Kitabı oku: «Gustav»
Wolf Kampmann
Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden.
Eingeflossen sind jedoch Erinnerungen an und von M.V.
1.
Ein Geräusch. Gustav Bülow erwacht. Er weiß nicht, wie lange er geschlafen hat. Das Gefühl für Zeit ist ihm längst abhanden gekommen. Wer wie er in der Epoche der Fantasie aufgewachsen ist, kümmert sich irgendwann nicht mehr um das mechanische Ticken der Uhr. Schlaf ist ohnehin nur eine Ausrede für Versager. Gustav schläft nicht.
Wenn die anderen die Augen schließen, um sich von der Wirklichkeit auszuruhen, schickt er sich erst an, sein wahres Leben zu genießen. Das ist keine Flucht. Er wechselt nur die Ebene, als würde er ein anderes Zimmer betreten. Wie und warum ihm dieser chronologische Zustandswechsel gelingt und anderen nicht, kann er sich nicht erklären, aber – offen gestanden – es hat ihn auch nie interessiert. Er macht es einfach.
Schon sein Vater und seine Lehrer hatten ihn mit ihrer lächerlichen Vorstellung von der Unumkehrbarkeit der Zeit genervt. Zeit ist Geld, nutze den Tag, was du heute kannst besorgen … Alles Unsinn. Jedem steht ein Reich offen, in das er entfliehen kann. Man muss nur die Tür kennen und rechtzeitig nach der Klinke greifen. Doch sein Vater und seine Lehrer, all das ist lange her.
War der Vater ein alter oder junger Mann? Gustav weiß nicht, wie er sich erinnern soll. Gleich wird er wieder die Augen schließen, womöglich wird er ihn dann treffen. Gar nicht mehr lange, dann wird auch sein eigenes Leben Vergangenheit sein. Als würde das etwas ausmachen, denn mit dem Leben verhält es sich ja wie mit dem Wachsein. Alles eine Frage der Luken, durch die man schlüpfen kann.
Aber da war ja noch dieses Geräusch. Gustav liegt in seinem Bett, von dem seine Frau behauptet, es wäre sein Krankenbett. Gustav weiß es besser. Zugegeben, manchmal überkommt ihn diese Müdigkeit, diese unerträgliche Schwere, dann will er sich gar nicht rühren. Und sich erinnern schon gar nicht. Dabei hat er auch immer wieder Momente, in denen er ganz der Alte ist. »Ihr werdet euch noch alle wundern.«
Unterhalb der Zimmerdecke umschwirrt ein Geschwader Fliegen die liebevoll mit Fragmenten von Hirschgeweihen verzierte Lampe, als wäre es eine Raumstation. Gustav versucht sie zu zählen. Es gelingt ihm nicht, es ist ihm noch nie gelungen. Wenn die Viecher doch nicht ständig von ihren Flugbahnen abweichen würden. Für einen Augenblick stellt er sich vor, die schwirrenden Punkte wären Geier und die Enden der Geweihe ferne Andengipfel. Wie imponierend ein Schwarm Fliegen doch aussehen kann, wenn man ihn von der Zimmerdecke in Vorpommern über ein Gebirge am anderen Ende der Welt versetzt. Für das Große im Kleinen hat er schon immer ein Auge gehabt.
Neben seinem schneeweiß bezogenen Bett wartet auf einem dreibeinigen Hocker ein kleiner Teller mit einem halben Wurstbrot und ein paar einsamen Weintrauben darauf, in die Küche zurückgetragen zu werden. Hin und wieder unterbricht eine der Deckenfliegen ihre Lampenumrundung für einen kurzen Besuch auf der Wurstscheibe, um sogleich wieder ans Firmament des Zimmers zurückzuschwirren. Gustav ist für diese Stippvisiten seiner klitzekleinen Mitbewohner dankbar, als würden sie nicht der Wurst, sondern ihm gelten.
Eine winzige Ecke der Brotscheibe fehlt, wahrscheinlich hat er vorhin einmal abgebissen. Er kann sich nicht erinnern. Wozu auch? Früher hat er gern gegessen. Vor allem viel, ein Mann wie er braucht schließlich Kraft. Aber jetzt interessiert ihn Essen nicht mehr.
Eine Zigarette, das wär’s jetzt. Seine Frau – wie hieß sie noch gleich? – erlaubt ihm das Rauchen jedoch nicht, wenn er allein im Bett liegt. Ihr schönes Haus könnte ja abfackeln. Die dumme Kuh. Hat sowieso nie Zeit für ihn. Ständig hört er sie im Untergeschoss mit dem penetranten Pack von Nachbarn quasseln. Sie wartet nur darauf, dass er abkratzt. Gustav muss bei diesem Gedanken lachen.
Das Geräusch kommt von der Tür seines kleinen Zimmers unter dem Dach. Durch das große Fenster dringt die Sonne ein und tastet die Tapeten ab. Die breite Wand gegenüber dem Bett hängt voller Bilder – er und seine Hunde. Ja, das waren die Einzigen, die ihn wirklich verstanden haben. Hunde lügen nicht, sind niemals illoyal, missbrauchen unter keinen Umständen das Vertrauen, das man ihnen entgegenbringt. Die Liebe eines Hundes ist bedingungslos und aufrichtig, sein Gebell niemals geschwätzig. Seine Anhänglichkeit ist ohne jeden Hintergedanken. Mit Hunden kann man das Lager teilen. Sie sind da, wenn man sie braucht.
Vier Hunde hat er gehabt. Sie alle sind längst fort und warten auf der anderen Seite auf ihn. Das wird ein Fest. Auf einer länglichen Holzkommode gegenüber dem Fußende liegen ein paar besonders dekorative Stücke seiner einst ansehnlichen Sammlung von Fossilien und anderen Eigentümlichkeiten der Natur. Bei einigen hat er ein wenig nachgeholfen, um ihnen ihr heutiges Aussehen zu verpassen. Er kann ja nichts dafür, dass selbst die Natur zuweilen ihre Unzulänglichkeiten hat.
Aber wen interessiert das schon, nur der Eindruck zählt. Ein wenig Lack hier, ein paar Pinselstriche dort, auch Leim hat noch nie geschadet, schon wird aus ein paar Scheren und Schalenteilen, die er einzeln am Strand aufgelesen hat, ein kompletter Hummer. Neben der Tür türmen sich die Trinknäpfe seiner Hunde, die er über all die Jahre wie Heiligtümer aufbewahrt hat, zu einem Altar seiner Lebensgeschichte.
Ach ja, die Tür. Da war doch was. Im Moment kann Gustav sich nicht so einfach bewegen wie sonst. Er muss seinem Nacken bewusst den Befehl geben, den Kopf zur Seite zu drehen, selbst dann fällt es ihm noch schwer. Wo er einst Muskeln gewohnt war, reiben jetzt schmerzhaft die Knochen aufeinander. Soll er oder soll er nicht? Dann ein Räuspern von der Tür her. Offensichtlich steht da jemand. Elke – stimmt, das war ihr Name – ist es nicht. Die würde sich nicht diskret räuspern, sondern ihn ohne zu fragen mit ihren dummen Alltäglichkeiten vollquatschen, ihn mit irgendwelchen Pillen oder Tropfen martern, die sie sonst niemandem in ihrer Apotheke aufschwatzen kann, oder stolz reinplatzen und ihn mit den Worten »Weißt du, wer heute zu dir kommt« aus seinen intimen Vorbereitungen reißen. Als ob er hier noch jemanden sehen will. Nein, Elke ist es nicht.
Nun macht er sich doch die Mühe, den Kopf zu wenden. Langsam, ganz langsam. Um keine Energie zu verschwenden, schließt er dabei die Augen. Der Schlaf will schon wieder nach ihm greifen.
Im Türrahmen steht eine Gestalt, offenbar ein Mann. Anfangs nimmt er nur die Umrisse wahr, aber da ist etwas, das ihn zwingt, den Besucher etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Gustav hat ihn noch nie gesehen, und doch wirkt der andere in seiner Durchschnittlichkeit so vertraut, als wäre er ihm schon tausendmal begegnet, ja als hätte er ihn wie sein Alter Ego ein Leben lang begleitet. Mittelgroß, mittelblond, mittleren Alters, der Zweiteiler mittelgrau. In seinem Revers steckt ein winziges goldenes Abzeichen, doch Gustav kann nicht erkennen, was es darstellt. Wo hat die Kuh denn schon wieder seine Brille hingelegt? Dann muss er eben versuchen, seinen unangemeldeten Gast auch ohne Sehhilfe etwas eingehender in Augenschein zu nehmen. Auf seine Sinne konnte er sich ja bis zuletzt ganz gut verlassen.
Unter den immer noch buschigen Brauen kneift er die müden Augen zusammen. Nein, dieses Gesicht sagt ihm wirklich gar nichts. Sowas von unauffällig, absolut nichts Charakteristisches, das er irgendwo in seiner Erinnerung verorten könnte. Nur die Haltungsschwäche sticht ins Auge, der schmächtige Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, der Hals vom Kopf in den Rumpf gedrückt, die Knie unentschlossen angewinkelt. Irgendwie weibisch. Unter dem Arm trägt er eine speckige Kunstledermappe. Ein Beamter, der irgendeine Unterschrift von ihm will?
Gustav hat schon lange nichts mehr unterschrieben. Das erledigt jetzt die Frau für ihn. Seine Elke. Wie gut, dass er sie hat. Morgen früh muss er ihr Blumen kaufen. Rosen, einen Riesenstrauß. Hinter den schmalen Schultern des Eindringlings macht er weitere Gestalten aus, doch mit denen wird er sich später beschäftigen.
Gustav nimmt alle Kraft zusammen, um mit seiner Stimme diesen Eindruck von früher hervorzurufen, als er von der Bühne herab mit einem einzigen Wort Hunderte in Erstarrung versetzen oder zu Tränen rühren konnte. Die Bühne und das Leben. Und jetzt?
Er muss Haltung bewahren. In entscheidenden Momenten hat er schließlich immer auf Höflichkeit geachtet. »Guten Tag?« Es ist mehr Frage als Begrüßung.
Eine Pause entsteht. Der Fremde lächelt und schweigt. Gustav weiß nicht, was er davon halten soll. Er beginnt, Vertrauen zu fassen, aber gerade das macht ihn zugleich misstrauisch. Will ihn da jemand mit geheuchelter Nähe einwickeln? Abstand zwischen sich und anderen war ihm stets wichtig. Nur nicht zu schnell die Karten auf den Tisch legen. Nein, das Bild gefällt ihm nicht. Also bloß nicht das ganze Pulver auf einmal verschießen, das trifft es schon eher. Das Kartenspiel war nie seine Sache, die Freuden des Waidmanns hingegen haben seit den Kindheitstagen seine Sehnsucht beflügelt. Im Wald und auf der Heide, wie von selbst spitzen sich seine Lippen, als wollten sie die geliebte Weise pfeifen, wie einst, als er mit den Hunden unterwegs war, als er noch Laub unter den Füßen und Moos unter den Fingernägeln spürte. Ja, ein Mann muss schießen können. Schießen! Damals, als er …
Er will gerade die Augen schließen, um den Schauplatz zu wechseln, da hört er, wie der andere tief durchatmet. Gustav kennt dieses rhetorische Schniefen. Da will sich einer Gehör verschaffen, um etwas Gewichtiges loszuwerden. Na gut, soll er. Die Stimme ist genauso mittelmäßig wie alles andere an dieser armseligen Figur. »Gustav, willst du nicht mitkommen?«
Wieder eine Pause. Wie kommt diese Nervensäge dazu, ihn einfach zu duzen? Woher kennt der eigentlich seinen Namen? Und wohin mitkommen? »Wer sind Sie überhaupt?«, entfährt es ihm missmutig und wesentlich weniger auf Form bedacht als eine halbe Minute zuvor.
»Ich bin der Tod.«
Gerade weil es so sanft ausgesprochen wird, trifft es Gustav wie ein Meteorit. Der Tod? Jetzt? Plötzlich ist er hellwach. Der Unauffällige lächelt und blickt ihn fest an. Seine Haltung wirkt gar nicht mehr so schlaff wie noch vor wenigen Augenblicken. Gustav verspürt das Bedürfnis, die Schuhe des immer noch in der Tür Stehenden zu sehen. Mit Mühe hebt er seinen Kopf über die Bettkante. Gleichzeitig achtet er darauf, dass seine nackten Füße unter der Bettdecke nicht in Richtung Tür zeigen. Unter dem leichten Schlag der grauen Hosenbeine erkennt er schwarze, abgerundete Schuhspitzen, vorn leicht abgestoßen, oben voller Staub und getrockneter Schlammspritzer. Gustav vermutet, dass die Hacken der billigen Gummisohlen schiefgetreten sind. Das soll der Tod sein? Wie banal! Bestimmt nur wieder so ein geschmackloser Scherz seiner dämlichen Nachbarn, die ihn auf diese Weise vorzeitig ins Jenseits befördern wollen.
In einem Volksstück hat er mal selbst den Tod gespielt. Nicht nur das Publikum, auch seine Kollegen erschauerten angesichts seiner Verkörperung des Bösen. Geradezu lachhaft, wie dieser Todesschnösel da auftritt. In dieses angenehme Gefühl der Überlegenheit drängt sich wie ein schneidender Luftzug durch die Hintertür seiner Gedanken die Formulierung »der Tod kommt auf leisen Sohlen«. Gustav wird nachdenklich: »Haben Sie vielleicht eine Zigarette?«
»Tut mir leid, ich rauche nicht.«
Von wegen. Gustav weiß sich zu helfen. Lange und genießerisch stößt er Luft zwischen den Lippen hervor und folgt mit den Blicken vergnügt den tanzenden Schimären des erdachten Tabakrauchs. »Wieso der Tod?« Jetzt ist er es, der eine rhetorische Pause einlegt. Und nach einer kleinen Ewigkeit und weiteren Zügen aus der unsichtbaren Zigarette: »Der Tod ist doch nicht so freundlich wie Sie. Er ist grausam und unbarmherzig. Er bittet nicht, sondern fordert. Meist nicht einmal das, er klopft kurz an die Tür und holt ohne Worte, wen er will. Ich weiß, wovon ich rede.« Gustav spürt, wie seine Stimme an Schärfe verliert. Hoffentlich hat er es diesem sichtlich um Harmlosigkeit bemühten Wichtigtuer jetzt gegeben. Der Fremde aber tut, was er die ganze Zeit schon getan hat. Er lächelt.
Was soll das? Wo bleibt der Respekt? Es reicht. Gustav hat von diesem Gespräch genug. Der Schlaf wartet, er schließt die Augen und will seinem Körper das Kommando geben, sich zur anderen Seite zu drehen. Doch wieder vernimmt er dieses Räuspern. Offenbar lässt der penetrante Eindringling nicht so leicht locker. Gustav kann sich nicht dagegen wehren.
»Es gibt viele Tode«, hört er den anderen sagen.
Im Zimmer ist es totenstill. Gustav lauscht. Der Unscheinbare redet mit ihm wie mit einem Kind, langsam, nachsichtig und mit vielen Pausen, fast als würde er singen. »Es gibt den grausamen Tod, den heimtückischen Tod, den plötzlichen Tod, den Tod durch Fremdverschulden, den Freitod, den langwierigen Tod, den lauernden Tod, den lächerlichen Tod, den plötzlichen Kindstod, nicht zu vergessen das Massensterben – und ich bin eben der freundliche Tod. Ich weiß, ich werde immer mit schwarzem Umhang und Sense dargestellt, aber das ist ja nur ein billiges Klischee. Wer unter den Lebenden hätte mich schon jemals so zu Gesicht bekommen, dass er von mir hätte erzählen können? Der eine oder andere ist mir vielleicht im letzten Augenblick von der Schippe gesprungen. Auch das ist wieder nur so eine Redensart, aber bitte, niemand soll mir Kleinlichkeit nachsagen. Die Erinnerung dieser Deserteure habe ich sowieso stets sofort gelöscht. Im schlimmsten Fall haben sie von Nahtod-Erfahrung erzählt. Reine Einbildung, ein Nahtod ist mir wirklich noch nicht begegnet. In Wirklichkeit ist alles ganz anders, als die Normalsterblichen es glauben. Aber wer sollte das besser wissen als du, Gustav? Ich meine, das mit der Wirklichkeit. Kommst du jetzt mit oder nicht?«
Gustav ist wieder hellwach. Das Wort Deserteur hat ihn an etwas erinnert. Nichts Angenehmes. Aber darüber kann er jetzt nicht nachdenken. Langsam beginnt ihm zu dämmern, dass dies hier kein Scherz seiner Nachbarn ist. Verdammt, wo ist nur diese Scheißbrille? Sein Blick richtet sich mit der ganzen Restschärfe auf das kleine goldene Abzeichen. Kaum zu erkennen, aber es handelt sich tatsächlich um eine Sense.
In der Gefolgschaft der grauen Erscheinung beginnt es unruhig zu werden. Zum ersten Mal unterzieht Gustav die Menschentraube einer genaueren Prüfung. Sie hat sich im Rücken ihres merkwürdigen Anführers devot gruppiert wie ein Rudel christlicher Märtyrer hinter einer mittelalterlichen Darstellung des Heilands. Das sind doch Hartmut, Fritz und Günter, die nicht aus dem Krieg zurückgekommen sind. Und sein langjähriger Freund, der Schauspieler Paul Borchert, mit dem er früher regelmäßig auf Sauftour war. Seitdem der Arsch als Fernsehkommissar dauerbesetzt war, hatte er den Kontakt abgebrochen. Pauls Erfolg war für Gustav wie ein Verrat an der gemeinsamen Freundschaft. Was hätte er selbst für einen Kommissar abgegeben! Als der Kumpan von früher vor ein paar Jahren nicht mehr aus dem Koma erwachte, weinte er ihm keine Träne nach. Das hatte er nun davon, der alte Suffkopp. Und – sein Herz schlägt fast bis zum Kieferknochen – da ist sein Vater.
