Kitabı oku: «Die Nacht der Schakale»

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Will Berthold

Die Nacht der Schakale

Die ehrenwerten Diebe

Roman

SAGA Egmont

Die Nacht der Schakale

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Will Berthold Nachlass,

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de).

Originally published 1982 by Heyne Verlag, Germany.

All rights reserved

ISBN: 9788711726938

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

1

Er war groß und extrem hager, meistens ging er leicht gebeugt, mühselig, als müßte er sich anschieben. Er wirkte weit älter als er war, ein harter, strenger Mann mit schleppender Sprechweise. Mitunter glich seine Diktion einer Schnecke, die nie ans Ziel kommen wird. In der Presse wurde Thomas E. Gregory fast nie erwähnt; hinter Washingtons Kulisse jedoch als einer der einflußreichsten Männer Amerikas gehandelt. Der ›große Gregory‹ war ein Mann, der im Weißen Haus jederzeit Zutritt zu Mr. President hatte.

Er galt als rücksichtslos, zäh und durchtrieben, ein scharfer Analytiker mit dem Gesicht einer Mumie, Vicedirector des weitläufigen Hauptquartiers im Wald von Langley, US-Staat Virginia. Tarnung und Bluff waren Gregory so zur Gewohnheit geworden, daß er sich vermutlich vor dem Spiegel bereits selbst austrickste. Heute gab er sich wie ein in den Sielen verbrauchter Manager, dessen Pensionierung überfällig war, aber mich legte er mit dieser Masche nicht mehr herein.

»Nett von Ihnen, daß Sie so rasch hergekommen sind«, begrüßte er mich, als wäre ich freiwillig angereist. »Guten Flug gehabt, Lefty?«

»Einen langen Flug, Sir«, erwiderte ich, »achtzehn Stunden, vier Zwischenlandungen und dreimal umsteigen.«

Ich schaffte es nicht ganz, meinen Groll auf den Mann zu unterdrücken, der aus Vanessa und mir Romeo und Julia gemacht hatte – wenn auch nicht in Verona, sondern auf der Paradiesinsel Bali. Als ich bei seinem nächtlichen Anruf Gregorys Stimme erkannt hatte, verwünschte ich den Umstand, daß ich selbst im Urlaub im entlegensten Winkel der Welt jederzeit erreichbar bleiben mußte. Schon nach den ersten Worten war mir klargeworden, daß meine Stunden mit der bezaubernden Engländerin von der Kanalinsel Jersey gezählt waren – und das genau in jenem Moment, da der Mond den Strand versilberte, die Nacht Mitternachtsblau trug und meine Hände dabei waren, auf Vanessas Haut ein Zuhause zu finden.

Es war mein erster richtiger Urlaub seit elf Jahren gewesen: Hongkong, Manila, Singapur, indonesische Inselwelt und Bangkok. Und Vanessa war mir so unerwartet zugefallen wie der Haupttreffer im Lotto, den man auch nicht gleich am Sonntagabend kassiert. Ich sagte ihr, ich müßte dringender Dienstgeschäfte wegen eine Stippvisite in die USA unternehmen, und bat sie, im Hyatt meine Rückkehr abzuwarten, womit sie nach einigem Zögern auch einverstanden war.

Auf der langen Reise – über Manila, Tokio, San Francisco – hatte ich in einer Zeitung gelesen, daß nach einer Untersuchung der bekannten US-Psychologin Dr. Joyce Brother sich der amerikanische Durchschnittsmann zwischen 25 und 40 sechsmal pro Stunde erotische Vorstellungen macht, und Männer über 40 immerhin noch alle 30 Minuten. Aber ich brach unterwegs wohl die Rekorde aller Altersklassen: Während des ganzen Flugs spürte ich Vanessas imitierte Gegenwart, und das war für einen Mann in meinem Metier eigentlich absurd, ungewöhnlich und indiskutabel, aber es schien mir, als wäre ich bereits in eine neue und schönere Zukunft umgestiegen.

Vanessa hatte mich zum Airport begleitet, und natürlich waren mir die richtigen Worte erst eingefallen, als ich bereits im Jet saß. Ich nahm mir vor, zu halten, was ich noch gar nicht versprochen hatte. Ich war wohl von Vanessa genauso überrumpelt worden wie sie von mir. Wenn ich künftig in Bonn lebte, wäre es am Wochenende nur ein Luftsprung von eineinhalb Stunden nach London, und von London zum Bonner Regierungsflughafen Köln-Wahn wäre es auch nicht weiter. Halb im Scherz, doch mit ernstem Unterton hatten wir davon gesprochen, daß an den geraden Wochenenden ich sie und an den ungeraden sie mich besuchen würde. Ich war Vanessa gegenüber – nur ein wenig der Wahrheit vorauseilend – als US-Diplomat aufgetreten.

»Mir wäre selbstverständlich die Insel des Lichts auch lieber als unser düsteres Headquarter«, wiegelte der große Gregory ab. »Aber schließlich kann ich Ihnen geheime Unterlagen nicht nach Bali nachschicken – und überhaupt …« Er zitierte Hemingway ohne Quellenangabe: »Life is not a cocktail-party.«

Auch er war keine Cocktail-Party, ein Puritaner in jeder Hinsicht, Nichttrinker, Nichtraucher, Vegetarier bei Tisch und wohl auch im Bett, aber bei ihm dachte man an andere Dinge als ans Bett. Der Vice hatte einst als Donovans junger Mann begonnen; und Donovan war der erste und vermutlich bislang beste Chef des US-Geheimdienstes gewesen. Seitdem hatte die Nachfolgeorganisation Central Intelligence Agency (CIA) in bunter Reihe Hochs und Tiefs, Hits und Flops erlebt, aber Gregory war unangefochten durch die Skandale Kuba, Vietnam, Chile und sogar Watergate gekommen, und genauso würde er wohl auch den Falkland-Konflikt, den israelischen Einfall im Libanon und den irakisch-iranischen Grenzkrieg überleben, zumal er nichts damit zu tun hatte.

»Nun beenden Sie schon Ihren balinesischen Abschiedsschmerz, Lefty«, spottete der Vice. »Ich hab Sie ja nicht wegen einer Laune oder Lappalie in unser Headquarter gebeten.« Einen Moment lang betrachtete er mich wie ein Waidmann das durch Blattschuß erlegte Wild. »Ich spüre, daß ein Fall auf uns zukommt, der jede Dimension sprengt, und ich denke, daß wir bei der Klärung Sie hinzuziehen müssen, auch wenn Sie sich Ihre Laufschuhe bei uns bereits aufgeschnürt haben sollten. Wir bieten Ihnen eine Chance, Ihre tadelsfreie Karriere durch einen einmaligen Coup zu krönen«, lockte Gregory, griff mit welken Händen nach einem Dossier und zeigte mir den Köder vor wie einem Hund die Wurst: »Erinnern Sie sich noch an den Fall Guillaume?« fragte er überflüssig.

»Und ob«, erwiderte ich. »Der Spion, der einen deutschen Regierungschef stürzte. Ein Maulwurf im Bonner Bundeskanzleramt.«

»Es sieht so aus, als erlebten wir gerade eine Neuauflage.« Über sein von den Jahren angefressenes Gesicht lief ein Lächeln wie Salzsäure. »Diesmal allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Darauf habe ich jahrelang gewartet.«

»Ein Maulwurf auf der anderen Seite?« fragte ich überrascht. »In Ost-Berlin?«

»Sieht so aus.«

»Wo? In der Regierung? Im SED-Zentralsekretariat?«

»Jedenfalls ganz oben.« Mit diesen Worten umschrieb Gregory offensichtlich, daß er es selbst noch nicht wußte.

Klappern gehört zum Handwerk, freilich klapperte ein Mann wie er sonst viel verhaltener. Er schlug das Dossier auf und las die Unterlagen, als kenne er sie nicht schon längst auswendig. Er schnitt dabei ein Gesicht wie ein Voresser, der einem widerspenstigen kleinen Jungen den Lebertran schmackhaft machen möchte. Aber mit 43 war ich den Kinderschuhen längst entwachsen und zudem entschlossen – koste es, was es wolle –, auf die Insel der Götter und Dämonen zurückzufliegen und meinen Urlaub fortzusetzen.

Gregory würde es mir nicht leichtmachen, aber selbst er müßte einsehen, daß ich mich drei Wochen vor dem Ausscheiden aus seinen Diensten nicht noch verschleißen lassen wollte. Von privaten Gründen einmal ganz abgesehen, müßte eine Panne – kurz vor Torschluß – auch meine neue Tätigkeit als Diplomat bei der Bonner US-Botschaft in Mehlem gefährden.

Ich machte mich auf einen harten Schlagabtausch gefaßt und war doch schon zu diesem Zeitpunkt in die Operation ohne Namen verstrickt, später sollte sie die Presse als Die Nacht der Schakale bezeichnen, während sie bei uns hausintern weiterhin die Operation No Name blieb und auf der anderen Seite der Fall Sperber hieß.

Der Mann, der mir – damit ich ja keine Zeit versäumte – bei seinem nächtlichen Anruf bereits die Abflugzeit der nächsten Maschine vom Airport Ngurah Rai, südlich der Bali-Hauptstadt Denpasar, genannt hatte, benahm sich jetzt, als sei ich nur gerufen worden, ihm in seinem Büro im siebten Stock eines 65-Millionen-Dollar-Komplexes zuzusehen, wie er – entsprechend seiner Gewohnheit – Sägeböcke und Fragezeichen in das Dossier malte.

Daß ich ihm hier gegenübersaß, war die Folge eines ziemlich ungewöhnlichen Lebenslaufs. Als Siebenjähriger nach dem Zweiten Weltkrieg (natürlich ungefragt) mit meinen Eltern in die USA ausgewandert, hatte ich nur noch wenige Erinnerungen an meine frühe Kindheit in Ostpreußen und dann später auf der Ostseeinsel Peenemünde. Königsberg, die Stadt Immanuel Kants, des vielleicht größten deutschen Philosophen, der einst den kategorischen Imperativ formuliert hatte, Ostpreußens Kleinod mit der berühmten Albertus-Universität, heißt heute Kaliningrad und gehört zur Sowjetunion. Revanchegelüste liegen mir ebenso fern wie Kreuzzugsgedanken, aber ich empfand es als den kategorischen Imperativ unserer Zeit, zu verhindern, daß ganz Europa eines Tages das Schicksal meiner Heimatstadt teilen müßte.

Mein Vater hatte während des Krieges zur Crew des Raketenforschers Wernher von Braun gehört und war bei Kriegsende nebst Familie in die Staaten geschanghait und später dort eingebürgert worden. Er hätte sich sicher auch freiwillig zur Auswanderung gemeldet, wenn auf seiner Weste nicht einige braune Flecken gewesen wären – das V-Waffen-Team hatte schließlich geschlossen der Hitler-Partei angehört.

Den USA waren die Raketenforscher des Dritten Reiches genauso willkommen wie der Sowjetunion, die sich jene Wissenschaftler schnappte, die die Amerikaner nicht rechtzeitig genug aufgestöbert hatten. Die 11015 V-Waffen-Einschläge in der englischen Hauptstadt waren vergessen und begraben. Jetzt ging es um Raketenziele in der Sowjetunion oder in den Vereinigten Staaten, je nachdem, von welcher Abschußrampe aus man es betrachtete. Und die neuen Nuklearraketen trugen Mehrfachsprengköpfe und würden – so man sie losließe – den 65000 England-Toten der ›konventionellen‹ Kriegführung ein paar massenmörderiséhe Nullen hinzufügen, und zwar auf beiden Seiten.

Die Übersiedlung in die Staaten war meine erste Begegnung mit der Machtpolitik gewesen, aber damals war ich noch zu jung, um den ihr innewohnenden Zynismus zu erfassen.

Später begriff ich, daß es eine weit schlimmere Zweckpolitik gibt, als Washington sie sich leistete, in diesem wie auch in anderen Fällen.

Ich wuchs in Cap Canaveral in Florida zweisprachig auf, ein als geborener Deutscher in die Neue Welt hineinwachsender Yankee: Baseball stand mir näher als Fußball, ich betrieb wie alle Halbwüchsigen Amerikas Petting als Lieblingssport, Hamburgers zog ich einem Schweinebraten mit der typischen deutschen Beilage vor, deretwegen mich meine Mitschüler als ›Kraut‹ hänselten. Aber ähnlich erging es wohl einem berühmten US-Außenminister, der aus Fürth in Bayern stammte.

Als US-Präsident Kennedy in das Vietnam-Debakel hineinschlitterte, war ich Absolvent der Rechtswissenschaft an der Harvard University gewesen, und als seine Nachfolger den Dschungelkrieg zur Katastrophe ausufern ließen, holte man mich als Soldat und später Offizier auf die Reisfelder Südostasiens. Als Pilot eines Kampfhubschraubers wurde ich abgeschossen und hatte eine kurze, aber brutale Zeit in der Gefangenschaft der Vietkong zu überstehen, bevor ich zusammen mit ein paar Dutzend anderen Amerikanern durch ein Kommandounternehmen aus der Bambushölle herausgeholt wurde, krank, halbverhungert, angeekelt von der Zeit mit ihrer kriminellen Politik.

Die Gehirnwäsche der Roten hatte ich heil überstanden, und selbst der meiner Befreier konnte ich mich verhältnismäßig lange widersetzen. Ich teilte die typische Aversion des Amerikaners gegen Argwohn, Arglist und Lüge. Die Dreckarbeit an der unsichtbaren Front hatte mich schon angewidert, bevor ich sie kannte. Gewiß, die Intelligence-Branche muß sein, wie die Müllabfuhr oder die Arbeit einer Abdeckerei – aber dafür würde ich mich ja auch nicht freiwillig melden. Es gibt eben Berufe, die nötig, aber unbeliebt sind, und ich wollte so wenig Akteur des Untergrunds werden wie Leichenwäscher, Gerichtsvollzieher, Toilettenmann, Steuerfahnder oder Lohnschlächter. Alles notwendige und sicher achtbare Beschäftigungen, aber ich war für die freie Berufswahl.

Da kramten die CIA-Werber Trick 17 aus der Mottenkiste und überzeugten mich, daß die ganze Vietnam-Katastrophe vermeidbar gewesen wäre, wenn die US-Regierung nicht auf eine Fehleinschätzung ihres von zweitrangigen Leuten betriebenen Geheimdienstes hätte hereinfallen müssen. Was die Viets nicht geschafft hatten, gelang nach ein paar Monaten den Männern der Central Intelligence Agency: Ich quittierte schließlich die Direktive NSC 10/2, die auf den einen Satz hinauslief:

»Sie tun es, und deshalb müssen wir es auch tun.«

Ich bin immer in kritischer Distanz zu meiner Tätigkeit geblieben, und ich weiß, daß sie einen miserablen Ruf hat. Ich habe auch nicht die Absicht, als ihr Pflichtverteidiger aufzutreten. Trotzdem komme ich um die ketzerische Feststellung nicht herum, es sei in erster Linie der Spionage zu verdanken, daß trotz ständiger Explosionen rund um den Globus der dritte Weltkrieg noch nicht ausgebrochen ist. Westen wie Osten stützen sich ausschließlich auf das ausgekundschaftete Wissen um die Stärke des Gegners.

Es ist traurig, daß nicht Einsicht, Menschlichkeit, Erfahrung, Gesittung, Religion oder Moral eine dritte und letzte Katastrophe in diesem Jahrhundert verhindert haben – wenigstens bislang –, sondern die Angst – oder besser: das atomare Patt. Trotz SS-II-Raketen, Marschflugkörper, Neutronenbombe, chemischer und biologischer Massenvernichtungsmittel blieb der Menschheit – verdammt nahe am Abgrund – bisher der Untergang erspart. Und das heißt für mich: Gegenspionage muß sein, ein notwendiges Übel, bei dem die Regierung dafür Sorge tragen sollte, daß es nicht übler als notwendig eskaliert.

Ich wurde für den Untergrund abgerichtet, wie ein Hund für die Jagd – es war ein Überlebenstraining ohne Garantie, Man verschliß mich nicht im Routinedienst auf einer entlegenen Außenstelle unseres Geheimdiensties, und man verheizte mich auch nicht bei Wahnsinnseinsätzen. Ich erhielt Spezialaufträge, vorwiegend in Europa, dem Erdteil, für den ich prädisponiert war, denn hier konnte ich ebenso glaubhaft als Amerikaner wie als Deutscher auftreten. Ich fiel oder flog nie auf, wurde nie entlarvt, ja nicht einmal verdächtigt, als einer von Washingtons geheimen Außenposten zu arbeiten.

Nach jedem Einsatz kam mein Paß in den Reißwolf, ich mußte dann bald wieder in eine neue Identität steigen und die Legende – die Lebensgeschichte meines Namensgebers – auswendig lernen wie ein Schauspieler seine Rolle. Allerdings gab es keinen Souffleurkasten in meinem Fach; ein Versprecher oder Aussetzer konnte den Tod bedeuten.

Das Rollenstudium brachte mir meinen Spitznamen ein, der innerhalb unseres Clubs nur wenigen ganz oben an der Spitze Angesiedelten bekannt war: ›Lefty‹. Das heißt Linkshänder und bezog sich auf eine Zeit, als ich mich mit großen Schwierigkeiten herumquälen mußte, um bei einem Einsatz hinter dem Eisernen Vorhang meiner Legende wegen als solcher aufzutreten. Ich hatte einige Wochen trainiert und es dabei nicht weitergebracht als ein Rechtshänder, der ohne Schrecksekunde bewußt die linke Hand verwendet. Der Name war mir geblieben; sollte mein Spitzname durchsickern – was bisher nicht der Fall gewesen war –, würde er mich, zumindest beim ersten Verdacht, sogar schützen.

Meinen Widerwillen gegen die Untergrundtätigkeit bewertete Gregory sogar als Pluspunkt, da Skeptiker vorsichtig und intelligenter seien als Fanatiker. Ich war dem Mann, dem ich jetzt gegenübersaß, bald aufgefallen und von ihm gefördert worden. Seine Patronage reicht sogar so weit, daß er mir als Geheimnisträger das Ausscheiden aus dem CIA erlaubte und die Übersiedelung in die Dienste des US-Außenministeriums befürwortete. Hätte er mich jetzt nicht aus dem Urlaub zurückgeholt, wäre der Stellungswechsel problemlos und ohne Zeitverlust über die Bühne gegangen.

Er war mit dem Aktenstudium fertig.

»Sorry, Lefty«, sagte er. »Ich hab schließlich mehr Dinge im Kopf und mußte den Fall noch einmal rekapitulieren.« Es hörte sich seltsam an; zwei Eigenschaften des Vice waren in Langley hinreichend bekannt: sein phänomenales Gedächtnis und seine intuitive Art, die Gedanken seiner Gesprächspartner zu erraten.

Seine Hände lagen auf dem Dossier, so als müßten sie es noch zusätzlich hüten, bevor er es mir endgültig übergäbe, nicht ohne seinen Bleistift-Marginalien noch ergänzende Empfehlungen hinzugefügt zu haben. »Wie gesagt, eine Chance wie vielleicht noch nie zuvor. Die Sache ist schon seit einiger Zeit am Dampfen«, erklärte er. »Sie hat eigentlich ganz undramatisch begonnen: Sindelfingen kann ich bei Ihnen als bekannt voraussetzen?« fragte er.

Bei der deutschen Tochtergesellschaft eines US-Riesen der elektronischen Branche waren drei Mitarbeiter als Ostagenten entlarvt worden. So etwas geschieht immer wieder, und häufig genug kommen Wirtschaftsspione aus dem Westen und wirken für die Konkurrenz. Deshalb haben sich Firmen, die Wert auf ihre Produktionsgeheimnisse legen, einen wachsamen Werkschutz zugelegt.

»Aber Sindelfingen war doch wohl eine reine Routinesache?« vergewisserte ich mich.

»Es sah so aus – und das sollte es auch«, erwiderte der große Gregory. »Aber der Tip, der zur Entlarvung der Ostagenten geführt hat, stammte aus dem Osten.«

»Und zwar von dem großen Unbekannten persönlich«, spottete ich, »für wie sicher halten Sie eigentlich Ihr Material, Sir?«

»Für so unsicher wie nur möglich«, antwortete der Vice. »Ich habe Sie ja hergebeten, um den Fall zu analysieren. Sagen Sie mir mit einer gewissen Sicherheit, wieviel an der Sache stimmt, und der Fall ist für Sie erledigt. Wir scheiden mit Händedruck, und ich wünsche Ihnen alles Gute.«

Es klang vernünftig und bieder und war vielleicht doch nur schierer Hohn.

»Das Dossier wurde von unseren Leuten erarbeitet?« fragte ich.

»Zusammengestellt«, erwiderte der Vice. »Erarbeitet wurde es vorwiegend in Pullach.«

»Der Bundesnachrichtendienst hat uns die Informationen überlassen?«

»Kommen Sie endlich herunter von Ihrer Trauminsel, Lefty«, erwiderte Gregory ungehalten und lächelte hämisch. »Ein Verbindungsmann zur BND-Zentrale hat Wind von der Sache bekommen und uns einen Wink gegeben. Daraufhin sind wir über den offiziellen CIA-Kontaktmann in Pullach vorstellig geworden und haben von den BND-Leuten eine – sagen wir mal – zurückhaltende Bestätigung erhalten.« An seinen ausgedörrten Lippen hing der Spott wie winzige Speicheltröpfchen. »Wir sind übereingekommen, daß wir, wenn es spruchreif sein wird, mit Pullach eng zusammenarbeiten. Das ist sozusagen die offizielle Seite.«

»Und spruchreif wird es nie sein oder vielleicht zu spät«, warf ich ein.

Das Telefon unterbrach unser Gespräch; wenn es durchgestellt wurde, mußte es ein wichtiger Vorgang sein. Ich erhob mich, um den Raum zu verlassen, aber Gregory gab mir einen Wink zu bleiben. Er war Profi genug, um nur mit ja oder nein zu antworten, so daß ich zuhören konnte, ohne zu erfassen, worum sich der Anruf drehte.

Das Telefongespräch zog sich in die Länge, und meine Gedanken streunten umher. Auf einmal saß ich wieder auf der Kawasaki, jagte über die Insel der Götter und Dämonen, und sie blieben uns gnädig gesonnen, obwohl wir ihnen das Lächeln gestohlen hatten: Vanessa saß auf dem Sozius im Damensitz. Sonst machten wir uns beide nichts aus dem heißen Stuhl, aber jetzt lüfteten wir unsere Persönlichkeit im Fahrtwind aus; er löste ihre Frisur auf. Sobald ich mich umdrehte, berührten mich ihre Haarspitzen, und ich sah kleine Funken und spürte elektrische Schläge auf der Haut. Wir jagten auf der 5500 Quadratkilometer großen Insel von einem Ende zu anderen, vom Indischen Ozean bis zur Bali-See auf der anderen Seite, überholten zahlreiche Colts, wie man die Minibusse nennt, und freuten uns auf den Abend an Samurs Strand oder in einem Dancing im Gammelviertel von Kuta.

