Kitabı oku: «Der Philosoph»

Yazı tipi:

Wilm Hüffer

Der Philosoph

Roman


© Dittrich Verlag ist ein Imprint

der Velbrück GmbH, Weilerswist-Metternich 2021

ISBN 978-3-947373-75-8

Satz: Gaja Busch, Berlin

Cover: Helmi Schwarz-Seibt, Leverkusen, unter Verwendung eines Hegel-Porträts von Jakob Schlesinger (1931) in einer Bearbeitung von Holger Braune (c/o Rosenfeldt Filmproduktion)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

»Die Philosophen haben die Welt nur verschieden verschont. Es kommt darauf an, sich in ihr zu erkennen.«

Hinrich Giers

Inhalt

Binsenburger Allee

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Fichtenbuckel

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Haus Louisa

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Villa Mögen

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Beim Ochsenheimer

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Grümbels Garten

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Palais Blaich

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Galerie Giers

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Binsenburger Allee
1

Du solltest mich nicht missverstehen: Ich schulde dir nichts. Schon gar nicht diesen Bericht – nach der Katastrophe von Binsenburg. Zwar gäbe es viel zu sagen. Sehr viel. Doch nachdem ich alles gründlich durchgegangen bin – meine sämtlichen Notizen, meine Berichte, meine Aufnahmen –, werde ich mich kurzfassen, nur das Allerwichtigste notieren. Mehr dürftest du von mir kaum verlangen können – nach allem, was geschehen ist. Zu tief sitzen manche der Verletzungen, die du mir zugefügt hast. Ich schreibe lediglich in der Hoffnung, dass du an der eingetretenen Situation noch etwas ändern kannst. Dass du bereit bist, eine gewisse Form der Wiedergutmachung zu leisten. Nicht an mir, wie ich hervorheben möchte (es läge mir vollkommen fern, mich in den Vordergrund drängen zu wollen), sondern im Dienst an der Gesellschaft, die dank deiner Berichterstattung von allergrößter Dummheit verdüstert zu werden droht.

Wären wir uns nicht zufällig in der herbstgoldenen Binsenburger Allee wiederbegegnet, hätte ich vermutlich gar nicht damit begonnen, diesen Bericht zu schreiben. Doch als wir uns gegenüberstanden, der Wind die Blätter aufwirbelte und ich zuerst gar nicht fassen konnte, dass du, die gefeierte Gesellschaftsreporterin, nach Binsenburg zurückgekehrt warst, stand auch alles andere wieder vor meinen Augen: der hoffnungsvolle Frühling in dieser Stadt, jene Wochen nie für möglich gehaltener geistiger Errungenschaften – und die Enttäuschung, das alles in den Schmutz falscher Verdächtigungen gezogen zu sehen.

Vor allem war ich, wie ich zugebe, verärgert, dir diese widersprüchliche Empfindung nicht zumindest in wenigen Sätzen erläutern zu können. Es hat mich gequält, dein Mienenspiel zu beobachten, während ich, dein ehemaliger Praktikant, dein süßer Junge, nach den richtigen Worten gesucht habe. Wie du mich gemustert hast, mit diesem unterdrückten Lächeln, das die Überzeugung verriet, mich im Unrecht zu wissen und deshalb auf meine Klärungsversuche gar nicht angewiesen zu sein. Ja, es geschieht vermutlich aus einer gewissen Verärgerung, dass ich dir im Nachhinein ein korrektes Bild von dem zu vermitteln versuche, was ich hier in Binsenburg unternommen habe: nichts Geringeres, als den größten Philosophen unserer Zeit wieder zum Sprechen zu bewegen. Jawohl, ich habe Hinrich Giers davon überzeugen wollen, dass er nicht verstummen, unsere Zeit nicht ihrem Schicksal überlassen dürfe. Dass er zurückkehren müsse auf die Bühne unseres modernen Lebens. Dass er es nicht verantworten könne, sich seiner aufklärerischen Aufgabe zu entziehen und noch länger vor der Welt in Binsenburg zu verbergen.

Wochen größter Anstrengungen habe ich in dieses Unterfangen gesetzt, und so viel möchte ich vorwegnehmen, dass du dir davon einen ganz falschen Eindruck, ja sogar die absurden Behauptungen zu eigen gemacht hast, die bis heute über den Philosophen verbreitet werden – in der offenkundigen Absicht, die Integrität seiner Persönlichkeit zu beschädigen. Es bleibt meine Hoffnung, dir diese gravierenden Fehler halbwegs einsichtig machen zu können. Zwar schweigt der Professor unverändert, das lässt sich nicht bestreiten. Doch wenn er von neuem das Wort ergreift, wird die Philosophie wieder zur Geltung gelangen, wird der moderne Mensch die überanstrengten Gebärden ablegen, mit denen er sich unaufhörlich wichtig zu machen und in den Mittelpunkt der Welt zu stellen versucht. Ist es vollkommen abwegig, sich von diesem Moment den Anbruch einer neuen Epoche der Weltgeschichte zu versprechen? Wäre es nicht versöhnlich, am Ende sagen zu können, wir beide seien damals, in Binsenburg, dabei gewesen?

2

Ich möchte es offen aussprechen: besonders hat mich verärgert, dass du bei unserer unverhofften herbstlichen Begegnung gleich wieder auf den Fleig-Skandal zu sprechen gekommen bist, jene Tage, in denen der Fernsehphilosoph auf offener Bühne seine Selbstvernichtung betrieben hat. Als ob der Streit zwischen ihm und Hinrich Giers der eigentliche Inhalt jenes Binsenburger Frühlings gewesen sei. Als ob ich dir nicht damals schon nahezubringen versucht hätte, wie falsch du damit liegst. Selbst unser Wiedersehen hast du genutzt, mich nochmals wissen zu lassen, dass dem Menschen großes Unrecht geschehen sei. Ja, welches denn?

Glaubst du wirklich, Julian Fleig hätte auf Dauer seinen Nimbus als Zeitgeist-Guru aufrechterhalten können? Ein Aufschneider, der sich in seiner Sendung ungebremst verbreiten durfte, ohne jemals etwas Sinnvolles gesagt zu haben? Mag sein, dass er gemessen an seiner dürftigen Expertise eine Menge erreicht hatte. Dass es kaum jemanden gab, der damals nicht Fleig gelesen hätte, um mitreden zu können. Doch als er den wichtigsten Denker unserer Zeit herausgefordert, sich dazu verstiegen hat, Hinrich Giers ein Fernsehduell aufzwingen zu wollen, war mehr als absehbar gewesen, wie die Dinge enden würden. Was für eine Selbstüberschätzung dieses Blasebalgs, durch einen Sieg über den Philosophen die endgültige Meinungsführerschaft übernehmen zu wollen.

Was ich damit zu tun habe, dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung gegangen ist? Gar nichts. Als ob es dazu irgendwelcher Anstrengungen von meiner Seite bedurft hätte. Er selbst hat das besorgt, mit seinen irreführenden Äußerungen. Selbst die Wohlmeinenden haben damals begriffen, dass der einzige Antrieb seines Lebens eine wahnhafte Fixierung auf Hinrich Giers gewesen war, die vergebliche Revolte des Schülers gegen den übermächtigen Meister, das übliche Drama der akademischen Welt, nichts weiter. Niemanden hätte das gekümmert. Allenfalls verwundert mich, wie er mit seinen Falschbehauptungen so schnell dein Interesse hat wecken können. Ein berühmter Philosoph auf Abwegen – war es so leicht gewesen, mit derartigen Hinterzimmer-Geschichten die Reporterin aus Frankfurt anzulocken, den neuen Star am Himmel der Gesellschaftsreportage?

Dabei hast du mir doch selbst immer eingeschärft, nicht den vermeintlichen Sensationen hinterherzujagen. Hast mich ermahnt, mein Interesse auf die Person hinter den Ereignissen zu richten. Gleich am Tag unseres Kennenlernens, nachdem du mich in deinen Frankfurter Redaktionsräumen empfangen hattest. Überlegen hast du mich gemustert, deine Lesebrille lächelnd von der Nase gestreift, wolltest mein Praktikum gleich mit einer wichtigen Lektion beginnen – der noch viele weitere folgen sollten in den Tagen unserer Beziehung, von der ich mich bis heute zu glauben bemühe, dass es sich um eine Freundschaft gehandelt habe. Nichts anderes habe ich in Binsenburg jedenfalls später versucht, als dir nachzueifern, habe mein Interesse auf die Personen hinter den Ereignissen und auf die Gedanken hinter den Personen gerichtet – und bemühe mich seitdem inständig zu begreifen, weshalb das alles nicht mehr gelten, weshalb dich folglich nicht mehr interessieren sollte, was in diesem Frühling tatsächlich geschehen ist.

3

Lügen haben sich von Beginn an um die Geschehnisse gerankt. Von jenem Moment an, in dem Hinrich Giers beschlossen hatte, sein Binsenburger Exil anzutreten. Dennoch wage ich zu behaupten, dass Fluchtgedanken dabei nie eine Rolle gespielt haben. Der Professor hätte weit Besseres zu tun gehabt, als sich vor irgendwelchen Enthüllungen in Sicherheit zu bringen. Zwar mag es seltsam erscheinen, dass von seinen Plänen offenbar kaum jemand gewusst hat, sich den Umständen seiner Abreise aber eine gewisse Heimlichkeit nicht absprechen lässt. Gleichwohl bin ich überzeugt, dass der Professor einen freien Entschluss getroffen hat. Offensichtlich hatte er eben den Wunsch zu schweigen verspürt, hat ohne Ankündigung seiner Universität den Rücken gekehrt, ohne Erklärung, ohne Entschuldigung. Zweifellos ein rätselhafter und auch rücksichtsloser Schritt. Dennoch wäre es sinnvoller gewesen, nach den Gründen dieses Schweigens zu fragen, statt den großen Philosophen bedenkenlos irgendwelcher moralischer Vergehen zu zeihen. Dass er Binsenburg als Exil gewählt hatte, war fatal genug. Jedem musste das einsichtig sein, der zu begreifen imstande war, was Hinrich Giers für die Aufklärung unserer gesellschaftlichen Situation geleistet hatte. Was würde aus uns werden, wenn der Wille zur Selbstreflexion dem Kindergarten einer selbstbezüglichen Blindheit dauerhaft Platz machte?

Es ging mir deshalb, ohne meiner Schilderung vorausgreifen zu wollen, um die Klärung zweier entscheidender Fragen: Erstens, warum hatte sich Hinrich Giers in sein mysteriöses Schweigen geflüchtet? Zweitens, unter welchen Umständen würde er wieder zum Sprechen zu bewegen sein? Irreführende Gerüchte waren kaum geeignet, zur Beantwortung dieser Fragen etwas Sinnvolles beizutragen. Es war ärgerlich genug, dass sie überhaupt hatten entstehen können.

Die Verantwortung dafür wird man Dr. Lenz zuschreiben müssen. Es verbietet sich, ihm deshalb Vorwürfe machen zu wollen, zumal er sich dagegen nicht mehr zur Wehr setzen kann. Sein plötzlicher Tod erschüttert mich viel zu sehr, als dass ich mir anmaßen würde, über seine Tätigkeit posthum zu richten. Lange Zeit hat dieser treueste Paladin des Professors versucht, die schwierige Situation unter Kontrolle zu halten, insbesondere die Zurückgebliebenen zu beruhigen. Auch wenn ich die höheren universitären Kreise kaum kennengelernt, mehr als die Redaktionsräume der »Sozialen Gesellschaft« letztlich nie zu Gesicht bekommen habe, dürfte die dort herrschende Angst symptomatisch für die Situation gewesen sein. Stolz hatten wir unsere Zeitschrift immer als Zentralorgan der Philosophie begriffen, bürgte der Name ihres berühmten Herausgebers für publizistische Nobilität. Niemand machte sich deshalb Illusionen darüber, dass die »Soziale Gesellschaft« ohne ihren wichtigsten Autor nicht lange würde fortbestehen können. Insofern war es unglücklich, dass Dr. Lenz zur Beunruhigung dort nicht unmaßgeblich beigetragen, höchstselbst das Gerücht in die Welt gesetzt hat, Hinrich Giers wolle der akademischen Welt für immer den Rücken kehren. Eine verhängnisvolle Erklärung jenes Mannes, von dem wir vermuten mussten, dass er über die verborgenen Motive des Professors noch am ehesten im Bilde war.

