Kitabı oku: «Durchgeknallt»
Wolfgang Breuer
Durchgeknallt
Ein Wittgenstein-Krimi

Wolfgang Breuer
Durchgeknallt
Wittgenstein-Krimi
Cover: Flugplatz Schameder, Foto Wolfgang Breuer
Autorenfoto: Fotoatelier Christiane
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© Herbst 2016
Impressum
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eISBN 978-3-96136-002-4
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Dieses Buch ist ein Roman. Handlung und Personen, wie Täter und Opfer, sind frei erfunden. Allerdings spielen darin auch real existierende Personen im sehr realen Wittgensteiner Land eine gewichtige Rolle. Diesen Menschen schulde ich für ihr freundschaftliches Einverständnis dazu meinen aufrichtigen Dank. Sie machen die Geschichte ein ganzes Stück weit authentischer. Bezüge zu und Anspielungen auf Ereignisse des aktuellen Zeitgeschehens sind ebenso gewollt wie notwendig.
Wolfgang Breuer
Inhalt
Mittwoch, 16. September
Eins war klar. Der Hüne, der da oben an der Straßenböschung stand, wollte Klaus jetzt endgültig ans Leder.Richtig massiv ans Leder. Und kein Schwein weit und breit, das ihm hätte helfen können.
Dem Kripo-Mann wurde gleichzeitig heiß und kalt. Schweiß rann ihm von der Stirn, tropfte auf den trockenen Boden unter ihm, in den er sich förmlich hinein krallte. Und den Rückenstrang herunter schauderte es ihn. Klaus Klaiser ging der Stift eins zu zweihunderttausend.
Aber der Typ konnte ihn wohl nicht sehen, so von oben herunter. Obwohl er keine drei Meter oberhalb von ihm stand. Die Büsche waren einfach zu dicht. Zum Glück war das linke Auge dieses Irren so zugeschwollen, dass er für die nächsten Tage wohl mehr wie ein Zyklop durch die Landschaft tapern würde. Glück für den Gesetzeshüter. Im Moment jedenfalls.
Was für ein Ekel, dieser Typ. Seine lädierte Visage glänzte in der Abendsonne. Seine überdimensionierten Bizepse mit den geschmacklosesten Tattoos, die man jemals gesehen hatte, glitzerten schweißnass. Und seine abgerissenen Klamotten klebten dort, wo sie keine Löcher hatten, an seinem gigantischen Körper. Ein dreckiger Widerling in Schwarzenegger-Ausgabe. Mit einer neun Millimeter SIG Sauer in der Rechten.
Nicht einmal eine halbe Stunde trennte Klaus von seinem vermeintlichen Triumph über den Muskelprotz und diesem Moment, in dem er sein Ende kommen sah.
Mit einem Wahnsinnstempo war dieses Arschloch durch Berghausen gerast, hatte zwei Autos beim Überholen demoliert und fast einen alten Mann mit Fahrrad über den Haufen gefahren. Der Senior hatte gerade bei Laie über die Straße in Richtung Lehmbach gewollt. Gott, war das knapp! Zum Glück verfehlte der Irre mit seinem rasenden Boliden den Mann um wenige Zentimeter und schoss nun durch Rehans´ Kurve. Dann allerdings musste er richtig Gummi auf der Straße lassen. Richtig viel Gummi.
Denn er war nicht nur viel zu schnell. Nur etwa achtzig Meter weiter, in der nächsten Linkskurve, rangierte nämlich ein Lkw mit überlangem Spezialanhänger. Um einen Riesenkran ins Neubaugebiet auf den Brunkel hinauf zu bugsieren. Die Straße war dicht. Vollbremsung!
Fahlgelbe Schwaden schossen unter den Kotflügeln des metallicblauen Porsche Panamera heraus. Und jeder gebremste Meter wurde dokumentiert durch dicke schwarze Streifen auf der Fahrbahn. Vier 265er Schlappen verloren deutlich sichtbar an Profil.
Nur ganz knapp vor dem Gespann kam er quer zum Stillstand. Mitten auf der Fahrbahn. Hauptkommissar Klaiser sah den Wahnsinnigen fluchen und toben, als er sich der Szenerie langsam mit seinem Audi näherte. Der Typ war ausgestiegen und hatte wild mit seinen Fäusten gestikulierend dem Lkw-Fahrer Schläge angedroht, wenn er die Straße nicht endlich frei mache. Klaus, der von hinten mit seinem Audi A5 heran gekommen war, interessierte ihn offenbar nicht die Bohne. Obwohl der Kripo-Mann schon seit Dotzlar immer wieder in seinem Rückspiegel aufgetaucht war. Zum Schluss sogar mit Blaulicht. Womöglich hatte er ihn in seiner Raserei überhaupt nicht registriert.
Klaiser hatte gerade seinen Dienstwagen aus der Inspektion geholt und noch schnell einen neuen Wagen vor dem Autohaus Paul angeschaut, als der Porsche mit Hochgeschwindigkeit die Straße von Sassenhausen herunter kam. Dieses unverwechselbare raue Motorengeräusch, das beim Runterschalten an ein hochgezüchtetes Kreischen erinnert, ließ ihn neugierig herumfahren. Klaus konnte gerade noch sehen, wie der Panamera ungebremst und ohne Rücksicht auf zwei Motorroller in Richtung Raumland einbog und davon raste. Vollgas, mit röhrendem Auspuff. In kürzester Zeit hatte der Wagen schon wieder mehr als hundert Klamotten erreicht. Mitten im Ort.
Die Jungs auf ihren Rollern hatten eine sehenswerte Vollbremsung hingelegt. Und das war gut so. Was hilft einem schon das Wissen um die eigene Vorfahrt, wenn man ohne Knautschzone und Airbag unterwegs ist.
Klaiser war zwar schon um halb vier am Morgen wegen eines Raubüberfalls auf einen Rotlicht-Kneipier aus dem Bett geschmissen worden. Und sein Dienst war längst rum. ‚Doch diesen Typen hier‘, dachte er sich, ‚den schaust du dir trotzdem mal genauer an. Falls du an den ran kommst.’ Auf der kurvigen Strecke am Steinbruch vorbei würde der jetzt nicht so los brettern und ohne weiteres überholen können. Da war zu dieser Zeit noch zu viel LKW-Verkehr. Die Chancen standen daher nicht gerade schlecht.
Und es klappte auch. Kurze Zeit später hing der Zivilstreifenwagen hinter dem Porsche. Davor zwei schwer mit Schotter beladene Sattelzüge. Und ständig Gegenverkehr.
Es war zwölf nach vier Uhr nachmittags. Die Büros und Kliniken im benachbarten Bad Berleburg und die Firmen in den umliegenden Orten spuckten ihre Belegschaft in Richtung Feierabend aus.
Obwohl Klaiser mit Hochgeschwindigkeit aufgeschlossen und sogar in seinem Sichtfeld ein recht haariges Überholmanöver riskiert hatte, war er dem Porsche-Fahrer wohl nicht aufgefallen. Immer wieder zog der Raser seinen Wagen leicht nach links, um dann wegen des Gegenverkehrs blitzschnell wieder einzuscheren. Nix war’s mit Überholen. Zumindest nicht bis kurz vor der Raumländer Kirche.
Dort hatte der Irre endlich eine Lücke auf der Gegenspur entdeckt. Und schon jagte er den sündhaft teuren Wagen auf Hochtouren an den Lastern vorbei. Um ein Haar wäre er in eine bepflanzte Verkehrsinsel gekracht, die er links umschiffte. Und wenige Meter weiter riss eine Mutter ihr Kind mitsamt Dreirad instinktiv in einen Vorgarten.
Der Bolide schoss vorbei und lag nun wie ein Brett in der folgenden scharfen Linkskurve auf der Straße. Diese Kurve um den Bergrücken herum muss es schon gegeben haben, als der Heilige Bonifatius hier die erste Kirche baute. Doch der Gottesmann fuhr damals allenfalls Ochsenkarren. Der Sportflitzer war da bedeutend flotter.
So schnell, wie er ihn eingeholt hatte, so schnell hatte Klaiser den Panamera wieder aus den Augen verloren. ‚Das war´s‘, dachte er. ‚Ende seines außerdienstlichen Einsatzes‘, der ihm wahrscheinlich ohnehin nicht auf dem Überstundenkonto gutgeschrieben worden wäre.
Bis zur „Klinker-Kreuzung“ gab es keine Chance mehr für ihn, an den Vierzigtonnern vorbeizukommen. Dröhnend bogen die PS-Monster mit ihrer Schotterladung dort links ab auf die B480, Richtung Hemschlar. Das schwäbische Galaprodukt in blau war da schon längst über alle Berge.
Klaiser beschloss, für heute die Schnauze voll zu haben. Er wollte heim. Duschen, mit Ute zu Abend essen und dann mit Heiner Fußball gucken. Champions League.
Die Geschichte mit dem überfallenen Puffbesitzer hatte ohnehin genug Zeit gekostet. Und Nerven. Dieser Einfaltspinsel war mit den gesamten Einnahmen der Nacht in einem Plastikbeutel quer durch die Stadt gelatscht und hatte angeblich nicht gemerkt, dass er seit Verlassen seines Etablissements von einem Kerl verfolgt worden war. Der hatte in dem Bordell sein ganzes Geld vervögelt und in Champagner für Nutten angelegt.
Kurz vor dem Nachtschalter der Sparkasse hatte der mittlerweile klamme Freier dem Rotlichtkönig dann ein mächtiges Hörnchen geklopft und ihm die Kohle trotz heftigster Gegenwehr aus den Händen gerissen. Danach war er stiften gegangen. Mehrere Tausend Euro reicher und mit zunächst unbekanntem Ziel.
Nicht aber mit unbekanntem Gesicht. Denn eine Überwachungskamera hatte das Schauspiel der gewaltsamen Geldübernahme aus dem Bankinneren heraus auf Chip festgehalten. So hatte der Hüter der leichten Damen leichtes Spiel bei der Identifizierung. Trotz einer veritablen Beule, die im Kopf ein gewaltiges Dröhnen verursachte und mit Eisbeutel gekühlt werden musste, hatte er am nächsten Morgen den Mann auf dem Überwachungsvideo sofort wieder erkannt. Als einen überaus großzügigen Kunden, den er wegen seines honorigen Verhaltens über den grünen Klee lobte. Bis ihm klar wurde, dass der ja der Grund allen Übels war.
War es der viele Alkohol, der ihn so verwirrt machte? Oder hatte er am Ende doch eine Gehirnerschütterung davon getragen? ‚Kaum vorstellbar‘, dachte Klaus. „Wo nichts ist, da kann man nichts erschüttern“, hatte sein Vater schon immer gesagt.
Sei´s drum. In den Minuten nach dem etwas sehr anstrengenden und zeitraubenden Gespräch mit dem „Sondergastronomen“ ging es Schlag auf Schlag. Der Abgleich der fast Passbild-tauglichen Aufnahmen des Räubers mit Fotos in der elektronischen Gangsterkartei führte verblüffend schnell zu einem Ergebnis. Der Typ, ein Mann aus Siegen-Weidenau, war schon mehrfach wegen Eigentumsdelikten und Überfällen in Erscheinung getreten. Nur Minuten später starteten unauffällige Kollegen vom Weidenauer Revier aus in einem ebenso unauffälligen Fahrzeug, um vor dem Elternhaus des Übeltäters auf dessen Wiederkehr zu warten.
Dass er auftauchen würde, daran hatten die Siegener Kollegen keinen Zweifel. Denn bei aller kriminellen Energie mit Hang zur käuflichen Liebe zeichnete den 38-jährigen Gelegenheitsjobber eines besonders aus: seine hohe soziale Kompetenz nämlich. Er versorgte seit Jahren eine einseitig gelähmte und bettlägerige Frau, die eine kleine Mietwohnung im Hause seiner längst verstorbenen Eltern bewohnte.
Nicht, dass er irgendwelche womöglich schrägen sexuellen Ambitionen gehabt hätte. Nein. Es gefiel ihm einfach, für die Endfünfzigerin einzukaufen und sie mit all dem zu versorgen, was die Leute vom sozialen Dienst nicht leisten konnten. Irgendwie war sie wohl so etwas wie ein Mutterersatz für Hendrik Schlemper, den Ganoven mit karitativen Zügen.
Oft unterhielt er sich stundenlang mit seiner Mieterin. Und sie plauderten über Gott und die Welt. Wenn er nicht gerade mal wieder für ein paar Monate in den Knast eingefahren war. Solange mussten andere die Einkäufe übernehmen.
‚Und so einer fährt bis nach Berleburg, poppt sich die Seele aus dem Leib, säuft literweise Dom Perignon und schmeißt mit Geld nur so um sich. Um dann zu erkennen, dass er total pleite ist und daher beschließt, sich die Kohle auf spektakuläre Art und Weise wieder zurück zu holen.’ Klaus schüttelte jetzt noch den Kopf während der Fahrt. ‚Wirklich eine schräge Nummer. Aber in Nullkommanix aufgeklärt. Vielleicht geht er den Kollegen ja bald ins Netz.’
Den Porsche und seinen bekloppten Fahrer würde Klaiser wohl nicht mehr zu Gesicht bekommen. Aber immerhin hatte er ja seine Nummer. OE-JJ 276. Gleich morgen würde der Kripobeamte das Zentralregister und POLAS abfragen. Ob mit dem Wagen alles in Ordnung ist, wem er gehört und ob der Besitzer schon mal irgendwo aufgefallen ist. Falls denn der Pilot dieses Geschosses auf vier Rädern auch dessen Besitzer war.
Wer immer heute hinter dem Steuer saß, seine rücksichtslose Fahrweise war nicht mehr zu toppen. Aber leider war die Größe des Fahrers das einzige, was in Bruchteilen von Sekunden in seinem „optischen Gedächtnis“ hängen geblieben war. Ein richtig kompakter Mann, eigentlich zu massig für einen solch schlanken Wagen. Mehr ging in der Kürze des Vorbeirasens in Dotzlar nicht. Das glich einem Versuch, in einen vorbeidonnernden Zug zu schauen. ‚Solch einem Idioten müsste man einfach den Lappen wegnehmen dürfen‘, dachte der Polizist. Fertig aus!
Als Klaus durch Raumland Bahnhof in Richtung Berghausen fuhr und der altehrwürdige Gasthof Kunze in Sicht kam, musste er unwillkürlich an seinen Kumpel Heiner denken. Der sprudelte förmlich über, wenn er von seinen Erlebnissen in dem ehemaligen Vereinslokal der Sportfreunde Edertal erzählte. Was müssen die hier für tolle Siege mit Unmengen Pils begossen und was für bittere Niederlagen mit eben solchen Mengen hinuntergespült haben. Heiner hatte gar nicht aufgehört zu schwärmen, von diesen „glorreichen Zeiten der Edertaler“.
Sekundenbruchteile später wurde der Beamte aus seiner Feierabendstimmung herausgerissen. Denn von rechts, vom Stöppel, kam der Porsche in die Einmündung herunter gedonnert, schnitt seinen Weg und veranlasste ihn zu einem abartigen Bremsmanöver. Während Klaus´ rechter Fuß samt Bremspedal das Bodenblech zu durchdringen drohte, er nach links auswich und nur noch auf Krachen, Splittern und Blackout wartete, röhrten die vermutlich mehr als 400 PS dieses Zuffenhausener Wunderwerkes einmal heftig auf. Und schon lag der Irre wieder über der Tempobegrenzung.
Jetzt kam in Klaiser endgültig der Bulle durch. ‚So nicht, Kumpel‘, jagte es ihm durch den Kopf. Aus der Schockstarre schaltete er in den Jagdmodus um. Doch Vorsicht war geboten. Eine Verfolgungsjagd durch geschlossene Ortschaften – das geht gar nicht. Und bis Berghausen waren es keine 500 Meter um die nächste Kurve herum.
Sein Dienst-Audi machte einen Satz nach vorn, als er das Gaspedal durchdrückte, während er die Kojak-Lampe aufs Dach knallte. Der Saugnapf hielt auf Anhieb.
Eine Blaulicht-Verfolgung war zwar eher selten hier in Wittgenstein. Das erinnert mehr an Chicago-Zustände. Aber dem Polizisten war es wichtig, die Menschen auf und an der Straße zu warnen. Auch wenn er deutlich hinter der eigentlichen Gefahr herraste. Vielleicht machten Entgegenkommende ja schon vorsorglich und auf Distanz Platz. Und damit diesem wahnsinnigen Porschekutscher die Fahrbahn frei.
Aber das reichte nicht. Auch wenn Klaiser erkennen konnte, dass auf der schnurgeraden Straße zur Ortsmitte hinauf nicht so viel Verkehr war. Schnell informierte er per Funk die Wache in Bad Berleburg über seinen Einsatz. Der PvD, der Polizeiführer vom Dienst, versprach, sofort eine Streife loszuschicken.
Höhe Friedhof jagte der Durchgeknallte gerade wieder an zwei Vorausfahrenden vorbei, hatte aber den Gegenverkehr unterschätzt. Er musste nach rechts ausweichen. Doch auf dieser einen Fahrspur konnte so eine „Dreiernummer“ nicht gut gehen.
Es knatschte und knallte zweimal recht fies, Reifen quietschten. Und dann rollten ein ziemlich angekratzter Mondeo und ein verbeulter Passat rechts ran. Die Fahrer waren außer sich, als Klaiser wenige Sekunden später vorbei kam. Sie waren unverletzt, stellte er erleichtert fest. Auch das gab er noch per Funk durch. Aber sie mussten jetzt auf die Kollegen warten. Denn die Verfolgung wollte er unbedingt fortsetzen. Unter seinen Rädern krachte es. Ein abgerissener Außenspiegel zerlegte sich in Fetzen.
Dass den alten Mann mit dem Fahrrad ein paar hundert Meter weiter dieses Schicksal nicht ereilte, dafür sei der Herr im Himmel gepriesen. Klaiser hatte ihn samt seinem Untersatz im Geiste bereits fliegen sehen. Aber der Rentner stand nur wie angefroren da und stierte in die Richtung, in die der Rasende verschwunden war. Sekunden später hörte er die kreischenden Reifen hinter der Rechtskurve. Vielleicht hatte der Senior dabei ja auf ein dumpfes Aufschlaggeräusch gehofft. Doch das war vergeblich.
Der Porschefahrer ignorierte Klaiser nach wie vor. Obwohl der nun ganz dicht an den Ort des Geschehens herangerollt war und den Wagen rechts abgestellt hatte. Aber der Hüne raste vor Wut und hatte genug damit zu tun, den Lkw-Fahrer zur Sau zu machen. Weil der, von Aue her kommend, sein Gespann nicht um die enge Biegung herum bekam. Mehrere geparkte Pkw am Wegesrand machten dieses Ansinnen noch spannender. Jetzt hätte sich ein Beifahrer einen Orden als Einweiser verdienen können. Hatte der Kranwagen-Chauffeur aber nicht.
So bekam Berghausens Hauptverkehrsader einen Verschluss. Eine Thrombose, um im Bild zu bleiben. Samt Zufahrt zu allen Nebenstraßen.
Für den Moment eigentlich nichts Aufregendes. Die wenigen aufgehaltenen Autofahrer aus vier Richtungen übten sich in erstaunlicher Geduld. Sie sahen ja, dass es nicht weiter ging und der Schwerlastkutscher sein Bestes versuchte.
Nur der Porschefahrer, für den es offenbar kein Zurück in die entgegengesetzte Richtung gab, tobte wie ein Irrer und versuchte nun, den Trucker von seinem Sitz zu holen. Doch der hatte sich die Schimpfkanonaden nicht länger gefallen lassen, dem Aggressor schlicht den Stinkefinger gezeigt und die Fahrertür verrammelt. ‚Macht man nicht‘, dachte Klaiser. Trotzdem: der Mann auf dem hohen Lkw-Thron hatte seine volle Sympathie.
Allerdings wurde es für den Mutigen hinter der Tür jetzt brenzlig, denn sein Widersacher vom Typ „handliches Schrankformat“ war um den Brummi herum gerannt und im Begriff, die Beifahrertür aufzureißen. Die drei stählernen Stufen hatte er bereits erklommen. Der Polizist musste also eingreifen.
Und das tat Klaiser auch. Er ging ein paar Schritte vor und riss den Fleischberg an seinem gürtelverstärkten Hosenbund mit einem Ruck einfach vom Bock. Einfach so. Klaus war perplex, wie leicht das ging. Dieser aggressive Sack allerdings auch. Denn der hatte nicht mit einer Attacke von hinten gerechnet. Frei schwebend drehte er sich halb um die eigene Achse, nachdem ihm der Türgriff entglitten war, stierte Klaiser im Vorbeifliegen verwundert an und knallte der Länge nach auf die Straße. Freier Fall aus gut einem Meter fünfzig Höhe, plus Körpergröße, auf Asphalt. Das klatscht richtig. Vor allem, wenn sich die Hände, nach Halt suchend, irgendwo, aber nicht vor dem Gesicht befinden.
Für Sekunden war es still. Sogar der Motor des Lkw brummelte nur im Standgas. Und der schreckensbleiche Fahrer gönnte sich einen Moment hingebungsvollen Gaffens auf den Gestrauchelten. Ein dankbares Lächeln huschte über sein Gesicht, als er den Gesetzeshüter ansah. Dann verschwand er wie in Zeitlupe im Inneren des Führerhauses. Vermutlich musste er jetzt erst einmal ordentlich lüften in der Kabine.
Klaiser stand breitbeinig über dem reglosen Sturzopfer am Boden. Wie ein Jäger über seiner Beute. Nur weniger zufrieden. Denn so konnte er den Mann schließlich nicht liegen lassen. Idiot hin oder her. Er musste was tun. Erste Hilfe leisten womöglich. Doch der Beamte war alleine mit diesem gewaltbereiten Koloss. Ihm war extrem unwohl zumute.
Berechtigterweise, wie sich herausstellen sollte. Denn als er ihn zaghaft an der rechten Schulter anfasste, um ihn umdrehen und nach ihm schauen zu können, stieß der Porsche-Rüpel einen tierischen Schrei aus. „Uuuuuuuuaaaaaaaaaah, Scheiffe, verfluchte. Jetf iff allef im Eimer“, brüllte der Fleischberg mit total lädierter Oberlippe und drehte sich auf die Seite.