Er selbst ist jetzt zwei Jahre älter als sein alter Herr damals war, als ihn völlig unerwartet der Schlag hinstreckte. Kaum zu glauben. Doch hier steht der Vater als junger Mann. So, wie Gustav als Junge von unten zu ihm aufgesehen hat, stark war er, entschlossen, streng, unnachgiebig und doch in geheimen Momenten, die nur ihnen beiden gehört hatten, liebevoll und gütig. Auch in anderen Silhouetten glaubt er ehemalige Wegbegleiter zu erkennen, die der Tod bereits mit sich gerissen hat.
Die Sonne hat sich aus dem Zimmer zurückgezogen. Die Hundebilder an der Wand sind nur noch neutrale Vierecke in Grau. Keine geliebte Schnauze mehr, die ihm ihre rosafarbene Zunge schlabbernd entgegenstrecken würde. Ist es Abend oder sind einfach nur Wolken aufgezogen? Vielleicht weigert sich das ewige Symbol des Lebens auch nur, Zeuge dieser düsteren Szene zu sein. Gustav versucht noch einmal, das Gesicht des unheimlichen Besuchers abzutasten, doch das liegt jetzt im Halbschatten, als hätte er klammheimlich doch noch eine Kapuze über seine grausige, hier auf Unschuld getrimmte Visage gezogen. Kein Zweifel, das ist der Tod, wenn auch der freundliche.
»Elke!« Er ruft, so laut er kann, doch sie hört ihn nicht. Niemand hört ihn in diesem Augenblick, in dem der Sensenmann in seiner Tür steht. Sein kultiviertes Benehmen und die lächerlich moderne Aufmachung ändern ja nichts an der Tatsache, um wen es sich da handelt. Verdammter Mist!
»Elke!« Der flehende Ruf nach seiner Frau erstickt in seiner trockenen Kehle und hinterlässt ein stumpfes Echo unterhalb seiner Schädeldecke. Ihm ist, als würde der Tod ihn leise auslachen, doch genau weiß er es nicht. Flüsternd wendet er sich an sein Gegenüber. »Wollen Sie nicht endlich abhauen? Ich verliere auch kein Sterbenswörtchen darüber, dass Sie hier waren.«
»Ich habe Zeit«, säuselt die sanfte Stimme unbeeindruckt. Immer wieder dieses unsinnige Wort Zeit. Selbst Gevatter Tod ist davon besessen. Einmal mehr muss Gustav grinsen, denn er glaubt, seinen Gesprächspartner durchschaut zu haben. Zum Glück ist der einzige Hocker im Zimmer mit dem Teller blockiert. Elke ahnt gar nicht, was sie ihm da für einen Gefallen getan hat. Nicht auszudenken, wenn dieser lästige Freundlichtuer sich jetzt auch noch zu ihm ans Bett setzen würde. »Du kannst ruhig mitkommen, es ist gar nicht so schlimm, wie du denkst«, raunt es aus der Entourage des Jenseitigen.
»Früher oder später wirst du sowieso mitkommen, ob du willst oder nicht«, beharrt er jetzt in deutlich sachlicherem Ton, und dann unerwartet distanziert: »Sei froh, wenn ich dich hole und nicht eines Tages einer meiner Kollegen in deiner Tür steht.«
Wie bitte? Das wäre ja noch schöner. Den Augenblick seines Abgangs will Gustav immer noch selbst bestimmen. Als hätte er sich jemals etwas vorschreiben lassen. Wenn seine Gliedmaßen ihm gehorchen würden, dann würde er es diesem ungehobelten Kerl zeigen. Soll ihn doch der Teufel holen. Lustige Vorstellung: Der Teufel holt den Tod. Gustav versucht sich vorzustellen, wie das in einer Theaterinszenierung aussehen würde. Welche Rolle würde er lieber spielen, Teufel oder Tod? Er entscheidet sich für den Teufel. Mephisto hatte er nie spielen dürfen, immer nur Faust.
Er weiß nicht, ob er zwischendurch wieder eingeschlafen war. Das Zimmer ist dunkel. Ist der Graue noch da? Gustav kann ihn nicht mehr sehen. Besser so. In diesem Erlösung verheißenden Moment des unwiderruflichen Loslassens hat er nämlich ganz plötzlich noch etwas anderes zu klären. Er gerät in Panik.
Da steht diese eine Frage im Raum, vor deren Beantwortung er sich ein Leben lang erfolgreich gedrückt hat. Seine Augen sind wieder geschlossen. Gustav hat das Gefühl, immer leichter zu werden, abzuheben und von einer Anhöhe aus ein letztes Mal auf sich selbst herabzublicken, wie er da unten in seinem Bett liegt. Doch die Züge seines Spiegelbilds beginnen sich in ihrer Umgebung aufzulösen.
Er versucht seinen Blick für diese allerletzte Begegnung zu fokussieren wie das Teleobjektiv seiner Kamera, die ihn über all die Jahre ebenso treu begleitet hat wie seine Hunde, und sich selbst in ein Gespräch zu verwickeln. Aber wer soll den Anfang machen? Gustav weiß nicht, ob er es laut ausspricht oder einfach nur die Atemluft unter seinen Bartstoppeln hervorstößt. »Wer bin ich?«
Hat er tatsächlich eine Antwort erwartet? Statt abschließender Klarheit breitet sich ein verklärtes Lächeln in seinen Zügen aus. Na klar, er ist immerhin ein Auserwählter. Während alle anderen vor, hinter und neben ihm nur stupide ihrem Lebensfaden folgen, dessen einzige vorgegebene Richtung keinerlei Abweichung zulässt, hat er nicht ein, sondern viele Leben gelebt. Gustav hat es besser gemacht. Aber jetzt – buchstäblich im Angesicht des Todes – muss er eine Entscheidung treffen. »Wer?«, fleht es immer eindringlicher in ihm. Er möchte aufspringen, die Arme hochreißen, doch die Kräfte verlassen ihn.
Da spürt er auf seiner Haut wieder den Atem seines Gastes, der ihn umhüllt wie einst die Mutter, wenn sie ihn ein ganzes Menschenleben zuvor mit einem Tuch aus der Badewanne hob. Gerade noch die liebe Mutter und jetzt der Tod. Sein Herz schlägt an, er will erschauern, doch der Hauch des Todes riecht nicht etwa verfault oder muffig, nein er riecht nach Wald, Moos, morgendlichem Nebel und den nassen Felsen des Elbsandsteingebirges. Bald wird ein Baum aus seinen Eingeweiden wachsen. Und Gustav wird zu Hause sein. Er atmet tief ein. Bevor er die allerletzte Möglichkeit verpasst, will er sich ein einziges Mal zu dem winzigen Krümelchen Lebenswirklichkeit bekennen können, das ihm geblieben ist. Gleich, gleich …
2.
Wenn sich Gustav Bülow an seine Kindheit erinnerte, hatte er ein unübersichtliches Mosaik vor Augen, das sich aus Hunderten zusammenhangloser Einzelbilder aufbaute. Nur der verbindende Kitt der elterlichen Erzählungen machte daraus einen kontinuierlichen Film der Ereignisse mit Anfang und viel zu frühem Ende. Aus der Sicht des Erwachsenen konnte Gustav natürlich nur schwer unterscheiden, welche Szenen auf eigener Erinnerung beruhten und welche von den Begleitern seiner unbeschwerten Kindheitstage ergänzt worden waren.
Doch das machte ihm gar nichts, denn zu diesen beiden Säulen des Denkens an seine ersten Tage kam noch eine dritte tragende Komponente hinzu, die seine Lebenschronik erst zu dem machte, was sie war. Eine Unzahl von gehörten, angelesenen und in Wachträumen ersehnten Begebenheiten, die sich genau so zumindest hätten ereignet haben können und auf deren Glorie Gustav keineswegs verzichten wollte, verdichtete seine Kindheit zu einem einzigen langen Abenteuer. Doch wer wollte ihm das jetzt noch vorhalten? Der Schleier der Lebensjahre hatte die Grenzen zwischen Sehnsucht und Wahrheit ohnehin längst aufgehoben.
Gustav Bülow durfte auf eine knallbunte Kindheit zurückblicken. Seine Erinnerungen hatten so gar nichts gemein mit den im Kino oft in Schwarzweiß getunkten Rückblenden, mit denen die Vergangenheit im Auge des Betrachters von der Gegenwart abgesetzt werden soll, als ließe sich die Erinnerung in eine Ära vor und nach Einführung des Farbfernsehens einteilen.
Für Gustav war es genau umgekehrt. Je weiter sich sein Alltag von der unverschämten Grenzenlosigkeit der Knabenzeit entfernte, desto praller wurde deren retrospektive Farbenpracht. Die schwarzen und graubraunen Tage, von denen es nicht wenige gab, blendete er einfach aus. Damals war er ein Abenteurer, stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen, ein später Kumpan von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Mit dem kleinen Unterschied, dass er beide gleichzeitig sein durfte.
Am nordwestlichen Stadtrand von Dresden herrschte sommers wie winters Idylle. Die Elbe schleppte sich träge und ölig dahin, überflutete in manchen Jahren die sie umfangenden Wiesen, um den Stadtteil Cotta erstreckte sich ein Gürtel von Parks, Wäldern und Feldern. Als Junge genoss Gustav alle erdenklichen Freiheiten – solange er allein war. Nach Erledigung seiner schulischen Pflichten, die ihm im Grunde ziemlich egal waren, rannte er, so schnell ihn seine Füße trugen, in den nahe gelegenen Zschoner Grund, ein Wäldchen, das trotz seiner relativ geringen Ausdehnung mit Bächen, Hängen und Felsen wie das endlose Labyrinth eines amerikanischen Canyons wirkte. Was er am Abend zuvor in den Büchern Karl Mays oder Friedrich Gerstäckers gelesen hatte, konnte Gustav nach dem Unterricht sogleich in handfestem Spiel nacherleben. Im Zschoner Bach wusch er Gold, auf der Wiese zwischen den Hängen erlegte er Büffel und manchen Desperado brachte er furchtlos zur Strecke.
In der Erinnerung herrschte in der Zschone, wie Gustav sein Wäldchen liebevoll nannte, immer Spätsommer. Noch Jahrzehnte später hörte er die Melodie der Grillen über dem von der Sonne verbrannten Gras. Woran mag es liegen, dass dieses Zirpen nie wieder jenen verführerischen Klang der Weite Afrikas hatte wie in jenen Jahren zwischen zehn und vierzehn, die Gustav als die glücklichsten seines Lebens abspeicherte?
Die Schleuse zwischen den letzten villenartigen Häusern von Cotta und der Zschone bestand aus einigen herrenlosen Obstbäumen hinter einem niedergetrampelten Lattenzaun, an deren zu Boden gefallenem Überfluss er sich schadlos halten konnte. Äpfel, Birnen und Pflaumen, so viel er wollte und die Wespen zuließen. Vor den Stechinsekten hatte er einen Mordsrespekt, denen wollte er nichts von dem Fallobst streitig machen. Und doch liebte er die kleinen Flügeltiere wegen des akkuraten Schwarzgelbs ihres Streifenkostüms und nicht zuletzt auch wegen ihrer Wehrhaftigkeit. Die Natur war doch ein famoser Maler, dessen Form- und Farbenpracht keine Grenzen kannte. Gustav hielt in Zeichnungen fest, was er sah.
Mehr noch, er sprach mit den Bäumen, konnte stundenlang auf Rehe warten, die früher oder später an einer bestimmten Lichtung vorbeikommen mussten, beobachtete den Mäusebussard, wenn er ein Kaninchen in seinen Horst in den Wipfeln trug. Von den Augen in der Buchenrinde fühlte er sich beobachtet, in jeder Astgabel vermutete er eine Eule. In der Dämmerung verfolgte er den Flug der Fledermäuse und versuchte Nachtfalter zu kategorisieren. Es wäre ihm nicht im Traum eingefallen, eines der schönen Tiere zu fangen und zu töten. Nein, er liebte die Natur lebend, wurde zum Teil von ihr. Hier im Wald war er zu Hause, und seine Eltern ließen ihn gewähren, solange er draußen war.
Zeit existiert in der Kindheit nicht. Kinder lernen die Uhr lesen, wollen aber nicht einsehen, wozu. Warum etwas messen wollen, das man nicht festhalten kann? Zeit ist eine Erfindung der Erwachsenen, die nur dazu dient, das Unendliche einzugrenzen. Etwas völlig Unbegreifliches, in jeder Hinsicht Überflüssiges. Ein Tag, eine Woche, ein Jahr, das machte überhaupt keinen Unterschied. Im Spiel konnte Gustav Jahrhunderte überspringen.
Nur einmal im Jahr, wenn der Geburtstag naht, wird Zeit wichtig. Wie lange noch? Und wie würde es sich anfühlen, wenn man wieder ein Jahr älter wäre. Wenn man aber nachmittags auf dem Rücken liegend nichts tut, als die Wolken über sich hinweg ziehen zu lassen, gibt es weder Morgen noch Gestern und schon gar kein nächste Woche. Jeder einzelne Augenblick dehnt sich im Universum aus. Spielt es für die Wolke eine Rolle, wie lange sie braucht, um ihre Gestalt zu verändern? Wie würde es sich anfühlen, eine Wolke zu sein? Eben noch ein Krokodil, das einen Vogel verschlingt, und im nächsten Augenblick ein riesiger Hase, eine Dampflok oder ein gewaltiger Blumenkohl. Gustav würde gern zum Himmel aufsteigen und wie eine Wolke seine Umrisse wechseln. Und wie mochte es erst einmal über den Wolken aussehen? Die Sterne lagen ihm näher als das Nachbarhaus. »Wenn du groß bist, werdet ihr auf dem Mond spazieren gehen«, hatte der Vater gesagt. Gustav bezweifelte keinen Augenblick, dass sein alter Herr recht hatte.
Freunde hatte Gustav nicht, aber er brauchte auch niemanden zum Spielen. Die sportlichen Wettkämpfe seiner Schulkameraden langweilten ihn. Fußball hasste er ebenso wie Völkerball. Wenn beim Mannschaftssport die Aufstellungen gelost wurden, blieb er immer bis zum Schluss stehen. Keiner wollte ihn in der Mannschaft haben. Anfangs wurmte ihn das, nach einer Weile hielt er es für ein Privileg. Im Wald übte er heimlich Speerwerfen und Bogenschießen, Klettern und Laufen. Er spielte Bergsteiger und Großwildjäger, suchte sich Verstecke, falls ihn einst Banditen durch das kleine Tal jagen würden. Hier kannte er jeden Winkel, keiner würde ihm überlegen sein. Nein, nicht er war der von den anderen Jungs Geschmähte, sondern er ließ sie nicht an seiner Lebenswelt teilhaben. So einfach war das.
Hin und wieder traf er auf den saftigen Wiesen neben dem Bach oder unter den Obstbäumen einen Schäfer. Die zottelige Gestalt sah aus, als wäre sie gerade aus einer fernen Vergangenheit aufgetaucht, braun gebrannt, mürrisch, mit undefinierbaren graubraunen Lumpen behängt, deren ursprüngliche Bestimmung nicht mehr erkennbar war. Sein Gesicht war stets unrasiert, ein Bart, der diesen Namen verdient hätte, wollte ihm trotzdem nicht sprießen. Wangen und Kinn waren eher von einer Art schwarzem Unkraut überwuchert. Die struppige Frisur ließ sich unter dem breiten, ausgefransten Schlapphut nur erahnen. So mussten wohl die Trapper ausgesehen haben, von denen Gustav in seinen Abenteuerbüchern las.
Wie der Schäfer hieß, sollte Gustav nie erfahren. Er nannte ihn Vogelscheuche, ohne ihn allerdings jemals direkt mit diesem Namen anzusprechen. Gustav war fasziniert von dieser Naturerscheinung in Menschengestalt, hatte aber auch ein wenig Angst vor ihr. Vogelscheuche redete so gut wie nie. Und wenn er es doch tat, hatte Gustav Mühe, ihn zu verstehen. Er sprach nie in Sätzen, sondern stieß einzelne Wörter hervor, die von gutturalen Geräuschen und unbändigem Fluchen unterbrochen waren. Vogelscheuche vermied es, Gustav direkt in die Augen zu sehen. Und doch spürte der Knabe, dass diese seltsame Figur, die so gar nicht in die Zeit passen wollte, ihn mochte.
Manchmal stibitzte Gustav aus der elterlichen Küche etwas Essbares, um es seinem unkonventionellen Kameraden mitzubringen. Dann zog sich über das narbige Gesicht des Schäfers ein breites, tonloses Lachen, das einen kläglichen Rest verfaulter Zähne zum Vorschein brachte. Wenn Vogelscheuche die Geschenke aber sogleich laut schmatzend, spuckend und pausenlos fluchend verspeiste, hätte sich Gustav am liebsten die Ohren zugehalten. So sehr er die gedeckte Tafel der Natur bevorzugte, lagen ihm doch die strengen väterlichen Tischsitten weitaus mehr als Vogelscheuches Rumgemansche.
Der wortkarge Einzelgänger hatte einen Hund namens Wolf, mit dem sich Gustav schnell anfreundete. Vogelscheuche erzählte ihm auf seine umständliche Art, dass Wolf tatsächlich von Wölfen abstammen würde. Früher hätten seine Vorfahren Schafe gerissen, heute passte Wolf auf, dass kein Schaf verloren geht. Der rasselose Vierbeiner schien völlig verwildert, seinen Pelz bevölkerten ganze Stämme von Läusen und Flöhen, doch wenn Vogelscheuche einen heiseren Pfiff ausstieß, parierte er sofort. Auf Kommandos von Gustav reagierte Wolf nicht. Gustav konnte Knüppel werfen, so oft er wollte, das ignorante Hundevieh blieb träge liegen. Und doch war Gustav stolz darauf, dass Wolf ihn als Teil der Herde akzeptierte und ihm nach den ersten Begegnungen laut bellend und schwanzwedelnd entgegenstürmte, wenn er sich Vogelscheuche und seinen Schafen näherte.