»Denken Sie nur«, hatte er mir zugeraunt, als die Unruhe bereits zu wachsen begann, »Binsenburg«. Und in sein Gesicht war jener hochmütige Ausdruck getreten (die Mundwinkel etwas herabgezogen, die Lider halb geschlossen), mit dem er seinen »jungen Kollegen« darüber aufzuklären pflegte, wie wenig sich die deutsche Provinz zum Philosophieren eignete. »Denken Sie nur, unser schönes Frankfurt«, rief er einmal, trat zum Bürofenster und blickte auf die dunkle Gasse hinunter, »wie viele Könige und Kaufleute in diese Stadt gekommen sind. Wie früh aus Frankreich republikanischer Geist herübergeweht ist, zu einer Zeit, in der die Deutschen ihre Fürsten für die Verkörperung Gottes auf Erden gehalten haben.« Für Dr. Lenz verstand es sich von selbst, dass die Ortswahl des Professors nichts Gutes bedeuten konnte. »Er sitzt vor irgendeinem Ofen«, mutmaßte der Doktor, »schaut aus dem Fenster, sieht ein paar Dächer, Höhenzüge, die Ente auf dem Teich, das Kuchenstück auf seinem Teller. Und mit seiner Tätigkeit ist es aus.«

Nicht ungern hat sich Dr. Lenz derart sarkastisch reden hören. Oft rang er dabei die Hände und schaute mit einem theatralischen Kopfschütteln zur Decke. Dabei hat er Hinrich Giers zeitlebens verehrt, war lange sein Assistent gewesen, hatte ihm angeblich die Fertigstellung einiger späterer Werke ermöglicht. Mit einer Professur war er dafür nie belohnt worden. Dass er sich zum Statthalter in der »Sozialen Gesellschaft« hatte machen lassen, dürfte sein größter Fehler gewesen sein. Dort galt es als offenes Geheimnis, dass er davon träumte, den großen Philosophen beerben zu können, sein erster Biograph und Herausgeber zu werden. Doch niemals hätte er ein Wort darüber verloren, nicht einmal in den Tagen nach der Abreise seines Lehrers, in denen auch er, der Treueste der Treuen, das Gefühl verspürt haben muss, im Stich gelassen worden zu sein. Je länger das Exil von Binsenburg andauerte, desto stärker welkte unweigerlich jene akademische Erbschaft, die der Doktor so gerne angetreten hätte. Wie viel Zeit würde darüber vergehen? Monate? Jahre? Viele Jahre womöglich, bis zum Tod des Philosophen? Dr. Lenz fürchtete um sein Lebenswerk. Was auch immer die Zukunft deshalb bringen mochte: Hinrich Giers durfte nicht verstummen. Der Doktor hatte dies als erster begriffen. Seine Unruhe war es, die auch mich zur Besinnung gebracht hat. Es galt, den Professor für die Welt zurückzugewinnen. Eine nicht minder interessante Frage allerdings schien mir zu sein, wer ihn wieder zum Sprechen bringen würde.

4

Binsenburg also. Mehr brauchten wir uns während der folgenden Wochen nicht zuzuraunen als diese Worte: »Binsenburg also.« Was auch immer zu tun war – es würde dort zu tun sein. Früh musste Dr. Lenz den Plan gefasst haben, dort selbst Quartier zu beziehen – auch wenn er darüber nichts erzählt hat und keiner von uns hätten ahnen können, welche erheblichen Mittel er für diese Mission einzusetzen bereit war. Einzig über die Motive des Professors wussten wir noch weniger. Selbst Dr. Lenz hat kaum mehr zuwege gebracht, als aus Mutmaßungen eine – wie sich bald zeigte – schlecht durchdachte Strategie zu entwickeln.

Im Grunde war da nur der Zufluchtsort: Binsenburg. Womöglich kein Ort, sondern eine Entscheidung. Schließlich betrat man solche Kurstädte kaum anders als ein alter Elefant, der in der Wildnis, fernab der großen Weideplätze, seine letzte Ruhestätte sucht. Man kannte die Bilder von langen Alleen und sanften Bergen. Da waren Mammutbäume, von denen behauptet wurde, ihr Anblick habe bereits das Gemüt vieler bedeutender Geister beruhigt. Es gab sorgfältig angelegte Rosengärten, gesäumt von gestutzten Hecken. Es gab murmelnde Bäche, die über kunstvoll gemauerte Stufen flossen und dabei anmutige kleine Wirbel warfen. Binsenburg war der Entschluss, dem Tod in einer schönen Umgebung begegnen zu wollen. War ein Mann wie Hinrich Giers für dieses zweifelhafte Bedürfnis empfänglich gewesen? Suchte er einen versöhnlichen Abschied vom Leben? Manche haben das geglaubt. Dabei sprach nahezu alles dagegen.

Hätte ein Kranker oder gar Sterbender nicht zu bilanzieren, seine Hinterlassenschaften zu ordnen versucht? Hätte er nicht zumindest enge Freunde über seine veränderte Lebenssituation in Kenntnis gesetzt, hier und da ein vertrauliches Wort des Abschieds gesprochen? Hinrich Giers hatte nichts dergleichen getan, hatte bis zuletzt (auch nach seiner Emeritierung) nahezu täglich sein altes Arbeitszimmer in der Universität aufgesucht. Auf dem Schreibtisch hatten noch seine aufgeschlagenen Bücher gelegen, neben Blättern mit frischen Notizen. Sämtliche an ihn gerichtete Briefe und Nachrichten waren unbeantwortet geblieben. Einzig das Rektorat der Universität hatte offenbar eine knapp gehaltene Erklärung erhalten, sich allerdings geweigert, den Inhalt öffentlich zu machen. Nur eines haben Eingeweihte damals erfahren: Hinrich Giers war in Binsenburg und gedachte offensichtlich dort zu bleiben. Unverkennbar war er in der Absicht gegangen, sich nicht zu erklären. Was lag näher als die Vermutung, ein tieferer Beweggrund müsse dahinter verborgen liegen?

Ich habe immer geahnt, dass es sich um ein geistiges Problem handelte, der Denker in einen Widerspruch zu seiner Zeit geraten war, den er einzig durch diesen radikalen Entschluss auflösen zu können glaubte. Hast du eine solche Möglichkeit je in Betracht gezogen? Oder bist du gleich den Vermutungen nachgegangen, von denen du auch später immer geredet hast, jenen haltlosen Behauptungen über die Gefühlswirrnisse eines alten Mannes und den angeblichen Abgründen seiner Leidenschaften? Andererseits, was sonst hätte deine große Leserschaft interessieren sollen? Wer war schon Hinrich Giers, jenseits der verblassenden Chiffren vom Nimbus seiner wissenschaftlichen Autorität? Wen mochte es am Ende kümmern, ob er redete oder schwieg?

Deshalb will ich dir gar nicht verübeln, dass Gerüchte über seine Verfehlungen Anziehungskraft auf dich ausgeübt haben, zumal bei deiner Neigung, den Grund des Daseins in den Dunst von Leidenschaft und Eitelkeit zurückzuverlegen. Ich war ja selbst davon fasziniert, als ich dich kennengelernt habe. Eine Frau, nur wenige Jahre älter als ich, die ihre Finger entschlossen nach dem Herz der Finsternis ausstreckte und vor niemandem haltgemacht hätte, schon gar nicht vor einem hohen Repräsentanten des Geisteslebens wie Hinrich Giers. Wie befremdlich muss dir noch heute meine Behauptung erscheinen, dass dieser Mann in der Lage wäre, uns aus den Verirrungen unseres modernen Menschseins herauszuhelfen. Dass Selbsterkenntnis möglich ist, wie er oft genug betont hat. Dass wir uns aus dem Verhängnis befreien können, in das wir uns reflexionslos verirrt haben. Schon während seiner letzten Vorlesungen habe ich ihn diese Sätze sagen hören. Und ich bin überzeugt, dass er damit den Widerspruch skizzieren wollte, in den er seinen Aufklärungswillen zur Welt gesetzt sah. Wen hätte er schließlich noch erreichen sollen im Reich der Selbstvergessenen, auf dem Terrain der innenverspiegelten Paläste, der unerreichbaren Kommunikationsblasen und Echokammern? Wie hätte dieser alleingelassene Mann mit dem Unwillen zur Selbsterkenntnis zurechtkommen sollen? Er, der diesen Unwillen für die Krankheit der Gesellschaft hielt? Konnte aus seiner Einschätzung etwas anderes als Lebensekel erwachsen? Eine womöglich etwas bombastische, selbstgerechte Abwendung von der Welt? Und war es gänzlich abwegig zu fragen, ob dieser Ekel heilbar sei?

5

Irgendwann hätten wir offen miteinander sprechen sollen. Kannst du dir erklären, weshalb wir das nicht getan haben? Zweifellos waren wir im Frühjahr aus unterschiedlichen Gründen nach Binsenburg gekommen, sind daraus unsere Missverständnisse erwachsen. Ich bin jedoch überzeugt, dass diese Entwicklung vermeidbar gewesen wäre – sofern du dich nur etwas zugänglicher gezeigt und an deiner Geschichte nicht so verbissen festgehalten hättest. Bis heute muss ich mit den Folgen dieser Uneinsichtigkeit zurechtkommen, setzen manche Leute auf der Binsenburger Allee ein spöttisches Lächeln auf, wenn sie an mir vorübergehen, halten mich noch immer für eine jener zwielichtigen Gestalten, die du in deinen Reportagen beschrieben und von denen du behauptet hast, dass sie den Professor in seinem Exil abgeschirmt und in seinen seltsamen Neigungen bestärkt hätten. Darüber bin ich nicht deshalb so verärgert, weil es dem Ansehen meiner Person abträglich wäre (das berührt mich selbstverständlich nicht im Geringsten), sondern weil es den Blick auf die wahren Geschehnisse verstellt. In aller Bescheidenheit möchte ich feststellen, dass deren Bedeutung kaum jemand verstehen wird, der meine Rolle darin vernachlässigen zu können glaubt. Du wirst auf Dauer nicht ignorieren können, dass ich, anders als du, den wahren Gründen für das Schweigen des Professors auf die Spur gekommen bin. Folglich halte ich den Schlüssel zu den Geschehnissen in den Händen und frage mich, ob du wirklich annehmen solltest, daran so gleichgültig vorübergehen zu können.

Glaubst du noch immer, ich hätte mich mit dem Philosophen vor dir nur aufspielen wollen und sei in Wahrheit hinter einer alten Freundin her gewesen? Hast du wirklich geglaubt, ich sei nur nach Binsenburg gefahren, um Lou dort wiederzutreffen und sie Julian Fleig auszuspannen? Ich habe nicht einmal gewusst, dass die beiden dort waren. Mein einziges Vorhaben bestand darin, den exilierten Philosophen wieder zum Sprechen zu bringen. Ein verzweifeltes Projekt, für das ich dich damals vergeblich zu interessieren versucht habe. Ich war mir nicht einmal sicher, ob Hinrich Giers von meiner Existenz jemals Kenntnis genommen hatte. Meine Hoffnungen gründeten einzig auf meiner Tätigkeit bei der »Sozialen Gesellschaft«, von der ich hoffte, er könne davon erfahren haben. Als Dr. Lenz mich eingestellt hat, konnte ich mit meinen vierundzwanzig Jahren weder ein Studium vorweisen noch hatte ich jemals philosophische Texte verfasst. Mehr als die Schreibarbeiten, die du mir während der Monate in deinem Büro übertragen hast, hatte ich nicht vorzuweisen. Bis heute weiß ich nicht, was mich in den Augen des Doktors für meine Tätigkeit qualifiziert hat, ebenso wenig, was mich bei der »Sozialen Gesellschaft« erwartete.

Ich erinnere mich einzig an den kleinen Schlag, den ich verspürt habe, als ich im Text der Stellenanzeige auf den Namen des Herausgebers gestoßen bin. Aber das war auch alles, was mit Lou zu tun gehabt hatte. Zugegeben, der Name Hinrich Giers war so etwas wie eine Chiffre für mich gewesen, hatte die Erinnerung an die Trennung von Lou wieder wachgerufen, Verständnislosigkeit und Zorn eingeschlossen. Allerdings wäre es ganz übertrieben zu meinen, dass ich nur deshalb bei Hinrich Giers eine Beschäftigung gesucht hätte (wie du unweigerlich vermuten wirst). Viel zu weit war der Arbeitsalltag der »Sozialen Gesellschaft« von den alten Verletzungen entfernt, als dass ich mir von meiner Beschäftigung irgendeine Art der Aufklärung hätte versprechen dürfen. Allenfalls eine gewisse Faszination habe ich verspürt, nun auch selbst in die Nähe jenes Mannes zu gelangen, dessen geistige Anziehungskraft Lou aus meinem Leben entfernt und dort für so viel Leere und Belanglosigkeit gesorgt hatte. Es mag die Sehnsucht darin verborgen gelegen haben, mich von demselben Schwarzen Loch anziehen zu lassen, das kurz zuvor meine Freundin verschluckt und damit jede tiefere Absicht aus meinem Leben entfernt hatte. Was für eine merkwürdige Aussicht, habe ich damals gedacht, mich aus der Peripherie direkt ins Zentrum meiner Misere zu bewegen.

