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Kitabı oku: «Namenlos», sayfa 30

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Zweites Capitel

Der lange Mann, welcher an Hauptmann Wragge in der Dunkelheit vorübergegangen war, schritt eilig auf der Promenade fürbaß, schwenkte über einen kleinen wüsten Platz weg und trat in das offene Thor des Hotel von Aldborough. Das Licht im Hausgange, welches, als er hindurch schritt, voll auf ihn fiel, erwies die Richtigkeit von Hauptmann Wragges Vermuthung und zeigte, daß der Fremde Mr. Kirke, der Kauffahrer war.

Als Kirke dem Wirthe in dem Gange begegnete, nickte er ihm mit der Vertraulichkeit eines alten Bekannten zu.

– Haben Sie das Blatt erhalten? fragte er; ich möchte ein Mal die Fremdenliste nachsehen.

– Ich habe es auf meiner Stube, Sir, sagte der Wirth, indem er in ein Wohnzimmer im hinteren Theile des Hauses vorausging.

– Sie denken wohl, es seien vielleicht ein paar Freunde von Ihnen mit hier?

Ohne zu antworten, machte sich der Seemann über die Liste, sobald ihm die Zeitung behändigt war, und fuhr, Name für Name durchgehend, mit dem Finger darauf hinunter. Der Finger hielt plötzlich an bei der Zeile:

VILLA AMSEE: MR. NOËL VANSTONE

Kirke, der Kauffahrer, wiederholte den Namen vor sich hin und legte das Blatt in Gedanken bei Seite.

– Haben Sie jemanden Bekanntes gefunden, Capitän? fragte der Wirth.

– Ich habe allerdings einen bekannten Namen gefunden, einen Namen, von dem mein Vater seiner Zeit oft gesprochen hat. Ist dieser Vanstone mit Familie hier? Wissen Sie, o eine junge Dame im Hause ist?

– Ich kann es nicht sagen, Capitän Meine Frau wird gleich kommen, sie weiß es sicherlich genau. Es ist wohl geraume Zeit her, daß Ihr Vater diesen Mr. Vanstone kannte?

– Allerdings geraume Zeit. Mein Vater kannte einen Subalternoffizier dieses Namens, als er mit seinem Regiment in Canada stand. Es wäre doch eigenthümlich, wenn dies derselbe Mann und wenn jene junge Dame seine Tochter wäre.

– Nehmen Sie mirs nicht übel, Capitän – aber die junge Dame scheint Ihnen ein wenig am Herzen zu liegen, sagte der Wirth mit gefälligem Lächeln.

Mr. Kirke sah nicht aus, als wenn ihm die Form, in welcher sich die gute Laune seines Gastgebers aussprach, sonderlich behagte. Er kam plötzlich und ohne Uebergang auf den jungen Subalternoffizier und das Regiment in Canada zurück.

– Die Geschichte des armen Kerls war so kläglich, als ich nur je eine gehört hatte, sagte er, indem er dabei unwillkürlich wieder aus die Liste sah.

– Würde es Ihnen möglich und genehm sein, dieselbe zu erzählen, Sir? fragte der Wirth. Kläglich oder nicht, eine Geschichte ist eine Geschichte, wenn Sie nur wissen, daß sie wahr ist.

Mr. Kirke zögerte.

– Ich glaube kaum, daß ich recht daran thue, sie zu erzählen, sagte er. Wenn dieser Mann oder irgend welche Verwandte von ihm noch am Leben sind, so ist dies nicht gerade eine Geschichte, die sie gern Fremden mitgetheilt wissen möchten. Alles, was ich Ihnen erzählen kann, ist, daß mein Vater unter entsetzlichen Umständen der Rettungsengel jenes jungen Offiziers wurde. Sie verließen einander in Canada. Mein Vater blieb bei seinem Regiment der junge Offizier verkaufte sein Patent und kehrte nach England zurück, und von diesem Augenblicke an verloren sie sich beide aus dem Gesicht. Es wäre doch sonderbar, wenn dieser Vanstone hier eine und dieselbe Person wäre. Es wäre doch sonderbar . . .

Er unterbrach sich plötzlich selbst, als ob abermals eine Anspielung auf »die junge Dame« hätte über seine Lippen gehen sollen. In demselben Augenblicke trat die Frau des Wirthes herein, und Mr. Kirke richtete sofort seine Fragen an die höhere Instanz des Hauses.

– Wissen Sie Etwas von diesem Mr. Vanstone, der hier unten auf der Fremdenliste steht? frug der Seemann. Ist er ein alter Mann?

– Er ist eine elende kleine Figur, versetzte die Wirthin, aber er ist nicht alt, Capitän!

