Kitabı oku: «Krisenkommando»
Will Berthold
Krisenkommando
Roman
SAGA Egmont
Krisenkommando
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Will Berthold Nachlass,
represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de).
Originally published 1980 by Heyne Verlag, Germany.
All rights reserved
ISBN: 9788711727041
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
1
Der Tag hatte sich auf dem richtigen Bein erhoben. Ich schob in meinem Hotelzimmer die Vorhänge beiseite und blinzelte gegen die Sonne. Etwas Schönwetter für den Privatgebrauch könnte nicht schaden, aber so leicht war das bei mir nicht, wiewohl sich inzwischen meine freien Tage mindestens zu Wochen, wenn nicht schon zu Monaten gehäuft haben mußten.
Ich setzte mich in einen Mietwagen und fuhr los. Zu einem eigenen Auto habe ich es so wenig gebracht wie zu einer eigenen Persönlichkeit. Beides muß ich mir von Fall zu Fall ausleihen. Die Namen, die ich dabei führe, sind so falsch wie die Seufzer einer Hure, nicht wertvoller, als das Papier, auf dem sie stehen, und Papier ist geduldig.
Nach jedem Einsatz wandert mein Reisepaß ohnedies in den Reißwolf, der meine Identitäten zerfleischt und auffrißt.
Während ich mich ziemlich gewaltsam durch Münchens verstopfte Straßen zwängte, schaute ich auf mich zurück, nicht im Zorn, und nicht im Mitleid: Gefühle kann ich mir in meiner Branche so wenig leisten wie auffällige Anzüge oder schnittige Sportwagen. Oder schöne Frauen.
Der Gegenverkehr drohte mich in die Stadt zurückzuwerfen, der Süden pumpte pausenlos Freiwillige der Tretmühle in die Isar-Metropole. Kurz vor Solln fand ich eine Telefonzelle nebst Parkplatz. Ich hielt an, stieg aus, um das Unvermeidliche hinter mich zu bringen.
Mein Zeigefinger kannte die Nummer unserer Zentrale auswendig.
»Ferry«, meldete ich mich mit meinem Code-Wort. »Liegt etwas für mich vor?«
»Bis jetzt nicht«, antwortete die Stimme am anderen Ende, so monoton und mechanisch, als liefe sie vom Band.
»Dann haken Sie ’mal einen Tag von meinem Freizeit-Konto ab.«
»Wohin fahren Sie?« fragte dieser Kehlkopf-Automat.
»Ins Blaue«, erwiderte ich.
»Drücken Sie sich bitte präziser aus.«
»Gut«, versetzte ich gereizt: »Ins Grüne.«
Es war natürlich sinnlos, gegen die Regeln meines Berufes anzugehen, und Bürokratie ist nun einmal das Gewissen der Ordnung. »Ich werde mich im Isartal aufhalten«, lenkte ich ein.
»Melden Sie sich gegen Mittag wieder«, befahl der Mann am anderen Ende; ich mußte ihm noch die Nummer meines Leihwagens durchgeben, dann erhielt ich grünes Licht für die nächsten drei Stunden.
Mein Bezintank war schon ziemlich leer, aber kurz vor Pullach fand ich eine Tankstelle und reihte mich in eine lange Schlange ein. Zwar wurde in der Bundesrepublik noch nicht mit der Pistole um den Kraftstoff gekämpft, aber die Wartezeit hier war bereits ein – völlig unnötiger – Auswuchs der Ölkrise. Am Vorabend hatte im Fernsehen der Spitzenmanager eines Weltkonzerns mitgeteilt, daß er – angeblich – die Kontingente für seine Tankstellen kürzen müßte. In absurder Panik wollte jeder noch einmal den Tank auffüllen. Während ich fluchte, wußte ich noch nicht, daß mein nächster Auftrag eng mit der Energiekrise verbunden sein sollte.
»Super?« fragte mich der Tankwart.
»Ja«, antwortete ich. »Voll bitte.«
»Von mir aus«, entgegnete er unfreundlich. »Wenn das so weitergeht, erhalten ab heute Mittag bei mir nur noch meine Stammkunden Sprit. Die anderen können sich dann bei Oberst Gaddafi oder sonst einem Ölscheich beschweren.« Er quittierte das Trinkgeld mit einem Kopfnicken und setzte hinzu: »Zwei Bataillone Fallschirmjäger, und diese Kameltreiber könnten in der Nase bohren statt in der Wüste.«
»Sie sind mir ja ein schöner Imperialist«, versetzte ich lachend.
Im Grunde schlug der Mann nur vor, was längst von einigen bekannten US-Politikern gefordert worden war. Auch der Leitartikel einer Münchener Zeitung hatte in dieses Horn gestoßen und sich dabei die Lippen verbrannt. Ölkrise: Die alte Leier. Viel Lärm um wenig, denn die Geschäfte mit dem Schwarzen Gold liefen wie geschmiert. Das Öl ernährte seinen Mann, beziehungsweise seine Herkunftsländer, Multikonzerne und Finanzämter. Jeder füllte sich die Taschen. Zuerst bedienten sich die OPEC-Länder, auf dem Fuße folgten ihnen die Ölmächte, die nicht an das Kartell angeschlossen waren. Die »weißen Scheichs« waren nicht minder begehrlich als alle anderen; das Nordsee-Öl zum Beispiel war nicht einen Cent billiger als der Wüstensaft. Dann kamen die Konzerne und beschäftigten sich mitunter als Spekulanten und Wucherer: Sie wiesen in Europa ungeheuere Verluste vor, während ihre Mutterfirmen in Amerika gleichzeitig Riesengewinne einsteckten.
Jeder wußte, daß die vorgewiesene Buchführung falsch war, aber keiner kannte die Tricks so gut wie Energie-Manager, die immer wieder bewiesen, daß das Erdöl eine schmierige Substanz ist.
Last not least kam der Staat, und hiermit meine ich nicht einen bestimmten, sondern alle, am wenigstens freilich die USA, die sich auch heute noch am bescheidensten geben. Bei Benzin zum Beispiel kassiert der Fiskus schlicht weit über die Hälfte aller Einkunfts- und Erstellungskosten und heizt damit die Gier der Ölproduzenten an, die nicht ganz zu unrecht darauf hinweisen, daß die Preiserhöhung in Raten von jeweils 3, 5, und 7,5 Prozent nicht das ganze Wirtschaftsgefüge der Industriestaaten zum Einsturz bringen können, wenn sich ihre Finanzämter an den übrigens gar nicht so raren Saft so bereicherten, daß die Scheichs und Emire schon beinahe wieder zu Wundertätern der Selbstbescheidung werden.
Der Dumme war – wie immer – das Volk, laut Heinrich Heine der »große Lümmel«, heutzutage eine Gemeinschaft von Verbrauchern. Der Konsument schimpft und zahlt – und zahlt immer drauf. Und das nicht nur bei Petroleum, aber nicht nur Blut, auch Öl ist ein ganz besonderer Saft.
Man hatte mich über Nacht aus Buenos Aires abberufen, wo sich gerade um die Falkland-Inseln eine höchst überflüssige Krise zusammenbraute. Statt das Kulissenspiel der Militär-Diktaturen weiter zu beobachten, saß ich nun in München herum. Auf Abruf. Keiner sagte mir warum. Erklärungen sind in meiner Branche weder üblich noch nötig.
Ich hatte so eine Vorahnung, daß es nach Nahost gehen könnte, wo die Krise gewissermaßen krisenfest war. Hier lag für meine Organisation eine Aufgabe und auch eine Herausforderung, und deshalb sah ich mich schon in Oman oder Abu Dhabi, in Katar oder Kuwait, jedenfalls da, wo der Kuskus wächst, und dabei schmeckt mir weder Hammel, noch Reis – aber das wäre noch lange nicht das Übelste an der Sache.
Ich rollte weiter, in die Arme des Frühlings. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch, eine Rarität aus der meteorologischen Schatztruhe. Die Sonne vergoldete auch noch die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes in Pullach, an der ich eben vorbeifuhr. Ich dachte nicht an meine Kollegen und Rivalen, schon weil ich uns für besser hielt. Unser Job war leichter, oder auch schwerer, je wie man es betrachtete.
Unbegrenzte Mittel – dafür kein Fangnetz.
Natürlich hatte das Kind auch einen Namen, aber ich möchte ihn hier so wenig nennen wie interne Einzelheiten. Unsere Organisation arbeitet international mit dem stillen Einverständnis des amerikanischen und des deutschen Geheimdienstes, und wir werden auch von parlamentarischen Sicherheits-Ausschüssen kontrolliert. Der Unterschied liegt darin, daß wir, wenn wir unangenehm auffallen, Privatleute sind, ohne jede Rükkendeckung. Deshalb können und müssen wir mehr riskieren und Kastanien aus dem Feuer holen, an denen sich zum Beispiel CIA und BND nicht die Finger verbrennen wollen. Natürlich gibt es, bei aller Rivalität, Kontakte zwischen den verschiedenen Diensten, und in der Bundesrepublik arbeiten wir mit Vorliebe mit den GSG-9- Männern zusammen, die in Mogadischu einen glänzenden Einstand in der Terror-Bekämpfung gehabt hatten und den Pfusch beim Olympia-Massaker vergessen machen konnten. Freilich waren hier hochkarätige Einzelkämpfer mit Verve und Mut am Werk gewesen und nicht ein redseliger Innenminister und ein wichtigtuerischer Polizeipräsident.
Es tat gut, sich einmal ein paar Stunden Privatleben zu stehlen, noch dazu an einem Tag wie heute, wie zum Verlieben geschaffen. Und an der nächsten Ecke lauerte auch schon die Gelegenheit:
Sie war schlank und blond, selbstbewußt und wohlgerundet: Schätzungsweise 89:56: 89. Sie lächelte und winkte gleichzeitig, und in dieser Situation hätte wohl selbst ein Eunuch gehalten.
»Panne?« fragte ich: »Kann ich Ihnen helfen?«
»Und ob«, erwiderte sie. »Ich hab’ einen Plattfuß.«
»So sieht das nicht aus«, entgegnete ich und betrachtete anzüglich ihre Beine.
Sie folgte meinem Blick: »Ich mach’ Ihnen einen Vorschlag«, lachte sie mich an, »Sie sehen zuerst nach meinem Reifen und dann –«
»Und dann?« wiederholte ich.
»– können Sie vielleicht mich näher in Augenschein nehmen«, erwiderte sie mit ihrer spöttisch-zärtlichen Stimme.
Ich machte mich ans Werk, und während ich den Wagenheber ansetzte, stellte ich fest, daß diese schöne Wegelagerin genau auf meinen Typ abgestimmt war.
Zu genau? begann ich zu überlegen.
Unsinn, tat ich es ab. Ein Bankier sieht lauter faule Wechsel, ein Fleischbeschauer bloß Trichinen, ein Pfarrer nur Sünden und ein Agent bloß Stolpersteine.
Das Mißtrauen war mein Handwerkszeug. Ein paar Jahre Untergrund hatten mich betriebsblind gemacht für die sorglosen Freuden des Lebens.
Während ich den kleinen Flitzer aufbockte, stand sie dicht neben mir, rauchte und schwieg, rührte keine Hand, und das war nur natürlich, denn beim Reifenwechsel hört bekanntlich die Gleichberechtigung auf. Fraglos verlangsamte sie das Tempo und beschleunigte sie den Puls vorbeirollender Herrenfahrer. Mancher, der mit zwei linken Händen zur Welt gekommen war, hätte ihr wohl gerne geholfen.
Ich verstaute den platten Pneu im Kofferraum und griff mir den Ersatzreifen. Während ich die Schrauben anzog, sagte ich lachend mit dem schweren Atem der Mühe: »Blondinen am Morgen – Kummer und Sorgen.«
Ich stülpte die Radkappe über mein Werk, wischte meine Hände an einem Taschentuch ab und wunderte mich flüchtig, daß sie bei weit schmutzigeren Dingen wesentlich sauberer geblieben waren.
»Fertig«, sagte ich. »Und wohin wollen Sie eigentlich?«
»Eine kleine Spazierfahrt«, versetzte sie.
»Das trifft sich bestens«, antwortete ich. »Ich bin ein gelernter Faulenzer.«
Ich machte ihr den Vorschlag, ihren Wagen stehenzulassen, in meinen umzusteigen, den Reifen an der nächsten Tankstelle flicken zu lassen und uns bis dahin gemeinsam die Zeit zu vertreiben. Sie nahm ohne Gegenrede an, vermutlich anstelle eines an sich verwirkten Trinkgeldes.
Ich begriff sofort, daß sie mit Männern umgehen konnte. Männer waren ihr Fall, wenn auch vielleicht nicht ihr Sündenfall. Eigentlich begann ich bereits, sie zu idealisieren, auch das war schon faul.
Ich betrachtete sie von der Seite, und das lohnte sich in jeder Hinsicht. Ihre langen Haare verhüllten wie ein Vorhang einen Teil ihres Gesichts und gaben dabei einen ständig wechselnden Ausschnitt frei. Sie hatte große, flirrende Augen, bald grün, bald blau, türkis. Ihre Stirn war gewölbt; volle Lippen ließen auf einen beherzten Appetit schließen. Ich war mit den Augen bei ihrer feinen Nackenlinie angelangt und witterte eine Ausstrahlung von kühler Hitze.
Ich griff mir einen Namen aus der Mottenkiste und stellte mich vor.
»Meine Freunde nennen mich Diana«, erwiderte sie.
»Viele Freunde?«
»Ich laß’ die Schar nicht übermächtig werden«, konterte sie lächelnd. »Wenn sie anfangen, mich zu langweilen, wechsele ich sie aus wie müde Pferde.«
»Und was machen Sie sonst – außer Ihrem Dressurakt?«
»Nicht viel«, entgegnete sie.
»Zu viel Geld?« fragte ich.
»Mitgiftjäger?« schoß sie zurück.
Wir erreichten ein Ausflugslokal, hoch über der Isar. Wir waren die einzigen Gäste. Es war zu spät für das Frühstück und zu früh für den Mittagstisch, und noch verfrühter für braune Jung’s aus Schottland, selbst wenn man sie mit Eis verdünnte.
Wir saßen nebeneinander und ließen uns von der Sonne vernaschen, und ich dachte an das Roman-Dilemma: »Fortsetzung folgt«.
»Und was machen Sie?« fragte mich Diana.
»Nichts Besonderes«, gab ich es ihr zurück: »Eigentlich bin ich nur ein ehrlicher Tagedieb.«
»Sie leben in München?« wollte sie wissen.
»Ja.«
»Aber Sie sind kein Münchner?«
»Wahlmünchner«, behauptete ich, und das war die erste Wahrheit.
Als Sohn eines Amerikaners und einer Deutschen bin ich zweisprachig aufgewachsen. Mein Geburtsort Berlin war nur ein Zufall, denn ich lag noch im Kinderwagen, als meine Eltern nach London zogen, dann nach Rom, dann nach Washington. Japan machte ich nicht mehr mit; da war ich schon an der Universität und wurde von der Organisation nach dem Examen einfach geshanghait.
Ich bin nicht dazugekommen, darüber nachzudenken, ob ich nun ein Patriot war oder ein Abenteurer. Jedenfalls arbeitete ich nicht bei unserem Verein, um zu moralisieren, sondern um womöglich Konflikte und Kriege zu verhindern: Die höhere Moral.
In den letzten Jahren hatten sich auf meinem Konto einige Pluspunkte angesammelt. Ich war von unseren Gegenspielern noch nicht enttarnt worden, und bis dahin würde ich im Außendienst bleiben, auf den Marschstraßen der Hölle, irgendwo bis irgendwann.
»Und man kann davon leben, daß man Wahlmünchner ist?« fragte Diana.
»Wissen Sie denn nicht, daß München als die Stadt mit dem höchsten Freizeitwert gilt?« versetzte ich.