6

Ich fürchte, an dieser Stelle sind einige klärende Sätze zu Lou unumgänglich. Du wirst hoffentlich Verständnis dafür aufbringen, dass ich meine diesbezüglichen Hinweise so knapp wie möglich zu halten versuche. Neuen Spott von deiner Seite möchte ich mir jedenfalls ersparen. Schon damals hast du mich mit meiner »schöngeistig« veranlagten Freundin aufgezogen und oft genug während unserer Bürozeiten oder bei dir zuhause, wenn wir uns in dein Bett verirrt hatten, gefragt, wie man seine Lebenszeit mit philosophischen Theorien vergeuden könne. Nicht dass ich mir diese Frage nicht ebenfalls gelegentlich gestellt hätte. Ich hatte damals keine Ahnung, weshalb Lou solchen Themen derartige Bedeutung beimaß. Dass die Werke von Hinrich Giers im Mittelpunkt unserer (eher körperlichen) Interessen gestanden hätten, lässt sich jedenfalls nicht behaupten.

Von Beginn an hatte Lous Studium der Giers’schen Werke eher einen Schatten der Fremdheit über unser Verhältnis gelegt, hatte ich zu den geistigen Sphären, von denen sie berührt zu werden schien, keinerlei Verbindung aufnehmen können. Und auch sie selbst hatte das mit zunehmender Ungeduld beobachtet, nicht verstehen können, dass ich gegen meine Widersprüche eher unempfindlich gewesen war, kein Interesse an philosophischer Reflexion gezeigt habe, die Anstrengung nicht auf mich nehmen wollte, mein Leben einer klaren Absicht zu unterwerfen. Lou hätte sich vermutlich gewünscht, im Bewusstsein gemeinsamer Pläne einen siegesgewissen Blick in die Zukunft werfen zu können. Dass es mir genügte, sorglos meine Tage mit ihr zu verbringen, am Morgen den Bademantel überzuwerfen und lange nichts zu tun, als ihre ruhig im Schlaf ausgestreckte Gestalt zu betrachten, war eine Form der Hingabe, die sie eher als kränkend empfunden hat. Sie konnte nicht leben ohne die Aussicht auf permanente Entwicklung. Hindernisse räumte sie mit großer Entschlossenheit beiseite.

Unverstellt hat sich diese Neigung bemerkbar gemacht, als ich von ihr längst getrennt und mit Julian Fleig ein Mann an ihre Seite getreten war, der ihrer geistigen Orientierung weit besser zu entsprechen schien. Wohl nie zuvor hat sich an der philosophischen Fakultät in Frankfurt eine Studentin derart selbstverleugnend vor ihren Liebhaber geworfen. Jahrelang hatte Julian Fleig an der Universität als bester Schüler von Hinrich Giers gegolten. Begeisternd muss er Lou erschienen und umso größer ihr Schreck gewesen sein, als die überraschend schlechte Benotung der Doktorarbeit seiner akademischen Karriere ein jähes Ende setzte. Dass Julian Fleig seinem Lehrer seither mit unversöhnlichem Hass begegnet ist, dürfte nachvollziehbar sein. Doch der Furor, den Lou damals entfachte, war unvergleichlich. Geradezu schamlos hat sie das Gerücht verbreitet, Dr. Lenz (der an dem Votum nicht unbeteiligt gewesen war) habe aus Neid eine der aussichtsreichsten Karrieren an der Fakultät zerstört. Dr. Lenz, dieser lächerlich korrekte Mann, der sich gegen solche Vorwürfe mit Worten nicht wehren, sich andererseits die kleinste Ungenauigkeit nicht verziehen hätte, sollte mit Vorsatz einen Rivalen aus dem Weg geschafft haben? Mitunter scheint mir kaum beschreiblich, mit welcher Energie Lou selbst gemeinsame Erinnerungen der Macht ihrer Vorstellungskraft zu unterwerfen versucht hat.

Sie hasste Widersprüche, hasste es vor allem, sich selbst widersprüchlich zu erscheinen. Irgendwann musste sie ein Prinzip daraus gemacht haben, ihr Leben in eine Abfolge logischer Schritte verwandeln zu wollen. Was sie gesagt und getan hatte, musste folgerichtig erscheinen. Was heute geschehen war, durfte vor ihren Erinnerungsfolien nicht ins Dunkel der Fragwürdigkeit getaucht sein. Der bloße Anschein von Inkonsequenz war ihr unerträglich. Wann immer sie in dieser Hinsicht in Verlegenheit geraten war, vermutete sie den Fehler in den Vergangenheitsgespinsten, die sie zuvor gewoben hatte, nicht in der eigenen Spontaneität (obwohl letztere oft nicht unmaßgeblich zu den Schwierigkeiten beigetragen hatte). Stets suchte sie den Grund für aufgetretene Inkonsequenzen in einer ferneren Vergangenheit, schien sich dort etwas Falsches abgelagert zu haben, ohne dass ihr skrupulöses Bewusstsein davon Notiz genommen hatte. Solche Fehler galt es auszuräumen, die Erinnerung umzuformen, schleunigst den Boden einer widerspruchsfreien Selbstgewissheit zurückzugewinnen.

Lou war eine Willensathletin von ungeahnter Kraft, und ich vermute, dass du dir keine Vorstellung davon machst, wie sehr sie auch die Geschehnisse von Binsenburg ihrer Regie zu unterwerfen, ihr eigenes Schauspiel daraus zu formen versucht hat. Tatsächlich ist sie es gewesen, die mich nach Binsenburg gelockt hat, unter der Vorspiegelung, dort mit Hinrich Giers in eine philosophische Auseinandersetzung treten zu können. Sie selbst hat das inszeniert, um mit mir wieder in Kontakt treten zu können. Das mag dir weit hergeholt erscheinen und deshalb vorläufig allenfalls zu deiner Erheiterung beitragen. Hätte ich es geahnt, wäre ich gar nicht hingefahren. Weder hatte ich die Absicht, mein altes Verhältnis zu Lou wiederherzustellen, noch wäre ich auf den Gedanken verfallen, die Pläne von Julian Fleig durchkreuzen zu wollen. Seine Idee des Fernsehduells habe ich sogar nach Kräften unterstützt. Schließlich war dieses Projekt die beste Gewähr, das Schweigen des Philosophen endlich brechen zu können. Nur in einer Hinsicht hast du richtig gelegen: Dass ich nicht nach Binsenburg gekommen wäre ohne die Aussicht, mir auf irgendeine Weise das Dunkel erklärlich machen zu können, das Lou in meinem Leben hinterlassen hatte. Dabei nämlich hatten mir die beiden Jahre in der »Sozialen Gesellschaft« in der Tat nicht weitergeholfen.

7

Meine Hoffnungen, durch die »Soziale Gesellschaft« in die Nähe von Hinrich Giers gelangen zu können, hatten sich schnell als illusorisch erwiesen. Nie ist der Professor bei uns in der Redaktion erschienen. Aufgaben hat er stets an Dr. Lenz delegiert. Wenn seine Aufsätze im Blatt erschienen, war es der Doktor, der sie lektorierte und den Herausgeber eifersüchtig von allen Nachfragen abschirmte. Meine Aufgabe blieb darauf beschränkt, verschiedene Rubriken der Zeitschrift zu füllen, darunter das sogenannte »Gespräch«, ein längeres Interview, dessen Ausarbeitung ich anfangs mit Hoffnungen begleitet hatte, namhafte Vertreter des Faches kennenlernen und meiner Tätigkeit auf diese Weise ein paar interessante Erfahrungen abgewinnen zu können. Niemals jedoch wäre die Zeitschrift für entsprechende Reisen aufgekommen. Stattdessen erhielt ich aus den Händen von Dr. Lenz nachlässig ausgearbeitete, oft verworrene Texte, die er von den vermeintlichen Gesprächspartnern erbeten hatte.

Tagelang war ich damit beschäftigt, diese Konvolute mit erfundenen Fragen zu versehen, den Eindruck eines Gesprächs zu erzeugen, erfundene Interviews daraus zu machen. Du magst mich deshalb der Lüge bezichtigen, vielleicht sogar den Verdacht hegen, ich könnte bei der Aufzeichnung dieses Berichts auf ganz ähnliche Weise verfahren sein. Gut möglich, dass du dein journalistisches Ethos bemühen, das große Wort der Fakten im Munde führen wirst. Doch in jener Arbeitsweise lag nun einmal der Erfolg meiner Tätigkeit für die »Soziale Gesellschaft« begründet. Ich konnte erfassen, was meine imaginären Gesprächspartner tatsächlich gesagt hätten, wäre das Gesagte im Gespräch zwischen uns entwickelt worden. Selbst Dr. Lenz hat mir ein unleugbares Gespür für diese Form des »Gesprächs« bescheinigt und würde diesen Befund bekräftigen können, wenn er noch am Leben wäre. Jedenfalls gab es zu keinem Zeitpunkt Vorwürfe gegen mich, das Gesagte sei falsch wiedergegeben oder in einen falschen Zusammenhang gestellt worden (zumindest kann ich mich an solche Vorwürfe nicht erinnern), und wie mir scheint, verdanke ich es diesem Umstand, dass ich mich unerwartet lange in meiner Stellung habe halten können. Das ist umso erstaunlicher, als die pekuniären Probleme der »Sozialen Gesellschaft« offenkundig waren und sich in immer kürzeren Abständen die Frage erhob, wer von uns auf Dauer weiterbeschäftigt werden würde.

Die Aussicht auf das nahende Ende meiner Tätigkeit hat mich dabei weniger belastet als der Umstand, dem entrückten Hinrich Giers nicht näher gekommen zu sein. Als sich nach seinem Verschwinden die Gewissheit verstärkte, dass er nicht zu seinen Tätigkeiten zurückkehren würde, sich unter uns Existenzangst auszubreiten begann und immer häufiger diskutiert wurde, wie man den Verschollenen zur Rückkehr würde bewegen können, gerieten daher auch meine persönlichen Absichten in Bewegung. Warum hätte ich regungslos vor dem Schwarzen Loch meiner Biografie verharren, die Hemisphäre von Hinrich Giers unverrichteter Dinge wieder verlassen sollen, wenn ich womöglich gerade infolge dieser Krise hoffen durfte, das Rätsel meines eigenen Lebens aufzuklären? Immerhin war es der Professor gewesen, der im Wohnzimmer meiner Existenz das Licht gelöscht hatte. Gerne hätte ich erfahren, wie ihm das gelungen, welcher Art die Faszination gewesen war, die er auf Lou ausgeübt hatte. Zugleich begann ich zu ahnen, dass es mir leichter fallen würde, mich einem Mann zu nähern, der in Binsenburg ein mußevolles Leben führte, als jenem Manager der Wissenschaft, der den Apparat zur Rezeption seiner Gedanken in unveränderter Bewegung hielt. Je länger er schwieg, desto besser für mich. Niemand hatte ihn bislang zu einer Rückkehr bewegen können, ein deutlicher Hinweis auf die Rigorosität, mit der er sich von seinem Umfeld abgeschirmt zu haben schien. Das Kraftfeld seiner Helfer und Freunde hatte an Einfluss offenbar merklich eingebüßt. War es also abwegig anzunehmen, dass eher ein Außenstehender in der Lage sein würde, den Professor zurück ans Licht der Öffentlichkeit zu führen? War der Gedanke vermessen, dass diese Rolle womöglich mir selbst zufallen würde?

8

Als Dr. Lenz am Tag vor seiner Abreise in meiner Tür erschien, wusste ich noch nicht, wie dicht meine Vermutungen an die Wirklichkeit heranreichten. Der Anblick, den der Doktor bot, war jedoch bestens geeignet, zumindest meine Ahnungen zu illustrieren. Dabei bemühte er sich, um seinen Abschied keinerlei Aufhebens zu machen, versuchte seine Emotionen unter Kontrolle zu halten und beherrscht aus der Tür zu treten, die Hand zu einem kurzen, schüchternen Winken erhoben. Eigentlich hätte dieser hochgewachsene Endfünfziger im grauen Kaschmirmantel imponieren müssen. Mich selbst hat er um zwei Köpfe überragt. Stets war ich genötigt, zu ihm aufzublicken. Es war beinahe unmöglich, ein ungezwungenes Gespräch mit ihm zu führen. Weil er sich besonders beim Gehen gebückt hielt – in den Schultern schmal, in den Hüften deutlich zu breit –, ist er mir oft wie ein Vogel auf vergeblicher Suche nach Nahrung erschienen. Eine unnatürliche Röte leuchtete in seinem Gesicht, und das unruhig aufgestellte, dunkle Haar über der hohen Stirn haben auch andere mit einem Kamm verglichen.