– Dann ist er nicht der Mann, den ich meine. Vielleicht ist er des Mannes Sohn? Hat er ein paar Damen bei sich?

Die Wirthin schüttelte den Kopf und warf die Lippen mit Verachtung auf.

– Er hat eine Haushälterin bei sich, sprach sie, eine Person, schon in den Jahren, aber nicht von der Art, die ich mag. Ich muß wohl sagen, daß ich vielleicht Unrecht habe, aber ich kann ein Mal ein geputztes Frauenzimmer in ihrem Alter nicht ersehen.

Bei dieser Beschreibung fing Mr. Kirke an irre zu werden; man sah es ihm an.

– Ich muß mich in dem Hause geirrt haben, sagte er. Es ist doch ein achteckig zugeschnittener Rasenplatz vor Villa Amsee, und mitten auf dem Kieswege steht ein weiß angestrichener Flaggenstock.

– Das ist ja nicht Villa Amsee, Sir! das ist Nordstein-Villa, von der Sie sprechen, Mr. Bygraves Wohnung.

Seine Frau und seine Nichte kamen heute mit der Post an. Seine Frau ist so groß, daß man sie ausstellen könnte, und kleidet sich so schauderhaft, wie ich es in meinem Leben nur je gesehen habe. Allein Miss Bygrave, die ist das Besehen werth, wenn ich mich so ausdrücken darf. Sie ist das hübscheste Mädchen meines Erachtens, das wir seit langer Zeit in Aldborough gehabt haben. Ich möchte wissen, wer sie sind. Kennen Sie den Namen, Capitän?

– Nein, sagte Mr. Kirke mit einem Schatten von Enttäuschung in seinem dunklen wettergebräunten Gesicht, ich hörte den Namen noch nie zuvor.

Nach dieser Antwort erhob er sich, um sich zu verabschieden. Der Wirth lud ihn vergeblich ein, ein Glas zum Abschied mit ihm zu trinken; die Wirthin nöthigte ihn vergeblich, doch noch zehn Minuten zu bleiben und eine Tasse Thee mit ihnen einzunehmen. Er antwortete nur, daß seine Schwester ihn erwarte und daß er sogleich auf die Pfarre müsse.

Als Kirke das Hotel verließ, richtete er sein Gesicht nach Westen und ging landeinwärts auf der Hochstraße, so schnell als die Dunkelheit es ihm gestattete.

– Bygrave? dachte er bei sich selbst. Jetzt wo ich den Namen kenne, wie viel gescheidter bin ich nun? Wenn es Vanstone gewesen wäre, würde meines Vaters Sohn wohl Aussicht gehabt haben, mit ihr bekannt zu werden.

Er hielt an und sah in der Richtung von Aldborough zurück.

– Was für ein Narr ich doch bin! brach er plötzlich heraus, indem er seinen Stock aus den Boden stampfte. Ich war am letzten Geburtstage vierzig!

Er wandte sich um und ging, das Haupt gesenkt, schneller denn zuvor seinen Weg vorwärts; seine von Entschlossenheit zeugenden Augen schienen forschend zu Lande in das Dunkel hinauszuschauen, gerade wie er es so lange Zeit an dem Deck seines Schiffes zur See gethan hatte.

Nach einer Wanderung von mehr als einer halben Stunde erreichte er ein Dorf mit einer kleinen Kirche und Pfarre, einfältiglich und heimisch hineingebaut in eine Mulde. Er trat in das Haus von der Hinterseite und fand seine Schwester, die Gattin des Geistlichen, allein im Sprechzimmer bei ihrer Arbeit sitzen.

– Wo ist Dein Mann, Lieschen? frug er und nahm sich einen Stuhl in der Ecke.

– Wilhelm ist ausgegangen, um eine Kranke zu besuchen. Er hatte, als er ging, fügte sie lächelnd hinzu, gerade noch Zeit genug mir von der jungen Dame zu erzählen, und er erklärt, er wolle sich mit Dir in Aldborough nicht eher wieder sehen lassen, bis Du ein gesetzter, verheiratheter Mann wärest.

Sie hielt inne und sah ihren Bruder aufmerksamer an, als sie bisher gethan hatte.

– Robert! sagte sie, indem sie ihre Arbeit weglegte und plötzlich durch das Zimmer weg zu ihm ging. Robert, Du siehst verdrießlich aus, ja traurig. Wilhelm lachte nur über Eure Begegnung mit der jungen Dame. Ist es denn ernsthaft? Sage mirs, wie sieht sie aus?

Er wandte bei dieser Frage den Kopf weg.

Sie setzte sich auf ein Fußbänkchen zu seinen Füßen und schaute fortwährend zu ihm hinauf.