Von dem Hirten lernte Gustav nicht nur schnitzen, pfeifen, spucken, nach Herzenslust fluchen, Feuer machen, Fährten lesen und den Kot unterschiedlicher Tiere zu unterscheiden. Er verinnerlichte auch das Gesetz des Überlebens. Der heranwachsende Städter sog jede Bewegung seines burlesken Lehrmeisters auf, der ihm viel mehr Achtung abrang als das steife Lehrergesocks in der Schule, das so oft über ihn spottete. Er lernte, in der Natur den Körper vom Bewusstsein zu trennen, einzuschlafen, aber sofort hellwach zu sein, wenn die Situation es erforderte, zum Beispiel, wenn sich ein Fremder der Herde näherte.
Stundenlang konnte er mit Vogelscheuche und Wolf unter einer durchlässigen Plane im heftig prasselnden Regen sitzen und nichts tun, als wortlos vor sich hin zu starren. Zeit spielte keine Rolle. Beim ersten Mal störte ihn die durchdringende Nässe noch, aber er biss die Zähne zusammen und ließ sich nichts anmerken. Der Schäfer warf ihm eine nach Schaf und Erde riechende Decke hin und Gustav wickelte sich ein. Nass wurde er trotzdem, aber er fühlte sich wie ein Indianer vor seinem Tipi. Und bald machte ihm der Regen nichts mehr aus.
Schlotternd vor Kälte und am ganzen Körper verdreckt kam er an solchen Tagen nach Hause. Die Mutter wollte wissen, warum er sich nicht untergestellt hätte oder früher nach Hause gekommen wäre. Doch Gustav strahlte sie so glücklich an, dass sie nicht weiter insistierte. Hin und wieder erzählte Gustav den Eltern von Vogelscheuche, aber die hielten das für eine der vielen Fantastereien ihres Sohnes. Der war zunächst beleidigt, im Grunde war ihm das Unverständnis seiner Alten jedoch nicht einmal unrecht, fürchtete er doch, der Vater könnte ihm den Kontakt zu seinem so gar nicht salonfähigen Gefährten womöglich verbieten. Dann wäre es mit seinem Leben als Abenteurer vorbei gewesen, bevor es überhaupt angefangen hatte.
Mit Spannung hatte Gustav die Berichte des schwedischen Weltreisenden und Naturschützers Bengt Berg gelesen. Auch der war seit den Tagen seiner Kindheit ein bedingungsloser Liebhaber der Natur geworden. In seinen Büchern machte er aus seiner Verachtung der Zivilisation mit all ihrer Berechnung und Zerstörungswut keinen Hehl. In eindrucksvollen Bildern schilderte er die Schönheit und Empfindlichkeit, aber auch die Unbarmherzigkeit der Natur. Der Stärkere setzt sich durch. Immer und überall. Gustav musste stark sein, lernen, in einer feindlichen Umgebung zu überleben und all die Dinge, vor denen die Verfechter der Zivilisation flohen, zu seinem Vorteil zu nutzen. Wie Bengt Berg. Sich in Pfützen zu waschen und mit der Feldflasche das Regenwasser aufzufangen.
Bergs Bücher über Wildgänse und Adler ließen den wissbegierigen Jungen nicht mehr los. Er las sie immer wieder, bis er das Gefühl hatte, selbst all diese Abenteuer erlebt zu haben. Wie gern wäre er einer der sechs deutschen Jungs gewesen, die sich in dem Film »Sehnsucht nach Afrika« von Bergs Schilderungen berauschen ließen. Er sah den Film so oft, bis er ihn auswendig kannte. Doch er absorbierte nicht nur die Bilder und Aussagen, er studierte auch seine Machart. Die suggestive Kraft, die von den Naturbildern ausging, faszinierte ihn. Was wären diese Aufnahmen wohl ohne das gesprochene Wort, ohne die Anleitung, wie man sie zu betrachten und zu bewerten habe. Ein und dasselbe Bild, das wurde Gustav klar, konnte ganz unterschiedliche Geschichten erzählen. Erst die begleitende Schilderung machte es zu dem, was es in der Erinnerung des Betrachters blieb. Das Gesetz der Bilder stand in erstaunlichem Gegensatz zum Gesetz der Natur.
Der Schwede war auch Fotograf. Seine Fotos waren sensationell. Niemand sonst kam so dicht an die Tiere heran wie er. Wenn er Vögel fotografierte, wurde er selbst zum Vogel. Gustav wünschte sich nichts sehnlicher als eine Spiegelreflexkamera, um die Tiere im Zschoner Grund zu fotografieren. Später würde es auch ihn ins Himalaya, in die Serengeti und in die Rocky Mountains verschlagen. Wie sein Vorbild würde er den Kindern in der Heimat von seinen großen Forschungsreisen erzählen. Die Klassenkameraden von heute würden dann ihre Söhne und Töchter in seine Vorträge schicken und damit prahlen, dass sie einst mit Gustav die Schulbank gedrückt hatten. Der Blick des Expeditionsleiters in spe schweifte in die Wolken und er freute sich auf diesen Augenblick.
Zu Hause in der kleinen Drei-Zimmer-Wohnung am Stadtrand von Dresden galt freilich ein anderes Regiment. Das Leben hangelte sich an einer Reihe fester Rituale entlang, die sich vom Tages- und Wochenablauf über die Verteilung der häuslichen Pflichten bis zum Essensplan erstreckten. Gustav konnte sich zum Beispiel nicht erinnern, dass es sonntags jemals etwas anderes zu Mittag gegeben hätte als Schnitzel mit Salzkartoffeln und Mischgemüse. Der Vater wollte es so und niemand hätte gewagt, einen anderen Vorschlag zu unterbreiten. Warum auch, es war völlig in Ordnung. Der kleinste Bruch einer jener niemals schriftlich oder mündlich fixierten, sondern als unumstößlich empfundenen Regeln wurde nicht etwa bestraft, er lag schlicht außerhalb alles Vorstellbaren. Gustav und seine sechs Jahre ältere Schwester Ingeburg hätten nicht im Traum an einen Verstoß gegen das Vaterrecht gedacht.
Allerdings wusste Gustav, dass Ingeburg ihm gegenüber im Vorteil war, und das ärgerte ihn. Sie musste nur das Gesetz der Eltern einhalten, er zusätzlich die Lex Ingeburg, die nicht immer zum Regelkanon der Altvorderen kompatibel war. Gegen die Schwester aufzubegehren kam ihm zwar hin und wieder in den Sinn, doch wurde seitens Ingeburgs jede Übertretung ihrer willkürlichen Zusatzparagrafen mit harten Strafen bedacht. Kleinere Vergehen wurden mit einem ausgeklügelten System von Demütigungen geahndet, die selbstredend nur in Anwendung kamen, wenn die Eltern nicht zugegen waren. Darüber hinaus musste Gustav regelmäßig häusliche Obliegenheiten von Ingeburg übernehmen und sich dann anhören, wie ihr Pflichtbewusstsein von den Eltern gelobt wurde. Wie hasste er sie dafür!
Kam es ganz schlimm, musste er stundenlang Publikum spielen, wenn Inge ihre Kleider vor dem Spiegel ausprobierte. Und wehe, eine der Kostümierungen gefiel ihm nicht. Dann setzte es die nächste Gemeinheit. Von manchen Vergehen wusste Gustav nicht einmal, dass er sie begangen hatte. Zum Beispiel die Hände in den Hosentaschen halten oder Rotz hochziehen. Er hatte den Vater nie darüber reden hören, aber Inge versicherte ihm, die Strafe der Eltern wäre weit strenger als die ihm von ihr auferlegte Buße.
Wenn er sich Inge nicht gefügig zeigte, musste er sich von ihr anhören, dass er eigentlich gar nicht der Sohn seiner Eltern sei, sondern ein Findelkind, das sie, Ingeburg, vor ein paar Jahren beim Spielen im Gebüsch des nahe gelegenen Leutewitzer Parks entdeckt habe. Ihr allein habe er es zu verdanken, dass Mutter und Vater sich seiner angenommen hätten. Sie könne die Eltern bewegen, ihn wieder auszusetzen.
Gustav spürte zwar intuitiv, dass diese Fabel nicht stimmte, und doch hasste er sie, weil Inge sie immer erzählte, wenn er im Bett lag. Er konnte dann nicht einschlafen. Was, wenn sie doch recht hatte? Müsste er vielleicht ins Waisenhaus, wenn er sich Inge gegenüber nicht dankbar erwies? Nein, auf keinen Fall, nicht umsonst lernte er, in der Natur auf sich selbst gestellt zu überleben. Sie sollten nur versuchen, ihn ins Heim zu stecken, er würde weglaufen und sich im Zschoner Grund so verstecken, dass sie ihn nie finden würden. Erst aus seinen später von Millionen Kindern gierig verschlungenen Abenteuerberichten würden sie in vielen Jahren erfahren, was aus ihm geworden war. Dieser Gedanke beruhigte ihn.
Süßigkeiten besaß Gustav fast nie. Oder zumindest nie lange. Die Eltern beschenkten zwar beide Kinder mit allerlei Zuckerkram, da sie selbst gern naschten, aber die von Ingeburg erdachten Strafzölle brachten Gustav um einen wesentlichen Teil seines Vorrats. Den kläglichen Rest nahm sie ihm ohne Begründung trotzdem weg. Er konnte sein Naschzeug noch so gut verstecken, sie fand es immer. Fragte er, wo seine Kekse oder sein Kandis wären, zuckte sie nur schnippisch mit den Achseln. Drohte er aber, dem Vater davon zu erzählen, setzte sie ein derart strenges Gesicht auf, dass er sich die Strafe für seine Petzerei gar nicht ausmalen wollte und es lieber bleiben ließ.
Einmal wagte Gustav es dennoch, die Mutter ins Vertrauen zu ziehen. Er konnte seine Traurigkeit über den Verlust eines kostbaren Schokoladenschatzes einfach nicht verbergen. »Gustav, was hast du denn«, fragte Clara Bülow.
Er wollte mit der Wahrheit nicht heraus, wusste er doch, was ihm dafür blühte. Doch die Mutter ließ nicht locker, streichelte ihm über den Scheitel und fragte immer wieder. Da berichtete Gustav von dem Diebstahl.
»Passiert das öfter«, wollte die Mutter wissen. In solchen Momenten konnte ihre Stimme hart wie Stahl sein. Wieder zögerte er mit der Antwort, aber die Mutter schaute ihn so ernst an, dass er nicht mehr wusste, vor welchem der beiden weiblichen Mitglieder der Familie er sich mehr fürchtete. Schweren Herzens beichtete er, dass er sich nicht erinnern könne, wann es anders gewesen sei. Die Mutter war außer sich und Gustav überlegte, was er wohl falsch gemacht hatte. Gleich würde sich ein häusliches Gewitter entladen. Aber die Mutter schickte ihn nur aus dem Zimmer und rief nach Inge.
Er rannte zu seinen Bäumen und Wiesen. Was sich an diesem Nachmittag genau zwischen Mutter und Schwester abgespielt hatte, sollte er nie erfahren und vorsichtshalber wollte er auch nicht fragen.
Am Abend schaute Ingeburg ihn ein einziges Mal kurz aus den Augenwinkeln an, doch dieser Blick erschütterte ihn bis ins Mark. Danach sprach sie drei Wochen lang kein einziges Wort mit ihm. Sie schien es nicht einmal zu bemerken, wenn er im Raum war. Gustav stellte die Schachtel mit seinen Bonbons offen auf den Tisch des gemeinsamen Zimmers, doch Inge rührte nichts von dem Naschzeug an. Diese Strafe war schlimmer als alle Drangsalierungen, die er zuvor seitens der Schwester zu erdulden hatte.
Inge konnte unerbittlich sein. Gustav liebte sie, aber er fürchtete sich auch vor ihr, weil sie der einzige Mensch auf der Welt zu sein schien, dem er nichts vormachen konnte. In Sekundenschnelle vermochte sie ihn mit ihren Röntgenaugen zu durchdringen, ihm jedes Geheimnis zu entlocken, noch bevor er sich dessen selbst bewusst war. Ihre kühle, unnachgiebige Art hatte sie vom Vater. Am meisten störte ihn ihre herablassende Nachsicht. Wenn er ihr begeistert vom Wald erzählte und sie ihm nichts anderes entgegnete als: »Ach Gustav, du musst noch viel lernen«, spürte er, wie es in ihm kochte.
Fast täglich dachte er sich neue Geschichten aus, um die Schwester zu beeindrucken. Zwei größere Jungs hätten ihm an den Obstbäumen aufgelauert. Er hatte sie nicht bemerkt, und als er sich nach Äpfeln und Birnen bückte, gingen sie plötzlich von hinten auf ihn los. Gustav versuchte, nach einem Knüppel zu greifen, doch die beiden Großen waren schneller und wollten zuschlagen.
Da kam Gustav plötzlich eine Idee, wie er seine Überlegenheit ausspielen könnte. Auf der den Angreifern abgewandten Seite einer angefaulten Birne bemerkte er zwei Wespen, die er blitzschnell als Waffe einzusetzen beschloss. Er tat so, als wolle er nach der Birne greifen, bewegte sich aber so langsam und auffällig, dass es den beiden Wegelagerern nicht entgehen konnte. Einer der beiden trat auf seinen Arm und langte nun selbst ganz langsam und seine Überlegenheit auskostend nach dem Stück Fallobst. In dem Augenblick, als er aber zugriff, stachen Gustavs unfreiwillige Alliierten zu. Der Junge schrie laut auf, seine Hand zuckte zurück. Gustav nutzte den Moment der Verwirrung seiner Kontrahenten, griff nach dem Knüppel und zog dem Unversehrten der beiden eins über den Schädel. Heulend suchten die zwei viel Größeren das Weite.
Je ausführlicher Gustav dieses oder andere Abenteuer schilderte, desto mehr glaubte er die Geschichte selbst. Er spürte buchstäblich die Blessuren der Keilerei. War es nicht so passiert, dann wäre es doch genau so und nicht anders geschehen, wenn ihm wirklich zwei Größere aufgelauert hätten.
Und Ingeburg? Die wandte sich nicht einmal von ihrem Spiegel ab und ließ nur ein lakonisches »Aha, Gusti der große Held von Dresden« vernehmen. Er kam gegen diese Mauer der Dominanz seiner Schwester nicht an, fühlte sich hilflos und ausgeliefert.
Manchmal fügte er sich selbst leichte Verletzungen zu, um seinen Geschichten mehr Nachdruck zu verleihen – niemals so, dass es wirklich wehtat, denn vor körperlichem Schmerz hatte er große Angst. Oder er zog ein Bein nach, wenn er aus dem Wald nach Hause kam, spulte mit einstudierter Beiläufigkeit seine Geschichte ab, wie er mit einem Wildschwein aneinandergeraten oder von einem Felsvorsprung gefallen war, nur damit Inge ihm anschließend belustigt hinterherrief: »Gusti, hinken nicht vergessen!«
Familie Bülow erhielt selten Besuch. Waren doch mal Gäste im Haus, betonten seine Eltern immer wieder lauthals, wie sehr Inge dem Vater ähnelte. Gustav fand diese Bemerkungen unerträglich. Er glich angeblich seiner Mutter, dabei hätte er doch auch so gern wie der Vater ausgesehen. Vor dem Spiegel übte er heimlich den ernsten Blick und die würdevolle Haltung seines Vaters, aber so sehr er sich auch mühte, es wollte ihm nicht gelingen. Wie würde er wohl wirken, wenn seine Wangen etwas kantiger wären und nicht so rundlich und mädchenhaft wie bei seiner Mutter? Er versuchte in seinem Mund ein Vakuum zu erzeugen, um so das weiche Wangenfleisch nach innen zu ziehen. Aber so konnte er ja nicht ewig herumlaufen. Vielleicht war es ja einfach nur eine Frage des Alters, wann er es mit dem Äußeren seines Vaters aufnehmen könnte.
Einen Bart würde er sich später wachsen lassen, daran hatte er keinen Zweifel. Wenn er in den Spiegel schaute, was er freilich nur tat, wenn er sich unbeobachtet wusste, versuchte er sich vorzustellen, wie sein Gesicht mit Bart aussehen würde. Er deckte Kinn, Wangen und Oberlippe mit Tüchern und Lappen ab, um dieser Fantasie mehr Realität zu verleihen. Ein wenig schämte er sich für diese Bartschau, denn genau genommen mochte er es überhaupt nicht, sich im Spiegel zu betrachten. Das war etwas für Mädchen. Hätte Vogelscheuche jemals einen Spiegel benutzt? Gustav fand es viel spannender, sich im Wasser eines Baches zu spiegeln, wenn die sich kräuselnden Wellen und die unter der Oberfläche liegenden Steine das Abbild bis zur Unkenntlichkeit verfremdeten. Man brauchte den Kopf nur ein paar Zentimeter nach links oder rechts zu drehen und schon blickte man in ein völlig anderes Gesicht, das eines Trappers oder Beduinen.
Vom Wasser haben wir’s gelernt – wie recht das Volkslied doch hatte. Gustav lernte, lernte und lernte. Er fühlte sich wie ein Mooskissen unten am Zschoner Bach, das sich statt mit Wasser mit Wissen vollsog. Wissen war sein Wasser. Er zeichnete alles auf, ordnete zu, beschrieb. Pilze, Blumen, Zapfen, Gräser, Vögel, Insekten, Fährten, Blätter, Mineralien, Rinden – alles musste erfasst werden. Wer weiß, wofür er diese Aufzeichnungen eines Tages noch gebrauchen könnte, wenn er angesichts von Lämmergeiern oder Seeelefanten keine Zeit mehr hatte, den Flug des Rotkehlchens zu studieren.
3.