Blut quoll aus einer Platzwunde an der Stirn und aus Mund und Nase. Letztere hatte eine seltsame Kartoffelform. „Fo ein Mift, fo ein verdammter!“ Er kriegte sich gar nicht mehr ein. „Wer bift Du eigentlich, Du dämlicher Narr!“, schrie er Klaiser an. „Gnade Dir, wenn ich Dich fu packen kriege! Ich bring´ Dich um, du Wickfer!“
„Interessant“, versuchte der Angebrüllte cool zu bleiben. „Ich bin Hauptkommissar Klaus Klaiser, Kripo Bad Berleburg. Und du regst dich jetzt am besten erstmal ab.“
Seinem Gegenüber blieb vor Schreck das blutende Maul offen stehen, als Klaus ihm seinen Dienstausweis vor die verbogene Nase hielt.
Wie von der Tarantel gestochen war der Typ urplötzlich auf den Beinen und wollte weg. Doch der Bulle erwischte ihn an einem Handgelenk, riss ihn am Arm herum und hatte dessen Pranke blitzschnell so weit auf den Rücken gedreht, dass der Muskelprotz leise aufjaulte und auf die Knie ging. Gut, dass der Polizist in Zivil die Handschellen noch am Hosenbund hatte.
Der Rest war Routine. Die Hamburger Acht klickte zweimal und Klaiser entspannte innerlich ein wenig. Mit festgezurrten Händen auf dem Rücken schien ihm der Riese jetzt weit weniger gefährlich. Auch wenn der immer wieder brüllte wie ein Ochse und ihn auf´s Übelste beschimpfte.
Als der heftig Verbeulte allerdings versuchte, nach Klaus zu treten, knickte sein linkes Standbein ein. Begleitet von einem noch lauteren Aufheulen. Offenbar war der Sturz auch für die unteren Regionen seines massigen Körpers nicht ohne Folgen geblieben.
Irgendwie war es dem Trucker zwischenzeitlich gelungen, sein sperriges Gefährt um die Kurve zu bringen und endlich weiter zu fahren. Röhrend zog der Brummi den Tieflader samt Kran den Berg hinauf. Klaisers Armbanduhr zeigte drei Minuten nach halb fünf.
‚Alles super’, dachte Klaus. ‚Den Typen können die Kollegen ja gleich mit nach Berleburg nehmen.’ Und er hätte endlich Feierabend. Es gab nur noch ein Problem. Der Verkehr wollte nicht so recht anrollen. Es setzte jetzt eher ein Hupkonzert ein.
Und das war kein Wunder. Denn der Porsche stand ja noch immer quer zur Fahrbahn in der Kurve. Da traute sich kaum jemand mit seinem Wagen vorbei. Hätte ja noch zusätzliche Macken geben können, an dem edlen Gefährt. Obwohl es rechts schon ziemlich lädiert war. Aber da wollte keiner noch zusätzliche Schuld auf sich laden. Und natürlich auch den eigenen Wagen heile lassen.
„Meine Karre muff da weg, Du Arsch!“, brüllte der Bodybuilder. „Mach‘ mich lof!“
Demonstrativ dreht er dem Polizisten den schrankbreiten Rücken mit seinen zusammengeschnallten Pfoten zu.
„Leck mich doch“, entgegnete Klaiser. Nicht für Geld und gute Worte hätte er den Typen zu seinem Wagen zurück gelassen. Auch wenn der sich jetzt gebärdete wie Rumpelstilzchen. Vorher wollte der Hauptkommissar wissen, was der Kerl so alles auf dem Kerbholz hat. Außerdem war der Porschekutscher schon allein wegen seiner Raserei, der Kollision mit den beiden Wagen im Dorf und der Bedrohung des Truckers fällig. Den würde er nicht mehr laufen lassen.
Aber es wäre jetzt wirklich an der Zeit, den Porsche von der Piste und die bluttriefenden Wunden in der Visage dieses Zweieinhalbzentnermannes versorgt zu bekommen. Und die Gaffer weg zu schicken. Denn mittlerweile hatte sich eine ansehnliche Menge Mensch im Kreis um das Geschehen aufgebaut. Natürlich in respektvollem Abstand. Wann kriegst du so was schon mal geboten auf dem Dorf?
Klaiser war ganz und gar nicht nach Publikum zumute. Er wollte die Sache hier so schnell wie möglich beenden und hoffte inständig auf die versprochenen Streifenkollegen. Mit der Linken zerrte er den Demolierten an der Handschellenkette neben sich her, während er mit der Rechten sein Handy in Gang setzte. Mal nachfragen, wo die Kollegen bleiben.
Doch da stoppte dicht neben ihm ein blau-silberner VW-Bus mit der tollsten Werbeaufschrift, die er sich im Moment nur denken konnte: POLIZEI. Der war wohl über eine der Nebenstraßen gekommen, die jetzt wieder frei waren. Heraus sprangen zwei junge Kollegen, die Klaiser nur vom Sehen kannte. Beamte, die als Verstärkung bei der Sicherung des Flüchtlingserstaufnahmelagers von Köln nach Bad Berleburg abgeordnet worden waren.
Die Jungs hatten Figürchen wie Zehnkämpfer. Breite Schultern, schlanke Hüften und ein massives Fahrgestell. In ihren Einsatzkombis und mit Springerstiefeln machten sie echt was her. Selbst der Gefesselte schien ein wenig ins Grübeln zu geraten, als er sie sah. Richtig topfitte Jungbullen.
In kurzen Zügen erklärte Klaiser ihnen, dass es sich bei dem Mann um einen Verkehrsrowdy und üblen Schläger mit reichlichen Drohgebärden handele. Dann überließ er den Kraftprotz ihrer Obhut, um endlich die Straße frei zu machen. Das Hupkonzert hatte ein wenig nachgelassen. Den Autofahrern war das Auftauchen der Uniformierten wohl zu mulmig. Außerdem war klar, dass sich bald an der Situation etwas ändern würde.
Der Porsche-Schlüssel lag zum Glück auf der Mittelkonsole, als Klaus sich in den Sportsitz gleiten ließ. ‚Was für ein Auto. Und dazu noch ziemlich neu‘, dachte er, als er startete. Mit unbändiger Kraft zog der Bolide schon im Standgas an wie ein wilder Hengst. Aber der Beamte machte mit dem Traumfahrzeug lediglich eine Kehrtwende und stellte es neben seinem Quattro auf dem Hof vor dem ehemaligen Union-Stübchen ab. Eine legendäre Kneipe. Sein Nachbar hatte dort der Erzählung nach so manche Nacht Doppelkopf gespielt und geknobelt. Und dabei reichlich dem Dortmunder Bier zugesprochen. „Lang ist´s her“, hatte Werner sinniert. Der Zapfhahn war schon seit Jahrzehnten nach oben gedreht.
Klaus machte sich auf die Suche nach Personal- und Fahrzeugpapieren im Wagen. Das jedoch verlief mehr als enttäuschend. Der Panamera war innen so gut wie leer. Seltsam. Lediglich eine Sportjacke ohne Taschen auf dem schmalen Rücksitz. Und die Betriebsanleitung vom Hersteller im Handschuhfach. Die Tankanzeige stand auf etwas über „halbvoll“ und der Tacho auf 12.371 Kilometer. Das Navi war eingeschaltet.
Immerhin war die Straße jetzt wieder frei. Der Stau löste sich langsam auf. Aber als er ausstieg, waren er und das Auto umringt von Schaulustigen, die jede Menge anerkennende Schulterklopfer für den Mutigen übrig hatten. „Das war ja der Hammer, wie Sie den zusammen gefaltet haben“, meinte ein Junge, vielleicht gerade mal 15 Jahre alt.
‚Wenn die wüssten, wie mir zumute war‘, dachte er nur, als er zum Ort des Geschehens zurückging. Aber die Anerkennung tat ihm gut. Klaiser grinste zufrieden in sich hinein.
„Samma, dämm hässe awwa ordentlisch die Fresse poliert. Wie jing dat dann?“, wollte der Größere von den beiden Kollegen in breitestem Kölsch wissen. Während der andere gerade dabei war, per Funk einen Rettungssanitäter heranzuholen. Den mittlerweile verstummten, aber immer noch blutenden Gestrauchelten hatten sie derweil im Inneren des VW-Busses an einem Haltegriff angekettet.
Klaus´ Erklärung zu den wirklichen Umständen wollte der Kölner gar nicht so richtig glauben und grinste breit „Dä häddet sischer verdient“, meinte er nur. „Oder jloubst du, dat dämm Kaventsmann dat jeile Auto jehört? Dat iss doch vill zo kleijn füa dänn. Un zo düa. Dat hät dä doch jarantiert irjendwo jeklout.“
Kurz darauf klemmte er sich an den Funk und fragte die Autonummer in der Zentrale ab.
„Die hann im Moment zo vell zo donn“, kam er kurz darauf wieder zurück. „Do is irjendwo ’n Riesensouereij im Jang. Da is de Kacke rischdisch am Dampfen.“
„Kann ja wohl nicht an uns liegen“, lachte Klaus und freute sich auf seine Frau und ein ordentliches Abendessen. So langsam hing ihm nämlich der Magen zwischen den Knien. Und Ute, Physiotherapeutin in einer der Berleburger Kliniken, dürfte längst zu Hause sein und schon mal alles vorbereitet haben. Am Mittag hatten sie noch telefoniert und sich für fünf Uhr verabredet. Das würde zwar knapp, aber käme immer noch hin. Bis nach Hause bräuchte er von hier aus im Wagen gerade mal zwei, drei Minuten.
Die beiden hatten sich nach Klaisers Versetzung zur Polizei in Berleburg ein schmuckes Häuschen hier im Ort gemietet. 130 Quadratmeter, so gut wie neu, direkt am Ortsrand. Nicht weit weg von der Straße zur Krimmelsdell. Ein herrliches Eckchen mit hoher Feierqualität. Das war wichtig in Berghausen.
Ute war schon zwei Jahre vor ihm in die Kurstadt gekommen, in deren Namen die Einheimischen das „Bad“ gerne wegließen. Aus purer Gewohnheit. Berleburg war zwar schon eine halbe Ewigkeit für Kneippkuren bekannt. Den Titel „Bad“ hatte die Kleinstadt aber erst 1971 bekommen.
Doch das Kuren nach Pfarrer Kneipp hatte die Zeit nicht überdauert. Die meisten Kliniken hatten sich mittlerweile auf Rehabilitationstherapien spezialisiert. Auf die Heilung von Schlaganfallpatienten oder solchen mit schweren Traumata oder massiven Hörschäden, zum Beispiel. Blitzgüsse und Heusäcke hatten Therapien in Neurologie, Psychologie oder Psychosomatik Platz gemacht.
Und genau dort hatte die damals frisch gebackene Physiotherapeutin und Schwimm- und Bademeisterin Ute angeheuert. In einer gerade umfunktionierten Doppelklinik.
Zum Leidwesen von Klaus, damals noch Polizeikommissar bei der Münsteraner Schutzpolizei.
Zwei Jahre lang war der aufstrebende Schutzmann an freien Wochenenden ins Wittgensteiner Land gefahren, um seine bildhübsche Freundin zu besuchen. Die musste in der Klinik häufiger auch an Samstagen Dienst schieben. Da war sein Besuch hier schon praktischer.
Und zwischendrin feilte er an seiner Karriere, wechselte nach Lehrgängen zur Kripo und wurde befördert.
2013 schließlich hatte er die Chance, als Hauptkommissar bei der Kripo in Berleburg einzusteigen. Das passte prima zu den Heiratsplänen des Paares, das sich hier auf dem Land mit seinen etwas knorrigen, aber unheimlich herzlichen Menschen sauwohl fühlte. Er griff zu.
Den Klaisers gefiel Bad Berleburg und seine Umgebung. 23 Ortsteile mit insgesamt nur knapp 20.000 Einwohnern. Das war so richtig nach dem Geschmack der beiden, die bei Telgte im Münsterland groß geworden waren. „Unheimlich viel schöne Gegend hier“, hatte Ute mal gesagt.
Beide liebten das Leben auf dem Land, waren begeisterte Wanderer und Skifahrer und vor allem keine Schönwetter-Anbeter. Das war wichtig in einem Landstrich mit gefühlten 250 Regen- und Schneetagen pro Jahr.
Heute war es übrigens trocken und warm. Ein Septembertag, wie man ihn gerne hatte. Und es versprach ein schöner Abend zu werden, als der Rettungswagen heranrollte. Endlich. Ein Rettungsassistent und eine Notärztin kletterten aus dem Fahrzeug. Der Fahrer wendete und stellte den Wagen neben dem Polizei-Bulli ab. Zwischenzeitlich hatten sich auch die Gaffer am Straßenrand verkrümelt.
Klaus Klaiser und der Kleinere von den beiden Kölner Kollegen kümmerten sich um den Chaoten. Losschließen vom Haltegriff und Hände auf den Rücken. Damit er keine Dummheiten macht.
Nebenbei erklärte der Hauptkommissar den Rettern in kurzen Zügen, was passiert war und wie es zu den Verletzungen des Gefesselten gekommen war. Dann ging es an dessen grobe Untersuchung.
„Das an der Stirn werden wir klammern müssen. Und das hier an der Lippe auch“, erklärte die Ärztin, als sie sich das Gesicht näher angeschaut hatte. „Haben Sie schlimme Schmerzen?“
Der Fleischkloß schwieg.
„Wir nehmen ihn am besten gleich mit ins Krankenhaus nach Bad Berleburg. Da kann er sofort in der chirurgischen Ambulanz behandelt werden“, beschied die junge Medizinerin. Ohne eine Reaktion der Polizisten abzuwarten bat sie darum: „Am besten machen Sie ihm die Handschellen ab. Damit er auf dem Rücken liegend transportiert werden kann. Der Mann hat bei dem Sturz auf die Fahrbahn mit ziemlicher Sicherheit eine Gehirnerschütterung abbekommen. Einer von Ihnen kann uns ja im Rettungswagen begleiten.“
Nebenan im VW-Bus knarzte der Funk. Der große Kölner wurde gerufen und gebeten, sich per Handy zu melden. Was dieser auch sofort tat. Dann wurde er still. Sekunden hörte er gebannt zu, um dann die Augen weit aufzureißen. „Ach du dicke Scheijße!“, rief er, „dat hat uns jerade noch jefehlt. … Juut … Okay, isch meld‘ misch jleisch wieder.“
Fast auf Zehenspitzen pirschte er zum Rettungswagen, wo sie gerade den Porschefahrer auf die Trage legen wollten. Der stand mit dem Rücken zur Tür am Heck. Hinter ihm aber der kleinere Polizist, der mit dem Schlüssel an den Handschellen herumfingerte. Und dahinter der Rettungssanitäter. An der offenen Seitentür innen die Notärztin, außen der Hauptkommissar.
„Hörens“, flüsterte der Kölner Klaus Klaiser ins Ohr, „dä Typ da is‘ extrem jefährlisch. Dä hät nit nua dat Auto jeklout. Dä hät wahrscheijnlisch och dänn Besitzer entführt. Enne Industrielle ous‘em Souerland. Loss dä Kääl bloß anjekettet.“
Aber dazu war es schon zu spät. Mit einem wuchtigen Stoß seines inzwischen nicht mehr gefesselten rechten Arms katapultierte der Bodybuilder die Notärztin aus dem Wagen – direkt in Klaisers Arme und in die des daneben stehenden Kollegen. Die beiden konnten sich kaum auf den Beinen halten. Dann schoss der Koloss förmlich herum, packte den geschockten Polizisten hinter ihm am offenen Kragen der Einsatzkombi und knallte ihn gegen die Brust des Rettungssanitäters, der jetzt das Gleichgewicht verlor und rückwärts aus dem Wagen stürzte.
Sekundenbruchteile später hatte der Gangster die Dienstwaffe des Beamten in der Hand, die dieser offen an der Hüfte getragen hatte. Rausgerissen aus dem Holster.
„Weg hier, fonft mach‘ ich euch alle platt“, nuschelte er und verspritzte dabei eine Menge Blut aus seiner gespalteten Lippe.
Noch ehe Klaiser zur Waffe unter dem Sakko greifen konnte, war er ihnen aus dem Krankenwagen entgegen gesprungen. Doch dabei hatte er sein lädiertes linkes Bein vergessen und beim Aufkommen laut aufgeschrieen.
Der große Kölner erkannte darin seine Chance und machte einen Satz nach vorne, um dem Gestrauchelten die Pistole zu entringen. Aber der schoss sofort.
„Buff“. Der Knall entwickelte sich gar nicht richtig. Der Schuss war aufgesetzt und hatte ein qualmendes kreisrundes Loch in den linken Oberschenkel von Polizeihauptmeister Markus Schröder gebohrt. Fassungslos stierte der auf seine Verletzung und kippte seitlich um. Schmerzen schien er noch nicht zu haben. Aber einen Schock.
Instinktiv umarmte Klaus Klaiser die hysterisch aufschreiende Ärztin und hoffte, sie aus der Schusslinie ziehen zu können. Vergeblich. Der Riese war schon wieder auf den Beinen, stand auf der rechten Hand des am Boden liegenden Verletzten und setzte der Frau die Pistole an den Kopf.
„Her mit Euren Kanonen! Fofort! Handief auch! Und die Flüffel für alle Autof hier! Aber dalli!
Als er den Hahn der Neunmillimeter knackend spannte, gab es keinen Verhandlungsspielraum mehr.
Mit links nestelte Schröder seine Waffe aus dem Schulterholster und warf sie samt Smartphone auf den Boden vor sich. Klaiser tat es ihm gleich. Gleichzeit warf er ihm die Porscheschlüssel hin und seine Fahrzeugschlüssel ebenfalls. Polizeiobermeister Philipp Schmitz, so hieß der kleinere Polizist, musste alles einsammeln, samt aller Schlüssel und Telefone aus dem Streifenwagen und dem Rettungsfahrzeug. Dessen übrige Besatzung war wie schockgefroren.
Markus Schröder wälzte sich nun stöhnend am Boden. Blut quoll aus der Wunde am Bein.
„Du kommft mit“, beschied der Gangster und wollte die Ärztin am Arm wegzerren. Doch Klaiser hielt sie fest und sagte: „Siehst Du nicht, dass die Frau fast stirbt vor Angst. Lass‘ sie hier und nimm mich mit.“
„Halt die Freffe, Bulle! Oder willft Du auch ’ne Kugel?“ Klaus hatte zwar gelegentlich mal probiert, wie es sich anfühlt, wenn man sich eine Pistole an den Kopf hält. Doch Gefühle verändern sich schlagartig, wenn das ein anderer tut. Mit geladener und entsicherter Waffe.
Klaisers Knie wurden weich. Die Ärztin entglitt seinen Armen und wurde mitgeschleift. Kein Laut kam mehr über ihre Lippen. Sie hatte sich wohl oder übel in ihr Schicksal gefügt.
Es sah total bescheuert aus, wie sie im Halbkreis um den nun schmerzgepeinigten Hauptmeister herum standen und in aller Fassungslosigkeit zusahen, wie der Gewaltverbrecher die junge Medizinerin in Richtung Porsche vor sich hertrieb. Die Hosentaschen voll gestopft mit Waffen, Schlüsseln und Handys.
Als sie den Wagen erreicht hatten und die Fahrertür offen war, knallte der Vollidiot der jungen Frau seine flache rechte Hand so heftig ins Gesicht, dass man es laut klatschen hörte. Die Getroffene schrie auf, drehte sich um die eigene Achse und stürzte zu Boden.
Kurz darauf röhrte der Porsche auf und verschwand mit durchdrehenden Rädern in Richtung Bad Berleburg.
Eilig rannten die beiden Retter zu ihrer Kollegin, halfen ihr auf die Füße und brachten die laut Weinende zurück zum Rettungswagen.
Polizist Schmitz kümmerte sich um seinen Kollegen und begann, dessen Oberschenkel mit Trassenband aus dem Streifenwagen abzubinden, das er zu einer Kordel verdrallt hatte. Klaiser rief über Funk Verstärkung und ließ Straßensperren veranlassen.
In Berleburg waren sie aber bereits informiert. Klammheimlich, vom Fahrer des Rettungswagens. Über dessen Notfrequenz. Er hatte die ganze Zeit unbeobachtet am Steuer gesessen.
Der Hauptkommissar war aufgewühlt. Noch nie im Leben hatte Klaiser eine solche Ohnmacht verspürt wie gegenüber diesem Wahnsinnigen. Wer weiß, was der mit dem Industriellen angestellt hatte. Hatte er nur dessen Wagen gewollt und ihn womöglich längst umgebracht? Oder wollte er Lösegeld erpressen?
Dem war alles zuzutrauen. Am Ende war der Unternehmer irgendwo in der Umgebung versteckt oder gar vergraben. Klar. Warum sonst hatte sich der Gangster hier aufgehalten?
Gedankenverloren stemmte Klaiser die Hände in beide Sakkotaschen. Und auf einmal bekamen seine Augen ein seltsames Leuchten. Denn da fühlte er den Werkstattschlüssel seines Dienstwagens in der Hand. Einen zweiten Schlüssel, den Klaus wegen der Inspektion dabei gehabt und ganz vergessen hatte. Super. Plötzlich war er wieder mobil.
Nachdem er sicher war, dass sich die Sanitäter nun auch um seinen angeschossenen Kollegen kümmerten und klar war, dass sowohl ein zweiter Rettungswagen als auch weitere Polizeibeamte kommen würden, rannte der Kripobeamte zu seinem Fahrzeug, um die Verfolgung aufzunehmen.
Er war noch nicht richtig eingestiegen, da raste plötzlich der Porsche wieder vorbei. Diesmal in Richtung Aue. Von weit her hörte man Martinshörner, die sich aber seltsamerweise entfernten. Der Flüchtige musste irgendwo vor einer Polizeisperre kehrt gemacht haben. Und die Kollegen hatten daraufhin die Verfolgung aufgenommen. Scheinbar aber in die falsche Richtung. Hatte er sie genarrt? Klaus hängte sich dran. Schon allein aus dem Willen heraus, sich diesem Gangster auf keinen Fall geschlagen zu geben. Der Quattro A5 nahm Fahrt auf.