An jenem Nachmittag schien es mir, als sei er noch röter und als ruckte sein Vogelkörper noch unruhiger als sonst. Die vorausgegangenen Wochen mussten ihn ungeheure Beherrschung gekostet haben. Tag für Tag hatte er sich um Beschwichtigung bemüht, aufmunternde Signale übermittelt, von denen sich freilich erahnen ließ, dass sie nur einen Teil dessen enthielten, was Dr. Lenz tatsächlich wusste. Große Mühe hatte er darauf verwendet, die Gründe für seine bevorstehende Abreise herunterzuspielen, den Eindruck zu vermeiden, dass in Binsenburg über die Zukunft der »Sozialen Gesellschaft« entschieden würde. Dabei war es ein offenes Geheimnis, dass der Doktor mit hohem Einsatz spielte, für seinen Aufenthalt in Binsenburg ein ganzes Haus angemietet hatte. Für mich ein Hinweis, dass er an ein theatralisches Spiel des Professors geglaubt hat, an die Eskapade eines von der Welt Enttäuschten, dem man mit dem größtmöglichen Einsatz persönlicher Ressourcen den Glauben an die Bedeutung seiner Person und seines Werkes würde zurückgeben können. Ich war mir sicher, dass er damit falsch lag.

Die Bulletins, die er bald nach seiner Ankunft an die Redaktion verschickte, bestätigten mich in dieser Einschätzung. Obschon sich der Doktor um einen Anschein von Normalität bemühte, wie gewohnt redaktionelle Anweisungen und Ideen für neue Beiträge übermittelte, begannen sich die Signale seiner Beunruhigung zu häufen. Sie erinnerten an Floskeln eines Arztes, der Angehörige über den Zustand eines schwerkranken Patienten zu beruhigen versucht. Vor unseren Augen begann der treueste Vasall von Hinrich Giers, die Gedankenfäden zu entwirren, aus denen das Verhältnis zu seinem Meister gewoben war, ein Gespinst aus Zielen, Vermutungen und Ängsten, das er zuvor mit der Eifersucht eines Liebhabers verborgen gehalten hatte. So verriet er die Entfremdung, die zum Objekt seiner Spekulationen längst eingetreten war. Dr. Lenz mochte glauben, gegen den akademischen Suizid seines Lehrers anzukämpfen. Tatsächlich offenbarte er seine Hilflosigkeit und büßte infolge seiner Selbstentblößung viel von jener Autorität ein, die er in der Redaktion lange genossen hatte.

Beinahe täglich häufte er einen neuen Wall aus Worten gegen die Ohnmacht an, die ihn zu überwältigen drohte. Soviel ließ sich seinen Lageberichten aus Binsenburg entnehmen: Er kam nicht voran. Wohl war es ihm nach kurzer Zeit gelungen, Hinrich Giers ausfindig zu machen. Offenbar stand er mit ihm in losem Kontakt, schien ihn gelegentlich sogar getroffen zu haben. Doch mit jeder Nachricht brachte seine ungewohnte Redseligkeit deutlicher zum Vorschein, dass die Mitteilungsfreude auf Seiten seines alten Meisters deutlich weniger ausgeprägt war. Was sagte Giers selbst? Weshalb war er in Binsenburg? Würde er zurückkehren? Die allgemeinen Versicherungen, es ginge ihm gut, er arbeite, es werde sich alles zum Guten wenden, wirkten umso beunruhigender, je häufiger sie sich wiederholten. Wichtige Geldgeber schienen eine Chance zu wittern, aus der Finanzierung der »Sozialen Gesellschaft« auszusteigen. Bedeutende Autoren gingen auf Distanz. Dass der berühmte Herausgeber seine Arbeit faktisch eingestellt hatte, würde sich auf Dauer vor niemandem verbergen lassen.

Neben anderen Kollegen trug auch ich mich daher mit dem Gedanken ans Aufgeben. Ob ich aus eigenem Antrieb den Mut zu einer Reise nach Binsenburg aufgebracht hätte, vermag ich heute nicht mehr abschließend zu beurteilen. Am Ende war es Dr. Lenz, der mir aus dieser Verlegenheit herausgeholfen hat. Seine überraschende Aufforderung, ihn persönlich bei seinen Bemühungen in Binsenburg zu unterstützen, erreichte mich zu einem Zeitpunkt, als ich beinahe selbst resigniert hatte. Du wirst deshalb schwerlich die Dankbarkeit ermessen können, die ich bei jedem Spaziergang in der Binsenburger Allee für ihn empfinde. Von allen Menschen, die ich persönlich kennengelernt habe, hat er es am entschiedensten verdient, dass man seiner in ehrender Erinnerung gedenkt. Ohne ihn hätte ich Hinrich Giers nicht kennengelernt. Ohne seine Vermittlung wären mir die Giersschen Erkenntnisse nicht zuteil geworden. Ohne ihn hätte ich kaum jemals in den Binsenburger Spiegel der Selbsterkenntnis blicken können.

Fichtenbuckel
9

Nicht ohne Grund steht mir unser Wiedersehen auf der Binsenburger Allee so deutlich vor Augen. Ich erinnere mich an die vorgebliche Leichtigkeit, mit der du vor dieser Kulisse herumgetänzelt bist, im Blättersturm des Herbstwinds, scheinbar amüsiert über das, was ringsum zu sehen war. Du wolltest mich die Freude spüren lassen, kurz an den Schauplatz jenes absurden Theaterstücks zurückgekehrt zu sein, an dem du im Frühjahr mitgewirkt hattest. Immer wieder hast du demonstrativ gelacht und mit betonter Lebhaftigkeit auf deinen Begleiter eingeredet, der mir sofort bekannt vorgekommen war. Bald fiel mir wieder ein, dass er zu dem Fernsehteam gehört hatte, das nach Binsenburg gekommen war, um das Fernsehduell zwischen Julian Fleig und dem Professor aufzuzeichnen. Ich weiß nicht, wie du damals an ihn geraten bist und was du an ihm gefunden hast, möchte aber auch gar nicht den Eindruck erwecken, als ob mich das sonderlich interessieren würde.

Verärgert hat mich höchstens die vorgebliche Souveränität, mit der du durch die Allee stolziert bist, eng umschlungen mit dem Fernsehschnösel. Verärgert hat mich, wie du vor mir stehengeblieben bist und den Kopf in den Wind gedreht hast, um das Haar hinter dir flattern zu lassen, die vorgebliche Freude, mit der du, als wir uns unterhielten und er gelangweilt danebenstand, in die Herbstsonne gelächelt hast, natürlich nicht ohne den Schutz einer großen Sonnenbrille. Vermutlich hast du dir deine damaligen Taten vergegenwärtigt und sie später noch einmal wortreich vor dem Fernsehschnösel ausgebreitet, ein erbauliches Thema für einen gemeinsamen Nachmittagsspaziergang unter den rot und golden eingefärbten Linden der Allee, mit der Sicht auf den Felsenkamm des Binsenburger Hausbergs.

Zweifelsohne bietet diese Stadt immer neue Gelegenheiten für das Gedankenspiel, unter prächtig ausstaffierten Attrappen der einzig lebendige Mensch zu sein. Behaupte nicht, es hätte dir kein Vergnügen bereitet, einmal mehr an greisenhaften Männern vorüber zu flanieren, die in senfgelben oder moosgrünen Anzügen herumstaksten und bunte Golfermützen trugen. Noch im Frühling hast du jedenfalls über sie gelacht, als damals wir beide durch die Allee spaziert sind und der Fernsehschnösel noch kein Thema für dich war. Wespen hast du die dürren Greisinnen genannt, die einen Labrador oder Pudel an der Leine führten, ihre Lippen aufeinanderpressten und aus den dunklen Gläsern ihrer Sonnenbrillen, toten Insektenaugen, in die Gegend starrten. Was für eine anachronistische Binsenburger Selbstverständlichkeit, die dürren Glieder derselben Damen jetzt in Pelz gehüllt zu sehen. Man könne, hast du damals gespottet, die begrünte Bühne dieses Bergtals nicht durchwandern ohne das Gefühl, die Gegenwart verlassen zu haben, in eine prämortale Ruhezone gefallen zu sein, deren Einwohner nur noch die erstorbene Hülle von Privilegien spazierentrügen. Natürlich hast du dich weit ordinärer ausgedrückt. Schließlich hatten wir gerade erst das Café Krone verlassen und ziemlich viel Weißwein getrunken. Und es ist ja auch nicht weiter schwer, sich in diesem Garten der Wohlstandsverwahrten zu den einzigen zu zählen, die sich vitaler körperlicher Regungen rühmen können – zumal wir damals ohnehin bereits mit unseren körperlichen Regungen recht intensiv beschäftigt waren.

Ein Fehler war es allerdings, dass du von der exzentrischen Binsenburger Kulisse auf das vermeintliche Siechtum, die innere Verwahrlosung des Philosophen geschlossen hast, der hier Zuflucht genommen hatte. Ein Irrtum, der auch Dr. Lenz nach seiner Anreise unterlaufen zu sein scheint. Offenbar war er bald davon überzeugt gewesen, einen gekränkten Mann von seinem akademischen Totenbett zerren zu müssen. Ich dagegen war im anhebenden Frühling aus dem alten Bahnhofsgebäude getreten, war zum ersten Mal durch die Allee gelaufen (die so ungezwungen, in weiten Biegungen, durch die Stadt führt), und hatte sofort geahnt, dass die Einschätzung von Dr. Lenz auf Unverständnis beruhen musste. Trotz der großen Reisetasche fühlte ich mich unbeschwert, betrachtete die lila blühenden Krokusmatten auf den weiten Rasenflächen, die sanft ansteigenden Hügel zur Rechten und Linken, auf denen hinter den Bäumen weiß getünchte Stadtvillen hervorblickten, schaute durch die herabhängenden, noch kahlen Zweige der Linden auf die wintergrauen Wälder der Berghöhen ringsum – und hatte unmittelbar eine klare Vorstellung, warum sich Hinrich Giers diesen Ort als Exil erwählt hatte. Es war der Mangel an Bestimmung, der ihn gereizt haben musste, die Tilgung der Gegenwart aus dem Gegenwärtigen, das gleichmütige Grün, das sich gegen die Welt verwahrte und gegen jeden beschwerenden Gedanken, der an die Welt geknüpft blieb.

Dieser Ort, so schien es, war eine ideale Bühne für den kontemplativen Menschen und seinen vielleicht letzten großen Versuch der Selbsterkenntnis. Binsenburg machte sich nicht anheischig, seinen Sinnen zu schmeicheln, ihn mit dekorativen Stadtansichten um die Realität zu betrügen. Vielmehr hatte letztere in dieser Umgebung im Grunde zu existieren aufgehört. Jegliche Wahrnehmung schien bedeutungslos, jedes Hindernis beseitigt zu sein, das den Denker in ein störendes Hier und Jetzt hätte zurückversetzen können. Ich fühlte mich geradezu freudig bewegt, als ich in die Straße einbog, die rechts von der Allee auf jene Anhöhe führte, auf der Dr. Lenz Quartier bezogen hatte. Der schmale Weg wand sich in einigen Biegungen vom Fuße eines Seitentales zu einer Siedlung hinauf, die den prosaischen Namen Fichtenbuckel trug und aus einem Spalier älterer Reihenhäuser bestand, das hinter der Noblesse der großen Villen ringsum deutlich zurückblieb. Das Domizil von Dr. Lenz stand weiter hinten in dieser verdüsterten Gruppe und blickte auf den waldigen Saum des Höhenzugs, der das Tal auf dieser Seite begrenzte. Dass der Eindruck dieser Adresse eine gewisse Ernüchterung in mir hervorrief, lässt sich nicht leugnen. Doch obschon ich vom Anstieg erschöpft war und nicht ohne Beklemmung vor die graulackierte Haustür trat, hatte ich bereits das untrügliche Gefühl, in Binsenburg am richtigen Ort zu sein.