Gustavs Vater Walter war ein Mann vom alten Schlag, wie es so schön heißt. Er war schlank, bewegte sich langsam, aber entschlossen und bewahrte in jeder Lebenssituation Haltung. Nichts schien ihn aus der Ruhe zu bringen. Ins behäbige Dresden mit seiner bürgerlichen Gemütlichkeit passte der nüchterne Hanseat wie Knäckebrot zu Eierschecke. Ursprünglich kam er aus Kiel, viel mehr wusste Gustav aber nicht über die Jugend seines Vaters. Dass er mal ein Kind gewesen sein könnte, ging über seine Vorstellungskraft hinaus. Nein, sein Vater musste schon immer ein Erwachsener gewesen sein.
Freunde hatte auch Walter Bülow keine, und wenn doch, dann kannte Gustav sie nicht. Der Vater schien sich auch nicht nach Gesellschaft zu sehnen. Zu gern hätte Gustav ihm offenbart, wie gut er ihn verstand. Doch das hätte der Vater nie zugelassen. Manchmal traf er sich mit Geschäftsfreunden, aber er brachte sie niemals mit nach Hause. Der größte Teil seiner Freizeit spielte sich verlässlich im Kreis der Familie ab. Seine Eltern sprachen in Gegenwart der Kinder nicht viel miteinander und doch schienen sie auf wundersame Weise eng verbunden.
Vor allem redete der ältere Bülow nicht gern über sich. Das Wenige, das Gustav über ihn wusste, hatte er von der Mutter. Die Prähistorie seiner eigenen Existenz erschien ihm ohnehin wie ein Mythos aus grauer Vorzeit. Kaum zu glauben, dass es mal eine Zeit gegeben hatte, in der die wie durch ein göttliches Gesetz verbundenen Eltern sich nicht gekannt hatten.
Walter Bülow und Gustavs Mutter Clara, geborene Brandt, hatten sich, soweit Gustav rekonstruieren konnte, einige Jahre vor dem Weltkrieg kennengelernt. Sie waren sich im Park begegnet. Clara war Walter sofort aufgefallen. Fast unmerklich hatte er ihr zugenickt, und sie hatte mit einem verräterischen Blick aus ihren wunderschönen grauen Augen geantwortet. Am nächsten Sonntag kehrte er zur selben Zeit am frühen Nachmittag in den Park zurück, das Frollein, wie er sie damals vor sich selbst nannte, war wieder da. Er fand sie zauberhaft und meinte, sie hätte trotz des kühlen Wetters ein besonders reizvolles rötlich schimmerndes Kleid angezogen – nur für ihn, da war sich Walter sicher. Was hätte er darum gegeben, sich ihr so dicht zu nähern, um das zweifellos betörende Rascheln ihrer Falten und Säume zu hören. Doch eine derartige Indiskretion verbot sich von selbst. Auch diesmal sollte es nur zum einmaligen kurzen Blickwechsel kommen.
Von nun an trafen sie sich jeden Sonntag zur selben Stunde. Nie sprachen sie ein Wort miteinander. Walter achtete stets peinlich darauf, dass sein kurzes Haar perfekt saß und sein weißer Sonntagsanzug keine Falte zu viel aufwies. Er steckte sich je nach Saison eine Blume ins Knopfloch und wartete aufgeregt, ob seine Angebetete wieder im Park erscheinen würde. Pünktlich um drei Uhr nachmittags tauchte sie auf und gab vor, ihn nicht zu bemerken. Selbstredend überspielte auch er sein Interesse, so gut es ging. Bis es zum ersehnten Blickwechsel kam und beide glücklich wieder auseinandergehen konnten.
Es war ein unverabredetes Spiel: Wer hielt es länger aus, den anderen zu ignorieren. Sie waren zwei Menschen, die, magnetisch voneinander angezogen, jeden Sonntag demselben Ritual folgend zur gleichen Zeit an derselben Stelle aufeinander lauerten. Walter hatte niemanden, dem er sich hätte anvertrauen können, denn schon damals legte er keinen Wert auf die Gesellschaft von Freunden. Womöglich hätte er Clara niemals angesprochen, wäre nicht der Krieg dazwischengekommen, der damals noch nicht Weltkrieg hieß.
Für Walter war es keine Selbstverständlichkeit, seine Pflicht gegenüber dem Vaterland zu erfüllen. Von der allgemeinen Kriegsbegeisterung blieb er relativ unbeeindruckt, er hatte weder einer Burschenschaft noch einem damals wie Pilze aus dem Boden schießenden Verein angehört. Walter Bülow brannte in keiner Weise darauf, dem Feind zu zeigen, was es bedeutete, sich mit dem Kaiser anzulegen. Pathos und übertriebene Leidenschaft waren seine Sache nicht. Doch er wusste, dass man ihn auf jeden Fall einziehen würde. Als Freiwilliger rechnete er sich gewisse Privilegien aus, die ihm die berüchtigten Drangsalierungen im deutschen Militär ersparen würden.
Eigentlich wollte er zu Kaiserlichen Marine, denn für Schiffe hatte er sich schon immer begeistert, doch dort wurde ihm eröffnet, man nehme keine Schwimmer – und Walter schoss durchs Wasser wie ein Delfin. Jeder aber, der schwimmen konnte, war ein potenzieller Deserteur, der sich in die Fluten retten würde, sowie es darum ginge, das Schiff mit seinem Leben zu verteidigen. So ging Walter zur Infanterie, die erstaunlicher Weise sehr wohl Freiwillige nahm, die laufen konnten. Eine Woche, bevor er seinem Stellungsbefehl Folge leisten musste, nahm er allen Mut zusammen und sprach Clara im Park an: »Frollein, würden Sie mich ein Stück begleiten?«
Walter war erstaunt, wie wenig es ihm ausmachte. Es fühlte sich gut und richtig an. Und Clara beschenkte ihn mit dem dankbarsten Augenaufschlag, den der kühle Charmeur je gesehen hatte. Arm in Arm gingen sie in eine Konditorei und Walter fragte unumwunden, ob er Frollein Clara – deren Namen er jetzt kannte – am nächsten Tag wiedersehen dürfe. Diesmal blickte sie beschämt nach unten, und er hätte zu gern gewusst, ob sie errötete. Aber seine Manieren verboten es ihm, genau hinzusehen.
Am letzten Tag vor seiner Einberufung verlobten sich Walter und Clara. Sie wagten es nicht einmal, einen Kuss auszutauschen. Keiner von beiden ahnte, dass sie sich sechs lange Jahre nicht wiedersehen würden. Walter schrieb hin und wieder Briefe von der Front. Prahlerei von Kriegsabenteuern lag ihm fern. Nüchtern und in knappen Worten erzählte er vom Krieg, als wäre es eine Sache der Buchhaltung. Die Anrede lautete immer: »Liebes Fräulein Clara«, das Wort »du« schien Walter nicht zu kennen, und am Ende jedes Briefes standen die Worte »Ergebenst, Walter Bülow«.
Clara ersehnte die Briefe, doch wenn sie ehrlich zu sich selbst war, langweilte sie das Kriegsgeschreibsel ihres Walters, wie sie ihn jetzt nannte. Trotzdem hielt sie es für ihre Pflicht, sie nach dem flüchtigen Lesen wie kostbare Schätze in einer Perlmutt-Schatulle abzulegen, die sie eigens dafür angeschafft hatte. Manchmal erklärte er ihr in vorsichtigen Worten, dass er an sie denke, sich nach ihr sehne und sich auf ihr Wiedersehen freue. Doch, ähnlich gesonnen wie ihr Verlobter, empfand Clara das eher als peinlich. Sie war praktisch veranlagt. Warum das Herz an jemanden verschwenden, der vielleicht nie aus dem Krieg zurückkommt. Aber sie hielt ihm die Treue, nicht aus innerer Verbundenheit oder gar Verliebtheit, sondern aus Pflichtgefühl vor Gott. Immerhin waren sie verlobt.
Zwei Jahre, nachdem Walter in den Krieg gezogen war, kam ein dickerer Umschlag als sonst. Clara öffnete ihn behutsam und fand neben dem beschriebenen Briefbogen einen Gegenstand, der in fleckiges Packpapier eingewickelt war. Sie wickelte das verklebte Päckchen behutsam aus, schrie aber jäh auf, als ihr der darin verborgene Gegenstand auf die Handfläche kullerte. Es war ein verformtes Stück Metall, an dem Knochensplitter und getrocknete Fleischreste klebten. Clara beförderte diese ihrer Ansicht nach beispiellose Geschmacklosigkeit auf der Stelle empört in den Müll und sprach mit niemandem ein Wort darüber. Wie konnte ein Mann von Kultur und Benehmen sich in so kurzer Zeit in einen solchen Barbaren verwandeln? Wütend wünschte sie sich, sie hätte Walter niemals kennengelernt. Doch verlobt ist verlobt.
Als hätte Walter Claras Wunsch an der fernen Front erraten, blieben von jenem Tag an weitere Briefe von ihm aus. Bülow war von einem Granatsplitter schwer verwundet worden und in englische Gefangenschaft geraten. Er nutzte die Zeit im Lager, um sich der englischen Sprache zu bemächtigen. Sein Organisationstalent und seine bedachte Art brachten ihm zudem die unter den gegebenen Umständen ebenso vorteilhafte wie angenehme Funktion eines Sekretärs in der Schreibstube ein. Walter lernte, sich in den einstigen Feind hineinzudenken und ihm Respekt entgegenzubringen. Und er wurde seinerseits respektiert. All die Ressentiments, die ihn auf dem Weg an die Front begleitet hatten, lösten sich im Handumdrehen auf. Menschen, so konstatierte Walter Bülow hanseatisch nüchtern sich selbst gegenüber, waren überall Menschen, solange sie sich menschlich verhielten.
Alles in allem hatte er unter der Kriegsgefangenschaft weit weniger zu leiden als die meisten seiner Kameraden, die er im Winter 1918 massenweise an der Grippe sterben sah. An die Heimat dachte er in dieser Zeit selten. Clara ahnte von alledem nichts. Sie vertraute auf Gott und darauf, dass Walter nichts zugestoßen wäre, zweifelte aber nachts klammheimlich daran, dass er noch lebte. Ob sie das eine oder das andere hoffen sollte, konnte sie sich in diskreten Momenten selbst nicht beantworten. Dafür schämte sie sich.
Ende 1920 stand Walter dann plötzlich wieder vor ihrer Tür. Ohne jede Ankündigung. Clara hatte zahllose Schauergeschichten von hoffnungslos verlotterten, ausgemergelten Heimkehrern in zerlumpten Uniformen gehört, die sich nicht mehr ans normale Leben im Frieden gewöhnen konnten, ihre Frauen oder Verlobten verprügelten und in den häuslichen vier Wänden ihren Krieg weiterkämpften. Oder von anderen, die zwar friedlich waren, dafür aber Beine oder Augenlicht verloren hatten. Vor einer solchen Rückkehr eines geistig oder körperlich Verstümmelten hatte sie immer Angst gehabt.
In den Straßen von Kiel sah sie einige dieser bejammernswerten Gestalten herumlungern. Ob es für diese armen Gottesgeschöpfe nicht besser gewesen wäre, wenn der Krieg sie einfach verschluckt hätte, statt sie wieder in den deutschen Alltag zu spucken? Doch nicht nur die Tatsache, dass Walter überhaupt heimgekehrt war, überraschte sie. Nein, er hatte sich tatsächlich die Zeit genommen, sein Äußeres in einen tadellosen Zustand zu bringen.
Im perfekt sitzenden weißen Anzug stand er in der Tür, einen Strauß Rosen in der Hand, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, so als sei er von einer ganz normalen Reise mit der Eisenbahn zurückgekommen. Er sah reifer, um nicht zu sagen besser aus. Der Krieg hatte aus dem schlaksigen Jüngling einen Mann gemacht. Was er an der Front und in der Gefangenschaft erlebt hatte, behielt er zum größten Teil für sich.
Clara war stolz auf ihren Walter. Vor dem Krieg hätte sie nie gedacht, dass sie den kantigen Galan so lieben könnte. Wenige Wochen nach seiner Rückkehr heirateten sie, drei Jahre darauf kam Ingeburg zur Welt. Die Namensfindung für das Mädchen sorgte anfänglich für ein kurzes Zerwürfnis zwischen den jungen Eheleuten.
»Es muss doch Ingeborg heißen«, wandte Walter für seine Verhältnisse ungewöhnlich verständnisvoll ein, als er den Namenswunsch seiner Frau vernahm. Dabei betonte er mit leichtem Nachdruck die letzte Silbe des Namens. Doch Clara bestand auf Ingeburg. Das Mädchen sollte stark sein, denn die Zeiten könnten hart werden. Walter spürte, dass er dieses eine Mal nachgeben musste. Er würde sie einfach Inge nennen.
Die kleine Familie zog zunächst nach Dessau. Walter war ein gefragter Ingenieur, der leicht Arbeit erhielt. Sein dreiköpfiger Haushalt brauchte nicht viel, Walter und Clara führten ein bescheidenes Leben. Er kümmerte sich um die Arbeit, sie um Haushalt und Kind. Er brachte das Geld nach Hause und keiner von beiden stellte jemals Fragen. Streit war zwischen den Eheleuten Bülow ebenso unbekannt wie sexuelle Leidenschaft, eher kam es vor, dass sie mehrere Tage kein Wort wechselten. Jahrzehnte später bekannte Clara nicht ohne Stolz, dass ihr Mann sie niemals nackt gesehen habe. Walter stieg in kurzer Zeit zum Prokuristen einer Firma auf, die Zulieferteile für Motoren herstellte, und konnte ein wenig Kapital ansparen, das später als Grundlage für sein eigenes Unternehmen dienen sollte.
In Dessau hielt es die Bülows nur wenige Jahre. Die Grundlage für seine wirtschaftliche Unabhängigkeit legte er eine Eisenbahnstunde elbaufwärts in Dresden. Dort übernahm er eine Firma, die sich auf das Gießen von Metallbuchstaben spezialisiert hatte.
Die Gießerei Bülow erarbeitete sich schnell einen guten Ruf, das Geschäft florierte. In der Gefangenschaft hatte Walter Bülow Demut gelernt. Er war dankbar für den Wohlstand und die Sicherheit, die er seiner Familie bieten konnte. Es gelüstete ihn nicht nach dem großbürgerlichen Prunk, dem sich andere Firmeneigentümer in einer Situation hingaben, die mit seiner vergleichbar war. Mit sicherem Gespür für die richtigen Entscheidungen brachte er sein Unternehmen durch die Jahre der wirtschaftlichen Misere. Buchstaben, Türschilder, Firmentafeln und alle Arten von Schriftzügen wurden selbst in Krisenzeiten gebraucht.
Seine Mitarbeiter achteten ihn, obwohl er auch im Betrieb distanziert und wortkarg war. Aber er blieb immer korrekt und menschlich. Ungerechtigkeiten seitens seiner Vorleute duldete er nicht. Jeder Arbeiter war ein Teil der Firma und damit unverzichtbar. Mehr als einmal mokierte sich Clara über den familiären Ton, den sich ihr sonst so gestrenger Gatte von seinen Mitarbeitern bis zum Pförtner gefallen ließ. Doch gerade dieser überaus fortschrittliche Gemeinschaftsgeist gehörte zum Erfolgsrezept der Gießerei Bülow.
1928 genossen die Bülows ausreichend Sicherheit, um über ein zweites Kind nachdenken zu können, und im September 1929 kam der kleine Gustav zur Welt. Diesmal gab es mit dem Namen kein Problem. Walter wollte ihn nach seinem Vater Gustav Louis nennen, Clara hielt es für geboten, sich diesmal in Zurückhaltung zu üben, und so wurde der neugeborene Junge auf den Namen Gustav Louis getauft.
Gustav wuchs in dem angenehmen Gefühl heran, zu einer Familie zu gehören, der auf breiter Ebene Respekt entgegengebracht wurde. Trotz ihres relativen Wohlstands lebten die Bülows in der bescheidenen Dreizimmer-Parterre-Wohnung eines modernen Mietshauses zwischen weitläufigen Gärtnereien. Zu den übrigen Mitbewohnern wurden allerdings keine sozialen Kontakte gepflegt. Auch Gustav hielt sich von den anderen Kindern fern. Später, so betonte der Vater, sollte der Filius einmal die Gießerei übernehmen. Gefragt, ob er das wolle, wurde der designierte Nachfolger nicht. Es stand so unverrückbar fest wie die Gravur in einem von Bülows Metallschildern. Gustav dachte bei sich, bis ich groß bin, vergeht noch viel Zeit, lass den Vater reden.
Inge wiederum wäre nur zu gern Walters Nachfolgerin im väterlichen Betrieb geworden und machte diesbezüglich den Eltern gegenüber keinen Hehl. Doch für die waren das nur reine Hirngespinste eines übermotivierten Mädchens, das seinen Platz im häuslichen Leben schon noch finden würde. Denn so liberal Walter Bülow im Geschäft war, so streng achtete er daheim auf die Einhaltung der gesellschaftlichen Konventionen.
Wovon Gustav damals noch keine Ahnung hatte, war der Lauf der Zeit selbst, der sich um die Geschicke seines Elternhauses oder des Einzelnen überhaupt nicht scherte. Dass im Januar 1933 ein gewisser Adolf Hitler die Macht in Deutschland an sich gerissen hatte, kümmerte ihn nicht weiter, denn er war noch klein und die Eltern hielten Politik von ihren Kindern fern. Das allgegenwärtige Konterfei des Führers war für den kleinen Gustav genauso ein selbstverständlicher Anblick wie das Doppelporträt der Eltern auf der Kredenz in der Stube. Für ihn selbst hatte sich ja nichts geändert.
Wenn ihnen auf den Straßen Dresdens die Männer mit den braunen Uniformen begegneten, war der Vater auffällig wortkarg. Gustav mochte die Uniformen und vor allem die roten Armbinden mit dem Hakenkreuz, das er so gern malte. Dem Vater missfielen diese Zeichnungen seines Juniors, doch die Mutter zischte ihm stets etwas zu, das Gustav nicht verstehen konnte.
Einmal jedoch, als er den Eltern fröhlich verkündete, er wolle zum Fasching als SA-Mann gehen, verlor sein alter Herr die Fassung. Ungewöhnlich laut machte er ihm deutlich, das komme nicht in Frage. »Du kannst als Indianer, Trapper oder von mir aus als Schornsteinfeger gehen, aber nicht als SA-Clown. Hast du mich verstanden?«
Mit diesen Worten verschwand der Vater in seinem Zimmer und schloss leise die Tür. Gustav wäre es lieber gewesen, er hätte sie geschmissen, aber das war eben nicht die Art des Bülow-Häuptlings, wie Gustav ihn gern respektvoll nannte. Wenig später kam das Familienoberhaupt wieder aus seiner Festung heraus, ging in die Hocke, ergriff seinen Sohn an beiden Oberarmen, kam seinem Gesicht ungewöhnlich nah, um ihm tief in die Augen zu blicken, und ermahnte ihn leise, aber eindringlich: »Das mit dem Clown erzählst du bitte niemandem. Hast du mich verstanden? Keinem Menschen. Auf gar keinen Fall.«
Gustav hätte es nicht gewagt, der Autorität des Vaters zuwider zu handeln. Aber er verstand keineswegs, was an dieser Bemerkung so schlimm gewesen sein sollte. SA-Clown, das klang doch lustig.
Über den Vorfall wurde nie wieder gesprochen. So war das im Hause Bülow üblich. Die Mutter nähte Klein-Gustav die gewünschte Uniform und der ging zum Fasching als stolzer SA-Mann. Er genoss es, wie die Leute ihm auf der Straße wohlwollend zulächelten. Heil Hitler, Gusti!
4.
Die Augen schmerzten, die Schläfen pochten, der organisierte Lärm in seiner Umgebung hallte im Innern seines Schädels wider wie das Echo in der weitläufigen Felsenhöhle im Zschoner Grund. Er wusste, warum er hier war, aber er wusste nicht, wie ihm geschah. Hunderte von Fackeln loderten dem pechschwarzen Himmel entgegen, Funken huschten wie bewegliche Sterne durch die hell erleuchtete Dunkelheit. Gustav fürchtete sich vor Feuer, aber diese Angst durfte er sich hier keinesfalls anmerken lassen. Ab heute würde er Hitlerjunge sein.
Seit Jahren hatte er diesem Feiertag entgegengeträumt. Hitlerjunge, wenn auch vorerst nur im Jungvolk, eine Uniform tragen, die er nicht am Faschingsabend wieder ausziehen musste, wenn die Füße in den Schuhen festgefroren waren. Nein, diese Uniform, bestehend aus braunem Hemd, schwarzer kurzer Hose, schwarzem Halstuch und dem Fahrtenmesser am Gürtel würde er tragen können, so oft er wollte. Das Wort Pimpf gefiel ihm nicht. Das klang wie Käferchen, das für immer zum Kleinbleiben verurteilt war. Pimpf erinnerte ihn an Pups. Er wollte nicht niedlich und schon gar kein stinkendes Lüftchen sein, er wollte kämpfen. Noch steckte sein braunes Hemd akkurat, aber harmlos in der Hose, ohne von einem Riemen gehalten zu werden. Für dieses Zeichen der Tapferkeit und körperlichen Härte würde er sich erst im sportlichen Wettkampf bewähren müssen. Aber das hatte noch Zeit.
Es war der 19. April 1940, der Tag vor dem Führergeburtstag. Aus der Ferne ertönte eine Stimme. Gustav steckte in seinen eigenen Gedanken, die wie durch einen Wall geschützt waren. Schlagworte wie Führer, Kampfschar, Treue, Einsatz, Blutzeuge oder Leben drangen an sein Ohr. Sie bedeuteten ihm nichts und doch galten sie ihm grundsätzlich alles. Er war bereit, für den Führer das Leben zu geben. Mehr noch, er hoffte, diese Bereitschaft eines Tages unter Beweis stellen zu können, wenn sein Opfer gebraucht würde.
Seit einigen Wochen lag Deutschland im Krieg. Was man so Krieg nennt, wenn die eigenen Truppen drückend überlegen sind. Wer wollte sich der deutschen Wehrmacht schon in den Weg stellen? Die Polen etwa, deren Ulanenmützen noch aus dem 19. Jahrhundert übrig geblieben waren? Wollen die ernsthaft mit ihrer Kavallerie gegen unsere Panzer anreiten? Oder diese dämlichen Dänen, für deren komplette Demütigung man gerade erst einen einzigen Tag gebraucht hatte, ohne dass diese viel Widerstand an den Tag gelegt hätten? Dieser Krieg war ein Spaziergang, Deutschland brauchte wahrlich andere Gegner.
In früheren Zeiten stapelten sich im Krieg noch die Leichen in den Straßen, es stank nach Pulverdampf, Häuser brannten, Frauen schrien. Sein Vater hatte ihm von der Völkerschlacht bei Leipzig erzählt. Er wusste alles über Napoleon. Aber das war über hundert Jahre her. Damals gab es wirklich noch Ulanen. Die Ära der Kriegskunst war ein für allemal vorbei. Heute wurden Feldzüge mit wissenschaftlicher Präzision geführt. Die Front war fern der Heimat. Von der Wirklichkeit des Krieges zeugte nur die Wochenschau, wenn auf schmetternder Marschmusik vom schnellen Vormarsch der deutschen Soldaten die Rede war, die von polnischen Kindern dankbar begrüßt wurden.
Irgendwann würde es auch ihn an die Front verschlagen. Bei diesem Gedanken überkam ihn Gänsehaut. Um ein Haar wäre ihm die Fackel aus der Hand gefallen. Sein Nebenmann warf ihm einen vernichtenden Blick zu, als wäre er mehr Jungvolkjunge als Gustav. Der verscheuchte die Traumbilder, nahm wieder Haltung an und versuchte dem Geschehen zu folgen.
In den Gesichtern seiner Kameraden erkannte er Stolz. Wie schafften die das alle, so ernst auszusehen? Ihr Kinn machte sich im Schein der Fackeln doppelt so stark aus wie sonst, ihre Konturen hoben sich scharf vom Schwarz der Nacht ab. Gustav versuchte seinen Unterkiefer nach vorn zu schieben und einen entschlossenen Blick aufzusetzen. Diese Jungs hier waren nicht mehr die Mitschüler, die ihn auf dem Schulhof gehänselt hatten, sondern bildeten mit ihm gemeinsam die zuverlässige Reserve des Führers, nicht nur zu allem entschlossen, sondern von nun an durch den Fahneneid fest verbunden. Ab heute würden sie nicht mehr seine Feinde sein.
Was Gustav an diesem Tag empfand, hatte er so noch nie unter Menschen gefühlt. Er hatte die ausgelassenen Stunden mit Vogelscheuche geliebt, aber das hier war etwas anderes. Weder der zottelige Schäfer noch sein gelehriger Hund Wolf würden verstehen, was es heißt, sein Leben in den Dienst des Volkes zu stellen. Heute liebte es Gustav, ein Mensch zu sein.
Fanfarenklänge rissen ihn aus seinen Gedanken. »Vorwärts! Vorwärts! Schmettern die hellen Fanfaren«, ertönte es aus tausend Kehlen um ihn herum. Er hatte den Text hundertfach gesungen, doch jetzt versagte seine Stimme. Er fror und hatte Mühe, einen Hustenanfall zurückzuhalten. Aber bloß keine Schwäche zeigen. Dann folgte der Eid. Der blecherne Ton aus den Lautsprechern war kaum zu verstehen, doch in der Schule hatten sie die Formel so lange geübt, bis auch der Schwächste im Gedichtaufsagen sie draufhatte. »Jungvolkjungen sind hart, schweigsam und treu. Jungvolkjungen sind Kameraden. Der Jungvolkjungen Höchstes ist die Ehre.« Alle konnten diese heiligen Worte. Selbst Walter, der ausgerechnet den Namen von Gustavs Vater trug, hatte sie gelernt.
Walter galt als Halbjude, sein Status war ungeklärt. Seine Duldung in der Volksgemeinschaft hing an einem seidenen Faden. Er hätte alles darum gegeben, wenn auch er die braune Uniform hätte überstreifen dürfen. Im Unterricht war er stets der Eifrigste, wenn es darum ging, die Vita des Führers aufzusagen oder seine Treue zum deutschen Volk zu bekunden. Anfangs hatte sich für Walter wenig geändert. Er war stark, lebenslustig und beliebt.
Langsam und zunächst unmerklich änderte sich jedoch die Situation. Man begann, hinter seinem Rücken zu tuscheln, seine Schulsachen zu verstecken, Tinte über seinen Heften auszukippen, und obwohl die Lehrer wussten, dass die anderen Jungs der Klasse dahinter steckten, musste doch immer Walter vor das Pult treten und duldsam seine öffentliche Bestrafung erleiden. Mit seiner Beliebtheit schienen auch seine Selbstsicherheit und seine Kraft zu schwinden.
Gustav fand das ungerecht. Er wusste schließlich aus eigener Erfahrung, was es hieß, den Spott und die Ablehnung der anderen ertragen zu müssen. Wenn sie in der großen Pause in Zweierreihe im weiten Kreis um die große Linde in der Mitte des Schulhofs laufen mussten, hatten sich die beiden Geschmähten oft zusammengefunden und sich vorsichtig angefreundet.
Inge redete zwar auf ihren Bruder ein, dass es dem Führer kaum gefallen würde, wenn er sich mit einem Judenbengel einließe, aber Gustav beschloss, ihr einfach nichts mehr von Walter zu erzählen, genauso, wie er es bereits seit Langem mit Vogelscheuche hielt.
Auch Walter kam aus gutem Hause, doch seine Kleidung verlor an Form und der Inhalt seiner Brotbüchse wurde immer spärlicher. Gustav spielte seiner Mutter vor, sein Hunger würde immer größer werden. Clara Bülow hörte das gern, denn die spindeldürre Erscheinung ihres einzigen Sohnes machte ihr Sorgen. Doch Gustav gab Walter vom zusätzlichen Brot ab. Heimlich, denn es war verboten, mit den Juden zu teilen. Die beiden Jungs achteten darauf, dass niemand ihren Handel Brot gegen Freundschaft beobachtete. Mit der Zeit wurden sie jedoch unvorsichtig und der Aufseher erwischte sie in der großen Pause, als Walter in Gustavs Brotdose griff.
Beide Jungen mussten gemeinsam vor die Klasse treten. Walter hielt den Kopf stolz erhoben und rührte sich nicht. Gustav hingegen wagte es nicht, seine sitzenden Kameraden anzusehen. Der Lehrer schnaubte vor Wut. Ob der Judenlümmel nicht wüsste, was es für eine deutsche Mutter bedeute, für ihre Familie zu sorgen. Ob es seinem Stamm nicht reiche, die deutsche Volksgesundheit zu unterwandern, und er nun auch noch den Deutschen das Brot stehlen müsse.
Gustav schämte sich, wusste aber nicht, wofür und vor wem. Nachdem Walter seine Abreibung erhalten hatte, war er dran. Der Lehrer müsse seiner Mutter berichten und es könne schwerwiegende Folgen haben, dass Gustav sich den Regeln der Schule und des Anstands widersetze und Juden durchfüttere. »Hast du denn gar keine Ehre im Leib, Bülow? Solche Elemente wie dich können wir im Jungvolk nicht gebrauchen.«
Diese unmissverständliche Drohung traf Gustav wie ein Hammerschlag. Nun wusste er, auf welcher Seite er zu stehen hatte. »Das war nur … das war nur ein … Walter hat mir gedroht, er würde …« Weiter kam er nicht, doch das reichte aus, um ihn zu rehabilitieren.
»Bülow, setzen!«, erklang es streng, aber mit einer Spur Nachsicht.
Gustav schleppte sich mit letzter Kraft zu seiner Bank. Er spürte, wie die Blicke der anderen an ihm hafteten, doch was er sonst als Demütigung empfunden hätte, interessierte ihn heute nicht. Er wusste, dass die Tortur für ihn vorbei war und sich die achtzehn Augenpaare der Klasse gleich wieder nach vorn richten würden, wo jetzt nur noch ein Delinquent stand.
Ein Schwall von Beschimpfungen ergoss sich unter lautstarkem Hohn der Klasse über Gustavs einzigen Freund, der nun keiner mehr sein durfte. Die gerade noch Verbündeten sprachen nie wieder ein Wort miteinander, und Gustav dachte nicht gern an jenen Tag zurück. Warum musste er ausgerechnet jetzt daran denken? Gustav versuchte diese Erinnerungen zu verscheuchen, doch es wollte ihm nicht gelingen. Der Eid lenkte ihn ab.
Irgendwo in der Menge, die das Ereignis am Rande verfolgte, wusste Gustav die Mutter und Ingeburg. Die große Schwester hatte ihm schon von Adolf Hitler erzählt, als Gustav die fotografische Omnipräsenz des seltsamen Mannes mit dem Bleistiftstummel-Bärtchen einfach nur als gottgegeben hinnahm. Sein Vater sprach nicht über Hitler, die Mutter tat es dem Vater gleich. Inge aber hatte ihm erzählt, sie sei in Adolf Hitler verliebt.
Vor und nach der Nennung dieses angebeteten Namens machte sie stets eine winzige, aber umso bedeutsamere Pause, als müsse sie diese vier untrennbaren Silben A-dolf-hit-ler auf ein kleines sprachliches Podest stellen. Gustav hatte sich dann vorgestellt, wie die Schwester dem Mann, den er von tausend gerahmten Fotografien kannte, in den Armen liegen würde. Wie mochte sie wohl als seine Braut aussehen? Doch das war lange her, inzwischen wusste er selbst, was es bedeutete, den Größten aller Deutschen zu lieben. Heute endlich würde Inge stolz auf ihn sein. Er konnte sie nicht sehen, denn er war ganz auf die Choreografie des Aufmarschs konzentriert, aber er wusste, dass sie ihn sehen konnte.
Der Vater war nicht gekommen. Er hatte am Morgen über Migräne geklagt, doch Gustav ahnte, dass das gelogen war. Inge und der Vater hatten oft Auseinandersetzungen wegen Hitler, der Partei und der nationalsozialistischen Idee. Gustav liebte und fürchtete seinen Vater, doch er verstand nicht, warum er einfach nicht den neuen Geist akzeptieren wollte.
»Wenn es nach mir ginge, würdest du diesem Idiotenhaufen nicht beitreten. Lern endlich, für dich selbst zu denken«, hatte der alte Bülow seinen Sohn ermahnt, doch der winkte innerlich ab. Diesmal hatte der Vater zum Glück nichts zu sagen, denn Pflicht ist Pflicht und Gesetz ist Gesetz.
Am Abend, als Gustav glücklich heimkehrte und Mutter und Inge noch eine halbe Stunde mit ihm feierten, ließ sich Walter Bülow nicht blicken. Gustav fragte nicht nach ihm, auch Mutter und Schwester taten so, als hätte es nie einen Vater gegeben. Als Gustav kurze Zeit später im Bett auf den Schlaf wartete, war er sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er die Eidesformel überhaupt mitgesprochen hatte. Mit einem Mal schoss er vom Kissen hoch und hatte das Gefühl, von einem hinterhältigen Apachen mit Pfeilen durchbohrt und skalpiert zu werden. Was, wenn er gar kein richtiger Jungvolkjunge wäre, weil er sich nicht laut und vernehmlich zur Kameradschaft in der Hitlerjugend bekannt hatte. Hastig sprach er die Worte, die er so oft im Unterricht geübt hatte.
Der auf den großen Freitag folgende Montag war eine bittere Enttäuschung. Gustav kleidete sich in seine Uniform und konnte es kaum erwarten, als ein Tropfen in einem Meer von Braun auf dem Schulhof zu treiben. Der Vater ließ sich nur kurz am Frühstückstisch sehen, sprach kein Wort und verschwand grußlos.
Bei seinem Eintreffen in der Schule staunte Gustav nicht schlecht, dass außer ihm niemand die Gala vom Fahneneid angelegt hatte. Überhaupt, wo war er, der Geist, der alle noch drei Tage zuvor wie Kruppstahl zusammengeschweißt hatte. Der Klassenraum sah aus wie immer, in den Gesichtern war nichts zu lesen und der Unterricht wurde durchgezogen, als ob nichts passiert wäre. Nur Walter war verschwunden. War Gustav der Einzige, dem das auffiel? Bei der Anwesenheitsliste wurde der Name des ungeliebten Mitschülers einfach weggelassen. Keinen schien das zu kümmern. Gustav kämpfte gegen ein flaues Gefühl im Magen an. Doch mit der Zeit vergaß er Walter.
Mittwochnachmittags und samstags war Dienst. So wenig Gustav die Schule mit all ihren unerfreulichen Begleiterscheinungen mochte, so sehr liebte er die Dienste. Mittwochs gab es meist Schulungen. Bei den Geschichten von germanischen Göttern konnte er wegträumen. Er spann diese Geschichten weiter, begann mit Hingabe die Götterromane von Felix Dahn zu lesen und errang sich mit seinem Wissen um die germanische Sagenwelt Achtung bei seinen politischen Erziehern. Auch die Sanitätsausbildung gefiel ihm. Er konnte auf ein paar praktische Tipps zurückgreifen, die er von Vogelscheuche gelernt hatte.
Manchmal musste das Jungvolk auch losziehen, um kriegswichtige Rohstoffe wie Papier, Altkleidung, Schrott und Flaschen zu sammeln. Gustav verstand zwar nicht, was ein Stapel gebündelten Papiers am Lauf des Krieges ändern sollte, doch er war mit Eifer dabei, denn nichts lag ihm mehr, als sich durch seinen Beitrag zum Endsieg auszuzeichnen. Mehr als jeder andere musste er beweisen, dass er ein würdiger Hitlerjunge war, sonst hätte vielleicht noch jemand herausgefunden, dass er einst den Eid nicht satzungsgemäß geleistet hatte.
Viel mehr lag ihm aber der Dienst am Samstag. Da ging es nämlich um Wehrsportübungen. Aktive Vorbereitung auf den Kriegsdienst, hieß es. Gustav hatte zwar Angst vor dem Krieg, aber noch war er ja jung und bis er zum Manne gereift wäre, würde wohl auch diese Angst verflogen sein. Beim Wehrsport war er weder kräftiger noch geschickter als seine Mitschüler. Beim Handgranatenweitwurf zum Beispiel holte er eines Tages so kräftig aus, dass ihm der Wurfgegenstand unbeabsichtigt nach hinten entglitt. Als ihm der Ausbilder drei Meter negativer Weite attestierte, brach die Klasse in schallendes Gelächter aus. Seinerseits lachend, versuchte Gustav zu überspielen, wie sehr ihn dieses Missgeschick wurmte. Doch er konnte auf andere Weise seine Stärken ausspielen. Draußen im Feld kam es nämlich nicht nur auf Stärke und Gewandtheit an, sondern man musste sich auch in der Natur bewegen können.
Gustav erwarb sich schnell den Ruf eines Überlebenskünstlers. Niemand hatte seine fünf Sinne so beisammen wie er. Er konnte die Bäume am Geruch unterscheiden, brauchte keinen Kompass, um die Himmelsrichtung zu erkennen. Bei absoluter Finsternis fand er jeden Weg, und wenn er wollte, wurde er von einem Augenblick auf den anderen unsichtbar.
Jeden zweiten Samstag fuhr seine Gruppe ins Elbsandsteingebirge, das neben der Zschone sein zweites Hinterzimmer war. Hier kannte er sich aus und konnte seine Naturkenntnisse noch besser anwenden. In weitem Rahmen wurden Geländespiele organisiert. Gustav verstand es nicht nur, jede Spur zu lesen, er konnte sich auch durch die Natur bewegen, ohne selbst Spuren zu hinterlassen.
Wurde er beim Schulsport oder bei den nachmittäglichen Spielen auf dem Hof stets als Letzter in eine Gruppe gewählt, war es hier genau umgekehrt. Mit Gustav war der Sieg so gut wie sicher.
Zwischen den Sandsteinfelsen musste sich seine Gruppe gegen Jungenschaften aus anderen Dresdner Stadtteilen bewähren. Die Jungs wurden auf Feindkontakt im offenen Gelände vorbereitet und von ihren Führern regelrecht aufeinander losgehetzt. Dabei ging es manchmal so hart zur Sache, dass die Bezeichnung Spiel fehl am Platze schien. Gebrochene Knochen und blutende Nasen waren an der Tagesordnung. Wer selbst bei schweren Blessuren Tränen zeigte, wurde als Memme gehänselt. Gustav jedoch führte seine Kameraden mit solcher Sicherheit durch die unwegsamsten Gegenden, dass sie selten ins Hintertreffen gerieten.
Seine scharfen Augen trugen ihm den Spitznamen Falkenauge ein. Wo andere nur Gestrüpp sahen, fand er immer noch einen Weg, wo andere einen unüberquerbaren Fluss vermuteten, entdeckte er unmittelbar unter der gekräuselten Wasseroberfläche eine Furt aus Steinen, die sicher und halbwegs trocken zum anderen Ufer führte. Er konnte klettern wie kein Zweiter und passte seine Extremitäten derart geschickt den Formen der Natur an, dass er sich auf einen Ast setzen konnte, ohne von seinem Feind gesehen zu werden.
An den Nachmittagen im Gelände machte sich Gustav viele Freunde. Seltsamerweise währten diese Freundschaften immer nur, solange sie draußen waren. Die nur unwesentlich älteren Jungenschaftsführer, die den Rest der Klasse hetzten, bis jedem »die Lunge zur Fresse raushing« – so die Formulierung eines Ausbilders –, verschonten ihn. Ja, sie fragten ihn sogar um Rat, wenn es zum Beispiel zu regnen anfing oder Wind aufkam. Gustav wucherte mit seinem Wissen um die Natur und lag meistens richtig.
In der Schule jedoch wurde der König der Samstagnachmittage weiterhin von den Lehrern vorgeführt. Dieselben Jungs, die ihm am Wochenende noch Achtung gezollt hatten, lachten ihn plötzlich wieder aus. Was konnte Gustav nur tun, um den Respekt der Wehrsportübungen mit ins Klassenzimmer zu tragen? Nicht selten hatte er das Gefühl, zwei Leben zu leben.
Zu Hause spitzte sich die Situation zu. Inge war nachmittags immer seltener zu Hause und der Vater wurde zusehends verschlossener. Er sprach kaum noch und blieb manchmal für mehrere Tage weg. Die Eltern stritten sich oft und heftig. Vor ihrem Sohn versuchten sie den Schein zu wahren, aber Gustav spürte, dass etwas nicht stimmte.
Wenn er mit Vater und Mutter im nahen Leutewitzer Park spazieren ging, erzählte er stolz von seinen Abenteuern an den Dienstnachmittagen. Die Mutter fragte interessiert nach, der Vater hing ostentativ anderen Gedanken nach. Wenn Gustav aber leidenschaftlich den rechten Arm anwinkelte und sein akkurates »Heil Hitler« brüllte, sowie sie einem Offizier der Wehrmacht, einem SS-Mann oder auch nur einem vierzehnjährigen Gruppenführer begegneten, war der Alte wieder voll da. »Muss das denn sein?« Es sei seine Pflicht, zu salutieren, entgegnete Gustav entrüstet. »Kann ja sein, aber doch nicht so, verdammte Scheiße.« Der Vater wurde dünnhäutiger, verlor schneller die Fassung, als Gustav es gewohnt war.
Eines Tages im Frühjahr 42 kam Gustav nach Hause und spürte sofort, dass etwas Schwerwiegendes vorgefallen sein musste. Die Mutter saß weinend in der Küche und brachte kein Wort hervor. Der Vater stand reglos in der Stube und blickte zum Fenster hinaus. Inge lehnte am Ofen und überschüttete das Familienoberhaupt mit Vorwürfen, als hätte sie jetzt das Regiment übernommen. »Es musste ja so kommen. Mit deinem undeutschen Verhalten bist du dem Führer in den Rücken gefallen. Das ist Hochverrat, und das mitten im Krieg. Du, der du für diesen tatterigen Kaiser im Weltkrieg den Kopf hingehalten hast. Sei froh, dass sie dir nur die Fabrik weggenommen haben.« Sie klatschte sich die flache Hand mit solcher Wucht auf die Stirn, dass unter dem kurzen Pony eine rote Stelle zurückblieb. Der Vater atmete hörbar tief ein, schaltete aber sonst auf Durchzug.
Gustav traute seinen Ohren kaum. Vater hatte dem Führer den Gehorsam verweigert? Es stellte sich heraus, dass sich Walter Bülow geweigert hatte, in seiner Gießerei Rüstungsgüter herzustellen. Erst hatte man es ihm freundlich angetragen, ihn dann aber per Befehl dazu aufgefordert. Bülow änderte seine Ablehnung nicht. Er werde sich mit seiner Fabrik nicht an der Kriegsmaschinerie beteiligen. Die Antwort der Behörden ließ nicht lange auf sich warten. Als er an diesem Morgen in die Firma kam, war sie bereits von SS-Leuten besetzt. Bülow durfte nicht einmal sein Büro betreten. Ihm wurde nur wortlos ein mit dem Reichsadler unterstempeltes Dokument ausgehändigt, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass seine Gießerei als kriegswichtige Einrichtung ab sofort unmittelbar dem Rüstungsministerium unterstellt sei. Mit anderen Worten, er war enteignet worden.
Vor Gustavs Augen blinkte ein und dasselbe Wort immer wieder auf wie die Leuchtreklame vor der Verdunkelung. Schande! Wie sollte er morgen seinen Kameraden und Lehrern gegenübertreten? Wie konnte er sich mit dem Verräter noch im Park oder anderswo sehen lassen?
Die Angst war unbegründet. Seltsamerweise schien in der Schule niemand zu wissen, was vorgefallen war. Der Vater brachte ihn auch nicht weiter in Verlegenheit, weil er, um die Familie zu ernähren, die Geschäftsführung einer Druckerei im fernen Füssen übernahm. Er kam nur noch alle zwei Wochen für den Sonntag nach Dresden. Da die Feldlager inzwischen von Samstagmittag bis Sonntagnachmittag ausgedehnt worden waren, bekam Gustav den Vater kaum noch zu Gesicht. Wenn er zu sich selbst ehrlich war, war ihm das auch ganz lieb so. Er ertrug nicht die immer noch autoritäre Verachtung seines Erzeugers allem gegenüber, was ihm wichtig und heilig war. Und er mochte sich nicht die Frage beantworten, wem er mehr Treue und Gehorsam schuldete, dem Führer oder dem Vater.
Draußen im Lager musste er sich solche Gedanken nicht machen. Da waren nur die Natur, die Kameraden, der Traum vom Endsieg und er. So verflog die Zeit, und nicht nur Gustav verlor das Gefühl dafür, dass der Krieg immer näher rückte. Sterben wurde selbstverständlicher, genauso wie die täglichen Einschränkungen, die Abstriche beim Essen, das Frieren im Winter. Auch der Krieg selbst lief längst nicht so glatt wie damals, als er in die HJ aufgenommen worden war.
Die Briten und Amis kamen mit ihren Flugzeugen über den Ärmelkanal, deutsche Städte wurden bombardiert, einige seiner Kameraden hatten ihre Väter oder Brüder an der Front verloren. Auch die Lehrerschar war deutlich dezimiert. Männer unter 50 gab es nicht mehr, dafür wurden Greise aus dem Ruhestand zurückgeholt, die gar nicht erst zu kaschieren suchten, dass sie den ihnen Anvertrauten hoffnungslos unterlegen waren. Die Jungs saßen hinter den Bänken einfach nur noch die Zeit ab und warteten auf ihre Einberufung, einige euphorisch, andere voller Angst. Unter der Bevölkerung machte sich Verbitterung breit. Durch die Straßen liefen Menschen mit Trauerbinden, es wurde viel geflüstert, geschwiegen und geweint.
In der Sächsischen Schweiz war von alledem kaum etwas zu spüren. Dort war die Welt selbst im Sommer 1944 noch in Ordnung. Die Sonne ging auf, die Sonne ging unter, die Felsen rochen nach Jahrtausende alter Fäulnis, Vögel sangen, Eidechsen huschten, die Flüsschen plätscherten im Sonnenschein, der Fingerhut blühte, das Springkraut sprang und die Spinnen webten ihre Netze. Die Ostfront war weit und die alliierten Bomber reichten nicht bis Dresden. Am Oberlauf der Elbe war der Krieg immer noch ein Spiel. Zwischen den vertrauten Sandsteinfelsen fand Gustav nicht nur Zuflucht vor dem immer drückenderen Alltag, dort konnte er auch vor den anderen seine Überlegenheit beweisen.
Anfang Juli sollte im malerischen Polenztal für das Wochenende ein Zeltlager errichtet werden, um einmal mehr die Feldtauglichkeit der Heranwachsenden zu erproben. Gustav fand sich mit den anderen Jungs seiner Klasse wie gewohnt am Samstagmittag auf dem Stellplatz am Hauptbahnhof ein. Es war ein drückender, regnerischer Tag in diesem ungewöhnlich heißen Sommer.
Gustav hatte Kopfschmerzen und darüber hinaus ein ungutes Gefühl. Sein Missmut sollte schnell Bestätigung finden. Kameradschaftsführer Karl, bei dem er Privilegien als Pfadfinder genossen hatte, erschien nicht. Es hieß, er sei zur Wehrmacht eingezogen worden. Statt seiner war ein neuer Anführer auf dem Platz, der zwar laufend das Wort Kameradschaft im Mund führte, aber ansonsten nur rumbrüllte.
Mit dem Zug ging es bis Bad Schandau, dann zu Fuß weiter durchs offene Gelände bis ins Polenztal. Der neue Chef hatte es nicht eilig, sich Freunde zu machen. Im Gegenteil, er ließ die Jungs ohne Rast bis zum vorgesehenen Lagerplatz marschieren und sofort nach der Ankunft die Zelte aufbauen. Wer sich für einen Augenblick ausruhte oder nur den Schweiß aus der Stirn wischte, wurde auf der Stelle angeranzt. Lahmärsche, Drückeberger, Muttersöhnchen, jüdische Weicheier und ähnliche Schmähungen fielen am laufenden Band.
Gustav, der sich aufgrund seiner herausgehobenen Stellung an die Rolle des Mittlers gewöhnt hatte, nahm allen Mut zusammen und baute sich vor dem Neuen auf: »Kamerad, meinst du nicht, dass wir mal ’n paar Minuten Pause gebrauchen könnten?«
Der Angesprochene hielt die Luft an und verfärbte sich dunkelrot. Gustav hoffte, er würde tot umfallen, aber das tat er nicht. Nachdem er die Fassung zurückerlangt hatte, baute er sich breitbeinig vor Gustav auf, stemmte die Fäuste in die Hüften und fragte statt einer Antwort zurück: »Wie ist der Name?«
»Bülow, Gustav.«
»Schon mal was von Haltung gehört in diesem Sauhaufen? Stillgestanden! Fünf Minuten Pause für alle. Außer Bülow. Und weil dir, Bülow, offenbar so sehr am Wohl deiner Kameraden gelegen ist, übernimmst du heute die Nachtwache vom Zapfenstreich bis zum Wecken. Und gnade dir Gott, wenn ich noch ein Wort höre …«
Gustav spürte, wie ihm die Knie weich wurden und sich ein leichtes Kribbeln in der Blasengegend bemerkbar machte. Um ihn wurde es mucksmäuschenstill. Keiner seiner Kameraden rührte sich, selbst die Vögel schienen für ein paar Augenblicke ihren Gesang einzustellen. Er nahm alle Kraft zusammen, um nicht in Tränen auszubrechen. So gedemütigt hatte er sich noch nie gefühlt, nicht einmal von seiner großen Schwester, die keine Gelegenheit ausließ, ihn zu erniedrigen. Für den Rest des Nachmittags und Abends fühlte er sich wie ein Aussätziger. Niemand sprach mit ihm oder setzte sich auch nur in seine Nähe. Hatte sich so vielleicht Jahre zuvor sein jüdischer Mitschüler Walter gefühlt, als er ihn im Stich gelassen hatte?
Um zehn war Zapfenstreich. Alle verschwanden in ihren Zelten und das Feuer wurde gelöscht. Der Verdunkelungsbefehl galt schließlich auch im Wald. Der Feind lauerte überall und es war nicht ausgeschlossen, dass hier, in der Unübersichtlichkeit der Bergwelt, kommunistische Späher unterwegs waren.
»Ich weiß unseren Nachtschlaf in sicheren Händen«, höhnte sein Peiniger, bevor er das Zelt von innen verschloss.
Es war bedrückend still. Gustav beobachtete die Sterne und hoffte auf eine Sternschnuppe. Würde er eine sehen, würde er dem Führer Glück für den Endsieg wünschen. Sollte ihm noch eine zweite beschieden sein, würde der neue Kameradschaftsführer morgen auch in den Krieg abkommandiert werden. Am liebsten hätte er sich auf den Rücken gelegt, aber er hatte Angst einzuschlafen. Auf einem Stein sitzend, versenkte er sich in die Sternbilder. Die Milchstraße, der Große und der Kleine Wagen, der Schwan, alle waren ganz deutlich zu sehen. Irgendwo dort oben wollte er jetzt in einer ganz anderen Welt sein. Langsam schoben sich Wolken vor die Sterne, als gelte auch fürs Firmament Verdunkelungspflicht. Gustav probierte aus, was bei dieser Finsternis an der Redensart dran wäre, dass man die Hand nicht mehr vor den Augen sehen könne. Tatsächlich konnte er nichts sehen, wenn er sie nicht unmittelbar vor die Augen hielt.
Wie spät mochte es jetzt sein? Gustav hatte keine Ahnung, wie lange er noch so harren musste. Orientierung gab ihm nur das gleichmäßige Rauschen der Polenz. Er beschloss, am Ufer auf und ab zu laufen, möglichst eine große Strecke, damit die Stunden bis zum Wecken schneller vergingen. Würde es ihm gelingen, sich nur mit dem Gehör am Ufer entlang zu bewegen? Er schloss die Augen und verlegte seine ganze Aufmerksamkeit in die Schuhspitzen und Ohren. Angespannt bis zum Äußersten setzte er einen Fuß vor den anderen.
Schon nach wenigen Schritten stieß er mit dem rechten Fuß gegen eine Wurzel, wich kurz entschlossen nach rechts aus, trat jedoch ins Leere. Hastig griffen seine Finger nach dem nahen Baum, doch dort, wo er ihn vermutet hatte, war nichts als das Nichts. Gustav fiel. Jeder Moment dehnte sich unendlich aus. Obwohl es stockdunkel war, hatte der Strauchelnde den Eindruck, er könne sich selbst ganz deutlich beim Fallen zusehen. Für eine halbe Unendlichkeit war keine einzige Stelle seines Körpers mehr mit der Erde verbunden, dann landete er mit dem Rücken zuerst in der eiskalten Polenz.