Über Funk erfuhr Klaiser, dass das SEK unterwegs sei. Sein Adrenalinspiegel begann wieder zu steigen.
Aber außer hinterherfahren und eventuell sogar den Standort ausfindig machen konnte er ja nichts tun. Das Arschloch hatte ihm ja die Waffe abgenommen und sein Handy. Letzteres wäre unter Umständen noch verzichtbar gewesen. Aber eine Pistole hätte ihm schon einiges mehr an Sicherheit gegeben.
Auf der Strecke unter‘m Willstein konnte man herüber bis ins Altmühlbachtal schauen. Und da sah er den Porsche, wie er gerade am Schäferhans-Hof vorbei fuhr. Der Typ hatte die Eder überquert und donnerte in Richtung Rinthe. ‚Nicht einholbar dieser Vorsprung‘, dachte Klaiser. Aber immerhin konnte er die Kollegen informieren. Vielleicht war ja gerade eine Streife in entgegengesetzter Richtung unterwegs.
Kurz darauf bog er ebenfalls links ab über die Ederbrücke. In rasender Fahrt jagte er bald über den Bahnübergang hinweg und an der Alten Mühle vorbei. Auf der Straße gab es ein paar heikle Stellen. Die kannte er längst. Der Porschefahrer aber wohl kaum. Doch bei der Straßenlage dieses Autos war eher nicht damit zu rechnen, dass es aus irgendeiner Kurve fliegen würde.
Als er schon im „Sauseifen“ war, sah er plötzlich weiter hinten eine Staubwolke aufsteigen. Kurz nur. Dann war sie wieder weg. Und direkt danach kam ihm ein dicker Lkw entgegen. Verdammt schnell für diese doch recht schmale Straße. Vermutlich war der Brummi auf‘s unbefestigte Bankett am Straßenrand gekommen und hatte richtig Staub aufgewirbelt. Das musste echt knapp gewesen sein. Hier kann man nämlich schnell mal im Tal auf der Seite liegen, wenn man mit einem solchen Truck nicht aufpasst und bei Gegenverkehr ein bisschen mehr nach rechts ziehen muss.
Doch was ein Lkw kann, das kann ein Porsche schließlich auch. Perfekter sogar noch. Klaiser traute seinen Augen nicht, als er den Panamera auf dem Dach liegen sah. Direkt am Rand der Straße nach Rinthe. Mit immer noch drehenden Rädern. Das war also der Grund für die Staubfontäne gewesen.
Langsam rollte er näher und konnte seine klammheimliche Freude kaum verbergen. Hatte es diesen Vollidioten einfach so auf‘s Kreuz geschmissen. Mann, Mann, Mann.
Aber was war mit dem Fahrer? Hatte er das überlebt? War er verletzt? Und, falls er bei Bewusstsein wäre, wie würde der Schwerbewaffnete wohl reagieren, wenn er noch im oder in der Nähe des Wagens ist?
„Wieland 14/01 von Wieland 14/23 kommen.“ „Wieland 14/01 hört.“ Schnell informierte der Hauptkommissar die Wache in Berleburg. Kurzer Lagebericht. Dann schaltete er den Funk weg. Weil er fürchten musste, dass man das da draußen hören konnte.
Vorsorglich sperrte der Hauptkommissar die Straße, indem er seinen Wagen zurück setzte und auf die rechte Fahrbahn stellte. Mit eingeschaltetem Blaulicht und noch deutlich vor dem Abzweig, von dem rechts eine Straße um eine scharfe Kurve herum bergauf nach Birkefehl führt.
‚Wahrscheinlich ist genau das dem Irren zum Verhängnis geworden‘, schoss es ihm durch den Kopf. Er war sich sogar sicher. Es konnte gar nicht anders sein. Der Porschekutscher wollte wohl mit Schmackes nach Birkefehl abbiegen, als er im letzten Moment den Lkw von oben herunter um die Kurve kommen sah. Das hätte für beide nebeneinander nie und nimmer gereicht. Also musste der Porschefahrer das Steuer nach links gerissen haben, um weiter auf der Talstrecke zu bleiben. Doch das war dann zu knapp. Genau auf der Spitze der Gabelung beginnt eine nach rechts ansteigende Böschung. Und die hatte dem Sportwagen die entsprechende Links-Drehung um die Längsachse verpasst. Er war also auf‘s Dach geknallt und nach einer ordentlichen Rutschpartie einfach liegen geblieben. Und der Lkw-Fahrer? Der musste das doch gesehen haben. ‚Einfach abgehauen, der Sausack‘, dachte sich der Kripo-Mann. Aber wer weiß, wofür das gut war.
Er verharrte drei, vier Minuten im Wagen und beobachtete das Tal und die Straße vor sich. So weit er sie einsehen konnte. Nichts rührte sich. Aber es half alles nichts. Klaiser musste nach dem Fahrer schauen. Also stieg er aus.
Langsam und so geräuschlos wie möglich marschierte der Polizist in Richtung Unfallwagen. Dessen Räder waren längst zum Stillstand gekommen. Nur ein regelmäßiges Knacken verriet, dass Motor und Auspuff ziemlich heiß waren und jetzt abkühlten. Und es roch nach Motorenöl.
Dem Kriminalisten schoss in diesen Sekunden alles Mögliche durch den Kopf. ‚Du bist nicht bewaffnet, sei vorsichtig.’ Und ‚Ute hast du noch nicht informiert, dass es später wird.’ Hätte er allerdings auch nicht tun können. Womit denn?
Irgendwie stieg ein irrationales Angstgefühl in ihm auf, das er so noch nicht kannte. Denn eigentlich wollte er ja gar nicht in das Wrack schauen. Aber er musste ja.
Doch da vorne bewegte sich nichts. Überhaupt nichts. Doch das besagte gar nichts. Am besten wäre es, dachte Klaus, wenn er auf der gegenüberliegenden Seite die Straßenböschung hinunter steigen, durch die Wiese den Porsche umkreisen und dann weiter vorne wieder hoch klettern würde. Um aus der Deckung heraus knapp über die Fahrbahn hinweg in das demolierte Auto schauen zu können. Das müsste eigentlich klappen und wäre womöglich am ungefährlichsten. Also los. Ab, die Böschung hinunter.
Mist, da waren Brennnesseln, über die er hinabschlidderte. Und dann noch ein Stacheldrahtzaun. Macht nichts. Nichts passiert. Ein Zaunpfosten hatte als Rutschbremse fungiert. Und an dem Zaun konnte er jetzt entlang laufen. ‚Bleib besser auf der Straßenseite‘, dachte er sich. Meter für Meter arbeitete er sich vor.
Aber eins war komisch. Bisher war nicht ein einziges Auto vorbei gekommen. Nicht mal ein Landwirt mit seinem Trecker. Nicht von Rinthe her, nicht von Birkefehl und nicht von Berghausen. Das war doch nicht normal. Auch wenn hier selten richtig viel Verkehr herrschte. Klaus fühlte einen dicken Kloß in seinem Hals. Jetzt müsste er eigentlich an dem Porsche vorbei sein. Jetzt könnte er in den Wagen hinein schauen.
Langsam wollte er sich schon im Schutz eines Baumes die Böschung hocharbeiten. Da traf es ihn wie ein Stromschlag. Denn plötzlich stand er da. Dieser Unmensch. Zwei, drei Meter oberhalb von ihm. Direkt am Straßenrand. Mit Kanone im Anschlag. Aufgetaucht wie Phoenix aus der Asche.
Zum Glück standen zwei Büsche schützend zwischen ihnen. Mit dichtem Blattwerk verdeckten sie wohl die Sicht des Gangsters. Und plötzlich wusste Klaus wieder, was es heißt, seinen eigenen Pulsschlag im Kopf zu hören. „Wupp-wupp, wupp-wupp, wupp-wupp“, dröhnte es. Pulsfrequenz bei mindestens 180.
Langsam, ganz langsam ließ er sich auf den Boden gleiten. Und dabei schwitzte und fror er gleichzeitig zum Gotterbarmen. Der Polizist zitterte wie Espenlaub. ‚Lieber Gott‘, dachte er, ‚bitte lass‘ diesen Typen nur ein paar Schritte weitergehen. Damit ich mal wieder richtig Luft holen kann.’
Ein leichter Windhauch strich durch das wunderschöne Tal. Und drüben machte ein Eichelhäher auf sich aufmerksam, die so genannte „Polizei des Waldes“. ‚Hallo Kollege‘, dachte er.
Wieder und wieder krächzte der Eichelhäher los. ‚Es ist so bizarr‘, schoss es ihm durch den Kopf. ‚Diese unglaubliche Idylle um uns herum. Und da steht der Mann, der mir in wenigen Sekunden ein Loch in den Schädel jagen kann.’ Und dies auch tun würde. Davon war er fest überzeugt.
Plötzlich riss der Gangster da oben den demolierten Kopf herum und schaute talaufwärts. Ein Wagen war von weiter weg zu hören. Und auch von Berghausen kam plötzlich ein Auto heran. Recht schnell sogar. Offenbar bereitete sich dieser Fiesling jetzt darauf vor, einen von denen anzuhalten und zu kidnappen.
Das Fahrzeug, das von Berghausen her kam, blieb drüben hinter seinem Audi stehen. ‚Wegen der Sperre‘, dachte Klaus. Eine Tür schlug zu. Und irgendjemand rief: „Hey, brauchen Sie Hilfe?“
„Ja, brauche ich“, erwiderte der Muskelmann. Sein Nuscheln war unüberhörbar.
„Sind sie verletzt? Soll ich einen Krankenwagen rufen?“ „Nein danke, nicht nötig.“
Aber dann passierte nichts. Eine ganze Weile nicht. Nur ein Sportflugzeug störte die Stille. Offenbar gestartet in Schameder.
„Was ist denn jetzt?“, hieß es von dort hinten. „Sie müssen schon herkommen. Ich fahre mir doch in diesem Trümmerfeld nicht die Reifen platt.“
Das hatte er wohl akzeptiert und setzte sich langsam in Richtung Straßengabelung in Bewegung. Die Knarre hatte er hinten in den Hosenbund gestopft. Wohl, um nicht sofort erkannt zu werden. Das hatte Klaiser noch gesehen. Dann war der Typ aus seinem Sichtfeld verschwunden.
Eine ganze Weile lang hörte man nur das Gluckern des Mühlbaches und Vogelzwitschern. Dann kam schließlich der Wagen von Rinthe her in schneller Fahrt heran.
‚Du musst den Mann da hinten unbedingt warnen‘, dachte der Kriminalpolizist noch. ‚Der hat womöglich gleich eine Pistole am Kopf. Aber wie komme ich dann ungeschoren hier raus? Das ist Wahnsinn, so ganz ohne Waffe.’
Doch er kam nicht mehr zu irgendeiner Aktion. Der Wagen oben fuhr vorbei, nahm Tempo auf und bremste kurz darauf scharf ab. Dann hörte er plötzlich lautes Rufen. Kommandos hallten durch das Tal. „Waffe weg – Sofort! Waffe weg – Waffe weg!“ Die Aufforderung war ultimativ, duldete keinen Widerspruch. Wieder kurze Stille. Dann: „Okay, so ist‘s gut. Und jetzt auf den Boden. Runter auf den Bauch! Runter! Und Handflächen nach oben! … Okay.“
Für Momente war nichts mehr zu hören. Dann schlugen eine Schiebetür und mehrere Wagentüren zu. Mehrere Automotoren sprangen an.
Als Klaiser schließlich die Böschung hoch krabbelte, sah er gerade noch zwei schwarze Mercedes-Limousinen und einen schwarzen Neunsitzer mit verdunkelten Fenstern davon fahren. Am Steuer Männer mit schwarzen Sturmhauben.
‚Das SEK‘, dachte er. ‚Schnell und geräuschlos. Wahnsinn!’
Ute stand mit tränengetränkten Augen in der Tür, als Klaus heimkam. Wortlos fiel sie ihm um den Hals, begann laut zu schluchzen und küsste ihn mit feuchtem Mund ab. Sie wollte gar nicht mehr aufhören. Klaus schloss sie fest in die Arme – und weinte auch.
Sie wusste längst, was an diesem Abend passiert war und in welch brenzliger Lage er sich befunden hatte. Corinna hatte sie sachte eingeweiht. Ihre Busenfreundin und gleichzeitig Kollegin von Klaus. Eigentlich hätte sie gar nichts sagen wollen und auch nicht dürfen. Aber Ute hatte bei Corinna auf der Dienststelle angerufen, um anzukündigen, dass sie später zum geplanten Cocktail- und Quatschabend kommen werde. Klaus sei ganz gegen seine Gewohnheiten noch nicht heim gekommen. Ohne sich zu melden. Und per Handy sei er nicht erreichbar. Nun hatte Ute ein extrem flaues Gefühl im Magen. Weil Radio Siegen von der Entführung eines Industriellen aus Kirchhundem berichtet hatte. Und davon, dass der Wagen des Entführten in Wittgenstein gesehen worden war. Dessen Fahrer, der mutmaßliche Entführer, sei ein geflohener Schwerverbrecher.
Corinna hatte zunächst rumgestammelt. Abstreiten konnte sie den Inhalt der Radiomeldung ja nicht. „Aber damit bin ich überhaupt nicht befasst. Ich hatte heute viel zu viele andere Dinge auf dem Tisch. Gerade eben kam noch ein Tankstellenbetrug dazu.“ Im Übrigen laufe diese Entführungsgeschichte über den Einsatz- und Führungsstab in Siegen. Die Berleburger Wache sei da eher außen vor. Und überhaupt – bei dem Arbeitspensum, das sie im Moment habe, sei das wirklich nichts, was sie sonderlich interessiere.
‚So eine Lügnerin‘, hatte Ute gedacht. Sie kannte ihre Freundin viel zu gut, als dass sie das hätte glauben können. Corinna Lauber, 30-jährige Kommissarin, eigentlich eine grundehrliche Haut, war Polizistin mit Leib und Seele. Und jeder Fall, der über das übliche Tagesgeschäft hinaus ging und mehr war als ein stinknormaler Ladendiebstahl oder ein Trunkenheitsdelikt, interessierte sie brennend. Nein, dieser Frau war eine Entführung mit absoluter Sicherheit nicht egal. Noch dazu eine, die eventuell auch in Wittgenstein stattfand. Ute war sicher, dass da irgend etwas gewaltig brodelte. Und ihr Mann war womöglich mittendrin. Also bohrte sie weiter.
Corinna wusste, dass sie der Freundin jetzt nichts mehr vormachen konnte. Also musste sie die Hosen runterlassen und erzählen, was sich da gerade abspielte. Soweit sie es überhaupt selbst wusste. Tuschelnd gab sie Ute die wichtigsten Infos im Telegrammstil durch‘s Handy. Sie stand gerade in der Nähe des PvD-Pultes. Und die Kollegen dort mussten das nun wirklich nicht mit bekommen. Doch plötzlich brachen die in einen gewaltigen Jubel aus und applaudierten sogar, als per Funk die Meldung über den erfolgreichen SEK-Einsatz kam. Der Gangster war ohne Blutvergießen dingfest gemacht worden war. Und Klaus unverletzt.
Was für ein Abend. Alle hatten sie unter Strom gestanden. Bis in die Haarspitzen. Die da draußen und die hier drinnen auf der Wache. Allen voran Dienststellenleiter Bernd Dickel.
Noch Stunden später war er völlig aufgewühlt. Erst dieser total verrückte Einsatz gegen einen Entführer in Berghausen. Dazu die kurzfristige Geiselnahme einer Ärztin, die danach total zusammengeklappt war, einen angeschossenen Beamten und nahezu null Informationen. Und dann noch dieser spektakuläre SEK-Zugriff, der dank Klaus Klaiser überhaupt erst möglich geworden war. Weil er über den Fluchtweg des Gangsters und dessen Unfall Bescheid wusste und informiert hatte.
Wie sich seine Leute da verhalten hatten, das war wirklich Klasse. Keine Frage. ‚Aber das muss man nun wirklich nicht laufend haben‘, dachte der Mann mit den fünf silbernen Sternen auf den Schulterklappen.
Gott sei Dank war die Schusswunde von Markus Schröder vergleichsweise schnell versorgt worden. Noch am frühen Abend wurde das Geschoss raus operiert. Er hatte riesiges Glück. Weder ein Knochen, noch wichtige Gefäße waren verletzt worden.
Und der Jungbulle aus Köln war schon wieder voll der Sprüche. „Es hätt‘ nochmol joot jejange“, hatte er nach der OP den besorgt wartenden Kollegen verkündet und halb lachend mit zusammen gekniffenen Zähnen hinzugefügt:
„So jet erläwwste nit in Kölle. Doför bruchste dringend enne Besoch im Kurbad. Do weeste ääst zom Mann.“
Die junge Notärztin allerdings hatte ein gewaltiges Trauma und einen dröhnenden Schädel davon getragen. Da konnte man nur hoffen, dass ihr gute Psychotherapeuten zur Seite stehen würden. Eine Waffe am Kopf und eine, wenn auch kurze, Geiselnahme … Das steckt niemand so einfach weg.
In irgendeiner stillen Stunde müsste er dringend mal mit Klaiser reden, überlegte Bernd Dickel. Solche Verfolgungen auf eigene Faust und ohne Selbstschutz wie die von Klaus Klaiser gingen überhaupt nicht. Auch wenn er eigentlich nichts falsch gemacht und seine Aktion im Altmühlbachtal zu einem außergewöhnlichen Erfolg geführt hatte. Zu einem Teilerfolg zumindest. Denn der Schwerverbrecher, als Frank Deppe aus Drolshagen identifiziert, schwieg sich über den Verbleib des Industriellen aus. Man hatte ihn nach ärztlicher Versorgung seiner Wunden in Untersuchungshaft nach Siegen gebracht.
Bei Klaisers im Robinienweg roch es ein wenig angebrannt. Ute hatte die Kartoffeln auf dem Herd vergessen, während sie mit Nachbarn an der Haustür sprach. Wie ein Lauffeuer hatte sich Klaus‘ heldenhafter Einsatz bei der Verteidigung des Kranwagenfahrers herumgesprochen. Der stand gerade unter der Dusche und bekam nichts mit von dem, was in Berghausen mittlerweile die Runde machte. Dazu gehörte natürlich auch, dass er derjenige gewesen sei, der dem SEK den Verbrecher direkt vor die Flinte geliefert habe. Einer aus dem Dorf habe den Einsatz sogar selbst beobachtet, wurde berichtet.
Dass das alles ganz anders abgelaufen war, erzählte der Kripomann seiner Frau dann eine halbe Stunde später. Bei Steak mit Pasta, Pfannengemüse und einer Sauce Bernaise. Eine kühne Kombination – aus der Not geboren. Aber gar keine so schlechte. Und die einzig noch machbare heute Abend. Denn die Kartoffeln waren wirklich nicht mehr zu gebrauchen.
„Unglaublich, wie die SEK-Leute arbeiten“, schwärmte er ihr vor. Aber sie wollte das alles gar nicht hören. Sie hatte Todesängste ausgestanden. Und zum ersten Mal hatte sie so einen Anstrich von Verständnis für die Filmpartnerinnen der meisten Fernsehkommissare, die sich serienweise hatten scheiden lassen oder dieses planten. „Die dummen Weiber wussten doch vorher, auf was sie sich einlassen“, hatte sie bisher immer gedacht.
Nicht, dass sie auch an Trennung oder gar Scheidung gedacht hätte. Aber sie wusste seit heute, dass es Gefühle gibt, die man sich selbst in übelsten Träumen nicht ausmalen kann.
Eines wollte sie aber nun doch wissen. „Warum haben die Dich im Altmühlbachtal eigentlich mutterseelenallein gelassen mit diesem Kerl? Die wussten doch, wo du bist.“
„Ich war nicht allein, Schatz. Die hatten die Situation wahrscheinlich schon zu der Zeit unter Kontrolle, als ich ausgestiegen und auf dem Weg zum umgestürzten Porsche war“, log er. „Nur habe ich sie nicht gesehen.“ Tatsächlich hatte es schon etwas länger gedauert.
Nachdem ihn Streifenkollegen nach dem Verschwinden des Spezialeinsatzkommandos aufgegabelt hatten, erfuhr er, was da alles im Hintergrund gelaufen war. Es war eine fast schicksalhafte Fügung gewesen, dass das SEK aus Dortmund wegen der Entführung in der Nähe des Rhein-Weser-Turms auf Einsatz wartete. Und dann hatte man gezielt Berghausen angefahren, nachdem über Funk bekannt wurde, dass dort ein Porsche und ein Bodybuilder aufgefallen waren, die womöglich die Gesuchten sein könnten.
In dem Moment, in dem Klaus Klaiser meldete, der Porsche sei ins Altmühlbachtal unterwegs, waren 15 SEK-Leute mit vier Fahrzeugen gerade am Restaurant „Grünewald“ vorbei gekommen, ungefähr einen Kilometer außerhalb von Berghausen. Zwei Minuten später standen sie an der Ederbrücke. Eine weitere Minute später eine Streifenwagenbesatzung aus Berleburg. Dann kam Klaus‘ Meldung von dem Unfall des Porsche.
Nach Blick auf die Karte mit Hilfe der ortskundigen Kollegen kam der Einsatzbefehl des SEK-Zugführers rasend schnell. „Sechs Mann mit einer Limousine und dem Neunsitzer vor bis zur Alten Mühle. Drei Mann davon versuchen von dort aus, verdeckt über einen Weg auf die Straße von Birkefehl zu gelangen, um von oben her auf die Gabelung zu kommen.“
Der zweite Mercedes mit drei Mann, einer war Scharfschütze, wurde mit Hochgeschwindigkeit über die Helle, Richtung „In der Delle“ geschickt. Deren Ziel: Sicht- und Schussfeld in Richtung Unfallstelle im Altmühlbachtal. Der dritte Mercedes mit drei Mann musste den Weg ebenfalls über die Helle nehmen, um auf dem schnellsten Wege über Hemschlar von Rinthe her ins Altmühlbachtal zu kommen.