– Ist es denn ernsthaft, Robert? wiederholte sie sanft.

Kirkes wettergebräuntes Gesicht war nicht an Verstellungen gewöhnt, es antwortete statt seines Mundes, bevor er ein Wort sprach.

– Sag es aber Deinem Manne nicht, bis ich fort bin, begann er mit einer Derbheit, die seiner Schwester ganz neu an ihm war. Ich weiß, ich verdiene nur ausgelacht zu werden, aber es reißt mich trotz alledem herum.

– Es reißt Dich herum? wiederholte sie mit Staunen.

– Du kannst mich nicht für halb so närrisch halten, als ich mich selber halte, fuhr Kirke bitter Fort. Ein Mann meines Alters sollte sich doch besser darauf verstehen. Ich richtete meine Augen nicht länger denn eine Minute auf sie, und doch bin ich bis zu einbrechender Nacht an der Stelle geblieben, auf die Aussicht hin, ihrer wieder ansichtig zu werden, habe dort herumgelungert, wie ich es genannt haben würde, wenn ich Einen meiner Leute dabei betroffen hätte, was ich selber gethan habe. Ich glaube, ich bin behext. Sie ist noch ein Mädchen, Lieschen, – ich glaube nicht einmal, daß sie nahe an die Zwanzig ist; bin alt genug, um ihr Vater sein zu können. Aber das ist Alles einerlei: sie bleibt mir im Sinn trotz meines Widerstrebens. Ich habe ihr Gesicht vor mir gehabt, und es hat mich angesehen mitten durch die dickste Finsterniß hindurch, und es sieht mich sogar jetzt noch an so deutlich, als ich Deines sehe, und noch deutlicher.

Er stand unruhig aus und begann in der Stube auf und ab zu gehen. Seine Schwester sah ihn mit eben so viel Erstaunen als Mitgefühl an. Von seiner Knabenzeit an war er Herr seiner selbst gewesen. Jahre lang später war er bei den über die Familie hereingebrochenen Wechselfällen des Glücks ihr Muster und ihre Stütze gewesen. Sie hatte von ihm gehört, wie er in den verzweifeltsten Augenblicken eines Lebens zur See da gestanden, wo Hunderte von seinen Nebenmenschen von seiner Selbstbeherrschung ihre Rettung aus dem Rachen des Todes verhofft und nicht vergebens verhofft hatten. Niemals in ihrem ganzen Leben hatte seine Schwester ihn das Gleichgewicht seiner ruhigen und ebenmäßigen Natur dergestalt verlieren sehen, als sie jetzt es sah.

– Wie kannst Du nur so unvernünftig über Dein Alter und Dich selbst reden? fragte sie. Es giebt kein Weib unter der Sonne, Robert, das für Dich zu gut wäre. Wie ist ihr Name?

– Bygrave Kennst Du ihn?

– Nein. Allein ich möchte bald mit ihr bekannt werden. Wenn wir nur ein wenig Zeit dazu hätten, wenn ich nur nach Aldborough gehen und sie sehen könnte . . . aber Du willst ja morgen fort; Dein Schiff segelt Ende der Woche ab.

– Gott sei Dank! sagte Kirke mit Innbrunst.

– Bist Du froh, fortzukommen? frug sie in immer größeres Erstaunen gerathend.

– Sehr froh, Lieschen, um meinetwillen. Wenn ich je wieder vernünftig werden soll, so kann das nur geschehen, wenn ich erst wieder auf Deck meines Schiffes bin. Dies Mädchen ist bereits zwischen mich und meine Gedanken getreten: sie soll nicht noch weiter gehen und zwischen mich und meine Pflicht treten. Ich bin fest entschlossen. Ein so großer Narr ich auch bin, ich habe noch so viel Vernunft behalten, um mir nicht einmal zuzutrauen, bis morgen früh auf Sprachrohrentfernung von Aldborough zu bleiben. Ich kann noch ein zwanzig (englische) Meilen zu Fuße gehen, und ich will meinen Marsch noch heute Abend antreten.

Seine Schwester fuhr bei diesen Worten auf und faßte ihn hastig beim Arme.

– Robert, rief sie aus, sprichst Du im Ernste? Du hast doch nicht vor, zu Fuße von uns fortzugehen, so ganz allein in der Finsternis?