In keiner Situation konnte ich mir Hinweise auf meine Person erlauben. Das war Gesetz, und damit wurde jede zwischenmenschliche Beziehung schon von Anfang an verlogen. Sonst trat ich solcherlei Gedanken schon beim Entstehen aus wie Zigarettenkippen; aber bei Mädchen wie Diana schwelten sie noch ein wenig weiter. Deshalb wurde mir – wie ich wußte – in der Beurteilung durch meine Organisation ein fetter Minuspunkt angehängt.
Nicht unempfindlich gegenüber Frauen – was für ein Manko! Wir rührten in unserem Kaffee. Ich gab ihr Feuer.
Wir sahen uns dabei voll an, und Diana lachte hell: »Sie mustern mich wie die Hexe Hänsel und Gretel«, sagte sie.
»Ich hab’ zwar einen Wolfshunger«, erwiderte ich, »aber ich werd’ Sie nicht fressen, Diana.«
»Fürchtet ihr den bösen Wolf?« ging sie auf meinen Ton ein.
»Wenn er aber kommt?« alberte ich.
Wir waren unbeschwert, und die Stunde tat alles, um sich einen Kuppelpelz zu verdienen. Aber ein glücklicher Zufall macht noch keine geglückte Eroberung. Dazu gehören Zeit und Muße und nicht die lästige Verpflichtung, im drei-Stunden-Rhythmus in der Zentrale anzurufen, um dann vielleicht mit der nächsten Maschine nach Kuwait oder Libyen abzufliegen.
Heimlich starrte ich schon wieder auf die dumme Uhr, stand auf, entschuldigte mich, ging um die Ecke an die Telefonzelle, die ich schon bei unserer Ankunft gesehen hatte – ich rufe nur von öffentlichen Fernsprechern aus an, auch wenn das Gespräch beim Teilnehmer über Verzerrer läuft.
Es meldete sich wieder dieser Typ mit der Roboter-Stimme: »Können Sie in 40 Minuten hier sein?« fragte er.
»Nicht ohne aufzufallen«, erwiderte ich.
»Dann 50«, ordnete er an und legte auf.
»Ärger?« empfing mich Diana.
»Ohne Fleiß kein Schweiß«, blödelte ich.
Ich fuhr Diana zur Tankstelle, öffnete den Kofferraum und ging an die Kasse, um zu bezahlen.
»Was hat gefehlt?« fragte ich.
»Nichts«, erwiderte der Tankwart und grinste dümmlich. »Nur das Ventil stand offen.«
Auf einmal hatte ich den Eindruck, daß ich mich um die Fortsetzung meines Flirts nicht zu sorgen brauchte.
2
Die Münchener Filiale der Organisation war zugleich die Zentrale für Deutschland. Sie lag inmitten der Stadt und doch so abseits, daß man die Sackgasse, die zu dem quadratischen Altbau führte, ständig unter Beobachtung hatte. Hinter dem massiven Gemäuer verbarg sich ein Fuchsbau. Man verließ diese Residenz des Untergrunds grundsätzlich durch eine andere Türe, als man sie betreten hatte.
Alle Räume waren schalldicht; die Telefone abhörsicher. Es gab eine eigene Verbrennungsanlage für den Inhalt der Papierkörbe, die in kurzen Abständen geleert wurden – um nur einige Feinheiten unseres deutschen Hauptquartiers zu nennen, das ich erstmals seit meinem Eintreffen in München betrat.
Ich landete bei dem Mann mit der Roboter-Stimme; er sah so zerknittert aus, als hätte er in den letzten Stunden auf seinem Gesicht gesessen.
»Wir kennen uns ja schon«, sagte ich, ohne eine Antwort abzuwarten. »Bitte eine Überprüfung: Diana Sontag, cirka 25, schlank, blond, 1,70 Meter. Sie fährt einen blauen Fiat 850.«
Ich gab ihm noch die Autonummer und andere Einzelheiten – er stellte keine Gegenfragen – bei unserer Organisation ist es üblich, jede noch so nebensächliche Unregelmäßigkeit sofort überprüfen zu lassen. Mein Betreuer begriff mit der mechanischen Sturheit des Automaten, bei dem der Groschen sofort fällt; er erhob sich und lotste durch das Haus, vorbei an den gehobenen Rängen, direkt zur Direktions-Etage.
Unser Mann in München war neu; sein Gesicht wirkte so ausdruckslos, daß er praktische Erfahrungen an der unsichtbaren Front gesammelt haben mußte. Den General neben ihm kannte ich, von drüben; er war unser Vize, und wenn er persönlich bei einer Filiale auftauchte, dann war meistens der Mist am Dampfen.
»Setzen Sie sich, Ferry«, begann er; er war breit, vierschrötig, hatte einen quadratischen Schädel mit Falken-Augen; sonst wirkte er glatt, kalt und gefährlich. Die Nummer Zwo war in unseren Kreisen eigentlich schon eine Legende, die wenigsten Agenten bekamen sie je zu Gesicht.
»Wir haben Sorgen«, sagte er ohne Umweg. »Nahost, Sie haben es sicher schon erraten.« Er stand auf, tigerte durch den Raum. »Unser Netz da unten ist nicht gerade zerrissen, aber doch bis zur Unbrauchbarkeit durchlöchert.« Er blieb stehen, sah mich an. »Unsere Gegenspieler haben es ganz geschickt gemacht«, fuhr er fort. »Sie haben vor oder nach der Verstaatlichung der Ölfirmen eine ganze Reihe von ausländischen Fachleuten einfach aus der Wüste komplimentiert.« Ein Lächeln lief ihm wie Säure über das Gesicht: »Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erklären, Ferry, daß mindestens jeder dritte für uns oder unsere Freunde gearbeitet hatte.«
Diese Eröffnung war leicht zu begreifen. Ich wußte nur nicht, was sie mit mir zu tun hatte. Ich sah in das leere Gesicht unseres Münchener Residenten. Nie hatte es sonst bei unseren Besprechungen einen Stummeren Zuhörer gegeben.
Was hat Mr. München, unser Deutschland-Spezialist, mit Nahost zu tun?
Warum sollte mein Schleichpfad an den Nil oder an den Jordan über Münchener Umwege geleitet werden?
»Sie denken ganz richtig, Ferry«, sagte der Vize leicht belustigt. »Ich habe heute lediglich meinen umständlichen Tag.« Er zündete sich eine Zigarette an. »Wir müssen also unser Agentennetz da unten flicken. Das geht in dieser angespannten Lage nicht mit den üblichen Mitteln.«
Ich warf wieder einen Seitenblick auf unseren deutschen Einsatzleiter – aber ein steinernes Blücher-Denkmal hätte mir sicher mehr erzählt über den Rheinübergang bei Kaub als dieser Stockfisch über meinen Einsatz hinter dem Mittelmeer.
»Wir müssen also eine neue Tour erfinden, um an die Quellen heranzukommen.« Der General lachte trocken. »An die Ölquellen, meine ich. Vielleicht können Sie uns dabei helfen, Ferry. Sie sind ein guter Mann, und Sie wären ein ausgezeichneter, wenn die Frauen Sie etwas kälter ließen.« Er nickte mir freundlich zu. »Aber da unten ist nicht viel los mit Damen, das sag’ ich Ihnen gleich, Ferry.«
Er wandte sich an den Residenten. »Die Vorstellung kann nun steigen«, sagte er.
Die Rolläden gingen herunter, die Lichter aus. Die Wandtafel verwandelte sich in eine Leinwand. Ein Vorführgerät begann zu schnurren.
Und dann erschien ich.
Auf der Tafel.
Beinahe in Lebensgröße.
Wir alle waren ein Sicherheitsrisiko und wurden von der Organisation ständig überwacht. Daß man jetzt auch noch heimlich Filme über unser Privatleben drehte, das war wohl der Zacken zu viel. Während ich mich stumm ereiferte, wurde mir klar, daß ich gar nicht ich war.
Ich rauche keine Pfeife. Ich trage keine Lederjacke, und schon gar keine Schnittlauchlocken, die sich im schmutzigen Hemdkragen verfangen.
Durch mein eigenes Konterfei, diesen zweiten Aufguß von mir auf der Leinwand, war ich abgelenkt worden, aber unbewußt hatte ich gespürt, wie gespannt die beiden meine Reaktionen verfolgten.
Der Mann auf der Leinwand – eine schlechte Kopie von mir – kam jetzt von der Seite ins Bild. Dann von hinten. Wieder im Einkaufsviertel. Mein falsches Ich schlenderte aus einem Zigarettenladen und sah hungrig zwei Mädchen nach, erfolglos übrigens – ich sagte ja schon: Eine billige Imitation.
»Spulen Sie noch einmal zurück, bitte«, sagte der Quadrat-Schädel.
Das Licht ging wieder an.
Mit zunehmender Helligkeit erlosch der Alptraum.
»Sie haben sich zunächst mit diesem Burschen auf der Leinwand verwechselt?« fragte der General.
»Ja, Sir.«
»Wir sehen jetzt den Film zum zweitenmal«, sagte der Vize. »Sie sagen mir, an welcher Stelle Sie diesen Irrtum erkannt haben.«
Bei der Repetition war die Vorführung weniger aufregend, denn ich war auf meine Karikatur gefaßt. Ich wartete ab, sah die Pfeife, einen Zug, den zweiten.
»Stop«, rief ich.
»14 Sekunden«, stellte Mr. München fest.
Unsere Nr. Zwo nickte. »Schildern Sie«, befahl er mir, »wie in Ihrem Bewußtsein die Demaskierung vor sich gegangen ist.«
»Das erste Signal war die Pfeife«, begann ich. »Ich rauche Zigaretten. Als mir dieser Unterschied klar wurde, sah ich natürlich auch die anderen Unstimmigkeiten: Die Lederjacke, diese vergammelten Haare, diesen nachgemachten Seemannsgang.« Ich griff mir eine Zigarette. »Zuletzt wunderte ich mich natürlich selbst, daß ich auf diese billige Imitation hereingefallen bin.«
»Keine Imitation«, erwiderte der Vize. »Der Mann ist echt, er wurde nicht zurechtgetrimmt.« Er wandte sich an Mr. München, dann wieder an mich. »Wir haben eine reelle Chance«, setzte er mit satter Stimme hinzu.
Ich hatte unseren Stellvertreter bei bisherigen Begegnungen nur fischblütig erlebt, doch jetzt hatte er es schwer, seinen Gleichmut wieder in den Griff zu bekommen.
»Wer ist das?« fragte ich.
»Der Mann heißt Grenzlein«, antwortete Mr. München. »Lothar Grenzlein. Er gehört zu einer extremistischen Studentengruppe, die vor Jahren in Deutschland eine kriminelle Mode kreiert hatte. Die meisten verliefen sich zum Glück wieder, aber der harte Kern mauserte sich zu einer Anarchisten-Gruppe, räuberte Banken aus und nahm auch Kontakte zu arabischen Terroristen auf. Grenzlein ging zumindest vorübergehend ins Ausland, als ihm der Boden in Deutschland zu heiß geworden war.«
»Ich weiß«, erwiderte ich. »Einige Terroristen erhielten vor Ort eine regelrechte Fedajin-Ausbildung. Ich glaube in Jordanien.«
»Ihr Gedächtnis ist in Ordnung«, sagte der General: für ihn war es ein Höchstmaß an Lob.
»So nach und nach ist es gelungen, den Anarchisten-Klüngel weitgehend einzufangen und einzubuchten«, fuhr unser Münchener Resident fort. »Nur nach einem der letzten – unserem Freund Lothar Grenzlein – fahndeten deutsche Kriminalpolizei und Interpol lange vergeblich. Der Mann hatte sich vermutlich auch in Jordanien aufgehalten und war danach spurlos verschwunden.«
»Bis jetzt«, brachte ich ihn um seinen Höhepunkt. »Er wurde also gefaßt?«
»Ganz richtig. Und zwar brachte ein Kurier aus dem Libanon die Kripo auf seine Fährte. Der Araber war nach der Landung auf dem Flughafen Riem aufgefallen und wurde beschattet. Die Polizei griff schließlich die Burschen alle beide und stellte erst nachher fest, was ihr für ein Fang gelungen war: der Kurier und Grenzlein. Die Leute sitzen seit drei Wochen. Hier, ganz in der Nähe.«
Mr. München warf einen Blick auf den Vize; der General nickte.
»Einer unserer Leute erwähnte zufällig Grenzleins auffallende Ähnlichkeit mit Ihnen«, fuhr er fort. »Wir jagten deshalb die beiden Fotos und persönlichen Daten durch den Computer.« Der Mann konnte sogar lächeln. »Und dann sind wir aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen.« Er brauchte nicht auf den Zettel zu sehen, der vor ihm lag. »Der Mann ist ein halbes Jahr jünger als Sie. Ein Kilo schwerer. Einen halben Zentimeter kleiner. Die Stirnpartie gleicht sich auf den Millimeter. Der Unterschied in der Nasenform ist minimal. Auch mit der Figur haben wir ziemliches Glück. Die Schuhgröße differiert um eine Nummer. Unterschiede bei der Gestik, Mimik und vor allem beim Gang lassen sich wohl ausgleichen.«
»Was ist das für ein Bursche, dieser Grenzlein?« fragte ich. »Ein Fanatiker? Ein Anarchist? Ein Polit-Spinner?«
»Seien Sie doch nicht so romantisch, Ferry«, erwiderte unser Münchener Statthalter. »Vielleicht versucht der Mann nur, uns in eine Elefantenfalle zu locken.«
»Andere Möglichkeiten?«
»Ja.« Sein leeres Gesicht war auf einmal belebt. »Er kann bluffen. Oder sich etwas Kurzweil in der Zelle verschaffen, wenn er uns zum Narren hält. Aber dazu ist er wahrscheinlich nicht dumm genug. Für uns wäre eine mögliche Absicht Nummer drei interessant: Der Mann versucht seine Haut zu retten und sich dabei noch eine goldene Nase zu verdienen.«
»Er hat also angeboten, mit uns zusammenzuarbeiten?«
»Er weiß nicht einmal, daß es uns gibt«, entgegnete der Colonel. »Aber er hat nach der CIA und dem Bundesnachrichtendienst gerufen und durchblicken lassen, daß er umzudrehen sei.«
Ein Kuhhandel dieser Art wäre nicht neu; und ich kenne kein Land der Welt, das zu fein ist, in Notfällen den Zweck durch die Mittel heiligen zu lassen. Das hieße im Fall Grenzlein, daß der Mann dem Staatsanwalt abgekauft werden müßte. Daß man seine Taschen mit Geld füllen würde. Daß man seine Flucht arrangierte und ihn dabei bis zu den deutschen – oder ausländischen – Schlupfwinkeln arabischer Terroristen verfolgen würde.
Dabei gäbe es dann wieder zwei Möglichkeiten: Die Komplicen trauten ihm nicht mehr und liquidierten ihn, oder sie glaubten seine Fluchtstory, und wir hätten einen preiswerten Verräter im feindlichen Lager, der uns vielleicht bis an die Zentralen in Damaskus, Bagdad oder Beirut heranführen würde.
Auf einmal begriff ich, warum ich so plötzlich von den argentinischen Fleischtöpfen weggerufen worden war: Der Colonel weigerte sich, ein Risiko einzugehen.
Er wollte mich in einer falschen, aber doch wohl ziemlich durchsichtigen, Haut losschicken.
»Ich soll also diesen Grenzlein spielen?« fragte ich. »Eine Flucht aus dem Gefängnis vortäuschen und darauf hoffen, daß die Terroristen mich für den echten Mann halten?«
»So ist es«, erwiderte der Vize: »Die Geschichte ist heiß wie ein Bügeleisen, und sie steigt nur, wenn Sie sich – nach sehr gründlicher Überlegung – dafür entscheiden.«
»Also, wie beim letztenmal«, sagte ich zum Erfinder freiwilliger Zwänge.