‚Irre, wie schnell die die Situation und die topografischen Verhältnisse drauf haben‘, war schon Pattrick Born verblüfft, einer der Streifenpolizisten. Er hatte mit seiner Kollegin den Auftrag, das Altmühlbachtal von Berghausen her für den Verkehr zu sperren. Andere Beamte hatten das bereits in Birkefehl übernommen. Sie waren auf dem Weg zurück von einer Unfallaufnahme in Schameder. Und der Polizeiführer vom Dienst in Berleburg hatte zudem eine Verkehrskontrollstelle bei Weidenhausen aufgehoben, um die Kollegen ins untere Rohrbachtal zu schicken. Damit sie dort die Straße in Richtung Unfallstelle dicht machen.
Das war also der Grund dafür gewesen, dass kein einziges Auto durchs Tal gefahren war, als Klaus Klaiser in der Böschung lag und der Entführer schussbereit auf der Straße stand. Und der Eichelhäher signalisierte wohl die Ankunft des Scharfschützen gegenüber am Waldrand. Hatte er also gar nicht falsch gelegen mit ‚Kollege‘, dachte Klaus.
Eins war ihm allerdings nach wie vor schleierhaft. Wo war Deppe, dieser Gangster, so plötzlich hergekommen? Beim Blick auf die Unfallstelle und das Wrack war von ihm nichts zu sehen. Und der Porsche hatte ziemlich flach ausgesehen. Drinnen wäre es für ihn vermutlich recht ungemütlich geworden. Deppe musste also raus geflogen sein und irgendwo bewusstlos im Graben gelegen haben. Klar. Sonst hätte er Klaus‘ Wagen ja kommen hören. Auf der anderen Seite, rechts neben dem Porsche, musste er irgendwo in der Wiese gelegen haben. Bewaffnet. Bei seiner Festnahme hatte er noch immer die SIG Sauer P6 dabei, die er dem Kölner Kollegen Schmitz im Rettungswagen aus dem Holster gerissen hatte. Ob er die beim Fahren und beim Überschlag in der Hand behalten hatte? Und sogar bei seinem Abflug aus dem Auto? Musste er wohl.
Die beiden anderen Waffen waren von der Spurensicherung im Porsche gefunden worden. Ebenso die Autoschlüssel und die Handys. Bis auf die Sportjacke vom Rücksitz war bei der ersten Durchsicht des demolierten Boliden sonst auch nichts gefunden worden. Ein Chaos hatte der Überschlag also im Inneren nicht angerichtet. Nur die Fußmatten hatten, weil auf einer Seite mit Druckknöpfen befestigt, ein wenig schief von der Decke heruntergebaumelt, die ja in Wirklichkeit das Bodenblech war.
„Ich frage mich die ganze Zeit, wo der Kerl mit dem Wagen überall war, bevor er dir in die Fänge geraten ist.“ Kriminalrat Jörg Gabriel, Leiter der SOKO „Lenne“ schien juckende Pickel unter seinem dichten krausen Haar zu haben. Heftig schabte er mit den Fingern der rechten Hand über den Hinterkopf.
Gabriel musste von Olpe nach Berleburg geflogen sein. Denn er war schon auf der Wache, als Klaus am Abend dort ankam. Nach der Vor-Ort-Ermittlung und dem mantra-artigen Herunterbeten der Abläufe und eigenen Feststellungen.
Sieben Leute der Spusi und eines speziellen Ermittlungstrupps waren im Altmühlbachtal aufgetaucht. Und mindestens fünfmal hatte Klaus alles so wiedergegeben, dass es jeder, meist mit ungläubigem Kopfschütteln, aber auch der einen oder anderen anerkennenden Geste, begriffen hatte.
Den größten Kampf vor Ort musste er aber mit dem Mann der Spurensicherung führen, der die Waffen und die Handys eingesammelt hatte. Wenigstens sein Telefon hätte er gerne zurück gehabt. Um noch mal einen Anruf bei Ute zu versuchen. Daheim war nämlich die ganze Zeit besetzt gewesen, als er von einem Kollegen-Handy aus probiert hatte. Und die Mobilnummer von Ute hatte er nicht im Kopf. Die war in seinem Smartphone gespeichert.
Zunächst hatte der Mann im weißen Anzug (den trugen die Kollegen offenbar immer) darauf bestanden, alle Fingerabdrücke von dem iPhone 5 zu nehmen. Darüber hinaus wollte er wissen, ob der Gangster damit Gespräche geführt hatte. Hatte der aber nicht, wie sich anhand der Anrufliste schnell feststellen ließ. Und auch keine SMS oder Fotos verschickt. Hätte er aber auch nicht können. Weil er den vierstelligen Code des Gerätes nicht kannte.
Doch Spusi-Leute sind gründlich. Und auch erst nach Rückversicherung bei seinem Vorgesetzten rückte er das Handy raus. Kleisers Dienstwaffe aber blieb im Asservatenbeutel. Und damit bei der Spurensicherung und der KTU.
Klaus kannte den SOKO-Leiter schon seit Jahren. Jetzt saß er ihm direkt gegenüber. Ein Super-Kriminalist, bei dem er einige Lehrgänge besucht hatte. Jörg Gabriel hatte richtig Karriere gemacht. Und das nicht zu Unrecht. Denn er konnte auf eine lange Reihe spektakulärer Ermittlungserfolge und damit verbundener Fallaufklärungen verweisen. „Die Unterwelt zittert vor ihm“, hatte eine nicht gerade kleine Boulevardzeitung unlängst getitelt.
„Ich kann Dir auch nicht sagen, wo er herkam. Ich glaube nur, dass er wahnsinnig unter Zeitdruck war, als ich mich an ihn rangehängt habe“, erklärte der Hauptkommissar seine erste Begegnung mit dem Mann im Porsche. „Obwohl er wohl nicht so genau wusste, wo‘s lang geht. Sonst wäre er nicht irgendwo in Raumland rumgegurkt. Denn er war ja so abgebogen, dass er erst später wieder über den Stöppelsweg von Berleburg her auf die Hauptstrecke zurückkam. … Wenn es denn überhaupt seine Hauptstrecke war. Immerhin war das Navi aber eingeschaltet. Hab´ ich in Berghausen im Wagen festgestellt.“
„Oder er wusste sehr genau, wo´s her geht“, warf Gabriel ein. „Wir suchen gerade an diesem Stöppel und in der Umgebung eine junge Frau, die an dem Wagen von einem Anlieger in der Weststraße gesehen worden war. Nur, ob die ausgestiegen war oder der Fahrer sie nur nach dem Weg gefragt hat, wissen wir wohl erst, wenn wir sie gefunden haben. Der alte Mann hatte auf der Wache angerufen und sich über einen abartigen Raser mit Porsche und Olper Kennzeichen beschwert. Als die Kollegen hier in der Wache wussten, um wen es sich bei dem Fahrer handelt, haben sie den Herrn später noch mal angerufen und etwas genauer befragt.“
„Dass er die Frau dort hingebracht hat, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen“, entgegnete Klaus und nahm erstmal einen richtigen Schluck aus der Kaffeetasse, die ihm Gabriel hingestellt hatte. Schwarz und stark. Für die sonst bei der Polizei üblichen Verhältnisse eine wahre Labsal. „Ich habe in Dotzlar und beim Hinterherfahren nur diesen Koloss im Auto gesehen“, erzählte er dem nachdenklich dreinschauenden Chefermittler, der mit abgespreiztem kleinem Finger einen Espresso aus einer winzigen Tasse trank.
Erst vor zwei, drei Wochen hatten sie alle auf der Wache zusammengelegt und eine wirklich gute gebrauchte Profi-Kaffeemaschine bei einem hiesigen Gastroservice erstanden. Dessen Chef spielte mit ihnen zusammen bei den Freizeit-Kickern und hatte ein Faible für die „Bullerei im Herrengarten“, wie er sie fast liebevoll nannte. Außerdem war Bernd Dickel, der Dienststellenleiter, einmal sein Fußballtrainer gewesen. So etwas kann unter Freunden schon mal zu größeren Rabattaktionen führen. Nur für die Kaffeebohnen mussten sie den normalen Preis berappen. Wieder nahm Klaiser einen Schluck dieses köstlichen Gesöffs, das ihn ein wenig auf Vordermann bringen sollte. Denn er war, trotz aller Anspannung, schon ziemlich kaputt. ‚Eine solch tolle Crema kriegen wir zuhause niemals hin‘, bedauerte er in Gedanken.
„Okay, schau‘n wir mal, was bei der Suche nach der Frau rauskommt.“ Gabriel nestelte in seiner rechten Sakkotasche herum und beförderte sein Handy heraus, das im Stakkato zu klingeln begonnen hatte. Typ „american phone“, ‚ring-ring, ring-ring’. „Ja bitte? … Ach, Bertram, grüß Dich. … Nee, noch nichts. Keine Ahnung, wo der Mann ist. … Nein, weiß ich auch nicht. Das machen die vom Ermittlungsdienst. Aber die kommen offenbar auf keinen grünen Zweig mit dem Typen. … Nee, keine Pause. Dem werden wir durchgehend Druck machen. Ich fahr‘ da gleich persönlich hin und schalte mich in die Vernehmung mit ein. Hab‘ hier noch einen Moment in Bad Berleburg zu tun. … Ja, das war ’n echter Hammer hier. Super gemacht, von allen Kollegen. Kann man nicht anders sagen. … Nein, dem geht es wieder besser, wie ich höre. Ist operiert und steckt das wohl ganz gut weg.“
Kurz darauf war das Telefonat beendet. „War Bertram Klotz aus dem Innenministerium. Die sind da ganz schön angefressen wegen dieses Scheißkerls. Deppe ist vor drei Monaten aus dem Knast in Attendorn abgehauen. Saß schon zwei Jahre wegen eines außerordentlich brutalen Überfalls auf einen Juwelier in Hagen. Dem hat er damals fast den Schädel eingeschlagen und dessen Mitarbeiterin beide Arme gebrochen. Nur, weil sie ihm den Schmuck aus dem Tresor zu langsam in einen Beutel gesteckt hatte“, ereiferte sich der SOKO-Leiter.
„Ein wahnsinnig brutaler Kerl. Wahnsinnig! Sei froh, dass Deine riskante Nummer so ausgegangen ist und die Kollegen und die Ärztin nicht noch mehr abgekriegt haben.“
Klaus kriegte rote Ohren. „Ich konnte doch bei der geplanten Überprüfung eines Verkehrsrowdies nicht ahnen, dass ich es mit einem solchen Typen zu tun habe.“
„Nach der Schießerei im Dorf aber schon, mein Lieber. Auch wenn das SEK ohne Dich wahrscheinlich noch immer ergebnislos durch die Botanik gurken würde.“ Er konnte sich dabei ein Grinsen nicht verkneifen. „Trotzdem, Klaus, das war hochgradig riskant. Mach‘ einen solchen Scheiß möglichst so schnell nicht noch mal, okay? Bin stolz auf dich, Blödmann.“
Er schaute abwechselnd auf sein Handy und auf seine Uhr. „Wird Zeit, dass ich abhaue. Ich will dem Deppe noch ein bisschen auf den Zahn fühlen. Wir müssen wissen, wo der entführte Industrielle Bernd Mönkemann ist. Und ob der überhaupt noch lebt. Es wird jetzt Nacht. Wer weiß, wo er den hingebracht hat – und in welchem Zustand.“
Da fiel Klaus ein, was der Entführer mit seiner demolierten Gosche gebrabbelt hatte, als er ihn zum ersten Mal in Berghausen festgenommen hatte. „Er hat gesagt: ‚Jetzt ist alles im Eimer‘, wenn ich mich recht erinnere.“ Und geflucht hatte er gotterbärmlich. „Für mich sah er in diesem Moment seine Felle davon schwimmen“, sinnierte der Hauptkommissar. „Ich habe mir die ganze Zeit den Kopf darüber zerbrochen, warum der Irre den Trucker so unter Druck gesetzt hat. Er hätte doch umdrehen und anderswo herfahren können. Aber er kannte wahrscheinlich keinen anderen Weg. Und dass er mich hinter sich überhaupt richtig wahrgenommen hat, halte ich nach seiner Reaktion in Berghausen für ausgeschlossen.“
Jörg Gabriel schabte wieder seinen grauen Schopf. „Die Geschichte wird immer komplizierter. Erst schnappt er sich den Mönkemann in Kirchhundem, wie der nach dem Zigarettenholen etwa 10.20 Uhr von einem Supermarkt auf den Parkplatz zurück kommt und zwingt ihn offenbar, von der Beifahrerseite her in den Porsche einzusteigen und auf die Fahrerseite durchzurutschen, damit er selbst einsteigen kann. Wie sich erst später herausstellte, hatten das Passanten beobachtet, der Sache aber irgendwie keine Bedeutung beigemessen. Erst am Nachmittag, als sich im Ort die Kunde von der Entführung wie ein Lauffeuer verbreitete, hatten sie der Polizei von der Beobachtung erzählt. Aber sie waren zu weit weg, um zu sehen, ob und was für eine Waffe der Mann dabei hatte.
Um 11 Uhr hätte der Unternehmer in Altenhundem beim Notar sein müssen. Kam aber nicht. Anrufe bei ihm daheim und in der Firma Fehlanzeige. Sein Handy war aus. Kurz nach 12 Uhr kam dann der Erpresseranruf. Von Deppe. Die Sekretärin des Entführten hatte Teile des Gesprächs gedankenschnell mitgeschnitten. Deppes Stimme. Später eindeutig als solche identifiziert. Er habe Mönkemann entführt und wolle eine Million Euro Lösegeld. Bis 16 Uhr – in einer Streugutkiste, mitten auf dem Parkplatz des Siegener Leimbachstadions. Begleitet natürlich von den üblichen Drohungen. Keine Polizei und so weiter.
Dann taucht der Entführer gegen 16 Uhr samt Porsche aber ohne den Unternehmer hier in, … wie heißt das?“… Gabriel schaut in seine Papiere „… ach ja, in Dotzlar, auf und vollführt ein Autorennen der Extraklasse. Mit bekanntem Ausgang. Irgendwie passt das alles nicht zusammen. Oder Deppe handelt nicht alleine. Trotzdem scheint das irgendwie nicht so“, erzählte der SOKO-Leiter weiter. Denn bis jetzt sei noch niemand am genannten Versteck in Siegen aufgetaucht. Ob dort Geld deponiert worden war, sagte er nicht.
„Vielleicht hat er sich von unterwegs mit jemandem in Verbindung gesetzt und den Plan geändert“, warf Klaus ein. „Er hatte allerdings kein Handy dabei, als wir ihn kurz abgeklopft haben bei der Festnahme. Und im Wagen hab‘ ich auch keins gefunden.“
„Da war aber eins. Versteckt zwischen den Polstern des Rücksitzes. Aber es wurde, wie wir mittlerweile vom Netzbetreiber wissen, seit dem Erpresseranruf um 12.03 Uhr nicht mehr benutzt und kurz danach ausgeschaltet. Um es nicht orten zu können, vermuten wir.“
Klaiser lief rot an. Mist. Da war er bei der Durchsuchung doch zu oberflächlich gewesen. Anfängerfehler. Verdammt. ‚So was darf einem nicht passieren.’
„So, ich muss wirklich weg. Wir bleiben aber in Kontakt. Morgen will ich genau wissen, welche Route der Typ hier in Eurem Beritt gefahren ist. Bevor er Dir vor die Flinte gekommen ist“, grinste er. „Ihr werdet einen Haufen Dreck fressen müssen. Wie wir alle. Aber wir müssen rauskriegen, wo Mönkemann ist. Das dürfte wohl klar sein. Seht Euch bitte im erweiterten Kreis der SOKO.“
Die beiden Männer umarmten sich kurz. „Halt‘ die Ohren steif, mein Lieber. Und grüß’ mir Bernd Dickel. Der ist noch im Krankenhaus und kümmert sich. Ich werde ihn morgen früh anrufen.“
Sprach´s und verschwand. Kurz darauf fuhr sein Wagen im Herrengarten sachte um die Kurve vor dem Kino. „Fack ju Göhte 2“ lief in dem altehrwürdigen „Capitol“, das als Programmkino durchgestartet hatte. War wohl, gemessen an der Menge der falsch an beiden Fahrbahnrändern geparkten Fahrzeuge, ein echter Publikumsrenner.
Wenig später war auch Klaus heimgefahren. Nachdem er hektographiert die Ereignisse des Tages zu einem Kurzbericht für die SOKO zusammengefasst und dorthin gemailt hatte. Mit den Kollegen auf der Wache hatte er sich darauf verständigt, alle weiteren Berichte und Formalitäten morgen zu erledigen. Er war zu platt und wollte einfach nur zu Ute. Die ziemlich aufgedreht wirkte, als er nach dem Einsatz endlich mit ihr telefonieren konnte.
Seine Frau wollte keine Einzelheiten mehr hören. Ihr reichte es, dass Klaus heil aus dem Schlamassel herausgekommen und jetzt bei ihr war. Während sie das Geschirr in die Spülmaschine räumte, telefonierte Klaus mit Heiner. Sein Kumpel war natürlich längst informiert über die Vorgänge am späten Nachmittag und am Abend. Und er hatte großes Verständnis dafür, dass der gemeinsame Fernseh-Fußballabend nun ausfallen würde. Wäre ohnehin nur eine Notlösung gewesen. Anstelle ihres Skatabends bei Ele in der „Linde“, dem ältesten Gasthaus im Dorf. Ihre Skatpartner hatten schon am Wochenende abgesagt. „Lyndi“, weil er mit seiner Frau das Berleburger Literaturpflaster besuchte. Und „Lulli“, weil er irgendwo zu einem Geburtstag eingeladen war. Und Bayern-Fan war nun wirklich keiner von ihnen. „Bayern kann jeder“, war die vorherrschende Meinung.
Ute hatte sich langsam an ihren Mann herangeschlichen und ihn von hinten liebevoll umfasst. Sie mochte seinen athletischen Körper, der nur winzig kleine Pölsterchen an den Hüften aufwies. Und sie mochte seine sonore Stimme, der sie jetzt, mit einem Ohr an seinem Brustkorb, lauschte. Hörte sich klasse an, wie sich seine „innere Stimme“ mit seinem Herzschlag mischte. Wie sehr sie ihn doch liebte, diesen gut aussehenden, intelligenten, aber leider viel zu risikobereiten Mann. Und er liebte sie.
Während er noch mit Heiner redete, fasste Klaus nach ihrer linken Hand und führte sie zum Mund, um sie mit kleinen Küssen zu überdecken. Der Freund am anderen Ende der Leitung hatte ganz schnell begriffen, was da lief und sich diskret verabschiedet. ‚Heiner ist eine Seele‘, dachte Klaus. ‚Ein richtig guter Freund halt.’
In inniger Umarmung hatten die beiden noch eine ganze Weile im Arbeitszimmer zusammengestanden, hatten herum geschmust und geturtelt. Eher unbewusst bauten sie so die innere Spannung ab, die beide noch fühlten. Und es gefiel ihnen. Der Tag war doch unerwartet hart gewesen. Und dann folgten Stunden, die die beiden atemlos und glücklich machten. Irgendwann waren sie total erschöpft eingeschlafen.
Donnerstag, 17. September
Als Klaus wach wurde, zog ein herrlicher Duft von frischem Kaffee und Toastbrot durch das sonnendurchflutete Schlafzimmer. Seine süße Frau hatte längst unter der Dusche gestanden und in einem hauchdünnen Morgenmantel das Frühstück zubereitet, das sie jetzt auf einem Tablett servierte. Ihr langes blondes Haar fiel verlockend leicht über die Schultern ihres wunderschönen Körpers, der sich unter dem Nichts aus weißer Seide abzeichnete. Sie war so topfit und durchtrainiert. Und alles an ihr war wohl proportioniert und schön. Das Bild einer Frau, die ihn jetzt auf eine harte Probe stellte.
„Komm, lass uns schnell frühstücken. Ich habe um halb acht den ersten Patienten auf dem Behandlungstisch liegen.“
„Aber vorher ziehst Du Dir bitte noch was ordentliches an“, scherzte er. „Sonst erleidet der Mensch auf Deinem Tisch einen weiteren Schlaganfall. Und das wollen wir doch nicht riskieren.“ Beide lachten. Mit einem Blick auf den Wecker war ihm klar, dass sie wohl recht zügig frühstücken mussten. Es war zwanzig vor sieben. Und er eigentlich schon viel zu spät dran. In zwanzig Minuten hätte er zum Dienstbeginn in Berleburg sein müssen. Doch heute würde man ihm die halbe Stunde später ja wohl hoffentlich verzeihen.
Ute hatte sich schon mit ganz lieben Küssen verabschiedet und war mit ihrem weißen VW Beetle Cabrio bereits gestartet, als Klaus das Haus verließ. Seinen Dienstwagen hatte er an der Straße geparkt. Das war locker möglich. Denn sie wohnten in einer Sackgasse. Einer recht kurzen obendrein. Und als er einsteigen wollte, fiel sein Blick im Neubaugebiet „Auf dem Brunkel“ auf einen Kran, der dort gerade aufgerichtet wurde. ‚Ohne Dich hätten wir Deppe nie gekriegt’, dachte er fast in Dankbarkeit. Denn das gelbe Stahlgerippe konnte nur das sein, mit dem der LKW-Fahrer gestern so unheimliche Mühe hatte.
Als er über den Stöppel nach Berleburg fuhr, musste er an die junge Frau denken, die dort in unmittelbarer Nähe von Deppe gesehen worden war. Hatte sie zuvor wirklich in dem Porsche gesessen? Für Klaus unvorstellbar. Es sei denn, durchfuhr es ihn siedend heiß, es sei denn, sie hätte in dem Wagen gelegen. Aber warum hätte sie das machen sollen?
Die Fragen würden ihnen in diesem, seinem ersten Fall dieser Art, mit großer Sicherheit nicht ausgehen.