– Es ist ja bloß ein Abschied, meine Liebe, als letztes Wort beim Schlafengehen anstatt des ersten Worts beim Aufstehen, antwortete er lächelnd. Sieh zu, ob Du mir Das zugestehen kannst, Lieschen. Mein Leben brachte ich auf der See hin, und ich bin nicht gewohnt, mein Gemüth auf diese Weise in ewiger Aufregung zu wissen. Menschen die auf dem festen Lande leben, sind daran gewöhnt, solche Menschen können es leicht nehmen. Ich kanns nicht. Wenn ich hier anlegte, wäre es um meine Ruhe geschehen. Wenn ich bis morgen wartete, würde ich auch nur gehen, um sie noch einmal zu sehen. Ich brauche mich nicht noch mehr vor mir selber zu schämen, als ich es jetzt schon thue. Ich muß mich wieder hindurchringen zu meiner Pflicht und kämpfend mit meinen eigenen Gefühlen mich selber wieder finden, ohne mich damit aufzuhalten, zweimal darüber nachzudenken. Die Finsterniß verschlägt mir nichts – ich bin an die Finsterniß gewöhnt. Ich habe nur die Landstraße fortzugehen und kann den Weg nicht verfehlen. Laß mich ziehen, Lieschen! Das einzige Liebchen, mit dem ich in meinem Alter noch Etwas zu schaffen habe, ist mein Schiff. Laß mich zu ihm zurückkehren!

Seine Schwester hielt noch immer seinen Arm fest und drang noch immer in ihn, doch bis morgen zu bleiben. Er hörte sie an mit vollkommener Ruhe und Milde, aber sie vermochte keinen Augenblick, ihn in seinem Entschlusse wankend zu machen.

– Was soll ich denn zu Wilhelm sagen? bat sie. Was wird er denken, wenn er zurückkommt und Dich abgereist findet?

– Sage ihm, daß ich den Rath befolgt habe, den er uns am Sonntage in seiner Predigt gegeben hat. Ich habe der Welt den Rücken gekehrt und dem Fleische und dem Teufel.

– Wie kannst Du nur solche Reden führen, Robert! Und die Knaben sagten, Du versprachst nicht zu gehen, ohne den Knaben Lebewohl zu sagen.

– Das ist auch wahr. Ich gab meinen kleinen Neffen ein Versprechen, und – ich wills auch halten.

Er zog, als er dies sprach, seine Schuhe auf der Matte vor der Thüre aus.

– Leuchte mir hinauf, Lieschen; ich will den beiden Jungen Lebewohl sagen, ohne sie aufzuwecken.

Sie sah, daß es nutzlos war, ihm länger zu widersprechen, und ging, indem sie das Licht nahm, ihm voran die Treppe hinauf.

Die Knaben – Beides noch zarte Kinder – schliefen bei einander in einem und demselben Bette. Der Jüngste war des Oheims Liebling und hatte auch den Namen von seinem Oheim. Er lag ruhig da und schlief, ein plumpes kleines Schiff zum Spielen fest im Arme haltend. Kirkes Augen wurden sanft, als er sich auf den Zehen an die Seite des Kindes schlich und den Knaben mit der Zärtlichkeit einer Frau küßte.

– Armer Kleiner! sagte der Seemann mit weicher Stimme. Er liebt sein Schiffchen gerade so innig, als ich in seinem Alter. Ich will ihm ein besseres schnitzen, wenn ich zurückkomme. Willst Du mir eines Tages meinen Neffen geben, Lieschen, und einen Seemann aus ihm machen lassen?

– Ach, Robert, wenn Du nur verheirathet und glücklich wärest, wie ich!

– Die Zeit ist vorbei, meine Liebe. Ich muß die Sache so gut nehmen, wie sie ist, und mein kleiner Neffe da wird mir dazu verhelfen.

–Er verließ das Zimmer. Die Thränen kamen seiner Schwester aus den Augen gestürzt, als sie ihm in die Wohnstube folgte.

– Es ist etwas so Verzweilfeltes und Entsetzliches in dieser Art, wie Du von uns Abschied nimmst, sagte sie. Soll ich morgen nach Aldborough gehen, Robert, und zusehen, ob ich um Deinetwillen mit ihr Bekanntschaft anknüpfen kann?

– Nein, erwiderte er; laß sie gehen. Wenn es bestimmt ist, daß ich jenes Mädchen noch im Leben wiedersehen soll, so werde ich es sehen. Ueberlaß es der Zukunft, Du thust wohl daran.

Er zog seine Schuhe an und nahm seinen Hut und Stock.

– Ich will mich nicht überlaufen, sagte er freundlich; wenn die Postkutsche mich auf der Straße nicht einholt, so kann ich sie an dem Orte, wo ich mein Frühstück abhalte, erwarten. Trockne Deine Tränen, meine Liebe, und gieb mir einen Kuß.

Sie sah ihrem Bruder in den Zügen und in der Farbe ihres Gesichts ähnlich; sie hatte aber auch Etwas von dem raschen Geiste ihres Bruders, sie wischte sich die Thränen ab und nahm tapfer und gefaßt Abschied von ihm.