So flach der Fluss auch war, Gustav schluckte literweise Wasser und wäre um ein Haar ertrunken. Nur mit Mühe konnte er sich wieder in die Senkrechte bringen. Schnell raus aus dem Wasser, offensichtlich hatte niemand sein Missgeschick bemerkt. Ans Ufer kletternd, verlor er auf dem schlüpfrigen Untergrund ein zweites Mal den Halt und plumpste nun bäuchlings ins Wasser, wobei er sich an einem Strauch das Gesicht zerkratzte. Ohnehin pitschnass, ging er ein Stück flussabwärts, bis das Ufer ein wenig flacher war. So ein Mist, wie sollte er das vor den Kameraden verborgen halten? Aber im Erfinden von Geschichten war er schon immer gut gewesen …
5. Das Untier
Es war so dunkel, dass man nicht mehr die Hand vor den Augen erkennen konnte. Das ist nicht nur so ein Spruch, ich habe es wirklich ausprobiert. Erst mit gespreizten und dann mit geschlossenen Fingern. Gesehen habe ich nichts. Es muss so gegen Mitternacht gewesen sein. Mond und Sterne waren hinter dichten Wolken verschwunden, es war totenstill. Außer dem Rauschen der Polenz und hin und wieder dem Schrei eines Käuzchens war nichts zu hören.
Habt ihr schon mal den Schrei eines Käuzchens gehört? Das klingt seltsam. Schrill, aber zugleich abgehackt und erstickt. Irgendwie gruselig. Gar nicht wie eine Eule, sondern als würde jemand versuchen, dich aus deiner Sicherheit zu locken. Kein Irrlicht, eher eine Art Irrklang. Ich habe mich an all die Gruselgeschichten erinnert, in denen ein Käuzchen mit seinem Schrei auf dem Friedhof die Toten aufweckt.
Mein Vater hat mir mal die Geschichte von einem Betrunkenen erzählt, der gedacht hatte, er hätte den Ruf einer schönen Jungfrau vernommen. In Wirklichkeit folgte er dem Schrei eines Käuzchens und merkte in seinem Suff nicht, wie er ein offenes Friedhofstor durchschritt. Hypnotisiert von der lockenden Schönen, die er sich in den verführerischsten Bildern ausmalte, gelangte er immer weiter auf den Friedhof, bis er in ein offenes Grab stolperte, das am Vorabend ausgehoben worden war. Er fiel so tief und war so betrunken, dass er sofort das Bewusstsein verlor.
Als die Totengräber am nächsten Morgen bei einer Beerdigung den Sarg hinabließen, merkten sie nicht, dass sich schon jemand da unten zur Ruhe gebettet hatte. Sie schaufelten das Grab einfach zu. Dabei war ihnen, als hätten sie ein leises Klopfen gehört. Offenbar war der Säufer aufgewacht, als der Sarg auf ihm gelandet war, und versuchte sich jetzt durch Klopfen bemerkbar zu machen. Vergeblich. Seine Angehörigen ließen jahrelang nach dem nächtlichen Spaziergänger suchen, doch irgendwann gaben sie auf. Erst als nach Jahrzehnten die Grabstelle aufgehoben und der Rest des Sarges entfernt wurde, fand man darunter ein zweites Skelett, das die linke Hand zur Faust geballt hatte.
Diese und ähnliche Geschichten schossen mir durch den Kopf, als ich es plötzlich unmittelbar hinter mir laut knacken hörte. »Wer da?«, rief ich. Schließlich ging es ja darum, das Lager zu bewachen. Stille. Wie gesagt, sehen konnte ich nichts. Das hatte natürlich den unschätzbaren Vorteil, dass auch ich nicht gesehen werden konnte. Vorsichtshalber ging ich trotzdem hinter einem Baum an der Polenz in Deckung. Die rechte Hand hatte ich am Messer. Man weiß ja nie. Das Knacken ertönte abermals und danach raschelte es. Irgendjemand schlich ums Lager. Sollte ich den Führer wecken, der mir doch die Verantwortung für die ungestörte Nachtruhe der Kameraden in die Hand gelegt hatte? Nein, ich musste mich erst vergewissern, ob wirklich keine Gefahr drohte.
Ich verließ mein Versteck und schlich vorsichtig mit gezücktem Dolch in die Richtung, aus der ich das Geräusch vernommen hatte. Auf mein Gehör kann ich mich ja zum Glück verlassen. Dabei musste ich höllisch aufpassen, denn in der Dunkelheit konnte ich weder Stock noch Stein sehen und hätte leicht stolpern und mich verraten können.
Eine Weile war nichts zu hören. Keine Stimme, kein Knacken, kein Rascheln. Nichts. Vielleicht doch nur ein Tier? Gerade wollte ich mich entspannen, da hörte ich es wieder ganz deutlich, diesmal ein Stück weiter oben aus dem Wald. Hoffentlich ist das kein kommunistischer Partisan, der hier sein Unwesen treibt. Und wenn doch, ist es an mir, ihn auszuschalten. Ich biss die Zähne zusammen und lief in gebückter Haltung an die Waldgrenze. Jetzt konnte ich es ganz deutlich hören, ein tiefes Rufen, dazu Schritte und ein Rascheln wie von Hosenbeinen, die aneinander reiben, wenn jemand rennt.
Mir war echt beklommen zumute. Das konnte alles sein, aber ich war fest entschlossen, die Verfolgung aufzunehmen. Ich musste den steinigen Hang hinauf und dabei immer noch jedes Geräusch vermeiden. Solange ich lautlos blieb, war ich meinem unsichtbaren Gegner gegenüber im Vorteil.
Bald gelangte ich an den Rand der Felsen. Mit den Händen ertastete ich einen Kamin, drückte mich mit dem Rücken gegen die eine Wand und schob mich mit den Beinen an der gegenüberliegenden empor. Um die Finger freizubekommen, nahm ich das Messer zwischen die Zähne. Der kalte Stahl ließ mich erschauern. Würde ich damit zustechen müssen, womöglich einen Menschen töten? Ja, ich gebe es zu, ich hatte Angst.
Zurück konnte ich nicht. Ich schob mich weiter hoch, folgte dem Geräusch. Nach einer Weile mündete der Kamin als Felsspalte auf einem kleinen Plateau, über dem schräg ein abgestorbener Baum lag. Nach dem dunklen Schacht konnte ich dort oben wenigstens vage Umrisse erkennen. Von meinem Gegner war nach wie vor nichts zu sehen, dafür nahm ich einen beißenden Geruch wahr, der mich an den Zoo in Dresden erinnerte. Richtig, es roch nach totem Fleisch. War ich in einen Hinterhalt gelockt worden? Mein Herz schlug bis zur Schädeldecke. Gleich würde es zur offenen Auseinandersetzung kommen, das spürte ich ganz deutlich. Ich versuchte alle Richtungen gleichzeitig im Blick zu behalten, ohne dass ich wirklich viel sehen konnte.
Kennt ihr das Gefühl von Gefahr? Man kann sie nicht hören, man kann sie nicht sehen, man kann sie nicht riechen. Und trotzdem ist sie greifbar. Sie liegt in der Luft wie eine elektrische Ladung, die nach Erdung sucht.
Ich bedauerte meine Entscheidung, dem Knacken gefolgt zu sein. Was hätte ich darum gegeben, mich jetzt in der Nähe meiner Kameraden zu wissen, statt auf mich allein gestellt hier oben zu sein. Mich beschlich die Ahnung, dass mein unsichtbarer Feind mich längst im Visier hatte. Nur hatte ich keinen Schimmer, von wo aus er mich erwartete und vielleicht gleich angreifen würde. Zu alldem musste ich auch noch aufpassen, dass ich in der Dunkelheit nicht in den Abgrund stürzte. Halt fand ich auf dem glibberigen Sandstein nicht. Unter meinen Füßen fühlte es sich an, als hätte gerade jemand einen Eimer Seifenlauge ausgekippt.
Und dann passierte, was ich unbedingt vermeiden wollte. Ich trat auf einen trockenen Ast. Der zerbrach mit einem derart lauten Knall, als hätte sich ein Schuss gelöst. Anfangs dachte ich sogar, auf mich wäre geschossen worden, ich hechtete zur Seite. Im nächsten Augenblick sah ich, wie etwas Großes auf mich zuschoss. Mir blieb das Herz stehen, als ich gewahr wurde, dass es keine Arme hatte, sondern Flügel. Zwei riesengroße Augen rasten auf mich zu, die irgendwelches Licht reflektierten. Ich vernahm einen Schrei, von dem mir nicht ganz klar war, ob er von meinem Angreifer kam oder ich ihn selbst ausgestoßen hatte.
Erst als das Wesen mit ausgestreckten Krallen nach mir greifen wollte, erkannte ich, dass es sich um einen Uhu handelte. Offensichtlich war ich ihm gefolgt und zu dicht an sein Nest oben in den Felsen geraten. Er wiederum vermutete in mir wahrscheinlich eine Gefahr für seine Jungen. Ich sprang zur Seite. Aber dort, wo ich den Boden vermutete, landete ich zu meinem Entsetzen nicht auf den Füßen, sondern spürte, wie ich in die Tiefe stürzte. Das war’s, dachte ich. Es heißt ja immer, im letzten Augenblick vor dem Tod zieht das ganze Leben an einem vorbei. Wenn ihr mich fragt, ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, was ich in dieser Situation gedacht habe. Ich spürte nur einen stechenden Schmerz im Gesicht. Offenbar hatten mich die Klauen des Vogels noch erwischt.
In der freien Abwärtsbewegung ruderte ich mit den Armen durch die Luft, inständig hoffend, dass meine Hände irgendeinen Halt finden könnten. Und siehe da, meine Linke verfing sich im Geäst eines dünnen Bäumchens, das ein Stück weit waagerecht aus dem Felsgestein ragte. Für den Moment war ich gerettet. Aber wie sollte ich hier runterkommen. Ich hatte keine Vorstellung, wie hoch ich über dem Grund hing. Alles, was meine Sinne mir zutrugen, war das beharrliche Plätschern unter mir. Ich musste mich also unmittelbar über der Polenz befinden. Zu groß konnte der Höhenunterschied nicht sein, denn das Rauschen des Wassers klang recht nah.
Ich musste es riskieren. Loslassen. Mich auf meinen Schutzengel verlassen. Unten ankommen würde ich auf jeden Fall, die Frage war nur, in welchem Zustand. Ganz langsam lösten sich meine Finger vom Holz. Die Auseinandersetzung mit dem Uhu war zwar überstanden, aber Angst hatte ich trotzdem noch. Den größten Teil der Strecke hatte ich anscheinend schon zurückgelegt, bevor ich Halt in dem Baum gefunden hatte. Unbeschadet plumpste ich in die Polenz. Ich landete zwar auf meinen Füßen, aber die Wucht des Aufpralls riss mich ins Wasser, von dem ich mehr schluckte, als mir lieb war. Ich brauchte einige Sekunden, bis ich wieder auf die Beine kam. Das eiskalte Wasser schnitt mir in die Wunden wie ein Rasiermesser, aber ich sage euch, ich war einfach nur glücklich, dass ich alles überstanden hatte.
Im Lager war alles ruhig, niemand hatte irgendwas bemerkt. Aus einem der Zelte kam ein unregelmäßiges Schnarchen, das wahrscheinlich jede Wildsau in die Flucht geschlagen hätte. Ich entledigte mich meiner Sachen, hüllte mich in eine trockene Decke und musste für den Rest der Nacht keine Angst mehr haben, dass ich einschlafen könnte.
6.
Im Januar 1945 sah Gustav seinen großen Moment endlich gekommen. Die Lebensbedingungen in Dresden hatten sich unerträglich zugespitzt. Am 7. Oktober des Vorjahres war auch die sächsische Hauptstadt erstmals englischen Bombern ausgeliefert gewesen. Die Schäden hielten sich zwar in Grenzen, doch von nun an war es mit dem Mythos der Unverwundbarkeit der Elbresidenz vorbei. Die Nahrungsmittel wurden immer knapper und das Wenige galt es auch noch zu teilen. Es gab kaum noch eine Familie, die keine Opfer zu beklagen hatte. Täglich trafen neue Flüchtlinge aus Schlesien ein, die das Gelände um den Hauptbahnhof komplett in Beschlag nahmen. Traurige Gestalten, die im sicheren Dresden zur Ruhe hatten kommen wollen und nun merkten, dass der Krieg sie selbst am vermeintlichen Ziel ihrer Flucht nicht in Ruhe ließ. Ihre Blicke verrieten Angst und Desillusionierung, aber auch Neid und Gier. Die Dresdner trauten ihnen nicht. Besser, man kam ihnen nicht zu nahe.
Familie Bülow war wieder vollzählig. Der Vater hatte auch seine Stellung in Füssen verloren. Unverbesserlich, wie er war, wollte er sich dem braunen Kadavergehorsam nicht beugen. Entgegen den Anordnungen der Partei hatte er darauf bestanden, die eingesetzten Zwangsarbeiter genauso zu verpflegen und zu behandeln wie die letzten verbliebenen Angehörigen der Stammbelegschaft. »Solange ich hier was zu sagen habe …«
Aber er hatte nichts mehr zu sagen und niemand stand ihm zur Seite. »Sie lassen sich hier besser nicht mehr sehen, ansonsten müsste ich Sie wegen Kollaboration anzeigen. Sie wissen, was das bedeutet«, hatte ihm ein Vertreter der Partei empfohlen, von dem Bülow nicht genau sagen konnte, ob er es gut mit ihm meinte oder den unbequemen Geschäftsführer einfach nur loswerden wollte. Diesmal machte die Mutter kein Aufhebens um den Verlust des Postens. Sie war froh, ihren Gatten in den Zeiten des Untergangs wieder zu Hause zu wissen.
Um wenigstens für das Nötigste zu sorgen, schlug sich Walter Bülow als Englischlehrer durchs Leben. Zwar wollte es noch niemand offen zugeben, aber Englisch stand hoch im Kurs. An den Endsieg glaubten nur noch die Wenigsten und sich mit den Siegern verständigen zu können, schadete nichts. Die Angst vor den russischen Barbaren war groß, aber Engländer und Amerikaner gehörten ja zivilisierten Völkern an. Der ehemalige Fabrikbesitzer ließ sich in Naturalien bezahlen, ein paar Kartoffeln hier, ein halbes Brot da, ein Päckchen Butter dort. Man kam über die Runden, so gut es ging. Immerhin war Bülow einer der Wenigen, die in dem allgemeinen Chaos überhaupt noch Arbeit fanden und darüber hinaus weiterhin mit Respekt behandelt wurden.
Wenn der Vater zu Hause war, blätterte er wie abwesend in seiner Bibel, dem dicken Napoleon-Buch, las immer wieder voller Interesse dieselben Textpassagen, als würde er zum ersten Mal auf sie stoßen, und starrte unter Umständen minutenlang auf einzelne Illustrationen. Hin und wieder nickte er, zuweilen murmelte er auch etwas Unverständliches vor sich hin.
Was will der Vater mit diesem korsischen Froschfresser, fragte sich Gustav, wenn uns doch der größte Heerführer der Menschheitsgeschichte gerade mit sicherer Hand dem Endsieg entgegenführt. Doch er sparte es sich, seinem Häuptling derartige Fragen zu stellen, denn dessen lakonische Antwort kannte er nur zu gut. Wenn Hitler so ein Genie der Kriegsführung ist, warum wird Deutschland dann von allen Seiten eingekesselt, warum werden unsere Städte in Schutt und Asche gelegt, warum geht eine ganze Generation an der Front zugrunde? Warum haben wir nichts mehr zu fressen und warum arbeiten in unseren Fabriken nur noch Polen, Russen und Juden, obwohl der arische Arbeiter zu ganz anderen Leistungen in der Lage ist? Warum tyrannisiert die Gestapo ihr eigenes Volk?
Der Vater wollte einfach nicht begreifen, dass eine historische Umwälzung auch Opfer verlangt. Als ob nicht gerade Napoleon am Ende gescheitert wäre, weil er zu weich war. Adolf Hitler weiß, was er tut. Immer und ohne Ausnahme. Scheitern ausgeschlossen. Eines Tages, da war sich Gustav ganz sicher, würde sein alter Herr seine Irrtümer einsehen und ihm, dem Sohn, für seine Standhaftigkeit und seinen Weitblick dankbar sein.
Die Gelegenheit, seine Liebe zum Vaterland zu beweisen, sollte für Gustav nicht lange auf sich warten lassen. Es war ein Dienstag, einer jener langweiligen Schultage, an denen eigentlich nichts mehr gelernt wurde. Die Schüler saßen die Zeit ab, die Lehrer hatten längst begriffen, dass es für ihre Schützlinge Wichtigeres gab, als den Unterrichtsstoff zu pauken. Eigentlich hätte man auch zu Hause bleiben können.
Plötzlich ging die Tür auf. Der greise Direktor trat mit einem drahtigen Major der Wehrmacht ein und noch bevor das Schuloberhaupt seine Aufforderung aussprechen konnte, sich von den Plätzen zu erheben, stand die ganze Klasse stramm hinter den Bänken. »Heil Hitler!«, brüllte der abgehetzt wirkende Offizier und die Klasse erwiderte den Gruß, als ginge es ums Leben.
Tatsächlich ging es auch um nicht weniger als das Leben. In knappen Worten erinnerte der Uniformierte die Jungen an ihren Eid, den sie dem Führer geleistet hatten, und am nächsten Montag hieß es einrücken.
Die Jungs hatten schon seit Wochen auf diesen Augenblick gewartet. Sie versuchten sich gegenseitig mit Geschichten zu übertrumpfen, wie sie den Iwan mit einem kräftigen Tritt in den Hintern aus Deutschland befördern und den Ami vom Himmel holen würden. Die deutschen Panzer sind die besten und der deutsche Kampfgeist ist sowieso jedem anderen überlegen. Hitlers Befehl, bis zum letzten Atemzug für den Endsieg zu kämpfen, war gerade erst im Radio übertragen worden. Man munkelte, dass er noch eine Wunderwaffe im Ärmel hätte, die das Kriegsgeschehen drehen würde. Der Feind mochte getrost schon Deutschlands Niederlage feiern, bevor der Führer zum vernichtenden Schlag ausholte. Seine Entschlossenheit übertrug sich auf jeden Einzelnen von ihnen. Der deutsche Cäsar hat uns so viel geschenkt, er hat uns Stolz und eine Zukunft gegeben, jetzt heißt es, ihm etwas zurückzugeben. Auf wen soll der Führer sich verlassen, wenn nicht auf uns?