Hektische Aktivitäten, als er in die Wache kam. Über alle zwei Etagen Betrieb wie in einem Bienenstock. „Gut, dass Du kommst“, begrüßte ihn Bernd Dickel, als er in dessen Büro hineinschaute. „Komm rein und setz Dich“, forderte er Klaus auf. „Hier überschlagen sich die Informationen. In Siegen kommen sie mit diesem Frank Deppe nicht weiter. Der macht einfach auf stur. Und heute Nacht hat er plötzlich dermaßen viel Blut gespuckt, dass er sofort in die nächste Klinik gebracht worden ist. Da liegt er noch immer. Super schwer bewacht. Aber von Mönkemann bisher keine müde Spur. Die Fahndung nach ihm läuft intensivst. Die SOKO wird mit Euch erweitert. Aber wir kümmern uns zunächst nur um all das, was den Entführer hier nach Wittgenstein getrieben und was er hier ‚veranstaltet’ hat. Das ist mit Jörg Gabriel so abgesprochen. Grüße soll ich Dir bestellen.“
Dickel wischte sich Schweiß von der Stirn. Dabei war es gar nicht so warm. Aber Klaus hatte den Eindruck, dass der Dienststellenleiter einfach nur platt war. „Wie lange warst Du gestern noch im Einsatz?“, fragte er. „Was heißt ‚warst’? Ich bin immer noch. Hab´ mich heute Morgen bloß mit Kaffee und Ibuprofen voll gepumpt. Eigentlich sollte ich im Bett liegen. Hab‘ nämlich seit zwei Tagen schon ’ne Grippe. Die erste seit Jahren. Und das ausgerechnet jetzt.“
„Was kann ich tun, um Dir zu helfen?“ Seine Frage kam ein wenig zaghaft und deshalb für Bernd auch nicht sehr glaubwürdig. Denn beide wussten sehr genau, dass er zunächst einmal all die Vorgänge von gestern haarklein in seinem Bericht in den PC zu tippen hatte. Alle. Auch die Gründe, die ihn dazu bewogen hatten, die Verfolgung des wieder ausgekniffenen Gangsters allein und ohne Eigenschutz aufzunehmen. Nichts, was ihm Freude bereitete.
„Was Du tun kannst?“ Bernd Dickel schaute ihn mit gerunzelter Stirn an und nahm einen Schluck aus der großen Kaffeetasse mit Polizei-NRW-Emblem. „Du machst Deinen Papierkram so schnell wie möglich fertig und dann schaust Du Dich am besten mal in und in der Nähe der Weststraße in Raumland um. Es muss doch irgendjemanden geben, der außer dem Hinweisgeber diese ominöse Frau gesehen hat.
Es hat übrigens auch keiner was dagegen, wenn du Markus Schröder mal im Krankenhaus besuchst. Der hat den Schuss ins Bein richtig gut weggesteckt. Macht schon wieder auf dicke Hose“, grinste er.
„Doch bevor Du das tust, schau mal in die Zeitungen, falls du‘s noch nicht getan haben solltest. Die sind verdammt gut informiert und wissen mehr als das, was unsere Pressestelle raus gegeben hat.“
Das erledigt Klaus sofort. Beim PvD lagen alle drei Gazetten aus der Region: Westfalenpost, Westfälische Rundschau und Siegener Zeitung. Von den beiden ersten brauchte er nur in eine zu schauen. Beide hatten einen identischen Lokalteil. Und der hatte auf der ersten Seite richtig fett mit dem Fall aufgemacht. „SEK beendet Flucht eines Kidnappers unblutig“ mit der Unterzeile „Verfolgung, Schießerei und Geiselnahme in Berghausen – Kripo-Mann Held des Tages“. Dazu zwei großformatige Fotos. Eines zeigte Frank Deppe von hinten, wie er mit Handschellen von den beiden kölschen Kollegen Richtung VW-Bus geführt wurde. Und das andere zeigte den quer stehenden Porsche vor dem Kranwagen-Gespann. Vermutlich beides Handy-Fotos von Passanten.
Der Artikel war gespickt mit jeder Menge guter Informationen. Von Dotzlar bis ins Altmühlbachtal. Nichts dramatisiert, nichts aufgebauscht. Detailgetreu und sauber recherchiert. Und angereichert mit jeder Menge Insiderkenntnis. ‚Da hat mal wieder jemand von den Uniformierten das Wasser nicht halten können‘, dachte er. Nichts jedoch von der gesuchten Frau.
Seine Rolle fand er selbst ein wenig zu dick aufgetragen. Wenngleich er natürlich stolz war wie Bolle. „Quasi vor der eigenen Haustür hatte er den Gewaltverbrecher zunächst im Alleingang zur Strecke gebracht.“
‚Stimmt ja auch‘, dachte er. ‚Wenn bloß dieser extrem humanitäre Zug der Ärztin nicht gewesen und dadurch der haarsträubende Bock mit den Handschellen nicht passiert wäre. Das hätte Schmerzen und Ängste verschiedener Menschen und Ressourcen der Polizei gespart.’
Ähnliches in der Siegener Zeitung. „SEK schnappt Entführer in Berghausen“, „Kriminalkommissar Klaus K. auf der richtigen Spur“, „Kein Lebenszeichen von IT-Entwickler Mönkemann“. Die Journalisten der „Siegener“ mussten denselben Informanten gehabt haben wie die aus Berleburg. Denn die Geschichte wies ähnliche Fragmente auf. Die Fotos waren zwar etwas anders, aber aus gleicher Position gemacht. Spätestens seit Beginn des Smartphone-Zeitalters haben die Zeitungen jede Menge neuer Freier Mitarbeiter.
Was Klaus Klaiser am wichtigsten fand: alle Zeitungen hatten an exponierter Stelle nicht nur über die Entführung in Kirchhundem berichtet. Sie brachten auch eine Personenbeschreibung und eine des Fahrzeugs. Dazu ein Passfoto des Gekidnappten.
„Gesucht wird Bernd Mönkemann, 42 Jahre alt, 1,88 m groß, schlank, hellblondes zurückgekämmtes Haar, Dreitagebart. Bei der Entführung trug der IT-Entwickler einen hellgrauen Anzug mit braunem Gürtel, ein weißes Kurzarmhemd und braune Slipper. Er war unterwegs mit seinem metallicblauen Porsche Panamera, amtliches Kennzeichen OE-JJ 276, mit breiter Bereifung.“
Als Klaus Klaiser sein Büro betrat, klingelte das Telefon. Er nahm ab und hatte Jürgen, einen Kollegen von der Wache dran. „Moin Klaus. Wollte Dir nur sagen, wir hatten heute Morgen mindestens zehn Anrufe, die allesamt mit dem Entführer zu tun haben. Und in allen wurde ähnliches berichtet: ein blauer Porsche, der mit hoher Geschwindigkeit durch die Dörfer und über Landstraßen gejagt ist. Ohne Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer.“
„Hat sich denn daraus ein Profil ablesen lassen?“, wollte Klaus wissen.
„Ich denke schon“, war sich sein Gegenüber am Telefon ziemlich sicher. „Demnach ist der Wagen gegen 15 Uhr und kurz danach wenigstens viermal in Erndtebrück aufgefallen. Dort ist er wohl einfach quer über einen Verkehrskreisel gerast. Minuten später wurde er dann mehrfach in und bei Schameder, in der Nähe von Leimstruth, bei Stünzel und in Sassenhausen gesehen. Laut allen Beobachtern war übrigens immer nur eine Person im Auto.“
Lediglich eine ältere Dame habe laut Jürgen berichtet, der Porsche sei um 15.16 Uhr von Niederlaasphe her nach Bad Laasphe herein geschossen. Es war die einzige Meldung, die nicht zu den anderen passte.
„Von der Strecke her sind die übrigen Angaben aber durchaus schlüssig. Der Porsche kam ja dann auch bei Dir in Dotzlar vorbei“, sagte Polizeihauptmeister Jürgen Winter. „Das einzige, womit ich nicht klar komme ist, warum er so lange gebraucht hat, um bis zu Dir zu kommen.“
„Wie meinst Du das mit dem ‚um bis zu Dir zu kommen’? Verstehe ich nicht so richtig“, war Klaus jetzt ein wenig begriffsstutzig.
„Na ja, Du kennst doch die Strecke von Erndtebrück über Leimstruth und Stünzel bis nach Dotzlar. Dort hast Du doch den Porsche zum ersten Mal gesehen. Kurz nach 16 Uhr, wenn ich das richtig verstanden habe, ist er dann ‚bei Dir angekommen’.“
„Ach Gott, ich Hornochse“, schalt‘ sich Klaiser. „Natürlich. Jetzt weiß ich, was Du meinst. Klar. Stimmt. Das war ja fast eine Stunde von Erndtebrück bis da hin.“
„Wir haben das mal bei Google Maps nachgemessen. Das sind von Erndtebrück Ortsmitte bis Dotzlar knapp 16 Kilometer. Die hast Du bei normalem Verkehr und normaler Fahrweise in 18 Minuten gefahren“, berichtet Jürgen Winter. „Nun ist der aber allen Beschreibungen nach – und auch nach Deiner – gerast wie ein Irrer. Warum braucht er dann rund 60 Minuten für diese Strecke? Das stimmt doch vorne und hinten nicht.“ Damit hatte der Kollege recht.
„Hast Du das schon mit Bernd Dickel besprochen?“
„Klar. Die Infos haben wir auch schon alle an die SOKO weitergegeben. Jetzt sind Kollegen unterwegs, um sich mit den einzelnen Zeugen noch mal intensiver zu unterhalten.“
„Super. Ich danke Dir. Werde jetzt erst mal meine Berichte schreiben. Dann komm‘ ich runter.“
Kurz vor zehn Uhr hatte er seine Aufgabe erledigt, die Berichte wieder und wieder durchgelesen, korrigiert und schließlich ausgedruckt, unterschrieben und an den Chef, SOKO „Lenne“ und an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.
Als er kurz darauf nach unten zu Jürgen Winter ging, hing der gerade am Telefon. Auch der Kollege gegenüber telefonierte und schrieb eifrig mit. Soweit Klaus Klaiser verstehen konnte, kamen auf beiden Leitungen neue Infos zu dem Porsche rein. Winter winkte ihm zu, deutete ihm an, sich kurz zu setzen und warf vor Klaus zwei Aktendeckel auf den Tisch. „Schau mal rein“, flüsterte er ihm zu. „Nein, nein, ich meinte nicht Sie, erzählen Sie bitte weiter.“
Der Hauptkommissar öffnete die oberste Kladde und sah plötzlich auf Fotos zwei „alte Bekannte“ wieder. Einen links heftig angekratzten silbergrauen Ford Mondeo neuerer Bauart und einen auf der gleichen Seite ziemlich demolierten karminroten VW Passat. Die Autos, die Frank Deppe auf seiner rasenden Fahrt durch Berghausen beim Überholen touchiert hatte. Es waren mehrere Fotos aus verschiedenen Perspektiven, samt Unfallmeldungen und samt Beschwerde über einen vorbeijagenden Fahrer, offenbar Polizist, in einem Audi mit Blaulicht.
Klaus war etwas ratlos, wusste nicht, ob er da nicht doch einen Fehler gemacht hatte. Hätte er etwa stehen bleiben und sich um den Crash kümmern sollen? Aber dann wäre ihm der Porsche sicher erneut durch die Lappen gegangen. Im
Übrigen hatte er ja kurz nachgeschaut und gesehen, dass die Fahrer offenbar keine Verletzungen davon getragen hatten. Und die Wache war per Funk darüber informiert worden.
Im anderen Aktendeckel waren nur Fotos. Richtig große. Fotos vom Porsche. Auf dem Dach liegend und auf den Rädern stehend. Von allen Seiten. Nahe und Totale. Ein Bild des Jammers. Dieses schöne Auto so arg zugerichtet.
„Ja, hab‘ ich im Original schon gesehen. Sieht übel aus, der Schlitten.“ Klaus war etwas irritiert. Wusste nicht, was Jürgen mit dieser Bildershow bezwecken wollte. Als der sein Telefonat beendet hatte, kam er um den Tisch herum und nahm drei Bilder in die Hand, die die rechte Flanke des Porsche zeigten. „Schau mal genau auf den Farbabrieb, den die beiden Wagen der Länge nach hinterlassen haben. Hier ein wenig silber. Das war eindeutig der Mondeo. Und hier karminrot. Das war der Passat. Unsere Techniker haben keinerlei Zweifel, dass diese langen Striemen von den beiden Fahrzeugen stammen, die er in Berghausen abgedrängt hat.“ Bis dahin konnte Klaus den Ausführungen seines Kollegen folgen. Dann aber wurde es für ihn etwas kryptischer.
„Sieh mal hier vorne unten – am rausgezogenen Kotflügel und hier oben an der A-Säule, neben der Frontscheibe. Das ist schwarzer Gummi, der richtig mit Wucht da rein geknallt ist. Und am hinteren Kotflügel finden sich in dieser Macke hier Chromreste.“ Jürgen zeigte mit einem Kuli auf die Stelle, die aussah, als sei sie mit einer Flasche der Länge nach in das Blech gehauen worden.
„Ja – und was soll das jetzt? Das sind doch offenbar typische Unfallspuren, die er sich in Berghausen eingefangen hat. Hier an der A-Säule, das war der Spiegel von einem der beiden. Ich glaube, ich bin sogar über den drüber gefahren.“
„Eindeutiges Nein“, konterte Jürgen. „Beide haben zwar ihre Spiegel verloren. Aber die waren in Fahrzeugfarbe lackiert.
Auch das ist aktenkundig.“ Er schaute sein Gegenüber bedeutungsvoll an. „Die Jungs von der KTU sind felsenfest davon überzeugt, dass diese Spuren von einem dritten Unfall stammen. Und zwar einem, der schon v o r den anderen stattgefunden hat. Höchstwahrscheinlich mit einem Motorrad. Wahrscheinlich hat der Wahnsinnige irgendwo einen Biker von der Straße gefegt.“
Klaus Klaiser war sprachlos. „Ein Motorrad? … Wie um alles in der Welt haben sie denn das rausgefunden?“
„Eigentlich ganz einfach. Man muss nur die richtige Eingebung haben. Schau mal. Das hier vorne am Kotflügel war die Fußraste und das hier am Holm der Frontscheibe war der linke Griff des Motorradlenkers. Hinten am Kotflügel ist dann das Auspuffrohr eingeschlagen.“
„Nicht zu fassen.“ Klaus war sprachlos und dachte gleichzeitig an das arme Schwein, das da möglicherweise irgendwo in eine Wiese, einen Wald, womöglich sogar eine Böschung hinab gedrängt worden war und dort vielleicht immer noch, eventuell sogar schwer verletzt, hilflos herum lag. Das war sogar sehr wahrscheinlich. Denn Motorradunfälle waren laut Winter in den letzten 24 Stunden in ganz Südwestfalen keine gemeldet worden.
„Können wir denn ausschließen, dass der eigentliche Besitzer, also dass Bernd Mönkemann, vielleicht schon diesen Crash mit einem Motorrad hatte?“
„Offenbar schon, sagen die Kollegen. Der Wagen war gestern Morgen vor der Entführung noch in der Werkstatt. Das wäre denen dort aufgefallen, haben die den Beamten in Kirchhundem vorhin noch versichert. Vor allem auch, wenn dort der rechte Außenspiegel schon gefehlt hätte. Der ist jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwo an der unbekannten Unfallstelle zu finden. In Berghausen zumindest lag er nicht rum. Dort gab es nur Fetzen von einem linken Mondeo-Spiegel.“
„So ein Mist. Das hätte mir doch auffallen müssen, wenn dem rechts der Spiegel gefehlt hätte. Aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern.“
Doch das kümmerte jetzt eigentlich auch niemanden mehr. Viel interessanter war zu erfahren, ob irgendwo an der Fahrstrecke des Porsche eventuell ein hilfloser, verletzter Motorradfahrer lag. Oder vielleicht sogar ein toter. Klaus erinnerte sich, dass nicht an allen Passagen der Route freier Blick ins Gelände möglich war. Und längst nicht überall waren Leitplanken entlang der Straßen.
„Wir müssen unbedingt die Streifenkollegen informieren und sie bitten, verstärkt die uns bekannte Route abzufahren und dort jeder Auffälligkeit und jeder Fahrzeugspur ins Gelände nachzugehen“, rief Klaus zu Jürgen Winter herüber, der sich schon wieder ans Telefon geklemmt hatte.
Zwei Minuten später standen sie beim PvD. Und mit ihnen der Dienststellenleiter und Corinna Lauber. Die war trotz Spätdienst schon am Morgen auf der Wache erschienen. Von wegen, „ein Fall, der mich nicht interessiert“.
„Passt auf, wir machen Folgendes“, ordnete Bernd Dickel jetzt die Lage. „Klaus und Corinna, Ihr fahrt jetzt nach Raumland und kümmert Euch um die Frau, die dort mit dem Entführer gesehen worden sein soll. Wir müssen dringend wissen, mit wem er Kontakt hatte und warum. Und wir sorgen hier dafür, dass die Kollegen verschärft nach dem vermeintlichen Motorradfahrer Ausschau halten.“
Der wunderschöne Morgen hatte einem grauen, regnerischen Vormittag Platz gemacht. Corinna hatte gebeten, fahren zu dürfen. Sie durfte. Natürlich. Klaus mochte diese nette und unkomplizierte Kollegin. Corinna war in Girkhausen geboren. Gerade einmal zehn Kilometer von Berleburg entfernt. Eine recht hübsche Ausgabe der großen Lauber-Sippe, die schwerpunktmäßig den Nordwesten Wittgensteins bevölkerte.
Corinna hatte Polizei von der Pike auf gelernt bzw. studiert. Eine der vielen „Bulletten“, wie der weibliche Nachwuchs auf der so genannten „Bullenhochschule“ in Bielefeld genannt wurde. Nichts, was Corinna jemals hätte ärgern können. Sie wusste ja, wie die Polizei in der Öffentlichkeit gesehen wurde. Auch und vor allem in ihrer Generation. „Bulle“ war da schon eine fast liebevolle Bezeichnung für die Uniformierten. Darüber ärgerte sich auch fast niemand mehr unter den Kollegen.
Nach Studium und Bachelor-Abschluss landete die Frau mit dem Einserabitur als Kommissarin schließlich bei der Schutzpolizei in Dortmund. Aber größere Städte bereiteten Corinna Unbehagen. Sie mochte mehr das Landleben und vor allem das in ihrer Heimat. Ein Phänomen, das den meisten Wittgensteinern zueigen ist. Sie bekommen Heimweh, wenn sie mal länger von zuhause fort sind. Corinna machte ihren Dienst in der Bier-Metropole zwar ganz wunderbar. Ihre Vorgesetzten und die Kollegen waren höchst beeindruckt. Aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit machte sie klar, dass Dortmund für sie keine Option für die Zukunft sei. Und bald konnten die Dienstoberen ihr den immer dringender werdenden Wunsch nach Versetzung nicht mehr abschlagen. Nur eineinhalb Jahre später war sie in Bad Berleburg. Und glücklich.
Der Audi schnurrte durch Post- und Ederstraße. Es war wenig Verkehr an diesem Donnerstag in der Berleburger Hauptstraße.
Die ersten Blätter fielen im Gunsetal bereits von den Bäumen. Nach einem extrem heißen Sommer. Es war einer der heißesten seit der Wetteraufzeichnung. Klaus musste daran denken, wie oft ihm beim Donnerstags-Freizeitkick die Zunge vor dem Hals gehangen hatte. Ihm, dem 38-jährigen Konditionswunder. Was er dabei allein in zwei Stunden an Mineralwasser verbrauchte hatte, hätte ihm sonst für zwei, drei Tage gereicht.
Er versuchte immer wieder, sich vorzustellen, wie das wohl für die Nationalfußballer bei der WM 2022 in Katar werden würde. Mittlerweile war das Turnier ja wegen der „klimatischen Besonderheiten“ auf Ende November verschoben worden. „Was für ein Schwachsinn“, murmelte der Hauptkommissar vor sich hin.
„Was ist Schwachsinn?“, wollte Corinna wissen und schaute irritiert vom Fahrersitz zu ihm rüber. Gerade waren sie beim Schulzentrum vorbei über die Straßenkuppe des Stöppel gekommen. Und über Raumland-Bahnhof hinweg eröffnete sich der Blick ins Edertal hinein und bis hinüber zum Kilbe und zur Birkefehler Höhe.
„Ach nix, hab‘ ein wenig über Fußball sinniert“, antwortete ihr Beifahrer und ergötzte sich an dem Anblick, der sich ihm bot. Gleich würde es regnen. Die Landschaft war gestochen scharf zu sehen. Ein untrügliches Zeichen für einen bevorstehenden Guss.
Und so kam es auch. Als sie links in den Stöppelsbach und gleich danach in die Weststraße einbogen, waren die ersten Tropfen auf der Frontscheibe des A5 zu sehen. „Beste Voraussetzungen für eventuelles Klinkenputzen“, lachte Corinna bitter. Aber als Wittgensteinerin war sie solches Wetter gewohnt. Und bei einer Temperatur von 22 Grad war das für hiesige Verhältnisse fast als subtropisch zu bezeichnen. „Wittjesteena Sürrelwäära“ war deutlich schlimmer.
Dann schien der Himmel förmlich zu platzen. Corinna hielt rechts an, stellte den Motor ab und den Funk etwas lauter. Der Regen prasselte heftig auf‘s Autodach.
„Solches Wetter hätten wir im Sommer öfter mal gebraucht. Jetzt ist‘s schon fast zu spät. Höchstens die Rasenbesitzer haben noch was davon.“ In ihr kam das Mädchen vom Lande durch. Ihre Eltern hatten noch immer ein paar Kühe im Stall stehen und betrieben einen kleinen Hofladen. In dem gab es in erster Linie hausgemachten Käse. Christa, ihre Mutter, hatte viele Lehrgänge besucht, um überhaupt eine Lizenz für die Erzeugung und den Verkauf zu bekommen. Und einen Haufen Umbauten hatte es daheim gegeben, um das Wagnis „Käseküche und Hofladen“ angehen zu können.
Da aber in Girkhausen jeder zweite „maurern“ kann, so auch Ernst, ihr Vater und ihr jüngster Bruder Bernd, war zumindest der Umbau der einst überdimensionierten Scheune kein Problem. Lediglich die Installationen waren zeitaufwendig und gingen richtig ins Geld. Entsprechend hoch waren daher natürlich die Erwartungen an den Verkauf der eigenen Produkte.