– In Jahresfrist werde ich zurückkommen, sagte Kirk, indem er unter der Hausthür wieder in seine alte Seemannsart verfiel; ich will Dir einen chinesischen Shawl mitbringen, Lieschen, dazu eine Kiste Thee für Deine Vorrathskammer. Mach, daß die Knaben mich nicht vergessen, und denke nicht, daß ich es böse meine, wenn ich Euch auf diese Weise verlasse. Ich weiß, daß ich wohl daran thue. Gott segne und behüte Dich, meine Liebe, und Deinen Mann und Deine Kinder! Leb wohl!

Er blieb stehen und küßte sie. Sie lief nach der Thür, um ihm nachzusehen. Ein Windstoß blies das Licht aus, und die schwarze Nacht nahm ihn augenblicklich in ihren Schooß auf.

Drei Tage später segelte daß Kauffahrteischiff erster Classe: »Befreiung«, Capitän: Kirke, von London nach den indischen Gewässern.

Drittes Capitel

Der drohende Sturm und Witterungswechsel verzog sich mit dem Anbrechen des Tages. Als der Morgen über Aldborough heraufkam, thronte die Sonne herrlich am blauen Himmelszelte, und die Wogen kräuselten sich fröhlich unter der Sommerbrise.

Zu einer Stunde, wo noch keine anderen Badegäste auf den Beinen waren, erschien der unermüdliche Hauptmann Wragge in der Thür von Nordstein-Villa und richtete seine Schritte nach Norden, mit einem feingebundenen Exemplar von Joyces »Wissenschaftlichen Gesprächen« in der Hand. Als er auf dem leeren Platze über den Häusern draußen ankam, stieg er zum Ufer hinunter und schlug sein Buch auf. Die Unterredung in der vergangenen Nacht hatte ihm die Schwierigkeiten, welche sich ihm bei der bevorstehenden Unterredung in den Weg stellen würden, recht lebhaft vor die Seele geführt. Er war jetzt doppelt entschlossen, das eigenthümliche Kunststück zu versuchen, auf das er in seinem Briefe an Magdalene hingedeutet hatte, und demnach in dem Charakter eines äußerst gelehrten Mannes die ganze Aufmerksamkeit und Theilnahme der fürchterlichen Mrs. Lecount auf sich zu lenken.

Als der Hauptmann seinen vorgeschriebenen Satz an mundrecht gemachter Wissenschaft (um einen eigenen Ausdruck zu gebrauchen) verzehrt hatte, das erste Geschäft am frühen Morgen bei leerem Magen, kam er zur Frückstücksstunde wieder in seinen kleinen Familienkreis, angefüllt mit so viel Wissenschaft, als er für den Tag brauchte. Er bemerkte, daß Magdalenens Gesicht offene Zeichen einer schlaflosen Nacht an sich trug. Sie klagte nicht, ihr Benehmen war ruhig und gefaßt und sie ganz Herrin ihrer Stimmung. Mrs. Wragge – erfrischt durch einen dreizehnstündigen ununterbrochenen Schlaf war vortrefflich bei Laune und hatte (wunderbar aber wahr) ihre Schuhe ganz richtig an. Sie brachte verschiedene große Bogen Musterpapier mit sich, welche ganz kraus in geheimnißvolle und vielgestaltige Formen zerschnitten waren und ihren Ehegatten sofort zu der kurzen und scharfen Frage veranlaßten:

– Was hast Du da?

– Musterschnitte, Hauptmann, sagte Mrs. Wragge in furchtsam beschwichtigendem Tone. Ich ging in London einkaufen und ließ mir ein orientalisches Kaschmirkleid zumessen. Es kostet schweres Geld, und ich will sehen, ob ich Etwas sparen kann, indem ich mir es selbst mache. Ich habe meine Musterschnitte und meine Anweisungen zum Schneidern, die wie gedruckt geschrieben sind. Ich werde sehr artig sein, Hauptmann; ich will mich in einer Ecke halten, wenn Du so gut sein willst, mir eine einzuräumen, und ob mein Kopf brummt oder nicht, ich will die ganze Zeit gerade über meiner Arbeit sitzen.

– Du wirst Deine Arbeit machen, sagte der Hauptmann ernst und streng, wenn Du weißt, wer Du bist, wer ich bin und wer das junge Fräulein da ist, – nicht eher. Zeig mir Deine Schuhe: Gut. Zeig mir Deine Haube: Gut. Mach das Frühstück zurecht.