Vanessa war mittelgroß, eher zierlich und maßvoll kapriziös. Sie hatte einen beschwingten Gang, dunkle, kufzgeschnittene Haare und leuchtende, kobaltblaue Augen, die jedenfalls mehr Interesse für die Tempel und Kunststätten Ostasiens als für die Teilnehmer der Reisegesellschaft, inklusive der männlichen, aufbrachten, zu der sie gehörte.

Ich kannte Vanessa erst fünf Tage, aber es kam mir vor, als wären es bereits Monate, wenn nicht Jahre. Sie war mir in der Hotelhalle sofort aufgefallen, ohne daß sie es provoziert hätte. Sie stand ein wenig abseits von ihrer Gruppe, wirkte distanziert, ohne arrogant zu sein. Sie war nicht zimperlich oder prüde, legte aber ihre weiblichen Reize auch nicht für jedermann ins Schaufenster.

Ich machte mich an die Engländerin heran. Sie ließ es zu und wehrte mich doch gleichzeitig ab, ohne verletzend zu wirken. Man konnte sich ohne weiteres bei Vanessa einen Korb holen und sich dafür auch noch herzlich bedanken. Sie war intelligent, ohne blaustrümpfig zu wirken, und erzählte, daß sie nach der Reise als Juniorpartner in eine Londoner Anwaltsfirma eintreten würde.

Selbst im Urlaub galten für mich noch die Usancen eines oft verwünschten Berufs, und so mußte ich – wie bei allen Menschen, die mir näher begegnen – meine Firma anläuten und bitten, Vanessas Identität zu klären. Unser Mann in Djakarta ließ die Daten, soweit ich sie ihm geben konnte, sowie Vanessas Personenbeschreibung durch den Computer laufen. Die elektronische Clearing-Operation endete, wie ich es nicht anders erwartet hätte, und das hieß, daß mein Verein keine Einwände gegen die Engländerin vorzubringen hatte; sie war, geheimdienstlich gesehen, ein unbeschriebenes Blatt.

Der Weg zu ihr schien frei zu sein, aber ich näherte mich behutsam dem Ziel. Von vornherein stand für mich fest, daß Vanessa mehr sein würde als der übliche Ferienbonus. Ich mag Frauen, aber schon von Berufs wegen bin ich ihnen gegenüber auf der Hut, und so ist mein Umgang mit dem schönen Geschlecht ziemlich defizitär.

Es blieb mir nur wenig Gelegenheit, geschlechtsspezifische Fähigkeiten zu entfalten. Ich eroberte, was man auf der Durchreise in ein paar Stunden eben so aufreißen kann, und das war, gemessen an Vanessa, dritte oder vierte Besetzung an Frau, Talmi, Plunder, Imitat. ›Weder Fräulein, weder schön‹ – und schon gar kein Gretchen (aber ich war schließlich auch kein Faust).

Bei Frauen bin ich eher Skeptiker. Die Sicherheitsbestimmungen machen CIA-Angehörige und ihre Familienmitglieder zu einem geschlossenen Verein. Hier bedurfte es keiner elektronischen Recherche, in dieser Art Ghetto kannte man jedes Gesicht. Flirt, Verlobung, Ehebruch, Scheidung, Wiederverheiratung spielten sich im gleichen Kreis ab. In dieser Plantage der Monotonie wußte man alles voneinander, kannte sich letztlich selbst im Intimbereich wie nach einer Gruppensexparty.

Selbstverständlich sind die Menschen in Quarantäne nicht leichtfertiger oder unmoralischer als alle anderen, nur die Langeweile ist größer. Viele bleiben trotzdem resistent und führen selbst noch in der Isolation ein normales, bürgerliches Leben. Bei anderen freilich kommt es in puncto Freizeitgestaltung zu einer Art unzüchtigem Inzest, was sicher dazu beitrug, daß ich noch immer Junggeselle bin.

Gregory hatte sein Telefonat beendet, er sah einen Moment lang ins Leere und legte dann auf. »Sorry, Lefty«, entschuldigte er sich, »aber wir sind bereits wieder einen Schritt weiter: Ein neuerlicher Hinweis aus Ostberlin. Die gleiche Quelle. Wiederum stichhaltig. Freilich kann es auch raffiniertes Spielmaterial sein – trotzdem sehe ich erstmals seit langem eine Chance, den DDR-Staatssicherheitsdienst auszunehmen wie einen Thanksgiving-Truthahn.« Die Falten in seinem Gesicht probten ein seltsames Fixierspiel; es sollte wohl ein Lächeln sein. »Natürlich ist es noch zu früh, um über eine Stasi-Schlappe zu jubilieren, aber wenn die Affäre hält, was sie verspricht, ist der Fall Guillaume ein vergleichsweise kleiner Fisch.«

Es waren erst Mutmaßungen, aber der Vice war ein ausgekochter Profi mit seiner somnambulen Witterung für Zusammenhänge.

»Wenn ich Sie recht verstehe, Sir«, erwiderte ich, »befindet sich No Name Case im Anfangsstadium?«

»Unsere Chance, Lefty«, entgegnete Gregory. »Da ist wenigstens noch nichts verpfuscht worden. Lesen Sie die Unterlagen, durchdenken Sie die Fakten und teilen Sie mir so rasch wie möglich Ihre Bewertung mit.« Gregory erhob sich. »Ich hoffe, der Appetit kommt mit dem Lesen«, setzte er hinzu und geleitete mich sogar in den Nebenraum, der nur von seinem Office aus zu erreichen war.

Ich sah schon beim ersten Blick in die Akten, was auf mich zukam.

Mit einer Art Trotz setzte ich noch immer auf den Rückflug nach Bali, wiewohl ich wußte, daß man mit geplatzten Hoffnungen die Wände des riesigen CIA-Komplexes tapezieren könnte.

Einen Moment kämpfte ich gegen den Impuls, Vanessa im Hyatt anzurufen. Aber Bali, der »Morgen der Welt‹, war der US-Ortszeit weit über einen halben Tag voraus, und drei Stunden nach Mitternacht wollte ich meine Feriengefährtin nicht aus dem Schlaf reißen – eine Rücksicht, die ich Stunden später bereuen sollte.

Nur mühselig gelang es mir, mich von Fernost loszureißen und auf Ostberlin zu konzentrieren, auf die Geheimbesprechung des Untergrund-Generals Lupus in der Spionagefabrik an der Normannenstraße; sie hatte vor zehn Tagen stattgefunden, und der große Gregory verfügte über unbestätigte Teilunterlagen.

Ich hätte gerne gewußt, wie zutreffend sie waren, wieweit man sie als vollständig betrachten konnte und woher wir sie bekommen hatten. Aber solcherlei Fragen werden weder gestellt noch beantwortet.

In der Normannenstraße war ich seit Jahren gewissermaßen zu Hause, trotzdem blieb für mich die Stasi-Festung ein Labyrinth mit vielen Fallen und Stolperdrähten. Wir kannten unsere Gegenspieler, aber vieles, was wir über sie wußten, war eher unsicher als bewiesen, und von der Differenz zwischen Annahme und Tatsache leben alle Nachrichtendienste der Welt.

2

Gegen Mittag riß der Wind den niedrigen Himmel über Berlin auf. Aus der Wolkenwand rieselte das Licht wie Sägemehl aus einer überfahrenen Stoffpuppe. Die Iljuschin aus Moskau landete pünktlich auf die Minute und spuckte ihre Passagiere aus. Einige trugen trotz des Frühlings warme Pelzmützen, aber der Lenz stand an diesem Tag nur auf dem Kalenderpapier. Eine angeheiterte Betriebsgruppe des VEB Leuna schwenkte lärmend Papierfähnchen mit Hammer und Sichel. Der Wodka sorgte für sozialistische Fröhlichkeit.

Aus dem Rudel, das von einer Bodenstewardeß zu dem Omnibus neben der Landetreppe geleitet wurde, scherte ein schlanker Zivilist aus, ein Mann Ende fünfzig, der wesentlich jünger aussah; er ging an den stramm grüßenden Vopos vorbei und auf die dunkle Limousine zu, die – entgegen der Vorschrift – auf dem Flugfeld zwischen den Versorgungsfahrzeugen stand.

Der Vorzugspassagier mit der getönten Brille wirkte wie ein sportiver Bankdirektor oder auch wie ein Grundstücksmakler, dem man vertrauen konnte, aber sein Handelsgut waren Menschen, ihre Schicksale, ihre Verhaftung, ihr Freikauf. Im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war er zuständig für Subversion, Diversion und Desinformation. Hinter diesen Fachausdrücken des Untergrunds verbargen sich die Einschleusung von DDR-Agenten in die Bundesrepublik, die Unterwanderung der dortigen Parteien und Gewerkschaften, die Ausspähung militärischer Einrichtungen der Bundeswehr, der Blick hinter die Bonner Regierungsmaschine, der Schacher mit Menschen, die – unverschuldet oder schuldig – in den Gewahrsam der sogenannten Arbeiter-und-Bauern-Republik geraten waren, und die systematische Verbreitung von Falschinformationen, mit deren Hilfe die Gegenspieler im Westen düpiert werden sollten.

Keiner der Passagiere hatte den Untergrund-General Alexander Lupus erkannt, auch der schwankende Funktionär nicht, der ihn während des Flugs in seiner Schnapslaune wiederholt und zwecklos zum Mittrinken genötigt hatte. Vom Chef des russischen Geheimdienstes (KGB) in Moskau war dem Besucher der Rückflug zum Ost-Berliner Regierungsflughafen Schönefeld in einer sowjetischen Militärmaschine angeboten worden, aber es entsprach der Auffassung von Sparsamkeit dieses Großverbrauchers an Steuergeldern, unnötige Repräseritationskosten zu vermeiden.

Für den Aufwand gab er nur Geld aus, wenn er ihn aus der eigenen Tasche bezahlte, für englische Zigaretten der Marke Navy Cut zum Beispiel, für Antiquitäten, Orientteppiche, Seidenhemden und Anzüge aus englischem Tuch. Er ließ sie in Londons Saville Row anfertigen, in der der begüterte britische Gentleman schneidern läßt. Dabei erschien er freilich nie zur Anprobe. Bis auf seine Rumpfpuppe war den westlichen Geheimdiensten bis vor kurzem keinerlei Identitätshinweis auf den General Lupus in die Hände gefallen.

Sabotka holte seinen Vorgesetzten ab, aus dessen Gang der Vertraute des Generals sofort schloß, daß der neue Chef des sowjetischen Geheimdienstes – und Lubjanka-Hausherr am Dschersinskiplatz – dem brisanten Vorschlag zugestimmt und damit den Fall Sperber abgesegnet hatte.

»Verdammt kalt in Berlin«, sagte Alexander Lupus, den seine Freunde ›Sascha‹ nannten. »Und in Moskau herrscht schon Frühsommerwetter.« Er reichte seinem persönlichen Referenten im Majorsrang, der auch die Limousine fuhr, die Hand. »Nach Lichtenberg«, setzte er hinzu.

Er hatte eine angenehme Stimme, die nicht lauter wurde, wenn sie Befehle gab, schon weil sie auch so gehört und peinlich genau befolgt wurde. Lupus war als Chef der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) der zweitwichtigste Mann im Staatssicherheitsministerium an der Normannenstraße, das die DDR-Bürger die Firma ›Horch und Guck‹ nannten.

»Bis auf Oberst Grewe, der noch in Bulgarien Ferien macht, werden die Genossen um vierzehn Uhr zur Stelle sein«, meldete Sabotka. »Wir hätten noch Zeit, in Niederschönweide vorbeizufahren.«

»Nein, danke, Sabotka«, erwiderte Lupus. »Ich werde meine Frau vom Büro aus anrufen.«

Der in Moskau aufgewachsene Sohn eines deutschen Emigranten, in den Kommunismus so natürlich hineingewachsen wie Nackenhaare in den Hemdkragen, führte ein mustergültiges Familienleben. Seine Passionen waren bescheiden: Er spielte Tennis, ging gern auf die Jagd und schätzte klassische Musik ebenso wie das Fußballspiel. Da er wenig Zeit hatte, war einer seiner Leute beauftragt worden, Video-Aufzeichnungen über die Höhepunkte der gerade in Spanien stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft zu machen.

Der Mann mit den dunkelblonden, leicht angegrauten Haaren beschäftigte 17000 feste Mitarbeiter sowie weitere 100000 ehrenamtliche Spitzel – und nach Schätzung seiner westlichen Gegenspieler 10000 bis 20000 Agenten in der Bundesrepublik.

Die schwere, fast lautlos fahrende Limousine hatte den Ostberliner Stadtteil Lichtenberg erreicht und bog in die Normannenstraße ein; sie wurde von einem riesigen Gebäudekomplex beherrscht. Aus dem früheren und erweiterten Finanzamtsgebäude einem Haus von seniler Stabilität, war ein Untergrund-Silo geworden, eine Agentenzentrale, die innerhalb der DDR über 16 Bezirks- und 220 Kreisverwaltungen verfügte und vier Fünftel aller je festgestellten Spionage-Aktivitäten in der Bundesrepublik betrieb. Auf deutschem Boden hatten die subversiven Zauberlehrlinge ihre sowjetischen Auftraggeber auf der schrägen Fahrbahn längst überholt, waren dabei aber getreue Erfüllungsgehilfen geblieben.

Der Generaloberst, von seinen Männern meist nur im landesüblichen Abkürzungsfimmel ›BvJ‹ (›Boß vons Janze‹) genannt, eilte über den Gang, durchschritt hastig eine Flucht von Vorzimmern, nahm sich aber die Zeit, mit seiner Sekretärin ein paar Worte zu wechseln. Während er dann in sein Büro ging, blieb Major Sabotka bei ihr im Vorzimmer zurück; er wußte, daß der Chef jetzt mit seiner Frau und seinen Söhnen sprechen wollte.

Sobald er aufgelegt hatte, entnahm der Major einem Tresor eine Auswahl von Meldungen, die während der Blitzreise des Untergrund-Generals angefallen waren, und legte sie vor. Während Lupus sie überflog, bat er die Vorzimmergenossin, aus der Kantine ›irgend etwas Eßbares‹ kommen zu lassen, eine für ihn ungewöhnliche Aufforderung, denn ›Bevaujot‹ war ein Feinschmecker, wenn er auch dafür sorgte, daß sich die Leckerbissen nicht an seiner Figur vergingen.

»Sie haben auch das SED-Zentralkomitee verständigt, Sabotka« fragte der General. »Und unsere Leute in den Ministerien?«

»Selbstverständlich, Genosse Lupus«, erwiderte der Major. »Und wie ich höre, ist der Genosse Lemmers bereits im Haus.«

Der ›Gruftspion‹, so nannte man ihn hinter seinem Rücken – war fast jeden Tag in der Spionage-Zwingburg, in wörtlicher Auslegung des alten marxistischen Spruchs: »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser‹. Obwohl der Minister, dessen Stellvertreter Lupus war, dem Zentralkomitee selbst angehörte, hatte das Politbüro zusätzlich noch einen internen Sicherheitsrat etabliert. Vom Standpunkt eines totalitären Staates aus gesehen war das üblich, aus der Optik eines Untergrundstrategen jedoch bedenklich: Sicher dachte niemand daran, daß ausgerechnet im Spitzengremium der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) ein Maulwurf sitzen könnte, der für den Westen arbeitete – aber je mehr Mitwisser es gab, desto durchsichtiger und pannengefährdeter wurde die subversive Schlagkraft.

Als erster, schon fünf Minuten vor der angesetzten Konferenzzeit, war Gelbrich zur Stelle, der bullige, hemdsärmlige Chef von HVA VIII, ein Kommunist alter Schule, der in Spanien und dann in deutschen Gefängnissen seinen Kopf so oft hingehalten hatte, daß er nach Meinung seiner feineren Stasi-Kollegen davon eine weiche Birne bekommen hatte. Gelbrich war ebenso unentbehrlich wie unbeliebt, einer, der dazu neigte, ständig auf ungehobelte Art Stunk zu machen. Der Proletarier vom Dienst stammte noch aus der ersten Führungsgarnitur nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war Leiter der Abteilung, die Sabotageaktionen in Westdeutschland vorbereitete. In seinem Fach war er tüchtig und somit unersetzlich.

Ohnedies duldete der über den Dingen stehende General Lupus höchst unterschiedliche Männer in seiner Umgebung, die nur die eine Gemeinsamkeit aufwiesen, daß sie lupenreine, hochkarätige Kommunisten waren, ob sie es nun stets betonten wie der Genosse Gelbrich oder nie davon sprachen wie Laqueur, ein alter Hugenottensproß, als Ressortleiter von HVH VI für die Einschleusung von Ostagenten in den Westen verantwortlich; er sah aus wie ein gealterter Herrenreiter, der noch gut bei Fuß ist.

Herbert Brosam war der Verbindungsmann zum Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und im grauen DDR-Einerlei ein ebenso buntschillernder Paradiesvogel wie der 45jährige Max Konopka, der als Spitzenmann im DDR-Ministerium für Außenwirtschaft heimlich die Wirtschaftsspionage im Westen dirigierte. Er genoß die besondere Gunst des Generals, und die brauchte er auch, denn sein wildes Privatleben hatte ihm das Etikett ›volkseigener Casanova‹ eingebracht. Irgendwie lebte der Agent ständig zwischen den Ehen, den eigenen wie den fremden.

Sowohl Brosam wie Konopka hatten ihre Laufbahn unter General Lupus begonnen und waren nur Leihgaben an die Ministerien, Funktionäre mit Diplomatenpässen, und das schloß automatisch die Westgenehmigung ein. Brosam, der ›Genosse Kammgarn‹, nach den dunklen Anzügen benannt, die er fast immer trug, richtete in aller Welt DDR-Botschaften ein. Sein Pendant Konopka verhandelte mit westdeutschen Wirtschaftsführern und Vertretern der Bundesbehörden zum Beispiel auch über den zinslosen Warenkredit, ›Swing‹ genannt.

Auf der Tagesordnung der Geheimbesprechung stand nur ein Punkt: die Klärung plötzlicher Einbrüche, die Pullach in einige Außenstellen der ostdeutschen Spionage-Fabrik gelungen war. Schlagartig und unerwartet. Referent war Ludwig Lipsky von HVA I (Politspionage in Westdeutschland), der, gestützt auf außergewöhnliche Vollmachten, im Auftrag des Generals drei peinliche Pannen untersucht hatte. Der Referent war bei der Aufklärung der denkbar geeignetste Mann, weil er zugleich in Personalunion die Abteilung X (Dokumentation) leitete.

»Ich glaube, ich kann euch eine Wiederholung dieser unerfreulichen Vorgänge ersparen, Genossen«, begann er. »Ihr wißt, daß in Sindelfingen bei Stuttgart drei unserer besten, für einen Elektro-Konzern arbeitenden Männer aufgeflogen sind und fast gleichzeitig in Bonn eine unserer erfolgreichsten Quellen, eine Sekretärin im Auswärtigen Ausschuß, entlarvt wurde. Kurz danach ist bei einem Flugzeugkonzern in München einer unserer Perspektiv-Agenten überraschend hochgegangen.«

Ludwig Lipsky, der Berichterstatter, stammte aus Leipzig. Er versuchte fast gewaltsam, seinen heimatlichen Dialekt zu verbergen, die Konsonanten härter und die Vokale weniger breit auszusprechen; es mißlang gründlich, und so sächselte ›Phimoses‹ – wie man ihn hinter seinem Rücken nannte – erst recht drauflos. Im Dienst war er wie eine Maschine; privat hatte Lipsky Hemmungen, da er an einer Vorhautverengung litt, die von Fall zu Fall operativ behandelt werden mußte. Um die Eingriffe hinauszuschieben, wurde der Spezialist der unsichtbaren Front medikamentös behandelt, und zwar mit einer roten Salbe, deren Penetranz mit der Zeit jedes Textilgewebe durchdrang: es hatte dem Leipziger den verhaßten Spitznamen eingebracht.

Man brauchte, so man ihn aus der Fassung bringen wollte, nur auf den roten Punkt an einer pikanten Stelle zu starren; andererseits brachte ihn die bemühte Art, in der seine Kampfgefährten daran vorbeisahen, auch wieder durcheinander. Phimoses flüchtete wegen seiner persönlichen Unbill so ausschließlich in die Dienstgeschäfte, daß er nur noch die BRD-Spionage kannte – und dir rote Salbe! »Das Ziel meiner Untersuchungen, zu der mir alle Möglichkeiten zur Verfügung standen, war, die Fehlerklärung, ob es zwischen ihnen einen Zusammenhang gibt. Ich habe«, zählte der Berichterstatter umständlich auf, »insgesamt siebzehn Zeugen vernommen und mit Hilfe unserer Abteilung Neun und Zehn Meldungseingänge und Befehlsausgänge überprüft.« Er warf einen Blick auf General Lupus und dann auf die Männer am runden Tisch. Er stellte mechanisch fest, daß Brosam, der hektische Nichtraucher, wild an seiner Zigarettenattrappe zog und Lungenzüge imitierte. »Ich konnte keinerlei Unregelmäßigkeiten feststellen. Die Nachrichtenübermittlung ging nach dem gleichen System vor sich, das sich in unzähligen anderen Fällen bewährt hat. Es ist auch seit diesen – sagen wir mal – diesen Unglücksfällen nicht geändert worden und funktioniert reibungslos. In allen drei Fällen waren verschiedene Führungsoffiziere im Einsatz, sie hatten untereinander keinen Kontakt, kannten sich nicht einmal. Auch die Betroffenen wußten nichts voneinander. Im Fall Sindelfingen ist einer unserer Leute durch seinen Übereifer dem Werkschutz aufgefallen. In Bonn dürfte ein Kurier beobachtet worden sein, als er einen toten Briefkasten leerte. Von ihm aus verfolgte der Verfassungsschutz dann die Spur zum Büro; in dem unsere Kundschafterin arbeitete, sie wurde von uns gewarnt und konnte sich im letzten Moment in die DDR absetzen.« Lipsky sprach, als hätte er die Pfeife zwischen den Lippen, deren steter Gebrauch ihm einen schiefen Mund eingebracht hatte. »In München scheint einer der Beteiligten im Suff geschwatzt zu haben, und das ausgerechnet gegenüber einem BND-Mann.«

Brosam fummelte an seiner mustergültig sitzenden Krawatte herum. Lemmers vom Zentralkomitee schien ausschließlich darauf bedacht zu sein, keine Regung auf seinem Gesicht erkennen zu lassen. Konopka, der vielbeschäftigte, kämpfte gegen seine Schläfrigkeit, und Laqueur blieb auch noch beim Zuhören ein Gentleman, der Aufmerksamkeit zeigte, ob es ihn nun anödete oder nicht.

»Selbstverständlich haben wir die Vorkommnisse auch vom Computer analysieren lassen«, fuhr Lipsky fort. »Die elektronische Datenauswertung hat nur bestätigt, daß jeder der Fälle anders gelagert ist und als Panne für sich bewertet werden muß. Keinerlei Hinweis auf eine undichte Stelle. Nicht einmal Fahrlässigkeit konnte festgestellt werden. Und ein Vergleich aller Fakten läßt sogar den Schluß zu, daß selbst menschliches Versagen auszuschließen ist. Ihr kennt ja das Problem, Genossen: Ihr könnt mustergültige Autofahrer sein und am Steuer eines Wagens in tadellosem Zustand, ohne eigene Schuld verunglükken.«

Er sah wieder Lupus an; der General nickte ihm zu.

