Kitabı oku: «Einfach Shakespeare»

Yazı tipi:

Zum Buch

»Er hat nichts übriggelassen, dem man noch etwas hinzufügen müsste.«JOHN KEATS

Seit jeher fasziniert William Shakespeare Literatur- und Theaterbegeisterte. Neben seinen Dramen zählen auch seine Komödien und seine Lyrik seit Jahrhunderten zur Weltliteratur. In diesem Band kommen nicht nur Hamlet, Puck und Ariel zu Wort, sondern auch der Dichter selbst in seinen eindrucksvollen Sonetten und Sottisen. Gepaart mit fundierten Einführungen ist dieser Band ein Kleinod für alle Shakespeare-Verehrer und vermittelt Einblick in das Werk eines der größten Genies aller Zeiten.

Dieses Lesebuch bietet Auszüge aus den bekanntesten shakespeareschen Monologen und Dialogen, ausgewählte Lyrik des Weltdichters und interessante Hintergrundinformationen, die den Kosmos Shakespeares unter anderem mit der heutigen Popkultur verbinden.

Die ganze Welt ist eine Bühne,

Und alle Frauen und Männer bloße Spieler.

Sie treten auf und geben wieder ab,

Sein Leben lang spielt einer manche Rollen

Durch sieben Akte hin …

WILLIAM SHAKESPEARE; WIE ES EUCH GEFÄLLT (II, 7)

Einfach

Shakespeare

Einfach
Shakespeare

Szenen, Sottisen und Sonette

Herausgegeben von Sabine Anders

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2014

Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2014

Lektorat: Eva Schröder

Covergestaltung: Groothuis. Gesellschaft der Ideen und Passionen mbH

Hamburg Berlin

Bildnachweis: © marqs/fotolia.com eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0434-9

www.marixverlag.de

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Den Augenblick, da ich euch sahe … Erste Begegnungen zwischen Liebenden

Willst du schon gehn? Von Abwesenheit, Trennung und Sehnsucht

Vielleicht sind beide falsch Von Eifersucht und Treue

O wir sind alle der Versuchung Erben! Versuchung und Verführung

Liebt’ ich sie je, die Lieb ist längst vorüber Vom Ende der Liebe

Freundschaft hält Stand Über die Freundschaft

Wer möchte Vater sein? Familienbande

Mein Falsch besiegt dein Wahr Intrigen und Ränke

Mit würd’ger Staatskunst Von Politik und Macht

Wer das Leben läßt Berühmte Sterbeszenen//Vom Sterben

Und eine Stunde lacht’ ich ohne Rast Vom Lachen und Humor

Schicksal! Wir wollen sehn, was dir beliebt Das Schicksal und Prophezeiungen

Sein oder Nichtsein Die berühmten Monologe

Nichts ist so, wie es ist Schein und Sein

Ein Sonett zu seinem Ruhm Sonette

Voll weiser Sprüch’ Sentenzen und Aussprüche

Alphabetisches Verzeichnis der Stücke

EINLEITUNG

Die Frage, die einem am häufigsten zu Shakespeare gestellt wird, ist: Wer hat die Stücke eigentlich geschrieben? Die Autorschaftsfrage, auch bekannt als Shakespeare-Verschwörung, ist gleichzeitig das Thema, mit dem sich wahrscheinlich die meisten Fernsehdokumentationen über Shakespeare beschäftigen. Erst 2011 wurde ihr ein großer Kinofilm gewidmet: Anonymous von Roland Emmerich. Das Interessante an dieser Diskussion ist nicht die »Wahrheit« über eine mysteriöse Autorfigur, die hinter einer Verschwörung um Shakespeares Stücke verborgen sein soll, sondern wie diese Diskussion überhaupt entstanden ist und warum sie sich so hartnäckig hält.

Niemand, nicht einmal Anhänger der Verschwörungstheorien, bezweifeln, dass es einen Mann namens William Shakespeare wirklich gegeben hat, der in Stratford-upon-Avon geboren und gestorben ist und dazwischen einen Großteil seines Lebens als Schauspieler in London verbracht hat. Freunde der Verschwörungstheorie bezweifeln lediglich, dass dieser Mann von bescheidener Herkunft, der nur eine durchschnittliche Schulbildung genossen hat, die literarischen Werke verfasst hat, die ziemlich unangefochten zu den besten der Welt zählen. Sie behaupten, dieser William Shakespeare wurde von dem wahren Autor der Stücke nur vorgeschoben, weil letzterer seine wahre Identität verbergen wollte.

Die Kandidaten, die Shakespeares Stücke geschrieben haben sollen, sind nicht gerade wenige und reichen von dem Earl of Oxford über Francis Bacon (der die Stücke von Christopher Marlowe gleich mitgeschrieben haben soll) bis hin zu Königin Elizabeth I und König James I. Alle diese Kandidaten haben jedoch eines gemeinsam: Sie sind hochrangige Mitglieder des Adels (oder eben sogar Könige). Das sei, so die Verschwörungsanhänger, auch der Grund für die Verschleierung ihrer Identität: Es schickte sich angeblich nicht für einen Aristokraten, Theaterstücke zu schreiben. Es gibt jedoch einige Adelige unter Shakespeares Zeitgenossen, die durchaus Theaterstücke geschrieben und keinen Hehl daraus gemacht haben. Sie haben ihre Stücke nur nicht auf der Bühne aufführen lassen. Die Suche nach einem adeligen »wahren« Autor hat also eher sozio-historische Gründe.

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts kam niemand auf die Idee, dass Shakespeares Stücke aus einer fremden Feder stammen könnten, weil Shakespeare damals noch nicht so verehrt wurde wie zu späterer Zeit und als Autor nicht wichtig genug war, als dass diese Frage irgendjemanden interessiert hätte. Seine Texte wurden damals ziemlich sorglos geändert, um sie an die Gepflogenheiten der Bühne beziehungsweise den literarischen Konventionen der Zeit anzupassen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts jedoch wurde Shakespeare nicht nur als Genie, sondern sogar als »Gott« apostrophiert und entwickelte sich zum englischen Nationaldichter. Einige Leute verdienten in dieser Zeit viel Geld mit gefälschten Manuskripten, Briefen, Testamenten und anderen Dokumenten, die angeblich von Shakespeare stammten, zum Beispiel Briefe von ihm an Königin Elizabeth und seine Frau.

Das Aufkommen der Verschwörungstheorien um Shakespeares Autorschaft hängt einerseits eng damit zusammen, dass die viktorianische Mittelklasse, das kulturelle Establishment, voller aristokratischer Ideale war und große Angst vor sozialen Aufsteigern aus den unteren Klassen hatte. Um Shakespeare für sich zu vereinnahmen, mussten sie ihn zu einem Adeligen machen. Und andererseits wandelte sich in dieser Zeit, der Epoche der literarischen Romantik, die Auffassung über die Bedeutung von Schriftstellern und insbesondere schriftstellerischen Genies.

In der Romantik hatte Schreiben sehr viel mit Inspiration und der Person des Autors zu tun. Er saß, so die idealisierte Vorstellung, allein im stillen Kämmerlein und brachte sein Werk in einem einzigartigen Moment, wenn die Inspiration, die er nicht willentlich beeinflussen konnte, über ihn kam, in seiner vollendeten Form zu Papier. Und was er zu Papier brachte, entsprang seiner eigenen, persönlichen Gefühlsund Erfahrungswelt. Unter solchen Umständen spielte das handschriftliche Manuskript eine unschätzbare Rolle, bildete es doch die übernatürlich anmutende Inspiration ab. Von Shakespeare sind keine handschriftlichen Manuskripte seiner Stücke erhalten. Das ist aber nicht weiter verwunderlich: Shakespeare schrieb seine Stücke (ab und zu auch mit anderen Autoren zusammen) für verschiedene Schauspieltruppen. Das »Copyright« lag bei der Schauspieltruppe und wurde manchmal zusammen mit dem Manuskript an einen Drucker verkauft, der das handschriftliche Dokument nach der Drucklegung nicht zurückgab, sondern wahrscheinlich einfach wegwarf.

Da die Verschwörungstheoretiker Shakespeare als romantischen Autor sehen, gehen sie davon aus, dass auch er in seinen Werken über seine eigene Erfahrungswelt geschrieben hat. Deswegen bringen sie immer wieder das Argument vor, dass er die Stücke gar nicht geschrieben haben kann, wenn er kein Adeliger war, weil so viele Szenen am Königshof spielen. Alle Dramenschreiber zu Shakespeares Zeit haben jedoch über das Leben am Hof geschrieben, so wie sie es von Gerüchten, ihrer Anwesenheit dort während Theateraufführungen, anderen Texten und Theaterstücken her kannten. Viel weniger vorstellbar ist, dass ein Aristokrat so überzeugend den Zungenschlag der einfachen Bevölkerung nachahmen konnte, wie Shakespeare es in seinen Stücken tut. Fest steht auch, dass ein Kenner des Theaters die Stücke geschrieben haben muss.

Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Shakespeare als Kind und Jugendlicher die Grammar School in Stratford besucht. Da die Lehrpläne vergleichbarer Institutionen überliefert sind, wissen wir, dass Shakespeare dort übte, auf Latein und Englisch Textvorlagen klassischer Autoren umzuschreiben: Er änderte Fließtexte in Dialoge, fasste die Sichtweise und Argumente verschiedener Figuren in eigene Worte und verwandelte Prosa in Vers. Viele Zeilen aus Shakespeares Werk, die wie Sprichwörter klingen (siehe Kapitel 16 in diesem Buch), lassen sich auf Erasmus’ Sammlung von Sprichwörtern (»Adagia«) zurückführen, die Shakespeare in der Schule gelesen hat.

Das heißt nicht, dass er deswegen nicht das Genie war, für das er gemeinhin gehalten wird. Ob ein Kunstwerk gut oder schlecht ist, darüber lässt sich streiten, und manche sagen, es sei reine Geschmackssache. Nur bei Shakespeare gilt es als allgemein anerkannte Tatsache, dass er ein Genie war. Das liegt, wie Jonathan Bate in The Genius of Shakespeare (London: Picador, 1997) erklärt, jedoch unter anderem daran, dass die literarische Szene den Begriff »Genie« in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hauptsächlich dazu benutzt hat, um auszudrücken, was das Besondere an Shakespeare im Vergleich zu anderen Schriftstellern ist. Er war der erste Schriftsteller in der westlichen Welt, der dafür gelobt wurde, dass er so »natürlich« und »originell« schrieb, anstatt »künstlich« und frühere Autoren imitierend. Bis dahin galt beides – natürliches, lebensnahes Schreiben und die Nachahmung anerkannter Autoren – als ein und dasselbe. Es gibt schriftliche Äußerungen von Shakespeares Zeitgenossen, zum Beispiel von Ben Jonson, die ganz klar eine Verbindung zwischen dem William Shakespeare aus Stratford und dem Schauspieler und Stückeschreiber in London herstellen, und die ihn für seine guten Stücke trotz seiner fehlenden »Gelehrtheit« loben. Am Ende des 18. Jahrhunderts wird er für die fehlende Gelehrtheit gelobt.

Dabei spielten auch politische Gründe eine Rolle, unter anderem der Wunsch Englands, sich bewusst von Frankreichs kultureller Vorherrschaft abzugrenzen. Während in Frankreich nur Dramen als gut galten, die sich streng an klassizistische Regeln hielten – in denen also zum Beispiel Tragödien streng von Komödien getrennt waren, die Handlung an einem Ort spielte, maximal 24 Stunden dauerte und plausibel sein musste, und Personen unterschiedlicher Stände nicht gleichzeitig auf der Bühne waren – mischte Shakespeare unbekümmert komische mit tragischen Elementen (zum Beispiel durch den Narr in König Lear), transportierte seine Figuren von England nach Frankreich (zum Beispiel in König Heinrich V), übersprang Zeiträume von mehreren Jahren (zum Beispiel ganze 16 Jahre in Das Wintermärchen), brachte Könige und einfache Leute zusammen auf die Bühne und ließ übernatürliche Wesen wie Elfen und Geister in seinen Stücken auftreten.

Die Stücke, die Aristokraten zu Shakespeares Zeit geschrieben haben, ähnelten dagegen eher den französischen Regeldramen – ein weiterer Grund, warum es unwahrscheinlich ist, dass jemand wie der Earl of Oxford Shakespeares Stücke geschrieben hat (genauso wie die tatsächlich von Francis Bacon verfasste Dichtung in keiner Weise Shakespeares Stil gleicht). Ebenso unwahrscheinlich ist, dass der Earl of Oxford sich zu der unterwürfigen Widmung herabgelassen hätte, die Shakespeare in seinen längeren Versdichtungen an den Earl of Southampton richtet. Dazu kommt, dass der Earl of Oxford zu früh gestorben ist, um alle von Shakespeares Stücken geschrieben zu haben. Und die ganzen Anspielungen auf andere zeitgenössische Adelige, die Anhänger der Oxford-Theorie in Shakespeares Stücken vermuten, hätten Shakespeare vermutlich ins Gefängnis gebracht oder ihn sogar sein Leben gekostet.

Wenn Sie trotzdem daran glauben wollen, dass Shakespeare seine Stücke nicht selbst geschrieben hat, befinden Sie sich in illustrer Gesellschaft: Sigmund Freud, Henry James und Mark Twain zum Beispiel waren ebenfalls fest davon überzeugt. Das muss Sie jedoch nicht davon abhalten, seine Texte zu genießen – letztlich ist dafür ja unerheblich, wer sie geschrieben hat. Sollten Sie Anhänger einer ganz anderen Shakespeare-Verschwörung sein – nämlich dass Shakespeare maßlos überschätzt wird und gar nicht so gut ist, wie alle behaupten – sind Sie ebenfalls nicht allein, sondern einer Meinung mit – zum Beispiel – Leo Tolstoi, Bernard Shaw und Ludwig Wittgenstein. Das Buch, das Sie in den Händen halten, gibt Ihnen auf jeden Fall die Möglichkeit, sich anhand der interessantesten Textstellen in Shakespeare selbst ein Bild zu machen.

Das 1. Kapitel (»Den Augenblick, da ich euch sahe ...«) schildert erste Begegnungen zwischen Liebenden. Das 2. Kapitel (»Willst du schon gehen?«) enthält Szenen, in denen Liebende mit Abwesenheit, Trennung und Sehnsucht konfrontiert sind. Themen des 3. Kapitels (»Vielleicht sind beide falsch«) sind Eifersucht, Untreue und Unaufrichtigkeit. Kapitel 4 (»O wir sind alle der Versuchung Erben!«) handelt von Versuchung und Verführung. Kapitel 5 (»Liebt’ ich sie je, die Lieb ist längst vorüber«) zeigt das Ende der Liebe, Streit und Trennung. Das 6. Kapitel (»Freundschaft hält Stand«) erzählt Geschichten rund um wahre und falsche Freunde. Familienbande und Familienangelegenheiten bieten im 7. Kapitel (»Wer möchte Vater sein?«) ausgiebig Konfliktpotenzial. Kapitel 8 (»Mein Falsch besiegt dein Wahr«) führt die Meister-Intriganten in Shakespeares Stücken vor. Im 9. Kapitel (»Mit würd’ger Staatskunst«) kommen erstaunlich moderne politische Konflikte zur Sprache. Kapitel 10 (»Wer das Leben läßt«) enthält die berühmtesten Sterbeszenen. Kapitel 11 (»Und eine Stunde lacht’ ich ohne Rast«) steht ganz im Zeichen von Komik und Humor. Die Schwankungen des Schicksals, Prophezeiungen und Vorahnungen sind Inhalt von Kapitel 12 (»Schicksal! Wir wollen sehn, was dir beliebt«). Kapitel 13 (»Sein oder Nichtsein«) enthält die berühmtesten Monologe, Kapitel 14 (»Nichts ist so, wie es ist«) zeigt, dass sich in Shakespeares Stücken der äußere Anschein und die innere Wahrheit von Menschen und Geschehnissen häufig widersprechen. Kapitel 15 (»Ein Sonett zu seinem Ruhm«) versammelt ausgewählte Sonette und Kapitel 16 (»Voll weiser Sprüch’«) berühmte, kurze Zitate mit ihren englischen Originalen.

Die Zitate aus den einzelnen Stücken sind entnommen aus der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel und Ludwig und Dorothea Tieck aus dem 19. Jahrhundert (Ausgabe erschienen im Warschauers Verlag, Berlin, ohne Jahresangabe). Die englischen Texte stammen aus The Complete Works of William Shakespeare, herausgegeben von W. J. Craig (Oxford University Press, London, 1926). Die Texte der Sonette stammen, wenn nicht anders angegeben, aus der Ausgabe Shakespeares Sonette, erläutert von Alois Brandl und übersetzt von Ludwig Fulda (Cottasche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1925). Die Textgrundlage für Die beiden edlen Vettern ist die Übersetzung von Ferdinand Adolph Gelbcke (in Die englische Bühne zu Shakespeares Zeit. Zwölf Dramen seiner Zeitgenossen, Band III, Brockhaus, Leipzig, 1890). Die Rechtschreibung und Interpunktion wurden behutsam modernisiert, wobei bewusst auf die neue Rechtschreibung verzichtet wurde.

DEN AUGENBLICK,
DA ICH EUCH SAHE...

Wer liebte je und nicht beim ersten Blick?

Who ever loved that loved not at first sight?

(Wie es euch gefällt, III, 5)1

Verkleidung, du bist eine Schalkheit

In Was ihr wollt ist Orsino, Herzog von Illyrien, in Olivia verliebt, die jedoch um ihren verstorbenen Bruder trauert und Orsinos Liebe nicht erwidert. Viola wird durch einen Schiffbruch an die Küste Illyriens gespült, verkleidet sich als Mann und tritt als Page unter dem Namen Cesario in Orsinos Dienst. In seinem Auftrag wirbt sie bei Olivia für Orsino. Das hat jedoch zur Folge, dass Olivia sich in die als Cesario verkleidete Viola verliebt, während Viola selbst sich in Orsino verliebt. Wenn man dabei im Hinterkopf behält, dass zu Shakespeares Zeit alle Frauenrollen mit männlichen Schauspielern besetzt waren, nimmt die Mehrdeutigkeit zu: Ein männlicher Schauspieler spielt eine Frau, die sich wiederum als Mann verkleidet. Viola und Olivia begegnen sich das erste Mal, als Orsino Viola zu ihr schickt, um für ihn zu werben.

VIOLA

Ich seh euch, wie ihr seid: ihr seid zu stolz;

Doch wärt ihr auch der Teufel, ihr seid schön.

Mein Herr und Meister liebt euch; solche Liebe

Kann nur vergolten werden, würdet ihr

Als Schönheit ohne Gleichen auch gekrönt. [...]

O liebt’ ich euch mit meines Herren Glut,

Mit solcher Pein, so todesgleichem Leben,

Ich fänd in euerm Weigern keinen Sinn,

Ich würd es nicht verstehn.

OLIVIA

Nun wohl, was tätet ihr?

VIOLA

Ich baut’ an eurer Tür ein Weidenhüttchen,

Und riefe meiner Seel’ im Hause zu;

Schrieb’ fromme Lieder der verschmähten Liebe,

Und sänge laut sie durch die stille Nacht;

Ließ’ euern Namen an die Hügel hallen,

Daß die vertraute Schwätzerin der Luft

»Olivia« schrie. O ihr solltet mir

Nicht Ruh genießen zwischen Erd’ und Himmel,

Bevor ihr euch erbarmt! [...]

Steckt euern Beutel ein, ich bin kein Bote;

Mein Herr bedarf Vergeltung, nicht ich selbst.

Die Liebe härte dessen Herz zu Stein,

Den ihr einst liebt, und der Verachtung nur

Sei eure Glut, wie meines Herrn geweiht!

Gehabt euch wohl dann, schöne Grausamkeit! geht ab

OLIVIA

Wie ist eure Herkunft?

»Obschon mir’s wohl geht, über meine Lage:

Ich bin ein Edelmann.« Ich schwöre drauf;

Dein Antlitz, deine Zunge, die Gebärden,

Gestalt und Mut sind dir ein fünffach Wappen.

Doch nicht zu hastig! Nur gemach, gemach!

Der Diener müßte denn der Herr sein. Wie?

Weht Ansteckung so gar geschwind uns an?

Mich däucht, ich fühle dieses Jünglings Gaben

Mit unsichtbarer leiser Überraschung

Sich in mein Auge schleichen. Wohl, es sei! [...]

Ich tu, ich weiß nicht was; wofern nur nicht

Mein Auge mein Gemüt zu sehr besticht.

Nun walte, Schicksal! Niemand ist sein eigen;

Was sein soll, muß geschehn: so mag sich’s zeigen!

(I, 5)

Da Viola/Cesario für Orsino wirbt, muss Olivia »ihn« zurückweisen. Und doch will sie Cesario wiedersehen und schickt ihren Diener Malvolio hinter »ihm« her. Malvolio soll Cesario einen Ring geben, von dem Olivia behauptet, dass Cesario ihn Olivia als Geschenk von Orsino überbracht hätte. Außerdem soll Malvolio Cesario ausrichten, dass er sich nicht mehr blicken lassen soll, außer um Olivia zu berichten, wie Orsino die Zurückweisung des Ringes aufgenommen hätte. Viola entschlüsselt diese komplizierte Liebesbotschaft mühelos.

VIOLA

Ich ließ ihr keinen Ring. Was meint dies Fräulein?

Verhüte, daß mein Schein sie nicht betört!

Sie faßt’ ins Auge mich, fürwahr so sehr,

Als wenn ihr Aug’ die Zunge ganz verstummte:

Sie sprach verwirrt in abgebrochnen Reden.

Sie liebt mich – ja! Die Schlauheit ihrer Neigung

Lädt mich durch diesen mürr’schen Boten ein.

Der Ring von meinem Herrn? Er schickt’ ihr keinen;

Ich bin der Mann. Wenn dem so ist, so täte

Die Arme besser einen Traum zu lieben.

Verkleidung, du bist eine Schalkheit, seh ich,

Worin der list’ge Feind gar mächtig ist.

Wie leicht wird’s hübschen Gleißnern nicht, ihr Bild

Der Weiber weichen Herzen einzuprägen!

Nicht wir sind schuld, ach! Unsre Schwäch’ allein:

Wie wir gemacht sind, müssen wir ja sein.

Wie soll das gehen? Orsino liebt sie zärtlich;

Ich armes Ding bin gleich verliebt in ihn;

Und sie, Betrogne, scheint in mich vergafft.

Was soll draus werden? Bin ich Mann, so muß

Ich an der Liebe meines Herrn verzweifeln;

Und wenn ich Weib bin: lieber Himmel, ach!

Wie fruchtlos wird Olivia seufzen müssen!

O Zeit! Du selbst entwirre dies, nicht ich:

Ein zu verschlungner Knoten ist’s für mich.

(II, 2)

Und nicht bloß Trieb zu euch

Violas eineiiger Zwillingsbruder Sebastian hat den Schiffbruch ebenfalls überlebt, aber Viola weiß nichts davon. Sebastian wird von dem Seemann Antonio gerettet. Antonio fühlt sich trotz der kurzen Zeit, die er Sebastian kennt, so sehr zu ihm hingezogen, dass er ihm nach Illyrien folgt, obwohl er mit Orsino wegen eines Kampfes auf See verfeindet ist und es daher für ihn sehr gefährlich ist, illyrischen Boden zu betreten.

ANTONIO

Mög’ aller Götter Milde dich geleiten!

Ich hab’ am Hof Orsinos viele Feinde,

Sonst ging ich nächstens hin, dich dort zu sehn.

Doch mag’s drum sein! Du liegst mir so am Herzen,

Ich will zu dir und mit Gefahren scherzen.

(II, 1)

SEBASTIAN

Es war mein Wille nicht, euch zu beschweren,

Doch da ihr aus der Müh’ euch Freude macht,

Will ich nicht weiter schmälen.

ANTONIO

Ich konnt’ euch so nicht lassen; mein Verlangen,

Scharf wie geschliffner Stahl, hat mich gespornt:

Und nicht bloß Trieb zu euch (obschon genug,

Um mich auf einen längern Weg zu ziehn,)

Auch Kümmernis, wie eure Reise ginge,

Da ihr dies Land nicht kennt, das einem Fremden,

Der führerlos und freundlos, oft sich rauh

Und unwirtbar erzeigt. Bei diesen Gründen

Der Furcht ist meine will’ge Liebe euch

So eher nachgeeilt.

SEBASTIAN

Mein güt’ger Freund,

Ich kann euch nichts als Dank hierauf erwidern,

Und Dank, und immer Dank; oft werden Dienste

Mit so verrufner Münze abgefertigt:

Doch wär’ mein Gut gediegen wie mein Sinn,

Ihr fändet bessern Lohn.

(III, 3)

Antonio leiht Sebastian seinen Geldbeutel, da Sebastian nach dem Schiffbruch mittellos ist. Später verwechselt Antonio Viola in ihrer Verkleidung als Cesario mit ihrem Zwillingsbruder Sebastian und bewahrt sie vor einem Duell mit Junker Andreas, einem Hausgast Olivias. Antonio wird daraufhin verhaftet und bittet Viola/Cesario, ihm den geliehenen Geldbeutel zurückzugeben. Viola hat natürlich keine Ahnung, wovon er redet – für sie ist es ja ihre erste Begegnung.

ANTONIO

Nun bringt die Not mich meinen Beutel wieder

Von euch zu fordern; und es schmerzt mich mehr

Um das, was ich nun nicht für euch vermag,

Als was mich selbst betrifft. Ihr steht erstaunt,

Doch seid getrost. [...]

Ich muß um etwas von dem Geld euch bitten.

VIOLA

Von welchem Gelde, Herr?

Der Güte wegen, die ihr mir erwiesen,

Und dann durch eure jetz’ge Not bewegt,

Will ich aus meinen schmalen, armen Mitteln

Euch etwas borgen: meine Hab’ ist klein,

Doch will ich teilen, was ich bei mir trage:

Da! Meine halbe Barschaft.

ANTONIO

Leugnet ihr mir ab?

Ist’s möglich, braucht denn mein Verdienst um euch

Der Überredung! Versucht mein Elend nicht,

Es möchte sonst so tief herab mich setzen,

Daß ich euch die Gefälligkeiten vorhielt,

Die ich für euch gehabt.

VIOLA

Ich weiß von keiner,

Und kenn euch nicht von Stimme noch Gesicht.

Ich hasse Undank mehr an einem Menschen

Als Lügen, Hoffahrt, laute Trunkenheit,

Als jedes Laster, dessen starkes Gift

Das schwache Blut bewohnt. [...]

ANTONIO

Sebastian, du entehrest edle Züge.

(III, 5)

Junker Andreas und Olivias Vetter Tobias verwechseln wenig später Sebastian mit Viola/Cesario und attackieren den nichtsahnenden Zwilling. Olivia, die Sebastian ebenfalls für ihren geliebten Cesario hält, geht dazwischen und entschuldigt sich für Tobias und Andreas. Wenig später macht sie Sebastian einen Heiratsantrag. Er ist natürlich komplett verwirrt, nimmt den Antrag aber ohne zu zögern an.

OLIVIA, zu Sebastian, den sie für Cesario hält

Ich bitt’ dich, lieber Freund,

Gib deiner Weisheit, nicht dem Zorn, Gehör

Bei diesem wilden ungerechten Ausfall

Auf deine Ruh. [...] Verwünscht sei er von mir,

Eins meiner Herzen kränkt’ er ja in dir.

SEBASTIAN

Wo weht dies her? Wie dünkt es meinem Gaum?

Bin ich im Wahnsinn, oder ist’s ein Traum?

Tauch meinen Sinn in Lethe, Phantasie!

Soll ich so träumen, gern erwach ich nie.

(IV, 1)

SEBASTIAN

Dies ist die Luft, dies ist die lichte Sonne,

Dies Kleinod gab sie mir, ich fühl’, ich seh’ es;

Und ob mich schon Bezauberung umstrickt,

Ist’s doch kein Wahnsinn. Wo ist wohl Antonio?

Ich konnt’ ihn nicht im Elefanten finden.

Doch war er da; man gab mir den Bescheid,

Er streife durch die Stadt, mich auszusuchen.

Jetzt eben wär sein Rat mir Goldes wert:

Denn überlegt mein Geist schon mit den Sinnen,

Daß dies ein Irrtum sein kann, doch kein Wahnsinn,

So übersteigt doch diese Flut von Glück

In solchem Grade Beispiel und Begriff –

Ich hätte Lust, den Augen mißzutrauen,

Und die Vernunft zu schelten, die ein andres

Mich glauben machen will, als ich sei toll,

Wo nicht, das Fräulein toll; doch wäre dies

Sie könnte Haus und Diener nicht regieren,

Bestellungen besorgen und empfangen,

Mit solchem stillen, weisen, festen Gang,

Wie ich doch merke, daß sie tut. Hier steckt

Ein Trug verborgen.

(IV, 3)

Den ärgsten Feind aufs Zärtlichste zu lieben

Als Romeo und Julia sich zum ersten Mal begegnen, ist Romeo noch in Rosalinde verliebt, die seine Liebe jedoch nicht erwidert. Als er Julia trifft, ist es hingegen von beiden Seiten Liebe auf den ersten Blick. Ihre erste Begegnung findet bei einem Ball statt, zu dem Julias Familie, die Capulets, eingeladen haben, und auf den Romeo und seine Freunde maskiert als ungebetene Gäste eindringen. Das Familienoberhaupt der Capulets toleriert das wohlwollend, obwohl er Romeo als Familienmitglied der Montagues, seiner Todfeinde, erkennt. Julia erfährt von seiner Verwandtschaft erst, nachdem sie sich bereits in ihn verliebt hat. Die Verszeilen der ersten Unterhaltung zwischen Romeo und Julia ergeben zusammen ein Sonett.

ROMEO

O, sie nur lehrt den Kerzen, hell zu glühn!

Wie in dem Ohr des Mohren ein Rubin,

So hängt die holde Schönheit an den Wangen

Der Nacht; zu hoch, zu himmlisch dem Verlangen.

Sie stellt sich unter den Gespielen dar,

Als weiße Taub’ in einer Krähenschar.

Schließt sich der Tanz, so nah ich ihr: ein Drücken

Der zarten Hand soll meine Hand beglücken.

Liebt’ ich wohl je? Nein, schwör es ab, Gesicht!

Du sahst bis jetzt noch wahre Schönheit nicht.

[...]

Entweihet meine Hand verwegen dich,

O, Heil’genbild, so will ich’s lieblich büßen.

Zwei Pilger, neigen meine Lippen sich,

Den herben Druck im Kusse zu versüßen.

JULIA

Nein, Pilger, lege nichts der Hand zu Schulden

Für ihren sittsam-andachtvollen Gruß.

Der Heil’gen Rechte darf Berührung dulden,

Und Hand in Hand ist frommer Waller Kuß.

ROMEO

Hat nicht der Heil’ge Lippen wie der Waller?

JULIA

Ja, doch Gebet ist die Bestimmung aller.

ROMEO

O, so vergönne, teure Heil’ge, nun,

Daß auch die Lippen wie die Hände tun.

Voll Inbrunst beten sie zur dir: erhöre,

Daß Glaube nicht sich in Verzweiflung kehre.

JULIA

Du weißt, ein Heil’ger pflegt sich nicht zu regen,

Auch wenn er eine Bitte zugesteht.

ROMEO

So reg dich, Holde, nicht, wie Heil’ge pflegen,

Derweil mein Mund dir nimmt, was er erfleht. Er küßt sie.

Nun hat dein Mund ihn aller Sünd’ entbunden.

JULIA

So hat mein Mund zum Lohn sie für die Gunst?

ROMEO

Zum Lohn die Sünd’? O, Vorwurf süß erfunden!

Gebt sie zurück. Er küßt sie wieder.

JULIA

Ihr küßt recht nach der Kunst. [...]

Geh, frage, wie er heißt. Ist er vermählt,

So ist das Grab zum Brautbett mir erwählt. [...]

So ein’ge Lieb’ aus großem Haß entbrannt!

Ich sah zu früh, den ich zu spät erkannt.

O, Wunderwerk! Ich fühle mich getrieben,

Den ärgsten Feind aufs Zärtlichste zu lieben.

(I, 5)

Nach dem Ball verabschiedet Romeo sich eilig von seinen Freunden und kehrt zu Julias Haus zurück. Von Julia unbemerkt hört er, wie sie ihre Liebe zu ihm offenbart. Es folgt die berühmte »Balkonszene«, die unter dieser Bezeichnung bekannt geworden ist, obwohl Julia nach den Original Regieanweisungen Shakespeares »oben an einem Fenster« (»above at a window«) erscheint. In Verona gibt es heute sogar einen Julia-Balkon, in der Via Capello 23.

ROMEO

Doch still, was schimmert durch das Fenster dort?

Es ist der Ost, und Julia die Sonne!

Geh auf, du holde Sonn’! Töte den Mond,

Der neidisch ist und schon vor Grame bleich,

Daß du viel schöner bist, obwohl ihm dienend.

O, da er neidisch ist, so dien’ ihm nicht.

Nur Toren gehn in seiner blassen, kranken

Vestalentracht einher: wirf du sie ab!

Sie ist es, meine Göttin! Meine Liebe!

O, wüßte sie, daß sie es ist!

Sie spricht, doch sagt sie nichts: was schadet das?

Ihr Auge red’t, ich will ihm Antwort geben. –

Ich bin zu kühn, es redet nicht zu mir.

Ein Paar der schönsten Stern’ am ganzen Himmel

Wird ausgesandt und bittet Juliens Augen,

In ihren Kreisen unterdes zu funkeln. [...]

O, wie sie auf die Hand die Wange lehnt!

Wär ich der Handschuh doch auf dieser Hand

Und küßte diese Wange!

JULIA

Weh mir!

ROMEO

Horch! Sie spricht. O sprich noch einmal, holder Engel! [...]

JULIA

O Romeo, Romeo! Warum denn Romeo?

Verleugne deinen Vater! Deinen Namen!

Willst du das nicht, schwör dich zu meinem Liebsten,

Und ich bin länger keine Capulet!

ROMEO

Hör ich noch länger oder soll ich reden?

JULIA

Dein Nam’ ist nur mein Feind. Du bliebst du selbst,

Und wärst du auch kein Montague. Was ist

Denn Montague? Es ist nicht Hand, nicht Fuß,

Nicht Arm noch Antlitz, noch ein andrer Teil.

Was ist ein Name? Was uns Rose heißt,

Wie es auch hieße, würde lieblich duften.

So Romeo, wenn er auch anders hieße,

Er würde doch den köstlichen Gehalt

Bewahren, welcher sein ist ohne Titel.

O Romeo, leg deinen Namen ab,

Und für den Namen, der dein Selbst nicht ist,

Nimm meines ganz!

ROMEO

Ich nehme dich beim Wort!

Nenn Liebster mich, so bin ich neu getauft,

Und will hinfort nicht Romeo mehr sein.

JULIA

Wer bist du, der du, von der Nacht beschirmt,

Dich drängst in meines Herzen Rat?

ROMEO

Mit Namen

Weiß ich dir nicht zu sagen, wer ich bin.

Mein eig’ner Name, teure Heil’ge, wird,

Weil er dein Feind ist, von mir selbst gehaßt.

Hätt’ ich ihn schriftlich, so zerriss’ ich ihn.

JULIA

Mein Ohr trank keine hundert Worte noch

Von deinen Lippen, doch es kennt den Ton.

Bist du nicht Romeo, ein Montague?

ROMEO

Nein, Holde; keines, wenn dir eins mißfällt. [...]

Der Liebe leichte Schwingen tragen mich;

Kein steinern Bollwerk kann der Liebe wehren;

Und Liebe wagt, was irgend Liebe kann:

Drum hielten deine Vettern mich nicht auf.

JULIA

Wenn sie dich sehn, sie werden dich ermorden.

ROMEO

Ach, deine Augen drohn mir mehr Gefahr

Als zwanzig ihrer Schwerter; blick du freundlich,

So bin ich gegen ihren Haß gestählt. [...]

Liebst du mich nicht, so laß sie nur mich finden,

Durch ihren Haß zu sterben wär’ mir besser

Als ohne deine Liebe Lebensfrist. [...]

JULIA

Gut, schwöre nicht. Obwohl ich dein mich freue,

Freu ich mich nicht des Bundes dieser Nacht.

Er ist zu rasch, zu unbedacht, zu plötzlich;

Gleich allzu sehr dem Blitz, der nicht mehr ist,

Noch eh man sagen kann: es blitzt. Schlaf süß!

Des Sommers warmer Hauch kann diese Knospe

Der Liebe wohl zur schönen Blum entfalten,

Bis wir das nächste Mal uns wiedersehn.

Nun gute Nacht! So süße Ruh und Frieden,

Als mir im Busen wohnt, sei dir beschieden.

ROMEO

Ach, du verlässest mich so unbefriedigt?

JULIA

Was für eine Befriedigung begehrst du noch?

ROMEO

Gib deinen treuen Liebesschwur für meinen.

JULIA

Ich gab ihn dir, eh du darum gefleht.

Und doch, ich wollt’, er stünde noch zu geben.

ROMEO

Wollt’st du ihn mir entziehn? Wozu das, Liebe?

JULIA

Um unverstellt ihn dir zurückzugeben.

Allein ich wünsche, was ich habe, nur.

So grenzenlos ist meine Huld, die Liebe,

So tief ja wie das Meer. Je mehr ich gebe,

Je mehr auch hab’ ich: beides ist unendlich.

(II, 2)

Sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand

Othello und Desdemona begegnen sich zum ersten Mal im Haus von Desdemonas Vater in Venedig. Othello erzählt ihrem Vater seine Kriegserlebnisse. Desdemona hört mit und verliebt sich in Othello. Die beiden heiraten heimlich. Als Desdemonas Vater davon erfährt, beschuldigt er Othello, seine Tochter »verhext« zu haben. Othello schildert ihm daraufhin, wie es dazu kam, dass Desdemona sich in ihn verliebt hat.

OTHELLO

Ihr Vater liebte mich, lud mich oft ein,

Erforschte fleißig meines Lebens Lauf,

Von Jahr zu Jahr, die Schlachten, Stürme, Schicksalswechsel,

So ich erlebt.

Ich ging es durch, vom Knabenalter her,

Bis auf den Augenblick, wo er gefragt.

So sprach ich denn von manchem harten Fall,

Von rührender Gefahr zu See und Land;

Wie ich ums Haar dem drohnden Tod entrann;

Wie mich der stolze Feind gefangen nahm,

Und mich als Sklav’ verkauft, wie ich erlöst,

Und meiner Reisen wundervolle Fahrt:

Wobei von weiten Höhlen, wüsten Steppen,

Steinbrüchen, Felsen, himmelhohen Bergen

Zu melden war im Fortgang der Geschichte;

Von Kannibalen, die einander schlachten,

Anthropophagen, Völkern, deren Kopf

Wächst unter ihrer Schulter: Das zu hören

War Desdemona eifrig stets geneigt.

Oft aber rief ein Hausgeschäft sie ab.

Und immer, wenn sie eilig dies vollbracht,

Gleich kam sie wieder, und mit durst’gem Ohr

Verschlang sie meine Rede. Dies bemerkend,

Ersah ich einst die günst’ge Stund’, und gab

Ihr Anlaß, daß sie mich recht herzlich bat,

Die ganze Pilgerschaft ihr zu erzählen,

Von der sie stückweis Einzelnes gehört,

Doch nicht mit rechter Folge. Ich begann,

Und oftmals hatt’ ich Tränen ihr entlockt,

Wenn ich ein leidvoll Abenteu’r berichtet

Aus meiner Jugend. Als ich nun geendigt,

Gab sie zum Lohn mir eine Welt von Seufzern.

Sie schwur: In Wahrheit seltsam! Wunderseltsam!

Und rührend war’s! Unendlich rührend war’s!

Sie wünschte, daß sie’s nicht gehört; doch wünschte sie

Der Himmel habe sie als solchen Mann

Geschaffen, und sie dankte mir und bat mich,

Wenn je ein Freund von mir sie lieben sollte,

Ich mög’ ihn die Geschicht’ erzählen lehren,

Das würde sie gewinnen. Auf den Wink

Erklärt’ ich mich.

Sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand;

Ich liebte sie um ihres Mitleids willen.

Das ist der ganze Zauber, den ich brauchte.

(I, 3)

Noch farbenstrahlender, als jene Venus

Als Antonius und Kleopatra sich kennenlernen, hat Kleopatra bereits Liebesbeziehungen zu Julius Cäsar, Pompejus und anderen hinter sich – was Antonius ihr in Wut auch einmal vorwirft:

ANTONIUS

Ihr wart halb welk, eh ich euch kannte: Ha! [...]

Ich fand euch, einen kaltgeword’nen Bissen

Auf Cäsars Teller, ja ein Überbleibsel

Gnaeus Pompejus: and’rer heißer Stunden

Gedenk ich nicht, die eure Lust sich auflas,

Und nicht der Leumund nennt: denn ganz gewiß,

Wenn ihr auch ahnen mögt, was Keuschheit sei,

Ihr habt sie nie gekannt!

(III, 11)

Aus der Sicht von Antonius’ Gefolgsmann Enobarbus hört sich die erste Begegnung zwischen Antonius und Kleopatra jedoch ganz anders an. Die Textstelle ist berühmt, weil sie eng auf Shakespeares Quelle, einer Übersetzung von Plutarch, basiert. An den kleinen Veränderungen, die Shakespeare vorgenommen hat, sieht man gut, was an seinen Texten so besonders ist: Bei Shakespeare sind Wind und Segel, Wasser und Ruder ineinander verliebt und können nicht voneinander lassen, während sie miteinander kämpfen, so wie Antonius und Kleopatra.

ENOBARBUS

Die Bark’, in der sie saß, ein Feuerthron,

Brannt’ auf dem Strom: getrieb’nes Gold der Spiegel,

Die Purpursegel duftend, daß der Wind

Entzückt nachzog: die Ruder waren Silber,

Die nach der Flöten Ton Takt hielten, daß

Das Wasser, wie sie’s trafen, schneller strömte,

Verliebt in ihren Schlag: doch sie nun selbst –

Zum Bettler wird Bezeichnung: sie lag da,

In ihrem Zelt, das ganz aus Gold gewirkt,

Noch farbenstrahlender, als jene Venus,

Wo die Natur der Malerei erliegt.

Zu beiden Seiten ihr holdsel’ge Knaben,

Mit Wangengrübchen, wie Cupido lächelnd,

Mit bunten Fächern, deren Weh’n durchglühte

(So schien’s) die zarten Wangen, die sie kühlten;

Anzündend statt zu löschen. [...]

Die Dienerinnen, wie die Nereiden,

Spannten nach ihr, Sirenen gleich, die Blicke,

Und Schmuck ward jede Beugung: eine Meerfrau

Lenkte das Steuer: seid’nes Tauwerk schwoll

Dem Druck so blumenreicher Händ’ entgegen,

Die frisch den Dienst versahn. Der Bark’ entströmend

Betäubt’ ein würz’ger Wohlgeruch die Sinne

Der beiden nahen Ufer: sie zu sehn

Ergießt die Stadt ihr Volk: und Mark Anton,

Hochthronend auf dem Marktplatz, saß allein,

Und pfiff der Luft, die, wär’ ein Vakuum möglich,

Sich auch verlor, Kleopatra zu schau’n,

Und einen Riß in der Natur zurückließ. [...]

Als sie gelandet, bat Antonius sie

Zur Abendmahlzeit; sie erwiderte,

Ihr sei willkommner ihn als Gast zu sehn,

Und lud ihn. Unser höflicher Anton,

Der keiner Frau noch jemals Nein gesagt,

Zehnmal recht schmuck barbiert, geht zu dem Fest,

Und dort muß nun sein Herz die Zeche zahlen,

Wo nur sein Auge zehrte. [...] Nicht kann sie Alter

Hinwelken, täglich Sehn an ihr nicht stumpfen

Die immerneue Reizung; andre Weiber

Sätt’gen die Lust gewährend: sie macht hungrig,

Je reichlicher sie schenkt; denn das Gemeinste

Wird so geadelt, daß die heil’gen Priester

Sie segnen, wenn sie buhlt.

(II, 2)

Schöne neue Welt

In dem späten Stück Der Sturm wird Prospero, Herzog von Mailand und Magier, von seinem Bruder Antonio aus seinem Reich vertrieben und mit seiner dreijährigen Tochter Miranda in einem Boot auf dem Meer ausgesetzt. Vater und Tochter werden an eine einsame Insel gespült. Zwölf Jahre später fährt Antonio zusammen mit dem König von Neapel, Alonso, dessen Sohn Ferdinand und Gefolge mit dem Schiff nah an der Insel vorbei, auf der Prospero mit Miranda lebt. Mithilfe seines Luftgeists Ariel inszeniert Prospero einen Sturm, der die Schiffsbesatzung auf seine Insel spült. Er will späte Rache üben. Ariel trennt Ferdinand von den anderen und führt ihn zu Prospero. Dort begegnet Ferdinand Miranda, und Ariels Zauber sorgt dafür, dass die beiden sich auf den ersten Blick ineinander verlieben. Obwohl diese Entwicklung in Prosperos Sinne ist, tut er zunächst so, als wäre er gegen die Beziehung, um zu testen, wie standhaft die junge Liebe ist.

FERDINAND

Schönes Wunder,

Seid ihr ein Mädchen oder nicht?

MIRANDA

Kein Wunder,

Doch sicherlich ein Mädchen. [...] Dies ist

Der dritte Mann, den ich gesehn; der erste,

Um den ich seufzte. [...]

PROSPERO

Eins ist des andern ganz; den schnellen Handel

Muß ich erschweren, daß nicht leichter Sieg

Den Preis verringere. [...]

Du denkst, sonst gäb’ es der Gestalten keine,

Weil du nur ihn und Caliban gesehn.

Du töricht Mädchen! Mit den meisten Männern

Verglichen, ist er nur ein Caliban,

Sie Engel gegen ihn.

MIRANDA

So hat in Demut

Mein Herz gewählt; ich hege keinen Ehrgeiz,

Einen schöner’n Mann zu sehn.

(I, 2)

Prospero setzt Ferdinand gefangen und lässt ihn Holz stapeln. Miranda versucht, ihm die Arbeit abzunehmen.

FERDINAND

Es gibt mühevolle Spiele, und die Arbeit

Erhöht die Lust dran: mancher schnöde Dienst

Wird rühmlich übernommen, und das Ärmste

Führt zu dem reichsten Ziel. Dies nied’re Tagewerk

Wär’ so beschwerlich als verhaßt mir; doch

Die Herrin, der ich dien’, erweckt das Tote,

Und macht die Mühn zu Freuden. O sie ist

Zehnfach so freundlich als ihr Vater rauh,

Und er besteht aus Härte. Schleppen muß ich

Und schichten ein paar tausend dieser Klötze,

Bei schwerer Strafe. Meine süße Herrin

Weint, wenn sie’s sieht, und sagt: so knecht’scher Dienst

Fand nimmer solchen Täter. Ich vergesse;

Doch diese lieblichen Gedanken laben

Die Arbeit selbst; ich bin am müßigsten,

Wenn ich sie tue.

MIRANDA

Ach, ich bitte, plagt

Euch nicht so sehr! Ich wollte, daß der Blitz

Das Holz verbrannt, das ihr zu schichten habt.

Legt ab und ruht euch aus! Wenn dies hier brennt,

Wird’s weinen, daß es euch beschwert. Mein Vater

Steckt tief in Büchern: bitte, ruht euch aus.

Ihr seid vor ihm jetzt auf drei Stunden sicher.

FERDINAND

O teuerste Gebieterin! Die Sonne

Wird untergehn, eh ich vollbringen kann,

Was ich doch muß.

MIRANDA

Wenn ihr euch setzen wollt,

Trag’ ich indes die Klötze. Gebt mir den!

Ich bring’ ihn hin.

FERDINAND

Nein, köstliches Geschöpf!

Eh sprengt’ ich meine Sehnen, bräch den Rücken,

Als daß ihr solcher Schmach euch unterzögt,

Und ich säh’ träge zu.

MIRANDA

Es stände mir

So gut wie euch, und ich verricht’ es

Weit leichter, denn mich treibt mein guter Wille,

Und eurem ist’s zuwider. [...] Ihr seht ermüdet aus.

FERDINAND

Nein, edle Herrin,

Bei mir ist’s früher Morgen, wenn ihr mir

Am Abend nah seid. Ich ersuche euch

(Hauptsächlich um euch im Gebet zu nennen)

Wie heißet ihr?

MIRANDA

Miranda. O mein Vater!

Ich hab’ euer Wort gebrochen, da ich’s sagte. [...]

Was für Gesichter anderswo es gibt,

Ist unbewußt mir; doch bei meiner Sittsamkeit,

Dem Kleinod meiner Mitgift! wünsch ich keinen

Mir zum Gefährten in der Welt, als euch;

Noch kann die Einbildung ein Wesen schaffen,

Das ihr gefiele, außer euch. [...]

FERDINAND

Den Augenblick, da ich euch sahe, flog

Mein Herz in euern Dienst; da wohnt es nun,

Um mich zum Knecht zu machen; euretwegen

Bin ich ein so geduld’ger Tagelöhner.

MIRANDA

Liebt ihr mich? [...]

FERDINAND

Weit über alles, was die Welt sonst hat,

Lieb’ ich und acht’ und ehr’ euch.

MIRANDA

Ich bin töricht,

Zu weinen über etwas, das mich freut. [...]

FERDINAND

Warum weint ihr?

MIRANDA

Um meinen Unwert; daß ich nicht darf bieten,

Was ich zu geben wünsche [...] Fort, blöde Schlauheit!

Führ’ du das Wort mir, schlichte, heil’ge Unschuld!

Ich bin euer Weib, wenn ihr mich haben wollt;

Sonst sterb ich eure Magd; ihr könnt mir’s weigern,

Gefährtin euch zu sein, doch Dienerin

Will ich euch sein, ihr wollet oder nicht.

(III, 1)

Gegen Ende des Stücks begegnet Miranda zum ersten Mal Ferdinands Vater und seinem Gefolge. Dabei spricht sie die berühmten Worte »Schöne, neue Welt«, die der Schriftsteller Aldous Huxley als Titel für seinen 1932 veröffentlichten Roman Brave New World verwendete, der das Szenario einer totalitären Dikatur entwirft:

MIRANDA

O Wunder!

Was gibt’s für herrliche Geschöpfe hier!

Wie schön der Mensch ist! Schöne, neue Welt,

Die solche Bürger trägt!

(V, 1)

In typischer Shakespeare-Manier wird ihre Sicht der Dinge sofort durch eine andere relativiert. Ihr Vater Prospero kommentiert ihren Ausruf trocken: »Es ist dir neu.«

Wo zwei wüt’ge Feuer sich begegnen

In Der Widerspenstigen Zähmung sucht Petruchio eine Frau. Hauptsache, sie – beziehungsweise ihr Vater – ist reich und ihre Mitgift groß genug. Petruchio lässt sich daher nicht von Katharinas schlechtem Ruf als zänkische, widerspenstige Frau abschrecken. Er legt sich einen genauen Plan zurecht, wie er sich bei ihrer ersten Begegnung verhalten will.

PETRUCHIO

Ist sie unbändig, bin ich toll und wild:

Und wo zwei wüt’ge Feuer sich begegnen,

Vertilgen sie, was ihren Grimm genährt:

Wenn kleiner Wind die kleine Flamme facht,

So bläßt der Sturm Feuer und alles aus.

Das bin ich ihr, und so fügt sie sich mir,

Denn ich bin rauh und werbe nicht als Kind. [...]

Schmält sie, erwid’r ich ihr mit festem Ton,

Sie singe lieblich gleich der Nachtigall.

Blickt sie mit Wut, sag ich, sie schau so klar

Wie Morgenrosen, frisch vom Tau gewaschen.

Und bleibt sie stumm und spricht kein einzig Wort,

So rühm ich ihr behendes Sprechtalent,

Und sag, die Redekunst sei herzentzückend.

Sagt sie, ich soll mich packen, dank ich ihr,

Als bäte sie mich, Wochen da zu bleiben:

Schlägt sie mich aus, so frag ich nach dem Tag

Des Aufgebots, und wann die Hochzeit sei?

Da kommt sie schon! Und nun, Petruchio, sprich.

Guten Morgen, Käthchen, denn so heißt ihr, hör ich.

KATHARINA

Ihr hörtet recht, und seid doch hart geöhrt,

Wer von mir spricht, nennt sonst mich Katharina.

PETRUCHIO

Mein Seel, ihr lügt, man nennt euch schlechtweg Käthchen [...].

Erfahre denn, du Käthchen Herzenstrost:

Weil alle Welt mir deine Sanftmut preist,

Von deiner Tugend spricht, die reizend nennt,

Und doch so reizend nicht als dir gebührt:

Hat mich’s bewegt, zur Frau dich zu begehren.

KATHARINA

Bewegt? Ei seht! So bleibt nur in Bewegung

Und macht, daß ihr euch baldigst heimbewegt;

Ihr scheint beweglich.

PETRUCHIO

So! Was ist beweglich?

KATHARINA

Ein Feldstuhl.

PETRUCHIO

Brav getroffen! Sitzt auf mir.

(II, 1)

1Shakespeare zitiert diese Zeile aus Christopher Marlowes Gedicht Hero und Leander. Marlowe starb am 1. Juni 1593, Wie es euch gefällt hat Shakespeare aller Wahrscheinlichkeit nach 1599 verfasst.

WILLST DU SCHON GEHN?

Fort! Ist die Trennung schon ein ätzend Mittel, Sie dient für eine Wunde voller Tod.

Away! Though parting be a fretful corrosive, It is applied to a deathful wound.

(König Heinrich VI, Teil 2, III, 2)

O tödliche Verbannung!

Valentin, aus Die beiden Veroneser, ist in Silvia, die Tochter des Herzogs von Mailand, verliebt. Doch ihr Vater möchte, dass sie einen anderen heiratet. Valentins bester Freund Proteus ist ebenfalls in Silvia verliebt. Als Valentin und Silvia planen durchzubrennen, verrät Proteus sie an ihren Vater. Daraufhin verbannt der Herzog Valentin vom Hof. Die Zeilen, die Valentin als Reaktion darauf spricht, sind durch den Film Shakespeare in Love zu neuer Berühmtheit gelangt: In dem Film sucht sich die Adelige Viola, verkleidet als junger Mann, genau diese Zeilen aus, um für eine Rolle in Shakespeares Schauspieltruppe vorzusprechen. Shakespeare reagiert wie elektrisiert, weil alle anderen Bewerber um die Rolle beim Vorsprechen seinen Konkurrenten Christopher Marlowe rezitiert haben, der zu der Zeit noch viel berühmter war.

VALENTIN

Und warum Tod nicht eh’r als Qual des Lebens?

Zu sterben, ist von mir verbannt zu sein,

Und Silvia ist ich selbst: verbannt von ihr,

Ist selbst von selbst; o tödliche Verbannung!

Ist Licht noch Licht, wenn ich nicht Silvia sehe?

Ist Lust noch Lust, wo Silvia nicht zugegen?

Und war sie’s nicht, dacht’ ich sie mir zugegen,

Entzückt vom Schattenbild der Göttlichkeit.

Nur wenn ich in der Nacht bei Silvia bin,

Singt meinem Ohr Musik die Nachtigall:

Nur wenn ich Silvia kann am Tage sehn,

Nur dann strahlt meinem Auge Tag sein Licht:

Sie ist mein Lebenselement; ich sterbe,

Werd’ ich durch ihren Himmelseinfluß nicht

Erfrischt, verklärt, gehegt, bewahrt im Leben.

Tod folgt mir, flieh ich seinen Todesspruch;

Verweil ich hier, erwart ich nur den Tod:

Doch, flieh ich fort, entflieh ich jedem Leben.

(III, 1)

Die Hindin, die den Löwen wünscht zum Gatten

In Ende gut, alles gut ist Helena in Bertram, den Graf von Roussilon verliebt, aber wegen des Standesunterschieds traut sie sich nicht, ihre Liebe zu offenbaren. Als Bertram an den Hof des Königs von Frankreich geht, trauert Helena über seine Abwesenheit. Bertrams Mutter denkt, sie trauere um ihren kürzlich verstorbenen Vater, einen berühmten Arzt.

HELENA

Ach wär’s nur das! Des Vaters denk ich kaum;

Und jener Großen Träne ehrt ihn mehr,

Als seiner Tochter Gram. Wie sah er aus?

Vergessen hab ich ihn: kein andres Bild

Wohnt mehr in meiner Phantasie als Bertram.

Ich bin verloren! Alles Leben schwindet

Dahin, wenn Betram geht. Gleichviel ja wär’s,

Liebt’ ich am Himmel einen hellen Stern,

Und wünscht ihn zum Gemahl; er steht so hoch!

An seinem hellen Glanz und lichten Strahl

Darf ich mich freun; in seiner Sphäre nie!

So straft sich selbst der Ehrgeiz meiner Liebe:

Die Hindin, die den Löwen wünscht zum Gatten,

Muß liebend sterben. O der süßen Qual,

Ihn stündlich anzusehn! Ich saß, und malte

Die hohen Brau’n, sein Falkenaug, die Locken

In meines Herzens Tafel, allzu offen

Für jeden Zug des süßen Angesichts!

Nun ist er fort, und mein abgöttisch Lieben

Bewahrt und heiligt seine Spur.

(I, 1)

Helenas Liebe verleiht ihr jedoch die Kraft, einen Versuch zu wagen, wie sie Bertram trotz des Standesunterschiedes gewinnen kann. Ihr Vater hat ihr eine wertvolle Medizin hinterlassen, der König von Frankreich ist todkrank und seine Ärzte haben ihn aufgegeben. Helena folgt Betram nach Frankreich, bietet dem König die Medizin und bittet sich als Gegenleistung für seine Heilung Betram als Ehemann aus.

HELENA

Oft ist’s der eig’ne Geist, der Rettung schafft,

Die wir beim Himmel suchen. Unsrer Kraft

Verleiht er freien Raum, und nur dem Trägen,

Dem Willenlosen stellt er sich entgegen.

Mein Liebesmut die höchste Höh ersteigt,

Doch naht mir nicht, was sich dem Auge zeigt.

Des Glückes weitsten Raum vereint Natur,

Daß sich das Fernste küßt wie Gleiches nur.

Wer klügelnd abwägt, und dem Ziel entsagt,

Weil er vor dem, was nie geschehn, verzagt,

Erreicht das Größte nie. Wann rang nach Liebe

Ein volles Herz, und fand nicht Gegenliebe?

Des Königs Krankheit, täuscht mich nicht, Gedanken;

Ich halte fest, und folg euch ohne Wanken.

(I, 1)

Betram jedoch ist wenig begeistert von der Aussicht, Helena heiraten zu sollen.

HELENA

Ich sage nicht, ich nehm euch; doch ich gebe

Mich selbst und meine Pflicht, so lang ich lebe,

In eure edle Hand. Dies ist der Mann.

KÖNIG

Nimm sie denn, junger Bertram, als Gemahlin.

BERTRAM

Gemahlin, gnäd’ger Herr? Mein Fürst, vergönnt,

In solcherlei Geschäft laßt mich gebrauchen

Die eig’nen Augen.

KÖNIG

Bertram, weißt du nicht

Was sie für mich getan?

BERTRAM

Ja, teurer König;

Doch folgt daraus, daß ich mich ihr vermähle?

KÖNIG

Du weißt, sie half mir auf vom Krankenbett.

BERTRAM

Und soll ich deshalb selbst zum Tod erkranken,

Weil sie euch hergestellt? Ich kenne sie;

Mein Vater ließ als Waise sie erziehn:

Des armen Arztes Kind mein Weib!

Verachtung Verzehre mich vorher!

KÖNIG

Den Stand allein verachtest du, den ich

Erhöhn kann. Seltsam ist’s, daß unser Blut –

Vermischte man’s – an Farbe, Wärm und Schwere

Den Unterschied verneint und doch so mächtig

Sich trennt durch Vorurteil. Ist jene wirklich

Von reiner Tugend, und verschmähst du nur

Des armen Arztes Kind – so schmähst du Tugend

Um eines Namens willen. Das sei fern!

Wo Tugend wohnt, und sei’s am niedern Herd,

Wird ihre Heimat durch die Tat erklärt. [...]

BERTRAM

Sie lieb’ ich nicht, und streb auch nie danach.

HELENA

Mich freut, mein Fürst, daß ihr genesen seid;

Das andre laßt!

(II, 3)

Helena verzichtet auf Bertram, doch der König besteht auf der Heirat. Um vor dem Vollzug der Ehe zu fliehen, zieht Bertram in den Krieg. Auf dem Feldzug verliebt er sich in eine andere Frau, Diana. Helena überredet sie, so zu tun, als gäbe sie Bertrams Werben nach, und trifft sich an ihrer Stelle mit ihm. Im Dunkeln merkt Bertram nicht, dass Helena gar nicht Diana ist.

HELENA

O seltsame Männer!

So süß könnt ihr behandeln, was ihr haßt,

Wenn der betrognen Sinne lüstern Wähnen

Die schwarze Nacht beschämt. So spielt die Lust

Mit dem, was sie verabscheut, unbewußt.

(IV, 4)

Es war die Nachtigall und nicht die Lerche

Eine der berühmtesten Szenen aus Romeo und Julia ist ihr Abschied nach ihrer ersten Liebesnacht. Romeo wird aus Verona verbannt, weil er Tybalt, Julias Cousin, in einem Duell getötet hat, nachdem Tybalt seinen Freund Mercutio tödlich verwundet hat.

JULIA

Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern.

Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,

Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang.

Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.

Glaub’, Lieber, mir: es war die Nachtigall.

ROMEO

Die Lerche war’s, die Tagverkünderin,

Und keine Nachtigall; sieh den neid’schen Streif,

Der dort im Ost der Frühe Wolken säumt.

Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt,

Der muntre Tag erklimmt die dunst’gen Höhn;

Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod.

JULIA

Trau mir, das Licht ist nicht des Tages Licht,

Die Sonne hauchte dieses Luftbild aus,

Dein Fackelträger diese Nacht zu sein,

Dir auf dem Weg nach Mantua zu leuchten;

Drum bleibe noch; zu gehn ist noch nicht Not.

ROMEO

Laß sie mich greifen, ja, laß sie mich töten!

Ich gebe gern mich drein, wenn du es willst.

Nein, jenes Grau ist nicht des Morgens Auge,

Der bleiche Abglanz nur von Cynthias Stirn.

Das ist auch nicht die Lerche, deren Schlag

Hoch über uns des Himmels Wölbung trifft.

Ich bleibe gern; zum Gehn bin ich verdrossen.

Willkommen, Tod! Hat Julia dich beschlossen. –

Nun, Herz? Noch tagt es nicht, noch plaudern wir.

JULIA

Es tagt, es tagt! Auf! Eile! Fort von hier!

Es ist die Lerche, die so heiter singt,

Und falsche Weisen, rauhen Mißton gurgelt.

Man sagt, der Lerche Harmonie sei süß;

Nicht diese: sie zerreißt die unsre ja.

Die Lerche, sagt man, wechselt mit der Kröte

Augen; möchte sie doch auch die Stimme!

Die Stimm’ ist’s ja, die Arm aus Arm uns schreckt,

Dich von mir jagt, da sie den Tag erweckt.

Stets hell und heller wird’s: wir müssen scheiden.

ROMEO

Hell und heller; dunkler stets und dunkler unsre Leiden!

(III, 5)

Arme, nehmt die letzte Umarmung!

Nur wenig später wird Julia von ihren Eltern gezwungen, Graf Paris zu heiraten. Ihre Eltern wissen nicht, dass sie heimlich Romeo geheiratet hat. Damit sie die Doppelheirat umgehen kann, gibt ein Mönch ihr ein Schlafmittel, das sie wie tot erscheinen lässt. Ihre Familie beerdigt sie, doch Romeo bekommt leider nur die Nachricht von ihrem Tod, nicht die Briefe des Mönchs, die ihm den geheimen Plan erklärt hätten. Als Romeo die betäubte Julia in der Gruft ihrer Familie findet, hält er sie für tot und bringt sich daraufhin um. Kurze Zeit später erwacht Julia, sieht den toten Romeo neben sich und tötet sich ebenfalls selbst.

ROMEO

Wie oft sind Menschen, schon des Todes Raub,

Noch fröhlich worden! Ihre Wärter nennen’s

Den letzten Lebensblitz. Wohl mag dann dies

Ein Blitz mir heißen. O, mein Herz! Mein Weib!

Der Tod, der deines Atems Balsam sog,

Hat über deine Schönheit nichts vermocht.

Noch bist du nicht besiegt. Der Schönheit Fahne

Weht purpurn noch auf Lipp’ und Wange dir.

Hier pflanzte nicht der Tod sein bleiches Banner. [...]

Warum bist du so schön noch? Soll ich glauben –

Ja, glauben will ich, komm lieg mir im Arm!

Der körperlose Tod entbrenn’ in Liebe,

Und der verhaßte, hag’re Unhold halte

Als deine Buhle hier im Dunkeln dich.

Aus Furcht davor will ich dich nie verlassen,

Und will aus diesem Palast dichter Nacht

Nie wieder weichen. Hier, hier will ich bleiben

Mit Würmern, so dir Dienerinnen sind.

O, hier bau ich die ew’ge Ruhstatt mir,

Und schüttle von dem lebensmüden Leibe

Das Joch feindseliger Gestirne. Augen,

Blickt euer Letztes! Arme, nehmt die letzte

Umarmung! Und, o Lippen, ihr, die Tore

Des Atems, siegelt mit rechtmäß’gem Kusse

Den ewigen Vertrag dem Wuch’rer Tod.

Komm, bittrer Führer! Widriger Gefährt!

Verzweifelter Pilot! Nun treib auf einmal

Dein sturmerkranktes Schiff in Felsenbrandung!

Dies auf dein Wohl, wo du auch stranden magst!

Dies meiner Lieben! Er trinkt. O wackrer Apotheker,

Dein Trank wirkt schnell. Und so im Kusse sterb ich.

(V, 3)

JULIA

Was ist das hier? Ein Becher, festgeklemmt

In meines Trauten Hand? Gift, seh ich, war

Sein Ende vor der Zeit. O Böser! Alles

Zu trinken, keinen güt’gen Tropfen mir

Zu gönnen, der mich zu dir brächt’! Ich will

Dir deine Lippen küssen. Ach, vielleicht

Hängt noch ein wenig Gift daran und läßt mich

An einer Labung sterben. Deine Lippen sind warm. [...]

Wie? Lärm? Dann schnell nur.

O willkomm’ner Dolch!

Dies werde deine Scheide. Sie ersticht sich. Roste da

Und laß mich sterben.

(V, 3)

Verrückt aus Liebe?

Ophelia ist in Hamlet verliebt, der ihr ebenfalls seine Liebe geschworen hat. Doch dann befiehlt Ophelias Vater Polonius ihr, sich von Hamlet fernzuhalten. Er fürchtet, dass Hamlet Ophelia nur verführen, sie aber nicht heiraten will – oder aufgrund seiner Position als möglicher Thronfolger gar nicht heiraten kann. Bei der darauffolgenden Begegnung zwischen Hamlet und Ophelia verhält Hamlet sich seltsam. Polonius denkt, seine Sehnsucht nach Ophelia habe ihn in den Wahnsinn getrieben.

OPHELIA

Als ich in meinem Zimmer näht’, auf einmal

Prinz Hamlet – mit ganz aufgerißnem Wams,

Kein Hut auf seinem Kopf, die Strümpfe schmutzig

Und losgebunden auf den Knöcheln hängend;

Bleich wie ein Hemde, schlotternd mit den Knien;

Mit einem Blick, von Jammer so erfüllt,

Als wär er aus der Hölle losgelassen,

Um Gräuel kundzutun – so tritt er vor mich.

POLONIUS

Verrückt aus Liebe?

OPHELIA

Herr, ich weiß es nicht,

Allein ich fürcht es wahrlich. [...]

Er griff mich bei der Hand und hielt mich fest,

Dann lehnt’ er sich zurück, so lang sein Arm;

Und mit der andern Hand so überm Auge,

Betrachtet er so prüfend mein Gesicht,

Als wollt er’s zeichnen. Lange stand er so;

Zuletzt ein wenig schüttelnd meine Hand,

Und dreimal hin und her den Kopf so wägend,

Holt er solch einen bangen tiefen Seufzer,

Als sollt’ er seinen ganzen Bau zertrümmern,

Und endigen sein Dasein. Dies getan,

Läßt er mich gehn: und über seine Schultern

Den Kopf zurückgedreht, schien er den Weg

Zu finden ohne seine Augen; denn

Er ging zur Tür hinaus ohn’ ihre Hülfe,

Und wandte bis zuletzt ihr Licht auf mich. [...]

POLONIUS

Dies ist die wahre Schwärmerei der Liebe,

Die, ungestüm von Art, sich selbst zerstört,

Und leitet zu verzweifelten Entschlüssen

So oft als irgend eine Leidenschaft,

Die unterm Mond uns quält.

(II, 1)

Als Polonius dem König davon berichtet, liest er ihm einen Liebesbrief von Hamlet an Ophelia vor, um seine Theorie zu untermauern, dass Hamlet aus Liebe verrückt geworden sei. Dieser Brief ist sicher der berühmteste in Shakespeares Werk.

POLONIUS

»An die himmlische und den Abgott meiner Seele, die reizerfüllteste Ophelia.« – Das ist eine schlechte Redensart, eine gemeine Redensart; reizerfüllteste ist eine gemeine Redensart. Aber hört nur weiter: »An ihren trefflichen zarten Busen diese Zeilen« und so fort. [...]

»Zweifle an der Sonne Klarheit,

Zweifle an der Sterne Licht,

Zweifl’, ob lügen kann die Wahrheit,

Nur an meiner Liebe nicht.

O liebe Ophelia, es gelingt mir schlecht mit dem Silbenmaße; ich besitze die Kunst nicht, meine Seufzer zu messen, aber daß ich dich bestens liebe, o Allerbeste, das glaube mir. Leb wohl.

Der Deinige auf ewig, teuerstes Fräulein, solange

Diese Maschine ihm zugehört.

Hamlet.«

(II, 2)

Am Ende des Stücks ist es jedoch genau umgekehrt: Hamlets Liebesentzug treibt Ophelia in den Wahnsinn, sie wird verrückt und ertrinkt, möglicherweise durch Selbstmord.

Mit fremdem Aug’ der Liebsten wählen

Lysander und Hermia aus Ein Sommernachtstraum sind ineinander verliebt. Doch Hermias Vater Egeus möchte, dass Hermia Demetrius heiratet. Weigert sie sich, droht ihr nach dem Gesetz Athens, wo das Stück spielt, die Todesstrafe.

LYSANDER

Weh mir! Nach allem, was ich jemals las,

Und jemals hört’ in Sagen und Geschichten,

Rann nie der Strom der treuen Liebe sanft;

Denn bald war sie verschieden an Geburt –

HERMIA

O Qual! Zu Hoch, vor Niedrigem zu knien!

LYSANDER

Bald waren sie in Jahren mißgepaart –

HERMIA

O Schmach! Zu alt, mit jung vereint zu sein!

LYSANDER

Bald hing sie ab von der Verwandten Wahl –

HERMIA

O Tod! Mit fremdem Aug’ der Liebsten wählen!

LYSANDER

Und war auch Sympathie in ihrer Wahl,

So stürmte Krieg, Tod, Krankheit auf sie ein

Und macht’ ihr Glück gleich einem Schalle flüchtig,

Wie Schatten wandelbar, wie Träume kurz

Schnell, wie der Blitz, der in geschwärzter Nacht

In einem Winke Himmel und Erd entfaltet,

Doch eh ein Mensch vermag zu sagen: schaut!

Schlingt gierig ihn die Finsternis hinab:

So schnell verdunkelt sich des Glückes Schein.

HERMIA

Wenn Leid denn immer treue Liebe traf,

So steht es fest im Rate des Geschicks.

Drum laßt Geduld uns durch die Prüfung lernen,

Weil Leid der Liebe so geeignet ist,

Wie Träume, Seufzer, stille Wünsche, Tränen,

Der armen, kranken Leidenschaft Gefolge.

(I, 1)

Hermias Freundin Helena ist in Demetrius verliebt, der wiederum seinerseits in Hermia verliebt ist. Helena verzehrt sich vor Sehnsucht nach Demetrius und grübelt verzweifelt, warum Demetrius Hermia ihr vorzieht. Im Laufe des Stücks wird recht klar, dass Verliebtsein viel mit Einbildung zu tun hat und hauptsächlich im Kopf stattfindet.

HELENA

Wär mein die Welt, ich ließ damit euch schalten,

Nur diesen Mann wollt ich mir vorbehalten.

O lehrt mich, wie ihr blickt! Durch welche Kunst

Hängt so Demetrius an eurer Gunst?

HERMIA

Er liebt mich stets, trotz meinen finstern Mienen.

HELENA

O lernte das mein Lächeln doch von ihnen!

HERMIA

Ich fluch ihm, doch das nährt sein Feuer nur.

HELENA

Ach, hegte solche Kraft mein Liebesschwur!

HERMIA

Je mehr gehaßt, je mehr verfolgt er mich.

HELENA

Je mehr geliebt, je ärger haßt er mich.

HERMIA

Soll ich denn Schuld an seiner Torheit sein?

HELENA

Nur eure Schönheit: wär die Schuld doch mein!

HERMIA

Getrost! Ich werd ihm mein Gesicht entziehen.

Lysander wird mit mir von hinnen fliehen.

Vor jener Zeit, als ich Lysandern sah,

Wie schien Athen ein Paradies mir da!

Nun denn, wofür sind Reize wohl zu achten,

Die einen Himmel mir zur Hölle machten? […]

HELENA, alleine

Wie kann das Glück so wunderlich doch schalten!

Ich werde für so schön als sie gehalten.

Was hilft es mir, so lang Demetrius

Nicht wissen will, was jeder wissen muß?

Wie Wahn ihn zwingt, an Hermias Blick zu hangen,

Vergöttr’ ich ihn, von gleichem Wahn befangen.

Dem schlecht’sten Ding an Art und an Gehalt

Leiht Liebe dennoch Ansehn und Gestalt.

Sie sieht mit dem Gemüt, nicht mit den Augen,

Und ihr Gemüt kann nie zum Urteil taugen.

Drum nennt man ja den Gott der Liebe blind. […]

Eh Hermia meinen Liebsten mußt’ entführen,

Ergoß er mir sein Herz in tausend Schwüren;

Doch, kaum erwärmt von jener neuen Glut,

Verrann, versiegte diese wilde Flut.

Jetzt geh ich, Hermias Flucht ihm mitzuteilen!

Er wird ihr nach zum Walde morgen eilen.

Zwar, wenn er Dank für den Bericht mir weiß,

So kauf ich ihn um einen teuren Preis.

Doch will ich, mich für meine Müh zu laben,

Hin und zurück des Holden Anblick haben.

(I, 1)

Laßt mich mit ihm ziehn

Noch in seiner Hochzeitsnacht wird Othello, im militärischen Dienst Venedigs, nach Zypern versetzt, um zu verhindern, dass die Türken die Insel erobern. Alle gehen davon aus, dass er seine frischvermählte Ehefrau, Desdemona, zurücklassen wird, doch sie weigert sich und setzt durch, dass sie ihn begleiten darf.

DESDEMONA

Daß ich den Mohren liebt’, um ihm zu leben,

Mag meines Glücks gewaltsam jäher Sturm

Der Welt zurufen: ja, mein Herz ergab sich

Ganz unbedingt an meines Herrn Beruf.

Ich sah in seinem Geist Othellos Antlitz,

Und seinem Ruhm, und seinem Heldentum

Hab’ ich Gemüt und irdisch Gut geweiht.

Drum, würd’ge Herrn, läßt man mich hier zurück,

Als Friedensmotte, weil er zieht ins Feld,

So raubt man meiner Liebe teures Recht,

Und läßt mir eine schwere Zwischenzeit

Dem Liebsten fern: drum laßt mich mit ihm ziehn.

(I, 3)

Trotzdem reisen die beiden in getrennten Schiffen nach Zypern. Aufgrund eines Sturms auf See sind sie heilfroh, als sie sich lebend wiedersehen. Othello fühlt, dass sein Glück jetzt seinen Höhepunkt erreicht hat und er zufrieden sterben könnte. Desdemona geht aber davon aus, dass ihr Glück noch wachsen wird, nachdem sie erst seit Kurzem verheiratet sind und kaum Zeit miteinander verbracht haben. Im Verlauf des Stücks behält leider Othello recht.

OTHELLO

Ein Wunder dünkt mich’s, groß wie meine Freude,

Dich hier zu sehn vor mir. O mein Entzücken!

Wenn jedem Sturm so heitre Stille folgt,

Dann blast, Orkane, bis den Tod ihr weckt!

Dann klimme, Schiff, die Wogenberg’ hinan

Hoch wie Olymp, und tauch hinunter tief

Zum Grund der Hölle! Gölt’ es, jetzt zu sterben,

Jetzt wär’ mir’s höchste Wonne; denn ich fürchte,

So volles Maß der Freude füllt mein Herz,

Daß nie ein andres Glück mir diesem gleich

Im Schoß der Zukunft harrt.

DESDEMONA

Verhüte Gott,

Daß unsre Lieb’ und Glück nicht sollten wachsen

Wie unsrer Tage Zahl!

OTHELLO

Amen, ihr holden Mächte!

Nicht auszusprechen weiß ich diese Wonne,

Hier stockt es; o es ist zu viel der Freude.

(II, 1)

Nichts von Gehn

Das ausschweifende Leben als Liebespaar, das Antonius und Kleopatra in Ägypten führen, erregt die Missbilligung seiner beiden Mit-Triumvirn, Ocatvius Cäsar und Lepidus, mit denen er sich die Weltherrschaft teilt. Sowohl Cäsar als auch Antonius’ Ehefrau Fulvia fordern seine Anwesenheit in Rom, doch Antonius ist so sehr in Kleopatra vernarrt, dass er sich zunächst weigert, irgendwelche Boten aus Rom auch nur anzuhören. Das Schicksal Roms ist ihm gleichgültig.

ANTONIUS

Schmilz in die Tiber, Rom! Der weite Bogen

Des festen Reichs, zerbrich! Hier ist die Welt,

Thronen sind Staub: die kot’ge Erde nährt

Wie Mensch, so Tier: der Adel nur des Lebens

Ist, so zu tun: wenn solch ein liebend Paar,

Und solch Zwillings-Gestirn es darf: worin

(Bei schwerer Ahndung wisse das die Welt!)

Wir unerreichbar sind!

KLEOPATRA

Erhabne Lüge!

Wie ward Fulvia sein Weib, liebt’ er sie nicht?

So will ich Törin scheinen und nicht sein;

Anton bleibt stets er selbst.

ANTONIUS

Nur nicht, reizt ihn Kleopatra. Wohlan,

Zu Liebe uns’rer Lieb’ und süßen Stunden,

Nicht sei durch herb Gespräch die Zeit verschwendet.

Kein Punkt in unserm Leben, den nicht dehne

Noch neue Lust. Welch Zeitvertreib zu Nacht?

(I, 1)

Es ist Kleopatra, die Antonius drängt, die Boten anzuhören. Der Bote selbst zögert zunächst, Antonius die Wahrheit zu sagen.

BOTE AUS ROM

Der bösen Zeitung Gift macht krank den Boten.

ANTONIUS

Wenn er sie Narren und Feigen meldet: weiter!

Mir ist Geschehnes abgetan. Vernimm,

Wer mir die Wahrheit sagt und spräch’ er Tod,

Ich hört’ ihn an, als schmeichelt’ er. […]

Sprich dreist, verfeinre nicht des Volkes Zunge

[…]. Nur Unkraut tragen wir,

Wenn uns kein Wind durchschüttelt; und uns schelten,

Heißt nur rein jäten.

(I, 2)

Als Antonius schließlich erfährt, dass seine Ehefrau Fulvia tot ist und dass sie in seinem Namen Krieg geführt hat, entscheidet er sich, Kleopatra schweren Herzens zu verlassen – wenn auch nur vorübergehend. Sobald er von Fulvias Tod erfährt, stellt Antonius fest, dass ihre Abwesenheit sie wieder attraktiv macht.

ANTONIUS

Was wir verachtend oft hinweggeschleudert,

Das wünschen wir zurück: erfüllte Freude

Durch Zeitumschwung ermattet, wandelt sich

Ins eig’ne Gegenteil: gut ist sie nun, weil tot;

Nun reicht’ ich gern die Hand, die ihr gedroht.

Fliehn muß ich diese Zauberkönigin:

Zehntausend Wehn, und schlimmre, als ich weiß,

Brütet mein Müßiggang.

(I, 2)

Kleopatra macht Antonius den Abschied so schwer wie möglich.

KLEOPATRA

Sieh wo er ist, wer mit ihm, was er tut,

(Ich schickte dich nicht ab:) Findst du ihn traurig,

Sag ihm, ich tanze: ist er munter, meld ihm,

Ich wurde plötzlich krank. Schnell bring mir Antwort.

CHARMION

Fürstin, mir scheint, wenn ihr ihn wirklich liebt,

Ihr wählt die rechte Art nicht, ihn zur Liebe

Zu zwingen.

KLEOPATRA

Und was sollt’ ich tun und lass’ es?

CHARMION

Gebt immer nach, laßt euch von ihm nur führen.

KLEOPATRA

Törichter Rat! Der Weg ihn zu verlieren!

CHARMION

Versuch ihn nicht zu sehr: ich bitt’, erwägt,

Wir hassen bald, was oft uns Furcht erregt.

(I, 3)

KLEOPATRA

Nein, such nur keine Färbung deiner Flucht.

Geh, sag Lebwohl: als du zu bleiben flehtest,

Da galt’s zu sprechen: damals nichts von Gehn!

In unserm Mund und Blick war Ewigkeit,

Wonn’ auf den Brau’n, kein Tropfen Blut so arm,

Der Göttern nicht entquoll: und so ist’s noch,

Oder der größte Feldherr du der Welt,

Wurdest zum größten Lügner. […]

Wenn mich das Alter auch nicht schützt vor Torheit,

Doch wohl von Kinderei. […] Nicht Fulvias Tod beweinen,

Zeigt mir, wie leicht du einst erträgst den meinen. […]

O bitte, wende dich und wein um sie,

Dann sag mir Lebewohl, und sprich: die Tränen

Sind für Ägypten: spiel einmal als Meister

Ein Stück Verstellung, Lieber, das mißscheine

Als echte Ehre! […]

Höflicher Herr, ein Wort:

Wir beide müssen scheiden, doch das ist’s nicht,

Wir beide liebten einst, doch das ist’s auch nicht,

Das wißt ihr wohl – was war’s doch, das ich meinte?

O mein Gedächtnis ist ein rechter Antonius,

Und ich bin ganz vergessen!

ANTONIUS

Wär’ nicht Torheit

Die Dien’rin deines Throns, so hielt ich dich

Für Torheit selbst.

KLEOPATRA

O schwere Müh’ des Lebens,

Dem Herzen nahe solche Torheit tragen,

Wie diese ich! Doch, teurer Freund, vergib mir,

Denn Tod bringt mir mein Treiben, wenn es dir

Nicht gut ins Auge fällt. Dich ruft die Ehre,

Hör’ denn auf meinen eitlen Wahnsinn nicht!

Und alle Götter mit dir! […]

ANTONIUS

Es flieht zugleich und weilet unsre Trennung:

Denn du, hier thronend, gehst doch fort mit mir,

Und ich, fortschiffend, bleibe doch mit dir.

(I, 3)

Wo, denkst du, ist er jetzt?

In Antonius’ Abwesenheit malt Kleopatra sich aus, was er wohl gerade tut, und fragt sich, ob Antonius auch an sie denkt:

KLEOPATRA

O liebe Charmion,

Wo, denkst du, ist er jetzt? Sag, steht er? Sitzt er?

Wie, geht er wohl? Sitzt er auf seinem Pferd?

O glücklich Pferd, Antonius’ Last zu tragen!

Sei stolz, mein Pferd! Weißt du wohl, wen du trägst?

Den halben Atlas dieser Erde, Schild

Und Schutz der Welt! Jetzt spricht er, oder murmelt:

Wo weilst du, meine Schlang’ am alten Nil?

Denn also nennt er mich. Jetzt weid’ ich mich

Am allzusüßen Gift! Gedenke mein,

Ob auch von Phöbus Liebesstichen braun,

Und durch die Zeit gerunzelt! Als du hier

Ans Ufer tratst, breitstirn’ger Cäsar, war ich

Wert eines Königs: Held Pompejus stand

Und ließ sein Aug’ auf meinen Brauen wurzeln,

Da warf sein Blick den Anker ein, er starb

Im Anschau’n seines Lebens. […]

Bemerk’ ihn, Charmion, welch ein Mann! O merk ihn!

Er war nicht ernst, denn die wollt’ er beglänzen,

Die von ihm lernen sehn; er war nicht munter:

Dies schien zu sagen, sein Erinnern weile,

Mit seiner Lust hier: sondern zwischen beiden.

O himmlische Vermischung! Ernst und munter,

Das äußerste von beiden steht dir so,

Wie keinem Manne sonst.

(I, 5)

Als Kleopatra von einem Boten erfährt, dass Antonius Octavia geheiratet hat, die Schwester von Octavius Cäsar, ist sie zunächst sehr aufgebracht, tröstet sich aber schnell damit, dass Octavia bestimmt nicht in der Lage ist, Antonius lange zu halten. Derselben Meinung sind auch die Gefolgsleute von Antonius und Octavius. Sie sind überzeugt, dass Antonius’ Sehnsucht nach Kleopatra ihn nach Ägypten zurücktreibt, und dass dann wiederum Octavia unter Antonius’ Abwesenheit so sehr leidet, dass ihr Bruder wütend auf Antonius werden wird.

MENAS

Ich denke, in dieser Angelegenheit tat die Politik mehr für die Heirat, als die Liebe der Vermählten.

ENOBARBUS

Das denk ich auch. Aber ihr sollt sehen, das Band, das ihre Freundschaft zu verknüpfen scheint, erwürgt ihre Verbrüderung. Octavia ist von kaltem, stillen Temperament.

MENAS

Wer wünschte sein Weib nicht so?

ENOBARBUS

Der nicht, der selbst nicht so ist: und das ist Mark Anton. Sein ägyptisches Mahl wird ihn zurückziehen: dann werden Octavias Seufzer Cäsars Feuer anfachen, und wie ich vorhin sagte: was die Befestigung ihres Bundes scheint, wird die unmittelbare Veranlassung ihrer Entzweiung werden. Antonius wird seine Liebe zeigen, wo sie ist; hier hat er nur seinen Vorteil geheiratet.

(II, 6)

Mit ihm ins Feld

Als es schließlich zum Krieg zwischen Antonius und Kleopatra auf der einen und Octavius Cäsar auf der anderen Seite kommt, besteht Kleopatra darauf, mit ihrem Geliebten zusammen ins Feld zu ziehen. Antonius’ Liebe macht ihn fatalerweise taub für den Rat seiner Krieger: Sie empfehlen ihm, Kleopatra nicht an der Schlacht teilhaben zu lassen und auch nicht ihretwegen eine Schlacht auf dem Meer einem Kampf an Land vorzuziehen.

KLEOPATRA

Du widersprachst, daß ich zum Kriege folgte,

Und sagst, es zieme nicht.

ENOBARBUS

Nun ziemt es denn?

KLEOPATRA

Warum, rechtfert’ge dich, warum nicht zög ich

Mit ihm ins Feld?

ENOBARBUS, beiseite

Ei nun, ich könnt’ erwidern,

Wenn wir mit Stut’ und Hengst dem Feind begegnen,

Sei’s um den Hengst geschehn, die Stute trüge

Den Reiter und sein Roß.

KLEOPATRA

Was sagst du da?

ENOBARBUS

Euer Beisein muß durchaus Anton verwirren,

Und ihm an Herz und Hirn und Zeit entwenden,

Was dann höchst unentbehrlich. Zeiht man doch

Ihn schon des Leichtsinns, und erzählt in Rom,

Photinus, der Eunuch, und eure Weiber

Regierten diesen Krieg.

KLEOPATRA

Fluch Rom! Verdorren

Die Zungen dieser Lästrer! Unser ist

Der Krieg, und als der Vorstand meines Reichs

Streit ich in ihm als Mann. Sprich nicht dagegen,

Ich bleibe nicht zurück.

(III, 7)

Bin ich nicht eure Rosalinde?

In Wie es euch gefällt werden sowohl Rosalinde als auch Orlando verbannt und flüchten in den Wald von Arden. Beide sind ineinander verliebt, doch Rosalinde ist als Mann verkleidet, sodass Orlando nicht weiß, dass sie seine Geliebte ist. Er hält sie für einen Schäfer. Orlando hängt Verse über seine Liebe zu Rosalinde an die Bäume im Wald. In ihrer Rolle als befreundeter Schäfer gibt Rosalinde vor, Orlando von seiner Sehnsucht nach der abwesenden Geliebten heilen zu wollen, indem sie Rosalinde für ihn spielt. Dabei will sie sich so unmöglich und launisch benehmen, dass sie Orlando alle Frauen für immer verleidet. Orlando will ihr dagegen beweisen, dass sich seine Liebe nicht austreiben lässt.

ROSALINDE

Bin ich nicht eure Rosalinde?

ORLANDO

Es macht mir Freude, euch so zu nennen, weil ich gern von ihr sprechen mag.

ROSALINDE

Gut, und in ihrer Person sage ich: ich will euch nicht.

ORLANDO

So sterbe ich in meiner eig’nen Person.

ROSALINDE

Mitnichten, verrichtet es durch einen Anwalt. Die arme Welt ist fast sechstausend Jahr alt, und die ganze Zeit über ist noch kein Mensch in eigener Person gestorben, nämlich in Liebessachen. Dem Troilus wurde das Gehirn von einer griechischen Keule zerschmettert; doch tat er, was er konnte, um vorher noch zu sterben, und er ist eins von den Mustern der Liebe. Leander, der hätte noch manches schöne Jahr gelebt, wäre Hero gleich Nonne geworden, wenn eine heiße Sommernacht es nicht getan hätte: denn der arme Junge, er ging nur hin, um sich im Hellespont zu baden, bekam den Krampf und ertrank, und die albernen Chronikenschreiber seiner Zeit befanden, es sei Heros Sestos. Doch das sind lauter Lügen: die Menschen sind von Zeit zu Zeit gestorben, und die Würmer haben sie verzehrt; aber nicht aus Liebe.

ORLANDO

Ich möchte meine rechte Rosalinde nicht so gesinnt wissen, denn ich beteure, ihr Stirnrunzeln könnte mich töten.

ROSALINDE

Bei dieser Hand! Es tötet keine Fliege. Aber kommt, nun will ich eure Rosalinde in einer gutwilligeren Stimmung sein, und bittet von mir, was ihr wollt, ich will es zugestehen.

ORLANDO

So liebe mich, Rosalinde.

ROSALINDE

Ja, das will ich, Freitags, Sonnabends, und so weiter.

ORLANDO

Und willst du mich haben?

ROSALINDE

Ja, und zwanzig solcher.

ORLANDO

Was sagst du?

ROSALINDE

Seid ihr nicht gut?

ORLANDO

Ich hoff es.

ROSALINDE

Nun denn, kann man des Guten zu viel haben? [...] Nun sagt mir, wie lange wollt ihr sie haben, nachdem ihr ihren Besitz erlangt?

ORLANDO

Immerdar und einen Tag.

ROSALINDE

Sagt einen Tag und laßt immerdar weg. Nein, nein, Orlando! Männer sind Mai, wenn sie freien, und Dezember in der Ehe. Mädchen sind Frühling, solange sie Mädchen sind, aber der Himmel verändert sich, wenn sie Frauen werden. Ich will eifersüchtiger auf dich sein, als ein Turteltauber auf sein Weibchen, schreiichter als ein Papagei, wenn es regnen will, grillenhafter, als ein Affe, und ausgelassener in Gelüsten als eine Meerkatze. Ich will um nichts weinen, wie Diana am Springbrunnen, und das will ich tun, wenn du zur Lustigkeit gestimmt bist; ich will lachen wie eine Hyäne, und zwar wenn du zu schlafen wünschest.

ORLANDO

Aber wird meine Rosalinde das tun?

ROSALINDE

Bei meinem Leben, sie wird es machen wie ich.

ORLANDO

O, sie ist aber klug.

ROSALINDE

Sonst hätte sie nicht den Witz dazu. Je klüger, desto verkehrter. Versperrt dem Witz eines Weibes die Türen, so muß er zum Fenster hinaus; macht das zu, so fährt er aus dem Schlüsselloch; verstopft das, so fliegt er mit dem Rauch aus dem Schornstein.

ORLANDO

Ein Mann, der eine Frau mit so viel Witz hätte, könnte fragen: »Witz, wohin willst du?«

ROSALINDE

Nein, den Einspruch könnt ihr versparen, bis ihr den Witz eurer Frau auf dem Wege zu eures Nachbars Bett anträft.

ORLANDO

Welcher Witz hätte Witz genug, das zu entschuldigen?

ROSALINDE

Nun etwa: sie ginge hin, euch dort zu suchen. Ihr werdet sie nie ohne Antwort ertappen, ihr müßtet sie denn ohne Zunge antreffen. O, die Frau, die ihre Fehler nicht ihrem Manne zur Last legen kann, die laßt nie ihr Kind säugen; sie würde es albern groß ziehen.

(IV, 1)

Die schon dem Bruder so viel Liebe zahlt

Orsino, Herzog von Illyrien aus Was ihr wollt, ist in Olivia verliebt, doch sie hat geschworen, ein Jahr lang um ihren verstorbenen Bruder zu trauern und alle Freier abzuweisen. Orsino tröstet sich in seiner Sehnsucht mit Musik.

ORSINO

Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,

Spielt weiter! Gebt mir bis zum Exzeß davon, daß so

Die übersatte Lust erkrank’ und sterbe.

Die Weise noch einmal! Sie starb so hin;

O sie beschlich mein Ohr, dem Westwind gleich,

Der auf ein Veilchenbette lieblich haucht,

Und Düfte stiehlt und gibt. Genug! Nicht mehr!

Es ist mir nun so süß nicht wie vorher.

O Geist der Lieb’, wie bist du reg und frisch!

Nimmt schon beim Umfang alles in sich auf.

Gleich wie die See, nichts kommt in ihn hinein,

Wie stark, wie überschwänglich es auch sei,

Das nicht herabgesetzt im Preise fiele

In einem Wink! So voll von Phantasien

Ist Liebe, daß nur sie phantastisch ist. [...]

Valentin, ein Kavalier des Herzogs, kommt.

Nun wohl, was sagt sie?

VALENTIN

Verzeiht, mein Fürst, ich ward nicht vorgelassen.

Ihr Mädchen gab mir dies zur Antwort nur:

Der Himmel selbst, bis sieben Jahr verglüht,

Soll ihr Gesicht nicht ohne Hülle schau’n;

Sie will wie eine Nonn’ im Schleier gehn,

Und einmal tags ihr Zimmer rings benetzen

Mit augenschmerzendem gesalznem Maß:

All dies, um eines Bruders tote Liebe

Zu balsamieren, die sie frisch und dauernd

In traurigem Gedächtnis halten will.

ORSINO

O sie mit diesem zartgeformten Herzen,

Die schon dem Bruder so viel Liebe zahlt,

Wie wird sie lieben, wenn der goldne Pfeil

Die ganze Schar von Neigungen erlegt,

So in ihr lebt! Wenn jene hohen Throne,

Ihr Haupt und Herz, die holden Trefflichkeiten,

Erfüllt sind und bewohnt von einem Herrn!

Eilt mir voran auf zarten Blumenmatten!

Liebe träumt süß, wenn Lauben sie beschatten.

(I, 1)

Denkt euch ein Mädchen

Viola wird nach einem Schiffbruch an die Küste Illyriens gespült. Um in dem unbekannten Land nicht so wehrlos zu sein, verkleidet sie sich als Mann und tritt als Page unter dem Namen Cesario in Orsinos Dienste. Sie soll für ihn um Olivia werben, verliebt sich jedoch selbst in Orsino.

ORSINO

Komm näher, Junge. Wenn du jemals liebst,

Gedenke meiner in den süßen Qualen;

Denn so wie ich sind alle Liebenden,

Unstet und launenhaft in jeder Regung,

Das stete Bild des Wesens ausgenommen,

Das ganz geliebt wird. [...]

Mein Leben wett’ ich drauf, jung wie du bist,

Hat schon dein Aug’ um werte Gunst gebuhlt.

Nicht, Kleiner?

VIOLA

Ja, mit eurer Gunst, ein wenig.

ORSINO

Was für ein Mädchen ist’s?

VIOLA

Von eurer Farbe.

ORSINO

So ist sie nicht dein wert. Von welchem Alter?

VIOLA

Von eurem etwa, gnäd’ger Herr.

ORSINO

Zu alt, beim Himmel! Wähle doch das Weib

Sich einen Ält’ren stets! So fügt sie sich ihm an,

So herrscht sie dauernd in des Gatten Brust.

Denn, Knabe, wie wir uns auch preisen mögen,

Sind unsre Neigungen doch wankelmüt’ger,

Unsichrer, schwanker, leichter her und hin,

Als die der Frau’n.

VIOLA

Ich glaub’ es, gnäd’ger Herr.

ORSINO

So wähl dir eine jüngere Geliebte,

Sonst hält unmöglich deine Liebe Stand.

Denn Mädchen sind wie Rosen, kaum entfaltet,

Ist ihre holde Blüte schon veraltet.

VIOLA

So sind sie auch. Ach! Muß ihr Los so sein,

Zu sterben, grad im herrlichsten Gedeih’n? [...]

Denkt euch ein Mädchen, wie’s vielleicht eins gibt,

Fühl’ eben solche Herzenspein um euch,

Als um Olivien ihr; ihr liebt sie nicht,

Ihr sagt’s ihr; muß sie nicht die Antwort nehmen?

ORSINO

Nein, keines Weibes Brust

Erträgt der Liebe Andrang, wie sie klopft

In meinem Herzen; keines Weibes Herz

Umfaßt soviel; sie können nicht beharren.

Ach, deren Liebe kann Gelüst nur heißen,

Nicht Regung ihres Herzens, nur des Gaums,

Die Sattheit, Ekel, Überdruß erleiden.

Doch meine ist so hungrig wie die See,

Und kann gleich viel verdau’n. Vergleiche nimmer

Die Liebe, so ein Weib zu mir kann hegen,

Mit meiner zu Olivien.

VIOLA

Ja, doch ich weiß –

ORSINO

Was weißt du?

VIOLA

Zu gut nur, was ein Weib für Liebe hegen kann.

Fürwahr, sie sind so treuen Sinns wie wir.

Mein Vater hatt’ ’ne Tochter, welche liebte,

Wie ich vielleicht, wär’ ich ein Weib, mein Fürst,

Euch lieben würde.

ORSINO

Was war ihr Lebenslauf?

VIOLA

Ein leeres Blatt,

Mein Fürst. Sie sagte ihre Liebe nie,

Und ließ Verheimlichung, wie in der Knospe

Den Wurm, an ihrer Purpurwange nagen.

Sich härmend, und in bleicher, welker Schwermut,

Saß sie wie die Geduld auf einer Gruft,

Dem Grame lächelnd. Sagt, war das nicht Liebe?

Wir Männer mögen leicht mehr sprechen, schwören,

Doch der Verheißung steht der Wille nach.

Wir sind in Schwüren stark, doch in der Liebe schwach.

(II, 4)

VIELLEICHT SIND BEIDE FALSCH

Wahnwitzige, Poeten und Verliebte Bestehn aus Einbildung.

The lunatic, the lover, and the poet Are of imagination all compact.

(Ein Sommernachtstraum, V, 1)

Die Grillen deiner Eifersucht

In dem Stück Ein Sommernachtstraum wirft Titania Oberon vor, dass er nicht ihr zuliebe in den Wald in der Umgebung Athens gekommen ist, sondern nur, weil Hippolyta, seine ehemalige Geliebte, Theseus, den Herrscher von Athen, heiraten wird. Da Oberon und Titania König und Königin der Elfen sind, wirkt sich ihr Streit auf die Natur aus: Missernten und durcheinander geratene Jahreszeiten sind die Folge.

OBERON

Vermessne, halt! Bin ich nicht dein Gemahl?

TITANIA

So muß ich wohl dein Weib sein; doch ich weiß

Die Zeit, daß du dich aus dem Feenland

Geschlichen, Tage lang als Corydon

Gesessen, spielend auf dem Haberrohr,

Und Minne der verliebten Phyllida

Gesungen hast. – Und warum kommst du jetzt

Von Indiens entferntestem Gebirg,

Als weil – ei denk doch! – weil die Amazone,

Die strotzende hochaufgeschürzte Dame,

Dein Heldenliebchen, sich vermählen will?

Da kommst du denn, um ihrem Bette Heil

Und Segen zu verleihn.

OBERON

Titania,

Wie kannst du dich vermessen, anzuspielen

Auf mein Verständnis mit Hippolyta,

Da du doch weißt, ich kenne deine Liebe

Zum Theseus? Locktest du im Dämmerlichte

Der Nacht ihn nicht von Perigunen weg,

Die er vorher geraubt? Warst du nicht Schuld,

Daß er der schönen Ägle Treue brach,

Der Ariadne und Antiopa?

TITANIA

Das sind die Grillen deiner Eifersucht!

Und nie seit jenem Sommer trafen wir

Auf Hügel noch im Tal, im Wald noch Wiese,

Am Kieselbrunnen, am beschilften Bach,

Noch an des Meeres Klippenstrand uns an,

Und tanzten Ringel nach des Windes Pfeifen,

Daß dein Gezänk uns nicht die Luft verdarb.

Drum sog der Wind, der uns vergeblich pfiff,

Als wie zur Rache, böse Nebel auf

Vom Grund des Meeres; die fielen auf das Land [...]

Und diese ganze Brut von Plagen kommt

Von unserm Streit, von unserm Zwiespalt her;

Wir sind davon die Stifter und Erzeuger.

(II, 1)

So treu wie Troilus

Mitten im trojanischen Krieg verliebt sich der junge Trojaner Troilus in Kressida. Eigentlich stünde der Liebe der beiden nichts im Wege, denn Kressida ist ebenfalls Trojanerin. Doch ihr Vater, der Seher Calchas, ist zu den Griechen übergelaufen. Er veranlasst, dass seine Tochter gegen einen trojanischen Kriegsgefangenen ausgetauscht wird, sodass sie ihm ins Lager der Griechen nachfolgen kann. Der Austausch findet unmittelbar nach der ersten und einzigen Liebesnacht zwischen Troilus und Kressida statt. Troilus ist nicht nur extrem eifersüchtig auf den Griechen Diomedes, der Kressida überführt, sondern ist auch sehr überzeugt davon, dass sie ihm untreu werden wird – so sehr, dass man sich fragt, wie viel Anteil sein Misstrauen daran hat, dass Kressida ihm später tatsächlich untreu wird. Troilus ist schon vor der ersten Liebesnacht mit Kressida sehr mit der zukünftigen Entwicklung, mit seinen Erwartungen und wie sie sich wohl in der Realität erfüllen, beschäftigt.

TROILUS

Mir schwindelt; rings im Kreis dreht mich Erwartung.

Die Wonn’ in meiner Ahndung ist so süß,

Daß sie den Sinn verzückt. Wie wird mir sein,

Wenn nun der durst’ge Gaumen wirklich schmeckt

Der Liebe lautern Nektar? Tod, so fürcht’ ich,

Vernichtung, Ohnmacht, oder Lust zu sein,

Zu tief eindringend, zu entzückend süß

Für meinen gröb’ren Sinn Empfänglichkeit.

Dies fürcht’ ich sehr, und fürchte außerdem,

Daß im Genuß mir Unterscheidung schwindet,

Wie in der Schlacht, wenn Scharen, wild sich drängend,

Den fliehnden Feind bestürmen. [...]

TROILUS

Die Furcht macht Teufel aus Engeln; sie sieht nie richtig. [...] Das ist das Ungeheure in der Liebe, meine Teure, daß der Wille unendlich ist, und die Ausführung beschränkt; daß das Verlangen grenzenlos ist, und die Tat ein Sklav’ der Beschränkung.

KRESSIDA

Man sagt, jeder Liebehaber schwöre mehr zu vollbringen, als ihm möglich ist, und behalte dennoch Kräfte, die er nie in Anwendung bringt; er gelobe mehr als Zehn auszuführen, und bringe kaum den zehnten Teil von dem, was Einer vermöchte, zu Stande. Wer die Stimme eines Löwen, und das Tun eines Hasen hat, ist der nicht ein Ungeheuer?

TROILUS

Gibt es solche? Wir sind nicht von dieser Art. Lobt uns nach bestandener Prüfung und schätzt uns nach Taten: unser Haupt müsse unbedeckt bleiben, bis Ruhm es krönt. Keine Vollkommenheit, die noch erst erreicht werden soll, werde in der Gegenwart gepriesen: wir wollen das Verdienst nicht vor seiner Geburt taufen. Und ist es geboren, so soll seine Bezeichnung demütig sein. Wenig Worte, und feste Treue! Troilus wird für Kressida ein solcher sein, daß, was Bosheit ihm schlimmstes nachsagen mag, ein Spott über seine Treue sei; und was Wahrheit am wahrsten sprechen kann, nicht wahrer als Troilus. [...]

KRESSIDA

Sag ich zu viel, so spielt ihr den Tyrannen.

Ich lieb’ euch nun; doch nicht bis jetzt so viel,

Daß ich’s nicht zähmen kann – doch nein, ich lüge!

Mein Sehnen war, wie ein verzogenes Kind,

Der Mutter Zucht entwachsen. O wir Ärmsten!

Was plaudr’ ich da? Wer bleibt uns wohl getreu,

Wenn wir uns selbst so unverschwiegen sind?

So sehr ich liebte, warb ich nicht um euch,

Und doch fürwahr wünscht’ ich ein Mann zu sein,

Oder, daß wir der Männer Vorrecht hätten,

Zuerst zu sprechen. Liebster, heiß mich still sein!

Sonst im Entzücken red’ ich ganz gewiß,

Was mich dereinst gereut. O sieh, dein Schweigen

So schlau verstummend, lockt aus meiner Schwachheit

Die innersten Gedanken. Schließ den Mund mir! [...]

Vielleicht mein Prinz, zeig ich mehr List als Liebe,

Und sprach getrost ein frei Geständnis aus,

Mir euer Herz zu fang’n. Doch ihr seid weise,

Oder liebt nicht: denn weise sein und lieben

Vermag kein Mensch; nur Götter können’s üben.

TROILUS

O daß ich glaubt’, es könne je ein Weib

(Und wenn sie’s kann, glaub’ ich’s zuerst von euch)

Für ewig nähren Liebesflamm und Glut,

In Kraft und Tugend ihre Treu bewahren,

Die Schönheit überdauernd durch ein Herz,

Das frisch erblüht, ob auch das Blut uns altert! [...]

KRESSIDA

Den Wettkampf nehm ich an.

TROILUS

O hold’ Gefecht,

Wenn Recht um Sieg und Vorrang ficht mit Recht!

Treuliebende in Zukunft werden schwören,

Und ihre Treu mit Troilus versiegeln:

Und wenn dem Vers voll Schwür und schwülstigen Bildern

Ein Gleichnis fehlt, der oft gebrauchten müde,

Als – treu wie Stahl, wie Sonnenschein dem Tag,

Pflanzen dem Mond, das Täubchen seinem Täuber,

Dem Zentrum Erde, Eisen dem Magnet,

Dann, dann nach so viel Vergleichungen der Treu,

Wird als der Treue höchstes Musterbild

»So treu wie Troilus« den Vers noch krönen.

Und weihn das Lied.

KRESSIDA

Prophetisch sei dein Wort!

Werd ich dir falsch, untreu nur um ein Haar,

Wenn Zeit gealtert und sich selbst vergaß,

Wenn Regen Trojas Mauern aufgelöst,

Blindes Vergessen Städte eingeschlungen,

Und mächt’ge Reiche spurlos sind zermalmt

Ins staub’ge Nichts: auch dann noch mög’ Erinnerung,

Spricht man von falschen ungetreuen Mädchen,

Schmäh’n meine Falschheit: sagen sie, so falsch

Wie Luft, wie Wasser, Wind und lock’rer Sand,

Wie Fuchs dem Lamm, wie Wolf dem jungen Kalb,

Panther dem Reh, Stiefmutter ihrem Sohn,

Ja, schließ es dann, und treff’ ins Herz der Falschheit:

»So falsch wie Kressida!«

(III, 2)

Troilus erfährt von Kressidas Untreue, als er im griechischen Lager in Begleitung von Ulysses und dem Spötter Thersites beobachtet, wie Kressida sich mit Diomedes unterhält.

ULYSSES

Gleich freundlich sagt, mein Prinz, in welchem Ruf

Hielt Troja diese Schöne? Weint ihr dort

Kein Liebster nach? [...]

TROILUS

Sie liebt’ und ward geliebt, und wird’s noch heute,

Doch neid’schem Glück ward Liebe stets zur Beute.

(IV, 5)

KRESSIDA

Ach Troilus,

Noch blickt mein eines Auge nach dir hin,

Das andre wandte sich, so wie mein Sinn.

Wir armen Frau’n, wir dürfen’s nicht verhehlen,

Des Augs Verirrung lenkt zugleich die Seelen:

Was Irrtum führt, muß irr’n: so folgt denn, ach!

Vom Blick betört, verfällt die Seel’ in Schmach.

THERSITES

Das sind untrüglich folgerechte Sätze;

Noch richt’ger: meine Seele ward zur Metze.

ULYSSES

So wär’s denn aus!

TROILUS

Ja, aus!

ULYSSES

Wozu noch bleiben?

TROILUS

Um mir’s im Geist recht tief noch einzuprägen,

Silbe für Silbe, was ich hier gehört.

Doch sag ich, wie die beiden hier gehandelt,

Werd ich das Wahre kündend dann nicht lügen?

Denn immer noch wohnt mir ein Glaub’ im Herzen,

Ein Hoffen also fest und unverwüstlich,

Das leugnet, was mir Aug’ und Ohr bezeugt;

Als wenn die Sinne, uns zum Trug erschaffen,

Nur als Verleumder tätig hier gewirkt.

War’s Kressida? [...]

Um aller Frauen Ehre glaubt es nicht!

Denkt, daß wir Mütter hatten, gebt nicht Recht

Den rohen Läst’rern, die auch ohne Grund

Die Frau’n erniedern – jedes Weib zu messen

Nach Kressida; eher denkt, sie war es nicht! [...]

Hat Schönheit Seele, dann war sie es nicht. [...]

So war sie Kressida, und war es nicht! [...]

Ein Himmelsband schließt mich an Kressida;

Beweis, Beweis, fest wie der Himmel selbst;

Das Himmelsband ist mürb, erschlafft und los;

Ein andrer Knoten, den fünf Finger knüpfen,

Schlingt jetzt die Trümmer ihrer Lieb’ und Treu,

Den Abhub, Nachlaß, Rest und ekle Brocken

Der abgestand’nen Lieb um Diomed.

(V, 2)

Wilde Eifersucht, die oft ans Edle grenzt

In Was ihr wollt ist Orsino, der Herzog von Illyrien, in Olivia verliebt. Doch sie liebt Orsinos Pagen Cesario, der in Wirklichkeit die als Mann verkleidete Viola ist. Aus Verzweiflung über seine verschmähte Liebe und seine Eifersucht auf Cesario, droht Orsino, wenn auch nicht in vollem Ernst, Olivia oder Cesario zu töten. Da Viola ihrerseits Orsino liebt, erklärt sie sich schnell bereit, für ihn zu sterben.

ORSINO

Weswegen sollt’ ich nicht, litt’ es mein Herz,

Wie der ägypt’sche Dieb in Todesnot,

Mein Liebstes töten! Wilde Eifersucht,

Die oft ans Edle grenzt. Doch höret dies:

Weil ihr denn meine Treue gar nichts achtet,

Und ich so ziemlich doch das Werkzeug kenne,

Das meinen Platz in eurer Gunst mir sperrt,

So lebt nur, marmorbusige Tyrannin,

Doch diesen euren Günstling, den ihr liebt,

Den ich, beim Himmel, lieb und teuer halte,

Ihn will ich aus dem stolzen Auge reißen,

Wo hoch er thronet, seinem Herrn zum Trotz.

Komm, Junge! Mein Entschluß ist reif zum Unheil:

Ich will mein zartgeliebtes Lamm entseelen,

Um einer Taube Rabenherz zu quälen.

VIOLA

Und ich, bereit, mit frohem, will’gen Sinn,

Gäb’ euch zum Trost mich tausend Toden hin.

OLIVIA

Wo will Cesario hin?

VIOLA

Ihm folg ich nach, dem ich mich ganz ergeben,

Der mehr mir ist als Augenlicht, als Leben;

Ja mehr, um alles, was man mehr nur nennt,

Als dieses Herz je für ein Weib entbrennt.

Und red’ ich falsch, ihr hohen Himmelsmächte,

An meinem Leben rächt der Liebe Rechte!

(V, 1)

Von jeher ungetreu und falsch

Nachdem Antonius und Kleopatra eine entscheidende Schlacht gegen Octavius Cäsar verloren haben, wird Antonius rasend vor Eifersucht, als er sieht, wie Kleopatra einem Boten von Octavius erlaubt, ihre Hand zu küssen. Er denkt, sie schließt hinter seinem Rücken mit Octavius Frieden.

ANTONIUS

Ließ ich mein Kissen ungedrückt in Rom,

Entsagt’ ich der Erzeugung echten Stamms

Vom Kleinod aller Frau’n, daß diese hier

Mit Sklaven mich beschimpfe?

KLEOPATRA

Teurer Herr!

ANTONIUS

Ihr wart von jeher ungetreu und falsch!

Doch wenn wir in der Sünde uns verhärtet,

O Jammer! Dann verblinden uns’re Augen

Mit eig’nem Schmutz die Götter; trüben uns

Das klare Urteil, daß wir unsern Irrtum

Anbeten; lachen über uns, wenn wir

Zum Tode hin stolzieren! [...]

Daß solch ein Sklav’, der wohl ein Trinkgeld nimmt,

Und spricht: Gott lohn euch! – keck sich wagt an meine

Gespielin, eure Hand, dies Königssiegel

Und großer Herzen Pfand! O daß ich stände

Auf Basans Hügel, die gehörnte Herde

Zu überbrüllen! Ward ich doch zum Stier!

Dies sanft verkünden, wär, wie ein armer Sünder,

Der mit umstricktem Hals dem Henker dankt,

Daß er’s so rasch gemacht.

(III, 11)

Bis zur Vergiftung meines Hirns

Aus heiterem Himmel ist Leontes, König von Sizilien in Das Wintermärchen, plötzlich überzeugt, dass seine Frau, Hermione, ihn mit seinem Freund Polyxenes, dem König von Böhmen, betrogen hat. Anders als in Othellos Fall beruht Leontes’ Eifersucht nicht auf einer Intrige, und es gibt in diesem Stück auch niemandem, der ihm fabrizierte Beweise für die Untreue seiner Frau vorlegt – im Gegenteil: Alle versuchen, ihn von seiner eingebildeten Überzeugung abzubringen. Doch Leontes erklärt von vornherein alle für Verräter, die Hermiones Partei ergreifen.

LEONTES

Affekt! Dein Ahnden bohrt zum Mittelpunkt:

Das machst du möglich, was unmöglich schien,

Verkehrst mit Träumen; (Wie kann dies geschehn?)