Als das Frühstück vorüber war, erhielt Mrs. Wragge ihre gemessene Weisung, sich in ein anstoßendes Zimmer zurückzuziehen und dort zu warten, bis ihr Mann käme, um sie zu erlösen. Sobald sie den Rücken gewandt hatte, nahm Hauptmann Wragge sofort den Faden der Unterhaltung, welcher auf ausdrücklichen Wunsch Magdalenens die Nacht vorher abgerissen worden war, wieder auf. Die Fragen, die er jetzt an sie richtete, bezogen sich alle auf den Gegenstand ihres Besuchs in Verkleidung bei Noël Vanstone. Es waren die Fragen eines durchaus scharfsinnigen Mannes, kurz, forschend und ohne Umschweife auf die Hauptsache losgehend. In weniger denn einer halben Stunde Zeit hatte er sich denn auch mit jeder Einzelheit des Vorgangs auf der Vauxhallpromenade vertraut gemacht.

Die Schlüsse, welche der Hauptmann zog, nachdem er sich dergestalt unterrichtet hatte, waren klar und aus der Hand liegend.

Bezüglich der ungünstigen Seite der Frage drückte er seine Ueberzeugung aus, Mrs. Lecount habe gewiß entdeckt, daß ihr Gast verkleidet war, und selbige habe auch gar nicht das Zimmer wirklich verlassen, obgleich sie die Thür geöffnet und zugemacht hatte, und es habe daher bei beiden Gelegenheiten, wo Magdalene sich durch ihre eigene Stimme verrathen hatte, Mrs. Lecount sie gehört. Was die günstige Seite der Frage anlangte, so war er ganz wohl zufrieden damit, daß das gemalte Angesicht mit den Augenlidern, die Perrücke und der auswattirte Mantel so wirksam Magdalenens Identität verborgen hatten, dergestalt, daß sie nun in ihrer eigenen Person, was die äußere Erscheinung anlangte, der schärfsten Forscherblicke der Haushälterin spotten konnte. Die Schwierigkeit, Mrs. Lecounts Ohren eben so gut als ihre Augen zu täuschen, war – das gab er gern zu – allerdings nicht so leicht zu beseitigen. Allein in Erwägung der Thatsache, daß Magdalene bei beiden Gelegenheiten, wo sie sich selbst vergessen hatte, in der Aufwallung des Zorns gesprochen hatte, war er der Meinung, daß sie allen Grund hatte, vor der Entdeckung ihrer Stimme sicher zu sein, wenn sie nur fein sorgsam alle Gefühlsausbrüche in Zukunft unterließe und in jenen mehr ruhigen und gewöhnlichen Tönen spräche, welche Mrs. Lecount noch nicht gehört hätte. Alles zusammengenommen war der Hauptmann mithin geneigt, die Aussicht hoffnungsvoll zu bezeichnen, wenn nur ein ernstes Hinderniß im Anfange beseitigt würde – und dies Hinderniß war nichts weniger und nichts mehr, als: die Anwesenheit von Mrs. Wragge auf dem Schauplatze der Handlung.

Zu Magdalenens Erstaunen hörte Hauptmann Wragge, als die Reihenfolge ihrer Erzählung sie zu der Geschichte mit dem Geiste brachte, mit der Miene eines Mannes zu, welcher durch das Gehörte eher unangenehm berührt, denn ergötzt wird. Als sie fertig war, sagte er ihr offen heraus, daß ihr unglückliches zusammentreffen an der Treppe des Hotel garni mit Mrs. Wragge seiner Meinung nach das ernsteste von all den Mißgeschicken sei, welche auf der Vauxhallpromenade sich zugetragen hätten.

– Ich kann mit der Schwierigkeit, daß meine Frau so außerordentlich beschränkten Verstandes ist, recht wohl fertig werden, sagte er, wie ich denn auch schon oft damit fertig geworden bin. Ich kann ihr ihre neue Persönlichkeit in den Kopf hineintrommeln, aber jenen Geist heraustrommeln, das vermag ich nicht. Wir haben keine Bürgschaft dafür, daß ihr nicht die Frau in dem grauen Mantel und mit dem Schaufelhute gerade in der bedeutungsschwersten Zeit und unter den kitzlichsten Umständen wieder in den Sinn kommt. Deutsch heraus gesagt19, liebes Mädchen: Mrs. Wragge ist eine Grube zu unserm Sturz bei jedem Schritte, den unsere Füße vorwärts thun.

– Wenn wir uns vor der Grube fein in Acht nehmen, sagte Magdalene, so können wir unsere Maßregeln nehmen, zu vermeiden. Was schlagen Sie vor?