»Ich möchte noch sagen, daß der Genosse Lipsky einen minutiösen Bericht von fast zweihundert Seiten angefertigt hat, den ich unter Verschluß halte«, erklärte er dann. »Jeder von Ihnen kann ihn in meinem Büro jederzeit einsehen.«

»Habt ihr noch Fragen, Genossen?« übernahm Lipsky wieder seinen Part.

»Dreimal also dasselbe, und das innerhalb von vierzehn Tagen«, entgegnete Konopka, der seine Schläfrigkeit abgeschüttelt hatte. »Da ist ja wohl ziemlich häufig höhere Gewalt, oder?«

»Stimmt«, antwortete Phimoses, »aber an den Tatsachen ist nun nicht zu rütteln.«

»Lauter Zufälle«, stellte Lemmers, der Apparatschik, fest und erlaubte sich eine Art Witz: »Ich nehme an, daß wir selbst am besten wissen, wie man Zufälle herstellt.«

»Bleiben wir bei der Sache«, erwiderte Lipsky leicht ungehalten. »Ich habe von Generaloberst Lupus die Order erhalten, die Tatsachen zu untersuchen, nicht jedoch Folgerungen aus ihnen zu ziehen.« Da er saß, konnte niemand auf den roten Punkt starren, und so wirkte Phimoses sicherer als sonst. »Um solche zu erörtern, sind wir ja schließlich hier zusammengekommen.«

»Ich verstehe nicht, was dieser ganze Quatsch soll, Genossen!« polterte Gelbrich los. »Der Fall ist doch wohl klar wie eine Regenpfütze und läßt nur zwei Auslegungen zu: Entweder hat der Genosse Lipsky einen Bock geschossen – reg dich nicht auf, Ludwig, jeder von uns hier weiß doch, wie gründlich du arbeitest«, besänftigte er Phimoses, bevor der Referent hochschießen konnte. »Oder wir müssen den Mann suchen, und zwar hier im Haus, der den Zusammenhang zwischen den drei Pleiten im Westen …«

»Hier im Haus?« unterbrach ihn Brosam gereizt. »Das ist doch wohl gewaltig weit hergeholt, Gelbrich.«

»Ich geh’ sogar weiter«, stieß Gelbrich noch brutaler zu. »Jeder von uns hier im Raum könnte, zumindest theoretisch, die undichte Stelle sein.« Es sah ihm ähnlich, als einziger auszusprechen, was jeder von ihnen sich längst gedacht hatte, aber daß Gelbrich die Verdächtigung bis ins Dienstzimmer von General Lupus vortrieb und die alten Genossen und Kampfgefährten des Verrats bezichtigte, machte sie selbst gegenüber einem Berufsproleten zornig. Sogar der höfliche Laqueur schüttelte den Kopf, Konopka grinste bissig, der Blutdruck steigerte sich sichtbar in Brosams Gesicht; es sah aus, als müßte der anschwellende Kopf des Genossen Kammgarn gleich platzen. Auch der farblose Lemmers, der Gruftspion, wirkte einen Moment entsetzt, über die kommunistische Majestätsbeleidigung. Wellershoff, der Besonnene, schlug mit der Faust auf den Tisch und erhob sich: »Das geht mir nun wirklich zu weit, Genosse Gelbrich«, konterte er. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie diese ungeheure Pauschalverdächtigung uns irgendwie weiterbringen …«

»Ich bitte um Ruhe«, beendete General Lupus die ortsunübliche Turbulenz. »Ich danke Ihnen, Genosse Lipsky, für Ihre vorzügliche Arbeit. Ich sehe keinen Grund, an Ihrer peniblen Exaktheit zu zweifeln.« Er sah zu dem Mann von gestern auf dem Stuhl von heute hin, dem Scharfmacher im Haus, dem alles viel zu langsam vorankam und der die bourgeoisen Sitten haßte, die selbst hier im Ministerium bereits eingerissen waren. »Und Ihnen, Genosse Gelbrich, danke ich für Ihre sozialistische Wachsamkeit«, fuhr er ohne Spott oder Vorwurf fort. »Ich weiß zum Glück, daß Ihr Verdacht unbegründet ist; trotzdem trafen Ihre Worte ins Schwarze. Sie haben nur ausgesprochen, was unsere Gegenspieler in Pullach zur Zeit annehmen: ein Verräter in der Normannenstraße! Und wenn diese Schlafmützen aus dem Camp im Isartal schon aufgewacht sind, dann sollten wir ihre Munterkeit nutzen und ihnen mit beiden Händen servieren, was sie haben möchten.« Um seinen knappen Mund spielte ein böses, schmallippiges Lächeln und war schon weggewischt, bevor es deutlich wurde. »Was ich Ihnen jetzt sage, Genossen, ist keine Vermutung: Seit den mißlichen Ereignissen der letzten Wochen träumt man im Pullacher Camp von einer späten Rache für Guillaume. Das verräterische Phantom, das bei uns herumgeistern soll, trägt in der unmittelbaren Umgebung des BND-Präsidenten bereits den Codenamen der Sperber« Lupus griff sich eine ›Navy Cut‹; der neben ihm sitzende Konopka gab ihm Feuer. »Wenn wir konsequent und schlüssig nachstoßen, können wir diesen Sperber als unseren Jagdfalken dressieren.«

Offensichtlich begriff Laqueur, der Schnelldenker, als erster, daß der General daran dachte, aus drei Einzelpannen eine Elefantenfalle zu errichten, und er lächelte geringschätzig, weil er diese Dickhäuter auf der anderen Seite nur zu gut kannte. Da ihm aber auch die Methoden des HVA-Chefs vertraut waren, begann sich Laqueur zu fragen, ob die Schlappen von Sindelfingen, Bonn und München nicht bereits zur Inszenierung des Generals Lupus gehört und ob nicht womöglich – als Start eines bedachten, wenn auch bedenkenlosen Vabanquespiels – Verrat auf Geheiß vorlag.

»Wenn ich Sie recht verstehe, wollen Sie also für die Gegenseite einen falschen Maulwurf in kolossaler Größe aufbauen, Genosse Lupus«, gab Konopka dem Untergrund-General ein Stichwort.

»Erraten, Konopka«, erwiderte er. »Zunächst einmal: Das Politbüro der SED ist bereits verständigt. Unsere sowjetischen Freunde in Moskau sind – wie ich bei meinem Besuch soeben feststellen konnte – mit einer solchen Operation nicht nur einverstanden, sie drängen mich geradezu, sie voranzutreiben. Außer den schon Informierten und den hier Anwesenden wird niemand von dem Plan erfahren. Ich möchte noch einmal betonen: Der Fall Sperber hat sich von selbst entwickelt. Ohne unser Zutun. Inzwischen erhielten die Amerikaner bereits Wind von der Sache, sie setzen Pullach unter Druck, um beteiligt zu werden. Wie ich die Yankees einschätze, bleibt es nicht dabei; sie werden die ganze Affäre an sich ziehen. Damit steigt der Fall Sperber aus dem nationalen Bereich zu internationaler Dimension auf. Wenn wir den richtigen Köderfisch an den Haken hängen«, konstatierte der subversive General, in seiner Freizeit auch ein leidenschaftlicher Angler, »werden sie daran ersticken – wir können Pullach und die CIA gleichzeitig in einer noch gar nicht übersehbaren Größenordnung fertigmachen. Nun möchte ich mit Ihnen im einzelnen durchsprechen, welche Szenen wir unseren Gegnern in das Drehbuch schreiben.«

Major Sobotka, der jederzeit Zutritt auch zu Geheimgesprächen hatte – als Nachahmer des Generals von den anderen mit dem Spottnamen Lupusculus bedacht –, saß im Nebenraum und stellte fest, daß die Signallampe aufleuchtete, die mit den Tonbandgeräten gleichgeschaltet war. Diese direkte Nachrichtenverbindung über eine Magnetaufzeichnung gab es nur für Informationen aus dem DDR-Raum; falls sie mitgehört würden, wäre der Adressat in der Normannenstraße zugleich Lauscher. Der Referent des Generals wartete, bis das Kontrollämpchen erloschy dann spulte er das Band zurück und tippte den Text mit zwei Fingern selbst in die Schreibmaschine: Klabautermann.

So nannte der Anrufer sein Codewort. Seine Stimme lief über Verzerrer, der jede Möglichkeit ausschloß, sie zu identifizieren. Es war nicht einmal der Rückschluß möglich, ob der Informant alt oder jung, männlich oder weiblich war; eine Kunststimme ohne Charakter.

Martin Keil hat soeben aus Bonn eine strengvertrauliche Mitteilung über den Rahmen der bevorstehenden Swing-Verhandlungen erhalten. Demnach ist die BRD-Regierung entschlossen, trotz Protestes der Opposition – selbst bei bisheriger Hohe des Pflichtumtausches bei der Einreise von BRD-Bürgern – den zinslosen Warenkredit der DDR weiterhin zu gewähren. Aus kosmetischen Gründen soll der Betrag, künftig jährlich kündbar, vorübergehend von 850 auf 600 Millionen verringert werden. Bonns Unterhändler haben Anweisung erhalten, den DDR-Behörden gegenüber äußerst unnachgiebig und energisch aufzutreten. Sollten sie dabei keinen Erfolg haben, ist mit dem Abschluß eines neuerlichen Swing-Abkommens auf der neuen Basis in etwa 14 Tagen zu rechnen.

Sabotka nahm das Blatt aus der Schreibmaschine, überlegte kurz. Die Nachricht erschien ihm wichtig genug, sie General Lupus in die Geheimbesprechung hineinzureichen, zumal Brosam und Konopka daran teilnahmen, deren Dienstbereich die Information betraf.

Er öffnete die Tür, blieb stehen. Lupus sah zu ihm hin, nickte ihm zu. »Was gibt’s?« fragte er seinen persönlichen Referenten.

Der Major reichte ihm die Meldung. Lupus las sie aufmerksam durch und beugte sich zu dem neben ihm sitzenden Konopka: »Ich brauche Sie anschließend noch.« Dann drehte er sich zu Brosam um: »Sie bitte auch.«

Er schob die Meldung in die Tasche. »Wir werden also den Sperber hier im Haus genau nach den Vorstellungen, Wünschen und Träumen unserer Gegenspieler aufbauen«, erklärte er dann. »So wie die Pullacher und Amerikaner ihn sich wünschen, sollen sie ihn auch haben, und …«

»Und wer soll das sein, Genosse Lupus?« fiel ihm Gelbrich ins Wort.

»Einer von uns«, erwiderte der General. »Ich sehe keine andere Lösung, wenn wir Nägel mit Köpfen machen wollen.«

»Einer der hier Anwesenden?« fragte der empfindliche Gelbrich betroffen.

»Warum nicht – wenn es uns weiterhilft.«

»Und an wen denken Sie dabei, Genosse Lupus?« fragte Gelbrich weiter.

»Wir haben noch Zeit, uns auf einen geeigneten Pappkameraden zu einigen«, besänftigte Lupus den Proleten vom Dienst. »Sie jedenfalls nicht, Gelbricht. Aber einer der anderen Genossen hier im Raum muß in den sauren Apfel beißen und vorübergehend diese Dreckarbeit übernehmen.« Er lächelte schief. »Es ist eine Laiendarstellung mit einer Stargage.«

»Es wird nicht so einfach sein«, erinnerte Laqueur. »Ein solcher Mann wirkt im Westen erst dann glaubhaft, wenn er einen glaubhaften Beweggrund vorzeigen kann, und wir hier sind ja wohl alle bewährte und überzeugte Genossen.«

Beweggründe, die DDR zu verlassen, gab es viele, und 3,1 Millionen Menschen hatten sie genutzt, als es noch möglich war, um in den Westen zu entschlüpfen. Aber die Vorstellung, einer der führenden Männer der Spionagefabrik, die sich seit Jahren an der Frontlinie des Untergrunds mit ihren Gegenspielern herumschlug, könnte sich an einer Volksabstimmung mit den Füßen‹ beteiligen, schien absurd und abwegig.

»Ganz recht, Genösse Laqueur«, erwiderte der General. »Wir müssen ihnen ein überzeugendes Motiv bieten, und das haben wir auch.« Einen Moment lang war sein intelligentes Gesicht in Spott getaucht. »Wir nehmen ihren Höchstwert: Geld. Geld schlechthin. Vom Geld verstehen diese Kapitalisten etwas«, sagte er mit spitzen Lippen. »Um Geld dreht sich doch alles bei ihnen, und je gieriger desto glaubhafter wird ein Judas mit dem SED-Abzeichen sein. Fangen wir an mit einer halben Million Dollar. Sicher wollen die Pullacher und Amerikaner einige Vorleistungen haben. Dafür wird der Sperber sorgen und den Preis erhöhen und erhöhen und die Übergabe immer gewichtigeren Materials in Aussicht stellen.«

»Und das nehmen die uns ohne weiteres ab?« fragte Gelbrich weiter.

»Nicht ohne weiteres, aber wenn wir die Mischung richtig dosieren, bleibt ihnen gar nichts anderes übrig. Gewöhnliches Spielmaterial tut’s in diesem Fall natürlich nicht. Hier brauchen wir Ungewöhnliches, und das heißt, daß wir schon mal ans Eingemachte heranmüssen. Bei der Zusammenstellung bin ich auf Ihre Mithilfe angewiesen, Genossen.«

Laqueur hatte erkannt, daß der General den neuralgischen Punkt seines Plans erreicht hatte: Mit Speck fängt man Mäuse, aber die Mäuse hatten viel dazugelernt. Sie waren ziemlich resistent geworden und unterschieden längst zwischen Delikatesse und Gift. Man mußte ihnen schon eine besondere Nahrung zuführen, wenn sie sich zu Tode fressen sollten, und das hieß: mehr oder weniger eigene Leute ans Messer liefern, Agenten im Einsatz, die bisher unergiebig gewesen waren und die man deshalb abdrehen konnte. Die übliche Tour: Dem Gegner Geheimnisse enthüllen, die er bereits kannte oder ahnte, würde versagen. Hier hieß es opfern, nicht spenden.

Laqueur überlegte bereits, welche seiner Leute verzichtbar wären, und die anderen würden es wohl ebenfalls tun. Befehl ist Befehl, und der Zweck heiligt die Mittel, auch bei den kommunistischen Jesuiten. Die Hexenjagd nach der Laus im eigenen Pelz, die BND und CIA mit Sicherheit bald vorgespielt werden würde, hätte noch den Nebeneffekt, die größte Spionagefabrik Mitteleuropas, die Resultate wie vom Fließband lieferte, auf Pannenquellen und säumige Mitarbeiter abzutasten und noch sicherer zu machen, als sie es bereits war.

Sie erwärmten sich langsam, dann aber bis zum Siedepunkt. Brosam machte an seiner Zigarettenattrappe gesundheitsneutrale Lungenzüge. Der besonnene Konopka pflückte bereits Vorschußlorbeeren. Der Optimismus Laqueurs, des Herrenreiters, ritt Galopp. Gelbrich nörgelte nicht mehr herum, sondern wirkte wie der Bauer, der sein Huhn im Topf hat. Nur Phimoses, der Berichterstatter, war traurig wie der Mann, der ein letztes Mal seinen Hund spazierenführt, bevor er ihn zum Einschläfern bringen muß.

Nach einer Stunde endete die Geheimbesprechung in Sachen Sperber. Die Teilnehmer hatten sich auf den Mann geeinigt, der die Rolle des Maulwurfs übernehmen sollte. Alle waren zufrieden, und Gelbrich, der Prolet vom Dienst, klopfte den roten Gentlemen Brosam und Konopka auf die Schulter, obwohl er sonst ihre feine Art nicht ausstehen konnte. Selbst Phimoses hatte in der Aufregung vorübergehend den verräterischen Rotpunkt vergessen. Lemmers, der Gruftspion, trug schwer an seiner Wichtigkeit, er hatte es eilig.

Lupus hatte für jeden ein Lächeln und einen Händedruck. Er mußte müde sein, aber der Fall Sperber hielt ihn auf Trab.

»Sehen Sie sich das an«, sagte er zu Konopka und reichte ihm die Tonbandabschrift. »Was halten Sie davon?«

»So ähnlich habe ich es mir vorgestellt«, erwiderte der rote Gigolo. »Manchmal wundere ich mich wirklich, was unsere Gegenspieler für Einfaltspinsel sind.«

»Häufig«, schränkte der subversive Militär ein.

»Und die Nachricht ist zuverlässig, Sascha?« fragte Konopka.

»Wie immer«, bestätigte der General.

Bevaujots Günstling fragte nicht nach der Herkunft der Mitteilung. Sie war nicht die erste und würde nicht die letzte sein, die aus der gleichen Quelle stammte.

Einem Fachmann wie ihm war von vornherein klar, daß sie nur vom Bonner Außenministerium oder aus der inoffiziellen Botschaft der Bundesrepublik in Ostberlin kommen konnte.

Konopka setzte auf die Hannoversche Straße – nicht erst seit heute.

3

Auf der Insel des Lichts war es schon Freitag, 7 Uhr 55 Ortszeit, als ich am Donnerstagnachmittag aus dem Headquarter von Langley – wo ich ein Gäste-Apartment bewohnte – im Bali Hyatt am Strand von Samur an der südlichen Westküste anrief, um Vanessa einen guten Morgen zu wünschen und sie zu bitten, meine Rückkehr abzuwarten, selbst wenn sie sich um ein, zwei Tage verzögern sollte.

Die Verbindung kam nicht so glatt zustande, wie ich es mir wünschte. Ständig war die Vorwahlnummer belegt. Endlich kam ich durch, hörte aber zunächst nur Balis ewige Gamelan-Musik. Das Hyatt, ein internationales Ferienhotel, war in der Saison fast immer voll ausgebucht, aber der Mann, der sich schließlich meldete, vermutlich ein Hausboy bei der Reinigungsarbeit, sprach nur dürftiges Pidgin-Englisch.

Als er endlich begriff, was ich wollte, war die Leitung wieder zusammengebrochen.

Ich begann von neuem mit meinem Geduldsspiel, geriet dabei in Zeitnot, denn in 20 Minuten wollte mich der große Gregory sprechen, und der CIA-Vice haßte Unpünktlichkeit – ich übrigens auch. Schließlich kam ich durch; jetzt war am anderen Ende der Leitung auch der zuständige Rezeptionist auf dem anderen Kontinent: »Good morning, Sir«, sagte er, als ich mich gemeldet und um Verbindung mit Miß Vanessa Miles gebeten hatte. »Just a moment, Sir.«

Ich freute mich schon auf Vanessas Stimme und auf ihre Verblüffung. Ich sah sie ein paar Sekunden lang vor mir, in einem Nichts von weißem Nighty auf ihrer gebräunten Haut, die so appetitlich duftete, daß sie mich verwirrte und überwältigte. Ich spürte wieder ihre Haarspitzen wie kleine, elektrische Schläge an meiner Gesichtshaut. Einen Moment lang wurde ich von einer Art Glücksgefühl überflutet, das mich beinahe eifersüchtig auf mich selbst machte.

Es war, als wollte ich alles, was ich an Gefühlsregungen bei anderen Frauen eingespart hatte, in die Ferien-Gefährtin der Trauminsel ›Morgen der Welt‹ verschwenden.

»I am sorry, Sir«, meldete sich der Hotelbedienstete wieder. »Ich kann Sie nicht verbinden, Miß Miles ist leider schon abgereist.«

»Abgereist?« rief ich mit einer Stimme, über die ich selbst erschrak. »Aber ihre Gruppe fliegt doch erst morgen nach Bangkok weiter.«

»Sorry, Sir«, wiederholte er. »Miß Miles ist vor einer Stunde zum Airport gefahren. Wie war Ihr Name, Sir?«

Ich wiederholte ihn.

»There is a message for you«, entgegnete der Portier.

Ich wußte sofort, daß die Notiz, die Vanessa für mich hinterlassen hatte, eine Hiobsbotschaft war.

»Hören Sie«, fuhr der Mann am Telefon fort, »Miß Miles mußte plötzlich in einer dringenden Familienangelegenheit nach Großbritannien zurückfliegen. Vielleicht können Sie Miß Miles noch am Airport erreichen.«

Ich ließ mir die Telefonnummer vom Flughafen Ngurah Rai geben und Vanessa dort ausrufen. Vergeblich. Ich grübelte erfolglos darüber nach, was vorgefallen sein mochte. Schmerzlich und in Raten begriff ich, daß es für mich, ganz gleich, wie mein Gespräch mit Thomas E. Gregory ausgehen würde, keinen Rückflug auf die Paradiesinsel gäbe. Es war ein Absturz in Raten.

Es gelang mir nicht einmal festzustellen, mit welcher Fluglinie Vanessa abgereist war. Es gab mehrere Möglichkeiten mit verschiedenen Zielorten. Es war wenig sinnvoll zu hadern, daß sie in der Aufregung offensichtlich vergessen hatte, einen Hinweis für mich zu hinterlassen. Irgendwann müßte es ihr einfallen, und dann würde sich Vanessa mit Sicherheit bei mir melden, unter der Deckadresse, die ich ihr für alle Fälle übergeben hatte; die Frage war nur, wo ich mich dann wirklich aufhielt.

Ich witterte förmlich, wie mich der große Gregory bereits zwischen seinen Klauen festhielt. Ich wehrte mich dagegen, aber ich spürte eine Unruhe – auch was Vanessa betraf – und stemmte mich dagegen. Es war schwer, mich auf den Fall No Name zu konzentrieren, obwohl er es in sich hatte.

Quer durch Deutschland verlief die Ost-West-Teilung und machte mein Geburtsland zu einem Schlachtfeld des Untergrunds. Niemand konnte sagen, wie viele Stasi-Agenten sich im Westen eingeschlichen hatten, mit Sicherheit Tausende, und die meisten von ihnen waren Überzeugungstäter, die mit üblichen Mittel nicht zur Strecke gebracht werden konnten.

Wenn einer Geld nimmt und auf großem Fuß lebt oder einer auf ihn angesetzten Frauen verfällt, durch Spiel- oder Wettschulden in Bedrängnis gerät, so hinterläßt er für die Fahnder deutliche Spuren. Keinen Hinweis auf seine subversive Absicht gibt jedoch ein überzeugter Kommunist, der sich verstellt und womöglich noch auf den Osten schimpft, dem er gestohlene Geheimnisse ausliefert.

So war es bei einem gewissen Maier, einem tüchtigen Mitarbeiter der Forschungsabteilung eines Elektrokonzerns in Sindelfingen. Jeder, der ihn kannte, war der Meinung, er würde innerhalb der Firma sehr rasch Karriere machen. Dann kam ein anonymer Anruf an den Werkschutz: Der Mann heiße gar nicht Maier, sondern Kettenstroh und sammle zugunsten des Ostens Produktionsgeheimnisse, Der Konzern verständigte den Verfassungsschutz, der Meier alias Kettenstroh beschattete und auf zwei weitere Komplizen stieß. Alle drei wurden festgenommen und durch Indizien hinreichend überführt. Von dem Anrufer freilich, der den Wink gegeben hatte, fehlte jede Spur. Vermutlich hatte er durch eine Plastikfolie über der Sprechmuschel seine Stimme unkenntlich gemacht.