Gustav schlug das Herz bis zum Hals. Er rannte den halben Kilometer von der Schule nach Hause. Zu seinem Erstaunen fand er die Mutter in Tränen aufgelöst. Sie hatte den Einberufungsbefehl in der Hand und wollte ihren einzigen Sohn in die Arme schließen, doch der Vater hielt sie zurück. »Komm lass«, sagte er knapp, und sein Blick befahl Gustav unmissverständlich, das Zimmer zu verlassen. Der Junge ließ die Tür angelehnt und versuchte zu lauschen, worüber die Eltern sprachen. »So schlapp und schmächtig, wie der ist, nehmen die ihn sowieso nicht. Er muss ja noch zur Musterungsuntersuchung.«
Gustav war wütend. Schlapp und schmächtig, als ob es darauf ankäme. Dass ihm ausgerechnet seine eigene Familie in dieser Schicksalsstunde so in den Rücken fallen musste. Denen würde er es schon zeigen. Die Szene mit den verräterischen Eltern erinnerte ihn an Hänsel und Gretel.
Am nächsten Tag ging es zur Musterungsuntersuchung. Dazu musste Gustav ein paar Straßen weiter zu Doktor Bernhard gehen, der sich um ihn gekümmert hatte, solange er zurückdenken konnte. Husten, Masern, Scharlach, der Blinddarm, eine Stirnhöhlenentzündung, weil er immer den Rotz hochgezogen hatte, ein Hornissenstich, eine ausgekugelte Schulter, nachdem er von der Schaukel gefallen war – immer war Doktor Bernhard zur Stelle gewesen.
Der schmale und doch athletisch wirkende Mann mit der hohen Stirn und dem streng nach hinten gescheitelten Haar flößte Gustav Vertrauen ein. In seinem männlich galanten Auftreten erinnerte der große Blonde ihn an den Schauspieler Hans Albers. Nach jeder Behandlung durfte er in eine grüne Metalldose greifen, um ein Bonbon oder ein Stück Zucker zu ergattern. Daran hatte sich nicht einmal in den Jahren des Mangels etwas geändert. Seit einiger Zeit trug Doktor Bernhard unter seinem weißen Kittel Schaftstiefel und eine SA-Uniform. Diese Kombination aus Barmherzigkeit und Kampfeswillen rang dem angehenden Rekruten nur noch mehr Respekt ab.
Am liebsten wäre Gustav allein zu Doktor Bernhard gegangen. Aber die Mutter wollte unbedingt mit. Von dem Besuch bei Bernhard versprach sie sich ein Wunder, denn der Arzt stand neuerdings in einem besonderen Verhältnis zu Familie Bülow. Der Mediziner, eine der angesehensten Persönlichkeiten in Dresden-Cotta, pflegte seit einigen Monaten eine intime Beziehung mit Inge. Das durfte natürlich niemand wissen, denn Bernhard war verheiratet. Doch, so munkelte man schon lange, die Ehe des Doktorenpaars lief nicht gut. Er wäre in der heutigen Zeit nicht der Erste, der sich ein zweites Mal verheiraten würde.
Clara Bülow konnte den arroganten Lackaffen zwar nicht leiden und der Vater ging sowieso nicht zu diesem Bonzen, aber Inge, das wusste Mutter, konnte in diesen Tagen des Umbruchs nicht besser fahren. Seit sie ihre Ausbildung hatte abbrechen müssen und zurück im elterlichen Haus war, traf sie sich regelmäßig mit dem wesentlich älteren Arzt. Auch das war Gustav peinlich, vor allem heute, weil er sich mithilfe der Lasterhaftigkeit seiner Schwester nicht vor der Pflicht drücken wollte.
»Na, junger Mann, jetzt wird’s ernst«, begrüßte ihn der Doktor in einer Mischung aus förmlicher Freundlichkeit und feierlichem Missionseifer. Er stand hinter dem Schreibtisch auf, streckte seinem Patienten die Hand entgegen und zwinkerte ihm vertraulich zu. Die Mutter wollte ihren heimlichen Schwiegersohn kurz ins Nebenzimmer bitten, aber der setzte ein breites Grinsen auf, das zum akkuraten Krachen seines Stiefelleders passte, und bot ihr mit einer Geste, die keinen Widerspruch duldete, einen Stuhl im Behandlungszimmer an. Clara Bülow verstand sofort, was die Stunde geschlagen hatte. »Mein Gott, sehen Sie doch mal, wie schmächtig der Junge ist. Der hält an der Front keine zehn Minuten durch.«
Das Betteln der Mutter war Gustav unerträglich. »Lassen Sie das mal meine Sorge sein, liebe Frau Bülow«, entgegnete der Arzt herablassend. Und dann wandte er sich mit einem Zwinkern in Gustavs Richtung: »Der Krieg hat noch niemandem geschadet. Sie werden Ihren Jungen nachher nicht wiedererkennen. Gerade wer ein bisschen schwach auf der Brust ist, kommt von der Front als ganzer Mann zurück. Oder, Gustav?«
Der Angesprochene wäre am liebsten im Erdboden versunken. Diese Mütter. Die Untersuchung ging ganz schnell, ein bisschen Abhören, ein paar Kniebeugen, ein Seh- und Hörtest, das war’s. »Meinen Glückwunsch, du kannst einrücken und dem Führer deinen Mut beweisen. Glückwunsch auch an Sie, Frau Bülow, Sie können stolz auf diesen Prachtkerl sein. Er wird uns allen Ehre machen.«
Geschafft, seufzte Gustav innerlich. Ab Montag wird er Soldat im Ehrendienst für Volk und Vaterland sein. Mit seinen Fähigkeiten und seiner Wendigkeit in der Natur wird ihn der Feind schon nicht erwischen. Der Waldgeist ist stets auf seiner Seite.
Zurück in der Wohnung, brach zwischen den Eltern und Inge ein heftiger Streit aus. »Du musst mit deinem Verlobten noch mal reden, er darf Gusti nicht in den Krieg schicken«, flehte die Mutter ihre Tochter an, doch Inge blieb kalt.
»Erstens ist Doktor Bernhard nicht mein Verlobter«, sagte sie mit gespielter Beiläufigkeit, »was sich zwischen uns abspielt, geht außer uns beiden niemanden etwas an. Und zweitens, frag doch mal deinen Gusti, was er selbst will. Der kann’s ja gar nicht abwarten, Krieg zu spielen. Wenn du mich fragst, weiß der nämlich viel besser als du, was er sich und uns allen schuldig ist. Oder willst du etwa, dass die Bolschewiken über uns herfallen und uns alle schänden? Du hast doch selbst gehört, was im Osten an der Tagesordnung ist. Guck dir doch mal diese armen Frauen am Hauptbahnhof an. Die können dir haarklein erzählen, was du von den Russen erwarten kannst, diesen Untermenschen!«
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Walter Bülow immer erregter, aber trotzdem noch still zugehört. Seine Nasenflügel bebten, sein Unterkiefer rotierte wie ein Mühlstein, der die Bemerkungen seiner Tochter pulverisierte. Aber er hielt sich zurück, solange er konnte. Bei Inges letztem Ausspruch konnte der Mann, der sonst stets die Form wahrte und sich lieber jeden Kommentar verbiss, nicht mehr an sich halten.
Er sprang aus dem Sessel auf, raste auf seine erwachsene Tochter zu und packte sie fest bei den Oberarmen, um sie ungewöhnlich scharf anzuherrschen. »Es reicht! Merkst du eigentlich, wie du mit deiner Mutter redest? Wenn du bei deinen Parteibonzen bist, kannst du solchen Mist quatschen, aber in diesen vier Wänden behältst du deine Nazi-Scheiße für dich. Das ist keine Bitte, sondern eine klare Anordnung. Wenn du damit nicht leben kannst, ist das deine Sache, aber dann mach, dass du hier wegkommst, auf der Stelle, hast du mich verstanden? Und jetzt geh mir aus den Augen, sonst vergesse ich meine Kinderstube und die Tatsache, dass du meine Tochter bist!«
Clara Bülow duckte sich, als müsste sie vor den verbalen Geschossen ihres Mannes in Deckung gehen. Inge aber blieb wie angewurzelt stehen. So hatte der Vater nicht mehr mit ihr gesprochen, seit sie zehn war. Nur Gustav sah zu, dass er das Weite gewann, bevor auch er noch sein väterliches Fett abkriegte. Zur Schule musste er für den Rest der Woche nicht mehr. Er konnte sich die Zeit in der Zschone vertreiben, die jetzt von einer dicken Schneeschicht bedeckt war. Vorsichtig stapfte er durch die Vorstadtstraßen. An manchen Stellen spürte er unter dem frischen Pulverschnee Glatteis. Bloß nicht noch vor der Einberufung ausrutschen und ein Bein brechen. Das könnte als Selbstverstümmelung gewertet werden, und darauf stand seit kurzer Zeit die Todesstrafe.
Kaum war er im Wald angelangt, wurde ihm bei der Erinnerung an Vogelscheuche und Wolf ein wenig klamm. Seinen alten Freund hatte er seit Jahren nicht mehr gesehen. Als der Schäfer eines Tages nicht mehr da war, dachte Gustav noch, er sei mit seiner Herde weitergezogen, weil alles abgegrast war, und würde selbstredend nach ein paar Wochen wiederkommen. Aber er kam nicht.
Einer seiner Klassenkameraden, dessen Vater, so wurde behauptet, bei der Gestapo arbeitete, meinte, den alten Zigeuner hätten sie wohl abgeholt. Gustav mochte sich gar nicht vorstellen, was das bedeutete. Abgeholt. Und wieso Zigeuner? Das machen sie doch nur mit den Juden. Und den Kommunisten. Die hatten’s ja auch nicht besser verdient. Aber Vogelscheuche? Wer konnte etwas gegen diesen mürrischen, zotteligen Herumtreiber haben, der niemandem im Weg war? Vielleicht würde er ihn ja nach dem Krieg wiedertreffen?
Gustav erwischte sich dabei, wie er sich wehmütig von Bäumen, Lichtungen, Felsen und dem Bach verabschiedete. Auf der kleinen Brücke, die über das schmale Bächlein führte, blieb er eine Weile stehen und sah dem Wasser unter der dünnen Eisschicht beim Fließen zu. Jetzt war der Krieg bei ihm angekommen.
War er wirklich so mutig, wie er vorgab? Ist es nicht doch ein großer Unterschied, von Kriegsabenteuern zu träumen und tatsächlich in die Schlacht zu ziehen, wo sie einem die Eingeweide aus dem Leib schießen, ein Schrapnell einem das halbe Gesicht wegreißen kann oder man in der Gefangenschaft wie ein Vieh krepiert? Das Wasser fließt einfach immer weiter, egal ob er heil von der Front zurückkommt oder nicht. Plötzlich schossen ihm Tränen aus den Augen.
Er weinte und weinte und weinte, hier, wo er sich unbeobachtet wusste und noch ein letztes Mal Junge sein durfte. Was war das für ein Scheißdreck mit diesem Krieg? War Adolf Hitler nicht auch irgendwann mal ein Junge gewesen, der einfach nur leben und glücklich sein wollte? Was machte aus einem Jungen einen Führer, der über ein Volk und die ganze Welt bestimmen kann? Und was würde aus ihm, Gustav, werden, wenn er den Krieg überleben sollte? Er versuchte sich vorzustellen, als Trapper durch die Rockies zu streifen, mordgierige Rothäute im Rücken, denen er entkommen musste. Es gelang ihm nicht.
Das Wochenende zog sich mit lästigen Verwandten- und Bekanntenbesuchen in die Länge. Alle wollten das jüngste Familienmitglied noch einmal sehen, bevor es in diesen aussichtslosen Krieg ziehen musste. Gustav fand die Prozedur lästig, aber die Mutter duldete keinen Widerspruch. Der Vater blieb zu Hause. Er hatte keine Lust, diesen Haufen von Spießern und Opportunisten, wie er sich ausdrückte, zu sehen.
Diesmal konnte Gustav den alten Herrn gut verstehen. Auch er war froh, als der peinliche Schaulauf endlich vorbei war. All diese Tränen nervten ihn. Am Sonntagabend holte der Vater eine Flasche Cognac, die er seit Friedenszeiten in der Kredenz aufbewahrt hatte. »Hier mein Junge, wer im Krieg für den Führer den Arsch hinhalten kann, der darf sich auch besaufen.«
Am Montagmorgen begleitete der Vater seinen Sohn zu der Kaserne, in der er sich bis neun Uhr einfinden musste. Das alte Gemäuer in Dresden-Übigau war gar nicht weit vom Elternhaus entfernt. Einfach nur auf der anderen Seite der Elbe. Den hohen Turm der Drillanstalt konnte man von Cotta aus mit bloßem Auge sehen. Diesmal war die Mutter zu Hause geblieben. Ungewohnt liebevoll bedeutete Walter Bülow seiner Frau, dass er gleich zurück sein werde. Mensch, der Alte zeigt Gefühl, schoss es Gustav durch den Kopf. Schon in den letzten Tagen hatte er sich mehrfach gehen lassen. So kenne ich diesen komischen Kauz gar nicht.
Auf dem Weg redeten die beiden kaum miteinander. Gustav war schon gedanklich mit den Kameraden an der Ostfront. Er freute sich auf seine schneidige Uniform, mit der er dem Feind trotzen würde. Das stolze Grau der Wehrmacht war doch etwas anderes als das kindliche Paradebraun der HJ-Kluft. Hinter den markanten Brauen des Vaters, die sich über die Augen zogen wie Baldachine, kämpften mehrere Dragonerregimenter ihre eigene Völkerschlacht, deren Ausgang ungewiss schien. Gustav hätte einiges darum gegeben, für einen Augenblick hinter dieses dichte Buschwerk dringen zu können.
Als Vater und Sohn sich am Tor verabschiedeten, presste der alte Herr die Lippen fest zusammen, klopfte dem angehenden Rekruten auf den Oberarm und ließ ein hanseatisch knappes »Bis bald« hören. Dann drehte er sich ruckartig weg und ging, ohne sich umzublicken, zurück zu seiner Frau nach Cotta.
Erst jetzt spürte Gustav, wie ein Gefühl von Abschied in ihm aufstieg. Auch wenn er in letzter Zeit immer seltener mit dessen Ansichten übereinstimmte, war der Vater doch immer für ihn dagewesen. Wann würde er seinen geliebten Beschützer wiedersehen? Und was würde aus Dresden werden, wenn er der Heimatstadt den Rücken kehrte?
Doch er hatte nicht viel Zeit, sich seiner Wehmut hinzugeben. Die Kaserne saugte ihn ein. »Rekrut Bülow meldet sich zum Dienst, Heil Hitler!« Mit aller Kraft knallte er seine Hacken zusammen. Der Eindruck aber verpuffte im Schneematsch, denn die weichen Winterschuhe verursachten keinerlei Geräusch. Dem künftigen Kriegshelden stieg die Schamesröte ins Gesicht. Das fing ja gut an.
Bei der Einkleidung herrschte ein unermessliches Durcheinander. Überall quirlten bewegliche Trauben von jungen Männern. Sie balancierten Berge von mausgrauen Kleidungsstücken durch die Gegend. Ständig fiel etwas runter, keiner wusste, was wem gehörte und wohin er sich wenden musste. Die Feldwebel versuchten mit ihren Kommandos vergeblich eine Struktur in diese Abläufe zu bringen. Durch die langen Gänge der Kaserne hallte ohrenbetäubender Lärm. Niemand verstand die blechernen Parolen, die aus den Lautsprechern dröhnten. Schlimmer kann es auf dem Schlachtfeld auch nicht werden, wurde Gustav von irgendwem zugeraunt. Hin und wieder entdeckte er in dem Gewimmel Gesichter einzelner Schulkameraden.
Zu seinem großen Verdruss musste sich Gustav eine Uniform verpassen lassen, die ihm viel zu groß war. Die Hose reichte ihm fast bis unter die Achselhöhlen und nur das Koppel hielt alles notdürftig zusammen. Das hatte er sich anders vorgestellt. Er wollte gegen diese Zumutung protestieren, musste sich aber anschnauzen lassen, er sei hier nicht in einem Modehaus und solle sich mit dem zufriedengeben, was er bekomme. Den Russen interessiert es einen Scheiß, ob er mit Manschettenknöpfen oder in Unterhosen auf ihn schießt. Hauptsache er trifft.
In der viel zu weiten Wehrmachtskluft fühlte sich Gustav gleich noch viel verlorener. Zum Glück gab es nirgendwo in der Kaserne einen Spiegel, der ihm die äußerliche Schmach vor Augen geführt hätte. Ach was, immerhin kommt es ja auf die inneren Werte an, Siegeswille, Kampfkraft, Entschlossenheit und Treue zu Volk und Führer. Doch so oft Gustav diese Formel auch vor sich hinbetete, das Heimweh, das ihn schon nach wenigen Stunden befallen hatte, wollte nicht weichen.
Die Grundausbildung war kurz und hart, aber oberflächlich. Alles Wesentliche hatten die Jungs ja schon auf dem Schulhof oder an den Wochenenden in der Sächsischen Schweiz gelernt. Es ging noch einmal darum, sich im Zug aufeinander einzuspielen, sich zu hundert Prozent aufeinander zu verlassen. Gustav mochte seine Ausbilder nicht und bis auf einen seiner ehemaligen Klassenkameraden, Hartmut, konnte er auch seine Zimmergenossen nicht sonderlich leiden. Es war saukalt und die Aussicht, an die noch viel kältere Ostfront zu müssen, bereitete niemandem Vergnügen. Andererseits konnte es keiner abwarten, es dem Russki mal so richtig zu zeigen. Nach zwei Wochen Ausbildung sollte es ins Feld gehen.
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