– Ich schlage vor, versetzte der Hauptmann, Mrs. Wragge zeitweilig zu entfernen. Wenn ich nämlich die Sache nur vom Geldpunct aus ansehe, so kann ich eine gänzliche Trennung von ihr nicht gut wünschen. Sie haben doch gewiß oft von sehr armen Leuten, die durch von entfernter und unverhoffter Seite gekommene Vermächtnisse plötzlich reich geworden waren, gelesen? Mit Mrs. Wragge war dies ebenso der Fall, als ich sie heirathete. Eine ältere weibliche Verwandte theilte bei jener Gelegenheit die Spenden des Glücksfüllhorns mit meiner Frau, und wenn ich diese Familienbeziehungen nur im Gange erhalte, so weiß ich ziemlich zuverlässig, daß Mrs. Wragge sich mir ein zweites Mal nützlich erweisen wird, für den Fall nämlich des Todes jener älteren Verwandten. Wäre dieser Umstand nicht gewesen, so würde ich wahrscheinlich schon längst meine Frau der Sorge der Gesellschaft im Großen überlassen haben, in der angenehmen Ueberzeugung, daß, wenn ich sie nicht unterstütze, jemand Anderes es thun würde. Obgleich ich mich nicht dazu verstehen kann, so zu handeln, so sehe ich doch keinen Grund ein, warum ich sie nicht auf eine gegebene Zeit uns aus dem Wege schaffen, mit aller Bequemlichkeit verpflegen lassen und irgendwo unterbringen sollte, nämlich in einem entlegenen Pächterhause in der Rolle einer etwas geistesschwachen Dame. Sie würden die Kosten unbedeutend, ich würde die Erlösung von ihr unsäglich wohlthuend finden. Was meinen Sie dazu? Soll ich sie gleich aufpacken und mit der nächsten Post wegschaffen?

– Nein, versetzte Magdalene mit Festigkeit. Das Leben des armen Wesens ist ohnehin hart genug; ich möchte nimmer dazu beitragen, es noch härter zu machen. Sie war liebevoll, aufrichtig und gut gegen mich, als ich krank lag, und ich möchte sie um Alles in der Welt nicht unter fremden Leuten in Verschluß halten lassen, so lange ich es hindern kann. Die Gefahr, sie hier sicher zu bewahren, ist eben nur eine Gefahr mehr. Ich will ihr trotzen, Hauptmann Wragge, wenn Sie vielleicht auch nicht wollen.

– Bedenken Sie sich noch ein Mal, sagte der Hauptmann ernst, ehe Sie sich entschließen, Mrs. Wragge bei uns zu behalten.

– Ein Mal ist schon genug, versetzte Magdalene. Ich will sie nicht fortgeschickt wissen.

– Sehr gut, sagte der Hauptmann mit Entsagung im Tone. Ich mag mit Gefühlssachen Nichts zu schaffen haben. Allein ich habe über mein eigenes Interesse noch ein Wort zu sagen. Wenn meine Dienste Ihnen von Nutzen sein sollen, so kann ich mir nicht die Hände von vornherein binden lassen. Dies ist ein ernster Punkt. Ich traue nicht einem Zusammentreffen meiner Frau mit Mrs. Lecount. Ich wittere Unrath, wenn Sie ihn auch nicht fürchten: – und ich mache es zur Bedingung, daß wenn Mrs. Wragge hierbleibt, sie wenigstens ihr Zimmer hütet. Wenn Sie denken, daß ihre Gesundheit es erfordert, so können Sie sie früh Morgens oder spät Abends zu einem Spaziergang mit heraus nehmen, aber Sie dürfen sie nimmer mit dem Dienstmädchen ausgehen lassen oder gar allein. Ich stelle die Sache ganz offen hin: sie ist zu wichtig, als daß wir sie obenhin behandeln dürfen. Was sagen Sie dazu, Ja oder Nein?

– Ich sage: Ja, erwiderte Magdalene nach einem augenblicklichen Nachdenken, unter der Bedingung, daß ich sie zum Gehen mit hinaus nehmen darf, wie Sie vorschlugen.

Hauptmann Wragge verbeugte sich und gewann seine gefällige Art wieder.

– Was sind unsere Pläne? frug er. Soll ich Ihre Unternehmung heute Nachmittag beginnen? Sind Sie bereit; sich Mrs. Lecount und ihrem Herrn vorstellen zu lassen.

– Ja wohl.