Szenenwechsel: Wieder ein Anruf in Bonn. Im Bundeskanzleramt. Wieder eine unkenntliche Stimme, aber diesmal nannte der Anonymus sich Sperber und behauptete, entscheidend zur Aufklärung des Falls Sindelfingen beigetragen zu haben. Es konnte ein Spinner sein oder ein Wichtigtuer, aber tatsächlich führte sein Anruf zur Enttarnung einer Ost-Agentin in einer Schlüsselstellung, die freilich im letzten Moment entkommen konnte.

Und dann hatte sich wieder ein Anrufer gemeldet: in München. Die Flügelschläge des Sperbers verwandelten Pullach in ein Hornissennest.

Es kam freilich immer wieder vor, daß auf der anderen Seite ein Spion absprang, um sich dadurch eine goldene Nase zu verdienen. Aber in allen diesen Fällen waren zuerst Geldforderungen gestellt und dann die Informationen geliefert worden. Wer sich hinter dem Decknamen Sperber auch verbergen mochte, hatte ein neues Verfahren erfunden: die nachträgliche Honorierung.

Im Camp waren inzwischen die drei Fälle verglichen und vom Computer ausgewertet worden. Falls das Ergebnis stimmte, handelte es sich um drei voneinander unabhängig operierende Agentenringe. Untergeordnete Chargen im Staatssicherheitsdienst konnten Kenntnis von einer Organisation haben; wer alle drei kannte, mußte Zugang zu sämtlichen Vorgängen der obersten Geheimhaltungsstufe haben und damit in unmittelbarer Umgebung von General Lupus sitzen.

Das war ein elektrisierender Schluß, so fern er stimmte. Aber die vielen Fragezeichen, die blieben, konnten einem Mann wie Thomas E. Gregory nicht entgangen sein. Wenn er sich trotzdem bereits in diesem Stadium mit Verve auf die Affäre stürzte, mußte er noch Material in der Hinterhand haben, das im Dossier nicht enthalten war.

Es fiel mir schwer, die Operation No Name sachlich zu werten und mich auf Pullach zu konzentrieren, denn Bali stand mir im Moment näher. Ich sah auf die Uhr; es war Zeit, dem CIA-Vice gegenüberzutreten. Ich betrachtete mich im Spiegel und versuchte, mein Gesicht zu ordnen.

Der große Gregory saß an seinem Schreibtisch und löffelte einen Natur-Joghurt mit dem Behagen, das ein normaler Mensch beim Verzehr eines saftigen Steaks empfindet. »Sit down, Lefty«, forderte er mich gutgelaunt auf.

Ich ließ mich nieder und schob ihm in einem verschlossenen Umschlag das Dossier des Falls No Name zu.

»An appetizer, is’nt it?« fragte der große Gregory, für seine Verhältnisse fast vergnügt.

»Sure, Sir«, erwiderte ich.

Ich wollte ihm nicht gleich sagen, daß mir seine Delikatessen auf den Magen geschlagen waren. Er sah es mir vermutlich an. Wiederum hatte ich – wie schon bei der Lektüre der Materialsammlung – das unbestimmte Gefühl, in eine Art Verschwörung geraten zu sein. Bevor ich mich mit der Qualität der Unterlagen befaßte, hatte ich bereits festgestellt, daß das Kuckucksei im Pullacher Nest schon vor meinem Abflug in die Ferien ausgebrütet worden sein mußte.

»Schießen Sie schon los, Lefty«, forderte mich mein zweifelhafter Gönner auf und sah mich an wie ein Chirurg den Patienten, den er gleich unter das Messer nehmen wird. »Sie haben natürlich anhand der Eingangsstempel sofort gesehen, daß uns die ersten Hinweise bereits vor Wochen erreicht haben«, versuchte er mein Grimm zu entmannen.

»Richtig, Sir«, bestätigte ich. »Und ich frage mich, warum Sie mich jetzt partout an diesen Fall setzen wollen, nachdem Sie mich damals nicht hinzugezogen hatten.«

»Aus zwei Gründen«, antwortete der Vice, ungewöhnlich geduldig. »Erstens erreichte uns der wichtigste Teil der Informationen erst, als Sie bereits in Ihr schlitzäugiges Abenteuer aufgebrochen waren, und dann wurden Sie inzwischen von einem unserer besten Männer angefordert – Sie persönlich, Lefty!«

»Ich werde mir die Blumen ins Knopfloch stecken«, spottete ich.

»Cassidy«, nannte Gregory den Namen in der Manier des großen Magiers, der die nackte Jungfrau aus dem Kasten zaubert. »Sind Sie nicht sein Freund?«

»Hoffentlich bleibe ich es auch«, entgegnete ich. »Was hat Steve eigentlich mit dem Camp im Isartal zu tun?«

»Eine ganze Menge«, erwiderte Gregory. »Wir haben ihn vorübergehend als unseren Sonderbevollmächtigten in die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes entsandt.«

Er sah mich mit seinen kleinen starren Augen an, die wie hineingedrückt in tiefen Höhlen steckten. »Ich garantiere Ihnen, daß ich nichts damit zu tun habe, wenn Ihr Freund zu der Auffassung gelangt ist, daß er Sie unbedingt braucht, Lefty.«

Er konnte sagen, was er wollte. Gregory wußte ziemlich genau, daß ich kaum eine Möglichkeit hatte, eine Anforderung Steves auszuschlagen. Es gab eine stattliche Reihe von CIA-Leuten, mit denen ich recht gut auskam – und mindestens genauso viele, die ich nicht ausstehen konnte. Aber Steve war mein einziger Freund, und das nicht grundlos. Er hatte mich bereits zweimal aus der Klemme geholt und mir dabei einmal mit Sicherheit das Leben gerettet. Cassidy würde sich eher die Zunge abbeißen, als mich daran zu erinnern, daß noch eine Dankesschuld bestand. Er brauchte es auch nicht, denn das besorgte schließlich der Vice Director von Langley.

»Kommen wir endlich zur Sache«, forderte mich der große Gregory zu einer Analyse auf, die ebensogut er wie jeder andere Deutschland-Spezialist im Hause erstellen konnte. »Was halten Sie von diesen Vorgängen?«

»Es ist noch zu früh, um etwas davon zu halten«, erwiderte ich. »In diesem Stadium stehen noch viele Möglichkeiten offen. Zunächst einmal sieht es aus wie die ein wenig unübliche Eröffnung eines gewöhnlichen Geheimdienstspiels, in einer allerdings beträchtlichen Größenordnung. Es ist unübersehbar, daß Pullach in der Tat in rascher Folge drei ungewöhnliche Einbrüche in SSD-Agentenringe gelungen sind, vermutlich durch Hinweise von der anderen Seite, womöglich in allen drei Fällen dieselbe Quelle. Sie liegt im dunkeln. Wer der Informant auch sein mag, er hat keinen Namen, kein Gesicht, keine Dienststelle – und was noch weit mehr zählt, vorderhand auch kein Motiv.«

»Stimmt«, erwiderte mein Gegenüber »aber wenn er das Spiel fortsetzen will – wenn er es nicht wollte, hätte er es mit Sicherheit nicht eingeleitet –, mußte er umgehend und irgendwie aus dem Dunkel heraustreten und uns eine Gegenleistung abverlangen, und dann erfahren wir auch das Motiv und können uns mit ihm beschäftigen.«

Gregory hatte natürlich recht, und ich mußte ihm zustimmen. »Es gibt gewisse Hinweise, die eine Mutmaßung rechtfertigen, der große Unbekannte säße in unmittelbarer Nähe des Stasi-Generals Lupus«, sagte ich, »und damit beginnt bereits die Schweinerei: Die Hinweise können konstruiert sein, Leimruten, auf die wir kriechen sollen.« Ich suchte die Augen des großen Gregory. »Entweder haben Sie mir in dem Dossier Material vorenthalten, Sir, oder Sie setzen neuerdings in einer Art Wunschdenken auf gewaltige Spekulationen.«

»Bleiben Sie nur kritisch, Lefty«, fing er meine Spitze ab. »Sie wissen ja, wie sehr mir voreiliger Überschwang zuwider ist.«

»Gut«, erwiderte ich. »These Nummer eins: Es kann sich bei den Enttarnungen um ein zufälliges Zusammentreffen von Abwehrerfolgen handeln.«

»Möglich, doch unglaubhaft,«

»Das ist es eben, Sir. Wir sind so sehr in unsere Kabalen verstrickt, daß uns die Banalitäten und Eventualitäten des täglichen Lebens entgehen. Sie wissen, was ich meine, Sir?«

»Nein«, entgegnete Gregory. »Das sollten Sie mir schon genauer erklären.«

»Ein Arzt wittert überall Bazillen, ein Pfarrer Sünden, ein Bankdirektor Pleiten, eine Nutte Freier, und wir – wir sehen in jeder Zufälligkeit einen Fallstrick der Gegenseite.«

»Und Ihre These Nummer zwei?« überging der CIA-Gewaltige meine saloppe Ausdrucksweise.

»Ich will nur noch sagen: Wenn es wirklich Zufälle waren – das Gegenteil ist noch nicht bewiesen und vielleicht auch nie beweisbar –, droht die Gefahr, daß wir mit Kanonen auf Spatzen schießen. Vielleicht wäre es das beste, die Akten zu schließen, Sir, und auf weitere Glücksfälle zu warten.«

»Und bis sie eintreten, soll ich Sie wieder auf Ihre Paradies-Insel zurückschicken.«

»Ich hätte nichts dagegen, Sir«, antwortete ich. »These Nummer zwei: General Lupus hat meines Erachtens sofort eine Untersuchung der Pannen angeordnet. Selbstverständlich muß er annehmen, daß Verrat im Spiel ist. Der Ausgang seiner Fahndung ist klar: Entweder gibt es keinen Maulwurf in seinem Lager, oder er läuft schleunigst über, oder er wird – oder ist bereits – liquidiert.«

»Nicht von der Hand zu weisen«, erwiderte Gregory. »Aber vielleicht dreht es sich gar nicht um einen Untergeordneten, sondern es handelt sich um General Lupus persönlich. Sie wissen doch, Lefty, daß er uns seit einiger Zeit besondere Rätsel aufgibt.«

Drahtzieher der unsichtbaren Front sind im allgemeinen auch bei ihren eigenen Leuten mehr gehaßt als beliebt. Der Chef der Hauptverwaltung Aufklärung war eine Ausnahme. Er wurde von seinen Mitarbeitern vergöttert; selbst Überläufer, die dem verlassenen Arbeitgeber selten etwas Gutes nachsagen, bezeichneten ihn als hochintelligent und faszinierend im persönlichen Umgang. Sie rühmten seine Schlagfertigkeit und Führungsqualität ebenso wie sein Eintreten für die sozialen Belange seiner Mitarbeiter, die er selbst bei Versäumnissen nicht ohne weiteres fallen ließ. Solcherlei Berichte stimmten überein, was aber noch kein Beweis war, daß sie auch zutrafen.

Lupus war im Schwäbischen geboren und als Sohn eines deutschen Arztes und Bühnenschriftstellers in Moskau aufgewachsen. Das bekannteste Drama seines Vaters trug den Titel Zyankali, und genauso giftig wie HCN waren auch die subversiven Ränke, die der Sohn für den zweiten deutschen Staat betrieb. Immer wieder gelang es ihm, Bonner Regierungsstellen zu unterwandern und schließlich einen Agenten sogar im Vorzimmer des Bundeskanzlers zu plazieren. Ein Jahrzehnt lang saß er in der BND Zentrale mit am Tisch: Der Regierungsrat Heinz Felfe und zwei weitere frühere SS-Männer hatten über 300 Minox-Filme mit 15661 Aufnahmen sowie 20 Tonbänder und zahllose Funkmeldungen an den Osten geliefert. Ein Jahrzehnt war das Camp durchsichtig gewesen wie ein Glashaus. Dieser Zustand war zwar beendet, aber eine Wiederholungsgefahr ist immer gegeben.

General Alexander Lupus, der Westdeutschland zu einem Tummelplatz seiner Agenten gemacht hatte, war in Untergrundkreisen legendär. In Ostdeutschland selbst kannte ihn keiner. Sein Name wurde nie erwähnt, sein Foto nie gezeigt. Man wußte nur, daß er eine Nickelbrille trug, Geheimratsecken mit angegrauten Haaren hatte und dem Minister für Staatssicherheit, der es vom Polizistenmörder der Jahres 31 zum allmächtigen DDR-Polizeichef gebracht hatte, loyal ergeben war.

Im März 1982 war sein Bild plötzlich im Neuen Deutschland zu sehen gewesen. Sein Bruder Konrad Lupus, der Präsident der Ostberliner Akademie der Künste, war gestorben, und der Untergrundstratege stand mit seinen Angehörigen am offenen Grab und ließ sich auch von zahlreichen westlichen Fotografen ablichten. Bei aller Trauer – man wußte, daß er seinem an Krebs verstorbenen Bruder sehr zugetan war – hätte er die Veröffentlichung verhindern können, in der DDR-Presse ohnedies und im Westen durch Aussperrung der ausländischen Fotografen von der Bestattung.

Seitdem rätselten alle westlichen Geheimdienste darüber, was diese bewußte Zurschaustellung bedeutete: Sollte Lupus der Nachfolger seines 75 Jahre alten Ministers Mielke werden oder – wie nicht selten und vielleicht auch nicht unbegründet behauptet wurde – beim SED-Zetka in Ungnade gefallen sein und bald abgelöst werden?

»Wenn an diesen Gerüchten etwas ist, Sir«, sagte ich zum großen Gregory, »dann bestünde die Möglichkeit, daß Lupus versucht, durch einen halsbrecherischen Alleingang seinen alten Glanz wieder aufzupolieren.«

Der Vice zeigte sein mumifiziertes Lächeln.

»Ich halte es jedoch für viel wahrscheinlicher, daß er der Nachfolger seines Ministers wird. Dann kommt sein Bild ohnedies in alle Zeitungen; er bleibt in seinem Fach, ist aber weitgehend der Schußlinie entzogen. Vielleicht möchte er vor seiner Beförderung noch ein besonderes Kabinettstückchen liefern.«

»Zum Beispiel?«

»Den Fall Sperber«, entgegnete ich, »abgesprochen mit Zetka und KGB, eine selbst arrangierte Durchstecherei, Agenten, die den Gegenspielern geopfert werden wie bei einem Schachspiel Bauern zugunsten der Offiziere. Ich traue Lupus trotz seiner menschenfreundlichen Fassade alles zu. Wir haben ja schließlich unsere Erfahrungen mit ihm. Wir wissen, daß er alle Möglichkeiten der Dreckslinie rücksichtslos ausnutzt und dabei gegebenenfalls seine Leute nicht schont.« Ich sah ihn an, bevor ich zuschlug: »Jeder Geheimdienst schlachtet gelegentlich seine Opfertiere.«

»Kümmerliche Kaninchen«, schnaubte der Vice, »kein preisgekröntes Zuchtvieh. Bedenken Sie doch, Lefty: Die drei Agenten von Sindelfingen sind als Wirtschaftsspione für den Osten unersetzlich.«

»Ein Spieler riskiert mitunter den Höchsteinsatz, um den Spitzengewinn zu erraffen«, erwiderte ich.

»Die Sekretärin des Auswärtigen Ausschusses ermöglichte der SED-Regierung Einblicke bereits in die Konzepte der Bonner Ostpolitik – und das nun schon seit vielen Jahren.«

»Die Agentin wurde gewarnt und ist in die DDR entkommen«, konstatierte ich.

»Das stimmt zwar«, entgegnete der Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches, »aber eine ungemein wertvolle Nachrichtenquelle ist dadurch für immer versiegt.«

»Vielleicht gibt es längst eine zweite, die die erste entbehrlich macht«, versetzte ich.

»Als Kassandra sind Sie große Klasse«, erwiderte Gregory gereizt und lenkte sofort wieder ein. »Ein Jammer, daß so ein gewitzter Mann wie Sie uns verlassen will«, sagte er elegisch und setzte dann penetrant hinzu: »Zum Glück erst in drei Wochen. Keine Angst, Lefty, unser Abkommen über Ihren Wechsel in den Auswärtigen Dienst gilt noch immer, aber es wäre mir lieb, wenn Sie uns bis dahin helfen würden, das Dunkel um diese verdammt undurchsichtige Affäre zu lichten.«

»Das würde ich gern tun«, antwortete ich betont freundlich, »aber ich darf Sie daran erinnern, daß ich bis zu meinem Ausscheiden Ende des Monats noch Urlaub habe und ab ersten Juli meinen Dienst bei der US-Botschaft in Mehlen bei Bonn antreten muß.«

Der große Gregory stieg aus seiner guten Laune wie Frau Potiphar aus ihrem geblümten Morgenmantel, aber er wurde nicht attraktiver dabei. »Nun hören Sie mir einmal gut zu, Sie Möchtegern-Aussteiger«, wies er mich zurecht. »Ich habe Ihrer Versetzung keinen Stein in den Weg gelegt, weil Sie Verdienste um unsere Organisation haben und weil ich der Meinung bin, daß Sie uns auch weiterhin von Nutzung sein können. Es ist Ihnen doch wohl klar, daß wir einen Mann wie Sie nicht einfach ziehenlassen. Ich setze als selbstverständlich voraus, daß Sie uns insoweit noch erhalten bleiben, als man Sie bei den US-Auslandsmissionen als Abwehr-Mann verwenden wird.«

In seinem Gesicht mit der pergamentfarbenen Haut konturierte sich ein mageres Lächeln. »Es ist nur ein halbes good bye, das wir Ihnen gewähren.« Er stieß zu wie ein Turmfalke: »Und das auch erst in drei Wochen; Mit dem Außenminister werde ich eine spezielle Urlaubslösung für Sie persönlich besprechen.« Er stand auf, nahm das Dossier und verschloß es sorgfältig in seinem Office-Tresor. »Ich gebe zu, daß ich Sie ein bißchen plötzlich aus Ihren Träumen gerissen habe; die Zeitverschiebung, der Klimawechsel und nunmehr Deutschland-West, statt Fernost. Was sein muß, muß sein. Ich will Sie nicht drangsalieren, Lefty.« Er sprach ohne Bedauern und ohne Wärme. »Auch wenn es Sie momentan hart trifft, wird es Sie bald trösten.« Über sein von den Jahren angefressenes Gesicht lief ein Lächeln wie Salzsäure. »Ich kann Ihnen bestätigen, daß Sie bei Ihrem Ferienabenteuer in Indonesien nicht viel versäumt haben – trotz der bemerkenswert zarten Pfirsichhaut von Miß Miles.«

Es war ein Knockout, und mir wurde schwindlig.

Vanessa mußte mich genauso hereingelegt haben wie dieser abgefeimte Puppenspieler. Meine Gefühle machten bankrott, und ich konnte momentan nicht mehr tun als zu verbergen, wie heftig der Schock war: Diese dunkelblauen Augen, klar und rein wie ein Bergsee, diese scheue, zurückhaltende Art, dieser grazile Körper, für den man die Empfindungen aufsparte, bevor man ihn berührte – ich wehrte mich gegen den Gedanken, daß die Frauen aus uns Esel machten – sofern wir uns nicht wie Schweine benahmen.

Jedenfalls steckte hinter Vanessas plötzlicher Familienangelegenheit nichts anderes als meine zweifelhafte Firma – Romeo und Julia nach CIA-Art.

»Sie haben also Vanessa auf mich angesetzt?« fragte ich mit einer Stimme, die auf Sandkörner biß.

»Seien Sie doch nicht kindisch«, wies mich Gregory zurecht. »Glauben Sie, ich lasse einen Mann wie Sie völlig unbeaufsichtigt durch Fernost globetrotten?«

»Sie halten es für nötig, Sir, mich noch drei Wochen vor meinem Ausscheiden bespitzeln zu lassen?«

»Was ist das für eine Ausdrucksweise?« stauchte er mich zurecht. »Ich habe Sie nicht bespitzeln, sondern abschirmen lassen. Außerdem: Tests sind immer nötig. Ein Auto muß ja auch immer wieder zur Inspektion.«

»Nun bin ich ein Mensch und kein Fahrzeug«, erwiderte ich.

»Richtig«, sagte er, »und ein tüchtiger Experte dazu. Ich bin mir darüber im klaren, daß Sie die Gegenseite nicht hereingelegt hätte, denn Sie haben sich an unsere Residentur in Djakarta sogar noch vor der von uns als normal angesetzten Verzögerungszeit mit der Bitte um Auskunft über Miß Miles gewandt.«

»Wie schön, daß ich nicht aufgefallen bin«, ironisierte ich. »Gelernt ist gelernt, nach elf Jahren, isn’t it, Sir?«

Der Vice reagierte nicht.

»Aber es war kein Fair play. Ihr Mann in Djakarta hat mich nach allen Regeln seiner schäbigen Kunst durch eine Falschaussage getäuscht.«

»Werden Sie nicht albern, Lefty«, wies mich die Mumie zurecht. »Der Mann hat in meinem Auftrag gehandelt. Auf Befehl, Lefty.« Er fixierte mich. »Und Sie würden doch auch meinen Befehl ausführen, ob es Ihnen paßt oder nicht.«

»Noch drei Wochen lang, Sir«, entgegnete ich.

Selbst meine Stimme zeigte Genugtuung.

»Außerdem war es ein Doppeltest«, fuhr der große Gregory schamlos fort. »Auch Ihre Bewacherin hatte sich in den folgenden Tagen einer Probe zu stellen.»Er nickte mir zu. »Die Dame hat ebenfalls bestanden, mit Auszeichnung. Das war für mich nicht unwichtig, denn sie ist eine Debütantin.«

Sollte er sagen, was er wollte, wer ihm glaubte, war selbst daran schuld.

Ich sah auf die Uhr und dachte an den Kalender.

Drei Wochen würde ich noch durchstehen, dann wären solcherlei Mätzchen vorbei, erledigt, ausgestanden, und das bedeutete, daß künftig und erstmals eine Frau für mich eine Frau sein würde und kein Objekt, das zuerst mich testen sollte, bevor ich ahnungslos zur Gegenprobe schritt und dadurch zur Unterhaltung des alten Gregory beitrug.

Menschen, ihre Träume, Hoffnungen und Gefühle zählen einen Dreck im Untergrund, es sei denn als Waffe oder Daumenschraube, Und das war noch die humanste Art, einen Mann auf den Marschstraßen des Hinterhalts in der vorgeschriebenen Bahn zu halten, kontrolliert und manipuliert, herumzuschieben. Und darum wünschte ich ja diesen Satansjob zur Hölle.