10

Dr. Lenz und ich waren keineswegs gut miteinander bekannt. Es war daher ein Moment nicht ohne Peinlichkeit, als er mir öffnete und mich ohne Begrüßungsfloskeln, beinahe hastig, hineinbat. Die Ruhelosigkeit, mit der er mich durch das weitgehend leere Parterre des Hauses führte, ließ keinen Platz für Höflichkeiten. Er deutete in ein kleines, dunkles Bad, ohne sich zu dessen Verwendung zu äußern, und öffnete am Ende der Diele die Tür zu einer Kammer, deren Fenster in den rückwärtigen Garten wies. Das Zimmer war leer, bis auf eine geblümte, an die Wand gelehnte Matratze, einen fleckigen Eichentisch und einen Stuhl, vermutlich die Hinterlassenschaft des vormaligen Besitzers. Die nachgedunkelten Wände zeigten scharfkantige weiße Flecken. Von wem er die deprimierenden Räumlichkeiten bezogen hatte, hat mir Dr. Lenz nicht verraten. Er schien überhaupt entschlossen, mir möglichst wenig Hinweise auf seine näheren Lebensumstände zu geben. Von dem Haus, das er während der letzten Monate seines Lebens bewohnt hat, habe ich kaum mehr zu Gesicht bekommen als jenes trostlose Verlies, das für mehrere Wochen mein Domizil werden sollte, und den Wohnraum, den wir betraten, kaum dass ich meine Tasche abgestellt hatte.

Fahrig räumte der Doktor zwei Teegedecke auf einen großen, mit Büchern und Papieren übersäten Tisch, der in der Mitte des Raumes stand, schenkte aus einer gläsernen Kanne ein, setzte sich, stand wieder auf, stapfte in die benachbarte Küche, begann dort lautstark herumzuräumen und kam zurück mit einer Schachtel billiger Kekse, die er wortlos auf den Tisch schob. Dann saßen wir einander gegenüber und nippten an unseren Tassen. Der Tee war lauwarm und schmeckte furchtbar. Im Raum war es dunkel. Vor den beiden Terrassentüren, die in den Garten hinausführten, war eine Wand aus Umzugskisten errichtet. Nur oberhalb dieser Mauer fiel etwas Licht herein. Schweigend blickte ich mich um. Hinten im Zimmer stand ein schwerer Schreibtisch, ein geschmackloses Möbelstück aus schwarz lackiertem Holz mit wuchtigem Schubladenaufsatz, daneben ein Kellerregal mit wenigen, wahllos eingelegten Böden, auf denen sich Bücher stapelten.

»Ich bin dankbar, dass Sie gekommen sind«, sagte Dr. Lenz schließlich und ließ nochmals eine Minute verstreichen. Dank meiner Gesprächsnotizen kann ich den Wortlaut präzise wiedergeben. »Hinrich Giers ist … verändert.« Der Doktor zuckte mit dem Kopf und zog die Schulterblätter nach oben, als ob er den Schrecken darüber zu unterdrücken versuchte, wie gründlich auch sein eigenes Leben infolge dieser Entdeckung verändert war. »Er bedarf der Ruhe«, lautete die Schlussfolgerung des Doktors, ganz so, als ob er selbst bereits entsprechende ärztliche Anordnungen getroffen habe. »Es ist unsere Aufgabe, alles zu tun, um unserem Freund die Souveränität über sein Leben zurückzugeben.« Offenbar war Dr. Lenz dabei, mir eine Art Lagebericht vorzutragen, der mich über die Situation orientieren sollte. »Hinrich Giers möchte die Verfügungsgewalt über sein Werk zurückgewinnen. Es macht den Eindruck, als würde er Atem holen … Atem holen für die letzte große Aufgabe … die große Mission seines Lebens, von der wir wissen, dass er sie … trotz aller Anstrengungen … bisher noch nicht erfüllen konnte«, verkündete Dr. Lenz, offenbar in dem Glauben, von der Warte eines objektiven Beobachters zu sprechen, und skizzierte sogleich seine Hoffnungen. »Es geht um das Werk, mit dem Hinrich Giers seinen Namen verewigen wird, mit dem er vollenden wird, wofür wir damals angetreten sind in der ›Sozialen Gesellschaft‹«.

Mit beklagenswerter Vorhersehbarkeit wiederholte der Doktor dann vieles aus jener alten Theorie der »Sozialen Gesellschaft«, die sein Lehrer zuletzt vor dreißig Jahren vorgetragen hatte und deren Einzelheiten ich dir ersparen möchte. Was aus den akademischen Anfängen von Hinrich Giers bestenfalls als blasser Titel einer Zeitschrift übriggeblieben war, dürfte Dr. Lenz bis zum letzten Moment angetrieben haben: die verführerische Idee einer letztgültigen Theorie. Der fundamentale Irrtum, die Selbstbefragung des Menschen zu einem Ende bringen, auf die Frage nach der Selbsterkenntnis eine endgültige Antwort geben zu können. Der Doktor hatte keine Freude an der unerschöpflichen Kraft und Tätigkeit der Vernunft, ihren immer neuen Hervorbringungen. Wie alle Menschen, die im Verborgenen ihre Lebensängste hegen, wünschte er sich feste Resultate. Der Gedanke erschien ihm furchtbar, dass Selbsterkenntnis der bloße Abguss eines Zustands, die Spiegelung eines geistigen Augenblicks sein könnte. Ich war überzeugt, dass er Illusionen nachhing, hier oben, in der selbstgewählten Einöde auf dem Fichtenbuckel. Er war nicht nach Binsenburg gekommen, um sich in eine offene Auseinandersetzung zu begeben, sondern verteidigte hinter selbsterrichteten Kartonwänden seine vermeintlichen Gewissheiten. Meine anfangs verspürte Zuversicht drohte zu verflachen. Unfähig, mich länger zu beherrschen, unterbrach ich den Lagebericht. »Herr Dr. Lenz, wozu bin ich hier?«

11

Oft habe ich mich seit unserem Wiedersehen in der Binsenburger Allee gefragt, woher du dir deiner Sache so sicher zu sein geglaubt hast. Woher die Manier, das Leben in einen Plot verwandeln zu wollen, in eine logische Abfolge von Schritten, vollzogen von Menschen, die scheinbar nichts als eine einzige, simple Triebfeder im Inneren haben, geeignet, eine Handlung leicht durchschaubarer Konflikte in Gang zu setzen? Nicht, dass ich nicht erwartet hätte, mich am Ende als grob gezeichnete Nebenfigur in deinem Binsenburger Plot wiederzufinden, als subalterne Randfigur im Umkreis des Professors. Es stimmt auch, dass ich meinen subalternen Dienst gleich nach der ersten Nacht im Haus von Dr. Lenz angetreten habe, ein schlechtes Frühstück inklusive. Auch bezweifle ich nicht, dass der Doktor meine Rolle in der Tat darauf hatte beschränken wollen, als Briefbote zwischen ihm und Hinrich Giers zu fungieren. Ich war jedoch weit davon entfernt, mich in dieses Rollenkonzept zu fügen. Schon als ich zu meinem ersten Botengang antrat (mit einem Packen von Briefen in der Umhängetasche), war ich zuversichtlich, mich bald in einer Position zu befinden, in der weit mehr der Doktor auf mich angewiesen sein würde als ich auf ihn. Zumal er gar nicht selbst auf die Idee gekommen zu sein schien, mich als Vermittler einzusetzen. Ohne dass er mir Einzelheiten mitgeteilt hätte, musste jemand anderer ihm diese Lösung nahegelegt haben. Ein Umstand, der meine Phantasie an diesem Morgen beflügelte. Jedenfalls war ich entschlossen, die Dinge weit mehr zu meinen Gunsten zu beeinflussen, als Dr. Lenz womöglich recht sein würde.

Ich genoss den freundlichen Frühlingsvormittag und lief auf menschenleeren Straßen ins Tal hinunter. Es war dabei in Binsenburg offenbar eher unüblich, sich von den höheren Lagen des Ortes zu Fuß in die Stadt hinunterzubegeben. Überhaupt schien man das Grundstück kaum jemals unmotorisiert zu verlassen. Gelegentlich rauschten gewaltige Geländewagen auf der kleinen Straße an mir vorüber, schwarzen Särgen nicht unähnlich. Sofern ich hinter Hecken oder in den noblen Hauseingängen überhaupt jemanden zu Gesicht bekam, schien es mir, als würde ich nicht ohne Misstrauen beobachtet. In der Gewissheit ihres Besitzes waren die Bewohner dieser Stadt offenbar ganz bei sich selbst, als ob jede Form der Öffentlichkeit für sie zu existieren aufgehört hätte und allenfalls ein Fremder diesen Eindruck gelegentlich stören konnte. Eine Form der Selbstverkapselung, die ich nicht weiter verurteilenswert fand, zumal die Daseinsform dieser Stadt offensichtlich dem großen Philosophen zu einer letzten Kraftanstrengung diente.

Nachdem ich die Allee erreicht hatte, hielt ich mich in Richtung der Innenstadt und bog nach kurzer Strecke zur Stadtkirche ab, deren weiße Zuckertürmchen schon aus der Ferne über den Baumkronen zu sehen waren. Wie mich Dr. Lenz hatte wissen lassen, residierte Hinrich Giers auf der anderen Seite des Talkessels, auf jener terrassierten Anhöhe, die Paradies genannt wurde und zu den vornehmsten Wohnlagen der Stadt zählte. Eine aus Granitsteinen gemauerte Stiege führte direkt dort hinauf. Ich nehme an, dass du diesen verborgenen Weg nie kennengelernt hast. Die von Moosflecken durchschossenen Steine werden gesäumt von prachtvollen alten Hecken. Dahinter ragen die erdfarbenen Giebelwände einiger Häuser auf der Halbhöhe empor. Man geht unter Bäumen, nicht ohne Mühe, die steilen Stufen hinauf. In stumpfen Winkeln schmiegen sich die Treppenabschnitte an den Hang. Man läuft durchweg im Schatten, beinahe in Finsternis, ohne Aussicht auf die Stadt, als ob man im Begriff sei, sich Zugang zu einer verborgenen Welt zu verschaffen.

Erst weiter oben quert die Stiege an mehreren Punkten die stillen Straßenterrassen, tritt man plötzlich in die Helligkeit. In den Gärten blühte bereits der Flieder. Die Sonne schien angenehm warm, und es waren deshalb durchaus keine unangenehmen Gefühle, mit denen ich an die überraschenden Neuigkeiten zurückdachte, von denen mir Dr. Lenz berichtet hatte. Erst von ihm habe ich erfahren, dass sich seit einiger Zeit auch Julian Fleig in der Stadt aufhielt und auf dem Paradieshügel sogar ein Haus zu besitzen schien. Der Doktor hatte das mit großem Widerwillen erzählt. Er hegte gegen den Fernsehphilosophen eine tiefe Abneigung. Dabei mochte ein schlechtes Gewissen mitschwingen, seit er mit seinem Votum der Fleig’schen Universitätslaufbahn ein Ende gesetzt hatte, vielleicht auch Neid darüber, dass die Karriere des Fernsehphilosophen nach dem vermeintlichen Ende erst richtig begonnen hatte. Vor allem aber dürfte der Doktor Angst gehabt haben. Denn Julian Fleig, ein hochgefragter Gast auf handverlesenen Podien und in bekannten Fernsehshows, konnte sich kaum zufällig in die Binsenburger Einsiedelei verirrt haben. Man musste in der Tat unterstellen, dass er auf eine Abrechnung mit Hinrich Giers aus war, zumal er schon frühere Auftritte genutzt hatte, um dessen Werk zu kritisieren, ja lächerlich zu machen.

Weshalb jedoch hätten solche Feindseligkeiten Veranlassung dazu geben sollen, in Angststarre zu verfallen? Was konnte der Fernsehphilosoph tun, um Hinrich Giers ernstlich zu schaden? Ich wusste damals noch nichts von den Recherchen, die du mit Fleigs Hilfe angestellt hast, hätte folglich nicht ahnen können, dass du bald darauf in Binsenburg erscheinen und abwegige Gerüchte über den Professor in Umlauf bringen würdest. Ich möchte jedoch behaupten, dass ich selbst in Kenntnis deiner Umtriebe damals keinen Grund gesehen hätte, den Fernsehphilosophen als Gefahr zu betrachten. Von Anfang an sah ich eine Chance darin, diesen geltungssüchtigen Menschen mit dem Objekt seiner Minderwertigkeitsgefühle zusammenzubringen. Wer hätte Hinrich Giers schließlich wirkungsvoller aus der Defensive locken können als sein ehrgeiziger und eifersüchtiger Schüler? In dieser Einschätzung, das musst du zugeben, habe ich mich nicht getäuscht.