Doch es schien, als habe nicht nur Girkhausen, sondern ganz Wittgenstein auf die Eröffnung gewartet. Mit anderen Worten: der Hofladen wurde zu einem Riesenerfolg. Vor allem auch deshalb, weil Christa Lauber nicht nur ihre mindestens 15 verschiedenen Käsesorten anbot und das Brot, das Ernst im Backhaus neben dem Lauber-Hof selbst buk. Im Angebot waren auch die Erzeugnisse eines Metzgers und mancher Landwirte, die aus Girkhausen und der unmittelbaren Nachbarschaft kamen. „Alles vom Land – alles von hier.“ Der Slogan zog.
Der Regen hatte nachgelassen. Und blaue Streifen weiter westlich am Himmel ließen ahnen, dass auch die letzten Schauer bald vorbei sein würden. Klaus hatte sich inzwischen per Handy noch mal nach der Adresse des alten Herrn erkundigt, der tags zuvor den Porsche und die Unbekannte gesehen hatte. Wilhelm Schneider, Weststraße 4b.
Als sie dort klingelten, wurde innerhalb von Sekunden per Summer geöffnet. ‚Wir wurden also beobachtet‘, vermutete Corinna. Sie traten in einen gemütlichen und großen Hausflur, von dem eine Treppe in weitem Bogen nach oben führte. An deren oberem Ende stand ein älterer, freundlicher Mann, der Hausschuhe und eine Strickjacke über einem Pullover trug. „Kommen Sie bitte herauf. Hatte mir schon gedacht, dass da noch jemand von Ihnen die Nase zur Tür reinstecken würde. Leider bin ich ziemlich erkältet und bitte um Nachsicht, dass ich hier im Großen Polaranzug herumlaufe.“
Begeistert von der doch sehr jugendliche „Spreche“ des sicher um die 75 Lenze alten Herrn folgten die beiden Polizeibeamten fröhlich lächelnd der Aufforderung und fanden eine Etage höher ein opulent eingerichtetes Wohnzimmer, das sich nahezu über die gesamte Fläche des Hauses erstreckte. Ein heller Raum mit herrlichen Ausblicken durch riesige Fenster, die bis zum Boden reichten und nach hinten heraus den Blick frei machten ins Edertal und auf die „Niederhelle“. Nach vorn und zur Seite hatte man einen wunderbaren Überblick über alles, was sich auf der Weststraße und bei den Nachbarn so abspielte.
„Das ist mein Hochsitz“, meinte Herr Schneider grinsend, und wies auf einen modernen ledernen Drehsessel neben einem kleinen Glastisch. Dahinter ein riesiger offener Kamin – mitten im Raum. Hinter leicht verrußten Glasscheiben glimmten noch verkohlte Holzscheite vor sich hin. „Nein, im Ernst – hier sitze ich häufig, wenn die Knochen mal wieder zu weh tun und schaue entweder fern oder träume einfach ein wenig vor mich hin. Und manchmal, wenn ich mich umdrehe, gucke ich halt auch mal auf die Straße. Der Überblick ist ja genial.“
Sie hatten auf sein Bitten hin auf einer Sitzgruppe Platz genommen, sein Getränkeangebot aber dankend abgelehnt.
„Und von dem Sessel aus haben Sie auch den Porsche beobachtet?“, wollte Klaus wissen.
„Allerdings. Der Chaot hat mich nämlich mit röhrendem Motor aus meinem Dämmerschlaf gerissen. Ich hatte gerade ‚Eisbär, Giraffe und Co.’ angeschaut und war etwas eingeduselt, als der hier vorbeigedonnert kam und da drüben, drei, vier Häuser weiter, plötzlich anhielt. Ich also hoch und sehe, wie sich auf der Beifahrerseite eine junge schlanke Frau heruntergebeugt mit dem Fahrer durch die offene Beifahrertür unterhält.“
„War das ein langes Gespräch?“, wollte Corinna wissen.
„Kaum länger als eine Minute. Ich sah nur, wie die Frau immer wieder auf etwas in ihrer Hand schaute und mit dem Kopf schüttelte.“
„Was passierte dann?“
„Dann hat sie die Tür zugeschlagen und er ist … Nein. Moment.
Dann ist er weitergefahren und die Tür ist von allein zugefallen. Nee …, also ich weiß nicht mehr so genau. Irgendwie war die Sache komisch. Man hatte den Eindruck, dass es der in dem Porsche unheimlich eilig hatte. Der hat nämlich auch während des Gesprächs den Motor laufen lassen und immer wieder mal Gas gegeben.“
„Wohin ist die Frau dann gegangen?“, fragte jetzt Klaus.
„Die ist ziemlich zügig nach links über die Straße, aus meinem Sichtfeld verschwunden und auch nicht mehr aufgetaucht. Allerdings hatte ich auch keine Veranlassung dazu, nach ihr zu schauen.“
„Ja, aber Sie haben ja immerhin die Wache angerufen um sich über den ‚Terror vor der Haustür‘, wie sie wohl gesagt haben, zu beschweren.“
„Aber natürlich“, meinte der alte Herr, jetzt ein wenig angefressen. „Das hätten Sie mal sehen und hören sollen, was der hier veranstaltet hat. Ich habe ihn ja nur im Unterbewusstsein kommen hören. Aber als der wieder wegraste, hätte sich niemand auf der Straße aufhalten dürfen. Kinder schon mal gar nicht. Und Sie müssen wissen, dass es hier jede Menge Kinder gibt. Am hinteren Ende der Weststraße ist übrigens ein großer Bolzplatz. Man darf sich nicht ausmalen, was da alles hätte passieren können, wenn der mit Vollgas um die Kurve da hinten gerast kommt und Kinder auf dem Heimweg sind. Normal müssen solche Leute aus dem Verkehr gezogen werden.“
Die beiden nickten beifällig. Ernst Schneider trat bei Klaus und Corinna förmlich offene Türen ein mit der Forderung nach Sanktionierung einer solchen Fahrweise. Zumal das gesamte Wohngebiet als 30-Zone ausgewiesen ist. Und so hatte der Mann vollkommen korrekt gehandelt mit seinem Anruf. Dass Klaus den Porschefahrer wegen eben solchen Rowdytums verfolgt hatte, das behielt er jetzt lieber für sich. Denn er wollte noch etwas ganz anderes wissen.
„Können Sie sich erinnern, wie die junge Frau aussah?“, fragte er den alten Herrn. „Welche Größe, Alter, welche Haarfarbe, was hatte sie an?“
„Ich hab‘ gewusst, dass diese Fragen kommen würden. Deshalb habe ich mir den ganzen Abend den Kopf zermartert“, entgegnete der Gefragte. „Wissen Sie, ich wusste ja bei meinem Anruf nicht, was es mit dem Fahrer auf sich hatte. Daher habe ich zunächst nur auf den Porsche und auf seine Nummer geachtet. OE-JJ 276. Die kann ich Ihnen im Schlaf aufbeten. Ach ja, noch eins. Das war mir aufgefallen, als der Wagen so rasant wieder loszog. Dem fehlte der rechte Außenspiegel.“
Corinna grinste und Klaus schaute verschämt auf seine Fingernägel.
„Okay, prima. Ääh …, ist Ihnen denn beim intensiven Nachdenken noch etwas zu der Frau eingefallen?“ Klaus wurde jetzt etwas drängender. Und hatte Erfolg.
„Ja, also, ich schätze, sie war zwischen Anfang und Mitte dreißig, dunkles, langes Haar, zu einem Pferdeschwanz gebunden, etwa einsfünfundsiebzig groß, schlank, sportlich. Sie trug eine schwarze Hose und eine offene schwarze Jacke, darunter ein weißes T-Shirt. Und sie trug Sonnenbrille. Eine wirklich hübsche Frau.“
Klaus war baff. „Das haben Sie alles auf diese Entfernung gesehen? Sie müssen ja Augen haben wie ein Luchs.“
„Und ein Fernglas“, grinste der Alte und holte einen gewaltigen Feldstecher aus einem Sideboard hervor. „Jetzt glauben Sie aber bitte nicht, Sie hätten es mit einem Spanner zu tun, meine Herrschaften. Ich benutze das Glas eher dazu, die Fischreiherkolonie drüben an der Niederhelle zu beobachten. Und die Milane über dem Seiberig. Mein Hobby ist nämlich die Ornithologie.“
‚Deshalb die vielen herrlichen asiatischen Federzeichnungen aller möglicher Vogelarten, die im Treppenhaus an den Wänden hängen‘, sinnierte Corinna. Auf zweien, die mit wunderschönen fremden Schriftzeichen verziert waren, meinte sie das Signet einer heimischen Künstlerin entdeckt zu haben – Nyu-Mie Bergner-Won. Eine tolle Frau, gebürtige Koreanerin. Sie hatte sie vor Jahren bei einer Vernissage in Bad Berleburg kennengelernt.
„Sie sitzen also den ganzen Tag hier am Fenster, schauen in die Botanik und beobachten und zählen Vögel? Gehen Sie denn nicht ab und zu mal raus?“, wollte Klaus wissen. Mehr, um noch ein wenig Konversation mit dem eigentlich sehr netten distinguierten Herrn zu machen.
„Ach wissen Sie, als Pensionär und Witwer, obendrein noch als Sportinvalide, halten sich die Freuden des Alltags doch sehr in Grenzen. Nachdem vor drei Jahren meine geliebte Frau ihren jahrelangen Kampf gegen den Krebs verloren hatte und verstorben war, wollte ich endlich wieder meinen Kopf frei kriegen und noch einmal etwas frischen Wind in mein Leben bringen. Wollte noch mal ‚Rentner-Gas‘ geben, wie die Leute so sagen. Doch der Spaß dauerte nicht lange. Zwei Monate nach meinem Start ins andere Leben hat es mich im Skiurlaub bei einem Sturz dermaßen zerlegt, dass ich dachte, das müsse es jetzt gewesen sein. Neben schweren Kopfverletzungen hat es mir das rechte Bein nahezu total zermatscht. Sechs Brüche haben die in der Klinik gezählt, alle Bänder ab, im Sprunggelenk und im Knie. Ich bin heute froh, dass ich wieder halbwegs geradeaus laufen kann mit meinen 78 Jahren. Da ist man dankbar für einen warmen Ofen und ein Fernglas. Wenn Sie wissen, was ich meine.“
„Oh ja, das weiß ich sehr genau“, entgegnete Klaiser, der schon fast versucht war, sich für seine im Nachhinein sehr dämlich wirkende Frage zu entschuldigen.
Doch da klingelte sein Smartphone. „Verzeihen Sie bitte“, entschuldigte er sich und wandte sich dem Treppenhaus zu, um ungestört telefonieren zu können. Bernd Dickel war dran.
„Hör zu. Wir haben tatsächlich ein Motorrad gefunden. Eine BMW. Oben an der K 46 zwischen Stünzel und der Sassenhäuser Höhe. Lag etwas demoliert in einer Böschung, die von der Straße her eigentlich nicht einzusehen ist. Aber weit und breit kein Fahrer, keine Zeichen von irgendwelchen Verletzungen. Nur ein Helm. Allerdings gibt es klare Anhaltspunkte dafür, dass in der Wiese unterhalb der Böschung jemand mit einem Auto mit breiten Schlappen an der Unfallstelle vorbei gefahren ist, möglicherweise sogar stehen geblieben. Es gibt auf jeden Fall Fußspuren dort. Aber im Gras ist das …, na ja, Du weißt ja selbst. Ich hab‘ schon veranlasst, den Porsche auf entsprechende Spuren untersuchen zu lassen. Der Helm ist unterwegs zur KTU.“
Klaus Klaiser war für einen Moment sprachlos. Da war die nackte Theorie der KTU-Männer also wirklich Realität geworden. „Die sind wirklich klasse“, entfuhr es ihm.
„Wer ist klasse?“ Dickel war etwas irritiert.
„Na, die KTUler. Die haben uns doch die Sache mit dem Motorrad vorausgesagt. Und jetzt haben wir‘s. Aber wo sollen wir jetzt nach dem Fahrer suchen? Oder nach der Fahrerin.“
Klaus unterbrach sein Gedankenspiel am Telefon abrupt. „Moment, warte mal eben, Bernd“, vertröstete er seinen Gesprächspartner und wandte sich dem Hausbesitzer zu. „Herr Schneider … Herr Schneider, sagen Sie bitte, könnte der schwarze Anzug, den die junge Frau trug, auch eine Motorradkombi gewesen sein?
Der ältere Herr schaute etwas nachdenklich drein und meinte dann: „Klar, wenn ich es mir recht überlege, dann war das sogar mit ziemlicher Sicherheit eine Motorradkombi. Ich hatte mich nämlich schon gewundert, was das nun wieder für eine seltsame Mode ist, so dicke Ellbogen und Knie an den Jacken und den Hosen zu tragen. T’schuldigung, daran hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht.“
„Ja Wahnsinn … Danke, Herr Schneider. … Hast Du mitgehört, Bernd?“, wandte er sich wieder an den wartenden Dickel, „ich glaube, wir haben den Fahrer bzw. die Fahrerin. Es ist mit ganz großer Wahrscheinlichkeit die Frau, die hier am Stöppel in Raumland von Herrn Schneider beim Porsche gesehen wurde“
„Ach komm, das gibt‘s doch gar nicht“, fiel ihm Dickel ins Wort. „Aber Du hast recht, wenn ich mir die Sache richtig überlege. Alles andere wäre ein unheimlicher Zufall.“
„Stimmt. Aber an Zufälle glauben wir ja nur ungern. Allerdings …, wie geht das denn nun wieder zusammen? Der Deppe redet ganz offensichtlich mit einer Frau, die er vorher über den Haufen gefahren und dann womöglich sogar im Auto mitgenommen hat!?!“
„Kann ja nicht anders gewesen sein“, schaltete sich Bernd wieder ein. Überleg‘ doch mal. Wenn es tatsächlich die Frau war, dann muss Deppe sie mitgenommen haben. Das gibt die Zeitberechnung nicht anders her. Auch wenn wir dort Luft von gut 25 Minuten haben. Vergiss nicht, Unfall und Bergung haben Zeit gekostet. Wie hätte sie denn in dieser Zeit sonst aus dieser gottverlassenen Ecke nach Raumland kommen sollen? Und warum hätte Frank Deppe sie ausgerechnet dort aufsuchen sollen, wenn es den Unfall nicht gegeben hätte?“
„Aber …“, wehrte Klaus diese Idee ab, „… der Deppe ist doch in Dotzlar alleine mit dem Porsche an mir vorbei gekommen, verdammt noch mal.“
„Na ja, vielleicht hast Du sie nur nicht gesehen, weil sie zum Beispiel auf dem herunter gedrehten Beifahrersitz lag und nicht saß“, hielt Dickel dagegen.
Klaiser gab sich geschlagen. So musste es gewesen sein. Eine andere Erklärung gab es eigentlich nicht. Vorausgesetzt, es war wirklich ein und dieselbe Frau. Und die musste mordsmäßig Schwein gehabt haben bei ihrem Sturz. Denn größere Verletzungen konnte sie ja nicht abbekommen haben. Nach allem, was man von Herrn Schneider weiß, hatte sie weder gehinkt noch sich vor Schmerz gekrümmt. „Wisst Ihr schon, wem das Motorrad gehört?“
„Keinen blassen Schimmer. Das Nummernschild war offenbar gewaltsam abgerissen worden. Wahrscheinlich hat es der Muskelmann unterwegs irgendwo aus dem Auto heraus in den Wald geworfen. Denn im Porsche war‘s nicht.“
„Okay, mein Boss“, scherzte Klaus, „dann werden wir uns jetzt noch verstärkter auf die Suche nach der Dame machen. Vielleicht gar nicht so schlecht, dass auch Corinna in zivil ist. Da könnten die Leute ja vielleicht glauben, wir seien von den Zeugen Jehovas, die da gerade unterwegs sind. Aber die werden ja auch nur ungern ins Haus gelassen.“
„Alles klar, macht das. Und meldet Euch regelmäßig. Es raucht im Moment ziemlich im Karton. Vor allem bei der SOKO. Die kommen auf keinen grünen Zweig mit dem Deppe. Und von Bernd Mönkemann gibt es nicht den Hauch einer Spur. Seine Familie ängstigt sich zu Tode. Der Mann hat eine Frau und zwei noch recht kleine Kinder. Da kannst Du Dir vorstellen, was da abgeht. Kein Mensch weiß, ob der Mann noch lebt – und, falls ja, wo und wie.“
Klaus verabschiedete sich und wollte das Telefonat beenden, als Bernd meinte: „Übrigens, es gibt auch noch Positives zu berichten, hätte ich fast vergessen. Hendrik Schlemper, Dein Nuttenprinz von gestern Morgen, ist den Kollegen in Weidenau wie geplant ins Netz gegangen. Festnahme ohne Gegenwehr. Er ist voll geständig und hatte wohl noch die gesamte Kohle dabei. Bis auf das, was er für das Taxi und für ein Frühstück irgendwo am Bahnhof ausgegeben hat.“
„Na, dann hat sich das frühe Aufstehen ja wenigstens gelohnt“, lachte der Hauptkommissar und drückte den Dienststellenleiter auf dem Smartphone weg.
Corinna Lauber hatte sich während dieses Gesprächs angeregt mit Ernst Schneider unterhalten und nur wenig von Klaus‘ Telefonat mitbekommen. Er würde sie später sicher ausgiebig informieren.
Schneider hatte ihr aus seinem Leben erzählt. Seither hatte die junge Frau richtiggehend Ehrfurcht vor dem alten Herrn. Der stammte ursprünglich aus Birkelbach, war sechstes von acht Kindern einer nicht gerade begüterten Familie mit drei Kühen und einem Schwein im Stall und fünfzehn Morgen Land. Das waren etwas mehr als vier Hektar. Damals schon ein Nebenerwerbsbetrieb, der allenfalls das Nötigste zur Versorgung der Familie abwarf. Der Vater und drei seiner Brüder waren vor allem aber Sägewerksarbeiter gewesen, die leidlich Geld heran schafften. Immerhin aber konnte Ernst eine höhere Schule besuchen und später sogar Jura studieren. Bald war er Staatsanwalt und einige Jahre danach Richter geworden und konnte so seinen alten Eltern finanziell einiges vergelten. Sie hatten ein hartes Leben gehabt.
Erst spät hatte Ernst Schneider, mittlerweile Amtsrichter in Stade, seine Frau kennengelernt und die Architektin zwei Jahre darauf geheiratet. Für Kinder war es wohl damals schon zu spät gewesen. Als sie vor elf Jahren einen der vielen Heimatbesuche in Wittgenstein machten, erlitt Dagmar, seine Frau, einen schweren Herzinfarkt. Sie kam ins Kreiskrankenhaus nach Berleburg und bald darauf zur Reha in die damalige Herz- Kreislaufklinik. Ernst, mittlerweile pensioniert, mietete sich in einer Pension ein, um in ihrer Nähe zu bleiben. Als sich aber herausstellte, dass Dagmar zwar den Herzinfarkt gut überstanden hatte, aber an Leukämie erkrankt war, verkaufte Schneider kurzerhand ihr Einfamilienhaus im Alten Land bei Hamburg und erwarb das Haus, in dem er noch heute wohnte. Und dort hatte er sie bis zu ihrem Tod gepflegt. „Sie war meine ganz große Liebe“, hatte er Corinna mit Tränen in den Augen erzählt. „Aber trotz aller Bemühungen der wirklich besten Ärzte, Rettung hat es für sie leider keine gegeben.“
Als sie sich verabschiedet und Schneiders Versprechen eingeholt hatten, seine Beobachtungen bald auf der Wache in Berleburg zu Protokoll zu geben, war es schon deutlich Mittag. „Ich rufe mal schnell bei Ute an. Mal schauen, ob wir nicht irgendwo was zusammen essen gehen können.“ Klaus kramte sein Handy aus der Jackentasche. „Klar, grüß sie schön von mir“, erwiderte Corinna, als sie den Wagen aufschloss und sich schon mal hinein setzte. Kurz darauf stieg Klaus auf der Beifahrerseite ein.
„Ich krieg‘ sie nicht. Mailbox. Hab‘ ihr was drauf gesprochen. Gehen wir irgendwo zu ’ner Frittenbude, oder willst du was Anständiges essen?“
„Ach ’ne Currywurst und ’ne Cola reichen mir auch. Ich hab‘ nicht so den großen Hunger. Der kommt sicher erst am späten Nachmittag. Hab‘ ja noch Dienst bis abends um sieben.“
Klaus schaute sie wohl etwas dämlich fragend an. „Ja, ja, Doppelschicht heute. Freiwillig. Guck nicht so, Mann. Ich wollte sehen, wie das hier weiter geht. Und vor allem wollte ich wissen, wie´s Dir geht. Ich hatte gestern Abend am Telefon meine liebe Not, Ute gefühlsmäßig ein bisschen aufzufangen.“
Die durchaus attraktive Kollegin machte sich also Gedanken um ihn, den Mann ihrer besten Freundin. Wow. War da vielleicht etwas, was er nicht bemerkt hatte? ‚Ach, Blödsinn‘, dachte Klaus‚ ‚so ist das eben unter Kollegen. Extra-Dienst hätte ich wegen ihr auch gemacht. Außerdem ist Corinna in festen Händen.’
Simon hieß er. Simon Klingbeil, Oberleutnant der Luftwaffe und nebenbei ein recht erfolgreicher Fußballer in Erndtebrück. Ein richtig netter Bursche. Und intelligent obendrein. Klaus und Ute hatten ihn erst vor ein paar Wochen mit Corinna zusammen bei einem Konzert auf dem Berleburger Marktplatz erlebt und so ein wenig kennen gelernt. „The Natives“ hatten gespielt, eine richtig gute Coverband. Hatte Spaß gemacht, auch dem jungen Offizier und Regionalliga-Fußballer. Der war nur deshalb mal zu diesem für ihn sonst seltenen Genuss gekommen, weil er an Krücken ging. „Irgendwas mit dem linken Innenband“ zwang ihn zu Spielund Trainingspause. „Während der Saison und in der Vorbereitung kannst du solche Events normal knicken“, hatte Simon fast bedauernd gesagt. Leistungssport und schönes Leben – irgendwie passt das nicht zusammen.