Ich dachte an Vanessa, und mir wurde übel. Eine Debütantin? Vielleicht. Womöglich aber auch ein besserer Profi als ich. Hereingefallen waren wir wohl beide, aber mich traf es wahrscheinlich härter, denn ich hatte Gefühl gezeigt und wehrte mich noch immer dagegen, nur den Irrtum einzugestehen.

Im Untergrund trägt man kein Herz.

Es zählt nur beim Gegner – als Zielansprache.

»Sie müssen müde sein, Lefty«, erinnerte sich Gregory endlich. »Der Schock und die Strapazen. Schlafen Sie sich gründlich aus. Wir sehen uns morgen früh um neun Uhr wieder, hier in meinem Office.« Er setzte hinzu: »Und es wird interessant für Sie werden.« Ich wußte, daß ich am nächsten Tag Nachträge zu diesem Fall zu sehen bekäme, die er mir bislang unterschlagen hatte.

4

Der Frühsommer spielte Spätherbst. Windstöße und Regenschauer fegten an diesem Samstag die Berliner Straßen von Passanten leer. Auf beiden Seiten den Stadt waren fast nur noch Liebespaare unterwegs, eng aneinandergedrängt, als wollten sie beweisen, daß der Liebe im Lauf der Jahrtausende auch nicht viel Neues mehr eingefallen war. Wenigstens Wetter und Liebesspiel waren noch einheitlich in der zweigeteilten Weltstadt.

Es war nicht die einzige Gemeinsamkeit. Im Osten wie im Westen saß man vor dem Bildschirm und sah meistens das gleiche Programm, aber hier begann bereits wieder der Unterschied: Bei den Werbeeinblendungen wurden die Westberliner vom Überfluß angeödet, während sie den Zuschauern auf der anderen Seite ein Schlaraffenland vorgaukelten. Freilich lag kein Kuchen dazwischen, durch den man sich beißen konnte, sondern die Mauer.

Viel zu schnell jagte eine schwere dunkle Limousine durch die Heinrich-Heine-Straße, die zu einem der Grenzübergänge in der Mauer führte und deshalb mit Sicherheit Tag und Nacht scharf kontrolliert wurde. Ein paar Kilometer Geschwindigkeit zuviel oder auch nur ein Tropfen Alkohol konnten den Führerschein kosten. In diesen Dingen zeigte die Volkspolizei keinerlei Toleranz. Toleranz war ohnedies nicht ihre Stärke. Und – im Verhältnis zur Bevölkerungszahl – es gab im deutschen Osten doppelt so viele Polizisten wie im Westen.

Westen.

Der eilige Fahrer zwängte sich rücksichtslos an der Schlange Westberliner Fahrzeuge vorbei, die umständlich abgefertigt wurde. Ein Leutnant stellte sich ihm wütend in den Weg. Einen Moment lang sah es aus, als wollte ihn der Wagen mit der Diplomatennummer des Ostberliner Handelsministeriums rammen.

Dann erkannte der Vopo-Offizier den Mann am Steuer. Mitten aus der Bewegung heraus stand er stramm: Der Passierschein dieses Grenzgängers mußte nicht kontrolliert werden. Der Insasse der Nobelkutsche – sowjetisches Fabrikat – stellte selbst Passierscheine aus.

Der Leutnant signalisierte freie Fahrt.

Der Bevorzugte rollte seinen Wagen auf einen reservierten Parkplatz, stellte ihn ab, verschloß ihn sorgfältig, ging um ihn herum und kontrollierte pedantisch noch einmal die rechte Seite.

Fast gleichzeitig, wie zufällig, trat der Spitzenfunktionär vom Staatssicherheitsministerium aus der Wachstube. »Dann wünsche ich einen schönen Abend, Genosse Konopka«, grüßte Gelbrich jovial.

Der späte Grenzgänger war auf die übliche Ost-Anrede wenig erpicht. Genosse kommt von Genuß – und viele der so Titulierten waren wirklich ungenießbar.

»Was ist denn eigentlich heute los? fragte der Prolet vom Dienst im Oberstenrang: »Veranstaltet Ihr im Scheiß-Westen ein Rudelbumsen?«

»Wieso?« fragte Konopka. »Wie kommen Sie darauf?«

»Vor genau zwanzig Minuten ist schon Brosam hier durchgefahren.«

»Was weiß ich«, erwiderte der subversive Diplomat. »Vielleicht hat der Genosse Kammgarn auch noch auf der anderen Seite zu tun.«

»So spät seit ihr noch im Dienst?«

»Sie doch auch, Genosse Gelbrich«, entgegnete Konopka.

»Ich kontrolliere gerade die fortschrittliche Grenze«, stellte der Stasi-Mann fest. »Sondereinsatz außerhalb der üblichen Routine.«

»Und ich passiere sie«, versetzte Konopka. »So ungerecht ist die Welt.« Er lächelte den Oberst an. Was der Mann dachte, lag wie eine abwischbare Schicht auf seinem Gesicht. Spritztour in den Goldenen Westen, was? Einkaufsbummel mit unseren raren Devisen, wie? Und dann raffinierte Kapitalisten-Weiber bumsen, nicht? Mal was anderes als unsere östliche Rohkost, ha?

»Kann ich Ihnen von drüben was mitbringen. Gelbrich?« fragte Konopka.

»Nein, danke«, antwortete der Kollege aus dem Kreis um General Lupus und grinste. »Ich bin Selbstversorger.« Er warf seine halbgerauchte Zigarette im hohen Bogen weg, verfolgte gelassen, wie ein junger Volkspolizist herbeiflitzte, sie ausdrückte und in den Abfalleimer legte.

»Oder vielleicht doch, Genosse Konopka,« Obwohl ihnen keiner zuhören konnte – außer sie belauschten sich gegenseitig selbst mit Wanzen –, setzte er leise hinzu: »Den Sperber, tot oder lebendig. Gefesselt und verschnürt. Anruf genügt, und ich schicke Ihnen einen entsprechenden Kofferraum.«

»Nichts leichter als das«, spottete Konopka. »Haben Sie schon mal einen Geist gefangen, Gelbrich?«

»Bisher nur Weingeist«, versetzte der Oberst. »Alsdann: viel Vergnügen, Genosse!« schloß der Stasi-Funktionär das Gespräch und schaute Konopka mit Wolfsaugen nach.

Der Sperber war seit der Geheimbesprechung bei General Lupus ein beliebtes Gesprächsthema im roten Untergrund. Vielleicht handelte es sich nur um ein Gerücht. Womöglich war er aber auch ein Phantom, dem jeder Vorfall untergeschoben wurde, der sich nicht erklären ließ, ähnlich dem ominösen Legationsrat Erster Klasse in Bonn, der, durch die AA-Akten geisternd, sogar befördert worden war, wiewohl es ihn gar nicht gab. Keiner, der das Sperber-Gerücht kolportierte, wußte, daß er General Lupus in die Hände arbeitete, von Gelbrich und Konopka natürlich abgesehen.

Der Wanderer zwischen beiden Welten passierte eine Art Laufgraben. Er trug einen eleganten Maßanzug aus englischem Tuch, garantiert nicht in einem volkseigenen Betrieb gefertigt. Auch der Schnitt war Made in Western Germany. Meistens sah der rote Diplomat älter aus als 45; er konnte aber auch jünger wirken, vor allem, wenn er lächelte. Er hatte ein Plissee-Face mit vielen Falten, die anzeigten, daß er gewohnt war, schnell zu leben: Vier Ehescheidungen, in sieben Jahren ein halbes Dutzend ungewöhnlicher Affären hatten sich wie Keilschriften in sein Gesicht eingetragen. Manche Frauen mochten es, andere taten es als verlebte Fassade ab.

Jedermann kennt seine Liebesabenteuer selbst am besten, aber Konopka gehörte – ebenso wie zum Beispiel Brosam, Gelbrich, Wellershoff, Lemmers, Laqueur, Sabotka, Grewe und Lipsky – zu den wenigen DDR-Bürgern, die ihre im Ministerium für Staatssicherheit geführten Personalakten selbst einsehen konnten.

Irgendwie arbeiten alle Geheimdienste der Welt nach dem gleichen Schema, testen ihre Geheimnisträger auf Sicherheitsrisiken ab.

Eine Tante in Köln oder eine Verflossene in Frankfurt, gelegentlich ein Glas Bier zuviel oder ein zu großer persönlicher Aufwand waren Minuspunkte, aber für die Männer um General Lupus gab es auch einen Malus für Gegebenheiten, die im Westen unerheblich waren. Laqueur zum Beispiel hatte sich anstrengen müssen, seine Hugenotten-Abstammung vergessen zu lassen; auch Brosam entstammte einer großbürgerlichen Familie. Er hatte in Westberlin eine Freundin, bei der er gelegentlich – wie zum Beispiel heute – nächtigte. Daß er in Bettlaune keine Staatsgeheimnisse ausplauderte, wußte man im Osten wie im Westen, denn die Geheimdienste hatten das Schlafzimmer mit Wanzen bestückt und horchten pedantisch mit, wiewohl sie Liebesgestöhn und Orgasmusgekeuche längst langweilten. Es war dem Genossen Kammgarn gleichgültig, denn er galt als unersetzlich; er fürchtete die privaten Nachforschungen seiner gealterten eifersüchtigen Ehefrau mehr als die Wanzen sämtlicher Geheimdienste zusammen.

Lipsky war erst in sowjetischer Kriegsgefangenschaft über das Nationalkomitee Freies Deutschland – mehr hungrig als freiwillig – zum Kommunisten herangereift, seitdem aber voll in das sozialistische Lager integriert. Gelbrich hatte den Spitzbart ein paarmal verbal angerempelt, aber Ulbricht war schon vor seinem Ableben tot gewesen, und so verwandelte sich die Rüpelei später für Gelbrich sogar noch in einen Bonus.

Konopka erreichte das Ende des Niemandslandes, und der Volkspolizist auf dem Wachturm ließ ihn aus Blick und Visier. Der späte Besucher schritt zügig auf die Willkommensschilder des Freien Berlin zu. Da er öfter durch die Mauer kam und seinen Gegenspielern das Rätsel aufgab, ob er sich nur die Haare schneiden ließ oder seinen V-Leuten Befehle geben wollte (es war ziemlich eindeutig, daß die Ost-Diplomaten mehr oder weniger für ihre Nachrichtendienste arbeiteten), bot für ihn der Westen noch mehr Attraktion als Sensation.

Auf der Neonseite der Stadt hieß der Übergang Prinzenstraße. Der Kontrollbeamte hatte den späten Besucher bereits erkannt, bevor dieser seinen Paß mit der vorschriftsmäßig aufgeschlagenen Lichtbildseite präsentierte.

Achtung, sagte sich der Uniformierte: Konopka steht auf der Liste der 97, bei denen Maßnahme A (Anruf) auszulösen ist.

Verlegenheit im Ost-West-Verkehr überspielt man am besten mit Höflichkeit: »Guten Abend, Herr Konopka«, begrüßte ihn der Polizist und reichte den Ausweis zurück. »Sie kommen zu Fuß?«

»Wie Sie sehen«, erwiderte der Mann von drüben und setzte dann humorig hinzu: »Bei euch im Westen wird man ja immer zum Trinken genötigt.«

»Dann Prost, Herr Konopka!« ging der Polizeibeamte auf den Ton ein. »Brauchen Sie ein Taxi?«

»Vielen Dank«, versetzte der Besucher. »Ich kenn mich hier aus.«

Der Polizist sah ihm nach, bis die Dunkelheit seine Konturen geschluckt hatte, ging ans Telefon, wählte sechs Ziffern hintereinander. Eine Geheimnummer. Vermutlich eine Außenstelle des Bundesnachrichtendienstes, genau wußte er es selbst nicht. Es war weder üblich, solcherlei Fragen zu stellen, noch sie zu beantworten. Der Anrufer nannte Standort und Namen und setzte dann hinzu: »Max Konopka, er hat um 21 Uhr 58 den Kontrollpunkt passiert.«

»Mit dem Wagen?«

»Nein, zu Fuß«, antwortete der Grenzbeamte.

»Vielen Dank«, schloß die Stimme am anderen Ende und klang nicht mehr schläfrig.

Obwohl Konopka gewohnt war, sich anzupassen, sah er nicht aus wie einer, der nach Kreuzberg gehört. Er ging gemächlich, ein Herr über Zeit und Geld, der offensichtlich im falschen Stadtteil sein Abenteuer pflücken wollte. Er ließ den Taxistand links liegen und schlenderte weiter. Er sicherte vorsichtig nach allen Seiten, aber es würde wohl noch eine Weile dauern, bis sie ihm Schatten anhängten. Sicher hatte der Grenzbeamte inzwischen einen der vielen westlichen Geheimdienste angerufen, die mehr oder weniger nach dem Schema arbeiteten: getrennt marschieren, gemeinsam schlafen.

Er hörte den Omnibus heranrollen, drehte sich nicht nach ihm um, ging langsam weiter und ließ durch nichts erkennen, daß er im letzten Moment noch aufspringen würde. Das zweistöckige Ungetüm war schon im Anfahren. Der Fahrer öffnete noch einmal die Tür, und der garantiert letzte Fahrgast mogelte sich hinein. Die erste Station war geschafft – die primitivsten Methoden sind in diesem Metier häufig die besten.

Er fuhr vier Haltestellen weit in die Gegenrichtung seines Ziels. Scheinbar zerstreut, wie er eingestiegen war, verließ er wieder den Bus. So konnte er sicher sein, daß nach ihm auch kein Fahrgast ausgestiegen war.

Es war ein erstaunlicher Aufwand für einen Mann, der ernsthaft weder westliche noch östliche Verfolger zu fürchten hatte. Konopka, Nutznießer eines Diplomatenpasses war einfach gewohnt, seine Wege zu verschlüsseln. Erstens haßte er Pfusch, und verschlungene Pfade reizten ihn ohnedies; er empfand dabei die diebische Freude des Ehemanns, der Frau und Freundin zugleich hintergeht.

Wenn ihn trotz aller Vorsicht volksdemokratische oder kapitalistische Schnüffler bis zum Blauen Haus verfolgen sollten, gäbe es keine plausiblere Erklärung für einen Besuch in Westberlin als diese Grunewaldvilla. Für wenige Eingeweihte war es ein Klub, der an Diskretion, Exklusivität und Frivolität nicht zu schlagen war. Hier gab es keine Erotik als Eintagsmenü, sondern Sex à la carte. Keinen Hausfrauenstrich und keine Schülerinnenkuppelei. Man zahlte mit Verschwiegenheit und brachte gewissermaßen sich selbst als Eintrittsgeld mit. Die Erotik wurde im Blauen Haus wieder auf ihren Ursprung zurückgebracht und verfeinert. Für alle Teilnehmer der gewagten Spiele war sie wieder Selbstzweck und nicht Geschäftsbasis – eine Nostalgie der Sinnlichkeit.

Im Osten wie im Westen galt Konopka als Ausnahmeerscheinung. Seine Manieren machten seinen BRD-Gegenspielern den Umgang mit ihm leicht, noch dazu, da der Spitzenmann des DDR-Ministeriums für Außenwirtschaft und ›volkseigene Casanova‹ eine Schlüsselfigur war, die bei Laune gehalten werden sollte. Mit Sicherheit kam bei den Verhandlungen um den Freikauf kein Häftling in DDR-Gewahrsam auf die Transferliste, wenn es der stets im Hintergrund agierende Konopka nicht wollte.

Der Osten ließ seinem Paradiesvogel ziemliche Ungewöhnlichkeiten durchgehen, da er schließlich die Ost-Mark durch westliche Devisen aufwertete und einer der wenigen war, die hinter die Kulissen der BRD-Industrie sehen konnten. Man wußte, daß er sich unter vier Augen mit General Lupus duzte. Es war aber auch bekannt geworden – und ungerügt geblieben –, daß der Spionage- und Handelsspezialist im Gespräch mit einem Hamburger Journalisten über den Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus gewitzelt hatte: »Im Kapitalismus beutet der Mensch den Menschen aus – im Sozialismus ist es genau umgekehrt.«

Konopka hatte lachend, der Reporter verblüfft reagiert. Und dann war der rote Diplomat zur nächsten Klassifizierung gekommen: »Der Kapitalismus macht soziale Fehler und der Sozialismus kapitale.«

»Und warum kommen Sie dann nicht zu uns in den Westen, Herr Konopka?« hatte der Journalist erwidert und die Antwort erhalten: »Weil ich diese Fehler abstellen möchte.«

In Raten, auf Umwegen erreichte Konopka den Kudamm, gegen 22 Uhr 37. Auf Höhe des Hotels Kempinski stand ein grauer VW-Käfer, dessen rechte Türe unverschlossen war. Der Mann aus Ostberlin stieg ein, rutschte nach links, schaltete Zündung und Scheinwerfer ein, löste die Handbremse. Er fädelte sich in den Verkehrsstrom, reihte sich kurz vor der nächsten Ampel links ein und wählte mit Richtung Gedächtniskirche den denkbar längsten Weg zum Grunewald.

Er fuhr langsam, hatte das Autoradio eingeschaltet. Die in den Fond brodelnde Musik konnte das Richtmikrofon nicht stören, aber unerwünschte Zuhörer ausschließen, während der Mann aus dem Osten die Minispüle besprach:

»Achtung!« begann er. »geheimhaltestufe i. anweisung ausser der reihe.« Während Konopka sprach, fuhr er langsam. Das Mikrofon war nicht zu sehen. Er hatte beide Hände am Steuer, den Blick auf der Straße. Falls er wirklich von außen beobachtet würde, wirkte er wie ein Mann, der vor sich hinfluchte oder Selbstgespräche führte. Nach knapp zwei Minuten hatte er das Miniband mit Befehlen munitioniert. Während der Fahrt schob er die Kassette in die Jackentasche. Tote Briefkästen gab es in Berlin wie Sand am Meer, aber in diesem Sonderfall zog Konopka ausnahmsweise einen lebenden vor.

Das Band würde sich automatisch löschen, wenn es Unbefugten in die Hände fiel. Der Aufwand war nicht übertrieben. Es stand einiges auf dem Spiel, und zwar für den Osten wie für den Westen. Nur aus diesem Grund hatte Konopka heute Europas längste Mauer hinter sich gelassen. Er mußte die Geheimanweisungert im Kopf über den Kontrollpunkt schmuggeln, um sie nicht den Zufälligkeiten des Grenzübertritts auszusetzen.

Konopka ließ den VW-Käfer stehen. Er war sicher, daß ihn sein Eigentümer bald finden würde. Bis zum Blauen Haus mußte er nur noch zweimal um die Ecke. Die letzte Strecke gingen die meisten Besucher des Privatklubs zu Fuß. Es war verpönt, in seiner Nähe den Wagen abzustellen.

Sein Ziel lag im verträumten Ende eines leicht verwahrlosten Parks. Das Gebäude war mit wildem Wein bewachsen; man konnte nicht feststellen, ob es ursprünglich blau gewesen war. Konopka drückte die Klingel und nannte einen Namen.

Das Schloß sprang elektrisch auf; er trat in einen Vorraum. Erst als er die Türe geschlossen hatte, wurde er hell ausgeleuchtet. Vermutlich erschien er jetzt, von einer automatischen Kamera erfaßt, auf einem Bildschirm irgendwo im Haus, wo der Klubmanager prüfte, ob Name und Gesicht übereinstimmten.

Erst in diesem Fall sprang die nächste Türe auf – wie in diesem Moment.

Als Spitzenmann des Ostens mußte Konopka an diesem Ort exotischer wirken als die farbigen Diplomatentöchter nebst ihren Freundinnen, nur wußte es niemand. Das bedeutete, daß seine Bürgschaft ein ganz hoher Pate übernommen hatte.

Die Musik war angenehm gedämpft, das Licht weich moduliert. Die Halle wirkte groß, sparsam, doch nicht spärlich möbliert. Offensichtlich hatte hier Geld dem Geschmack geholfen; statt ihn zu bestimmen. Nebenan gab es kleinere Gesellschaftsräume, im Souterrain ein Hallenschwimmbad.

Konopka trat an die kleine Bar in der Ecke, sagte »Guten Abend« und wurde dadurch teilnahmeberechtigt an den Zufälligkeiten des Abends. Das weite Oval war zur Hälfte besetzt, Herren in knapper Überzahl. Die Damen sahen ungewöhnlich gut aus, nicht weil das Licht ihnen schmeichelte. Auch die Herren konnten sich sehen lassen. Der Mann aus dem Osten kannte niemanden, weder persönlich noch von dem Foto in seinem Dossier.

Der Blickfang nannte sich Bianca, offensichtlich eine Südamerikanerin. Sie trug ein gehäkeltes Wollkleid auf der bloßen Haut; es heizte den Umsitzenden beiderlei Geschlechts offensichtlich ein, daß man nicht sah, was man doch sehen müßte..

Es gab keinen Keeper an der Bar, entweder es übernahm einer der Gäste dieses Amt freiwillig, oder man bediente sich selbst. Da in diesem Haus – so wenig Bordell wie Kloster – laute Töne verpönt waren, benutzte man Alkohol ohnedies nur, um seine Sinnlichkeit leicht anzufeuchten. Erlaubt war, was gefiel, und es gefiel das Unerlaubte.

Man kam hierher, um etwas zu erleben oder um sich zu versagen. Der Klub lebte davon, daß sich Fantasie und Wirklichkeit überschnitten. Die Konversation an der Bar war dreisprachig. Man unterhielt sich mit der bekannten Star-Architektin über den neuesten Golfschläger, ganz fachlich, und malte sich dabei aus, daß die Dame mit dem präzisen Französisch in wenigen Minuten schon irgendwo nebenan zu einer fleischfressenden Pflanze werden könnte, die noch dazu Zoten ausspuckte, um eine Stunde später den Sündenpfuhl ladylike wieder zu verlassen.

Gelegenheit macht Liebe. Der Privatklub bot sie reichlich. Es war wie eine Diplomatenjagd in einem Wildpark. Männliche und weibliche Teilnehmer waren gleichberechtigt; jeder hatte sein Gewehr – keiner die Gewähr –, und jede Kugel trifft ja nicht, auch wenn man mit Schrot schießt.

Kurz vor 23 Uhr stieß Konopka auf das Wild, das vielleicht ihn jagen würde:

An der Bar, schräg gegenüber, saß eine Dreißigerin mit grüngrauen Augen und weichen Lippen, die männliche Aufmerksamkeit provozierte und mißachteté, Männer durchblickend, als wären sie aus Glas. Eingeweihte wußten, daß sie längst nicht so unnahbar war, wie sie sich gab, was nichts daran änderte, daß ihnen etwas einfallen mußte, wenn sie sich ihr nähern wollten.

Konopka sah aus wie ein Mann, der sich gerade das Angriffskonzept zurechtlegte.

»Verehrtester«, raunte ihm ein geschniegelter Bursche belustigt zu, der neben ihm saß und von allen Emil genannt wurde. »Bei dieser Dame werden auch Sie sich eine Abfuhr holen.«

»Möglich«, erwiderte der urbane Spitzenfunktionär und nahm mit den Augen Maß.

Dann wechselte er den Platz, setzte sich neben die Dreißigerin und nahm das alte Spiel auf: Adams Begehren – Evas Verwehren.