Der Quadrat-Schädel war kein Freund von Zimperlichkeit, aber diesmal wirkten seine Bedenken echt. »Wir werden alle Möglichkeiten im Sandkasten durchspielen«, sagte er. »Unter 60 Prozent Erfolgschancen werde ich Sie nicht in dieses Unternehmen Himmelfahrt hetzen.«
Ich war auch nicht gerade zimperlich, und so sah ich mich bereits in einem Inferno von Terror, Blut, Sand und Öl.
»Wie steht’s eigentlich mit Ihrem Arabisch?« fragte der Vize am Schluß.
»Null«, antwortete ich.
»Blitzkurs«, ordnete der Colonel an.
Damit hatte ich meine Erfahrung, denn mir war schon einmal ein ganzes Jahr chinesischer Sprachunterricht aufgenötigt worden, und ich mußte mich hinterher in Rio de Janeiro wundern, wie wenig chinesisch die Brasilianer sprachen.
3
Schon bei meiner Ankunft in München war mir aufgefallen, daß mir die Organisation kein Hotel als Quartier zugewiesen hatte. Nach der ersten Besprechung wurde ich im Fuchsbau unter »Hausarrest« gestellt. Die geheimen Unterlagen, mit denen ich mich auf meinen Einsatz vorbereiten sollte, durften nicht einmal den Raum, und schon gar nicht die Residenz verlassen.
Es war Nachmittag. Das Apartment erwies sich als ein komfortables Verließ, mit Schlafzimmer, Bad und Wohn-Arbeitsraum. Selbst eine kleine, gut assortierte Bar war vorhanden, obwohl trinken bei uns im Dienst nur »zu Schulungszwecken« erlaubt ist.
Das Essen würde vorzüglich sein und per Aufzug in meine luxuriöse Klause kommen. Alles war – wenn auch nicht in München – schon einmal dagewesen. Der Freiheitsentzug hieß Gastfreundschaft, und eine delikate Küche gehörte genauso zur Organisation wie die Anonymität.
Die Gemütlichkeit endete, als ich das brisante Material überflog, das mir zur Verfügung gestellt worden war: Eine sorgfältig recherchierte Analyse der Situation im mittleren Osten, unter besonderer Berücksichtigung Palästinas. Die Levante war immer das Pulverfaß der Weltgeschichte gewesen, und das Heilige Land auch das blutige Land. Aber alle Probleme wurden in eine neue, hochexplosive Dimension versetzt, als die Araber nach dem Jom-Kippur-Krieg die Ölwaffe erfunden hatten. Schon die Androhung genügte, um die westlichen Industrieländer in Massenhysterie zu versetzen. Auf Anhieb waren die Abnehmer von den Sultans, Emiren, Scheichs und Obristen zu Sonntagsfahrverboten, Geschwindigkeitsbeschränkungen und einschneidenden Sparmaßnahmen gezwungen worden.
Zwar hatten sich die Verhältnisse inzwischen dahingehend konsolidiert, daß das Erdöl nach mehrfacher Preiserhöhung etwa um den Prozentsatz zu teuer war, als es vor der Krise zu billig gehandelt worden ist, aber wenn man den Ölhahn ganz abdrehte, würde man die westlichen Staaten in eine Art industrielle Steinzeit zurückversetzen.
Daran hatten die Ölproduzenten kein Interesse. Sie wollten verdienen, und zwar möglichst das Fünffache bei halber Lieferung – Mengenlehre auf arabisch – und um profitieren zu können, mußte die Weltwirtschaft im freien Westen funktionieren. Während die Ölwaffe zuerst eingesetzt worden war, um ein wenig außerhalb der Freiwilligkeit eine Parteinahme gegen die Israeli zu erzwingen, stellte sich nunmehr die verblüffende Tatsache heraus, daß die verwünschten Ölscheichs und ihre erpreßten Abnehmerländer gewissermaßen in einem Boot saßen.
Diese zuerst ungläubig aufgenommene These wurde zur Binsenweisheit, als eine Terroristengruppe unter Leitung des berüchtigten Carlos in Wien nach einer wilden und blutigen Schießerei sämtliche Ölminister der OPEC-Staaten – darunter sicher einige ihrer eigenen Finanziers – entführt und erst nach langen Verhandlungen wieder freigelassen hatte.
Ein Anschlag auf die Ölversorgung brachte für die Polit-Desperados gleich zweifachen Nutzen: Er schadete den Ölscheichs, die sicher keine Kommunisten waren – auch wenn sie solche bezahlten, um sie sich vom Leib zu halten –, und er legte die westliche Wirtschaft lahm. Terrortrupps, die bereit waren, unter Einsatz ihres Lebens dieses dreckige Geschäft mit dem Schwarzen Gold zu besorgen – sei es für Moskau oder auf Rechnung irgendeiner wahnwitzigen Splittergruppe –, gab es in Nahost im Dutzend.
Nunmehr hatte unsere Organisation erfahren, daß Selbstmordkommandos aus der Wüste unterwegs waren, um in Zusammenarbeit mit deutschen Terroristen, die bei den Fällen Ponto, Buback und Schleyer gezeigt hatten, daß sie vor nichts zurückschreckten, in Deutschland – und simultan in anderen westlichen Ländern – Anschläge planten, die ein unvorstellbares Chaos auslösen könnten.
Es gab nicht nur Schwierigkeiten und Drohungen aus dem nahöstlichen Untergrund, wir mußten auch Fehlreaktionen im eigenen Lager befürchten, die den Dritten Weltkrieg zünden konnten. Wir mußten zum Beispiel versuchen, die gefährlichen Spielereien eines hohen NATO-Diplomaten zu stoppen. »Wenn wir Libyen besetzen«, hatte er laut gedacht, »werden die Russen wohl kaum den Atomkrieg riskieren.«
Ein Spiel mit dem Tod. In Millionenzahl. Ich betrachte es als eine Aufgabe unserer Organisation, Wege zu finden, die weniger verlustreich, weniger gewaltsam, weniger blutig und weniger verbrecherisch sind.
Und trotzdem erfolgreich.
4
Gegen 16.30 Uhr kam der General persönlich in mein Apartment. Er war hier gewissermaßen der Hausherr, doch er klopfte höflich an und wartete auf meine Antwort, vielleicht nur, weil er nicht allein erschienen war. Zuerst erkannte ich nur ihn; seine massige Gestalt verdeckte seine Begleiterin.
Dann sah ich rot.
Oder besser: blond.
Ich hatte noch keinen Tropfen aus der Hausbar genascht, aber ich starrte in das Gesicht Dianas, meines Flirts von heute morgen.
Sie lächelte, und an meiner Wahrnehmung war nicht länger zu zweifeln, und so stand außer Frage, daß sie von meiner eigenen Organisation auf mich angesetzt worden war. Dieser Unfug war Usus bei uns, natürlich eine original amerikanische Idee.
Da gab es zum Beispiel einen Elektro-Multi, dessen leitende Manager einmal im Jahr jeweils bei ihrem unmittelbaren Vorgesetzten in einem Gespräch unter vier Augen eine Art profaner Ohrenbeichte ablegen mußten. Dabei war alles aufs Tapet zu bringen, was intim und peinlich war: Daß die Ehe lahmte, weil die Midlife-crises den Hausherrn Bocksprünge machen ließ, daß der Jüngste wegen Latein sitzengeblieben sei und die Tochter sich mit einem türkischen Studenten herumtrieb.
So ähnlich ist es mit den Inspektionen, die unser Verein bei seinen Männern im Außendienst leistet. Sicher war es in meinem Fall nicht darum gegangen, mir meinen Malus gegenüber den Schönen anzukreiden, sondern um meine Beobachtungsgabe zu testen.
Ich betrachtete diese perfide Unschuld namens Diana; ihre fast schulterlangen Haare fielen zur Seite, der blonde Gesichtsvorhang war weit aufgezogen. Des Vizes Helferin trug einen türkisfarbenen, hinreißend geschnittenen Hosenanzug, genau auf die Farbe ihrer Augen abgestimmt. Im Gegensatz zu heute morgen spürte ich keine Ausstrahlung von kühler Hitze, sondern witterte bewährte Unnahbarkeit.
Es war wenig sinnvoll, in meiner Situation den Steher im Ring zu mimen, den kein Boxhieb zeichnet. Meine morgendliche Halb-Eroberung hatte mir einen ganz schönen Tiefschlag versetzt.
»Seien Sie nicht kindisch, Ferry«, sagte der Quadrat-Schädel: »Wir mußten diesen kleinen Test mit Ihnen anstellen.« Sein Lächeln war vergiftet wie Großstadtluft. »Unseren Freund hier«, nickte er Diana zu, »kann man ohne weiteres in die Hölle schicken, aber nicht ungeprüft einem Harem aussetzen.«
»Sir«, griff ich ihn an. »Mir steht keine Kritik an Ihren seltsamen Methoden zu, aber erlauben Sie mir bitte die Feststellung, daß ich Sie für unfair halte.«
»Unsere Gegenspieler sind auch nicht fair«, schnippte der Vize meinen Einwand weg. »Nun regen Sie sich schon ab, Ferry. Sie haben übrigens eine ganz gute Figur gemacht und das Examen bestanden.«
»Mag sein«, konterte ich spitz. »Aber Ihre fünfte Kolonne mit den Sex-Attributen ist bei mir durchgefallen.« Ich attackierte Diana: »Wenn Sie wieder einmal Straßen-Theater spielen, Miß«, sagte ich gönnerhaft, »dann sollten Sie den Autoreifen richtig herzhaft durchstechen, statt bloß das Ventil aufzuschrauben.«
»Warum sind Sie heute bloß so begriffsstutzig?« beendete unsere Nr. Zwo die Debatte. In seinen Mundecken saßen Spottfalten wie Spatzennester. »Gerade das sollten Sie trotz der hübschen Augen Dianas feststellen und der Organisation melden.« Er nickte mir zu. »Gratuliere. Und jetzt wollen wir sachlich werden.«
Er ging an die Wandbar, öffnete sie. »Whisky oder Cognac?« fragte er.
»Milch«, erwiderte ich. Falls das noch eine Prüfung sein sollte.
Der General machte für sich und mich kleine braune Jungs zurecht und mixte, ohne zu fragen der Dame einen Gin-Tonic. »Wir bleiben bei den internen Bezeichnungen Diana Sontag und Ferry Wessen«, begann er. »Was ich Ihnen jetzt sage, ist unverschlüsselter Klartext. Unsere freundliche Helferin«, er nickte Diana zu, »ist im Libanon aufgewachsen. Sie hat an der amerikanischen Universität in Beirut studiert, Wirtschaftswissenschaft und Jura. Verbessern Sie mich bitte, Diana, wenn ich etwas durcheinanderbringe.« Ohne einen Einwand abzuwarten, fuhr er fort: »Sie spricht englisch, deutsch und französisch. Und dazu noch arabisch. Diesem Umstand verdanken Sie ihre Bekanntschaft«, unterbrach er sich kurz, um gleich fortzufahren: »Sie beide werden Zusammenarbeiten. Zunächst einmal hier theoretisch, später im arabischen Untergrund. Diana wird Ihnen in einem Schnellverfahren alles beibringen, was Sie über die Sitten und Unsitten Ihres Einsatzgebietes wissen müssen. Sie wird Ihnen in den nächsten Tagen genauso viele arabische Sprachkenntnisse eintrichtern, wie Lothar Grenzlein aufweist.«
»Wissen Sie denn schon, wieviel?« fragte ich.
»Sie haben Glück, Ferry«, versetzte der Quadrat-Schädel, »ziemlich wenig. Der Bursche ist faul. Das schaffen Sie in einer Woche, falls der linke Vogel uns nicht blufft. Morgen werden wir das wissen. Spätestens übermorgen – es wird gerade ausgelotet.«
»Wie lange haben wir eigentlich Zeit?« fragte ich.
»Überhaupt keine«, erwiderte der General. »Das ist unser Manko, aber wir haben nur die Wahl, den Kopf in den Sand zu stecken und zu warten, bis vielleicht der Bundestag in die Luft fliegt, oder – entgegen unserer Art – ziemlich unvorbereitet in die Aktion einzusteigen.«
»Wie sicher ist denn die Warnung aus dem Morgenland?« fragte ich.
»Das kann Bluff sein, eine Falle, eine Wichtigtuerei – aber es kann auch stimmen«, erwiderte der Quadrat-Schädel, »und dann ist es eine verdammt heiße Kiste. Und wie immer werden wir uns auf jede Möglichkeit einstellen.« Er sah, daß sein Mitarbeiter skeptisch blieb und erläuterte: »Ich weiß nicht, ob wir diesen Grenzlein-Trick je inszenieren, aber wir bereiten ihn vor, wie hundert andere Dinge auch, von denen wir dann 99 verwerfen. Aber mit Sicherheit liegt Ihr nächstes Operationsgebiet fest, deshalb muß ich Sie wirklich bitten, Ihre Nachhilfestunden bei Diana mit Nachdruck zu betreiben.«
»Ich werde mich bemühen, Sir«, erwiderte ich und riskierte die Frage: »Und dann geht meine Arabisch-Lehrerin wieder nach Beirut zurück?«
»Ja«, entgegnete der Vize. »Und zwar wird sie an der Französischen Botschaft als Sachverständige für Erdöl arbeiten. Sie hingegen treten als Einzelgänger auf. Aber Sie werden natürlich nicht allein sein. Wir gehen diese Geschichte von mehreren Seiten an. Wenn alle Stricke reißen sollten, ist Diana Ihr Notausstieg. Sie kennt halb Beirut. Sie ist sehr beliebt bei den Libanesen und den anderen Arabern. Mitunter tritt sie auch als Party-Girl auf, wenn auch am Schluß nach der Melodie: »The party is over.« Er lächelte Diana an. »Wenn sie der Versuchung widersteht, einen Ölscheich zu heiraten, ist sie für uns die Idealbesetzung.«
»Ich werd’ mich beherrschen«, versprach sie lachend.
Daß unsere Organisation jetzt auch mit Frauen arbeitete, war neu für mich. Ich hatte unseren Verein immer für einen Haufen wilder Männer gehalten, nicht gerade James Bonds oder Jerry Cottons, aber doch wetterfeste Burschen, deren Lebenserwartung verdammt kurz war, falls sie nicht höllisch aufpaßten. Sonst lautete ein ehernes Gesetz: Trau keiner Frau.
Schließlich hing ja auch der Minuspunkt meiner Beurteilung nicht von ungefähr an.
»Bei diesem Fall ist eben alles ganz anders«, beantwortete der Vize – er könnte in jedem Zirkus als Gedankenleser auftreten – meine stumme Frage. »Sie werden sich auf’s Hochseil schwingen, ohne Fangnetz, ob Sie sich nun dieses Schafsfell Grenzlein überstreifen wie eine zweite Haut oder nicht. Vielleicht gelingt es Ihnen dann unten an der Seeräuberküste den Laurence von Arabien zu spielen.« Der General war jetzt für seine Verhältnisse ziemlich ernst und mitfühlend. »Aber die geringste Panne liefert Sie ans Messer. Wenn die Sache schiefläuft, ist eine stille Gedenkminute das einzige, was die Organisation noch für Sie tun kann.«
Diana wirkte angespannt. Über die rechte Hälfte ihres Gesichts war wieder der blonde Vorhang gefallen. Sie lehnte sich bequem zurück, die Beine übereinandergeschlagen. Unter der blaugrünen Seide hob sich ein wohlgerundetes Knie ab. Nicht eine Spur eckig, und das war wichtig, denn knochige Typen kann ich nicht ausstehen.
Ich haderte nicht mehr mit Diana und war eigentlich ganz zufrieden, daß sich mein neuer Einsatz zunächst einmal von der schönsten Seite präsentierte. Und schließlich mußten wir – sogar der Vize – aus Sicherheitsgründen laufend gecheckt werden wie Piloten, die zweimal jährlich in den Flug-Simulator gehen. Bei uns freilich stand oft mehr auf dem Spiel als der Absturz eines womöglich vollbesetzten Jet-Riesen.
»Sie fangen sofort an mit dem Unterricht«, befahl der General. »Diana wohnt neben Ihnen in diesem Fuchsbau. Es ist natürlich klar, daß Sie sich außerhalb unseres Hauptquartiers nicht kennen. Es tut mir leid, Herrschaften, aber ich muß Euch um größte Mühe und Konzentration bitten.« Er erhob sich. Auf einmal war sein Spott wieder da, schwamm wie ein Fettauge auf der Suppe. »Ferry, hier unter diesem Dach entbinde ich Sie von Ihrem Minuspunkt. Machen Sie Ihrer hübschen Partnerin ruhig schöne Augen. Von mir aus können Sie zu ihr sagen: Ich liebe Dich.« Er schärfte seine Stimme: »Aber sagen Sie es auf arabisch.«
Er stand an der Tür, musterte uns wohlgefällig, ein tückischer Kuppler. »Noch etwas«, sagte er. »Ihre Begegnung von heute morgen ist auch Ihre Legende.«
Legende ist die gestellte Geschichte, die ein Agent für seine eigene ausgibt. Je näher sie an der Wahrheit bleibt, desto überzeugender wirkt sie. In unserem Fall also hatte ein ehrlicher Tagedieb mit einem gelegentlichen Wolfshunger auf das schöne Geschlecht eine Gelegenheit beim blonden Schopf gefaßt und Pannenhilfe zu einem verhaltenen Liebeswerben ausgebaut. Nur das aufgeschraubte Ventil hätte natürlich wegzubleiben.
»Noch Fragen?« sagte der Vize.
»Einen Moment, Sir, please«, erwiderte ich.
Ich ging rasch diesen Tag noch einmal durch, durchwühlte ihn wie Hosentaschen nach Kleingeld, es war noch etwas offen.
Eine Unterlassung.
Ich spürte sie verschwommen, und dann griff ich sie mir.
»Ich wurde per Computer für diese Operation ausgewählt?«
»Ja, das sagte ich Ihnen schon«, erwiderte der Vize leicht ungeduldig. »Nachdem einem unserer Leute eine gewisse Ähnlichkeit mit Grenzlein aufgefallen war.«
»Bestens«, entgegnete ich. »Und wer ist der Mann?«
Der General kam zurück, ärgerlich auf sich selber. »Gute Frage«, tadelte er sich, und dann suchte er einen Namen. Das Gedächtnis ist an der unsichtbaren Front eine Lebensfrage. Er begann die Schaltstellen seines Gehirns in Bewegung zu setzen, aber die Ganglien verweigerten ihm den Gefallen.
Es gelang nicht auf Anhieb, er wollte sich keine Blöße geben. Einen Moment lang wirkte er wie eine Schlange, die vergeblich versucht, ein zu großes Kaninchen zu schlucken. Schließlich schaffte er es, die Beute zu verschlingen, lebend:
»Dave«, nannte er mir den Namen eines Top-Agenten. »Sie haben schon mit ihm zusammengearbeitet.«
»Ja«, antwortete ich, »damals in Bangla Desh.« Ich setzte hinzu: »Es gibt nur zwei Möglichkeiten, Sir: Entweder Dave so lange unter Verschluß zu halten, wie ich an diesen Fall gesetzt bin, oder ihn mir an die Hand zu geben.«
»Entscheidungen treffe ich«, rettete sich der General in einen halbwegs geordneten Rückzug.
Er schloß die Türe hinter sich.
Diana und ich lächelten uns an, ziemlich unbefangen.
»Ich hab’ dich lieb«, begann ich. »Wie sagt man so etwas auf arabisch?«
»Am besten gar nicht«, erwiderte sie. »Fangen wir lieber bei den Grundbegriffen an. Bitte wiederholen Sie: Mumkin ähud ilfutûr sabâhan?«
Ich versuchte es. »Und was heißt das?« mißtraute ich ihr.
»Kann ich morgens ein Frühstück bekommen?« antwortete Diana.
Der Tag begann mir wieder zu gefallen. Ich wünschte, daß ich diese zweisame Etappe nicht allzuschnell mit einer Front von Blut, Bluff und Dreck vertauschen müßte.
5
Doppelgänger war nun wirklich übertrieben, aber dieser Grenzlein hatte fraglos eine Ähnlichkeit mit mir, aus der sich etwas machen ließe, und in meiner Branche, die zum ständigen Wechsel der Identität zwingt, ist man so etwas wie ein Verkleidungs-Künstler. Auch unsere Gegenspieler selbst sehen oft ihren Fahndungsfotos längst nicht mehr ähnlich. Eine der Maschen der Terroristen ist es, Aussehen und Persönlichkeit ständig zu wechseln. Wer den ganzen Tag Theater spielt, ist wohl auch noch am Abend eine Art Freizeit-Mime, und so vermischen sich irgendwie die Konturen.
Ich ließ mein angebliches Konterfei während des Kreuzverhörs nicht aus dem Auge. Manchmal sah ich wie in einen verstaubten Spiegel, und mitunter stellte er sich auch als Zerrspiegel heraus. Dieser Bursche war ein ziemlich harter Brokken, ein Kotzbrocken. Er wirkte auf eine verschlagene Weise intelligent. In stundenlangen Vernehmungen prallte die harte Tour von ihm ab, und auf die weiche fiel er ohnehin nicht herein.
Der Mann war körperlich gut in Form und dialektisch geschult. Er sprach in einem modischen Soziologen-Welsch, und machte sich gleichzeitig darüber lustig, als wollte er vorführen, daß bei ihm gegen entsprechenden Eintrittspreis alle Türen offenstünden.
Ich war heute morgen vom Fuchsbau in einem geschlossenen Wagen in das Untersuchungsgefängnis gefahren worden. Lothar Grenzlein wurde im Nebenraum durch die Mangel gedreht; auch wenn er gelegentlich schwarz-weiß redete, konnte ich ihn in Farbe sehen. Gleich viermal, denn vier versteckte Kameras hatten ein Vernehmungszimmer fast in ein TV-Studio für live-Sendungen verwandelt.
Seine Stimmlage war etwas höher als meine, sein Blick wirkte unstet, aber das lag vermutlich an der Situation. Seinen rollenden Gang konnte man erlernen, und den halben Zentimeter Länge, der ihn von mir unterschied, durch Schuhe mit besonders flachen Absätzen ausgleichen. Ein Kilo Gewichtsunterschied macht nichts aus, wenn man nicht gerade Mannequin ist. Seine Augen waren grau-blau und meine blau-grau.
Seine brünetten Schnittlauchlocken wirkten eine Spur heller als meine Haarzier und waren ganz erheblich länger: Die Farbe konnte man tönen, und da selbst der Vize mir keinen schnelleren Haarwuchs befehlen konnte, würden wir seine Lockenpracht stutzen, und sein korrigiertes Konterfei als Fahndungsfoto nach dem angeblichen Ausbruch veröffentlichen.
Natürlich war die deutsche Justiz unabhängig, und wir konnten mit dem Mann nicht einfach umspringen, wie wir wollten, aber der Verhaftete stellte einen Sicherheitsfall dar. Deshalb arbeiteten wir uns über Bundesanwalt, Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst unauffällig an ihn heran.
»Mir brummt schon der Schädel von dieser dämlichen Fragerei«, sagte Grenzlein zu einem Kriminalkommissar. »Ich habe hundsmiserabel geschlafen.«
»Gleich kommen mir die Tränen«, grinste der Kripo-Mann.
»Setzen Sie nicht auf meine Anpassungs-Schwierigkeiten«, sabberte der Student mit den vielen Semestern. »Bei mir kommt nicht so schnell Väterchen Frust.«
»Wer, bitte?«
»Die Frustration«, dozierte er hochmütig. »So etwas wie zum Beispiel Ihre Beamtenlaufbahn.«
Während Grenzlein kleine Wölkchen aus seiner Pfeife paffte – eine bestimmte Sorte dänischen Tabaks –, sah es aus, als hätte der Vernehmende den Faden verloren. Jedenfalls war der lohnabhängige Kommissar sein Gehalt wert.
»Also, zum letztenmal«, polterte der 30jährige mit der Terror-Erfahrung. »Ob ich diesen Ali kenne oder nicht, richtet sich ausschließlich danach, ob wir endlich ins Geschäft miteinander kommen oder nicht. Ich hab’ nichts gegen Sie, aber für diesen Fall sind Sie mir einfach zwei Schuhnummern zu klein. Entweder bringen Sie mir bis heute mittag einen Fachmann aus der Pullacher BND-Zentrale, oder ich trete in den Aussage-Streik.«
»Das ist nicht so einfach, Herr Grenzlein«, erwiderte der Kripomann und leistete sich einen hübschen Witz. »Ihr Antrag ist auf dem langen Marsch durch die Institutionen«, setzte er hinzu, ohne das Gesicht zu verziehen.
Pause. Der U-Häftling wurde allein gelassen. Der Beamte ging ein wenig zu schnell. Es war ziemlich sicher, daß mein Double auf die Subalternmasche hereinfiel.
Was nunmehr auch geschehen würde, das Drehbuch dazu hatte unsere Organisation geschrieben. Es wußte niemand, daß Grenzlein in Stadelheim einsaß. Wir hatten von vornherein dafür gesorgt, daß die Erfolgsmeldung über seine Verhaftung nicht im Polizeibericht stand.
Wir konnten auf die Dauer aber nicht verhindern, daß er mit seinem Anwalt in Verbindung trat, und der Verteidiger würde darauf bestehen, daß gegen Grenzlein ein Haftbefehl ausgestellt oder er aber aus dem Gefängnis entlassen würde. Bei dem Sündenkonto Grenzleins konnte es nicht schwer sein, vom Ermittlungsrichter die legale Grundlage zu erhalten, aber wenn der Haftbefehl ausgestellt war, setzten sich automatisch die Mühlen der Justiz in Bewegung, und dann wäre es sicher schwierig, mit dem Revoluzzer zu einem echten – oder auch falschen – Arrangement zu kommen. Natürlich konnten wir, um ihn seinem Anwalt zu entziehen, einen der üblichen Tricks anwenden und ihn von einer Haftanstalt in die andere verlegen, so daß sich Arrestant und Beistand eine Weile lang verfehlen würden wie die berühmten Königskinder.
Schließlich würden wir einen Ausbruch in Wildwestmanier inszenieren und dann ganz klein beigeben. Leider wäre nicht zu vermeiden, daß die deutsche Polizei mit Vorwürfen überschüttet würde, weil wegen ihrer Nachlässigkeit ein langgesuchter Extremist getürmt sei.
Der Witz bei der Sache bliebe nur, daß ich den Geflüchteten darstellen würde – während Grenzlein auf Nummer sicher bliebe, gehütet wie ein Augapfel, und zwar aus gutem Grund. Sollte er auftauchen, während ich im nahöstlichen Operationsraum arbeitete, wäre mein Leben nicht mehr wert als der Schuß Pulver, der es auslöschen würde.
Bisher war er meine schlechte Kopie – in der Stunde X würde er zwangsläufig zum Pseudo-Original. Jetzt schon wußte ich ein bißchen mehr über sein Leben, als daß er fast vegetarisch aß, mit Vorliebe Mehlspeisen, und daß die Schürzenjagd sein Lieblingssport war. Zu meinem Glück fast nur Eintagsfliegen in Zweibettzimmern, denn je länger ihn seine Gespielinnen kannten, desto geringer wurden meine Chancen, von ihnen als »Grenzlein« akzeptiert zu werden.
Unsere Organisation hatte das System 777 ausgeheckt und war bei dieser runden Zahl geblieben, obwohl zur Erstausstattung mit einer fremden Persönlichkeit weit über 800 Antworten gehörten. Eine solchermaßen gestrickte Identität hielt nach unseren Erfahrungen auch einem fachkundigen Kreuzverhör durch die Polizei eine Nacht lang stand, aber spätestens im Morgengrauen wäre die angenommene Legende zerfleddert.
Trotz Zeitnot hatten wir extrem-gründlich vorzugehen und Grenzleins Vergangenheit aus winzigen Mosaiksteinchen zusammenzustellen. Wir mußten mehr wissen, als den Markennamen der Uhr, die ihm Tante Emma vor 17 Jahren zur Konfirmation geschenkt hatte, oder den Namen des Kinderarztes, von dem seinerzeit die Masern behandelt worden waren. Der erste Kuß gehörte genauso in dieses Sittengemälde wie die letzte Liebesnacht.
Wir setzten mehr als ein Dutzend Leute auf mein anderes Ich an. Kindheit, Elternhaus, Familienleben wurden ebenso durchforstet wie Pubertätsschwierigkeiten und Studienmilieu. Ohne es zu merken, arbeiteten Nachbarn, Lehrer, Kommilitonen und Freundinnen für meinen Schutz.
Bevor ich mich für das Gespräch mit Grenzlein einließ – natürlich äußerlich so verändert, daß ihm unsere Ähnlichkeit nicht auffallen konnte –, mußte ich mich durch einen ganzen Berg von Informationen hindurcharbeiten.
Manchmal haderte ich mit der Natur, daß sie einem solchen Burschen meine Gesichtszüge geliehen hatte. Zwei Tage lang stand Grenzlein tatsächlich eine Art Schweigehaft durch. Wir ließen ihn im eigenen Saft schmoren und knöpften uns dafür um so energischer den Kurier aus Beirut vor, der die Spezialabteilung des Bundeskriminalamtes auf Grenzleins Fährte gebracht hatte und übrigens ein Jordanier war.
Der Name, den er uns nannte, war mit Sicherheit falsch, aber wir quetschten mit der Zeit aus ihm heraus, daß er zu einer palästinensischen Terrororganisation gehörte, die sich »Arabiens Speerspitze« nannte und wohl eine Art Konkurrenz zum »Schwarzen September« darstellte. Er hatte fast zwei Jahre in Deutschland als Gastarbeiter gearbeitet und dabei Grenzlein kennengelernt, war dann anschließend aufgefallen und abgeschoben worden. Mit einem falschen Paß illegal eingereist, hatte er den Befehl, den Kontaktmann Lothar Grenzlein in seinem Schlupfwinkel aufzusuchen und ihm das Stichwort »Rabîs« zu nennen.
Rabîs heißt zu deutsch Frühling, und wir konnten uns denken, daß es der Codename für eine neuerliche Schweinerei war, wie zum Beispiel Flugzeugentführung oder Olympia-Massaker, wobei Grenzlein wohl auf deutschem Boden als Lotse verwandt werden sollte.
Er war womöglich zweite Wahl, denn den Zielfahndern des Bundeskriminalamts war es in den letzten Monaten gelungen, einige der gefährlichsten Anarchisten festzunehmen. Der Verhaftete gab mehr blumige Propaganda von sich als exakte Information, aber aus dem Schwulst konnten wir ein paar brauchbare Körnchen destillieren. Wir kamen zu der Ansicht, daß mehrere Kommandos der Untergrundgruppe »Arabiens Speerspitze« in Europa unterwegs waren, um schlagartig ihre Wahnsinnsaktionen zu starten.
Zunächst einmal ging es darum, ein neuerliches Massaker und eine Erpressung größten Ausmaßes zu verhindern, und dabei bot sich die Chance, tief in die deutsche Terrorszene vorzustoßen, denn die Schätzchen vom Jordan waren mit Sicherheit auf deutsche Komplicen angewiesen, die womöglich den Plan ausgeheckt hatten. Das Schlimme an der Situation war ja, daß die Desperados längst weit besser international zusammenarbeiteten als ihre Verfolger, die von nationalen Vorschriften, Gesetzen und Rivalitäten aufgehalten wurden.