– Gut noch ein Mal. Wir werden sie auf der Promenade treffen, zu ihrer gewöhnlichen Ausgehstunde, um zwei Uhr. Es ist noch nicht um Zwölf. Ich habe noch zwei Stunden vor mir, gerade Zeit genug, um meine Frau in ihre »neue Haut« einzupassen. Diese Vornahme ist schlechterdings nöthig, um zu verhindern, daß sie uns gegenüber dem Dienstmädchen bloß stellt. Fürchten Sie nicht den Ausfall meiner Bemühungen, Mrs. Wragge hat sich im Laufe ihres ehelichen Lebens bereits eine reiche Auswahl angenommener Namen in ihren Kopf hämmern lassen müssen. Es kommt lediglich darauf an, derb genug zu hämmern, auf weiter Nichts. Ich denke, wir haben nun Alles und Jedes erledigt. Ist noch etwas für mich zu thun vor zwei Uhr? Haben Sie eine Beschäftigung für den Morgen?

– Nein, sagte Magdalene; ich werde wieder auf mein Zimmer gehen und zusehen, ob ich etwas ruhen kann.

– Sie hatten wohl eine unruhige Nacht, wie ich fürchten muß? sagte der Hauptmann, indem er ihr höflich die Thür aufmachte.

– Ich schlief ein oder zwei Mal ein, antwortete sie gleichgültig. Ich glaube, meine Nerven sind ein wenig angegriffen. Die kühnen Blicke jenes Mannes, der mich gestern so beleidigend ansah, schienen mir im Traume wieder auf mich gerichtet zu sein. Wenn wir ihn heute sehen und er mich noch ein Mal belästigt, so muß ich Sie ersuchen, mit ihm zu sprechen. Wir wollen uns um zwei Uhr wieder hier treffen. Seien Sie nicht hart gegen Mrs. Wragge; bringen Sie ihr bei, was sie lernen soll, aber so zart als Sie können.

Mit diesen Worten verließ sie ihn und ging ins Haus hinauf.

Sie legte sich mit einem tiefen Seufzer aufs Bett und versuchte zu schlafen. Es war vergebens. Die betäubende Müdigkeit, welche sich jetzt ihrer bemächtigt hatte, war nicht die Müdigkeit, die sich durch Ruhe und Schlaf heben läßt. Sie stand wieder auf und setzte sich ans Fenster, ihre Blicke zerstreut und gegenstandlos auf das Meer gerichtet.

Eine schwächere Natur als die ihrige würde den Schlag, Franks Treulosigkeit, nicht so gefühlt haben, als sie ihn gefühlt hatte und jetzt noch fühlte. Eine schwächere Natur würde zornig aufgewallt sein und durch Thränen sich erleichtert haben. Die leidenschaftliche Stärke von Magdalenens Liebe klammerte sich verzweifelt an das sinkende Wrack ihres eigenen süßen Wahnes, klammerte sich daran, bis sie sich durch die bloße Kraft des Willens blutenden Herzens davon losriß. Sie mußte allen ihren angeborenen Stolz, ihr scharfes Gefühl für alles Unrecht zusammennehmen, um gegen die Gedanken anzukämpfen, welche immer und immer wieder aus der unauslöschlichen Glut der Leidenschaft vergangener glücklicher Tage in ihr aufstiegen, Gedanken, welche in arger Selbstbethörung Franks herzlosen Abschied jeder andern Ursache, nur nicht der angeborenen Schlechtigkeit des Mannes, der jene Worte geschrieben, beimessen wollten.

Das Weib soll noch geboren werden, das eine treue Liebe aus seinem Herzen reißen kann, bloß weil der Gegenstand seiner Liebe seiner unwerth war. Alles, was es thun kann, ist: insgeheim dagegen ankämpfen und in dem Streite erliegen, wenn es schwach ist, zu überwinden aber, wenn es stark ist, durch einen Act der Selbstpeinigung welcher von allen sittlichen, aus die weibliche Natur angewandten Mitteln das allergefährlichste und verwegenste, von allen sittlichen Wandelungen diejenige ist, welche ihre Spuren fürs ganze Leben hinterläßt.

Magdalenens starke Natur hatte sie in dem Kampfe aufrecht erhalten, und der Ausgang desselben machte sie – so, wie sie war.

Nachdem sie wohl beinahe eine Stunde am Fenster gesessen, ihre Augen zerstreut in die Landschaft hinausschauend, ihr Geist verloren in empfindungs- und gedankenloses Hinträumen, schüttelte sie den seltsamen wachenden Schlummer, der sie überfallen hatte, ab und stand auf, um sich zu dem ernsten Werke des Tages vorzubereiten.

Sie ging zu der Garderobe und nahm von den Nägeln zwei helle feine Musselinkleider, welche vor einem Jahre für den Sommer auf Combe-Raven gemacht worden und welche von zu geringem Werthe waren, um, als sie ihre übrigen Sachen veräußert mit verkauft zu werden.

19.In Plain Englisch.

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Litres'teki yayın tarihi:
04 aralık 2019
Hacim:
1102 s. 5 illüstrasyon
Telif hakkı:
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