»Sie gefallen mir«, sagte Konopka.

»Danke«, erwiderte sie mit einem leichten französichen Akzent. »Zum Glück gefalle ich nicht nur Ihnen.«

Die Umsitzenden lachten.

»Sind Sie Französin?« versuchte er das Gespräch in Gang zu halten.

»Keine Fragen«, entgegnete sie. »Nicht an diesem Ort.«

»Ich würde Ihnen gerne Berlin zeigen«, sagte Konopka. »Ich bin nur leider sehr in Zeitdruck.«

»Ich heiße Madeleine«, erwiderte sie, »und ich hasse Männer, die es eilig haben. Hast ist mir überhaupt zuwider. Aber falls Ihnen etwas Neues einfällt«, sie lächelte spöttisch, »bon, ich gebe Ihnen fünf Minuten Zeit, Monsieur.«

Konopka stand auf.

Madeleine zögerte, nahm dann vorsichtig ihre übereinandergeschlagenen Beine vom Hocker, hängte sich bei ihm ein. Unter beifälligen und eifersüchtigen Blicken gingen beide die freitragende Treppe hinauf, die zu den intimeren Räumen führte.

Eine Tür stand offen; der Mann aus dem Osten bewertete es offensichtlich als Einladung. Er schaltete das Radio ein, wiewohl es sicher in diesem Haus so wenig Zuhörer gab wie Zuschauer. Auch in verfänglicher Situation blieb er der blendende Vertreter eines miesen Gewerbes. Er spielte die Szene durch wie vor vollem Haus, stand einen Moment verlegen vor der frivolschönen Madeleine, betrachtete die Couch.

Sie war breit und weich, nah und einladend.

»Sie gefallen mir«, sagte Konopka.

»Erste Wiederholung«, spottete sie. »Geht alles ab von Ihrer Zeit. Bin nur gespannt, wie Sie das in vier Minuten schaffen wollen.«

Seine Hände schossen vor; er riß sie an sich.

»Nicht mit Brutalität«, girrte sie.

Er streichelte Madeleines Schläfen, seine Lippen suchten ihren Mund.

»Und nicht auf die Pennälertour«, fuhr sie fort, als er sie wieder losließ.

Konopka wurde wütend und schlitzte das geschlitzte Kleid noch weiter auf.

»Und nackt ist’s ein Proleten-Sport«, konterte Madeleine. »Sie haben noch zwei Minuten, Bester.«

»Verzichte«, erwiderte Konopka in der typischen Reaktion des Mannes, dem der Abend verdorben worden war.

Aber der lebende Briefkasten hatte das Tonband und würde es genauso perfekt weiterbefördern, wie er es übernommen hatte.

Konopka nahm die Blamage auf sich, allein die Treppe herunterzukommen, und übersah die grinsenden Gesichter. Er ging auf den Ausgang zu, und Allerwelts-Emil, ein Mann vom Bundesnachrichtendienst, registrierte, daß der Diplomat von drüben nur sechs Minuten mit der pikanten Dame allein gewesen war.

Bevor er noch ausgetrunken hatte, kam auch Madeleine zurück, offensichtlich nicht darauf erpicht, den Abend hier zu verlängern. Sie zeigte schnippische Lippen und zornige Augen, wohl verärgert, einem Tölpel aufgesessen zu sein. Wenn man genau hinsah, konnte man selbst im Dämmerlicht erkennen, daß sich ein Banause an ihrem schicken Kleid vergriffen haben mußte.

Madeleine ging nach draußen und wartete, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Sie kletterte in einen VW-Golf und fuhr nach Charlottenburg. Sie sah sich um, ohne zu bemerken, daß Everybody’s Darling, der Mann, den alle Emil nannten, ihr in einem Opel folgte.

Die Frau mit dem französischen Akzent ließ den Wagen am Kudamm stehen und ging zum Kempinski weiter. Emil wartete, bis sie das Hotel betreten hatte. Dann ging er zum Portier, blinzelte ihm zu, nahm ihn zur Seite und schob ihm einen Zwanzigmarkschein zu: »Schicke Gäste wohnen in Ihrem Haus«, bemerkte er. »Die Dame, zum Beispiel, die gerade …«

»Eine Schweizerin«, erwiderte der Mann mit den gekreuzten Schlüsseln am Kragenspiegel. »Madeleine Dressler, Zimmer 37. Sie ist zum erstenmal bei uns abgestiegen.«

»Allein?« fragte Emil reichlich plump.

»Solche Fragen stellt man nicht, mein Herr«, entgegnete der Portier und wirkte wie ein Mann, den weiteres Trinkgeld nicht ansprechbar machen würde.

34 Minuten später wählte ein Grenzpolizist am Checkpoint Charly eine sechsstellige Nummer und meldete, daß Max Konopka um null Uhr 59 zu Fuß nach Ostberlin, in den Arbeiterund Bauernstaat, zurückgekehrt sei, in dem es – wie die Bewohner spötteln – die höchsten Bäume der Welt gibt, da sie alle in den Himmel wachsen.

5

Gregory behielt natürlich wieder einmal recht: Nach meinem Sturz aus den Wolken waren ein paar Stunden Schlaf für mich vorderhand das wichtigste. Ich war darauf trainiert, Gedanken abzuschalten und sofort hinüberzudämmern und mit möglichst wenig Zeitaufwand rasche Erholung zu finden. Ich hatte die Kopfuhr so eingestellt, daß ich spätestens um fünf Uhr erwachen würde. Es war dann in Pullach eine Stunde vor Mitternacht, genau die richtige Zeit, um mit Steve ein privat-dienstliches Gespräch ohne Zuhörer zu führen.

Es ging reibungslos, ich kam sofort durch.

»Ich habe auf deinen Anruf gewartet, Lefty«, sagte Steve, seine Stimme klang frisch und so nahe, als käme sie aus dem Nachbarhaus. »Ich hätte dich gerne hier – bei der Lösung einer ganz speziellen Denksportaufgabe.« Er zögerte kurz. »Aber ich weiß auch, daß du deine Koffer bei uns eigentlich schon gepackt hast«, schränkte er ein.

»Mach dir keine Sorgen«, erwiderte ich. »In diesen Dingen habe ich ja schließlich Übung.« Nach kurzer Pause fragte ich: »Die Operation, die du leitest, geht also weiter?«

»Ich leite sie noch nicht«, erwiderte er lachend. »Aber die zweite Runde hat schon begonnen.«

Die Innendienstler des Headquarters in Langley sahen in Steve Cassidy bereits übereinstimmend den Nachfolger des großen Gregory, aber wie ich den CIA-Vice kannte, würde er wohl noch mit achtzig an seinem Schreibtisch sitzen und seine Leute mit der abgedroschenen Spionageweisheit traktieren, daß die Achillesferse bei einem Mann an einer ganz anderen Stelle sitzt. »Ich halte die neuste Entwicklung noch unter Verschluß«, sagte Steve. »Es läuft alles gut, aber es wächst mir über den Kopf.«

Wir konnten offen miteinander sprechen; der Anruf lief über Verzerrer. Wer das Telefongespräch abhörte, vernahm nur einen ungenießbaren Silbensalat.

»Bali ist sicher schöner«, fuhr Steve fort, »aber hier ist es interessanter und inzwischen genauso heiß, wenn nicht noch heißer. Was immer du über diesen Fall gehört hast, ist eine Untertreibung, Lefty«, stellte Steve fest, sonst ein Mann des Understatements.

»Gut«, entgegnete ich. »Ich komme so rasch wie möglich.« Wahrscheinlich war es gar kein freier Entschluß, den ich wiedergab. Ich hatte kaum eine andere Wahl und konnte Steve natürlich nicht büßen lassen, was Gregory an mir verbrochen hatte.

Ich stellte mich unter die Brause. Das kalte Wasser schnitt in meine Haut, die vor ein paar Stunden noch Vanessa hörig gewesen war, so sehr, daß ich bei jeder Erinnerung an sie ihre Hände auf meinem Körper gespürt hatte – schöne, langgliedrige, zärtliche Hände. Aber ich war auch darauf gedrillt, hinderliche Impressionen abzuschütteln, um mit klarem Kopf in die Wirklichkeit einzusteigen, und so hieß es, die tumbe Haut wieder taub zu machen.

Vanessa war eine Illusion gewesen, eine Seifenblase, ein Security-check, bei dem ich verdammt schlecht abgeschnitten hatte, mehr männlich als dienstlich betrachtet. Ich konnte der Engländerin nicht einmal gram sein, daß sie mich im Auftrag unserer honetten Liga genauso ausgehorcht hatte, wie ich zuvor schon viele andere, auf die ich angesetzt war.

Vanessa hatte mich noch nie gesehen, kein Wort mit mir gesprochen, bevor sie in wirklich gekonnter Weise auftragsgemäß meine Bekanntschaft machte, unauffällig, nur ein klein wenig exponiert. Der Tor, der aus der Deckung trat, war ich gewesen, nicht sie.

Es fehlte noch, daß ich begänne, eine Frau zu verteidigen, die sich an meinen Gefühlen vergriffen hatte. Was heißt schon Gefühle, wies ich mich zurecht: Sommer, Sonne, Exotik. Der sanfte Schlag der Wellen. Der Strand im Silberlicht und die mitternachtsblaue Erwartung von Bali – wer hier nicht zum Romantiker wird, mußte wohl blind, taub, gefühllos, unmusikalisch sein und dazu noch ein Eunuch.

In einem Akt der Selbsterforschung ging ich die Tage und Stunden, Worte und Liebkosungen noch einmal durch und landete immer wieder bei ihrem Zögern auf meine Bitte, in Bali meine Rückkehr abzuwarten. Diese wenigen Sekunden sprachen für sie und zeigten mir zumindest, daß es Vanessa nicht leichtgefallen sein konnte, mich zu belügen. Mir fiel es offensichtlich auch nicht leicht, eine Niederlage einzugestehen. Vanessa war nicht Romeos Julia, sondern eher eine Judith, die dem feindlichen Kriegsherrn auf dem Liebeslager den Kopf abgeschlagen hatte.

Ich war nicht Holofernes, mein Kopf saß noch fest, aber meine Gedanken flatterten durcheinander wie geköpfte Hühner. Mit einer Art grimmiger Befriedigung stellte ich fest, daß mein jahrelanges Berufstraining, Empfindungen auszuknipsen wie elektrisches Licht, bei Vanessa offensichtlich versagte.

Es war jetzt sechs Uhr. Ich bin ein Morgenmensch und um diese Stunde besonders ansprechbar. Endlich müßte der Spuk enden, aber da irrte ich, denn ich ertappte mich wieder bei der Frage, ob Vanessa eine gute Laiendarstellerin sein konnte. Ich kochte mir einen starken Kaffee und kämpfte gegen die Versuchung, noch vor Dienstantritt Pythia aufzusuchen, wie wir im Wald von Langley die vielbegehrte Dame nannten.

Sie war nicht aus Fleisch und Blut, sondern bestand aus Drähten und Sicherungen, Transistoren und Mikroprozessoren. Sie hatte auch nichts mit dem Orakel von Delphi zu tun; sie war beinahe eine Alleswisserin. Ein kleines Heer von Programmierern stand in ihren Diensten und war gehalten, noch am gleichen Tag die im Headquarter aus aller Welt eingehenden Informationen auf Magnetband zu speichern und nachzutragen. Die Programme, im Fach-Chinesisch Software genannt, stellten geballtes Wissen rund um den Globus dar und konnten in Sekundenschnelle ebenso feststellen, wieviel Mega-Tote eine sowjetische SS-II-Rakete bei einem Einschlag auf Bonn, Paris oder London produzieren würde, welche Politiker in einer harmonischen Ehe lebten und welche heimlich ins Bordell gingen, welche Positionen sie beim Liebesspiel bevorzugten und ob sie mehr für blonde, rote oder schwarzhaarige Partnerinnen waren; ob sie Tiere liebten, an Bluthochdruck litten und ob sie in ihrer Jugend die Röteln gehabt hatten, die politischen. Das Wesentliche stand neben dem Unwesentlichen; Nebensächlichkeiten gebärdeten sich größenwahnsinnig, und wenn man es wissen wollte, konnte man auch in wenigen Sekunden feststellen, mit wem und wie lange sich die streunende Gattin des kanadischen Premierministers zuletzt verlustiert hatte.

Der Computer war dabei, den Menschen zu seinem Spielzeug zu machen; der Zauberlehrling hatte sich längst über seinen Schöpfer erhoben und begonnen, ihn zu manipulieren. Es war kein Zufall, daß in fast allen Ländern der Erde die Geheimdienste die ersten gewesen waren, die eine elektronische Datenbank angelegt hatten. Der Mensch, das Ebenbild Gottes, bestand nicht mehr aus Leib und Seele, sondern aus Chips und Bits, der Recheneinheit seelenloser Roboter.

Natürlich war Pythia streng bewacht und nicht jedem zugänglich. Selbst wer Zutritt zu ihr hatte, konnte nicht alles von ihr erfahren, was sie wußte. Wer sie konsultieren durfte, hatte ein persönliches Code-Wort zu nennen; es enthielt automatisch die Sicherheits-Kategorie, in die Abfrager eingeteilt waren.

Es gab fünf, deren erste nur dem obersten CIA-Gewaltigen zugänglich war.

Steve Cassidy hatte mit der Category II die höchste Spitze erreicht, solange er nicht tatsächlich auf dem Stuhl Gregorys sitzen würde. Ich, zur Gruppe III gehörend, konnte mich über mangelndes Vertrauen nicht beschweren.

Die Männer, die Pythia bewachten, speisten und betreuten, wunderten sich nicht, daß ich schon um sieben Uhr morgens im Demonstrationsraum erschien. Ich war schon öfter zu dieser Stunde hier aufgetaucht, freilich nie einer eigentlich mehr persönlichen Nachforschung wegen.

Man ließ mich allein. Niemand brauchte meine Legitimation zu überprüfen. Pythia kontrollierte sich gewissermaßen selbst, und ein Geheimnisträger der Category III konnte Fakten bis zur Geheimhaltungsstufe III abrufen.

Ich nannte mein Code-Wort und rief dann vanessa miles ab.

Fehlanzeige.

Vermutlich wurde die Engländerin unter einem anderen Namen gespeichert.

Ich gab ihre Beschreibung ein.

Fehlanzeige.

Entweder war die subversive Ferienfreundin noch nicht im Programm enthalten oder in der Geheimhaltung so hoch eingestuft, daß meine Code-Vollmacht nicht ausreichte. Vielleicht aber hatte ich auch ihre Beschreibung nicht ganz exakt durchgegeben.

Ich präzisierte sie noch einmal.

Es war ja zu erwarten gewesen, daß der große Gregory seine Security-Lady nicht von mir entblättern lassen würde. Vermutlich erführe er jetzt gleich beim Betreten der siebten Etage, daß ich Pythia aufgesucht hatte, und genösse meinen Reinfall: Die Identität einer CIA-Mitarbeiterin, die mich zu kontrollieren hatte, war ein Tabu und mußte es aus dienstlichen Gründen auch bleiben – aber schließlich gab es ja auch noch persönliche Gründe.

Ich gab mich nicht so leicht geschlagen.

Nach einigem Nachdenken hatte ich eine brauchbare Idee.

Ich rief mich selbst ab.

Verblüffend schnell tauchte auch schon ein Konterfei auf dem Bildschirm auf: Längliches Gesicht, dichte Haare, schräg zueinander abgesetzte Augen, massive Nase, ausgeprägtes Kinn. Das Foto war nicht übertrieben schmeichelhaft, aber es ließ sich auch nicht übersehen, daß es mich darstellte.

Ich rief weitere Daten ab; der Bildschirm behauptete, ich sei verläßlich und zäh, entscheidungsschnell und intelligent, meine Kostenabrechnungen seien korrekt, meine Verdauung sei in Ordnung und mein Auftreten im Privatleben maßvoll distanziert. Dann wurden einige Fälle aufgezählt, an die ich gesetzt worden war und die ich angeblich so diskret gelöst hätte, daß meine Versetzung in den diplomatischen Dienst von der Agency befürwortet würde. Meine deutsche Abstammung wurde ebenso vermerkt wie die Tatsache, daß ich keine näheren lebenden Verwandten mehr hätte. Das Spieglein an der Wand sagte mir dann auch, daß gegen mein späteres Aufrücken in die Category II vorderhand keine Bedenken bestünden. Man hatte mich wirklich fair eingeschätzt, und alles in allem war mein Persönlichkeitsbild eher schmeichelhaft.

Aber das alles interessierte mich weit weniger als die letzte Ergänzung, in der es hieß, daß ich nach Beobachtungen der Kontaktperson Fxix-199 zwar sexuell ansprechbar sei und romantische Neigungen zeigte, sofern die Partnerin den richtigen Ton träfe.

Ich zündete mir eine Zigarette an, um den Tiefschlag zu verdauen. Ich hatte vergessen, daß ich seit Wochen nur kalt rauchte. Und dann rief ich die F-Kontakt-Person ab – F stand für femal, weiblich. Ich zog noch heftiger an meiner Zigarette, denn jetzt erschien Vanessa auf dem Bildschirm.

Sie hieß nicht Vanessa, sondern Madge, und nicht Miles, sondern Fiddler; sie war nicht 29, sondern 32, keine Junggesellin, sondern eine junge Witwe, seit dem plötzlichen Unfalltod ihres Mannes vor drei Jahren in Nicaragua. Sie war keine Engländerin, sondern stammte aus Boston/Massachusetts, und Bali war ihr erster Einsatz gewesen.

Viel mehr gab ihr Karteiblatt nicht her.

Vorderhand genügte mir das, und ich spürte einen wilden Triumph, daß es mir gelungen war, mit Pythias Hilfe den großen Gregory zu übertölpeln.

Entweder wußte er es nicht, oder er ließ es sich nicht anmerken, als ich ihm Punkt neun Uhr in seinem Office gegenübertrat. Diesmal löffelte er keinen Joghurt, sondern Corn-flakes, und zwar so genüßlich, als wäre es Kaviar.

»Guten Morgen, Sir, und guten Appetit«, begrüßte ich ihn. »Sie tun wirklich viel für Ihre Gesundheit.«

»Thanks a lot«, entgegnete er. »Ausgeruht, Lefty?«

»Ziemlich.«

»Sie haben mit Steve Cassidy gesprochen?«

»Ja«, antwortete ich. »Er ist Ihrer Meinung, Sir.«

»Wann fliegen Sie?« fragte er, viel zu selbstherrlich, um sich zu vergewissern, ob ich überhaupt nach Deutschland abreisen würde.

»Sowie Sie es für angebracht halten, Sir.«

»Thanks, Lefty«, entgegnete der Vice, »Ich werde Ihren Eifer bei der abschließenden Beurteilung nicht vergessen.« Er schob seinen Teller beiseite. »Nunmehr sehe ich mich auch in der Lage, einige Ergänzungen nachzutragen«, schönte er die Tatsache, daß er mir gestern ein unvollständiges Dossier zur Analyse übergeben hatte. »Der Verrat Nummer drei in den Flugzeugwerken bei München hat eine natürliche Erklärung gefunden. Ihrem Freund Steve war aufgefallen, daß der anonyme Anrufer nicht – wie bei den vorhergehenden Hinweisen – mit einer neutralen Kunststimme gesprochen hatte, sondern mit seiner natürlichen. In Zusammenarbeit mit den BND-Leuten ließ Cassidy in der Kantine verbreiten, der Informant könne mit einer hohen Belohnung rechnen, wenn er zum Vorschein käme. Schon einen Tag später meldete sich ein Mann aus dem Ingenieurbüro und gab an, der Anrufer zu sein. Er habe nicht als Denuziant seiner Arbeitskollegen dastehen wollen, umgekehrt aber auch nicht zusehen können, wie seine Firma Schaden erleide.«

»Und die Stimme war identisch?« fragt ich.

»Kein Zweifel.«

Ich wunderte mich, daß Gregory trotz dieser eigentlich negativen Sachlage so optimistisch war.

»Aber die Kunststimme hat sich inzwischen wieder gemeldet«, klärte er das Rätsel. »Auf einer Tonbandkassette, die Pullach zugesandt wurde«, berichtete der große Gregory. »Ein Unbekannter hat sich als der Sperber und als ein Stasi-Spitzenmann vorgestellt, der, unzufrieden mit den DDR-Verhältnissen, sich unter Umständen in den Westen absetzen wolle.«

»Welche Umstände?« fragte ich. »Geld?«

»Sie Hellseher«, entgegnete er. »Fünfhunderttausend Dollar.«

»Wo und wie sollen die Übergabeverhandlungen stattfinden?«

»Soweit sind wir noch lange nicht. Es gibt gewisse Hinweise, daß in Bonns Auswärtigem Amt eine undichte Stelle sein muß. Wir werden als Vorleistung die Nennung eines potentiellen Verräters verlangen. Erst nach diesem Test sollen BND und CIA in einer Gemeinschaftsaktion dem Angebot nähertreten.«

»Und wenn es keinen AA-Maulwurf gibt?« fragte ich. »Schließlich sind das ja bis jetzt erst unbewiesene Gerüchte.«

»Dann werden wir einen anderen Test veranstalten. Leider gibt es reichlich Nüsse, die zu knacken sind.«

»Sie wollen also bezahlen, Sir?«

»Unter Umständen«, entgegnete der Vice. »Aber ich will nicht die Katze im Sack kaufen. Ich bin mit Steve Cassidy der Meinung, daß vielleicht Sie, Lefty …«

»Ich übernehme ungern die Verantwortung für eine halbe Million Dollar, die der US-Steuerzahler wahrscheinlich zum Fenster hinauswirft.«

»Das wäre noch das wenigste«, erwiderte Gregory. »Vielleicht geht es um eine ganz andere Größenordnung. Wenn der Sperber im Auftrag von General Lupus handelt, dann wollen diese Hundesöhne noch weit mehr von uns als eine halbe Million Dollar.«

Er sprach nur aus, was ich längst dachte. Es war wirklich eine vertrackte Lage. Lehnte man das Sperber-Angebot von vornherein ab, drohte Gefahr, daß eine einmalige Chance versiebt würde; stieg man ein, mußte man damit rechnen, in eine Falle zu stolpern, deren Ausmaß man nur ahnen konnte. Ich war lange genug in der Branche, um das Dilemma zu erfassen, und das bedeutete fast automatisch, daß es mich natürlich auch reizte.

»Haben Sie schon gehört, Lefty«, wechselte Gregory sprunghaft das Thema, »Barry Wallner ist tot.«

››Ich habe es noch nicht gehört, Sir«, erwiderte ich.

»Wie gut haben Sie ihn gekannt?«

»Gut genug, um nicht gleich in Tränen auszubrechen«, antwortete ich.

Barry Wallner war ein vielgelesener Enthüllungsjournalist, der für zahlreiche US-Blätter schrieb und in aller Welt nachgedruckt wurde. Er war ungemein einflußreich, und häufig wurden ihm besondere Beziehungen zum State Department, zu Agency und auch zum FBI nachgesagt. Manchmal sah es tatsächlich so aus, ganz bin ich nie dahintergekommen, aber der smarte Barry war uns auch schon ein paarmal in die Quere gekommen, und es hatte Ärger gegeben. Unser Verein hatte so viele Feinde, daß es nur gut sein konnte, wenn es einen weniger gäbe.