12

Ich weiß nicht, ob du den Eindruck kennst, den das Haus hervorrief, in dem der Professor Zuflucht gesucht hatte. Dieses Gefühl der Überwältigung, sobald hinter der ersten Wegbiegung, zwischen sprießenden Obstbäumen und Rhododendren-Gebirgen die zitronengelbe Fassade und die schiefergrauen Walmdächer des Anwesens sichtbar wurden. Man konnte sich dieser Villa kaum nähern (auf dem herrlichen weißen Kies, im Bogen der weiten Rechtskurve), ohne sich den Besitzer als Freund der Kunst und Literatur, als großen Mäzen, als Fürsten des Guten und Schönen vorzustellen. Eine bedauerliche Täuschung der Einbildungskraft. Selbst bei späteren Besuchen habe ich nicht ohne Missmut daran gedacht, dass hinter den kunstvoll gegliederten Fensterfronten dieses Palastes ein prosaischer Frührentner seinen weitgehend interesselosen Betätigungen nachging.

Robert Schlierer schien ein bedeutender Industrieller gewesen zu sein. Heute, so konnte man nachlesen, redete er freimütig von den alten Tagen seines Wehrdienstes und der Gewohnheit, in den von ihm bereisten Landschaften zuerst nach geeigneten Positionen für die Feldartillerie Ausschau zu halten. Dr. Lenz und ich haben ihn schließlich den Artilleristen genannt. Es entbehrte nicht der Logik, dass er auf der höchstgelegenen Terrasse des Paradieshügels residierte – wie unter dem Vorsatz, die im Tal gelegene Stadt unter Beschuss zu nehmen. Als ich am Eingangsportal, einer dunkelgrün lackierten Tür mit ornamentalen Messingbeschlägen, den Klingelknopf drückte und im Inneren des Gebäudes ein Glockendreiklang vernehmlich wurde, rechnete ich mit einer untergeordneten Person, die mir öffnen, mich steif begrüßen und auf einem einschüchternden Weg tief ins Hausinnere begleiten würde. Umso überraschter war ich, als die Tür mit unzeremoniöser Geschwindigkeit aufsprang und mein Blick zuerst auf zwei nackte, fleischige und braungebrannte Füße fiel. Auch die übrige Erscheinung machte den Eindruck des Braungebrannten, war allerdings ersichtlich älter, als es ihre blondierten schulterlangen Haare, ihr buntes Hemd und die zerschlissene Jeans vermuten ließen. Ich sah einen alten Mann vor mir, der unter eine blonde Perücke geschlüpft zu sein schien, einen welken, freudlosen Geist, der ein Bild entspannter Lebenskunst vorzustellen versuchte.

Es bestand kein Zweifel, dass der Eigentümer des Anwesens selbst vor mir stand, der mich, ohne nach meinem Namen gefragt zu haben, mit seinem freundlichen Bariton willkommen hieß (»Seien Sie willkommen!«), mir unaufdringlich aus der Jacke half (»Bitte legen Sie doch ab«), sie in einem gewaltigen und leeren Garderobenschrank verschwinden ließ (»Nein, lassen Sie mich das nur machen«) und mich bat, ihm zu folgen (»Wollen Sie mir bitte folgen!«). Eigentlich redete er ununterbrochen (»Sie haben das Haus gleich gefunden?«), sparte nicht an seiner Wortmunition, ob im Blickkontakt, zur Seite gewendet, im Vorauslaufen oder mit einem beiläufigen Blick über die Schulter (»Sie hatten eine gute Anreise? Wie gefällt Ihnen Binsenburg? Was möchten Sie trinken?«). Der unpassende Vergleich lag nahe, sich in seiner Anwesenheit unter verbalem Dauerbeschuss zu fühlen. Die Stimme des Artilleristen ertönte von vorn, hallte von den Wänden der weißgetünchten Eingangshalle wider, schien aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig zu kommen, während ich dem seltsamen Mann folgte, den Blick unablässig auf seine braungebrannten Füße gerichtet, mit denen er unbekümmert über die Marmorfliesen stampfte. Wir hielten uns auf der rechten Seite des Entrees und liefen auf eine Flügeltür zu, während zur linken eine großzügige weiße Marmortreppe in den ersten Stock zu einer Galerie hinaufführte.

Es spielte keine Rolle, dass ich den Schlierer’schen Ausführungen nicht durchgehend zu folgen vermochte (»… habe mich in Binsenburg gleich wohlgefühlt … ganz reizender Ort …«). Selbst wenn ich abgelenkt gewesen war, fand ich problemlos wieder in die Satzschleifen hinein (»… deshalb dieses Haus … meine erste Wahl … Liebe auf den ersten Blick«). Sollte Robert Schlierer Unaufmerksamkeiten meinerseits registriert haben, ließ er mich das nicht merken (»… Lage von großer Bedeutung … beschäftige mich schon lange damit … vorteilhafte Topographie …«). Vermutlich war ihm die Rezeptionsfähigkeit seiner Umgebung relativ gleichgültig, solange man seine Wortkaskaden mit unveränderter Freundlichkeit absorbierte (»… habe das aus frühen Jahren … nach dem Wehrdienst noch den Feldwebel drangehängt …«). Höflich hielt er die Flügeltür für mich geöffnet. Ich betrat einen großen Saal (»… lange beim Artillerielehrbataillon gewesen … daher das Interesse …«) und blickte nicht ohne Ehrfurcht in den herrschaftlichen Raum (»… ist immer so, wenn ich eine Landschaft noch nicht kenne …«). Erst wenige Minuten war ich hier, in dem gewaltigen Domizil auf dem Paradieshügel (»… überlege sofort, wo die 155-Millimeter-Geschütze stehen müssen …«). Mein Zeitgefühl aber hatte ich bereits verloren.

13

Nach den betäubenden Wortschwällen des Artilleristen wirkte der weißgetünchte Saal zunächst ernüchternd auf mich. Ich fühlte meine Spannung zurückkehren, als ginge das lästige Präludium zu Ende, als könnte ich nun endlich, die Umhängetasche mit den Briefen fest umklammert, Hinrich Giers gegenübertreten. Der große Raum wuchs links und rechts in die Breite. Eine hohe Terrassentür lag direkt gegenüber, auf beiden Seiten flankiert von je zweien der kunstvoll gegliederten Fenster. Hinter den Scheiben leuchtete das üppige Grün des Gartens.

Ich schaute mich nochmals um, konnte zunächst aber niemanden entdecken. Eine leise Enttäuschung begann sich bemerklich zu machen. Gerade hörte ich den Artilleristen hinter mir die Tür schließen. »Der Besuch ist gekommen«, sagte er mit seinem freundlichen Bariton. Da sah ich ihn im nächsten Moment schon wieder vor mir sitzen, in einer Sofagruppe aus weißem Leder, vertieft in eine Zeitschrift, das Kinn auf eine Hand gestützt, das Gesicht hinter seiner blonden Mähne verborgen. Vor Schreck ist mir für eine Sekunde tatsächlich kalt geworden. Dabei war die Sache nicht weiter spektakulär. Wie ich später erfahren habe, ist sie in der Stadt als sogenannter »Schlierer-Effekt« sogar zu grotesker Berühmtheit gelangt. Es war eine Frau, die auf dem Sofa den Kopf hob, die blonden Strähnen zur Seite schob und mir freundlich ihr braungebranntes Gesicht zuwandte. Frau Schlierer war von ähnlicher Größe wie ihr Mann, von ähnlich schwer bestimmbarem Alter, von vergleichbar beträchtlichem Umfang, ihre Bluse ähnlich bunt wie sein Hemd, ihre Jeans ähnlich zerschlissen wie die seine, und auch im Verrunzelungsgrad der sonnengebräunten Haut stand keiner dem anderen nach. Die größte Beklommenheit jedoch verursachte mir die Ununterscheidbarkeit ihrer Frisuren. Der blondierte, etwa schulterlange Pony verwandelte sie in Puppengeschwister aus einem Kasperletheater. Nicht ohne Erschaudern tauschte ich mit Frau Schlierer einen Händedruck. Dann schlurfte sie zur Tür und verschwand, ohne ein Wort gesagt zu haben.

Ich ließ mich in der gewaltigen, U-förmigen Leder-Sitzgruppe nieder, legte meine Umhängetasche ab und atmete durch. »Villa Mögen heißt dieses Anwesen«, meldete sich der Artillerist zurück, ließ sich anstelle seiner Frau gegenüber in die Polster plumpsen und wies mit ausgestreckter Hand in den Saal. »Friedrich Mögen … bedeutender Industrieller … Haus um 1890 erbaut … Fan des Palladio … wunderbarer Stil.« Ich nickte und kam der indirekten Aufforderung nach, den weitläufigen Raum noch einmal auf mich wirken zu lassen. Außer einem gläsernen Rundbogen über der Terrassentür erinnerte an Palladio allerdings nichts mehr. Neben unserer Sofainsel war ein würfelförmiger Stahlofen mit quadratischen Fenstern in den Boden eingelassen, einer überdimensionierten Laterne nicht unähnlich. Das Abzugsrohr ragte senkrecht nach oben und verschwand in der weißgetünchten Stuckdecke. An den kurzen Seiten des Saales hingen großformatige Popart-Bilder, Frauenporträts in grellen Farben. Links und rechts neben der Eingangstür prangten weiße Regalwände, die von Bildbänden, weißen Vasen, schwarzen Kuben und anderem Designer-Klimbim bewohnt wurden. Auch der Fernseher fehlte nicht, ein weißgerahmtes, in die Wand eingelassenes Monstrum, flankiert von zwei Lautsprecher-Türmen.

»Villa Mögen … anspielungsreicher Name«, ließ sich der Artillerist von neuem vernehmen. »Im Sinne von Potentia … lateinischer Begriff … Vielfalt der Möglichkeiten … Vielfalt des Könnens … eine Aufforderung … Ermutigung …« Frau Schlierer kam zurückgeschlurft. Auf einem Silbertablett transportierte sie eine Sektflasche und drei bereits gefüllte Gläser. »Mögen … beinahe ein Imperativ … möge es in deinen Kräften stehen … möge es gelingen …« Ich nickte möglichst beifällig zu diesen Ausführungen, während Frau Schlierer auf dem Couchtisch Flasche und Gläser abstellte. Der Artillerist schob mir eines der Gläser zu und produzierte ein aufforderndes Lächeln.

Bevor wir jedoch anstoßen konnten, ertönte hinter dem Ofen ein Geräusch. Es klang wie helles Seufzen. Überrascht lehnte ich mich zurück, um an der Konstruktion vorbeischauen zu können. Hinter dem Ofen stand ein weißlackiertes Ställchen. Frau Schlierer trat davor, beugte sich hinunter und hob ein Kind heraus, einen etwa zwei Jahre alten Jungen, der benommen sein Köpfchen auf ihre Schulter drückte und verhaltene Klagelaute von sich gab. Er hatte einen dunklen, langen Haarschopf und steckte in einem farbig bestickten Frotteeanzug, wie ein Indianer auf dem Kinderfasching. Vermutlich war er von den Ausführungen zum lateinischen Ursprung des Hausnamens in seiner Ruhe gestört worden. Frau Schlierer hielt ihn lächelnd im Arm, schlurfte zur Sofainsel zurück und setzte sich an die Seite ihres Mannes. Dann erhoben die blondierten Alten synchron ihre Gläser, lächelten sich zu, bevor sie, wie Zwillinge aus dem Puppentheater, freundlich auch mir zuprosteten. Ich erwiderte, so gut ich konnte, nahm einen tiefen Schluck und verspürte wachsende Fassungslosigkeit.

14

»Vermögen? … Gelingen? … Was bedeutet das?« Zweimal bereits hatte Robert Schlierer nachgeschenkt. Sekt und Satzschleifen rollten durch meinen Kopf. Ich starrte auf das Kind. »Leben steckt voller topographischer Überraschungen … man schaut nicht hinter den Hügel … trotzdem die Höhe einnehmen … die Stellung bezwingen …« Wärmte sich der Artillerist an alten Erinnerungen? Versuchte er mir verklausulierte Ratschläge zu erteilen? Es wurde mir nicht klar. »In anderer Richtung vorstoßen … muss manchmal sein … bei eigenen Absichten bleiben … sich nicht vom Ziel abbringen lassen …« Er legte den Arm um seine Frau. Synchron lächelten sie unter ihren Ponys hervor.

Die Ziele, bei denen ich hätte bleiben sollen, rückten langsam in die Ferne. Das Gerede der Vermögenden vom Vermögen begann mich zu langweilen. Irgendwann lachte Frau Schlierer, als der Kleine sein ausgestrecktes Fingerchen in ihre Wange bohrte. War es ihr Sohn? Ihr Enkel? Ein spät erworbenes Adoptivkind? Robert Schlierer lachte ebenfalls. »Vielversprechendes junges Kerlchen …«, brummte er, nickte freundlich und prostete mir zu. Seine Sonnenbräune changierte mittlerweile merklich ins Rötliche. »… Junger Mann von großem Vermögen … ahnen Sie noch gar nicht … ahnen Sie ja nicht …« Er leerte sein Glas und schenkte uns sofort nach. Ich hatte den furchtbaren Saal in Gedanken längst verlassen, sah mich wieder im Entree stehen, am Fuß der weißen Marmortreppe, ging in Gedanken bereits die Stufen hinauf, um vorsichtig, irgendwo auf der Galerie, irgendwo in einem langen Korridor, an eine Tür zu klopfen, zu horchen, in der Hoffnung, eine freundliche Aufforderung zum Eintreten zu vernehmen, die Tür zu öffnen, Hinrich Giers gegenüberzutreten, das erhoffte Gespräch mit ihm aufzunehmen.

