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Der Kaufmann von Venedig

Erster Aufzug
Erste Szene

Venedig. Eine Straße.

Antonio, Salarino und Solanio treten auf.

ANTONIO.

Fürwahr, ich weiß nicht, was mich traurig macht:

Ich bin es satt; ihr sagt, das seid ihr auch.

Doch wie ich dran kam, wie mir's angeweht,

Von was für Stoff es ist, woraus erzeugt,

Das soll ich erst erfahren.

Und solchen Dummkopf macht aus mir die Schwermut,

Ich kenne mit genauer Not mich selbst.

SALARINO.

Eu'r Sinn treibt auf dem Ozean umher,

Wo Eure Galeonen, stolz besegelt,

Wie Herrn und reiche Bürger auf der Flut,

Als wären sie das Schaugepräng' der See,

Hinwegsehn über kleines Handelsvolk,

Das sie begrüßet, sich vor ihnen neigt,

Wie sie vorbeiziehn mit gewebten Schwingen.

SOLANIO.

Herr, glaubt mir, hätt' ich so viel auf dem Spiel,

Das beste Teil von meinem Herzen wäre

Bei meiner Hoffnung auswärts. Immer würd' ich

Gras pflücken, um den Zug des Winds zu sehn;

Nach Häfen, Reed' und Damm in Karten gucken,

Und alles, was mich Unglück fürchten ließ'

Für meine Ladungen, würd' ohne Zweifel

Mich traurig machen.

SALARINO.

Mein Hauch, der meine Suppe kühlte, würde

Mir Fieberschauer anwehn, dächt' ich dran,

Wie viel zur See ein starker Wind kann schaden.

Ich könnte nicht die Sanduhr rinnen sehn,

So dächt' ich gleich an Seichten und an Bänke,

Säh' meinen reichen Hans im Sande fest,

Das Haupt bis unter seine Rippen neigend,

Sein Grab zu küssen. Ging' ich in die Kirche

Und säh' das heilige Gebäu von Stein,

Sollt' ich nicht gleich an schlimme Felsen denken,

Die an das zarte Schiff nur rühren dürfen,

So streut es auf den Strom all sein Gewürz,

Und hüllt die wilde Flut in meine Seiden.

Und kurz, jetzt eben dies Vermögen noch,

Nun gar keins mehr? Soll ich, daran zu denken,

Gedanken haben, und mir doch nicht denken,

Daß solch ein Fall mich traurig machen würde?

Doch sagt mir nichts; ich weiß, Antonio

Ist traurig, weil er seines Handels denkt.

ANTONIO.

Glaubt mir, das nicht: ich dank' es meinem Glück,

Mein Vorschuß ist nicht einem Schiff vertraut,

Noch einem Ort; noch hängt mein ganz Vermögen

Am Glücke dieses gegenwärt'gen Jahrs:

Deswegen macht mein Handel mich nicht traurig.

SOLANIO.

So seid Ihr denn verliebt?

ANTONIO.

Pfui, pfui!

SOLANIO.

Auch nicht verliebt? Gut denn, so seid Ihr traurig,

Weil Ihr nicht lustig seid; Ihr könntet eben

Auch lachen, springen, sagen: Ihr seid lustig,

Weil Ihr nicht traurig seid. Nun, beim zweiköpf'gen Janus!

Natur bringt wunderliche Kauz' ans Licht:

Der drückt die Augen immer ein und lacht

Wie'n Starmatz über einen Dudelsack;

Ein andrer von so sauerm Angesicht,

Daß er die Zähne nicht zum Lachen wiese,

Schwür' Nestor auch, der Spaß sei lachenswert.

Bassanio, Lorenzo und Graziano kommen.

Hier kommt Bassanio, Euer edler Vetter,

Graziano und Lorenzo: lebt nun wohl,

Wir lassen Euch in besserer Gesellschaft.

SALARINO.

Ich wär' geblieben, bis ich Euch erheitert;

Nun kommen wert're Freunde mir zuvor.

ANTONIO.

Sehr hoch steht Euer Wert in meiner Achtung.

Ich nehm' es so, daß Euch Geschäfte rufen

Und Ihr den Anlaß wahrnehmt, wegzugehn.

SALARINO.

Guten Morgen, liebe Herren!

BASSANIO.

Ihr lieben Herrn, wann lachen wir einmal?

Ihr macht euch gar zu selten: muß das sein?

SALARINO.

Wir hoffen Euch bei Muße aufzuwarten.

Salarino und Solanio ab.

LORENZO.

Da Ihr Antonio gefunden habt,

Bassanio, wollen wir Euch nun verlassen.

Doch bitt' ich, denkt zur Mittagszeit daran,

Wo wir uns treffen sollen.

BASSANIO.

Rechnet drauf!

GRAZIANO.

Ihr seht nicht wohl, Signor Antonio;

Ihr macht Euch mit der Welt zu viel zu schaffen:

Der kommt darum, der mühsam sie erkauft.

Glaubt mir, Ihr habt Euch wunderbar verändert.

ANTONIO.

Mir gilt die Welt nur wie die Welt, Graziano:

Ein Schauplatz, wo man eine Rolle spielt,

Und mein' ist traurig.

GRAZIANO.

Laßt den Narr'n mich spielen,

Mit Lust und Lachen laßt die Runzeln kommen,

Und laßt die Brust von Wein mir lieber glühn,

Als härmendes Gestöhn das Herz mir kühlen.

Weswegen sollt' ein Mann mit warmem Blut

Da sitzen wie ein Großpapa, gehaun

In Alabaster? Schlafen, wenn er wacht?

Und eine Gelbsucht an den Leib sich ärgern?

Antonio, ich will dir etwas sagen;

Ich liebe dich, und Liebe spricht aus mir:

Es gibt so Leute, deren Angesicht

Sich überzieht gleich einem steh'nden Sumpf,

Und die ein eigensinnig Schweigen halten,

Aus Absicht, sich in einen Schein zu kleiden

Von Weisheit, Würdigkeit und tiefem Sinn;

Als wenn man spräche: »Ich bin Herr Orakel;

Tu' ich den Mund auf, rühr' sich keine Maus!«

O mein Antonio, ich kenne deren,

Die man deswegen bloß für Weise hält,

Weil sie nichts sagen: sprächen sie, sie brächten

Die Ohren, die sie hörten, in Verdammnis,

Weil sie die Brüder Narren schelten würden.

Ein andermal sag' ich dir mehr hievon.

Doch fische nicht mit so trübsel'gem Köder

Nach diesem Narrengründling, diesem Schein.

Komm, Freund Lorenzo! – Lebt so lange wohl:

Ich schließe meine Predigt nach der Mahlzeit.

LORENZO.

Gut, wir verlassen Euch bis Mittagszeit.

Ich muß von diesen stummen Weisen sein,

Denn Graziano läßt mich nie zum Wort.

GRAZIANO.

Gut, leiste mir zwei Jahre noch Gesellschaft,

So kennst du deiner Zunge Laut nicht mehr.

ANTONIO.

Lebt wohl! Ich werd' ein Schwätzer Euch zu lieb.

GRAZIANO.

Dank, fürwahr! denn Schweigen ist bloß zu empfehlen

An geräucherten Zungen und jungfräulichen Seelen.

Graziano und Lorenzo ab.

ANTONIO.

Ist das nun irgend was?

BASSANIO. Graziano spricht unendlich viel Nichts, mehr als irgendein Mensch in ganz Venedig. Seine vernünftigen Gedanken sind wie zwei Weizenkörner in zwei Scheffeln Spreu versteckt: Ihr sucht den ganzen Tag, bis Ihr sie findet, und wenn Ihr sie habt, so verlohnen sie das Suchen nicht.

ANTONIO.

Gut, sagt mir jetzt, was für ein Fräulein ist's,

Zu der geheime Wallfahrt Ihr gelobt,

Wovon Ihr heut zu sagen mir verspracht?

BASSANIO.

Euch ist nicht unbekannt, Antonio,

Wie sehr ich meinen Glücksstand hab' erschöpft,

Indem ich glänzender mich eingerichtet,

Als meine schwachen Mittel tragen konnten.

Auch jammr' ich jetzt nicht, daß die große Art

Mir untersagt ist; meine Sorg' ist bloß,

Mit Ehren von den Schulden los zu kommen,

Worin mein Leben, etwas zu verschwend'risch,

Mich hat verstrickt. Bei Euch, Antonio,

Steht meine größte Schuld, an Geld und Liebe,

Und Eure Liebe leistet mir Gewähr,

Daß ich Euch meine Plan' eröffnen darf,

Wie ich mich löse von der ganzen Schuld.

ANTONIO.

Ich bitt' Euch, mein Bassanio, laßt mich's wissen;

Und steht es, wie Ihr selber immer tut,

Im Angesicht der Ehre, seid gewiß:

Ich selbst, mein Beutel, was ich nur vermag,

Liegt alles offen da zu Euerm Dienst.

BASSANIO.

In meiner Schulzeit, wenn ich einen Bolzen

Verloren hatte, schoß ich seinen Bruder

Von gleichem Schlag den gleichen Weg; ich gab

Nur besser acht, um jenen auszufinden,

Und, beide wagend, fand ich beide oft.

Ich führ' Euch dieses Kinderbeispiel an,

Weil das, was folgt, die lautre Unschuld ist.

Ihr lieht mir viel, und wie ein wilder Junge

Verlor ich, was Ihr lieht; allein, beliebt's Euch,

Noch einen Pfeil desselben Wegs zu schießen,

Wohin der erste flog, so zweifl' ich nicht:

Ich will so lauschen, daß ich beide finde.

Wo nicht, bring' ich den letzten Satz zurück,

Und bleib' Eu'r Schuldner dankbar für den ersten.

ANTONIO.

Ihr kennt mich, und verschwendet nur die Zeit,

Da Ihr Umschweife macht mit meiner Liebe.

Unstreitig tut Ihr jetzt mir mehr zu nah,

Da Ihr mein Äußerstes in Zweifel zieht,

Als hättet Ihr mir alles durchgebracht.

So sagt mir also nur, was ich soll tun,

Wovon Ihr wißt, es kann durch mich geschehn,

Und ich bin gleich bereit: deswegen sprecht!

BASSANIO.

In Belmont ist ein Fräulein, reich an Erbe,

Und sie ist schön, und, schöner als dies Wort,

Von hohen Tugenden; von ihren Augen

Empfing ich holde stumme Botschaft einst.

Ihr Nam' ist Porzia; minder nicht an Wert

Als Catos Tochter, Brutus' Portia.

Auch ist die weite Welt des nicht unkundig,

Denn die vier Winde wehn von allen Küsten

Berühmte Freier her; ihr sonnig Haar

Wallt um die Schläf' ihr, wie ein goldnes Vlies:

Zu Kolchos' Strande macht es Belmonts Sitz,

Und mancher Jason kommt, bemüht um sie.

O mein Antonio! hätt' ich nur die Mittel,

Den Rang mit ihrer einem zu behaupten,

So weissagt mein Gemüt so günstig mir,

Ich werde sonder Zweifel glücklich sein.

ANTONIO.

Du weißt, mein sämtlich Gut ist auf der See;

Mir fehlt's an Geld und Anstalt, eine Summe

Gleich bar zu heben; also geh, sieh zu,

Was in Venedig mein Kredit vermag:

Den spann' ich an, bis auf das äußerste,

Nach Belmont dich für Porzia auszustatten.

Geh, frage gleich herum, ich will es auch,

Wo Geld zu haben: ich bin nicht besorgt,

Daß man uns nicht auf meine Bürgschaft borgt.

Beide ab.

Zweite Szene

Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause.

Porzia und Nerissa kommen.

PORZIA. Auf mein Wort, Nerissa, meine kleine Person ist dieser großen Welt überdrüssig.

NERISSA. Ihr würdet es sein, bestes Fräulein, wenn Euer Ungemach in ebenso reichem Maße wäre, als Euer gutes Glück ist. Und doch, nach allem, was ich sehe, sind die ebenso krank, die sich mit allzuviel überladen, als die bei nichts darben. Es ist also kein mittelmäßiges Los, im Mittelstande zu sein. Überfluß kommt eher zu grauen Haaren, aber Auskommen lebt länger.

PORZIA. Gute Sprüche, und gut vorgetragen!

NERISSA. Gut befolgt, wären sie besser.

PORZIA. Wäre tun so leicht, als wissen, was gut zu tun ist, so wären Kapellen Kirchen geworden, und armer Leute Hütten Fürstenpaläste. Der ist ein guter Prediger, der seine eignen Ermahnungen befolgt: – ich kann leichter zwanzig lehren, was gut zu tun ist, als einer von den zwanzigen sein und meine eignen Lehren befolgen. Das Gehirn kann Gesetze für das Blut aussinnen; aber eine hitzige Natur springt über eine kalte Vorschrift hinaus. Solch ein Hase ist Tollheit, der junge Mensch, daß er weghüpft über das Netz des Krüppels guter Rat. Aber dies Vernünfteln hilft mir nicht dazu, einen Gemahl zu wählen. – Oh, über das Wort wählen! Ich kann weder wählen, wen ich will; noch ausschlagen, wen ich nicht mag: so wird der Wille einer lebenden Tochter durch den letzten Willen eines toten Vaters gefesselt. Ist es nicht hart, Nerissa, daß ich nicht einen wählen und doch keinen ausschlagen darf?

NERISSA. Euer Vater war allzeit tugendhaft, und fromme Männer haben im Tode gute Eingebungen: also wird die Lotterie, die er mit diesen drei Kästchen von Gold, Silber und Blei ausgesonnen hat, daß der, welcher seine Meinung trifft, Euch erhält, ohne Zweifel von niemanden recht getroffen werden, als von einem, den Ihr recht liebt. Aber welchen Grad von Zuneigung fühlt Ihr gegen irgendeinen der fürstlichen Freier, die schon gekommen sind?

PORZIA. Ich bitte dich, nenne sie her: Wie du sie nennst, will ich sie beschreiben, und von meiner Beschreibung schließe auf meine Zuneigung.

NERISSA. Zuerst ist da der neapolitanische Prinz.

PORZIA. Das ist ein wildes Füllen, in der Tat. Er spricht von nichts als seinem Pferde, und bildet sich nicht wenig auf seine Talente ein, daß er es selbst beschlagen kann. Ich fürchte sehr, seine gnädige Frau Mutter hat es mit einem Schmied gehalten.

NERISSA. Ferner ist da der Pfalzgraf.

PORZIA. Er tut nichts wie stirnrunzeln, als wollt' er sagen: »Wenn Ihr mich nicht haben wollt, so laßt's!« Er hört lustige Geschichten an, und lächelt nicht. Ich fürchte, es wird der weinende Philosoph aus ihm, wenn er alt wird, da er in seiner Jugend so unhöflich finster sieht. Ich möchte lieber an einen Totenkopf mit dem Knochen im Munde verheiratet sein, als an einen von diesen. Gott beschütze mich vor beiden!

NERISSA. Was sagt Ihr denn zu dem französischen Herrn, Monsieur le Bon?

PORZIA. Gott schuf ihn, also laßt ihn für einen Menschen gelten. Im Ernst, ich weiß, daß es sündlich ist, ein Spötter zu sein; aber er! Ja doch, er hat ein besseres Pferd als der Neapolitaner; eine bessere schlechte Gewohnheit, die Stirn zu runzeln, als der Pfalzgraf; er ist jedermann und niemand. Wenn eine Drossel singt, so macht er gleich Luftsprünge; er ficht mit seinem eignen Schatten. Wenn ich ihn nähme, so nähme ich zwanzig Männer; wenn er mich verachtete, so vergäbe ich es ihm: denn er möchte mich bis zur Tollheit lieben, ich werde es niemals erwidern.

NERISSA. Was sagt Ihr denn zu Faulconbridge, dem jungen Baron aus England?

PORZIA. Ihr wißt, ich sage nichts zu ihm, denn er versteht mich nicht, noch ich ihn. Er kann weder Lateinisch, Französisch, noch Italienisch; und Ihr dürft wohl einen körperlichen Eid ablegen, daß ich nicht für einen Heller Englisch verstehe. Er ist eines feinen Mannes Bild – aber ach! wer kann sich mit einer stummen Figur unterhalten? Wie seltsam er gekleidet ist! Ich glaube, er kaufte sein Wams in Italien, seine weiten Beinkleider in Frankreich, seine Mütze in Deutschland, und sein Betragen allenthalben.

NERISSA. Was haltet Ihr von dem schottischen Herrn, seinem Nachbar?

PORZIA. Daß er eine christliche Nachbarnliebe an sich hat, denn er borgte eine Ohrfeige von dem Engländer und schwor, sie wieder zu bezahlen, wenn er imstande wäre; ich glaube, der Franzose ward sein Bürge und unterzeichnete für den andern.

NERISSA. Wie gefällt Euch der junge Deutsche, des Herzogs von Sachsen Neffe?

PORZIA. Sehr abscheulich des Morgens, wenn er nüchtern ist; und höchst abscheulich des Nachmittags, wenn er betrunken ist. Wenn er am besten ist, so ist er wenig schlechter als ein Mann, und wenn er am schlechtesten ist, wenig besser als ein Vieh. Komme das Schlimmste, was da will, ich hoffe, es soll mir doch glücken, ihn los zu werden.

NERISSA. Wenn er sich erböte zu wählen, und wählte das rechte Kästchen, so schlügt Ihr ab, Eures Vaters Willen zu tun, wenn Ihr abschlügt, ihn zu nehmen.

PORZIA. Aus Furcht vor dem Schlimmsten bitte ich dich also, setze einen Römer voll Rheinwein auf das falsche Kästchen: denn wenn der Teufel darin steckt, und diese Versuchung ist von außen daran, so weiß ich, er wird es wählen. Alles lieber, Nerissa, als einen Schwamm heiraten.

NERISSA. Ihr braucht nicht zu fürchten, Fräulein, daß Ihr einen von diesen Herrn bekommt; sie haben mir ihren Entschluß eröffnet, welcher in nichts anderm besteht, als sich nach Hause zu begeben und Euch nicht mehr mit Bewerbungen lästig zu fallen, Ihr müßtet denn auf eine andre Weise zu gewinnen sein, als nach Euers Vaters Vorschrift in Ansehung der Kästchen.

PORZIA. Sollte ich so alt werden wie Sibylla, will ich doch so keusch sterben wie Diana, wenn ich nicht dem letzten Willen meines Vaters gemäß erworben werde. Ich bin froh, daß diese Partei Freier so vernünftig ist; denn es ist nicht einer darunter, nach dessen Abwesenheit mich nicht sehnlichst verlangt, und ich bitte Gott, ihnen eine glückliche Reise zu verleihn.

NERISSA. Erinnert Ihr Euch nicht, Fräulein, von Eures Vaters Lebzeiten eines Venezianers, eines Studierten und Kavaliers, der in Gesellschaft des Marquis von Montferrat hieher kam?

PORZIA. Ja, ja, es war Bassanio; so, denke ich, nannte er sich.

NERISSA. Ganz recht, Fräulein. Von allen Männern, die meine törichten Augen jemals erblickt haben, war er eine schöne Frau am meisten wert.

PORZIA. Ich erinnre mich seiner wohl, und erinnre mich, daß er dein Lob verdient.

Ein Diener kommt.

Nun, was gibt es Neues?

BEDIENTER. Die vier Fremden suchen Euch, Fräulein, um Abschied zu nehmen; und es ist ein Vorläufer von einem fünften da, vom Prinzen von Marokko, der Nachricht bringt, daß sein Herr, der Prinz, zu Nacht hier sein wird.

PORZIA. Könnte ich den fünften mit so gutem Herzen willkommen heißen, als ich den vier andern Lebewohl sage, so wollte ich mich seiner Ankunft freuen. Hat er das Gemüt eines Heiligen und das Geblüt eines Teufels, so wollte ich lieber, er weihte mich, als er freite mich. Komm, Nerissa! – Geht voran, Bursch! – Derweil wir die Pforte hinter einem Freier verschließen, klopft ein andrer an die Tür.

Alle ab.

Dritte Szene

Venedig. Ein öffentlicher Platz.

Bassanio und Shylock treten auf.

SHYLOCK. Dreitausend Dukaten – gut.

BASSANIO. Ja, Herr, auf drei Monate.

SHYLOCK. Auf drei Monate – gut.

BASSANIO. Wofür, wie ich Euch sagte, Antonio Bürge sein soll.

SHYLOCK. Antonio Bürge sein soll – gut.

BASSANIO. Könnt Ihr mir helfen? Wollt Ihr mir gefällig sein? Soll ich Eure Antwort wissen?

SHYLOCK. Dreitausend Dukaten, auf drei Monate, – und Antonio Bürge.

BASSANIO. Eure Antwort darauf?

SHYLOCK. Antonio ist ein guter Mann.

BASSANIO. Habt Ihr irgendeine Beschuldigung des Gegenteils wider ihn gehört?

SHYLOCK. Ei nein, nein, nein! – Wenn ich sage, er ist ein guter Mann, so meine ich damit, versteht mich, daß er vermögend ist. Aber seine Mittel stehen auf Hoffnung: er hat eine Galeone, die auf Tripolis geht, eine andre nach Indien. Ich höre ferner auf dem Rialto, daß er eine dritte zu Mexiko hat, eine vierte nach England – und so hat er noch andre Auslagen in der Fremde verstreut. Aber Schiffe sind nur Bretter, Matrosen sind nur Menschen; es gibt Landratten und Wasserratten, Wasserdiebe und Landdiebe – ich will sagen, Korsaren, und dann haben wir die Gefahr von Wind, Wellen und Klippen. – Der Mann ist bei alle dem vermögend – dreitausend Dukaten – ich denke, ich kann seine Bürgschaft annehmen.

BASSANIO. Seid versichert, Ihr könnt es.

SHYLOCK. Ich will versichert sein, daß ich es kann; und damit ich versichert sein kann, will ich mich bedenken. Kann ich Antonio sprechen?

BASSANIO. Wenn es Euch beliebt, mit uns zu speisen.

SHYLOCK. Ja, um Schinken zu riechen, von der Behausung zu essen, wo euer Prophet, der Nazarener, den Teufel hineinbeschwor. Ich will mit euch handeln und wandeln, mit euch stehen und gehen, und was dergleichen mehr ist; aber ich will nicht mit euch essen, mit euch trinken, noch mit euch beten. Was gibt es Neues auf dem Rialto? – Wer kommt da?

Antonio kommt.

BASSANIO.

Das ist Signor Antonio.

SHYLOCK für sich.

Wie sieht er einem falschen Zöllner gleich!

Ich hass' ihn, weil er von den Christen ist,

Doch mehr noch, weil er aus gemeiner Einfalt

Umsonst Geld ausleiht und hier in Venedig

Den Preis der Zinsen uns herunterbringt.

Wenn ich ihm 'mal die Hüfte rühren kann,

So tu' ich meinem alten Grolle gütlich.

Er haßt mein heilig Volk, und schilt selbst da,

Wo alle Kaufmannschaft zusammen kommt,

Mich, mein Geschäft und rechtlichen Gewinn,

Den er nur Wucher nennt. – Verflucht mein Stamm,

Wenn ich ihm je vergebe!

BASSANIO.

Shylock, hört Ihr?

SHYLOCK.

Ich überlege meinen baren Vorrat;

Doch, wie ich's ungefähr im Kopfe habe,

Kann ich die volle Summe von dreitausend

Dukaten nicht gleich schaffen. – Nun, was tut's?

Tubal, ein wohlbegüterter Hebräer,

Hilft mir schon aus. – Doch still! auf wie viel Monat

Begehrt Ihr! –

Zu Antonio.

Geh's Euch wohl, mein werter Herr!

Von Euer Edlen war die Rede eben.

ANTONIO.

Shylock, wiewohl ich weder leih' noch borge,

Um Überschuß zu geben oder nehmen,

Doch will ich, weil mein Freund es dringend braucht,

Die Sitte brechen. – Ist er unterrichtet,

Wie viel er wünscht?

SHYLOCK.

Ja, ja, dreitausend Dukaten.

ANTONIO.

Und auf drei Monat.

SHYLOCK.

Ja, das vergaß ich – auf drei Monat also.

Nun gut denn, Eure Bürgschaft! Laßt mich sehn –

Doch hört mich an: Ihr sagtet, wie mich dünkt,

Daß Ihr auf Vorteil weder leiht noch borgt.

ANTONIO.

Ich pfleg' es nie.

SHYLOCK.

Als Jakob Labans Schafe hütete –

Er war nach unserm heil'gen Abraham,

Weil seine Mutter weislich für ihn schaffte,

Der dritte Erbe – ja, ganz recht, der dritte.

ANTONIO.

Was tut das hier zur Sache? Nahm er Zinsen?

SHYLOCK.

Nein, keine Zinsen; was man Zinsen nennt,

Das grade nicht: gebt acht, was Jakob tat:

Als er mit Laban sich verglichen hatte,

Was von den Lämmern bunt und sprenklicht fiele,

Das sollte Jakobs Lohn sein, kehrten sich

Im Herbst die brünst'gen Mütter zu den Widdern;

Und wenn nun zwischen dieser woll'gen Zucht

Das Werk der Zeugung vor sich ging, so schälte

Der kluge Schäfer Euch gewisse Stäbe,

Und weil sie das Geschäft der Paarung trieben,

Steckt' er sie vor den geilen Müttern auf,

Die so empfingen; und zur Lämmerzeit

Fiel alles buntgesprengt und wurde Jakobs.

So kam er zum Gewinn und ward gesegnet:

Gewinn ist Segen, wenn man ihn nicht stiehlt.

ANTONIO.

Dies war ein Glücksfall, worauf Jakob diente;

In seiner Macht stand's nicht, es zu bewirken,

Des Himmels Hand regiert' und lenkt' es so.

Steht dies, um Zinsen gut zu heißen, da?

Und ist Eu'r Gold und Silber Schaf' und Widder?

SHYLOCK.

Weiß nicht; ich lass' es eben schnell sich mehren.

Doch hört mich an, Signor!

ANTONIO.

Siehst du, Bassanio,

Der Teufel kann sich auf die Schrift berufen.

Ein arg Gemüt, das heil'ges Zeugnis vorbringt,

Ist wie ein Schalk mit Lächeln auf der Wange,

Ein schöner Apfel, in dem Herzen faul.

Oh, wie der Falschheit Außenseite glänzt!

SHYLOCK.

Dreitausend Dukaten – 's ist 'ne runde Summe.

(Drei Mond' auf zwölf – laßt sehen, was das bringt!)

ANTONIO.

Nun, Shylock, soll man Euch verpflichtet sein?

SHYLOCK.

Signor Antonio, viel und oftermals

Habt Ihr auf dem Rialto mich geschmäht

Um meine Gelder und um meine Zinsen;

Stets trug ich's mit geduld'gem Achselzucken,

Denn Dulden ist das Erbteil unsers Stamms.

Ihr scheltet mich abtrünnig, einen Bluthund,

Und speit auf meinen jüd'schen Rockelor,

Bloß weil ich nutze, was mein eigen ist.

Gut denn, nun zeigt es sich, daß Ihr mich braucht.

Da habt Ihr's; Ihr kommt zu mir, und Ihr sprecht:

»Shylock, wir wünschten Gelder.« So sprecht Ihr,

Der mir den Auswurf auf den Bart geleert

Und mich getreten, wie Ihr von der Schwelle

Den fremden Hund stoßt: Geld ist Eu'r Begehren.

Wie sollt' ich sprechen nun? Sollt' ich nicht sprechen:

»Hat ein Hund Geld? Ist's möglich, daß ein Spitz

Dreitausend Dukaten leihn kann?« oder soll ich

Mich bücken, und in eines Schuldners Ton,

Demütig wispernd, mit verhaltnem Odem,

So sprechen: »Schöner Herr, am letzten Mittwoch

Spiet Ihr mich an; Ihr tratet mich den Tag;

Ein andermal hießt Ihr mich einen Hund:

Für diese Höflichkeiten will ich Euch

Die und die Gelder leihn.«

ANTONIO.

Ich könnte leichtlich wieder so dich nennen,

Dich wieder anspein, ja mit Füßen treten.

Willst du dies Geld uns leihen, leih' es nicht

Als deinen Freunden (denn wann nahm die Freundschaft

Vom Freund Ertrag für unfruchtbar Metall?);

Nein, leih' es lieber deinem Feind: du kannst,

Wenn er versäumt, mit beßrer Stirn eintreiben,

Was dir verfallen ist.

SHYLOCK.

Nun seht mir, wie Ihr stürmt!

Ich wollt' Euch Liebes tun, Freund mit Euch sein,

Die Schmach vergessen, die Ihr mir getan,

Das Nöt'ge schaffen, und keinen Heller Zins

Für meine Gelder nehmen; und Ihr hört nicht:

Mein Antrag ist doch liebreich.

ANTONIO.

Ja, das ist er.

SHYLOCK.

Und diese Liebe will ich Euch erweisen.

Geht mit mir zum Notarius, da zeichnet

Mir Eure Schuldverschreibung; und zum Spaß,

Wenn Ihr mir nicht auf den bestimmten Tag,

An dem bestimmten Ort, die und die Summe,

Wie der Vertrag nun lautet, wiederzahlt:

Laßt uns ein volles Pfund von Eurem Fleisch

Zur Buße setzen, daß ich schneiden dürfe

Aus welchem Teil von Eurem Leib ich will.

ANTONIO.

Es sei, aufs Wort! Ich will den Schein so zeichnen

Und sagen, daß ein Jude liebreich ist.

BASSANIO.

Ihr sollt für mich dergleichen Schein nicht zeichnen:

Ich bleibe dafür lieber in der Not.

ANTONIO.

Ei, fürchte nichts! Ich werde nicht verfallen.

Schon in zwei Monden, einen Monat früher

Als die Verschreibung fällig, kommt gewiß

Zehnfältig der Betrag davon mir ein.

SHYLOCK.

O Vater Abraham! über diese Christen,

Die eigne Härte anderer Gedanken

Argwöhnen lehrt! Ich bitt' Euch, sagt mir doch:

Versäumt er seinen Tag, was hätt' ich dran,

Die mir verfallne Buße einzutreiben?

Ein Pfund von Menschenfleisch, von einem Menschen

Genommen, ist so schätzbar, auch so nutzbar nicht,

Als Fleisch von Schöpsen, Ochsen, Ziegen. Seht,

Ihm zu Gefallen biet' ich diesen Dienst:

Wenn er ihn annimmt, gut; wo nicht, lebt wohl,

Und, bitt' Euch, kränkt mich nicht für meine Liebe!

ANTONIO.

Ja, Shylock, ich will diesen Schein dir zeichnen.

SHYLOCK.

So trefft mich gleich im Hause des Notars,

Gebt zu dem lust'gen Schein ihm Anweisung;

Ich gehe, die Dukaten einzusacken,

Nach meinem Haus zu sehn, das in der Hut

Von einem lockern Buben hinterblieb,

Und will im Augenblicke bei Euch sein.

ANTONIO.

So eil' dich, wackrer Jude! –

Shylock ab.

Der Hebräer

Wird noch ein Christ: er wendet sich zur Güte.

BASSANIO.

Ich mag nicht Freundlichkeit bei tückischem Gemüte.

ANTONIO.

Komm nur! Hiebei kann kein Bedenken sein:

Längst vor der Zeit sind meine Schiff' herein.

Ab.

Zweiter Aufzug
Erste Szene

Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause.

Trompetenstoß. Der Prinz von Marokko und sein Zug; Porzia, Nerissa und andere von ihrem Gefolge treten auf.

MAROKKO.

Verschmähet mich um meine Farbe nicht,

Die schattige Livrei der lichten Sonne,

Die mich als nahen Nachbar hat gepflegt.

Bringt mir den schönsten Mann, erzeugt im Norden,

Wo Phöbus' Glut die Zacken Eis kaum schmelzt,

Und ritzen wir uns Euch zu lieb die Haut,

Wes Blut am rötsten ist, meins oder seins.

Ich sag' Euch, Fräulein, dieses mein Gesicht

Hat Tapfre schon geschreckt; bei meiner Liebe schwör' ich,

Die edlen Jungfrau'n meines Landes haben

Es auch geliebt: ich wollte diese Farbe

Nicht anders tauschen, als um Euren Sinn

Zu stehlen, meine holde Königin.

PORZIA.

Bei meiner Wahl lenkt mich ja nicht allein

Die zarte Fod'rung eines Mädchenauges.

Auch schließt das Los, woran mein Schicksal hängt,

Mich von dem Recht des freien Wählens aus.

Doch, hätte mich mein Vater nicht beengt,

Mir aufgelegt durch seinen Willen, dem

Zur Gattin mich zu geben, welcher mich

Auf solche Art gewinnt, wie ich Euch sagte:

Ihr hättet gleichen Anspruch, großer Prinz,

Mit jedem Freier, den ich sah bis jetzt,

Auf meine Neigung.

MAROKKO.

Habt auch dafür Dank!

Drum führt mich zu den Kästchen, daß ich gleich

Mein Glück versuche. Bei diesem Säbel, der

Den Sophi schlug und einen Perserprinz,

Der dreimal Sultan Soliman besiegt, –

Die wildsten Augen wollt' ich überblitzen,

Das kühnste Herz auf Erden übertrotzen,

Die Jungen reißen von der Bärin weg,

Ja, wenn er brüllt nach Raub, den Löwen höhnen,

Dich zu gewinnen, Fräulein! Aber ach!

Wenn Herkules und Lichas Würfel spielen,

Wer tapfer ist: so kann der beßre Wurf

Durch Zufall kommen aus der schwächern Hand,

So unterliegt Alcides seinem Knaben,

Und so kann ich, wenn blindes Glück mich führt,

Verfehlen, was dem minder Würd'gen wird,

Und Grames sterben.

PORZIA.

Ihr müßt Eu'r Schicksal nehmen,

Es überhaupt nicht wagen, oder schwören,

Bevor Ihr wählet, wenn Ihr irrig wählt,

In Zukunft nie mit irgendeiner Frau

Von Eh' zu sprechen: also seht Euch vor!

MAROKKO.

Ich will's auch nicht; kommt, bringt mich zur Entscheidung!

PORZIA.

Vorher zum Tempel; nach der Mahlzeit mögt Ihr

Das Los versuchen.

MAROKKO.

Gutes Glück also!

Bald über alles elend oder froh.

Alle ab.

Zweite Szene

Venedig. Eine Straße.

Lanzelot Gobbo kommt.

LANZELOT. Sicherlich, mein Gewissen läßt mir's zu, von diesem Juden, meinem Herrn, wegzulaufen. Der böse Feind ist mir auf der Ferse und versucht mich und sagt zu mir: »Gobbo, Lanzelot Gobbo, guter Lanzelot«, oder »guter Gobbo«, oder »guter Lanzelot Gobbo, (brauch' deine Beine,) reiß' aus, lauf' davon!« Mein Gewissen sagt: »Nein, hüte dich; ehrlicher Lanzelot; hüte dich, ehrlicher Gobbo; (oder, wie obgemeld't, ehrlicher Lanzelot Gobbo;) lauf' nicht, laß das Ausreißen bleiben!« Gut, der überaus herzhafte Feind heißt mich aufpacken: »Marsch!« sagt der Feind; »fort!« sagt der Feind, »um des Himmels willen; faß dir ein wackres Herz«, sagt der Feind, »und lauf'!« Gut, mein Gewissen hängt sich meinem Herzen um den Hals und sagt sehr weislich zu mir: »Mein ehrlicher Freund Lanzelot, da du eines ehrlichen Mannes Sohn bist«, oder vielmehr eines ehrlichen Weibes Sohn; denn die Wahrheit zu sagen, mein Vater hatte einen kleinen Beigeschmack, er war etwas an säuerlich. – Gut, mein Gewissen sagt: »Lanzelot, weich' und wanke nicht!« – »Weiche«, sagt der Feind; »wanke nicht«, sagt mein Gewissen. »Gewissen«, sage ich, »dein Rat ist gut«; »Feind«, sage ich, »dein Rat ist gut«; lasse ich mich durch mein Gewissen regieren, so bleibe ich bei dem Juden, meinem Herrn, der, Gott sei mir gnädig! eine Art von Teufel ist. Laufe ich von dem Juden weg, so lasse ich mich durch den bösen Feind regieren, der, mit Respekt zu sagen, der Teufel selber ist. Gewiß, der Jude ist der wahre eingefleischte Teufel, und auf mein Gewissen, mein Gewissen ist gewissermaßen ein hartherziges Gewissen, daß es mir raten will, bei dem Juden zu bleiben. Der Feind gibt mir einen freundschaftlichen Rat: ich will laufen, Feind! Meine Fersen stehn dir zu Gebote, ich will laufen.

Der alte Gobbo kommt mit einem Korbe.

GOBBO. Musje, junger Herr, er da, sei er doch so gut: wo gehe ich wohl zu des Herrn Juden seinem Hause hin?

LANZELOT beiseit. O Himmel! mein eheleiblicher Vater, der zwar nicht pfahlblind, aber doch so ziemlich stockblind ist, und mich nicht kennt. Ich will mir einen Spaß mit ihm machen.

GOBBO. Musje, junger Herr, sei er so gut: wo gehe ich zu des Herrn Juden seinem Hause hin?

LANZELOT. Schlagt Euch rechter Hand an der nächsten Ecke, aber bei der allernächsten Ecke linker Hand; versteht, bei der ersten nächsten Ecke schlagt Euch weder rechts noch links, sondern dreht Euch schnurgerade aus nach des Juden seinem Hause herum.

GOBBO. Potz Wetterchen, das wird ein schlimmer Weg zu finden sein. Könnt Ihr mir nicht sagen, ob ein gewisser Lanzelot, der sich bei ihm aufhält, sich bei ihm aufhält oder nicht?

LANZELOT.

Sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot?

Beiseit.

Nun gebt Achtung, nun will ich loslegen. –

Sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot?

GOBBO. Kein Monsieur, Herr, sondern eines armen Mannes Sohn; sein Vater, ob ich es schon sage, ist ein herzlich armer Mann und, Gott sei Dank, recht wohl auf.

LANZELOT. Gut, sein Vater mag sein, was er will: hier ist die Rede vom jungen Monsieur Lanzelot.

GOBBO. Eurem gehorsamen Diener und Lanzelot, Herr.

LANZELOT. Ich bitte Euch demnach, alter Mann, demnach ersuche ich Euch: sprecht Ihr vom jungen Monsieur Lanzelot?

GOBBO. Von Lanzelot, wenn's Eu'r Gnaden beliebt.

LANZELOT. Demnach Monsieur Lanzelot. Sprecht nicht von Monsieur Lanzelot, Vater; denn der junge Herr ist (vermöge der Schickungen und Verhängnisse und solcher wunderlichen Redensarten, der drei Schwestern und dergleichen Fächern der Gelahrtheit) in Wahrheit Todes verblichen, oder, um es rund heraus zu sagen, in die Ewigkeit gegangen.

GOBBO. Je, da sei Gott vor! Der Junge war so recht der Stab meines Alters, meine beste Stütze.

LANZELOT. Seh' ich wohl aus wie ein Knittel oder wie ein Zaunpfahl, wie ein Stab oder eine Stütze? – Kennt Ihr mich, Vater?

GOBBO. Ach du liebe Zeit, ich kenne Euch nicht, junger Herr; aber ich bitte Euch, sagt mir, ist mein Junge – Gott hab' ihn selig! – lebendig oder tot?

LANZELOT. Kennt Ihr mich nicht, Vater?

GOBBO. Lieber Himmel, ich bin ein alter blinder Mann, ich kenne Euch nicht.

LANZELOT. Nun wahrhaftig, wenn Ihr auch Eure Augen hättet, so könntet Ihr mich doch wohl nicht kennen: das ist ein weiser Vater, der sein eignes Kind kennt. Gut, alter Mann, ich will Euch Nachricht von Eurem Sohne geben. Gebt mir Euren Segen! Wahrheit muß ans Licht kommen. Ein Mord kann nicht lange verborgen bleiben, eines Menschen Sohn kann's; aber zuletzt muß die Wahrheit heraus.

GOBBO. Ich bitte Euch, Herr, steht auf; ich bin gewiß, Ihr seid mein Junge Lanzelot nicht.

LANZELOT. Ich bitte Euch, laßt uns weiter keine Possen damit treiben, sondern gebt mir Euern Segen! Ich bin Lanzelot, Euer Junge der da war, Euer Sohn der da ist, Euer Kind das da sein wird.

GOBBO. Ich kann mir nicht denken, daß Ihr mein Sohn seid.

LANZELOT. Ich weiß nicht, was ich davon denken soll, aber ich bin Lanzelot, des Juden Diener; und ich bin gewiß, Margrete, Eure Frau, ist meine Mutter.

GOBBO. Ganz recht, ihr Name ist Margrete: ich will einen Eid tun, wenn du Lanzelot bist, so bist du mein eigen Fleisch und Blut. Gott im Himmelsthrone! was hast du für einen Bart gekriegt? Du hast mehr Haar am Kinne, als mein Karrengaul Fritz am Schwanze hat.

LANZELOT. Je, so läßt's ja, als ob Fritz sein Schwanz rückwärts wüchse: ich weiß doch, er hatte mehr Haar im Schwanze als ich im Gesicht, da ich ihn das letztemal sah.

GOBBO. Herr Je, wie du dich verändert hast! Wie verträgst du dich mit deinem Herrn? Ich bringe ihm ein Präsent; nun, wie vertragt ihr euch?

LANZELOT. Gut, gut; aber für meine Person, da ich mich darauf gesetzt habe, davon zu laufen, so will ich mich nicht eher niedersetzen, als bis ich ein Stück Weges gelaufen bin. Mein Herr ist ein rechter Jude: ihm ein Präsent geben! Einen Strick gebt ihm. Ich bin ausgehungert in seinem Dienst; Ihr könnt jeden Finger, den ich habe, mit meinen Rippen zählen. Vater, ich bin froh, daß Ihr gekommen seid. Gebt mir Euer Präsent für einen gewissen Herrn Bassanio, der wahrhaftig prächtige neue Livreien gibt. Komme ich nicht bei ihm in Dienst, so will ich laufen, so weit Gottes Erdboden reicht. – Welch ein Glück! da kommt er selbst. Macht Euch an ihn, Vater, denn ich will ein Jude sein, wenn ich bei dem Juden länger diene.

Bassanio kommt mit Leonardo und andern Begleitern.

BASSANIO. Das könnt Ihr tun – aber seid so bei der Hand, daß das Abendessen spätestens um fünf Uhr fertig ist. Besorgt diese Briefe, gebt diese Livreien in Arbeit, und bittet Graziano, sogleich in meine Wohnung zu kommen.

Ein Bedienter ab.

LANZELOT. Macht Euch an ihn, Vater!

GOBBO. Gott segne Euer Gnaden!

BASSANIO. Großen Dank! Willst du was von mir?

GOBBO. Da ist mein Sohn, Herr, ein armer Junge –

LANZELOT. Kein armer Junge, Herr, sondern des reichen Juden Diener, der gerne möchte, wie mein Vater spezifizieren wird –

GOBBO. Er hat, wie man zu sagen pflegt, eine große Deklinazion zu dienen –

LANZELOT. Wirklich, das Kurze und das Lange von der Sache ist, ich diene dem Juden und trage Verlangen, wie mein Vater spezifizieren wird –

GOBBO. Sein Herr und er (mit Respekt vor Euer Gnaden zu sagen) vertragen sich wie Katzen und Hunde –

LANZELOT. Mit einem Worte, die reine Wahrheit ist, daß der Jude, da er mir unrecht getan, mich nötigt, wie mein Vater, welcher, so Gott will, ein alter Mann ist, notifizieren wird –

GOBBO. Ich habe hier ein Gericht Tauben, die ich bei Euer Gnaden anbringen möchte, und mein Gesuch ist –

LANZELOT. In aller Kürze, das Gesuch interzediert mich selbst, wie Euer Gnaden von diesem ehrlichen alten Mann hören werden, der, obschon ich es sage, obschon ein alter Mann, doch ein armer Mann und mein Vater ist.

BASSANIO. Einer spreche für beide. Was wollt Ihr?

LANZELOT. Euch dienen, Herr.

GOBBO. Ja, das wollten wir Euch gehormsamst opponieren.

BASSANIO.

Ich kenne dich, die Bitt' ist dir gewährt:

Shylock, dein Herr, hat heut mit mir gesprochen

Und dich befördert; wenn's Beförd'rung ist,

Aus eines reichen Juden Dienst zu gehn,

Um einem armen Edelmann zu folgen.

LANZELOT. Das alte Sprichwort ist recht schön verteilt zwischen meinem Herrn Shylock und Euch, Herr: Ihr habt die Gnade Gottes, und er hat genug.

BASSANIO.

Du triffst es. Vater, geh mit deinem Sohn;

Nimm Abschied erst von deinem alten Herrn

Und frage dich nach meiner Wohnung hin.

Zu seinen Begleitern.

Ihr, gebt ihm eine nettere Livrei

Als seinen Kameraden: sorgt dafür!

LANZELOT. Kommt her, Vater! – Ich kann keinen Dienst kriegen; nein! Ich habe gar kein Mundwerk am Kopfe. – Gut, Er besieht seine flache Hand. wenn einer in ganz Italien eine schönere Tafel hat, damit auf die Schrift zu schwören – ich werde gut Glück haben: ohne Umstände, hier ist eine ganz schlechte Lebenslinie; hier ist 'ne Kleinigkeit an Frauen. Ach, funfzehn Weiber sind nichts! eilf Witwen und neun Mädchen ist ein knappes Auskommen für einen Mann. Und dann, dreimal ums Haar zu ersaufen, und mich an der Ecke eines Federbettes beinah' tot zu stoßen – das heiße ich gut davon kommen! Gut, wenn Glück ein Weib ist, so ist sie doch eine gute Dirne mit ihrem Kram. – Kommt, Vater, ich nehme in einem Umsehn von dem Juden Abschied.

Lanzelot und der alte Gobbo ab.

BASSANIO.

Tu' das, ich bitt' dich, guter Leonardo;

Ist dies gekauft und ordentlich besorgt,

Komm schleunig wieder; denn zu Nacht bewirt' ich

Die besten meiner Freunde; eil' dich, geh!

LEONARDO.

Verlaßt Euch auf mein eifrigstes Bemühn!

Graziano kommt.

GRAZIANO.

Wo ist dein Herr?

LEONARDO.

Er geht da drüben, Herr.

Leonardo ab.

GRAZIANO. Signor Bassanio!

BASSANIO. Graziano!

GRAZIANO. Ich habe ein Gesuch an Euch.

BASSANIO. Ihr habt es schon erlangt.

GRAZIANO. Ihr müßt mir's nicht weigern, ich muß mit Euch nach Belmont gehen.

BASSANIO.

Nun ja, so müßt Ihr, – aber hör', Graziano,

Du bist zu wild, zu rauh, zu keck im Ton;

Ein Wesen, welches gut genug dir steht,

Und Augen, wie die unsern, nicht mißfällt.

Doch wo man dich nicht kennt, ja, da erscheint

Es allzufrei; drum nimm die Müh', und dämpfe

Mit ein paar kühlen Tropfen Sittsamkeit

Den flücht'gen Geist, daß ich durch deine Wildheit

Dort nicht mißdeutet werd' und meine Hoffnung

Zu Grunde geht.

GRAZIANO.

Signor Bassanio, hört mich:

Wenn ich mich nicht zu feinem Wandel füge,

Mit Ehrfurcht red' und dann und wann nur fluche,

Gebetbuch in der Tasche, Kopf geneigt;

Ja, selbst beim Tischgebet so vors Gesicht

Den Hut mir halt' und seufz' und Amen sage;

Nicht allen Brauch der Höflichkeit erfülle,

Wie einer, der, der Großmama zu lieb,

Scheinheilig tut: so traut mir niemals mehr!

BASSANIO.

Nun gut, wir werden sehn, wie Ihr Euch nehmt.

GRAZIANO.

Nur heute nehm' ich aus; das gilt nicht mit,

Was ich heut abend tu'.

BASSANIO.

Nein, das wär' schade;

Ich bitt' Euch lieber, in den kecksten Farben

Der Lust zu kommen; denn wir haben Freunde,

Die lustig wollen sein. Lebt wohl indes,

Ich habe ein Geschäft.

GRAZIANO.

Und ich muß zu Lorenzo und den andern,

Doch auf den Abend kommen wir zu Euch.

Alle ab.

Dritte Szene

Ein Zimmer in Shylocks Hause. Jessica und Lanzelot kommen.

JESSICA.

Es tut mir leid, daß du uns so verläßt:

Dies Haus ist Hölle, und du, ein lust'ger Teufel,

Nahmst ihm ein Teil von seiner Widrigkeit.

Doch lebe wohl! (da hast du 'nen Dukaten!)

Und, Lanzelot, du wirst beim Abendessen

Lorenzo sehn, als Gast von deinem Herrn.

Dann gib ihm diesen Brief, tu' es geheim;

Und so leb wohl, daß nicht etwa mein Vater

Mich mit dir reden sieht.

LANZELOT. Adieu! – Tränen müssen meine Zunge vertreten, allerschönste Heidin! allerliebste Jüdin! Wenn ein Christ nicht zum Schelm an dir wird und dich bekommt, so trügt mich alles. Aber adieu! Diese törichten Tropfen erweichen meinen männlichen Mut allzusehr. Ab.

JESSICA.

Leb wohl, du Guter!

Ach nein, gehässig ist es nicht von mir,

Daß ich des Vaters Kind zu sein mich schäme.

Doch, bin ich seines Blutes Tochter schon,

Bin ich's nicht seines Herzens. O Lorenzo,

Hilf mir dies lösen! Treu dem Worte bleib'!

So werd' ich Christin und dein liebend Weib.

Vierte Szene

Eine Straße.

Graziano, Lorenzo, Salarino und Solanio treten auf.

LORENZO.

Nun gut, wir schleichen weg vom Abendessen,

Verkleiden uns in meinem Haus und sind

In einer Stunde alle wieder da.

GRAZIANO.

Wir haben uns nicht recht darauf gerüstet.

SALARINO.

Auch keine Fackelträger noch bestellt.

SOLANIO.

Wenn es nicht zierlich anzuordnen steht,

So ist es nichts, und unterbliebe besser.

LORENZO.

's ist eben vier; wir haben noch zwei Stunden

Zur Vorbereitung.

Lanzelot kommt mit einem Briefe.

Freund Lanzelot, was bringst du?

LANZELOT. Wenn's Euch beliebt, dies aufzubrechen, so wird es gleichsam andeuten.

LORENZO.

Ich kenne wohl die Hand: ja, sie ist schön,

Und weißer als das Blatt, worauf sie schrieb,

Ist diese schöne Hand.

GRAZIANO.

Auf meine Ehre, eine Liebesbotschaft.

LANZELOT.

Mit Eurer Erlaubnis, Herr.

LORENZO.

Wo willst du hin?

LANZELOT. Nun, Herr, ich soll meinen alten Herrn, den Juden, zu meinem neuen Herrn, dem Christen, auf heute zum Abendessen laden.

LORENZO.

Da nimm dies; sag der schönen Jessica,

Daß ich sie treffen will. – Sag's heimlich! Geh!

Lanzelot ab.

Ihr Herrn,

Wollt ihr euch zu dem Maskenzug bereiten?

Ich bin versehn mit einem Fackelträger.

SALARINO.

Ja, auf mein Wort, ich gehe gleich danach.

SOLANIO.

Das will ich auch.

LORENZO.

Trefft mich und Graziano

In einer Stund' in Grazianos Haus.

SALARINO.

Gut das, es soll geschehn.

Salarino und Solanio ab.

GRAZIANO.

Der Brief kam von der schönen Jessica?

LORENZO.

Ich muß dir's nur vertraun; sie gibt mir an,

Wie ich sie aus des Vaters Haus entführe;

Sie sei versehn mit Gold und mit Juwelen,

Ein Pagenanzug liege schon bereit.

Kommt je der Jud', ihr Vater, in den Himmel,

So ist's um seiner holden Tochter willen;

Und nie darf Unglück in den Weg ihr treten,

Es möchte dann mit diesem Vorwand sein,

Daß sie von einem falschen Juden stammt.

Komm, geh mit mir, und lies im Gehn dies durch:

Mir trägt die schöne Jessica die Fackel.

Beide ab.

Fünfte Szene

Vor Shylocks Hause.

Shylock und Lanzelot kommen.

SHYLOCK.

Gut, du wirst sehn, mit deinen eignen Augen,

Des alten Shylocks Abstand von Bassanio.

He, Jessica! – Du wirst nicht voll dich stopfen,

Wie du bei mir getan – He, Jessica! –

Und liegen, schnarchen, Kleider nur zerreißen –

He, sag' ich, Jessica!

LANZELOT.

He, Jessica!

SHYLOCK. Wer heißt dich schrein? Ich hab's dir nicht geheißen.

LANZELOT. Euer Edlen pflegten immer zu sagen, ich könnte nichts ungeheißen tun.

Jessica kommt.

JESSICA.

Ruft Ihr? Was ist Euch zu Befehl?

SHYLOCK.

Ich bin zum Abendessen ausgebeten:

Da hast du meine Schlüssel, Jessica.

Zwar weiß ich nicht, warum ich geh': sie bitten

Mich nicht aus Liebe, nein, sie schmeicheln mir;

Doch will ich gehn aus Haß, auf den Verschwender

Von Christen zehren. – Jessica, mein Kind,

Acht' auf mein Haus! – Ich geh' recht wider Willen:

Es braut ein Unglück gegen meine Ruh',

Denn diese Nacht träumt' ich von Säcken Geldes.

LANZELOT. Ich bitte Euch, Herr, geht; mein junger Herr erwartet Eure Zukunft.

SHYLOCK. Ich seine auch.

LANZELOT. Und sie haben sich verschworen – ich sage nicht, daß Ihr eine Maskerade sehen sollt; aber wenn Ihr eine seht, so war es nicht umsonst, daß meine Nase an zu bluten fing, auf den letzten Ostermontag des Morgens um sechs Uhr, der das Jahr auf den Tag fiel, wo vier Jahre vorher nachmittags Aschermittwoch war.

SHYLOCK.

Was? Gibt es Masken? Jessica, hör' an:

Verschließ' die Tür, und wenn du Trommeln hörst,

Und das Gequäk der quergehalsten Pfeife,

So klettre mir nicht an den Fenstern auf,

Steck' nicht den Kopf hinaus in offne Straße,

Nach Christennarren mit bemaltem Antlitz

Zu gaffen; stopfe meines Hauses Ohren,

Die Fenster, mein' ich, zu, und laß den Schall

Der albern Geckerei nicht dringen in

Mein ehrbar Haus. – Bei Jakobs Stabe schwör' ich,

Ich habe keine Lust, zu Nacht zu schmausen,

Doch will ich gehn. – Du, Bursch, geh mir voran,

Sag, daß ich komme!

LANZELOT.

Herr, ich will vorangehn.

Guckt nur am Fenster, Fräulein, trotz dem allen:

Denn vorbeigehn wird ein Christ,

Wert, daß ihn 'ne Jüdin küßt.

Ab.

SHYLOCK.

Was sagt der Narr von Hagars Stamme? he?

JESSICA. Sein Wort war: »Fräulein, lebet wohl«; sonst nichts.

SHYLOCK.

Der Laff' ist gut genug, jedoch ein Fresser,

'ne Schnecke zum Gewinn, und schläft bei Tag

Mehr als das Murmeltier; in meinem Stock

Baun keine Hummeln: drum lass' ich ihn gehn,

Und lass' ihn gehn zu einem, dem er möge

Den aufgeborgten Beutel leeren helfen.

Gut, Jessica, geh nun ins Haus hinein,

Vielleicht komm' ich im Augenblicke wieder.

Tu', was ich dir gesagt, schließ' hinter dir

Die Türen: fest gebunden, fest gefunden,

Das denkt ein guter Wirt zu allen Stunden.

Ab.

JESSICA.

Lebt wohl, und denkt das Glück nach meinem Sinn,

Ist mir ein Vater, Euch ein Kind dahin.

Ab.

Sechste Szene

Ebendaselbst.

Graziano und Salarino kommen maskiert.

GRAZIANO.

Dies ist das Vordach, unter dem Lorenzo

Uns Halt zu machen bat.

SALARINO.

Die Stund' ist fast vorbei.

GRAZIANO.

Und Wunder ist es, daß er sie versäumt:

Verliebte laufen stets der Uhr voraus.

SALARINO.

Oh, zehnmal schneller fliegen Venus' Tauben,

Den neuen Bund der Liebe zu versiegeln,

Als sie gewohnt sind, unverbrüchlich auch

Gegebne Treu' zu halten.

GRAZIANO.

So geht's in allem: wer steht auf vom Mahl

Mit gleicher Eßlust, als er niedersaß?

Wo ist das Pferd, das seine lange Bahn

Zurückmißt mit dem ungedämpften Feuer,

Womit es sie betreten? Jedes Ding

Wird mit mehr Trieb erjaget als genossen.

Wie ähnlich einem Wildfang und Verschwender

Eilt das beflaggte Schiff aus heim'scher Bucht,

Geliebkost und geherzt vom Buhler Wind!

Wie ähnlich dem Verschwender kehrt es heim,

Zerlumpt die Segel, Rippen abgewittert,

Kahl, nackt, geplündert von dem Buhler Wind!

Lorenzo tritt auf.

SALARINO.

Da kommt Lorenzo: mehr hievon nachher!

LORENZO.

Entschuldigt, Herzensfreunde, den Verzug:

Nicht ich, nur mein Geschäft hat warten lassen.

Wenn ihr den Dieb um Weiber spielen wollt,

Dann wart' ich auch so lang' auf euch. – Kommt näher!

Hier wohnt mein Vater Jude. – He! wer da?

Jessica oben am Fenster in Knabentracht.

JESSICA.

Wer seid Ihr? Sagt's zu mehrer Sicherheit,

Wiewohl ich schwör', ich kenne Eure Stimme.

LORENZO.

Lorenzo, und dein Liebster.

JESSICA.

Lorenzo sicher, und mein Liebster, ja:

Denn wen lieb' ich so sehr? Und nun, wer weiß,

Als Ihr, Lorenzo, ob ich Eure bin?

LORENZO.

Der Himmel und dein Sinn bezeugen dir's.

JESSICA.

Hier, fang' dies Kästchen auf, es lohnt die Müh'.

Gut, daß es Nacht ist, daß Ihr mich nicht seht;

Denn ich bin sehr beschämt von meinem Tausch.

Doch Lieb' ist blind, Verliebte sehen nicht

Die art'gen Kinderei'n, die sie begehen;

Denn könnten sie's, Cupido würd' erröten,

Als Knaben so verwandelt mich zu sehn.

LORENZO. Kommt, denn Ihr müßt mein Fackelträger sein.

JESSICA.

Was? muß ich selbst noch leuchten meiner Schmach?

Sie liegt fürwahr schon allzusehr am Tage.

Ei, Lieber, 's ist ein Amt zum kundbar machen:

Ich muß verheimlicht sein.

LORENZO.

Das bist du, Liebe,

Im hübschen Anzug eines Knaben schon.

Doch komm sogleich,

Die finstre Nacht stiehlt heimlich sich davon;

Wir werden bei Bassanios Fest erwartet.

JESSICA.

Ich mach' die Türen fest, vergülde mich

Mit mehr Dukaten noch, und bin gleich bei Euch.

Tritt zurück.

GRAZIANO.

Nun, auf mein Wort! 'ne Göttin, keine Jüdin.

LORENZO.

Verwünscht mich, wenn ich sie nicht herzlich liebe.

Denn sie ist klug, wenn ich mich drauf verstehe,

Und schön ist sie, wenn nicht mein Auge trügt,

Und treu ist sie, so hat sie sich bewährt.

Drum sei sie, wie sie ist, klug, schön und treu,

Mir in beständigem Gemüt verwahrt.

Jessica kommt heraus.

Nun, bist du da? – Ihr Herren, auf und fort!

Der Maskenzug erwartet schon uns dort.

Ab mit Jessica und Salarino.

Antonio tritt auf.

ANTONIO.

Wer da?

GRAZIANO.

Signor Antonio.

ANTONIO.

Ei, ei, Graziano, wo sind all die andern?

Es ist neun Uhr, die Freund' erwarten Euch.

Kein Tanz zu Nacht, der Wind hat sich gedreht,

Bassanio will im Augenblick an Bord;

Wohl zwanzig Boten schickt' ich aus nach Euch.

GRAZIANO.

Mir ist es lieb: nichts kann mich mehr erfreun,

Als unter Segel gleich die Nacht zu sein.

Beide ab.

Siebente Szene

Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause.

Trompetenstoß. Porzia und der Prinz von Marokko treten auf, beide mit Gefolge.

PORZIA.

Geht, zieht beiseit' den Vorhang, und entdeckt

Die Kästchen sämtlich diesem edlen Prinzen! –

Trefft Eure Wahl nunmehr!

MAROKKO.

Von Gold das erste, das die Inschrift hat:

»Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt.«

Das zweite, silbern, führet dies Versprechen:

»Wer mich erwählt, bekommt so viel, als er verdient.«

Das dritte, schweres Blei, mit plumper Warnung:

»Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein alles dran.«

Woran erkenn' ich, ob ich recht gewählt?

PORZIA.

Das eine faßt mein Bildnis in sich, Prinz:

Wenn Ihr das wählt, bin ich zugleich die Eure.

MAROKKO.

So leit' ein Gott mein Urteil! Laßt mich sehn,

Ich muß die Sprüche nochmals überlesen.

Was sagt dies blei'rne Kästchen?

»Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein alles dran.«

Der gibt – wofür? für Blei? und wagt für Blei?

Dies Kästchen droht: wenn Menschen alles wagen,

Tun sie's in Hoffnung köstlichen Gewinns.

Ein goldner Mut fragt nichts nach niedern Schlacken,

Ich geb' also und wage nichts für Blei.

Was sagt das Silber mit der Mädchenfarbe?

»Wer mich erwählt, bekommt so viel, als er verdient.«

So viel, als er verdient? – Halt' ein, Marokko,

Und wäge deinen Wert mit stäter Hand:

Wenn du geachtet wirst nach deiner Schätzung,

Verdienest du genug, doch kann genug

Wohl nicht so weit bis zu dem Fräulein reichen.

Und doch, mich ängsten über mein Verdienst,

Das wäre schwaches Mißtraun in mich selbst.

So viel, als ich verdiene? – Ja, das ist

Das Fräulein; durch Geburt verdien' ich sie,

Durch Glück, durch Zier und Gaben der Erziehung;

Doch mehr verdien' ich sie durch Liebe. Wie,

Wenn ich nicht weiter schweift' und wählte hier?

Laßt nochmals sehn den Spruch, in Gold gegraben:

»Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt.«

Das ist das Fräulein: alle Welt begehrt sie,

Aus jedem Weltteil kommen sie herbei,

Dies sterblich atmend Heil'genbild zu küssen.

Hyrkaniens Wüsten und die wilden Öden

Arabiens sind gebahnte Straßen nun

Für Prinzen, die zur schönen Porzia reisen.

Das Reich der Wasser, dessen stolzes Haupt

Speit in des Himmels Antlitz, ist kein Damm

Für diese fremden Geister; nein, sie kommen,

Wie über einen Bach, zu Porzias Anblick.

Eins von den drei'n enthält ihr himmlisch Bild.

Soll Bleies in sich fassen? Läst'rung wär's,

Zu denken solche Schmach: es wär' zu schlecht,

Im düstern Grab ihr Leichentuch zu panzern.

Und soll ich glauben, daß sie Silber einschließt,

Von zehnmal minderm Wert als reines Gold?

O sündlicher Gedanke! Solch ein Kleinod

Ward nie geringer als in Gold gefaßt.

In England gibt's 'ne Münze, die das Bild

Von einem Engel führt, in Gold geprägt.

Doch der ist drauf gedruckt: hier liegt ein Engel

Ganz drin im goldnen Bett. – Gebt mir den Schlüssel,

Hier wähl' ich, und geling' es, wie es kann!

PORZIA.

Da nehmt ihn, Prinz, und liegt mein Bildnis da,

So bin ich Euer.

Er schließt das goldne Kästchen auf.

MAROKKO.

O Hölle, was ist hier?

Ein Beingeripp, dem ein beschriebner Zettel

Im hohlen Auge liegt? Ich will ihn lesen.

»Alles ist nicht Gold, was gleißt,

Wie man oft Euch unterweist.

Manchen in Gefahr es reißt,

Was mein äußrer Schein verheißt:

Goldnes Grab hegt Würmer meist.

Wäret Ihr so weis' als dreist,

Jung an Gliedern, alt an Geist,

So würdet Ihr nicht abgespeist

Mit der Antwort: Geht und reist!«

Ja fürwahr, mit bittrer Kost.

Leb wohl denn, Glut! Willkommen, Frost!

Lebt, Porzia, wohl! Zu langem Abschied fühlt

Mein Herz zu tief: so scheidet, wer verspielt.

Ab.

PORZIA.

Erwünschtes Ende! Geht, den Vorhang zieht:

So wähle jeder, der ihm ähnlich sieht!

Alle ab.

Achte Szene

Venedig. Eine Straße.

Salarino und Solanio treten auf.

SALARINO.

Ja, Freund, ich sah Bassanio unter Segel;

Mit ihm ist Graziano abgereist,

Und auf dem Schiff ist sicher nicht Lorenzo.

SOLANIO.

Der Schelm von Juden schrie den Doge auf,

Der mit ihm ging, das Schiff zu untersuchen.

SALARINO.

Er kam zu spät, das Schiff war unter Segel;

Doch da empfing der Doge den Bericht,

In einer Gondel habe man Lorenzo

Mit seiner Liebsten Jessica gesehn.

Auch gab Antonio ihm die Versich'rung,

Sie sei'n nicht mit Bassanio auf dem Schiff.

SOLANIO.

Nie hört' ich so verwirrte Leidenschaft,

So seltsam, wild und durcheinander, als

Der Hund von Juden in den Straßen ausließ:

»Mein' Tochter – mein' Dukaten – o mein' Tochter!

Fort mit 'nem Christen – o mein' christliche Dukaten!

Recht und Gericht! mein' Tochter! mein' Dukaten!

Ein Sack, zwei Säcke, beide zugesiegelt,

Voll von Dukaten, doppelten Dukaten,

Gestohl'n von meiner Tochter; und Juwelen,

Zwei Stein' – zwei reich' und köstliche Gestein'

Gestohl'n von meiner Tochter! O Gerichte,

Find't mir das Mädchen! – Sie hat die Steine bei sich

Und die Dukaten.«

SALARINO.

Ja, alle Gassenbuben folgen ihm,

Und schrein: »Die Stein', die Tochter, die Dukaten!«

SOLANIO.

Daß nur Antonio nicht den Tag versäumt,

Sonst wird er hiefür zahlen.

SALARINO.

Gut bedacht!

Mir sagte gestern ein Franzose noch,

Mit dem ich schwatzte, in der engen See,

Die Frankreich trennt und England, sei ein Schiff

Von unserm Land verunglückt, reich geladen;

Ich dachte des Antonio, da er's sagte,

Und wünscht' im stillen, daß es seins nicht wär'.

SOLANIO.

Ihr solltet ihm doch melden, was Ihr hört;

Doch tut's nicht plötzlich, denn es könnt' ihn kränken.

SALARINO.

Ein beßres Herz lebt auf der Erde nicht.

Ich sah Bassanio und Antonio scheiden.

Bassanio sagt' ihm, daß er eilen wolle

Mit seiner Rückkehr: »Nein«: erwidert' er,

»Schlag' dein Geschäft nicht von der Hand, Bassanio,

Um meinetwillen, laß die Zeit es reifen.

Und die Verschreibung, die der Jude hat,

Sie komme nicht in deinen Brudersinn.

Sei fröhlich, wende die Gedanken ganz

Auf Gunstbewerbung und Bezeugungen

Der Liebe, wie sie dort dir ziemen mögen.«

Und hier, die Augen voller Tränen, wandt' er

Sich abwärts, reichte seine Hand zurück,

Und, als ergriff ihn wunderbare Rührung,

Drückt' er Bassanios Hand: so schieden sie.

SOLANIO.

Ich glaub', er liebt die Welt nur seinetwegen.

Ich bitt' Euch, laßt uns gehn, ihn aufzufinden,

Um seine Schwermut etwas zu zerstreun

Auf ein' und andre Art.

SALARINO.

Ja, tun wir das!

Beide ab.

Neunte Szene

Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause.

Nerissa kommt mit einem Bedienten.

NERISSA.

Komm hurtig, hurtig: zieh' den Vorhang auf!

Der Prinz von Arragon hat seinen Eid

Getan und kommt sogleich zu seiner Wahl.

Trompetenstoß. Der Prinz von Arragon, Porzia und beider Gefolge.

PORZIA.

Schaut hin, da stehn die Kästchen, edler Prinz:

Wenn Ihr das wählet, das mich in sich faßt,

Soll die Vermählung gleich gefeiert werden.

Doch fehlt Ihr, Prinz, so müßt Ihr, ohne weiters,

Im Augenblick von hier Euch wegbegeben.

ARRAGON.

Drei Dinge gibt der Eid mir auf zu halten:

Zum ersten, niemals jemand kund zu tun,

Welch Kästchen ich gewählt; sodann, verfehl' ich

Das rechte Kästchen, nie in meinem Leben

Um eines Mädchens Hand zu werben; endlich,

Wenn sich das Glück zu meiner Wahl nicht neigt,

Sogleich Euch zu verlassen und zu gehn.

PORZIA.

Auf diese Pflichten schwört ein jeder, der

Zu wagen kommt um mein geringes Selbst.

ARRAGON.

Und so bin ich gerüstet. Glück, wohlauf

Nach Herzens Wunsch! – Gold, Silber, schlechtes Blei.

»Wer mich erwählt, der gibt und wagt sein alles dran.«

Du müßtest schöner aussehn, eh' ich's täte.

Was sagt das goldne Kästchen? Ha, laßt sehn!

»Wer mich erwählt, gewinnt, was mancher Mann begehrt.«

Was mancher Mann begehrt? – Dies mancher meint vielleicht

Die Torenmenge, die nach Scheine wählt,

Nur lernend, was ein blödes Auge lehrt;

Die nicht ins Innre dringt und, wie die Schwalbe,

Im Wetter bauet an der Außenwand,

Recht in der Kraft und Bahn des Ungefährs.

Ich wähle nicht, was mancher Mann begehrt,

Weil ich nicht bei gemeinen Geistern hausen,

Noch mich zu rohen Haufen stellen will.

Nun dann zu dir, du silbern Schatzgemach!

Sag mir noch 'mal die Inschrift, die du führst:

»Wer mich erwählt, bekommt so viel, als er verdient.«

Ja, gut gesagt: denn wer darf darauf ausgehn,

Das Glück zu täuschen und geehrt zu sein,

Den das Verdienst nicht stempelt? Maße keiner

Sich einer unverdienten Würde an.

O würden Güter, Rang und Ämter nicht

Verderbter Weis' erlangt, und würde Ehre

Durch das Verdienst des Eigners rein erkauft!

Wie mancher deckte dann sein bloßes Haupt!

Wie mancher, der befiehlt, gehorchte dann!

Wie viel des Pöbels würde ausgesondert

Aus reiner Ehre Saat! und wie viel Ehre

Gelesen aus der Spreu, dem Raub der Zeit,

Um neu zu glänzen! – Wohl, zu meiner Wahl!

»Wer mich erwählt, bekommt so viel, als er verdient.«

Ich halt' es mit Verdienst: gebt mir dazu den Schlüssel,

Und unverzüglich schließt mein Glück hier auf.

PORZIA.

Zu lang' geweilt, für das, was Ihr da findet.

ARRAGON.

Was gibt's hier? Eines Gecken Bild, der blinzt

Und mir 'nen Zettel reicht? Ich will ihn lesen.

O wie so gar nicht gleichst du Porzien!

Wie gar nicht meinem Hoffen und Verdienst!

»Wer mich erwählt, bekommt so viel, als er verdient.«

Verdient' ich nichts als einen Narrenkopf?

Ist das mein Preis? Ist mein Verdienst nicht höher?

PORZIA.

Fehlen und Richten sind getrennte Ämter,

Und die sich widersprechen.

ARRAGON.

Was ist hier?

»Siebenmal im Feu'r geklärt

Ward dies Silber: so bewährt

Ist ein Sinn, den nichts betört.

Mancher achtet Schatten wert,

Dem ist Schattenheil beschert.

Mancher Narr in Silber fährt,

So auch dieser, der Euch lehrt.

Nehmet, wen Ihr wollt, zum Weib,

Immer trägt mich Euer Leib:

Geht und sucht Euch Zeitvertreib!«

Mehr und mehr zum Narr'n mich macht

Jede Stunde, hier verbracht.

Mit einem Narrenkopf zum Frein

Kam ich her, und geh' mit zwei'n.

Herz, leb wohl! Was ich versprach,

Halt' ich, trage still die Schmach.

Arragon mit Gefolge ab.

PORZIA.

So ging dem Licht die Motte nach!

O diese weisen Narren! wenn sie wählen,

Sind sie so klug, durch Witz es zu verfehlen.

NERISSA.

Die alte Sag' ist keine Ketzerei,

Daß Frein und Hängen eine Schickung sei.

PORZIA.

Komm, zieh' den Vorhang zu, Nerissa!

Ein Bedienter kommt.

BEDIENTER.

Wo ist mein Fräulein?

PORZIA.

Hier; was will mein Herr?

BEDIENTER.

An Eurem Tor ist eben abgestiegen

Ein junger Venezianer, welcher kommt,

Die nahe Ankunft seines Herrn zu melden,

Von dem er stattliche Begrüßung bringt;

Das heißt, nebst vielen art'gen Worten, Gaben

Von reichem Wert; ich sahe niemals noch

Solch einen holden Liebesabgesandten.

Nie kam noch im April ein Tag so süß,

Zu zeigen, wie der Sommer köstlich nahe,

Als dieser Bote seinem Herrn voran.

PORZIA.

Nichts mehr, ich bitt' dich; ich besorge fast,

Daß du gleich sagen wirst, er sei dein Vetter:

Du wendest solchen Festtagswitz an ihn.

Komm, komm, Nerissa; denn er soll mich freun,

Cupidos Herold, so geschickt und fein.

NERISSA.

Bassanio, Herr der Herzen! laß es sein!

Alle ab.

Dritter Aufzug
Erste Szene

Venedig. Eine Straße.

Solanio und Salarino treten auf.

SOLANIO. Nun, was gibt es Neues auf dem Rialto?

SALARINO. Ja, noch wird es nicht widersprochen, daß dem Antonio ein Schiff von reicher Ladung in der Meerenge gestrandet ist. Die Goodwins, denke ich, nennen sie die Stelle: eine sehr gefährliche Sandbank, wo die Gerippe von manchem stattlichen Schiff begraben liegen, wenn Gevatterin Fama eine Frau von Wort ist.

SOLANIO. Ich wollte, sie wäre darin so 'ne lügenhafte Gevatterin, als jemals eine Ingwer kaute, oder ihren Nachbarn weis machte, sie weine um den Tod ihres dritten Mannes. Aber es ist wahr – ohne alle Umschweife, und ohne die gerade ebne Bahn des Gespräches zu kreuzen –, daß der gute Antonio, der redliche Antonio – o daß ich eine Benennung wüßte, die gut genug wäre, seinem Namen Gesellschaft zu leisten! –

SALARINO. Wohlan, zum Schluß!

SOLANIO. He, was sagst du? – Ja, das Ende ist, er hat ein Schiff eingebüßt.

SALARINO. Ich wünsche, es mag das Ende seiner Einbußen sein.

SOLANIO. Laß mich bei Zeiten Amen sagen, ehe mir der Teufel einen Querstrich durch mein Gebet macht; denn hier kommt er in Gestalt eines Juden.

Shylock kommt.

Wie steht's, Shylock? Was gibt es Neues unter den Kaufleuten?

SHYLOCK. Ihr wußtet, niemand besser, niemand besser als Ihr, um meiner Tochter Flucht.

SALARINO. Das ist richtig; ich meinerseits kannte den Schneider, der ihr die Flügel zum Wegfliegen gemacht hat.

SOLANIO. Und Shylock, seinerseits, wußte, daß der Vogel flück war; und dann haben sie es alle in der Art, das Nest zu verlassen.

SHYLOCK. Sie ist verdammt dafür.

SALARINO. Das ist sicher, wenn der Teufel ihr Richter sein soll.

SHYLOCK. Daß mein eigen Fleisch und Blut sich so empört!

SOLANIO. Pfui dich an, altes Fell! bei dem Alter empört es sich?

SHYLOCK. Ich sage, meine Tochter ist mein Fleisch und Blut.

SALARINO. Zwischen deinem Fleisch und ihrem ist mehr Unterschied als zwischen Ebenholz und Elfenbein, mehr zwischen eurem Blute als zwischen rotem Wein und Rheinwein. – Aber sagt uns, was hört Ihr? Hat Antonio einen Verlust zur See gehabt oder nicht?

SHYLOCK. Da hab' ich einen andern schlimmen Handel: ein Bankerottierer, ein Verschwender, der sich kaum auf dem Rialto darf blicken lassen; ein Bettler, der so schmuck auf den Markt zu kommen pflegte! – Er sehe sich vor mit seinem Schein! (Er hat mich immer Wucherer genannt – er sehe sich vor mit seinem Schein! –) Er verlieh immer Geld aus christlicher Liebe – er sehe sich vor mit seinem Schein!

SALARINO. Nun, ich bin sicher, wenn er verfällt, so wirst du sein Fleisch nicht nehmen: wozu wär' es gut?

SHYLOCK. Fische mit zu ködern. Sättigt es sonst niemanden, so sättigt es doch meine Rache. Er hat mich beschimpft, mir 'ne halbe Million gehindert; meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Grund? Ich bin ein Jude. (Hat nicht ein Jude Augen?) Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer, als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir's euch auch darin gleich tun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muß seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache. Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die will ich ausüben, und es muß schlimm hergehen, oder ich will es meinen Meistern zuvortun.

Ein Bedienter kommt.

BEDIENTER. Edle Herren, Antonio, mein Herr, ist zu Hause und wünscht euch zu sprechen.

SALARINO. Wir haben ihn allenthalben gesucht.

Tubal kommt.

SOLANIO. Hier kommt ein andrer von seinem Stamm: der dritte Mann ist nicht aufzutreiben, der Teufel selbst müßte denn Jude werden.

Solanio, Salarino und Bedienter ab.

SHYLOCK. Nun, Tubal, was bringst du Neues von Genua? Hast du meine Tochter gefunden?

TUBAL. Ich bin oft an Örter gekommen, wo ich von ihr hörte; aber ich kann sie nicht finden.

SHYLOCK. Ei so, so, so, so! Ein Diamant fort, kostet mich zweitausend Dukaten zu Frankfurt! Der Fluch ist erst jetzt auf unser Volk gefallen, ich hab' ihn niemals gefühlt bis jetzt. Zweitausend Dukaten dafür! und noch mehr kostbare, kostbare Juwelen! Ich wollte, meine Tochter läge tot zu meinen Füßen, und hätte die Juwelen in den Ohren! Wollte, sie läge eingesargt zu meinen Füßen, und die Dukaten im Sarge! Keine Nachricht von ihnen! Ei, daß dich! – und ich weiß noch nicht, was beim Nachsetzen drauf geht. Ei, du Verlust über Verlust! Der Dieb mit so viel davon gegangen, und so viel, um den Dieb zu finden; und keine Genugtuung, keine Rache! Kein Unglück tut sich auf, als was mir auf den Hals fällt; keine Seufzer, als die ich ausstoße, keine Tränen, als die ich vergieße.

TUBAL. Ja, andre Menschen haben auch Unglück. Antonio, so hört' ich in Genua –

SHYLOCK. Was, was, was? Ein Unglück? ein Unglück?

TUBAL. Hat eine Galeone verloren, die von Tripolis kam.

SHYLOCK. Gott sei gedankt! Gott sei gedankt! Ist es wahr? Ist es wahr?

TUBAL. Ich sprach mit ein paar von den Matrosen, die sich aus dem Schiffbruch gerettet.

SHYLOCK. Ich danke dir, guter Tubal! Gute Zeitung, gute Zeitung! – Wo? in Genua?

TUBAL. Eure Tochter vertat in Genua, wie ich hörte, in einem Abend achtzig Dukaten!

SHYLOCK. Du gibst mir einen Dolchstich – ich kriege mein Gold nicht wiederzusehn – Achtzig Dukaten in einem Strich! Achtzig Dukaten!

TUBAL. Verschiedne von Antonios Gläubigern reisten mit mir zugleich nach Venedig; die beteuerten, er müsse notwendig fallieren.

SHYLOCK. Das freut mich sehr! Ich will ihn peinigen, ich will ihn martern: das freut mich!

TUBAL. Einer zeigte mir einen Ring, den ihm Eure Tochter für einen Affen gab.

SHYLOCK. Daß sie die Pest! Du marterst mich, Tubal: es war mein Türkis, ich bekam ihn von Lea, als ich noch Junggeselle war; ich hätte ihn nicht für einen Wald voll Affen weggegeben.

TUBAL. Aber Antonio ist gewiß ruiniert.

SHYLOCK. Ja, das ist wahr! das ist wahr! Geh, Tubal, miete mir einen Amtsdiener, bestell' ihn vierzehn Tage vorher. Ich will sein Herz haben, wenn er verfällt; denn wenn er aus Venedig weg ist, so kann ich Handel treiben, wie ich will. Geh, geh, Tubal, und triff mich bei unsrer Synagoge! Geh, guter Tubal! bei unsrer Synagoge, Tubal! Ab.

Zweite Szene

Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause.

Bassanio, Porzia, Graziano, Nerissa und Gefolge treten auf.

Die Kästchen sind ausgestellt.

PORZIA.

Ich bitt' Euch, wartet; ein, zwei Tage noch,

Bevor Ihr wagt: denn wählt Ihr falsch, so büße

Ich Euren Umgang ein; darum verzieht!

Ein Etwas sagt mir (doch es ist nicht Liebe),

Ich möcht' Euch nicht verlieren; und Ihr wißt,

Es rät der Haß in diesem Sinne nicht.

Allein damit Ihr recht mich deuten möchtet,

(– Und doch, ein Mädchen spricht nur mit Gedanken, –)

Behielt' ich gern Euch ein paar Tage hier,

Eh' Ihr für mich Euch wagt. Ich könnt' Euch leiten

Zur rechten Wahl, dann brech' ich meinen Eid;

Das will ich nicht: so könnt Ihr mich verfehlen.

Doch wenn Ihr's tut, macht Ihr mich sündlich wünschen,

Ich hätt' ihn nur gebrochen. O der Augen,

Die so mich übersehn und mich geteilt!

Halb bin ich Eu'r, die andre Hälfte Euer –

Mein, wollt' ich sagen; doch wenn mein, dann Euer,

Und so ganz Euer. O die böse Zeit,

Die Eignern ihre Rechte vorenthält!

Und so, ob Euer schon, nicht Euer. – Trifft es,

So sei das Glück dafür verdammt, nicht ich.

Zu lange red' ich, doch nur, um die Zeit

Zu dehnen, in die Länge sie zu ziehn,

Die Wahl noch zu verzögern.

BASSANIO.

Laßt mich wählen:

Denn wie ich jetzt bin, leb' ich auf der Folter.

PORZIA.

Bassanio, auf der Folter? So bekennt,

Was für Verrat in Eurer Liebe steckt!

BASSANIO.

Allein der häßliche Verrat des Mißtrauns,

Der mich am Glück der Liebe zweifeln läßt.

So gut verbände Schnee und Feuer sich

Zum Leben, als Verrat und meine Liebe.

PORZIA.

Ja, doch ich sorg', Ihr redet auf der Folter,

Wo sie, gezwungen, sagen, was man will.

BASSANIO.

Verheißt mir Leben, so bekenn' ich Wahrheit.

PORZIA.

Nun wohl, bekennt und lebt!

BASSANIO.

Bekennt und liebt!

Mein ganz Bekenntnis wäre dies gewesen.

O sel'ge Folter, wenn der Folterer

Mich Antwort lehrt zu meiner Lossprechung!

Doch laßt mein Heil mich bei den Kästchen suchen!

PORZIA.

Hinzu denn! Eins darunter schließt mich ein:

Wenn Ihr mich liebt, so findet Ihr es aus.

Nerissa und ihr andern, steht beiseit! –

Laßt nun Musik ertönen, weil er wählt!

So, wenn er fehltrifft, end' er Schwanen-gleich,

Hinsterbend in Musik; daß die Vergleichung

Noch näher passe, sei mein Aug' der Strom,

Sein wäßrig Totenbett. Er kann gewinnen,

Und was ist dann Musik? Dann ist Musik

Wie Paukenklang, wenn sich ein treues Volk

Dem neugekrönten Fürsten neigt; ganz so

Wie jene süßen Tön' in erster Frühe,

Die in des Bräut'gams schlummernd Ohr sich schleichen

Und ihn zur Hochzeit laden. Jetzo geht er

Mit minder Anstand nicht, mit weit mehr Liebe

Als einst Alcides, da er den Tribut

Der Jungfrau'n löste, welchen Troja heulend

Dem Seeuntier gezahlt. Ich steh' als Opfer;

Die dort von fern sind die Dardan'schen Frau'n,

Mit rotgeweinten Augen, ausgegangen,

Der Tat Erfolg zu sehn. – Geh, Herkules!

Leb' du, so leb' ich: mit viel stärkerm Bangen

Seh' ich den Kampf, als du ihn eingegangen.

Musik, während Bassanio über die Kästchen mit sich zu Rate geht.

Lied

ERSTE STIMME.

Sagt, woher stammt Liebeslust?

Aus den Sinnen, aus der Brust?

Ist euch ihr Lebenslauf bewußt?

ZWEITE STIMME.

In den Augen erst gehegt,

Wird Liebeslust durch Schaun gepflegt;

Stirbt das Kindchen, beigelegt

In der Wiege, die es trägt,

Läutet Totenglöckchen ihm;

Ich beginne: Bim! bim! bim!

CHOR.

Bim! bim! bim!

BASSANIO.

– So ist oft äußrer Schein sich selber fremd,

Die Welt wird immerdar durch Zier berückt.

Im Recht, wo ist ein Handel so verderbt,

Der nicht, geschmückt von einer holden Stimme,

Des Bösen Schein verdeckt? Im Gottesdienst,

Wo ist ein Irrwahn, den ein ehrbar Haupt

Nicht heiligte, mit Sprüchen nicht belegte,

Und bürge die Verdammlichkeit durch Schmuck?

Kein Laster ist so blöde, das von Tugend

Im äußern Tun nicht Zeichen an sich nähme.

Wie manche Feige, die Gefahren stehn

Wie Spreu dem Winde, tragen doch am Kinn

Den Bart des Herkules und finstern Mars,

Fließt gleich in ihren Herzen Blut wie Milch?

Und diese leihn des Mutes Auswuchs nur,

Um furchtbar sich zu machen. Blickt auf Schönheit,

Ihr werdet sehn, man kauft sie nach Gewicht,

Das hier ein Wunder der Natur bewirkt

Und, die es tragen, um so lockrer macht.

So diese schlänglicht krausen goldnen Locken,

Die mit den Lüften so mutwillig hüpfen

Auf angemaßten Reiz: man kennt sie oft

Als eines zweiten Kopfes Ausstattung:

Der Schädel, der sie trug, liegt in der Gruft.

So ist denn Zier die trügerische Küste

Von einer schlimmen See, der schöne Schleier,

Der Indiens Schönen birgt; mit einem Wort

Die Scheinwahrheit, womit die schlaue Zeit

Auch Weise fängt. Darum, du gleißend Gold,

Des Midas harte Kost, dich will ich nicht;

Noch dich, gemeiner, bleicher Botenläufer

Von Mann zu Mann; doch du, du magres Blei,

Das eher droht als irgend was verheißt,

Dein schlichtes Ansehn spricht beredt mich an:

Ich wähle hier, und sei es wohlgetan!

PORZIA.

Wie jede Regung fort die Lüfte tragen,

Als irre Zweifel, ungestüm Verzagen,

Und bange Schau'r und blasse Schüchternheit!

O Liebe, mäß'ge dich in deiner Seligkeit!

Halt' ein, laß deine Freuden sanfter regnen;

Zu stark fühl' ich, du mußt mich minder segnen,

Damit ich nicht vergeh'.

BASSANIO öffnet das bleierne Kästchen.

Was find' ich hier?

Der schönen Porzia Bildnis? Welcher Halbgott

Kam so der Schöpfung nah? Regt sich dies Auge?

Wie, oder, schwebend auf der meinen Wölbung,

Scheint es bewegt? Hier sind erschloßne Lippen,

Die Nektarodem trennt: so süße Scheidung

Muß zwischen solchen süßen Freunden sein.

Der Maler spielte hier in ihrem Haar

Die Spinne, wob ein Netz, der Männer Herzen

Zu fangen, wie die Mück' im Spinngeweb'.

Doch ihre Augen – oh, wie konnt' er sehn,

Um sie zu malen? Da er eins gemalt,

Dünkt mich, es mußt' ihm seine beiden stehlen

Und ungepaart sich lassen. Doch seht, so weit

Die Wahrheit meines Lobes diesem Schatten

Zu nahe tut, da es ihn unterschätzt,

So weit läßt diesen Schatten hinter sich

Die Wahrheit selbst zurück. – Hier ist der Zettel,

Der Inbegriff und Auszug meines Glücks.

»Ihr, der nicht auf Schein gesehn:

Wählt so recht, und trefft so schön!

Weil Euch dieses Glück geschehn,

Wollet nicht nach anderm gehn!

Ist Euch dies nach Wunsch getan,

Und find't Ihr Heil auf dieser Bahn,

Müßt Ihr Eurer Liebsten nahn,

Und sprecht mit holdem Kuß sie an!«

Ein freundlich Blatt – erlaubt, mein holdes Leben,

er küßt sie

Ich komm', auf Schein zu nehmen und zu geben,

Wie, wer um einen Preis mit andern ringt

Und glaubt, daß vor dem Volk sein Tun gelingt:

Er hört den Beifall, Jubel schallt zum Himmel;

Im Geist benebelt, staunt er – »dies Getümmel

Des Preises«, fragt er sich, »gilt es denn mir?«

So, dreimal holdes Fräulein, steh' ich hier,

Noch zweifelnd, ob kein Trug mein Auge blend't,

Bis Ihr bestätigt, zeichnet, anerkennt.

PORZIA.

Ihr seht mich, Don Bassanio, wo ich stehe,

So wie ich bin: obschon, für mich allein,

Ich nicht ehrgeizig wär' in meinem Wunsch,

Viel besser mich zu wünschen; doch für Euch

Wollt' ich verdreifacht zwanzigmal ich selbst sein,

Noch tausendmal so schön, zehntausendmal

So reich. –

Nur um in Eurer Schätzung hoch zu stehn,

Möcht' ich an Gaben, Reizen, Gütern, Freunden

Unschätzbar sein; doch meine volle Summa

Macht etwas nur: das ist, in Bausch und Bogen,

Ein unerzognes, ungelehrtes Mädchen,

Darin beglückt, daß sie noch nicht zu alt

Zum Lernen ist; noch glücklicher, daß sie

Zum Lernen nicht zu blöde ward geboren.

Am glücklichsten, weil sich ihr weich Gemüt

Dem Euren überläßt, daß Ihr sie lenkt,

Als ihr Gemahl, ihr Führer und ihr König.

Ich selbst und was nur mein, ist Euch und Eurem

Nun zugewandt: noch eben war ich Eigner

Des schönen Guts hier, Herrin meiner Leute,

Monarchin meiner selbst; und eben jetzt

Sind Haus und Leut', und eben dies Ich selbst

Eu'r eigen, Herr: nehmt sie mit diesem Ring!

Doch trennt Ihr Euch von ihm, verliert, verschenkt ihn,

So prophezei' es Eurer Liebe Fall,

Und sei mein Anspruch, gegen Euch zu klagen.

BASSANIO.

Fräulein, Ihr habt der Worte mich beraubt,

Mein Blut nur in den Adern spricht zu Euch;

Verwirrung ist in meinen Lebensgeistern,

Wie sie nach einer wohlgesprochnen Rede

Von einem teuren Prinzen wohl im Kreis

Der murmelnden zufriednen Meng' erscheint,

Wo jedes Etwas, in einander fließend,

Zu einem Chaos wird von nichts als Freude,

Laut oder sprachlos. – Doch weicht dieser Ring

Von diesem Finger, dann weicht hier das Leben:

O dann sagt kühn, Bassanio sei tot!

NERISSA.

Mein Herr und Fräulein, jetzt ist unsre Zeit,

Die wir dabei gestanden und die Wünsche

Gelingen sehn, zu rufen: Freud' und Heil!

Habt Freud' und Heil, mein Fräulein und mein Herr!

GRAZIANO.

Mein Freund Bassanio und mein wertes Fräulein,

Ich wünsch' euch, was für Freud' ihr wünschen könnt,

Denn sicher wünscht ihr keine von mir weg.

Und wenn ihr beiderseits zu feiern denkt

Den Austausch eurer Treue, bitt' ich euch,

Daß ich zugleich mich auch verbinden dürfe.

BASSANIO.

Von Herzen gern, kannst du ein Weib dir schaffen.

GRAZIANO.

Ich dank' Euch, Herr: Ihr schafftet mir ein Weib.

Mein Auge kann so hurtig schaun als Eures;

Ihr saht das Fräulein, ich die Dienerin;

Ihr liebtet, und ich liebte: denn Verzug

Steht mir nicht besser an als Euch, Bassanio.

Eu'r eignes Glück hing an den Kästchen dort,

Und so auch meines, wie es sich gefügt.

Denn werbend hier, bis ich in Schweiß geriet,

Und schwörend, bis mein Gaum von Liebesschwüren

Ganz trocken war: ward ich zuletzt – geletzt

Durch ein Versprechen dieser Schönen hier,

Mir Liebe zu erwidern, wenn Eu'r Glück

Ihr Fräulein erst gewönne.

PORZIA.

Ist's wahr, Nerissa?

NERISSA.

Ja, Fräulein, wenn Ihr Euren Beifall gebt.

BASSANIO.

Und meint Ihr's, Graziano, recht im Ernst?

GRAZIANO.

Ja, auf mein Wort.

BASSANIO.

Ihr ehrt durch Eure Heirat unser Fest.

GRAZIANO. Wir wollen mit ihnen auf den ersten Jungen wetten, um tausend Dukaten. –

Doch wer kommt hier? Lorenzo und sein Heidenkind?

Wie? und mein alter Landsmann, Freund Salerio?

Lorenzo, Jessica und Salerio treten auf.

BASSANIO.

Lorenzo und Salerio, seid willkommen,

Wofern die Jugend meines Ansehns hier

Willkommenheißen darf. Erlaubet mir,

Ich heiße meine Freund' und Landesleute

Willkommen, holde Porzia.

PORZIA.

Ich mit Euch;

Sie sind mir sehr willkommen.

LORENZO.

Dank Euer Gnaden! – Was mich angeht, Herr,

Mein Vorsatz war es nicht, Euch hier zu sehn;

Doch da ich unterwegs Salerio traf,

So bat er mich, daß ich's nicht weigern konnte,

Hieher ihn zu begleiten.

SALERIO.

Ja, ich tat's,

Und habe Grund dazu, Signor Antonio

Empfiehlt ihn Euch.

Gibt dem Bassanio einen Brief.

BASSANIO.

Eh' ich den Brief erbreche,

Sagt, wie befindet sich mein wackrer Freund?

SALERIO.

Nicht krank, Herr, wenn er's im Gemüt nicht ist,

Noch wohl, als im Gemüt; der Brief da wird

Euch seinen Zustand melden.

GRAZIANO.

Nerissa, muntert dort die Fremde auf,

Heißt sie willkommen! Eure Hand, Salerio!

Was bringt Ihr von Venedig mit? Wie geht's

Dem königlichen Kaufmann, dem Antonio?

Ich weiß, er wird sich unsers Glückes freun,

Wir sind die Jasons, die das Vlies gewonnen.

SALERIO.

O hättet Ihr das Vlies, das er verlor!

PORZIA.

In dem Papier ist ein feindsel'ger Inhalt,

Es stiehlt die Farbe von Bassanios Wangen.

Ein teurer Freund tot; nichts auf Erden sonst,

Was eines festgesinnten Mannes Fassung

So ganz verwandeln kann. Wie? schlimm und schlimmer?

Erlaubt, Bassanio, ich bin halb Ihr selbst,

Und mir gebührt die Hälfte auch von allem,

Was dies Papier Euch bringt.

BASSANIO.

O werte Porzia!

Hier sind ein paar so widerwärt'ge Worte,

Als je Papier befleckten. Holdes Fräulein,

Als ich zuerst Euch meine Liebe bot,

Sagt' ich Euch frei, mein ganzer Reichtum rinne

In meinen Adern, ich sei Edelmann;

Und dann sagt' ich Euch wahr. Doch, teures Fräulein,

Da ich auf nichts mich schätzte, sollt Ihr sehn,

Wie sehr ich Prahler war. Da ich Euch sagte,

Mein Gut sei nichts, hätt' ich Euch sagen sollen,

Es sei noch unter nichts; denn, in der Tat,

Mich selbst verband ich einem teuren Freunde,

Den Freund verband ich seinem ärgsten Feind,

Um mir zu helfen. Hier, Fräulein, ist ein Brief,

Das Blatt Papier wie meines Freundes Leib,

Und jedes Wort drauf eine offne Wunde,

Der Lebensblut entströmt. – Doch ist es wahr,

Salerio? Sind denn alle Unternehmen

Ihm fehlgeschlagen? Wie, nicht eins gelang?

Von Tripolis, von Mexiko, von England,

Von Indien, Lissabon, der Barbarei?

Und nicht ein Schiff entging dem furchtbar'n Anstoß

Von Armut droh'nden Klippen?

SALERIO.

Nein, nicht eins.

Und außerdem, so scheint es, hätt' er selbst

Das bare Geld, den Juden zu bezahlen,

Er nähm' es nicht. Nie kannt' ich ein Geschöpf,

Das die Gestalt von einem Menschen trug,

So gierig, einen Menschen zu vernichten.

Er liegt dem Doge früh und spät im Ohr,

Und klagt des Staats verletzte Freiheit an,

Wenn man sein Recht ihm weigert: zwanzig Handelsleute,

Der Doge selber, und die Senatoren

Vom größten Ansehn reden all' ihm zu:

Doch niemand kann aus der Schikan' ihn treiben

Von Recht, verfallner Buß' und seinem Schein.

JESSICA.

Als ich noch bei ihm war, hört' ich ihn schwören

Vor seinen Landesleuten Chus und Tubal,

Er wolle lieber des Antonio Fleisch,

Als den Betrag der Summe zwanzigmal,

Die er ihm schuldig sei; und, Herr, ich weiß:

Wenn ihm nicht Recht, Gewalt und Ansehn wehrt,

Wird es dem armen Manne schlimm ergehn.

PORZIA.

Ist's Euch ein teurer Freund, der so in Not ist?

BASSANIO.

Der teu'rste Freund, der liebevollste Mann,

Das unermüdet willigste Gemüt

Zu Dienstleistungen, und ein Mann, an dem

Die alte Römerehre mehr erscheint,

Als sonst an wem, der in Italien lebt.

PORZIA.

Welch eine Summ' ist er dem Juden schuldig?

BASSANIO.

Für mich, dreitausend Dukaten.

PORZIA.

Wie? nicht mehr?

Zahlt ihm sechstausend aus und tilgt den Schein,

Doppelt sechstausend, dann verdreifacht das,

Eh' einem, Freunde dieser Art ein Haar

Gekränkt soll werden durch Bassanios Schuld.

Erst geht mit mir zur Kirch' und nennt mich Weib,

Dann nach Venedig fort zu Eurem Freund:

Denn nie sollt Ihr an Porzias Seite liegen

Mit Unruh' in der Brust. Gold geb' ich Euch,

Um zwanzigmal die kleine Schuld zu zahlen:

Zahlt sie und bringt den echten Freund mit Euch.

Nerissa und ich selbst indessen leben

Wie Mädchen und wie Witwen. Kommt mit mir,

Ihr sollt auf Euren Hochzeittag von hier:

Begrüßt die Freunde, laßt den Mut nicht trüben:

So teu'r gekauft, will ich Euch teuer lieben. –

Doch laßt mich hören Eures Freundes Brief!

BASSANIO liest. »Liebster Bassanio, meine Schiffe sind alle verunglückt, meine Gläubiger werden grausam, mein Glücksstand ist ganz zerrüttet, meine Verschreibung an den Juden ist verfallen, und da es unmöglich ist, daß ich lebe, wenn ich sie zahle, so sind alle Schulden zwischen mir und Euch berichtigt. Wenn ich Euch nur bei meinem Tode sehen könnte! Jedoch handelt nach Belieben: wenn Eure Liebe Euch nicht überredet zu kommen, so muß es mein Brief nicht.«

PORZIA.

O Liebster, geht, laßt alles andre liegen!

BASSANIO.

Ja, eilen will ich, da mir Eure Huld

Zu gehn erlaubt: doch bis ich hier zurück,

Sei nie ein Bett an meinem Zögern schuld,

Noch trete Ruhe zwischen unser Glück!

Alle ab.

Dritte Szene

Venedig. Eine Straße.

Shylock, Solanio, Antonio und Gefangenwärter treten auf.

SHYLOCK.

Acht' auf ihn, Schließer! – Sagt mir nicht von Gnade:

Dies ist der Narr, der Geld umsonst auslieh. –

Acht' auf ihn, Schließer!

ANTONIO.

Hört mich, guter Shylock!

SHYLOCK.

Ich will den Schein: nichts gegen meinen Schein!

Ich tat 'nen Eid, auf meinen Schein zu dringen.

Du nanntest Hund mich, eh' du Grund gehabt:

Bin ich ein Hund, so meide meine Zähne!

Der Doge soll mein Recht mir tun. – Mich wundert's,

Daß du so töricht bist, du loser Schließer,

Auf sein Verlangen mit ihm auszugehn.

ANTONIO.

Ich bitte, hör' mich reden!

SHYLOCK.

Ich will den Schein: ich will nicht reden hören,

Ich will den Schein, und also sprich nicht mehr!

Ihr macht mich nicht zum schwachen, blinden Narr'n,

Der seinen Kopf wiegt, seufzt, bedauert, nachgibt

Den christlichen Vermittlern. Folg' mir nicht,

Ich will kein Reden: meinen Schein will ich.

Shylock ab.

SOLANIO.

Das ist ein unbarmherz'ger Hund, wie's keinen

Je unter Menschen gab.

ANTONIO.

Laßt ihn nur gehn,

Ich geh' ihm nicht mehr nach mit eitlen Bitten,

Er sucht mein Leben, und ich weiß warum:

Oft hab' ich Schuldner, die mir vorgeklagt,

Davon erlöst, in Buß' ihm zu verfallen;

Deswegen haßt er mich.

SOLANIO.

Gewiß, der Doge

Gibt nimmer zu, daß diese Buße gilt.

ANTONIO.

Der Doge kann des Rechtes Lauf nicht hemmen.

Denn die Bequemlichkeit, die Fremde finden

Hier in Venedig, wenn man sie versagt,

Setzt die Gerechtigkeit des Staats herab,

Weil der Gewinn und Handel dieser Stadt

Beruht auf allen Völkern. Gehn wir denn!

Der Gram und der Verlust zehrt so an mir,

Kaum werd' ich ein Pfund Fleisch noch übrig haben

Auf morgen für den blut'gen Gläubiger.

Komm, Schließer! – Gebe Gott, daß nur Bassanio

Mich für ihn zahlen sieht, so gilt mir's gleich.

Ab.

Vierte Szene

Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause.

Porzia, Nerissa, Lorenzo, Jessica und Balthasar kommen.

LORENZO.

Mein Fräulein, sag' ich's schon in Eurem Beisein,

Ihr habt ein edles und ein echt Gefühl

Von göttergleicher Freundschaft; das beweist Ihr,

Da Ihr die Trennung vom Gemahl so tragt.

Doch wüßtet Ihr, wem Ihr die Ehr' erzeigt,

Welch einem biedern Mann Ihr Hülfe sendet,

Welch einem lieben Freunde Eures Gatten,

Ich weiß, Ihr wäret stolzer auf das Werk,

Als Euch gewohnte Güte dringen kann.

PORZIA.

Noch nie bereut' ich, daß ich Gutes tat,

Und werd' es jetzt auch nicht: denn bei Genossen,

Die mit einander ihre Zeit verleben,

Und deren Herz ein Joch der Liebe trägt,

Da muß unfehlbar auch ein Ebenmaß

Von Zügen sein, von Sitten und Gemüt.

Dies macht mich glauben, der Antonio,

Als Busenfreund von meinem Gatten, müsse

Durchaus ihm ähnlich sein. Wenn es so ist,

Wie wenig ist es, was ich aufgewandt,

Um meiner Seele Ebenbild zu lösen

Aus einem Zustand höll'scher Grausamkeit!

Doch dies kommt einem Selbstlob allzu nah:

Darum nichts mehr davon; hört andre Dinge!

Lorenzo, ich vertrau' in Eure Hand

Die Wirtschaft und die Führung meines Hauses,

Bis zu Bassanios Rückkehr; für mein Teil

Ich sandt' ein heimliches Gelübd' zum Himmel,

Zu leben in Beschauung und Gebet,

Allein begleitet von Nerissa hier,

Bis zu der Rückkunft unser beider Gatten.

Ein Kloster liegt zwei Meilen weit von hier,

Da wollen wir verweilen. Ich ersuch' Euch,

Lehnt nicht den Antrag ab, den meine Liebe

Und eine Nötigung des Zufalls jetzt

Euch auferlegt.

LORENZO.

Von ganzem Herzen, Fräulein,

In allem ist mir Euer Wink Befehl.

PORZIA.

Schon wissen meine Leute meinen Willen

Und werden Euch und Jessica erkennen

An meiner eignen und Bassanios Statt.

So lebt denn wohl, bis wir uns wiedersehn!

LORENZO.

Sei froher Mut mit Euch und heitre Stunden!

JESSICA.

Ich wünsch' Eu'r Gnaden alle Herzensfreude.

PORZIA.

Ich dank' Euch für den Wunsch und bin geneigt,

Ihn Euch zurückzuwünschen. – Jessica, lebt wohl!

Jessica und Lorenzo ab.

Nun Balthasar,

Wie ich dich immer treu und redlich fand,

Laß mich auch jetzt dich finden: nimm den Brief,

Und eile, was in Menschenkräften steht,

Nach Padua; gib ihn zu eignen Händen

An meinen Vetter ab, Doktor Bellario.

Sieh zu, was er dir für Papiere gibt

Und Kleider, bringe die in höchster Eil'

Zur Überfahrt an die gemeine Fähre,

Die nach Venedig schifft. Verlier' die Zeit

Mit Worten nicht: geh, ich bin vor dir da.

BALTHASAR.

Fräulein, ich geh' mit aller schuld'gen Eil'.

Balthasar ab.

PORZIA.

Nerissa, komm: ich hab' ein Werk zur Hand,

Wovon du noch nicht weißt; wir wollen unsre Männer,

Eh' sie es denken, sehn.

NERISSA.

Und werden sie uns sehn?

PORZIA.

Jawohl, Nerissa, doch in solcher Tracht,

Daß sie mit dem versehn uns denken sollen,

Was uns gebricht. Ich wette, was du willst:

Sind wir wie junge Männer aufgestutzt,

Will ich der feinste Bursch von beiden sein,

Und meinen Degen mit mehr Anstand tragen,

Und sprechen, wie im Übergang vom Knaben

Zum Mann, in einem heiseren Diskant.

Ich will zwei jüngferliche Tritte dehnen

In einen Männerschritt; vom Raufen sprechen

Wie kecke junge Herrn; und artig lügen,

Wie edle Frauen meine Liebe suchten,

Und, da ich sie versagt, sich tot gehärmt, –

Ich konnte nicht mit allen fertig werden:

Und dann bereu' ich es, und wünsch', ich hätte

Bei allem dem sie doch nicht umgebracht.

Und zwanzig solcher kleinen Lügen sag' ich,

So daß man schwören soll, daß ich die Schule

Schon seit dem Jahr verließ. – Ich hab' im Sinn

Wohl tausend Streiche solcher dreisten Gecken,

Die ich verüben will.

NERISSA.

So sollen wir in Männer uns verwandeln?

PORZIA.

Ja, komm, ich sag' dir meinen ganzen Anschlag,

Wenn wir im Wagen sind, der uns am Tor

Des Parks erwartet: darum laß uns eilen,

Denn wir durchmessen heut noch zwanzig Meilen.

Ab.

Fünfte Szene

Belmont. Ein Garten. Lanzelot und Jessica kommen.

LANZELOT. Ja, wahrhaftig! Denn seht Ihr, die Sünden der Väter sollen an den Kindern heimgesucht werden: darum glaubt mir, ich bin besorgt für Euch. Ich ging immer grade gegen Euch heraus, und so sage ich Euch meine Deliberazion über die Sache. Also seid gutes Mutes, denn wahrhaftig, ich denke, Ihr seid verdammt. Es ist nur eine Hoffnung dabei, die Euch zu statten kommen kann, und das ist auch nur so 'ne Art von Bastardhoffnung.

JESSICA. Und welche Hoffnung ist das?

LANZELOT. Ei, Ihr könnt gewissermaßen hoffen, daß Euer Vater Euch nicht erzeugt hat, daß Ihr nicht des Juden Tochter seid.

JESSICA. Das wäre in der Tat eine Art von Bastardhoffnung: dann würden die Sünden meiner Mutter an mir heimgesucht werden.

LANZELOT. Wahrhaftig, dann fürchte ich, Ihr seid von Vaters und Mutters wegen verdammt. Wenn ich die Scylla, Euren Vater, vermeide, so falle ich in die Charybdis, Eure Mutter: gut, Ihr seid auf die eine und die andre Art verloren.

JESSICA. Ich werde durch meinen Mann selig wer den: er hat mich zu einer Christin gemacht.

LANZELOT. Wahrhaftig, da ist er sehr zu tadeln. Es gab unser vorher schon Christen genug, grade so viel, als neben einander gut bestehen konnten. Dies Christenmachen wird den Preis der Schweine steigern; wenn wir alle Schweinefleischesser werden, so ist in kurzem kein Schnittchen Speck in der Pfanne für Geld mehr zu haben.

Lorenzo kommt.

JESSICA. Ich will meinem Mann erzählen, was Ihr sagt. Lanzelot: hier kommt er.

LORENZO. Bald werde ich eifersüchtig auf Euch, Lanzelot, wenn Ihr meine Frau so in die Ecken zieht.

JESSICA. Ihr habt nichts zu befürchten, Lorenzo; Lanzelot und ich, wir sind ganz entzweit. Er sagt mir grade heraus, im Himmel sei keine Gnade für mich, weil ich eines Juden Tochter bin; und er behauptet, daß Ihr kein gutes Mitglied des gemeinen Wesens seid, weil Ihr Juden zum Christentum bekehrt und dadurch den Preis des Schweinefleisches steigert.

LORENZO. Das kann ich besser beim gemeinen Wesen verantworten, als Ihr Eure Streiche mit der Mohrin. Da Ihr ein Weißer seid, Lanzelot, hättet Ihr die Schwarze nicht so aufgeblasen machen sollen.

LANZELOT. Es tut mir leid, wenn ich ihr etwas weis gemacht habe: aber da das Kind einen weisen Vater hat, wird es doch keine Waise sein.

LORENZO. Wie jeder Narr mit den Worten spielen kann! Bald, denke ich, wird sich der Witz am besten durch Stillschweigen bewähren, und Gesprächigkeit bloß noch an Papageien gelobt werden. – Geht ins Haus, Bursch, sagt, daß sie zur Mahlzeit zurichten.

LANZELOT. Das ist geschehn, Herr, sie haben alle Mägen.

(

LORENZO.

Lieber Himmel, welch ein Witzschnapper Ihr seid!

Sagt also, daß sie die Mahlzeit anrichten.

LANZELOT. Das ist auch geschehen,) es fehlt nur am Decken.

LORENZO. Wollt Ihr also decken?

LANZELOT. Mich, Herr? Ich weiß besser, was sich schickt.

LORENZO. Wieder Silben gestochen! Willst du deinen ganzen Reichtum an Witz auf einmal zum besten geben? Ich bitte dich, verstehe einen schlichten Mann nach seiner schlichten Meinung. Geh zu deinen Kameraden, heiß' sie den Tisch decken, das Essen auftragen, und wir wollen zur Mahlzeit hereinkommen.

LANZELOT. Der Tisch, Herr, soll aufgetragen werden, das Essen soll gedeckt werden; und was Euer Hereinkommen zur Mahlzeit betrifft, dabei laßt Lust und Laune walten. Ab.

LORENZO.

O heilige Vernunft, was eitle Worte!

Der Narr hat ins Gedächtnis sich ein Heer

Wortspiele eingeprägt. Und kenn' ich doch

Gar manchen Narr'n an einer bessern Stelle,

So aufgestutzt, der um ein spitzes Wort

Die Sache preis gibt. – Wie geht's dir, Jessica?

Und nun sag deine Meinung, liebes Herz,

Wie Don Bassanios Gattin dir gefällt?

JESSICA.

Mehr als ich sagen kann. Es schickt sich wohl,

Daß Don Bassanio fromm sein Leben führe:

Denn da sein Weib ihm solch ein Segen ist,

Find't er des Himmels Lust auf Erden schon.

Und will er das auf Erden nicht, so wär's

Ihm recht, er käme niemals in den Himmel.

Ja, wenn zwei Götter irgend eine Wette

Des Himmels um zwei ird'sche Weiber spielten,

Und Porzia wär' die eine, tät' es not,

Noch sonst was mit der andern auf das Spiel

Zu setzen; denn die arme rohe Welt

Hat ihres Gleichen nicht.

LORENZO.

Und solchen Mann

Hast du an mir, als er an ihr ein Weib.

JESSICA.

Ei, fragt doch darum meine Meinung auch!

LORENZO.

Sogleich, doch laß uns erst zur Mahlzeit gehn!

JESSICA.

Nein, laßt mich vor der Sättigung Euch loben!

LORENZO.

Nein, bitte, spare das zum Tischgespräch:

Wie du dann sprechen magst, so mit dem andern

Werd' ich's verdaun.

JESSICA.

Nun gut, ich werd' Euch anzupreisen wissen.

Ab.

Vierter Aufzug
Erste Szene

Venedig. Ein Gerichtssaal.

Der Doge, die Senatoren, Antonio, Bassanio, Graziano, Salarino, Solanio und andre.

DOGE.

Nun, ist Antonio da?

ANTONIO.

Eu'r Hoheit zu Befehl.

DOGE.

Es tut mir leid um dich: du hast zu tun

Mit einem felsenharten Widersacher;

Es ist ein Unmensch, keines Mitleids fähig,

Kein Funk' Erbarmen wohnt in ihm.

ANTONIO.

Ich hörte,

Daß sich Eu'r Hoheit sehr verwandt, zu mildern

Sein streng Verfahren; doch weil er sich verstockt

Und kein gesetzlich Mittel seinem Haß

Mich kann entziehn, so stell' ich denn Geduld

Entgegen seiner Wut, und bin gewaffnet

Mit Ruhe des Gemütes, auszustehn

Des seinen ärgsten Grimm und Tyrannei.

DOGE.

Geh wer, und ruf' den Juden in den Saal!

SOLANIO.

Er wartet an der Tür; er kommt schon, Herr.

Shylock kommt.

DOGE.

Macht Platz, laßt ihn uns gegenüber stehn! –

Shylock, die Welt denkt, und ich denk' es auch,

Du treibest diesen Anschein deiner Bosheit

Nur bis zum Augenblick der Tat; und dann,

So glaubt man, wirst du dein Erbarmen zeigen

Und deine Milde, wunderbarer noch

Als deine angenommne Grausamkeit.

Statt daß du jetzt das dir Verfallne eintreibst,

Ein Pfund von dieses armen Kaufmanns Fleisch,

Wirst du nicht nur die Buße fahren lassen,

Nein, auch gerührt von Lieb' und Menschlichkeit,

Die Hälfte schenken von der Summe selbst,

Ein Aug' des Mitleids auf die Schaden werfend,

Die kürzlich seine Schultern so bestürmt:

Genug, um einen königlichen Kaufmann

Ganz zu erdrücken und an seinem Fall

Teilnahme zu erzwingen, selbst von Herzen,

So hart wie Kieselstein, von eh'rnen Busen,

Von Türken und Tataren, nie gewöhnt

An Dienste zärtlicher Gefälligkeit.

Wir all' erwarten milde Antwort, Jude.

SHYLOCK.

Ich legt' Eu'r Hoheit meine Absicht vor:

Bei unserm heil'gen Sabbat schwor ich es,

Zu fodern, was nach meinem Schein mir zusteht.

Wenn Ihr es weigert, tut's auf die Gefahr

Der Freiheit und Gerechtsam' Eurer Stadt.

Ihr fragt, warum ich lieber ein Gewicht

Von schnödem Fleisch will haben, als dreitausend

Dukaten zu empfangen? Darauf will ich

Nicht Antwort geben; aber setzet nun,

Daß mir's so ansteht: ist das Antwort g'nug?

Wie? wenn mich eine Ratt' im Hause plagt,

Und ich, sie zu vergiften, nun dreitausend

Dukaten geben will? Ist's noch nicht Antwort g'nug?

Es gibt der Leute, die kein schmatzend Ferkel

Ausstehen können; manche werden toll,

Wenn sie 'ne Katze sehn; noch andre können,

Wenn die Sackpfeife durch die Nase singt,

Vor Anreiz den Urin nicht bei sich halten;

Der Leidenschaften Meister lenken sie

Nach Lust und Abneigung. Nun, Euch zur Antwort:

Wie sich kein rechter Grund angeben läßt,

Daß der kein schmatzend Ferkel leiden kann,

Der keine Katz', ein harmlos nützlich Tier,

Der keinen Dudelsack; und muß durchaus

Sich solcher unfreiwill'gen Schmach ergeben,

Daß er, belästigt, selbst beläst'gen muß,

So weiß ich keinen Grund, will keinen sagen,

Als eingewohnten Haß und Widerwillen,

Den mir Antonio einflößt, daß ich so

Ein mir nachteilig Recht an ihm verfolge.

Habt Ihr nun eine Antwort?

BASSANIO.

Nein, es ist keine, du fühlloser Mann,

Die deine Grausamkeit entschuld'gen könnte.

SHYLOCK.

Muß ich nach deinem Sinn dir Antwort geben?

BASSANIO.

Bringt jedermann das um, was er nicht liebt?

SHYLOCK.

Wer haßt ein Ding, und brächt' es nicht gern um?

BASSANIO.

Beleidigung ist nicht sofort auch Haß.

SHYLOCK.

Was? läßt du dich die Schlange zweimal stechen?

ANTONIO.

Ich bitt' Euch, denkt, Ihr rechtet mit dem Juden.

Ihr mögt so gut hintreten auf den Strand,

Die Flut von ihrer Höh' sich senken heißen;

Ihr mögt so gut den Wolf zur Rede stellen,

Warum er nach dem Lamm das Schaf läßt blöken;

Ihr mögt so gut den Bergestannen wehren,

Ihr hohes Haupt zu schütteln und zu sausen,

Wenn sie des Himmels Sturm in Aufruhr setzt;

Ihr mögt so gut das Härteste bestehn,

Als zu erweichen suchen – was wär' härter? –

Sein jüdisch Herz. – Ich bitt' Euch also, bietet

Ihm weiter nichts, bemüht Euch ferner nicht,

Und gebt in aller Kürz' und grade zu

Mir meinen Spruch, dem Juden seinen Willen!

BASSANIO.

Statt der dreitausend Dukaten sind hier sechs.

SHYLOCK.

Wär' jedes Stück von den dreitausend Dukaten

Sechsfach geteilt und jeder Teil 'n Dukat,

Ich nähm' sie nicht, ich wollte meinen Schein.

DOGE.

Wie hoffst du Gnade, da du keine übst?

SHYLOCK.

Welch Urteil soll ich scheun, tu' ich kein Unrecht?

Ihr habt viel feiler Sklaven unter euch,

Die ihr wie eure Esel, Hund' und Maultier'

In sklavischem verworfnen Dienst gebraucht,

Weil ihr sie kauftet. Sag' ich nun zu euch:

»Laßt sie doch frei, vermählt sie euren Erben;

Was plagt ihr sie mit Lasten? Laßt ihr Bett

So weich als eures sein, labt ihren Gaum

Mit eben solchen Speisen!« – Ihr antwortet:

»Die Sklaven sind ja unser«; und so geb' ich

Zur Antwort: das Pfund Fleisch, das ich verlange,

Ist teu'r gekauft, ist mein, und ich will's haben.

Wenn Ihr versagt, pfui über Eu'r Gesetz!

So hat das Recht Venedigs keine Kraft.

Ich wart' auf Spruch; antwortet: soll ich's haben?

DOGE.

Ich bin befugt, die Sitzung zu entlassen,

Wo nicht Bellario, ein gelehrter Doktor,

Zu dem ich um Entscheidung ausgeschickt,

Hier heut erscheint.

SALARINO.

Eu'r Hoheit, draußen steht

Ein Bote hier, mit Briefen von dem Doktor,

Er kommt so eben an von Padua.

DOGE.

Bringt uns die Briefe, ruft den Boten vor!

BASSANIO.

Wohlauf, Antonio! Freund, sei gutes Muts!

Der Jude soll mein Fleisch, Blut, alles haben,

Eh' dir ein Tropfe Bluts für mich entgeht.

ANTONIO.

Ich bin ein angestecktes Schaf der Herde,

Zum Tod am tauglichsten; die schwächste Frucht

Fällt vor den andern, und so laßt auch mich:

Ihr könnt nicht bessern Dienst mir tun, Bassanio,

Als wenn Ihr lebt und mir die Grabschrift setzt.

Nerissa tritt auf, als Schreiber eines Advokaten gekleidet.

DOGE. Kommt Ihr von Padua, von Bellario?

NERISSA. Von beiden, Herr: Bellario grüßt Eu'r Hoheit.

Sie überreicht einen Brief.

BASSANIO.

Was wetzest du so eifrig da dein Messer?

SHYLOCK.

Die Buß' dem Bankrottierer auszuschneiden.

GRAZIANO.

An deiner Seel', an deiner Sohle nicht,

Machst du dein Messer scharf, halsstarr'ger Jude!

Doch kein Metall, selbst nicht des Henkers Beil,

Hat halb die Schärfe deines scharfen Grolls.

So können keine Bitten dich durchdringen?

SHYLOCK.

Nein, keine, die du Witz zu machen hast.

GRAZIANO.

O sei verdammt, du unbarmherz'ger Hund!

Und um dein Leben sei Gerechtigkeit verklagt.

Du machst mich irre fast in meinem Glauben,

Daß ich es halte mit Pythagoras,

Wie Tieresseelen in die Leiber sich

Von Menschen stecken: einen Wolf regierte

Sein hünd'scher Geist, der, aufgehängt für Mord,

Die grimme Seele weg vom Galgen riß

Und, weil du lagst in deiner schnöden Mutter,

In dich hineinfuhr; denn dein ganz Begehren

Ist wölfisch, blutig, räuberisch und hungrig.

SHYLOCK.

Bis du von meinem Schein das Siegel wegschiltst,

Tust du mit Schrei'n nur deiner Lunge weh.

Stell' deinen Witz her, guter junger Mensch,

Sonst fällt er rettungslos in Trümmern dir.

Ich stehe hier um Recht.

DOGE.

Der Brief da von Bellarios Hand empfiehlt

Uns einen jungen und gelehrten Doktor. –

Wo ist er denn?

NERISSA.

Er wartet dicht bei an

Auf Antwort, ob Ihr Zutritt ihm vergönnt.

DOGE.

Von ganzem Herzen! Geh' ein Paar von euch,

Und gebt ihm höfliches Geleit hieher!

Hör' das Gericht indes Bellarios Brief!

EIN SCHREIBER liest. »Eu'r Hoheit dient zur Nachricht, daß ich beim Empfange Eures Briefes sehr krank war. Aber in dem Augenblick, da Euer Bote ankam, war bei mir auf einen freundschaftlichen Besuch ein junger Doktor von Rom, namens Balthasar. Ich machte ihn mit dem streitigen Handel zwischen dem Juden und dem Kaufmann Antonio bekannt: wir schlugen viele Bücher nach; er ist von meiner Meinung unterrichtet, die er, berichtigt durch seine eigne Gelehrsamkeit (deren Größe ich nicht genug empfehlen kann), auf mein Andringen mitgenommen hat, um Euer Hoheit an meiner Statt Genüge zu leisten. Ich ersuche Euch, laßt seinen Mangel an Jahren keinen Grund sein, ihm eine anständige Achtung zu versagen: denn ich kannte noch niemals einen so jungen Körper mit einem so alten Kopf. Ich überlasse ihn Eurer gnädigen Aufnahme, seine Prüfung wird ihn am besten empfehlen.«

DOGE.

Ihr hört, was der gelehrte Mann uns schreibt,

Und hier, so glaub' ich, kommt der Doktor schon.

Porzia tritt auf, wie ein Rechtsgelehrter gekleidet.

Gebt mir die Hand; Ihr kommt von unserm alten

Bellario?

PORZIA.

Zu dienen, gnäd'ger Herr!

DOGE.

Ihr seid willkommen: nehmet Euren Platz!

Seid Ihr schon mit der Zwistigkeit bekannt,

Die hier vor dem Gericht verhandelt wird?

PORZIA.

Ich bin ganz unterrichtet von der Sache.

Wer ist der Kaufmann hier, und wer der Jude?

DOGE.

Antonio, alter Shylock, tretet vor!

PORZIA.

Eu'r Nam' ist Shylock?

SHYLOCK.

Shylock ist mein Name.

PORZIA.

Von wunderlicher Art ist Euer Handel,

Doch in der Form, daß das Gesetz Venedigs

Euch nicht anfechten kann, wie Ihr verfahrt. –

Ihr seid von ihm gefährdet, seid Ihr nicht?

ANTONIO.

Ja, wie er sagt.

PORZIA.

Den Schein erkennt Ihr an?

ANTONIO.

Ja.

PORZIA.

So muß der Jude Gnad' ergehen lassen.

SHYLOCK.

Wodurch genötigt, muß ich? Sagt mir das!

PORZIA.

Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang,

Sie träufelt, wie des Himmels milder Regen,

Zur Erde unter ihr; zwiefach gesegnet:

Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt;

Am mächtigsten in Mächt'gen, zieret sie

Den Fürsten auf dem Thron mehr wie die Krone;

Das Szepter zeigt die weltliche Gewalt,

Das Attribut der Würd' und Majestät,

Worin die Furcht und Scheu der Kön'ge sitzt.

Doch Gnad' ist über diese Szeptermacht,

Sie thronet in dem Herzen der Monarchen,

Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst,

Und ird'sche Macht kommt göttlicher am nächsten,

Wenn Gnade bei dem Recht steht; darum, Jude,

Suchst du um Recht schon an, erwäge dies:

Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keiner

Zum Heile käm'; wir beten all' um Gnade,

Und dies Gebet muß uns der Gnade Taten

Auch üben lehren. Dies hab' ich gesagt,

Um deine Foderung des Rechts zu mildern:

Wenn du darauf bestehst, so muß Venedigs

Gestrenger Hof durchaus dem Kaufmann dort

Zum Nachteil einen Spruch tun.

SHYLOCK.

Meine Taten

Auf meinen Kopf! Ich fodre das Gesetz,

Die Buße und Verpfändung meines Scheins.

PORZIA.

Ist er das Geld zu zahlen nicht imstand'?

BASSANIO.

O ja, hier biet' ich's ihm vor dem Gericht,

Ja, doppelt selbst; wenn das noch nicht genügt,

Verpflicht' ich mich, es zehnfach zu bezahlen,

Und setze Hände, Kopf und Herz zum Pfand.

Wenn dies noch nicht genügt, so zeigt sich's klar,

Die Bosheit drückt die Redlichkeit. Ich bitt' Euch,

Beugt einmal das Gesetz nach Eurem Ansehn:

Tut kleines Unrecht um ein großes Recht,

Und wehrt dem argen Teufel seinen Willen!

PORZIA.

Es darf nicht sein: kein Ansehn in Venedig

Vermag ein gültiges Gesetz zu ändern.

Es würde als ein Vorgang angeführt,

Und mancher Fehltritt nach demselben Beispiel

Griff' um sich in dem Staat: es kann nicht sein.

SHYLOCK.

Ein Daniel kommt zu richten, ja, ein Daniel!

Wie ich dich ehr', o weiser junger Richter!

PORZIA.

Ich bitte, gebt zum Ansehn mir den Schein!

SHYLOCK.

Hier ist er, mein ehrwürd'ger Doktor, hier.

PORZIA.

Shylock, man bietet dreifach dir dein Geld.

SHYLOCK.

Ein Eid! ein Eid! Ich hab' 'nen Eid im Himmel:

Soll ich auf meine Seele Meineid laden?

Nicht um Venedig!

PORZIA.

Gut, er ist verfallen,

Und nach den Rechten kann der Jud' hierauf

Verlangen ein Pfund Fleisch, zunächst am Herzen

Des Kaufmanns auszuschneiden. – Sei barmherzig!

Nimm dreifach Geld, laß mich den Schein zerreißen!

SHYLOCK.

Wenn er bezahlt ist, wie sein Inhalt lautet. –

Es zeigt sich klar, Ihr seid ein würd'ger Richter;

Ihr kennt die Rechte, Euer Vortrag war

Der bündigste: ich fodr' Euch auf beim Recht,

Wovon Ihr ein verdienter Pfeiler seid,

Kommt nun zum Spruch: bei meiner Seele schwör' ich,

Daß keines Menschen Zunge über mich

Gewalt hat: ich steh' hier auf meinen Schein.

ANTONIO.

Von ganzem Herzen bitt' ich das Gericht,

Den Spruch zu tun.

PORZIA.

Nun wohl, so steht es denn:

Bereitet Euren Busen für sein Messer!

SHYLOCK.

O weiser Richter! wackrer junger Mann!

PORZIA.

Denn des Gesetzes Inhalt und Bescheid

Hat volle Übereinkunft mit der Buße,

Die hier im Schein als schuldig wird erkannt.

SHYLOCK.

Sehr wahr: o weiser und gerechter Richter!

Um wie viel älter bist du, als du aussiehst!

PORZIA.

Deshalb entblößt den Busen!

SHYLOCK.

Ja, die Brust,

So sagt der Schein, – nicht wahr, mein edler Richter?

»Zunächst dem Herzen«, sind die eignen Worte.

PORZIA.

So ist's. Ist eine Waage da, das Fleisch

Zu wägen?

SHYLOCK.

Ja, ich hab' sie bei der Hand.

PORZIA.

Nehmt einen Feldscher, Shylock, für Eu'r Geld,

Ihn zu verbinden, daß er nicht verblutet.

SHYLOCK.

Ist das so angegeben in dem Schein?

PORZIA.

Es steht nicht da: allein was tut's? Es wär'

Doch gut, Ihr tätet das aus Menschenliebe.

SHYLOCK.

Ich kann's nicht finden, 's ist nicht in dem Schein.

PORZIA.

Kommt, Kaufmann: habt Ihr irgend was zu sagen?

ANTONIO.

Nur wenig: ich bin fertig und gerüstet.

Gebt mir die Hand, Bassanio, lebet wohl!

Es kränk' Euch nicht, daß dies für Euch mich trifft,

Denn hierin zeigt das Glück sich gütiger,

Als seine Weis' ist: immer läßt es sonst

Elende ihren Reichtum überleben,

Mit hohlem Aug' und falt'ger Stirn ein Alter

Der Armut anzusehn; von solcher Schmach

Langwier'ger Buße nimmt sie mich hinweg.

Empfehlt mich Eurem edlen Weib, erzählt ihr

Den Hergang von Antonios Ende, sagt,

Wie ich Euch liebte, rühmt im Tode mich;

Und wenn Ihr's auserzählt, heißt sie entscheiden,

Ob nicht Bassanio einst geliebt ist worden.

Bereut nicht, daß Ihr einen Freund verliert,

Und er bereut nicht, daß er für Euch zahlt:

Denn schneidet nur der Jude tief genug,

So zahl' ich gleich die Schuld von ganzem Herzen.

BASSANIO.

Antonio, ich hab' ein Weib zur Ehe,

Die mir so lieb ist als mein Leben selbst:

Doch Leben selbst, mein Weib und alle Welt,

Gilt höher als dein Leben nicht bei mir.

Ich gäbe alles hin, ja opfert' alles

Dem Teufel da, um dich nur zu befrein.

PORZIA.

Das wüßt' Eu'r Weib gewiß Euch wenig Dank,

Wär' sie dabei und hört' Eu'r Anerbieten.

GRAZIANO.

Ich hab' ein Weib, die ich auf Ehre liebe:

Doch wünscht' ich sie im Himmel, könnte sie

Dort eine Macht erflehn, des hünd'schen Juden

Gemüt zu ändern!

NERISSA.

Gut, daß Ihr's hinter ihrem Rücken tut,

Sonst störte wohl der Wunsch des Hauses Frieden.

SHYLOCK beiseit.

So sind die Christenmänner: ich hab' 'ne Tochter.

Wär' irgend wer vom Stamm des Barrabas

Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ! –

Die Zeit geht hin; ich bitt' Euch, kommt zum Spruch!

PORZIA.

Ein Pfund von dieses Kaufmanns Fleisch ist dein.

Der Hof erkennt es, und das Recht erteilt es.

SHYLOCK.

O höchst gerechter Richter! –

(

PORZIA.

Ihr müßt das Fleisch ihm schneiden aus der Brust, –

Das Recht bewilligt's, und der Hof erkennt es.

SHYLOCK.

O höchst gelehrter Richter!) – Na, ein Spruch!

Kommt, macht Euch fertig!

PORZIA.

Wart' noch ein wenig: eins ist noch zu merken:

Der Schein hier gibt dir nicht ein Tröpfchen Blut,

Die Worte sind ausdrücklich »ein Pfund Fleisch«.

Nimm denn den Schein, und nimm du dein Pfund Fleisch;

Allein vergießest du, indem du's abschneid'st,

Nur einen Tropfen Christenblut, so fällt

Dein Hab' und Gut, nach dem Gesetz Venedigs,

Dem Staat Venedigs heim.

GRAZIANO.

Gerechter Richter! – Merk', Jud'! – O weiser Richter!

SHYLOCK.

Ist das Gesetz?

PORZIA.

Du sollst die Akte sehn.

Denn, weil du dringst auf Recht, so sei gewiß,

Recht soll dir werden, mehr als du begehrst.

GRAZIANO.

O weiser Richter! – Merk', Jud! ein weiser Richter!

SHYLOCK.

Ich nehme das Erbieten denn: zahlt dreifach

Mir meinen Schein, und laßt den Christen gehn!

BASSANIO.

Hier ist das Geld.

PORZIA.

Halt!

Dem Juden alles Recht, – still! keine Eil'!

Er soll die Buße haben, weiter nichts.

GRAZIANO.

O Jud'! ein weiser, ein gerechter Richter!

PORZIA.

Darum bereite dich, das Fleisch zu schneiden!

Vergieß' kein Blut, schneid' auch nicht mehr noch minder

Als grad' ein Pfund; ist's minder oder mehr

Als ein genaues Pfund, sei's nur so viel,

Es leichter oder schwerer an Gewicht

Zu machen, um ein armes Zwanzigstteil

Von einem Skrupel, ja, wenn sich die Waagschal'

Nur um die Breite eines Haares neigt,

So stirbst du, und dein Gut verfällt dem Staat.

GRAZIANO.

Ein zweiter Daniel, ein Daniel, Jude!

Ungläubiger, ich hab' dich bei der Hüfte.

PORZIA.

Was hält den Juden auf? Nimm deine Buße!

SHYLOCK.

Gebt mir mein Kapital, und laßt mich gehn!

BASSANIO.

Ich hab' es schon für dich bereit: hier ist's.

PORZIA.

Er hat's vor offenem Gericht geweigert:

Sein Recht nur soll er haben, und den Schein.

GRAZIANO.

Ich sag', ein Daniel, ein zweiter Daniel!

Dank, Jude, daß du mich das Wort gelehrt.

SHYLOCK.

Soll ich nicht haben bloß mein Kapital?

PORZIA.

Du sollst nichts haben als die Buße, Jude,

Die du auf eigene Gefahr magst nehmen.

SHYLOCK.

So lass' es ihm der Teufel wohl bekommen!

Ich will nicht länger Rede stehn.

PORZIA.

Wart', Jude,

Das Recht hat andern Anspruch noch an dich.

Es wird verfügt in dem Gesetz Venedigs,

Wenn man es einem Fremdling dargetan,

Daß er durch Umweg oder grade zu

Dem Leben eines Bürgers nachgestellt,

Soll die Partei, auf die sein Anschlag geht,

Die Hälfte seiner Güter an sich ziehn;

Die andre Hälfte fällt dem Schatz anheim,

Und an des Dogen Gnade hängt das Leben

Des Schuld'gen einzig, gegen alle Stimmen.

In der Benennung, sag' ich, stehst du nun,

Denn es erhellt aus offenbarem Hergang,

Daß du durch Umweg und auch grade zu

Recht eigentlich gestanden dem Beklagten

Nach Leib und Leben: und so trifft dich denn

Die Androhung, die ich zuvor erwähnt.

Drum nieder, bitt' um Gnade bei dem Doge!

GRAZIANO.

Bitt' um Erlaubnis, selber dich zu hängen:

Und doch, da all dein Gut dem Staat verfällt,

Behältst du nicht den Wert von einem Strick;

Man muß dich hängen auf des Staates Kosten.

DOGE.

Damit du siehst, welch andrer Geist uns lenkt,

So schenk' ich dir dein Leben, eh' du bittest.

Dein halbes Gut gehört Antonio,

Die andre Hälfte fällt dem Staat anheim,

Was Demut mildern kann zu einer Buße.

PORZIA.

Ja, für den Staat, nicht für Antonio.

SHYLOCK.

Nein, nehmt mein Leben auch, schenkt mir das nicht!

Ihr nehmt mein Haus, wenn ihr die Stütze nehmt,

Worauf mein Haus beruht; ihr nehmt mein Leben,

Wenn ihr die Mittel nehmt, wodurch ich lebe.

PORZIA.

Was könnt Ihr für ihn tun, Antonio?

GRAZIANO.

Ein Strick umsonst! nichts mehr, um Gottes willen!

ANTONIO.

Beliebt mein gnäd'ger Herr und das Gericht

Die Buße seines halben Guts zu schenken,

So bin ich es zufrieden, wenn er mir

Die andre Hälfte zum Gebrauche läßt,

Nach seinem Tod dem Mann sie zu erstatten,

Der kürzlich seine Tochter stahl.

Noch zweierlei beding' ich: daß er gleich

Für diese Gunst das Christentum bekenne;

Zum andern, stell' er eine Schenkung aus,

Hier vor Gericht, von allem, was er nachläßt,

An seinen Schwiegersohn und seine Tochter.

DOGE.

Das soll er tun, ich widerrufe sonst

Die Gnade, die ich eben hier erteilt.

PORZIA.

Bist du's zufrieden, Jude? Nun, was sagst du?

SHYLOCK.

Ich bin's zufrieden.

PORZIA.

Ihr, Schreiber, setzt die Schenkungsakte auf!

SHYLOCK.

Ich bitt', erlaubt mir, weg von hier zu gehn:

Ich bin nicht wohl, schickt mir die Akte nach,

Und ich will zeichnen.

DOGE.

Geh denn, aber tu's!

GRAZIANO.

Du wirst zwei Paten bei der Taufe haben:

Wär' ich dein Richter, kriegtest du zehn mehr,

Zum Galgen, nicht zum Taufstein, dich zu bringen.

Shylock ab.

DOGE.

Ich lad' Euch, Herr, zur Mahlzeit bei mir ein.

PORZIA.

Ich bitt' Eu'r Hoheit um Entschuldigung:

Ich muß vor Abends fort nach Padua,

Und bin genötigt, gleich mich aufzumachen.

DOGE.

Es tut mir leid, daß Ihr Verhind'rung habt.

Antonio, zeigt Euch dankbar diesem Mann:

Ihr seid ihm sehr verpflichtet, wie mich dünkt.

Doge, Senatoren und Gefolge ab.

BASSANIO.

Mein würdger Herr, ich und mein Freund, wir sind

Durch Eure Weisheit heute losgesprochen

Von schweren Bußen; für den Dienst erwidern

Wir mit der Schuld des Juden, den dreitausend

Dukaten, willig die gewogne Müh'.

ANTONIO.

Und bleiben Eure Schuldner überdies

An Liebe und an Diensten immerfort.

PORZIA.

Wer wohl zufrieden ist, ist wohl bezahlt;

Ich bin zufrieden, da ich Euch befreit,

Und halte dadurch mich für wohl bezahlt:

Lohnsüchtiger war niemals mein Gemüt.

Ich bitt' Euch, kennt mich, wenn wir 'mal uns treffen:

Ich wünsch' Euch Gutes, und so nehm' ich Abschied.

BASSANIO.

Ich muß noch in Euch dringen, bester Herr:

Nehmt doch ein Angedenken, nicht als Lohn,

Nur als Tribut; gewährt mir zweierlei,

Mir's nicht zu weigern, und mir zu verzeihn!

PORZIA.

Ihr dringt sehr in mich: gut, ich gebe nach;

Gebt Eure Handschuh' mir, ich will sie tragen,

Und, Euch zu lieb, nehm' ich den Ring von Euch.

Zieht nicht die Hand zurück, ich will nichts weiter,

Und weigern dürft Ihr's nicht, wenn Ihr mich liebt.

BASSANIO.

Der Ring – ach, Herr! ist eine Kleinigkeit:

Ihn Euch zu geben, müßt' ich mich ja schämen.

PORZIA.

Ich will nichts weiter haben als den Ring,

Und, wie mich dünkt, hab' ich nun Lust dazu.

BASSANIO.

Es hängt an diesem Ring mehr als sein Wert;

Den teu'rsten in Venedig geb' ich Euch,

Und find' ihn aus durch öffentlichen Ausruf.

Für diesen, bitt' ich nur, entschuldigt mich!

PORZIA.

Ich seh', Ihr seid freigebig im Erbieten;

Ihr lehrtet erst mich bitten, und nun scheint es,

Ihr lehrt mich, wie man Bettlern Antwort gibt.

BASSANIO.

Den Ring gab meine Frau mir, bester Herr,

Sie steckte mir ihn an und hieß mich schwören,

Ich woll' ihn nie verlieren noch vergeben.

PORZIA.

Mit solchen Worten spart man seine Gaben.

Ist Eure Frau nicht gar ein töricht Weib,

Und weiß, wie gut ich diesen Ring verdient,

So wird sie nicht auf immer Feindschaft halten,

Weil Ihr ihn weggabt. Gut, gehabt Euch wohl!

Porzia und Nerissa ab.

ANTONIO.

Laßt ihn den Ring doch haben, Don Bassanio:

Laßt sein Verdienst zugleich mit meiner Liebe

Euch gelten gegen Eurer Frau Gebot.

BASSANIO.

Geh, Graziano, lauf' und hol' ihn ein,

Gib ihm den Ring, und bring' ihn, wenn du kannst,

Zu des Antonio Haus. Fort! Eile dich!

Graziano ab.

Kommt, Ihr und ich, wir wollen gleich dahin,

Und früh am Morgen wollen wir dann beide

Nach Belmont fliegen. Kommt, Antonio!

Ab.

Zweite Szene

Eine Straße.

Porzia und Nerissa kommen.

PORZIA.

Erfrag' des Juden Haus, gib ihm die Akte,

Und laß ihn zeichnen. Wir wollen fort zu Nacht

Und einen Tag vor unsern Männern noch

Zu Hause sein. Die Akte wird Lorenzo'n

Gar sehr willkommen sein.

Graziano kommt.

GRAZIANO.

Schön, daß ich Euch noch treffe, werter Herr:

Hier schickt Euch Don Bassanio, da er besser

Es überlegt, den Ring, und bittet Euch,

Mittags bei ihm zu speisen.

PORZIA.

Das kann nicht sein;

Den Ring nehm' ich mit allem Danke an,

Und bitt' Euch, sagt ihm das; seid auch so gut,

Den jungen Mann nach Shylocks Haus zu weisen.

GRAZIANO.

Das will ich tun.

NERISSA zur Porzia.

Herr, noch ein Wort mit Euch!

Heimlich.

Ich will doch sehn, von meinem Mann den Ring

Zu kriegen, den ich immer zu bewahren

Ihn schwören ließ.

PORZIA.

Ich steh' dafür, du kannst es.

Da wird's an hoch und teuer Schwören gehn,

Daß sie die Ring' an Männer weggegeben:

Wir leugnen's keck und überschwören sie.

Fort! Eile dich! Du weißt ja, wo ich warte.

NERISSA.

Kommt, lieber Herr! Wollt Ihr sein Haus mir zeigen?

Ab.

Fünfter Aufzug
Erste Szene

Belmont. Freier Platz vor Porzias Hause.

Lorenzo und Jessica treten auf.

LORENZO.

Der Mond scheint hell: in solcher Nacht wie diese,

Dalinde Luft die Bäume schmeichelnd küßte

Und sie nicht rauschen ließ, in solcher Nacht

Erstieg wohl Troilus die Mauern Trojas

Und seufzte seine Seele zu den Zelten

Der Griechen hin, wo seine Cressida

Die Nacht im Schlummer lag.

JESSICA.

In solcher Nacht

Schlüpft' überm Taue Thisbe furchtsam hin,

Und sah des Löwen Schatten eh' als ihn,

Und lief erschrocken weg.

LORENZO.

In solcher Nacht

Stand Dido, eine Weid' in ihrer Hand,

Am wilden Strand und winkte ihrem Liebsten

Zur Rückkehr nach Karthago.

JESSICA.

In solcher Nacht

Las einst Medea jene Zauberkräuter,

Den Äson zu verjüngen.

LORENZO.

In solcher Nacht

Stahl Jessica sich von dem reichen Juden,

Und lief mit einem ausgelaßnen Liebsten

Bis Belmont von Venedig.

JESSICA.

In solcher Nacht

Schwor ihr Lorenzo, jung und zärtlich, Liebe

Und stahl ihr Herz mit manchem Treugelübd',

Wovon nicht eines echt war.

LORENZO.

In solcher Nacht

Verleumdete die art'ge Jessica,

Wie eine kleine Schelmin, ihren Liebsten,

Und er vergab es ihr.

JESSICA.

Ich wollt' Euch übernachten, käme niemand:

Doch horcht, ich hör' den Fußtritt eines Manns.

Ein Bedienter kommt.

LORENZO.

Wer kommt so eilig in der stillen Nacht?

BEDIENTER.

Ein Freund.

LORENZO.

Ein Freund? Was für ein Freund? Eu'r Name, Freund!

BEDIENTER.

Mein Nam' ist Stephano, und ich soll melden,

Daß meine gnäd'ge Frau vor Tages Anbruch

Wird hier in Belmont sein; sie streift umher

Bei heil'gen Kreuzen, wo sie kniet und betet

Um frohen Ehestand.

LORENZO.

Wer kommt mit ihr?

BEDIENTER.

Ein heil'ger Klausner und ihr Mädchen bloß.

Doch sagt mir, ist mein Herr noch nicht zurück?

LORENZO.

Nein, und wir haben nichts von ihm gehört.

Doch, liebe Jessica, gehn wir hinein:

Laßt uns auf einen feierlichen Willkomm

Für die Gebieterin des Hauses denken!

Lanzelot kommt.

LANZELOT. Holla, holla! He! Heda! Holla! Holla!

LORENZO. Wer ruft?

LANZELOT. Holla! Habt Ihr Herrn Lorenzo und Frau Lorenzo gesehn? Holla! holla!

LORENZO. Laß dein Hollarufen, Kerl! Hier!

LANZELOT. Holla! Wo? Wo?

LORENZO. Hier!

LANZELOT. Sagt ihm, daß ein Postillon von meinem Herrn gekommen ist, der sein Horn voll guter Neuigkeiten hat: mein Herr wird vor morgens hier sein. Lanzelot ab.

LORENZO.

Komm, süßes Herz, erwarten wir sie drinnen!

Und doch, es macht nichts aus: wozu hineingehn?

Freund Stephano, ich bitt' Euch, meldet gleich

Im Haus die Ankunft Eurer gnäd'gen Frau,

Und bringt die Musikanten her ins Freie!

Stephano ab.

Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!

Hier sitzen wir und lassen die Musik

Zum Ohre schlüpfen; sanfte Still' und Nacht,

Sie werden Tasten süßer Harmonie.

Komm, Jessica! Sieh, wie die Himmelsflur

Ist eingelegt mit Scheiben lichten Goldes!

Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst,

Der nicht im Schwunge wie ein Engel singt,

Zum Chor der hellgeaugten Cherubim.

So voller Harmonie sind ew'ge Geister:

Nur wir, weil dies hinfäll'ge Kleid von Staub

Ihn grob umhüllt, wir können sie nicht hören.

Musikanten kommen.

He! kommt und weckt Dianen auf mit Hymnen,

Rührt eurer Herrin Ohr mit zartem Spiel,

Zieht mit Musik sie heim!

Musik.

JESSICA.

Nie macht die liebliche Musik mich lustig.

LORENZO.

Der Grund ist, Eure Geister sind gespannt.

Bemerkt nur eine wilde flücht'ge Herde,

Der ungezähmten jungen Füllen Schar;

Sie machen Sprünge, blöken, wiehern laut,

Wie ihres Blutes heiße Art sie treibt:

Doch schallt nur die Trompete, oder trifft

Sonst eine Weise der Musik ihr Ohr,

So seht Ihr, wie sie mit einander stehn,

Ihr wildes Auge schaut mit Sittsamkeit,

Durch süße Macht der Töne. Drum lehrt der Dichter,

Gelenkt hab' Orpheus Bäume, Felsen, Fluten,

Weil nichts so stöckisch, hart und voll von Wut,

Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt.

Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst,

Den nicht die Eintracht süßer Töne rührt,

Taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken;

Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,

Sein Trachten düster wie der Erebus.

Trau' keinem solchen! – Horch auf die Musik!

Porzia und Nerissa in der Entfernung.

PORZIA.

Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal:

Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!

So scheint die gute Tat in arger Welt.

NERISSA.

Da der Mond schien, sahn wir die Kerze nicht.

PORZIA.

So löscht der größre Glanz den kleinern aus.

Ein Stellvertreter strahlet wie ein König,

Bis ihm ein König naht; und dann ergießt

Sein Prunk sich, wie vom innern Land ein Bach

Ins große Bett der Wasser. Horch, Musik!

NERISSA.

Es sind die Musikanten Eures Hauses.

PORZIA.

Ich sehe, nichts ist ohne Rücksicht gut:

Mich dünkt, sie klingt viel schöner als bei Tag.

NERISSA.

Die Stille gibt den Reiz ihr, gnäd'ge Frau.

PORZIA.

Die Krähe singt so lieblich wie die Lerche,

Wenn man auf keine lauschet; und mir deucht,

Die Nachtigall, wenn sie bei Tage sänge,

Wo alle Gänse schnattern, hielt' man sie

Für keinen bessern Spielmann als den Spatz.

Wie manches wird durch seine Zeit gezeitigt

Zu echtem Preis und zur Vollkommenheit! –

Still! Luna schläft ja beim Endymion,

Und will nicht aufgeweckt sein.

Die Musik hört auf.

LORENZO.

Wenn nicht alles

Mich trügt, ist das die Stimme Porzias.

PORZIA.

Er kennt mich, wie der blinde Mann den Kuckuck,

An meiner schlechten Stimme.

LORENZO.

Gnäd'ge Frau, willkommen!

PORZIA.

Wir beteten für unsrer Männer Wohlfahrt,

Und hoffen, unsre Worte fördern sie.

Sind sie zurück?

LORENZO.

Bis jetzt nicht, gnäd'ge Frau,

Allein ein Bote ist vorausgekommen,

Sie anzumelden.

PORZIA.

Geh hinein, Nerissa,

Sag meinen Leuten, daß sie gar nicht tun,

Als wären wir vom Haus entfernt gewesen; –

Auch Ihr, Lorenzo: Jessica, auch Ihr!

Trompetenstoß.

LORENZO.

Da kommt schon Eu'r Gemahl, ich höre blasen:

Wir sind nicht Plaudertaschen, fürchtet nichts!

PORZIA.

Mich dünkt, die Nacht ist nur ein krankes Tagslicht,

Sie sieht ein wenig bleicher; 's ist ein Tag,

Wie's Tag ist, wenn die Sonne sich verbirgt.

Bassanio, Antonio, Graziano treten auf mit ihrem Gefolge.

BASSANIO.

Wir hielten mit den Antipoden Tag,

Erschient Ihr, während sich die Sonn' entfernt.

PORZIA.

(Gern möcht' ich leuchten, doch nicht leicht erscheinen:)

Wenn mein Betragen nur das Licht nicht scheut,

So mag mein Fußtritt wohl im Dunkeln wandeln.

Ihr seid zu Haus willkommen, mein Gemahl.

BASSANIO.

Ich dank' Euch; heißt willkommen meinen Freund!

Dies ist der Mann, dies ist Antonio,

Dem ich so grenzenlos verpflichtet bin.

PORZIA.

Ihr müßt in allem ihm verpflichtet sein,

Ich hör', er hat sich sehr für Euch verpflichtet.

ANTONIO.

Zu mehr nicht, als ich glücklich bin gelöst.

PORZIA.

Herr, Ihr seid unserm Hause sehr willkommen:

Es muß sich anders zeigen als in Reden,

Drum kürz' ich diese Wortbegrüßung ab.

Graziano und Nerissa haben sich unterdessen besonders unterredet.

GRAZIANO.

Ich schwör's bei jenem Mond, Ihr tut mir Unrecht:

Fürwahr, ich gab ihn an des Richters Schreiber.

Wär' er verschnitten, dem ich ihn geschenkt,

Weil Ihr Euch, Liebste, so darüber kränkt!

PORZIA.

Wie? schon ein Zank? Worüber kam es her?

GRAZIANO.

Um einen Goldreif, einen dürft'gen Ring,

Den sie mir gab; der Denkspruch war daran

An alle Welt, wie Vers' auf einer Klinge

Vom Messerschmied: »Liebt mich und laßt mich nicht!«

NERISSA.

Was redet Ihr vom Denkspruch und dem Wert?

Ihr schwurt mir, da ich ihn Euch gab, Ihr wolltet

Ihn tragen bis zu Eurer Todesstunde,

Er sollte selbst im Sarge mit Euch ruhn.

Ihr mußtet ihn, um Eurer Eide willen,

Wo nicht um mich, verehren und bewahren.

Des Richters Schreiber! – Oh, ich weiß, der Schreiber,

Der ihn bekam, trägt niemals Haar am Kinn.

GRAZIANO.

Doch, wenn er lebt, bis er zum Mann erwächst.

NERISSA.

Ja, wenn ein Weib zum Manne je erwächst.

GRAZIANO.

Auf Ehr', ich gab ihn einem jungen Menschen,

'ner Art von Buben, einem kleinen Knirps,

Nicht höher als du selbst, des Richters Schreiber.

Der Plauderbub' erbat den Ring zum Lohn:

Ich konnt' ihm das um alles nicht versagen.

PORZIA.

Ihr wart zu tadeln, offen sag' ich's Euch,

Euch von der ersten Gabe Eurer Frau

So unbedacht zu trennen; einer Sache,

Mit Eiden angesteckt an Euren Finger

Und so mit Treu' an Euren Leib geschmiedet.

Ich schenkte meinem Liebsten einen Ring,

Und hieß ihn schwören, nie ihn wegzugeben;

Hier steht er, und ich darf für ihn beteuern,

Er ließ' ihn nicht, er riss' ihn nicht vom Finger

Für alle Schätze, so die Welt besitzt.

Ihr gabt fürwahr, Graziano, Eurer Frau

Zu lieblos eine Ursach' zum Verdruß;

Geschäh' es mir, es machte mich verrückt.

BASSANIO beiseit.

Ich möchte mir die linke Hand nur abhaun,

Und schwören, ich verlor den Ring im Kampf.

GRAZIANO.

Bassanio schenkte seinen Ring dem Richter,

Der darum bat, und in der Tat ihn auch

Verdiente; dann erbat der Bursch, sein Schreiber,

Der Müh' vom Schreiben hatte, meinen sich,

Und weder Herr noch Diener wollten was

Als die zwei Ringe nehmen.

PORZIA.

Welch einen Ring gabt Ihr ihm, mein Gemahl?

Nicht den, hoff' ich, den Ihr von mir empfingt.

BASSANIO.

Könnt' ich zum Fehler eine Lüge fügen,

So würd' ich's leugnen: doch Ihr seht, mein Finger

Hat nicht den Ring mehr an sich, er ist fort.

PORZIA.

Gleich leer an Treu' ist Euer falsches Herz.

Beim Himmel, nie komm' ich in Euer Bett,

Bis ich den Ring gesehn.

NERISSA.

Noch ich in Eures,

Bis ich erst meinen sehe.

BASSANIO.

Holde Porzia!

Wär' Euch bewußt, wem ich ihn gab, den Ring,

Wär' Euch bewußt, für wen ich gab den Ring,

Und säht Ihr ein, wofür ich gab den Ring,

(Und wie unwillig ich mich schied vom Ring,)

Da nichts genommen wurde als der Ring,

Ihr würdet Eures Unmuts Härte mildern.

PORZIA.

Und hättet Ihr gekannt die Kraft des Rings,

Halb deren Wert nur, die Euch gab den Ring,

Und Eure Ehre, hangend an dem Ring,

Ihr hättet so nicht weggeschenkt den Ring.

Wo wär' ein Mann so unvernünftig wohl,

Hätt' es Euch nur beliebt, mit ein'ger Wärme

Ihn zu verteid'gen, daß er ohne Scheu

Ein Ding begehrte, das man heilig hält?

Nerissa lehrt mir, was ich glauben soll:

Ich sterbe drauf, ein Weib bekam den Ring.

BASSANIO.

Bei meiner Ehre, nein! bei meiner Seele,

Kein Weib bekam ihn, sondern einem Doktor

Der Rechte gab ich ihn, der mir dreitausend

Dukaten ausschlug und den Ring erbat,

Ich weigert's ihm, ließ ihn verdrießlich gehn,

Den Mann, der meines teuern Freundes Leben

Aufrecht erhielt. Was soll ich sagen, Holde?

Ich war genötigt, ihn ihm nachzuschicken,

Gefälligkeit und Scham bedrängten mich,

Und meine Ehre litt nicht, daß sie Undank

So sehr befleckte. Drum verzeiht mir, Beste:

Denn, glaubt mir, bei den heil'gen Lichtern dort,

Ihr hättet, wär't Ihr da gewesen, selbst

Den Ring erbeten für den würd'gen Doktor.

PORZIA.

Daß nur der Doktor nie mein Haus betritt!

Denn weil er das Juwel hat, das ich liebte,

Das Ihr mein'twillen zu bewahren schwurt,

So will ich auch freigebig sein wie Ihr:

Ich will ihm nichts versagen, was ich habe,

Nicht meinen Leib, noch meines Gatten Bett;

Denn kennen will ich ihn, das weiß ich sicher.

Schlaft keine Nacht vom Haus! Wacht wie ein Argus!

Wenn Ihr's nicht tut, wenn Ihr allein mich laßt:

Bei meiner Ehre, die mein eigen noch!

Den Doktor nehm' ich mir zum Bettgenossen.

NERISSA.

Und ich den Schreiber: darum seht Euch vor,

Wie Ihr mich laßt in meiner eignen Hut!

GRAZIANO.

Gut! tut das nur, doch laßt ihn nicht ertappen,

Ich möchte sonst des Schreibers Federkappen.

ANTONIO.

Ich bin der Unglücksgrund von diesem Zwist.

PORZIA.

Es kränk' Euch nicht; willkommen seid Ihr dennoch.

BASSANIO.

Vergebt mir, Porzia, mein gezwungnes Unrecht,

Und vor den Ohren aller dieser Freunde

Schwör' ich dir, ja, bei deinen holden Augen,

Worin ich selbst mich sehe –

PORZIA.

Gebt doch acht!

In meinen Augen sieht er selbst sich doppelt,

In jedem Aug' einmal, – beruft Euch nur

Auf Euer doppelt Selbst, das ist ein Eid,

Der Glauben einflößt.

BASSANIO.

Hört mich doch nur an!

Verzeiht dies, und bei meiner Seele schwör' ich,

Ich breche nie dir wieder einen Eid.

ANTONIO.

Ich lieh einst meinen Leib hin für sein Gut;

Ohn' ihn, der Eures Gatten Ring bekam,

War er dahin; ich darf mich noch verpflichten,

Zum Pfande meine Seele, Eu'r Gemahl

Wird nie mit Vorsatz mehr die Treue brechen.

PORZIA.

So seid denn Ihr sein Bürge: gebt ihm den,

Und heißt ihn besser hüten als den andern!

ANTONIO.

Hier, Don Bassanio: schwört, den Ring zu hüten!

BASSANIO.

Beim Himmel! eben den gab ich dem Doktor.

PORZIA.

Ich hab' ihn auch von ihm: verzeiht, Bassanio,

Für diesen Ring gewann der Doktor mich.

NERISSA.

Und Ihr, verzeiht, mein artiger Graziano:

Denn jener kleine Bursch, des Doktors Schreiber,

War, um den Preis hier, letzte Nacht bei mir.

GRAZIANO.

Nun, das sieht aus wie Wegebesserung

Im Sommer, wenn die Straßen gut genug.

Was? sind wir Hahnrei', eh' wir's noch verdient?

PORZIA.

Sprecht nicht so gröblich! – Ihr seid all' erstaunt;

Hier ist ein Brief, lest ihn bei Muße durch,

Er kommt von Padua, vom Bellario:

Da könnt Ihr finden, Porzia war der Doktor,

Nerissa dort ihr Schreiber; hier Lorenzo

Kann zeugen, daß ich gleich nach euch gereist,

Und eben erst zurück bin: ich betrat

Mein Haus noch nicht. – Antonio, seid willkommen:

Ich habe beßre Zeitung noch im Vorrat,

Als Ihr erwartet. Diesen Brief erbrecht;

Ihr werdet sehn, drei Eurer Galeonen

Sind reich beladen plötzlich eingelaufen;

Ich sag' Euch nicht, was für ein eigner Zufall

Den Brief mir zugespielt hat.

ANTONIO.

Ich verstumme.

BASSANIO.

Wart Ihr der Doktor, und ich kannt' Euch nicht?

GRAZIANO.

Wart Ihr der Schreiber, der mich krönen soll?

NERISSA.

Ja, doch der Schreiber, der es niemals tun will,

Wenn er nicht lebt, bis er zum Mann erwächst.

BASSANIO.

Ihr müßt mein Bettgenoß sein, schönster Doktor:

Wenn ich nicht da bin, liegt bei meiner Frau!

ANTONIO.

Ihr gabt mir Leben, Teure, und zu leben:

Hier les' ich für gewiß, daß meine Schiffe

Im Hafen sicher sind.

PORZIA.

Wie steht's, Lorenzo?

Mein Schreiber hat auch guten Trost für Euch.

NERISSA.

Ja, und er soll ihn ohne Sporteln haben.

Hier übergeb' ich Euch und Jessica

Vom reichen Juden eine Schenkungsakte

Auf seinen Tod, von allem, was er nachläßt.

LORENZO.

Ihr schönen Frau'n streut Manna Hungrigen

In ihren Weg.

PORZIA.

Es ist beinahe Morgen,

Und doch, ich weiß gewiß, seht ihr noch nicht

Den Hergang völlig ein. – Laßt uns hineingehn,

Und da vernehmt auf Fragartikel uns,

Wir wollen euch auf alles wahrhaft dienen.

GRAZIANO.

Ja, tun wir das; der erste Fragartikel,

Worauf Nerissa schwören muß, ist der:

Ob sie bis morgen lieber warten mag,

Ob schlafen gehn, zwei Stunden nur vor Tag?

Doch käm' der Tag, ich wünscht' ihn seiner Wege,

Damit ich bei des Doktors Schreiber läge.

Gut! lebenslang hüt' ich kein ander Ding

Mit solchen Ängsten als Nerissas Ring.

Alle ab.

Der Widerspenstigen Zähmung

Einleitung

Schlau und die Wirtin treten auf.

SCHLAU. Ich will Euch zwiebeln, mein' Seel'!

WIRTIN. Fußschellen für dich, du Lump!

SCHLAU. Du Weibsstück! Die Schlaus sind keine Lumpen! Sieh in den Chroniken nach, wir kamen mit Richard dem Eroberer herüber! also paucas palabris: laßt der Welt ihr Recht: Sessa! –

WIRTIN. Ihr wollt mir die Gläser nicht bezahlen, die Ihr zerbrochen habt?

SCHLAU. Nein, keinen Heller: still, still, sagt Jeronimo: geh in dein kaltes Bett und wärme dich!

WIRTIN. Ich weiß schon, was ich zu tun habe: ich muß gehn und den Viertelsmeister holen. – Ab.

SCHLAU. Den Viertels-, Fünftels-, Sechstels- oder Achtelsmeister: ich werde ihm nach dem Gesetz antworten. Ich weiche keinen Zoll breit, Junge; laßt ihn kommen und in der Güte. Schläft ein.

Ein Lord, der mit seinem Gefolge von der Jagd zurückkehrt, tritt auf.

LORD.

Jäger, ich sag' dir's, pfleg' die Meute gut! –

Der Spürhund Lustig hat sich überlaufen;

Und kupple Greif mit der tiefstimm'gen Bracke!

Sahst du nicht, Bursch, wie brav der Silber aufnahm

Am Rand des Zauns, so kalt die Fährte war?

Den Hund möcht' ich für zwanzig Pfund nicht missen.

ERSTER JÄGER.

Nun, Baumann ist so gut wie der, Mylord,

Er ließ nicht ab, verlor er gleich die Spur,

Und zweimal fand er heut die schwächste Witt'rung: –

Glaubt mir's, das ist der allerbeste Hund!

LORD.

Du bist ein Narr; wär' Echo nur so flink,

Ich schätzt' ihn höher als ein Dutzend solcher.

Nun füttre diese gut, und sieh nach allen;

Ich reite morgen wieder auf die Jagd.

ERSTER JÄGER.

Ganz wohl, Mylord.

LORD.

Was gibt's da?

Ein Toter oder Trunkner? Atmet er?

ZWEITER JÄGER.

Er atmet, gnäd'ger Herr: ihn wärmt sein Bier,

Sonst wär's ein kaltes Bett, so fest zu schlafen.

LORD.

O scheußlich Tier! Da liegt er wie ein Schwein! –

Graunvoller Tod, wie ekel ist dein Abbild! –

Hört, mit dem Trunknen will ich was beginnen.

Was meint ihr, wenn man in ein Bett ihn legte,

In feinem Linnen, Ring' an seinen Fingern,

Ein recht erlesnes Mahl an seinem Lager,

Stattliche Diener um ihn beim Erwachen: –

Würde der Bettler nicht sein selbst vergessen?

ERSTER JÄGER.

Mein' Treu', Mylord, das, glaub' ich, kann nicht fehlen.

ZWEITER JÄGER.

Es wird ihn seltsam dünken, wenn er wacht.

LORD.

Ganz wie ein schmeichlerischer Traum, ein Blendwerk!

Drum hebt ihn auf, verfolgt den Scherz geschickt,

Tragt ihn behutsam in mein schönstes Zimmer,

Und hängt umher die lüsternen Gemälde;

Wärmt seinen strupp'gen Kopf mit duft'gem Wasser,

Mit Lorbeerholz durchwürzt des Saales Luft,

Haltet Musik bereit, so wie er wacht,

Daß Himmelston ihm Wonn' entgegenklinge:

Und spricht er etwa, eilt sogleich herzu,

Und mit demüt'ger tiefer Reverenz

Fragt: »Was befiehlt doch Eure Herrlichkeit?«

Das Silberbecken reich' ihm einer dar

Voll Rosenwasser und bestreut mit Blumen.

Gießkanne trage dieser, Handtuch jener,

Sagt: »Will Eu'r Gnaden sich die Hände kühlen?«

Ein andrer steh' mit reichem Kleide da

Und frag' ihn, welch ein Anzug ihm beliebt?

Noch einer sprech' ihm vor von Pferd und Hunden,

Und wie sein Unfall sein Gemahl bekümmre.

Macht ihm begreiflich, er sei längst verrückt,

Und sagt er euch, er sei ... so sprecht, ihm träume,

Er sei nichts anders, als ein mächt'ger Lord. –

Dies tut und macht's geschickt, ihr lieben Leute;

Es wird ein schön ausbünd'ger Zeitvertreib,

Wird er gehandhabt mit bescheidnem Maß.

ERSTER JÄGER.

Mylord, vertraut, wir spielen unsre Rolle;

Und unserm Eifer nach soll er es glauben,

Daß er nichts anders ist, als wir ihn nennen.

LORD.

Hebt ihn behutsam auf, bringt ihn zu Bett,

Und jeder an sein Amt, wenn er erwacht!

Einige tragen Schlau fort. Trompeten.

Geh, Bursch, und sieh, wen die Trompete meldet:

Vielleicht ein großer Herr, der auf der Reise

Sich diesen Ort ersehn, um hier zu rasten.

Sag an, wer ist's?

DIENER.

Mit Euer Gnaden Gunst,

Schauspieler sind's, die ihre Dienste bieten.

LORD.

Führ' sie herein!

Schauspieler treten auf.

Ihr seid willkommen, Leute.

ERSTER SCHAUSPIELER.

Wir danken Euer Gnaden.

LORD.

Gedenkt ihr diesen Abend hier zu bleiben?

ZWEITER SCHAUSPIELER.

Wenn Euer Gnaden unsern Dienst genehmigt.

LORD.

Von Herzen gern. Den Burschen kenn' ich noch,

Er spielte eines Pachters ältsten Sohn;

Da, wo so hübsch du um das Mädchen warbst:

Ich weiß nicht deinen Namen, doch die Rolle

War passend und natürlich dargestellt.

ERSTER SCHAUSPIELER.

War es nicht Soto, den Eu'r Gnaden meint?

LORD.

Der war es auch; du spieltest ihn vortrefflich.

Nun, zur gelegnen Stunde kommt ihr eben,

So mehr, da ich 'nen Spaß mir vorgesetzt,

Wo ihr mit euerm Witz mir helfen könnt.

Ein Lord hier wird euch heute spielen sehn:

Allein ich furcht', ihr kommt mir aus der Fassung:

Daß, fällt sein närrisch Wesen euch ins Auge

(Denn noch sah Mylord niemals ein Theater),

Ihr nicht ausbrecht in schallendes Gelächter,

Und so ihm Anstoß gebt: denn seid versichert,

Wenn ihr nur lächelt, kommt er außer sich.

ERSTER SCHAUSPIELER.

Sorgt nicht, Mylord, wir halten uns in Zaum,

Und wär' er auch die lächerlichste Fratze.

LORD.

Du geh mir, führ' sie in die Kellerei!

Da reiche jedem freundlichen Willkommen,

Und spare nichts, was nur mein Haus vermag!

Schauspieler ab.

– Du hol' Bartholomeo mir, den Pagen,

Und laß ihn kleiden ganz wie eine Dame:

Dann führ' ihn in des Trunkenbolds Gemach;

Und nenn' ihn gnäd'ge Frau, dien' ihm mit Ehrfurcht:

Sag ihm von mir, wenn meine Gunst ihm lieb,

Mög' er mit feinem Anstand sich betragen,

So wie er edle Frauen irgend nur

Mit ihren Eh'herrn sich benehmen sah:

So untertänig sei er diesem Säufer.

Mit sanfter Stimme, tief sich vor ihm neigend,

Sprech' er dann: »Was befiehlt mein teurer Herr,

Worin Eu'r Weib getreu und unterwürfig

Euch Pflicht erweis' und ihre Lieb' erzeige?« –

Hernach mit süßem Kuß und sanft umarmend,

Das Haupt an seine Brust ihm angelehnt,

Soll er im Übermaß der Freude weinen,

Daß sein Gemahl ihm wiederhergestellt,

Der zweimal sieben Jahr, sich selbst verkennend,

Für einen schmutz'gen Bettler sich gehalten. –

Versteht der Knabe nicht die Frauenkunst,

Schnell diesem Regenschauer zu gebieten,

Wird eine Zwiebel ihm behülflich sein,

Die heimlich eingewickelt in ein Tuch

Die Augen sicher unter Wasser setzt. –

Besorge dies, so schleunig du's vermagst:

Ich will sogleich dir mehr noch anvertraun.

Diener ab.

Ich weiß, der Knabe wird den feinen Anstand,

Gang, Stimm' und Wesen einer Dame borgen.

Ich freu' mich drauf, wenn er Gemahl ihn nennt,

Und wie mit Lachen alle werden kämpfen,

Wenn sie dem albern Bauer huld'gen müssen.

Ich geh', noch mehr zu raten; mein Erscheinen

Mag ihre allzu lust'ge Laune dämpfen,

Die sonst vielleicht ein Übermaß erreichte.

Ab mit seinem Gefolge.

Es treten auf Schlau mit mehreren Dienern. Einige tragen Kleider, Becken und Gießkanne und anderes Gerät. Der Lord unter ihnen.

SCHLAU.

Um Gottes willen, einen Krug Dünnbier!

ERSTER DIENER.

Befiehlt Eu'r Herrlichkeit 'nen Becher Sekt?

ZWEITER DIENER.

Befiehlt Eu'r Gnaden eingemachte Früchte?

DRITTER DIENER.

Welch einen Anzug wünscht Eu'r Gnaden heut?

SCHLAU. Ich bin Christoph Schlau, heißt mich nicht Herrlichkeit noch Gnaden. Ich habe mein Lebstage keinen Sekt getrunken, und wollt ihr mir Eingemachtes geben, so gebt mir eingemachtes Rindfleisch. Fragt mich nicht, welchen Anzug ich tragen will, denn ich habe nicht mehr Wämser als Rücken, nicht mehr Strümpfe als Beine, nicht mehr Schuhe als Füße, ja zuweilen mehr Füße als Schuhe, oder solche Schuhe, wo mir die Zehen durchs Oberleder kucken.

LORD.

Gott nehm' Eu'r Gnaden diesen müß'gen Wahn! –

O daß ein mächt'ger Lord, von solcher Abkunft,

So großem Reichtum, solcher hohen Würde,

Sich von so bösem Geist beherrschen läßt!

SCHLAU. Was! wollt Ihr mich verrückt machen? Bin ich denn nicht Christoph Schlau, Sohn des alten Schlau von Burtonhaide? durch Geburt ein Hausierer, durch Erziehung ein Hechelkrämer, durch Verwandlung ein Bärenführer und nun nach meiner jetzigen Hantierung ein Kesselflicker? Fragt nur Anne Hacket, die dicke Bierwirtin von Wincot, ob sie mich nicht kennt. Wenn sie sagt, daß sie mich nicht mit vierzehn Pfennigen für Weißbier auf ihrem Kerbholz angestrichen hat, so streicht mich an als den verlogensten Schelm in der ganzen Christenheit. Was! ich bin doch nicht verhext? – Hier ist ...

ERSTER DIENER.

Oh, dies macht Eure edle Gattin weinen! –

ZWEITER DIENER.

Oh, dies macht Eure treuen Diener trauern! –

LORD.

Ja, deshalb scheun das Haus die Anverwandten,

Als geißelt' Euer Wahnsinn sie hinweg.

O edler Lord, gedenk' der hohen Ahnen,

Den alten Sinn ruf' aus dem Bann zurück,

Und banne diesen blöden, niedern Traum! –

Sieh, alle Diener warten ihres Amts!

Die Pflicht will jeder tun nach deinem Wink.

Willst du Musik? So horch, Apollo spielt,

Und zwanzig Nachtigall'n im Bauer singen: –

Sag, willst du schlafen? Deiner harrt ein Lager,

Weicher und sanfter als das üpp'ge Bett,

Das für Semiramis ward aufgeschmückt: –

Willst du lustwandeln? Blumen streun wir dir;

Willst reiten? Deine Rosse lass' ich zäumen,

Ihr Zeug ganz aufgeschmückt mit Gold und Perlen.

Liebst du die Beize? Deine Falkenschwingen

Sich höher als die Morgenlerche; Jagd?

Der Himmel dröhnt vom Bellen deiner Hunde

Und weckt der hohlen Erde grelles Echo.

ERSTER DIENER.

Sprich, willst du hetzen? Schnell sind deine Hunde,

Leicht wie der Hirsch, und flücht'ger als das Reh.

ZWEITER DIENER.

Liebst du Gemälde? Sprich! Wir bringen dir

Adonis, ruhend an dem klaren Bach,

Und Cytherea, ganz im Schilf versteckt,

Das ihrem Atem kost und so sich regt,

Wie schwankes Schilfrohr mit dem Winde spielt.

LORD.

Wir zeigen Jo dir, da sie noch Jungfrau,

Wie sie betrogen ward und überrascht,

Ganz nach dem Leben täuschend dargestellt.

DRITTER DIENER.

Und Daphne, flüchtend durch den dorn'gen Wald,

Zerritzt die Beine, daß man schwört, sie blute,

Und bei dem Anblick traurig wein' Apollo:

So meisterlich gemalt sind Blut und Tränen.

LORD.

Du bist ein Lord, nichts anders als ein Lord:

Und ein Gemahl besitzest du, weit schöner

Als irgendein' in dieser dürft'gen Zeit.

ERSTER DIENER.

Und eh' die Tränen, die für dich vergossen,

Voll Neid ihr lieblich Antlitz überströmt,

War sie das reizendste Geschöpf der Welt,

Und jetzt noch steht sie keiner andern nach.

SCHLAU.

Bin ich ein Lord? Und hab' ich solche Frau?

Träum' ich? Sagt, oder träumte mir bis jetzt?

Ich schlafe nicht, ich seh', ich hör', ich spreche,

Ich rieche Duft, ich fühle weiches Lager:

Bei meiner Seel', ich bin ein Lord, wahrhaftig,

Kein Kesselflicker, noch Christoffer Schlau.

Wohlan, so bringt mir meine Frau vor Augen,

Und nochmals: einen Krug vom dünnsten Bier! –

ZWEITER DIENER.

Will Eu'r Erhabenheit die Hände waschen?

Die Diener reichen ihm Becken, Kanne und Tuch.

Wir sind beglückt, daß Ihr zurecht Euch fandet;

Oh, daß Ihr endlich einseht, wer Ihr seid! –

Seit funfzehn Jahren wart Ihr wie im Traum,

Und wachtet Ihr, so war's, als ob Ihr schlieft.

SCHLAU.

Seit funfzehn Jahren! Blitz, ein hübsches Schläfchen!

Sprach ich denn gar nichts in der ganzen Zeit? –

ERSTER DIENER.

O ja, Mylord, doch lauter unnütz Zeug.

Denn lagt Ihr gleich in diesem schönen Zimmer,

Doch sagtet Ihr, man werf' Euch aus der Tür.

Dann schaltet Ihr die Wirtin aus und drohtet,

Sie beim Gerichtstag nächstens zu verklagen.

Weil sie Steinkrüge gab statt richt'gen Maßes:

Dann wieder rieft Ihr nach Cäcilie Hacket.

SCHLAU.

Ja, ja, der Wirtin Tochter in der Schenke.

DRITTER DIENER.

Ei Herr, Ihr kennt solch Haus nicht und solch Mädchen,

Noch solche Leute, als Ihr hergezählt,

Auch all die Männer, die Ihr nanntet, nicht:

Als Stephan Schlau, Hans Knopf den alten Dicken,

Und Peter Torf und Heinrich Pimpernell,

Und zwanzig solcher Namen noch und Leute,

Die niemals lebten und die niemand kennt.

SCHLAU.

Nun, Gott sei Dank für unsre Beßrung!

ALLE.

Amen! –

SCHLAU.

Ich danke dir, 's soll nicht dein Schade sein. –

Der Page kommt, wie eine Dame gekleidet, mit Gefolge.

PAGE.

Wie geht es meinem Herrn?

SCHLAU.

Ei nun, recht wohl, hier gibt's genug zu essen.

Wo ist mein Weib?

PAGE.

Hier, edler Herr; was wolltest du von ihr?

SCHLAU.

Seid Ihr mein Weib und nennt mich nicht mein Mann?

Herr heiß' ich fürs Gesind', ich bin Eu'r Alter.

PAGE.

Mein Gatte und mein Herr, mein Herr und Gatte,

Ich bin Eu'r Eh'gemahl in schuld'ger Demut.

SCHLAU.

Nun ja, ich weiß. Wie heißt sie denn?

LORD.

Madam.

SCHLAU.

Was! Madam Else? oder Madam Hanne? –

LORD.

Madam schlichtweg, so nennen Lords die Ladies.

SCHLAU.

Nun, Madam Frau, man sagt, ich schlief und träumte

Schon an die funfzehn Jahre wohl und länger.

PAGE.

Ja, und die Zeit bedünkte mich wie dreißig,

Weil ich so lang' getrennt von deinem Bett.

SCHLAU.

's ist viel! Leute, laßt mich und sie allein!

Madam, zieht Euch nur aus und kommt zu Bett!

PAGE.

Dreimal erhabner Lord, ich muß Euch flehn,

Geduldet Euch nur wen'ge Nächte noch,

Wo nicht, nur bis die Sonne unterging:

Denn Eure Ärzte haben streng verordnet

(In Furcht, Eu'r altes Übel kehre wieder),

Daß ich mich noch von Eurem Bett entferne:

So steht die Sache, drum entschuldigt mich!

SCHLAU. I nun ja, wenn's so steht, ist's aber doch schwer, so lange zu warten. Aber es sollte mich freilich verdrießen, wenn ich wieder in meine Träume verfiele, darum will ich warten, was auch Fleisch und Blut dazu sagen mögen.

Ein Diener kommt.

DIENER.

Eu'r Herrlichkeit Schauspieler sind bereit,

Weil Ihr gesund, ein lustig Stück zu spielen,

Denn also halten's Eure Ärzte dienlich,

Weil zu viel Trübsinn Euer Blut verdickt,

Und Traurigkeit des Wahnsinns Amme ist.

Deshalb schien's ihnen gut, Ihr säht dies Spiel

Und lenktet Euren Sinn auf muntern Scherz:

Dadurch wird Leid verbannt, verlängt das Leben.

SCHLAU. Zum Henker, das soll geschehn. Ist es nicht so eine Komodität, eine Christmarktstanzerei, oder eine Luftspringergeschichte?

PAGE. Nein, Herr, dies Zeug gefällt Euch wohl noch besser.

SCHLAU.

Was? ist es Tischzeug?

PAGE.

's ist 'ne Art Historie.

SCHLAU. Nun, wir wollen's ansehn. Komm, Madam Frau, setz' dich neben mich und laß der Welt ihren Lauf; wir werden niemals wieder jünger.

Erster Aufzug
Erste Szene

Straße.

Lucentio und Tranio treten auf.

LUCENTIO.

Tranio, du weißt, wie mich der heiße Wunsch,

Padua zu sehn, der Künste schöne Wiege,

In die fruchtbare Lombardei geführt,

Des herrlichen Italiens lust'gen Garten;

Und rüstig durch des Vaters Lieb' und Urlaub,

Von seinen Wünschen und von dir begleitet,

Höchst treuer Diener, wohl geprobt in allem,

Laß uns, hier angelangt, mit Glück beginnen

Die Bahn des Lernens und geistreichen Wissens.

Pisa, berühmt durch angesehne Bürger,

Gab mir das Dasein, und dort lebt mein Vater,

Ein Kaufmann, wohlbekannt der ganzen Welt,

Vincentio, vom Geschlecht der Bentivogli. –

Vincentios, Sohn, in Florenz auferzogen,

Geziemt's, des Vaters Hoffnung zu erfüllen,

Des Reichtums Glanz durch edles Tun zu zieren.

So weih' ich, Tranio, des Studierens Zeit

Der Tugend und Philosophie allein,

Jener Philosophie, die uns belehrt,

Wie Glück durch Tugend nur erworben wird.

Wie denkst du nun? Verließ ich Pisa nicht

Und kam nach Padua, wie ein Mann verläßt

Den seichten Bach, sich in den Strom zu werfen,

Um recht aus Fülle seinen Durst zu löschen?

TRANIO.

Mi perdonate, lieber junger Herr:

Ich denk' in allem grade so wie Ihr,

Froh, daß Ihr fest bei Eurem Vorsatz bleibt,

Der süßen Weisheit Süßigkeit zu saugen.

Nur, guter Herr, indem wir so bewundern

Die Tugend und die Strenge der Moral,

Laßt uns nicht Stoiker, nicht Stöcke werden!

Horcht nicht so fromm auf Aristot'les' Schelten,

Daß Ihr Ovid als sündlich ganz verschwört!

Sprecht Logik mit den Freunden, die Ihr seht,

Und übt Rhetorik in dem Tischgespräch;

Treibt Dichtkunst und Musik, Euch zu erheitern:

Und Metaphysik und Mathematik,

Die tischt Euch auf, wenn Ihr Euch hungrig fühlt;

Was Ihr nicht tut mit Lust, gedeiht Euch nicht;

Kurz, Herr, studiert, was Ihr am meisten liebt!

LUCENTIO.

Bedankt sei, Tranio, denn du rätst mir gut.

Wärst du, Biondello, nur erst angelangt,

Wir könnten bald hier eingerichtet sein

Und Wohnung mieten, groß genug für Freunde,

Die ich in Padua mir erwerben werde.

Doch warte noch: was kommen da für Leute?

TRANIO.

Ein Aufzug, von der Stadt, uns zu begrüßen.

Baptista, Katharina, Bianca, Gremio und Hortensio treten auf. Lucentio und Tranio gehn auf die Seite.

BAPTISTA.

Nein, werte Herren, drängt mich ferner nicht,

Denn was ich fest beschlossen, wißt ihr jetzt:

Das heißt, mein jüngres Kind nicht zu vermählen,

Eh' ich der Ältsten einen Mann geschafft.

Liebt einer von euch beiden Katharinen

(Denn beide kenn' ich wohl, und will euch wohl),

So steht's euch frei, nach Lust um sie zu frein.

GREMIO.

Befreit mich von dem Frein, sie ist zu rauh.

Da, nehmt, Hortensio! Braucht Ihr was von Frau? –

KATHARINA.

Ich bitt' Euch, Vater, ist's Eu'r Wille so,

Mich auszuhökern allen diesen Kunden?

HORTENSIO.

Kunden, mein Kind? Dich sucht als Kundschaft keiner,

Du mußt erst neue, sanftre Form verkünden.

KATHARINA.

Ei, laßt Euch drum nicht graue Haare wachsen:

Ihr seid noch meilenweit von ihrem Herzen:

Und hättet Ihr's, gewiß sie sorgte schon,

Den Schopf Euch mit dreibein'gem Stuhl zu bürsten,

Und schminkt' Euch das Gesicht wie den Hanswürsten.

HORTENSIO.

Vor solchen Teufeln, lieber Gott, bewahr' uns!

GREMIO.

Mich auch, du lieber Gott!

TRANIO.

Seht, junger Herr, was hier sich für ein Spaß weist!

Die Dirn' ist toll, wo nicht, gewaltig nas'weis.

LUCENTIO.

Doch sieh, wie in der andern sanftem Schweigen

Sich jungfräuliche Mild' und Demut zeigen.

TRANIO.

Gut, junger Herr! Mum! Gafft Euch nur recht satt!

BAPTISTA.

Ihr, meine Herren, damit ich gleich erfülle,

Was ich gesagt, – geh, Bianca, nun hinein!

Und laß dich's nicht betrüben, gute Bianca,

Denn du bist mir deshalb nicht minder lieb.

KATHARINA.

Ein zierlich Püppchen! Lieber gar geheult,

Wüßtest du nur, warum?

BIANCA.

Vergnüg' dich nur an meinem Mißvergnügen! –

Herr, Eurem Willen fug' ich mich in Demut,

Gesellschaft sei'n mir meine Laut' und Bucher,

Durch Lesen und Musik mich zu erheitern.

LUCENTIO.

O Tranio! Hörst du nicht Minerva sprechen?

HORTENSIO.

Wollt Ihr so wunderlich verfahren, Herr? –

Es dauert mich, daß Bianca leiden muß

Durch unsre Liebe. –

GREMIO.

Was! Ihr sperrt sie ein,

Signor Baptist, um diesen höll'schen Teufel,

Und straft der andern böse Zung' an ihr?

BAPTISTA.

Ihr Herrn, beruhigt euch, ich bin entschlossen.

Geh nur, mein Kind!

Bianca geht.

Und weil ich weiß, sie hab' am meisten Freude

An Poesie, Musik und Instrumenten,

Will ich Lehrmeister mir im Hause halten

Zur Bildung ihrer Jugend. Ihr, Hortensio,

Und Signor Gremio, wißt ihr irgendeinen,

So schickt ihn zu mir, denn gelehrten Männern

Erzeig' ich Freundlichkeit und spare nichts,

Recht sorgsam meine Kinder zu erziehn.

Und so lebt wohl! Du, Katharina, bleibe:

Ich habe mehr mit Bianca noch zu reden.

Ab.

KATHARINA.

Meint Ihr? Nun, ich denk', ich geh' wohl auch. Ei seht doch!

Was! Wollt Ihr mir die Zeit vorschreiben? Weiß ich denn

Nicht selber, was ich tun und lassen soll? Ha! –

Ab.

GREMIO. Geh du nur zu des Teufels Großmutter! – Deine Talente sind so herrlich, daß keiner dich hier zu halten begehrt! – Der beiden Liebe ist nicht so groß, Hortensio, daß wir ihretwegen nicht immer stehn und auf unsre Nägel blasen und passen mögen; unser Kuchen ist noch zäh auf beiden Seiten. Lebt wohl, aber aus Liebe zu meiner holden Bianca will ich doch, wenn ich's irgend wo vermag, einen geschickten Mann finden, der ihr Unterricht erteilen kann in dem, was sie erfreut, und ihn zu ihrem Vater senden.

HORTENSIO. Das will ich auch, Signor Gremio. Aber noch ein Wort, ich bitte Euch! – Obgleich unsre Mißhelligkeit bisher keine Verabredung unter uns gestattet hat, so laßt uns jetzt nach besserm Rat bedenken, daß uns beiden daran gelegen sei, – damit wir wieder Zutritt zu unserer schönen Gebieterin erhalten, und glückliche Nebenbuhler in Biancas Liebe werden können, – vornehmlich eine Sache zu betreiben und zustande zu bringen.

GREMIO. Welche wäre das, ich bitte Euch? –

HORTENSIO. Ei nun, ihrer Schwester einen Mann zu schaffen.

GREMIO. Einen Mann? Einen Teufel! –

HORTENSIO. Ich sage, einen Mann.

GREMIO. Ich sage, einen Teufel. Meinst du denn, Hortensio, daß, obgleich ihr Vater sehr reich ist, jemand so sehr verrückt sein sollte, die Hölle heiraten zu wollen? –

HORTENSIO. Geht doch, Gremio! Wenn es gleich Eure und meine Geduld übersteigt, ihr lautes Toben zu ertragen, so gibt's doch gutgesinnte Leute, liebster Freund (wenn sie nur zu finden wären), die sie mit allen ihren Fehlern und dem Gelde obendrein wohl nehmen würden.

GREMIO. Das mag sein: aber ich nähme ebenso gern ihre Aussteuer mit der Bedingung, alle Morgen am Pranger gestäupt zu werden.

HORTENSIO. Ja, wie Ihr sagt; unter faulen Äpfeln gibt's nicht viel Wahl. Aber wohlan, da dieser Querstrich uns zu Freunden gemacht, so laßt uns auch so lange freundschaftlich zusammenhalten, bis wir Baptistas ältester Tochter zu einem Mann verholfen, und dadurch die jüngste für einen Mann frei gemacht haben; und dann wieder frisch daran! – Liebste Bianca! Wer das Glück hat, führt die Braut heim, wer am schnellsten reitet, sticht den Ring. Was meint Ihr, Signor Gremio? –

GREMIO. Ich bin's zufrieden, und ich wollte, ich hätte dem schon das beste Pferd in Padua geschenkt, um damit auf die Freite zu reiten, der sie tüchtig frein, nehmen und zähmen wollte, und das Haus von ihr befreien. Kommt, laßt uns gehen!

Gremio und Hortensio ab.

TRANIO.

Ich bitt' Euch, sagt mir, Herr, ist es denn möglich?

Kann so geschwind die Lieb' in Bande schlagen? –

LUCENTIO.

O Tranio, bis ich's an mir selbst erfahren,

Hielt ich es nie für möglich, noch zu glauben:

Doch sieh, weil ich hier müßig stand und schaute,

Fand ich die Kraft der Lieb' in Müßiggang.

Und nun gesteh' ich's ehrlich offen dir,

Der du verschwiegen mir und teuer bist,

Wie Anna war der Königin Karthagos, –

Tranio! ich schmacht', ich brenn', ich sterbe, Tranio,

Wird nicht das sanfte Kind mir anvermählt.

Rate mir, Tranio! denn ich weiß, du kannst es,

Hilf mir, o Tranio! denn ich weiß, du willst es.

TRANIO.

Mein junger Herr, jetzt ist nicht Zeit zu schelten,

Verliebte Neigung schmält man nicht hinweg.

Hat Lieb' Euch unterjocht, so steht es so:

»Redime te captum quam queas minimo.«

LUCENTIO.

Hab' Dank, mein Bursch; nur weiter; dies vergnügt;

Trost sprichst du mir, ersprießlich ist dein Rat.

TRANIO.

Ihr wart im Anschaun so verloren, Herr,

Und habt wohl kaum das Wichtigste bemerkt? –

LUCENTIO.

O ja! Ich sah von holdem Liebreiz strahlen

Ihr Antlitz, wie Agenors Tochter einst,

Als Jupiter, gezähmt von ihrer Hand,

Mit seinen Knieen küßte Kretas Strand.

TRANIO.

Bemerktet Ihr nur das? Nicht, wie die Schwester

Zu schmähn begann und solchen Sturm erregte,

Daß kaum ein menschlich Ohr den Lärm ertrug? –

LUCENTIO.

Ich sah sie öffnen die Korallenlippen,

Und wie ihr Hauch die Luft umher durchwürzte:

Lieblich und süß war alles, was ich sah.

TRANIO.

Ei, nun wird's Zeit, ihn aus dem Traum zu schütteln.

Erwacht doch, Herr! Wenn Ihr das Mädchen liebt,

So denkt sie zu gewinnen! Also steht's: –

Die ältste Schwester ist so bös und wild,

Daß, bis der Vater sie hat losgeschlagen,

Eu'r Liebchen unvermählt zu Hause bleibt.

Und darum hat er eng sie eingesperrt,

Damit kein Freier sie beläst'gen soll.

LUCENTIO.

Ach, Tranio! Wie so grausam ist der Vater!

Doch hast du nicht gemerkt, wie er gesonnen,

Ihr hochverständ'ge Lehrer zuzuführen? –

TRANIO.

Das hört' ich, Herr, und fertig ist mein Plan.

LUCENTIO.

Tranio, nun hab' ich's! –

TRANIO.

Lieber Herr, halbpart! –

Denn unsre List, merk' ich, beut sich die Hand.

LUCENTIO.

Sag deine erst!

TRANIO.

Ihr wollt Hauslehrer sein,

Und Euch zum Unterricht der Liebsten melden;

War es nicht so? –

LUCENTIO.

So war's. Und geht es an? –

TRANIO.

Unmöglich geht's. Wer sollte denn, statt Eurer,

Vincentios Sohn vorstellen hier in Padua?

Haushalten, Studien treiben, Freunde sehn,

Die Landsmannschaft besuchen und traktieren? –

LUCENTIO.

Basta! Sei still, mein Plan ist ganz geschlossen.

Man hat in keinem Haus uns noch gesehn,

Und niemand unterscheidet am Gesicht,

Wer Herr, wer Diener ist; und daraus folgt:

Du sollst an meiner Statt als Herr gebieten,

Statt meiner Haus und Staat und Leute halten;

Ich will ein andrer sein, ein Reisender

Aus Florenz, aus Neapel oder Pisa.

Geschmiedet ist's. Gleich, Tranio, laß uns tauschen:

Nimm meinen Federhut und Mantel hier:

Sobald Biondello kommt, bedient er dich;

Doch erst mach' ich ihn stumm, daß er nicht schwatzt.

Sie tauschen die Kleider.

TRANIO.

So muß es sein.

In Summa, Herr, da es Euch so gefällt,

Und meine Pflicht es ist, Euch zu gehorchen

(Denn das gebot Eu'r Vater mir beim Abschied:

»Sei meinem Sohne stets zu Dienst«, so sprach er,

– Wiewohl ich glaube, daß er's so nicht meinte),

Geb' ich Euch nach und will Lucentio sein,

Weil ich mit treuem Sinn Lucentio liebe.

LUCENTIO.

So sei es, Tranio, weil Lucentio liebt:

Ich werd' ein Knecht, dies Mädchen zu gewinnen,

Die mein verwundet Aug' in Fesseln schlug.

Biondello kommt.

Hier kommt der Schlingel. Kerl, wo stecktest du?

BIONDELLO.

Wo ich gesteckt? Nein, sagt, wo steckt Ihr selbst?

Stahl Tranio, mein Kam'rad, die Kleider Euch? –

Ihr ihm die seinen? oder beide? Sprecht doch! –

LUCENTIO.

Hör', guter Freund, es ist nicht Zeit zu spaßen,

Drum stelle dich, so wie die Zeit es fodert.

Dein Kam'rad hier, mein Leben mir zu retten,

Legt meinen Rock und äußern Anschein an,

Und ich, um zu entfliehen, nahm die seinen.

Kaum angelangt, erschlug ich im Gezänk

Hier einen Mann, und fürcht', ich bin erkannt.

Bedien' ihn, wie sich's ziemt, befehl' ich dir;

Zu meiner Rettung mach' ich schnell mich fort.

Verstehst du mich?

BIONDELLO.

Ich, Herr? Auch nicht ein Jota.

LUCENTIO.

Kein Wort von Tranio komm' aus deinem Mund;

Tranio in Zukunft heißt Lucentio.

BIONDELLO.

Ich wünsch' ihm Glück; ich möcht' es auch wohl so.

TRANIO.

Den Wunsch nahm ich dir weg, mein Freund, vermocht' er,

Lucentio zu verleihn Baptistas Tochter.

Doch, Bursch, nicht meinethalben, es gilt des Plans vollführen;

Laß stets nun in Gesellschaft die Klugheit dich regieren:

Sind wir allein, nun wohl, da bin ich Tranio,

Doch wo uns Leute sehn, dein Herr Lucentio.

LUCENTIO.

Tranio, nun komm,

Noch eins ist übrig, das mußt du vollbringen;

Sei auch ein Freier, dann ist alles richtig;

Frag' nicht weshalb; mein Grund ist sehr gewichtig.

Alle ab.

ERSTER DIENER.

Mylord, Ihr nickt, Ihr merkt nicht auf das Spiel?

SCHLAU. Ja doch, bei Sankt Annen: es ist eine hübsche Geschichte. Kommt noch mehr davon? –

PAGE.

Mylord, es fing erst an.

SCHLAU.

Es ist ein schön Stück Arbeit, Madam Frau;

Ich wollt', es wär' erst aus.

Zweite Szene

Andere Straße.

Petruchio und Grumio treten auf.

PETRUCHIO.

Verona, lebe wohl auf kurze Zeit,

Die Freund' in Padua will ich sehn; vor allen

Den Freund, der mir der liebst' und nächste ist,

Hortensio; und dies, denk' ich, ist sein Haus. –

Hier, Grumio, Bursche, klopfe, sag' ich dir.

GRUMIO. Klopfen, Herr? Wen sollt' ich klopfen? Ist hier jemand, der Euer Edeln exultiert hat? –

PETRUCHIO. Schlingel, ich sage, klopf' mir hier recht derb!

GRUMIO. Euch hier klopfen, Herr? Ach, wer bin ich, daß ich Euch hier klopfen sollte? –

PETRUCHIO.

Schlingel, ich sage, klopf' mir hier ans Tor,

Und hol' gut aus, sonst schlag' ich dich aufs Ohr.

GRUMIO.

Mein Herr sucht, glaub' ich, Händel! Gelt, daß ich's nicht probiere,

Ich wüßte, wer am Ende am schlimmsten dabei führe.

PETRUCHIO.

Sag, machst du bald? Sieh, Kerl, wenn du nicht klopfst,

So schell' ich selbst; da, nimm aufs Maul die Schelle,

Und sing' mir dein Sol Fa hier auf der Stelle!

Zieht den Grumio an den Ohren.

GRUMIO. Helft, Leute, helft, mein Herr ist toll geworden! –

PETRUCHIO. Nun, klopf' ein andermal, wenn ich's dir sage! –

Hortensio kommt.

HORTENSIO.

Was nun? Was gibt's? Mein alter Freund Grumio?

Und mein lieber Freund Petruchio? Was macht ihr alle in Verona? –

PETRUCHIO.

Signor Hortensio, kommt Ihr, zu schlichten diesen Strauß?

Con tutto il cuore bene trovato, ruf' ich aus.

HORTENSIO.

Alla nostra casa ben venuto, molto onorato

Signor mio Petruchio.

Grumio, steh auf, wir müssen Frieden stiften.

GRUMIO. Ach! was er da auf lateinisch vorträgt, wird's nicht in Ordnung bringen. – Wenn das kein rechtmäßiger Grund für mich ist, seinen Dienst zu verlassen! – Hört Ihr, Herr, er sagt zu mir, ich soll ihn klopfen; ich soll nur tüchtig ausholen, Herr; nun seht selbst, kam es einem Diener zu, seinem Herrn so zu begegnen, da er noch dazu eben ausgespielt hatte, und ich war in der Hinterhand? –

Und tat ich nur, was er befahl in Eil',

Dann kam auf Grumio nicht der schlimmste Teil.

PETRUCHIO.

Ein unvernünft'ger Bursch, seht nur, Hortensio!

Ich hieß den Schurken klopfen an das Tor,

Und konnt' es nicht um alle Welt erlangen.

GRUMIO.

Du lieber Himmel! Klopfen an das Tor!

Spracht Ihr nicht deutlich so: »Kerl, klopf' mich hier,

Hol' aus und klopf' mich derb! und klopf' mich tüchtig!« –

Und kommt Ihr jetzt mit »klopf' mir hier ans Tor?«

PETRUCHIO.

Bursch, pack' dich oder schweig': das rat' ich dir.

HORTENSIO.

Geduld, Petruchio, ich bin Grumios Anwalt.

Das ist ein schlimmer Fall ja zwischen dir

Und deinem alten, lust'gen, treuen Grumio! –

Und sag mir nun, mein Freund, welch günst'ger Wind

Blies dich nach Padua von Verona her? –

PETRUCHIO.

Der Wind, der durch die Welt die Jugend treibt,

Sich Glück wo anders, als daheim, zu suchen,

Wo uns Erfahrung spärlich reift. In kurzem,

Lieber Hortensio, steht es so mit mir:

Antonio, mein Vater, ist gestorben;

Nun treib' ich aufs Geratewohl mich um,

Vielleicht zu frein und zu gedeihn, wie's geht;

Im Beutel hab' ich Gold, daheim die Güter,

Und also reist' ich aus, die Welt zu sehn.

HORTENSIO.

Petruchio, soll ich nun dir ohne Umschweif

Zu einer zänk'schen bösen Frau verhelfen?

Du würd'st mir wenig danken solchen Rat,

Und doch versprech' ich dir, reich soll sie sein,

Und zwar sehr reich; indes, du bist mein Freund,

Ich will sie dir nicht wünschen.

PETRUCHIO.

Signor Hortensio, unter alten Freunden

Braucht's wenig Worte. Weißt du also nur

Ein Mädchen, reich genug, mein Weib zu werden,

(Denn Gold muß klingen zu dem Hochzeittanz) –

Sei sie so häßlich als Florentius' Schätzchen,

Alt wie Sibylle, zänkisch und erbost

Wie Sokrates' Xantippe, ja noch schlimmer,

Ich kehre mich nicht dran, und nichts bekehrt

Zu andrer Meinung mich, und tobt sie gleich

Dem Adriat'schen Meer, von Sturm gepeitscht:

Ich kam zur reichen Heirat her nach Padua,

Wenn reich, kam ich zum Glück hieher nach Padua.

GRUMIO. Nun seht, lieber Herr, er sagt's Euch wenigstens klar heraus, wie er denkt. Ei, gebt ihm nur Gold genug, und verheiratet ihn mit einer Marionette, oder einem Haubenblock, oder einer alten Schachtel, die keinen Zahn mehr im Munde hat, hätte sie auch so viel Krankheiten als zweiundfunfzig Pferde; nichts bringt ihm Angst, wenn's ihm nur Geld bringt.

HORTENSIO.

Petruchio, da wir schon so weit gediehn,

So setz' ich fort, was ich im Scherz begann.

Ich kann, Petruchio, dir ein Weib verschaffen

Mit Geld genug, und jung und schön dazu,

Erzogen, wie der Edelfrau geziemt:

Ihr einz'ger Fehl – und das ist Fehls genug –

Ist, daß sie unerträglich bös und wild,

Zänkisch und trotzig über alles Maß:

Daß, wär' auch mein Besitz noch viel geringer,

Ich nähm' sie nicht um eine Mine Goldes.

PETRUCHIO.

O still, du kennst die Kraft des Goldes nicht!

Sag ihres Vaters Namen, das genügt:

Ich mach' mich an sie, tobte sie so laut

Wie Donner, wenn im Herbst Gewitter kracht.

HORTENSIO.

Ihr Vater ist Baptista Minola,

Ein freundlicher und sehr gefäll'ger Mann;

Ihr Name Katharina Minola,

Berühmt in Padua als die schlimmste Zunge.

PETRUCHIO.

Sie kenn' ich nicht, doch ihren Vater kenn' ich,

Und dieser war bekannt mit meinem Vater.

Ich will nicht schlafen, bis ich sie gesehn,

Und drum verzeih', daß ich so gradezu

Dich gleich beim ersten Wiedersehn verlasse,

Wenn du mich nicht dahin begleiten willst.

GRUMIO. Ich bitt' Euch, Herr, laßt ihn gehn, solange der Humor bei ihm dauert. Mein' Seel', wenn sie ihn so kennte, wie ich, so wüßte sie, daß Zanken wenig gut bei ihm tut. Mag sie ihn meinetwegen ein Stücker zwanzigmal Spitzbube nennen, oder so etwas – ei, das tut ihm nichts. Aber wenn er nachher anfängt, so geht's durch alle Register. Ich will Euch was sagen, Herr, nimmt sie's nur irgend mit ihm auf, so wird er ihr eine Figur in das Angesicht zeichnen und sie so defigurieren, daß sie nicht mehr Augen behält als eine Katze: Ihr kennt ihn noch nicht, Herr! –

HORTENSIO.

Wart' nur, Petruchio, ich will mit dir gehn.

Baptista ist der Wächter meines Schatzes,

Der meiner Seele Kleinod aufbewahrt,

Die schöne Bianca, seine jüngste Tochter:

Und die entzieht er mir und vielen andern

Die Nebenbuhler sind in meiner Liebe,

Weil er's unmöglich glaubt und unerhört

(Um jene Fehler, die ich dir genannt),

Daß jemand könnt' um Katharinen werben.

Drum hat Baptista so es angeordnet,

Daß keiner je bei Bianca Zutritt findet,

Bis er sein zänkisch Käthchen erst vermählt. –

GRUMIO.

Sein zänkisch Käthchen!

Der schlimmste Nam' aus allen für ein Mädchen!

HORTENSIO.

Nun, Freund Petruchio, tu' mir einen Dienst,

Und stell' mich, in ein schlicht Gewand verkleidet,

Baptista vor als wohlerfahrnen Meister,

Um Bianca in Musik zu unterrichten.

So schafft ein Kunstgriff mir Gelegenheit

Und Muß', ihr meine Liebe zu entdecken

Und unerkannt um sie mich zu bewerben.

GRUMIO.

Das ist keine Schelmerei! Seht nur, wie das junge

Volk die Köpfe zusammensteckt, um die Alten anzuführen.

Junger Herr, junger Herr, seht Euch einmal um; wer

kommt da? He? –

HORTENSIO.

Still, Grumio! Es ist mein Nebenbuhler.

Petruchio, tritt bei Seit'!

Sie gehn auf die Seite.

Gremio und Lucentio treten auf, letzterer verkleidet, mit Büchern unter dem Arm.

GRUMIO.

Ein art'ger Milchbart! Recht ein Amoroso! –

GREMIO.

Oh, recht sehr gut! Ich las die Liste durch,

Nun, sag' ich, laßt sie mir recht kostbar binden:

Und lauter Liebesbücher, merkt das ja,

Ihr müßt durchaus kein andres mit ihr lesen.

Versteht Ihr mich? Dann will ich, außer dem,

Was Euch Signor Baptistas Großmut schenkt,

Euch wohl bedenken. Die Papiere nehmt,

Laßt sie mit süßem Wohlgeruch durchräuchern,

Denn sie ist süßer noch als Wohlgeruch,

Der sie bestimmt. Was wollt Ihr mit ihr lesen? –

LUCENTIO.

Was ich auch les', ich führe Eure Sache,

Als meines Gönners, dessen seid gewiß,

So treu, als ob Ihr selbst zugegen wärt.

Ja, und vielleicht mit noch wirksamern Worten,

Wenn Ihr nicht etwa ein Gelehrter seid.

GREMIO.

O Wissenschaft! Was für ein Segen bist du! –

GRUMIO.

O Schnepfenhirn! Was für ein Esel bist du! –

PETRUCHIO.

Schweig', Kerl!

HORTENSIO.

Still, Grumio! – Gott zum Gruß, Herr Gremio! –

GREMIO.

Euch gleichfalls, Herr Hortensio. Ratet Ihr's,

Wohin ich gehe? Zu Baptista Minola:

Ich gab mein Wort, mich sorglich zu bemühn

Um einen Lehrer für die schöne Bianca.

Da traf ich's nun zu meinem Glück recht wohl

Mit diesem jungen Mann, der sich empfiehlt

Durch Kenntnis und Geschick: Er liest Poeten

Und andre Bücher, und zwar gute, glaubt mir.

HORTENSIO.

Das freut mich sehr. Ich sagt' es einem Freund,

Der will mir einen feinen Mann empfehlen

Zum Lehrer der Musik für unsre Herrin:

So bleib' ich denn in keinem Punkt zurück

Im Dienst der schönen Bianca, die ich liebe.

GREMIO.

Ich liebe sie, das soll die Tat beweisen.

GRUMIO.

Der Beutel soll's beweisen.

HORTENSIO.

Gremio, nicht Zeit ist's, jetzt von Liebe schwatzen:

Hört mich, und wenn Ihr gute Worte gebt,

Erzähl' ich, was uns beide nah betrifft.

Hier ist ein Herr, den ich zufällig fand,

Der, weil mit uns sein eigner Vorteil geht,

Sich um das böse Käthchen will bewerben,

Ja, und sie frein, ist ihm die Mitgift recht.

GREMIO.

Ein Wort, ein Mann, wär' herrlich! –

Hortensio, weiß er ihre Fehler alle? –

PETRUCHIO.

Ich weiß, sie ist ein trotzig, störrisch Ding,

Ist's weiter nichts? Ihr Herrn, was ist da schlimm?

GREMIO.

Nicht schlimm, mein Freund? Was für ein Landsmann seid Ihr?

PETRUCHIO.

Ich bin ein Verones', Antonios Sohn.

Mein Vater starb, doch blieb sein Geld mir leben;

Das soll mir noch viel gute Tage geben.

GREMIO.

Nein, gute Tage nicht mit solcher Plage:

Doch habt Ihr solch Gelüst, in Gottes Namen!

Behülflich will ich Euch in allem sein. –

Und um die wilde Katze wollt Ihr frein? –

PETRUCHIO.

Ei, will ich leben?

GRUMIO beiseit.

Will er sie frein? Ja, oder ich will sie hängen.

PETRUCHIO.

Weshalb als in der Absicht kam ich her?

Denkt Ihr, ein kleiner Schall betäubt mein Ohr?

Hört' ich zu Zeiten nicht den Löwen brüllen?

Hört' ich das Meer nicht, aufgeschwellt von Sturm,

Gleich wilden Ebern wüten, schweißbeschäumt?

Vernahm ich Feuerschlünde nicht im Feld,

In Wolken donnern Jovis schwer Geschütz?

Hab' ich in großer Feldschlacht nicht gehört

Trompetenklang, Roßwiehern, Kriegsgeschrei?

Und von der Weiberzunge schwatzt Ihr mir,

Die halb nicht gibt so harten Schlag dem Ohr,

Als die Kastanie auf des Landmanns Herd? –

Popanze für ein Kind!

GRUMIO beiseit.

Die scheut' er nie! –

GREMIO.

Hortensio, hört,

Zu unserm Besten ist der Herr gekommen,

Mir ahnet gutes Glück für uns und ihn.

HORTENSIO.

Ich bürgte, daß wir ihm beisteuern wollten

Und alle Kosten seiner Werbung tragen.

GREMIO.

Wohl! wenn Ihr sicher nur von ihrer Wahl seid ...

GRUMIO beiseit.

Wär' mir so sicher nur 'ne gute Mahlzeit! –

Tranio, in stattlichen Kleidern, kommt mi Biondello.

TRANIO.

Gott grüß' Euch, meine Herrn! Ich bin so kühn

Und bitt' Euch, mir den nächsten Weg zu zeigen

Zum Hause des Signor Baptista Minola.

GREMIO.

Zu dem, der die zwei schönen Töchter hat?

Sagt, meint Ihr den?

TRANIO.

Denselben. – He, Biondello! –

GREMIO.

Hört, lieber Freund, Ihr meint doch wohl nicht sie ...

TRANIO.

Sie oder ihn! Wer weiß! Was kümmert's Euch?

PETRUCHIO.

Nur nicht die Zänk'rin, bitt' Euch, galt es der?

TRANIO.

Nach Zänkern frag' ich nicht. Bursch. komm nur her!

LUCENTIO beiseit.

Gut, Tranio! –

HORTENSIO.

Herr, ein Wort mit Euch allein!

Liebt Ihr das Mädchen? Sagt ja oder nein!

TRANIO.

Und wenn ich's täte, wär' es ein Verbrechen?

GREMIO.

Nein, wenn Ihr gehn wollt, ohne mehr zu sprechen.

TRANIO.

Daß mir nicht frei die Straße, hört' ich nie,

So gut wie Euch, mein Herr.

GREMIO.

Ja, doch nicht sie.

TRANIO.

Und warum nicht?

GREMIO.

Nun, wenn ein Grund Euch fehlt,

Weil Signor Gremio sie für sich erwählt.

HORTENSIO.

Und auch Signor Hortensio wählte sie.

TRANIO.

Geduld, ihr Herrn, und seid ihr Edelleute,

Gönnt mir das Wort, hört mich gelassen an:

Baptista, weiß ich, ist ein edler Mann,

Dem auch mein Vater nicht ganz unbekannt.

Und wär' sein Kind noch schöner, als sie ist,

Mag mancher um sie werben, und auch ich.

Der schönen Leda Tochter liebten tausend:

So drängt zur schönen Bianca sich noch einer:

Und kurz, Lucentio wird als Freier bleiben,

Kommt Paris auch und hofft ihn zu vertreiben.

GREMIO.

Schaut! dieses Herrchen schwatzt uns all' zu Tode.

LUCENTIO.

Laß ihm nur Raum, der Schluß wird lumpig sein.

PETRUCHIO.

Hortensio, sag, wohin das alles führt?

HORTENSIO.

Mein Herr, nur eine Frag' erlaubt mir noch:

Habt Ihr Baptistas Tochter je gesehn? –

TRANIO.

Nein, doch gehört, er habe deren zwei:

Die eine so berühmt als Keiferin,

Wie es als schön und sittsam ist die andre.

PETRUCHIO.

Herr, Herr, die Ältst' ist mein, die laßt mir gehn!

GREMIO.

Ja, laßt die Arbeit nur dem Herkules,

Und schwerer sei sie ihm als alle zwölf.

PETRUCHIO.

Laßt Euch von mir, zum Kuckuck, das erklären:

Die jüngre Tochter, nach der Ihr so angelt,

Verschließt der Vater allen Freiern streng,

Und will sie keinem einz'gen Mann versprechen,

Bis erst die ältre Schwester angebracht:

Dann ist die jüngre frei, doch nicht vorher.

TRANIO.

Wenn es sich so verhält, daß Ihr es seid,

Der all' uns fördert, mit den andern mich,

So brecht das Eis denn, setzt die Sache durch;

Holt Euch die ältste, macht die jüngre frei,

Daß wir ihr nahn: und wer sie dann erbeutet,

Wird nicht so roh sein, nicht es zu vergelten.

HORTENSIO.

Herr, Ihr sprecht gut und zeigt Euch sehr verständig,

Und weil Ihr nun als Freier zu uns kommt,

Müßt Ihr, wie wir, dem Herrn erkenntlich werden,

Dem alle obenein verschuldet bleiben.

TRANIO.

Ich werde nicht ermangeln. Dies zu zeigen,

Ersuch' ich Euch, schenkt mir den heut'gen Abend;

Und zechen wir auf unsrer Damen Wohl:

Tun wir, gleich Advokaten im Prozeß,

Die tüchtig streiten, doch als Freunde schmausen!

GRUMIO UND BIONDELLO.

Welch schöner Vorschlag! Kinder, laßt uns gehn!

HORTENSIO.

Der Vorschlag in der Tat ist gut und sinnig:

Petruchio, komm, dein Benvenuto bin ich.

Alle ab.

Zweiter Aufzug
Erste Szene

Zimmer.

Katharina und Bianca treten auf.

BIANCA.

Sieh, Schwester, mir und dir tust du zu nah,

Wenn du mich so zur Magd und Sklavin machst:

Das nur beklag' ich; was den Putz betrifft,

Mach' los die Hand, so werf' ich selbst ihn weg,

Mantel und Oberkleid, bis auf den Rock.

Und was du mir befiehlst, ich will es tun,

So wohl weiß ich, was ich der Ältern schuldig.

KATHARINA.

Von deinen Freiern sage, ich befehl's dir,

Wer ist der liebste dir? und nicht gelogen! –

BIANCA.

Glaub' mir, o Schwester, unter allen Männern

Sah ich noch nie so auserwählte Züge,

Daß einer mehr als andre mir gefallen.

KATHARINA.

Schätzchen, du lügst. Ist's nicht Hortensio?

BIANCA.

Wenn du ihm gut bist, Schwester, schwör' ich dir,

Ich rede selbst für dich, daß du ihn kriegst.

KATHARINA.

Aha! ich merke schon, du wärst gern reich,

Du willst den Gremio, um in Pracht zu leben!

BIANCA.

Wenn er es ist, um den du mich beneidest,

Oh, dann ist's Scherz, und nun bemerk' ich auch,

Du spaßtest nur mit mir die ganze Zeit:

Ich bitt' dich, Schwester Käthchen, bind' mich los!

KATHARINA.

Wenn das ein Scherz ist, so war alles Spaß.

Schlägt sie. Baptista tritt auf.

BAPTISTA.

He, halt, du Drache! Was soll diese Bosheit?

Bianca hieher! Das arme Kind, es weint! –

Bleib' doch beim Nähn, gib dich mit ihr nicht ab!

Pfui! schäme dich, du böse Teufelslarve!

Was kränkst du sie, die dich noch nie gekränkt?

Wann hat sie dir ein bittres Wort entgegnet? –

KATHARINA.

Ihr Schweigen höhnt mich, und ich will mich rächen.

Springt auf Bianca zu.

BAPTISTA.

Was! mir vor Augen? Bianca, geh hinein! –

Bianca ab.

KATHARINA.

Wollt Ihr mir das nicht gönnen? Ja, nun seh' ich's,

Sie ist Eu'r Kleinod, sie muß man vermählen,

Ich muß auf ihrer Hochzeit barfuß tanzen,

Weil Ihr sie liebt, Affen zur Hölle führen!

Sprecht nicht mit mir: denn ich will gehn und weinen,

Bis mir Gelegenheit zur Rache wird.

Ab.

BAPTISTA.

Hat je ein Hausherr den Verdruß empfunden?

Doch wer kommt hier?

Gremio, mit Lucentio, in geringer Kleidung; Petruchio mit Hortensio, als Musiklehrer; und Tranio mit Biondello, der eine Laute und Bücher trägt, treten auf.

GREMIO.

Guten Morgen, Freund Baptista!

BAPTISTA.

Freund Gremio, guten Morgen! Ihr Herrn, Gott grüß Euch!

PETRUCHIO.

Euch gleichfalls, Herr! Habt Ihr nicht eine Tochter,

Genannt Kathrina, schön und tugendhaft? –

BAPTISTA.

Ich hab' 'ne Tochter, Herr, genannt Kathrina.

GREMIO.

Ihr seid zu derb: beginnt den Spruch nach Ordnung!

PETRUCHIO.

Mischt Euch nicht drein, Herr Gremio, laßt mich machen!

Ich bin ein Edler aus Verona, der

Durch ihrer Schönheit Ruf und ihres Geistes

Leutseligkeit und höchst sittsamer Demut,

Des wundersamen Werts, sanften Betragens,

Gelockt, als Gast sich einzudrängen wagt

In Euer Haus, damit mein Aug' erfahre

Die Wahrheit des, was ich so oft gehört.

Und als das Angeld der Bewillkommnung

Bring' ich Euch diesen meinen Diener hier,

stellt den Hortensio vor

Erfahren in Musik und Mathematik,

Um dieses Wissen gründlich sie zu lehren,

In dem sie, wie ich weiß, nicht unerfahren.

Schlagt mir's nicht ab, Ihr würdet sonst mich kränken;

Sein Name ist Licio, und er stammt aus Mantua.

BAPTISTA.

Ihr seid willkommen, er um Euretwillen!

Doch meine Tochter Katharin', ich weiß es,

Paßt nicht für Euch, zu meinem großen Kummer.

PETRUCHIO.

Ich seh', Ihr wollt Euch ungern von ihr trennen;

Vielleicht ist Euch mein Wesen auch zuwider? –

BAPTISTA.

Versteht mich recht, ich sprach so, wie ich denke.

Von woher kommt Ihr, Herr? Wie nenn' ich Euch? –

PETRUCHIO.

Petruchio ist mein Nam', Antonios Sohn:

In ganz Italien war der wohl bekannt.

BAPTISTA.

Ich kannt' ihn wohl, drum seinethalb willkommen!

GREMIO.

Eu'r Recht in Ehren, Herr Petruchio, laßt

Uns arme Freier auch zu Worte kommen: –

Cospetto! Ihr seid hurtig bei der Hand!

PETRUCHIO.

Laßt, Herr, ich muß es zu beenden suchen.

GREMIO.

So scheint's, doch mögt Ihr einst dem Werben fluchen!

Nachbar, diese Aufmerksamkeit ist Euch sehr angenehm, davon bin ich überzeugt. Um Euch meinerseits die gleiche Höflichkeit zu erweisen (der ich von Euch höflicher behandelt worden bin als irgend jemand), so nehme ich mir die Freiheit, Euch diesen jungen Gelehrten zu übergeben stellt Lucentio vor, welcher lange Zeit in Reims studiert hat, und ebenso erfahren ist im Griechischen, Lateinischen und andern Sprachen, als jener in Musik und Mathematik: sein Name ist Cambio: ich bitte, genehmigt seine Dienste!

BAPTISTA. Tausend Dank, Signor Gremio: willkommen, lieber Cambio! Zu Tranio. Aber, werter Herr, Ihr geht wie ein Fremder; darf ich so kühn sein, nach der Ursach' Eures Hierseins zu fragen? –

TRANIO.

Verzeiht, Signor, denn Kühnheit ist's von mir,

Daß ich, ein Fremder noch in dieser Stadt,

Mich gleich als Freier Eurer Tochter nenne,

Der tugendhaft gesinnten schönen Bianca. –

Auch ist Eu'r fester Vorsatz mir bekannt,

Der Vorzug ihrer ältern Schwester gibt:

Das einz'ge, was ich bitt', ist die Erlaubnis,

Seid Ihr von meiner Herkunft unterrichtet,

Daß mit den andern Freiern Zutritt mir,

Aufnahm' und Gunst gleich allen sei gestattet.

Und zur Erziehung Eurer Töchter bracht' ich

Dies schlichte Instrument: ich bitte, nehmt's,

Und ein'ge Bücher, griechisch und latein:

Groß ist ihr Wert, wenn Ihr sie nicht verschmäht. –

BAPTISTA.

Lucentio heißt Ihr? Und von wannen kommt Ihr?

TRANIO.

Aus Pisa, edler Herr, Vincentios Sohn.

BAPTISTA.

Ein sehr geehrter Mann, ich kenn' ihn wohl

Nach seinem Ruf, und heiß' Euch sehr willkommen.

Zum Hortensio.

Nehmt Ihr die Laute, – Ihr

zum Lucentio

dies Pack von Büchern:

Gleich sollt ihr eure Schülerinnen sehn.

He! Holla, drinnen!

Ein Diener kommt.

Bursche, führ' sofort

Die Herrn zu meinen Töchtern, sage beiden,

Sie sollen höflich ihren Lehrern sein.

Diener, Hortensio, Lucentio und Biondello ab.

Ich bitt' Euch, in den Garten mir zu folgen,

Und dann zum Essen. Ihr seid sehr willkommen,

Davon ist jeder, hoff' ich, überzeugt.

PETRUCHIO.

Signor Baptista, mein Geschäft hat Eil',

Ich kann nicht jeden Tag als Freier kommen.

Wohl kennt Ihr meinen Vater, mich in ihm,

Den einz'gen Erben seines Gelds und Guts,

Das ich vermehrt eh' als vermindert habe;

So sagt mir nun: erwürb' ich ihre Gunst,

Welch eine Mitgift bringt sie mir ins Haus? –

BAPTISTA.

Nach meinem Tod die Hälfte meines Guts

Und gleich zur Stelle zwanzigtausend Kronen.

PETRUCHIO.

Und für erwähnte Mitgift sichr' ich ihr

Als Wittum, falls sie länger lebt als ich,

Was nur an Länderei'n und Höfen mein.

Laßt uns genauer schriftlich dies entwerfen,

Und gelte gegenseitig der Kontrakt!

BAPTISTA.

Doch was genau zuerst sich muß ergeben,

Das ist ihr Ja; denn das ist eins und alles.

PETRUCHIO.

Ei, das ist nichts; denn seht, ich sag' Euch, Vater,

Ist sie unbändig, bin ich toll und wild:

Und wo zwei wüt'ge Feuer sich begegnen,

Vertilgen sie, was ihren Grimm genährt:

Wenn kleiner Wind die kleine Flamme facht,

So bläst der Sturm schnell Feu'r und alles aus.

Das bin ich ihr, und so fügt sie sich mir,

Denn ich bin rauh und werbe nicht als Kind.

BAPTISTA.

Wirb dann mit Glück und möge dir's gelingen;

Doch rüste dich auf ein'ge harte Reden!

PETRUCHIO.

Auf Hieb und Stich; wie Berge stehn dem Wind,

Sie wanken nicht, und blies' er immerdar.

Hortensio kommt zurück mit zerschlagnem Kopf.

Wie nun, mein Freund? Was machte dich so bleich?

HORTENSIO.

Das tat die Furcht, wahrhaftig, ward ich bleich.

BAPTISTA.

Bringt's meine Tochter weit als Künstlerin?

HORTENSIO.

Ich glaube, weiter bringt sie's als Soldat:

Eisen hält bei ihr aus, doch keine Laute.

BAPTISTA.

Kannst du sie nicht die Laute schlagen lehren?

HORTENSIO.

Nein, denn sie hat die Laut' an mir zerschlagen.

Ich sagt' ihr, ihre Griffe sei'n nicht recht,

Und bog zur Fingersetzung ihr die Hand;

Als sie mit teuflisch bösem Geiste rief:

»Griffe nennt Ihr's? Jetzt will ich richtig greifen!«

Und schlug mich auf den Kopf mit diesen Worten,

Daß durch die Laut' er einen Weg sich bahnte.

So stand ich da, erschrocken und betäubt,

Wie durchs Halseisen schaut' ich durch die Laute,

Während sie tobt', und schalt mich lump'ger Fiedler,

Und Klimperhans, und zwanzig schlimme Namen,

Als hätte sie's studiert, mich recht zu schimpfen.

PETRUCHIO.

Nun, meiner Seel, es ist ein muntres Kind,

Nun lieb' ich zehnmal mehr sie als zuvor:

Wie sehn' ich mich, ein Stück mit ihr zu plaudern! –

BAPTISTA.

Kommt, geht mit mir, und seid nicht so bestürzt:

Setzt mit der Jüngsten fort den Unterricht,

Sie dankt Euch guten Rat und ist gelehrig.

Signor Petruchio, wollt Ihr mit uns gehn,

Sonst schick' ich meine Tochter Käthchen her.

PETRUCHIO.

Ich bitt' Euch, tut's; ich will sie hier erwarten

Baptista, Tranio, Gremio und Hortensio ab.

Und etwas dreist mich zeigen, wenn sie kommt.

Schmält sie, erwidr' ich ihr mit festem Ton,

Sie singe lieblich gleich der Nachtigall.

Blickt sie mit Wut, sag' ich, sie schau' so klar

Wie Morgenrosen, frisch vom Tau gewaschen.

Und bleibt sie stumm, und spricht kein einzig Wort,

So rühm' ich ihr behendes Sprechtalent,

Und sag', die Redekunst sei herzentzückend.

Sagt sie, ich soll mich packen, dank' ich ihr,

Als bäte sie mich, wochenlang zu bleiben:

Schlägt sie mich aus, so frag' ich nach dem Tag

Des Aufgebots, und wann die Hochzeit sei?

Da kommt sie schon! Und nun, Petruchio, sprich!

Katharina kommt.

Guten Morgen, Käthchen, denn so heißt Ihr, hör' ich.

KATHARINA.

Ihr hörtet recht und seid doch hart geöhrt:

Wer von mir spricht, nennt sonst mich Katharine.

PETRUCHIO.

Mein' Seel', Ihr lügt, man nennt Euch schlechtweg Käthchen,

Das lust'ge Käthchen, auch das böse Käthchen.

Doch, Käthchen, schmuckstes Käthchen in Europa,

Käthchen von Käthchenheim, du, Käthchen, goldnes

(Dukätchen sind Dukaten, drum Gold-Käthchen),

Erfahre denn, du Käthchen Herzenstrost:

Weil alle Welt mir deine Sanftmut preist,

Von deiner Tugend spricht, dich reizend nennt,

Und doch so reizend nicht, als dir gebührt:

Hat mich's bewegt, zur Frau dich zu begehren. –

KATHARINA.

Bewegt? Ei seht! So bleibt nur in Bewegung,

Und macht, daß ihr Euch baldigst heimbewegt;

Ihr scheint beweglich.

PETRUCHIO.

So? was ist beweglich?

KATHARINA.

Ein Feldstuhl.

PETRUCHIO.

Brav getroffen! Sitzt auf mir!

KATHARINA.

Die Esel sind zum Tragen, so auch Ihr.

PETRUCHIO.

Die Weiber sind zum Tragen, so auch Ihr.

KATHARINA.

Nicht solchen Narr'n als Euch, wenn Ihr mich meint.

PETRUCHIO.

Ich will dich nicht belasten, gutes Käthchen;

Denn weil du doch bis jetzt nur jung und leicht ...

KATHARINA.

Zu leicht gefüßt, daß solch ein Tropf mich hasche;

Allein so schwer Gewicht als mir gebührt,

Hab' ich trotz einer.

PETRUCHIO.

Sprichst du mir vom Habicht? –

KATHARINA.

Ihr fangt nicht übel.

PETRUCHIO.

Soll ich Habicht sein,

Und du die Ringeltaube?

KATHARINA.

Zu den Tauben

Gehört Ihr selbst trotz Eurer großen Ohren,

Und dies mein Ringel ist wohl nicht für Euch.

PETRUCHIO.

Geh mir, du Wespe! Du bist allzu böse!

KATHARINA.

Nennt Ihr mich Wespe, fürchtet meinen Stachel!

PETRUCHIO.

Das beste Mittel ist, ihn auszureißen.

KATHARINA.

Ja, wüßte nur der Narr, wo er versteckt.

PETRUCHIO.

Wer weiß nicht, wo der Wespe Stachel sitzt?

Im Schweif!

KATHARINA.

Nein, in der Zunge.

PETRUCHIO.

In wessen Zunge?

KATHARINA.

In Eurer, Zungendrescher, spitzer Stichler!

PETRUCHIO.

Was! Meine Zunge wär' dein Schweif? Nein, Käthchen,

Ich bin ein Edelmann ...

KATHARINA.

Das woll'n wir sehn.

Schlägt ihn.

PETRUCHIO.

Mein' Seel', du kriegst eins, wenn du nochmal schlägst!

KATHARINA.

So mögt Ihr Eure Armatur verlieren:

Wenn Ihr mich schlügt, wärt Ihr kein Edelmann,

Wärt nicht armiert, und folglich ohne Arme.

PETRUCHIO.

Treibst du Heraldik? Trag' mich in dein Buch!

KATHARINA.

Was ist Eu'r Helmschmuck? Ist's ein Hahnenkamm?

PETRUCHIO.

Ein Hahn, doch kammlos, bist du meine Henne.

KATHARINA.

Kein Hahn für mich, Ihr kräht als mattes Hähnlein!

PETRUCHIO.

Komm, Käthchen, komm, du mußt nicht sauer sehn.

KATHARINA.

's ist meine Art, wenn ich Holzäpfel sehe.

PETRUCHIO.

Hier ist ja keiner, darum sieh nicht sauer!

KATHARINA.

Doch, doch! –

PETRUCHIO.

So zeig' ihn mir!

KATHARINA.

Ich habe keinen Spiegel!

PETRUCHIO.

Wie! Mein Gesicht? –

KATHARINA.

So jung und schon so klug? –

PETRUCHIO.

Nun, bei Sankt Georg, ich bin zu jung für dich!

KATHARINA.

Doch schon verwelkt!

PETRUCHIO.

Aus Gram!

KATHARINA.

Das grämt mich nicht.

PETRUCHIO.

Nein, Käthchen, bleib', so nicht entkommst du mir.

KATHARINA.

Nein, ich erbos' Euch, bleib' ich länger hier.

PETRUCHIO.

Nicht dran zu denken: du bist allerliebst! –

Ich hörte, du seist rauh und spröd' und wild,

Und sehe nun, daß dich der Ruf verleumdet:

Denn scherzhaft bist du, schelmisch, äußerst höflich,

Nicht schnelles Wort, doch süß wie Frühlingsblumen:

Du kannst nicht zürnen, kannst nicht finster blicken,

Wie böse Weiber tun, die Lippe beißen:

Du magst niemand im Reden überhaun,

Mit Sanftmut unterhältst du deine Freier,

Mit freundlichem Gespräch und süßen Phrasen. –

Was fabelt denn die Welt, daß Käthchen hinkt?

O böse Welt! Sieh, gleich der Haselgerte

Ist Käthchen schlank und grad' und braun von Farbe

Wie Haselnüss' und süßer als ihr Kern.

Laß deinen Gang mich sehn: – Nein, du hinkst nicht.

KATHARINA.

Geh, Narr, befiehl den Leuten, die du lohnst! –

PETRUCHIO.

Hat je Diana so den Wald geschmückt,

Wie Käthchens königlicher Gang dies Zimmer?

Oh, sei du Diana, laß sie Käthchen sein,

Und dann sei Käthchen keusch und Diana üppig.

KATHARINA.

Wo habt Ihr die gelehrte Red' erlernt?

PETRUCHIO.

Ist nur ex tempore, mein Mutterwitz.

KATHARINA.

O witz'ge Mutter! Witzlos sonst ihr Sohn! –

PETRUCHIO.

Fehlt mir Verstand?

KATHARINA.

Ihr habt wohl just so viel,

Euch warm zu halten.

PETRUCHIO.

Nun, das will ich auch

In deinem Bett, mein Käthchen; und deshalb

Beiseite setzend alles dies Geschwätz,

Sag' ich Euch rund heraus: Eu'r Vater gibt

Euch mir zur Frau: die Mitgift ward bestimmt,

Und wollt Ihr's oder nicht, Ihr werdet mein.

Nun, Käthchen, ich bin grad' ein Mann für dich;

Denn bei dem Sonnenlicht, das schön dich zeigt,

Und zwar so schön, daß ich dir gut sein muß,

Kein andrer darf dein Eh'mann sein als ich.

Ich ward geboren, dich zu zähmen, Käthchen,

Dich aus 'nem wilden Kätzchen zu 'nem Käthchen

Zu wandeln, zahm wie andre fromme Käthchen.

Dein Vater kommt zurück, nun sprich nicht nein,

Ich will und muß zur Frau Kathrinen haben.

Baptista, Gremio und Tranio kommen zurück.

BAPTISTA.

Nun, Herr Petruchio, sagt, wie geht es Euch

Mit meiner Tochter?

PETRUCHIO.

Nun, wie sonst als gut?

Wie sonst als gut? Unmöglich ging' es schlecht.

BAPTISTA.

Nun, Tochter Katharina? So verstört?

KATHARINA.

Nennt Ihr mich Tochter? Nun, ich muß gestehn,

Ihr zeigtet mir recht zarte Vaterliebe,

Mir den Halbtollen da zum Mann zu wünschen!

Den Hans, den Flucher, wilden Renommisten,

Der's durchzusetzen denkt mit Schwadronieren! –

PETRUCHIO.

Vater, so steht's: Ihr und die ganze Welt,

Wer von ihr sprach, der sprach von ihr verkehrt.

Tut sie so wild, so ist es Politik:

Denn beißend ist sie nicht, nein, sanft wie Tauben;

Nicht heißen Sinns, nein, wie der Morgen kühl:

Im Dulden kommt sie nah Griseldens Vorbild,

Und in der Keuschheit Roms Lukretia:

Und kurz und gut: wir stimmen so zusammen,

Daß nächsten Sonntag unsre Hochzeit ist.

KATHARINA.

Eh' will ich nächsten Sonntag dich gehängt sehn.

GREMIO.

Petruchio, hört, sie will Euch eh' gehängt sehn!

TRANIO.

Nennt Ihr das gut gehn? Dann steht's schön mit uns! –

PETRUCHIO.

Seid ruhig, Herrn, ich wählte sie für mich:

Wenn wir nur einig sind, was kümmert's Euch?

Wir machten's aus, hier unter uns allein,

Daß in Gesellschaft sie sich böse stellt.

Ich sag' euch, ganz unglaublich ist's fürwahr,

Wie sie mich liebt. O du holdsel'ges Käthchen! –

Sie hing an meinem Hals, und Kuß auf Kuß

Ward aufgetrumpft, und Schwur auf Liebesschwur

So rasch, daß sie im Nu mein Herz gewann.

Oh, Ihr seid Schüler, und das ist das Wunder,

Wie zahm, wenn Mann und Frau allein gelassen,

Der lahmste Wicht die tollste Spröde stimmt.

Käthchen, die Hand! Ich reise nach Venedig,

Zum Hochzeitstage Kleider mir zu kaufen.

Besorgt das Mahl, Herr Vater, ladet Gäste,

Ich weiß gewiß, mein Käthchen zeigt sich schmuck.

BAPTISTA.

Was soll ich dazu sagen? Gebt die Hand mir,

Gott schenk' Euch Glück, mein Sohn; ihr seid ein Paar.

GREMIO UND TRANIO.

Amen von ganzem Herzen! Wir sind Zeugen. –

PETRUCHIO.

Vater, und Braut, und Freunde, lebt denn wohl,

Jetzt nach Venedig! Sonntag ist bald da,

Da braucht man Ring' und Ding' und bunte Schau:

Nun küss' mich, Sonntag bist du meine Frau.

Petruchio und Katharina zu verschiedenen Seiten ab.

GREMIO.

Ward je ein Paar so schnell zusamm' gekuppelt? –

BAPTISTA.

Jetzt bin ich, Freund', in eines Kaufmanns Lage,

Da ich auf zweifelnd Glück verzweifelt wage.

TRANIO.

Doch lag die War' Euch lästig auf dem Hals,

Nun trägt sie Zinsen oder geht zu Grund.

BAPTISTA.

Als Zins ist mir nur ihre Ruhe teuer.

GREMIO.

Gewiß, er kaufte sich 'nen ruh'gen Geier! –

Doch nun, Baptista, denkt der jüngern Tochter:

Dies ist der Tag, den wir so lang' ersehnt;

Ich bin Eu'r Nachbar, war der erste Freier.

TRANIO.

Und ich bin einer, der Bianca liebt,

Mehr als Gedanken raten, Worte zeugen.

GREMIO.

Mein Lieben ist dem Herzen ganz verschwistert.

TRANIO.

Graubart, dein Lieben friert.

GREMIO.

Und deines knistert.

Fort, Springinsfeld! das Alter ist gedeihlich!

TRANIO.

Doch Jugend nur dem Mädchensinn erfreulich.

BAPTISTA.

Zankt nicht, ihr Herrn! Ich will den Streit entscheiden;

Das Bare trägt's davon. Wer von Euch zwei'n

Das größte Wittum meiner Tochter sichert,

Soll Biancas Lieb' erhalten. –

Sagt, Signor Gremio, was könnt Ihr verschreiben? –

GREMIO.

Vor allem, wißt Ihr, ist mein Haus in Padua

Reichlich versehn mit Gold und Silberzeug,

Becken und Kanne, die Händchen ihr zu waschen.

Alle Tapeten tyrisches Gewirk':

Koffer von Elfenbein, gepackt voll Kronen,

In Zedernkisten Tepp'che, bunte Decken,

Köstliche Stoffe, Zelt' und Baldachine,

Battiste, türk'sche perlgestickte Polster,

Umhänge von Venedig, golddurchnäht,

Kupfer und Zinngeschirr, und was gehört

Zum Haus und Hausrat: dann im Prachthof hab' ich

Einhundert Stück Milchkühe, für den Eimer,

In Ställen hundertzwanzig fette Ochsen,

Nebst allem Zubehör und Inventar:

Ich selbst, ich bin bejahrt, ich kann's nicht leugnen;

Und wenn ich morgen sterb', ist alles ihr,

Gehört sie einzig mir, solang' ich lebe.

TRANIO.

Das »einzig« war gut angebracht, hört mich!

Ich bin des Vaters Erb' und einz'ger Sohn:

Wenn Ihr die Tochter mir zum Weibe gebt,

Verschreib' ich ihr drei, vier so schöne Häuser

Im reichen Pisa, als nur irgendeins,

Das Signor Gremio hier in Padua hat:

Zudem zweitausend Goldzechinen jährlich

Aus reichen Länderei'n, allein für sie.

Nun, Signor Gremio, womit stecht Ihr das?

GREMIO.

Zweitausend Goldzechinen Landertrag?

Mein Landgut trägt in allem nicht so viel,

Doch ihr verschreib' ich es: zudem ein Frachtschiff,

Das jetzt im Hafen von Marseille liegt.

Was! Macht Euch der Kauffahrer nun kapott?

TRANIO.

Gremio! Man weiß, mein Vater hat drei große

Kauffahrerschiffe, zwei Galeeren und

Zwölf tücht'ge Ruderbarken: die verschreib' ich,

Und zweimal mehr, als du noch bieten kannst.

GREMIO.

Nein, alles bot ich nun, mehr hab' ich nicht!

All meine Habe, mehr kann sie nicht haben:

Und wählt Ihr mich, hat sie mein Gut und mich.

TRANIO.

Dann ist vor aller Welt das Mädchen mein,

Nach Eurem Wort: Gremio ward abgetrumpft.

BAPTISTA.

Ich muß gestehn, Eu'r Bieten war das höchste;

Und stellt Eu'r Vater die Versich'rung aus,

Ist sie die Eurige: Wo nicht, verzeiht,

Wo bleibt ihr Wittum, sterbt Ihr vor dem Vater?

TRANIO.

Schikane das! Er ist bejahrt, ich jung.

GREMIO.

Und sterben Junge nicht so gut als Alte? –

BAPTISTA.

Wohlan, ihr Herrn,

Dies ist mein Wort: Auf nächsten Sonntag, wißt ihr,

Ist meiner Tochter Katharine Trauung:

Nun, einen Sonntag später will ich Bianca

Mit Euch verloben, schafft Ihr den Revers;

Wo nicht, mit Signor Gremio:

Und so empfehl' ich mich und dank' euch beiden.

Ab.

GREMIO.

Lebt, Nachbar, wohl! Jetzt, Freund, fürcht' ich dich nicht,

Du Hasenfuß! Dein Vater wär' ein Narr!

Dir alles geben, und in alten Tagen

Von deiner Gnade leben? Das dir bieten?

Da wird solch italien'scher Fuchs sich hüten! –

Ab.

TRANIO.

Der Teufel hol' dich, list'ges, altes Fell!

Ich spiele hohes Spiel und setz' es durch.

Gefunden hab' ich's, meinem Herrn zu dienen.

Was braucht es mehr? Lucentio der falsche

Zeugt einen Vater, Vincentio den falschen:

Und das ist Wunders g'nug. Sonst sind's die Väter,

Die sich die Kinder zeugen; allein für unser Frein hier

Erzeugt das Kind den Vater, will nur die List gedeihn mir.

Ab.

Dritter Aufzug
Erste Szene

Zimmer bei Baptista.

Lucentio, Hortensio und Bianca treten auf.

LUCENTIO.

Fiedler, laßt ab; Ihr werdet allzu dreist.

Habt Ihr die Freundlichkeit so schnell vergessen,

Mit der Euch Katharine hier empfing? –

HORTENSIO.

Zanksücht'ger Schulgelehrter! Immer war

Die göttliche Musik die Herrscherin:

Drum steht zurück und gönnet mir den Vorzug;

Und wenn wir eine Stunde musiziert,

Soll Euer Lesen gleiche Muße finden.

LUCENTIO.

Ihr Widersinn 'ger Tropf! der nicht begriff,

Zu welchem Zweck Musik uns ward gegeben: –

Ist's nicht, des Menschen Seele zu erfrischen,

Nach ernstem Studium und der Arbeit Müh'? –

Deshalb vergönnt, daß wir philosophieren,

Und ruhn wir aus, dann mögt Ihr musizieren.

HORTENSIO.

Gesell! Ich will dein Trotzen nicht ertragen! –

BIANCA.

Ei, Herrn, das heißt ja doppelt mich beleid'gen,

Zu zanken, wo mein Will' entscheidend ist.

Ich bin kein Schulkind, das die Rute scheut,

Ich will mich nicht an Zeitbestimmung binden,

Nein, Stunde nehmen, wie's mir selbst gefällt.

Den Streit zu schlichten, setzen wir uns hier:

Nehmt Euer Instrument und spielt indessen,

Denn wir sind fertig, eh' Ihr nur gestimmt.

HORTENSIO.

So schließt ihr, wenn ich recht in Stimmung bin?

Zieht sich zurück.

LUCENTIO.

Das wird wohl nie der Fall sein. Stimmt nur immer!

BIANCA.

Wo blieben wir?

LUCENTIO.

An dieser Stelle, Fräulein:

Hac ibat Simois, hic est Sigeia tellus,

Hic steterat Priami regia celsa senis.

BIANCA.

Wollt Ihr das übersetzen?

LUCENTIO. Hac ibat – wie ich Euch schon sagte; – Simois – ich bin Lucentio; – hic est – Sohn des Vincentio in Pisa; – Sigeia tellus – so verkleidet, um Eure Liebe zu erflehen; – hic steterat und jener Lucentio, der um Euch wirbt; – Priami – ist mein Diener Tranio; – regia – der meinen Namen trägt; – celsa senis – damit wir den alten Herrn Pantalon anführen.

HORTENSIO.

Fräulein, nun stimmt die Laute.

BIANCA.

O pfui! das E ist falsch, das G ist recht.

LUCENTIO.

Recht, darum geh! mein Freund, und stimme wieder!

BIANCA. Laßt mich nun versuchen, ob ich es übersetzen kann. Hac ibat Simois – ich kenne Euch nicht; – hic est Sigeia tellus – ich traue Euch nicht; – hic steterat Priami – nehmt Euch in acht, daß er uns nicht hört; – regia – seid nicht zu verwegen; – celsa senis – verzweifelt nicht.

HORTENSIO.

Fräulein, nun stimmt sie.

LUCENTIO.

A und F sind falsch.

HORTENSIO.

Ihr seid wohl selbst das A und F, Herr Aff'.

Wie feurig keck der Schulgelehrte wird! –

Fürwahr, der Schelm wagt's, ihr den Hof zu machen;

Wart' Schulfuchs, ich will besser dich bewachen.

BIANCA.

Vielleicht glaub' ich Euch einst, jetzt zweifl' ich noch.

LUCENTIO.

O zweifelt nicht! Gewiß, der Äacide

War Ajax, nach dem Ahnherrn so genannt.

BIANCA.

Ich muß dem Lehrer glauben, sonst beteur' ich,

Von meinem Zweifel ließ' ich noch nicht ab.

Doch sei's genug. Nun, Licio, ist's an Euch.

Ihr guten Lehrer, nehmt's nicht übel auf,

Daß ich so scherzhaft mit euch beiden war.

HORTENSIO.

Ihr mögt nun gehn und uns ein Weilchen lassen,

Dreistimmige Musik kommt heut nicht vor.

LUCENTIO.

Seid Ihr so pünktlich? Nun, so muß ich warten

Und auf ihn achten; denn irr' ich mich nicht,

Macht unser feiner Sänger den Verliebten.

HORTENSIO.

Fräulein, eh' Ihr die Laute nehmt zur Hand,

Muß ich beginnen mit den Anfangsregeln,

Daß Ihr des Fingersatzes Kunst begreift

Und Eure Skala lernt in kürzrer Zeit,

Vergnüglicher, brauchbarer, kräftiger,

Als je ein andrer Lehrer Euch's gezeigt: –

Hier habt Ihr's aufgeschrieben, schön und faßlich.

BIANCA.

Die Skala hab' ich längst schon absolviert.

HORTENSIO.

Doch hört, wie sie Hortensio konstruiert!

BIANCA liest.

C. Skala, Grund der Harmonie genannt,

D. Soll Hortensios heiße Wünsche deuten.

E. F. O Bianca, schenk' ihm deine Hand,

G. A. Und laß sein treues Herz dich leiten.

H. Nimm zwei Schlüssel an, die er dir bot,

C. Dein Erbarmen, oder seinen Tod.

BIANCA.

Das nennt Ihr Skala? Geht, die mag ich nicht,

Die alte lieb' ich mehr, bin nicht so lüstern,

Seltsamer Neu'rung Echtes aufzuopfern. –

Ein Diener kommt.

DIENER.

Fräulein, der Vater will, Ihr laßt die Bücher

Und helft, der Schwester Zimmer aufzuschmücken: –

Ihr wißt, auf morgen ist der Hochzeittag.

BIANCA.

Lebt wohl, ihr lieben Lehrer, ich muß gehn.

Bianca und Diener ab.

LUCENTIO.

Dann, Fräulein, hab' ich keinen Grund zu bleiben.

Ab.

HORTENSIO.

Doch Grund hab' ich, den Schulfuchs zu erforschen.

Mir scheint nach seinem Blick, er sei verliebt:

Doch Bianca, ist dein Sinn so ganz verächtlich,

Dein wandernd Aug' auf jeden Knecht zu werfen,

So lauf', zu wem du willst! Bist du so niedrig,

Such' ich ein andres Weib, und so erwidr' ich.

Ab.

Zweite Szene

Anderes Zimmer.

Baptista, Gremio, Tranio, Katharina, Bianca und Diener treten auf.

BAPTISTA.

Signor Lucentio, dieses ist der Tag

Für Katharinens und Petruchios Hochzeit,

Und immer noch läßt sich kein Eidam sehn.

Was wird man sagen? Welch ein Spott für uns!

Der Bräut'gam fehlt, da schon der Priester wartet,

Um der Vermählung Feier zu vollziehn!

Was sagt Lucentio denn zu dieser Schmach? –

KATHARINA.

Nur meine Schmach! Ich bin, seht doch, gezwungen,

Die Hand zu reichen, meinem Sinn entgegen,

Dem tollen Grobian, halb verrückt von Launen,

Der eilig freit und langsam Hochzeit macht.

Ich sagt' es wohl, er sei ein Narrenhäusler,

Der unter Derbheit bittern Hohn versteckt;

Und um für einen lust'gen Mann zu gelten,

Hält er um tausend an, setzt fest die Hochzeit,

Lädt Freunde ein, bestellt das Aufgebot,

Und denkt nie Ernst aus schlechtem Spaß zu machen.

Mit Fingern zeigt man nun auf Katharinen,

Und spricht: »Da geht des Narr'n Petruchio Frau,

Gefiel's ihm nur, zur Heirat sie zu holen!«

TRANIO.

Geduld, Baptista, liebe Katharine,

Petruchio meint es gut, bei meinem Leben,

Was auch ihn hemmen mag, sein Wort zu halten.

Ist er gleich derb, kenn' ich ihn doch als klug,

Und ist er listig, doch ein Mann von Ehre.

KATHARINA.

Hätt' ich ihn nur mit Augen nie gesehn! –

Geht weinend ab mit Bianca und den Dienern.

BAPTISTA.

Geh, Mädchen: wenn du weinst, kann ich nicht schelten;

Denn solche Schmach müßt' eine Heil'ge kränken,

Vielmehr so heft'gen Sinn und rasches Blut.

Biondello kommt.

BIONDELLO. Herr, Herr, Neuigkeiten! Alte Neuigkeiten! Solche Neuigkeiten, wie Ihr sie nie gehört habt! –

BAPTISTA. Alt und neu zugleich? Wie kann das sein?

BIONDELLO. Nun, ist das keine Neuigkeit, wenn ich Euch sage, daß Petruchio kommt?

BAPTISTA. Ist er gekommen?

BIONDELLO. Ei, nicht doch!

BAPTISTA. Was denn?

BIONDELLO. Er kommt erst.

BAPTISTA. Wann wird er hier sein?

BIONDELLO. Wenn er hier steht, wo ich jetzt stehe, und Euch dort sieht.

TRANIO. Aber nun deine alten Neuigkeiten?

BIONDELLO. Ei, Petruchio langt jetzt an in einem neuen Hut und einem alten Wams; einem Paar alten Hosen, dreimal gewendet; mit einem Paar Stiefeln, die schon als Lichtkasten gedient haben, einer mit Schnallen, der andere zum Schnüren; mit einem alten rostigen Degen aus dem Stadtzeughause: das Gefäß ist zerbrochen, der Bügel fehlt, und die beiden Riemen sind zerrissen: sein Pferd ist kreuzlahm und trägt einen alten wurmstichigen Sattel mit zweierlei Bügeln: außerdem hat's den Rotz und ist auf dem Rückgrat ganz vermoost: es ist krank an der Mundfäule, behaftet mit der Räude, steckt voller Gallen, ist ruiniert von Spat, leidet an der Gallsucht, hat einen inkurabeln Hahnentritt, einen intermittierenden Sonnenkoller und einen unvertilgbaren Kropp: dabei ist's senkrückig, stark buglahm und steif auf den Vorderbeinen: es hat eine halbverbogene Stange und ein Kopfgestell von Schafleder, das man so kurz geschnallt, um's vom Stolpern abzuhalten, daß es schon oft gerissen und dann wieder mit Knoten zusammengestückt ist; einen Gurt, aus sechs Stücken geflickt, und einen samtnen Schwanzriem von einem Frauensattel, mit zwei Buchstaben, die ihren Namen bedeuten sollen, zierlich mit Nägeln eingeschlagen, und hie und da mit Packfaden ergänzt.

BAPTISTA. Wer kommt mit ihm?

BIONDELLO. O Herr, sein Lakai, der leibhaftig wie das Pferd ausstaffiert ist: mit einem leinenen Strumpf an einem Bein, und einem groben wollenen Jagdstrumpf am andern, und ein Paar rote und blaue Tucheggen als Kniegürtel; ein alter Hut, an dem die vierzig verliebten neuen Lieder als Feder stecken; ein Ungeheuer, ein rechtes Ungeheuer in seinem Anzuge, und sieht keinem christlichen Dienstboten oder eines Edelmanns Lakaien ähnlich! –

TRANIO.

Wer weiß, welch seltne Laun' ihn dazu trieb,

Obgleich er oft geringe Kleider trägt.

BAPTISTA. Nun, ich bin froh, daß er kommt, mag er kommen, wie er will.

BIONDELLO. Nein, Herr, er kommt nicht.

BAPTISTA. Sagtest du nicht, er komme?

BIONDELLO. Wer? Petruchio?

BAPTISTA. Ja, daß Petruchio komme.

BIONDELLO. Nein, Herr, ich sagte, sein Pferd kommt, und er sitzt drauf.

BAPTISTA. Nun, das ist eins.

BIONDELLO.

O nein doch, beim Sankt Jakob! da seid Ihr weit vom Ziele!

Denn Pferd und Mann sind mehr als eins und sind doch auch nicht viele.

Petruchio und Grumio kommen.

PETRUCHIO.

Wo seid ihr, schmuckes Volk? Wer ist zu Haus?

BAPTISTA.

Gut, daß Ihr grade kommt ...

PETRUCHIO.

Und doch nicht grade ...

BAPTISTA.

Ihr hinkt doch nicht?

TRANIO.

Nicht grade so geschmückt,

Als Ihr wohl solltet.

PETRUCHIO.

Wär's auch zierlicher,

Ich stürmte ebenso zu euch herein.

Doch wo ist Käthchen, meine holde Braut?

Was macht mein Vater? Leute, sagt, was habt ihr?

Was gafft denn diese werteste Gesellschaft,

Als wär' ein seltsam Abenteu'r zu sehn,

Ein Wunderzeichen oder ein Komet?

BAPTISTA.

Ei nun, Ihr wißt, heut ist Eu'r Hochzeittag: –

Erst sorgten wir, Ihr möchtet gar nicht kommen,

Nun mehr noch, daß Ihr kommt so ungeschmückt.

Pfui! Weg das Kleid, Schand' einem Mann wie Ihr,

Und unserm Ehrentag ein Dorn im Auge!

TRANIO.

Und sagt uns, welch ein wichtig Hindernis

Hielt Euch so lang' entfernt von Eurer Braut?

Und bringt Euch her, Euch selbst so gar nicht ähnlich?

PETRUCHIO.

Langweilig wär's zu sagen wie zu hören:

Genug, ich kam und will mein Wort erfüllen,

Mußt' ich dabei auf manches auch verzichten,

Was ich bei längrer Muß' entschuld'gen will,

So daß ihr alle sollt zufrieden sein.

Doch wo ist Käthchen? Schon zu lange säumt' ich:

's ist spät, wir sollten in der Kirche sein.

TRANIO.

Seht nicht die Braut in den unzarten Hüllen:

Geht auf mein Zimmer, nehmt ein Kleid von mir!

PETRUCHIO.

Daraus wird nichts, ich will sie so besuchen.

BAPTISTA.

Doch so, ich hoff' es, geht Ihr nicht zur Kirche?

PETRUCHIO.

Ja doch, just so; drum laßt das Reden sein,

Mir wird sie angetraut, nicht meinen Kleidern. –

Könnt' ich ergänzen, was die Zeit mir abnutzt,

Wie ich dies ärmliche Gewand kann tauschen,

Wär's gut für Käthchen, besser noch für mich.

Doch welch ein Narr bin ich, mit euch zu schwatzen,

Derweil ich sie als Braut begrüßen sollte,

Mein Recht mit einem süßen Kuß besiegelnd. –

Petruchio, Grumio und Biondello ab.

TRANIO.

Der närrische Aufzug hat gewiß Bedeutung!

Doch reden wir ihm zu, wenn's möglich ist,

Daß er sich besser kleide vor der Trauung.

BAPTISTA.

Ich will ihm nach und sehn, was daraus wird.

Ab.

TRANIO.

Nun, junger Herr, kommt's noch drauf an, den Willen

Des Vaters zu gewinnen. Zu dem Zweck,

Wie ich vorhin Eu'r Gnaden schon erzählte,

Schaff' ich uns einen Mann; wer es auch sei,

Macht wenig aus: den richten wir uns ab,

Der soll Vincentio aus Pisa sein,

Und hier in Padua die Verschreibung geben

Auf größre Summen noch, als ich versprach.

So sollt Ihr Eures Glücks Euch ruhig freun,

Mit Einstimmung vermählt der schönen Bianca.

LUCENTIO.

Wär' mein Kam'rad nur nicht, der zweite Lehrer,

Der Biancas Schritte so genau bewacht,

So ging' es leicht, sich heimlich zu vermählen:

Und ist's geschehn, sag' alle Welt auch nein,

Behaupt' ich, aller Welt zum Trotz, mein Recht.

TRANIO.

Das, denk' ich, läßt sich nach und nach ersehn,

Sind wir nur wachsam stets auf unsern Vorteil:

So prellen wir den alten Graubart Gremio,

Den gar zu filz'gen Vater Minola,

Den schmachtend süßen Meister Licio,

Zum Besten meines lieben Herrn Lucentio.

Gremio kommt zurück.

Nun, Signor Gremio! kommt Ihr aus der Kirche? –

GREMIO.

Und zwar so lustig als je aus der Schule.

TRANIO.

Sind Braut und Bräut'gam denn zu Hause schon? –

GREMIO.

Bräut'gam? Recht! Breit ja macht er sich genug,

Bräut Jammer noch und Not der armen Braut.

TRANIO.

Schlimmer als sie? Ei was! Das wär' nicht möglich.

GREMIO.

Was! Er ist ein Teufel, ein Teufel, ein rechter Satan!

TRANIO.

Was! Sie ist ein Teufel, ein Teufel, des Teufels Großmutter! –

GREMIO.

Pah! gegen ihn ein Lamm, ein Kind, ein Täubchen!

Laßt Euch erzählen, Herr: Der Priester fragt' ihn,

Ob Katharinen er zur Frau begehre?

»Beim Donnerwetter, ja!« schrie er und fluchte:

Vor Schrecken ließ das Buch der Priester fallen,

Und als er sich gebückt, es aufzunehmen,

Gab ihm der tolle Bräut'gam solchen Schlag,

Daß Buch und Pfaff', und Pfaff' und Buch hinstürzten:

»Nun rafft das Zeug auf!« rief er, »wer's noch braucht!«

TRANIO.

Was sagte denn das Bräutchen, als er aufstand?

GREMIO.

Die war ganz Furcht: denn seht, er stampft' und fluchte,

Als hätt' der Priester ihn betören wollen.

Als nun die Zeremonien all' geendet,

Ruft er nach Wein:

Und: »Prosit!« schreit er, wie auf dem Verdeck,

Als tränk' er nach dem Sturm mit den Kam'raden:

Stürzt den Muskat hinab und wirft die Tunke

Dem Küster ins Gesicht, aus keinem Grund,

Als weil sein Bart ihm, dünn und hungrig, schien

Um einen Schluck zu betteln, da er trank.

Und nun faßt' er die Braut um ihren Hals

Und gibt ihr einen Schmatz so gellend laut,

Daß rings die ganze Kirche widerhallte.

Ich lief aus Scham hinaus, als ich dies sah,

Und nach mir, glaub' ich, folgt' der ganze Schwarm.

So tolle Hochzeit war noch nie zuvor!

Horch! Horch! Ich höre schon die Musikanten.

Musik. Petruchio, Katharina, Bianca, Baptista, Hortensio und Grumio kommen mit Dienern und Gefolge.

PETRUCHIO.

Ihr Herrn und Freunde, Dank für eure Müh'.

Ich weiß, ihr denkt nun heut mit mir zu essen,

Und habt viel aufgewandt zum Hochzeitschmaus:

Doch leider ruft die Eil' mich gleich von hier,

Und drum muß ich jetzt Abschied von euch nehmen.

BAPTISTA.

Ist's möglich? Noch heut abend wollt Ihr fort? –

PETRUCHIO.

Bei Tag noch muß ich fort, noch vor dem Abend;

Nicht wundert Euch: sagt' ich Euch mein Geschäft,

Ihr hießt mich selbst wohl gehn und nicht verweilen.

Und, ehrsame Gesellschaft, Dank euch allen,

Die ihr gesehn, wie ich mich hingegeben

Der höchst geduld'gen, sanften, frommen Frau.

Mit meinem Vater schmaust, trinkt auf mein Wohl,

Denn ich muß fort, und Gott sei mit euch allen!

TRANIO.

Laßt uns Euch bitten, bleibt bis nach der Mahlzeit!

PETRUCHIO.

Es kann nicht sein.

GREMIO.

Laßt mich Euch bitten!

PETRUCHIO.

Es kann nicht sein.

KATHARINA.

Laßt mich Euch bitten!

PETRUCHIO.

Das ist mir recht!

KATHARINA.

So ist's Euch recht, zu bleiben? –

PETRUCHIO.

Recht ist mir's, daß Ihr bittet, ich soll bleiben;

Doch nichts von bleiben, bittet, was Ihr mögt.

KATHARINA.

Wenn Ihr mich liebt, so bleibt!

PETRUCHIO.

Grumio, die Pferde! –

GRUMIO.

Ja, Herr, sie sind parat: Der Haber hat die Pferde schon gefressen.

KATHARINA.

Nun gut;

Tu', was du willst, mich bringst du heut nicht weg,

Auch morgen nicht, nicht, bis es mir gefällt.

Das Tor ist offen, Herr, da geht der Weg,

Und so nach Haus, eh' Euch die Stiefel drücken:

Ich aber will nicht gehn, eh' mir's gefällt.

Das gäb' 'nen herrlich mürr'schen Grobian,

Der sich den ersten Tag so mausig macht! –

PETRUCHIO.

Ei, Käthchen, still, ich bitt' dich, sei nicht bös!

KATHARINA.

Ich will nun böse sein: was kümmert's dich?

Vater, schweigt nur: er bleibt, solang' ich will.

GREMIO.

Aha, mein Freund, nun geht die Sache los.

KATHARINA.

Ihr Herrn, hinein da zu dem Hochzeitsmahl:

Ich seh', ein Weib wird bald zum Narr'n gemacht,

Wenn sie nicht Mut hat, sich zu widersetzen.

PETRUCHIO.

Sie soll'n hinein, mein Kind, wie du befiehlst:

Gehorcht der Braut, ihr eingeladnen Gäste,

Setzt euch zum Schmausen, singt und jubiliert,

Bringt volle Humpen ihrem Mädchenstand,

Seid toll und lustig, oder laßt euch hängen;

Allein mein herzig Käthchen muß mit mir.

Nein, seht nicht scheel, noch stampft und stiert und mault;

Ich will der Herr sein meines Eigentums:

Sie ist mein Landgut, ist mein Haus und Hof,

Mein Hausgerät, mein Acker, meine Scheune,

Mein Pferd, mein Ochs, mein Esel, kurz mein alles:

Hier steht sie, rühr' sie einer an, der Herz hat!

Ich will mein Recht behaupten vor dem Frechsten,

Der mir den Weg in Padua sperrt! Zieh', Grumio,

Zieh' deinen Sarras: rund um uns sind Räuber,

Hau' deine Frau heraus, bist du ein Mann!

Ruhig, lieb Herz, sie tun dir nichts, mein Käthchen,

Ich helf' dir durch, und wären's Millionen.

Petruchio, Katharina und Grumio ab.

BAPTISTA.

Nun gehn sie denn, o sanftes, stilles Paar! –

GREMIO.

Es war wohl Zeit, sonst starb ich noch vor Lachen!

TRANIO.

So tolles Bündnis ist noch nie geschlossen! –

LUCENTIO.

Fräulein, was haltet Ihr von Eurer Schwester? –

BIANCA.

Daß, toll von je, sie toll sich angekettet.

GREMIO.

Und sich ihr Mann noch toller angekäthet.

BAPTISTA.

Nachbarn und Freunde, fehlt auch Braut und Bräut'gam,

Um ihren Platz zu nehmen an dem Tisch,

So fehlt' s doch nicht an Schüsseln auf dem Tisch.

Ihr nehmt des Bräut'gams Platz, Lucentio,

Und Bianca mag für ihre Schwester gelten.

TRANIO.

Soll unsre Bianca lernen Bräutchen spielen? –

BAPTISTA.

Das soll sie, Freund Lucentio. Kommt herein!

Alle ab.

Vierter Aufzug
Erste Szene

Saal bei Petruchio.

Grumio tritt auf.

GRUMIO. Hol' die Pest alle müden Schindmähren, alle tolle Herrn und alle schlechten Wege! Ward je einer so geprügelt? – Je einer so durchgebläut? Ist je ein Mensch so müde gewesen? Ich bin vorausgeschickt, um Feuer zu machen, und sie kommen hinter mir drein, um sich zu wärmen. Wär' ich nun nicht so ein kleiner Topf und bald heiß im Kopf, mir würden die Lippen an die Zähne frieren, die Zunge an den Gaumen, das Herz an die Rippen, ehe ich zu einem Feuer käme, um mich aufzutauen. Aber ich gedenke das Feuer anzublasen und mich damit zu wärmen, denn wenn man dies Wetter erwägt, so kann ein viel größrer Kerl, als ich bin, sich den Schnupfen holen. Holla, he! Curtis! –

Curtis kommt.

CURTIS. Wer schreit da so erfroren?

GRUMIO. Ein Stück Eis. Wenn du es nicht glauben willst, so kannst du von meinen Schultern zu meinen Füßen so geschwind hinunterglitschen, als wie vom Kopf bis zum Genick. Feuer, liebster Curtis! –

CURTIS. Kommen denn unser Herr und seine Frau, Grumio?

GRUMIO. Ja doch, Curtis, o ja! Und darum Feuer, Feuer, tu' kein Wasser an! –

CURTIS. Ist sie denn solch eine hitzige Widerspenstige, wie man sagt? –

GRUMIO. Das war sie, guter Curtis, vor diesem Frost; aber du weißt, der Winter zähmt Mann, Frau und Vieh; denn er hat meinen alten Herrn und meine neue Frau gezähmt, und mich selbst, Kam'rad Curtis.

CURTIS. Geh mir, du dreizölliger Geck! Ich bin kein Vieh! –

GRUMIO. Halt' ich nur drei Zoll? Ei was! Dein Horn mißt einen Fuß, und so lang bin ich zum wenigsten. Aber willst du Feuer anmachen? Oder soll ich Klage über dich bei unsrer Frau führen, deren Hand (denn sie ist hier gleich bei der Hand) du bald fühlen wirst, als einen kalten Trost dafür, daß du langsam bist in deinem heißen Dienst? –

CURTIS. Bitt' dich, lieber Grumio, erzähle mir was: wie geht's in der Welt? –

GRUMIO. Kalt geht's in der Welt, Curtis, in jedem andern Dienst als im deinigen; und darum Feuer; Tu', was dir gebührt, und nimm, was dir gebührt: denn unser Herr und seine Frau sind beinahe totgefroren.

CURTIS. Das Feuer brennt, und also nun erzähle was Neues, guter Grumio!

GRUMIO. I nun. Singt. He Hans! Ho Hans! so viel Neues du willst.

CURTIS. Ach geh, du bist immer so voller Flausen.

GRUMIO. Nun also mach' Feuer, denn ich bin auch voller Kälte. Wo ist der Koch? Ist das Abendessen fertig? Ist das Haus gescheuert, Binsen gestreut, Spinnweben abgefegt, die Knechte in ihren neuen Jacken und weißen Strümpfen? Hat jeder Bediente sein hochzeitlich Kleid an? Sind die Gläser aus dem Schrank, und die Becher blank? die Teppiche gelegt, und alles in Ordnung? –

CURTIS. Alles fertig, und darum bitt' ich dich, was Neues.

GRUMIO. Erstlich wisse, daß mein Pferd müde ist; daß mein Herr und meine Frau übereinander hergefallen sind ...

CURTIS. Wie? handgreiflich? –

GRUMIO. Aus ihrem Sattel in den Kot, übereinander; und davon ließe sich eine Geschichte erzählen.

CURTIS. Nun laß hören, liebster Grumio!

GRUMIO. Dein Ohr her! –

CURTIS. Ja!

GRUMIO. Da! Gibt ihm eine Ohrfeige.

CURTIS. Das heißt eine Geschichte fühlen, nicht eine Geschichte hören.

GRUMIO. Und darum nennt man's eine gefühlvolle Geschichte: und dieser Schlag sollte nur an dein Ohr anklopfen und sich Gehör ausbitten. Nun fang' ich an. In primis, wir kamen einen schmutzigen Berg herab, mein Herr ritt hinter meiner gnädigen Frau. –

CURTIS. Beide auf einem Pferde?

GRUMIO. Was denkst du dir dabei?

CURTIS. Ei, ein Pferd.

GRUMIO. Erzähle du die Geschichte! Aber wärst du mir nicht dazwischen gekommen, so hättest du gehört, wie ihr Pferd fiel, und sie unter ihr Pferd! Du hättest gehört, an welcher schmutzigen Stelle, und wie durchnäßt sie war; wie er sie liegen ließ mit dem Pferde auf ihr; wie er mich prügelte, weil ihr Pferd gestolpert war; wie sie durch den Kot watete, um ihn von mir wegzureißen; wie er fluchte, wie sie betete, sie, die noch nimmermehr gebetet hatte; wie ich heulte, wie die Pferde davon liefen, wie ihr Zügel zerriß, wie ich meinen Schwanzriemen verlor, nebst vielen andern denkwürdigen Historien, welche nun in Vergessenheit sterben, und du kehrst ohne Weltkenntnis in dein Grab zurück.

CURTIS. Nach dieser Rechnung ist er ja widerspenstiger als sie? –

GRUMIO. Ja, und das werden die Frechsten von euch allen erfahren, wenn er zu Hause kommt. Aber warum schwatze ich hier? Ruf' Nathanael, Joseph, Niklas, Philipp, Walter, Haberkuckuck und die andern her: laß sie ihre Köpfe glattkämmen, ihre blauen Röcke ausbürsten, ihre Kniegürtel sollen sie nicht anstößig binden, mit dem linken Fuß ausscharren, und sich's nicht unterstehn, ein Haar von meines Herrn Pferdeschwanz anzurühren, bis sie sich die Hand geküßt haben. Sind sie alle fertig? –

CURTIS. Das sind sie.

GRUMIO. Ruf' sie her!

CURTIS. Hört Ihr! He! Ihr sollt dem Herrn entgegen gehn! – und meiner gnädigen Frau ein rechtes Ansehn geben! –

GRUMIO. Nun, sie ist selbst schon ansehnlich genug!

CURTIS. Das ist gewiß.

GRUMIO. Nun, was rufst du denn die Leute, ihr ein Ansehn zu geben? –

CURTIS. Ich meine, sie sollen ihr Kredit verschaffen.

GRUMIO. Ei was, sie wird ja nichts von ihnen borgen wollen.

Mehrere Bediente kommen.

NATHANAEL. Willkommen zu Hause, Grumio!

PHILIPP. Wie geht's, Grumio?

JOSEPH. Ei, Grumio?

NIKLAS. Kamerad Grumio?

NATHANAEL. Wie geht's, alter Junge?

GRUMIO. Willkommen du! – Wie geht's, du? – Ei, du! – Kamerad, du! – und so viel fürs Grüßen. – Nun, ist alles fertig? Ist jedes Ding niedlich, meine schmucken Kerlchen?

NATHANAEL. Jedes Ding ist fertig. – Wie nah ist der Herr?

GRUMIO. Ganz nah, vielleicht schon abgestiegen, und darum – Potz Sapperment, seid still! Ich höre meinen Herrn.

Petruchio und Katharina kommen.

PETRUCHIO.

Wo sind die Schurken? Was? Kein Mensch am Tor

Hielt mir den Bügel, nahm das Pferd mir ab? –

Wo sind Nathanael, Philipp und Gregor?

ALLE.

Hier, Herr!

PETRUCHIO.

Hier, Herr! Hier, Herr! Hier, Herr! Hier, Herr! –

Ihr tölpelhaften, schlecht gezognen Flegel!

Was! keine Ordnung? kein Respekt? kein Dienst?

Wo ist der dumme Kerl, den ich geschickt?

GRUMIO.

Hier, Herr, noch ganz so dumm, und doch geschickt.

PETRUCHIO.

Du Bauerlümmel! Du verdammter Karrngaul!

Sollt'st du im Park uns nicht entgegen kommen

Und all die faulen Schlingel mit dir bringen? –

GRUMIO.

Nathanaels Rock, Herr, war noch nicht ganz fertig,

An Philipps Korduanschuh'n war noch kein Eisen,

Kein Fackelruß, um Peters Hut zu schwärzen,

An Walters Dolch die Scheide noch in Arbeit,

Niemand in Staat, als Ralph, Gregor und Adam,

Die andern lumpig, alt und bettelhaft: –

Doch wie sie sind, hab' ich sie hergeholt.

PETRUCHIO.

Geht, Schlingel! Geht, besorgt das Abendessen!

Einige von den Dienern ab.

Singt.

Wo ist mein vor'ges Leben hin? –

– Wo sind die – Setz' dich, Käthchen! Sei willkommen!

Hum, hum, hum, hum!

Wird's bald? he? – Nun, lieb Käthchen, sei vergnügt! –

– Die Stiefel ab, ihr Schlingel, Schufte! Wird's? –

Singt.

Ein Bruder Graurock lobesan

Kam seines Wegs getrost heran –

Spitzbube! du verrenkst mir ja das Bein!

Nimm das! Und zieh' den andern besser aus!

Schlägt ihn.

– Sei lustig, Käthchen! – Wasser her! Geschwind!

– Wo ist mein Windspiel Troilus? Kerl, gleich hin,

Mein Vetter Ferdinand soll zu uns kommen:

Ein Diener ab.

Den mußt du küssen, Kind, ihm freundlich sein.

Her die Pantoffeln! Krieg' ich denn kein Wasser?

Es wird ihm ein Becken gebracht.

Komm, Käthchen, wasch' dich! Und nochmals willkommen! –

Der Bediente wirft die Kanne hin.

Verdammter Hundsfott! Mußt du's fallen lassen?

Schlägt ihn.

KATHARINA.

Geduld, ich bitt', er tat es unversehens! –

PETRUCHIO.

Ein Hurensohn! Ein Eselsohr von Dickkopf! –

Komm, Käthchen, setz' dich: hungrig mußt du sein;

Sprichst du das Gratias, Liebchen, oder ich? –

Was ist das? Schöps? –

ERSTER DIENER.

Ja.

PETRUCHIO.

Und wer bracht' es?

ERSTER DIENER.

Ich.

PETRUCHIO.

Es ist verbrannt, und so ist alles Essen:

Welch Hundevolk! Wo ist der Koch, die Bestie?

Wie wagt ihr, Schurken, das mir anzurichten,

Mir vorzusetzen, was ich doch nicht mag? –

Da! Fort damit! Fort Teller, Becher! Alles! –

Wirft Essen und Tischzeug auf die Erde.

Einfält'ge Lümmel! Ungeschliffnes Volk!

Was? brummt ihr noch? Gleich werd' ich bei euch sein.

KATHARINA.

Ich bitt' dich, lieber Mann, sei nicht so unwirsch:

Gut war das Essen, hätt'st du's nur gemocht!

PETRUCHIO.

Nein, Käthchen, 's war vertrocknet und verbrannt:

Und grade das hat man mir streng verboten,

Denn auf die Galle wirkt's, erzeugt den Ärger:

Drum ist es besser, wenn wir beide fasten

(Denn beide sind wir von Natur cholerisch),

Als durch zu stark Gebratnes uns verderben.

Geduld, mein Kind; wir holen's morgen ein,

Doch diese Nacht woll'n wir gemeinsam fasten:

Komm nun, ich führ' dich in dein Brautgemach.

Katharina, Petruchio und Curtis ab.

NATHANAEL.

Peter, sag, hast du so was je gesehn?

PETER.

Die macht er tot in ihrer eignen Manier.

Curtis kommt zurück.

GRUMIO.

Wo ist er?

CURTIS.

Drin mit ihr,

Hält ihr 'ne Predigt von Enthaltsamkeit,

Zankt, flucht und schilt, und sie, das arme Ding,

Wagt kaum noch aufzusehn, zu stehn, zu reden,

Und sitzt, wie eben aus 'nem Traum erwacht.

Fort! fort! da kommt er wieder her! –

Sie laufen fort.

Petruchio kommt zurück.

PETRUCHIO.

So hab' ich klugerweis' mein Reich begonnen,

Und hoffe, ferner glücklich zu regieren.

Mein Falk ist nun geschärft und tüchtig hungrig,

Und bis er zahm ist, kriegt er auch kein Futter:

Sonst wird er nie auf meinen Wink gehorchen. –

Noch kirr' ich anders meinen wilden Sperber,

So daß er kommt und kennt des Wächters Ruf:

Wach bleibt er, wie den Habicht wir bewachen,

Der schlägt und stößt und nicht gehorchen will.

Heut aß sie nichts, und soll auch nichts bekommen,

Schlief nicht die Nacht, und soll's auch diese nicht:

Wie bei dem Essen stell' ich mich, als wär'

Das Bett ganz unrecht und verkehrt gemacht:

Dahin werf' ich den Pfühl, dorthin das Kissen,

Die Deck' auf jene Seit', auf die das Laken;

Ja, bei dem Wirrwarr schwör' ich noch, ich tu'

Das alles nur aus zarter Sorg' um sie.

Kurz, sie soll wachen diese ganze Nacht;

Nickt sie nur etwas ein, so zank' und tob' ich,

Um durch mein Schrei'n den Schlaf ihr zu verscheuchen.

Dies ist die Art, durch Lieb' ein Weib zu töten;

So beug' ich ihren harten, störr'gen Sinn.

Wer Widerspenst'ge besser weiß zu zähmen,

Mag christlich mir's zu sagen sich bequemen.

Ab.

Zweite Szene

Straße in Padua.

Tranio und Hortensio treten auf.

TRANIO.

Wär's möglich wohl, Freund Licio, daß ein andrer

Sich Biancas Gunst erworben als Lucentio? –

Glaubt mir, sie hat mich trefflich angeführt!

HORTENSIO.

Wollt Ihr Beweis von dem, was ich Euch sagte,

So gebt hier acht, wie er sie unterrichtet.

Sie stellen sich auf die Seite.

Bianca und Lucentio kommen.

LUCENTIO.

Fräulein, behaltet Ihr, was ich Euch lehrte?

BIANCA.

Was lehrt Ihr, Meister? Erst erklärt mir das!

LUCENTIO.

Was einzig mein Beruf: die Kunst zu lieben.

BIANCA.

Mögt Ihr bald Meister sein in dieser Kunst!

LUCENTIO.

Nehmt Ihr als Lehrling mich in Eure Gunst. –

Gehn vorüber.

HORTENSIO.

Nun wahrlich, das geht schnell! O sagt mir doch,

Ihr schwuret ja, daß Euer Fräulein Bianca

Nichts in der Welt so als Lucentio liebe? –

TRANIO.

O falscher Amor! Treulos Weibervolk!

Ich sag' dir, Licio, dies ist wundervoll! –

HORTENSIO.

Nicht länger diese Mask': ich bin nicht Licio,

Bin auch kein Musiker, wie ich Euch schien:

Vielmehr ein Mann, den die Verkleidung reut

Um solche, die den Edelmann verwirft

Und solchen Knecht zu ihrem Abgott macht!

So wißt denn, Herr, daß ich Hortensio heiße.

TRANIO.

Signor Hortensio, oft hab' ich gehört

Von Eurer starken Leidenschaft zu Bianca.

Da ich nun Augenzeuge bin des Leichtsinns,

Will ich mit Euch, seid Ihr es so zufrieden,

Auf ewig Biancas Lieb' und Gunst verschwören.

HORTENSIO.

Wie zärtlich sie sich küssen! Herr Lucentio!

Hier meine Hand: und feierlich beschwör' ich,

Nie mehr um sie zu frein: nein, ich entsag' ihr

Als ganz unwürdig aller Zärtlichkeit,

Mit der ich töricht ihr gehuldigt habe.

TRANIO.

Empfangt auch meinen ungefälschten Schwur:

Zur Frau nehm' ich sie nie, selbst wenn sie bäte.

Pfui! seht nur, wie unmenschlich sie ihn streichelt! –

HORTENSIO.

Möcht' alle Welt, nur er nicht, sie verabscheun!

Ich nun, um recht gewiß den Schwur zu halten,

Will einer reichen Witwe mich vermählen,

Morgen am Tag, die mich so lang' geliebt,

Als ich der schnöden Dirne nachgegangen.

Und so lebt wohl, Signor Lucentio:

Der Weiber Freundlichkeit, nicht schöne Augen,

Gewinnt mein Herz. So nehm' ich meinen Abschied,

Und fest bleibt stehn, was ich beschworen habe.

Hortensio ab.

Bianca und Lucentio kommen wieder.

TRANIO.

Nun, Fräulein Bianca, werd' Euch Glück und Segen

Auf allen Euren heil'gen Liebeswegen! –

Ja, ja! Ich hab' Euch wohl ertappt, mein Herz,

Wir haben Euch entsagt, ich und Hortensio. –

BIANCA.

Tranio, Ihr scherzt. Habt ihr mir beid' entsagt?

TRANIO.

Das haben wir.

LUCENTIO.

Dann sind wir Licio los.

TRANIO.

Mein' Seel', er nimmt sich eine frische Witwe,

Die wird dann Braut und Frau an einem Tag.

BIANCA.

Gott geb' ihm Freude!

TRANIO.

Und zähmen wird er sie.

BIANCA.

So spricht er, Freund.

TRANIO.

Gewiß, er geht schon in die Zähmungsschule.

BIANCA.

Die Zähmungsschule? Ei, gibt es solchen Ort?

TRANIO.

Ja, Fräulein, und Petruchio ist der Rektor,

Der lehrt Manier, die jedem er verständigt,

Wie man der Widerspenst'gen Zunge bändigt.

Biondello kommt gelaufen.

BIONDELLO.

O lieber Herr, so lang' hab' ich gelauert,

Daß hundemüd' ich bin. Doch endlich sah ich,

Vom Hügel nieder steigt ein alter Pinsel,

Der paßt für uns.

TRANIO.

Sag an, wer ist's, Biondello?

BIONDELLO.

Ein Merkatant, Herr, oder ein Pedant,

Ich weiß nicht was; doch steif in seinem Anzug,

An Haltung, Gang und Tracht recht wie ein Vater.

LUCENTIO.

Tranio, was soll er uns?

TRANIO.

Wenn der leichtgläubig meinen Märchen traut,

So ist er froh, Vincentio hier zu spielen;

Und gibt Baptista Minola Verschreibung

So gut, als ob Vincentio selbst er wäre. –

Nehmt Eure Braut beiseit und laßt mich jetzt!

Lucentio und Bianca ab.

Der Magister tritt auf.

MAGISTER.

Gott grüß' Euch, Herr!

TRANIO.

Und Euch, Herr! Seid willkommen!

Ist hier Eu'r Ziel, Herr, oder reist Ihr weiter?

MAGISTER.

Hier ist mein Ziel für ein'ge Wochen mind'stens,

Dann reis' ich weiter, reise noch bis Rom;

Von dort nach Tripolis, schenkt Gott mir Leben.

TRANIO.

Von woher kommt Ihr, wenn's vergönnt?

MAGISTER.

Von Mantua.

TRANIO.

Von Mantua, Herr? Ei, Gott verhüt' es! –

Und kommt nach Padua mit Gefahr des Lebens? –

MAGISTER.

Mein lieber Herr? Wieso? Das wäre schlimm!

TRANIO.

Tod ist verhängt für jeden, der von Mantua

Nach Padua kommt; wißt Ihr die Ursach' nicht?

Venedig nahm euch Schiffe weg: Der Doge

(Weil Feindschaft zwischen ihm und Eurem Herzog)

Ließ öffentlich durch Ausruf es verkünden.

Mich wundert – nur weil Ihr erst kürzlich kamt,

Sonst hättet Ihr den Ausruf schon vernommen.

MAGISTER.

O weh, mein Herr! Das ist für mich noch schlimmer:

Denn Wechselbriefe hab' ich abzugeben

Und nach Florenz die Summe zu befördern.

TRANIO.

Gut, Herr, um einen Dienst Euch zu erweisen,

Will ich dies tun, und diesen Rat Euch geben: –

Erst sagt mir aber: wart Ihr je in Pisa?

MAGISTER.

Ja, Herr, in Pisa bin ich oft gewesen,

Pisa, berühmt durch angeseh'ne Bürger.

TRANIO.

So kennt Ihr unter diesen wohl Vincentio?

MAGISTER.

Ich kenn' ihn nicht, doch hört' ich oft von ihm;

Ein Kaufmann von unendlichem Vermögen.

TRANIO.

Er ist mein Vater, Herr, und auf mein Wort,

Er sieht Euch im Gesicht so ziemlich gleich.

BIONDELLO.

Just wie ein Apfel einer Auster gleicht!

TRANIO.

In dieser Not das Leben Euch zu retten,

Tu' ich Euch, ihm zu Liebe, diesen Dienst:

Und haltet's nicht für Euer schlimmstes Glück,

Daß Ihr dem Herrn Vincentio ähnlich seht;

Sein Nam' und Ansehn soll Euch hier beschützen:

Mein Haus steht Euch zu Diensten, wohnt bei mir!

Betragt Euch so, daß niemand Argwohn faßt,

Nun, Ihr versteht mich; ja, so sollt Ihr bleiben,

Bis Eu'r Geschäft in dieser Stadt beendigt. –

Ist dies ein Dienst, so nehmt ihn willig an!

MAGISTER.

Das tu' ich, Herr, und will Euch ewig danken

Als Schützer meines Lebens, meiner Freiheit.

TRANIO.

So kommt mit mir und stellt die Sach' ins Werk;

So viel sei Euch beiläufig noch gesagt,

Mein Vater wird hier jeden Tag erwartet,

Um hier ein Eh'verlöbnis abzuschließen

Mit mir und eines Herrn Baptista Tochter.

Von alle dem will ich Euch unterrichten;

Kommt mit mir, Herr, geziemlich Euch zu kleiden!

Alle ab.

Dritte Szene

Zimmer in Petruchios Landhaus.

Katharina und Grumio treten auf.

GRUMIO.

Nein, nein, gewiß! ich darf nicht für mein Leben! –

KATHARINA.

Je mehr er kränkt, je mehr verhöhnt er mich.

Ward ich sein Weib, daß er mich läßt verhungern?

Betritt ein Bettler meines Vaters Haus,

Bekommt er, wie er bittet, gleich die Gabe;

Wo nicht, so find't er anderswo Erbarmen:

Doch ich, die nie gewußt, was Bitten sei,

Und die kein Mangel je zum Bitten zwang,

Ich sterb' aus Hunger, bin vom Wachen schwindelnd,

Durch Fluchen wach, durch Zanken satt gemacht;

Und was mich mehr noch kränkt als alles dies,

Er tut es unterm Schein der zartsten Liebe,

Als könnt's nicht fehlen: wenn ich schliefe, äße,

Würd' ich gefährlich krank und stürbe gleich.

Ich bitte, geh und schaff' mir was zu essen,

Und gleichviel was, wenn's nur genießbar ist. –

GRUMIO.

Was sagt Ihr wohl zu einem Kälberfuß?

KATHARINA.

Ach, gar zu gut, ich bitt' dich, schaff' ihn mir!

GRUMIO.

Das, fürcht' ich, ist ein zu cholerisch Essen. –

Allein ein fett Gekröse, gut geschmort?

KATHARINA.

Das mag ich gern, o Liebster, hol' es mir!

GRUMIO.

Ich weiß doch nicht, ich fürcht', es ist cholerisch.

Was sagt Ihr denn zu Rindfleisch, und mit Senf?

KATHARINA.

Ein Essen, das mir wohl bekommen wird!

GRUMIO.

Ja, ja, doch ist der Senf ein wenig hitzig.

KATHARINA.

Nun, Rindfleisch dann, und laß den Senf ganz weg!

GRUMIO.

Nein, das ist nichts; Ihr nehmt den Senf dabei,

Sonst kriegt Ihr auch das Fleisch von Grumio nicht.

KATHARINA.

Gut, beides oder eins, ganz wie du willst.

GRUMIO.

Also den Senf denn, und kein Fleisch dazu?

KATHARINA.

Mir aus den Augen, Kerl! boshafter Narr!

Abspeisen willst du mich mit Wortgerichten?

Schlägt ihn.

Verwünscht seist du und deine ganze Rotte,

Die sich an meinem Elend noch ergötzt! –

Aus meinen Augen! Fort! –

Petruchio mit einer Schüssel, und Hortensio kommen.

PETRUCHIO.

Wie geht's, mein Käthchen? Herz, so melancholisch?

HORTENSIO.

Nun, seid Ihr guten Muts?

KATHARINA.

Ja! guten Unmuts! –

PETRUCHIO.

Nun lach' mich an, mein Herz, sei wohlgemut!

Hier, Kind, du siehst, wie ich so sorgsam bin:

Selbst richt' ich für dich an und bringe dies.

Setzt die Schüssel auf den Tisch.

Nun! solche Freundlichkeit verdient doch Dank?

Was! nicht ein Wort? Nun dann, du magst es nicht,

Und mein Bemühn ist ganz umsonst gewesen: –

Da! nehmt die Schüssel weg!

KATHARINA.

Bitte, laßt sie stehn!

PETRUCHIO.

Der kleinste Dienst wird ja mit Dank bezahlt,

Und meiner soll's, eh' du dir davon nimmst.

KATHARINA.

Ich dank' Euch, Herr.

HORTENSIO.

Pfui doch, Petruchio, pfui! du bist zu tadeln!

Gesellschaft leist' ich Euch: so kommt und eßt!

PETRUCHIO beiseit.

Iß alles auf, wenn du mich liebst, Hortensio!

Laut.

Nun, wohl bekomm' es dir, mein liebes Herz:

Iß schnell, mein Käthchen! – Nun, mein süßes Liebchen,

Laß uns zurück zu deinem Vater reisen;

Dort laß uns wacker schwärmen und stolzieren,

Mit seidnen Kleidern, Hauben, goldnen Ringen,

Mit Litzen, Spitzen, Samt und tausend Dingen,

Mit Spang' und Armband, wie die höchste Edeldam',

Bernstein, Korall' und Perl' und solchem Trödelkram.

Nun, bist du satt? Dein wartet schon der Schneider

Und bringt zum Putz die raschelnd seidnen Kleider.

Schneider kommt.

Komm, Schneider! Zeig' uns deine Herrlichkeiten! –

Leg' aus das Kleid!

Putzhändler kommt.

Und was habt Ihr zu suchen?

PUTZHÄNDLER.

Hier ist die Haube, die Eu'r Gnaden wünschte.

PETRUCHIO.

Was! Auf 'ne Suppenschüssel abgeformt?

Ein samtner Napf? Pfui doch! gemein und garstig!

Wie eine Walnußschal', ein Schneckenhaus,

Ein Quark, ein Tand, ein Wisch, ein Puppenhäubchen!

Weg mit dem Ding! Schafft eine größre, sag' ich!

KATHARINA.

Ich will sie größer nicht: so ist's die Mode,

So tragen feine Damen jetzt die Hauben.

PETRUCHIO.

Wenn Ihr erst fein seid, sollt Ihr eine haben,

Doch nicht vorher.

HORTENSIO beiseit.

Das wird so bald nicht sein! –

KATHARINA.

Wie, Herr? hab' ich Erlaubnis nicht, zu reden? –

Ja, ich will reden, denn ich bin kein Kind! –

Schon Beßre hörten meine Meinung sonst:

Mögt Ihr das nicht, stopft Euch die Ohren zu!

Mein Mund soll meines Herzens Bosheit sagen,

Sonst wird mein Herz, verschweig' ich sie, zerspringen:

Und ehe das geschehe, will ich frei

Und über alles Maß die Zunge brauchen.

PETRUCHIO.

Du hast ganz recht, es ist 'ne lump'ge Haube,

Ein Tortendeckel, eine Samtpastete;

Ich hab' dich lieb drum, daß sie dir mißfällt.

KATHARINA.

Lieb' oder lieb' mich nicht, die Haub' ist hübsch;

Und keine sonst, nur diese wird mich kleiden.

PETRUCHIO.

Dein Kleid willst du? Ganz recht! Kommt, zeigt es, Schneider!

O Gnad' uns Gott! Welch Faschingsstück ist dies? –

Was gibt's hier? Ärmel? Nein, Haubitzen sind's;

Seht, auf und ab, gekerbt wie Apfelkuchen,

Mit Flippen, Schnipp und Schnapp, gezickt, gezackt,

Recht wie ein Rauchfaß in der Baderstube.

Wie nennst du das in Teufels Namen, Schneider? –

HORTENSIO beiseit.

Ich seh', nicht Kleid noch Haube wird sie kriegen.

SCHNEIDER.

Befohlen habt Ihr's nach dem neusten Schnitt,

So wie die Mod' es heutzutage will.

PETRUCHIO.

Jawohl, das tat ich: Doch besinne dich,

Ich sagte nicht: Verdirb es nach der Mode!

Gleich spring' nach Hause über Stock und Block,

Denn meiner Kundschaft bist du völlig quitt.

Für mich ist's nicht! Fort, mach' mit, was du willst!

KATHARINA.

Ich sah noch nie so schön gemachtes Kleid,

So modisch, sauber, von so hübscher Form:

Ihr wollt mich wohl zur Marionette machen? –

PETRUCHIO.

Recht! Er will dich zur Marionette machen.

SCHNEIDER.

Sie sagt, Euer Gnaden will sie zu einer Marionette machen.

PETRUCHIO.

O ungeheure Frechheit! – Du lügst, du Zwirn,

Du Fingerhut, du Elle,

Dreiviertel-, Halbe-, Viertelelle, Zoll!

Du Floh! Du Mücke! Winterheimchen du!

Trotzt mir im eignen Haus ein Faden Zwirn? –

Fort, Lappen du! Du Überrest, du Zutat!

Sonst mess' ich mit der Elle dich zurecht,

Daß du zeitlebens solch Gewäsch verlernst.

Ich sag' es, ich! Du hast ihr Kleid verpfuscht.

SCHNEIDER.

Eu'r Gnaden irrt: das Kleid ist so gemacht,

Just so, wie's meinem Meister ward befohlen: –

Grumio gab Ordre, wie es werden sollte.

GRUMIO.

Ich gab nicht Ordre; Zeug hab' ich gegeben.

SCHNEIDER.

Und wie verlangtet Ihr's von ihm gemacht? –

GRUMIO.

Zum Henker, Herr, mit Nadel und mit Zwirn.

SCHNEIDER.

Doch sagt, nach welchem Schnitt Ihr's habt bestellt?

GRUMIO.

Du hast wohl schon allerlei geschnitten?

SCHNEIDER. O ja, das habe ich.

GRUMIO. Schneide mir aber kein Gesicht! Du hast auch schon manchen herausgeputzt; mich verschone aber mit deinen Ausputzern! Ich sage dir, ich hieß deinem Meister, er solle das Kleid schneiden; ich hieß ihm aber nicht, es in Stücke schneiden: ergo, du lügst.

SCHNEIDER. Nun, hier ist der Zettel mit der Bestellung, mir zum Zeugen.

PETRUCHIO. Lies ihn!

GRUMIO. Der Zettel lügt in seinen Hals, wenn er sagt, ich habe es so bestellt.

SCHNEIDER. »In primis, ein freies, loses Kleid.«

GRUMIO. Herr, wenn ich ein Wort von freiem, losem Wesen gesagt habe, so näht mich in des Kleides Schleppe, und schlagt mich mit einem Knäuel braunen Zwirn tot: ich sagte bloß »Kleid«.

PETRUCHIO. Weiter.

SCHNEIDER. »Mit einem kleinen runden Kragen.«

GRUMIO. Ich bekenne den Kragen.

SCHNEIDER. »Mit einem Pauschärmel.«

GRUMIO. Ich bekenne zwei Ärmel.

SCHNEIDER. »Die Ärmel niedlich zugespitzt und ausgeschnitten.«

PETRUCHIO. Ja, das ist die Spitzbüberei.

GRUMIO. Der Zettel lügt, Herr, der Zettel lügt. Ich befahl, die Ärmel sollten ausgeschnitten und wieder zugenäht werden, und das will ich an dir gut machen, wenn auch dein kleiner Finger mit einem Fingerhut gepanzert ist.

SCHNEIDER. Was ich gesagt habe, ist doch wahr, und hätte ich dich nur, ich weiß wohl, wo, du solltest es schon erfahren.

GRUMIO. Ich steh' dir gleich bereit: nimm du die Rechnung, gib mir die Elle und schone mich nicht!

HORTENSIO. Ha! Ha! Grumio, dabei käme er zu kurz. –

PETRUCHIO. Nun, kurz und gut, das Kleid ist nicht für mich.

GRUMIO. Da habt Ihr recht, 's ist für die gnäd'ge Frau.

PETRUCHIO. Geh, nimm es auf zu deines Herrn Gebrauch!

GRUMIO. Schurke, bei deinem Leben nicht: meiner gnädigen Frau das Kleid aufnehmen zu deines Herrn Gebrauch? –

PETRUCHIO. Nun, Mensch, was denkst du dir dabei? –

GRUMIO. O Herr, die Meinung geht tiefer, als Ihr denkt: Meiner gnädigen Frau Kleid aufnehmen zu seines Herrn Gebrauch? O pfui! pfui! pfui! –

PETRUCHIO beiseit.

Hortensio, sag, du woll'st dem Schneider zahlen, –

laut

Geh! Nimm es mit! Fort, und kein Wort nun weiter! –

HORTENSIO.

Schneider, das Kleid bezahl' ich morgen dir,

Und nimm die hast'gen Reden ihm nicht übel;

Geh, sag' ich dir, und grüß' mir deinen Meister!

Schneider ab.

PETRUCHIO.

So, Käthchen, komm! Besuchen wir den Vater,

So wie wir sind, in unsern schlichten Kleidern;

Stolz soll der Beutel sein, der Anzug arm,

Denn nur der Geist macht unsern Körperreich.

Und wie die Sonne bricht durch trübste Wolken,

So strahlt aus niedrigstem Gewand die Ehre.

Was? ist der Häher edler als die Lerche,

Weil sein Gefieder bunter fällt ins Auge?

Und ist die Otter besser als der Aal,

Weil ihre fleck'ge Haut das Aug' ergötzt?

O Käthchen, nein; so bist auch du nicht schlimmer

Um diese arme Tracht und schlechte Kleidung.

Doch hältst du's schimpflich so, gib mir die Schuld,

Und drum frisch auf: wir wollen gleich dahin,

Beim Vater froh und guter Dinge sein. –

Geht, meine Leute ruft, gleich reiten wir,

Die Pferde führt zum Heckentor hinaus,

Da setzen wir uns auf und gehn so weit.

Laßt sehn: ich denk', es ist jetzt sieben Uhr,

Wir können dort sein noch zum Mittagessen.

KATHARINA.

Herr, ich versichr' Euch, es hat zwei geschlagen,

Und kaum zum Abendessen kommt Ihr hin.

PETRUCHIO.

Es soll nun sieben Uhr sein, eh' wir reiten.

Sieh, was ich sag' und tu' und möchte tun,

Stets mußt du widersprechen! Leute, laßt uns,

Ich will nun heut nicht fort: und eh' ich reite,

Da soll's die Stunde sein, die ich gesagt.

HORTENSIO.

Der große Herr stellt gar die Sonne rückwärts! –

Gehn ab.

Vierte Szene

Straße in Padua.

Tranio und der Magister, als Vincentio gekleidet, treten auf.

TRANIO.

Dies ist das Haus, Signor: sagt, soll ich rufen?

MAGISTER.

Jawohl! Was sonst? Und wenn ich mich nicht täusche,

Muß sich Signor Baptista mein erinnern; –

Bald sind es zwanzig Jahr; in Genua war's,

Da wohnten beide wir im Pegasus.

TRANIO.

So ist es recht. – Bleibt nur in dem Charakter,

Seid strenge, wie es einem Vater ziemt!

Biondello kommt.

MAGISTER.

Seid unbesorgt! Doch seht, hier kommt Eu'r Bursch,

Den müßt Ihr noch belehren.

TRANIO.

Um den seid unbekümmert! He, Biondello,

Nimm dich zusammen, ja, das rat' ich dir,

Halt' fest im Sinn, dies sei Vincentio.

BIONDELLO.

Ei, das ist meine Sache.

TRANIO.

Doch hast du's auch Baptista angemeldet?

BIONDELLO.

Der Alte, sagt' ich ihm, sei in Venedig,

Und daß Ihr heut in Padua ihn erwartet.

TRANIO.

Du bist ein tücht'ger Kerl; nimm das zum Trinken!

Hier kommt Baptista: nun macht ernste Mienen! –

Baptista und Lucentio kommen.

Signor Baptista! glücklich angetroffen!

Vater,

Dies ist der Herr, von dem ich Euch erzählt.

Ich bitt' Euch, handelt väterlich an mir,

Gebt mir mein Erbteil nun um Biancas willen!

MAGISTER.

Sacht, sacht, mein Sohn! –

Mit Eurer Gunst, mein Herr! – Nach Padua kommend,

Um Schulden einzufodern, setzt mein Sohn

In Kenntnis mich von einer großen Sache,

Betreffend sein' und Eurer Tochter Liebe.

Und teils des Rufes halb, in dem Ihr steht,

Teils um des Liebesbunds von seiner Seite,

So wie von ihrer: – Nicht ihn hinzuhalten,

Stimm' ich dazu, in väterlicher Sorgfalt,

Ihn bald vermählt zu sehn: und sagt Ihr »ja«

So williglich als ich, sollt Ihr mich sicher

(Verständ'gen wir uns erst) höchst dienstlich finden,

Damit gemeinsam der Kontrakt sich schließe.

Denn schwierig kann ich gegen Euch nicht sein,

Mein Teurer, Eures guten Rufes halb! –

BAPTISTA.

Verzeiht, Signor, was ich erwidern muß:

Eu'r bünd'ger kurzer Antrag ist mir lieb;

So viel ist wahr: Lucentio, Euer Sohn,

Liebt meine Tochter, und sie liebt ihn wieder,

Wenn beide nicht die größten Heuchler sind.

Deshalb, wenn Ihr nichts weiter habt zu sagen,

Als daß Ihr wie ein Vater an ihm handeln,

Und meinem Kind ein Wittum wollt verschreiben,

So ist es gut: die Heirat ist gemacht,

Eu'r Sohn erhält mein Kind mit gutem Willen.

TRANIO.

Ich dank' Euch, Herr. Wo scheint's Euch wohl am besten,

Uns zu verloben und den Eh'kontrakt

Nach gegenseitigem Vertrag zu stiften?

BAPTISTA.

Nur nicht bei mir: Ihr wißt, es haben Ohren

Die Wände, meine Dienerschaft ist groß,

Der alte Gremio auch paßt immer auf,

So kann man dort gar leicht uns unterbrechen.

TRANIO.

In meiner Wohnung denn, wenn's Euch gefällt:

Dort wohnt mein Vater; dort, noch diesen Abend,

Verhandeln wir die Sache still und heimlich.

Schickt diesen Diener hin zu Eurer Tochter;

Mein Bursch soll gleich uns den Notar besorgen.

Das Schlimmste bleibt, – daß, hastig so bestellt,

Ihr hast'ge, magre Vorbereitung findet.

BAPTISTA.

Das gilt mir gleich. Nun, Cambio, eilt nach Haus

Und sagt an Bianca, sich bereit zu halten:

Und wenn Ihr wollt, erzählt, was sich begeben,

Lucentios Vater kam nach Padua,

Und sie wird nun wohl bald Lucentios Frau. –

LUCENTIO.

Daß dies gescheh', fleh' ich zu allen Göttern!

TRANIO.

Halt' dich nicht auf mit Göttern, sondern geh!

Signor Baptista, zeig' ich Euch den Weg?

Willkomm'! – Ihr trefft wohl heut nur eine Schüssel,

In Pisa mach' ich's wieder gut. –

BAPTISTA.

Ich folg' Euch.

Tranio, Magister und Baptista ab.

BIONDELLO. Cambio! –

LUCENTIO. Was sagst du, Biondello?

BIONDELLO. Ihr saht doch meinen Herrn mit den Augen blinzeln und Euch anlachen?

LUCENTIO. Und das heißt, Biondello?

BIONDELLO. Ei, das heißt nichts; aber er ließ mich hier zurück, Euch den Sinn und die Moral seiner Zeichen auszulegen.

LUCENTIO. Nun, so bitte ich dich, kommentiere sie denn!

BIONDELLO. Also denn wie folgt. Baptista ist fest und schwatzt mit dem trügenden Vater eines trügerischen Sohns.

LUCENTIO. Nun, und was weiter? –

BIONDELLO. Ihr sollt seine Tochter zum Abendessen führen.

LUCENTIO. Und dann? –

BIONDELLO. Der alte Pfarrer an der Sankt Lukaskirche steht Euch jede Stunde zu Gebot.

LUCENTIO. Und was soll nun das alles? –

BIONDELLO. Das weiß ich nicht; nur das weiß ich, daß sie sich jetzt mit einer nachgemachten Versicherung beschäftigen. Denkt Ihr nun darauf, Euch ihrer zu versichern, cum privilegio ad imprimend um solum: macht, daß Ihr zur Kirche kommt: nehmt Pfarrer, Küster und ein paar gültige Zeugen mit: –

Und hilft Euch nicht zum Ziele, was ich Euch jetzt erdacht,

Sagt Eurer schönen Bianca nur auf ewig gute Nacht!

LUCENTIO. Höre noch, Biondello ...

BIONDELLO. Ich habe keine Zeit. Ich kenne ein Mädchen, die verheiratete sich an einem Nachmittag, als sie in den Garten ging und Petersilie pflückte, um ein Kaninchen zu füllen; warum denn nicht auch Ihr, Herr? Und so lebt wohl! Mein Herr hat mir aufgetragen, nach Sankt Lukas zu gehn, damit der Pfarrer zur Hand sei, wenn Ihr mit Eurem Appendix ankommen werdet.

Ab.

LUCENTIO.

Ich kann und will, wenn sie's zufrieden ist:

Sie wird es tun, weshalb denn sollt' ich zweifeln?

Mag's gehn, wie's will. Zu ihr! Mein Herz vertraut ihr:

Cambio, frisch auf! Erwirb die holde Braut dir!

Ab.

Fünfte Szene

Feld.

Petruchio, Katharina und Hortensio treten auf.

PETRUCHIO.

Um's Himmels willen, schnell! Nochmals zum Vater! –

Mein Gott, wie hell und freundlich scheint der Mond! –

KATHARINA.

Der Mond? Die Sonne! Jetzt scheint ja nicht der Mond! –

PETRUCHIO.

Ich sag', es ist der Mond, der scheint so hell.

KATHARINA.

Ich weiß gewiß, die Sonne scheint so hell.

PETRUCHIO.

Bei meiner Mutter Sohn, und das bin ich,

Mond soll's sein, oder Stern, oder was ich will,

Eh' ich zu deinem Vater weiter reise:

Geht nur und holt die Pferde wieder her!

Stets Widerspruch! und nichts als Widerspruch! –

HORTENSIO.

Gebt ihm doch recht, sonst kommt Ihr nicht vom Fleck.

KATHARINA.

Nein, bitt' Euch, kommt, da wir so weit gelangt;

Sei's Mond und Sonn' und was dir nur gefällt,

Und wenn du willst, magst du's ein Nachtlicht nennen;

Ich schwör', es soll für mich dasselbe sein.

PETRUCHIO.

Ich sag', es ist der Mond.

KATHARINA.

Natürlich ist's der Mond.

PETRUCHIO.

Ei, wie du lügst! 's ist ja die liebe Sonne! –

KATHARINA.

Ja, lieber Gott! es ist die liebe Sonne! –

Doch nicht die Sonne, wenn du's anders willst:

Der Mond auch wechselt, wie es dir gelüstet,

Und wie du's nennen willst, das ist es auch,

Und soll's gewiß für Katharinen sein.

HORTENSIO.

Glück auf, Petruchio, denn der Sieg ist dein.

PETRUCHIO.

Nun vorwärts denn! So läuft die Kugel recht

Und nicht verdreht mehr gegen ihre Richtung.

Doch still! Was für Gesellschaft kommt uns da? –

Vincentio in Reisekleidern tritt auf.

Zum Vincentio.

Gott grüß' Euch, schönes Mädchen! Wohinaus?

Sprich, liebes Käthchen, sprich recht offenherzig,

Sahst du wohl je ein frischres Frauenbild? –

Wie kämpft auf ihrer Wange Rot und Weiß!

Nie funkeln wohl zwei Sterne so am Himmel,

Wie an dem Himmelsantlitz ihre Augen.

Du holdes Kind, noch einmal guten Morgen;

Käthchen, umarm' sie ihrer Schönheit wegen!

HORTENSIO.

Er macht den Mann noch toll, den er zur Frau macht.

KATHARINA.

Aufblüh'nde Schöne! Frische Mädchenknospe,

Wohin des Weges? Wo ist deine Heimat? –

Glücksel'ge Eltern von so schönem Kind!

Glücksel'ger noch der Mann, dem günst'ge Sterne

Zur holden Eh'genossin dich bestimmten! –

PETRUCHIO.

Was! Käthchen! Ei, ich hoff', du bist nicht toll?

Das ist ein Mann, alt, runzlig, welk und grau,

Und nicht ein Mädchen, wie du doch behauptest.

KATHARINA.

Verzeiht dem Wahn der Augen, alter Vater;

Die Sonne traf mir blendend das Gesicht,

Und was ich sah, erschien mir jung und grün.

Nun merk' ich erst, Ihr seid ein würd'ger Greis:

Verzeiht, bitt' ich, dies törichte Verkennen!

PETRUCHIO.

Tu's, guter alter Mann, und laß uns wissen,

Wohin du reisest. – Ist es unser Weg,

Soll die Gesellschaft uns erfreulich sein.

VINCENTIO.

Mein werter Herr, und schöne muntre Dame,

Die durch solch seltsam Grüßen mich erschreckt, –

Vincentio heiß' ich, komm' aus Pisa her,

Nach Padua geh' ich jetzt, dort zu besuchen

Den Sohn, den ich seit lange nicht gesehn.

PETRUCHIO.

Wie heißt er? sagt!

VINCENTIO.

Lucentio, edler Herr.

PETRUCHIO.

Das trifft sich gut, für deinen Sohn am besten:

Und nach Verwandtschaft nun, wie nach dem Alter

Mag ich Euch jetzt geliebter Vater nennen.

Die Schwester meiner Frau hier, dieser Dame,

Ist deines Sohnes Weib jetzt; staune nicht,

Noch zürne drum: untadlig ist ihr Ruf,

Die Mitgift reich, sie selbst aus gutem Hause,

Auch außerdem von Sitt' und Eigenschaft,

Wie eines Edelmanns Gemahlin ziemt.

Erlaubt, Vincentio, daß ich Euch umarme,

Und gehn wir, deinen wackern Sohn zu sehn.

Den deine Ankunft sicher hoch erfreut.

VINCENTIO.

Ist's Wahrheit? Oder ist's nur kecker Mutwill',

Daß Ihr als lust'ger Reisender die Laune

An Fremden übt, die auf der Straß' Ihr findet?

HORTENSIO.

Nein, ich versichr' Euch, alter Herr, so ist's.

PETRUCHIO.

Komm, geh nur mit und sieh die Wahrheit selbst;

Du traust wohl nicht, weil wir dich erst geneckt.

Petruchio, Katharina und Vincentio ab.

HORTENSIO.

Petruchio, schön! Du hast mir Herz gemacht! –

Zur Witwe! Wär' sie noch so widerspenstig,

Jetzt hast du Selbstvertraun und Mut und kennst dich.

Ab.

Fünfter Aufzug
Erste Szene

Straße.

Von der einen Seite treten auf Biondello, Lucentio und Bianca; Gremio geht auf und ab ihnen gegenüber.

BIONDELLO. Nur schnell und still, Herr, denn der Priester wartet.

LUCENTIO. Ich fliege, Biondello; aber sie haben dich vielleicht im Hause nötig: darum verlaß uns!

BIONDELLO. Nein, meiner Treu, erst müßt Ihr die Kirche im Rücken haben, und dann will ich zu meinem Herrn zurück, sobald ich kann. –

Lucentio, Bianca und Biondello ab.

GREMIO. Mich wundert, wo nur Cambio bleiben mag.

Petruchio, Katharina, Vincentio und Diener treten auf.

PETRUCHIO.

Hier ist die Tür, dies ist Lucentios Haus,

Mein Vater wohnt mehr nach dem Markte zu,

Dorthin muß ich, und also lass' ich Euch.

VINCENTIO.

Ihr müßt durchaus mit mir vorher noch trinken:

Ich denk', ich kann Euch hier als Wirt begrüßen,

Und angerichtet finden wir wohl auch.

Klopft an die Tür.

GREMIO.

Sie haben Geschäfte da drinnen, Ihr müßt stärker klopfen.

Magister oben am Fenster.

MAGISTER. Wer klopft denn da, als wollt' er die Tür einschlagen?

VINCENTIO. Ist Signor Lucentio zu Hause, Herr? –

MAGISTER. Zu Hause ist er, Herr, aber nicht zu sprechen.

VINCENTIO. Wenn ihm nun aber jemand ein- oder zweihundert Pfund brächte, um sich einen guten Tag zu machen? –

MAGISTER. Behaltet Eure hundert Pfund für Euch, er hat sie nicht nötig, solange ich lebe.

PETRUCHIO. Nun, ich hab's Euch wohl gesagt, Euer Sohn sei in Padua beliebt. – Hört einmal, Herr, ohne viel unnütze Weitläuftigkeit: sagt doch, ich bitte Euch, dem jungen Herrn Lucentio, sein Vater sei von Pisa angekommen und stehe hier an der Tür, um ihn zu sprechen.

MAGISTER. Du lügst: sein Vater ist von Pisa angekommen und kuckt hier aus dem Fenster.

VINCENTIO. Bist du sein Vater?

MAGISTER. Ja, Herr, so sagt mir seine Mutter, wenn ich ihr glauben darf.

PETRUCHIO. Was soll das heißen, guter Freund? Das ist ja offenbare Schelmerei, daß Ihr einen fremden Namen annehmt.

MAGISTER. Legt Hand an den Schurken! Er denkt wohl jemand hier in der Stadt unter meiner Maske zu betrügen?

Biondello kommt züruck.

BIONDELLO. Ich habe sie in der Kirche zusammen gesehn; der Himmel verleih' ihnen günstigen Wind! – Aber was ist hier? Mein alter Herr Vincentio? Nun sind wir alle verloren und zu Grunde gerichtet!

VINCENTIO. Komm her, du Galgenstrick: –

BIONDELLO. Ich hoffe, das kann ich bleiben lassen!

VINCENTIO. Komm hieher, Spitzbube! Was, hast du mich vergessen? –

BIONDELLO. Euch vergessen? Nein, Herr, ich konnte Euch nicht vergessen, denn ich habe Euch in meinem Leben nicht gesehn.

VINCENTIO. Was, du ausgemachter Schelm! Deines Herrn Vater, Vincentio, nie gesehn?

BIONDELLO. Was! meinen würdigen, liebewerten alten Herrn? Ei, versteht sich, Signor: da kuckt er ja zum Fenster heraus! –

VINCENTIO. Ist dem wirklich so? Schlägt ihn.

BIONDELLO. Hülfe! Hülfe! Hier ist ein verrückter Mensch, der mich umbringen will. Läuft davon.

MAGISTER. Zu Hülfe, mein Sohn! Zu Hülfe, Signor Baptista! –

PETRUCHIO. Komm, liebes Käthchen, laß uns zurücktreten und warten, wie dieser Handel ablaufen wird.

Sie gehn auf die Seite.

Magister, Baptista, Tranio und Diener treten auf.

TRANIO. Herr, wer seid Ihr denn, daß Ihr Euch herausnehmt, meinen Diener zu schlagen? –

VINCENTIO. Wer ich bin, Herr? Nun, Herr, wer seid denn Ihr? O ihr unsterblichen Götter! O du geputzter Schlingel! Ein seidnes Wams, samtne Hosen, ein Scharlachmantel und ein hochgespitzter Hut! O ich bin verloren, ich bin verloren! Unterdes ich zu Hause den guten Wirt mache, bringen mein Sohn und mein Bedienter alles auf der Universität durch!

TRANIO. Nun, was gibt's denn?

BAPTISTA. Was! Ist der Mensch mondsüchtig?

TRANIO. Herr, nach Eurer Tracht scheint Ihr ein stiller alter Mann, aber Eure Reden verraten Euch als einen Verrückten. Ei, Herr, was geht's denn Euch an, und wenn ich Gold und Perlen trage? Dank sei es meinem guten Vater, ich bin imstande, es dran zu wenden! –

VINCENTIO. Dein Vater, o Spitzbube! der ist ein Segelmacher in Bergamo! –

BAPTISTA. Ihr irrt Euch, Herr, Ihr irrt Euch! Sagt mir doch, wie denkt Ihr denn, daß er heißt?

VINCENTIO. Wie er heißt! Als wüßte ich nicht, wie er heißt! Ich habe ihn vom dritten Jahr auf groß gezogen, und sein Name ist Tranio.

MAGISTER. Fort mit dir, du toller Esel! Er heißt Lucentio, und ist mein einziger Sohn und Erbe aller meiner, des Signor Vincentio, Güter.

VINCENTIO. Lucentio! Oh, er hat seinen Herrn umgebracht! Verhaftet ihn, ich befehle es Euch im Namen des Dogen. Oh, mein Sohn! mein Sohn! Sag mir, Bösewicht, wo ist mein Sohn Lucentio? –

TRANIO. Ruft einen Gerichtsdiener her:

Einer von den Bedienten geht und holt einen Gerichtsdiener.

Bringt diesen verrückten Menschen ins Gefängnis! Vater Baptista, ich mache es Euch zur Pflicht, ihn fortzuschaffen.

VINCENTIO. Mich ins Gefängnis bringen?

GREMIO. Haltet, Gerichtsdiener, er soll nicht in Verhaft! –

BAPTISTA. Redet nicht drein, Signor Gremio, ich sage, er soll in Verhaft.

GREMIO. Nehmt Euch in acht, Signor Baptista, daß Ihr nicht durch diese Geschichte hinters Licht geführt werdet: ich getraue mir's darauf zu schwören, dies sei der rechte Vincentio.

MAGISTER. Schwöre, wenn du's dir getrauest!

GREMIO. Nein, zu schwören getraue ich mir's just nicht.

TRANIO. So solltest du lieber auch sagen, ich sei nicht Lucentio?

GREMIO. Ja, dich kenne ich als den Signor Lucentio.

BAPTISTA. Fort mit dem alten Narren, in Arrest mit ihm!

VINCENTIO. So werden Fremde fortgeschickt und gemißhandelt! O abscheulicher Bösewicht!

Biondello kommt zurück mit Lucentio und Bianca.

BIONDELLO. Ja, wir sind zu Grunde gerichtet, und ... dort ist er: verleugnet ihn, verschwört ihn, sonst sind wir alle verloren.

LUCENTIO knieend.

Verzeiht mir, Vater!

VINCENTIO.

Lebst du, liebster Sohn?

Biondello, Tranio und der Magister laufen davon.

BIANCA knieend.

Verzeiht, o Vater!

BAPTISTA.

Was hast du getan?

Wo ist Lucentio?

LUCENTIO.

Hier: ich bin Lucentio,

Rechtmäß'ger Sohn des wirklichen Vincentio.

Durch heil'ges Recht ward deine Tochter mein,

Indes dein Auge täuscht' ein falscher Schein.

GREMIO.

Nun ja! Das nenn' ich tücht'ge Schelmerei, uns alle zu betrügen!

VINCENTIO.

Wo blieb denn Tranio, der verdammte Wicht,

Der prahlt' und Trotz mir bot ins Angesicht? –

BAPTISTA.

Ei, sagt mir, ist nicht dies mein Cambio?

BIANCA.

Hier: umgewandelt in Lucentio.

LUCENTIO.

Dies Wunder tat die Liebe. Biancas Liebe

Ließ meinen Stand mit Tranio mich vertauschen,

Indes er meine Rolle hier gespielt:

Und freudig bin ich endlich eingelaufen

In den ersehnten Hafen meines Glücks.

Was Tranio tat, dazu zwang ich ihn selbst:

Verzeiht ihm, mir zu Liebe, teurer Vater!

VINCENTIO. Ich will dem Schurken die Ohren abschneiden, der mich ins Gefängnis schicken wollte.

BAPTISTA. Aber hört, Herr: Ihr habt also meine Tochter geheiratet, ohne nach meiner Einwilligung zu fragen?

VINCENTIO.

Seid unbesorgt, wir stellen Euch zufrieden: –

Doch ich muß fort und strafen die arge Büberei.

Ab.

BAPTISTA.

Und ich den Grund erforschen all dieser Schelmerei.

Ab.

LUCENTIO. Geliebte, Mut! dein Vater wird versöhnt.

Lucentio und Bianca ab.

GREMIO.

Mein Kuchen ist noch zäh, doch geh' ich mit ins Haus,

Hab' ich schon nichts zu hoffen als meinen Teil am Schmaus. –

Ab.

Petruchio und Katharina treten vor.

KATHARINA. Komm, lieber Mann, zu sehn, was daraus wird.

PETRUCHIO. Erst küsse mich, Käthchen, dann wollen wir gehn.

KATHARINA. Was! hier auf offner Straße?

PETRUCHIO. Was? schämst du dich meiner?

KATHARINA. Nein, Gott bewahre; aber ich schäme mich, dich hier zu küssen.

PETRUCHIO.

Nun, dann nur fort nach Hause: he! Bursch! gleich reiten wir.

KATHARINA.

Da hast du deinen Kuß: nicht wahr, nun bleibst du hier?

PETRUCHIO.

Ist das nun so nicht besser? Mein liebstes Käthchen, sieh:

Einmal besser als keinmal, und besser spät als nie.

Ab.

Zweite Szene

Zimmer.

Ein Bankett wird gebracht. Baptista, Vincentio, Gremio, der Magister, Lucentio, Bianca, Petruchio, Katharina, Hortensio und die Witwe treten auf; Tranio Biondello, Grumio und andre warten auf.

LUCENTIO.

Zwar spät, doch endlich stimmt, was Mißklang schien,

Und Zeit ist's, wenn der wilde Krieg vorüber,

Der Angst zu lächeln, der bestandnen Not. –

Begrüß', geliebte Bianca, meinen Vater,

Mit gleicher Zärtlichkeit begrüß' ich deinen: –

Bruder Petruchio, Schwester Katharine,

Und du, Hortensio, mit der lieben Witwe,

Trinkt, seid vergnügt: Willkommen meinem Hause!

Es diene dies Bankett nun zum Beschluß

Nach unserm großen Gastmahl. Bitte, setzt euch,

So gut zum Schwatzen ist's, als um zu essen.

Sie setzen sich.

PETRUCHIO.

Und nichts als sitzen, sitzen, essen, essen.

BAPTISTA.

Die Freundlichkeit ist heimisch hier in Padua.

PETRUCHIO.

Was nur in Padua heimisch, find' ich freundlich.

HORTENSIO.

Uns beiden wünsch' ich, dieses Wort sei wahr!

PETRUCHIO.

Nun, auf mein Wort! Hortensio scheut die Witwe.

WITWE.

Nein, glaubt mir nur, ich scheue mich vor niemand.

PETRUCHIO.

Wie sinnreich sonst, doch fehlt Ihr meinen Sinn:

Ich meint', Hortensio scheue sich vor Euch.

WITWE.

Wer schwindligt ist, der denkt, die Welt geht rund.

PETRUCHIO.

Ei! rund erwidert.

KATHARINA.

Sagt, wie meint Ihr das?

WITWE.

Ich zahl' ihm nur in gleicher Münze wieder,

Was ich von ihm empfing.

PETRUCHIO.

Von mir empfing sie?

Hortensio, wie gefällt dir das? Laß hören!

HORTENSIO.

Wie sie die Red' empfangen, meint die Witwe.

PETRUCHIO.

Gut eingelenkt! Küßt ihn dafür, Frau Witwe!

KATHARINA.

Wer schwindligt ist, der denkt, die Welt geht rund:

Ich bitt' Euch, sagt mir, was Ihr damit meintet? –

WITWE.

Eu'r Mann, der sich 'ne Widerspenst'ge nahm,

Mißt meines Mannes Kreuz nach seinem Gram:

Das war's, was ich gemeint.

KATHARINA.

So war's gemein gemeint.

WITWE.

Ja, denn Euch meint' ich.

KATHARINA.

Ich wär' gemein, gäb' ich noch acht auf Euch.

PETRUCHIO.

Drauf los, Käthchen!

HORTENSIO.

Drauf los, Witwe!

PETRUCHIO. Einhundert Mark, mein Käthchen kriegt sie unter!

HORTENSIO. Das wär' mein Amt.

PETRUCHIO. Gesprochen wie ein Amtmann! Auf dein Wohl!

Trinkt dem Hortensio zu.

BAPTISTA.

Was sagt Freund Gremio zu dem schnellen Witz?

GREMIO.

Sie stoßen mit den Köpfen gut zusammen.

BIANCA.

Wie, Stoß und Kopf? Ein Witzkopf möchte sagen,

Eu'r Kopf und Stoß sei nur wie Kopf und Horn.

VINCENTIO.

So, Fräulein Braut? hat Euch das aufgeweckt?

BIANCA.

O ja, doch nicht erschreckt; drum schlaf' ich fort.

PETRUCHIO.

Das sollt Ihr nicht: weil Ihr einmal begonnen,

Müßt Ihr noch zwei drei, spitze Worte dulden.

BIANCA.

Bin ich Eu'r Wild? So wechsl' ich das Revier,

Verfolgt mich denn und zielt mit Eurem Bogen;

Willkommen seid ihr alle.

Bianca ab mit Katharina und der Witwe.

PETRUCHIO.

Sie hat nicht standgehalten. Signor Tranio,

Ihr zieltet nach dem Vogel, traft ihn nicht;

Gesundheit jedem, der da schießt und fehlt!

TRANIO.

O Herr, Lucentio hetzte mich als Windhund.

Der läuft für sich und fängt für seinen Herrn.

PETRUCHIO.

Ein gutes, schnelles Bild, nur etwas hündisch.

TRANIO.

Doch daß Ihr für Euch selbst gejagt, war gut,

Denn Euer Wild, so meint man, führt Euch weit.

BAPTISTA.

Oho! Petruchio, Tranio traf Euch jetzt.

LUCENTIO.

Ich danke dir den Hieb, mein guter Tranio!

HORTENSIO.

Bekennt, bekennt: hat er Euch nicht getroffen?

PETRUCHIO.

Ich muß gestehn, er streifte mich ein wenig,

Und da der Witz an mir vorbeigeflogen,

Zehn gegen eins, so traf er Euch ins Herz.

BAPTISTA.

Nun, das ist ausgemacht, mein Sohn Petruchio,

Ihr habt die Widerspenstigste von allen.

PETRUCHIO.

Ich aber sage nein. Dies zu beweisen,

Laßt jeden Botschaft senden seiner Frau,

Und wessen Frau vor allen folgsam ist

Und kommt zuerst, wenn er sie rufen läßt,

Gewinnt die Wette, die wir hier bestimmen.

HORTENSIO.

Genehmigt. Wie viel setzt Ihr?

LUCENTIO.

Zwanzig Kronen.

PETRUCHIO.

Zwanzig Kronen?

So viel setz' ich auf meinen Hund und Falken,

Doch zwanzigmal so viel auf meine Frau.

LUCENTIO.

Einhundert denn!

HORTENSIO.

Genehmigt!

PETRUCHIO.

Topp! es sei!

HORTENSIO.

Wer macht den Anfang?

LUCENTIO.

Das will ich: – Biondello,

Sag meiner Frau, sie solle zu mir kommen.

BIONDELLO.

Ich geh'.

Ab.

BAPTISTA.

Halbpart, Herr Sohn, daß Bianca kommt.

LUCENTIO.

Nichts halb; ich will das Ganze mir gewinnen.

Biondello kommt zurück.

Wie nun! Was gibt's?

BIONDELLO.

Herr, unsre Frau läßt sagen,

Daß sie zu tun hat und nicht kommen kann.

PETRUCHIO.

Ah ha! sie hat zu tun und kann nicht kommen!

Heißt das antworten?

GREMIO.

Ja, und noch recht höflich;

Wenn Eure nur nichts Schlimmres läßt erwidern.

PETRUCHIO.

Ich hoffe Beßres.

HORTENSIO.

Geh, Bursch, zu meiner Frau, ersuche sie,

Sogleich zu kommen!

Biondello ab.

PETRUCHIO.

Oho! ersuche sie!

Dann muß sie freilich kommen! –

HORTENSIO.

So? Ich fürchte,

Bei Eurer wird Euch kein Ersuchen helfen.

Biondello kommt zurück.

Nun, wo ist meine Frau? –

BIONDELLO.

Sie sagt, Ihr habt wohl einen Scherz im Sinn:

Sie komme nicht; sie wünscht, Ihr kommt zu ihr.

PETRUCHIO.

Schlimmer und schlimmer! Will sie nicht? O schmählich,

Nicht auszuhalten, völlig unerträglich! –

Du, Grumio, geh sogleich zu meiner Frau,

Sag, ich befehl' ihr, sie soll zu mir kommen. –

Grumio ab.

HORTENSIO.

Ich weiß die Antwort!

PETRUCHIO.

Nun?

HORTENSIO.

Sie wolle nicht.

PETRUCHIO.

So schlimmer steht's um mich, und damit gut.

Katharina kommt.

BAPTISTA.

Nun heil'ger Gott! Seht, da kommt Katharine!

KATHARINA.

Was wollt Ihr, Herr, daß Ihr nach mir gesandt?

PETRUCHIO.

Wo ist Hortensios Frau und deine Schwester? –

KATHARINA.

Da drin am Feuer sitzen sie und schwatzen.

PETRUCHIO.

Geh, hol' sie her; und wollen sie nicht kommen,

Führ' sie gegeißelt ihren Männern her! –

Geh! sag' ich, bringe sie uns augenblicks!

Katharina ab.

LUCENTIO.

Hier ist ein Wunder, wollt ihr Wunder sehn.

HORTENSIO.

Jawohl! mich wundert, was nur das bedeute! –

PETRUCHIO.

Ei, Friede deutet's, Lieb' und ruhig Leben,

Ehrwürdig Regiment, rechtmäß'ge Herrschaft,

Kurz, was nur irgend süß und glücklich ist.

BAPTISTA.

Nun, dir sei alles Heil, guter Petruchio:

Die Wett' ist dein; ich aber füge noch

Zu dem Gewinste zwanzigtausend Kronen,

Der andern Tochter eine andre Mitgift;

Denn anders ist sie, als sie je gewesen.

PETRUCHIO.

Ich will die Wette besser noch gewinnen,

Sie soll mehr Zeichen von Gehorsam geben,

Der neu erworbnen Sitt' und des Gehorsams.

Katharina kommt zurück mit Bianca und der Witwe.

Nun seht, sie kommt und bringt die trotz'gen Weiber,

Gefangne weiblicher Beredsamkeit. –

Die Haube, Katharine, steht dir nicht:

Fort mit dem Plunder! tritt sie gleich mit Füßen!

Katharina tut es.

WITWE.

Gott, laß mich Ursach' nie zum Kummer haben,

Bis ich so albern mich betragen werde!

BIANCA.

Pfui! das ist ja ein läppischer Gehorsam! –

LUCENTIO.

Ei, wäre dein Gehorsam nur so läppisch!

Deines Gehorsams Weisheit, schöne Bianca,

Bringt mich um hundert Kronen seit der Mahlzeit.

BIANCA.

So kind'scher du, darauf etwas zu wetten!

PETRUCHIO.

Kathrine, dir befehl' ich:

Erklären sollst du den starrköpf'gen Weibern,

Was sie für Pflicht dem Herrn und Eh'mann schuldig.

WITWE.

Ei was, Ihr scherzt, wir wollen keine Predigt.

PETRUCHIO.

Tu's, sag' ich dir, und mach' mit der den Anfang!

WITWE.

Nein doch.

PETRUCHIO.

Ja, sag' ich, mach' mit der den Anfang!

KATHARINA.

Pfui, pfui! entrunzle diese droh'nde Stirn,

Und schieß' nicht zorn'ge Pfeil' aus diesen Augen,

Verwundend deinen König, Herrn, Regierer.

Das tötet Schönheit wie der Frost die Flur,

Zerstört den Ruf wie Wirbelwind die Blüten,

Und niemals ist es recht noch liebenswert.

Ein zornig Weib ist gleich getrübter Quelle

Unrein und sumpfig, widrig, ohne Schönheit:

Und ist sie so, wird keiner, noch so durstig,

Sie würd'gen, einen Tropfen draus zu schlürfen.

Dein Eh'mann ist dein Herr, ist dein Erhalter,

Dein Licht, dein Haupt, dein Fürst; er sorgt für dich

Und deinen Unterhalt, gibt seinen Leib

Mühsel'ger Arbeit preis zu Land und Meer,

Wacht Nächte durch in Sturm, und Tag' in Kälte,

Wenn du im Hause warm und sicher ruhst;

Und fodert zum Ersatz nicht andern Lohn

Als Liebe, freundlich Blicken und Gehorsam:

Zu kleine Zahlung für so große Schuld.

Die Pflicht, die der Vasall dem Fürsten zollt,

Die ist die Frau auch schuldig ihrem Gatten.

Und ist sie trotzend, launisch, trüb und bitter,

Und nicht gehorsam billigem Gebot,

Was ist sie als ein tückischer Rebell,

Sünd'ger Verräter an dem lieben Herrn?

Wie schäm' ich mich, daß Frau'n so albern sind!

Sie künden Krieg und sollten knieen um Frieden!

O daß sie herrschen, lenken, trotzen wollen,

Wo sie nur schweigen, lieben, dienen sollen!

Weshalb ist unser Leib zart, sanft und weich,

Kraftlos für Müh' und Ungemach der Welt,

Als daß ein weiches Herz, ein sanft Gemüte

Als zarter Gast die zarte Wohnung hüte?

O kommt, ihr eigensinn'gen, schwachen Würmer!

Mein Sinn war hart wie einer nur der euern,

Mein Herz so groß, mein Grund vielleicht noch besser,

Um Wort mit Wort, um Zorn mit Zorn zu schlagen: –

Jetzt seh' ich's, unsre Lanzen sind nur Stroh,

Gleich schwach wir selbst, schwach wie ein hülflos Kind,

Scheinen wir nur, was wir am mind'sten sind.

Drum dämpft den Trotz, beugt euch dem Mann entgegen,

Ihm unter seinen Fuß die Hand zu legen: –

Wenn er's befiehlt, zum Zeichen meiner Pflicht,

Verweigert meine Hand den Dienst ihm nicht.

PETRUCHIO.

Das nenn' ich eine Frau! Küss' mich, mein Mädchen! –

LUCENTIO.

Glück zu, Herr Bruder, du bezwangst dein Käthchen!

VINCENTIO.

Das klingt recht fein, wenn Kinder fromm und fügsam!

LUCENTIO.

Doch schlimm, wenn Frau'n verstockt und ungenügsam.

PETRUCHIO.

Nun, Käthchen, komm zu Bette: –

Drei sind vermählt, doch zwei nur schlecht, ich wette.

Gut' Nacht, ihr Herrn, und traft ihr schon das Weiße,

Ich bin's, der heut mit Recht der Sieger heiße.

Petruchio und Katharina ab.

HORTENSIO.

Die Widerspenst'ge hast du gut gebändigt.

LUCENTIO.

Ein Wunder bleibt's, daß dies so glücklich endigt.

Ab.

Die Komödie der Irrungen

Erster Aufzug
Erste Szene

Halle im herzoglichen Palast.

Es treten auf der Herzog von Ephesus, Ägeon, der Kerkermeister und Gefolge.

ÄGEON.

Fahr' fort, Solin! Sei Förd'rer meines Falles,

Dein Urteil ende Schmerz und Gram und alles!

HERZOG.

Kaufmann aus Syrakus, hör' auf zu rechten;

Ich kann parteiisch das Gesetz nicht kürzen.

Die Fehd' und Zwietracht, die uns jüngst erwuchs

Durch Eures Herzogs tückische Mißhandlung

Ehrsamer Kaufherrn, meiner Untertanen,

(Die, Geld entbehrend, um sich loszukaufen,

Sein hart Gesetz mit ihrem Blut gebüßt) –

Bannt alle Gnad' aus unserm droh'nden Blick.

Denn seit dem tödlichen und innern Zwist,

Des Bosheit Eure Stadt von uns getrennt,

Verbot ein feierlicher Volksbeschluß,

So bei den Syrakusern wie bei uns,

Daß kein Verkehr sei zwischen beiden Häfen.

Noch mehr:

Läßt ein geborner Epheser sich sehn

Auf Jahrmarkt oder Mess' in Syrakus;

Und kommt ein Mann, aus Syrakus entstammt,

Zum Hafenplatz von Ephesus, – der stirbt;

Sein ganz Vermögen fällt dem Herzog zu:

Es sei denn, daß er tausend Mark bezahlt,

Der Strafe zu entgehn, als Lösegeld. –

Nun, deine Habe, noch so hoch geschätzt,

Beläuft sich, denk' ich, kaum auf hundert Mark;

Deshalb bist du dem Tod mit Recht verfallen.

ÄGEON.

Das ist mein Trost; erfüllt man dein Gebot,

Stirbt mit der Abendsonn' auch meine Not.

HERZOG.

Wohl, Syrakuser, sag uns kurz den Grund,

Warum du zogst aus deiner Vaterstadt,

Und was dich hergeführt nach Ephesus?

ÄGEON.

O schwerste Pflicht, die du mir auferlegt,

Dir auszusprechen unaussprechlich Leid!

Doch, daß die Welt bezeuge, Vatersehnsucht,

Nicht niedrer Frevel, wirkte meinen Tod, –

Erzähl' ich dir, so viel mein Gram erlaubt.

Ich stamm' aus Syrakus und wählte mir

Ein Weib zur Gattin; ich durch sie beglückt,

Und sie durch mich, wenn uns kein Unstern traf.

Mit ihr lebt' ich vergnügt; mein Reichtum wuchs

Durch Reisen, die ich oft mit Glück vollführt

Nach Epidamnus, bis mein Faktor starb.

Die große Sorg' um preisgegebne Güter

Riß mich aus meiner Gattin treuem Arm.

Noch nicht sechs Monden waren wir getrennt, –

Als jene schon (obgleich erliegend fast

Der süßen Strafe, die des Weibes Erbteil,)

Anstalt getroffen, um mir nachzureisen,

Und schnell und froh gelangte sie zu mir.

Nicht lange war sie dort, da wurde sie

Beglückte Mutter von zwei wackern Söhnen;

Die, seltsam, jeder so dem andern ähnlich,

Daß man sie nur durch Namen unterschied.

Zur selben Stund' und in demselben Wirtshaus

Kam eine arme Frau ins Wochenbett

Mit Zwillingssöhnen, die sich völlig glichen;

Und beide, weil die Eltern ganz verarmt,

Kauft' ich und zog sie groß zum Dienst der meinen.

Mein Weib, nicht wenig stolz auf ihre Knaben,

Betrieb die bald'ge Heimkehr, Tag für Tag;

Ungern gewährt' ich's ihr, ach, nur zu schnell!

Wir schifften ab:

Und kaum 'ne Meil' in See von Epidamnus,

Als die dem Wind stets untertän'ge Tiefe

Uns manche Vorbedeutung wies des Unglücks.

Und länger blieb uns wenig Hoffnung mehr;

Denn, was von trübem Licht der Himmel gönnte,

Bot unsern furchterfüllten Seelen nur

Die zu gewisse Bürgschaft nahen Todes.

Ich selber hätt' ihn freudig wohl umarmt;

Allein das stete Jammern meines Weibes,

Die, was sie kommen sah, voraus beweinte,

Und meiner lieben Knaben ängstlich Schrei'n,

Die nur das Weinen, nicht die Furcht verstanden,

Zwang mich, nach Aufschub noch für uns zu spähn –

Denn Aufschub nur, kein Rettungsmittel gab's.

Das Schiffsvolk sucht' im Boote sich zu bergen,

Uns ließen sie das Schiff, zum Sinken reif.

Mein Weib, besorgter für den Jüngstgebornen,

Hatt' ihn befestigt an 'nem kleinen Notmast,

Wie ihn der Seemann mitnimmt für den Sturm;

Zu dem band sie den einen Sklavenzwilling;

Und ich war gleich bemüht für beide andre.

Die Kinder so verteilt, mein Weib und ich,

Die Blicke treu auf unsre Sorge heftend,

Banden uns an des Mastbaums Enden fest;

Und auf den Wogen treibend mit dem Strom

Gelangten wir, so schien es, gen Korinth.

Nun endlich brach die Sonne mild herein,

Die Nebel wichen, die uns widerstrebt,

Und durch die Wohltat ihres holden Lichts

Ward still die Flut, und unser Aug' entdeckte

Zwei Schiffe, die mit Eile sich uns nahten,

Dies von Korinth, von Epidaurus jenes. –

Doch eben jetzt, – weh mir, was mußt' ich sehn!

Errat' aus dem Erzählten, was geschehn! –

HERZOG.

Nein, weiter, alter Mann, brich' so nicht ab;

Denn Mitleid darf ich, wenn nicht Gnade schenken.

ÄGEON.

Oh, taten das die Götter, braucht' ich nicht

Sie jetzt mit Recht der Grausamkeit zu zeihn! –

Denn, eh' die Schiff' uns nah auf zwanzig Knoten,

Gerieten wir an ein gewaltig Riff,

Und heftig angetrieben an den Fels

Brach unser hülfreich Fahrzeug mitten durch:

So daß in dieser ungerechten Scheidung

Fortuna jedem, gleichverteilend, ließ,

Was seines Lebens Freud' und Sorge sei.

Ihr Teil, der Armen! der befrachtet schien

Mit mindrer Last, obschon nicht minderm Gram,

Ward schneller fortgetrieben vor dem Wind;

Und aufgefangen sah ich alle drei

Durch Fischer aus Korinth, wie mir's erschien.

Zuletzt nahm uns ein andres Schiff an Bord,

Und hörend, wen das Glück durch sie erlöst,

Gab uns die Mannschaft freundlichen Willkommen,

Und raubt' auch wohl den Fischern ihre Beute,

Wenn nicht die Jacht ein schlechter Segler war:

Und deshalb lenkte sie den Lauf zur Heimat. –

Jetzt wißt Ihr, wie ich all mein Heil verlor

Und Mißgeschick mein Leben nur erhielt,

Um meines Unglücks Trauermär zu melden.

HERZOG.

Um derer willen, die du so beklagst,

Tu' mir die Freundschaft und berichte noch,

Wie's jedem denn und dir seitdem erging.

ÄGEON.

Den jüngsten Sohn, und doch mein ältstes Leid,

Befiel nach achtzehn Jahren heiße Sehnsucht

Nach seinem Bruder: so bestürmt' er mich,

Daß ihn sein Diener (der im gleichen Fall,

Beraubt des Bruders, dessen Namen führte)

Begleiten dürf', um jenen zu erspähn.

Und weil er krank aus Liebe zum Verlornen,

Wagt' ich es, den Geliebten zu verlieren. –

Fünf Jahr durchsucht' ich alles griech'sche Land,

Durchzog die fernsten Winkel Asiens

Und kam, heimfahrend, jetzt nach Ephesus;

Zwar hoffnungslos, wollt' ich doch diesen Ort

Wie jeden, wo nur Menschen sind, durchforschen.

Hier endet die Geschichte meines Lebens,

Und glücklich preis ich meinen frühen Tod,

Gäb' all mein Reisen mir Gewähr: sie lebten.

HERZOG.

Unseliger Ägeon! Vorbestimmt,

Den höchsten Grad der Trübsal zu erdulden!

Oh, glaub' mir, wär's nicht wider das Gesetz

Und wider Krone, Würd' und fürstlich Wort,

Das, wollt' er's auch, kein Herrscher darf umgehn,

Mein Herz verföcht' als Anwalt deine Sache.

Doch, ob du gleich verfallen bist dem Tod,

Und Widerruf des abgestimmten Spruchs

Zu großem Eintrag unsrer Ehre führte, –

Doch will ich dich begünst'gen, wie ich's kann.

Drum, Kaufmann, frist' ich dir noch diesen Tag,

Daß du dir Hülf' in Freundeshülfe suchst.

Frag' alle, die du kennst in Ephesus,

Bitt' oder borge, bis die Summ' erfüllt, –

Und lebe: kannst du's nicht, so stirbst du dann.

Schließer, du stehst für ihn.

SCHLIESSER.

Wohl, gnäd'ger Fürst.

ÄGEON.

Zwar hülf- und trostlos, will's Ägeon wagen,

Bis morgen nur sein Leben zu vertagen.

Alle gehn ab.

Zweite Szene

Markt.

Es treten auf Antipholus von Syrakus, ein Kaufmann und Dromio von Syrakus.

KAUFMANN.

Deshalb sagt aus, Ihr seid von Epidamnus,

Sonst wird auf Euer Gut Beschlag gelegt.

Noch heut erst ward ein Syrakuser Kaufmann

Verhaftet, der allhier gelandet ist; –

Und weil er nicht sein Leben lösen kann,

Trifft ihn der Tod nach unserm Stadtgesetz,

Eh' noch die müde Sonn' im Westen sinkt. –

Hier ist Eu'r Geld, das Ihr mir anvertraut.

ANTIPHOLUS.

Geh, trag's in den Zentauren, unsern Gasthof,

Und bleib' dort, Dromio, bis ich wiederkomme.

In einer Stund' ist Mittagessens Zeit;

Bis dahin will ich mir das Volk betrachten,

Den Käufern zusehn, die Paläste merken,

Und dann in meinen Gasthof schlafen gehn,

Weil ich ermüdet bin vom weiten Reisen.

Nun mach' dich fort! –

DROMIO.

Wohl mancher möcht' Euch jetzt beim Worte nehmen

Und wandern mit so hübschem runden Schatz.

Ab.

ANTIPHOLUS.

Ein treuer Bursch, mein Herr, der mir schon oft,

Wenn ich verstimmt durch Schwermut oder Kummer,

Den Sinn erleichtert hat mit munterm Scherz.

Wollt Ihr mich nicht begleiten durch die Stadt

Und dann ins Wirtshaus gehn und mit mir speisen?

KAUFMANN.

Ich ward bestellt, mein Herr, von ein'gen Wechslern,

Wo mich ein vorteilhaft Geschäft erwartet;

Deshalb verzeiht; doch nach der fünften Stunde,

Wenn's Euch gefällt, treff' ich Euch auf dem Markt

Und bleibe dann bei Euch bis Schlafenszeit; –

Jetzt ruft mich jener Handel von Euch ab.

ANTIPHOLUS.

Lebt wohl so lang'; ich schlendre dann allein

Und wandre auf und ab, die Stadt zu sehn.

KAUFMANN.

Seid Eurem besten Wohlsein dann empfohlen!

Geht ab.

ANTIPHOLUS.

Wer meinem besten Wohlsein mich empfiehlt,

Der wünscht mir, was ich nie erreichen kann.

Ich gleich' in dieser Welt 'nem Tropfen Wasser,

Der einen andern Tropfen sucht im Meer;

Er stürzt hinein, zu finden den Gefährten,

Und ungesehn verschwimmt er selbst im Forschen.

So ich, indem ich Mutter such' und Bruder,

Verschwind' ich Armer selbst auf ihrer Spur.

Dromio von Ephesus kommt.

Hier kommt mein wahrer Lebensalmanach. –

Wie nun! Was kehrst du denn so bald zurück?

DROMIO VON EPHESUS.

Sobald zurück? Fragt doch, warum so spät?

Die Gans verbrennt, das Ferkel fällt vom Spieß,

Die Glock' im Turm schlug zwölf, und meine Frau

Macht, daß es eins auch schlug auf meiner Backe;

Sie ist so heiß, weil Eure Mahlzeit kalt ward;

Die Mahlzeit wurde kalt, weil Ihr nicht heim kommt;

Ihr kommt nicht heim, weil Ihr nicht Hunger habt;

Euch hungert nicht, weil Ihr die Fasten bracht;

Doch wir, die Fasten halten und Gebet,

Wir büßen, was Ihr sündigt früh und spät.

ANTIPHOLUS.

Still doch! Spar' deine Lunge! Sag mir jetzt,

Wo ließest du das Geld, das ich dir gab?

DROMIO VON EPHESUS.

Oh, die sechs Dreier, Herr, vom letzten Mittwoch,

Für den zerrißnen Schwanzriem meiner Frau? –

Die hat der Sattler, ich behielt sie nicht.

ANTIPHOLUS.

Ich bin zu Späßen heut nicht aufgelegt;

Sag mir, und scherze nicht: wo ist das Geld?

Da wir hier fremd sind, wie getraust du dich,

So große Summ' aus deiner Acht zu lassen?

DROMIO VON EPHESUS.

Ich bitt' Euch, scherzt, wenn Ihr zu Tische sitzt!

Mich sendet unsre Frau zu Euch als Post,

Und kehr' ich heim, traktiert sie mich als Pfosten.

Denn was Ihr fehlt, kerbt sie mir auf den Kopf.

Mich dünkt, Eu'r Magen sollt' Euch Glocke sein

Und Euch nach Hause schlagen ohne Boten.

ANTIPHOLUS.

Hör', Dromio, dieser Spaß kommt sehr zur Unzeit;

Spar' ihn mir auf für eine beßre Stunde!

Wo ist das Gold, das ich dir anvertraut?

DROMIO VON EPHESUS.

Mir, Herr? Ei wahrlich, Herr, Ihr gabt mir nichts.

ANTIPHOLUS.

Hör' mich, Herr Schlingel! Laß die Albernheit

Und sag, wie du besorgtest deinen Auftrag.

DROMIO VON EPHESUS.

Mein Auftrag war, vom Markt Euch heimzuholen

In Euer Haus, den Phönix, Herr, zum Essen;

Die Frau und ihre Schwester warten schon.

ANTIPHOLUS.

Nun denn, so wahr ich Christ bin, steh mir Rede:

An welchen sichern Ort bracht'st du das Geld?

Sonst schlag' ich dir den lust'gen Schädel mürbe,

Der Possen reißt, wenn mir's verdrießlich ist.

Wo sind die tausend Mark, die ich dir gab? –

DROMIO VON EPHESUS.

Zwar ein'ge Marken trägt mein Kopf von Euch,

Auch ein'ge Marken Eurer Frau mein Rücken;

Doch das beläuft sich nicht auf tausend Mark: –

Wollt' ich Eu'r Gnaden die zurückbezahlen,

Ich glaub', Ihr stricht sie nicht geduldig ein.

ANTIPHOLUS.

Von meiner Frau? Sag, Kerl, von welcher Frau?

DROMIO VON EPHESUS.

Eu'r Gnaden Liebste, meine Frau im Phönix,

Die jetzt noch fastet, bis Ihr kommt zum Essen,

Und bittet, daß Ihr eilig kommt zum Essen.

ANTIPHOLUS.

Was, Schurke, neckst du mich ins Angesicht,

Da ich's verbot? Da hast du eins, Herr Schlingel!

DROMIO VON EPHESUS.

Was meint Ihr, Herr? Um Gottes willen, haltet!

Laßt Ihr die Hand nicht ruhn, brauch' ich die Beine.

Er läuft davon.

ANTIPHOLUS.

Bei meiner Treu! durch irgendeinen Streich

Ward mir der Tropf um all mein Gold geprellt! –

Man sagt, die Stadt sei voll Betrügerei'n,

Behenden Gauklern, die das Auge blenden,

Nächtlichen Zaubrern, die den Sinn verstören,

Mordsücht'gen Hexen, die den Leib entstellen,

Verlarvten Gaunern, schwatzenden Quacksalbern,

Und von Freigeistern aller Art und Zucht.

Wenn das der Fall ist, reis' ich um so eh'r.

Gleich such' ich im Zentauren meinen Knecht;

Ich fürchte sehr, mein Geld bewahrt' ich schlecht.

Geht ab.

Zweiter Aufzug
Erste Szene

Zimmer.

Adriana und Luciana treten auf.

ADRIANA.

Mein Mann kommt nicht zurück, auch nicht der Diener,

Den ich so eilig sandt', ihn aufzusuchen;

Gewiß, Luciana, es ist schon zwei Uhr.

LUCIANA.

Vielleicht, daß ihn ein Kaufmann eingeladen

Und er vom Markt zur Mahlzeit ging wohin.

Laß jetzt uns essen, Schwester; sei nicht mürrisch,

Ein Mann ist über seine Freiheit Herr,

Die Zeit der Männer Herrin; wie sie's fügt,

Gehn sie und kommen; drum sei ruhig, Schwester!

ADRIANA.

Ward Männern größre Freiheit zugeteilt?

LUCIANA.

Ja, weil ihr Streben nicht im Hause weilt.

ADRIANA.

Wollt' ich ihm so begegnen, trüg' er's kaum!

LUCIANA.

Du weißt, der Mann ist deines Willens Zaum.

ADRIANA.

Nur Esel zäumt man so bequem und leicht!

LUCIANA.

Nun, trotz'ge Freiheit wird durch Zucht gebeugt.

Kein Wesen gibt's, das nicht gebunden wär',

Sei's auf der Erde, sei's in Luft und Meer;

Tier, Fisch und Vogel folgt als seinem König

Dem Manne stets und ist ihm untertänig;

Den Menschen, göttlicher, – den Weltgebieter,

Der weiten Erd' und wilden Fluten Hüter,

Dem sein Verstand und seines Wissens Kraft

Den Vorrang über Fisch und Vogel schafft, –

Verehrt das Weib als machtbegabten Herrn:

Drum dien' auch du, und folg' ihm treu und gern!

ADRIANA.

Um nicht zu dienen, bleibst du unvermählt?

LUCIANA.

Nein! weil der Eh'stand so viel Sorgen zählt.

ADRIANA.

Doch wärst du Frau, trügst du die Knechtschaft still?

LUCIANA.

Gehorchen lern' ich, eh' ich lieben will. –

ADRIANA.

Wie, wenn dein Mann fortbliebe, hielt'st du's aus?

LUCIANA.

Ich harrte ruhig, bis er käm' nach Haus!

ADRIANA.

Geduld, nie aufgereizt, wird leicht geübt;

Sanftmütig bleibt der wohl, den nichts betrübt.

Den Armen, den das Unglück ganz verstört,

Spricht man zur Ruh', wenn man ihn weinen hört; –

Doch trügst du gleiche Schmerzen, gleiche Plagen,

Du würdest selbst noch bittrer dich beklagen.

Dich hat kein rauher Gatte je beleidigt,

Sonst hätt'st du wohl Geduld nicht zahm verteidigt;

Wird erst ein Mann so viel an dir verschulden,

Dann jagst du aus dem Dienst blödsinnig Dulden.

LUCIANA.

Nun wohl, wer weiß! Zur Probe möcht' ich frein. –

Da kommt dein Knecht, weit kann dein Mann nicht sein.

Dromio von Ephesus kommt.

ADRIANA. Sprich, ist dein säum'ger Herr jetzt bei der Hand?

DROMIO VON EPHESUS. Nein, mit mir war er bei zwei Händen, und das können meine zwei Ohren bezeugen.

ADRIANA. Sag, sprachst du ihn? Vernahmst du sein Begehr?

DROMIO VON EPHESUS.

Ja, sein Begehren schrieb er mir aufs Ohr;

Ich faßt' ihn nicht, wie schlagend auch die Gründe.

LUCIANA. Sprach er so zweideutig, daß du seine Meinung nicht begreifen konntest?

DROMIO VON EPHESUS. Nein, er schlug so grade zu, daß mein Rücken die Schläge nur zu gut begriff; und dabei doch so zweideutig, daß ich sie kaum fassen konnte.

ADRIANA.

Doch sag, ich bitt' dich, kommt er bald nach Haus?

Mir scheint, er denkt recht treu an seine Frau! –

DROMIO VON EPHESUS.

Hört, Frau, der Herr ist, glaub' ich, hörnertoll.

ADRIANA.

Wie, Schurke! Hörnertoll?

DROMIO VON EPHESUS.

Nicht hahnreitoll, doch sicher rasend toll;

Als ich ihn bat, zum Essen heim zu kommen,

So fragt' er mich nach tausend Mark in Gold.

»'s ist Essenszeit«, sagt' ich; »mein Gold«, sagt' er.

»Das Fleisch brennt an«, sagt' ich; »mein Gold!« sagt' er.

»Kommt Ihr nicht bald?« sagt' ich; »mein Gold!« sagt' er;

»Wo sind die tausend Mark, die ich dir gab?«

»Die Gans verbrennt«, sagt' ich; »mein Gold!« sagt' er.

»Die Frau«, sprach ich – »zum Henker mit der Frau!«

»Ich weiß von keiner Frau; fort mit der Frau!« –

LUCIANA.

Sprach wer?

DROMIO VON EPHESUS.

Sprach unser Herr;

»Ich weiß«, sprach er, »von Haus nicht, noch von Hausfrau«; –

Und meinen Auftrag, der der Zunge zukam,

Trägt meine Schulter heim, das dank' ich ihm:

Denn, kurz und gut, er gab mir Schläge drauf.

ADRIANA.

Geh wieder hin, du Schurk', und hol' ihn her!

DROMIO VON EPHESUS.

Noch einmal gehn, und neue Prügel holen?

Um Gottes willen, schickt 'nen andern Boten!

ADRIANA.

Lauf, Schurk', sonst schlag' ich kreuzweis' dir den Kopf!

DROMIO VON EPHESUS.

Dann segnet er das Kreuz mit neuen Schlägen,

Und so bekomm' ich ein geweihtes Haupt.

ADRIANA.

Fort, Plaudermaul, hol' deinen Herrn zurück! –

DROMIO VON EPHESUS.

Bin ich so rund mit Euch, als Ihr mit mir,

Daß Ihr mich wie 'nen Fußball schlagt und stoßt?

Hin und zurück nach Lust schlägt mich ein jeder:

Soll das noch lange währ'n, so näht mich erst in Leder!

Geht ab.

LUCIANA.

Pfui, wie entstellen dich die zorn'gen Falten!

ADRIANA.

Er wird gewiß sein Liebchen unterhalten,

Indes ich hier mit seinem Lächeln geize.

Nahm schon das Alter aller Anmut Reize

Von meiner Wange? Sein dann ist die Schuld! –

Ist stumpf mein Witz? mein Wesen ohne Huld?

Verlernt' ich die gewandte, flücht'ge Rede,

Durch seine Kält' und Rauheit ward sie spröde.

Wenn ihm der andern muntrer Putz gefällt,

Ist's mein Vergehn, was er mir vorenthält? –

Was für Ruinen magst du an mir finden,

Die nicht sein Werk? Wenn meine Reize schwinden,

Er will es so; von ihm ein Sonnenblick

Brächt' alle vor'ge Anmut mir zurück.

Doch er, der wilde Hirsch, rennt aus den Pfählen

(Mein ist er satt), sich auswärts Kost zu stehlen.

LUCIANA.

Selbstqual der Eifersucht! Hör' auf zu klagen! –

ADRIANA.

Ein fühllos Herz mag solche Schmach ertragen!

Ich weiß, sein Sehnen treibt ihn stets von hier;

Wo weilt er sonst? Was bleibt er nicht bei mir?

Du weißt es, er versprach mir eine Kette; –

Ach, wär's nur das, was er vergessen hätte,

So wär' ihm doch mein Bett nicht schon verhaßt! –

Ich seh', ein Kleinod, noch so reich gefaßt,

Erblindet; zwar, den Wert wird's nicht verlieren,

Wenn man's berührt; doch allzu oft Berühren

Raubt ihm den Glanz; so gibt's auch keine Ehre,

Der Trug und Falschheit nicht verderblich wäre; –

Und kann ich nicht durch Schönheit um ihn werben,

Will ich, den Rest verweinend, trostlos sterben.

LUCIANA.

O Torheit, so durch Eifersucht verderben!

Sie gehen ab.

Zweite Szene

Straße.

Antipholus von Syrakus tritt auf.

ANTIPHOLUS.

Das Gold, das ich dem Dromio gab, liegt sicher

Mir im Zentauren, und mein treuer Diener

Ist ausgegangen, um mich aufzusuchen.

Nach Zeit und Stund' und meines Wirts Bericht

Konnt' ich mit Dromio nicht gesprochen haben,

Seit ich vom Markt ihn schickte. – Sieh, da kommt er!

Dromio von Syrakus kommt.

Nun, Freund? ist dir der Übermut vergangen? –

Nun spaße wieder, wenn du Schläge liebst!

Du kennst den Gasthof nicht? Bekamst kein Gold?

Dich schickt die Frau, zum Essen mich zu rufen?

Ich wohn' im Phönix? Sag mir, warst du toll,

Daß du mir solche tolle Antwort gabst? –

DROMIO VON SYRAKUS.

Welch eine Antwort, Herr? Wann war das alles?

ANTIPHOLUS.

Jetzt eben hier, kaum vor 'ner halben Stunde.

DROMIO VON SYRAKUS.

Ich sah Euch nicht, seit Ihr das Gold mir gabt

Und mich damit heimsandtet zum Zentauren.

ANTIPHOLUS.

Schlingel, du leugnetest des Golds Empfang

Und sprachst von einer Frau mir und von Mahlzeit;

Doch hoff' ich, fühlst du noch, wie mir's gefiel.

DROMIO VON SYRAKUS.

Es freut mich, Euch so aufgeräumt zu sehn;

Was meint Ihr mit dem Scherz? Erzählt mir's, Herr!

ANTIPHOLUS.

Ei, sieh! du höhnst und neckst mich ins Gesicht?

Denkst du, ich scherze? Da! und hier noch eins!

Schlägt ihn.

DROMIO VON SYRAKUS.

Halt, Herr, ich bitt' Euch, Euer Spaß wird Ernst:

Um welchen Handel ernt' ich solches Handgeld?

ANTIPHOLUS.

Weil ich wohl manchmal in Vertraulichkeit

Als meinen Narr'n dich brauch' und mit dir schwatze,

Wird frech dein Scherz, der Freundlichkeit vertrauend,

Und stört durch Marktgeschwätz die ernsten Stunden.

Die muntre Mücke tanz' im Strahl der Sonne,

Doch kriech' in Ritzen, wenn der Glanz sich birgt;

Eh' du mich neckst, betrachte meinen Blick,

Und modle deinen Witz nach meiner Miene,

Sonst schlag' ich die Manier in deine Schanze.

DROMIO VON SYRAKUS. Schanze nennt Ihr's? Wenn Ihr nur mit Sturmlaufen aufhören wolltet, möcht' es lieber Kopf bleiben; und fahrt Ihr noch lange so mit Schlägen fort, so muß ich mir eine Schanze für meinen Kopf anschaffen und ihn einschanzen, oder ich werde meinen Witz in meinen Schultern suchen. Aber mit Vergunst, Herr, warum werd' ich geschlagen?

ANTIPHOLUS. Das weißt du nicht? –

DROMIO VON SYRAKUS. Nichts, Herr, als daß ich geschlagen werde.

ANTIPHOLUS. Soll ich dir sagen, warum?

DROMIO VON SYRAKUS. Ja, Herr, und wofür; denn wie man sagt, hat jedes Warum sein Wofür.

ANTIPHOLUS.

Zuerst, warum? Fürs Necken; dann, wofür?

Weil du's zum zweiten Mal mit mir versuchst.

DROMIO VON SYRAKUS.

So komm' ich ohne Recht und Fug zu solchem barschen Gruß,

Denn Eu'r Warum und Eu'r Wofür hat weder Hand noch Fuß.

Nun gut, ich dank' Euch.

ANTIPHOLUS.

Dankst mir, Freund? Wofür? –

DROMIO VON SYRAKUS. Meiner Treu, Herr, für etwas, das ich für nichts bekam.

ANTIPHOLUS. Ich will's nächstens wieder gut machen und dir nichts für etwas geben. Aber sag mir, Freund, ist es Essenszeit?

DROMIO VON SYRAKUS. Nein, Herr, denn unser Fleisch ist noch nicht, was ich bin.

ANTIPHOLUS. Und was wäre das?

DROMIO VON SYRAKUS. 's ist noch nicht mürbe.

ANTIPHOLUS. Dann wird's also noch hart und trocken sein?

DROMIO VON SYRAKUS. Ja, und wenn das ist, so bitte ich Euch, eßt nicht davon!

ANTIPHOLUS. Dein Grund?

DROMIO VON SYRAKUS. Es möchte Euch cholerisch machen, und Ihr schlügt mich noch einmal.

ANTIPHOLUS. Siehst du? Lerne zu rechter Zeit spaßen; jedes Ding hat seine Zeit.

DROMIO VON SYRAKUS. Den Satz hätte ich wohl geleugnet, ehe Ihr so cholerisch wurdet.

ANTIPHOLUS. Nach welcher Regel?

DROMIO VON SYRAKUS. Nun, nach einer Regel, die so klar ist als die klare kahle Platte des uralten Gottes der Zeit.

ANTIPHOLUS. Laß hören!

DROMIO VON SYRAKUS. Wenn einer von Natur kahl wird, so gibt es keine Zeit für ihn, sein Haar wieder zu bekommen.

ANTIPHOLUS. Auch nicht durch Prozeß und Restitution?

DROMIO VON SYRAKUS. O ja; durch den Prozeß eines Perückenkaufs oder durch die Restauration, die man durch das abgeschnittene Haar eines andern erlangt.

ANTIPHOLUS. Warum ist doch die Zeit ein solcher Knicker mit dem Haar, das sonst ein so reichlicher Auswuchs ist?

DROMIO VON SYRAKUS. Weil's ein Segen ist, mit dem sie das Vieh begabt; was sie dem Menschen an Haar entzieht, das ersetzt sie ihm an Witz.

ANTIPHOLUS. Und doch hat mancher Mensch mehr Haar als Witz.

DROMIO VON SYRAKUS. Kein einziger, der nicht so viel Witz hätte, sein Haar zu verlieren.

ANTIPHOLUS. Du machtest aber den Schluß, starkbehaarte Menschen seien täppische Gesellen ohne Witz?

DROMIO VON SYRAKUS. Je täppischer der Gesell gewesen, desto schneller verliert er's; aber mit dem allen verliert sich's mit einer Art von Lustigkeit.

ANTIPHOLUS. Aus welchem Grund?

DROMIO VON SYRAKUS. Aus zwei Gründen, und gesunden dazu.

ANTIPHOLUS. Gesunden wohl eigentlich nicht!

DROMIO VON SYRAKUS. Oder sichern.

ANTIPHOLUS. Auch nicht sichern, in einer so mißlichen Sache.

DROMIO VON SYRAKUS. Gewissen denn, also.

ANTIPHOLUS. Und die sind?

DROMIO VON SYRAKUS. Der erste, weil er das Geld fürs Haarkräuseln sparen kann; und der zweite, weil ihm beim Essen das Haar nicht in die Suppe fallen wird.

ANTIPHOLUS. Du wolltest alle die Zeit her beweisen, nicht jedes Ding habe seine Zeit.

DROMIO VON SYRAKUS. Nun allerdings, und das tat ich auch; namentlich, daß es keine Zeit gäbe, Haar wieder zu bekommen, das von Natur verloren ist.

ANTIPHOLUS. Aber dein Grund hielt nicht Stich, warum es keine Zeit gäbe, es wieder zu bekommen.

DROMIO VON SYRAKUS. Ich verbessere ihn so: die Zeit selbst ist kahl, und deshalb wird sie bis ans Ende der Welt Kahlköpfe in ihrem Gefolge haben.

ANTIPHOLUS. Ich wußte schon, es würde einen kahlen Schluß geben. Aber still! Was winkt uns dort? –

Adriana und Luciana kommen.

ADRIANA.

Ja, ja, Antipholus! Sieh fremd und finster:

Für eine andre hast du süße Blicke!

Ich bin nicht Adriana, nicht dein Weib!

Es gab 'ne Zeit, da schwurst du ungefragt:

Kein Wort sei wie Musik in deinem Ohr,

Kein Gegenstand erfreulich deinem Blick,

Kein Fühlen je willkommen deiner Hand,

Kein Mahl von Wohlgeschmack für deinen Gaum,

Wenn ich nicht Blick, Wort, Hand und Becher tauschte!

Wie kommt's denn jetzt, mein Gatte, oh, wie kommt's,

Daß du so ganz dir selbst entfremdet bist?

Dir selber, sagt' ich; mir ja wirst du fremd,

Mir, die ich, unzertrennlich dir vereint,

Nichts bin als deines Herzens bester Teil.

Ach, reiße nicht dein Innres von mir los!

Denn wisse, mein Geliebter, leichter träufst du

'nen Tropfen Wasser in die tiefe See,

Und nimmst den Tropfen unvermischt zurück,

Ohn' allen Zusatz oder Minderung, –

Als daß du dich mir nimmst, und nicht auch mich.

Wie müßt' es dich verwunden bis ins Mark,

Vernähmst du je, ich sei nicht treu und rein,

Und dieser Leib, der dir allein geweiht,

Befleckt durch Üppigkeit und schnöde Lust?

Du würd'st mich anspein, mich mit Füßen treten,

Den Namen Gattin ins Gesicht mir schleudern,

Die sünd'ge Haut mir reißen von der Stirn,

Den Trauring abhaun von der falschen Hand

Und ihn zerbrechen mit der Trennung Fluch; –

Ich weiß, du kannst; und darum tu' es auch!

Des Eh'bruchs Makel trag' ich schon an mir,

Mein Blut ist angesteckt von sünd'ger Lust;

Denn sind wir zwei wie eins, und du bist falsch,

So wohnt das Gift in meinen Adern auch:

Von dir berührt, werd' ich zur Buhlerin.

Drum halt' den Bund! Dem echten Bett sei treu;

Dann leb' ich rein, und du von Schande frei.

ANTIPHOLUS.

Gilt mir das, schöne Frau? Ich kenn' Euch nicht;

Ich bin zwei Stunden erst in Ephesus

Und Eurer Stadt so fremd als Eurer Rede;

Denn wie mein Witz die Worte prüf' und wende,

Mir fehlt's an Witz, der nur ein Wort verstände.

LUCIANA.

Pfui, Bruder! Kann die Welt sich so verändern?

Wenn spracht Ihr je mit meiner Schwester so?

Sie ließ durch Dromio Euch zum Essen rufen.

ANTIPHOLUS.

Durch Dromio?

DROMIO VON SYRAKUS.

Durch mich?

ADRIANA.

Durch dich; und diese Antwort bracht'st du mir:

Er habe dich gezaust und unter Schlägen

Mein Haus als seins, mich als sein Weib verleugnet.

ANTIPHOLUS.

Sprachst du vorhin mit dieser Dame schon?

Was wollt ihr? Wohin zielt die Heimlichkeit?

DROMIO VON SYRAKUS.

Ich, Herr? Ich sah sie nie, bis eben jetzt.

ANTIPHOLUS.

Schurke, du lügst; denn eben diese Worte

Hast du mir richtig auf dem Markt bestellt.

DROMIO VON SYRAKUS.

Ich sprach in meinem Leben nicht mit ihr!

ANTIPHOLUS.

Wie könnte sie uns dann bei Namen nennen,

Wenn es durch Offenbarung nicht geschah?

ADRIANA.

Wie schlecht mit deiner Würde sich's verträgt,

Mit deinem Knecht so plump den Gaukler spielen

Und ihn verhetzen, mir zum Ärgernis!

Von dir getrennt erduld' ich schon so viel:

Treib' nicht mit meinem Gram ein grausam Spiel! –

O laß mich, fest am Ärmel häng' ich dir!

Ihr Männer seid der Stamm, die Reben wir,

Die unsre Schwäch' an eure Stärke ranken

Und euch geteilte Kraft und Hülfe danken.

Ach! wuchernd Unkraut wuchs schon übergroß!

Habsücht'ger Epheu, Dorn, unnützes Moos,

Das, weil man's nicht vertilgt, mit gift'ger Gärung

Den Saft dir raubt und droht dem Baum Zerstörung.

ANTIPHOLUS.

Bin ich's denn wirklich, den ihr Vorwurf schmält?

Ward sie vielleicht im Traum mit mir vermählt?

Hab' ich im Schlaf dies alles nur gehört?

Was für ein Wahn hat Aug' und Ohr betört?

Bis ich den sichern Zweifel klar erkannt,

Biet' ich dem dargebotnen Trug die Hand.

LUCIANA.

Geh, Dromio, heiß' sie decken, mach' geschwinde!

DROMIO VON SYRAKUS.

Nun, beim Sankt Veit, verzeih' uns Gott die Sünde!

Hier walten Feen, der Himmel sei mir gnädig,

Mit Alp und Kauz und Elfengeistern red' ich! –

Und tun wir ihren Willen nicht genau,

Man saugt uns tot, man kneipt uns braun und blau.

LUCIANA.

Was redst du mit dir selbst und rührst dich nicht,

Dromio, du Drohne! Schnecke, Tölpel, Wicht!

DROMIO VON SYRAKUS.

Herr, sagt, bin ich vertauscht, bin ich noch ich?

ANTIPHOLUS.

Du bist vertauscht, mein Sohn, das bin auch ich.

DROMIO VON SYRAKUS.

Zweifelt Ihr noch, daß man mich neu erschaffe?

ANTIPHOLUS.

Du siehst noch aus wie sonst!

DROMIO VON SYRAKUS.

Nein, wie ein Affe.

LUCIANA.

Du bist zum Esel worden, glaub' mir das.

DROMIO VON SYRAKUS.

's ist wahr, sie reiten mich; schon witt'r ich Gras;

Es kann nicht anders sein; 'nen Esel nennt mich,

Sonst müßt' ich sie ja kennen, denn sie kennt mich.

ADRIANA.

Genug, ich will nicht länger wie ein Kind

Die Hand ans Auge tun und töricht weinen,

Indes Gemahl und Diener mich verhöhnt.

Kommt, Herr, zum Essen: Dromio, hüt' das Tor; –

Wir woll'n heut oben speisen, lieber Mann,

Und tausend Sünden sollst du mir gestehn.

Bursch, wenn dich jemand fragt nach deinem Herrn,

Sag, er sei auswärts; laß mir niemand ein!

Komm, Schwester! Dromio, du behüt' die Schwelle! –

ANTIPHOLUS.

Ist dies die Erd'? Ist's Himmel oder Hölle?

Schlaf oder wach' ich? Bin ich bei Verstand?

Mir selbst ein Rätsel, bin ich hier bekannt? –

Ich mach's wie sie, und dabei will ich bleiben,

Durch Nebel auf dem Meer des Schicksalstreiben.

DROMIO VON SYRAKUS.

Herr, soll ich wirklich Wache stehn am Tor?

ADRIANA.

Laß niemand ein, sonst schlag' ich dich aufs Ohr.

LUCIANA.

Kommt denn, das Essen geht jetzt allem vor.

Sie gehn ab.

Dritter Aufzug
Erste Szene

Vor dem Hause.

Es treten auf Antipholus von Ephesus, Dromio von Ephesus, Angelo und Balthasar.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Werter Herr Angelo, Ihr müßt entschuldigen;

Wenn ich die Zeit versäume, zankt mein Weib.

Sagt, daß ich in der Werkstatt zögerte,

Zu sehn, wie ihr Geschmeide ward gefertigt,

Und daß Ihr's morgen früh uns bringen wollt. –

Denkt nur! der Schelm da schwört mir ins Gesicht,

Ich hätt' ihn auf dem Markt vorhin geprügelt

Und tausend Mark in Gold von ihm verlangt,

Und daß ich Frau und Haus vor ihm verleugnet: –

Du Trunkenbold, was dacht'st du dir dabei? –

DROMIO VON EPHESUS.

Sagt, Herr, was Euch gefällt; ich weiß doch, was ich weiß;

Von Eurer Marktbegrüßung trag' ich noch den Beweis:

Wär' Pergament mein Rücken, und Tinte jeder Schlag,

So hätt' ich Eure Handschrift, so gut man's wünschen mag.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Hör', Kerl, du bist ein Esel!

DROMIO VON EPHESUS.

Ich habe nichts dagegen;

Vollauf hatt' ich zu tragen, an Schimpf so wie an Schlägen.

Hätt' ich nur mit den Hufen Euch tüchtig eins versetzt,

So hätt' Euch wohl der Esel mehr in Respekt gesetzt.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Seid nicht so ernst, Herr Balthasar!

Ich wünsche nur, das Essen

Möge mit meinem Willkomm und Freundesgruß sich messen!

BALTHASAR.

Oh, über Eure Freundlichkeit kann ich das Mahl vergessen.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

O nein, die Freundschaft reicht nicht aus, die schafft nicht Fleisch noch Fisch;

Ein ganzes Haus voll Willkomm füllt nicht den kleinsten Tisch.

BALTHASAR.

Gut Essen ist gemein, Herr, das kauft man aller Orten!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Und Willkomm viel gemeiner; denn der besteht aus Worten.

BALTHASAR.

Hauskost und rechter Willkomm, so, dünkt mich, ist's am besten.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

So gönn' ich's geiz'gen Wirten und magenschwachen Gästen.

Doch gibt's Gerichte wenige, nehmt heut vorlieb im stillen: –

Ihr trefft wohl beßre Küche, doch nimmer bessern Willen. –

Wie nun, das Tor verriegelt? Geh, rufe, wir sind da!

DROMIO VON EPHESUS.

Brigitte, Lucie, Rosine, Cäcilie, Barbara!

DROMIO VON SYRAKUS drinnen.

Tropf, Esel, Rindvieh, Karrngaul, was treibst du für Gespuke?

Gleich pack' dich von der Tür, setz' dich auf die Kellerluke!

Was für 'nen Schwarm von Dirnen rufst du zusammen hier,

Da eine schon zu viel ist? Fort, pack' dich von der Tür! –

DROMIO VON EPHESUS.

Welcher Lümmel ist hier Pförtner? Gleich wird der Herr dich schelten!

DROMIO VON SYRAKUS.

Geh' er hin, wo er herkam, sonst möcht' er sich erkälten!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Wer spricht denn so da drinnen? Heda! Mach' auf die Tür!

DROMIO VON SYRAKUS.

Recht, Herr! Ich sag' Euch wann, wenn Ihr mir sagt, wofür! –

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Wofür? Nun, um zu essen; ich will in den Speisesaal!

DROMIO VON SYRAKUS.

Der bleibt Euch heut verschlossen; versucht's ein andermal!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Wer bist du, frecher Schlingel, der mir mein Haus verbietet?

DROMIO VON SYRAKUS.

Euch aufzuwarten: Dromio, der heut die Pforte hütet.

DROMIO VON EPHESUS.

Was Kerl, an meinen Namen und an mein Amt dich wagen,

Die mir noch nie Kredit, nur Prügel stets getragen?

Ach, hätt'st du doch die Maske heut morgen schon geborgt,

Du hätt'st dich mit 'nem Namen und 'nem Eselskopf versorgt!

LUCIE drinnen.

Was für ein Lärmen, Dromio? Sag, wer da draußen steht?

DROMIO VON EPHESUS.

Lucie, laß ein den Herrn!

LUCIE.

Ei was, er kommt zu spät,

Das sag du deinem Herrn nur!

DROMIO VON EPHESUS.

Was muß uns hier begegnen!

Es heißt ja doch im Sprichwort: »Woll' unsern Eingang segnen!« –

LUCIE.

Kennst du wohl auch das andre: »Zu Pfingsten auf dem Eise?«

DROMIO VON SYRAKUS.

Heißest du Lucie? Lucie, so war die Antwort weise.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Nun, machst du Anstalt, Schätzchen? Du läßt uns, hoff' ich, ein?

LUCIE.

Ich wollt' Euch eben fragen.

DROMIO VON SYRAKUS.

Und Eu'r Bescheid war: Nein!

DROMIO VON EPHESUS.

Nur zu, wir helfen Euch pochen; so recht, schlag immer drein! –

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Du Weibsstück, laß mich hinein doch!

LUCIE.

Ja, wenn ich wüßte, warum?

DROMIO VON EPHESUS.

Klopft tüchtig an die Pforte! –

LUCIE.

Ei, klopft sie schief und krumm!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Schlag' ich erst die Türe ein, so sollst du heulen, Drache!

LUCIE.

Viel kürzer, daß Ihr krumm liegt heut abend auf der Wache!

ADRIANA drinnen.

Wer lärmt denn so da draußen? ich denke, die Welt geht unter! –

DROMIO VON SYRAKUS.

Die Straßenbuben, Ihr Gnaden, sind heut besonders munter.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Wie, Weib, bist du da drinnen? Was kamst du nicht schon lange?

ADRIANA.

Dein Weib, verwünschter Schurke? Lauf, daß man dich nicht fange!

DROMIO VON EPHESUS.

Kommt Ihr mit Not hinein, wird's um den Schurken ihr bange.

ANGELO.

Hier gibt's nicht Mahl noch Willkomm; wir rechneten doch auf eins!

BALTHASAR.

Wir stritten, was das beste sei, und nun bekommen wir keins!

DROMIO VON EPHESUS.

Find't Ihr Gefallen an solchem Spaß? Wenn Ihr mich fragt, ich vernein's.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Hier weht der Wind zu scharf, wir müssen wo anders essen.

DROMIO VON EPHESUS.

So sprächt Ihr, Herr, mit Recht, hättet Ihr den Mantel vergessen.

Wir stehn hier draußen und frieren, und drinnen dampft der Braten;

Das nenn' ich seinen eignen Herrn verkaufen und verraten!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Geh' einer und hol' ein Werkzeug zum Brechen mir herbei!

DROMIO VON SYRAKUS.

Ja, brecht nur, was Ihr könnt, ich brech' Euch den Hals entzwei! –

DROMIO VON EPHESUS.

Das brecht Ihr wohl vom Zaun! Mag's biegen oder brechen,

Ich brech' 'ne Lanze mit Euch: das will ich Euch versprechen.

DROMIO VON SYRAKUS.

Ihr liebt das Brechen, merk' ich! Bleibt nur da draus, ihr Frechen! –

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Ich käme lieber hinein, das Draußen hab' ich satt.

DROMIO VON SYRAKUS.

Wenn erst der Bock keinen Bart, der Baum keine Blätter hat! –

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Wir müssen die Türe sprengen; ist hier kein Baum zur Hand?

DROMIO VON EPHESUS.

Oho! nun sollst du dich wundern! Der Baum ohne Blatt sich fand;

Der wird uns tapfer beistehn, trotz allen deinen Possen;

Und was den Bock betrifft, den hast du selbst geschossen.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Geh, mach' dich auf, schaff' mir 'nen Hebebaum!

BALTHASAR.

O nicht doch, Herr: gebt der Geduld noch Raum!

Ihr strittet gegen Euern guten Ruf

Und zöget selbst in des Verdachts Bereich

Die unbescholtne Ehre Eurer Frau. –

Bedenkt nur: ihre lang' erprobte Tugend,

Ihr klug Benehmen, reife Sittsamkeit

Verbürgt, hier sei ein Grund, den Ihr nicht kennt;

Und zweifelt nicht, rechtfert'gen wird sie sich,

Warum die Tür Euch heut verschlossen blieb.

Folgt meinem Rate: räumen wir das Feld,

Und laßt im Tiger uns zu Mittag essen;

Und gegen Abend geht allein nach Haus,

Den Grund so seltner Weig'rung zu erfahren.

Wenn Ihr Euch anschickt, jetzt Gewalt zu brauchen,

Am hellen Tag, wo alles kommt und geht,

So wird der Handel gleich zum Stadtgespräch;

Des Volksgemeine Lästerung ersinnt

(Nicht achtend Euer nie verletztes Ansehn),

Was allzu leicht sich schnöden Eingang schafft

Und selbst auf Eurem Grabe noch verweilt;

Denn die Verleumdung, wie ein Erbvermächtnis,

Bleibt stets dem Haus und schändet sein Gedächtnis.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Ich geb' Euch nach; ich will mich ruhig halten,

Und – geht's auch nicht von Herzen – lustig sein.

Ich kenn' ein Mädchen, witzig im Gespräch,

Hübsch und gescheit, wild und gefällig doch;

Dort woll'n wir speisen. – Dieses Mädchens halb

Hat meine Frau – doch wahrlich ohne Grund –

Schon manchmal eifersüchtig mich geschmält;

Bei dieser laßt uns speisen.

Zu Angelo.

Geht nach Haus,

Und holt die Kette; fertig wird sie sein;

Die bringt mir dann ins Stachelschwein, ich bitt' Euch. –

So heißt das Haus; die goldne Kette schenk' ich,

Und wär's auch nur, um meine Frau zu ärgern,

An unsre Wirtin. Eilt Euch, lieber Herr;

Da mir die eigne Pforte widerstehn will,

So klopf' ich an, wo man uns nicht verschmähn will.

ANGELO.

Ein Stündchen noch vergönnt, und ich bin Euer.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Habt Dank! – Doch kommt der Spaß mir etwas teuer! –

Sie gehn ab.

Zweite Szene

Platz vor dem Hause.

Es treten auf Luciana und Antipholus von Syrakus.

LUCIANA.

Vergaßest du in wenig Augenblicken

Des Gatten Pflicht? Und soll durch Mißverstand

Der Liebe Blüt' im Liebeslenz ersticken?

Der Bau zerfallen, der so schön erstand?

Hast du die Schwester um ihr Gold gefreit,

So heuchle ihr, dem Gold zu Liebe, Feuer;

Und glühst du sonst wo, tu's in Heimlichkeit;

Dein falsches Lieben hüll' in dunkle Schleier:

Die Schwester lese nicht in deinen Blicken,

Noch laß den Mund die eigne Schmach verkünden,

Daß Huld und Anmut deine Untreu' schmücken,

Kleid' als der Tugend Boten schnöde Sünden;

Verstellung berg' ihr deines Lasters Flecken

Und leihe dir der Heiligen Betragen;

Sei heimlich falsch; was mußt du's ihr entdecken?

Wird töricht wohl ein Dieb sich selbst verklagen?

Willst du sie zwiefach kränken, Unbeständ'ger,

An ihrem Tisch gestehn des Betts Verrat?

Schmach hat noch Scheinruhm, übt sie ein Verständ'ger,

Und böses Wort verdoppelt böse Tat.

Wir armen Frau'n! Gönnt uns doch nur den Glauben

(Wir sind ja ganz Vertraun), daß ihr uns huldigt;

Den Handschuh laßt, wollt ihr die Hand uns rauben;

Ihr wißt, wie gern ein liebend Herz entschuldigt.

Drum, lieber Bruder, geht zu ihr hinein,

Liebkost der Schwester, sprecht ihr freundlich zu:

's ist heil'ger Trug, ein wenig falsch zu sein,

Bringt süßes Schmeichelwort den Geist zur Ruh'.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Holdselig Kind, dein Nam' ist unbekannt mir,

Noch ahn' ich, wer dir meinen je genannt;

Du scheinst des Himmels Heiligen verwandt mir,

An Gnad' und Reiz, an Schönheit und Verstand.

Lehr' mich, Geliebte, prüfen, denken, sprechen;

Entfalte meinen irdisch groben Sinnen:

Wie mag ich, wahnumstrickt, betört von Schwächen,

Den Inhalt deines dunkeln Worts gewinnen?

Was strebst du, meine Seele zu entraffen,

Und lockst sie in ein unbekannt Gefild?

Bist du ein Gott? Willst du mich neu erschaffen?

Verwandle mich: dir folg' ich, schönes Bild! –

Doch, bin ich noch ich selbst, so zweifle nicht,

Nie war die eifersücht'ge Schwester mein; –

Nie weiht' ich ihrem Bette Schwur und Pflicht; –

Viel mehr, viel mehr ist meine Seele dein.

Laß ab, Sirene, mich mit süßen Liedern

In deiner Schwester Tränenflut zu locken;

Singst du für dich, wird trunkne Lieb' erwidern:

Breit' auf die Silberflut die goldnen Locken,

So holdem Lager will ich mich vertraun,

Und in der Täuschung des Entzückens wähnen:

Der triumphiert, der so den Tod mag schaun;

So sink' und sterbe Lieb' in sel'gem Sehnen! –

LUCIANA.

Wie sprecht Ihr fremd und allem Sinn entrückt!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Fremd nur für jene, doch von dir entzückt! –

LUCIANA.

Die Sünd' entspringt in Euerm Aug' allein.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Blind schaute sich's an deiner Sonne Schein.

LUCIANA.

Schaut, wo Ihr sollt: das macht die Augen klar!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Nacht sehn und blind sein, Lieb', ist gleich, fürwahr!

LUCIANA.

Ich Euer Lieb? Das muß die Schwester sein!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Der Schwester Schwester!

LUCIANA.

Meine Schwester!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Nein!

Du bist es selbst, des Herzens bester Teil,

Aug' meines Aug's, der Seele Seelenheil,

Des Lebens Inhalt, Hoffnung, Glück und Wonne,

Mein irdisch Heil und meines Himmels Sonne!

LUCIANA.

Das sollt' Euch alles meine Schwester sein!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Dich nenne Schwester, denn ich bin nur dein;

Dir weih' ich Lieb' und Leben, nimm mich an:

Ich habe noch kein Weib, du keinen Mann;

Gib mir die Hand!

LUCIANA.

Ich bitt' Euch, seid nur still;

Ich muß erst sehn, ob auch die Schwester will.

Ab.

Dromio von Syrakus kommt.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Heda, was gibt's, Dromio? Wohin rennst du so eilig?

DROMIO VON SYRAKUS. Kennt Ihr mich, Herr? Bin ich Dromio? Bin ich Euer Diener? Bin ich Ich?

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Du bist Dromio, du bist mein Diener, du bist Du.

DROMIO VON SYRAKUS. Ich bin ein Esel, ich bin eines Weibes Diener, ich bin außer mir.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Welches Weibes Diener? und warum außer dir?

DROMIO VON SYRAKUS. Außer mir, mein' Seel'! denn ich gehöre einem Weibe an; einer, die mich in Anspruch nimmt, die mir nachläuft, die mich haben will!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Wie nimmt sie dich in Anspruch?

DROMIO VON SYRAKUS. Nun, mein' Seel', wie Ihr Euer Pferd in Anspruch nehmt: wie eine Bestie will sie mich haben; – ich meine nicht, als ob ich eine Bestie wäre und sie mich haben wollte; sondern daß sie, als eine recht bestialische Kreatur, mich in Anspruch nimmt.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Wer ist sie?

DROMIO VON SYRAKUS. Ein sehr respektables Korpus; so eine, von der man nicht reden kann, ohne hinzuzusetzen: »mit Respekt zu melden«. Ich mache nur ein magres Glück bei der Partie, und doch ist's eine erstaunlich fette Heirat.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Wie meinst du das, eine fette Heirat?

DROMIO VON SYRAKUS. Mein' Seel, Herr, sie ist das Küchenmensch, und lauter Schmalz; ich wüßte nicht, wozu sie zu brauchen wäre, als eine Lampe aus ihr zu machen und bei ihrem eignen Licht vor ihr davon zu laufen. Ich wette, ihre Lumpen und der Talg darin brennen einen polnischen Winter durch; wenn sie bis zum Jüngsten Tag lebt, so brennt sie eine Woche länger als die ganze Welt.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Von welcher Farbe ist sie?

DROMIO VON SYRAKUS. Schwarz, wie meine Schuhe, aber ihr Gesicht ist lange nicht so rein; denn, warum? sie schwitzt, daß man bis über die Schuh' in den Schlamm zu waten käme.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Das ist ein Fehler, dem Wasser abhelfen wird.

DROMIO VON SYRAKUS. Nein, Herr, es ist zu echt; Noahs Flut würde nicht hinreichen.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Wie ist ihr Name?

DROMIO VON SYRAKUS. Nelle, Herr; aber ihr Name und Dreiviertel, das heißt 'ne Elle und Dreiviertel reichen nicht aus, sie von Hüfte zu Hüfte zu messen.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Sie ist also ziemlich breit?

DROMIO VON SYRAKUS. Nicht länger von Kopf zu Fuß, als von Hüfte zu Hüfte. Sie ist kugelförmig wie ein Globus; ich wollte Länder auf ihr entdecken.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Auf welchem Teile ihres Körpers liegt Schottland?

DROMIO VON SYRAKUS. Das fand ich aus an seiner Unfruchtbarkeit; recht auf der Fläche der Hand.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Wo Frankreich?

DROMIO VON SYRAKUS. Auf ihrer Stirn, bewaffnet und rebellisch und im Krieg gegen das Haupt.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Wo England?

DROMIO VON SYRAKUS. Ich suchte nach den Kalkfelsen, aber ich konnte nichts Weißes an ihr entdecken; doch denk' ich, es liegt auf ihrem Kinn, wegen der salzigen Feuchtigkeit, die zwischen ihm und Frankreich fließt.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Wo Spanien?

DROMIO VON SYRAKUS. Wahrhaftig, das sah ich nicht, aber ich spürte es heiß in ihrem Atem.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Wo Amerika? die beiden Indien?

DROMIO VON SYRAKUS. O Herr, auf ihrer Nase, die über und über mit Rubinen, Saphiren und Karfunkeln staffiert ist und ihren reichen Glanz nach dem heißen Atem Spaniens wendet, welches ganze Armadas von Galeeren mit Ballast für ihre Nase bringt.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Wo liegen Belgien und die Niederlande?

DROMIO VON SYRAKUS. Oh, Herr, so tief habe ich nicht nachgesucht. – Kurz, diese Drude, dieser Alp, legte Beschlag auf mich, nannte mich Dromio, schwur, ich habe mich ihr verlobt, erzählte mir, was für geheime Zeichen ich an mir trage, als den Fleck auf meiner Schulter, das Mal an meinem Halse, die große Warze an meinem linken Arm, so daß ich vor Schrecken davon lief wie vor einer Hexe; und wahrhaftig, wäre nicht mein Herz aus Glauben geschmiedet und meine Brust von Stahl, sie hätte mich in einen Küchenhund verwandelt und den Bratspieß drehen lassen.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Nun mach' dich auf und lauf zum Hafen schnell,

Und bläst vom Ufer irgend nur der Wind,

Weil' ich in dieser Stadt nicht über Nacht.

Geht heut ein Schiff noch ab, so komm zum Markt:

Da will ich dich erwarten, bis du heimkehrst. –

Wo jedermann uns kennt, und wir nicht einen,

Wär's Zeit wohl einzupacken, sollt' ich meinen.

DROMIO VON SYRAKUS.

Und wie der Wandrer vor dem Bären rennt,

Lauf' ich vor der, die meine Frau sich nennt.

Ab.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Von lauter Hexen wird der Ort bewohnt,

Drum ist es hohe Zeit, davon zu gehn.

Die hier Gemahl mich nannte, schafft mir Grau'n,

Als Frau zu denken; doch die schöne Schwester,

Begabt mit so viel holdem, mächt'gem Reiz,

So süßem Zauber in Gespräch und Umgang,

Macht fast mich zum Verräter an mir selbst. –

Doch, daß mich nicht verlocken diese Töne,

Schließ' ich mein Ohr der lieblichen Sirene.

Angelo tritt auf.

ANGELO.

Mein Herr Antipholus –

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Das ist mein Name!

ANGELO.

Nun ja, das weiß ich, Herr. Hier ist die Kette;

Ich dacht' im Stachelschwein Euch anzutreffen;

Die Kette war nicht fertig, darum säumt' ich.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Was wollt Ihr, daß ich mit der Kette tu'?

ANGELO.

Was Euch gefällt! Ich machte sie für Euch.

ANTIPHOLUS VON SYKARUS.

Für mich, mein Herr? Ich hab' sie nicht bestellt!

ANGELO.

Nicht einmal oder zwei: wohl zwanzigmal!

Geht heim damit und bringt sie Eurer Frau,

Und nach dem Abendessen sprech' ich vor

Und hole mir das Geld für meine Kette.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Ich bitt' Euch, Herr, empfangt das Geld sogleich,

Sonst möcht' Euch Kett' und Geld verloren gehn.

ANGELO.

Ihr seid recht aufgeräumt; gehabt Euch wohl!

Geht.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Ich weiß nicht, was ich davon denken soll;

Doch denk' ich dies: es wird sich niemand grämen,

So reiches Kleinod zum Geschenk zu nehmen;

Auch seh' ich, leicht muß hier sich's leben lassen,

Wo man das Gold verschenkt auf allen Gassen.

Nun auf den Markt: auf Dromio wart' ich dort,

Und segelt heut ein Schiff, dann hurtig fort!

Geht ab.

Vierter Aufzug
Erste Szene

Straße.

Ein Kaufmann, Angelo und ein Gerichtsdiener treten auf.

KAUFMANN.

Ihr wißt, daß Ihr's zu Pfingsten zugesagt,

Und seit der Zeit hab' ich nicht nachgefragt,

Und tät's auch jetzt nicht, müßt' ich nicht durchaus

Nach Persien reisen und bedürfte Geld.

Drum leistet gegenwärtig Zahlung mir,

Sonst nehm' ich Euch in Haft durch diesen Häscher.

ANGELO.

Genau die Summe, die ich Euch verschrieb,

Soll ich erhalten von Antipholus;

Und eben jetzt, da Ihr mich traft, erhielt er

Von mir 'ne goldne Kette, deren Preis

Ich nachmittags um fünf erheben soll.

Gefiel's Euch, mitzugehn bis an sein Haus,

Zahlt' ich die Schuld und meinen Dank dazu.

Antipholus von Ephesus und Dromio von Ephesus kommen aus dem Hause der Kurtisane.

GERICHTSDIENER.

Die Mühe könnt Ihr sparen: seht, er kommt! –

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Derweil ich geh' zum Goldschmied, geh du hin

Und kauf' mir einen Strick, zum Angebinde

Für meine Frau und ihre Helfershelfer,

Weil sie mich aus dem Hause heut gesperrt; –

Doch halt! da ist der Goldschmied. Mach' dich fort,

Kauf' mir den Strick und bring' ihn mir nach Haus!

DROMIO VON EPHESUS.

Ich kauf' 'ne Rente von tausend Pfund!

Ich kauf' 'nen Strick! –

Geht ab.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Der hat sich gut gebettet, der Euch traut!

Auf Euch und Eure Kette macht' ich Rechnung,

Doch Kette nicht noch Goldschmied sind gekommen.

Gelt, unsre Freundschaft schien Euch allzu fest,

Wenn wir sie ketteten? Drum kamt Ihr nicht! –

ANGELO.

Den muntern Scherz beiseit; hier ist die Note,

Wie viel sie wiegt, aufs äußerste Karat.

Des Goldes Feinheit und der Arbeit Kunst,

Dies, auf und ab, macht drei Dukaten mehr,

Als ich zu zahlen hab' an diesen Herrn.

Ich bitt' Euch, daß Ihr ihn sogleich befriedigt,

Er muß zur See und wartet nur darauf.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Ich habe so viel bares Geld nicht bei mir

Und bin auch sonst noch in der Stadt beschäftigt.

Hört, Lieber, führt den Fremden in mein Haus,

Tragt meiner Frau die Kette hin und sagt ihr:

Daß sie dagegen Euch die Summe zahle;

Vielleicht auch bin ich dort so früh als Ihr.

ANGELO.

Ihr wollt ihr also selbst die Kette bringen?

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Nein, nehmt sie mit, ich könnte mich verspäten.

ANGELO.

Ganz wohl, mein Herr; habt Ihr die Kette bei Euch?

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Hab' ich sie nicht, so werdet Ihr sie haben;

Sonst mögt Ihr ohne Geld nach Hause gehn.

ANGELO.

Nein, jetzt in allem Ernst, Herr: gebt die Kette.

Denn Wind und Wetter dienen diesem Herrn,

Und leider hielt ich schon zu lang' ihn auf.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Der Scherz, mein Gönner, meint Ihr, soll entschuld'gen,

Daß Ihr im Stachelschwein nicht Wort gehalten?

Ich sollte schelten, daß Ihr uns verfehlt;

Doch wie ein zänkisch Weib schmollt Ihr zuerst.

KAUFMANN.

Die Zeit verstreicht, ich bitt' Euch, macht ein Ende!

ANGELO.

Ihr hört, wie er mir lästig wird; die Kette ...

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Ei, gebt sie meiner Frau, und holt Eu'r Geld!

ANGELO.

Ihr wißt, daß ich sie eben jetzt Euch gab! –

Drum schickt die Kette oder sonst ein Zeichen!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Pfui doch! das heißt den Spaß zu Tode jagen!

Wo ist die Kett'? Ich bitt' Euch, zeigt sie her!

KAUFMANN.

Ich hab' nicht Zeit für Eure Tändelei.

Sagt, Herr, wollt Ihr mir zahlen oder nicht?

Wo nicht, so überliefr' ich ihn dem Häscher.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Euch zahlen? Sagt, was hätt' ich Euch zu zahlen?

ANGELO.

Das Geld, das Ihr mir schuldet für die Kette.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Ich schuld' Euch keins, bis ich empfing die Kette.

ANGELO.

Ich gab sie Euch vor einer halben Stunde!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Ihr gabt mir nichts! Ihr kränkt mich, dies zu sagen! –

ANGELO.

Mich kränkt viel mehr noch, Herr, daß Ihr mir's leugnet;

Bedenkt, wie mein Kredit darauf beruht!

KAUFMANN.

Nun, Häscher, nimm ihn fest auf meine Klage!

GERICHTSDIENER.

Gut; in des Herzogs Namen! folgt mir nach!

ANGELO.

Dies geht an meine Ehr' und guten Ruf;

Entweder willigt ein und zahlt die Summe,

Sonst setz' ich Euch in Haft durch diesen Häscher.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Für etwas zahlen, das ich nie empfing?

Laß mich verhaften, Tropf, wenn du es wagst!

ANGELO.

Hier sind die Sporteln; Häscher, nehmt ihn fest!

Nicht meines Bruders schont' ich in dem Fall,

Macht' er mich ehrlos so auf offnem Markt.

GERICHTSDIENER.

Ich nehm' Euch fest, mein Herr: Ihr hört die Klage! –

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Ich folge, bis ich Bürgschaft dir gestellt; –

Doch Ihr, mein Freund, büßt mir den Spaß so teuer,

Daß all Eu'r Gold im Laden nicht genügt.

ANGELO.

Oh, Herr, ich finde Recht in Ephesus,

Zu Euerm höchsten Schimpf, das zweifelt nicht! –

Dromio von Syrakus kommt vom Hafen.

DROMIO VON SYRAKUS.

Herr, 's ist ein Schiff aus Epidamnus da,

Das nur noch wartet, bis der Reeder kommt,

Und dann die Anker lichtet. Unsre Fracht

Hab' ich an Bord gebracht, und eingekauft

Das Öl, den Balsam und den Aquavit.

Das Schiff ist segelfertig, lust'ger Wind

Bläst frisch vom Ufer, und sie warten nur

Auf ihren Reeder, Herr, und auf uns beide.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Was, ein Verrückter noch? Du dummes Schaf,

Welch Schiff von Epidamnus wartet mein?

DROMIO VON SYRAKUS.

Das Schiff, das Ihr zur Überfahrt bestellt! –

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Du Trunkenbold! Ich hab' 'nen Strick bestellt;

Ich sagte dir's, zu welchem Zweck und Ende! –

DROMIO VON SYRAKUS.

Ihr hättet um ein Ende Strick geschickt?

Ihr schicktet mich zum Hafen um ein Schiff! –

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Darüber sprechen wir zu beßrer Zeit

Und lehren deine Ohren besser hören.

Zu Adriana, Schlingel, lauf in Eil',

Bring' ihr den Schlüssel; sag ihr, in dem Pult,

Das mit dem türk'schen Teppich zugedeckt,

Sei eine Börse Gold, die laß dir geben;

Sag ihr: ich sei verhaftet auf der Straße,

Und dies mein Lösegeld. Nun eil' dich, Bursch! –

Jetzt ins Gefängnis, Häscher, bis er kommt.

Alle gehen ab, außer Dromio.

DROMIO VON SYRAKUS.

Zu Adriana? Das ist, wo wir speisten;

Wo Amaryllis mich zum Mann verlangt? –

Sie ist zu dick für mein Umarmen, hoff' ich!

Doch muß ich hin, obschon sehr wider Willen;

Ein Diener soll des Herrn Gebot erfüllen.

Geht ab.

Zweite Szene

Zimmer.

Adriana und Luciana, treten auf.

ADRIANA.

So stürmisch, Schwester, drang er auf dich ein?

War dir sein Aug' ein feierlicher Deuter?

Warb er in vollem Ernst? Ja oder nein?

Rot oder blaß? trübsinnig oder heiter?

Sind dir im Kampf der Leidenschaft erschienen

Des Herzens Meteor' auf seinen Mienen?

LUCIANA.

Er sprach zuerst, dir bind' ihn keine Pflicht.

ADRIANA.

Weil er sie nie erfüllt; o Bösewicht!

LUCIANA.

Er schwur: hier sei er Fremdling ganz und gar.

ADRIANA.

Da schwur er recht, obgleich es Meineid war.

LUCIANA.

Für dich dann sprach ich ...

ADRIANA.

Und was sagt' er dir?

LUCIANA.

Was ich ihn bat für dich, fleht' er von mir.

ADRIANA.

Mit was für Künsten wollt' er dich verführen?

LUCIANA.

War's treu gemeint, so konnt' er fast mich rühren:

Die Schönheit rühmt' er, dann der Rede Huld.

ADRIANA.

Sprachst du so huldreich?

LUCIANA.

Bitte dich, Geduld!

ADRIANA.

Die hab' ich nicht! Ich will den Zorn nicht stillen;

Der Zunge mind'stens lass' ich ihren Willen.

Er ist unförmlich, widrig, krumm und alt,

Wüst von Gesicht, von Körper mißgestalt';

Verderbt, unfreundlich, fern von aller Güte,

Ruchlos im Tun, und mehr noch im Gemüte.

LUCIANA.

Kann Eifersucht um solchen Mann uns plagen?

Wenn er entfloh, ich würd' es nicht beklagen.

ADRIANA.

Ach, Liebste! dennoch dünkt er mir der beste;

Säh'n ihn die andern nur mit scheelem Blick!

Der Kiebitz schreit nur, wenn er fern vom Neste:

Schmäht gleich mein Mund, mein Herz erfleht ihm Glück,

Dromio von Syrakus kommt.

DROMIO VON SYRAKUS.

Heda! das Pult! den Beutel! Sucht, geschwinde!

LUCIANA.

So atemlos?

DROMIO VON SYRAKUS.

Ich lief ja gleich dem Winde.

ADRIANA.

Wo ist dein Herr? Sprich, er ist doch gesund?

DROMIO VON SYRAKUS.

O nein! er steckt im tiefsten Höllenschlund.

Ihn packt ein Gnom, des Wams nicht zu verwüsten,

Des hartes Herz in Eisen eingeknöpft;

Ein Elf, ein Kobold, ohne Trost und Rührung;

Ein Wolf, ein Kerl in lederner Montierung;

Ein Spion, ein Schulterklopfer; ein Feind, der an den Mauern,

In Gäßchen, Winkeln, Schluchten und Buchten pflegt zu lauern;

Ein Spürhund, der die Quere läuft und kommt doch von der Stelle,

Und vor dem Jüngsten Tage die Seelen führt zur Hölle.

ADRIANA.

Nun, Mensch, was gibt's?

DROMIO VON SYRAKUS.

Was es gegeben, weiß ich nicht; genug, er ist in Haft.

ADRIANA.

In Haft? Wer hat ihm das nur angetan?

DROMIO VON SYRAKUS.

Ich weiß nicht, wer's ihm angetan, daß er jetzt sitzt im Block,

Doch weiß ich, war der angetan in einem Büffelrock.

Wollt Ihr als Lösung senden den Beutel dort im Pult?

ADRIANA.

Geh, hol' ihn, Schwester!

Luciana geht.

Seltsam, in der Tat,

Daß er vor mir verborgne Schulden hat!

Sprich, war's vielleicht wohl einer Bürgschaft Band?

DROMIO VON SYRAKUS.

Es war kein Band, es hielt ihn wohl noch stärker;

'ne goldne Kette bracht' ihn in den Kerker. –

– Hört Ihr sie klingen?

ADRIANA.

Was? die goldne Kette?

DROMIO VON SYRAKUS.

Nicht doch! Die Glocke mein' ich! Wie könnt Ihr nur mich plagen?

Zwei war es, da ich ging: nun hat's schon eins geschlagen.

ADRIANA.

Gehn jetzt die Stunden rückwärts? Ei, hört mir doch den Gecken!

DROMIO VON SYRAKUS.

Ja, wenn die Stunde Häscher sieht, so kehrt sie um vor Schrecken.

ADRIANA.

Als ob die Zeit verschuldet wär'! Wie das nun ganz verkehrt ist!

DROMIO VON SYRAKUS.

Zeit ist bankrott und schuldet mehr dem Zufall, als sie wert ist.

Dann ist die Zeit ein Dieb auch; habt auf den Spruch nur acht:

Die Zeit stiehlt sich von dannen, bei Tage wie bei Nacht;

Wenn sie nun stiehlt und Schulden hat, und ein Häscher sie fangen mag,

Hat sie nicht recht, zurück zu gehn eine Stunde jeden Tag?

Luciana kommt zurück.

ADRIANA.

Hier, Dromio, ist das Gold; gleich trag' es hin,

Und kehrt zurück, sobald ihr könnt, ihr beiden!

Tausend Gedanken kreuzen mir den Sinn,

Gedanken, bald zum Trost mir, bald zum Leiden.

Sie gehn ab.

Dritte Szene

Straße.

Antipholus von Syrakus.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Kein Mensch begegnet mir, der mich nicht grüßt,

Als sei ich ihm ein längst bekannter Freund,

Und jedermann nennt mich bei meinem Namen.

Der bietet Gold mir an, der lädt mich ein,

Der dankt mir für erzeigte Höflichkeit,

Der schlägt mir vor, ihm Waren abzukaufen;

Erst eben rief ein Schneider mich ins Haus

Und zeigte Stoffe, die er mir gekauft,

Und nahm zugleich das Maß mir ohne weitres.

Gewiß, Trugbilder sind's der Phantasie,

Und Lapplands Hexenmeister wohnen hier.

Dromio von Syrakus kommt.

DROMIO VON SYRAKUS. Herr, hier ist das Gold, das ich Euch holen sollte. Nun, wo habt Ihr denn das Bild des alten Adam im neuen Rocke gelassen?

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Was für Gold ist dies? Welchen Adam meinst du?

DROMIO VON SYRAKUS. Nicht den Adam, der das Paradies hütete, sondern den Adam, der das Gefängnis hütet; den, der mit dem Fell des Kalbes angetan ist, das für den verlornen Sohn geschlachtet ward; den, der hinter Euch herkam, Herr, wie ein böser Engel, und Euch Eurer Freiheit entsagen hieß.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Ich verstehe dich nicht.

DROMIO VON SYRAKUS. Nicht? die Sache ist doch klar! Ich meine den, der wie eine Baßgeige in seinem ledernen Futteral geht; den Kerl, Herr, der, wenn einer müde wird, ihn auf die Schulter klopft und ihn zum Sitzen nötigt; der sich über die Wildfänge erbarmt und sie zu gesetzten Leuten macht; den ein Gläubiger aussendet, um die Verleugner einzufangen –

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Was? du meinst einen Häscher?

DROMIO VON SYRAKUS. Ja, Herr, den schriftgelehrtesten aller Häscher; denn er weiß immer genau, ob sich einer verschrieben hat, und seine Hauptgeschicklichkeit besteht im bündigen Schließen.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Nun, Freund, komm auch mit deinen Possen zum Schluß! Geht heut abend noch ein Schiff ab? Kommen wir fort?

DROMIO VON SYRAKUS. Ei, Herr, ich brachte Euch schon vor einer Stunde den Bescheid, daß die Jacht »Geschwindigkeit« heut abend in See stäche; da hielt der Häscher Euch auf, und Ihr mußtet erst das Boot »Aufschub« abwarten. Hier sind die Engel, nach denen Ihr schicktet, die Euch befreien sollen.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Der Bursch ist ganz verwirrt, das bin ich auch;

Wir wandern unter Trug und Blendwerk hier;

Ein guter Geist entführ' uns bald von hinnen! –

Eine Kurtisane tritt auf.

KURTISANE.

Willkomm', willkommen, Herr Antipholus!

Ich seh', Ihr habt den Goldschmied jetzt gefunden;

Ist das die Kette, die Ihr mir verspracht?

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Satan, zurück! Führ' mich nicht in Versuchung!

DROMIO VON SYRAKUS. Herr, ist dies Mädchen der Satan?

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Es ist der Teufel.

DROMIO VON SYRAKUS. Nein, sie ist noch was Schlimmres, sie ist des Teufels Großmutter; und hier kommt sie und scheint ins Feld wie eine leichte Schöne oder eine schöne Leuchte. Denn, wenn die leichten Dirnen sagen, »Gott verdamme mich«, so heißt das eigentlich so viel als »Gott laß mich eine Leuchte werden«: denn es steht, geschrieben, sie erscheinen den Menschen wie leuchtende Engel; alle Leuchten aber sind feurig, und Feuer brennt; ergo, wenn sie zu den Leichten gehören, verbrennt man sich an ihnen; darum kommt ihr nicht zu nah!

KURTISANE.

Eu'r Bursch und Ihr seid heut sehr aufgeräumt;

Kommt mit, wir essen noch zu Nacht ein wenig.

DROMIO VON SYRAKUS. Herr, wenn's Suppe gibt, so seht Euch nach einem langen Löffel um!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS. Warum, Dromio?

DROMIO VON SYRAKUS. Nun, mein' Seel', der braucht einen langen Löffel, der mit dem Teufel ißt.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Fort, böser Geist! Was sagst du mir von Essen?

Du bist 'ne Hexe, wie ihr alle seid;

In's Himmels Namen: Laß von mir und geh! –

KURTISANE.

Gebt mir den Ring, den Ihr bei Tisch mir nahmt

Oder vertauscht die Kette für den Demant;

Dann geh' ich fort und fall' Euch nicht zur Last.

DROMIO VON SYRAKUS.

Sonst fodern Teufel wohl ein Stückchen Nagel,

Ein Haar, 'nen Strohhalm, Tropfen Blut, 'ne Nadel,

'ne Nuß, 'nen Kirschkern; aber die ist geiz'ger,

Die will 'ne Kette.

Nehmt Euch in acht; wenn Ihr die Kette gebt,

So klirrt der Teufel und erschreckt uns, Herr.

KURTISANE.

Ich bitt' Euch, gebt den Ring, wo nicht die Kette;

Das wär' zu viel: erst Raub und dann noch Hohn!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Hebe dich weg, du Kobold! Fort, Dromio, fort, mein Sohn! –

DROMIO VON SYRAKUS.

Laß ab vom Stolz, so schreit der Pfau; nicht wahr, das wißt Ihr schon?

Antipholus und Dromio gehn ab.

KURTISANE.

Nun, ganz gewiß, Antipholus ist toll,

Sonst würd' er so verrückt sich nicht gebärden;

Er nahm 'nen Ring, vierzig Dukaten wert,

Und dafür bot er mir 'ne goldne Kette;

Doch beides will er jetzo mir verleugnen.

Woraus ich schon den Wahnsinn erst erriet

(Auch ohne seine jetz'ge Raserei),

War tolles Zeug: daß er bei Tisch erzählte,

Wie man die eigne Tür vor ihm verschlossen.

Ich denke wohl, die Frau kennt diese Schauer

Und schloß mit Fleiß das Tor ihm, als er kam.

Am besten wär's, gleich ging' ich in sein Haus

Und sagte seiner Frau, wie er im Fieber

Zu mir hineindrang und mir mit Gewalt

Den Ring entwandt: das wird das Klügste sein; –

Vierzig Dukaten büßt man ungern ein.

Ab.

Vierte Szene

Andre Straße.

Antipholus von Ephesus und der Schließer treten auf.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Sei unbesorgt, mein Freund, ich flüchte nicht:

Ich schaff' dir, eh' ich geh', die ganze Summe

Und kaufe so mich los von dem Verhaft.

Mein Weib ist heut in wunderlicher Laune

Und glaubt gewiß dem Boten nicht so leicht,

Daß ich gefangen sei in Ephesus;

Ich weiß, sie wird dem eignen Ohr nicht traun!

Dromio von Ephesus kommt mit einem Strick.

Hier kommt mein Bursch; ich denk', er hat das Geld. –

Nun, Freund? Bringst du mir mit, wonach ich schickte?

DROMIO VON EPHESUS.

Hier hab' ich bare Zahlung für sie alle.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Allein, wo ist das Geld?

DROMIO VON EPHESUS.

Ei, Herr, das Geld bezahlt' ich für den Strick.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Fünfhundert Stück Dukaten für 'nen Strick?

DROMIO VON EPHESUS.

Wenn Ihr's verlangt, ich schaff' Euch noch fünfhundert.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Zu welchem Ende schickt' ich dich nach Haus?

DROMIO VON EPHESUS. Zu des Stricks Ende, Herr, und zu dem Ende bin ich wieder da.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Und zu dem Ende, Herr, nehmt diesen Willkomm.

Er schlägt Dromio.

SCHLIESSER. Lieber Herr, seid geduldig!

DROMIO VON EPHESUS. Nein, an mir ist's, geduldig zu sein; ich bin in Trübsal.

SCHLIESSER. Mein Sohn, halt' dein Maul!

DROMIO VON EPHESUS. Nein, verlangt lieber, daß er seine Hände halte.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS. Du nichtsnutziger, fühlloser Schlingel!

DROMIO VON EPHESUS. Ich wollt', ich wäre fühllos, Herr, so täten mir Eure Schläge nichts.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS. Du hast nur Gefühl für Schläge, wie ein Esel.

DROMIO VON EPHESUS. Jawohl, ein Esel; so lang werdet Ihr mir die Ohren noch ziehen. – Ich habe ihm von der Stunde meiner Geburt an bis auf diesen Augenblick gedient, und habe nie etwas davon gehabt, als Schläge. Wenn mich friert, so heizt er mir ein mit Schlägen; wenn ich heiß bin, so kühlt er mich ab mit Schlägen; ich werde damit geweckt, wenn ich schlafe, auf die Beine gebracht, wenn ich sitze, aus der Tür gejagt, wenn ich ausgehe, bewillkommt, wenn ich zu Haus komme; ja wahrhaftig, ich trage sie auf der Schulter, wie die Bettlerin ihren Balg, und ich denke, wenn er mich erst lahm geprügelt hat, werde ich von Tür zu Tür damit betteln gehn.

Adriana, Luciana, die Kurtisane, Zwick der Schulmeister und Bediente kommen.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

So folgt mir nur, denn dort kommt meine Frau.

DROMIO VON EPHESUS. Frau, respice finem; gedenkt ans Ende, oder vielmehr, wie der Prophet spricht und der Papagei sagt: Hütet Euch vor des Stricks Ende.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Wann wirst du schweigen, Kerl?

Schlägt ihn.

KURTISANE.

Was sagt Ihr nun? Nicht wahr, Eu'r Mann ist toll?

ADRIANA.

Nach seinem rauhen Wesen glaub' ich's fast.

Herr Doktor Zwick, Ihr seid ja ein Beschwörer:

Ich bitt' Euch, bringt ihn wieder zu Verstand,

Ich will Euch zahlen, was Ihr nur begehrt.

LUCIANA.

O Himmel! Wie er wild und grimmig blickt!

KURTISANE.

Seht, wie er zittert; recht wie ein Beseßner! –

ZWICK.

Gebt mir die Hand, laßt mich den Puls Euch fühlen!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Da ist die Hand, laßt Euer Ohr mich fühlen!

ZWICK.

Du Satan, der in diesem Manne wohnt,

Gib dich gefangen meinem frommen Spruch

Und kehr' zurück ins Reich der Finsternis!

Bei allen Heiligen beschwör' ich dich! –

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Blödsinn'ger Fas'ler, schweig'! Ich bin nicht toll.

ADRIANA.

Ach, wär'st du's nicht, du arme kranke Seele!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Sag, Schätzchen, sag: sind das die werten Freunde?

Die safrangelbe Fratze, schmauste sie

Und zecht' an meinem Tische heut bei dir,

Indes sich mir die sünd'ge Pforte schloß

Und mir das eigne Haus verweigert ward?

ADRIANA.

Gott weiß, zu Haus ja speistest du, mein Teurer,

Und wär'st du doch bis jetzt bei mir geblieben,

Frei von dem Schimpf und von dem Stadtgerede!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Zu Haus gespeist? Du Schurke, rede du!

DROMIO VON EPHESUS.

Herr, grad' heraus, Ihr speistet nicht zu Haus.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

War nicht die Türe zu? ich ausgesperrt?

DROMIO VON EPHESUS.

Mein' Seel', die Tür war zu, Ihr ausgesperrt.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Und hat sie selbst nicht schimpflich mir begegnet?

DROMIO VON EPHESUS.

Wahrhaftig, schimpflich hat sie Euch begegnet.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Schalt, höhnt' und zankte nicht die Küchenmagd?

DROMIO VON EPHESUS.

Weiß Gott, das Küchenfräulein zankt' Euch aus.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Und ging ich nicht in größter Wut von dannen?

DROMIO VON EPHESUS.

Ja, das ist wahr; mein Rücken kann's bezeugen;

Er trägt die Spuren Eurer kräft'gen Wut.

ADRIANA.

Ist's gut, ihm in dem Unsinn recht zu geben?

ZWICK.

Nicht übel; nein! Der Bursch merkt, wo's ihm fehlt:

Stets sagt er ja und fügt sich seinem Rasen.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Dem Goldschmied gabst du's an, mich zu verhaften! –

ADRIANA.

O Gott, ich schickte Geld, dich zu befrein,

Durch Dromio hier, der eilig deshalb kam.

DROMIO VON EPHESUS.

Was? Geld durch mich? Vielleicht wohl in Gedanken;

Doch Geld, mein' Seel'! empfing ich keinen Heller.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Gingst du nicht hin, die Börse Gold zu holen?

ADRIANA.

Er kam zu mir, ich gab sie ihm sogleich.

LUCIANA.

Und ich bin Zeuge, daß er sie bekam.

DROMIO VON EPHESUS.

Gott und der Seiler können mir's bezeugen:

Ich ward nur ausgeschickt nach einem Strick!

ZWICK.

Frau! Herr und Diener, beide sind besessen,

Ich seh's an ihrem bleichen, stieren Blick:

Man bind' und führ' sie in ein dunkles Loch!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Sprich! warum hast du heut mich ausgesperrt?

Zu Dromio.

Und weshalb leugnest du den Beutel Gold?

ADRIANA.

Mein teurer Mann, ich sperrte dich nicht aus! –

DROMIO VON EPHESUS.

Und ich, mein teurer Herr, empfing kein Gold; –

Doch das bekenn' ich, Herr, man sperrt' uns aus.

ADRIANA.

Du heuchlerischer Schuft, das lügst du beides!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Du freche Heuchlerin, du lügst in allem

Und bist verschworen mit verruchtem Volk,

Ehrlosen Spott und Schimpf mir anzutun!

Ausreißen will ich dir die falschen Augen,

Die ihre Lust an meiner Schande sehn! –

Mehrere Diener kommen und wollen Hand an ihn legen; er sträubt sich.

ADRIANA.

Oh, bind't ihn, bind't ihn! Laßt ihn nicht heran! –

ZWICK.

Mehr Leute her! Der Feind ist stark in ihm!

LUCIANA.

Ach, armer Mann! wie krank und bleich er sieht!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Wollt ihr mich morden? Schließer, dir gehör' ich,

Als dein Gefangner: leid'st du, daß sie mich

Von hier entführen?

SCHLIESSER.

Leute, laßt ihn gehn;

's ist ein Gefangner, ihr bekommt ihn nicht.

ZWICK.

Bindet mir den, denn der ist auch verrückt.

ADRIANA.

Was willst du tun, du unverständ'ger Schließer?

Macht dir's Vergnügen, wenn ein armer Kranker

Sich selber in Verdruß und Unglück bringt?

SCHLIESSER.

's ist mein Gefangner; ließ' ich jetzt ihn los,

So müßt' ich Bürge sein für seine Schuld.

ADRIANA.

Die will ich tilgen, eh' ich von dir geh'.

Bring' mich von hier zu seinem Gläubiger,

Und weiß ich nur der Schuld Belauf, so zahl' ich.

Antipholus und Dromio werden gebunden.

Mein werter Doktor, schafft in Sicherheit

Ihn in mein Haus; o unglücksel'ger Tag!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

O unglücksel'ges, freches Weib! –

DROMIO VON EPHESUS.

Herr, Eurethalb bin ich in Banden hier.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Zum Teufel, Kerl! Willst du mich rasend machen?

DROMIO VON EPHESUS.

Wollt Ihr für nichts gebunden sein? So rast doch,

Und flucht bei Höll' und Teufel, lieber Herr!

LUCIANA.

Gott helf' euch Armen! Was für Zeug sie faseln!

ADRIANA.

Geht, bringt sie fort; du, Schwester, komm mit mir!

Zwick, Antipholus, Dromio und Bediente ab.

Nun sprich! Auf wessen Klag' ist er verhaftet?

SCHLIESSER.

Des Goldschmieds Angelo; kennt Ihr ihn nicht?

ADRIANA.

Ich kenn' ihn. Welche Summ' ist er ihm schuldig?

SCHLIESSER.

Zweihundert Stück Dukaten.

ADRIANA.

Und wofür?

SCHLIESSER.

Für eine Kette, die Eu'r Mann empfing.

ADRIANA.

Die hatt' er mir bestellt, doch nicht erhalten.

KURTISANE.

Nun seht: als Euer Mann, ganz wütig, heut

Zu mir ins Haus lief und den Ring mir nahm

(Ich sah den Ring noch jetzt an seiner Hand),

Gleich drauf begegnet' ich ihm mit der Kette.

ADRIANA.

Das kann wohl sein, allein ich sah sie nicht.

Kommt, Schließer, zeigt mir, wo der Goldschmied wohnt:

Genau erführ' ich gern, wie sich's verhält.

Antipholus von Syrakus kommt mit gezognem Degen; ihm folgt Dromio von Syrakus.

LUCIANA.

Gott sei uns gnädig; sie sind wieder los!

ADRIANA.

Und gar mit bloßem Degen! Ruf' nach Hülfe,

Daß man sie wieder binde!

SCHLIESSER.

Lauft, lauft, sie stechen uns tot!

Sie entfliehn eilig.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Ich seh', die Hexen fürchten blanke Degen!

DROMIO VON SYRAKUS.

Die Eure Frau will sein, lief nun vor Euch!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Komm zum Zentauren; schaff' die Sachen weg!

Und wären wir doch sicher erst am Bord! –

DROMIO VON SYRAKUS. Wahrhaftig, Ihr solltet die Nacht noch hier bleiben, sie werden uns nichts antun. Ihr seht, sie geben uns noch gute Worte und bringen uns Gold; mich dünkt, es ist eine so liebe Nation, daß, wäre nicht jener Berg von tollem Fleisch, der mich zur Ehe verlangt, ich könnte es übers Herz bringen, immer hier zu bleiben und unter die Hexen zu gehn.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Nicht um die ganze Stadt bleib' ich die Nacht;

Drum fort, und schaff' die Sachen schnell an Bord!

Sie gehn ab.

Fünfter Aufzug
Erste Szene

Straße.

Der Kaufmann und Angelo treten auf.

ANGELO.

Es tut mir leid, daß ich Euch aufgehalten,

Doch auf mein Ehrenwort, die Kett' empfing er,

Obgleich er mir's recht schändlich abgeleugnet.

KAUFMANN.

Was hat der Mann für Ruf an diesem Ort?

ANGELO.

Den besten, Herr; von unbescholtnem Leumund;

Unendlich sein Kredit; er selbst beliebt,

Und gilt als erster Bürger dieser Stadt;

Ein Wort von ihm wiegt mehr als all mein Gut.

KAUFMANN.

Sprecht leise: denn mich dünkt, ich seh' ihn kommen.

Antipholus von Syrakus und Dromio von Syrakus kommen.

ANGELO.

Er ist's, und trägt dieselbe Kett' am Hals,

Die er vorhin so unerhört verschwur.

Kommt näher, lieber Herr, – ich red' ihn an! –

– Signor Antipholus, mich wundert sehr,

Daß Ihr den Schimpf mir und die Unruh' macht

Und (nicht ohn' ein'gen Makel für Euch selbst)

Umständlich und auf Euren Eid verleugnet

Die Kette, die Ihr jetzt so offen tragt.

Denn, abgesehn von Klage, Schimpf und Haft,

Bringt Ihr in Schaden meinen würd'gen Freund,

Der, hätt' ihn unser Streit nicht aufgehalten,

Auf seinem Schiff jetzt unter Segel wär'.

Von mir habt Ihr die Kette; könnt Ihr's leugnen?

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Mich dünkt, von Euch; noch hab' ich's nie geleugnet.

KAUFMANN.

O ja, Ihr tatet's, Herr, und schwurt sogar!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Wer hörte mich das leugnen und verschwören?

KAUFMANN.

Mit diesen Ohren, weißt du, hört' ich's selbst.

Schäm' dich, Elender! daß du lebst und wandelst,

Wo Männer dir von Ehre je begegnen!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Du bist ein Schurke, klagst du so mich an;

Ich will dir meine Ehr' und Redlichkeit

Sogleich beweisen, wagst du's, mir zu stehn.

KAUFMANN.

Ich wag's und fodre dich als einen Schurken.

Sie ziehen.

Adriana, Luciana, die Kurtisane und Diener kommen.

ADRIANA.

Halt! Tut ihm nichts! Um Gott, er ist verrückt;

Führt ihn von hier, nehmt ihm den Degen weg;

Auch Dromio bindet; bringt sie in mein Haus!

DROMIO VON SYRAKUS.

Lauft, Herr, um Gottes willen! Sucht ein Haus;

Hier ist ein Kloster; fort! Sonst fängt man uns.

Antipholus und Dromio flüchten sich in die Abtei.

Die Äbtissin tritt auf.

ÄBTISSIN.

Seid ruhig, Leute; welch Gedräng' ist hier?

ADRIANA.

Ich will zu meinem armen tollen Mann;

Laßt uns hinein, damit wir fest ihn binden

Und führen ihn nach Haus, daß er genese.

ANGELO.

Ich dacht' es gleich, er sei nicht recht bei Sinnen!

KAUFMANN.

Nun tut's mir leid, daß ich den Degen zog.

ÄBTISSIN.

Seit wann befiel der Wahnsinn diesen Mann?

ADRIANA.

Die letzte Woche war er trüb und still

Und finster, ganz ein andrer Mann wie sonst;

Doch erst heut nachmittag ist seine Krankheit

Zu diesem höchsten Grad von Wut gesteigert.

ÄBTISSIN.

Verlor er große Güter auf der See?

Begrub er einen Freund? Hat wohl sein Auge

Sein Herz betört zu unerlaubter Liebe?

Der Sünde sind viel junge Männer schuldig,

Die ihrem Blick zu große Freiheit lassen.

An welcher dieser Sorgen liegt er krank? –

ADRIANA.

An keiner, wenn es nicht die letzte ist;

Ein Liebchen wohl hat ihm sein Haus verleidet.

ÄBTISSIN.

Das hättet Ihr ihm dann verweisen sollen.

ADRIANA.

Das tat ich auch.

ÄBTISSIN.

Doch wohl nicht scharf genug.

ADRIANA.

So scharf, als mir's Bescheidenheit erlaubte.

ÄBTISSIN.

Vielleicht geheim nur?

ADRIANA.

In Gesellschaft auch.

ÄBTISSIN.

Ja, doch nicht oft genug?

ADRIANA.

Es war der Inhalt jeglichen Gesprächs.

Im Bette schlief er nicht vor meinem Mahnen;

Am Tische aß er nicht vor meinem Mahnen;

Allein wählt' ich's zum Text für meine Rede,

Und in Gesellschaft spielt' ich darauf an;

Stets sagt' ich ihm, es sei gemein und schändlich.

ÄBTISSIN.

Und deshalb fiel der Mann in Wahnsinn endlich.

Das gift'ge Schrei'n der eifersücht'gen Frau

Wirkt tödlicher als tollen Hundes Zahn.

Es scheint, dein Zanken hindert' ihn am Schlaf,

Und daher kam's, daß ihm der Sinn verdüstert.

Du sagst, sein Mahl ward ihm durch Schmähn verwürzt:

Unruhig Essen gibt ein schlecht Verdaun,

Daher entstand des Fiebers heiße Glut;

Und was ist Fieber, als ein Wahnsinnschauer?

Du sagst, dein Toben störte seine Lust:

Wo süß Erholen mangelt, was kann folgen,

Als trübe Schwermut und Melancholie,

Der grimmigen Verzweiflung nah verwandt?

Und hintendrein zahllos ein siecher Schwarm

Von bleichen Übeln und des Lebens Mördern?

Das Mahl, den Scherz, den süßen Schlummer wehren,

Verwirrt den Geist und muß den Sinn zerstören;

Und hieraus folgt: durch deine Eifersucht

Ward dein Gemahl von Tollheit heimgesucht. –

LUCIANA.

Wenn sie ihn schalt, so war es mild und freundlich,

Doch er erwies sich heftig, rauh und feindlich.

Hörst du den Tadel ruhig an und schweigst?

ADRIANA.

Sie weckt mir des Gewissens eigne Stimme!

Jetzt, Freunde, geht hinein, legt Hand an ihn!

ÄBTISSIN.

Nein, keine Seele darf mein Haus betreten.

ADRIANA.

So schickt durch Diener meinen Mann heraus!

ÄBTISSIN.

Er suchte Schutz in diesem Heiligtum,

Und schirmen soll es ihn vor euern Händen,

Bis ich ihn wieder zur Vernunft gebracht,

Wenn nicht vergeblich alle Mühe bleibt.

ADRIANA.

Ich pflege meinen Mann und steh' ihm bei

Als Krankenwärterin, das ist mein Amt;

Und keinen Anwalt duld' ich, als mich selbst,

Und deshalb soll er mir nach Hause folgen.

ÄBTISSIN.

Gib dich zur Ruh', denn ich entlass' ihn nicht,

Bis ich versucht die oft erprobten Mittel,

Heilkräft'gen Balsam, Tränke, fromm Gebet,

Zur Manneswürd' ihn wieder herzustellen.

Es ist ein Tun, das mein Gelübde heischt,

Ein Liebeswerk, das meines Ordens Pflicht.

Drum geh nur heim und laß ihn hier zurück!

ADRIANA.

Ich will nicht fort und meinen Mann Euch lassen,

Und wenig ziemt sich's Eurer Heiligkeit,

Den Gatten so von seiner Frau zu trennen.

ÄBTISSIN.

Sei still und geh von hier; ich geb' ihn nicht.

Äbtissin geht ab.

LUCIANA.

Dem Herzog klage, wie man hier dich kränkt!

ADRIANA.

Komm mit, ich will mich ihm zu Füßen werfen

Und nicht aufstehn, bis ich mit Flehn und Tränen

Den Herzog rühre, daß er selber komme

Und der Äbtissin meinen Mann entreiße.

KAUFMANN.

Der Zeiger, denk' ich, weist jetzt grad' auf fünf;

Und sicher kommt der Fürst alsbald hieher,

Den Weg zu jenem melanchol'schen Tal,

Dem Platz des Tods und ernsten Hochgerichts,

Der hinter dieses Klosters Gräben liegt.

ANGELO.

Und weshalb kommt er?

KAUFMANN.

Um einen würd'gen Syrakuser Kaufmann,

Der wider dieser Stadt Gesetz und Recht

Zu seinem Unglück in den Hafen lief,

Vor allem Volk enthaupten hier zu sehn.

ANGELO.

O still, sie kommen; schaun wir seinen Tod!

LUCIANA.

Knie vor dem Herzog, eh' er weiter geht! –

Der Herzog tritt auf; ihm folgen Ägeon mit bloßem Haupte, der Scharfrichter und Gerichtsdiener.

HERZOG.

Noch einmal macht es öffentlich bekannt:

Wenn hier ein Freund die Summe zahlen will,

So sterb' er nicht; mehr können wir nicht tun.

ADRIANA.

Gerechtigkeit,

Erhabner Herzog, gegen die Äbtissin!

HERZOG.

Sie ist 'ne würd'ge, tugendhafte Dame,

Unmöglich hat sie je dein Recht gekränkt. –

ADRIANA.

Erlaubt, o Herr, Antipholus, mein Gatte,

Gebieter über mich und all mein Gut

(Nach Eurem Brief und Siegel), ward heut krank

(O Tag des Wehs!) an höchst unbänd'gem Wahnsinn;

So, daß er rasend durch die Straßen lief,

Mit ihm sein Diener, wie er selbst verrückt,

Und viele Bürger dieser Stadt verletzte,

In ihre Häuser dringend, Gold und Ringe,

Und was nur seiner Wut gefiel, sich raubend.

Schon einmal sandt' ich ihn gebunden heim

Und ging umher, den Schaden zu vergüten,

Den hier und dort sein Wahnsinn angerichtet.

Drauf – Gott mag wissen, wer ihm half zur Flucht –

Entsprang er denen, die ihn hüteten.

Die beiden nun, er und sein toller Knecht,

Im stärksten Anfall und mit bloßem Schwert

Begegnen uns aufs neu'; wir müssen weichen

Vor ihrer Tobsucht, bis wir Hülfe finden,

Sie abermals zu fesseln; hierauf fliehn sie

In dieses Kloster, und wir folgen nach; –

Und nun schließt die Äbtissin uns die Pforte

Und will uns nicht gestatten, ihn zu holen,

Noch selbst ihn senden, um ihn heim zu schaffen.

Deshalb, o edler Herzog, gib Befehl,

Ihn auszuliefern, daß ihm Hülfe werde!

HERZOG.

Schon lange diente mir dein Mann im Krieg,

Und ich versprach dir auf mein fürstlich Wort,

Als du zu deines Bettes Herrn ihn wähltest,

Ihm alle Huld und Liebe zu erweisen.

Geh wer von euch, klopf' an das Klostertor

Und ruf' die Frau Äbtissin zu mir her;

Ich will die Sach' entscheiden, eh' ich gehe.

Ein Diener kommt.

DIENER.

Ach, gnäd'ge Frau, eilt fort und rettet Euch!

Denn Herr und Knecht sind wieder losgebrochen;

Die Mägde alle nach der Reih' geprügelt,

Der Doktor festgebunden, und sein Bart

Mit Feuerbränden schmählich abgesengt;

So oft erflammte, gossen sie aus Eimern'

Schlammwasser drüber hin, das Haar zu löschen.

Jetzt predigt ihm mein Herr Geduld, indes

Der Bursch wie einem Narr'n den Kopf ihm schert;

Und wahrlich, schickt Ihr Hülfe nicht sogleich,

Die beiden bringen Euch den Zaubrer um.

ADRIANA.

Schweig', Narr, dein Herr so wie sein Bursch sind hier,

Und alles ist erlogen, was du sprichst.

DIENER.

Bei meinem Leben, Frau, ich rede wahr;

Ich habe kaum geatmet, seit ich's sah!

Er ruft nach Euch und schwört, wenn er Euch greift,

Er seng' Euch das Gesicht und zeichn' es schlimm.

Lärm hinter der Szene.

Horcht! Horcht! Ich hör' ihn, Frau; entflieht nur schnell!

HERZOG.

Kommt her, seid furchtlos; stellt euch, Hellebarden!

ADRIANA.

O Gott! es ist mein Mann! Ihr alle zeugt,

Er ist unsichtbar durch die Luft geführt;

Noch eben hielt das Kloster ihn verwahrt,

Nun ist er hier, und kein Verstand begreift's.

Antipholus von Ephesus und Dromio von Ephesus treten auf.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Gerechtigkeit! –

Mein gnäd'ger Herzog, o Gerechtigkeit!

Um jenen Dienst, den ich dir vormals tat,

Als in der Schlacht ich über dich mich stellte

Und tiefe Wunden deinethalb empfing, –

Des Blutes halb, das ich für dich vergoß,

Gewähre jetzo mir Gerechtigkeit!

ÄGEON.

Wenn Todesfurcht mich nicht betört, sind dies

Mein Sohn Antipholus und Dromio!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Gerechtigkeit,

Mein teuer Fürst, hier gegen dieses Weib,

Die du mir selbst gegeben hast zur Frau,

Sie hat mir Schmach erzeigt und Spott und Haß,

Bis zu der Kränkung höchstem Übermaß;

Ja, allen Glauben übersteigt der Schimpf,

Den sie mir heut so schamlos angetan.

HERZOG.

Entdeck' ihn mir: du sollst gerecht mich finden.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Heut, großer Fürst, schloß sie das Haus mir zu,

Indes sie mit Gesindel drinnen schmauste.

HERZOG.

Ein schwer Vergehn! Frau, hast du das getan?

ADRIANA.

Nein, edler Herr! Ich, er und meine Schwester,

Wir aßen heut zusammen; ich will sterben,

Wenn das nicht falsch ist, wes er mich beschuldigt.

LUCIANA.

Nie will ich sehn den Tag, noch ruhn die Nacht,

Sagt sie Euch schlichte Wahrheit nicht, mein Fürst.

ANGELO.

O falsche Weiber! Beide schwören Meineid,

Denn hierin klagt der Tolle ganz mit Recht.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Mein Fürst, ich weiß genau, was ich Euch sage;

Nicht bin ich durch des Weines Glut verstört,

Noch wild im Kopf, durch heft'gen Zorn gereizt,

Obgleich so großer Schimpf auch Weisre törte.

Dies Weib da schloß mich aus vom Mittagsmahl;

Der Goldschmied, ständ' er nicht mit ihr im Bund,

Könnt' es bezeugen, denn er war dabei

Und ging dann, eine Kette mir zu holen,

Wo Balthasar und ich zusammen aßen.

Als wir gespeist und er nicht wieder kam,

Sucht' ich ihn auf; ich traf ihn auf der Straße

Und in Gesellschaft jenes andern Herrn.

Hier schwur der tück'sche Goldschmied hoch und teuer,

Daß ich indes die Kette schon empfangen,

Die ich, Gott weiß? noch nie gesehn; deshalb

Ließ er durch einen Häscher mich verhaften.

Ich schwieg und sandte meinen Burschen heim

Nach barem Geld; allein er brachte nichts.

Drauf redet' ich dem Häscher freundlich zu,

Mich selber zu begleiten in mein Haus;

Da traf ich unterwegs

Mein Weib, die Schwester und ein ganzes Pack

Von mitverschwornem Volk! Mit diesem war

Ein Meister Zwick, ein blasser Hungerleider,

Ein wahres Beingeripp', ein Scharlatan,

Ein Taschenspieler, schäb'ger Glücksprophet,

Hohläug'ger Schlucker mit gespenst'gem Blick

Wie ein lebendig Toter; dieser Unhold,

Er denkt doch! spielte den Beschwörer nun:

Sah mir ins Auge, fühlte mir den Puls,

Rief geisterbleich, ich sei von Geistern selbst

Und bösem Spuk besessen; – darauf fiel

Der Schwarm mich an, band mich und riß mich fort,

Und in ein finstres, dumpfes Loch des Hauses

Warf man uns beide, mich und ihn, gebunden,

Bis ich, das Band zernagend mit den Zähnen,

In Freiheit kam und augenblicks hieher

Zu Eurer Hoheit lief. Nun fleh' ich Euch,

Mir völlige Vergeltung zu gewähren

Für diese Kränkung und unwürd'ge Schmach.

ANGELO.

Mein Fürst, fürwahr, so weit bezeug' ich's ihm,

Er speiste nicht zu Haus, man sperrt' ihn aus.

HERZOG.

Doch, gabst du ihm die Kette, oder nicht?

ANGELO.

Ich gab sie ihm; und als er hier hinein lief,

Sah'n alle noch die Kett' an seinem Hals.

KAUFMANN.

Zudem versichr' ich: hier mit eignen Ohren

Hört' ich Euch eingestehn der Kett' Empfang,

Nachdem Ihr's auf dem Markt erst abgeleugnet,

Und deshalb zog ich gegen Euch den Degen.

Darauf verbargt Ihr Euch in der Abtei,

Aus der Ihr, scheint mir's, durch ein Wunder kamt.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Niemals betrat ich diesen Klosterhof,

Noch zogst du je den Degen gegen mich.

Die Kette sah ich nie, so helf' mir Gott!

Und falsch ist alles, des ihr mich beschuldigt.

HERZOG.

Ei, was ist dies für ein verwirrter Handel!

Ich glaub', ihr alle trankt aus Circes Becher.

Verschloßt ihr ihn im Kloster, wär' er drin;

Wär' er verrückt, er spräche nicht so ruhig;

Ihr sagt, er aß daheim; der Goldschmied hier

Spricht dem entgegen: – Bursche, was sagst du?

DROMIO VON EPHESUS.

Mein Fürst, er aß mit der im Stachelschwein.

KURTISANE.

Er tat's und riß vom Finger mir den Ring.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

's ist wahr, mein Fürst, ich hab' den Ring von ihr.

HERZOG.

Sahst du's mit an, wie er ins Kloster ging?

KURTISANE.

Ja, Herr, so wahr ich Eure Hoheit sehe.

HERZOG.

Nun, das ist seltsam! Ruft mir die Äbtissin;

Ihr alle seid verwirrt, wo nicht verrückt.

Einer von des Herzogs Gefolge geht in die Abtei.

ÄGEON.

Erhabner Herzog, gönnt mir jetzt ein Wort!

Ich fand zum Glück den Freund, der mich erlöst

Und zahlt die Summe, die mir Freiheit schafft.

HERZOG.

Sprich offen, Syrakuser, was du willst.

ÄGEON.

Herr, ist Eu'r Name nicht Antipholus?

Heißt dieser Sklav', an Euern Dienst gebunden,

Nicht Dromio?

DROMIO VON EPHESUS.

Ja, gewiß, ich war gebunden:

Allein Gott Lob! er biß das Band entzwei;

Nun bin ich Dromio, sein entbundner Diener.

ÄGEON.

Ich weiß, ihr beid' erinnert euch noch mein!

DROMIO VON EPHESUS.

An uns sind wir durch Euch erinnert, Herr,

Denn jüngst noch waren wir gleich Euch gebunden.

Hat Zwick Euch in der Kur? Ich will nicht hoffen.

ÄGEON.

Was tut Ihr denn so fremd? Ihr kennt mich wohl!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Ich sah Euch nie im Leben, Herr, bis jetzt.

ÄGEON.

Oh! Gram hat mich gewelkt, seit Ihr mich saht,

Und Sorg' und die entstell'nde Hand der Zeit

Schrieb fremde Furchen in mein Angesicht.

Doch sag mir, kennst du meine Stimme nicht?

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Auch diese nicht.

ÄGEON.

Du auch nicht, Dromio?

DROMIO VON EPHESUS.

Nein, in der Tat nicht, Herr.

ÄGEON.

Ich weiß, du kennst sie.

DROMIO VON EPHESUS.

Ich, Herr? Ich weiß gewiß, ich kenne

Euch nicht. Und was jemand auch immer leugnen mag,

Ihr seid jetzt verbunden, ihm zu glauben.

ÄGEON.

Auch nicht die Stimm'? O Allgewalt der Zeit!

Lähmst und entnervst du so die arme Zunge

In sieben kurzen Jahren, daß mein Sohn

Nicht meines Grams verstimmten Laut mehr kennt?

Ward gleich mein runzlig Angesicht umhüllt

Vom flock'gen Schnee des saftverzehr'nden Winters;

Erstarrten gleich die Adern meines Bluts,

Doch hat die Nacht des Lebens noch Gedächtnis,

Mein fast erloschnes Licht noch matten Schein,

Mein halbbetäubtes Ohr vernimmt noch Töne,

Und all die alten Zeugen trügen nicht

Und nennen dich mein Kind Antipholus!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Nie sah ich meinen Vater, seit ich lebe!

ÄGEON.

Du weißt doch, Sohn, es sind jetzt sieben Jahr

Seit du wegzogst von Syrakus; vielleicht

Schämst du dich, mich im Elend zu erkennen?

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Der Herzog, und wer in der Stadt mich kennt,

Kann mir bestät'gen, daß es so nicht ist;

Nie sah ich Syrakus in meinem Leben.

HERZOG.

Ich sag' dir, Syrakuser, zwanzig Jahr

Lebt' unter meinem Schutz Antipholus

Und war seitdem noch nie in Syrakus;

Dich macht Gefahr und Alter, scheint mir, kindisch.

Die Äbtissin kommt mit Antipholus von Syrakus und Dromio von Syrakus.

ÄBTISSIN.

Mein Fürst, viel Unrecht tat man diesem Mann.

Alle drängen sich, ihn zu sehen.

ADRIANA.

Zwei Gatten seh' ich, täuscht mich nicht mein Auge!

HERZOG.

Der eine ist des andern Genius;

Doch nun, wer ist von beiden echter Mensch

Und wer Erscheinung? Wer entziffert sie?

DROMIO VON SYRAKUS.

Ich, Herr, bin Dromio; heißt mir diesen gehn!

DROMIO VON EPHESUS.

Ich, Herr, bin Dromio; bitt' Euch, laßt mich stehn!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Seh' ich Ägeon? oder seinen Geist?

DROMIO VON SYRAKUS.

Mein alter Herr? Wer hat Euch hier gebunden?

ÄBTISSIN.

Wer ihn auch band, die Bande lös' ich jetzt,

Und seine Freiheit schafft mir einen Gatten.

Sprich, Greis Ägeon, wenn du's selber bist,

War nicht Ämilie deine Gattin einst,

Die dir ein schönes Zwillingspaar geschenkt?

Oh, wenn du der Ägeon bist, so sprich,

Und sprich zu ihr, der nämlichen Ämilia!

ÄGEON.

Wenn alles dies kein Traum, bist du Ämilia;

Und wenn du's bist, so sprich: wo ist der Sohn,

Der mit dir schwamm auf jenem leid'gen Floß?

ÄBTISSIN.

Von Epidamnern wurden er und ich

Mit samt dem Zwilling Dromio aufgefangen;

Dann kamen rohe Fischer aus Korinth,

Die meinen Sohn und Dromio mir entführt

Und mich den Epidamner Schiffern ließen. –

Was drauf aus ihnen wurde, weiß ich nicht;

Mir fiel das Los, in dem Ihr jetzt mich seht.

HERZOG.

Das paßt ja zu der Mär von heute morgen!

Die zwei Antipholus, so täuschend gleich,

Und die zwei Dromio, eins dem Ansehn nach;

Dazu der Schiffbruch, dessen sie gedenkt! –

Dies sind die Eltern dieser beiden Söhne,

Die sich durch Zufall endlich wiederfinden.

Antipholus', du kamst ja von Korinth?

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Nein, Herr, ich nicht; ich kam von Syrakus.

HERZOG.

Tritt auf die Seit', ich unterscheid' euch nicht.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Ich war's, der von Korinth kam, gnäd'ger Herr.

DROMIO VON EPHESUS.

Und ich mit ihm.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Hieher geführt vom Herzog Menaphon,

Dem tapfern Helden, Euerm würd'gen Ohm.

ADRIANA.

Wer von euch beiden speiste heut bei mir?

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Ich, werte Frau.

ADRIANA.

Und seid Ihr nicht mein Mann?

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Nicht doch! Da tu' ich Einspruch.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Das tu' ich auch, obgleich Ihr so mich nanntet,

Und dieses schöne Fräulein, Eure Schwester,

Mich Bruder hieß. Was ich Euch da gesagt,

Das hoff' ich alles bald noch gut zu machen,

Wenn nur kein Traum ist, was ich jetzt erlebt.

ANGELO.

Das ist die Kette, Herr, die ich Euch gab!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Ich will's Euch glauben, Herr, ich leugn' es nicht.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Und Ihr, Herr, nahmt mich fest um diese Kette.

ANGELO.

Ich glaub', ich tat es, Herr, ich leugn' es nicht.

ADRIANA.

Ich hatt' Euch Gold geschickt, Euch loszukaufen,

Durch Dromio; doch ich glaub', er bracht' es nicht.

DROMIO VON EPHESUS.

Nein, nichts durch mich.

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Die Börse mit Dukaten kam an mich,

Und Dromio, mein Diener, gab sie mir;

Ich seh', wir trafen stets des andern Diener,

Und mich hielt man für ihn, wie ihn für mich;

Daraus entstanden diese Irrungen.

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Mit diesem Gold erlös' ich meinen Vater.

HERZOG.

Es tut nicht not; dein Vater bleibt am Leben.

KURTISANE.

Herr, meinen Diamant gebt mir zurück!

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Nehmt ihn, und vielen Dank für Eure Mahlzeit!

ÄBTISSIN.

Erhabner Fürst, geruht Euch zu bemühn,

Mit uns in die Abtei hineinzugehn

Und unser ganzes Schicksal zu vernehmen.

Und alle, die ihr hier versammelt seid

Und littet durch die vielverschlungne Irrung

Des einen Tags, Gesellschaft leistet uns,

Und wir versprechen, euch genug zu tun.

Ja, fünfundzwanzig Jahr lag ich in Weh'n

Mit euch, ihr Söhn', und erst in dieser Stunde

Genas ich froh von meiner schweren Bürde. –

Der Fürst, mein Gatte, meine beiden Kinder,

Ihr, die Kalender ihrem Wiegenfeste,

Kommt mit hinein, wir feiern's heut aufs beste;

So eilt nach langem Gram zum Wiegenfeste!

HERZOG.

Gern will ich als Gevatter euch begleiten.

Alle gehn ab; es bleiben die beiden Antipholus und die beiden Dromio.

DROMIO VON SYRAKUS.

Herr, hol' ich Eure Waren aus dem Schiff?

ANTIPHOLUS VON EPHESUS.

Ei, Dromio, was für Waren hab' ich dort?

DROMIO VON SYRAKUS.

Das Gut, das im Zentauren war gelagert!

ANTIPHOLUS VON SYRAKUS.

Er spricht zu mir; ich, Dromio, bin dein Herr.

Komm, geh mit uns, das wird hernach besorgt;

Umarm' den Bruder jetzt und freu' dich sein!

Die beiden Antipholus gehn ab.

DROMIO VON SYRAKUS.

Die dicke Schönheit dort bei deinem Herrn,

Die heute mich am Küchentisch verpflegt,

Wird meine Schwester nun, nicht meine Frau? –

DROMIO VON EPHESUS.

Mich dünkt, du bist mein Spiegel, nicht mein Bruder.

Ich seh' an dir, ich bin ein hübscher Bursch.

Sag, kommst du mit hinein zum Patenschmaus?

DROMIO VON SYRAKUS.

Ich nicht; du bist der Ältste.

DROMIO VON EPHESUS.

Das fragt sich noch; wie führst du den Beweis?

DROMIO VON SYRAKUS.

Wir wollen Halme ziehn ums Seniorat;

Bis dahin geh voran!

DROMIO VON EPHESUS.

Nein; sei's denn so:

Als Bruder und Bruder sah man uns ein in das Leben wandern,

Drum laß uns Hand in Hand auch gehn, nicht einer nach dem andern.

Sie gehn ab.

Ein Sommernachtstraum

Erster Aufzug
Erste Szene

Ein Saal im Palaste des Theseus.

Theseus, Hippolyta, Philostrat und Gefolge treten auf.

THESEUS.

Nun rückt, Hippolyta, die Hochzeitstunde

Mit Eil' heran; vier frohe Tage bringen

Den neuen Mond: doch, o wie langsam nimmt

Der alte ab! Er hält mein Sehnen hin,

Gleich einer Witwe, deren dürres Alter

Von ihres Stiefsohns Renten lange zehrt.

HIPPOLYTA.

Vier Tage tauchen sich ja schnell in Nächte:

Vier Nächte träumen schnell die Zeit hinweg:

Dann soll der Mond, gleich einem Silberbogen

Am Himmel neu gespannt, die Nacht beschaun

Von unserm Fest.

THESEUS.

Geh, Philostrat, berufe

Die junge Welt Athens zu Lustbarkeiten!

Erweck' den raschen leichten Geist der Lust!

Den Gram verweise hin zu Leichenzügen:

Der bleiche Gast geziemt nicht unserm Pomp.

Philostrat ab.

Hippolyta! Ich habe mit dem Schwert

Um dich gebuhlt, durch angetanes Leid

Dein Herz gewonnen; doch ich stimme nun

Aus einem andern Ton, mit Pomp, Triumph,

Bankett und Spielen die Vermählung an.

Egeus, Hermia, Lysander und Demetrius treten auf.

EGEUS.

Dem großen Theseus, unserm Herzog, Heil!

THESEUS.

Mein guter Egeus, Dank! Was bringst du Neues?

EGEUS.

Verdrusses voll erschein' ich und verklage

Mein Kind hier, meine Tochter Hermia. –

Tritt her, Demetrius! – Erlauchter Herr,

Dem da verhieß mein Wort zum Weibe sie.

Tritt her, Lysander! – Und, mein gnäd'ger Fürst,

Der da betörte meines Kindes Herz.

Ja! Du, Lysander, du hast Liebespfänder

Mit ihr getauscht: du stecktest Reim' ihr zu;

Du sangst im Mondlicht unter ihrem Fenster

Mit falscher Stimme Lieder falscher Liebe!

Du stahlst den Abdruck ihrer Phantasie

Mit Flechten deines Haares, buntem Tand,

Mit Ringen, Sträußen, Näschereien (Boten

Von viel Gewicht bei unbefangner Jugend);

Entwandtest meiner Tochter Herz mit List,

Verkehrtest ihren kindlichen Gehorsam

In eigensinn'gen Trotz. – Und nun, mein Fürst,

Verspricht sie hier vor Eurer Hoheit nicht

Sich dem Demetrius zur Eh', so fodr' ich

Das alte Bürgervorrecht von Athen,

Mit ihr, wie sie mein eigen ist, zu schalten.

Dann übergeb' ich diesem Manne sie,

Wo nicht, dem Tode, welchen unverzüglich

In diesem Falle das Gesetz verhängt.

THESEUS.

Was sagt Ihr, Hermia? Laßt Euch raten, Kind!

Der Vater sollte wie ein Gott Euch sein,

Der Euren Reiz gebildet; ja, wie einer,

Dem Ihr nur seid wie ein Gepräg', in Wachs

Von seiner Hand gedrückt, wie's ihm gefällt,

Es stehn zu lassen oder auszulöschen.

Demetrius ist ja ein wackrer Mann.

HERMIA.

Lysander auch.

THESEUS.

An sich betrachtet wohl.

So aber, da des Vaters Stimm' ihm fehlt,

Müßt Ihr für wackrer doch den andern achten.

HERMIA.

O säh' mein Vater nur mit meinen Augen!

THESEUS.

Eu'r Auge muß nach seinem Urteil sehn.

HERMIA.

Ich bitt' Euch, gnäd'ger Fürst, mir zu verzeihn.

Ich weiß nicht, welche Macht mir Kühnheit gibt,

Noch wie es meiner Sittsamkeit geziemt,

In solcher Gegenwart das Wort zu führen;

Doch dürft' ich mich zu fragen unterstehn:

Was ist das Härtste, das mich treffen kann,

Verweigr' ich dem Demetrius die Hand?

THESEUS.

Den Tod zu sterben, oder immerdar

Den Umgang aller Männer abzuschwören.

Drum fraget Eure Wünsche, schönes Kind,

Bedenkt die Jugend, prüfet Euer Blut,

Ob Ihr die Nonnentracht ertragen könnt,

Wenn Ihr der Wahl des Vaters widerstrebt,

Im dumpfen Kloster, ewig eingesperrt,

Als unfruchtbare Schwester zu verharren,

Den keuschen Mond mit matten Hymnen feiernd.

O dreimal selig, die, des Bluts Beherrscher,

So jungfräuliche Pilgerschaft bestehn!

Doch die gepflückte Ros' ist irdischer beglückt,

Als die, am unberührten Dorne welkend,

Wächst, lebt und stirbt in heil'ger Einsamkeit.

HERMIA.

So will ich leben, gnäd'ger Herr, so sterben,

Eh' ich den Freiheitsbrief des Mädchentums

Der Herrschaft dessen überliefern will,

Des unwillkommnem Joche mein Gemüt

Die Huldigung versagt.

THESEUS.

Nehmt Euch Bedenkzeit; auf den nächsten Neumond,

Den Tag, der zwischen mir und meiner Lieben

Den ew'gen Bund der Treu' besiegeln wird,

Auf diesen Tag bereitet Euch, zu sterben

Für Euren Ungehorsam, oder nehmt

Demetrius zum Gatten, oder schwört

Auf ewig an Dianens Weihaltar

Eh'losen Stand und Abgeschiedenheit.

DEMETRIUS.

Gebt, Holde, nach; gib gegen meine Rechte,

Lysander, deinen kahlen Anspruch auf!

LYSANDER.

Demetrius, Ihr habt des Vaters Liebe:

Nehmt ihn zum Weibe; laßt mir Hermia!

EGEUS.

Ganz recht, du Spötter! Meine Liebe hat er;

Was mein ist, wird ihm meine Liebe geben;

Und sie ist mein; und alle meine Rechte

An sie verschreib' ich dem Demetrius.

LYSANDER.

Ich bin, mein Fürst, so edlen Stamms wie er;

So reich an Gut; ich bin an Liebe reicher;

Mein Glücksstand hält die Waag' auf alle Weise

Dem seinigen, wo er nicht überwiegt;

Und (dies gilt mehr als jeder andre Ruhm)

Ich bin es, den die schöne Hermia liebt.

Wie sollt' ich nicht bestehn auf meinem Recht?

Demetrius (ich will's auf seinen Kopf

Beteuern) buhlte sonst um Helena,

Die Tochter Nedars, und gewann ihr Herz;

Und sie, das holde Kind, schwärmt nun für ihn,

Schwärmt andachtsvoll, ja mit Abgötterei,

Für diesen schuld'gen, flatterhaften Mann.

THESEUS.

Ich muß gestehn, daß ich dies auch gehört,

Und mit Demetrius davon zu sprechen

Mir vorgesetzt; nur, da ich überhäuft

Mit eignen Sorgen bin, entfiel es mir.

Doch ihr, Demetrius und Egeus, kommt!

Ihr müßt jetzt mit mir gehn, weil ich mit euch

Verschiednes insgeheim verhandeln will.

Ihr, schöne Hermia, rüstet Euch, dem Sinn

Des Vaters Eure Grillen anzupassen:

Denn sonst bescheidet Euch Athens Gesetz,

Das wir auf keine Weise schmälern können,

Tod, oder ein Gelübd' des led'gen Standes.

Wie geht's, Hippolyta? Kommt, meine Traute!

Ihr, Egeus und Demetrius, geht mit!

Ich hab' euch noch Geschäfte aufzutragen

Für unser Fest; auch muß ich noch mit euch

Von etwas reden, das euch nah betrifft.

EGEUS.

Dienstwillig und mit Freuden folgen wir.

Theseus, Hippolyta, Egeus, Demetrius und Gefolge ab.

LYSANDER.

Nun, liebes Herz? Warum so blaß die Wange?

Wie sind die Rosen dort so schnell verwelkt?

HERMIA.

Vielleicht, weil Regen fehlt, womit gar wohl

Sie mein umwölktes Auge netzen könnte.

LYSANDER.

Weh mir! Nach allem, was ich jemals las

Und jemals hört' in Sagen und Geschichten,

Rann nie der Strom der treuen Liebe sanft;

Denn bald war sie verschieden an Geburt –

HERMIA.

O Qual! zu hoch, vor Niedrigem zu knien!

LYSANDER.

Bald war sie in den Jahren mißgepaart –

HERMIA.

O Schmach! zu alt, mit jung vereint zu sein!

LYSANDER.

Bald hing sie ab von der Verwandten Wahl –

HERMIA.

O Tod! mit fremdem Aug' den Liebsten wählen!

LYSANDER.

Und war auch Sympathie in ihrer Wahl,

So stürmte Krieg, Tod, Krankheit auf sie ein

Und macht' ihr Glück gleich einem Schalle flüchtig,

Wie Schatten wandelbar, wie Träume kurz,

Schnell wie der Blitz, der in geschwärzter Nacht

In einem Winke Himmel und Erd' entfaltet;

Doch eh' ein Mensch vermag zu sagen: »Schaut!«,

Schlingt gierig ihn die Finsternis hinab:

So schnell verdunkelt sich des Glückes Schein.

HERMIA.

Wenn Leid denn immer treue Liebe traf,

So steht es fest im Rate des Geschicks.

Drum laß Geduld uns durch die Prüfung lernen,

Weil Leid der Liebe so geeignet ist

Wie Träume, Seufzer, stille Wünsche, Tränen,

Der armen kranken Leidenschaft Gefolge.

LYSANDER.

Ein guter Glaube! Hör' denn, Hermia!

Es liegt nur sieben Meilen von Athen

Das Haus 'ner alten Witwe, meiner Muhme;

Sie lebt von großen Renten, hat kein Kind,

Und achtet mich wie ihren einz'gen Sohn.

Dort, Holde, darf ich mich mit dir vermählen,

Dorthin verfolgt das grausame Gesetz

Athens uns nicht: liebst du mich denn, so schleiche

Aus deines Vaters Hause morgen nacht,

Und in dem Wald, 'ne Meile von der Stadt,

Wo ich einmal mit Helena dich traf,

Um einen Maienmorgen zu begehn,

Da will ich deiner warten.

HERMIA.

Mein Lysander!

Ich schwör' es dir bei Amors stärkstem Bogen,

Bei seinem besten goldgespitzten Pfeil,

Und bei der Unschuld von Cytherens Tauben;

Bei dem, was Seelen knüpft, in Lieb' und Glauben;

Bei jenem Feu'r, wo Dido einst verbrannt,

Als der Trojaner falsch sich ihr entwandt;

Bei jedem Schwur, den Männer je gebrochen,

Mehr an der Zahl, als Frauen je gesprochen:

Du findest sicher morgen mitternacht

Mich an dem Platz, wo wir es ausgemacht.

LYSANDER.

Halt', Liebe, Wort! Sieh, da kommt Helena.

Helena tritt auf.

HERMIA.

Gott grüß' Euch, schönes Kind! Wohin soll's gehn?

HELENA.

Schön nennt Ihr mich? – Nein, widerruft dies Schön!

Euch liebt Demetrius, beglückte Schöne! –

Ein Angelstern ist Euer Aug'; die Töne

Der Lippe süßer, als der Lerche Lied

Dem Hirten scheint, wenn alles grünt und blüht.

Krankheit steckt an; o tät's Gestalt und Wesen!

Nie wollt' ich, angesteckt von Euch, genesen!

Mein Aug' lieh' Euren Blick, die Zunge lieh'

Von Eurer Zunge Wort und Melodie.

Wär' mein die Welt, ich ließ' damit Euch schalten,

Nur diesen Mann wollt' ich mir vorbehalten.

O lehrt mich, wie Ihr blickt! Durch welche Kunst

Hängt so Demetrius an Eurer Gunst?

HERMIA.

Er liebt mich stets, trotz meinen finstern Mienen.

HELENA.

O lernte das mein Lächeln doch von ihnen!

HERMIA.

Ich fluch' ihm, doch das nährt sein Feuer nur.

HELENA.

Ach, hegte solche Kraft mein Liebesschwur!

HERMIA.

Je mehr gehaßt, je mehr verfolgt er mich.

HELENA.

Je mehr geliebt, je ärger haßt er mich.

HERMIA.

Soll ich denn schuld an seiner Torheit sein?

HELENA.

Nur Eure Schönheit: wär' die Schuld doch mein!

HERMIA.

Getrost! Ich werd' ihm mein Gesicht entziehen.

Lysander wird mit mir von hinnen fliehen.

Von jener Zeit, als ich Lysandern sah,

Wie schien Athen ein Paradies mir da!

Nun denn, wofür sind Reize wohl zu achten,

Die einen Himmel mir zur Hölle machten?

LYSANDER.

Laß, Helena, dir unsern Schluß vertrauen:

Wann morgen Phöbe die begrünten Auen

Mit ihrer Perlen feuchtem Schmuck betaut

Und ihre Stirn im Wellenspiegel schaut,

Wann Still' und Nacht verliebten Raub verhehlen,

Dann wollen wir zum Tor hinaus uns stehlen.

HERMIA.

Und in dem Wald, wo oftmals ich und du

Auf Veilchenbetten pflogen sanfter Ruh',

Wo unsre Herzen schwesterlich einander

Sich öffneten, da trifft mich mein Lysander.

Wir suchen, von Athen hinweggewandt,

Uns neue Freunde dann in fremdem Land.

Leb wohl, Gespielin, bete für uns beide!

Demetrius sei deines Herzens Freude!

Lysander, halte Wort! – Was Lieb' erquickt,

Wird unserm Blick bis morgen nacht entrückt.

Ab.

LYSANDER.

Das will ich! – Lebet wohl nun, Helena!

Der Liebe Lohn sei Eurer Liebe nah!

Ab.

HELENA.

Wie kann das Glück so wunderlich doch schalten!

Ich werde für so schön wie sie gehalten.

Was hilft es mir, solang' Demetrius

Nicht wissen will, was jeder wissen muß?

Wie Wahn ihn zwingt, an Hermias Blick zu hangen,

Vergöttr' ich ihn, von gleichem Wahn befangen.

Dem schlechtsten Ding an Art und an Gehalt

Leiht Liebe dennoch Ansehn und Gestalt.

Sie sieht mit dem Gemüt, nicht mit den Augen,

Und ihr Gemüt kann nie zum Urteil taugen.

Drum nennt man ja den Gott der Liebe blind.

Auch malt man ihn geflügelt und als Kind,

Weil er, von Spiel zu Spielen fortgezogen,

In seiner Wahl so häufig wird betrogen.

Wie Buben oft im Scherze lügen, so

Ist auch Cupido falscher Schwüre froh.

Eh' Hermia meinen Liebsten mußt' entführen,

Ergoß er mir sein Herz in tausend Schwüren;

Doch, kaum erwärmt von jener neuen Glut,

Verrann, versiegte diese wilde Flut.

Jetzt geh' ich, Hermias Flucht ihm mitzuteilen!

Er wird ihr nach zum Walde morgen eilen.

Zwar, wenn er Dank für den Bericht mir weiß,

So kauf' ich ihn um einen teuren Preis.

Doch will ich, mich für meine Müh' zu laben,

Hin und zurück des Holden Anblick haben.

Ab.

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