»Schlimme Sache«, fuhr Gregory fort. »Abgestürzt mit einer Privatmaschine.« Seine Redseligkeit machte mich hellhörig. »Vor drei Tagen schon. Ursache ungeklärt. Sein Körper so gut wie unkenntlich. Der Mann war überhaupt nur durch seine Fingerabdrücke zu identifizieren.«

»Bedauerlich«, entgegnete ich gefühlsarm. »Und woher haben wir seine Fingerabdrücke gehabt?«

»Er war mal wegen Trunkenheit am Steuer in eine politische Untersuchung geraten«, erläuterte der CIA-Vice.

»Da sieht man, für was Alkohol gut sein kann«, erwiderte ich.

Entgegen seiner Art ließ mir dieser Puritaner die Bemerkung durchgehen. Er sah mich an mit seinen Augen, die wie kleine Krater in einem erloschenen Vulkan wirkten. Ich nahm nicht an, daß er von mir einen Nachruf auf Barry Wallner erwartete, aber wenn er den berühmten Berüchtigten ins Gespräch gebracht hatte, mußte er seine Gründe dafür haben.

»Noch weiß niemand etwas von dem Unfall«, blieb Gregory hartnäckig bei dem abgestürzten Top-Journalisten Barry Wallner. »Wir haben inzwischen die Untersuchung abgeschirmt. Für mich ergaben sich dabei einige interessante Einzelheiten: Der Mann ist Junggeselle. Er hat keine Kinder, keine Eltern mehr, keine Freunde, die ihm besonders nahestanden, und überhaupt …«

»Und vor allem keine Freundin«, warf ich mit einem gewissen Lächeln ein, denn die homophilen Neigungen des Publizisten waren schließlich jedermann bekannt. Es begann mir zu dämmern, worauf der Vice womöglich hinauswollte. Aber ich wehrte mich dagegen, mir jetzt, kurz vor Torschluß, bei einem letzten Einsatz auch noch eine pinkfarbene Identität verpassen zu lassen. Für die Operation selbst spielte es keine Rolle, denn für die Zeit des Einsatzes sind Frauen und Alkohol tabu und, wie ich annehme, für Angehörige des dritten Geschlechts auf Gays, wie man in den Staaten die Freunde der Gleichgeschlechtigkeit nennt.

»Hat eigentlich der Flugzeugabsturz Barry Wallners etwas mit dem Fall Sperber zu tun?« fragte ich.

»Es ist nicht auszuschließen«, antwortete der große Gregory. »Ein Mann wie dieser Enthüllungsjournalist hat seine Finger in vielen heißen Geschichten gehabt.«

»Dann wäre es also kein Absturz, sondern ein Attentat?«

»Nicht so abwegig, wir überprüfen das gerade.«

»Dann ergibt sich die nächste Frage: Wer hat Barry Wallner aus dem Weg räumen wollen?«

»Da gäbe es diverse Möglichkeiten«, erwiderte der Vice. »Sie reichen vom eifersüchtigen Strichjungen bis zum sowjetischen KGB – falls der Mann tatsächlich aus dem Weg geräumt worden ist«, stellte die springlebendige Mumie klar.

»Warum ist eigentlich die Meldung über Barrys Tod noch nicht bekanntgegeben worden?«

»Weil der Fall noch nicht abgeschlossen ist«, erwiderte der CIA-Gewaltige. »Er liegt genauso auf Eis wie der Tote. Sein Agent und Verlag kommen uns insofern entgegen, als sie den Absturz verschweigen wollen, bis Barrys fast abgeschlossenes Manuskript fertiggestellt ist.« Erst jetzt kam er richtig zur Sache. »In der Tat hatte er zuletzt und seit langem an einer brisanten Geschichte gearbeitet. Er wollte ein Buch über Fluchthelfer-Organisationen schreiben. Dabei ist er mit einigen Firmen, wie zum Beispiel der Zürcher trasco ag, ins Geschäft gekommen. Deren Inhaber, Mauro Dressler, ist ein schillernder Abenteurer, ein bedenkenloser Geschäftemacher und erfolgreicher Hasardeur. Ich nehme an, der Name ist Ihnen schon einmal untergekommen, Lefty.«

»Wiederholt«, entgegnete ich.

Die trasco ag (Trans-Commerce-Aktiengesellschaft) war eine Großhandelsfirma im Fluchtgeschäft und machte im Handel keinen Unterschied zwischen Mensch und Geld. Sie schmuggelte Flüchtlinge aus der DDR und importierte illegale Devisen aus Frankreich und Italien in die Schweiz. Der Menschenexport brachte ihr mindestens 30000 pro Kopf; der Geldimport drei Prozent der geschmuggelten Geldsumme. In beiden Fällen hatte der Auftraggeber das Risiko zu tragen, und das hieß gegebenenfalls ein Kopfschuß an der Mauer oder eine mehrjährige Haftstrafe wegen Devisenschiebung.

Mauro Dressler übernahm fast jeden Auftrag; bei ihm ging alles, jedoch nie etwas ohne Geld. Er war nicht der einzige in diesem Metier, doch der erfolgreichste, geduldet im Westen, verhaßt im Osten. Bonn erwog gerade wieder einmal, ein Gesetz gegen seine den Transitweg von und nach Berlin gefährdende Aktivität zu erlassen. Aber das Verbot kommerzieller Fluchthilfe käme sicher aus vielerlei Gründen nicht zustande, und die Zahl der mehr als 700 Flüchtlinge, die die Trasco aus dem sogenannten Arbeiter-und-Bauern-Paradies im deutschen Osten hergeholt hatte – nicht selten auch im Auftrag westlicher Geheimdienste würde sich weiter erhöhen.

Im Machtbereich der DDR galten Leute wie Dressler als Kopfjäger und Menschenhändler. Dem immer wieder von Fluchthelfern übertölpelten Zwangsstaat stand weder moralisch noch juristisch das Recht zu, sich über die gutbezahlten Desperados zu ereifern, die Republikflüchtlingen über die Mauer halfen oder sie durch Minenfelder und Todesstreifen schleusten. Die DDR selbst nutzte im ganz großen Stil die Ware Mensch als Devisenbringer. Es war zu einer Art Waren-Termin-Geschäft geworden, zum Beispiel Häftlinge aus Bautzen gegen harte Währung zum Freikauf feilzubieten.

»Und der Zusammenhang zu unserem No Name Case oder dem Fall Sperber?« erwiderte ich.

»Wird zunächst einmal durch einen Mann namens Forbach hergestellt, der im Auftrag Dresslers Flüchtlinge aus der DDR herausholt, gleichzeitig aber auch für Pullach arbeitet.«

Von ihm hatte der erste, noch sehr vage Hinweis auf einen ganz hochstehenden Überläufer aus dem Osten gestammt.

»Gestern abend aber«, fuhr Gregory fort, »hat Dresslers geschiedene Frau Madeleine einem Spitzenfunktionär des Ostens in einem recht seltsamen Etablissement vermutlich subversives Material übergeben.« Er erhob sich. »Und Max Konopka gehört als potentieller Sperber mit zu unserer ersten Wahl«, stellte er fest.

»Und das Material haben wir?« fragte ich.

»Wir haben es nicht«, entgegnete der große Gregory und erhob sich.

»Sie sehen, Lefty, es gibt viel zu tun, bevor Sie in Ihren neuen Dienst überwechseln und mit dem Whiskyglas in der Hand für Bett und Sternenbanner streiten.« Er reichte mir die Hand. »Den Rest Ihres Lebens können Sie dann ungehindert unter Ihrem richtigen Namen verbringen.«

»Falls er mir wieder einfällt, Sir«, erwiderte ich.

»Sie haben wirklich Einfälle, Lefty«, versetzte Gregory. »Ich freue mich, daß Sie so in Form sind. Irgendwie habe ich Sie doch unterschätzt und nicht damit gerechnet, daß Sie Pythia für private Nachfragen mißbrauchen könnten.«

Er hatte es also doch erfahren.

»Ich müßte Ihnen jetzt einen Verweis erteilen«, fuhr er fort. »Aber ich werde Sie nicht für einen Fehler verantwortlich machen, der mir unterlaufen ist.«

Es war das seltsamste Eingeständnis, das ich je von Gregory gehört hatte. Ich traute ihm nicht, und doch – wie sich hinterher herausstellen sollte – noch immer zu viel.

»Nachdem das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, sehe ich mich gezwungen, Ihnen – entgegen unseren Spielregeln – doch einige Auskünfte persönlicher Art zu erteilen.« Der Vice machte eine Kunstpause, als müßte er einen Anfang suchen und hätte sich seine gezuckerten oder gesalzenen Worte nicht längst zurechtgelegt. »Also, Madge Fiddler ist keine CIA-Bedienstete im üblichen Sinn, Sie wissen ja, Lefty, daß es bei mir keine persönliche Protektion gibt, aber in gewisser Hinsicht ist die Dame mit mir sogar verwandt.«

»Verwandt, Sir?«

»Ja«, bestätigte er. »Madge ist – das heißt natürlich, sie war – die Frau meines einzigen Neffen, eines sehr tüchtigen Rechtsanwalts. Er ist in Managua bei einer Schießerei, mit der er nicht das geringste zu tun gehabt hatte, ums Leben gekommen. Niemand kann sagen, ob Rebellen oder Somoza-Leute ihn getötet haben. Die junge Witwe hatte es schwer, darüber hinwegzukommen. Es war ja auch eine fürchterliche Geschichte. Ich habe mir lange überlegt, wie ich Madge ein wenig ablenken könnte und ob ich es dürfte. Ich habe dann – ihr zuliebe – alle Bedenken zurückgestellt und sie in diese Reisegruppe gesteckt, mit dem Auftrag, den Sie ja nun kennen, Lefty. Auf diese Weise also ist Madge an Sie geraten. Sicher wollte ich weder mit den Gefühlen meiner angeheirateten Nichte noch mit Ihrer Intimsphäre Schindluder treiben«, behauptete Gregory. »Sollten Sie mehr füreinander sein als eine flüchtige Reisebekanntschaft, kann ich es leider nicht mehr ändern. Höhere Gewalt gibt es immer mal, und meistens zur unrechten Zeit.«

Die Vorstellung, daß der Vice Verwandte kennen könnte, war an sich schon absurd, daß er ihnen beistehen würde, geradezu grotesk. Mit diesen Erfahrungen verwirrte er mich jedenfalls momentan mehr als mit dem Sperber-Material.

»Aber etwas müssen Sie mir jetzt versprechen, Lefty«, fuhr er fort. »Keinen Kontakt vor Abschluß dieses Falls. Keinerlei Nachforschungen. Ich verlasse mich darauf.«

»Gut, Sir«, erwiderte ich.

»Hinterher können wir über alles sprechen«, beteuerte die Mumie.

Es war nichts gegen eine solche Vereinbarung einzuwenden; Gregory hatte recht, aber es wäre für mich nur ein Ansporn mehr, so rasch wie möglich mit der Klärung voranzukommen.

Noch in der gleichen Nacht wollte ich nach München abfliegen, falls der CIA-Gewaltige nicht noch einmal in seine Wundertüte griff.

6

Ein kurzes Zwischenhoch lockte sonnenhungrige Großstädter in das Naherholungsgebiet. Seit dem frühen Morgen wurde das malerische Isartal von Ausflüglern aus München überschwemmt. In Rudeln durchzogen sie die sattgrüne Landschaft, in der einst die ›alten Rittersleut‹ zu ihren Raubzügen aufgebrochen sein sollen; sie waren blicklos für das abgesperrte, streng bewachte 60000 Quadratmeter große Areal hinter einer eineinhalb Kilometer langen Mauer zehn Kilometer südlich von München. Hier, im hausintern so benannten ›Camp Nikolaus‹, hatte sich die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes eingenistet, und so blühten, mitten im Grünen, die Geheimnisse im Verborgenen.

Dem Hoheitsadler, der den Eingang bewachte, war von der ersten Nachkriegsbesatzung – amerikanischen Postzensoren – das Hakenkreuz aus den Klauen geschlagen worden, und er gemahnte so noch lange als Pleitegeier an Tatsachen, die mancher Insasse des Camps – inzwischen zum Erfüllungsgehilfen der amerikanischen Besatzungsmacht aufgerückt – nur zu gern verdrängt hätte. Daß es nicht ganz geschähe, dafür hatte zu Zeiten der Organisation Gehlen (ORG) eine Crew von etwa 50 US-Kontrolloffizieren gesorgt, die täglich ins Camp eingerückt war, um ihren umgefärbten ›Camel‹-und ›Candy‹-Spionen auf die Finger zu sehen.

Nunmehr hielten sich nur noch einige CIA-Leute in der BND-Zentrale auf, als Gäste, nicht als Fronvögte, aber nach wie vor bestand zwischen Pullach und dem Wald von Langley eine direkte Nachrichtenbrücke, die dafür sorgen sollte, daß Verbündete auch Informierte blieben, selbst wenn das Bestreben – zumindest in einem gewissen Stadium –, Geheimnisse voreinander zu bewahren, legitim und beiderseitig ist.

Ein Fallstrick, in dem sich Nachrichtendienste immer wieder verfangen. Um den Kreis der Mitwisser klein zu halten, erhält man wichtige und nötige Informationen selbst als Partner normalerweise meistens nur dann, wenn das Kind im Brunnen liegt oder wenn die Geheimaktion bereits ruchbar geworden ist.

Innerhalb des Nachrichtenkrieges stehen nicht nur Westen kontra Osten, sondern tragen die Nato-Länder gelegentlich auch unter sich einen Grabenkampf auf sozusagen nationaler Ebene aus. Aber noch nicht einmal da endet das Fiasko: Selbst im eigenen Land konkurrieren subversive Organisationen, und das heißt, daß sie oft mehr gegeneinander als miteinander arbeiten, zumal die Kompetenzen meistens nur ungenau geregelt sind. Zum Beispiel der Verfassungsschutz gegen den Bundesnachrichtendienst in Deutschland oder in den Staaten das FBI gegen die CIA, von den militärischen Abschirmdiensten, die es hüben und drüben gibt, gar nicht zu reden.

Steve E. Cassidy, eine in Pullach zunächst freundlich beargwöhnte CIA-Leihgabe für die Dauer des Falls Sperber, erwies sich sehr bald als eine mehr angenehme Überraschung. Der mittelgroße untersetzte Mann mit dem breiten Gesicht, den schütteren Haaren und der Hakennase konnte zuhören, ohne zu unterbrechen. Er äußerte keine Befehle, sondern Bitten, gab keine unerwünschten Ratschläge, stellte keine überflüssigen Fragen und bewies durch Randbemerkungen, daß er im subversiven Fach eine Koryphäe war.

Er saß bei den Besprechungen einfach mit am Tisch, in der Art eines Ehrenpräsidenten, der still und aufmerksam die Tätigkeit des amtierenden Clubvorstandes verfolgt. Der Verein war staatlich geschützt, immens groß und so kostspielig, daß die Gelder, die er fraß, im Bonner Etat nur verschleiert ausgewiesen wurden, etwa eine halbe Milliarde Mark pro Jahr, vielleicht auch noch viel mehr.

Außer dem Amerikaner, dem ständig hier stationierten CIA-Beauftragten und dem BND-Präsidenten waren nur noch drei hochrangige Experten des Hauses mit allen Einzelheiten des im großen Stil sich anbahnenden Ost-West-Duells im Untergrund vertraut: die Ressortchefs der Auswertung, der Gegenspionage und der Zentralkontrolle, der die Abriegelung nach außen und die Verschlüsselung nach innen oblag. Daneben gab es noch eine Reihe von Zulieferanten, die jedoch nur Detailkenntnisse haben konnten, selbst die auf DDR-Gebiet Operierenden.

Pullach hatte natürlich auch hinter der 134 km langen Grenzlinie zum anderen Deutschland seine Leute, als V-Männer, Tipper und Forscher, eingeteilt in Penetrierungsquellen, Überprüfungsquellen, Reisequellen und Transitquellen. Hinter diesem Untergrundvokabular verbarg sich die simple Tatsache, daß der Gegner genauso unterwandert war wie man selbst. Spionage und Gegenspionage sind eineiige Zwillinge. Selbst extreme Wachsamkeit half da wenig.

Auch der gepflegteste Rassehund wird immer wieder von Flöhen befallen.

»Sie können sich nicht vorstellen, Steve, was sich zur Zeit auf der anderen Seite abspielt«, sagte Ritter, der Chef der Auswertungsabteilung bei der zwanglosen Morgenbesprechung: »Es sieht so aus, als würden wegen Sindelfingen die Köpfe rollen. Man sprich im DDR-Staatssicherheitsministerium von Strafversetzungen, Degradierungen und Untersuchungsverfahren. General Lupus soll von seinem Minister zusammengestaucht worden sein. Selbst bewährte Spitzengenossen müssen sich demütigende Kontrollen gefallen lassen.«

Cassidy, der Dauergast, zeigte wenig Schadenfreude.

»Skeptisch, Steve?«

»Sagen wir mal mißtrauisch«, erwiderte der Amerikaner. »Die ganze Hexenjagd kann eine Theateraufführung sein, um uns an der Nase herumzuführen.«

Ritter nickte.

»Oder die hektische Verfolgung ist echt, dann könnte sie einem wirklichen Sperber an den Kragen gehen, bevor er uns noch richtig von Nutzen wäre.«

Der CIA-Spezialist lenkte das Gespräch auf das Intermezzo im Blauen Haus.

»Wir hätten natürlich ohne große Schwierigkeiten das Material an uns bringen können, das ihr vermutlich von Konopka übergeben worden ist«, sagte der Ressortchef ›Auswertung‹. Aber erstens bestand die Gefahr, daß es sich selbst zerstört, und dann erschien es uns wichtiger, nichts zu überstürzen und von nun ab Madeleine Dressler zu beobachten.«

»Die geschiedene Frau des Trasco-Chefs?«

»Ja«, erwiderte Ritter, ein Eierkopf, der auch pragmatisch handeln konnte und sich mitunter Zynismus erlaubte. »Da bestehen keine Zweifel; die Identität dieser Westschweizerin – sie stammt aus der Gegend von Lausanne – ist geklärt und bestätigt.«

»Wie sind Sie auf die muntere Dame gekommen?«

»Wir halten das Blau Haus unter Kontrolle, seitdem wir wissen, daß gelegentlich der Genosse Konopka dort auftaucht.«

»Und woher wissen Sie das, Peter?«

Ritter zögerte, so lange nur, daß es Cassidy gerade noch bemerken konnte. »Well«, entgegnete er. »Ich will Ihnen eines unserer bestgehüteten Geheimnisse anvertrauen, Steve: Wir haben für Konopka die Bürgschaft in dem feinen Etablissement gestellt. Über einen Strohmann.« Er schnurrte wie die Katze, die die Maus gefressen hat. »Haben Sie uns unterschätzt?«

»Ich möchte mal sagen: Überrascht, Peter«, versetzte der Amerikaner. »Und was halten Sie von der Trasco?«

»Manchmal ist sie nützlich, manchmal schädlich«, erwiderte der Ressortleiter. »Es gibt da einige Leute, die ich ganz gern bei uns sähe.«

»Aber der eine oder andere arbeitet doch ohnedies für Sie, oder?«

Ritter betrachtete seinen Dauergast nachdenklich. »Diesmal haben Sie mich überrascht«, antwortete er. »Sie meinen diesen Forbach?«

»Erraten, Peter.«

»Ein verwegener Bursche, so eine Art Landsknechttyp, als verläßlich eingestuft. Sein Bruder wurde bei einem Versuch, über die Mauer zu entkommen, erschossen. Seitdem haßt er die Vopos und die DDR.«

»Und der Bruder?«

»Ist echt«, entgegnete Ritter. »Keine Frage, glasklares Motiv.«

»Aber Forbach nimmt auch Geld.«

»Und nicht zu wenig«, bestätigte Ritter. »Der Trasco-Chef spart weder beim Einnehmen noch beim Ausgeben; er verdient Geld wie Heu – vielleicht arbeiten deswegen einige recht brauchbare Leute auf den Transitwegen für Dressler statt für uns.«

»So minderbemittelt?« spöttelte Cassidy.

»Wir sind keine Verschwender«, entgegnete Ritter. »Und auch keine Hasardeure. Und wir möchten auch älter werden, als es dieser Mauro Dressler vermutlich werden wird.«

»Und was hat seine Frau mit Konopka zu tun?«

»Zunächst einmal«, erwidert Ritter, »ist es nur eine Vermutung. Es läßt sich nicht mit Sicherheit ausschließen, daß eine Liebesattacke des volkseigenen Casanovas einen unerwarteten Verlauf genommen hat. In diesem Haus ist diesbezüglich alles möglich.«

»Und wie ist Madeleine Dressler überhaupt in das reizvolle Etablissement gekommen?«

»Als frühere Ehefrau von Mauro Dressler.«

»Er ist also auch Mitglied?«

»Und ein sehr rühriges«, entgegnet der BND-Ressortchef anzüglich. »Allerdings mehr als Voyeur denn Akteur.«

»Wir gehen also von einer unbewiesenen Voraussetzung aus«, sagt der Amerikaner.

»Von einer unbewiesenen, aber wahrscheinlichen«, versetzte der Pullacher Spitzenmann. »Allein die Tatsache, daß Konopka und Dressler, zwei Männer in völlig konträren Positionen, im gleichen Privatclub verkehren, ist schon höchst ungewöhnlich. Und das Ungewöhnliche reizt, selbst wenn wir es durch unsere Bürgschaft für Konopka eigentlich erst ermöglicht haben.«

»Und wie kommt Madeleine Dressler ins Spiel?« fragte Cassidy interessiert.

»Jedenfalls ziemlich plötzlich«, antwortet Ritter. »Wenn ihr Konopka tatsächlich Material übergeben hat, dann war dieser Transfer jedenfalls fachmännischer und raffinierter als die Weiterreichung der Sperber-Kasette. Es sieht übrigens so aus, als hätten wir ihre Herkunft inzwischen einigermaßen geklärt«, stellte der Ressortchef Ritter fest. »Sie wurde vorgestern morgen auf dem Postamt in Berlin-Charlottenburg aufgegeben. Keine Fingerabdrücke. Das Fabrikat läßt auch keinerlei Rückschlüsse auf die Kaufquelle zu, es ist handelsüblich, in jedem Laden zu haben. Aber ein Schalterbeamter glaubt sich zu erinnern, daß die Sendung von einer eleganten Dreißigerin abgegeben wurde, die Berliner Dialekt sprach. Der Mann kann sich irren oder ein Wichtigtuer sein. Im übrigen ist er nicht in der Lage, die Absenderin näher zu beschreiben. Elegant ist ja auch so ein Begriff, und mit dem Alter irrt man sich bei Damen bekanntlich immer wieder.«

»Trotzdem ist diese Versandart ziemlich ungewöhnlich«, erwidert Cassidy, der beinahe aktzentfrei deutsch sprach, sowie auch seine Pullacher Gesprächspartner Englisch weitgehend beherrschten.