Wie von fern erreichte mich stattdessen die Bitte der Artilleristin, für einen Moment den Jungen zu halten. Vermutlich nicht die erste Aufforderung, die ich überhört hatte. Frau Schlierer stand vor mir, das Kind auf dem Arm, während ihr Mann weiter auf mich einredete. Beinahe automatisch streckte ich die Hände nach dem Kleinen aus. Sie griff nach der leeren Sektflasche und schlurfte zur Tür – vermutlich um Nachschub zu besorgen. Durch einen Schleier von Benommenheit beobachtete ich sie, konnte es aber nicht unterdrücken, dem Jungen über die seidigen Haare zu streichen, verspürte auf einmal sogar leises Entzücken, als das Köpfchen langsam auf meine Schulter sackte und sich eine kleine Hand an meinen Oberarm klammerte. Zweifelsohne hatte ich zu viel getrunken. Unter blonden Strähnen sah ich die verschmitzten kleinen Augen von Robert Schlierer auf mich gerichtet. Ich erschrak darüber, wie gründlich mir das Ziel meines Besuchs bereits entglitten war. Wohl infolgedessen richtete ich mich ruckartig auf – und sah vor mir plötzlich ein braunes Augenpaar, das mich erschrocken musterte, ein kleines schlafverquollenes Gesicht, das sich rötete, bevor der Junge laut zu schreien begann und sich mit kräftigen Windungen aus meinen Armen zu lösen versuchte. Ich hielt ihn fest und versuchte ihn zu beruhigen. Der Artillerist rührte sich keinen Zentimeter aus den Polstern, und da seine Zwillingsgefährtin gerade erst wieder zur Tür hereinkam, in den Händen eine neue Flasche Sekt, rechnete ich mit einer längeren Überbrückungsphase. Um die Sache abzukürzen, stand ich schließlich auf, um ihr das strampelnde Kind zu überreichen.

Im selben Moment sah ich durch das Fenster der Terrassentür eine Frau. Die Tür öffnete sich, und mit dem Luftzug strömte ein wenig Mittagswärme in den Saal. Ich fühlte mich noch immer benommen und musterte zerstreut den Jungen, der unverändert schrie. Auf seinen Schläfen zeigten sich kleine Schweißperlen. Plötzlich stand die Frau vor mir. Ich erinnere mich, dass ich fälschlich erwartet hatte, sie würde zuerst die Schlierers begrüßen. Ruhig streckte sie ihre Hände nach dem Kind aus. Diese Hände kannte ich – kleine, runde Hände mit kurzen Fingern, leicht gebräunten Handrücken, unprätentiös kurz geschnittenen, gepflegten Nägeln. Sie umklammerten den Jungen, der sich fast unmittelbar zu beruhigen begann, und als ich aufschaute, blickte ich in das Gesicht, das ich besser kannte als jedes andere und glücklicherweise nicht näher zu beschreiben brauche, da du auf eine Beschreibung noch weniger Wert legen wirst als ich selbst. Unverändert gehörte dazu auch das ironische Runzeln der Augenbrauen, diese kleine, freundliche Wellenbewegung. Sie konnte nicht lächeln, ohne ihren Gefühlsausdruck im selben Moment zu parodieren. Mir wurde klar, dass ich sie bereits erkannt hatte, als sie auf mich zugekommen war, in ihrem wiegenden Gang, mit den etwas nach außen gestellten Füßen. Nichts davon hatte ich kommen sehen, mit dieser Begegnung am allerwenigsten gerechnet. Höchstens habe ich geglaubt, dass ich zu viel Sekt getrunken hätte. Denn es erschien mir in diesem Moment ganz selbstverständlich, dass Lou vor mir stand, dass sie mir das Kind aus den Händen nahm und an ihre Schulter hob. Es erschien mir selbstverständlich, dass sie mich anlächelte – und das noch immer nicht tun konnte ohne diesen Hüpfer ihrer Augenbrauen. Selbst die Frage schien mir selbstverständlich, die sie an mich richtete – als hätten wir beide nur darauf gewartet, dass sie sie stellen würde: »Warum bist du hier?«

15

»Warum bist du hier?« Ginge es nach dir, wäre klar gewesen, was ich hätte antworten müssen. Wozu konnte ich schon hergekommen sein, wenn nicht wegen Lou selbst? Nicht von ungefähr war das deine erste Frage gewesen, als auch wir uns bald darauf in Binsenburg wiederbegegnet sind: Ob ich wieder mit ihr zusammen sei. Als ob dir eine andere Veranlassung meines Aufenthalts gar nicht vorstellbar erschienen wäre. Dabei hatte ich von Lou gar nichts geahnt, nichts davon gewusst, dass die Schlierers enge Verwandte von ihr waren, schon gar nicht, dass sie die Villa Mögen seit ihren Kindertagen gekannt hatte. Über solche Dinge hatten wir uns nie unterhalten, und ich wäre nicht unglücklich gewesen, hätte ich von alldem nie erfahren. Ist es dir wirklich undenkbar erschienen, dass ich mich in Binsenburg mit »schöngeistigen« Dingen hatte befassen wollen? Dass es ausnahmsweise einmal nicht um Lou gegangen ist? Warst du verärgert, als du später in Binsenburg auf Lou gestoßen bist – und wie einen Kurschatten an ihrer Seite zufällig auch mich wieder angetroffen hast?

Wie auch immer es gewesen sein mag – ich selbst hatte damit in keiner Weise gerechnet und auch keinerlei Absichten, was Lou betraf. Dass ich sie während dieser Binsenburger Wochen oft besucht und häufig begleitet, ja während der entscheidenden Tage sogar bei ihr gewohnt habe, diente ausschließlich jenen »schöngeistigen« Zielen, von denen du nichts wissen wolltest. Es ging nicht darum, Vergangenes wieder aufleben zu lassen. Meine Gedanken waren auf weitaus wichtigere Dinge gerichtet. Verzweifelt habe ich versucht, dir das klarzumachen, als du zu deiner Reportermission in Binsenburg eingetroffen bist, habe dir geschildert, welche Hoffnungen damit verbunden waren, dass Hinrich Giers in die Öffentlichkeit zurückkehren, seine Publikationstätigkeit wieder aufnehmen würde.

Gelacht hast du darüber und damit begonnen, deine simple Geschichte zu montieren. Unbedingt wolltest du mir beweisen, dass vom Nimbus des großen Philosophen nichts übriggeblieben sei. Ein Vorsatz, von dem ich mich frage, ob er für dich zur Frage einer existentiellen Selbstbehauptung geworden ist. Warum sonst hättest du alle Grenzen überschreiten, deine Recherche ins Innerste unserer gemeinsamen Vergangenheit verlegen sollen? Was du dir damit beweisen wolltest, habe ich bis heute nicht begriffen. Ich bedaure jedenfalls, dass ich dich damals nicht selbst gefragt habe, weshalb du hier seist. Auf deine Erwiderung wäre ich gespannt gewesen. Als Lou mir diese Frage gestellt hat, war ich viel zu überrascht, um eine durchdachte Antwort zu geben. Ich brachte am Ende nur einen Satz heraus: »Dr. Lenz hat mich geschickt.«

16

Die Schlierers servierten auf der Terrasse Kaffee für uns. Selten habe ich mir derart viele Fragen gestellt. Weshalb Lou hier war. Was sie mit den Schlierers zu schaffen hatte. Wo Hinrich Giers war und weshalb er sich von diesen furchtbaren Leuten beherbergen ließ. Hilflos saß ich neben Lou im vollen Sonnenschein auf der Terrasse der Villa Mögen. Der Artillerist hatte uns genötigt, auf schweren, weißlackierten Gartenstühlen Platz zu nehmen, von denen noch weitere rings um einen ovalen, weißlackierten Holztisch gruppiert waren. Das Kopfsteinpflaster der Terrasse wanderte in halbrunden Bögen zu den kurzgeschorenen Rasenflächen hinaus. Hinter kniehohen Natursteinmauern grüßten freundlich sprießende Hortensienstauden. Ein fein gestreuter Kiesweg führte von der Terrasse in den Park hinunter und verlor sich unter Bäumen im hinteren Teil der Anlage. Nichts regte sich. Kein Vogel schlug an, keine Biene flog vorbei, kein Schmetterling flatterte vorüber. Die Sonne stach, und ich starrte auf den Kaffee in meiner Tasse.

Der Junge stand zwischen uns, schmiegte sich an Lous Oberschenkel und riskierte gelegentlich einen Blick zu mir herüber. Lou beschäftigte ihn mit harmlosen Spielchen, ließ ihre Finger auf ihm herumkrabbeln oder versteckte sich hinter ihren Händen. Dankbar kicherte der Kleine, während ich verzweifelt schwieg. Mit alberner Beflissenheit schaufelten die Schlierers das Kaffeegeschirr auf den Tisch. Aus einer Silberkanne schenkte Frau Schlierer ein. Mit demonstrativer Diskretion verschwanden die beiden dann im Haus, als ob sie unsere Gespräche nicht stören wollten.

»Er ist mein Onkel, sie meine angeheiratete Tante«, erklärte Lou, kaum dass die blonden Mähnen hinter den Scheiben der Terrassentür verschwunden waren. Dass es bei dieser dürftigen Erklärung blieb, ließ mich erstmals befürchten, dass Lou in meinen Binsenburger Angelegenheiten eine weitaus bedeutendere Rolle spielte, als mir lieb sein konnte. Fast unmittelbar musste ich an die Tage nach unserer Trennung denken, an den Schmerz darüber, wie gleichgültig sie sich aus meinem Leben davongestohlen hatte, ohne jedes erklärende Wort, ohne jedes weitere Lebenszeichen. Nun benahm sie sich, als ob aus unbekannten Gründen damals ich selbst verlorengegangen und unverhofft, wie ein lang verschollener Kriegsgefangener, zurückgekehrt sei. Auf seltsame Weise schien sie mir zugewandt, mit einer inneren Ruhe in mich versunken. Selbst ihre Fragen klangen versöhnlich – obschon sie nicht minder drängend waren als früher.

Dr. Lenz habe mich geschickt, begann sie (und bemühte sich, den Namen Dr. Lenz möglichst neutral auszusprechen). Was der Doktor vorhabe. Niemals wäre sie zufrieden gewesen, ehe sie nicht klare Antworten erhalten hatte. Um mich nicht von vornherein um eine weitere Einladung bei den Schlierers zu bringen, entschied ich mich zu der höflichen, aber möglichst kompakten Auskunft, Hinrich Giers über die Vorgänge in der »Sozialen Gesellschaft« auf dem Laufenden halten zu wollen. »Was geht dich die ›Soziale Gesellschaft‹ an?«, verlangte Lou zu wissen und schaute mich freundlich an. Niemals hätte ich ihr den Gefallen getan, die Wahl dieses Arbeitgebers auch nur im Entferntesten mit dem Ende unserer Beziehung in Zusammenhang zu bringen. Ich glaubte stattdessen, Lou gefahrlos an die Faszination erinnern zu können, die sie selbst für Hinrich Giers immer empfunden hatte. Dass auch sie mich für seine Werke damals zu begeistern versucht habe, dass ich ihr nicht immer hätte folgen können, dass mir vieles unverständlich erschienen, mein Interesse später jedoch immer größer geworden sei, ich nicht gedacht hätte, jemals so viel Freude an der Giers’schen Philosophie zu entwickeln, dass ich ein Giersianer geworden und meine Tätigkeit für die »Soziale Gesellschaft« insofern nur noch eine Formsache gewesen sei.

Lou hörte reglos zu und runzelte etwas die Stirn, während sie dem Jungen über die Haare strich und hin und wieder einen Kuss darauf drückte. Ihre letzte Frage folgte prompt und wirkte nach meiner wortreichen Erklärung etwas frostig. »Wieso schickt Dr. Lenz ausgerechnet Dich? Weshalb niemand anderen?« Sie schaute mich unverwandt freundlich an, lächelte und ließ ironisch ihre Augenbrauen spielen. Noch ahnte ich nicht, was für ein boshafter Scherz diese Frage gewesen war.