„Also gut, wohin denn nun, mein Guter?“ Corinna war schon mal bis vor zur Kreuzung mit Südstraße und Hinterstöppel gefahren, um in Richtung Berleburg umdrehen zu können. Die vom Regen nasse Straße dampfte jetzt richtig unter der warmen Mittagssonne. Da rief Ute zurück. Nein, Zeit für ein gemeinsames Essen habe sie nicht, aber eine interessante Info. Die könne vielleicht hilfreich sein. Ein Kollege habe aus der Zeitung von der Mönkemann-Entführung gelesen und behaupte nun steif und fest, den Mönkemann schon häufiger mal in Wittgenstein gesehen zu haben. Meist auf Schützenfesten. Immer zusammen mit derselben Frau. Knapp über 30 Jahre alt, groß, schlank, dunkelhaarig mit Pferdeschwanz und richtig hübsch. Eine, die einem Mann sofort auffalle. Daher habe er sich auch den Typen bei ihr so gut merken können. Und in der Zeitung sofort wieder erkannt.
„Ja hat er denn eine Ahnung, wer diese Frau ist und wo sie wohnt?“, wollte Klaus wissen.
„Nee, da hapert‘s bei ihm“, gab Ute zurück. „Aber wenn Du willst, kannst du Dich ja mal persönlich mit ihm unterhalten. Ich geb‘ Dir seine Handynummer.“
Klaus klemmte das Smartphone zwischen Ohr und Schulter, pulte einen Kuli aus dem Inneren seine Jacketts und friemelte einen post-it-Block von der Mittelkonsole los. „Gut, bin schreibbereit. Und gib mir bitte noch seinen kompletten Namen und seine Privatadresse, falls Du sie kennst.“
Er begann eifrig zu schreiben, nuschelte noch ein paar liebe Worte in den Apparat und beendete das Gespräch.
„Grüße von Ute. Ich glaube, wir sind einen Schritt weiter, was die ominöse junge Frau betrifft.“ Und dann erzählte er Corinna von den Beobachtungen des Klinik-Mitarbeiters.
„Okay“, sagte sie. „Aber wir haben keine Ahnung, wo sie wohnt. Dass das hier in Raumland ist, das scheint mir eher fraglich. Denn Herr Schneider hat sie noch nie zuvor gesehen. Und er beobachtet mit Sicherheit mehr da draußen vor der Tür, als er zugeben will.“
„Klar, wir wissen nicht, wo sie wohnt. Aber wir wissen, dass es einen Mönkemann-Bezug zu unserer Ecke gibt. Und dem sollten wir unbedingt nachgehen.“
Minuten später hatte Klaiser SOKO-Leiter Jörg Gabriel und seinen Dienststellenleiter darüber informiert und bereits Kontakt zu Utes Kollege aufgenommen. Sie hatten vereinbart, sich bei Ruggero im Alten Bahnhof zum Essen zu treffen. Bernhard Trefz wollte um 13 Uhr dort sein.
Gabriel musste auf der anderen Seite der Leitung einen Riesensatz gemacht haben. „Ich werd‘ verrückt. Irgendwas muss an Wittgenstein dran sein, dass sie alle ausgerechnet dort hin wollen. Jetzt haben wir wenigstens einen neuen Faden. Bitte tut mir den Gefallen und versucht, den so an unsere Geschichte anzubinden, dass endlich mal etwas dabei heraus kommt. Hier ergibt sich nämlich nüscht. Dreimal nichts. Niente! Nicht in der Mönkemann-Familie, nicht in der Firma, nicht mal am Siegener Leimbachstadion. So eine verdammte Scheiße. Man könnte meinen, der Fall hätte gar nicht stattgefunden. Ich könnte kotzen. Wenn absolut nichts voran geht, kommt man sich dermaßen überflüssig vor. Und trägt dann auch noch die Verantwortung für etwas, von dem man nicht mal die Spur einer Ahnung hat. Entschuldige bitte. Aber das musste jetzt einfach mal raus.“
Der Mann saß im Café-Garten des Hotels und heulte Rotz und Wasser. Nur wenige Meter vom Ufer des Genfer Sees entfernt. Er konnte sich weder an diesem wundervollen Herbsttag ergötzen, noch an diesem herrlichen Ausblick. Matteo Rüeggli versuchte, sein Schluchzen zu unterdrücken. Denn die Leute an den Nachbartischen schauten bereits herüber. ‚Was für eine unglaubliche Scheiße‘, dachte er. ‚Schlimmer hätte es kaum mehr kommen können.’
Dabei war alles glatt gelaufen heute Morgen. Bereits um 8.55 Uhr war er pünktlich auf dem Geneve Airoport gelandet und sofort mit dem Taxi zur Bank gefahren. Dort wurde er bereits erwartet. Und die Geld-Transaktion war ohne große Umstände abgelaufen. Die gesamte Summe von 6,5 Millionen Schweizer Franken hatte er sich, wie längst telefonisch avisiert, in bar auszahlen und in einen Pilotenkoffer packen lassen. Selbst wenn ihn jemand nach Verlassen des Geldhauses hätte überfallen wollen, wäre der wohl chancenlos geblieben. Denn Rüeggli war auf der gegenüberliegenden Straßenseite spornstreichs in die nächste Bank marschiert und hatte dort 3,5 Millionen auf ein neues Nummernkonto eingezahlt und drei Millionen auf die Cayman Islands überweisen lassen.
Er war ein reicher Mann. Ohne Zweifel. Aber er war nicht glücklich. Das komplette Gegenteil hätte seinen Seelenzustand genauer beschrieben. Denn die Frau, die er so sehr geliebt hatte und die mit ihm zusammen leben wollte, war weg. Einfach abgehauen. Das gemeinsame Leben mit ihr … Asche. „Alles im Eimer“, flüsterte er vor sich hin. Immerhin noch so laut, dass eine ältere aufgeputzte Dame bei gedecktem Apfelkuchen und Schümli-Kaffee indigniert die Nase rümpfte und demonstrativ das erhobene Haupt herum riss und auf den See hinaus stierte. Alles, was er getan, was er geplant hatte, war sinnlos geworden. Und dann diese Überreaktion. Plötzlich, aus der Situation heraus. Hätte er sich doch nur nicht auf diesen Scheißplan eingelassen. Dann müsste er jetzt wenigstens keine Angst vor Polizei und Behörden haben.
Als sie im Alten Bahnhof angekommen waren und Ruggero ihnen wortreich seinen letzten Tisch für vier Personen hinten im Eck angeboten hatte, fiel Klaus ein, dass er ja keine Ahnung hatte, wie dieser Bernhard Trefz überhaupt aussah. Doch das erübrigte sich in dem Moment, in dem der Mann auftauchte. „Ehre sei Gott in der Höhe und dreizwanzig in der Breite“ hätte sein Freund Abby gesagt. Ein braungebrannter, freundlich drein schauender Riese in Jeans und weißem T-Shirt betrat die Szenerie, machte Corinna und Klaus ruckzuck als seine Gesprächspartner aus und steuerte auf sie zu. Artig stellte er sich zunächst bei ihr, dann bei ihm vor. „Hallo, ich bin der Bernhard Trefz. Ohne Letzteres wär‘s mir allerdings bedeutend lieber. Also bitte, wenn´s Euch erlaubt ist: ‚Du’ und ‚Bernhard’.“
„Klar ist das erlaubt“, lächelte Corinna, „oder?“ Etwas zweifelnd schaute sie nun zu Klaus. Immerhin könnte das ja ein wichtiger Zeuge sein, war ihr plötzlich eingefallen.
„Natürlich, natürlich. … Ich bin Klaus, angenehm. Das ist übrigens Corinna“, grinste er. Denn er hatte festgestellt, dass seine Kollegin in ihrer offensichtlichen Bewunderung für diesen hypersportlichen netten Menschen ihren Namen ganz unterschlagen hatte.
Corinnas Teint färbte sich zartrosa. Süß sah sie aus.
Nachdem sie alle in die Speisekarte geschaut und Ruggero die Bestellung aufgenommen hatte, bat Klaus ihren Gast, doch einmal zu erzählen, wieso er sich so sicher sein konnte, dass er Bernd Mönkemann und diese dunkelhaarige Frau häufiger zusammen gesehen hat.
„Also“, fing Bernhard an. „Ich bin jetzt seit knapp einem halben Jahr hier an der Klinik in Bad Berleburg. Meine Frau ließ sich 2014 von mir scheiden. Weil sie in Marburg einen Uni-Professor kennengelernt hat, mit dem ich viel zusammen arbeitete. Deshalb konnte ich es dort nicht mehr aushalten und bin weg“, begann er gestenreich zu erzählen.
„Nun gehöre ich nicht zu denen, die gerne allein sind. Daher mache ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Augen auf und schaue mal, was der Markt so hergibt.“ Dabei schaute er Corinna um Verzeihung bittend an. „Nicht übel nehmen bitte, das mit dem ‚Markt’. Du weißt hoffentlich, was ich meine.“
„Klar, kein Problem.“ Corinna nickte lächelnd. „Erzähl‘ weiter, bitte.“
„Das erste Mal, dass sie mir auffiel, war, glaube ich, im ‚Tonkrug‘. Ihr kennt die Kneipe in der Hochstraße oben sicherlich.“ Beide nickten. „Sie stand dort, an einen dieser Fachwerkbalken gegenüber der Theke gelehnt und unterhielt sich angeregt mit einem Mann, der mir den Rücken zugekehrt hatte. Ein Bild von einer Frau. So ein richtiger Eyecatcher – mit einer unheimlichen Ausstrahlung. Mein Interesse wuchs von Minute zu Minute. Aber plötzlich sah ich, wie sie den Mann gegenüber sehr intensiv küsste. Kurz darauf zahlte der Mann bei Rico, der sich noch einen Moment mit ihm unterhielt. Dadurch konnte ich ihn genauer ansehen und feststellen, dass der wohl nicht die schlechteste Wahl war. Dann gingen die beiden Hand in Hand an mir vorbei hinaus. Der Traum war erstmal geplatzt.
Das nächste Mal sah ich die beiden auf dem Berleburger Schützenfest. Sonntagnachmittag, es war Sauwetter. Und die beiden standen eng umschlungen in einer dieser Zelthallen auf dem Schützenplatz. Hatten einen Riesenspaß – und er ständig seine Hände irgendwo an ihrem Körper, wo´s andere eigentlich nicht hätten sehen sollen. Er hatte wohl ziemlich einen im Horn.“
Zwischenzeitlich waren ihre Getränke gekommen. Alkoholfreie, versteht sich. Sie prosteten sich dennoch zu und tranken alle einen tiefen Schluck. Denn es war recht warm im Restaurant. Am Nachbartisch wurde gerade gezahlt. ‚Ist gut, wenn die Leute gehen‘, dachte Klaus. ‚Die haben ohnehin schon ziemlich lange Ohren gehabt. Und sie müssen ja nicht unbedingt mitbekommen, wer wir sind und in welchem Zusammenhang das Gespräch geführt wird.’ Zum Glück war der Name Mönkemann noch nicht gefallen.
„Und wie geht es weiter?“, wollte er von Bernhard wissen.
„Wie gesagt, ich bin eigentlich auf der Suche nach einer neuen Partnerin. Und wo macht man das in Wittgenstein besser als auf den Festen? Ich also zwei Wochen später nach Berghausen zum Schützenfest. Zum Vogelschießen in der Krimmelsdell. Das sei ein wunderschöner Platz, hatten mir Kollegen gesagt und um diese Zeit ein Treff für Menschen aus der ganzen Umgebung. Man könne sich da auch als Fremder nach und nach mit der einen oder anderen Pils-Runde mit eingrooven, wenn man das möchte. Aber zwingend sei das nicht. Wichtig wäre nur, dass man zügig Kontakt zu den Leuten finde. In Berghausen sei das überhaupt kein Problem.
Und das stimmt. Ich habe jede Menge netter Menschen kennengelernt und mich bestens unterhalten. Es gab Runde um Runde, hab’ mich selbst natürlich auch beteiligt. Und als ich ein Tablett Bier an einem der Rondells holen wollte, da sah ich die beiden plötzlich wieder. Arm in Arm und mit einigen Leuten plauschend.
Am Abend war ich dann zum Eierbacken eingeladen – bei einem Kalli unten im Dorf. Kam mir richtig zuhause vor bei dem. Und plötzlich waren die beiden auch wieder da. Aber da war mein Interesse nicht mehr so groß. Ich hatte eine ganz nette Frau kennengelernt. Mit der treffe ich mich heute noch regelmäßig. Könnte vielleicht was werden für die Zukunft.“
Klaus Klaiser hatte mit fast geschlossenen Augen intensiv zugehört und an verschiedenen Stellen der Schilderung über das Berghäuser Schützenfest und Berghäuser Bräuche beifällig genickt. „Würdest Du die Frau denn unter Umständen auf Fotos wieder erkennen?“
Das Essen kam. Spaghetti Vongole. Corinnas Augen weiteten sich, als der Teller vor ihr Platz fand. Cola light war dazu allerdings eher ein Sakrileg – jedoch dem Dienst geschuldet.
Klaus bekam seine geliebte Pizza Salami mit extra scharfem Öl. Und Bernhard hatte einen Nizza-Salat mit reichlich Thunfisch und Oliven bestellt. „Natürlich würde ich sie wieder erkennen. Gar keine Frage. Sogar mit einer anderen Frisur. So tief hat sich ihr Gesicht bei mir eingebrannt“, setzte Bernhard Trefz die Unterhaltung fort.
Ich habe nämlich selten eine so hübsche, um nicht zu sagen schöne Frau gesehen.“ Sein Blick ging in die Ferne und hatte etwas sehr Verliebtes an sich.
„Aber jetzt sagt mal, warum wollt Ihr das eigentlich alles wissen? Hat die Frau etwa etwas mit der Entführung von Mönkemann zu tun? Das kann ich mir nun überhaupt nicht vorstellen. Die ist alles andere als eine Kidnapperin.“
„Das wissen wir noch nicht“, antwortete Corinna und handelte sich einen strengen Blick von Klaus ein. „Und wir dürften es Dir auch gar nicht sagen“, hoffte sie, alles wieder in Ordnung gebracht zu haben. Klaus nickte. ‚Gerade noch mal die Kurve gekriegt‘, hoffte die Kollegin.
„Habt Ihr den Mann denn mittlerweile gefunden?“
„Nee, haben wir noch nicht.“
„Aber den Entführer habt Ihr. Da warst Du doch maßgeblich dran beteiligt, wie man hört. Und an der Schießerei in Berghausen. Hast eine tolle Presse bekommen.“
„Na ja, so hammerhart, wie sich das auf den ersten Blick liest, war es nicht ganz“, versuchte Klaus ganz bescheiden das Gesprächsthema wieder ein wenig auf die Gesuchte zu fokussieren. „Wärst Du denn bereit, bei der Identifizierung der Frau mit zu machen. Falls wir ein Foto von ihr in die Hand bekommen sollten.“
„Aber natürlich. Es interessiert mich ja selbst, wer und vor allem was sie ist.“
Klaus hatte da schon einen Plan. Thomas Knebel, der Vorsitzende des Schützenvereins Berghausen, hatte ein gigantisches Fotoarchiv in seinem PC. Mit allen nur möglichen Bildern von Schützenfesten, Generalversammlungen, Knobelturnieren und so weiter. Er kannte Knebel ein wenig, hatte sich schon öfter mal mit ihm unterhalten. Vor allem in seiner Eigenschaft als Gebietsrepräsentant einer großen Brauerei nahm Thomas öfter an Veranstaltungen teil, die von Menschen besucht wurden, bei denen Personenschutz angeordnet war. Politiker zum Beispiel. Klaus Klaiser zeichnete, was das anbelangte, verantwortlich für die Polizei Bad Berleburg und war häufig genug persönlich mit dabei. Gleich heute Abend wollte er ihn anrufen oder mal bei ihm vorbei fahren.
Nach einem gemeinsamen Espresso bestellten sie die Rechnung. Klaus zahlte für Bernhard Trefz mit. Er hatte ihn ja schließlich zu diesem Treffen veranlasst und nahm dem Kollegen seiner Frau das Versprechen ab, in dieser Sache möglichst nichts weiter heraus zu posaunen. Man wollte zusammen telefonieren, wenn es nötig würde.
„Willst Du mit ins Krankenhaus, den angeschossenen Kollegen besuchen?“ Klaus konnte sich den Namen von Markus Schröder partout nicht merken und musste immer wieder unter den Kontakten in seinem Handy suchen. Dort hatte er ihn und Philipp Schmitz unter „Kölner“ eingegeben.
Corinna war einverstanden, fragte während der Fahrt zum Hospital aber, ob es nicht vielleicht besser wäre, noch am Nachmittag in Raumland nach der Fremden Ausschau zu halten.
„Werden wir noch, werden wir noch. Wenngleich wir dort wahrscheinlich allenfalls etwas darüber erfahren, wer die Frau hat vorbei kommen sehen. Falls sie überhaupt jemand gesehen hat. Nach allem, was wir von Herrn Schneider wissen, wohnt sie ja wohl nicht dort in der Nähe.“
„Wir haben halt auch so wenige Anhaltspunkte – bis auf die Beschreibungen von Schneider und Trefz“, sinnierte die junge Kollegin weiter.
Klaus erzählte ihr von seinem Vorhaben, das Foto-Archiv des Schützenvereins nach Bildern von Mönkemann und seiner Bekannten, oder sollte man sagen „Geliebten“ zu durchforsten. „Aber wenn es seine Geliebte ist“, merkte Corinna an, „welches Spiel spielt sie dann jetzt? Mönkemann ist verschleppt, sie wird von dessen Entführer mit Mönkemanns Auto offenbar gewaltsam vom Motorrad geholt und danach sogar nach Raumland gefahren. Was machte denn das für einen Sinn?“
„Kann ich Dir nicht sagen. Dazu fällt mir im Moment nur ganz wenig ein“, entgegnete Klaus. Corinna dachte weiter laut vor sich hin. „Wenn er die Frau auch hätte entführen wollen, warum liefert er sie dann irgendwo in Freiheit ab? Die Nummer ist doch total abstrus. Oder war sie von Anfang an dabei - und zwar auf der Seite des Entführers?“
„Passt eigentlich nicht so ganz zu den Beschreibungen von Trefz. Demnach müssen sie und Mönkemann eher ein Liebespaar sein.“ Doch vielleicht hat Corinna ja recht, malte Klaus sich den möglichen Wechsel der Seiten durch die Frau aus. „Aber was hätte sie davon, wenn sie an der Entführung beteiligt wäre? Das Lösegeld am Leimbachstadion wollte offenbar niemand abholen.“
„Oder konnte nicht“, entgegnete Corinna. „Denk mal an die Unfälle.“
„Daran denken alle die ganze Zeit. Nur stimmen die zeitlichen Abläufe nicht. Das weißt Du doch. Um 16 Uhr, als wir noch nichts von der Entführung wussten, sollte das Lösegeld in Siegen bereitgestellt sein. Zu dieser Zeit raste der Entführer aber durch Wittgenstein. Und die Geliebte des Entführten hatte er wenige Minuten zuvor bei Stünzel vom Motorrad katapultiert, als sie Richtung Sassenhausen, also nach Osten unterwegs war, satt nach Westen. Auch die war also nicht in Siegen und wollte wohl auch nicht dort hin, um das Geld abzuholen.“ Klaiser schaute seine Kollegin mit fast verzweifeltem Blick an. „Verbessere mich, wenn ich falsch liege. Aber diese Fakten lassen mich an der Mittäterschaft der Frau zweifeln.“
Sie hatten einen Parkplatz unterhalb des Krankenhausküchentraktes gefunden. Und Klaus hatte schnell ein Ticket für eine Stunde gelöst und hinter die Scheibe gelegt. Dann gingen sie dem Bogen der Zufahrtsstraße nach zum Haupteingang. Klaus wäre dabei beinahe von einem Taxi gerammt worden, das von der Klinik her angebrettert kam. Mit einem Sprung zur Seite hatte er sich aus der Gefahrenzone gebracht. „Sag mal, geht‘s noch?“, schrie er dem Taxifahrer hinterher und drehte sich instinktiv herum, um nach der Taxinummer zu schauen. Die 36 hatte er unten rechts im Heckfenster erkannt. Und daneben den Kopf einer dunkelhaarigen Frau, die wohl den Beinahezusammenstoß mitbekommen und sich nach ihm umgesehen hatte.
„Ich weiß nicht was du willst. Hier gibt‘s schließlich Gehwege.“ Auf den leicht hämischen Kommentar seiner Kollegin konnte er verzichten. Schließlich gebe es ja auch ein Schild „Schritttempo fahren“ hatte er gekontert.
Markus Schröder saß auf der Bettkante, als sie sein Zimmer betraten. Das linke Bein dick bandagiert und auf einer Schiene liegend, die er mit einem Stuhl gestützt hatte. Er war gerade dabei, seinen Nachmittagskaffee zu trinken. Dazu gab es Zitronenrolle. „Wenn die he so weijter maachen, dann hann se misch jans schnell in eijner Kleijderjröße, die isch nie erreijschen wollte“, rief er den beiden Kollegen grinsend entgegen. „Jrüß Eusch. Dat is awwa nett, dat Ihr vorbeijkommt.“
„Schön, Dich so zu sehen“, sagte Klaus, der Markus die rechte Hand gab und ihm mit links die Schulter klöpfelte. „Das ist Corinna Lauber, Kollegin von hier“, wollte er vorstellen. Aber die beiden kannten sich bereits. „Grüß Dich, Du tapferer Schutzmann. Hat Dich ja ordentlich erwischt.“ Corinna zeigte auf das lädierte Bein und verzog ihr gespielt schmerzverzerrtes Gesicht.
„Sieht schlimmer ous als es is, jloub isch. Die han dat, wie se sagen, in da OP janz joot wieder hinjekrischt. Un der Schmerz hält sisch in Jrenzen.“
Schröder bot beiden einen Platz in dem richtig netten Zimmer an, das mehr an ein Hotelzimmer erinnerte als an eines in einem Krankenhaus. Auf dem Tisch vor dem Fenster stand eine Schale mit Obst. Und irgendwer hatte für den opulenten Blumenstrauß gesorgt, der daneben stand. Bilder von Klimt und Kandinsky zierten die Wände. Und einen großen Flachbild-Fernseher gab es, den der Patient bei ihrer Ankunft ausgeschaltet hatte. Nur das Krankenbett und das Nachtschränkchen mit schwenkbarer Platte störten das Ambiente.
