholen. Als aber seine Mutter ihn scharf ansah, vermochte er ihren Blick nicht zu ertragen und senkte sofort die Augen. Mit ernster Miene grüßte sie Anne und zog ihren Schleier über das Gesicht. Schweigend begleitete ihr Sohn sie bis an die Ausgangspforte Anne kehrte, zum ersten Mal seit ihrem Erwachen an diesem Tage, etwas erleichtert auf ihr Zimmer zurück.

»Seine Mutter ist unruhig«, dachte sie bei sich, »es muß eine Veränderung eintreten. »Und diese Veränderung sollte noch an demselben Abend eintreten.

Neuntes Kapitel.
Der Vorschlag

Gegen Abend fuhr Lady Holchester’s Wagen wieder vor. Drei Personen saßen darin, Lady Holchester, ihr ältester Sohn«, jetzt Lord Holchester und Sir Patrick Lundie.

»Wollen Sie im Wagen warten, Sir Patrick«, fragte Julius, »oder wollen Sie mit hineingehen?«

»Ich will warten. Wenn Sie finden sollten, daß ich ihr irgend nützen kann, schicken Sie, bitte, sofort nach mir. Inzwischen vergessen Sie nicht, den von mir angegebenen Vorschlag zu machen. Das ist der einzige sichere Weg, die wahre Gesinnung Ihres Bruders in dieser Angelegenheit zu ergründen.«

Der Diener hatte geklingelt, ohne daß etwas darauf erfolgt wäre. Während er zum zweiten Male klingelte, richtete Lady Holchester eine Frage an Sir Patrick.

»Haben Sie mir,« fragte sie, »für den Fall, daß ich Gelegenheit haben sollte, die Frau meines Sohnes allein zu sprechen, irgend etwas an sie aufzutragen?«

Sir Patrick zog ein kleines Billet aus der Tasche.

»Würden Sie die Güte haben, gnädige Frau, ihr das zu geben?«

In dem Augenblick, wo Lady Holchester das Billet zu sich nahm, wurde die Pforte von der Magd geöffnet.

»Vergessen Sie nicht —«, wiederholte Sir Patrick sehr nachdrücklich, »wenn ich ihr irgendwie nützlich sein kann. Denken Sie nicht an mein Verhältniß zu Mr. Delamayn, sondern schicken Sie ohne Weiteres zu mir.«

Julius und seine Mutter wurden in das Wohnzimmer geführt. Die Magd berichten, daß der Herr hinausgegangen sei, um sich niederzulegen, aber sogleich herunterkommen werde. Beide, Mutter und Sohn, waren zu aufgeregt, um zu reden. Julius ging unruhig im Zimmer auf und ab. Einige Bücher, die auf einem Tisch in der Ecke lagen, zogen seine Aufmerksamkeit auf sich, vier schmutzige, fettige Bände, aus deren einem ein Papierstreifen hervorguckte, auf welchem die Worte standen »Ergebenst von Perry.« Julius öffnete den Band. Es war das unter dem Namen »The Nengate Calender« erscheinende abscheuliche Magazin von englischen Criminalgeschichten. Julius zeigte es seiner Mutter.

»Eine Probe von Geoffreys literarischem Geschmack«, sagte er mit einem traurigen Lächeln.

Lady Holchester machte ihm ein Zeichen, das Buch wieder an seinen Platz zu legen.

»Du hast Geoffretys Frau schon einmal gesehen, sticht wahr?« fragte sie.

Dieses Mal lag in ihrem Ton, als sie von Anne sprach, keine Spur von Geringschätzung. Der Eindruck, den ihr Besuch bei Geoffrey diesen Morgen auf sie hervorgebracht hatte, ließ ihr Geoffrey’s Frau mit schweren Familiensorgen eng verknüpft erscheinen. Vielleicht daß sie Anne noch immer um Mrs. Glenarm’s willen nicht gern hatte, aber verachten konnte sie dieselben nicht mehr.

»Ich habe sie in Swanhaven gesehen«, erwiderte Julius. »Ich muß Sir Patrick darin Recht geben, daß sie den Eindruck einer der Theilnahme sehr würdigen Person macht.«

»Was hat Dir Sir Patrick diesen Nachmittag bezüglich Geoffrey’s gesagt, als ich das Zimmer verlassen hatte?«

»Dasselbe was er Dir bereits gesagt hatte. Er erklärte, daß er die Lage Beider hier für eine sehr beklagenswerthe halte, und sprach die Ueberzeugung aus, daß sehr dringende Gründe für uns vorhanden seien, uns sofort in’s Mittel zu legen.«

»Julius, Sir Patrick denkt noch etwas anderes.«

»Das hat er meines Wissens nicht ausgesprochen.«

»Wie kann er es uns gegenüber aussprechen?«

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und Geoffrey trat ein. Julius reichte ihm die Hand, und beobachtete ihn dabei scharf. Seine Augen waren mit Blut unterlaufen, sein Gesicht hoch geröthet, seine Zunge schwer, seine ganze Erscheinung die eines Menschen, der zu viel getrunken hat.«