»Vielleicht ist es ein Trick, daß es so laienhaft aussieht«, versetzte der Chef der Auswertung.

»Könnte ich das Band noch einmal abhören?« fragte der Amerikaner.

»Natürlich«, entgegnete Ritter. »Wir wollen ohnedies in den Vorführraum.«

Er lag gleich nebenan, war schalldicht, hatte keine Fenster. Die Geisterstimme dröhnte aus vielen Lautsprechern, unwirklich und doch real, blechern, eine Stimme ohne Herkunft und Charakter:

»Hier meldet sich der Sperber«, spulte die explosive Nachricht vom Band.

Ich habe Ihnen Sindelfingen und Bonn als Antrittsgeschenke überbracht als Beweis, von welchem Wert ich für Pullach und Langley sein kann, falls wir miteinander ins Geschäft kommen. Ich stehe in einer Position, die mir Einblick in viele DDR- und SU-Vorgänge ermöglicht, die unter Geheimverschluß stehen. Ich bin über die Tätigkeit von DDR-Agenten in der Bundesrepublik informiert und in der Lage, ihre Namen aufzudecken, ihre Identität zu enthüllen und zu beweisen, in welche Spitzenstellungen in der Politik, der Wirtschaft, beim Verfassungsschutz, beim Bundesnachrichtendienst und in der Bundewehr sie gelangt sind.

Ich kann Ihnen auch mitteilen, welcher Abteilungsleiter bei der BRD-Vertretung in Ostberlin, Hannoversche Straße, direkt mit der Stasi-Zentrale zusammenarbeitet.

Ich bin dazu bereit, weil ich mit dem SED-Staat brechen will.

Ich kann es aber nur wagen, wenn meine Zukunft gesichert wird. Ich benötige einen anderen Namen, eine neue Identität und ein Asyl, am besten in den USA. Zur Abschirmung gegenüber meinen Verfolgern gehört auch meine finanzielle Sicherstellung. Dafür erhalte ich einen Barbetrag von fünfhunderttausend Dollar für notwendig.

Als Stasi-Fachmann weiß ich, daß meine Informationen eigentlich unbezahlbar sind.

Demnächst melde ich mich wieder in einer mir geeignet erscheinenden Form, um zu erfahren, ob Sie grundsätzlich mit einer solchen Vereinbarung einverstanden sind, und auch um zu erfahren, wodurch und inwieweit die absolute Geheimhaltung meines Vorhabens garantiert werden kann.

Sofern Sie diese Voraussetzungen erfüllen, bin ich bereit, mit einem beauftragten Bevollmächtigen an jedem Ort außerhalb des Staatsgebietes der DDR zusammenzukommen, um die Vereinbarungen zu treffen und zu realisieren. Ende.

»Der Sperber«, las Ritter zwischen Ernst und Belustigung aus einem Konversationslexikon vor, das er sich gegriffen hatte, »schießt mit ungewöhnlich raschen kräftigen und sehr flachen Flügelschlägen dahin, erreicht erstaunliche Fluggeschwindigkeiten und stürzt sich in rasender Fahrt auf sein Opfer.«

Cassidy ließ sich das Band noch einmal vorspielen, aber es brachte in so wenig weiter wie die zoologische Würdigung des Raubvogels. Die Nachricht war interessant und lächerlich, eine seltsame Mischung, halb Karl May, halb James Bond, reichlich abenteuerlich und völlig undurchsichtig.

»Lassen wir einmal offen, ob der Mann ein trojanisches Pferd ist, oder wirklich mit uns ein Geschäft machen will«, sagte der CIA-Experte. »In beiden Fällen steht fest, daß der große Unbekannte die Möglichkeit hat, aus der DDR auszureisen, nicht nur ins neutrale Ausland, sondern sogar in die Bundesrepublik. Das wiederum läßt den Rückschluß zu, daß er bei uns nicht als Agent geführt wird und das Vertrauen von General Lupus in besonderem Maße genießt. Wie wir wissen, tut es im Osten Vertrauen allein nicht«, fuhr Cassidy mit einem anzüglichen Lächeln fort. »Der Bursche müßte den Stasi-Leuten auch noch andere Sicherheiten zu bieten haben.«

»Sie sehen das richtig, Mr. Cassidy«, entgegnete Ritter, der in Pullach genauso als exzellenter Fachmann bekannt war wie auf der anderen Seite der sächselnde Lipsky mit dem roten Punkt an der pikanten Stelle. »Bei Funktionären mit Diplomatenpaß nehmen wir immer an, daß sie nicht nur wegen eines Sektfrühstücks in den Westen reisen, können ihnen aber das Gegenteil meistens nicht beweisen. Damit kommen prima vista als Sperber – ich spreche jetzt rein theoretisch – General Lupus selbst, Konopka und Brosam in Frage. Diese drei können jederzeit die zugemauerte Grenze passieren«, stellte der Auswertungsspezialist fest. »Selbstverständlich kann sich auch ein anderer Spitzenmann eine Ausreisegenehmigung besorgen.«

»Die Frage ist nur, ob er in den Osten zurückkehren oder im Westen bleiben will«, erwidert Cassidy mit einem süffisanten Lächeln. »Und was soll der Hinweis auf die BRD-Mission in Berlin bedeuten?«

»Sieht nach einer dritten Morgengabe des Sperbers aus. Wir haben seit langem den Verdacht, daß irgendwie aus dem Auswärtigen Amt Geheiminformationen hinausgetragen werden. Wir haben Nachforschungen angestellt und auf die Botschaften im Ausland ausgedehnt, selbstverständlich auch auf unsere Vertretung in Ostberlin. In keinem Fall hat sich auch nur die Andeutung eines Verdachts ergeben.«

Cassidy war zu höflich, um festzustellen, daß sich ein Verrat auf höchster Ebene zehn Jahre lang im Pullacher Camp hingezogen hatte und daß der schließlich entlarvte Mann von der Gegenspionage, ein Günstling des alternden Generals, trotz seiner DDR-Geburtsstadt durch alle Sicherheitsprüfungen mit Bravour hindurchgekommen war. Felfe, so hieß der Maulwurf, einer der Ehemaligen aus dem Reichssicherheitshauptamt, der kaum weniger schädlich gewesen war als Guillaume, hatte bis dahin Pullachs Führungssrolle in der Ost-Spionage mit einem Schlag zerstört – die CIA war seinerzeit zu der Rechnung gekommen, daß fast drei Viertel alles ihr vorliegenden Wissens um den östlichen Gegner aus BND-Quelle stammte.

Was seinen guten Ruf betrifft, bleibt freilich kein Geheimdienst der Welt lange Jungfrau.

Auch jetzt, an einem Schönwettertag wie aus dem Bilderbuch, hingen wieder Wolken über dem Camp Nikolaus: Ein ehemaliger Topmann, der nach seinem Ausscheiden mit Hilfe bajuwarischer Vetternwirtschaft zum obersten Verfassungshüter im weiß-blauen Land aufgerückt war, hatte nach seinem Abschied vom Camp BND-Geheimakten (teils peinlichen Inhalts) hinter seinem Kamin versteckt und diversen Zeitungen als ›Spionage-Roman‹ angeboten. Die Sache war geplatzt und führte zum Unangenehmsten, was einem geheimen Nachrichtendienst drohen kann: Schlagzeilen in der Presse, Untersuchungsausschuß, Einleitung eines Strafverfahrens. Bevor der Fall ganz überschaubar war – vermutlich würde er es nie werden –, fragt sich der Mann auf der Straße bereits, welche berufliche, moralische und geistige Qualität ein hochdotierter Spitzenbeamter des Untergrunds eigentlich haben mußte.

Was erst jetzt bekannt wurde, hatte sich schon lange vorher ereignet, stammte noch aus der Zeit, da General Gehlen, für den der Zweite Weltkrieg nie zu Ende gegangen war, von der Elendsalm heruntergestiegen und mit 50 Stahlkoffern seines für Hitler gehorteten Materials übergangslos in die Dienste der Besatzungsmacht getreten war. Sein Opportunismus war der Nationalsozialismus; später mußten viele dem Mann recht geben, er, zu seinen Lebzeiten überschätzt und unterschätzt, glorifiziert und geschmäht, sich als Galionsfigur auf das selbst errichtete Denkmal gestellt hatte und aus dem Grab heraus mit einer nachgelassenen ›Verschlußsache‹ noch auf seine innenpolitischen Gegner schoß.

Papas Spion war tot; seine Nachfolger waren moderner, kühler, abwägender und in jedem Fall zurückhaltender, auch wenn sie bei ihren Bonn-Besuchen ihren Kontrolleuren nicht mit tarnendem Mummenschanz wie Schlapphut, Sonnenbrille und falschem Namen imponieren wollten. »Wir füttern zur Zeit dem Computer mit allen uns bekannten Tatsachen über die Stasi-Spitze«, sagte Ritter. »Die elektronische Datenverarbeitung läuft heiß. Ich warte noch ein, zwei Tage, aber dann kann ich Ihnen eine ziemliche verbindliche Sperber-Auswahl vorlegen, Steve.« Er lachte trocken. »Ich sehe keine besondere Gefahr, solange wir den Fall cool abwickeln. Manchmal fürchte ich zwar, auf einem Schleudersitz zu hocken, aber in der Haut unserer Gegner möchte ich noch weniger stecken.«

»Sie sind in Zugzwang«, erwiderte Cassidy.

»Und jeder Zug, den die andere Seite macht, muß eigentlich falsch sein. Sowie der Sperber aus der Deckung tritt, gibt er sich zu erkennen. Bevor er das Geld kassiert, muß er aus der Kulisse auftauchen.«

»Richtig, Peter …«

»Wir haben schon einige Vorleistungen, und wir werden dafür sorgen, daß sie sich vermehren, bevor wir einen Cent investieren. Mich macht nur nervös, daß für General Lupus der Faktor Zeit keine große Rolle spielt; er scheint seinen sowjetischen Lehrmeistern die Geduld zur Langzeitpolitik abgesehen zu haben.«

»Wir könnten die Affäre ohne großes Risiko vorantreiben, wenn wir uns zu einer ungewöhnlichen Maßnahme entschlössen«, stellt der CIA-Spezialist fest. »Da müßte allerdings Bonn mitspielen.«

»Was meinen Steve?«, fragt der Chef-Auswerter.

Cassidy entwickelte seinen Plan und sah, daß der Mann, er ihm zuhörte, ebenso fasziniert wie erschrocken war.

»Ihre Idee ist blendend«, sagte Ritter, »und siedend heiß. Ich werde sie unverzüglich unserem Präsidenten vortragen«, versprach er.

Es hieß im Klartext, daß nur eine Chance bestand, Bonns Zustimmung zu einer höchst ungewöhnlichen Manipulation zu erhalten: wenn sich Pullachs Hausherr voll hinter den Vorschlag stellte.

7

Mein Abflug nach Europa hatte sich verzögert, weil der große Gregory darauf bestand, daß ich mich vor meinem Einsatz noch intensiv mit Barry Wallners letztem Fall befaßte. Ich brütete über seinem Nachlaß, ohne mich lange zu fragen, wie er in die Hände der Agency gelangt war, lernte Namen und Daten auswendig und prägte mir tatsächliche oder vorgebliche Geschehnisse ein.

Vieles war mir bekannt, einiges neu; alles in allem eine Story wie Dynamit. Wie fast alle Themen, die der Enthüllungsjournalist angefaßt hatte. Wie ich unter der Hand erfuhr, hatte die Luftaufsichtsbehörde inzwischen festgestellt, daß der Absturz, dessen Opfer er geworden war, auf einen Motorschaden zurückging. Dieser Sachverhalt stellte bei einem Mann wie Barry das schier unlösbare Rätsel, ob das Debakel auf Fahrlässigkeit, Sabotage oder höhere Gewalt zurückging.

Barry Wallner hatte, wie es für seine Arbeitsweise typisch war, das Thema selbst aufgerissen und den Rahmen seiner Reportage persönlich erstellt, die Kontakte zu den Informanten hergestellt und die notwendigen finanziellen Vereinbarungen getroffen. Er brauchte dabei nicht knauserig zu sein; der New Yorker Verlag Fairway House, an dem er beteiligt war, konnte dank der hohen Auflage seines Top-Schreibers kräftig nachhelfen.

Der Pfadfinder gängiger Politskandale hatte bei einem längeren Europa-Aufenthalt vor einiger Zeit diverse Leute angesprochen, die aus der Fluchthilfe im Osten ein lukratives Gewerbe gemacht hatten. Ins Geschäft gekommen war er in erster Linie mit der Züricher trasco ag, deren Inhaber Mauro Dressler unbegreiflicherweise dazu neigte, mit seinen Erfolgen zu prahlen. Der Eidgenosse war der Typ, der gern mit offenem Hemd herumlief, um seine behaarte Männerbrust vorzuzeigen, dabei aber womöglich auf der Haut ein Toupet trug.

Der Wegwerfheld einer gelangweilten Gesellschaft charakterisierte den Prototyp eines Mannes, der fast immer reich, selten jedoch alt wird, ein Geschäftemacher, der aus Müll noch Goldkörner siebt und nicht selten auch auf der Schutthalde endet. Ein Konkurrent ähnlichen Kalibers, Aramco-Chef Hans Lenzlinger, ebenfalls mit Hauptsitz in Zürich, Ackersteinstraße 116, war vor einiger Zeit unter mysteriösen Umständen ermordet worden. Die Polizei hatte das Verbrechen nicht aufklären können. Als Täter kamen die Stasi-Leute aus Ostberlin genauso in Frage wie geprellte Geschäftspartner oder eifersüchtige Freundinnen. Es gab nicht sehr viel Trauer an seinem Grab, aber zu den Hinterbliebenen gehörten zwei Löwen, unter deren Fell die Geheimdienstmikrofilme mit subversiven Nachrichten gesucht hatten, vergeblich.

Mauro Dressler benahm sich vorsichtiger, obwohl er nicht, wie sein toter Rivale, mit vier Leibwächtern auftrat; aber sein Job war heiß, Gefahr sein Metier. Er galt als verschlagen und verwegen. Im Niemandsland der Legalität operierend, hatte er einen Ruf wie Donnerhall, im Guten wie im Schlimmen. Freilich konnte er auch in verzweifelten Fällen so etwas wie die letzte Hoffnung darstellen. Diese Hoffnung erfüllte sich häufig, doch niemals kostenfrei; er half meistens, immer jedoch nur gegen Gebühr.

Für einen Mann wie Barry Wallner, der eine untrügliche Witterung für Weizen in der Spreu hatte und daraus spannende Polit-Triller fertigte, Millionen-Seller, in Massenzeitungen vorabgedruckt, in viele Sprachen übersetzt, ein programmierter Bucherfolg rund um den Globus, war Mauro Dressler, der mit Informationen nicht geizte, eine Fundgrube und jedenfalls sein Geld wert.

Immerhin 50000 Dollar Vorschuß und eine Honorarbeteiligung von einem Fünftel. Gegenleistung: die exklusive Verwertung aller den Ost-West-Dschungel betreffenden Hintergrundoperationen durch den Verlag Fairway House, Park Avenue, New York, N. Y., soweit es sich – um eine Gefährdung der Beteiligten zu verringern – um bereits abgesschlossene Fälle handelte.

Der Top-Journalist wußte natürlich, daß sein Vertragspartner ein hemmungsloser und letztlich undurchsichtiger Abenteurer war. Er hatte sich deshalb abgesichert und zwei Männer aus der Crew des Menschen-Importeurs herausgepickt, die ihn zusätzlich mit bezahlten Informationen versorgten. Sie gehörten zu den Desperados, die zum Teil seit Jahren für die Trasco auf den Transitstrecken oder irgendwo sonst auf DDR-Territorium ihre Haut zu Markte trugen und dabei ständig Kopf und Kragen riskierten.

Zur Zeit saßen sieben aufgeflogene Dressler-Leute in DDR-Gefängnissen Freiheitsstrafen zwischen zehn Jahren und lebenslänglich ab; sie wurden längst durch Neuzugänge ersetzt. Vorübergehend für die Trasco arbeitete auch der Tankstellenbesitzer, Bastler und DDR-Hasser Michael Gartenschläger, der 1961 als Siebzehnjähriger von einem ostdeutschen Gericht wegen politischer Brandstiftung zu lebenslanger Haft verurteilt und zehn Jahre später von der Bundesregierung für 45000 DM freigekauft worden war. Dem Verwegenen gelang es zweimal sich vom Westen her der deutsch-deutschen Grenze nähernd, Tötungsmaschinen des Typs SM 70 auszubauen und zur kriminaltechnischen Untersuchung sicherzustellen. Beim dritten Versuch am 30. März 1976 starb der Mann, den die DDR-Presse einen ›Maschinenschlosser, Rias-Hörer, Brandstifter und Vandalen‹ nannte, im Kugelhagel der Kalaschnikow-Schnellfeuer-Gewehre; die Vopos hatten ihn zuvor nicht angerufen.

Dieses Ende mußten die Mitglieder der Dressler-Organisation vor Augen haben, wenn sie auf den Transitwegen versuchten, Menschen aus dem Land der Aufpasser und Anpasser herauszuschmuggeln. Mit Rücksicht darauf waren die Informationen in den Wallner-Unterlagen halbwegs verschlüsselt und die Männer, von denen sie stammten, ohne Namen; dabei war dem cleveren Barry doch eine Indiskretion unterlaufen: Er hatte sie auf einem Zettel mit S. und F. bezeichnet.

Ein Blitzbesuch bei Pythia diesmal dienstlich und nicht privat – zeigte mir an, daß S. für Schwarz und F. für Forbach stehen könnte. Schwarz bedeutete mir wenig, aber der Name Forbach elektrisierte mich, denn das war nach Zürich und Pullach bereits die dritte Hochzeit, auf der dieser Kommunistenfresser tanzte. Diese Feststellung führte automatisch zur Frage, an wieviel Untergrund-Veranstaltungen der Mann noch teilnehmen mochte.

In diesem Stadium des Falls hatte sich Barry Wallner üblicherweise zum Schreiben zurückgezogen und die weiteren Erkundigungen vor Ort an seine Rechercheure delegiert. In einem Brief an Dressler wurde ein gewisser Brian Singer als sein Beauftragter für künftige Gespräche angekündigt, ein neuer Mann und damit ein unbeschriebenes Blatt. Der private Investigator – angeblich ein As – sollte nicht dadurch auffallen, daß er womöglich in einer Sache bereits aufgefallen war.

Barry, der Schlagzeilen-Zauberer, hatte sich auf sein Handwerk nicht minder gut verständen als der große Gregory, der hartnäckig darauf bestand, daß ich als Brian Singer nach Europa abflog. Wie ich ihn kannte, hatte er seine Vorbereitungen dafür längst getroffen; es war auch vom fachlichen Gesichtspunkt nichts mehr dagegen einzuwenden, denn falls auf Wallner tatsächlich ein Attentat verübt worden war, bedrohte auch seinen Assistenten und Rechercheur bald ein Anschlag.

»Allerdings nur wenn er als solcher erkannt wird«, tat es der CIA-Vize ab. Dann können Sie sich wohl vorstellen, wie wir Sie abschirmen, Lefty.« Er löffelte wieder genüßlich seinen Gesundheitsbrei. »Und überhaupt – seit wann sind Sie denn so ängstlich?«

»Ich bin nicht ängstlich, Sir, nur vorsichtig.«

»Und das verlängert das Leben«, lobt er.

»Wie Joghurt und Corn-flakes«, verspottete ich seine frugale Lebensweise.

»Okay, Lefty«, überging er es. »Passen Sie auf sich auf. Ich möchte nicht, daß Amerika einen tüchtigen Nachwuchsdiplomaten in spe verliert.«

Sein Greisengesicht zeigte wieder das Vexierspiel mit Falten und Runzeln. »Ich werde hier in Langley verbreiten lassen, das Sie nach Erstellung eines Gutachtens wieder Holiday in Fernost machen – für alle Fälle.«

Die Schaffung einer neuen Identität dauerte sonst Wochen, wenn nicht gar Monate. Diesmal blieb keine Zeit mehr, gründlich in die Haut eines anderen zu schlüpfen, denn Steve erwartete mich dringend in München, und Brian Singer, der Mann mit dem unbeschriebenen Lebenslauf, machte es mir ohnedies leicht. Wie ich Gregory einschätzte, gab es ihn tatsächlich, und er machte im Gegensatz zu mir an irgendeinem entlegenen Fleckchen der Welt Ferien auf CIA-Kosten, während ich unter seinem Namen und mit einem darauf amtlich ausgestellten, wenngleich falschen Paß in die Ost-West-Schlammschlacht zog.

Mit einem Umweg über New York, damit die Verlagsangestellten wenigstens antworten konnten, falls sie nach dem Aussehen ihres brandneuen Mitarbeiters Brian Singer gefragt würden. Es war nur ein Minimum an Tarnung, aber das ist immer noch mehr als gar keine.

Ich saß in der Maschine nach New York, die nach Boston weiterflog. Als der Flugkapitän bei der Begrüßung dies seinen Passagieren mitteilte, spürte ich einen Stich in einer vernarbten Wunde. In Boston hatte Vanessa gelebt, aus der auf einmal Madge geworden war. Ich fragte mich ziemlich töricht, welcher der beiden Namen ihrer Persönlichkeit mehr entspräche. Es war müßig und auch unwichtig, darüber nachzudenken, denn ich konnte die selbstgestellte Frage ohne weitere Nachforschungen nicht beantworten – und ich würde mich natürlich an die Absprache mit Gregory halten und jeden Kontaktversuch vor Erledigung meines Auftrags unterlassen. Zudem wußte ich auch gar nicht, wo sie sich aufhielt und ob ich diesen Einsatz überleben würde. Vielleicht riskierte der große Gregory, mich noch kurz vor Torschluß zu verheizen, weil er es einfach nicht ertragen konnte, einen bisher nicht enttarnten Agenten ›unblutig‹ an das US-State-Department zu verlieren.

Ich versuchte, Vanessa zu verdrängen, aber sie geisterte wie ein Irrwisch durch mein Bewußtsein. Ich redete mir ein, daß Liebesträume nichts anderes seien als eine Infektionskrankheit der Psyche, aber gegen diese Ansteckung gab es vorderhand noch keine Antibiotika, und selbst das Training der Jahre, das Verlangen einfach abzustellen wie Wasser oder Strom, war vergebliche Anti-Liebesmühe.

Ich dachte nicht an das Verlangen nach Vanessa: Es dachte an mich.

Um drei Uhr p. m. landete die Maschine aus Washington pünktlich auf dem La-Guardia-Flughafen in New York, und da ich nicht zu den Passagieren gehörte, die nach Boston weiterfliegen durften, stieg ich aus, nahm ein Taxi und fuhr nach Manhattan. Wenn ich meine Vorstellung in Barry Wallners Verlagshaus schnell über die Runden brächte, könnte ich die Nachtmaschine nach Frankfurt noch erreichen und hätte dort sofort Anschluß nach München.

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