Der Kollege lag auf der Privatstation. ‚Das ist auch in Ordnung so‘, dachte Klaus Klaiser. ‚Ein solch traumatisches Erlebnis musst man erst mal wegstecken. Da ist es sicher auch besser, wenn der Betroffene sich seine Gesprächspartner selbst aussuchen kann, statt ständig von neugierigen Mitpatienten und deren Besuchern ausgefragt und förmlich gelöchert zu werden.‘ Der Fall hatte in kürzester Zeit ohnehin schon gewaltig Staub in der Öffentlichkeit aufgewirbelt.
„Seit ihr denn schon en Stückschen weijter jekommen“, wollte er wissen. Klaus und Corinna erklärten Schröder in kurzen Zügen den Stand der Dinge. Und der schüttelte unablässig den Kopf. „Dat is doch nit normal“, sagte er schließlich. „Wenn de so jet veranstaltest, dann willste doch och an de Kohle ran.“ Der Kollege war verwirrt ob der Infos. „Un dann dä arme Hund, denn dä Typ entführt hät. Wo sollte dä dann bloß sein? Jiddet denn keijne eijnzije Spur?“
„Bis jetzt offenbar nicht“, meinte Corinna. „Der Entführer schweige dazu wie ein Grab, wird uns gesagt.“
„Dat is doch Wahnsinn, Mann. Oh nä. Wenn isch könnt‘, isch würde dat ous dem Doof oder Depp, oder wie dä Kerl heijßt, rousprüjeln. Un wenn isch dadursch meijnen Job verlieren würde“, ereiferte er sich.
Klaus lächelt versonnen und klopfte Schröder auf die Schulter. „Jetzt sieh Du erst mal zu, dass Du wieder ganz gesund wirst und auf die Beine kommst. Ist schon schlimm genug, was Dir da passiert ist. Und danke noch mal für Deinen Einsatz. Wer weiß, wie das alles abgelaufen wäre, wenn Du nicht so beherzt eingegriffen hättest.“
Zum Abschied umarmte Corinna den Kollegen und gab ihm einen Kuss auf die Wange, so dass dieser drein blickte wie im siebten Himmel und mit den Augenlidern klimperte.
„Eijentlisch schade“, sagte er, „dat isch bei solsch eijner Betreuung net he bleiwen kann. Isch werd‘ wahrscheijnlisch schon am Samstach in ’ne Klinik no Kölle verleescht. Minge Fründin hat dat veranlasst. Awwa losst ons bitte in Kontakt bleijwen.“
Das versprachen sie und verließen die Privatstation. Aber noch nicht das Krankenhaus. Denn Klaus schleppte schon die ganze Zeit ein komisches Gefühl mit sich herum. Seit der Begegnung mit dem Taxi und seiner Passagierin. ‚Was ist denn, wenn die Motorradfahrerin von gestern doch was abgekriegt hat bei dem Sturz und sich behandeln lassen muss?’ Als er Corinna davon erzählte, klatschte die sich mit flacher Hand an die Stirn. „Oh Mann, das gibt‘s doch gar nicht. Das wäre ja der Hammer, wenn die Dunkelhaarige im Taxi die Gesuchte war.“
Wie von sieben Teufeln gehetzt rannten die beiden die weiten Treppen des Krankenhauses herunter bis zur Notfall-Ambulanz. Dort war richtig was geboten. Ein Mann in typischer Schreinerkluft mit blutverschmiertem Verband an der rechten Hand wurde gerade von zwei Kollegen herein geführt. Der Arme hatte offenbar einen oder mehrere Finger verloren und krümmte sich vor Schmerzen. Auf fünf Stühlen im Wartebereich saßen fünf große und kleine Menschen. Alle mit notdürftigen Verbänden an allen möglichen Extremitäten. Und auf einer rollbaren Trage aus einem Rettungswagen lag ein kleines Mädchen mit Kopfverband und gefasstem Blick. Dafür weinte dessen junge Mutter.
„Au Klasse“, entfuhr es Klaus. „Und jetzt kommen wir und wollen Infos. Das kann dauern.“
Corinna hatte da so eine Idee und erklärte Klaus, sie sei gleich wieder zurück. Weiter vorne in diesem Trakt hatte sie die Zentrale Aufnahme ausgemacht, in der sie jetzt eine nette junge Frau ansprach: „Entschuldigen Sie bitte. Ich bin Kommissarin Corinna Lauber von der Polizei Bad Berleburg“, begann sie wie in einem Fernsehkrimi und zeigte ihren Dienstausweis vor. „Meinem Kollegen und mir ist vor etwa zwanzig Minuten ein Taxi begegnet, das hier weg fuhr mit einem weiblichen Fahrgast mit dunklem langem Haar. War das eventuell eine Patientin von Ihnen, die sich hier hat ambulant behandeln lassen?“
Die junge Frau hinter dem Counter lächelte und antwortete mit leicht süffisantem Ton: „Dazu darf ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Sie wissen doch, dass es einen Datenschutz gibt und darüber hinaus auch noch den deutlich höher stehenden Schutz von Patientendaten. Und dann gibt es da noch ein Arztgeheimnis. Nur für den Fall, dass Sie auf die Idee kommen, jemanden vom medizinischen Personal auszufragen. Sie haben aber die Möglichkeit, mit einer richterlichen Verfügung über unseren ärztlichen Direktor oder über den Verwaltungsdirektor diese Frage erneut zu stellen.“
Mit allem hatte die junge Kommissarin gerechnet. Aber nicht damit, dass sie von einer lächelnden Notaufnahme-Mitarbeiterin mit leicht biestiger Stimme derart geschulmeistert werden würde.
„Aber vielleicht können Sie mir sagen, warum Sie so interessiert sind an dieser Frau“, ließ sich die Oberlehrerin hinter dem Tresen vernehmen.
„Tut mir leid, das ist aus ermittlungstaktischen Gründen leider nicht möglich“, sagte Corinna mit einem süffisanten Lächeln. „Im übrigen bin ich gehalten, zivile Personen nicht in Polizeimaßnahmen einzuweihen. Aber Sie haben jederzeit die Möglichkeit, ihre Frage an unsere Stelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zu richten“, ließ sie die verdattert Dreinschauende stehen und ging zurück in die Notfall-Ambulanz.
Klaus war nirgends zu sehen. ‚Der wird sich sicher schon einen Arzt oder eine Schwester geschnappt haben und interviewen‘, dachte sie und setzte sich, um abzuwarten. Kurz darauf stürzte der Kollege von der Eingangsseite herein und forderte sie auf mitzukommen.
Als sie draußen vor der Klinik waren, informierte er sie kurz, dass er zwischenzeitlich von der Taxizentrale erfahren hatte, wohin Wagen 36 mit der dunkelhaarigen Frau gefahren war. Die Dame hatte sich ins Hotel Traumland bringen lassen, unten am Stöppel. „Nicht sehr weit weg von der Weststraße und von dort, wo der Entführer unsere Motorradlady abgeladen hat.“
Mit großen Augen entgegnete Corinna: „Also ist es die Gesuchte. Alles andere wäre Zufall. Aber den …“
„… gibt es nicht, wie wir alle wissen“, war sich Klaus ganz sicher. Und die Kollegin mochte ihm da nicht widersprechen.
Nele Schlüter hatte in der vergangenen Nacht wenig geschlafen. Nicht nur, dass der gestrige Tag immer wieder wie ein Film vor ihrem geistigen Auge ablief. Wie in einer Endlosschleife. Auch die Schmerzen im linken Knie und in der Schulter waren nahezu unerträglich und wollten nicht weichen. Und mit den beiden Ibuprofen-Tabletten, die sie von der Hotelbesitzerin bekommen hatte, war ihr nicht sehr geholfen. Ihre ganze linke Körperseite bestand mittlerweile aus einem einzigen Bluterguss und brannte wie die Hölle.
Eine gefühlte Ewigkeit hatte sie im Krankenhaus warten müssen, bis sie in der Notfall-Ambulanz endlich dran kam. Und dort hatte ihr ein zwar sehr netter aber nerviger Arzt nach eingehender Untersuchung und diversen Röntgenaufnahmen zu mindestens zwei, drei Tagen Krankenhaus geraten. Es war zwar nichts gebrochen, aber der Doc hatte jede Menge schwere Prellungen und Zerrungen bei ihr festgestellt und ihr ein paar sehr schmerzvolle Tage vorher gesagt. Das könne man aber mit der entsprechenden Medikation in den Griff bekommen. Wesentlich sei, dass dies unter ärztlicher Aufsicht geschehe.
Aber Frau Schlüter hatte das abgelehnt und sich, wenn man so will, auf eigene Gefahr entlassen lassen. Mit einem Privatrezept für etwas stärkere Schmerzmittel in der Hand und einer quittierten Rechnung. Denn sie hatte ihre Untersuchungen privat bezahlt. Eine gesetzliche oder private Krankenversicherung habe sie nicht, hatte sie dem Arzt vorgelogen. Sie zahle alles aus der eigenen Tasche.
Als Grund für ihre Verletzungen hatte Nele Schlüter eine missglückte Gleitschirm-Landung unterhalb des Entenbergs in Niederlaasphe angegeben. Eine Böe habe sie kurz vor Landung erfasst und dann „einfach auf die Seite geschmissen“. Auch das war nicht die Wahrheit. Aber für den Notfall-Arzt nicht so ohne Weiteres nachprüfbar. Und das war seit gestern wichtig in der Legende dieser Frau, die in Wirklichkeit Heike Nimmberg hieß. Möglichst ihre Identität und ihre Verwicklung in irgendwelche Ereignisse so gut wie möglich verschleiern und, wenn es geht, die Szenerie unauffällig wieder verlassen. Ihr Unfall war dabei alles andere als förderlich.
Das Taxi hatte noch schnell vor der Hof-Apotheke in der Poststraße angehalten. Und der Fahrer war so nett, ihr Rezept für Diclofenac und Tramadol-Tabletten einzulösen. Die einen gegen Entzündungen, die anderen gegen die Schmerzen. Dafür hatte der Mann am Ende der Fahrt ein stattliches Trinkgeld bekommen. Gerne versprach er der Schönen auf dem Rücksitz, eine Stunde später wieder vor der Tür zu stehen.
Nele Schlüter hatte schnell eine Kleinigkeit mit großem Hunger, aber wenig Appetit gegessen. Die Küche hier war wirklich ausgezeichnet. Davon konnte sie sich bisher mehrfach überzeugen. Extra für sie war an diesem Nachmittag die Küche noch mal angeheizt worden. Aber genießen konnte sie das Zürcher Geschnetzelte mit Rösti und einem bunten Salatteller heute nicht. Die Schmerzen setzten ihr gehörig zu. Und daher nahm sie, obwohl vom Arzt ausdrücklich davor gewarnt, von jedem der Medikamente gleichzeitig eine Tablette ein und stürzte sie mit einem Schluck Cola herunter.
Ihr weniges Gepäck hatte sie bereits vorher vom Zimmer herunter gebracht. Daher brauchte sie jetzt nur noch ihre Rechnung zu bezahlen. Für zwei Nächte. Eine mehr als ursprünglich geplant. Und für das Essen. „Taxi wartet schon“, hatte die Dame an der Rezeption gesagt und ihr eine gute Reise gewünscht. „Bis zum nächste Mal. Und gute Besserung.“
Dann saß Nele Schlüter wieder im Fonds des Wagens mit dem netten Fahrer. „Wohin soll es jetzt gehen?“, wollte der Mann am Steuer wissen. „Bringen Sie mich bitte nach Bad Laasphe zum Bahnhof.“ Als sie hinter der Ederbrücke links in die L553 einbogen, hätten sie beim Blick nach hinten noch sehen können, wie ein Audi A5 und kurz danach ein Streifenwagen beim Hotel vorfuhren.
„So ein Mist“, entfuhr es Klaus Klaiser, als er von Miriam Gandermann, der Hotelbesitzerin, erfuhr, dass Nele Schlüter schon abgereist war.
„Wie lange ist denn das her. Und wo wollte sie hin?“
„Das war gerade vor fünf Minuten, schätze ich. Keine Ahnung, wohin sie wollte“, sagte sie. „Warum wollen Sie das denn wissen? Die Frau wird doch wohl keinen Blödsinn gemacht haben.“
Klaus gab ihr darauf keine Antwort und fragte, wie der Gast abgereist sei.
„Mit einem Taxi.“
„Haben Sie das bestellt?“
„Nein, das muss sie getan haben. Es stand schon zehn Minuten vor Abfahrt vor der Tür.“
Hauptkommissar Klaiser bat die beiden mitgekommenen Kollegen aus dem Streifenwagen, bei der Taxi-Zentrale nachzufragen, welcher Wagen die Tour vom Hotel wohin unternommen habe und sich möglichst sofort an dessen Hacken zu klemmen. „Meldet Euch bitte, wenn Ihr mehr wisst.“ Die Männer nickten und verschwanden nach draußen.
Corinna hatte um den Meldezettel von Nele Schlüter gebeten und sich eilige Notizen gemacht: Nele Schlüter, geb. Schlüter, geboren am 23. Mai 1984, wohnhaft in Marburg, Lahnberge 24. Die Kommissarin hatte noch schnell nachgefragt, welche Kleidung die Gesuchte getragen hatte. Blaue Jeans, weißes Poloshirt, rosa Blousonjacke und blaue Sneakers mit weißer Sohle. Dann war sie vor die Tür gegangen und hatte die Wache per Handy über die Personalien informiert. Abfrage und Fahndung mit grober Personenbeschreibung liefen.
„Lassen Sie uns bitte kurz in ihr Zimmer sehen.“ Klaus war schon auf dem Weg zur Treppe nach oben, als ihn die Hotelbesitzerin stoppte. „Da ist schon der Zimmerservice drin. Frau Schlüter war ohnehin schon zu spät abgereist. In den nächsten Minuten kommt der nächste Gast für Zimmer 9.“ Oben hörte man Staubsauger brausen. „Stoppen Sie das bitte“, bat Klaus inständig. „Die Frau hat womöglich etwas mit der Entführung von gestern zu tun. Wir brauchen verwertbare Spuren.“
Miriam Gandermann wechselte die Gesichtsfarbe. „Wie bitte? Diese Frau? Das kann ich gar nicht glauben.“
„Ich kann mir im Moment beim besten Willen nicht leisten, über das zu diskutieren, was Sie glauben können und was nicht“, wurde Klaiser unruhig. „Bitte stoppen Sie die Zimmerreinigung. Sofort!“
Mit einem Kopfschütteln setzte sich die Angesprochene nach oben in Bewegung. Der Hauptkommissar hinterher. Die Zimmertüren 7 und 9 standen offen, drinnen heftiges Werkeln, Staubsaugen und Bettenaufschütteln waren zu hören. „Helga und Marianne, könnt Ihr bitte mal eben schauen.“ Kurz darauf schaute eine nette Frau im hellblauen Kittel aus Zimmer 7. „Okay Marianne“, rief Frau Gandermann gegen den Lärm des Saugers aus dem Nachbarzimmer an, „‚Du kannst weiter machen. Was ist denn mit Helga …? Heeeelgaaaaa!“
Im Zimmer lärmte es weiter. Bis die Hotelbesitzerin den Stecker direkt neben dem Zimmereingang gezogen hatte. Drinnen warf eine kleine drahtige Frau den Kopf herum – auf der Suche nach dem Grund für den Stromausfall. „Ach Sie waren das“, grinste sie dann ihrer Chefin entgegen. „Ist der Gast schon da? Ich bin gleich fertig.“
„Nein Helga, hier ist die Polizei. Die möchte dringend das Zimmer anschauen.“ Die Servicefrau zog den Kopf zwischen die Schultern „Polizei? Lieber Himmel, was ist denn passiert?“ Klaus Klaiser schaltete sich ein. „Kann ich Ihnen jetzt nicht erklären. Sagen Sie bitte, haben Sie hier alles nicht nur gesaugt, sondern auch gewischt?“ „Aber natürlich“, antwortete Helga fast beleidigt, „alles gewischt. Und zwar pikobello. Nachtschränkchen, Bettrahmen, Schrank, Fernseher, Fensterbank, Türrahmen, einfach alles. Und das Bad frisch geputzt von oben bis unten. Eben noch in den Ecken saugen. Dann bin ich fertig“, lächelte sie zufrieden.
Für den Kriminalisten absolut kein Grund zur Zufriedenheit. Da jetzt noch brauchbare Fingerabdrücke zu bekommen, das konnte er sich getrost abschminken. Schnell schaute er noch unter das Bett. „Wo ist denn bitte die Bettwäsche“, wollte er wissen. „Na, draußen im Container.“ Klaiser drehte sich um und sah den „Container“, einen fast mannshohen Sack aus Tuch, eingehängt in eine rollbare Gitterbox. „Welches ist denn die Wäsche aus Zimmer 9?“ „Die oben drauf. Marianne nebenan hat nur Betten gemacht“, kam die Antwort aus dem Zimmer.
Er schaute in den Sack und zog nacheinander ein Laken, einen Kissen- und einen Deckenbezug heraus. „Den Kissenbezug würde ich gerne für die Kriminaltechnik ausleihen. Da sind eventuell wichtige DNA-Spuren dran. Sie bekommen den wieder, Frau Gandermann.“
„Kein Problem. Nehmen Sie mit, was sSe brauchen. Kann Helga jetzt weitermachen? Wir brauchen das Zimmer.“
„Ja, okay. Wir haben sehr wahrscheinlich ohnehin keine Chance mehr, hier noch irgendetwas zu finden. Danke für Ihre Hilfe.“ Nebenan sprang erneut der Staubsauger an. Klaiser faltete den Kissenbezug mit spitzen Fingern zusammen, stibitzte aus dem Servicewagen der Reinemachefrauen einen frischen Müllbeutel und steckte die Textilie hinein, um sie sich anschließend unter den Arm zu klemmen.
Als er gemeinsam mit Miriam Gandermann die Treppe herunter kam, stand dort am Counter ein älterer Herr mit Reisegepäck. Er war bereits von einer Angestellten begrüßt worden und gerade dabei, seinen Meldezettel auszufüllen. Sein Personalausweis lag ordentlich neben dran auf der Theke. Er hatte gehört, dass die Polizei im Hause war.
„Haben Sie noch einen Moment Zeit, Frau Gandermann? Ich würde gerne noch ein paar Fragen an Sie loswerden.“ Sie nickte und wandte sich dem Neuen zu. Klaus Klaiser wartete geduldig, bis sie den Gast begrüßt und einige Sätze mit ihm gewechselt hatte. Nein, nein, es habe sich kein Verbrechen im Hotel abgespielt, hörte er sie sagen. Alles sei in bester Ordnung. Und als der ältere Herr zu ihm herüber schaute, nickte Klaiser zustimmend. „Alles bestens“, bestätigte er.
Dann hatte Miriam Gandermann den Beamten nach nebenan ins Restaurant gebeten. Letzte Kaffeegäste waren gerade von ihren Tischen aufgestanden und eine Dame vom Service kam mit abgeräumten Geschirr bei ihnen vorbei. „Ach, Claudia, bringen sie uns doch bitte … äh, Herr Kommissar, darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“ „Danke, gerne.“ „Okay, bringen sie uns bitte dreimal Kaffee. Die Kollegin möchte sicher auch einen. Und dazu bitte Mineralwasser.“ Die Mitarbeiterin nickte und verschwand, als Klaisers Smartphone leise dudelte. Eine SMS war gekommen.
„Erbitte umgehend Infos über Fortgang bei Euch. Staatsanwalt, Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen stehen uns hier auf den Zehen. Grüße Jörg Gabriel.“ ‚Oh Shit, den habe ich ja total vergessen‘, dachte Klaus. „Ich muss gerade mal dringend telefonieren, entschuldigen Sie bitte“, sagte er, stand auf und ging raus.
Draußen telefonierte Corinna noch immer mit der Wache in Berleburg. „Eine Nele Schlüter aus Marburg gibt es nicht, hat es auch nie gegeben“, tuschelte sie Klaus zu. „Die Berleburger Kollegen haben gerade zwei Streifenwagen in Richtung Taxi geschickt, das offenbar nach Laasphe unterwegs ist. Und sie versuchen irgendwie an ihre Krankenakte in der Klinik heran zu kommen.“
Klaus machte große Augen und ließ anerkennend die Unterlippe raus rutschen, während er nickte. Die Kollegin machte einen Klasse-Job. Und alle anderen zogen offenbar mit. Er neigte sich kurz über ihre Schulter und flüsterte ihr in das freie Ohr: „Ich rufe mal eben bei der SOKO an, um sie zu informieren. Die Spuren hier kannst Du vergessen. Alles clean. Bitte geh‘ rein zur Hoteliere und befrage sie zu unserer Flüchtigen. Da steht auch ein Kaffee für Dich.“ Dann verschwand er in Richtung Wagen.
Schnell hatte er Jörg Gabriel am Apparat, dem er ausführlich berichtete. Der SOKO-Leiter hatte ihm zunächst Vorhaltungen gemacht, dass seit Mittag keine Info aus Berleburg gekommen sei. Aber irgendwie passe das ins Gesamtbild. Denn es gebe nach wie vor nichts, aber auch rein gar nichts an Ergebnissen bei der Suche nach Bernd Mönkemann. „Hinweise aus der Öffentlichkeit Fehlanzeige. Und Frank Deppe tut nach wie vor das Maul nicht auf. Ich könnte auswachsen. Wie weit seid Ihr denn mit Euren Recherchen?“
Gabriel hörte aufmerksam zu, als Klaus ihm von den beobachteten Auftritten des Unternehmers aus dem Sauerland bei verschiedenen Anlässen in Wittgenstein erzählte. Mit besagter schöner Frau im Arm. Die zweifelsohne nicht seine Ehefrau war und nach der jetzt gefahndet wurde, nachdem sie das Hotel verlassen hatte.
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