»Nun!« redete er seine Mutter an, »was führt Dich wieder her?«

»Julius hat. Dir einen»Vorschlag zu machen«, antwortete Lady Holchester. »Ich bin mit diesem Vorschlag einverstanden, und bin deshalb mit ihm hergekommen.«

Geoffrey wandte sich gegen Julius mit den Worten:

»Was kann ein reicher Mann wie Du, von einem armen Teufel wie ich es bin, wollen?«

»Ich möchte Dir Gerechtigkeit widerfahren lassen, Geoffrey, wenn Du es mir möglich machst, indem Du mir auf halbem Wege entgegen kommst. Hat unsere Mutter Dir von dem Testament unseres Vaters gesagt?«

»Ich weiß, daß für mich in dem Testament kein Heller ausgesetzt ist, und habe es nicht anders erwartet; fahre fort.«

»Du irrst Dich; das Testament setzt etwas für Dich ans. Ein Codicill zu dem Testament bedenkt Dich mit einer ansehnlichen Rente. Unglücklicherweise ist unser Vater gestorben ohne dieses Codicill zu unterzeichnen. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich das Codicill als für mich bindend betrachte. Ich bin bereit für Dich zu thun, was mein Vater für Dich thun wollte, und verlange dafür nur eine Concession von Dir.«

»Und die wäre?«

»Du lebst hier sehr unglücklich mit Deiner Frau, Geoffrey?«

»Wer sagt das? Ich leugne es.«

Julius legte seine Hand sanft auf den Arm seines Bruders und sagte: »Nimm eine so ernste Angelegenheit nicht leicht, Geoffrey. Deine Heirath ist in jedem Sinne des Worts ein Unglück, nicht nur für Dich, sondern auch für Deine Frau. Ihr könnt unmöglich zusammen leben; ich bin hergekommen, Dich aufzufordern, in eine Trennung zu willigen. Wenn Du das thust, so erhältst Du die Dir in dem ununterzeichneten Codicill ausgesetzte Rente. Was sagst Du dazu?«

Geoffrey machte seinen Arm von der Hand seines Bruders los und antwortete:

»Ich sage: Nein!«

Zum ersten Mal mischte sich Lady Holchester in die Unterhaltung mit den Worten:

»Das großmüthige Anerbieten Deines Bruders hätte eine bessere Antwort verdient.«

»Meine Antwort«, wiederholte Geoffrey, »ist, Nein!«

Seine Hände geballt auf den Knieen haltend und vollkommen unzugänglich für Alles, was seine Mutter und sein Bruder ihm sagen konnten, saß er zwischen Beiden da.

»In Deiner Lage«, sagte Julius, »ist eine Ablehnung meines Anerbietens reine Tollheit; ich nehme sie nicht an.«

»Das kannst Du halten, wie Du willst. Mein Entschluß steht fest. Ich will nicht, daß meine Frau mich verläßt; sie bleibt hier.«

Der brutale Ton, in welchem er diese Worte sprach, beleidigte Lady Holchester.

»Nimm Dich in Acht«, sagte sie, »Dein Benehmen zeugt nicht nur von dem größten Undank gegen Deinen Bruder, sondern drängt mir einen Verdacht auf; Du hast für Deine Handlungsweise Motive, die Du vor uns verbirgst.«

Geoffrey wandte sich gegen seine Mutter, mit einer plötzlichen Wildheit im Ausdruck, die Julius veranlaßte aufzuspringen. Im nächsten Augenblick senkte Geoffrey die Blicke wieder zu Boden. Der böse Geist, von dem er besessen war, schien wieder gebannt.

»Ich verberge ein Motiv vor Euch?« wiederholte er mit gesenkten Blicken und schwerer Zunge. »Ihr könnt mein Motiv, wenn Ihr Lust habt, in den Straßen laut ausrufen lassen. Ich liebe sie.«

Bei diesen Worten blickte er auf. Lady Holchester wandte ihr Gesicht ab, es schauderte sie vor ihrem eigenen Sohn. Das Einsehen, das ihr Geoffrey’s Worte einflößten, war so überwältigend, daß selbst das eingewurzelte Vorurtheil gegen Anne, welches Mrs. Glenarm ihr beigebracht hatte, völlig davor wich. In diesem Augenblick fühlte sie sich ganz von der Empfindung des Mitleids für Anne beherrscht.

»Das arme Geschöpf« rief Lady Holchester.