Haus Louisa
17

Mein erster Besuch in der Villa Mögen endete, ohne dass ich Hinrich Giers angetroffen hätte. Lou erhob sich etwas brüsk aus ihrem Gartenstuhl und nahm das für ihn bestimmte Briefpäckchen an sich, mit dem Versprechen, es ihm bei nächster Gelegenheit auszuhändigen. Unweigerlich meldete sich die beklemmende Frage zurück, welche Rolle sie hier oben eigentlich spielte. Einzig aus der Hoffnung, eine Antwort darauf zu erhalten, akzeptierte ich schließlich Lous Angebot, sie auf dem Heimweg zu begleiten. Dass es zu keiner förmlichen Verabschiedung von den Schlierers kam, trübte meine Hoffnung auf weitere Besuche in der Villa Mögen, doch ich wusste nicht, was ich daran hätte ändern können.

Lou setzte den Jungen in einen Kinderwagen, der neben der Terrassentür stand, und bat mich zu schieben, als wir den abschüssigen Kiesweg hinuntergingen. Der Kleine lehnte sich im Sitz zurück. Bald fielen ihm die Augen zu. Lou schlenderte neben mir und stemmte die Hände in die Hüften. Sie wirkte müde, ihr Lächeln abwesend. Ohne dass ich Gründe dafür hätte nennen können, schien es mir, als ob sie nach Erholung von einer ungeheuren Anstrengung suchte. Ich hatte jedoch keine Zeit, darüber nachzudenken. Weitaus Wichtigeres war zu bereden. Und obschon ich selbst nicht recht wusste, weshalb die Wahl von Dr. Lenz auf mich gefallen war, hatte ich doch, wie ich erklärte, eine klare Vorstellung vom Zweck meines Hierseins. Eine Bemerkung, über die sie sofort zu lachen begann. »Welche Vorstellung hast du denn vom Zweck Deines Hierseins?«, fragte sie mit der üblichen Wellenbewegung ihrer Augenbrauen. Ich rang um eine Antwort, während wir die Rhododendrengebirge passierten und einen großen Obstgarten erreichten. Mehrere Apfelbäume standen in weißer, vorsichtig tastender Blüte. Sie waren alt, aber gründlich beschnitten. Die Kronen waren nach oben und unten ausgedünnt. Die mittleren Zweige strebten mächtig in die Breite, wie Tischplatten, die sich an den Enden berührten. Sie bildeten ein durchlässiges Dach über uns. Der Obstgarten, von Rhododendren und Hecken gesäumt, schien einen weiten Bogen um das Haus zu beschreiben. Kugelförmig geschnittene Johannisbeersträucher meine ich gesehen zu haben, Wildblumenbeete und ausgedehnte Rabatten mit Himbeeren.

Auf irgendeine Weise muss ich wohl versucht haben, die Philosophie von Hinrich Giers mit diesem Bild einer freundlich zugerichteten Natur zu vergleichen. Dass mir zu spät klar geworden sei, worin die Faszinationskraft des Giers’schen Werks bestehe (Lou hatte mich, wie gesagt, vergeblich dafür zu interessieren versucht). Dass ich viel zu spät begriffen hätte, wie wichtig Selbsterkenntnis sei (Lou hatte mir das, wie gesagt, stets als Versäumnis angekreidet). Dass ich auf irgendeine Weise hätte nachholen wollen, was ich ihr damals schuldig geblieben sei. Und ich kann mich noch erinnern, dass ich verwundert war, wie schnell ich das alles unter dem Dach der Apfelbäume vorgebracht habe – fast so, als ob ich mir vorgenommen hätte, Lou davon tatsächlich bei passender Gelegenheit zu berichten. Es war noch nicht einmal die Unwahrheit. Schließlich war ich nicht nach Binsenburg gekommen, um Hinrich Giers zu begreifen, sondern Giers gefolgt, um Lou selbst zu enträtseln, das eigentliche Rätsel meines Lebens. Das jedoch hätte ich ihr schwerlich nahebringen können, hier, im Obstgarten der Villa Mögen, kaum zwei Stunden, nachdem wir uns wiederbegegnet waren. Wozu auch? Aufklärung über mich selbst war alles, was ich mir in Binsenburg gewünscht habe. Eine letzte Tür wollte ich aufstoßen, die mich in die Klarheit der Selbsterkenntnis führen würde.


Es war glücklicherweise nicht erforderlich, Lou die Motive meines Besuchs in Binsenburg genauer zu erläutern. Meine umständlichen Antworten schienen sie durchaus zufriedengestellt zu haben. Offenbar, so bemerkte sie, hätte ich doch noch meine »Liebe zur Weisheit« entdeckt, meine »innere Stimme« gerade noch rechtzeitig vernommen, vor dem drohenden Ende der »Sozialen Gesellschaft«. Spott, der für Lou keineswegs untypisch war, in dieser Situation jedoch merklich zu meiner Erleichterung beitrug. Mochte sie ruhig glauben, ich sei in Existenznot geraten und auf der Suche nach irgendeinem Rettungsanker. Beunruhigender wirkte schon, wie gut sie unterrichtet war. Zweifelsohne hätte ich mich fragen müssen, woher sie so genau über die »Soziale Gesellschaft« Bescheid zu wissen glaubte. Es war jedoch nicht einfach, sich solche Fragen zu stellen, wenn man mit Lou spazieren ging, einer selbstvergessenen, beinahe schlafwandelnden Lou, die ihre Hände in die Hüften stemmte, dem abschüssigen Weg kaum Widerstand leistete und ihre Glieder gleichgültig auf- und niederwogen ließ. Es war nicht einfach, sich solche Fragen zu stellen, statt an verregnete Sommerabende zu denken, an denen wir, einen schweren Rotwein auf der Zunge, durchnässt in die Frankfurter Parks geschlendert waren, aneinandergeklammert, auf dem Weg zu irgendeiner verborgenen Bank.

Ich versuchte mich zu konzentrieren und manövrierte den Kinderwagen auf ein Tor zu, das in eine hohe Gartenmauer eingelassen war. Lou hielt es auf, rot im Gesicht und etwas außer Atem. Als wir hindurchgegangen waren, lag zu unseren Füßen die Stadt, ein weißer, rings über das Tal und die Höhen gebreiteter Häuserteppich. Direkt unter uns fläzten die Villen auf den sanft absteigenden Terrassen des Paradieshügels. Im Tal leuchtete der altrosafarbene Turm der Marktkirche. Weiter hinten verlief das grüne Band der Binsenburger Allee. Die gegenüberliegenden Höhenzüge blickten etwas verdrießlich aus dem Dunst, darunter der Fichtenbuckel, auf dem der unglückliche Dr. Lenz residierte.

Wie gemacht schien das Panorama der hingebreiteten Stadt, um eine Spielfläche des eigenen Lebens darin zu sehen. Für Lou offenbar der geeignete Moment, um mir zu bedeuten, dass sie sich durch unsere Situation an »Pique Dame« erinnert fühle – und ob ich das Rätsel dieser berühmten Erzählung von Puschkin begriffen hätte. Typisch Lou, auf solche Weise ein Gespräch zu eröffnen. Woher hätte ich wissen sollen, was ihr an dieser Geschichte rätselhaft erschienen war? Sie ließ sich Zeit, spannte das Verdeck des Kinderwagens über dem schlafenden Jungen auf und lachte, als sie meinen verständnislosen Gesichtsausdruck bemerkte. »Hermann versucht den Kartentrick der alten Gräfin herauszufinden«, glaubte sie mich erinnern zu müssen. »Er schleicht sich bei ihrer Zofe ein und bittet sie, ihm Zugang bei der Gräfin zu verschaffen.« Ich nickte ungeduldig. Selbstverständlich kannte ich die Geschichte, wenn auch nicht in allen Einzelheiten. Lou machte es spannend und schaute lange und versonnen auf die Stadt hinunter. »Bis zum Schluss weiß man nicht: Liebt er Lise, die Zofe? Hofft er auf den großen Spielgewinn, weil er mit ihr durchbrennen will? Oder spielt er ihr nur etwas vor, um an das Geld zu kommen?«

Ich muss gestehen, dass ich über diesen literaturgeschichtlichen Betrachtungen etwas den Faden verloren hatte. Auch verstand ich nicht, weshalb wir uns mit einer Geschichte von Puschkin hier oben so lange beschäftigten. »Wie auch immer«, murmelte Lou und blickte auf die Stadt hinunter, »am Ende benötigt jeder Hermann eine Lise, die ihm Zugang zur Gräfin verschafft. Jemanden, der ihm die Tür öffnet zur Kammer der Geheimnisse.« Sie drehte sich zu mir und ließ noch einmal ihre Augenbrauen spielen. »Ist es nicht ein komischer Zufall, dass ausgerechnet ich deine Lise zu sein scheine?«

18

Hinter den Verschanzungen seiner Umzugskartons saß am Abend desselben Tages Dr. Lenz und fand die Begebenheiten im Hause Schlierer erwartungsgemäß wenig erfreulich. Wie am Vortag berieten wir die Lage in der Einöde des Wohnzimmers. Dazu gab es Brötchen, die seit geraumer Zeit auf ihren Verzehr gewartet haben mussten, belegt mit Käsescheiben, die sich an den Rändern zu wellen begannen. Teilnahmslos brütete der Doktor vor sich hin und schien sich damit im eigentlichen Element seiner Binsenburger Tage zu befinden.

Den schlimmsten Teil meines Berichts hatte ich mir bewusst für den Schluss aufgespart. Auf schonungslose Weise nämlich hatte Lou am Ende Klarheit zwischen uns hergestellt, schienen sich weitere Fragen nach ihrer Zofenrolle zu erübrigen. Sie selbst habe Hinrich Giers das Exil in der Villa Mögen verschafft, hatte sie mir auf den letzten Metern des Heimwegs anvertraut. Sie selbst habe den Professor vom Binsenburger Exil überzeugt, kaum dass sein Wunsch erkennbar gewesen sei, sich aus dem akademischen Leben zurückzuziehen. Das Gesicht von Dr. Lenz glühte vor Zorn, als ich ihm diese sensationelle Neuigkeit übermittelte. Er, der Ahnungslose, musste zur Kenntnis nehmen, dass sich eine Studentin, die ihn beinahe um seinen guten Ruf gebracht hatte, in Binsenburg als Türhüterin seines Meisters aufspielte. Im Bewusstsein seiner Ohnmacht muss ihm dies wie ein Anschlag der hinterhältigsten Sorte erschienen sein.

Dabei hatte alles so harmlos auf mich gewirkt, als Lou und ich von unserem Aussichtspunkt über einen schmalen Pfad zur unterhalb gelegenen Terrassenstraße gestolpert waren. Nur ein paar Schritte weiter hatten wir ein unscheinbares Haus erreicht, das sich an den Hügel schmiegte und mit den modernen, schuhkartonförmigen Villen auf der gegenüberliegenden Straßenseite nicht konkurrieren konnte. Die graue Farbe blätterte von der Front. Auf einem Anbau befand sich eine Terrasse mit einer Pergola, die mit wildem Wein bewachsen war. Zum Eingang im erhöhten Parterre führten ein paar Stufen hinauf. Neben dem Treppenfuß parkte ich den Kinderwagen. Lou nahm den Jungen, der die zitternden Glieder streckte und im Halbschlaf seine Ärmchen um sie schlang. Mit der freien Hand fingerte sie den Schlüssel aus der Hosentasche und erklärte, dass ich nun alles wüsste. Dann ging sie mit dem Jungen die Stufen hinauf, schloss die Tür auf und verschwand im Hauseingang, ohne sich verabschiedet zu haben.

Ratlos blieb ich stehen und fühlte mich nicht gerade wie ein Glücksspieler, der versucht hat, sich eine verliebte Zofe zu engagieren. Eher war mir, als sei ich soeben selbst engagiert worden – ahnungslos, worauf ich mich eingelassen hatte. Ein Gefühl, das sich kaum dazu eignete, Dr. Lenz daran teilhaben zu lassen. Vermutlich war ihm bewusst geworden, wie wenig er die Sphären noch überblickte, in denen sein Übervater mittlerweile verkehrte. Der größte Philosoph der Gegenwart, weggesperrt in eine Kleinstadtresidenz, abgeschirmt von einer Ex-Studentin, die beim Meister offensichtlich ein- und ausging und in unmittelbarer Nähe seines Hauses ihren Wachtposten bezogen hatte. Ich fragte mich, ob sich der Doktor überhaupt noch anders mit Hinrich Giers verbunden fühlen konnte als durch die Schriften, die in seinen Kartons verstaut waren und die Sicht nach draußen versperrten.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2025
Hacim:
291 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783947373758
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