Kitabı oku: «Troilus und Cressida»
William Shakespeare
Troilus und Cressida
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Troilus und Cressida
Erster Aufzug
Zweiter Aufzug
Dritter Aufzug
Vierter Aufzug
Fünfter Aufzug
Impressum neobooks
Troilus und Cressida
Prologus
Die Szen' ist Troja. Von den Inseln Gräcias
Sandten zornmüt'ge Fürsten, heißen Bluts,
Zum Hafen von Athen die Ruderschiffe,
Beladen mit den Dienern und der Rüstung
Des grausen Krieges. Neunundsechzig Führer,
Prangend im Fürstenhut, sind abgesegelt
Von Attika gen Phrygia; ihr Gelübde,
Troja zu schleifen, wo im Schirm der Mauern
Frau Helena, geraubt dem Menelaus,
Beim üpp'gen Paris schläft: – das ist der Krieg.
Sie ziehn nach Tenedos,
Und dort entlasten die tiefkiel'gen Schiffe
Sich ihrer tapfern Fracht; auf Iliums Ebnen
Schart sich der frischen, noch vollzähl'gen Griechen
Feldlager: – Priamus' sechstor'ge Stadt
(Dardania, Thymbria, Ilias, Chetas, Troas
Und Antenoridas), mit mächt'gen Krampen
Und wohlausfüllend schwer gewicht'gen Riegeln,
Weckt Trojas Söhnen Kampflust. –
Erwartung nun, die muntern Geister schürend
Auf dieser Seit' und jener, Troer, Griechen,
Setzt alles auf das Spiel: und hieher komm' ich
Als Prologus, im Harnisch; nicht vertrauend
Dem Werk des Dichters, noch der Spieler Kunst,
Nur angetan, dem Kriegsgedichte ziemend,
Meld' ich euch, edle Hörer, wie das Spiel,
Des Kampfs Beginn und Erstlinge verschweigend,
Anfängt im Mittelpunkt; von dort enteilt,
Und nur, wo sich die Szene bietet, weilt.
So haltet Lob und Tadel nicht zurück;
Bald gut, bald schlimm, es ist nur Kriegesglück.
Erster Aufzug
Erste Szene
Troja.
Troilus und Pandarus treten auf.
TROILUS.
Ruft meinen Knappen her, mich zu entwaffnen;
Was soll ich vor den Mauern Trojas fechten,
Dem hier im Innern tobt so wilder Kampf?
Wem von den Troern noch ein Herz gehört,
Der zieh' ins Feld; ach, Troilus hat keins! –
PANDARUS.
Stets noch das alte Lied?
TROILUS.
Der Griech' ist stark, und bei der Kraft gewandt,
Keck bei Gewandtheit, und bei Keckheit tapfer:
Doch ich bin schwächer als des Weibes Tränen,
Zahmer als Schlaf, betörter als die Einfalt,
Zaghafter als die Jungfrau in der Nacht,
Und ungewandt, wie unbelehrte Kindheit.
PANDARUS. Nun, ich habe dir's genug gesagt; ich, meines Teils, werde mich nicht mehr drein mischen und mengen. Der, der aus dem Weizen einen Kuchen haben will, muß das Mahlen abwarten. –
TROILUS. Hab' ich nicht gewartet?
PANDARUS. Ja, auf das Mahlen; aber Ihr müßt das Beuteln abwarten.
TROILUS. Hab' ich nicht gewartet?
PANDARUS. Ja, auf das Beuteln; aber Ihr müßt das Säuern abwarten.
TROILUS. Auch darauf hab' ich gewartet.
PANDARUS. Ja, aufs Säuern; aber nun kommt noch in dem Wort hernach das Kneten, das Formen des Kuchens, das Heizen des Ofens und das Backen; ja, Ihr müßt auch noch das Kaltwerden abwarten, oder Ihr lauft Gefahr, Euch die Lippen zu verbrennen.
TROILUS.
Die Langmut selbst, wie sehr sie Göttin ist,
Weicht vor dem Dulden mehr als ich zurück.
Ich sitz' an Priams Königstisch; und kommt
Die holde Cressida mir in den Sinn,
Verräter du! – Sie kommt? Wann wär' sie fort?
PANDARUS. Gewiß, sie war gestern abend reizender, als ich sie oder irgendein Mädchen je gesehn.
TROILUS.
Oh, laß dir noch erzählen: Wie mein Herz,
Als sprengt's ein Seufzer, mir zerbrechen wollte, –
Daß mich mein Vater nicht erriet, noch Hektor,
Verbarg ich, wie die Sonn' im Sturme leuchtet,
In eines Lächelns Falte diesen Seufzer:
Doch gleicht, in Schein der Lust verhüllt, Bedrängnis
Dem Scherz, der bald zum Gram wird durchs Verhängnis.
PANDARUS. Ja, wär' ihr Haar nicht etwas dunkler als das der Helena, – doch, was tut das? – so wäre gar kein Unterschied zwischen den beiden Frauen. Doch was mich betrifft, so ist sie meine Nichte; ich möchte sie nicht, wie man zu sagen pflegt, herausstreichen; aber ich wollte, es hätte sie jemand gestern reden hören wie ich. Ich will dem Verstand deiner Schwester Kassandra nicht zu nahe treten; aber ...
TROILUS.
O Pandarus! Ich sag' dir, Pandarus, –
Wenn ich dir sage, dort ertrank mein Hoffen,
Erwidre nicht, wie viele Klafter tief
Es untersank. Ich sag', ich bin verzückt
Aus Lieb' in Cressida; du nennst sie schön,
Senkst in die offne Wunde meines Herzens
Den Blick, das Haar, die Wange, Gang und Stimme;
Handelst in deiner Red', .... o liebe Hand,
Mit der verglichen alles Weiß wie Tinte
Sich selbst das Urteil schreibt; ihr sanft Berühren
Macht rauh des Schwanes Flaum, die feinste Fühlung
Hart wie des Pflügers Faust; – dies sagst du mir,
Und wahrhaft ganz, wenn ich dir schwör', ich liebe:
Doch mit dem Wort legst du in jede Wunde,
Mit der mich Liebe traf, statt Öls und Balsams
Den Dolch, der sie geschlagen.
PANDARUS. Ich sage nur, was wahr.
TROILUS. Nicht einmal so viel! –
PANDARUS. Meiner Treu', ich mische mich nicht mehr hinein. Mag sie sein, wie sie ist! Ist sie schön, um so besser für sie; ist sie's nicht, so wird sie schon wissen, wie sie sich helfen kann.
TROILUS. Lieber Pandarus! – Was ist, Pandarus? –
PANDARUS. Müh' und Not hatt' ich von meinen Wegen; verkannt von ihr und verkannt von Euch; immer hin und her gelaufen, und schlechten Dank für meine Mühe.
TROILUS. Was, bist du böse, Pandarus? Auf mich? –
PANDARUS. Weil sie mit mir verwandt ist, darum ist sie nicht so schön als Helena; wäre sie nicht mit mir verwandt, da wäre sie Freitags eben so schön als Helena Sonntags. Doch was kümmert's mich? Mir soll's einerlei sein, und wenn sie schwarz wie eine Mohrin aussähe; es ist mir alles gleich.
TROILUS. Sage ich denn, sie sei nicht schön? –
PANDARUS. Es kümmert mich nicht, ob Ihr's sagt, oder nicht. Sie ist eine Törin, daß sie ihrem Vater nicht nachfolgt; sie muß zu den Griechen, und das werde ich ihr sagen, sobald ich sie sehe. Ich, meines Teils, will mich nicht mehr drein mischen noch mengen. –
TROILUS. Pandarus –
PANDARUS. Ich nicht.
TROILUS. Bester Pandarus –
PANDARUS. Bitt' Euch, laßt mich in Frieden. Ich lasse alles, wie ich's gefunden, und damit gut. Pandarus ab.
Es wird zum Kampf geblasen.
TROILUS.
Still, rauhe Töne! Still, unholder Klang! –
Narr'n beiderseits! Schön sein muß Helena,
Wenn ihr sie täglich schminkt mit eurem Blut.
Der Anlaß kann mich nicht zum Kampf begeistern,
Zu dürftig für mein Schwert ist dieser Preis! –
Und Pandarus, – wie quält ihr mich, ihr Götter!
Zugänglich nur wird Cressida durch ihn;
Den Kind'schen werb' ich nie zum Werben an,
Und sie bleibt spröd' verschlossen jeder Bitte.
Sag mir, Apoll,' um deiner Daphne Liebe,
Was Cressida, was Pandar ist, was ich?
Ihr Bett ist Indien! Dort als Perle ruht sie;
Was zwischen ihrem Thron und unserm Ilium,
Nenn' ich empörtes, flutbewegtes Meer,
Mich selbst den Kaufherrn, und den Schiffer Pandar
Mein Boot, mein Schiffgeleit: mein zweifelnd Hoffen.
Trompeten. Äneas tritt auf.
ÄNEAS.
Wie nun, Prinz Troilus? Weshalb nicht im Feld?
TROILUS.
Weil ich nicht dort. Die Weiberantwort paßt,
Denn weibisch ist es, draußen nicht zu sein. –
Was gibt's, Äneas, Neues heut im Feld?
ÄNEAS.
Daß Paris heimgekommen und verwundet.
TROILUS.
Durch wen, Äneas?
ÄNEAS.
Menelaus tat's.
TROILUS.
Zum Lachen! Nahm ihn jener so aufs Korn?
Paris geschrammt von Menelaus' Horn?
ÄNEAS.
Horch! Lust'ge Jagd dort außen, hell und scharf!
TROILUS.
Weit schöner hier, wenn »dürft' ich« hieß: »ich darf«
Doch hin zur Jagd des Felds! Willst du hinunter?
ÄNEAS.
In aller Eil'.
TROILUS.
So gehn wir rasch und munter!
Sie gehn ab.
Zweite Szene
Ebendaselbst.
Es treten auf Cressida und Alexander, ihr Diener.
CRESSIDA.
Wer ging vorbei?
ALEXANDER.
Die Königin Hekuba
Und Helena.
CRESSIDA.
Wohin?
ALEXANDER.
Zum Turm nach Osten,
Des Höh' die ganze Gegend überschaut,
Die Schlacht zu sehen. Hektor, des Geduld
Sonst unerschütterlich, ward heut bewegt:
Er schalt Andromache und schlug den Wappner;
Und gleich, als gölt' im Kriege gute Wirtschaft,
War er in Waffen vor dem Morgenlicht
Und zog ins Feld hinaus, wo jede Blume
Wie ein Prophet beweint, was sie voraussieht
In Hektors Zorn.
CRESSIDA.
Was reizte seine Wut?
ALEXANDER.
So wird erzählt: im Heer der Griechen kämpfte
Ein Fürst aus Troerblut, des Hektors Neffe,
Ajax mit Namen.
CRESSIDA.
Wohl; was sagt man weiter?
ALEXANDER.
Er ist, so heißt's, ein ganz besondrer Mann
Und steht allein.
CRESSIDA. Das tun alle Männer, wenn sie nicht betrunken oder krank sind oder keine Beine haben.
ALEXANDER. Dieser Mann, mein Fräulein, hat sich die Eigentümlichkeit von allerlei Tieren zugeeignet: er ist so kühn wie der Löwe, so täppisch wie der Bär, so langsam wie der Elefant: ein Mann, in dem die Natur so viele Launen gehäuft hat, daß seine Tüchtigkeit in Torheit untergeht, seine Torheit durch Verständigkeit gewürzt ist. Niemand besitzt eine Tugend, von der er nicht einen Anflug bekommen hätte, noch irgend jemand eine Unart, von der ihm nicht etwas anklebte; er ist melancholisch ohne Ursach' und lustig wider den Strich; er hat die Gelenkigkeit zu jedem Dinge, aber jedes Ding ist an ihm so ungelenk, daß er wie ein gichtischer Briareus hundert Hände und keine zum Gebrauch hat, oder wie ein stockblinder Argus lauter Augen und keine Sehkraft.
CRESSIDA. Wie kann aber dieser Mann, dermich lächeln macht, den Hektor in Zorn bringen?
ALEXANDER. Man erzählt, er sei gestern mit Hektor in der Schlacht handgemein geworden und habe ihn niedergeschlagen, und der Verdruß darüber und die Schmach habe den Hektor seitdem nicht essen noch schlafen lassen.
Pandarus kommt.
CRESSIDA. Wer kommt? –
ALEXANDER. Fräulein, Euer Oheim Pandarus.
CRESSIDA. Hektor ist ein tapfrer Degen.
ALEXANDER. Wie nur irgend einer in der Welt, Fräulein!
PANDARUS. Was sagt Ihr? Was sagt Ihr? –
CRESSIDA. Guten Morgen, Oheim Pandarus!
PANDARUS. Guten Morgen, Muhme Cressida! Wovon sprecht Ihr? Guten Morgen, Alexander! – Wie geht's dir, Nichte? Wann warst du in Ilium?
CRESSIDA. Heute morgen, Oheim.
PANDARUS. Wovon spracht Ihr, als ich kam? War Hektor schon gewaffnet und ins Feld gezogen, als du nach Ilium kamst? Helena war wohl noch nicht aufgestanden, nicht wahr? –
CRESSIDA. Hektor war schon fort, aber Helena noch nicht aufgestanden.
PANDARUS. Ja, ja, Hektor war recht früh auf den Beinen.
CRESSIDA. Davon sprachen wir eben; und daß er aufgebracht sei.
PANDARUS. War er aufgebracht?
CRESSIDA. Das sagt mir dieser da.
PANDARUS. Freilich war er aufgebracht; ich weiß auch, warum; heut wird er's ihnen beibringen, das kann ich ihnen sagen, und Troilus wird ihm so ziemlich gleichkommen; sie mögen sich nur vor Troilus in acht nehmen: das mögen sie mir glauben!
CRESSIDA. Wie! Ist der auch aufgebracht? –
PANDARUS. Was, Troilus? Troilus ist der Beßre von beiden.
CRESSIDA. O Jupiter! Da ist gar kein Vergleich!
PANDARUS. Wie, nicht zwischen Troilus und Hektor? Erkennst du nicht einen Mann, wenn du ihn siehst?
CRESSIDA. Nun ja, wenn ich ihn sonst schon sah und kannte.
PANDARUS. Ganz recht; ich spreche, Troilus ist Troilus.
CRESSIDA. Da sprecht Ihr wie ich, denn ich weiß gewiß, er ist nicht Hektor.
PANDARUS. Nein, und Hektor ist auch nicht Troilus in gewissem Betracht.
CRESSIDA. So tun wir keinem Unrecht: er ist er selbst.
PANDARUS. Er selbst? Ach, du armer Troilus! Ich wollte, er wäre –
CRESSIDA. Er ist es ja.
PANDARUS. Mit dem Beding ginge ich barfuß nach Indien!
CRESSIDA. Hektor ist er nicht!
PANDARUS. Er selbst? Nein, er ist nicht er selbst; – ja, ich wollte, er wäre er selbst. Nun, die Götter leben noch; die Zeit schafft's ihm oder entrafft's ihm; ja, Troilus, ich wollte, sie hätte mein Herz im Leibe! Nein, Hektor ist kein beßrer Mann als Troilus.
CRESSIDA. Verzeiht! –
PANDARUS. Er ist älter. –
CRESSIDA. Ich bitte um Entschuldigung!
PANDARUS. Der andre ist noch nicht so alt; Ihr sollt ganz anders sprechen, wenn der andre erst so alt sein wird. Hektor kann lange warten, ehe er seinen Verstand bekommt!
CRESSIDA. Den braucht er auch nicht, wenn er seinen eignen hat.
PANDARUS. Noch seine Eigenschaften –
CRESSIDA. Tut nichts!
PANDARUS. Noch seine Schönheit!
CRESSIDA. Sie würde ihn nicht kleiden, seine eigne ist besser.
PANDARUS. Du hast kein Urteil, Nichte! Helena selbst beteuerte neulich, daß Troilus, wenn von brauner Farbe die Rede sei – denn braun ist er allerdings – und doch nicht so recht eigentlich braun –
CRESSIDA. Nein; sondern braun.
PANDARUS. Die Wahrheit zu sagen, braun und nicht braun.
CRESSIDA. Die Wahrheit zu sagen, wahr und nicht wahr.
PANDARUS. Sie stellte sein Kolorit über das des Paris.
CRESSIDA. Nun, Paris hat Farbe genug.
PANDARUS. Das hat er auch.
CRESSIDA. So hätte Troilus denn zu viel Farbe; wenn sie sein Kolorit über das des andern stellt, ist er höher an Farbe; wenn nun Paris rot genug ist und Troilus hochrot, so ist das ein zu feuriges Lob für ein gutes Kolorit. Eben so gern hätte Helenas goldne Zunge den Troilus wegen einer Kupfernase rühmen können.
PANDARUS. Ich schwöre dir, ich glaube, Helena liebt ihn mehr als den Paris.
CRESSIDA. Dann ist sie eine sehr verliebte Griechin.
PANDARUS. Nein, ganz gewiß, das tut sie. Neulich stellte sie sich zu ihm in das Bogenfenster, und du weißt, er hat nur drei oder vier Haare am Kinn –
CRESSIDA. O gewiß, eines Bierzapfers Rechenkunst würde hinreichen, diese Einheiten in eine Summe zu ziehn.
PANDARUS. Nun, er ist noch sehr jung, und doch sind seine Nerven so stählern, daß er dir bis auf zwei, drei Pfund eben so viel aufheben wird als sein Bruder Hektor.
CRESSIDA. Was! Ein so junger Mann, und schon solche Stehlergaben? –
PANDARUS. Um dir zu beweisen, daß Helena in ihn verliebt ist – denke nur, sie kam und legte dir ihre weiße Hand an sein gespaltnes Kinn –
CRESSIDA. Juno sei uns gnädig! Wer hat's ihm gespalten?
PANDARUS. Erinnerst du dich denn nicht seines Grübchens? Mir scheint, sein Lächeln steht ihm besser als irgend jemand in ganz Phrygien.
CRESSIDA. O ja, er lächelt recht brav.
PANDARUS. Nicht wahr?
CRESSIDA. Freilich, wie eine Regenwolke im Herbst.
PANDARUS. O still doch! Ich wollte dir ja beweisen, daß Helena in Troilus verliebt sei!
CRESSIDA. Troilus wird Euch diesen Beweis nicht verweisen. Wenn Ihr ihn führen könnt.
PANDARUS. Troilus? Nun, der fragt nicht mehr nach ihr, als ich nach einem hohlen Ei frage.
CRESSIDA. Wenn Ihr die hohlen Eier so gern habt als die hohlen Köpfe, seid Ihr wohl schal genug, die Schalen ohne Eier zu essen.
PANDARUS. Wahrhaftig, ich muß noch immer lachen, wenn ich dran denke, wie sie ihm am Kinn kitzelte. Das ist doch gewiß, sie hat eine wundervoll weiße Hand; das muß man bekennen.
CRESSIDA. Ohne Folter.
PANDARUS. Und da fällt es ihr ein, ein weißes Haar auf seinem Kinn zu entdecken.
CRESSIDA. Das arme Kinn! Ist doch manche Warze reicher!
PANDARUS. Aber das gab ein Gelächter! Königin Hekuba lachte, daß ihr die Augen übergingen –
CRESSIDA. Von Mühlsteinen.
PANDARUS. Und Kassandra lachte! –
CRZSSIDA. Aber es war unter dem Topf ihrer Augen wohl ein mäßigeres Feuer: liefen ihre Augen auch über?
PANDARUS. Und Hektor lachte! –
CRESSIDA. Und wem galt all dies Lachen?
PANDARUS. Ei, dem weißen Haar, das Helena an Troilus' Kinn erspäht.
CRESSIDA. Wär' es ein grünes gewesen, so hätt' ich auch gelacht.
PANDARUS. Sie lachten nicht so sehr über das Haar, als über seine hübsche Antwort.
CRESSIDA. Wie war seine Antwort?
PANDARUS. Sie hatte gesagt: »Hier sind nur einundfunfzig Haare an Euerm Kinn, und eins davon ist weiß.«
CRESSIDA. Das war ihre Frage?
PANDARUS. Jawohl, das bedarf keiner Frage. »Einundfunfzig Haare«, sagte er, »und ein weißes: das weiße Haar ist mein Vater, und die übrigen sind seine Söhne.« »O Jupiter«, sagte sie, »welches von diesen Haaren ist Paris, mein Gemahl?« »Das gespaltene«, sagte er: »reißt es aus und gebt's ihm!« Und nun entstand solch ein Gelächter, und Helena ward so rot, und Paris so böse, und die übrigen lachten so sehr, daß es ins Weite ging.
CRESSIDA. Da mag es auch bleiben, denn es ist nicht weit her.
PANDARUS. Nun, Nichte, ich sagte dir gestern etwas: das nimm dir zu Herzen.
CRESSIDA. Das tu' ich auch.
PANDARUS. Ich schwöre dir, es ist wahr, er weint dir, wie einer, der im April geboren ist.
Man hört zum Rückzug blasen.
CRESSIDA. Und ich will in diesen Tränen so lustig aufwachsen, wie eine Nessel im Mai.
PANDARUS. Horch! Sie kommen aus dem Felde zu Haus; sollen wir hier hinauftreten und sie nach Ilium ziehn sehn? Tu' es, liebste Nichte; tu' es, liebste Nichte Cressida!
CRESSIDA. Wie es Euch gefällt.
PANDARUS. Hier, hier ist ein allerliebster Platz, hier können wir's recht schmuck mit ansehn. Ich will sie dir alle bei Namen nennen, wie sie vorbeiziehn; merke nur vor allen auf Troilus.
Äneas geht über die Bühne.
CRESSIDA. Sprecht nicht so laut.
PANDARUS. Das ist Äneas; ist das nicht ein hübscher Mann? Es ist eine rechte Blume unter den Troern, das kann ich dir sagen. Aber merke nur auf Troilus: gleich wird er kommen.
CRESSIDA. Wer ist das?
Antenor geht vorüber.
PANDARUS. Das ist Antenor, der ist recht kurz angebunden, das kann ich dir sagen, und ist ein guter Soldat; einer von den besten Köpfen in ganz Troja, und ein artiger Mann in seiner ganzen Person. – Wann kommt doch Troilus? Gleich sollst du Troilus sehn. Gib acht, wie er nicken wird, wenn er mich sieht.
CRESSIDA. Nickt er immer ein, wenn er Euch sieht? –
Hektor geht vorüber.
PANDARUS. Das ist Hektor, der da! Der da! Siehst du, der! Das ist ein Kavalier! Gott sei mit dir, Hektor; das ist ein wackrer Mann, Nichte. O du edler Hektor! Sieh, wie er um sich blickt! Das ist eine Haltung! Ist's nicht ein stattlicher Mann?
CRESSIDA. Ein recht stattlicher Mann.
PANDARUS. Nicht wahr? Es ist eine rechte Herzenslust, ihn zu sehn. Sieh nur, wie viel Beulen auf seinem Helm sind! Sieh nur hin, siehst du's? Sieh nur hin! Mit dem ist nicht zu spaßen; der versteht's; mit dem soll's einmal einer aufnehmen! Das nenn' ich Hiebe! –
CRESSIDA. Sind die von Schwertern?
Paris geht vorüber.
PANDARUS. Von Schwertern? Von was sie wollen, das kümmert ihn nicht. Wenn auch der Teufel mit ihm anbände, das ist ihm alles gleich. Ja, beim Element, es ist eine wahre Lust; ach, dort kommt Paris, dort kommt Paris; siehst du dort, Nichte? Ist das nicht auch ein hübscher Mann? Nicht? – Ei, das ist ja allerliebst – wer sagte doch, er wäre heut verwundet? Er ist nicht verwundet. Nun, das wird für Helena eine rechte Freude sein. Oh, wenn ich doch nur den Troilus sähe! Gleich wirst du Troilus zu sehn bekommen.
CRESSIDA. Wer ist das?
Helenus geht vorüber.
PANDARUS. Das ist Helenus. Ich begreife gar nicht, wo Troilus bleibt, – das ist Helenus:- er wird wohl gar nicht zu Felde gezogen sein, – das ist Helenus.
CRESSIDA. Kann Helenus fechten, Onkel?
PANDARUS. Helenus? Nein; – ja, er ficht so ziemlich erträglich. – Ich begreife nicht, wo Troilus bleibt – Horch! Hörst du nicht, wie die Soldaten rufen: Troilus? – Helenus ist ein Priester.
CRESSIDA. Was für ein Duckmäuser kommt denn da heran?
Troilus geht vorüber.
PANDARUS. Wo, dort? Das ist Deiphobus: – nein, Troilus ist's. Ach, welche ein Mann! Nichte! Hem! O du wackrer Troilus! Du Fürst der Ritterschaft!
CRESSIDA. Still doch, ums Himmels willen, still!
PANDARUS. Gib acht auf ihn; faß ihn recht ins Auge – o du wackrer Troilus! Sieh ihn dir recht an, Nichte; siehst du, wie blutig sein Schwert ist, und sein Helm noch mehr zerhauen als der des Hektor. Und wie er um sich blickt, wie er einhergeht! – O wunderschöner Jüngling; und noch nicht dreiundzwanzig! Geh mit Gott, Troilus, geh mit Gott; hätte ich eine Grazie zur Schwester, oder eine Göttin zur Tochter, er sollte die Wahl haben. O wunderschöner Held! – Paris? – Paris ist ein Quark gegen ihn, und ich wette, Helena tauschte gern, und gäbe noch Geld in den Kauf.
Mehrere Soldaten ziehn vorüber.
CRESSIDA. Dort kommen noch mehr.
PANDARUS. Esel! Narren! Spreu und Kleie! Spreu und Kleie! Suppe nach der Mahlzeit! In Troilus' Anblick könnt' ich leben und sterben. Sieh nicht weiter hin, sieh nicht weiter hin: die Adler sind vorüber; Krähen und Dohlen, Krähen und Dohlen! Lieber wär' ich solch ein Held wie Troilus, als Agamemnon mit ganz Griechenland!
CRESSIDA. Die Griechen haben ihren Achilles; der übertrifft den Troilus.
PANDARUS. Achilles? Ein Lastträger, ein Karrenschieber, ein rechtes Kamel.
CRESSIDA. Nun, nun! –
PANDARUS. Nun, nun? Hast du denn kein Urteil? Hast du denn keine Augen? Verstehst du, was ein Mann ist? Sind denn nicht Geburt, Schönheit, gute Bildung, Beredsamkeit, Mannhaftigkeit, Verstand, Artigkeit, Tapferkeit, Jugend, Freigebigkeit, und was dem gleicht, die Spezereien und das Salz, die einen Mann würzen?
CRESSIDA. O ja; ein Mengelmus von einem Manne, und so in der Pastete gehackt und gebacken gibt's ein Mus von lauter Mängeln.
PANDARUS. Was sind das nun wieder für Reden! Man weiß nie, auf welcher Lauer du liegst.
CRESSIDA. Auf meinem Rücken, um meinen Leib frei zu haben; auf meinem Witz, um meine Launen zu verteidigen; auf meiner Verschwiegenheit, um meinen guten Ruf zu sichern; meiner Maske vertrau' ich, um meine Schönheit zu bewahren; dann endlich Euch, um das alles zu schützen: und auf allen diesen Lauerplätzen lieg' ich und habe wohl tausend Wachen.
PANDARUS. Nenne mir eine deiner Wachen!
CRESSIDA. Das ist eben meine Hauptwache, die gegen Euch gerichtet ist. Denn wenn ich erst nicht mehr behüten kann, was niemand finden sollte, so kann ich Euch wenigstens bewachen, daß Ihr nicht erfahrt, wie ich zu Schaden kam; es müßte denn so zunehmen, daß sich's nicht mehr verstecken ließe; und dann wär's ohnehin mit dem Wachen vorbei.
PANDARUS. Ihr seid mir die Rechte!
Der Page des Troilus kommt.
PAGE. Herr, mein Gebieter wünscht Euch gleich zu sprechen.
PANDARUS. Wo?
PAGE. In Euerm Hause, Herr; dort legt er seine Rüstung ab.
PANDARUS. Lieber Kleiner, sag ihm, ich komme gleich.
Der Page geht.
Ich fürchte, er ist verwundet. Lebe wohl, liebe Nichte, lebe wohl!
CRESSIDA. Lebt wohl, Oheim!
PANDARUS. Ich bin gleich wieder bei Euch, Nichte.
CRESSIDA. Und bringt mir ...
PANDARUS. Nun ja! Ein Liebespfand von Troilus. Geht ab.
CRESSIDA.
Bei diesem Liebespfand, du bist ein Kuppler! –
Wort, Gab' und Trän' und heil'gen Schwurs Beteuern
Läßt er nicht ab für jenen zu erneuern;
Zwar mehr in Troilus hab' ich gewahrt,
Als was mir Pandars Spiegel offenbart:
Doch weigr' ich. Frau'n sind Engel stets, geworben;
Ahnung ist Lust, doch im Genuß erstorben.
Nichts weiß ein liebend Mädchen, bis sie weiß,
Allein das Unerreichte steh' im Preis;
Daß nie, erhört, das Glück so groß im Minnen,
Als wenn Begier noch fleht, um zu gewinnen;
Drum folg' ich diesem Spruch der Liebessitte:
Gewähren wird Befehl, Versagen Bitte, –
Und mag mein Herz auch treue Lieb' empfinden,
Nie soll ein Blick, ein Wort sie je verkünden.
Ab.
Dritte Szene
Das griechische Lager.
Trompeten. Es treten auf Agamemnon, Nestor, Ulysses, Menelaus und andre.
AGAMEMNON.
Fürsten,
Kann Gram mit Gelbsucht eure Wangen färben?
Der weite Vorwurf, den Erwartung bildet
Bei jedem Plan auf Erden hier begonnen,
Entbehrt gehoffter Größe. – Unstern und Hemmung
Keimt in den Adern hocherhabner Tat,
Wie Knorren, durch zu üpp'gen Saft erzeugt,
Der schlanken Fichte Wachstum stockend lähmen,
Daß sie gekrümmt und siech nicht hoch erwächst.
Auch kann's, ihr Fürsten, nicht befremdlich sein,
Wenn uns Erwartung täuscht, und Trojas Mauern
Noch aufrecht stehn, bedroht seit sieben Jahren,
Weil jede Kriegstat schon in vor'ger Zeit,
Von der uns Kunde zukam, ward gekreuzt,
Und im Versuch weit abgelenkt vom Ziel
Und jenem geist'gen Vorbild des Gedankens,
Das ihr ein Traumbild schuf. Weshalb denn, Fürsten,
Seht ihr beschämten Blicks auf unser Werk,
Als wäre Schmach, was doch nichts anders ist,
Als des erhabnen Zeus verzögert Prüfen,
Ob noch im Menschen fest Beharren sei?
Denn nicht erprobt sich dieser echte Stahl,
Begünstigt uns Fortuna – denn alsdann
Scheint Held und Feiger, Narr und Weiser, Künstler
Und Tor, Weichling und Starker nah verwandt –
Doch in dem Sturm und Schnauben ihres Zorns
Wirft Sond'rung mit gewalt'ger, breiter Schaufel
Alles aufschüttelnd, leichte Spreu hinweg;
Und was Gewicht und Stoff hat in sich selbst,
Bleibt reich an Tugend liegen, unvermischt.
NESTOR.
In schuld'ger Ehrfurcht deinem heil'gen Thron,
O Agamemnon, wird dein letztes Wort
Nestor erläutern. In dem Kampf mit Wechsel
Bewährt sich echte Kraft. Auf stiller See,
Wie fährt so mancher gaukelnd winz'ge Kahn
Auf ihrer ruh'gen Brust und gleitet hin
Mit Seglern mächt'gen Baus?
Doch laß den Raufer Boreas erzürnen
Die sanfte Thetis, – rasch durchschneidet dann
Das starkgerippte Schiff die Wellenberge,
Springt zwischen beiden feuchten Elementen
Gleich Perseus' Roß – wo bleibt das eitle Boot,
Des schwachgefügte Seiten eben noch
Wettkämpften mit der Kraft? Es flieht zum Hafen,
Wenn's nicht Neptun verschlingt. So trennt sich auch
Des Mutes Schein vom wahren Kern des Muts
Im Sturm des Glücks; denn strahlt es hell und mild,
Dann wird die Bremse quälender der Herde
Als selbst der Tiger; doch wenn Stürme spaltend
Der knot'gen Eiche Knie darniederbeugen
Und Schutz die Fliege sucht, – ja, dann das Tier des Muts,
Wie aufgeregt von Wut, wird selber Wut,
Und brüllt, in gleichen Tönen widerhallend,
Dem zorn'gen Glück entgegen.
ULYSSES.
Agamemnon,
Du großer Fürst, Gebein und Nerv der Griechen,
Herz unsrer Scharen, Seel' und einz'ger Geist,
In dem Gemüt und Wesen aller sollte
Beschlossensein, – hör', was Ulysses spricht,
Den Beifall und die Huld'gung abgerechnet,
Die, Mächt'ger du durch Rang und Herrscherwürde,
Und du, Ehrwürd'ger durch dein hohes Alter,
Ich euren Reden zolle (die so trefflich,
Daß Agamemnon und der Griechen Hand
Sie sollt' in Erz erhöhn, und deine gleichfalls,
Ehrwürd'ger Nestor, silberweiß, mit Banden
Aus Luft gewebt, stark wie die Ax', um die
Der Himmel kreist, sollt' aller Griechen Ohr
An deine weise Zunge fesseln) – doch,
Du Staatsmann und du Fürst, vergönnt Ulysses,
Nach euch zu reden.
AGAMEMNON.
Sprich, Held von Ithaka: so sicher ist's,
Daß kein unnützes, kein gehaltlos Wort
Je deine Lippen teilt, als wir erwarten,
Wenn Hund Thersites anstimmt sein Gebell,
Je Witz, Musik, Orakel zu vernehmen.
ULYSSES.
Troja, noch unerschüttert, wär' gefallen,
Und herrenlos des großen Hektor Schwert,
Wenn folgendes nicht hemmte:
Verkannt wird Seel' und Geist des Regiments;
Und seht! So viele Griechenzelte hohl
Stehn auf dem Feld, so viel Parteien-Hohlheit. –
Wenn nicht der Feldherr gleicht dem Bienenstock,
Dem alle Schwärme ihre Beute zollen,
Wie hofft ihr Honig? Wenn sich Abstufung verlarvt,
Scheint auch der Schlechtste in der Maske edel.
Die Himmel selbst, Planeten und dies Zentrum,
Reihn sich nach Abstand, Rang und Würdigkeit,
Beziehung, Jahrszeit, Form, Verhältnis, Raum,
Amt und Gewohnheit in der Ordnung Folge;
Und deshalb thront der majestät'sche Sol,
Als Hauptplanet, in höchster Herrlichkeit
Vor allen andern; sein heilkräftig Auge
Verbessert den Aspekt bösart'ger Sterne,
Und trifft, wie Königs Machtwort, allbeherrschend
Auf Gut' und Böses. Doch wenn die Planeten
In schlimmer Mischung irren ohne Regel,
Welch Schrecknis! Welche Plag' und Meutereil
Welch Stürmen auf der See! Wie bebt die Erde!
Wie rast der Wind! Furcht, Umsturz, Graun und Zwiespalt
Reißt nieder, wühlt, zerschmettert und entwurzelt
Die Eintracht und vermählte Ruh' der Staaten
Ganz aus den Fugen! Oh, wird Abstufung,
Die Leiter aller hohen Plan', erschüttert,
So krankt die Ausführung. Wie könnten Gilden,
Würden der Schule, Brüderschaft in Städten,
Friedsamer Handelsbund getrennter Ufer,
Der Vorrang und das Recht der Erstgeburt,
Ehrfurcht vor Alter, Szepter, Kron' und Lorbeer
Ihr ewig Recht ohn' Abstufung behaupten?
Tilg' Abstufung, verstimme diese Saite,
Und höre dann den Mißklang! Alles träf'
Auf offnen Widerstand. Empört dem Ufer
Erschwöllen die Gewässer übers Land,
Daß sich in Schlamm die feste Erde löste;
Macht würde der Tyrann der blöden Schwäche,
Der rohe Sohn schlüg' seinen Vater tot;
Kraft hieße Recht – nein, Recht und Unrecht, deren
Endlosen Streit Gerechtigkeit vermittelt,
Verlören, wie Gerechtigkeit, den Namen.
Dann löst sich alles auf nur in Gewalt,
Gewalt in Willkür, Willkür in Begier;
Und die Begier, ein allgemeiner Wolf,
Zwiefältig stark durch Willkür und Gewalt,
Muß dann die Welt als Beute an sich reißen
Und sich zuletzt verschlingen. Großer König,
Dies Chaos, ist erst Abstufung erstickt,
Folgt ihrem Mord: –
Und dies Nichtachten jeder Abstufung
Geht rückwärts Schritt für Schritt, indem's hinauf
Zu klimmen strebt. Des Oberfeldherrn spottet
Der unter ihm zunächst, den höhnt der Zweite,
Den nächsten dann sein Untrer:so vergiftet
Vom ersten Schritt, der seinem Obern trotzt,
Wird jeder folgende zum neid'schen Fieber
Kraftloser, bleicher Nebenbuhlerschaft: –
Und solch ein Fieber ist's, das Troja schirmt,
Nicht eigne Stärke. Kurz, den Troern schafft
Nur unsre Schwäche Frist, nicht eigne Kraft.
NESTOR.
Sehr weislich hat Ulysses uns enthüllt
Die Seuch', an welcher unsre Macht erkrankt.
AGAMEMNON.
Der Krankheit Art hast du durchschaut, Ulysses;
Welch Mittel nun?
ULYSSES.
Der Held Achilles, den die Meinung krönt
Als Nerv und rechte Hand des ganzen Heers, –
Das Ohr gefüllt mit seinem luft'gen Ruhm,
Wird frech und launenhaft, und ruht im Zelt,
Verspottend unser Tun. Mit ihm Patroklus,
Auf einem Lotterbett, treibt freche Possen
Den lieben langen Tag,
Und stellt mit tölpisch lächerlichem Pathos
(Das der Verleumder Nachahmung benennt)
Uns all' zur Schau. Manchmal, o großer König,
Agiert er deine höchste Majestät,
Stolzierend wie ein Bühnenheld, des Geist
Im Kniebug wohnt, und den's erhaben dünkt,
Der Bretter Schall und hölzern Echo hören,
Wenn er mit steifem Fuß den Boden stampft, –
So jämmerlich verdreht und übertrieben
Verzerrt er deine Hoheit. Wenn er spricht,
Klingt's wie geborstne Glocken: sinnlos Zeug,
Wie es von Typhons Schlund hervorgebrüllt
Noch Bombast schiene. Bei dem schalen Wust
Liegt breit und faul Achilles auf den Polstern,
Lacht aus der tiefen Brust ihm lauten Beifall,
Ruft: »Herrlich! Das ist Agamemnon völlig!
Nun spiel' mir Nestor! Räuspre, streich' den Bart
Wie er, wenn er zu reden Anstalt macht!« –
Er tut's und trifft's, wie Nord und Süd sich treffen,
So ähnlich, wie Vulkan der Gattin ist.
Doch Freund Achill ruft nochmals:»Meisterhaft!
's ist Nestor ganz! Jetzt spiel' ihn mir, Patroklus,
Wie er sich nachts beim Überfall bewaffnet.« –
Und dann, wie klein! Muß selbst des Alters Schwachheit
Zur Posse dienen; hustend räuspert er,
Schiebt, krankhaft fuschelnd, an des Panzers Hals
Die Nieten ein und aus: und bei dem Spaß
Stirbt Herr Großmächtig, schreit: »Genug, Patroklus!
Schaff' Rippen mir von Stahl! Sonst spreng' ich alle
Vor übermäß'ger Lust!« So dient den beiden
All unsre Fähigkeit, Natur, Gestalt,
Besondre Gab' und allgemeine Art,
Vollbrachte Tat, Entwurf, Befehl und Plan,
Auffoderung zum Kampf, Antrag um Stillstand,
Erfolg und Mißgeschick, was ist und nicht ist,
Zum Stoff für Albernheit und Übertreibung.
NESTOR.
Und von dem schlimmen Beispiel dieser zwei,
Die, wie Ulysses sagt, die Meinung krönt
Mit Herrscherton, ward mancher angesteckt.
Ajax, voll Eigendünkels, trägt das Haupt
So hoch gezäumt, so trotzig wie der breite
Achilles; bleibt in seinem Zelt wie jener;
Gibt Schmause den Partei'n; schimpft unsre Waffen,
Als wär' er ein Orakel; hetzt Thersites,
Den Schalksnarr'n, der wie Münze Läst'rung prägt,
Durch niedrigen Vergleich uns zu besudeln,
Mit Schimpf und Hohn zu schmähn auf unsre Drangsal,
Wie sehr uns auch ringsher Gefahr bedräut. –
ULYSSES.
Sie lästern unsre Politik als Feigheit;
Sie stoßen Weisheit aus dem Rat des Kriegs,
Verlachen Vorbedacht und würdigen
Nur Tat der Faust – die stille Geisteskraft,
Die prüft, wie viele Hände wirken sollen,
Wenn's Zeit erheischt, und durch mühsame Schätzung
Voraus bestimmt, wie zahlreich sei der Feind, –
Das alles hält man keines Fingers wert,
Bettarbeit nennt man's, Stubenkrieg und Schreibwerk;
So daß der Widder, der die Mauern bricht,
Und die Gewalt und Sturmkraft seiner Wucht
Den Rang hat vor der Hand, die ihn gezimmert,
Ja selbst vor denen, die mit List und Klugheit
Scharfsinnig seine Wirkung angeordnet.
NESTOR.
Dies eingeräumt, so gilt Achilles' Pferd
Viel Thetis-Söhne!
Trompetenstoß.
AGAMEMNON.
Horcht! Wes die Trompeten?
Sieh, Menelaus!
MENELAUS.
Von Troja!
Äneas tritt auf.
AGAMEMNON.
Was führt Euch hieher?
ÄNEAS.
Ist dies
Des großen Agamemnon Zelt?
AGAMEMNON.
Ja, dieses.
ÄNEAS.
Darf einer, der ein Herold ist und Fürst,
Mit offner Botschaft nahn des Königs Ohr?
AGAMEMNON.
Noch sichrer, als geschützt vom Arm Achills,
Vor allen griech'schen Häuptern, die einstimmig
Als Haupt und Feldherrn Agamemnon ehren.
ÄNEAS.
Höflich Gewähren; Sicherheit vollauf.
Wie mag, wer diesen höchsten Blicken fremd,
Von andern Sterblichen ihn unterscheiden?
AGAMEMNON.
Wie?
ÄNEAS.
Ich frag', auf daß ich Ehrfurcht in mir wecke
Und ein Erröten auf die Wange rufe,
Beschämt, so wie Aurora, wenn sie kühl
Zum jungen Phöbus schaut.
Wer ist der Gott im Amt, der Helden lenkt?
Wer ist der Hochgebieter Agamemnon?
AGAMEMNON.
Der Troer höhnt uns, oder Trojas Ritter
Sind überfeine Hofherrn.
ÄNEAS.
Hofherrn so mild und adlig, ohne Wehr,
Wie Engel hold geneigt: also im Frieden.
Doch fehlt im Kriegsschmuck Zorn nicht, kräft'ger Arm,
Der Glieder Macht, getreues Schwert, – und, Gott voran,
Kein Herz so muterfüllt. Doch still, Äneas!
Still, Troer! Leg' den Finger auf die Lippe,
Des Ruhmes Würdigkeit verliert an Wert,
Wenn der Gepriesne selbst mit Lob sich ehrt:
Doch Lob, das vom besiegten Feind erklingt,
Der Taten Ruf ist's, der zum Himmel dringt.
AGAMEMNON.
Trojan'scher Ritter, nennt Ihr Euch Äneas?
ÄNEAS.
Ja, Grieche, also heiß' ich.
AGAMEMNON.
Eu'r Geschäft?
ÄNEAS.
Verzeiht, es ist für Agamemnons Ohr!
AGAMEMNON.
Er hört nichts heimlich, was von Troja kommt.
ÄNEAS.
Auch kam ich nicht von Troja, ihm zu flüstern;
Trompeten lass' ich schmettern an sein Ohr
Und weck' es, aufmerksam sich mir zu neigen;
Dann will ich reden.
AGAMEMNON.
Sprich, so frei wie Luft;
Dies ist nicht Agamemnons Schlummerstunde;
Vernehmen sollst du, Troer, er ist wach:
Er selber sagt es dir.
ÄNEAS.
Trompet', erklinge
Mit eh'rnem Schall durch all die trägen Zelte;
Und jedem tapfern Griechen tu' es kund,
Was Troja edel meint, das spricht es laut.
Trompetenstoß.
In Troja lebt, o großer Agamemnon,
Ein Prinz, Hektor mit Namen, Priams Sohn,
Den diese dumpfe, lange Waffenruh'
Verrostet hat. Nimm die Trompeten, sprach er,
Und rede so: Ihr Kön'ge, Fürsten, Herrn,
Ist einer von den Edeln Griechenlands,
Dem mehr die Ehre gilt als seine Ruh',
Der mehr nach Ruhm strebt, als Gefahren scheut,
Der seinen Mut wohl kennt, nicht seine Furcht,
Der seine Dame mehr liebt als in Worten,
Mit müß'gen Schwüren ihrem Mund gelobt, –
Und ihren Wert und Reiz behaupten darf
Nicht bloß mit Liebeswaffen, – dem entbiet' ich:
Im Angesicht der Griechen und Trojaner
Beweist es Hektor, oder müht sich drum, –
Er hab' ein Weib, verständ'ger, schöner, treuer,
Als an die Brust jemals ein Grieche schloß: –
Und morgen ruft er mit Trompetenklang
In Mitten eurer Zelt' und Trojas Mauern,
Daß sich ein Griech' erheb' in Liebe treu.
Tritt einer auf, wird Hektor hoch ihn ehren;
Wenn keiner kommt, wird er in Troja sagen:
Die griech'schen Frau'n sind sonnverbrannt und unwert
Des Splitters einer Lanze. – Dies mein Auftrag.
AGAMEMNON.
So, Prinz, verkünd' ich's unsern Liebenden.
Hat keiner ein Gemüt also entzündet,
Kam keiner mit uns her. Doch wir sind Ritter:
Und sei mit Schmach vom Rittertum vertrieben,
Wer nicht schon liebt, geliebt hat, noch wird lieben!
Drum, wer in Lieb' ist, sein wird oder war,
Der stelle sich, sonst biet' ich selbst mich dar.
NESTOR.
Sag ihm vom Nestor, der ein Mann schon war,
Als Hektors Ältervater sog die Brust, –
Er ist nun alt, – doch findet sich im Heer
Kein edler Mann, in dem ein Funke glüht,
Zu stehn für seine Dame. – sag ihm dies:
Den Silberbart berg' ich im Goldvisier
Und in der Schiene den gewelkten Arm:
So tret' ich auf und sag' ihm, mein Gemahl
Besiegt' an Schönheit seine Ältermutter,
An Keuschheit alle. Seinem Jugendmut
Zeug' ich's mit meinen sieben Tropfen Blut.
ÄNEAS.
Verhüte Gott, daß Jugend also selten!
ULYSSES.
Amen!
AGAMEMNON.
Erlauchter Lord Äneas, reicht die Hand!
Ich führ' Euch, Herr, in unsern Pavillon:
Achill vernehme, was Ihr heut bestellt,
Und jeder griech'sche Ritter, Zelt für Zelt –
Dann speist mit uns, eh' Ihr nach Troja kehrt,
Und edler Feindesgruß sei Euch gewährt!
Sie gehn ab.
Es bleiben Ulysses und Nestor.
ULYSSES.
Nestor –
NESTOR.
Was sagt Ulysses?
ULYSSES.
In meinem Hirn erzeugt sich ein Gedanke;
Seid Ihr die Zeit, ihn zur Geburt zu fördern!
NESTOR.
Was ist es?
ULYSSES.
Dies: man sprengt mit stumpfem Keil
Den harten Klotz. Den überreifen Stolz,
Der hoch in Saat geschossen in dem üpp'gen
Achill, muß unsre Sichel schleunig mähn,
Sonst streut er rings dieselbe böse Saat,
Uns alle zu ersticken.
NESTOR.
Wohl! Und wie?
ULYSSES.
Der Kampf, zu dem der tapfre Hektor ruft, –
(Obschon in Allgemeinheit ausgesprochen)
Zielt doch zunächst allein nur auf Achill.
NESTOR.
Der Zweck ist augenfällig; wie ein Ganzes,
Des Großheit sich aus kleinen Teilen formt.
Und wird dies kund getan, so zweifle nicht,
Achilles, wär' auch sein Gehirn so trocken
Als Libyens Strand – (und doch, Apoll bezeug's,
's ist dürr genug), – wird mit eilfert'gem Urteil,
Ja, 'unverzüglich, Hektors Zweck durchschaun,
Daß er auf ihn gezielt.
ULYSSES.
Und sich der Ford'rung stellen, denkt Ihr?
NESTOR.
Ja;
So muß es sein. Wer mißt sich sonst mit ihm,
Der aus dem Kampf mit Hektorn Ehre brächte,
Als nur Achill? Ist's gleich ein Spielgefecht,
Hängt an der Kampfesprobe doch die Meinung.
Denn unser Köstlichstes schmeckt hier der Troer
Mit seinem feinsten Gaum, und glaubt, Ulysses,
Man wird unpassend schätzen unsre Würze
Nach dieser Eitelkeit; denn der Erfolg,
Obschon des einen Mannes, gibt den Ausschlag
Dem allgemeinen gut und schlimmen Ruf –
Und solcher Index (ob auch kleine Lettern,
Verglichen mit der Bände Folge) zeigt
In Kindsgestalt den Riesenkörper schon
Von dem, was kommen soll. – Man sieht im Streiter,
Der sich dem Hektor stellt, nur unsre Wahl:
Und Wahl, einmüt'ger Einklang alles Urteils,
Leiht Würde dem Erkornen, kocht heraus
Gleichsam von unsrer aller Wert und Kraft
Die Quintessenz des Manns. Mißlingt es dem,
Welch Herz faßt dann der Sieger in dem Kampf,
Die eingebild'te Ehre noch zu stählen!
Der Ehrenpunkt belebt dann jedes Werkzeug
Nicht minder kraftvoll, als Geschoß und Schwert
Vom Arm geführt.
ULYSSES.
Verzeihung meinem Wort!
Drum muß Achilles nicht mit Hektor kämpfen.
Zeigt wie ein Krämer erst die schlechtste Ware,
Vielleicht bringt Ihr sie an; geläng' es nicht,
Dann wird der Glanz der bessern Euch erhöht,
Zeigt Ihr die schlechte erst. Drum gebt nicht zu,
Daß Hektor und Achill zusammenfechten:
Sonst folgen unsrer Schmach wie unserm Ruhm
Zwei höchst verderbliche Gefährten nach.
NESTOR.
Mein altes Auge sieht sie nicht: wer sind sie?
ULYSSES.
Der Ruhm, den sich Achill erringt vom Hektor,
Wär' er nicht stolz, wir alle teilten ihn:
Doch allzu übermütig ward er schon;
Und lieber möcht' uns Libyens Sonne dörren,
Als seiner Augen Stolz und bittrer Hohn,
Besiegt ihn Hektor nicht: und wich' er ihm,
Zerstörten wir den allgemeinen Glauben
Durch unsres Helden Schmach. Nein, losen wir
Und lenken's klug, daß Tölpel Ajax ziehe
Das Blatt zum Kampf mit Hektor! Unter uns
Rühm' Euer Zeugnis ihn als besten Krieger;
Das wird Arznei dem großen Myrmidonen,
Der auf die Volksgunst pocht; dann sinkt sein Kamm,
Der stolz sich wie der Regenbogen bäumt.
Kommt der schwerköpf 'ge Ajax heil davon,
Erhebt ihn unser Lob; und schlägt's ihm fehl,
Dann bleibt doch stets die Meinung unverletzt,
Daß wir noch beßre haben. Wie's auch fällt,
Des Plans geheime Absicht muß gelingen:
Ajax, erwählt, rupft dem Achill die Schwingen.
NESTOR.
Ulysses,
Jetzt fängt dein Vorschlag an, mir einzuleuchten;
Und ungesäumt soll Agamemnon gleichfalls
Ihn kosten. – Gehn wir in sein Zelt sofort;
Hier zähm' ein Hund den andern: Stolz allein
Muß dieser Bullenbeißer Knochen sein.
Sie gehn ab.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.