Geoffrey that als fühle er sich durch diese Worte verletzt. »Kein Mensch soll meine Frau bemitleiden. Mit diesen Worten eilte er auf den Vorplatz hinaus und rief laut: »Anne, komm’ herunter!«

Sofort vernahm man ihre sanfte Stimme und ihre leichten Fußtritte auf der Treppe. Als sie in’s Zimmer trat, ging ihr Julius entgegen, ergriff ihre Hand und hielt sie mit sanftem Drucke fest. »Wir haben hier einen kleinen Familiendisput«, sagte er, indem er es versuchte ihr Muth einzuflößen »und Geoffrey ereifert sich dabei, wie gewöhnlich!«

Geoffrey wandte sich trotzig gegen seine Mutter und sagte: »Sieh’ sie an! Sieht sie aus, als ob sie Hunger litte? Ist sie schlecht gekleidet? Trägt sie die Spuren von Schlägen?« Dann fuhr er gegen Anne gewandt fort: »Sie sind hergekommen uns eine Trennung vorzuschlagen, sie glauben Beide, ich hasse Dich. Ich hasse Dich nicht. Ich bin ein guter Christ. Ich verdanke es Dir, daß ich in dem Testament meines Vaters übergangen bin; ich vergebe Dir das! Ich verdanke es Dir, daß mir die Chance entgangen ist, eine Frau mit einem jährlichen Einkommen von zehntausend Pfund zu heirathen; auch das vergebe ich Dir! Ich bin nicht der Mann, der eine Sache halb thut. Ich habe Dir gesagt, ich wolle es versuchen Dir ein guter Ehemann zu sein, und was ich gegen Dich gefehlt habe, wieder gut zu machen. Nun, ich bin so gut wie mein Wort; und was geschieht? Man insultirt mich. Meine Mutter und mein Bruder kommen her und bieten mir Geld an, um mich zu bewegen, mich von Dir zu trennen. Hol’ der Henker das Geld. Ich will Niemandem verpflichtet sein, ich will mir selbst mein Brod verdienen. Pfui! über die Leute, die sich zwischen Mann und Weib eindrängen! Pfui! sage ich und nochmals Pfui!«

Anne, der diese Aeußerungen Geoffrey’s unerklärlich waren, sah ihre Schwiegermutter an und fragte:

»Haben Sie eine Trennung zwischen uns vorgeschlagen!«

»Allerdings; und zwar unter den vortheilhaftesten Bedingungen für meinen Sohn. Haben Sie irgend etwas dagegen einzuwenden?«

»O, Lady Holchester, bedarf es dieser Frage an mich? Was sagt er dazu?«

»Er lehnt es ab.«

»Lehnt es ab?«

»Jawohl", sagte Geoffrey, »und ich bleibe dabei. Ich beharre bei dem, was ich Dir diesen Morgen gesagt habe. Ich will es versuchen, Dir ein guter Ehemann zu sein, und was ich gegen Dich gefehlt habe, wieder gut zu machen.«

Er hielt einen Augenblick inne und fügte dann hinzu, was er als seinen letzten Grund angegeben hatte: »Ich liebe Dich.«

Während er diese Worte sprach, begegneten sich ihre Blicke Julius fühlte plötzlich, wie Anne’s Hand die seinige fest umschloß. Der verzweifelte Druck der zarten, kalten Finger, der flehende Ausdruck des Entsetzens, in den sich ihr sanftes, feines Gesicht ihm zuwandte, sprachen beredter als es Worte vermocht hätten: »Lassen Sie mich diesen Abend nicht einsam und freundlos hier.«

»Und wenn Ihr Beide hier bis zum jüngsten Tage bliebet«, sagte Geoffrey, »so würdet ihr doch nicht mehr aus mir herausbringen. Ich habe Euch mein letztes Wort gesagt.«

Mit diesen Worten setzte er sich mit verdrossener Miene in eine Ecke des Zimmers, und zeigte in seiner ganzen Haltung, wie sehnlich er den Moment erwarte, wo Mutter und Bruder ihn verlassen würden. Die Situation war höchst bedenklich. Jeder Versuch, diesen Abend noch weiter mit ihm über die Sache zu diskutiren, wäre ganz hoffnungslos gewesen. Eine Anrufung von Sir Patricks Vermittlung wäre für Geoffrey nur eine Veranlassung zu einem neuen leidenschaftlichen Ausbruch geworden. Andererseits erschien es als ein Gebot der einfachsten Humanität, die hilflose Frau, nach dem was vorgefallen war, nicht zu verlassen, ohne einen neuen Versuch gemacht zu haben, ihr beizustehen. Julius ergriff den einzig noch übrigen Ausweg aus dieser schwierigen Lage, den einzigen eines so ehrenwerthen und feinfühlenden Mannes würdigen Ausweg.

»Wir wollen die Sache heute Abend auf sich beruhen lassen, Geoffrey«, sagte er. »Aber ich bin, ungeachtet alles dessen, was Du gesagt hast, doch nicht weniger entschlossen, morgen auf den Gegenstand zurück zu kommen. Es würde mir viele Unbequemlichkeiten, eine zweite Fahrt aus der Stadt hierher und dann eine beschleunigte Rückfahrt, um meine Geschäfte nicht zu versäumen, ersparen, wenn ich heute Nacht hier bleiben könnte. Hast Du ein Bett für mich?«

Anne dankte ihm mit einem raschen Blick, der mehr sagte, als Worte es vermocht hätten.

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
930 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain