Kitabı oku: «Eine Tote im Fluss»
Wolfgang Breuer
Eine Tote im Fluss
Ein Wittgenstein-Krimi

Dieses Buch ist ein Roman. Handlung und Personen, wie Täter und Opfer, sind frei erfunden. Allerdings spielen darin auch real existierende Personen im sehr realen Wittgensteiner Land eine gewichtige Rolle. Diesen Menschen schulde ich für ihr freundschaftliches Einverständnis dazu meinen aufrichtigen Dank. Sie machen die Geschichte ein ganzes Stück weit authentischer. Bezüge zu und Anspielungen auf Ereignisse des aktuellen Zeitgeschehens sind ebenso gewollt wie notwendig.
Wolfgang Breuer
Eine Tote im Fluss Ein Wittgenstein-Krimi
Coverfoto: Sarah Fricke
Autorenfoto: Fotoatelier Christiane
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ISBN 978-3-96136-062-8
E-Book 978-3-96136-063-5
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Inhalt
Freitag, 3. August 2018
Sonntag, 5. August 2018
Montag, 6. August
Dienstag, 7. August
Mittwoch, 8. August
Freitag, 3. August 2018
Hanna lag im Schatten der uralten Bäume am Ederufer und streckte ihren schlanken, elastischen Körper durch. Sie fühlte sich wie im Himmel. Beglückt, beseelt und total kaputt. War das irre! So etwas hatte sie überhaupt noch nicht erlebt. Noch immer jagte in ihrer Fantasie ein Schauer nach dem anderen über ihre sonnengebräunte Haut.
Arne hatte sie urplötzlich überrascht, als sie, lediglich mit ihrem Bikinihöschen bekleidet, vornübergebeugt im gerade mal potiefen Wasser gestanden und das Nass über ihre Unterarme hatte fließen lassen. Das machte die Studentin in diesem brüllend heißen Sommer häufiger, wenn sie die Nase voll hatte vom Büffeln und ihr die Temperaturen unter dem Sonnenschirm daheim im Garten einfach zu unerträglich wurden.
Zu diesem lauschigen Plätzchen waren es mit dem Fahrrad gerade mal fünf, sechs Minuten aus dem Dorf heraus gewesen. Von der Stedenhofstraße über die Ederbrücke und ein paar Meter dahinter links unterhalb des Abhangs entlang. Schon nach wenigen Metern verschluckte sie der wohltuende Schatten der Laubbäume, die den Weg säumten. Und kurz darauf hatte sie ihr Geheimplätzchen erreicht.
Schon in ihrer Kindheit war das der bevorzugte Badeplatz gewesen. Niemand konnte sie hier sehen. Weder vom Weg diesseits der Eder, noch vom Dorf, von Arfeld aus. Der dichte Baumbestand auf beiden Uferseiten war an dieser Stelle ideal.
Ansonsten schien dieser Ort hier wie für sie reserviert. Hier fühlte sie sich wie Robinson Crusoe auf seiner Insel. Allein, aber glücklich.
Nur Arne kannte dieses kleine Paradies. Und der hatte sich an diesem Freitag leise an sie herangepirscht. Sie erschrak ein wenig, als er sie bei ihrer Erfrischung plötzlich von hinten umfasste und der BWL-Studentin einen langen Kuss auf den Nacken gab.
„Du Miststück!“, hatte sie lachend gekreischt und ihm mit den Händen Wasser ins Gesicht und auf seine Shorts geschaufelt. Woraufhin er ihr kurzerhand die Arme um die Hüften schlang und sie wie ein Ringer aushebelte, um mit ihr der Länge nach in die Eder zu plumpsen.
Wie kleine Kinder hatten sie geplanscht und geprustet in dem seichten Wasser. Ein ungleicher Kampf, bei dem aber Ertrinken kaum möglich gewesen wäre. Die wochenlange Trockenheit drohte das Gewässer mehr und mehr zu einem Bach werden zu lassen.
Dann hatte sich Hanna widerstandslos ans Ufer tragen und auf ihr Badelaken legen lassen. Und sie zitterte vor Erregung, als Arne sie auch noch ihres letzten Textils entledigte, bevor er sie mit einem Handtuch trocken rubbelte. Längst hatte auch er seine klatschnassen Klamotten abgestreift und deckte sie, neben ihr kniend, über und über mit Küssen ein. Sie genoss jede seiner Berührungen und bog ihm in unendlichem Verlangen ihren hübschen Körper entgegen.
‚Wenn es jetzt nicht passiert‘, tobte es in ihr, ‚wenn es jetzt nicht passiert, dann werde ich verrückt.‘
„Bitte, bitte, komm zu mir“, flüsterte sie zitternd vor Erregung und fühlte den ersten Orgasmus bereits kommen, bevor sie ihn überhaupt in sich gespürt hatte.
Was für ein unglaubliches Abenteuer! Die Liebenden wälzten sich eng umschlungen auf der kleinen Lichtung und jagten einem Höhepunkt nach dem anderen entgegen. Immer und immer wieder. Noch nie hatte Hanna so etwas erlebt. Und sie wollte, dass es kein Ende nimmt.
Doch das kam jäh. Ein Klingelton wie in einem amerikanischen Office ließ bei ihrem Lover jede Spannkraft ersterben und in ihm die totale Ernüchterung einkehren.
„Elender Mist“, schimpfte Arne, während er sich seitwärts zu seinem Smartphone rollte. „Kann man nicht mal mehr zur Mittagszeit in Ruhe seine Geliebte verwöhnen?“
„Ja bitte“, schnaubte er ziemlich sauer in das Mobiltelefon, während Hanna nach wie vor selig nach Luft schnappte und ihren Körper streichelte. Das Erlebte klang in ihr nach.
Dann stand der baumlange Mann neben ihr auf. „Richtig, Doktor Arne Priester. Um was geht es? … Ach, Sie sind es. … Wie denn, jetzt schon?“
Hanna begann leise zu lachen, als sie an ihm hochschaute. Aus ihrem Blickwinkel baumelte sein Penis unmittelbar unter seinem Handy. Eine beknackte Kombination, die sie unweigerlich an Telefonsex denken ließ. Doch der promovierte Wirtschaftsanwalt Arne hatte wohl ganz andere Probleme.
„Ich muss …, leider“, hatte er ihr nach dem Telefonat ins Ohr gehaucht, ihr einen langen Kuss gegeben und sich ganz nebenbei die nasse, dreiviertellange Hose über den Hintern gezerrt. Wenige Minuten später hörte man hinten auf dem Weg bereits den Motor seines sechszylindrigen Chevrolet New Conversion starten. Ohne jedes weitere Wort war er verschwunden. Für weitere Erklärungen hatte er offenbar keine Zeit. Hanna ließ es widerspruchslos geschehen und fühlte weiter in sich hinein. Es war wie in einem Traum!
Sonntag, 5. August 2018
„Oh nein! Bitte nicht! Warum ausgerechnet heute? Verfluchte böse Tat!“ Sven Lukas war von seiner Sonnenliege im Garten hochgeschossen und starrte unverwandt zu Mina herüber, die blinzelnd in der Augustsonne lag und vor sich hin briet.
„Wo ist sie gefunden worden?“, rief er in sein Handy. „In Arfeld? Wo denn da? …“ Der ‚Freak’ hörte eine ganze Weile lang aufmerksam dem zu, was ihm der Diensthabende von der Wache in Berleburg mitzuteilen hatte. Dann fragte er schließlich: „Wer ist vor Ort? … Aha. SpuSi, KTU, Gerichtsmediziner auch schon bestellt? … Okay. Ja, ich fahr‘ gleich los. … Was? … Nee, nee, ich bin in Diedenshausen. Jep, Ciao!“
„So eine Kacke, so eine verfluchte!“, schimpfte der Kriminalkommissar und hätte aus einer Drehung heraus beinahe sein Smartphone wie einen Diskus in den Hang unterhalb von Minas Haus geschleudert. „Ausgerechnet heute, ausgerechnet, wo ich allein den Bereitschaftsdienst machen muss, finden die eine Leiche in der Eder. Das ist doch zum Kotzen!“
Mina war inzwischen hellwach und fragte interessiert nach:
„Weiblich oder männlich?“
„Weiblich. Muss ziemlich übel aussehen.“
„Ach, Herrjeh. Und vermutlich auch keine Ahnung, wer das war.“
„Natürlich nicht. Es ist gerade mal 45 Minuten her, dass sie gefunden wurde.“ Ohne weitere Worte sammelte er seine Klamotten ein, um sich drinnen kurz zurechtmachen und anziehen zu können.
Sven, den seine Kollegen wegen seines Hangs zu jeder Form von moderner Elektronik auch ‚Freak‘ nannten, wohnte seit gut drei Monaten bei dieser ausgesprochen attraktiven Frau, die er im Januar erst kennengelernt hatte. Beide hatten sich auf Anhieb ineinander verliebt. Und das mitten in den Ermittlungen zu einem zweifachen Mord in Berghausens Wäldern.
Diese tolle Frau hatte einer Freundin während des Orkans ‚Friederike‘ mehr oder weniger das Leben gerettet und ihr tapfer zur Seite gestanden, als deren Mann spurlos verschwunden war. Und das hatte den Kommissar derart begeistert, dass er die Dame unbedingt kennenlernen wollte. Da war es dann passiert.
Sven verbot es sich, noch weiter in Gedanken abzugleiten. In null Komma nix war er gewaschen, angezogen und zur Abfahrt bereit. Auf dem Weg zum Wagen kam er noch mal im Garten vorbei, verabschiedete sich von Mina mit ein paar Küssen und fragte beiläufig: „Wie komme ich denn von hier auf dem schnellsten Weg nach Arfeld?“
Das zu erklären, war nun wirklich kein Hexenwerk für die junge Hebamme, die heute ausnahmsweise einmal freihatte. „Immer talwärts, über Alertshausen bis Elsoff. Dort biegst Du rechts ab und fährst Richtung Schwarzenau. Und dort wieder rechts ab nach Arfeld.
Es war exakt 15:38 Uhr, als der Kommissar von Schwarzenau her an der Ederbrücke am Ortsrand von Arfeld ankam. Die Zufahrt hinüber zum Gersbachweg war mit Flatterband der Polizei abgesperrt. Aber einer der Beamten hob die Plastikbarriere an, um ihn samt Wagen passieren zu lassen. Es war der Kollege Finkbeiner von der Schutzpolizei.
„Grüß' Dich, Dirk“, rief Lukas ihm zu, als er langsam anfuhr. „Kannst Dir sicher auch was Besseres vorstellen, als hier in der brüllenden Hitze zu stehen.“
„Das kannste aber glauben. Ich koche im eigenen Saft“, antwortete der und hob zur Bekräftigung des Gesagten die Arme. Große dunkle Flecken zeichneten sich unter seinen Achselhöhlen im Uniformhemd ab.
Es bedurfte keiner großen Mühe zu erkennen, wo die bedauernswerte Frau gefunden worden war. Denn zur Linken stand eine dichte Menschentraube rechts der Eder, die zum Flussufer hindrängte, aber von mehreren, ebenfalls schwitzenden Polizeibeamten zurückgehalten wurde.
„Darf ich mal durch?“, versuchte Sven sich ganz knapp am Wasser einen Weg durch die Menge zu bahnen. Doch er wurde ziemlich barsch von einem Mann abgeblockt, der ein Kreuz hatte wie ein viertüriger Kleiderschrank.
„Ey“, motzte der, „hie weard net gedrängelt, Kearle. Sunst gätts Arja.“
Sven hatte nicht alles von dem Satz verstanden. Wohl aber mitbekommen, dass da Ärger drohe, wenn er sich nicht füge.
„Passen Sie mal auf“, tippte er die Schrankwand an und zückte seinen Dienstausweis. Doch der machte offenbar keinen Eindruck bei dem Hünen. Der schaute nicht mal hin.
„Hie bleiweste stenn. Sunst gätts Hiwwe. Fremde wie Dü honn hie suwesu nix ze süche.“
Ein feixender Nachbar war gerne bereit, das ins Hochdeutsche zu übersetzen. „Hier sollste stehen bleiben. Sonst gibt‘s Haue. Fremde wie Du hätten hier sowieso nix zu suchen, sagt er.“
„Das werden wir ja sehen. Machen Sie bitte Platz. Ich bin von der Polizei.“
„Ja, ja. Und ich bin der Kaiser von China“, echote es aus der Gruppe, begleitet von einem nun wirklich unpassenden Gelächter.
Sven knirschte leise mit den Zähnen. Derbe schubste er den Großen nach rechts und ging gleichzeitig in eine Verbalattacke über. „Was soll denn dieser Scheiß hier? Machen Sie jetzt mal Platz! Ich bin dienstlich hier!“
Da kam unvermittelt dessen linke Pranke herüber, die ihn am Oberarm erwischte und ziemlich durchschüttelte. Doch darauf war Sven Lukas bestens vorbereitet. Ohne großen Kraftaufwand entglitt er dem Zugriff durch eine plötzliche Körperdrehung und fasste gleichzeitig mit beiden Händen nach der Riesenpfote, die er blitzartig in den gefürchteten Polizeigriff bog. Der Riese jaulte auf und ging nach vorn auf die Knie.
„Alles, was Sie nun an Schmerzen haben werden, können Sie selbst bestimmen. Ich bin von der Polizei, ich muss hier durch und will nicht von Ihnen bei der Arbeit behindert werden. Ist das bei Ihnen angekommen?“ Während der Frage bog er die ergriffene Hand noch ein wenig in Richtung Unterarm. „Jahaaaa!“, knödelte deren Besitzer und japste nach Luft.
Also konnte der ‚Freak‘ den knienden Hünen gefahrlos wieder loslassen und sich einfach an ihm vorbeiwurschteln. Der Brecher hatte genug und war obendrein noch blamiert bei seinen Kumpels.
Unproblematisch war das Passieren des Absperrrings der uniformierten Kollegen. Die ließen ihn selbstverständlich mit einem Kopfnicken durch. „Hätt‘ste auch besser gemacht, Großer“, hörte er hinter sich den Typen, der ihm gerade eben noch feixend Wittgensteiner Platt ins Hochdeutsche übersetzt hatte. ‚Tja‘, dachte Sven, ‚Freunde muss man sich erarbeiten.‘
Langsam und mit gebotenem Respekt näherte sich der Kommissar dem Ederufer, wo eine Gruppe von drei Schutzpolizisten den Blick auf die Fundstelle verdeckte. Außerdem bot dichter Uferbewuchs eine natürliche Deckung. Für die Gaffer war diese Stelle nicht einsehbar. Und das war auch gut so.
Denn als der Kommissar die letzten Schritte auf die Beamten zuging, drehte sich der mittlere von ihnen um und machte ihm gegenüber eine abwehrende Handbewegung. Es war Rüdiger Mertz, der kopfschüttelnd zu verstehen gab, Lukas möge auf das Schlimmste vorbereitet sein. Der ‚Freak‘ nickte und ging nach vorn.
„Oh mein Gott“, zuckte er erschreckt zurück und sog zischend die Atemluft zwischen den Zähnen ein. Als könne die dadurch entstehende Kühle maßgeblich zur Stabilisierung seines Magenzustandes beitragen. „Was, um alles in der Welt, ist denn das für eine grauenhafte Unsäglichkeit. So etwas habe ich ja noch nie gesehen! Das ist ja …, das ist …“, schnappte er nach Luft, „ich finde dafür gar keine Beschreibung.“
„Das geht uns allen so“, pflichtete ihm Mertz bei und legte ihm den rechten Arm um die Schulter. „Das müssen Wahnsinnige gewesen sein, die das gemacht haben.“
Sven bekam sich nur schwer wieder unter Kontrolle. Was er dort in wenigen Sekunden gesehen hatte, sprengte alles, was seine Vorstellungskraft fassen konnte. Im Ufergebüsch hatte sich ein nahezu nackter weiblicher Körper verfangen, dessen Gesicht nicht mehr vorhanden war. Eingedrückt, zerfetzt, zerstört. Im Brustkorb waren zwei Stichwunden zu sehen, nahezu der ganze Körper wies Risswunden auf.
„Der Leichnam müsse schon seit Tagen im Wasser gelegen haben, sagte der Arzt. Wahrscheinlich von Anfang an hier in der Eder. Demzufolge wurde er von weiter oben hierher abgetrieben. Zwei Jungs haben ihn beim Spielen gefunden und die Leute dort drüben alarmiert.“ Dabei zeigte Rüdiger auf ein alleinstehendes Haus. „Jetzt sitzen sie bei den Sanitätern im Wagen und werden nach dem Schock betreut. Ihre Eltern sind auch dabei. Nette Menschen.“
„Gut so. Lassen wir den Buben und ihren Eltern einen Moment Zeit. Was läuft sonst?“, wollte Lukas schwer atmend und schluckend wissen.
„Wir sind gerade dabei, einen Suchtrupp zu organisieren“, berichtete Kommissar Mertz. „Er soll die Uferbereiche ederaufwärts absuchen nach der Stelle, wo der Mord passiert ist oder zumindest die Leiche ins Wasser geworfen wurde.“
„In Ordnung“, antwortete Sven trocken und starrte gedankenverloren geradeaus. Er fühlte sich wackelig auf den Beinen. Doch er konnte sich jetzt nicht auf und davon machen. Denn er hatte Wochenenddauerdienst. Alle weiteren Arbeiten hier waren hauptsächlich Sache der Kripo. Also seine.
‚Komm Alter‘, gab er sich einen innerlichen Tritt, ‚auf jetzt!‘ Mit kleinen unsicheren Schritten ging er wieder zurück zur Fundstelle und wagte mit angehaltenem Atem einen erneuten Blick hinunter zu dem Körper im Gestrüpp. Noch lag die Frau so, wie sie aufgefunden worden war. Denn zunächst mussten der Gerichtsmediziner und der Staatsanwalt die Leiche gesehen haben.
Die Spurensicherer hätten wahrscheinlich weniger Freude, dachte er. Denn rund um den Fundort war alles platt getreten, das Gebüsch unmittelbar drumherum auseinandergezerrt. Das war nicht verwunderlich. Denn Freiwillige hatten nach der Entdeckung eines reglosen Menschen im Wasser zunächst einmal versucht, ihm zu helfen, waren dann aber zurückgeschreckt, als sie das zerstörte Gesicht gesehen hatten. So wie Lukas auch.
Es war eine sportliche junge Frau. Das konnte der Ermittler erkennen. Und ihre Sonnenbräune. Obwohl die graugelbe Leichenblässe durchschimmerte. Neben ihr kauerte, in Gummistiefeln, noch immer der Notarzt, der alle möglichen Eintragungen auf einem Klemmbrett vornahm. Lukas gesellte sich zu dem Mediziner und stellte sich vor. Der Mann schaute auf und lächelte den Kommissar an. „Ich kenne Sie“, stellte er nüchtern fest. „Stünzel vorletztes Jahr.“
‚Lieber Gott, natürlich‘, erinnerte sich Sven. Stünzel 2016. Daher kannten sie sich. Er sprang auf und ging ein paar Meter zur Seite. Nie würde er das vergessen. Weil er selbst zutiefst betroffen gewesen war, von dem Tod einer Studentin, die man in einem Viehanhänger gefunden hatte. Erst tags zuvor hatte er sich in eben diese Frau unsterblich verliebt. Er dachte damals, er würde den Schmerz niemals überwinden.
„Ja, aber das hier“, wedelte der Arzt mit der freien Hand in der Luft herum, während er ihn verfolgte, „das hier ist wirklich extrem brutal. Ich habe viele verstümmelte Unfallopfer gesehen und auch Opfer von Explosionen. Aber es gibt auch für Mediziner immer wieder Momente, wo sie nicht mehr an Gottes Gnade glauben wollen. Jemandem das Gesicht regelrecht zu zertrümmern, das ist so ziemlich das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Was bezwecken die Täter damit?“
Aber Sven hörte schon gar nicht mehr hin. Er war bei der Erinnerung an den Mord auf dem Stünzel innerlich ins Straucheln geraten. War das nötig, dass ihn ausgerechnet der Notarzt an diese furchtbare Zeit erinnerte?
Natürlich, der hatte sich sicher nichts dabei gedacht. Weil er keine Ahnung hatte, wie sehr Sven von dem Fall damals persönlich betroffen war. Wie ein Tier hatte er gelitten. Und trotzdem hatte er, gegen den Rat der Kollegen, seinen Dienst weitergemacht. Gnadenlos gegen sich selbst. Denn allein, ohne Menschen in seiner Nähe, wäre er durchgedreht.
Mehr oder weniger gewaltsam gegen sich selbst, kehrte er in die Gegenwart zurück. ‚Wir müssen dringend Zeugen befragen, bevor die hier wieder alle verschwunden sind.‘ Nur, wer sollte das machen? Der Kommissar war ein wenig hilflos. Er war gebunden, musste zunächst warten, bis Gerichtsmedizin und KTU da waren. Und überhaupt, wo blieb eigentlich der Staatsanwalt? Sven schaute auf seine Armbanduhr. 16:12 Uhr. „Wird langsam Zeit, dass wenigstens der Puhlmann hier antrabt“, knurrte er vor sich hin. „Der hat einen verdammt kurzen Weg von Raumland hierher.“
„Jahaaaa, aber der hatte bis eben kein Auto“, erscholl postwendend die Aufklärung von seiner Rechten. Der Staatsanwalt war von hinten her gekommen und hatte sich zunächst einmal nach Ansprechpartnern von der Polizei umgesehen. „Grüße Sie, Herr Lukas. Was haben wir?“
„Eine bitterböse Geschichte, Herr Staatsanwalt“, antwortete der ‚Freak‘, der überrascht zusammengezuckt war. „Ich grüße Sie auch. Kommen Sie, lassen Sie uns schnell dorthin gehen. Sind nur ein paar Schritte bis da vorn am Ufer. Aber machen Sie sich auf ein unschönes Bild gefasst.“
Puhlmann blieb stehen und fasste Sven Lukas am Arm. „Wieso? Ist es so schlimm?“
„Ja. Sehr! Der oder die Täter, die diese junge Frau, Alter geschätzt Mitte, Ende 20, umbrachten, haben sie verstümmelt. Ihr fehlt das Gesicht und sie hat Einstiche in der Brust. Grauenhaft, dieses Bild! Der Doc meint übrigens, dass sie schon länger im Wasser liegt.“
Puhlmann schluckte. „Oh Gott. Und das am Sonntagnachmittag.“ Er holte tief Luft und meinte schließlich: „Naja, hilft ja nichts. Gehen wir.“
Der Notarzt und ein Rettungssanitäter hatten die Leiche notdürftig mit einer Aluminiumfolie abgedeckt, deren Ecken am Uferbewuchs festgemacht waren. An der Lage der toten Frau, die noch immer im Wasser lag, durfte ja zunächst nichts verändert werden.
Als die Folie weggenommen wurde, um dem Staatsanwalt freien Blick zu gewähren, verschlug es auch ihm den Atem. „Gütiger gerechter Gott“, stieß er hervor, „warum lässt Du so etwas zu?“ Die umherstehenden Polizeibeamten schauten sich verwundert an.
Sven sah, wie dem sonst so taffen Mann Tränen in die Augen stiegen. Dennoch hafteten seine Blicke fest an der Toten. Was mochte der Staatsanwalt jetzt wohl denken?
Puhlmann verharrte einen Moment mit gefalteten Händen, als spreche er ein stilles Gebet. Dann wandte er sich zu Lukas um und fragte mit belegter Stimme: „Wer hat sie gefunden?“
„Zwei Jungs. Die haben die Leiche beim Spielen entdeckt und die Leute im Haus dort vorne alarmiert. Die beiden werden gerade von Sanitätern und ihren Eltern betreut. Ich denke, wir sollten zunächst einen Arzt nach ihnen sehen lassen, bevor wir mit ihnen reden.“
„Sehr gute Idee, Herr Lukas, machen Sie das. Und gehen Sie behutsam vor. Am besten im Beisein der Eltern.“
„Natürlich, Herr Staatsanwalt.“
„Ach, noch etwas, Herr Lukas. Meine Reaktion eben wird Sie gewundert haben.“
„Nein, warum?“, wehrte der ‚Freak‘ ab.
„Ach kommen Sie, ich hab‘s doch gemerkt. Es ist ja auch absolut unüblich, dass sich ein Staatsanwalt derart auf persönliche Gefühle einlässt.“
„Ich bitte Sie, Herr Puhlmann. Muss Ihnen denn in Ihrem Job jede Form von Menschlichkeit abhandenkommen?“
„Nein. Natürlich nicht. Nur werden wohl die meisten Kollegen ihre Gefühlsregungen nicht in dieser Deutlichkeit zeigen. Aber wissen Sie, … ich habe eine Tochter etwa im Alter der Toten. Sie studiert in den USA und ist demzufolge weit weg von uns. Als ich diesen malträtierten Körper sah, musste ich zwangsläufig daran denken, was wäre, wenn wir als Eltern die Nachricht bekämen, die nun die Eltern dieser jungen Frau bekommen werden. Allein dieser Gedanke macht mich fertig. Verstehen Sie? Zumal Morde in den USA ja gewissermaßen an der Tagesordnung sind.“
„Oh ja, ich verstehe Sie sehr gut“, antwortete Sven. Irgendwie fühlte er plötzlich eine Nähe zu dem Mann, der ihm und seinen Kollegen im Dienst schon des Öfteren echte Probleme gemacht hatte.
Es war gerade halb fünf am Nachmittag, als der Mercedes 500 CL mit Reinhard und Desiree Klinkert vor der Doppelgarage in der Stedenhofstraße zum Stehen kam. Der Motor des Wagens knackte unter der enormen Hitze. Und die Lüfteranlage mühte sich brausend um Kühlung.
Es dauerte einen Moment, bis im Innenraum der mondänen Limousine Bewegung einsetzte. Nach diesem Höllenritt vom Lago Maggiore bis nach Arfeld wirkten die Knochen und Gelenke der Insassen trotz komfortabelster Sitze fast wie eingerostet. Gerade einmal zwei kurze Tankstopps mit Pipi-Pause und jeweiligem Fahrerwechsel hatten sie sich gegönnt. Denn sie wollten auf jeden Fall noch rechtzeitig daheim sein und mit ihrer Tochter auf deren 24. Geburtstag anstoßen.
Ursprünglich war ihre Rückkehr erst für Dienstag geplant. Aber dann hatten sie sich doch überlegt, Hanna zu überraschen und vielleicht in zwei Wochen noch einmal ‚runter zu fahren‘, wie sie ihre Italien-Trips nannten.
Noch bevor sie ausstiegen, nahm Desiree beide Hände hinter den Kopf und streckte ihren gertenschlanken Körper. Während ihr Mann seine Schultern vor und zurück rollte und den Rücken durchdrückte. Altes Ritual, gefühlt tausendmal von beiden vollführt. Erst dann stiegen sie aus, um gleich noch ein, zwei Dehnübungen neben dem Daimler zu absolvieren.
Es war still vor dem respektablen Anwesen der Klinkerts. Ein villenähnliches Haus, das das Unternehmerehepaar auf den Grundmauern eines alten Gehöftes hatte bauen lassen.
Sebastian Klinkert, der Urururgroßvater von Reinhard, hatte hier schon 1779 eine Hofstatt errichtet. Heute konnte man das nur noch von dem angekokelten Stirnbalken ablesen, der über dem Tor der Doppelgarage ins Mauerwerk eingelassen war. Denn der Hof selbst war 1998 bei einem Gewitter in Flammen aufgegangen und total zerstört worden.
Bis auf zwei mittelgroße Rollkoffer mussten die Klinkerts später nur noch zwei Kartons Wein aus dem Kofferraum ausladen. Das war alles. Denn in ihrem Feriendomizil an der Via Mattarone in Stresa waren sie seit Jahren mit allem ausgerüstet, was das Herz begehrt. Auch mit vollen Kleiderschränken. Die, wegen der Nähe zu Mailand, immer wieder mal durchforstet werden mussten, um nicht aus allen Fugen zu geraten.
Umständlich puhlte Reinhard Klinkert die Hausschlüssel aus der Tasche seiner luftigen Sommerhose und schloss auf. Angenehme Kühle umlullte das Paar, als es das Foyer betrat. „Wow!“, rief Desiree, „welch‘ eine Wonne.“
„Jahaaa, die Klimaanlage arbeitet hervorragend“, lachte Reinhard. „Die Investition hat sich mehr als gelohnt.“ Doch diese These entpuppte sich im wahrsten Sinne des Wortes als heiße Luft, als er nämlich die Tür zum großen Wohnbereich öffnete. Denn dort empfing sie eine Wärme, die hier drin noch unangenehmer war als vor dem Haus. „Was ist denn hier los?“, wetterte der Hausherr. „Verdammt noch mal, Hanna, was läuft hier?“
Doch es rührte sich nichts. Lediglich aus den Lüftungsschlitzen der Klimaanlage war ein beständiges Pusten zu hören. Ein ungleicher Kampf gegen die Hitze, wie sich schnell herausstellte. Und als Frau Klinkert um die Kaminecke bog, fand sie den Grund für die Misere. Die große Schiebetür zur Gartenterrasse war sperrangelweit offen. „Ooooh Kind“, dachte sie mehr, als dass sie es aussprach, „wo hast Du nur manchmal Deinen Kopf?“
Ihr Mann hatte es trotzdem gehört und spielte schnell den verständnisvollen Vater. „Komm, reg‘ Dich nicht auf“, lächelte er. „Sie wird zu heftig in ihren Geburtstag rein gefeiert haben und liegt jetzt irgendwo, um ihren Rausch auszuschlafen. Womöglich dort draußen in ihrer Lieblingsecke.“
„Da bin ich ja mal sehr gespannt“, lächelte Desiree, die nun auch zur mütterlichen Milde zurückgefunden hatte. Mit einem Griff fischte sie ein kleines Päckchen aus ihrem Koffer, um dann spornstreichs in den Garten hinauszumarschieren. Doch als sie, gefolgt von ihrem Mann, einen Bogen um die große Thuja-Hecke gemacht hatte, schreckte sie zurück und lachte in ihre vorgehaltene Hand.
„Was ist“, zischte Reinhard, den sie mit der anderen Hand festgehalten hatte, „ist was passiert?“
„Das kann man so sagen, ja. Da passiert gerade was.“
„Oh, lass mal gucken“, wollte der Gatte sich gerade losmachen.
„Besser nicht. Oder willst Du Deiner Tochter beim Sex zuschauen?“
„Beim WAS?“
„Pssst“, hielt sie ihm schnell ebenfalls den Mund zu. „Du hast mich schon richtig verstanden.“
„Ja, aber sie kann doch nicht einfach im Garten …“ murmelte er in ihre Hand.
„Kann sie doch“, gluckste Desiree und zerrte ihren Mann zurück zum Haus. „Sie ist volljährig. Geht das da oben bei Dir rein?“, tippte sie mit einem Finger an seine Stirn. Und im Übrigen wissen wir beide sehr genau, was im Garten geht und was nicht“, lachte sie richtig los, als sie wieder im großen Wohnzimmer waren. Hinter zugezogener Tür. „Da hinten kann doch keiner reingucken.“
„Stimmt! Eigentlich hast Du recht. Aber unser Platz ist ja nun ‚verbrannt‘, wenn ich das mal so sagen darf“, sagte er grinsend. „Außerdem haben alte Menschen wie wir ganz andere Bedürfnisse an ganz anderen Orten.“ Mit einem schwungvollen Griff umfasste Reinhard Klinkert die Hüften seiner noch sehr jugendlich wirkenden Frau und gab ihr einen langen Kuss.
„Uuuuh, fühle ich da vielleicht etwas heraus?“, fragte sie mit verklärtem Blick und drehte sich aus dem Arm ihres Mannes heraus, um ihren Koffer Richtung Treppenhaus zu fahren. „Aber vorher möchte ich noch etwas essen und mich frisch machen.“
‚Da ist sie wieder, diese frappierende Nüchternheit, mit der sie dich innerhalb von Sekundenbruchteilen herunterkühlen kann‘, dachte Klinkert bei sich und folgte ihr, seinen Koffer ebenfalls hinter sich herziehend.
Klaus Klaiser brummelte Unverständliches in seinen nicht vorhandenen Bart. Gerade erst waren seine kleine Familie und er aus dem Münsterland zurückgekommen. Stippvisiten bei Verwandten. Die waren so nötig, passierten aber leider viel zu selten. Von Freitagmittag bis Sonntagnachmittag. Das war auch viel zu kurz.
Aber es hatte Spaß gemacht, mal wieder in längst vertraute Gesichter zu schauen und deren Geschichten zu lauschen. Und dabei den guten Katenschinken auf dem dort so angesagten Pumpernickel zu essen. Natürlich gab‘s dazu auch das typische Münsterländer Altbier.
Und jetzt? Jetzt jagte er seinen Dienst-A5 mit Kojak-Lampe auf dem Dach und ordentlich „Tatü-tata“ die Landstraße von Berghausen nach Arfeld herunter, um sich, wie der ‚Freak‘ angekündigt hatte, eine der „widerwärtigsten Leichenfundsachen“ anzusehen, die er je zu Gesicht bekommen habe.
„Klasse Job, so für einen Sonntag ohne Dienst“, maulte er, während er, von Dotzlar her kommend, die Ederbrücke beim Arfelder Bahnhof überquerte. „Hat dich aber auch keiner gezwungen, Chef zu werden, du Rindviech.“
Insgeheim aber musste er ob seiner Selbstkasteiung grinsen. Denn Chef zu sein, war ja nun so schlecht auch wieder nicht.
Mit Vorsicht durch eine 30er Etappe und danach durch zwei Kurven bergab. Kurz darauf war er schon raus aus dem Ort und am Ziel. Kurz hinter dem Ortsschild standen zwei Einsatzfahrzeuge am Straßenrand und jede Menge Neugieriger, die hofften, von oben herunter einen Blick auf die Tote im Edertal erhaschen zu können.
Als der verschwitzte Finkbeiner an der Straßensperre Klaiser erkannte, ließ er das blau-weiße Flatterband fallen, um den Kripo-Chef durchzulassen.
Aber der blieb stehen, stieg aus und holte aus seiner Tasche auf dem Rücksitz eine Flasche Mineralwasser. „Hier“, sagte er und drückte dem verblüfften Kollegen die Pulle in die Hand. „Kannst Du behalten. Du siehst nicht so aus, als hättest Du schon ausreichend Abkühlung gehabt heute.“ Dann stieg er wieder ein und fuhr den abschüssigen Weg hinunter.
Unten, hinter der nächsten Brücke, hatte Klaus schnell einen Parkplatz gefunden. Es waren nur ein paar Meter zum Fundort zu laufen. Die renitenten Gaffer am Ederufer waren verschwunden. Denn Rüdiger Mertz war ihnen gehörig auf die Zehen gestiegen und hatte von jedem die Personalien erfragt und notiert. Gesehen oder gehört hatte von denen ohnehin keiner was. Jedenfalls nichts, was zur Aufklärung des Mordes hätte beitragen können.
Vorne, am Ufer der Eder, waren die Herren in Weiß im Einsatz. Rechtsmedizin und KTU in prominenter Besetzung. Doktor Julius Kölblin und Gerd Steiner. Alte und von Klaiser sehr gemochte Bekannte. Entsprechend herzlich fiel auch die Begrüßung aus. Soweit das unter den gegebenen Umständen überhaupt möglich war.
„Wollen Sie‘s wirklich wagen?“ Der Kummer gewohnte Doc Kölblin war sich nicht ganz sicher, ob der Kriminalist den Anblick der Leiche so einfach wegstecken würde.
„Wieso? Ist es so schlimm? Der Kollege Lukas hat schon solche Andeutungen gemacht. Wo ist denn der überhaupt?“
„Der spricht vorne im VW-Bulli gerade mit den beiden Jungs, die die Leiche entdeckt haben“, antwortete Steiner. „Und ja, der Anblick ist grausam. Da muss ich dem Doc beipflichten. Ich glaub‘, der will Sie nur schützen.“
„Das ändert ja nichts. Ich muss mir ja ein Bild machen können. Von Leichen- und Tatortfotos allein halte ich nicht so besonders viel. Also bringen wir‘s hinter uns.“
„In Ordnung. Wie Sie wollen“, fügte sich Kölblin, öffnete den Reißverschluss am Leichensack von oben bis unten und legte dann mit einem Ruck den gesamten Leichnam der jungen Frau frei, der lediglich einen Slip trug.
Klaus Klaiser schrak zurück und schlug eine Hand vor den Mund. Entsetzt starrte er in den Leichensack und schüttelte nur den Kopf. Dann drehte er sich herum und holte tief Luft. „Wie ist denn so was möglich?“, stammelte er. „Wer zerstört denn, aus welchem Grund auch immer, derart einen so jungen Körper?“
Fassungslos wanderte Klaus im Kreis herum und versuchte, zu klarem Verstand zu kommen. Dann blieb er schließlich wieder vor dem Rechtsmediziner stehen und schaute ihn mit wässrigen Augen an. „Was genau hat man ihr angetan?“
Doc Kölblin zuckte mit den Schultern und schüttelte sein in Ehren ergrautes Haupt. „Was genau, das kann ich Ihnen natürlich erst nach der Obduktion sagen. Falls überhaupt.“
„Wieso?“, fragte Klaiser nach. „Dass ihr Gesicht völlig zerstört ist, das habe ich ja gesehen.“
„Ja, aber wodurch das geschah und ob das todesursächlich war, lässt sich aus dem Stand auf gar keinen Fall sagen. Außerdem weist ihr Körper mindestens zwei Einstiche auf und hat überall Risswunden.“
„Dann waren die beiden Stiche doch wohl eher tödlich, Herr Doktor.“
„So wie es aussieht, stimmt das bei einem auf alle Fälle. Der ging vermutlich direkt ins Herz. Wofür aber hat man dann ihr Gesicht derart zertrümmert?“
„Fragen Sie mich bitte was Leichteres.“
„Wenn ich mich recht erinnere, wurde uns im Studium erzählt, dass es wohl Stämme im tiefen Afrika gebe oder gegeben habe, bei denen es üblich war, ihre getöteten Feinde so zu verunstalten. Damit sie aus dem Jenseits nicht mehr auf die Lebenden blicken konnten. Andere Stämme haben den Getöteten wohl deshalb auch die Augen ausgestochen. “
„Hören Sie auf, hören Sie bitte auf“, wandte sich der Kripo-Chef vehement gegen die Ausführungen des Mediziners. „Sie haben ja ein Gemüt wie ein Schlachterhund. Das gibt es doch gar nicht.“
„Moment, Moment! Ich kann ja verstehen, dass bei Ihnen Kopf und Magen gleichzeitig rebellieren“, brachte sich der Medizinmann in Abwehrstellung. „Aber den Schuh, den Sie mir da hinhalten, ziehe ich mir nicht an. Ich habe lediglich mein Wissen zu der höchst seltenen Praktik des zerschmetterten Gesichts preisgegeben. Das könnte nämlich durchaus auch eine Botschaft sein.“
„Wie?“, versuchte Klaus wieder auf die Höhe der Diskussion zu kommen. „Wollen Sie damit etwa andeuten, dass der oder die Mörder aus einem dieser Länder oder Stämme kommen könnten und so eine besondere Form von Rache üben?“
„Das könnte man so sehen.“
„Ja, aber für was denn bitteschön?“
„Keine Ahnung. Das ist Ihre Sache, verehrter Herr Klaiser. Ich wollte nur helfen“, endete Doktor Kölblin leicht indigniert und wandte seinen Blick ab. „Kann ich den Leichensack jetzt wieder schließen lassen?“
„Ja, natürlich.“ Klaus hatte den Unterton sehr wohl verstanden und bemühte sich um Wiedergutmachung. „Verzeihen Sie bitte meine Reaktion. Das war zu viel auf einmal. Sie hatten von Anfang an recht. Entschuldigung.“
„Schon gut. Alles wieder in Ordnung“, lächelte ihn der Doc etwas schräg an. „Wissen Sie, vielleicht liegen Sie ja richtig mit diesem ‚Schlachterhund‘. In meinem Beruf muss man gelegentlich eine Schwarte haben, gegen die sich eine Elefantenhaut wie Pergament ausmacht. Kann sein, dass man dann auch verbal ein wenig zu weit hinausrudert. Kann sein …“, murmelte er mehr in sich hinein und versuchte, den weißen Anzug vom Leib zu bekommen, der ihm durch den Körperschweiß zur zweiten Haut geworden war.
„Kommen Sie, ich helfe Ihnen“, bot Klaiser an. Doch sein Funkgerät rührte sich plötzlich. Harry Senftleben von der Schutzpolizei meldete einen Fund am Ederufer.
„Ihr müsstet mal hier raufkommen und jemanden von der Spurensicherung mitbringen. Das ist vielleicht so sieben-, achthundert Meter von Euch entfernt auf der rechten Uferseite. Hier geht ‘n Wiesenweg vorbei, der am einfachsten vom hinteren Ende der Stedenhofstraße her erreichbar ist. Dann zweimal links. Wo die Eder fast direkt an den Wald heranführt, stehen wir.“
Klaus Klaiser informierte noch schnell Sven Lukas per Handy und wenige Minuten später waren er, Rüdiger Mertz und Gerd Steiner schon vor Ort. Der KTU-Mann hatte sie zweckmäßigerweise in seinem fahrenden Labor mitgenommen. So hatte er alles dabei, was er unter Umständen brauchen könnte. Zwei seiner Leute mühten sich nach wie vor in der Flachwasserzone am Fundort ab, bedeutsame Funde zu machen. Bisher waren sie leer ausgegangen.
„Grüß Dich, Harry“, streckte Klaiser dem Uniformierten die Hand entgegen. „Was habt Ihr?“
„Och, ‘ne ganze Menge, würde ich behaupten. Da vorne auf der kleinen Lichtung, Frauen-Sommerkleidung, ein Badelaken, einen Bikini und, wenn ich das hier richtig sehe, getrocknete DNA in Form von Sperma.“ Senftleben wies dabei auf eine Stelle auf dem Badetuch, die jeder der Betrachter ebenfalls sofort als vertrocknete Samenflüssigkeit ausmachte.
Nicht weit davon ein Papiertaschentuch, das womöglich einen ebensolchen Inhalt einschloss. Musste man zumindest vermuten. Denn es ließ sich nicht auseinanderfalten. Ein fast untrügliches Zeichen für ‚Männerpattex‘.
„Prima gemacht“, lobte der Kripomann. „Seid Ihr auch sicher, dass die Besitzerin nicht noch irgendwo hier im Wasser sitzt oder herumschwirrt?“
„Na, hör mal“, empörte sich der Polizeikommissar künstlich, „das Zeug bröckelt ja fast. Frisch sieht‘s hier sowieso nirgends aus. Und überhaupt – würdest Du als Frau splitternackt in der Gegend rumlaufen?“
„Er sicher nicht“, schaltete sich Steiner grinsend ein und ging auf die Knie, um das Badetuch näher zu betrachten. „Ich muss Ihnen recht geben“, sagt er nach einer Weile. „Das Sperma ist schon ein paar Tage alt. Das ist knochentrocken. Und riechen tut‘s auch nicht mehr.“
Die anderen schauten ihn kopfschüttelnd und mit gerümpfter Nase an.
„Aber Sie meinen schon, dass sich daraus eine DNA erlesen lässt.“
„Und was für eine“, lachte Steiner. „Vielleicht sogar zwei.“ Dann drehte er ab. „So, jetzt isses aber gut“, beendete er das Thema.
„Hat eigentlich jemand irgendwelche Papiere der Dame hier gefunden? Oder einen Schlüssel, oder etwas in der Richtung?“, wollte Klaus schließlich wissen.
Allgemeines Kopfschütteln. „Auch in Sachen Kampf- oder Blutspuren, oder Gewebeteilen ist die Antwort ‚niente‘.“ Harry Senftleben schwitzte aus sämtlichen Knopflöchern. „War ‘ne ganz schöne Tortur durch das ganze Gestrüpp da.
Und deswegen sind wir flussaufwärts auch noch nicht weiter gekommen. Da wird‘s übrigens noch unwegsamer“, wies er auf eine geschlossene Buschgruppe.
„Habt Ihr denn auch mal reingeschaut?“, wollte Mertz wissen.
„Nein! Sag‘ ich doch. Wir haben Euch erstmal über den Fund hier informiert und ‘ne Pause eingelegt. Guck Dir doch mal die Kollegen an“, echauffierte sich Senftleben und wies auf die schwitzenden Polizisten des Suchtrupps, die mit roten Köpfen teilweise an Baumstämmen lehnten.
„Och Mann ey, das hätte doch einer mal gerade machen können. Die Büsche hören ja nach 20 Metern sowieso auf.“
„Ja, ja, mecker‘ Du nur. Weißt Du, wie kaputt wir sind? Das Gestrüpp macht Dich kirre, Mann“, motzte Harry, während er sich vornüberbeugte und beide Hände auf die Knie stützte.
Aber da war Mertz bereits im Dickicht verschwunden. Er musste alle Kraft aufwenden, um halbwegs aufrecht gehend in das Gewirr von Ästen, Zweigen und Blättern einzudringen. ‚Ganz schön dunkel hier‘, dachte er, während er sich vorkam wie von Humboldt im Regenwald. Drei, vier Meter weiter öffnete sich eine kleine Lichtung.
Und dort wich er unweigerlich zurück. So, wie schon vor zwei Stunden, als er die Leiche der jungen blonden Frau zu Gesicht bekommen hatte. Vor seinen Augen schwirrten Tausende von Fliegen herum.
„Hier!“, brüllte er. „Hierher! Schnell! Schnell!“ Mertz‘ Puls raste, Schweiß brach aus jeder seiner Poren, rann an seinem Körper herunter und ließ in Sekundenbruchteilen sowohl sein Uniformhemd als auch seine Hose an der Haut festkleben. Ihm wurde kotzübel.
Während er sich wegdrehte und gegen sein Unwohlsein ankämpfte, wurde es laut hinter ihm. Gleich vier Leute bahnten sich einen Weg durch das Gestrüpp und blieben plötzlich wie angewurzelt stehen.
„Nein! Das gibt es doch nicht“, schrie Klaiser auf. Wer sind denn diese Dreckschweine, die so was machen?“
Auch den anderen stand pure Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben, als sie sahen, was Mertz entdeckt hatte. Eine riesige Blutlache und von dort aus blutige Schleifspuren hin zu dem Wiesenweg und rüber zum Fluss.
„Das … das sieht nach einem furchtbaren Gemetzel aus“, stellte Gerd Steiner nüchtern fest. „Verdammt, verdammt, verdammt! Das ist mit Sicherheit unser Tatort.“ Überall vertrocknete Blutspritzer und blutige Fußabdrücke. Selbst an zwei, drei Baumstämmen fanden sich die Abdrücke blutverschmierter Hände.
Nebenan im Busch röhrte es plötzlich. Rüdiger Mertz hatte seinen Magen nicht unter Kontrolle bekommen. Nur zu verständlich bei diesen Bildern.
„Leute“, rief Steiner. „Bitte keinen Schritt mehr weiter auf die Funde zugehen. Ich muss das alles fein säuberlich registrieren und fotografieren. Auch alle Fußspuren. Am besten macht ihr alle kehrt und geht den Weg zurück, den wir gekommen sind. Da ist eh alles zertrampelt.“
Die Leute folgten seiner Aufforderung nur zu gerne. Bis auf Klaus, der stehen geblieben war, um Fotos mit seinem Smartphone zu machen. Auch seine Innereien rebellierten. Aber er verbot es sich mit eisenharter Disziplin, hier noch in die Büsche zu kotzen. Wenngleich sich in seinem Mund seltsame Seen sauren Wassers sammelten. Er schluckte einfach dagegen an.
„Ach übrigens, Herr Klaiser, würden Sie bitte per Funk meine Leute hierher beordern und auch den Doc? Wir werden jetzt hier jede Menge zu tun bekommen.“
Im Hause Klinkert in der Stedenhofstraße hatten zwei Duschen parallel gegen all den Schweiß angekämpft, den sich Reinhard und Desiree während ihrer Reise vom Lago Maggiore bis nach Wittgenstein eingehandelt hatten. Und beide fühlten sich frisch und erholt, nachdem sie sich abfrottiert und ihr Haar in Ordnung gebracht hatten.
Die Klimaanlage tat ihr Übriges, um ihr Wohlbefinden noch zu steigern. Jetzt, wo die große Tür zum Garten hin geschlossen war. Sie konnte aber von außen durchaus geöffnet werden, falls das Liebespärchen irgendwann einmal ins Hausinnere zurückkehren sollte.
Und das würde hoffentlich bald sein. Denn die Eltern wollten ihrer einzigen Tochter noch gebührend gratulieren und ein wenig mit ihr feiern. Morgen musste schließlich wieder gearbeitet werden.
„Sag mal“, lachte Papa Klinker seine Frau an, „meinst Du nicht auch, dass die sich die beiden da draußen vielleicht doch ein wenig zu sehr verausgaben?“
„Weiß ich nicht“, lachte Desiree, „was ich gesehen habe, sah sehr entspannt aus. Sie war oben. Konnte nur ihren Rücken sehen.“
„Also, weißt Du“, mupfte er auf, „das musst Du einem Vater aber nicht so en Detail erzählen.“
„Wieso? Ist doch nichts Außergewöhnliches dran. Ich mag das so doch auch ganz gerne. Äh übrigens, wusstest Du, dass Hanna Marie sich ein Tattoo über dem Po hat stechen lassen? So knapp über Hosenbundhöhe.“
„Nee, wusste ich nicht.“ Ihr Mann schüttelte den Kopf. „Muss ganz frisch sein. Als wir am Mittwoch fuhren, hatte sie‘s auf jeden Fall noch nicht. Da lag sie nämlich mit Bikini im Garten bäuchlings auf der Liege und lernte. Das Teil wäre mir aufgefallen. Wie sieht das denn aus?“
„Na, wie so ein typisches … ‚Arschgeweih‘ nennen die Leute das, glaube ich.“
„Ich fass‘ es nicht. Wo bleibt denn das ästhetische Empfinden unserer …“ weiter kam er nicht. Denn er starrte auf die blonde junge Frau, die draußen barbusig auf die Schiebetür zukam. Mit raschen Schritten war er bei der Tür und zog sie auf. So heftig, dass die Frau erschrocken zurückwich.
„Was wollen Sie hier?“, rief er ihr entgegen.
„Sind Sie Gast unserer Tochter?“
Doch die Fremde schüttelte nur den Kopf.
„Ich … ich wollte nur …“, rief sie und machte kehrt.
„Halt! Hiergeblieben“, rief Reinhard der Flüchtenden mit dem Arschgeweih hinterher und legte einen kräftigen Sprint ein, um die Frau zu fassen zu bekommen. Doch die dachte gar nicht daran, stehen zu bleiben.
Desiree war furchtbar erschrocken. Wie hatte sie sich nur so irren können? Wie konnte es passieren, dass sie diese Frau für ihre Tochter gehalten hatte? Sie hatte zwar die gleiche Figur und gleiches Haar. Aber … Kurz entschlossen rannte sie ins Arbeitszimmer, um die Polizei anzurufen.
Im Garten kam Reinhard Klinkert der Fremden schnell näher. Doch bei dem Bogen um die Thuja trieb die Fliehkraft Jäger wie Gejagte aus der Kurve. Mit dem Erfolg, dass es beide der Länge nach auf den Rasen haute. Nur war er schneller wieder auf den Beinen. Deshalb konnte er die Frau mit einem beherzten Sprung erwischen, bevor sie sich wieder ganz aufrichtete.
„Wie kommen Sie denn hier auf unser Grundstück, verdammt? Was machen Sie denn hier?“, fragte er, nach Luft hechelnd. Der Sprint hatte ihn Kraft gekostet. „Nun los, antworten Sie“, insistierte er weiter.
„Was wir hier machen?“, kam es von der anderen Seite der Hecke. „In aller Ruhe vögeln, Alter. Und jetzt werden wir erstmal duschen. Und, wenn Du uns einlädst, auch noch gesittet zu Abend essen. Danach werden wir mal sehen.“
„Was erlauben Sie sich?“, brüllte Klinkert dem Mann entgegen, den er gar nicht sehen konnte. „Was sollen denn diese Unverschämtheiten?“
„Kann ich Dir sagen, Alter. Mit solchen Unverschämtheiten verdienen wir unser Geld“, sprach der Unbekannte in aller Seelenruhe weiter und tauchte plötzlich hinter der Hecke auf. Mit einem Trommelrevolver in der rechten Hand, den er auf den Hausherrn richtete.
‚Oh Gott, ein Tarzan-Verschnitt‘, schoss es Reinhard ganz plötzlich durch den Kopf. Langes schwarzes Haar, sonnengebräunt, frisch eingeölt und scheinbar durchtrainiert. Allerdings mit nur kleineren Muskelpaketen.
Wie einer, der vor lauter Kraft nicht gehen kann, kam der Typ auf Klinkert zu und zielte mit der Waffe direkt auf sein Gesicht. „Irgendwas schiefgelaufen beim Italien-Urlaub? Schon überraschend, dass Ihr so früh wieder zu Hause seid. Sonst hätten wir Eure Hütte in aller Ruhe ausgeräumt und wären geräuschlos wieder verschwunden.“
„Wie – Urlaub in Italien. Woher wissen Sie das denn? Hat Ihnen das unsere Tochter erzählt? Wo ist die überhaupt?“
„Nein, das hat uns ihre Nachbarin erzählt, die uns heute Vormittag anquatschte. Die wollte wissen, was wir hier treiben. Da haben wir ihr erzählt, dass wir Hanna Marie an ihrem Geburtstag überraschen wollten.“
„Also kennen Sie unsere Tochter?“, fragte Reinhard nach.
„Nee. Aber sie hatte ja zum Glück den Perso an ihrer Badestelle liegen lassen.“
„Den was?“
„Den Perso, den Personalausweis, Du Knaller. Und den wird sie jetzt vermutlich dort auch noch suchen. Vergeblich, wie Du Dir denken kannst.
„Ja, aber …“
„Was aber?“
„Wo ist Hanna denn jetzt?“
„Keine Ahnung. Ist uns auch scheißegal. Wir hatten ja alles, was wir brauchten. Die Adresse und sogar ‘ne offene Terrassentür an Eurem Superbunker hier.“
„Und woher wissen Sie von dem Geburtstag?“
„Schon mal in so ‘n Ausweis reingeguckt? Da steht auch ein Geburtsdatum drin, Du Hirni! Scheint Euch hier recht gut zu gehen, was?“
„Hören Sie augenblicklich mit dem Geschwafel auf“, herrschte Klinkert den Aggressor an und ging samt der zappelnden Arschgeweihträgerin im linken Arm noch einen Schritt auf ihn zu. Was den dazu veranlasste, Reinhard die Waffe fast auf die Nase zu drücken.
„Oh, die kenne ich. Das ist ‘ne Röhm“, bemühte sich Klinkert um totale Lockerheit. „Reiner Schreckschussrevolver. Hab‘ ich auch – für Silvester.“ Völlig unerschrocken schaute er dem Versuchsrambo tief in die Augen.“
„Hä, Schreckschussrevolver?“, stieß der hervor und schaute sich die Waffe prüfend an. „Willste mich verarschen?“
In dem Moment stieß Reinhard die junge Frau weg und entwandt dem blöde dreinschauenden Typen mit stahlhartem Griff die Kanone. Indem er das Ding in dessen Hand so gegen den ‚Strich‘ und Richtung Boden drehte, dass die Finger zu knacken begannen. Beim letzten Knack löste sich ein Schuss. „WUMM“, Dreck spritzte unmittelbar neben seinem rechten Fuß auf.
„Oh, Scheiße, verguckt! Is‘ ja doch scharf.“ Noch immer gab sich der Hausherr betont lässig. Aber ihm sauste die Muffe 1:200.000. Doch der Coup war nun mal gelungen.
Lässig zielte er seinem Widersacher mit der Waffe auf den Bauch und befahl: „Umdrehen! Und ab zum Haus. Und Sie auch“, herrschte er die total verdutzte Frau an. „Aber dalli! Wie ich meine Frau kenne, wird die sich richtig freuen über Ihren Besuch.“
Und wie die sich ‚freute‘. Desiree stand drinnen, hinter der geschlossenen Glastür und starrte, das Telefon noch in der Hand, auf das Trio, das ihr da entgegenkam. Auf einen Wink ihres Mannes schob sie den schweren Glasflügel zur Seite und begab sich außer Reichweite der beiden Einbrecher.
Mit einem katzenhaften Satz war die immer noch halbnackte Frau bei ihr und wollte sie angreifen. Doch das büßte sie schneller als sie gucken konnte. Desiree hatte ihren Sprung nach vorn noch in der Luft mit einem wuchtigen Handkantenschlag seitlich auf den Hals jäh gebremst und sie kraftlos zusammenbrechen lassen.
„Taekwondo, schwarzer Gurt, zweiter Dan“, stellte ihr Mann nüchtern fest. „Ich würde Ihnen raten, sich nicht mit meiner Frau anzulegen. Mit mir übrigens auch nicht. Ich kann aber leider nur Karate.“ Der Schmalspurtarzan schluckte und schaute jetzt noch blöder aus der Wäsche.
„Ich hab‘ übrigens die Polizei schon angerufen. Die schicken so schnell wie möglich eine Streife, wurde mir versichert.“ Desiree Klinkert legte das Mobilteil des Telefons zur Seite und schaute mit einer Mischung aus Wut und Mitleid auf die Frau am Boden. Die kam langsam wieder zu sich und weinte, während sie mit einer Hand die Einschlagstelle an ihrem Hals massierte.
„Wo ist Hanna?“, fragte sie die mittlerweile erbärmlich Zitternde am Boden.
„Wo ist wer?“
„Unsere Tochter. Hanna! Wo ist sie?“, insistierte die Mutter mit Nachdruck.
„Keine Ahnung. Woher soll ich das denn wissen?“
„Woher?“, rief Desiree hysterisch. „Ja, aber wie kommen Sie denn in unser …“ – ‚Haus‘ wollte sie noch sagen. Doch ihr Mann unterbrach sie und packte dem Kumpanen, der sich gerade dem Griff seiner linken Hand entwinden wollte, mit rechts ziemlich brutal zwischen die Beine.
„Junge, wenn Du noch einen solchen Versuch machst, mach Dich auf was gefasst. Dann is‘ nix mehr mit ‚mal in aller Ruhe vögeln‘, wie draußen im Garten. Du bleibst jetzt hier stehen, bis die Polizei da ist. Und in der Zwischenzeit erklärst Du uns noch mal in aller Ruhe, warum Ihr hier seid und wie Ihr in den Besitz von Hannas Sachen kamt.“
Doktor Kölblin war gemeinsam mit dem ‚Freak‘ zur Fundstelle auf der kleinen Lichtung gekommen. Während der Doc noch ein Telefonat führte, gab der Kriminalbeamte seinem Chef schnell einen Bericht über die Befragungen. „Nichts brauchbares darunter“, erzählte er enttäuscht. „Keiner hat etwas gesehen. Bis auf die beiden Jungs, die die Tote gefunden haben. Zwei Brüder, neun und elf Jahre alt. Die sind total fertig und werden jetzt zu Hause vom Notfallseelsorger und einem Arzt betreut.
Die Eltern sind natürlich fast genauso schwer betroffen. Wer rechnet schon damit, dass seine Buben beim Spielen am Flussufer einen solchen Fund machen? Keine Ahnung, wie man das aus deren Köpfen wieder rausbekommt.“
„Das wird schwer“, nickte Klaus. Man sah ihm an, wie sehr auch ihn der Fall belastete. „Das ist so unerträglich, was wir hier haben. Ich …, ich kann es gar nicht beschreiben.“
„Ja, ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich mich da heute schon an meinen Grenzen gesehen habe“, nickte Lukas. „Und was Ihr hier im Wäldchen gefunden habt, muss die Unerträglichkeit ja nur noch steigern, sagen die Kollegen.“
„Da vorne auf der kleinen Lichtung muss sich Furchtbares abgespielt haben“, antwortete Klaiser. „Hier, guck Dir das an“, zeigte er Lukas das Display seines Smartphones, auf dem er im Zweisekundentakt Fotos durchlaufen ließ.“
„Oaaaaah, mach das weg, Chef. Bitte!“ Sven wandte sich ab und bekam einen Hustenanfall, während Doktor Kölblin um eine erneute Vorführung der Bilder bat. Tonlos bewegte er dabei seine Lippen. Der Mediziner verstand offenbar die Welt nicht mehr.
Genauso wenig wie jene Männer im weißen Ganzkörperkondom, die jetzt auf und um die Lichtung herum Schwerstarbeit leisteten. Teilweise auf allen vieren kriechend, suchten sie den Waldboden nach jeder noch so kleinen Spur ab. Stets darauf achtend, dass sie nicht irgendetwas übersehen oder gar durch Fußtritte zerstören würden.
Keiner von ihnen hielt seinen Blick länger auf den Blutlachen, die einen hässlich süßlichen Duft verbreiteten und offenbar eine Labsal für jede Art von Fluginsekten darstellten.
„Wir müssen die Fläche absperren und Proben nehmen an allen möglichen Stellen. Kann sein, dass da auch Blut eines Täters dabei ist. Das will ich haben“, hatte Steiner denn auch entschieden. „Bringt die Proben bitte schnell zum Doc raus, bevor der hier reinkommt. Wir brauchen nicht noch jemanden, der alles platt trampelt.“
„Hab‘ schon verstanden“, erscholl die sonore Stimme des Gerichtsmediziners durch das Gebüsch. „Danke fürs Einsammeln. Ich mach‘ mich dann, wenn nichts dagegen spricht, schon mal zurück ins Institut. Ich will möglichst schnell obduzieren und mich an einer Gesichtsrekonstruktion versuchen. Wir wollen ja schließlich wissen, wer die unglückselige Person ist.“
„Klar“, rief Gerd Steiner zurück. „Aber Sie werden sich noch einen Moment gedulden müssen. Hier geht noch ein Pfad in die Büsche, der, wenn ich mich nicht irre, auf dem Weg herauskommen müsste. Auch da liegt reichlich Blut. Kann da mal jemand von draußen ran und nachschauen, ob dort was zu finden ist?“
Rüdiger Mertz war mit wenigen Schritten an der vom KTU-Mann beschriebenen Stelle. „Sie haben recht“, rief er, „hier muss ebenfalls was ganz übles passiert sein!“
„Wieso?“ Steiner war hellhörig geworden.
„Weil hier nicht nur Blut im Gras und auf dem Boden zu finden ist. Hier gibt es offenbar auch Gewebefetzen. Aber das müssen Sie sich selbst anschauen. Ich glaube, das könnte auch interessant für Doktor Kölblin sein.“
„In Sachen Haut und Blut bin ich eh die Nummer eins“, rief es aus dem Busch. Kölblin hatte sich in Gang gesetzt.
„Aber lassen Sie mir noch ‘n Schluck übrig“, rief Steiner zur Vervollkommnung der makabren Inszenierung hinterher.
„Das ist deren besondere Art des Sarkasmus, den sie wohl pflegen müssen, um mit einer solchen Scheiße überhaupt fertig werden zu können“, entschuldigte Klaiser gegenüber Sven Lukas die lautstark geführten Gespräche der beiden Spezialisten.
„Ach, wir können noch ganz anders“, wandte Doktor Kölblin ein. „Aber mir ist hier wirklich nicht danach.“
Nachdem er, neben den Tüten aus dem Gebüsch, auch noch die mit der DNA vom vermeintlichen Liebesspiel übergeben bekommen hatte, verabschiedete sich Kölblin und ließ sich vom ‚Freak‘ wieder zurück zur Ederbrücke bringen. Dort warteten seine beiden Mitarbeiter bereits in dem Transporter, in dem sie auch gleich die sterblichen Überreste der jungen Frau mit nach Siegen nahmen.
„Hier ist die Polizei. Sie hatten uns gerufen.“ Die Meldung einer netten Frauenstimme kam aus der Haussprechanlage, an der sich Desiree Klinkert auf Klingeln gemeldet hatte. Mit dem Summer öffnete sie die Haustür und ging dann selbst zur Tür zum Vorraum, um die Beamten einzulassen.
„Oh, das ging ja dann doch ganz schön flott“, sagte sie und bat die Uniformierte und deren Kollegen ins Haus.
„Guten Abend. Ich bin Oberkommissarin Sarah Renner. Und das ist mein Kollege, Oberkommissar Jens Höver“, stellte sie den zweiten Beamten vor.
„Wir sind vom Revier Bad Laasphe und von den Berleburger Kollegen um Hilfe gebeten worden. Für die gibt es augenblicklich sehr viel zu tun. Was ist denn passiert?“
„Kommen Sie erst mal mit durch, bitte. Dann werden Sie selbst sehen, was hier los ist.“ Desiree führte die beiden Polizisten um die Kaminecke, wo sie von Reinhard Klinkert mit ‚Tarzan‘ im Schraubstockgriff und der ‚falschen Hanna‘ auf dem Fußboden begrüßt wurden. Die junge Frau trug inzwischen ein T-Shirt, das ihr die Dame des Hauses aus eigenen Beständen gegeben hatte.
Als Jens Höver die Waffe auf dem Tisch liegen sah, verfinsterte sich seine Miene. „Wem gehört die?“, fragte er scharf, bevor überhaupt ein anderes Wort gesprochen worden war.
„Ihm“, antwortete Klinkert und drehte ein wenig an der Armschraube.
„Warum haben Sie eine Waffe dabei?“, wollte der Beamte wissen. „Lassen Sie ihn bitte mal los. Der haut uns nicht ab“, bat er beiläufig.
„Warum, warum …“, äffte der Einbrecher nach. „Warum hat man eine Kanone? Zum Selbstschutz natürlich. Hätte ich vorhin gut gebrauchen können. Der Typ hier hat auf mich geschossen.“
„Ist das wahr?“
„Blödsinn! Ich habe nicht auf ihn geschossen. Der Schuss hat sich gelöst, als ich ihm die Waffe abringen wollte. Niemand wurde getroffen. Das Geschoss steckt draußen im Rasen.“
„Abringen. Interessant“, meinte Höver, während der mit spitzen Fingern den Revolver aufnahm und an der Mündung schnupperte. „Wie lief das denn ab? Oder warten Sie“, wehrte er mit erhobenen Händen ab. „Das wird alles später kommen. Jetzt prüfen wir erst einmal Ihrer aller Identität. Können wir mal Ihre Personalausweise oder Reisepässe sehen?“
Desiree holte ihren und den Pass ihres Mannes aus dem kleinen Büro. Die beiden Eindringlinge konnten oder wollten mit derlei nicht aufwarten.
„Wie, keine Personalpapiere dabei?“, fragte Sarah Renner, immer noch sehr freundlich. Schulterzucken bei den Angesprochenen.
„Vielleicht sollten Sie mal nach deren Klamotten schauen. Die liegen, glaube ich, noch immer draußen hinter der Thuja-Hecke“, meinte Frau Klinkert. „Da haben wir die beiden auch entdeckt, als wir aus Italien zurückkamen.“
„Ja, ich hol‘ sie Ihnen“, rief ‚Tarzan light‘ und wollte schon nach draußen enteilen. Aber da hatte er die Rechnung ohne Sarah Renner gemacht. Die stellte sich kurzerhand in dessen Laufweg und brachte blitzschnell seine rechte Hand in eine außergewöhnlich schmerzhafte Haltung für deren Besitzer. „Wenn, dann gehen wir gemeinsam“, sagte sie. Und das duldete keinen Widerspruch.
„Lass mich doch in Ruhe, Du dumme Fo…!“ Sarah Renner wurde ernst.
„Wie bitte?“, brüllte ihr Kollege den Typen an. „Wir wollen doch hier höflich bleiben. Klar!? Sie hätten zumindest allen Grund dazu.“
„Was willst Du Arschloch denn? Du kannst uns gar nix.“
„Na, schon allein das A-Wort reicht für eine Beamtenbeleidigung. Und Ihr aggressives Verhalten gefällt mir überhaupt nicht.“ Mit einem Griff auf den Rücken hatte er Handschellen von seinem Gürtel geholt und zunächst an dem Arm festgemacht, den die Kollegin so sehr unter Spannung gehalten hatte. Dann kam der nächste dran. „Fertig. Setzen“, befahl Höver.
„Wir haben nix gemacht. Außer ‘nem kleinen Nümmerchen da draußen im Garten.“
„Jetzt nehmen Sie sich mal zusammen! Hier sind schließlich drei Frauen mit im Raum“, motzte der Polizist.
„Wieso? Meinste, die wüssten nicht, was ‘n Nümmerchen ist. Ohne die Weiber ginge das alles ja gar nicht“, griente der Typ, der trotz der Klemme, in der er saß, seine große Klappe einfach nicht halten konnte.
„Setzen!“, wiederholte der Beamte.
Und endlich folgte das Großmaul. Mit den Händen auf dem Rücken. Höver setzte sich daneben, um Notizen machen zu können. Reinhard stellte allen ein Glas Mineralwasser hin.
Auch den ungebetenen Gästen. Derweil war Sarah Renner mit Desiree Klinkert zusammen nach draußen gegangen, um nach den Sachen der Eindringlinge zu sehen.
„Dort vorne habe ich sie entdeckt. Sie hatten Sex. Und ich dachte zunächst, das sei Hanna, unsere Tochter. Wollte natürlich nicht stören und bin gemeinsam mit meinem Mann wieder ins Haus gegangen.“
„Das ist ja nicht zu fassen“, war die Polizistin baff. „Ist das wirklich wahr? Die machen einfach auf fremdem Gelände miteinander rum, wo sie nicht hingehören und wo sie niemand reingelassen hat?“
„Genau so ist es. Die sind ganz offensichtlich durch die Terrassentür rein, die Hanna nur leicht zugezogen hatte, als sie fortging. Ich hab‘ ihr tausendmal gesagt, dass das nicht geht. Aber für sie war‘s praktisch und sie meinte immer, dass hier in dem ‚Kaff‘ sowieso keiner einbrechen würde.“
„Aber wie sollen sie denn an die Adresse rangekommen sein?“
„Angeblich haben sie die an der Badestelle unserer Tochter an der Eder gefunden. Behaupten sie zumindest. Da hätten Hannas Papiere gelegen.“
„Und daher kannten sie wohl auch Ihre Adresse.“
„Genau. Das haben sie uns sogar brühwarm erzählt. Nachdem sie hier eingebrochen waren, haben sie alles fein säuberlich auf dem Tisch im Wohnzimmer deponiert.“
„Ja – und wo ist Ihre Tochter?“
Schulterzucken. „Wir wissen es nicht. Und wir hatten auch noch keine Chance, nach ihr zu suchen. Denn als wir aus Italien zurückkamen, mussten wir ja zunächst annehmen, dass Hanna hier ist. Das Haus war sperrangelweit offen. Und dort vorn glaubte ich sie mit ihrem Freund gesehen zu haben.
Nachdem wir endlich gemerkt hatten, dass die Frau nicht unsere Hanna ist, hatten wir richtig Stress, die beiden unter Kontrolle zu kriegen. Ich habe sofort Ihre Kollegen von der Wache in Berleburg angerufen. Und mein Mann hat die weglaufende Frau eingefangen. Dabei hat ihn dann der Typ mit der Waffe bedroht.
Reinhard wollte ihm das Ding abnehmen. Und bei der Rangelei hat sich wohl der Schuss gelöst. Dann hat er die beiden schließlich reingebracht. Dem Mädel musste ich dann noch eine reinhauen, weil es mich anfallen wollte.“
„Abenteuerlich“, meinte die Beamtin, während sie sich nach einem Rucksack und ein paar Sommerklamotten bückte, die wild verstreut auf dem Rasen lagen. „Ist gar nicht so viel, was die dabei haben. Aber vielleicht steht ja hier irgendwo noch ihr Auto rum, wo der Rest drin liegt.“
Mit ihrer ‚Beute‘ kehrten die beiden Frauen in dem weitläufigen Garten schließlich wieder um. „Hier ist übrigens wohl das Loch, das bei dem Schuss entstanden sein muss“, zeigte Desiree Klinkert auf den sonst makellosen aber recht trockenen Rasen.
„Ui, da müssen wir unter Umständen noch das Geschoss rauspuhlen oder ausgraben lassen.“ Sarah Renner sah die Hausherrin dabei von der Seite an und fragte schließlich, ob sie denn nicht mal den Versuch gemacht habe, ihre Tochter per Handy zu erreichen.
„Das ist ja die Krux“, lamentierte Frau Klinkert. „Das Handy liegt auch bei den Sachen im Wohnzimmer. Allerdings mit leerem Akku. Wundert mich bei unserer zerstreuten Professorin allerdings nicht. Sie büffelt nämlich augenblicklich für mehrere Prüfungen an der Uni. Sie hat den Kopf wo ganz anders.“
Auf der kleinen Lichtung im Uferwald und am Wegesrand hatten die KTU-Leute sogar noch Akku-Strahler aufgebaut, um noch eine Weile effektiv arbeiten zu können. Es war zwar noch immer genügend Tageslicht vorhanden. Doch das wurde von der mittlerweile tiefer stehenden Sonne so flach über die Berge am Rande des Edertals ausgesandt, dass sogar die Grashalme störende Schatten warfen.
„Das Licht muss hell sein und von oben kommen“, hatte Gerd Steiner bestimmt. Aber geholfen hatte es nicht mehr sehr viel. Und die Männer in den weißen Anzügen waren auch so ziemlich am Ende ihrer Kräfte.
Schweißnass und ausgezehrt saßen sie zu einer Art Abschlussbesprechung auf ihren Klappstühlen am Rüstwagen der KTU und leerten dabei eine Flasche Mineralwasser nach der anderen.
Kriminalkommissar Lukas, an diesem Tag ja Einsatzleiter, bedankte sich bei den Männern für ihre außerordentliche Leistung. „Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht“, sagte er. „Aber für mich muss ich sagen, dass ich heute auf das Ergebnis der grausigsten Tat geschaut habe, die mir bisher im Dienst untergekommen ist.“ Die meisten nickten beifällig. Keiner von ihnen wusste, wie lange er die Bilder des heutigen Tages mit sich herumschleppen würde. Auch keiner von den ganz Hartgesottenen.
Wenig später hatten sie zusammengepackt und ihr Fahrzeug beladen. Steiner, Klaiser, der ‚Freak‘ und Rüdiger Mertz waren sich einig, dass für den Tag alles Nötige getan war und man die Fahrt in die jeweiligen Reviere antreten könne. Lediglich das Absperrband musste wegen eventueller Nacharbeiten am nächsten Tag bleiben.
„Ach du heilige Scheiße, was für ein Aufmarsch“, schnaufte Jens Höver, als er mit dem Streifenwagen an einer Wegegabelung hinter Hannas Badestelle ankam. Drei Polizeifahrzeuge und der Wagen von der KTU. Dazu lauter Uniformierte und Männer in Zivil, die gerade einsteigen wollten.
„Naja, das war ja fast zu erwarten nach all dem, was da über Funk kam“, zog er die Stirn kraus. „Pass bitte auf die Typen auf“, bat er Sarah Renner, die auf dem Beifahrersitz saß und darauf achtete, dass Bonnie und Clyde keinen Blödsinn machten.
Die Beamten hatten die beiden Eindringlinge bei den Klinkerts einfach nach dem amerikanischen Gangsterpaar benannt. Denn die beiden, die jeweils mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt hinten im Wagen saßen, zeigten sich nach wie vor nicht bereit, ihre Identität preiszugeben. Und Papiere hatten sie, wie sich herausstellte, auch keine dabei.
Erstaunt und fast verängstigt schauten sie nach draußen. „Was ist denn hier geboten?“, flüsterte der Muskelmensch. „Die werden doch wohl nicht wegen uns hier sein. Um Himmels Willen.“
Höver sprang aus dem Wagen und ging rüber zu den Kollegen. „Grüß Euch. Schlimm, die Geschichte hier, oder?“
„Allerdings. Du machst Dir keine Vorstellung. Eine Riesensauerei. Sei froh, dass Ihr nicht dabei wart“, entgegnete Mertz, der mehr auf den Boden als dem Kollegen ins Gesicht schaute. „Was treibt Euch denn hierher?“
„Wir haben zwei junge Leute hier im Ort festgenommen, die in ein Haus eingebrochen sind und behaupten, sie hätten die dazugehörige Adresse auf Ausweispapieren heute Vormittag etwa hier gefunden. Hier muss irgendwo ‘ne Badestelle sein, an der alle möglichen Klamotten rumliegen. Wir haben die beiden dabei. Die könnten uns das genau zeigen.“
„Das glaube ich jetzt nicht“, schüttelte Rüdiger Mertz den Kopf. „Ihr habt Leute gefangen, die heute Vormittag hier gewesen sein wollen? Hier an dieser Stelle? Warte mal ‘n Moment, Kollege.“
„Ja, aber was ist denn hier eigentlich genau passiert?“, rief ihm Höver hinterher. Doch Mertz hörte schon nicht mehr hin und war mit einem Satz bei Klaisers Audi.
„Macht mal bitte kurz aus“, rief er Klaus zu und bedeutet sowohl ihm als auch Sven Lukas, noch einmal auszusteigen und mitzukommen. Auch die übrigen Beamten blieben und kletterten wieder aus ihren Fahrzeugen.
„Hier, Kripo-Chef Klaus Klaiser kennt Ihr ja. Und das ist Sven Lukas.“
„Kennen wir auch“, meinte Höver und gab beiden die Hand.
„Die können Dir mehr erzählen“, erklärte Mertz. „Aber erzähl Du den beiden am besten noch mal, wen Ihr da dabeihabt und was die auf‘m Kerbholz haben.“
Während Jens Höver die Geschichte in kurzen Zügen wiedergab, ging er gemeinsam mit den Beamten rüber zum Streifenwagen, um ihnen auch gleich Gelegenheit zu geben, die Festgenommenen in Augenschein zu nehmen. Klaus Klaiser schüttelte während des Berichts fortwährend den Kopf und schaute jetzt durch die Seitenscheibe, um das Pärchen anzusehen.
„Das kann ich gar nicht glauben. Oder könnt Ihr Euch das vorstellen? Die zwei bringen eine Studentin um und gehen dann in deren elterlichen Garten, um rumzuvögeln. Nä! Die …“
„Moment“, unterbrach ihn der Kollege, „hier ist der Mord geschehen? Wir dachten, dass sei unten an der Ederbrücke passiert.“
„Nee. Die Frau wurde heute Nachmittag dort unten in der Eder gefunden, aber ganz offensichtlich da vorne ermordet.“ Klaus zeigte in Richtung der Stelle, an der Blut am Wegrand gefunden worden war. „Dort müssen sich fürchterliche Szenen abgespielt haben. Die SpuSi ist gerade mit ihrer Arbeit fertig.“
„Das ist ja Wahnsinn“, entfuhr es Höver. „Die beiden behaupten, wie gesagt, sie seien heute Vormittag hier gewesen und hätten an der Stelle den Personalausweis einer Studentin aus dem Ort gefunden. Das sollen sie Ihnen am besten selbst erklären“, fuhr er fort, während er die hintere Tür des Wagens öffnete und den gefesselten Mann herauszog.
„Kommen Sie, raus hier.“ Und zu seiner Kollegin rief er rüber: „Sarah, holst Du bitte die Frau auf Deiner Seite raus?!“
Während der ‚Tarzan‘ auf die Füße gekommen und an Lukas weitergereicht worden war, fragte der unverhohlen, „Ey Bulle, was veranstaltet Ihr denn hier für ‘n komisches Trachtenfest?“
„Ich werd‘ Ihnen helfen, ‚komisches Trachtenfest‘“, konterte Sven. „Packen Sie sich schon mal schön warm ein. Bei Mord verstehen wir keinen Spaß. Vor allem nicht, wenn es sich um eine derart grausame Tat handelt.“
Der gefesselte Spaßvogel wurde weiß wie eine Wand. „Mord?“, kam fast tonlos aus seiner Kehle. Hypernervös räusperte er sich und wechselte dabei die Gesichtsfarbe wie ein Chamäleon. „Mord? Seid Ihr wahnsinnig? Ihr könnt uns doch keinen Mord in die Schuhe schieben“, hüstelte er und wollte sich dem Griff des Kommissars entziehen.
Doch der hielt ihn wacker an der Kette zwischen den Handschellen fest und zog dabei leicht an. Dem Träger schmerzten die Gelenke. „Ihr seid doch alle bekloppt“, rebellierte der, „wir bringen doch niemanden um. Hey, Schatz“, rief er seiner Begleiterin zu, die von Sarah Renner gerade aus dem Wagen geholt wurde, „hast Du das gehört? Die Arschlöcher hier behaupten, wir hätten jemanden ermordet.“
„Waaas? Wiiir?“ ‚Bonnie‘ erstarrte. „Ich …, wir …“, stammelte sie, „wir haben doch niemanden umgebracht.“
Auch die Oberkommissarin wurde blass. „Wie? Die sollen das gewesen sein?“
„Wir waren das auch nicht, Ihr Idioten!“, schrie Clyde lauthals.
„Mäßigen Sie sich“, pfiff Lukas den Einbrecher an, der sich wie ein Tanzbär gebärdete. „Sie gehören nun mal zum engsten Kreis der Verdächtigen. Offenbar sind Sie ja wohl schon an diesem Platz hier gewesen und haben so richtig abgeräumt.“ Das mit dem ‚engsten Kreis‘ war wohl mehr ein Versprecher. Die beiden waren bisher die einzigen Verdächtigen.
„Ja sag mal, habt Ihr ‘n Spleen, oder was?“, protestierte die junge Frau. „Deswegen bringen wird doch niemanden um. Wir ziehen den Leuten höchstens ‘n bisschen Kohle aus der Tasche oder schauen nach, was bei denen daheim so alles geboten ist. Das war‘s aber auch schon!“
„Ach, das war‘s aber auch schon? Dann kommen Sie doch mal und zeigen Sie uns, was hier geboten war“, forderte der Kripo-Chef. „Und Sie kommen auch mit“, rief er mit Blick auf deren Begleiter. „Zeigen Sie uns, von wo Sie gekommen sind und was Sie hier vorgefunden haben.“
Die beiden Festgenommenen wechselten kurze Blicke und schienen sich so über ‚mitspielen‘ oder ‚weigern‘ verständigen zu wollen. Das gelang ihnen aber nur unzureichend. Denn während ‚Clyde‘ auf eine besonders plattgelegene Stelle am Flussufer zulief, zauderte sie und wehrte sich gegen den Griff von Sarah Renner.
„Hier“, rief der Dieb, „hier war heute Morgen noch ein Badetuch, ‘n ziemlich großes. Und unter dem Busch da lagen ein paar Klamotten, eingerollt zu so ‘nem Bündel. Hat man auf Anhieb erstmal gar nicht sehen können.“
„Was waren das für Sachen?“, fragte Sarah Renner nach. Denn es war ja zunächst Sache der festnehmenden Beamten, zu erfahren, wo denn nun die Besitztümer der Tochter gefunden worden waren. Übrigens auch im Interesse der Eltern.
„Eine weiße Bermuda und ein Poloshirt“, meldete sich ‚Bonnie‘ aus dem Hintergrund. „Und ‘n roter Bikini. Der lag auf dem Badetuch.“ Gert Steiner von der KTU nickte bei der Aufzählung der Wäschestücke.
„Aha. Und wo haben Sie den Personalausweis von Hanna Klinkert gefunden?“, wollte die Oberkommissarin weiter wissen.
„Der steckte in der Hosentasche der Bermuda.“
„Und Sie sind sicher, dass das alles aufeinander gelegen hat?“ Klaus Klaiser versuchte, mehr als nur eine reine Fundsachenabfrage aus der Geschichte zu machen.
„Klar“, rotzte ‚Clyde‘ richtiggehend heraus. „Das war genau so, wie sie‘s beschrieben hat. Aber da war keine Studentin dabei, die wir abgemurkst haben oder so.“
Klaiser zögerte mit einer Nachfrage. Wenn es stimmte, dass das Pärchen heute zum ersten Mal an dieser Stelle aufgetaucht war, konnte es für den Mord nie und nimmer infrage kommen. Das wussten auch die Kollegen. Immerhin hatte die Leiche laut Gerichtsmediziner mehrere Tage im Wasser gelegen. Und auch die übrigen Funde waren alles andere als frisch.
Wieder zerrte der Versuchs-Tarzan an den Ketten. „Ihr wollt uns hier irgendeine Scheiße anhängen. Aber da habt Ihr Euch geschnitten.“
„Wir wollen Ihnen keineswegs ‚irgendeine Scheiße anhängen‘, wie Sie sagen. Nur Fakt ist, dass Sie für uns bisher die Einzigen sind, von denen wir wissen, dass sie an dieser Stelle waren. Und hier ganz in der Nähe hat ein bestialischer Mord stattgefunden. An einer Frau, die hier gebadet und womöglich danach ein wenig geschlafen hat. Geht das vielleicht in Ihre Birne?“
Wieder entwich die Farbe aus dem Gesicht des Mannes in Handschellen. „Wir waren das nicht, wirklich nicht“, wurde er plötzlich ganz kleinlaut. „Ganz bestimmt nicht. Mit dem Mord haben wir nix zu tun.“
„Wann genau soll das denn gewesen sein?“, fragte ‚Bonnie‘ mit provokanter Stimme. „Heute Morgen, oder was?“
„Das wissen wir nicht genau“, blieb der Hauptkommissar bewusst vage in seiner Antwort. „Wann genau waren Sie denn hier? Und warum eigentlich?“
„Na, rate doch mal, Polyp“, antwortete sie spitz.
„Komm, jetzt mach‘ keinen Blödsinn“, wurde der junge Mann plötzlich kooperativ. „Das können wir ihm ja ruhig sagen. So um halb zehn sind wir hier aufgetaucht.“
„Und wo kamen Sie her?“
„Von oben im Ort. Von der Kirche.“
„Von der Kirche? Was haben Sie denn da gemacht?“
„Nix“, antwortete die Frau, bevor ‚Clyde‘ etwas sagen konnte. Sie schien die Härtere von den beiden zu sein.
„Wie? Nix.“
„Wir haben nix gemacht. Wir waren nur da.“
„Ach so, Sie haben eigentlich in den Gottesdienst gewollt, aber dann die Lust verloren. Oder wie muss ich das verstehen?“
„Wie Du das verstehen musst, ist mir so was von scheißegal, das kannste Dir überhaupt nicht vorstellen, Du Arsch.“
„So, jetzt reicht‘s!“ Klaiser war stinksauer. „Ich lasse mich von Ihnen nicht permanent beschimpfen und beleidigen. Das gilt im Übrigen auch für die Kollegen. Ihnen fehlt es ganz offensichtlich an jeder Form geistiger und sittlicher Reife. Und an Unrechtsbewusstsein sowieso. Sperrt die Frau bitte schon mal in den Bulli“, sagte er, an die Laaspher Kollegin gewandt.
„Wieso das denn jetzt schon wieder? Wir haben doch gar nix gemacht!“, schrie ‚Bonnie‘ auf und wand sich wie ein Aal in ihrer Fesselung.
„Nix gemacht, ist schon mal leicht untertrieben“, merkte Sarah Renner an, als sie die Randalierende mit Mertz‘ Hilfe in den Wagen verfrachtete und an einer Halteschlaufe festmachte.
Als die Frau weggeschlossen war, machte der Kripo-Chef einen erneuten Versuch, mit deren Compagnon zu reden. Der schien ihm mittlerweile so ‚weichgeklopft‘, dass er reden würde, hatte Klaus den Eindruck. Sven Lukas und er waren mit ‚Clyde‘ rüber zu dem zweiten VW-Bus gegangen, in dessen Fond sie sich nun an einem Tisch gegenübersaßen.
„Also, noch mal“, eröffnete er das Gespräch, „was haben Sie an der Kirche gewollt und wieso kamen Sie hierher?“
Sein Gegenüber rieb sich die Handgelenke, die mittlerweile von den Metallfesseln befreit waren. „Wir haben mit dem Mord nichts zu tun!“
„Das war nicht meine Frage“, antwortete Klaus ruhig. „Was wollten Sie an der Kirche und wieso kamen Sie anschließend hierher?“
„Wir haben mit dem Mord nichts zu tun“, kam es stereotyp über den Tisch.
Klaiser blieb ruhig. „Hören Sie. Wenn Sie sich weiter stur stellen und nicht antworten wollen, können Sie sicher sein, dass ich Ihnen die Frage so oft stelle, bis Sie Alpträume kriegen. Wenn Sie wirklich nichts mit dem Gewaltverbrechen zu tun haben, dann war der Diebstahl heute hier dagegen doch nur ein Klacks.
Oder erzählen Sie mir nur Scheiß und haben die Frau doch ermordet und sie anschließend in Gebüsch geworfen?“ Klaus, der ‚Clyde‘ bei der Frage fast ins Gesicht gekrochen wäre, hatte bewusst das Gebüsch gewählt und nicht das Wasser, in das die Ermordete geworfen worden war. Er erhoffte sich davon eine erkennbare Irritation. Aber da war nichts.
„Nee, nee, nee! Nix da!“ Der andere wollte aufspringen, wurde aber von Sven wieder in den Sitz gedrückt. „Wir? – ‘ne Frau umgebracht und ins Gebüsch geschmissen? Nix! Du bist ja total bekloppt, Bulle! Wir waren an der Kirche, weil wir bei den Leuten da ‘n paar Geldbeutel ziehen wollten. Hat aber nicht geklappt. Einer hat‘s gemerkt. Und da mussten wir türmen.“
„Ach du Sch…e“, verkniff sich der ‚Freak‘ den Kraftausdruck, den er öfter mal aus purer Verwunderung einsetzte. „Ihr seid Taschendiebe? Hundsgemeine Taschendiebe? Das darf doch nicht wahr sein.“
„Ja“, antwortete ‚Clyde‘, in einer Art Kapitulation. „Wir sind nix anderes als hundsgemeine Taschendiebe.“
Dann begann der Mann zu erzählen. Die beiden seien mit ihrem Wagen und „ohne was auf der Tasche zu haben, nicht mal Geld für Sprit“ am Sonntagmorgen durch Arfeld gekommen. „Als wir langsam durchfuhren, standen jede Menge Leute vor der Dorfkirche. Hochzeit oder so was, haben wir gedacht. Da lässt sich was machen. Wäre nicht das erste Mal gewesen.
Aber das ging schief. Gleich beim ersten Versuch“, erzählte er freimütig. Ein Mann habe wohl ein Krabbeln an seiner rechten Pobacke gefühlt und beim Hinfassen die Hand von ‚Bonnie‘ erwischt, die in der Tasche mit der Geldbörse steckte. Sie habe sich losreißen können. Aber nur ein Sprint zum Auto habe sie gerettet.
Das hätten sie aus Sicherheitsgründen ganz vorne an der Straße abgestellt. Und das sei in diesem Fall ihr Glück gewesen. Weil der Mann sie nämlich verfolgt habe. „Wir haben‘s nur ganz knapp geschafft und konnten noch rechtzeitig abhauen.“
Unten im Ort, so erzählte er weiter, seien sie dann rechts abgebogen. „Hätte ja jemand mit dem Auto hinter uns herkommen können. Deshalb sind wir auch sofort auf so ‘n altes Industriegelände abgebogen, mit jeder Menge Schrott und Autos drauf. Mit dem bisschen Sprit im Tank wären wir wahrscheinlich nicht mal mehr zwei Kilometer weiter gekommen. Dann wäre die Karre stehen geblieben.“
Und weil sie noch immer nicht sicher waren, ob ihnen jemand auf den Fersen war, hätten sie den Wagen dort stehen lassen und seien zu Fuß „in die Botanik gerannt. Erst über so ‘n kleinen Kanal und ein paar Meter weiter über eine Holzbrücke auf die andere Seite der Eder.“
„Aha. Und wo war das?“
„Da drüben“, zeigte ‚Clyde‘ flussabwärts. „Wir sind ein ganzes Stück am Fluss lang, bis wir hier an dieser Stelle rauskamen. Da hatten wir wenigsten Deckung. Und dann haben wir halt die Klamotten und den Personalausweis mit Wohnadresse gefunden.“
„Moment, Moment“, unterbrach der ‚Freak‘, dem die ganze Story viel zu flott vorgetragen war, „im Personalausweis steht aber nur der Wohnort, also Bad Berleburg.“
„Na und? Stimmt das etwa nicht?“
„Doch, doch. Aber vom Ortsteil ist darin keine Rede. Woher wussten Sie denn, dass die Besitzerin der Kleidungsstücke aus Arfeld kommt? Hätte ja auch jeder x-beliebige andere Ort sein können.“
‚Clyde‘ nahm den etwas scharf vorgetragenen Einwand gelassen hin. „Stimmt. Aber uns war klar, dass das jemand hier aus dem Ort sein musste. Schließlich stand da ja noch so ‘n altes Fahrrad rum. Und bei der Hitze, dachten wir uns, fährt niemand kilometerweit von einem Dorf ins andere mit einem Fahrrad, nur, um bis zu den Knien im Wasser stehen zu können. Noch dazu mit so ‘nem Drahtesel, der nicht mal ‘ne Gangschaltung hat.“
„Das mit dem Fahrrad irritiert mich jetzt ein wenig. Davon war bisher noch keine Rede“, versuchte Klaus Klaiser der Sache jetzt auch weiter auf den Grund zu gehen.
„Sie können mir doch nicht erzählen, dass hier ein Fahrrad tagelang völlig unbehelligt herumstehen kann und keiner Notiz davon nimmt.“
„Hier kommt ja wohl sonst kein Schwein hin. Die Ecke ist doch so was wie Urwald“, argumentierte der Mann.
„Ich glaub‘s Ihnen aber nicht.“
„Dann lass‘ es doch. Es war aber so. Dort hinten hat es an einem Baum gelehnt.“ Der Ganove zeigte aus dem Bulli heraus in das Wäldchen hinein. „Und etwas dahinter lag das Kleiderbündel unter einem Busch.“
Klaus und dem ‚Freak‘ klingelten die Ohren. Was für eine Geschichte! Aber was hätten sie machen sollen? ‚So eine Story saugst du dir nicht so einfach aus den Fingern. Immerhin ist sie bis hierhin schlüssig‘, dachte Lukas. ‚Und dass der Typ plötzlich plaudert wie ein Wasserfall, ist nachvollziehbar. Schließlich lässt sich niemand gern des Mordes verdächtigen. Dann lieber kleinere Schandtaten zugeben.‘
Eine gute Stunde später, erzählte der Festgenommene weiter, hätten sie sich schließlich aus dem Versteck herausgetraut und seien auf einem Wiesenweg der Straße entgegen gelaufen, die sie von dort hatten ausmachen können. Das Fahrrad hätten sie mitgenommen, um sich dann zu zweit, er auf dem Sattel, sie auf dem Gepäckträger, komfortabler fortzubewegen.
„Wir waren nur wenige Meter auf Asphalt gefahren, als wir schon das Schild ‚Stedenhofstraße‘ sahen. Dort, wo diese, … ääh diese Hanna zu Hause ist. Einfach der Hammer! Manchmal hat man halt auch mal Glück“, grinste ‚Clyde‘ besonders schräg. Den Polizisten standen die Haare zu Berge.
In das Haus zu kommen sei ein echtes Kinderspiel gewesen. Schließlich hätte auf der Gartenseite die Schiebetür zum Wohnzimmer einen Spalt weit offen gestanden. Nur eine Nachbarin hätte neugierig nachgefragt, wer sie denn eigentlich seien, als sie ums Haus herum in den Garten gegangen seien. „Wir haben ihr einfach ‘ne Geschichte erzählt. Von wegen Geburtstag und so. Und da haben wir von ihr erfahren, dass die Eltern im Italien-Urlaub sind.“
Dem Kripo-Chef reichte das erst einmal. Im Übrigen dauerte ihm das alles viel zu lange. Wenn es, was er vermutete, tatsächlich die falsche Spur auf der Suche nach dem oder den Mördern war, dann gab es jetzt Wichtigeres zu tun. „Kommen Sie, wir bringen Sie jetzt nach Berleburg. Alles andere machen wir später dort im Kommissariat.“
„Wie“, fragte ‚Clyde‘ entsetzt, „was heißt denn später?“
„Na, heute Abend oder vielleicht auch erst morgen.“
„Seid Ihr verrückt? Wir haben doch gar nix gemacht.“ Irgendwie wollte der Ganove nicht wahrhaben, dass sich die Kripo trotz der akuten Suche nach einem Mörder auch um Einbrüche und Diebstähle kümmert.
„Sven, tu mir einen Gefallen und bring ihn rüber zu seiner Frau. Rüdiger und die Kollegen können jetzt hier Schluss machen. Anschließend soll Mertz mit den Festgenommenen bei dem Industriegelände vorbeifahren, sich das Fahrzeug zeigen lassen und nach Schlüssel und Zulassung gucken. Danach sollen sie sie zur Wache bringen. Die beiden kommen in Arrest. Und Du fährst bitte zusammen mit mir zu den Eltern der Studentin.
Und bei den Laaspher Kollegen bedanke ich mich ausdrücklich für die hervorragende kollegiale Hilfe. Wir übernehmen das jetzt. Oder wollt Ihr noch mit zu den Eltern?“
„Oh nein, bitte nicht“, antwortete Sarah Renner. Und auch der Kollege Höver verzichtete herzlich gerne darauf. „Ihr bekommt noch heute Abend unseren Bericht per Mail“, verabschiedete sich die Oberkommissarin.
„Oh Gott, wird das bitter“, murmelte der ‚Freak‘ und brachte ‚Clyde‘ zu dem Bulli, in dem schon ‚Bonnie‘ saß. Für ihn war der Typ ein Lügenbeutel ‚Würde mich echt interessieren, welche Aktien die beiden tatsächlich in der Geschichte haben.‘
Dann löste sich der Fuhrpark am Ederufer langsam auf. Doch als auch das KTU-Fahrzeug langsam anrollte, kam Klaiser plötzlich eine Idee. „Stopp, Herr Steiner!“, lief er laut rufend hinter dem Transporter her. „Bleiben Sie noch einen Moment stehen!“ Der Fahrer schien ihn aber nicht gehört zu haben und fuhr weiter. Klaus blieb hartnäckig und holte auf.
Als er am Heck des Transporters war, schlug er mit der flachen Hand gegen das Rückfenster. Mit dem Erfolg, dass das Gefährt scharf abbremste und der Hauptkommissar krachend auflief.
„Hörte sich fast an wie ‘ne Sprengung“, grinste der Kriminaltechniker, als er ausgestiegen war und Klaus kopfreibend von hinten auftauchte. „Was kann ich denn noch gegen Sie tun?“
Der Mann hatte halt diesen schrägen Humor. Und Klaiser gefiel das in dem Moment sogar. Obwohl er der Leidtragende war. „Ich müsste mindestens ein Foto von jedem der gefundenen Kleidungsstücke haben. Damit ich den Klinkerts was vorzeigen kann. Immerhin ist es ja möglich, dass es sich bei dem Opfer doch nicht um ihre Tochter handelt.“
„Möglich ist das“, erwiderte Steiner, während er an seinem Smartphone rumhantierte, „aber glauben Sie das nach all dem, was wir bisher wissen? Ich nicht.“
„Ich werde nicht für‘s Glauben bezahlt, sondern …“
„… für‘s Wissen und Beweisen. Ist mir klar“, lächelte der ältere Herr aus Siegen und sagte: „Ich hab‘ Ihnen vorhin schon ein paar Fotos auf Ihr Smartphone geschickt.“
Klaiser bedankte sich. „Okay, hauen Sie ab und machen Sie Ihre Arbeit gründlich“, grinste er etwas verklemmt. „Wir sind wirklich auf jeden Fingerabdruck und jeden identifizierten Wollfaden angewiesen. Aber …“
„Aber was?“
„Sie haben natürlich recht. Es wäre ein Wunder, wenn die Tochter der Klinkerts irgendwo pumperlg‘sund herumspringen würde. Nur wer, bitteschön, ist dann die Tote?“
„Das wäre dann wieder Ihr Spiel“, entgegnete Steiner beim Einsteigen. Dann schlug er die Tür zu und gab Gas.
Die beiden Fahrzeuge mit den Kojak-Lampen auf dem Dach fielen in der Stedenhofstraße sofort auf. Zumal manche ihrer Bewohner dabei waren, vor den Häusern oder an ihren Gartentischen über die gefundene Leiche zu diskutieren.
Desiree Klinkert hatte die Beamten bangen Blickes an der Haustür empfangen und erschreckt registriert, dass es sich um andere Leute handelte. Und dass die ohne die Einbrecher kamen. „Was ist? Wer sind Sie? Wissen Sie etwa, wo Hanna ist?“
„Guten Tag, Frau Klinkert“, reagierte Klaus Klaiser so normal, wie er es in dieser Situation vermochte, „ich bin Hauptkommissar Klaus Klaiser von der Kripo Bad Berleburg und das ist mein Kollege, Kommissar Sven Lukas. Können wir bitte drinnen darüber reden?“
„Ja, aber was ist denn mit Hanna? Wenn schon die Kriminalpolizei kommt. Ist ihr etwas passiert, oder hat sie was angestellt?“
„Frau Klinkert, bitte. Wir sollten nicht hier draußen reden. Im Übrigen wäre es besser, wenn Ihr Mann dabei wäre. Ist er da?“
„Ja, natürlich. Er telefoniert die ganze Zeit und versucht, Bekannte von Hanna zu erreichen.“
Mehr sanft geschoben als freiwillig, war die Hausherrin schließlich hineingegangen und hatte ihnen einen Platz am großen Esstisch angeboten. Im Hintergrund hörte man eine Männerstimme sagen: „Gut. Dann vielen Dank. Und wenn Sie etwas hören, bitte rufen Sie uns an. Egal, zu welcher Uhrzeit.“
Kurz darauf war auch Reinhard Klinkert mit den Neuen bekannt gemacht worden. Doch bevor einer der beiden mehr sagen konnte, fragte er: „Sagen Sie, Herr Hauptkommissar, ich habe gerade erfahren, dass in der Eder eine Frauenleiche gefunden wurde. Ist das wahr?“
Seine Frau schaute ihn entsetzt an. „Was? Eine Frauenleiche? Wer erzählt das?“
„Maybrit Berger. Sie hat es von einem Nachbarn erfahren.“
„Das ist ja furchtbar. Sind Sie etwa deswegen hier?“, fragte sie bei Klaiser nach.
„Schatz, bitte beruhige Dich“, fuhr ihr Mann dazwischen, „das muss für uns zunächst mal nichts zu bedeuten haben. Zumal die Frau schon länger im Wasser gelegen haben soll. Das stimmt doch, Herr Klaiser?“
„Ja, das stimmt. Wir gehen davon aus, dass die Frau schon seit mehreren Tagen tot ist. Aber wir kennen ihre Identität noch nicht.“
„Na, Gott sei Dank“, seufzte Frau Klinkert erleichtert auf. „Es kann sich also unmöglich um Hanna handeln. Sie hat nämlich heute Nacht in ihren Geburtstag hineingefeiert.“
„Nein Schatz, hat sie nicht.“
Die Nachricht ihres Mannes durchfuhr Desiree Klinkert wie ein Blitz. Tief atmend fragte sie: „Hat sie … nicht? W…, wo…, woher weißt Du das so genau?“
„Von Maybrit, Sophie und Ole. Die waren gestern Abend alle im ‚Tonkrug‘ und haben gewartet. Nur Hanna war nicht da. Zur verabredeten Zeit um 21 Uhr nicht und auch zum Geburtstag um Mitternacht nicht.“
„Und wo war ihr Freund? Wo war Arne Priester?“
„Der war auch nicht da.“
„Ja, aber wie ist denn so was möglich? Das gibt‘s doch gar nicht. Vielleicht war sie ja bei ihm zu Hause. Hast Du ihn denn nicht angerufen?“
„Natürlich. Aber der hat sowohl an seinem Festnetz-, als auch an seinem Mobiltelefon die Mailbox hängen. Ich hab‘ nur seine Eltern erreicht. Die sagen, er sei schon seit Tagen nicht mehr aufgetaucht. Das hätte bei ihm aber wenig zu bedeuten. Er sei häufiger mal länger beruflich unterwegs.“
„Aber doch nicht über Hannas Geburtstag“, weinte Desiree Klinkert plötzlich los. „Sie hatte sich so darauf gefreut, mit ihm und den paar Freunden hineinzufeiern.“
Dann sprang sie auf. „Aber Sie, Herr ääh … Herr Hauptkommissar, Sie sind doch nicht ohne Grund extra hergekommen. Was haben Sie denn für Informationen?“
„Ich glaube, Sie setzen sich am besten erst einmal hin, Frau Klinkert“, antwortete Klaiser ganz ruhig. Dabei war ihm so unwohl, dass es kaum zu beschreiben war. „Ich möchte Ihnen zunächst einmal etwas zeigen.“ Dabei legte er sein Smartphone vor ihr auf den Tisch und ließ ein Foto nach dem anderen über das Display laufen.