Mit Schatten, du einbildungsfäh’ge Kunst,

Und bist dem Nichts verbrüdert: Nun, wie glaublich,

Daß du auch Wesen dich gesellst; so ist’s;

(Und das jenseit des Wahnes, und ich fühl es,)

Und das bis zur Vergiftung meines Hirns

Und meiner Stirn Verhärtung. [...]

Auch sonst gab’s, irr ich nicht, betrog’ne Männer;

Und manchen gibt’s noch, jetzt im Augenblick,

Der, grad indem ich sprech, umarmt sein Weib:

Er träumt nicht, daß sie ihm ward abgeleitet,

Sein Teich vom nächsten Nachbar ausgefischt,

Ja, vom Herrn Nachbar Lächler, das ist Trost;

Auch andre haben Tor; und off’ne Tore,

Wie ich, sehr wider Willen. Soll verzweifeln,

Wem sich sein Weib empört, so hängte sich

Der Menschheit Zehntel. Dafür hilft kein Arzt.

Es ist ein kupplerisch Gestirn, das trifft,

Wo es regiert; und mächtig muß es sein

In Ost, West, Nord und Süd: Drum steht es fest,

Für eine Frau ist keine Grenzsperre;

O glaubt’s! Sie läßt den Feind herein, hinaus,

Mit Sack und Pack. Viel Tausend unter uns,

Die diese Krankheit haben, fühlen’s nicht. [...]

Ist Flüstern nichts?

Und Wang’ an Wange lehnen? Nas’ an Nase?

Mit inner’n Lippen küssen? Durch ’nen Seufzer

Den Lauf des Lachens hemmen? (Sich’res Zeichen

Gebroch’ner Ehre:) setzen Fuß auf Fuß?

In Winkel kriechen? Uhren schneller wünschen?

Die Stunde zur Minut’ und Tag zur Nacht?

Und aller Augen blind, stockblind, nur ihre Nicht, ihre nicht,

Um ungesehn zu freveln? Ist das nichts?

Dann ist die Welt und was darin ist nichts,

Des Himmels Wölbung nichts, und Böhmen nichts,

Mein Weib ist nichts, und nichts in all dem Nichts,

Wenn dies nichts ist. [...]

Sei verdammt, wenn du noch zweifelst!

Denkst, ich sei so verschlammt, so verwahrlost,

Mir selbst zu schaffen diese Qual? Die Weiße

Und Reinheit meines Lagers zu besudeln,

Das ungekränkt, mir Schlaf ist; doch befleckt,

Mich sticht wie Nesseln, Dornen, gift’ge Wespen?

Das Blut des Prinzen, meines Sohns, zu schmähen,

Der, glaub ich, mein ist, den ich lieb’ als mein,

Ohn’ überlegten Antrieb? Tät ich dies?

Ist wohl ein Mensch so toll?

(I, 1)

Leontes beauftragt Camillo, seinen Vertrauten, Polyxenes, noch während er zu Besuch in Sizilien ist, zu ermorden. Doch Camillo warnt Polyxenes und flieht mit ihm nach Böhmen. Leontes interpretiert das als Beweis dafür, dass er mit seinem Verdacht recht hatte.

LEONTES

Wie glücklich,

Daß ich so recht gesehn, die Wahrheit traf.

Ach! Irrt’ ich lieber! Wie verdammt bin ich

In diesem Glück! Wohl kann sich eine Spinne

Verkriechen in den Becher, und man trinkt;

Man geht, und spürt kein Gift; nicht angesteckt

Ward das Bewußtsein: aber hält uns einer

Die ekelhafte Zutat vor und sagt uns,

Was wir getrunken, sprengt man Brust und Seiten

Mit heft’gem Würgen: Ich trank und sah die Spinne.

Camillo half dazu und war sein Kuppler:

Ein Anschlag ist’s auf meinen Thron, mein Leben,

Zur Wahrheit wird Verdacht: Der falsche Bube

Den ich bestellt’, war vorbestellt von ihm:

Er hat ihm meinen Plan entdeckt, und ich

Bin ein geäffter Tor für sie, ein Spielball

Für ihre Laune. [...]

Nein, nein; wenn ich mich irre

In diesem Fundament, worauf ich baue,

So ist die Erde selbst nicht stark genug,

Für eines Knaben Kreisel. Fort mit ihr zum Kerker;

Wer für sie spricht, der ist schon deshalb schuldig,

Bloß weil er spricht.

(II, 1)

O WIR SIND ALLE DER
VERSUCHUNG ERBEN!

Wer sündigt mehr? Ist’s die Versucherin, Ist’s der Versucher?

The tempter or the tempted, who sins most?

(Maß für Maß, II, 2)

Wenn Jungfrau’n fleh’n

Vincentio, Herzog von Wien in Maß für Maß, beschließt, sich für eine Zeitlang aus Wien zurückzuziehen und die Herrschaft an seine Statthalter Angelo und Escalus zu übertragen. In seiner Regierungszeit hat er das Gesetz eher lax behandelt. Nun beauftragt er die beiden Stellvertreter, es wieder strenger umzusetzen. Ist er selbst währenddessen abwesend, rechnet sich Vincentio aus, trifft der Unmut des Volkes über die plötzlich strengere Auslegung der Gesetze nicht ihn, sondern seine Statthalter. Gleichzeitig will Vincentio Angelos Aufrichtigkeit prüfen: Angelo hat den Ruf, extrem streng zu sein und ein geradezu asketisches Leben zu führen. Zunächst erfüllt Angelo die Erwartungen voll. Er verurteilt einen Mann, Claudio, zum Tode, weil Claudio seine Verlobte, Julia, geschwängert hat, bevor die Heirat offiziell vollzogen wurde. Claudio bittet seine Schwester Isabella, die im Begriff ist, in ein Kloster einzutreten, sich bei Angelo für seine Begnadigung einzusetzen.

CLAUDIO, über Isabella

Ich hoffe viel von ihr, denn ihre Jugend

Ist kräft’ge Rednergabe ohne Wort,

Die Männer rührt: zudem ist sie begabt,

Wenn sie es will, mit holdem Spruch und Witz,

Und leicht gewinnt sie jeden.

(I, 3)

Da Claudio im Gefängnis ist, kann er Isabella nicht selbst aufsuchen, und schickt seinen Bekannten Lucio zu ihr. Lucio erwischt sie gerade bei ihrem Aufnahmegespräch im Kloster. Während Isabella zweifelt, dass sie in der Angelegenheit etwas zugunsten Claudios ausrichten kann, ist Lucio ebenso wie Claudio fest überzeugt, dass Angelo keine Chance hat, ihrem Bitten zu widerstehen.

LUCIO

Zweifel sind Verräter,

Die oft ein Gut entziehn, das wir erreichten,

Weil den Versuch wir scheuten. Geht zu Angelo

Und lehrt ihn, daß, wenn Jungrau’n fleh’n, die Männer

Wie Götter geben: weinen sie und knien,

Dann wird ihr Wunsch so frei wie Eigentum,

Als sie selber die Gewährung sprächen.

(I, 5)

Isabella lässt sich überreden und bittet Angelo, ihren Bruder Claudio zu begnadigen. Angelo, den freizügige Frauen nie reizen konnten, fühlt sich zu der frommen, nonnenartigen Isabella hingezogen.

ISABELLA

Mein Bruder ward verdammt, den Tod zu leiden;

Ich fleh’ euch an, laßt seine Sünde tilgen,

Den Bruder nicht! [...]

ANGELO

Ich soll die Schuld verdammen, nicht den Täter?

Verdammt ist jede Schuld schon vor der Tat.

Mein Amt zerfiele ja in wahres Nichts,

Straft’ ich die Schuld, wie das Gesetz begehrt,

Und ließe frei den Täter? [...]

ISABELLA

O ja, ich denk’, ihr könntet ihm verzeih’n,

Und weder Gott noch Menschen zürnten euch.

ANGELO

Ich will’s nicht tun.

ISABELLA

Doch könntet ihr’s, wenn ihr wollt?

ANGELO

Was ich nicht will, das kann ich auch nicht tun. [...]

Er ward verurteilt, ’s ist zu spät. [...]

ISABELLA

Zu spät? O nein doch! Mein gesproch’nes Wort,

Ich kann es widerrufen! [...] Wär’ er an eurer Stelle,

In seiner ihr, ihr straucheltet gleich ihm;

Doch er im Amt wär’ nicht so strengen Sinns! [...]

ANGELO

Faßt euch, schönes Mädchen;

Denn das Gesetz, nicht ich, straft euern Bruder.

Wär’ er mein Vetter, Bruder, ja mein Sohn,

Es ging’ ihm so: sein Haupt wird morgen fallen.

ISABELLA

Schon morgen! Das ist schnell! O schont ihn, schont ihn,

Er ist noch nicht bereit. Wir schlachten ja

Geflügel nur, wenn’s Zeit ist; dienten wir

Gott selbst mit mind’rer Achtung, als wir sorgen

Für unser grobes Ich? Denkt, güt’ger, güt’ger Herr,

Wer büßte schon für dies Vergehn mit Tod?

So manche doch begingen’s! [...]

ANGELO

Nicht tot war das Gesetz, obwohl es schlief.

Die Vielen hätten nicht gewagt den Frevel,

Wenn nur der Erste, der die Vorschrift brach,

Für seine Tat gebüßt. Nun ist’s erwacht,

Forscht, was verübt ward, und Propheten gleich

Sieht es im Spiegel, was für künft’ge Sünden

(Ob jetzt schon, ob durch Nachsicht neu erzeugt

Und ferner ausgebrütet und geboren)

Hinfort sich stufenweis’ nicht mehr entwickeln,

Nein, sterben im Entstehn.

ISABELLA

Zeigt dennoch Mitleid!

ANGELO

Das tu ich nur, zeig’ ich Gerechtigkeit.

Denn dann erbarmen mich, die ich nicht kenne,

Die jetz’ge Nachsicht einst verwunden möchte:

Und ihm wird Recht, der ein Verbrechen büßend,

Nicht lebt, ein zweites zu begehn. [...]

ISABELLA

Miß nicht den Nächsten nach dem eig’nen Maß [...]

ANGELO

Was überhäufst du mich mit all den Sprüchen?

ISABELLA

Weil Hoheit, wenn sie auch wie andre irrt,

Doch eine Art von Heilkraft in sich trägt,

Die Fehl und Wunden schließt. Fragt euer Herz;

Klopft an die eig’ne Brust, ob nichts drin wohnt,

Das meines Bruders Fehltritt gleicht; bekennt sie

Menschliche Schwachheit, wie die seine war,

So steig’ aus ihr kein Laut auf eure Zunge

Zu Claudius’ Tod.

ANGELO, beiseite

Sie spricht so tiefen Sinn’s

Daß Sinn und Geist ihr folgen. [...]

(II, 2)

Für sich alleine ringt Angelo mit seiner Reaktion auf Isabella:

ANGELO

Vor dir! Vor deiner Tugend selbst!

Was ist dies? Was? Ist’s ihre Schuld, ist’s meine?

Wer sündigt mehr? Ist’s die Versucherin,

Ist’s der Versucher? Ha!

Nicht sie: nein, sie versucht’ auch nicht! Ich bin’s,

Der bei dem Veilchen liegt im Sonnenschein,

Und gleich dem Aase, nicht der Blume gleich,

Verwest in der balsam’schen Luft. Ist’s möglich,

Daß Sittsamkeit mehr unsern Sinn empört,

Als Leichtsinn? Da uns wüster Raum nicht fehlt,

Soll man die heil’gen Tempel niederreißen,

Den Frevel dort zu bau’n? O pfui, pfui, pfui!

Was tust du? Ha, was bist du, Angelo?

Du wünschest sie verderbt, um eben das,

Was sie erhebt? O laß den Bruder leben!

Es hat der Dieb ein freies Recht zum Raub,

Wenn erst der Richter stiehlt. Was! Lieb’ ich sie,

Daß mich’s verlangt, sie wieder reden hören,

An ihrem Blick mich weiden ... Wovon träum’ ich?

O list’ger Erbfeind! Heil’ge dir zu fangen,

Köderst du sie mit Heil’gen: höchst gefährlich

Ist die Versuchung, die durch Tugendliebe

Zur Sünde reizt. Nie konnte Wollust,

Mit ihrer Doppelmacht, Natur und Kunst,

Mich je verlocken: doch dies fromme Mädchen

Besiegt mich ganz. Bis heut begriff ich nie

Die Liebestorheit, fragte lachend, wie!

(II, 2)

ANGELO

Bet’ ich und denk’ ich, geht Gedank’ und Beten

Verschied’nen Weg. Gott hat mein hohles Wort,

Indes mein Dichten, nicht die Zunge hörend,

An Isabellen ankert. Gott im Munde;

Als prägten nur die Lippen seinen Namen;

Im Herzen wohnt die giftig schwell’nde Sünde

Des bösen Trachtens. Der Staat, in dem ich forschte,

Ist wie ein gutes Buch, zu oft gelesen,

Schal und verhaßt: ja selbst mein Tugendruhm,

Der sonst – o, hör es niemand! All mein Stolz –

Ich gäb’ ihn für ein Federchen mit Freuden,

Das müßig spielt im Wind. O Rang! O Würde!

Wie oft durch äuß’re Schal und Form erzwingst du

Ehrfurcht von Toren: lockst die Bessern selbst

Durch falschen Schein! Blut, du behältst dein Recht;

Schreibt »guter Engel« auf des Teufels Hörner,

So sind sie nicht sein Zeichen mehr.

(II, 4)

Ergib dich meiner glühenden Begier

Als Isabella das nächste Mal bei Angelo vorspricht, ist seine Begierde so groß, dass er ihr ein unmoralisches Angebot macht. Er bietet ihr an, ihren Bruder zu verschonen, wenn sie mit ihm schläft. Er tut zunächst so, als wäre sein Vorschlag nur hypothetisch. Doch selbst als er Klartext redet, versteht Isabella nicht, worauf er hinauswill. Mehrere Interpreten des Stücks haben jedoch angemerkt, dass ihre ablehnende Antwort auf Angelos Andeutungen unbewusst einen erotischen Unterton hat (»Der Geißel Striemen trüg’ ich als Rubinen,/Und zög’ mich aus zum Tode wie zum Schlaf,/Den ich mir längst ersehnt, eh ich den Leib/Der Schmach hingäbe«).

ANGELO

Was wählst du jetzt? Daß höchst gerechtem Spruch

Dein Bruder fällt; wo nicht, ihn zu erlösen

Du selbst den Leib so süßer Schmach dahingäbst,

Als sie, die er entehrt?

ISABELLA

Herr, glaubt es mir,

Eh geb’ ich meinen Leib hin als die Seele.

ANGELO

Nicht sprech’ ich von der Seel’. Erzwung’ne Sünden,

Sie werden nur gezählt, nicht angerechnet.

ISABELLA

Wie meint ihr, Herr?

ANGELO

Nun, nicht verbürg’ ich das; denn ich darf sprechen

Auch gegen meine Worte. Doch erwidre:

Ich, jetzt der Mund des anerkannten Rechts,

Fälle das Todesurteil deinem Bruder:

Wär’ etwa nicht Erbarmung in der Sünde,

Die ihn befreite?

ISABELLA

So begeht sie denn,

Ich nehm’ auf meine Seele die Gefahr.

Durchaus nicht Sünde wär’ es, nur Erbarmung!

ANGELO

Begingt ihr sie, und nähmt auf euch die Tat,

Gleich schwer dann wögen Sünde wie Erbarmung.

ISABELLA

Wenn ich sein Leben bitt’, ist Sünde das,

Die laß mich tragen. Gott! Gewährt ihr es,

Ist Sünde das – dann sei’s mein Frühgebet,

Daß sie zu meinem Unrecht sei gezählt,

Und ihr sie nicht vertretet.

ANGELO

Nein doch, hört mich:

Dein Sinn erfaßt mich nicht, sprichst du’s in Einfalt?

Stelltst du dich listig so? Das ist nicht gut!

ISABELLA

Sei ich einfältig dann, und gut in nichts,

Als daß ich fromm erkenn’, ich sei nicht besser.

ANGELO

So strebt die Weisheit nur nach hellstem Glanz,

Setzt sie sich selbst herab: wie schwarze Masken

Verdeckte Schönheit zehnmal mehr erheben,

Als Reiz, zur Schau getragen. Doch merkt auf;

Daß ihr mich ganz begreift, red’ ich bestimmter [...]

Nehmt an, kein Mittel gäb’s, ihn zu erretten –

Zwar nicht verbürg ich dieses, noch ein andres

Und setze nur den Fall – ihr, seine Schwester,

Würdet begehrt von einem Mächtigen,

Des hoher Rang und Einfluß auf den Richter

Den Bruder könnt’ erlösen aus den Fesseln

Allbindender Gesetze; und es gäbe

Den einz’gen Ausweg nur, ihn zu befrei’n,

Daß ihr den Reichtum eurer Schönheit schenktet

Dem Mächtigen – wo nicht – stürb’ euer Bruder:

Was tätet ihr?

ISABELLA

So viel für meinen Bruder als für mich;

Das heißt: wär’ über mich der Tod verhängt,

Der Geißel Striemen trüg’ ich als Rubinen,

Und zög’ mich aus zum Tode wie zum Schlaf,

Den ich mir längst ersehnt, eh ich den Leib

Der Schmach hingäbe. [...]

Viel lieber mag ein Bruder einmal sterben,

Als daß die Schwester, um ihn freizukaufen,

Auf ewig sterben sollte.

ANGELO

Wärt ihr dann nicht so grausam als der Spruch,

Auf den ihr so geschmäht?

ISABELLA

Die Schand’ im Loskauf, und ein frei Verzeih’n

Sind nicht Geschwister: des Gesetzes Gnade

War nie verwandt mit schmählichem Erkauf!

ANGELO

Noch eben schien das Recht euch ein Tyrann,

Und eures Bruders Fehltritt dünkt’ euch mehr

Ein Scherz als ein Verbrechen.

ISABELLA

O gnäd’ger Herr, verzeiht! Oft ist der Fall,

Zu haben, was man wünscht, spricht man nicht, wie man’s meint.

So mocht’ ich das Verhaßte wohl entschuld’gen

Zum Vorteil dessen, der mit teurer ist.

ANGELO

Schwach sind wir alle. [...]

ISABELLA

O wir sind alle der Versuchung Erben!

ANGELO

Nun, auch das Weib ist schwach!

ISABELLA

Ja, wie der Spiegel, drin sie sich beschaut,

So leicht zerbricht, als er Gestalten prägt.

Das Weib! Hilf Gott! Der Mann entweiht ihr Edles,

Wenn er’s mißbraucht. Nennt mich denn zehmal schwach;

Denn wir sind sanft, wie uns’re Bildung ist,

Nachgiebig falschem Eindruck.

ANGELO

Ja, so ist’s;

Und auf euer eig’nes Zeugnis eurer Schwäche,

Denn auch wir Männer, mein’ ich, sind nicht stärker

Als daß uns Fehler schütteln: dreist nun sprech ich.

Ich halte dich beim Wort: sei, was du bist,

Ein Weib; willst du mehr sein, so bist du keins;

Und bist du eins – wie all dein äußrer Reiz

So holde Bürgschaft gibt – so zeig es jetzt,

Und kleide dich in die bestimmte Farbe.

ISABELLA

Ich hab’ nur eine Zunge: teurer Herr,

Ich fleh’ euch an, sprecht eure vor’ge Sprache.