Die Zeit für ein erstes Zusammentreffen mit Grenzlein war gekommen.
Ich hatte mich mit ein paar Handgriffen so verändert, daß auf dem Gang des viereckigen Fuchsbaus – Organisationsintern »Quadrogon« genannt – Diana an mir vorbeilief, ohne mich zu erkennen.
»Ich komme aus Pullach«, stellte ich mich Grenzlein vor. »Ich heiße Meier, oder auch Müller. Oder Huber. Ganz wie Sie wollen – suchen Sie sich das Passende aus.«
»Und wie wollen Sie sich als bevollmächtigter Unterhändler ausweisen?« fragte er mild.
»Hiermit«, erwiderte ich und öffnete meine Aktentasche.
Ganze Bündel banderolierter Hundert-Mark-Scheine sprangen ihm förmlich in das Gesicht.
Seine Augen wurden rund wie Fünf-Mark-Stücke.
»Schön«, sagte er. »Dieser Ausweis zählt bei mir.«
Ich klappte die Mappe wieder zu, stellte sie neben mich.
»Sie sitzen ganz schön in der Tinte, Grenzlein«, begann ich ihn zu kneten. »Und wir können Sie erst noch richtig hineinreiten«, setzte ich den Hebel an. »Wir könnten Sie aber – unter Umständen – auch hier herausholen.«
»Lassen Sie doch diese Kindereien«, versetzte er großartig. »Wenn Sie nicht so scharf auf mich wären, hätten Sie doch nur hundert Mark in der Tasche –«
»Zweihundert«, erwiderte ich. »Und was kosten Sie?«
»Straffreiheit«, antwortete er. »Einstellung des Verfahrens. Der Klassenjustiz wird schon der richtige Trichter einfallen.«
»Wir sprechen über Geschäfte«, entgegnete ich. »Sie brauchen hier nicht zu agitieren.«
»100000 Mark sofort«, kam er zur Sache. »Und 100000 Mark nach Erledigung der Geschichte.«
»Welcher Geschichte?« fragte ich.
»Ich liefere Ihnen die Möglichkeit, eine Gruppe meiner arabischen Freunde zu zerschlagen, die dabei ist, ein riesiges Ding zu drehen.«
»Und das kennen Sie?«
»Nicht genau«, schränkte er ein, »aber so ungefähr.«
»Schöne Freunde haben Sie«, erwiderte ich. »Wer garantiert mir, daß Sie sich nicht die 100 000 Mark in die Tasche stecken, verduften und sich ins Fäustchen lachen?«
»Sie lassen mich hier laufen, und beschatten mich dabei. Ich nähere mich auf Umwegen den Unterkünften der Attentäter.«
»Und wenn die merken, daß wir Ihnen gefolgt sind?«
»Dann sind Ihre Leute Pfuscher«, stellte er nicht unlogisch fest.
»Und Sie ein toter Mann«, entgegnete ich beiläufig. »Warum verpfeifen Sie eigentlich Ihre Gesinnungsgenossen?« fragte ich ohne Betonung.
»Erstens einmal habe ich sie noch nicht verpfiffen«, erwiderte Grenzlein, »und zweitens haben Sie mich geschnappt, und da sieht die Welt ja nun etwas anders aus als draußen. Sie dürften schon gemerkt haben, daß ich weiß; wo Gott wohnt.«
Ich nickte.
»Wenn wir schon dabei sind, so gemütlich miteinander zu plauschen«, fuhr er fort, »dann schenke ich Ihnen eine Information. Vorleistung«, spottete er: »Das sind nicht meine Gesinnungsgenossen. Gewiß, sie verstehen zu töten und zu sterben, aber für meinen Geschmack ist da viel zu viel Orient dabei. Verstehen Sie?«
»Nicht ganz.«
»Zu viel Kismet und zu viel Koran«, erklärte er. »Wenn Sie mich fragen: Bei denen fehlt es am gesellschaftlichen Bewußtsein noch ganz gewaltig.«
»Und wird es vermutlich auch immer fehlen«, ging ich auf seinen Ton ein, »denn Allah il Allah ist ja nicht ihr Parteigenosse.« Ich betrachtete Grenzlein, als überlegte ich mir meinen Trick. »Ich nehme Ihnen jetzt einmal ab, daß Sie ein Polittäter sind«, sagte ich, »dann verstehe ich nur nicht, warum verlangen Sie Geld?«
»Weil wir in keiner klassenlosen Gesellschaft leben«, höhnte er. »Man muß den Kapitalismus, beziehungsweise den Liebediener eines solchen da schlagen, wo es ihn am härtesten trifft. An der Kasse.«
»200000 oder 400000 Piepen werden das System nicht ärmer machen –«
«– aber mich reicher«, entgegnete er verächtlich.
»Ich bin nicht uninteressiert an Ihnen«, startete ich meinen Nervenkrieg. »Aber ich muß natürlich mit meinen Vorgesetzten sprechen. Überlegen Sie sich inzwischen, wie Sie unser Risiko verkleinern können.«
»Vorleistung kommt nicht in Frage«, erwiderte er schnell.
»Dann sehe ich schwarz für unseren Deal«, konterte ich. »Melden Sie sich, wenn Sie sich anders besonnen haben.« Ich griff nach meiner Aktentasche, sah, wie sich seine Augen an ihr festsaugten, und war in diesem Moment ziemlich sicher, daß ihm seine Geldgier ein Bein stellen würde.
Er schien anders zu sein wie seine Gesinnungsgenossen, die sich in ihren Stammheimer Zellen erschossen oder erhängt hatten. Trotzdem ließ ich, um jedes Risiko auszuschalten, seine Zelle von Spezialisten noch einmal gründlich durchsuchen. Bei Tätern wie Grenzlein stand die Intelligenz dem Haß Schmiere, und so mußte man bei ihm mit allem rechnen, denn mit dem gleichen Zynismus, mit dem sie mordeten, töteten sie sich gegebenenfalls auch selbst.
6
Eigentlich brachte mich die mir amtlich befohlene zweisame Häuslichkeit in eine recht eigenwillige Situation: Agent in Filzpantoffeln. Scheinbar uns selbst überlassen, Wand an Wand mit Diana, die frei, frisch, klug und kühl blieb. Wir lebten in einer seltenen Intimität ohne Hautnähe. Auch wenn ich mich beim Sprachunterricht besonders anstrengte, würde sie es mir nicht leicht machen, ihr Primus zu werden.
»Sprache und Religion geben den arabischen Ländern eine recht problematische Einheit«, sagte Diana. »Arabisch ist die Muttersprache, aber die Dialekte weichen extrem voneinander ab. Mit einiger Mühe können sich ein Libyer und ein Jemenit unterhalten. Es ist dann so, als würde ein Niederbayer mit einem Ostfriesen sprechen.«
»Welches Arabisch lerne ich?« fragte ich.
»Mittelhoch-Ägyptisch«, antwortete sie mit ihrer hellen Stimme.
Dianas Eröffnungen waren so interessant, daß ich ihr mit der Zeit öfter zuhörte, als ich sie anstarrte. Sie hatte den orientalischen Bazillus in sich, eine Haßliebe zum Land ihrer Jugend, und was sie verspottete, bewunderte sie zugleich. Märchen aus Tausend-und-einer-Nacht wurden zu einer durchglühten Wirklichkeit, doch sowie es um das flüssige Gold, das Erdöl, ging, mündete die Romantik in eine Räuberballade.
»Viele Europäer und fast alle Amerikaner neigen dazu, die Orientalen nach westlichen Maßstäben zu beurteilen«, fuhr Diana fort. »Das ist ganz falsch. Araber denken nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Gefühl und kommen dabei oft zu ganz anderen Resultaten wie wir.«
»Gut«, erwiderte ich. »Ich werde ab sofort versuchen, mit dem Gefühl zu denken.« Sie überhörte die Anzüglichkeit, und ich setzte hinzu: »Was aber das Ölgeschäft betrifft, habe ich den Eindruck, daß Ihre Freunde zur Zeit mehr amerikanisch denken als arabisch.«
»Das haben sie uns abgeguckt«, sagte meine Mentorin. »Sie haben das Monopol. Und im Nahost gibt es leider keine Kartellbehörde, die es kontrolliert.«
»Vielleicht verlangen sie morgen auch noch, daß sich der Staatspräsident mit dem nackten Hintern auf den Kirchturm setzt und sich fünfmal in Richtung Mekka verbeugt«, versetzte ich. »Aber für den Rest des Abends wollen wir das Erdöl Petroleum sein lassen.«
Mochte die Krise die Welt beuteln, wir hatten im Fuchsbau ein warmes Plätzchen. Die Küche schickte uns ein superbes Menü. Ich entkorkte eine Flasche Burgunder, schön chambriert.
»Ist es Ihnen recht, Diana?«
»Beim Barte des Propheten«, antwortete sie. »Trinken Sie auf Vorrat. In Libyen bekommen Sie keinen Tropfen Alkohol. In Beirut Soviel Sie wollen. Im Iran werden sie öffentlich ausgepeitscht, wenn Sie sich mit einer Alkoholfahne erwischen lassen.«
»Ich bin für Beirut«, erwiderte ich. Für was ich sonst noch war, wagte ich Diana nicht zu sagen. Nicht an diesem Abend.
Auch der zweite kam, nach anstrengendem Sprachunterricht, nur sehr langsam in Fahrt. Vielleicht fand ich deswegen so schwer Zugang zu meinem Repertoire, weil im Fuchsbau gewissermaßen unsere Türen offenstanden.
Die Intimität wurde zum Bumerang. In freier Wildbahn wäre alles seinen Lauf gegangen: Zuerst ein Cocktail, dann ein pikantes, französisches Restaurant, oder ein kleines italienisches. Ein feuriger Wein. Das restliche Feuer würde ich dann schon selbst beisteuern.
»Sie sehen recht unzufrieden aus«, sagte Diana.
»Bin ich auch«, erwiderte ich. »Ich stagniere.«
»Mehr Arabisch kann man für zwei Tage nicht verlangen«, tröstete sie.
»Pfeif’ auf die Sprache«, entgegnete ich. »Sie sind eine Frau – ich bin ein Mann –«
»– und damit wären die Weichen gestellt?« unterbrach sie mich.
»Sind sie es denn nicht?« fragte ich gereizt.
»Verraten Sie mir etwas, Ferry«, versetzte sie mit milder Bosheit. »Wie haben eigentlich die Damen Ihres bisherigen Umgangs ausgesehen?«
»Nicht so hübsch wie Sie«, erwiderte ich. »Aber sie waren anschmiegsam, feminin. Verstehen Sie, wild und sanft zugleich.«
Ich setzte mich neben sie. Diana hatte offensichtlich nichts dagegen, daß wir begannen, den Abend in einen betont privaten Rahmen zu stellen. An der Stelle, an der sich unsere Schultern berührten, wurde mir warm, oder sagen wir: heiß. Diese ungewöhnliche Hitze zog mit Wellenringen über meinen ganzen Körper. Ich hoffte, daß meine Hände bald so weit kämen wie meine Augen und auf ihrer Haut ein Zuhause fänden. Aber bis dahin wäre noch ein weiter Weg. Meine Vorboten lagen fest wie die Schiffe im Suezkanal, und es dauerte Jahre, bis sie wieder flottgemacht werden könnten.
Mir standen höchstens Tage zur Verfügung.
So ging es nicht weiter. Ich stand auf und dachte mir einen neuen Werbefeldzug aus. Sie lächelte mich an, als hätte sie ihn bereits durchschaut. Nun muß ich gestehen, ich habe zwar die üble, männliche Angewohnheit, hinter halbwegs hübschen Mädchen herzusein wie der Windhund hinter dem falschen Hasen, aber ich spürte bereits, daß es bei Diana anders war, ein sicheres Anzeichen, daß ich mich in sie verliebt hatte. Gerade deswegen konnte ich meine Verführungskünste nicht unbefangen spielen lassen, zumal ich auch noch sicher sein mußte, daß sie nicht darauf hereinfallen würde. Wie man sieht, können auch wir Männer manchmal ganz schön kompliziert sein.
»Diana«, sagte ich. »Ich wollte, Sie wären häßlich.«
»Ich nicht«, antwortete sie.
»Ich auch nicht«, erwiderte ich. »Wie kommen wir uns unter Zeitdruck ein wenig näher?«
»Mit Geduld«, versetzte sie. »Machen Sie es ganz altmodisch: Dämpfen Sie das Licht. Bestellen Sie noch eine Flasche Wein. Suchen Sie im Radio das entsprechende Schlummerschmalz. Kleine Geschenke – nichts Teures bitte – fördern die Freundschaft. Dann lassen Sie etwas Ihre Bildung spielen, falls Sie eine solche vorzuweisen haben. Und ganz generell gebe ich Ihnen noch den Rat. Seien Sie bitte kleinlaut statt großmäulig.«
»Nichts ist leichter als das«, erwiderte ich zerknirscht.
Es war jetzt 21 Uhr. Die Nacht kam auf sanften Pfoten. Diana wirkte jetzt eher kokett als spießig; sie machte das alte Spiel zwischen Mann und Frau wieder neu. Ich wollte nicht als Anfänger dastehen und wuchs zunehmend in meine Rolle hinein, ich spielte sie nicht mehr – ich nahm sie ernst.
Aber der Ton macht die Musik, und in diesem Fall kam er von der Telefonglocke.
Der General war in der Leitung, »Grenzlein kippt«, sagte er mit einer Stimme, die wie eine Kette kontrollierter Explosionen klang.
»Wann?« fragte ich dümmlich.
»Sofort«, entgegnete er. »Machen Sie sich fertig.«
Es war ein Befehl der Organisation. Dienst ist Dienst – und Diana ist Diana.
Ich stieg unwillig in den Kastenwagen, der so dunkel war wie meine Zukunft.
Ich verließ den Fuchsbau in der Art eines Einsteigdiebs, doch ein solcher hätte keine Chance gehabt, in das viereckige Hauptquartier unserer Organisation – eine von 15 Filialen in der westlichen Welt – einzudringen. Es wurde bewacht wie Fort Knox, obwohl die dort gelagerten US-Goldreserven längst von Rost und Motte angefressen sind.
An den dicken Mauern unseres Münchner Quadrogons prangten Firmenschilder. Die Phantasienamen ließen auf geballte Import-Export-Geschäfte schließen. Tatsächlich wurden hier ja auch Nachrichten aus aller Welt gesammelt, ausgewertet, umgesetzt und notfalls auch hergestellt – um nur eine Spezialität unseres brisanten Haufens zu erwähnen.
Schließlich war unsere Organisation, wenn es um die Sicherheitsbelange des Westens ging, im Untergrund gewissermaßen die letzte Instanz. Diese Tatsache würde mich in des Teufels Küche bringen, und die lag zur Zeit im Vorderen Orient.
Ich stieg in einen Lieferwagen, von hinten natürlich. Das ungenannte Ziel ließ sich erraten. Eine aufdringliche Reklame auf der Blechhaut warb für ein bekanntes Feinkostgeschäft. Ich konnte nur hoffen, daß sich mir die Delikatessen nicht auf den Magen schlagen würden.
Einer der raren Augenblicke meines Lebens war gekommen, als ich darüber nachdachte, warum ich jahraus, jahrein über die abschüssigen Pfade der unsichtbaren Front hetzte, Meile um Meile. Aber fragt ein Dompteur, warum er allabendlich in der Manege seine Königstiger kitzelt, vor einem vollen Haus, das nur darauf wartet, daß ihn die gestreiften Bestien anfallen?
Der Vergleich hinkt natürlich, denn nach seinem großen Auftritt kann der mutige Mann nach Hause gehen. Oder sich mit der Zirkusreiterin treffen. Oder die Hochseilakrobatin herzen. Ich kenne keinen Feierabend, und dabei hatte Diana – heiß wie ein Schneller Brüter und genauso abgeschirmt – weder vom Reiten krumme Beine noch vom Salto mortale zu muskulöse Oberschenkel.
Der Mann mit dem Quadratschädel, mein Auftraggeber, hatte ganz recht mit meiner einschränkenden Beurteilung. Für einen Agenten sind Frauen Gift. Sie lenken ab; sie schieben sich mit ihrer schönen Person vor die häßliche Sache – aber Schließlich kann ein Geheimdienst nicht lauter Eunuchen beschäftigen. Und eine appetitliche Blondine ist nun einmal reizvoller als ein schmieriger Ölscheich.
Die Fahrt lang war ich bei Diana, aber man wird nicht satt, wenn man den Bratenduft riecht. Amors Pfeil war nicht abgeprallt: es war sozusagen ein Heimatschuß, bevor ich hinausmußte. Diana hatte etwas an sich, was mich verrückt machte, und ich wußte nicht, war es ihre distanzierte Nähe, der Duft ihrer Haut, oder ihre durch den Verstand gefilterte Sinnlichkeit, oder die Art, mit der sie das alte Spiel umdrehte, und den Mann, der sie erobern wollte, besetzte, ausfüllte und zähmte. Und so weit war es schon gekommen, daß ich ihr dabei auch noch applaudierte.
Diana schaffte es, daß ich ihr ganzes Geschlecht herschenkte für ein einziges Exemplar. Vielleicht lag es daran, daß sie nichts dazu tat. Wenn ich an sie dachte, sah ich mich in der Rolle des Liebhabers – aber seit wann stand ich da, mit krummem Rücken und klammen Händen? Warum verachtete ich auf einmal die nicht ganz reizlosen Begegnungen meines bisherigen Lebens?
Ich zürnte Diana und überlegte, ob mir die Zeit bei ihr noch eine Chance ließe. Ich war Mann und Narr zugleich und warf jetzt die Liebesabenteuer meines Lebens über Bord: Wer Kaviar nascht, erinnert sich nicht gerne an Heringsrogen.
Der Lieferwagen bremste und fuhr dann durch ein Portal. Ich löste mich aus dem einseitigen Clinch mit Diana. Der Fahrer hatte den Hof des Untersuchungsgefängnisses erreicht, das mein Doppelgänger Grenzlein ein wenig außerhalb der Freiwilligkeit – und wie er fälschlich annahm nur vorübergehend – bewohnte. Wie bei meinem ersten Besuch war die Direktübertragung aus dem Vernehmungszimmer arrangiert. Unser Vize, schon vor mir eingetroffen, nickte mir zu, ohne den Blick von den vier Bildschirmen zu nehmen.
Ich musterte Grenzlein und starrte wieder in mein eigenes Gesicht, dieses Passepartout für die Hölle, Spezialausweis für Nahost. Die Kerben links und rechts seiner Mundwinkel traten schärfer hervor als bei mir. Es war die einzige Handschrift der Haft, die seine blasierte Visage herzeigte.
Der General neben mir, sonst ein Skeptiker, hatte mich mit der Meldung aus den weichen Armen dieses Abends gerissen, daß Grenzlein heute sprechen würde. Falls er wirklich über »Arabiens Speerspitze« plaudern sollte, geschähe es freiwillig und müßte den Studenten mit der reichlichen Semesterzahl zu einem zweifelhaften Überläufer machen.
Unser Vize lächelte mit langen Zähnen, und einen Moment lang kam mir der Verdacht, er hätte im Fuchsbau meine reizvolle Zweisamkeit mit Diana nur unterbrochen, um ein wenig an meinem Minuspunkt herumzuradieren.
»Ich habe mich zu einer kleinen Vorleistung entschlossen«, sagte Lothar Grenzlein zu dem Kriminalkommissar. »Unter Umständen. Rufen Sie mir diesen Meier oder Müller oder Huber. Und sagen Sie ihm, er soll seine Aktentasche mitbringen, und zwar voll.«
Er schlug die angebotene Zigarette aus, stopfte seine Pfeife, zündete sie an und spottete: »Vielleicht wird man Sie auf der Stelle befördern, Herr Kommissar, wenn ich mit Pullach ins Unreine komme.«
»Es tut mir leid«, überhörte der Kripobeamte den Stich, »ich kann Ihren Gesprächspartner zur Zeit nicht erreichen. Er hält sich im Ausland auf.«
»Quatsch«, versetzte mein abgefeimtes Konterfei. »Der Mann hält sich zur Zeit im Nebenzimmer auf, spitz wie Nachbars Lumpi.« Der Multi-Studiker stand auf, ging auf ein Wandbild zu, hob es ab und enttarnte das Glasauge einer – versteckten Kamera. »Billiger Trick«, grinste er. »Auf Ihr dämliches Scheinverhör falle ich nicht herein, und wenn Sie in diesem Raum noch zwei Kameras verborgen hätten.«
»Drei«, entgegnete der Kommissar. Er war große Klasse, lächelte ein wenig schuldbewußt und lobte: »Sie sind ein gewürfelter Bursche, Grenzlein. Aber glauben Sie nur nicht, daß wir wegen Ihnen diesen Aufwand hier betreiben.« Mit gespielter Geschwätzigkeit setzte er hinzu: »Mit dem Kameratrick konnten wir gestern drei Millionen Lösegeld wieder herbeischaffen, weil sich die beiden Entführer ein bißchen zu ausführlich über ihr Geldversteck unterhalten haben.«
»System-Zwerge«, versetzte Grenzlein. »Bei mir geht es um kleinere Beträge. Fürs erste. Erst später kommt die Profitmaximierung«, sagte er und zog wieder an seiner Pfeife.
Ich wollte mir eine Zigarette anzünden, der Colonel fiel mir ein, und ich stopfte meine Neuerwerbung mit einer würzigen Dänenmischung. Ich wußte, daß mir der Vize scharf auf die Lunge sah, deshalb unterließ ich den typischen Fehler des Zigarettenkonsumenten, den Pfeifenrauch zu inhalieren, oder zu hastig zu ziehen. Übrigens war der Tabak vorzüglich. Ich konnte in der Haut Grenzleins – dessen Identität ich weitgehend zu übernehmen hätte – durchaus bei ihm bleiben, aber mein Double war auch Vegetarier mit einer Vorliebe für Süßigkeiten. Wenn ich an die vielen Himbeerpuddings, Marmeladepfannkuchen und Reisaufläufe dachte, verwandelte sich das angebliche Eiswasser in meinen Adern – die Organisation rühmte es mir nach – in Blutzucker.
»Ich weiß nicht, ob ich durchkomme«, sagte der Kommissar. »Ich sollte schon etwas mehr vorweisen können. Ihre Enthüllungen in allen Ehren, aber nirgends wird mehr gelogen als auf der Jagd, beim Suff, in der Liebe, oder hinter Gittern.«
Er nickte meiner Karikatur zu und verließ den Raum, in den zwei uniformierte Polizisten mit grobschlächtigen, verschlossenen Gesichtern als Wache einzogen. Vor der Tür standen zwei weitere. Am Ende des Ganges wiederum zwei. Sicherheitshalber war im Hof ein Funkstreifenwagen postiert, dessen Männer MPs trugen. Die deutschen Behörden ließen sich die Bewachung des langgesuchten Politverbrechers etwas kosten. Es würde nicht leicht sein, ihnen eine »Flucht« Grenzleins einzureden – doch das wäre nicht mehr mein Bier.
»Der Kerl ist hart, Sir«, sagte ich. »Um den garzukochen, brauchen wir noch mindestens drei Wochen.«
»Unter normalen Umständen«, versetzte der General. »Aber was wäre in diesem Fall normal? Heute ist schon übermorgen – also hätten wir den Kerl schon vorgestern umdrehen müssen.« Er verfolgte mechanisch meine Rauchversuche mit dem fremden Lungenmedium. »Wie weit sind Sie mit Ihrem Arabisch?« examinierte er mich.
»Sir«, schoß ich zurück. »Vor gut zwei Tagen habe ich diesen Auftrag übernommen. Sie können von mir verlangen, daß ich in 52 Stunden zweieinhalbmal um die Welt fliege. Oder mich durch die oberen Klassen eines Mädchenpensionats hindurchpflüge. Oder den Harem des Königs Chalid des Obersten Gaddafi –«
»Er hat keinen«, unterbrach mich der Vize.
»Das sieht diesem Operetten-Buffo ähnlich«, giftete ich. Wir grinsten beide, obwohl wir keine Zeit dazu hatten, und vor allem keinerlei Grund zur Heiterkeit, aber auf den Libyer waren wir sauer, weil er im Verdacht stand, die Terrorkommandos, mit denen wir uns herumschlugen, zu finanzieren, und zwar mit Ölgeld.
Bevor ich Grenzlein gegenübertrat, verschlüsselte ich mit ein paar Handgriffen mein Aussehen. Es ging ganz schnell. Ich setzte eine dicke, getönte Brille auf und verschaffte mir mit zwei Hartgummiplatten, die ich in meinen Mund schob, die Backen eines Hamsters. Meine ungleich kürzeren Haare verpaßten mir von selbst eine etwas andere Kopfform, und ein Agent, der kein Schauspieler ist – mitunter in einer Schmiere auf Leben und Tod –, braucht seine Geheimwaffen gar nicht erst auszupacken.
»Meister«, begrüßte ich Grenzlein: »Gesprächig heute?«
»Wir haben heute Donnerstag?«
»Das stimmt zwar«, erwiderte ich. »Aber glauben Sie, daß diese schlichte Feststellung 200 000 Mark wert ist, Genosse?«
»Nein«, entgegnete er. »Aber am Montag steigt dieses Superding. Und zwar in aller Frühe. Machen Sie sich auf etwas gefaßt.«
»Auf was?« fragte ich.
»Das erfahr’ ich selbst erst im letzten Moment«, erwiderte er. »Vielleicht entführen sie den Bundeskanzler. Oder sie machen dem US-Botschafter ihre Aufwartung und liefern seinen Gästen die heiße Schlacht am kalten Büfett. Oder sie setzen Todesbazillen auf führende Politiker an. Einige Ultras unter ihnen hätten wohl kaum Hemmungen, über die Wasserleitung den bakteriologischen Krieg zu eröffnen.« Er starrte in meine Augen. »Alles ist möglich. Glauben Sie mir das. Ich kenne diese Heißluftstrategen. Und die palästinensischen Partisanen arbeiten in Deutschland fast ohne Risiko – wenn sie sich greifen lassen, werden sie hinterher wieder freigepreßt, wie die drei Überlebenden des Olympia-Massakers.«
»Ich kenne die Qualität und die Arbeitsmethoden Ihrer Freunde«, erwiderte ich. »Aber seien Sie bitte nicht so weitschweifig, und kommen Sie zur Sache.«
Was die Freipressung arabischer Guerilleros anbelangt, dachte ich zufällig genauso wie er. Unsere Organisation hatte es für einen Fehler gehalten, die Olympia-Attentäter freizulassen. Erpressern gibt man nicht nach, wenigstens nicht nach unseren Spielregeln. Auch nicht, wenn einige oder mehrere Menschenleben auf dem Spiel stehen.
Mein Freund Hinrichsen war ihnen in die Hände gefallen, und sie hatten gedroht, ihn als Geisel zu töten, wenn wir ihnen nicht im Austausch gewisse Informationen überließen. Ich gehörte zu den Männern, die es strikt abgelehnt hatten, auf diesen Handel einzugehen, obwohl ich nicht daran zweifelte, daß sie meinen Kumpel erbarmungslos abschlachten würden. Hinrichsen hätte sich genauso verhalten, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre. Das ist bei uns eisernes Gesetz. Dabei gibt es – allenfalls – Tränen, Männertränen, doch keine Diskussionen.
»Erraten«, spottete mein angebliches Double. »Bonn ist schon wegen eines halbbesetzten Mittelstreckenflugzeuges umgefallen.« Er zog genüßlich an seiner Pfeife. »Was meinen Sie denn, auf welch’schwachen Füßen erst der Widerstand der Bundesrepublik steht, wenn es um die rund 100 Millionen Tonnen arabisches Öl geht, die von der deutschen Wirtschaft als Mindestbedarf in einem einzigen Jahr benötigt werden?« Er lächelte schräg, »Natürlich haben die Ölscheichs nichts mit diesen Geschichten zu tun. Sie finanzieren sie höchstens und bedauern sie heftig. Mit Worten. Ansonsten waschen sie ihre Hände in Unschuld, der Trick stammt ja auch aus der Gegend da unten.«
Die Gummiplatten scheuerten an meinen Zähnen. Ich zündete mir eine Zigarette an. Obwohl sonst von Berufswegen unempfindlich gegen Wetterstürze, erlebte ich ein paar Sekunden lang ein Wechselbad von Frost und Hitze.
Die Meuchler und die Heuchler, Hand in Hand. Wer die Freudentänze der Libyer bei der Ankunft der Olympia-Mörder auf dem Bildschirm verfolgt hat, erlebte einen Abklatsch des heißen Orients, wo das Blut schneller trocknet, als es fließt. Kaltblütige Killer, den ordentlichen Gerichten entzogen, wären beinahe nachträglich von der künstlich entfachten Begeisterung erdrückt worden. In den arabischen Ländern wird auf der Flamme des Nationalismus die Giftsuppe gekocht.
Aber auch der neue israelische Premierminister hat die Toleranz nicht gerade mit dem Löffel gefressen, und ein Stück Arabien steckt in jedem Land, in westlichen genauso wie in orientalischen. Überall werden Emotionen geschürt, um Zweckpolitik zu betreiben, werden Normalbürger dadurch zu Narren gemacht, wie einst im Sportpalast.
In jeder Stadt liegt ein Sportpalast, in Berlin wie in Buenos Aires, in Damaskus wie in Teheran, und wenn man die Massen berauscht, schreien sie nach Kanonen, statt nach Butter – vor allem, wenn sie nicht zu essen haben.
Ich hatte klare Vorstellungen über die Abwicklung unserer Transaktion, aber ich mußte Grenzlein noch ein wenig hinhalten:
»Wir haben zwar schon das letzte Mal darüber gesprochen«, begann ich, »aber ich komme einfach nicht ganz klar. Als Berufs-Revolutionär kämpfen Sie, wie Sie sagen, für die Veränderung des Systems. Ich nehme Ihnen Ihre Erklärung für das Geld, das Sie haben möchten, einfach nicht ab.«
»Im Prinzip haben Sie ganz recht«, ging er darauf ein, »und mein Hauptanliegen ist ja auch die Freiheit und nicht das Geld. Aber ich muß doch noch einmal ausholen: Der von der Gesellschaft ausgebeutete Mensch wird durch raffinierte Zwänge beherrscht. Einer heißt Geld. Ein anderer zum Beispiel Sex. Schon mal was von Marcuse gehört?« fragte er überheblich.
»Es gibt zwei«, erwiderte ich. »Welchen meinen Sie?«
Meine Frage verblüffte diesen Fachidioten des Umsturzes, er kletterte einen Moment aus seinem Polit-Korsett, wirkte leicht überrascht und hielt mich vermutlich zum ersten Mal für keinen Trottel.
»So kommen wir nicht weiter«, sprang ich ins kalte Wasser. »Ich bin zwar bereit, die Katze im Sack zu kaufen, aber ich möchte ihn wenigstens von außen abgreifen.«
»Einverstanden«, versetzte Grenzlein. »So sieht mein Zeitplan aus: Sie verständigen sofort meinen Studienfreund Rechtsanwalt Fingers. Morgen früh, kurz nach neun Uhr, übergeben Sie ihm in meiner Gegenwart die Anzahlung von 200 000 Mark. Wenn mein Beauftragter mir bestätigt, daß das Geld am sicheren Ort verwahrt ist, inszenieren wir in der Nacht vom Samstag auf Sonntag meine Flucht.«
»Weiter«, drängte ich.
»Sie sorgen dafür, daß die Bullen in die Luft schießen.«
»Moment mal«, unterbrach ich ihn mit der vorgetäuschten Schwerfälligkeit eines Langsamdenkers. »So etwas läßt sich mit den Beamten, die Sie bewachen, arrangieren. Aber dann kommt der Alarm, und Sie werden gesucht wie eine Stecknadel. Und dem erstbesten Polizisten, dem Sie in den Weg laufen, kann ich nicht im voraus sagen, daß Sie in unserem Auftrag getürmt sind. Wenn der Mann erst Ihren köstlichen Namen hört, ballert er darauf los, daß es eine Pracht ist.«
»Machen Sie mir keine Angst«, sagte er großspurig. »Fahren Sie mich nach Einbruch der Dunkelheit zu einer Vernehmung zum Untersuchungsrichter. Lassen Sie den Wagen einen Moment halten und meine Bewacher wegsehen. Wenn Sie mir sechs bis sieben Minuten Vorsprung geben, wird mich hier in München kein Hund mehr aufstöbern.«
»Präparierter Fluchtweg?«
»Dreimal dürfen Sie raten«, erwiderte er.
»Sie stehen also auf der dunklen Straße. Sie gehen vorsichtig an eine Telefonzelle heran und wählen eine ganz bestimmte Nummer –«
»Sie denken immer schneller«, höhnte Grenzlein.
»Bestens«, entgegnete ich. »Wir sind handelseinig. Morgen, kurz nach neun Uhr erhält Ihr Anwalt das Geld. Und Sie liefern gleichzeitig die Ware.«
»Ware?« fragte er, wie verwundert.
»Meister«, entgegnete ich vorwurfsvoll: »Die Telefonnummer natürlich.«
Er zierte sich noch ein paar Minuten.
»Ja oder nein?« fuhr ich ihn schroff an.
Natürlich gab er nach.
Damit war der Startschuß für mein Unternehmen Himmelfahrt gefallen.
7
Grenzlein war kein Blindgänger, eher eine Bombe. Seit wir es wußten, mußten wir mit der Spannung leben. Sie begann bereits auf der Rückfahrt vom U-Gefängnis in den Fuchsbau. Der General verzichtete darauf, mich wie üblich mit dem Lieferauto zu speditieren. Er bot mir in seinem Wagen – bei zugezogenen Vorhängen – Platz an.
»Wir haben verdammt wenig Zeit«, sagte er. »Aber jetzt läuft uns die Geschichte zu schnell davon.« Er sah auf die Uhr. »Noch 47 Stunden bis zu Ihrem Einstieg. Von da an gibt es kein Zurück mehr.« Er verging sich an meiner Grenzlein-Legende, bot mir eine Zigarette an und gab mir sogar Feuer. »Ich habe keine Ahnung, wie Sie das schaffen sollen«, klagte er.
Aber ich war auf der Hut, denn immer, wenn er sich menschlich gab, verlangte er Unmenschliches.
Ein unmögliches Pensum für zwei Tage.
Um mit dem Angenehmsten anzufangen, mußte ich in dieser Zeit meine arabischen Sprachkenntnisse vervollständigen. Ich würde bei Diana in die Schule gehen, ein betagter Oberkläßler, der weniger auf die Tafel als auf seine hübsche Lehrerin starrte.
Es galt weiterhin, im Eiltempo Grenzleins Lebenslauf zu komplettieren. Dann kam das schlimmste: der Identitätstest. Eine Schwimmweste kann einen Schiffbrüchigen nur tragen, wenn sie wasserdicht ist. Das ließ sich nur bei Menschen feststellen, die meinem Doppelgänger nahestanden, und zwar am besten Frauen, weil sie schärfere Beobachter des Äußerlichen sind.
Da gab es eine Sybille Franzen, eine leicht brüchige Gelegenheitsliebe Grenzleins. Und da gab es Grete Grenzlein, seine Mutter, die bereits drei Monate Kriegerwitwe gewesen war, als sie ihren Sohn zur Welt brachte.
Bei der Beurteilung Grenzleins waren sich der General und ich einig: Der Mann mochte ein fauler, feiler Typ sein, ein Schwätzer war er nicht. Auf eine abseitige Art intelligent, zynisch bis auf die Knochen, körperlich trainiert und politisch geschult, wäre er durchaus im Stande gewesen, auch ein verschärftes Kreuzverhör noch Wochen durchzustehen, und sei es auch nur, um den Preis hochzutreiben.
»Wenn er sich so schnell mit uns verständigt«, dachte ich laut, »dann brennt ihm die Zeit unter den Nägeln.«
»Klar«, analysierte der General. »Er will den Anschluß nicht versäumen. Seine Terrorkumpane könnten auch einen anderen deutschen Einweiser finden. Wenn am Montag – ohne seine bewährte Mitwirkung – so ein Horrorstück aus der levantinischen Gruselkiste platzt, kann er uns nicht mehr verkaufen, was am Dienstag schon in allen Zeitungen steht. Wer ist dieser Dr. Fingers?« fragte mich der Vize. »Kommt er in unserem System 777 vor?«
»Natürlich«, antwortete ich. »Sind zusammen zur Schule gegangen. Sonst weder persönliche noch politische Verbindungen. Der Rechtsanwalt hat mein Double vor Jahren bei einem Vaterschaftsprozeß vertreten.« Ich lachte die Nummer Zwo voll an. »Wissen Sie eigentlich, daß ich Vater einer vierjährigen, hübschen, wenn auch ledigen Tochter bin?«
»Gratuliere!« antwortete er trocken.
»Leider kann ich mich nicht um das Kind kümmern, weil er es auch nicht tut.«
»Macht die Organisation zu gegebener Zeit«, erwiderte der Quadratschädel.
Es war kurz vor 23 Uhr. Wenn ich ganz schnell mein Apartment erreichte, war Diana womöglich noch auf, und ich könnte den gerissenen Abend wieder verknüpfen, aber der General hielt mich noch fest: Er setzte während der Nacht unsere ganze Apparatur in Trab. Es wurde drei Uhr. Als ich mich auf mein Quartier zuschleppte, horchte ich einen Moment lang vor Dianas Tür: Aber weder schnarchte sie noch rief sie: »Herein.«
Um sechs Uhr stand ich unter der Dusche und überlegte, wie ich meine unständige Begleiterin zu einer Frühaufsteherin machen könnte – aber ich hatte wieder einmal den General unterschätzt. Diana war zur Unzeit geweckt worden, weil arabische Überstunden einzulegen waren.
Ich trug einen Bademantel und ein dümmliches Gesicht, als ich sah, daß sie in der Eßnische meines Apartments das Frühstück durch feminine Zutaten ergänzte.
»Ahlan wesahlan«, begrüßte sie mich: »Izzaiyak? … Wie geht es?«
»Il hamdu lillâh kuwaiyis … Danke gut«, antwortete ich und wunderte mich, wie umständlich man sich ausdrücken konnte.
Zunächst verbesserte Diana meine Aussprache, dann strich sie mir ein Brötchen. Wir kamen überein, während des Frühstücks die mittelhoch-ägyptische Lektion sein zu lassen. Wir sprachen zuerst englisch miteinander, und dann deutsch. Im Englischen gibt es kein »Sie«, und ich nutzte die Gunst der Sprache, als ich auf deutsch umschaltete.
»Du siehst prächtig aus«, sagte ich. »Und das zu so früher Stunde.«
»Danke«, erwiderte sie. »Du kannst recht hübsche Komplimente drechseln.«
Erst jetzt merkte Diana, daß wir uns duzten, freilich ohne Prost und Bruderschafts-Tralala. Immerhin war es eine kleine Annäherung, und das um 6.38 Uhr, mitteleuropäischer Zeit.
Sie goß mir die dritte Tasse ein: »Magst du Kaffee?« fragte sie.
»Dich möchte ich eigentlich viel lieber«, antwortete ich.
»Du mußt dich auf Kaffee verlegen«, überhörte sie meine Nebentöne. »Wo immer du bei Arabern eintrittst, mußt du diesen auch noch recht komisch schmeckenden Trunk zu dir nehmen. Vielleicht dreißigmal am Tag. Es wäre genauso ein Verbrechen, die Tasse abzulehnen, wie sie nicht anzubieten.«
Diana trug hübsche Frische im Gesicht: eine bunte Bluse konturierte straffe Rundungen. Ein breiter Gürtel umrankte eine schlanke Taille. Ein schwingender Rock offenbarte zugleich, was er verbarg: ausnehmend hübsche, melodiöse Beine, selbstsicher und flink. Beine, die sicher interessanter waren als arabische Vokabeln. Ich versuchte, ihr zuzuhören. Ich sah ihr in die Augen wie auf die Beine. Ohne Absicht, oder zumindest mit unbewußter.
Eine Zeitlang überging sie es, aber sie war eine Frau, und eine Frau ist eine Antenne.
»Rugba«, unterbrach sie ihren Ausflug an den Persischen Golf.
»Und das heißt?« fragte ich.
»Begehren«, erwiderte sie.
»Und was heißt: Liebe?«
»Mahabba«, antwortete Diana. »Aber das Wort wirst du da unten nicht brauchen.«
»Wir können ja deutsch oder englisch miteinander sprechen«, schlug ich vor.
»Übernimm dich nicht«, versetzte sie. »Du bist doch ein Junge für eine Nacht.«
»Nicht mehr«, erwiderte ich. »Das war einmal.«
»Wann?«
»Bis vor zwei Tagen«, entgegnete ich lachend. »Da haben wir uns zum erstenmal gesehen – Schnellbesserung, anhaltend.«
»Alle Achtung«, versetzte Diana. »Ein perfekter Agent ist ein pfeilschneller Anpasser, was?«
»Ich spreche privat«, erwiderte ich.
»Und ich bin im Dienst«, konterte sie.
Jetzt schlug ich zu, mit einem Wort aus dem Lexikon, das Diana mir unterschlagen hatte.
»Bûsa«, rief ich: »Kuß.«
Ich nutzte ihre Überraschung und zog sie an mich. Zuerst leistete sie ein wenig Widerstand, dann gab sie leicht nach. Von beiden ein wenig zu wenig. Dann saß ich neben ihr, streichelte ihre Haare, spürte die Hitze an meiner Handfläche und so ein seltsames Gefühl in der Wirbelsäule.
Ich legte meine Hand um ihre Schultern, zog sie an mich. So saßen wir beide, Wange an Wange. Meine Hände sehnten sich nach ihrer Haut und rührten sich doch nicht von der Stelle, als trügen sie bereits Grenzleins stählernen Achter bei einer Flucht, die niemals stattfinden sollte.
Auf meinen Streifzügen hatte ich gelernt, wie man ein Mädchen nimmt und eine Frau hält. Aber bei Diana verzichtete ich freiwillig auf mein Repertoire, wenn ich in ihre Augen sah, die eine Mitte zwischen blau und grün hielten, spürte ich, daß es honoriert werden würde, und zwar sehr bald schon, und das war auch wichtig, sonst wäre es zu spät.
Die Höllenmaschine tickte. Die Zündschnur war jetzt nur noch 37 Stunden lang, und ich stand unter dem Diktat der Zeit. Ich zog Diana noch einmal stürmisch an mich und stellte gleich hinterher fest, daß es 8.44 Uhr war und der General auf mich wartete.
8
Der Fall wurde immer heißer. Auf einem Flugplatz waren zwei mit libanesischen Pässen reisende Männer aufgefallen: einer am Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt, der zweite in Hamburg-Fuhlsbüttel. Beide Studenten, und keiner in Eile, in den Hörsaal zu gelangen.
Sie wurden beschattet, reisten auf Umwegen nach München. Es gab keinen Zweifel, daß sie zu Grenzleins Terroristentruppe gehörten.
Das war aber auch alles, was wir wußten, denn plötzlich waren sie spurlos von der Bildfläche verschwunden. Entweder hatten ihre Verfolger einen bösen Schnitzer gemacht, oder es handelte sich bei den Verdächtigen um erstklassige, brandgefährliche Fachleute.
Wem gilt ihr Anschlag? fragten wir uns. Dem Bundeskanzler? Den Abgeordneten, die für Israel eintreten? Dem diplomatischen Corps, soweit es westliche Länder vertrat? Oder sollte die größte Gemeinheit, scheußlicher als ein Atomkrieg, gestartet werden: die Verpestung mit biologischen Waffen?
Der Vize blieb im Hintergrund. Ich stellte mich – wieder mit der entsprechenden Aufmachung – dem Rechtsanwalt Dr. Fingers vor. Ganz Typ des vielbeschäftigten Strafverteidigers, der keine Fragen stellt, weil er nicht das Niemandsland der Legalität verlassen möchte.
Es ging rasch und formlos. Ich legte 200 000 Mark auf den Tisch. Anwalt und Mandant machten zwei Häufchen aus dem banderolierten Stapel und begannen zu zählen. Der bedürfnislose Revoluzzer war etwas schneller, er kam auf 120000 Mark, als der Anwalt noch bei 80000 war.
Er packte das Geld ein, warf einen fragenden Blick auf mich. Ich war großzügig. Schon bevor mir der Mann mit meinem Gesicht die Gegenleistung erbrachte, ließ ich seinen Buchhalter ziehen. Das barg keinerlei Risiko. Wir hatten ihn unter Kontrolle, und zwar mit unseren eigenen Leuten.
»Hier haben Sie die Telefonnummer«, sagte Grenzlein, zum erstenmal nervös. »Wenn Sie sie verwenden, haben Sie mit Zitronen gehandelt.«
»Wir sind doch keine Anfänger«, erwiderte ich.
Ich war im Gehen; der U-Häftling hielt mich auf. »Und meine Flucht?« fragte er.
»Klappt«, erwiderte ich. »Halten Sie sich bereit. Morgen abend gegen 22 Uhr.«
Ich versprach ihm, zwecks Hauptprobe, eine Stunde früher da zu sein, und ich würde die Verabredung halten, auch wenn es mich 60 Minuten Diana kosten sollte.
Grenzlein wurde abgeführt.
Ich übergab dem General, der seine Heinzelmännchen unverzüglich in Marsch setzen würde, die hochbezahlte Telefonnummer: eine siebenstellige Zahl. Nach den Anfangsziffern zu urteilen war der Teilnehmer im Norden der Stadt angesiedelt.
Ich hätte gerne erste Resultate abgewartet.
»Das können wir auch ohne Sie erledigen, Ferry«, sagte der Vize. »Für Sie habe ich einen Spezialauftrag, Casanova.«
»Wenn Sie meinen, Sir«, antwortete ich ergeben.
»Diesmal komme ich Ihnen entgegen«, er lächelte zweifelhaft. »Machen Sie sieh auf die Sokken.«
»Zu Sibylle Franzen?« fragte ich.
»Erraten, Sie Ladykiller.«
Es war lästig und unerläßlich, bei Grenzleins Sechs-Monate-Freundin die Unterschiede zwischen ihm und mir auszuloten, um dann die Hauptprüfung bei seiner Mutter abzulegen.
»Und wie weit soll ich dieses Spiel treiben, Sir?« fragte ich.
»Bis zum Äußersten, Sie Zimperling«, versetzte er mit sattem Ingrimm, weil er meinen Minuspunkt einmal positiv aktivieren konnte.
9
Ich verwandelte mich wieder in Ferry Wessen, und damit in Lothar Grenzlein, nahm die Hartgummiplatten aus dem Mund, steckte die Brille mit den unförmigen Gläsern weg und probte meine Stimmlage. Ich mußte etwas tiefer sprechen als mein Doppelgänger, um nicht gleich als der böse Wolf erkannt zu werden, der die sieben Geißlein fressen will.
Nicht meine Stimme war der Pferdefuß bei der Identitätsprobe, sondern mein zu kurzer Haarwuchs. Ich hätte mir eine Perücke überziehen können, aber erstens sehen Frauen meistens die falsche Pracht, und dann bestünde die Gefahr, daß die muntere Sibylle im Falle einer frontnahen Kissenschlacht die falschen Schnittlocken beim Schopf nehmen würde – und an Grenzleins dichtem Haarwuchs war weder zu rütteln noch zu ziehen.
Ich kauerte wieder in einem Lieferwagen unserer Organisation. Er brachte mich in die Nähe meines Einsatzzieles und würde mich später an einer vorher verabredeten Stelle wieder aufpikken. Auf seiner Werbefläche prangte diesmal der Name einer Getränkefirma, und ich war gespannt, was mir die Ehemalige meines Doubles einschenken würde.
Ich hatte nicht viel Zeit, mich auf diese Sibylle einzustellen. Ich rekapitulierte, was ich über sie wußte – es war nicht alles Bienenhonig, was die fleißigen Sammler unserer Organisation über sie zusammengetragen hatten. Auf eine befristete Weise war sie ihrem jeweiligen Partner treu, rauchte seine Zigarettensorte, teilte seine politischen Ansichten, gewöhnte sich an seine Leibspeisen, und lebte von seinem Geld, ohne besondere Ansprüche zu stellen – außer im Bett.
Sibylle lebte in der Wohnung ihres derzeitigen Begleiters, Helmut Mösser, Ingenieur in der Versuchsabteilung. Der Mann war näher an den 50 als an den 40 und – wie ich meinen Chef einschätzte – zu dieser Stunde mit Sicherheit außer Haus.
Sibylle Franzen hatte Grenzlein gemocht und war ihm vermutlich auch jetzt noch hörig, auch wenn er sie in unreiner Gangart verlassen hatte. Viele Frauen sind in diesen Dingen ja nicht gerade logisch: liebenswürdige Verehrung lassen sie sich gefallen, doch auf kostenpflichtige Selbstsucht fallen sie herein. Während ich die Treppe hochstapfte, überlegte ich nicht ohne Wohlbehagen, daß in dieser Hinsicht selbst ein Vegetarier beherzt in die Fleischtöpfe greifen dürfte.
Ich stand vor der Wohnungstür und suchte vergeblich Sibylles Namen – schließlich lebte sie in diesem Haus als ein Fräulein Mösser –, klingelte und malte mir in ein paar mulmigen Sekunden aus, wie es erst sein würde, wenn ich ein paar Stunden später Grenzleins Mutter gegenübertreten müßte.
Ich hörte lässige, leicht schleifende Schritte. Die Tür wurde lustlos geöffnet. Dann quoll Sibylle aus dem Rahmen entgegen, wie ihre Weiblichkeit aus der Bluse. Ihre Haare waren eine Spur zu rot, ihr Rock saß eine Idee zu prall, die Farbe zu grün, aber auf eine etwas überbetonte Weise war dieses Mädchen hübsch – ich hatte schon auf schlechterem Papier geschrieben.
»Du, Lothar?« begrüßte sie mich überrumpelt.
»Pst«, erwiderte ich, ging an ihr vorbei und schloß die Tür von innen. Ich küßte sie flüchtig und merkte, daß sich ihr Körper dabei steif machte.
»Wie hast du mich gefunden?« fragte sie.
»Ich werd’ dich immer finden.«
»Und warum?«
»Weil es mir Spaß macht«, spielte ich Grenzlein.
»Du hast dich benommen wie ein Schwein«, entgegnete Sibylle.
»Du sollst nicht immer gleich meine Gebrechen aufzählen«, erwiderte ich lachend.
»Was ist mit deinen Haaren los?« fragte sie.
»Kleine Begegnung mit den Bullen«, log ich.
»Immer noch im Untergrund?«
»Typen wie ich ändern sich doch nie«, antwortete ich.
»Das ist zu befürchten«, erwiderte Sibylle. »Was willst du?« fuhr sie mich an.
»Aber Tschappi«, griff ich zu Grenzleins, von einem Hundefutter abgeleiteten Kosenamen, »vielleicht dich –«
»Ich bin in festen Händen«, versetzte sie tapfer.
»Vielleicht heute abend wieder«, steigerte ich mich in meine Rolle hinein, »aber wenn du mich ärgerst, mach’ ich dich auf der Stelle zur Freifrau.«
Der Zorn stand Sibylle gut, sie gefiel mir immer besser. Dieser Grenzlein hatte entschieden auch seine schillernden Seiten. Bei meinen Einsätzen konnte ich mir die Legendenspender nicht aussuchen, aber es wäre immer noch besser, einen trojanischen Hengst zu imitieren, als zum Beispiel in die Kutte eines Kapuzinerpaters zu schlüpfen.
»Wir wollen nicht streiten«, lenkte ich ein.
»Sondern?« fragte sie. »Was brauchst du? Geld?«
»Was hältst du denn von mir?« grinste ich sie an: »Ich bin zwar Dr. Kimble auf der Flucht, aber ich will hier nur Erinnerungen auffrischen.« Ich zog sie mit meinen Blicken aus. »Und wir hatten doch auch schöne«, setzte ich hinzu.
Meine Augen hatten Hände, und diese spürte Sibylle wohl auf ihrer Haut, die sie nicht in Brand setzen lassen wollte. Aber sie war auch ein kokettes Stück und versuchte zu erproben, ob ihr Körper noch seinen bewährten Reiz auf mich ausüben würde, beziehungsweise auf Grenzlein. Mit schwingenden Hüften ging sie an den Steinhäger im Kühlschrank, goß zwei Gläser voll.
»Du bist ein Strolch«, sagte sie. »Aber im Bett warst du mitunter ganz gut zu gebrauchen. Zwar manchmal ein bißchen direkt und voreilig«, sie prostete mir zu. »Aber es gibt schlechtere.«
Mit einem Ruck schoß ich von meinem tiefen Sessel hoch, mit einem Satz erreichte ich sie.
»Meinst du?« sagte ich mit rauher Stimme, hielt sie fest, zog sie mit, versuchte, ihre Gegenwehr zum Überläufer zu machen. Wir heizten uns gegenseitig an. Ganz schön. Ich brauchte diesen Grenzlein gar nicht mehr zu spielen, ich hatte vergessen, daß ich mir – Dianas wegen – auf einer gemähten Wiese keinen Heuschnupfen holen wollte.
Auch Sibylle schob wohl ihren Versuchs-Ingenieur beiseite, lag neben mir, mit geschlossenen Augen, mit einem süchtigen Lächeln. Ich kam zum Vorspiel. Hier mußte ich meine eigenen Wege einschlagen, denn da versagten zwangsläufig die Informationen meiner Organisation.
Ich ging behutsam vor bei meinem privaten Kinsey-Report. Wir verkeilten uns ineinander. Ich biß in Sibylles Lippen, ihre Nägel bohrten sich in meine Haut. Sie versagte und gewährte, lockte und bremste. Wir gingen aufeinander ein, als wären unsere Körper schon seit langem miteinander vertraut.
»Du bist phantastisch, Diana«, versprach ich mich.
Einen Moment machte sie sich frei, verzog das Gesicht und lachte ungut. Aber dann war sie wieder bei der Sache, von der sie etwas verstand, ich wußte nicht, ob ich ein Verführer war oder verführt wurde – ihr Job als ständige Begleiterin hatte ihr Einiges beigebracht.
Sibylle schnellte noch einmal hoch.
»Gleich«, sagte sie und ging an den Kühlschrank. Sie brachte weiteren Schnaps, obwohl wir unsere Sinne nicht mehr anfeuchten mußten.
»Du hast dich verändert, Lothar«, sagte sie. »Aber zu deinen Gunsten – jedenfalls bist du anders wie sonst.«
»Wieso?« fragte ich hellwach.
»Nicht reden«, erwiderte sie und schloß mir in einer typischen fraulichen Weise den Mund.
Ich nestelte sie aus ihrer Bluse und stellte fest, daß ihre Rundungen tatsächlich freitragende Werte waren, und ich schmeichelte mich bei Max und Moritz mit Hand und Mund ein.
Wir gingen aufeinander los wie zwei Wilde. Vielleicht galt dieser Grenzlein wirklich als die Wucht im Bett, aber Sibylle war in jedem Fall besser. Eine Hexenmeisterin, die der Sünde die Flüchtigkeit nahm, indem sie sie verlängerte.
»Moment«, sagte sie, und kletterte über mich.
Sie trug nur ihre Haut.
Ich verfolgte das lässige Spiel ihrer Glieder und begriff, daß ihr noch eine Variante eingefallen sein mußte, um das Verlangen bis zum Siedepunkt zu treiben.
Das Telefontischchen stand gleich neben der Couch. Sie nahm den Hörer ab, drehte an der Wählscheibe. Der Trick war nicht neu. Sicher rief sie ihren derzeitigen Begleiter an, entweder um sicher zu gehen, daß er uns nicht überraschen konnte, oder sie gehörte zu den Feinschmeckern der Sinnlichkeit, die sich einen zusätzlichen Reiz verschafften, indem sie mit dem Partner sprachen, während sie ihn betrogen.
»Funkstreife?« fragte Sibylle. »Schicken Sie sofort einen Wagen in die Gabelsbergerstraße. Es handelt sich um Lothar Grenzlein. Er ist in meine Wohnung eingedrungen und –«
Ich schoß von der Couch hoch wie eine Stichflamme. Mein Verlangen war geplatzt wie ein Autoreifen bei Vollgas. Genau 37 Stunden vor meinem Einstieg in den arabischen Untergrund war mein Einsatz ins Schleudern gekommen. Weil ich bei der Identitätsprobe zu gut bestanden hatte, war ich durchgefallen. Es erinnerte mich an die schwarze Platitude: Operation gelungen, Patient tot.
Ich riß Sibylle den Telefonhörer aus der Hand und schleuderte sie mit einem Stoß in Richtung Lustwiese. Im Namen Grenzleins, meines Doppelgängers, klatschte mein Handrücken in ihr Gesicht. Mit mäßiger Wucht, aber sie flog zwei Meter nach hinten, landete mit dem Rücken auf der Lottercouch. Eva ohne Feigenblatt, ein durchaus reizvoller Anblick. Meine problematische Gespielin trug nur frische Haut, straffe Rundungen und ein paar Tränen. Ihre langen Haare hatten sich wie eine Girlande um ihren Hals gewickelt und sendeten flammendrote Signale.
Ich hörte in diesem Moment ganz andere Sturmzeichen.
Geschwindigkeit ist keine Hexerei, wenn man im Adamskostüm mit einer Funkstreife um die Wette in seine Klamotten fährt. Der Name Grenzlein mußte im Polizeipräsidium hochgehen wie eine Tretmine. Ein Markenartikel der Fahndung. Einer der Top-Anarchisten, die bei ihrer Verhaftung wild um sich zu schießen pflegten. Jetzt mußte es sich rächen, daß wir die Verhaftung Grenzleins so geheimgehalten hatten, daß er sogar im Untersuchungsgefängnis unter falschem Namen einsaß.
Die Polizei würde die Straße durchkämmen, Haus für Haus, mit entsicherten Pistolen. Davon abgesehen, daß eigene Kugeln auch nicht besser schmecken als gegnerische, wäre ein Wildwest im Treppenhaus zugleich für mich das Ende für Nahost.
Sibylle, dieses drollige Gebilde aus Haut und Haaren, aus Formen und Wölbungen, verwandelte sich in eine schuldbewußte Fluchthelferin. »Hier«, lamentierte sie und reichte mir den Rollkragenpulli. »Ich wollte das nicht. Ganz bestimmt nicht.« Sie machte meine Hose gebrauchsfertig, indem sie die umgestülpten Beine nach außen zog. »Ich mußte einfach die Notbremse ziehen«, jammerte sie weiter. »Deine verdammten Hände haben meine verwünschte Haut schon wieder angezündet. Ich will nicht mehr! Du taugst nichts, du Schuft! Du betrügst mich doch schon wieder, bevor wir überhaupt zusammen waren.« Sie kroch unter das Liebeslager, das sich in eine Fundgrube verwandelt hatte, und brachte das Stilleben durcheinander. Sie zog meinen Schuh aus ihrem Höschen und folgte mir ans Fenster, von wo aus ich die Straße unter Kontrolle hatte.
»Wer ist eigentlich diese Diana?« fragte sie und hatte meinen linken Lederslipper in der Hand, wie eine Keule.
»Du kannst mir doch nicht die Bullen auf den Hals hetzen«, sagte ich, »und verlangen, daß ich dann noch in aller Gemütlichkeit mit dir debattiere.«
»Die Gabelsbergerstraße ist groß«, erwiderte Sibylle. »Sie kennen die Hausnummer nicht. Und wenn du über den Hinterhof zur Tankstelle gehst, kommst du an einem ganz anderen Ende raus.«
»Das ist ein Wort«, entgegnete ich, sah noch einmal auf die Straße. Ein Polizeiwagen rollte in langsamer Fahrt am Randstein entlang. Ich schlüpfte in meine Lederjacke und zog an der brennenden Zigarette, die mir Sibylle zwischen die Lippen geschoben hatte. Das war kein Persönlichkeitsbruch, denn im Schweinsgalopp kann man sich nicht noch eine Pfeife stopfen.
Die Situation war längst nicht so komisch wie hinterher aus der Erinnerung. Es sind nicht die großen Dinge, die einem Mann meines Fachs gefährlich werden, sondern kleine Zufälle, wie zum Beispiel ein munteres Mädchen, das auf einmal bürgerlich werden will und die Polizei zu Hilfe ruft, um keinen Rückfall zu erleiden.
»Tschüß, du Mistbiene«, verabschiedete ich mich mit herzlicher Roheit, Grenzlein bis zum bitteren Ende.
»Versteh mich doch«, bat sie und drückte sich noch einmal an mich. »Ich will heraus aus diesem Leben. Ich will Helmut heiraten. Ich möchte –«
Sie sprach etwas zu laut, als wir die Wohnungstür erreichten. Sibylle hatte vergessen, daß sie nichts anhatte außer etwas Lippenrot, Lidschatten und Wimperntusche. Wir drohten aufzufallen, nicht bei der Polizei, aber bei den Nachbarn.
»Denk an deinen Ruf«, sagte ich lachend. »Zieh dir wenigstens einen Brautschleier über.«
Nichts zu hören im Treppenhaus. Ich öffnete die Tür einen Spalt: auch nichts zu sehen.
»Nicht böse sein«, sagte sie mit einer Umarmung, die Tote erweckt hätte. »Du bist prima, Lothar, aber leider der Falsche für mich.«
Ich machte mich vorsichtig frei.
»Hier, ein Fluchtgroschen –«, sagte sie.
Als ich mich vorsichtig weiterstahl, wurde mir bewußt, daß ich mir doch auf recht seltsame Weise einen Hunderter verdient hatte.
Ich kam unbehelligt nach unten. Vor einer Parterrewohnung plauschten zwei Frauen. Die eine jammerte, daß ihr Mann neuerdings immer verdächtige Überstunden mache, wo er doch jetzt ins gefährliche Alter gekommen sei, während sich die andere besorgt zeigte über die schlechten Schulnoten ihres Jüngsten. Sie merkten weder, daß sie aneinander vorbeiredeten, noch, daß ich in diesem Moment an ihnen vorbeischlich, Richtung Hinterausgang.
Ich ging unbemerkt weiter bis zur Tankstelle, wo ein Autofahrer gerade dabei war, Benzin in einen Kanister zu füllen. Von der Polizei sah ich nichts. Fast störte es mich, daß die Flucht aus den Armen des Fräulein Potiphar ein wenig zu glatt verlief. Entweder hatte der Mann in der Zentrale der Funkstreife den Namen Grenzlein verschlafen oder ein Verbindungsmann unserer Organisation die Funken eines Skandals rechtzeitig ausgetreten.
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