ANGELO

Ich sag’ es frei und klar, ich liebe dich. […]

ISABELLA

Ich weiß es, eurer Würde ward dies Vorrecht,

Sie scheint ein wenig schlimmer, als sie ist,

Und prüft uns and’re.

ANGELO

Glaub auf meine Ehre,

Mein Wort spricht meinen Vorsatz.

ISABELLA

O kleine Ehre, so viel ihr zu glauben!

Und Gott verhaßter Vorsatz! Schein, o Schein!

Ich werde dich verkünden, sieh dich vor:

Gleich unterzeichne mir des Bruders Gnade,

Sonst ruf ich’s aller Welt mit lautem Schrei,

Was für ein Mann du bist.

ANGELO

Wer glaubt dir’s, Isabella?

Mein unbefleckter Ruf, des Lebens Strenge,

Mein Zeugnis gegen dich, mein Rang im Staat,

Wird also dein Beschuld’gen überbieten,

Daß du ersticken wirst am eig’nen Wort,

Und nach Verleumdung schmecken. Ich begann;

Und nun, entzügelt, nehmt den Lauf, ihr Sinne;

Ergib dich meiner glühenden Begier,

Weg sprödes Weigern, zögerndes Erröten,

Das abweist, was es wünscht: kauf deinen Bruder,

Indem du meinem Willen dich ergibst,

Sonst muß er nicht allein des Todes sterben;

Ja, deine Härte soll den Tod ihm dehnen

Durch lange Martern. Antwort gib mir morgen:

Denn, bei der Leidenschaft, die mich beherrscht,

Ich werd’ ihm ein Tyrann! Und dir sei klar,

Sprich, was du kannst; mein Falsch besiegt dein Wahr. geht ab

ISABELLA

[…] Hin zum Bruder eil ich;

Und fiel er auch durch all zu heißes Blut,

Doch lebt in ihm so reger Geist der Ehre,

Daß hätt’ er zwanzig Häupter hinzustrecken

Auf zwanzig blut’ge Blöck, er böte sie,

Eh seine Schwester ihren Leib entheiligt

In so abscheulicher Entweihung.

Ja, Claudio, stirb, ich bleibe keusch und rein;

Mehr als ein Bruder muß mir Keuschheit sein:

Ich sag’ ihm noch, was Angelo beschieden,

Dann geh’ er durch das Tor zum ew’gen Frieden.

(II, 4)

Isabella irrt sich jedoch in der Einschätzung ihres Bruders. Zunächst stimmt Claudio ihr zu, doch dann überkommt ihn seine Angst vor dem Tod und er bittet sie, Angelos Drängen nachzugeben. Ohne auch nur eine Sekunde nachdenken zu müssen, weist Isabella die Idee heftig von sich – ihre Jungfräulichkeit und Ehre sind ihr mehr wert als das Leben ihres Bruders.

ISABELLA

O Claudio, ich fürchte dich und zittre,

Du möcht’st ein fiebernd Leben dehnen wollen;

Sechs oder sieben Winter teurer achten,

Als ew’ge Ehre. Hast du Mut zum Tode?

Des Todes Schmerz liegt in der Vorstellung;

Der arme Käfer, den der Fuß zertritt,

Fühlt körperlich ein Leiden ganz so groß,

Als wenn ein Riese stirbt.

CLAUDIO

Weshalb beschämst du mich?

Meinst du, ich suche mir entschloss’nen Mut

Aus zartem Blumenschmelz? Nein, muß ich sterben,

Grüß ich die Finsternis als meine Braut,

Und drücke sie ans Herz! […]

ISABELLA

Glaubst du wohl, Claudio,

Wenn ich ihm meine Unschuld opfern wollte,

Du würdest frei? […]

CLAUDIO

Das sollst du nie.

ISABELLA

O, wär’ es nur mein Leben,

Ich würf’ es leicht für deine Freiheit hin,

Wie eine Nadel!

CLAUDIO

Dank dir, teure Schwester. […]

Sterben ist entsetzlich.

ISABELLA

Und leben ohne Ehre hassenswert!

CLAUDIO

Ja! Aber sterben! Gehn, wer weiß wohin,

Da liegen, kalt, eng eingesperrt, und faulen;

Dies lebenswarme, fühlende Bewegen

Verschrumpft zum Kloß; und der entzückte Geist

Getaucht in Feuerfluten, oder schaudernd

Umstarrt von Wüsten ew’ger Eisesmassen;

Gekerkert sein in unsichtbare Stürme,

Und mit rastloser Wut gejagt rings um

Die schwebende Erde: oder Schlimm’res werden,

Als nur das Schlimmste,

Was Phantasie uns schwärmend, zügellos,

Heulend erfindet: das ist zu entsetzlich;

Das müd’ste, jammervollste, ird’sche Leben,

Das Alter, Meineid, Schmerz, Gefangenschaft

Dem Menschen auflegt – ist ein Paradies,

Gegen das, was wir vom Tode fürchten! […]

O Liebste, laß mich leben!

Was du auch tust, den Bruder dir zu retten,

Natur tilgt diese Sünde so hinweg,

Daß sie zur Tugend wird.

ISABELLA

O Tier!

O feige Memm’! O treulos Ehrvergess’ner! […]

Stirb! Fahre hin! Wenn auch mein Fußfall nur

Dein Schicksal wenden möcht’, ich ließ es walten:

Ich bete tausendmal für deinen Tod,

Kein Wort zur Rettung. […]

Dein Sünd’gen war kein Fall, war schon Gewerbe;

Und Gnade würd’ an dir zur Kupplerin:

Am besten stirbst du gleich.

(III, 1)

Was Hamlet angeht und sein Liebesgetändel

Ophelias Bruder Laertes und ihr Vater Polonius versuchen beide, Ophelia davon zu überzeugen, dass sie sich nicht auf Hamlets Liebe einlassen sollte. Ihrer Meinung nach spielt Hamlet nur mit ihr, versucht, sie zu verführen, wird sie jedoch letztlich wegen des Standesunterschieds und seiner Position als Königssohn doch nicht heiraten.

LAERTES

Was Hamlet angeht und sein Liebesgetändel,

So nimm’s als Laune, als ein Spiel des Bluts;

Ein Veilchen in der Jugend der Natur,

Frühzeitig, nicht beständig – süß, nicht dauernd,

Nur Duft und Labsal eines Augenblicks:

Nichts weiter.

OPHELIA

Weiter nichts?

LAERTES

Nur dafür halt es.

Denn die Natur, aufstrebend, nimmt nicht bloß

In Größ und Sehnen zu; wie dieser Tempel wächst,

So wird der inn’re Dienst von Seel und Geist

Auch weit mit ihm. Er liebt euch jetzt vielleicht;

Kein Arg und kein Betrug befleckt bis jetzt

Die Tugend seines Willens: doch befürchte,

Bei seinem Rang gehört sein Will ihm nicht.

Er selbst ist der Geburt ja untertan.

Er kann nicht, wie geringe Leute tun,

Für sich auslesen; denn an seiner Wahl

Hängt Sicherheit und Heil des ganzen Staats,

Deshalb muß seine Wahl beschränket sein

Vom Beifall und der Stimme jenes Körpers,

Von welchem er das Haupt. Wenn er nun sagt, er liebt dich,

Geziemt es deiner Klugheit ihm zu glauben,

So weit er nach besonderm Recht und Stand,

Tat geben kann dem Wort: das heißt, nicht weiter

Als Dänemarks gesamte Stimme geht.

Bedenk, was deine Ehre leiden kann,

Wenn du zu gläubig seinem Liede lauschest,

Dein Herz verlierst, und deinen keuschen Schatz

Vor seinem ungestümen Dringen öffnest.

Fürcht es, Ophelia; fürcht es, liebe Schwester,

Und halte dich im Hintergrund der Neigung,

Fern von dem Schuß und Anfall der Begier.

Das scheuste Mädchen ist verschwendrisch noch,

Wenn sie dem Monde ihren Reiz enthüllt.

Selbst Tugend nicht entgeht Verleumdertücken,

Es nagt der Wurm des Frühlings Kinder an,

Zu oft noch eh die Knospe sich erschließt,

Und in der Früh und frischem Tau der Jugend

Ist gift’ger Anhauch am gefährlichsten.

Sei denn behutsam! Furcht gibt Sicherheit,

Auch ohne Feind hat Jugend innern Streit.

OPHELIA

Ich will den Sinn so guter Lehr’ bewahren,

Als Wächter meiner Brust; doch, lieber Bruder,

Zeigt nicht, wie heilvergessne Pred’ger tun,

Den steilen Dornenweg zum Himmel Andern,

Derweil als frecher, lockrer Wollüstling

Er selbst den Blumenpfad der Lust betritt,

Und spottet seines Rats. […]

POLONIUS

Und was Prinz Hamlet angeht, traut ihm so:

Er sei noch jung, und habe freiern Spielraum,

Als euch vergönnt mag werden. Kurz, Ophelia,

Traut seinen Schwüren nicht: denn sie sind Kuppler,

Nicht von der Farbe ihrer äußern Tracht,

Fürsprecher sündlicher Gesuche bloß,

Gleich frommen, heiligen Gelübden atmend,

Um besser zu berücken.

(I, 3)

Ahndung ist Lust, doch im Genuss erstorben

Kressida weiß, dass Verführung Zeit braucht und dass es ein Fehler ist, dem Werben ihres Geliebten Troilus zu schnell nachzugeben:

KRESSIDA

Frau’n sind Engel stets, geworben:

Ahndung ist Lust, doch im Genuss erstorben.

Nichts weiß ein liebend Mädchen, bis sie weiß,

Allein das Unerreichte steht im Preis;

Daß nie, erhört, das Glück so groß im Minnen,

Als wenn Begier noch fleht, um zu gewinnen:

Drum folg’ ich diesem Spruch der Liebessitte,

Gewähren wird Befehl, Versagen Bitte:

Und mag mein Herz auch treue Lieb’ empfinden,

Nie soll ein Blick, ein Wort sie je verkünden.

(I, 2)

Und sie behält recht: Als ihr Vater Calchas, der im trojanischen Krieg zu den Griechen übergelaufen ist, veranlasst, dass seine Tochter gegen einen trojanischen Kriegsgefangenen eingetauscht wird, denkt Troilus nicht einmal daran, für ihren Verbleib in Troja zu kämpfen. Kressida führt seinen Mangel an Einsatz darauf zurück, dass sie gerade mit ihm geschlafen hat, er also am Ziel seiner Wünsche ist.

KRESSIDA

Was sprecht ihr von Mäßigung? Der Schmerz,

Den ich empfind’, ist geistig, tief erschöpfend,

Und ganz so groß und heftig wie die Ursach’

Die ihn erzeugt: wie kann ich ihn da mäßigen?

Wenn meine Liebe mit sich handeln ließe,

Daß sie dem kälter’n, schwächer’n Sinn genügte,

So könnt’ ich eben so den Schmerz auch kühlen:

Mein Sehnen duldet kein vermittelnd Lindern,

So großes Leid vermag nicht Trost zu mindern. […]

O Troilus, Troilus!

TROILUS

Ich liebe dich mit solcher selt’nen Reinheit,

Daß sel’ge Götter, meiner Liebe zürnend,

(Die heißer als Gebet von kalten Lippen

Der Gottheit dargebracht) – dich mir entreißen! […]

KRESSIDA

So muß ich zu den Griechen?

TROILUS

’S ist kein Mittel.

(IV, 4)

Der Mörder ihres Manns und Vaters

Richard, später Richard III im gleichnamigen Stück, hat König Heinrich VI sowie seinen Sohn Eduard, den Prinzen von Wales, getötet. Um auf den Thron zu gelangen, will er Anna, Eduards Witwe, heiraten. Als Meister der Verführung schafft er es, ihr am Sarg ihres ermordeten Ehemannes einen Antrag zu machen, den sie tatsächlich annimmt.

ANNA

Laß, Himmel, deinen Blitz den Mörder schlagen!

Gähn, Erde, weit, und schling ihn lebend ein,

Wie jetzo dieses guten Königs Blut,

Den sein der Höll’ ergebner Arm gewürgt!

RICHARD

Herrin, ihr kennt der Liebe Vorschrift nicht,

Mit Gutem Böses, Fluch mit Segen lohnen.

ANNA

Bube, du kennst kein göttlich, menschlich Recht;

Das wildste Tier kennt doch des Mitleids Regung.

RICHARD

Ich kenne keins, und bin daher kein Tier.

ANNA

O Wunder, wenn ein Teufel Wahrheit spricht!

RICHARD

Mehr Wunder, wenn ein Engel zornig ist!

Geruhe, göttlich Urbild eines Weibes,

Von der vermeinten Schuld mir zu erlauben

Gelegentlich bei dir mich zu befrein.

ANNA

Geruhe, gift’ger Abschaum eines Manns,

Für die bekannte Schuld mir zu erlauben

Gelegentlich zu fluchen dir Verfluchtem.

RICHARD

Du, schöner als ein Mund dich nennen kann!

Verleih geduld’ge Frist, mich zu entschuld’gen.

ANNA

Du, schnöder als ein Herz dich denken kann!

Für dich gilt kein Entschuld’gen als dich hängen.

RICHARD

Verzweifelnd so, verklagt ich ja mich selbst.

ANNA

Und im Verzweifeln wärest du entschuldigt,

Durch Übung würd’ger Rache an dir selbst,

Der du unwürd’gen Mord an andern übtest. […]

Hast du nicht diesen König umgebracht?

RICHARD

Ich geb es zu.

ANNA

Zugibst du’s, Igel? Nun, so geb auch Gott,

Daß du verdammt seist für die böse Tat!

O er war gütig, mild und tugendsam.

RICHARD

So taugt er, bei des Himmels Herrn zu wohnen. […]

Er danke mir, der ihm dahin verholfen;

Er taugte für den Ort, nicht für die Erde.

ANNA

Du taugst für keinen Ort als für die Hölle.

RICHARD

Ja, einen noch, wenn ich ihn nennen darf.

ANNA

Ein Kerker.

RICHARD

Euer Schlafzimmer.

ANNA

Verbannt sei Ruh vom Zimmer, wo du liegst.

RICHARD

Das ist sie, Herrin, bis ich bei euch liege.

ANNA

Ich hoff es.

RICHARD

Ich weiß es. – Doch, liebe Lady Anna,

Um aus dem raschen Anlauf unsers Witzes

In einen mehr gesetzten Ton zu fallen:

Ist, wer verursacht den zu frühen Tod

Der zwei Plantagenets, Heinrich und Eduard,

So tadelnswert als der Vollzieher nicht?

ANNA

Du warst die Ursach und verfluchte Wirkung.

RICHARD

Eu’r Reiz allein war die Ursach dieser Wirkung.

Eu’r Reiz, der heim mich sucht in meinem Schlaf,

Von aller Welt den Tod zu unternehmen

Für eine Stund an eurem süßen Busen.

ANNA

Dächt ich das, Mörder, diese Nägel sollten

Von meinen Wangen reißen diesen Reiz.

RICHARD

Dies Auge kann den Reiz nicht tilgen sehn:

Ihr tätet ihm kein Leid, ständ ich dabei.

Wie alle Welt sich an der Sonne labt,

So ich an ihm; er ist mein Tag, mein Leben.

ANNA

Nacht schwärze deinen Tag und Tod dein Leben.

RICHARD

Fluch, hold Geschöpf, dir selbst nicht: du bist beides.

ANNA

Ich wollt, ich wär’s, um mich an dir zu rächen.

RICHARD

Es ist ein Handel wider die Natur,

Dich rächen an dem Manne, der dich liebt.

ANNA

Es ist ein Handel nach Vernunft und Recht,

Mich rächen an dem Mörder meines Gatten.

RICHARD

Der dich beraubte, Herrin, deines Gatten,

Tat’s, dir zu schaffen einen bessern Gatten.

ANNA

Ein bessrer atmet auf der Erde nicht.

RICHARD

Es lebt wer, der euch besser liebt als er.

ANNA

Nenn’ ihn. [...] Wo ist er?

RICHARD

Hier. – Warum speist du mich an?

ANNA

Wär es doch tödlich Gift, um deinethalb! [...]

Aus meinen Augen fort! Du steckst sie an.

RICHARD

Dein Auge, Herrin, hat meins angesteckt.

ANNA

O wär’s ein Basilisk, dich tot zu blitzen!

RICHARD

Ich wollt’ es selbst, so stürb ich auf einmal,

Denn jetzo gibt es mir lebend’gen Tod.

Dein Aug erpreßte meine salze Tränen,

Beschämt ihr Licht mit kind’scher Tropfen Fülle,

Die Augen nie benetzt von Mitleids-Tränen [...]

Ich flehte niemals weder Freund noch Feind,

Nie lernte meine Zunge Schmeichel-Worte:

Doch nun dein Reiz mir ist gesetzt zum Preis,

Da fleht mein stolzes Herz, und lenkt die Zunge. [...]

Kann nicht verzeihn dein rachbegierig Herz,

So biet ich, sieh! dies scharfgespitzte Schwert;

Birg’s, wenn du willst, in dieser treuen Brust,

Und laß die Seel heraus, die dich vergöttert:

Ich lege sie dem Todesstreiche bloß,

Und bitt in Demut knieend, um den Tod.

Nein, zögre nicht: ich schlug ja König Heinrich,

Doch deine Schönheit reizte mich dazu.

Nur zu! Denn ich erstach den jungen Eduard:

Jedoch dein himmlisch Antlitz trieb mich an.

Nimm auf den Degen, oder nimm mich auf.

ANNA

Steh, Heuchler, auf! Wünsch ich schon deinen Tod,

So will ich doch nicht sein Vollstrecker sein.

RICHARD

So heiß mich selbst mich töten, und ich will’s.

ANNA

Ich tat es schon.

RICHARD

Das war in deiner Wut.

Sag’s noch einmal, und gleich soll diese Hand,

Die deine Lieb’ aus Lieb’ erschlug zu dir,

Weit treuere Liebe dir zu Lieb’ erschlagen;

Du wirst an beider Tod mitschuldig sein.

ANNA

Kennt’ ich doch nur dein Herz!

RICHARD

Auf meiner Zunge wohnt’s.

ANNA

Vielleicht sind beide falsch.

RICHARD

Dann meint’s niemand treu.

ANNA

Nun wohl, steckt ein das Schwert. [...]

RICHARD

Darf ich in Hoffnung leben?

ANNA

Ich hoffe, jeder tut’s.

RICHARD

Tragt diesen Ring von mir.

ANNA

Annehmen ist nicht geben.

RICHARD

Sieh, wie der Ring umfasset deinen Finger,

So schließt dein Busen ein mein armes Herz;

Trag beide, denn sie sind ja beide dein.

(I, 2)

Wieder allein kann Richard selbst kaum glauben, dass es ihm gelungen ist, Anna umzustimmen.

RICHARD

Ward je in dieser Laun’ ein Weib gefreit?

Ward je in dieser Laun’ ein Weib gewonnen?

Ich will sie haben, doch nicht lang behalten.

Wie? Ich, der Mörder ihres Manns und Vaters,

In ihres Herzens Abscheu sie zu fangen,

Im Munde Flüche, Tränen in den Augen,

Der Zeuge ihres Hasses blutend da;

Gott, ihr Gewissen, all dies wider mich,

Kein Freund, um mein Gesuch zu unterstützen,

Als Heuchler-Blicke und der bare Teufel,

Und doch sie zu gewinnen! Alles gegen nichts!

(I, 2)

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