„Gehören diese Kleidungsstücke eventuell Ihrer Tochter Hanna?“
„Ach, sind das die Sachen, die dieses Einbrecherpärchen gefunden hat? Wo sind die beiden überhaupt?“
„Die sitzen in Berleburg in der Arrestzelle.“
„Und haben die vielleicht was mit Hannas Verschwinden zu tun?“, schaltete sich Reinhard Klinkert ein.
„Das können wir noch nicht sagen“, erklärte der ‚Freak‘, „im Moment sind sie eher nicht verdächtig.“
Klaus lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Fotos. Sein Inneres rebellierte. Weil er ahnte, dass es gleich zu einer Katastrophe kommen könnte.
„Die beiden Einbrecher sind, soweit wir das beurteilen können, Gelegenheitsdiebe. Die klauen zwar wie die Raben, scheinen aber nicht bösartig zu sein.“ Sven Lukas wollte mit seiner Beschreibung von ‚Bonnie‘ und ‚Clyde‘ etwas Druck aus der Geschichte nehmen.
„Nicht bösartig? Das kann ich nun wirklich nicht sagen. Immerhin ist der Typ mit einer geladenen Waffe auf mich los“, bemerkte Klinkert ziemlich schroff. „Und meine Frau wurde von der tobenden Frau angegriffen.“
„Aber für den Mord kommen sie nach derzeitiger Lage der Dinge nicht in Frage. Schon aus zeitlichen Gründen nicht“, erklärte der Kripo-Chef. „Wir werden uns die beiden morgen aber wieder vornehmen. Seien Sie beruhigt. Priorität hat aber auf jeden Fall die Ermittlung des oder der Täter.“
Im Wohnzimmer der Klinkerts war es beunruhigend still geworden. Lediglich das leise Fauchen der Klimaanlage war zu hören. Noch immer herrschten draußen tropische Verhältnisse. Umso angenehmer waren die Temperaturen im Haus. Dennoch standen jetzt kleine Schweißperlen auf der Stirn der Hausherrin.
„Sagten Sie vorhin ‚Mord‘? Herr …“, Desirees Stimme versagte.
„Klaiser, Frau Klinkert. Mein Name ist Klaus Klaiser. Ja, ich sprach von Mord.“
„Das ist ja entsetzlich. Also kein Unfall, kein …“, wieder versagte ihre Stimme. Desiree fand zu keinem klaren Gedanken mehr. Vor ihren Augen geriet alles in Bewegung. Sie fühlte sich einem Zusammenbruch nahe. Doch ihr Mann saß neben ihr, umfing ihren Oberkörper mit einem Arm und gab ihr mit der anderen Hand zu trinken.
„Komm Schatz, bitte, das ist jetzt wichtig für die Polizei. Gehören die Sachen auf den Fotos unserer Tochter?“
Desiree ließ sich die Aufnahmen noch einmal zeigen. Dann knickte sie auf einmal ein. Reinhard konnte sie gerade noch so abfangen. Wieder gab er ihr zu trinken. Mit glasigem Auge schaute Desiree zuerst ihren Mann an, dann Klaus Klaiser. Offenbar hatte sie realisiert, dass eine Tragödie über ihre Familie hereingebrochen war.
„Ja“, stammelte sie, „ich kenne die Sachen. Das Badelaken, den Bikini, die Bermuda und das Poloshirt.“ Dann warf sie ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes und plötzlich bebte ihr Körper wie unter Schüttelfrost. Ein unglaublicher Weinkrampf hatte sich ihrer bemächtigt und ließ sie laut schluchzen. Ihr Mann weinte mit.
Betreten schauten die Polizeibeamten zunächst einander an und dann zu Boden. Diese beklemmende Szene hatte sich keiner von ihnen ausgesucht. Und doch konnte ihr niemand entkommen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit richtete sich Reinhard Klinkert auf und fragte: „Haben Sie ein Foto von der Toten? Wir brauchen Gewissheit. Wir müssen wissen, ob das unsere Hanna ist.“
„Nein“, sagte Sven Lukas, der gemerkt hatte, dass Klaus Klaiser zu einer Antwort nicht fähig gewesen wäre. So nahe war ihm der Zusammenbruch der Frau gegangen.
„Tut mir leid. Wir haben kein Foto, das wir Ihnen zeigen können.“
„Das glaube ich Ihnen nicht. Sie haben doch sicher Fotos von dem Ort gemacht, an dem die Tote gefunden wurde. Und Sie haben mit Sicherheit auch Fotos von dem Leichnam. Warum dürfen wir die nicht sehen?“, insistierte Klinkert.
„Weil sie zu einer Identifizierung nicht taugen würden“, stellte Sven nun nüchtern fest. „Tut mir leid.“ Seine Blicke suchten irgendwas in der Wohnung, nur nicht die Blicke von Hannas Vater.
Reinhard Klinkert gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. „Wenn Sie kein Foto haben, dann lassen Sie uns bitte zu ihr.“
Sven schluckte. „Das geht nicht. Die Lei…, äh … die Frau ist in der Gerichtsmedizin.“
„Hören Sie“, wurde der Hausherr plötzlich bestimmend, „Ich will jetzt sofort ein Foto von der toten Frau sehen. Ich habe ein Recht darauf!“
„Aber es ist doch, wie gesagt, bisher nur eine Vermutung. Wir wissen nicht, wer die Tote ist.“ Der ‚Freak‘ hob und senkte resignierend die Schultern. Er wollte unter allen Umständen vermeiden, dass die Eltern die so malträtierte Leiche zu Gesicht bekommen. Und er wollte deren Zustand auch nicht beschreiben. Da kam ihm Klaus zu Hilfe, der sein extremes Unwohlsein endlich in den Griff bekommen hatte. „Ein Foto würde Ihnen nichts helfen, Herr Klinkert. Denn ihr Gesicht ist durch äußere Einflüsse total entstellt.“
Der Angesprochene starrte ihn an.
„Was heißt das, ‚total entstellt‘?“
Klaus druckste herum. Doch der erregte Vater nötigte ihn zu einer klaren Auskunft. Also atmete der Kripo-Chef durch und fasste sich ein Herz. Wissend, dass er die Grenzen des Erträglichen sprengen würde.
„Verzeihen Sie. Aber es lässt sich leider nicht anders beschreiben. Die Tote hat kein Gesicht mehr.“
„Neiiin, lieber Gott, neiiin!“, schrie Reinhard. „Mach, dass das nicht wahr ist!“ Noch immer hielt er seine Frau eng umschlungen. Doch die bekam gar nicht mehr mit, was gerade passierte. Eine gnädige Ohnmacht ließ sie fast seinen Händen entgleiten.
Die Beamten waren wie erstarrt. Das Leid der Eltern auch noch durch diese furchtbare Nachricht zu verstärken, das war das größte Elend für die beiden.
„Herr Klinkert, ich bitte Sie, wir sind nach wie vor nicht sicher, ob es sich bei der Toten tatsächlich um Ihre Hanna handelt“, griff Sven wieder ein. Doch der Vater hatte resigniert. Weinend fragte er zurück, „ja, wer soll es denn sonst sein?“
Als Klaus Klaiser an diesem Abend nach Hause kam, fiel er in die Arme seiner Frau und legte seinen Kopf auf ihre Schulter. Ute hielt ihn fest und wartete, bis er sich erklären konnte. „Weißt Du“, sagte er nach einiger Zeit, „es gibt Tage, da verfluche ich meinen Entschluss, zur Polizei zu gehen. Heute ist einer davon.“
Sie fragte nicht nach. Denn sie wusste, dass er erzählen würde, wenn er es denn wollte. Und wenn nicht, dann würde er es schon allein deshalb nicht tun, um sie nicht zu beunruhigen. Grausame Begebenheiten, so wusste sie, erführe sie ohnehin nicht von ihm. Und so blieb auch an diesem Abend vieles von dem unausgesprochen, was ihn über Gebühr belastete. Bis in den späten Abend hinein saßen sie auf ihrer Terrasse und tranken fast zwei Flaschen eines herrlich spritzigen badischen Weißburgunders. Klaus hatte den Löwenanteil davon beansprucht. Der Wein hatte seine Zunge gelockert und ihn zu seinem Humor zurückfinden lassen. Die Erlebnisse in Arfeld waren wie weggeschaltet.
Beide amüsierten sich denn auch köstlich über so manche Episode im Münsterland. Zum Beispiel die Erlebnisse mit Onkel Karl. „Dieser Mann ist einfach eine Granate“, lachte Klaus, als er an die Spiele des alten Herrn mit Luisa erinnerte.
Der alte, liebenswert knorrige Bauer hatte in einem Korbsessel beim Abendbrot gesessen und quer über den großen Tisch dem Töchterchen der Klaisers Grimassenschneiden beibringen wollen. Die Kleine hatte mit den unglaublichsten Versuchen darauf reagiert und gemeinsam mit „Ontel Tarl“, wie sie ihn nannte, die gesamte Großfamilie zu Lachsalven animiert.
Schon allein dieses Abendessen auf dem Bauernhof von Utes Großeltern war die Reise ins Münsterland wert gewesen. Beide brauchten solche Besuche in der Heimat. Hin und wieder eine Fahrt zurück zu den Wurzeln. Für Ute und Klaus immer etwas Wertvolles.
Auch Sven, der ‚Freak‘, war am späten Abend mit einem regelrechten Stimmungsleck nach Diedenshausen zurückgekehrt. Nur im Gegensatz zu Ute Klaiser war Mina bereits bestens informiert, über den Fund der Leiche und deren Zustand. Was Wunder auch. Als Hebamme im Krankenhaus hatte sie beste Verbindungen zu Ärzten und Rettungssanitätern.
Und die hatte sie genutzt, als sie noch am frühen Abend wegen einer unvorhergesehenen Geburt in die Klinik gemusst hatte. Nachdem das Baby auf der Welt und Mutter und Kind versorgt und glücklich waren, holte sie die nötigen Informationen ein. Die würde sie brauchen, um ihren Lebensgefährten auffangen zu können, wenn er nach Hause käme. Denn sie wusste, dass auch Sven Lukas höchst sensibel auf jede Art von Gewaltverbrechen reagierte.
Im Freundeskreis hatte sie ihn schon mehrfach für diesen Wesenszug gelobt. Und sie hoffte, dass er niemals so abstumpfen würde, dass für ihn Mord und Totschlag eines Tages zum Alltagsgeschehen zählen würde. Zwar bestand diese Gefahr in Wittgenstein ohnehin nicht. Doch Minas Denke zeigte, wie sehr sie sich um das Seelenleben ihres geliebten Sven sorgte.
Und sie wusste ihn zu verzaubern. Mit gutem Essen und überhaupt. Ein leichtes und raffiniert zubereitetes Abendessen mit hauchfein geschnittenem Knochenschinken, Melone, eingelegten Maiskölbchen, Spargelspitzen, Schnitzen von Cocktailtomaten und Dillgürkchen, brachte Kommissar Lukas langsam auf andere Gedanken.
„Ihr müsst lernen abzuschalten! Ohne die Fähigkeit dazu werdet Ihr es schwer haben, in Eurem Beruf“, hatte man ihm und seinen Lehrgangskameraden in der Polizeischule mit auf den Weg gegeben. „Ansonsten lauft Ihr Gefahr, jedes miese Erlebnis wie einen bleiernen Rucksack mit Euch herum und nach Hause zu tragen. Hütet Euch davor. Denn für eine Partnerschaft ist das auf Dauer tödlich.“
Sven Lukas hatte sich das zu eigen gemacht. Doch die Fähigkeit dazu wurde mit dem gewaltsamen Tod jener jungen Frau zerstört, die er auf dem Stünzelfest kennengelernt und noch am selben Tage wieder verloren hatte. Jetzt, zwei Jahre später, half ihm Mina auf besondere Art und Weise dabei, sein Gefühlsleben gewissermaßen zu restaurieren.
Montag, 6. August
„Guten Morgen Frau Fischer, ich hoffe, Sie hatten ein schönes Wochenende.“ Unausgeschlafen und geplagt von schlechten Träumen war Klaus Klaiser an diesem Morgen ins Kommissariat gekommen. Am Tag eins nach dem „Horrorfund von Arfeld“, wie der ‚Westfalenkurier‘ auf Seite 1 getitelt hatte.
„Ach danke, mein Wochenende war schön, wenn auch leider wieder viel zu heiß. Aber Ihres scheint ja noch um einiges heißer gewesen zu sein. Nach all dem, was ich an Berichten der Kollegen und in der Zeitung lese.“
„Es war wirklich ein Horror“, bestätigte der Kripo-Chef seiner Kriminalassistentin. „Und zwar für alle Beteiligten. Ohne Ausnahme. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie furchtbar die Leiche zugerichtet war.“
„Doch“, sagte sie, „kann ich. Ich habe den kompletten Bildersatz gesehen, den Herr Steiner von der KTU gesendet hat. Wirklich entsetzlich“, fügte sie noch an und reichte dem Chef den Ausdruck des ersten Berichts aus der Kriminaltechnik, dem, so ging aus dem Papier hervor, ein weiterer folgen sollte.
„Das ging ja wirklich zügig, danke. Aber von dort ist ja so viel auch nicht zu erwarten. War ja fast alles entweder im Wasser oder platt getrampelt.“ Klaiser hörte Schritte die Treppe herauf und zu seinem Büro hin kommen. Die konnten nur zum ‚Freak‘ gehören. Und tatsächlich kam zwei Sekunden später Sven Lukas herein.
Sein „Guten Morgen“ machte auch nicht gerade den Eindruck, als komme es aus fröhlicher Brust. Doch immerhin hatte ihr Besitzer eine Tüte voller frischer Brötchen und Croissants mitgebracht.
Der Duft, den die Backwaren und frischer Kaffee entfachten, entschädigte ein wenig für die seltsame Stimmung, die wie ein feuchtwarmer Lappen über der Morgenrunde lag. Klar, dass der Mordfall Priorität im Bericht des ‚Freaks‘ hatte. Er war heute Morgen dran mit der „Lage“, die täglich von einer anderen Person vorgetragen wurde. Darüber hinaus hatten sich aber auch noch einige andere Fälle ergeben, die es zu berichten und zu bearbeiten galt.
Lukas war bereits beim Studium der Wochenendakte ins Schleudern gekommen. Denn es hatte, für Wittgensteiner Verhältnisse, exorbitant viele Vorfälle gegeben. Ein Einmietbetrug in Weidenhausen, ein erschossenes Pferd auf einer Koppel in Leimstruth, ein Tankstellenüberfall in Erndtebrück und ein versuchter Raubüberfall auf ein Ladengeschäft in der Berleburger Poststraße. Allesamt Fälle, die die Schutzpolizei an die Kripo weitergegeben hatte.
„Ja, Ihr Lieben, das werden ein paar ganz heftige Tage, die uns da bevorstehen. Schön, dass Rüdiger Mertz heute wieder zu uns gestoßen ist, quasi als so eine Art Dauerleihgabe“, gab Klaus zum Besten. Applausklopfen empfing ihn.
„Außerdem werden uns die mehr oder weniger frisch gebackenen Kommissare Sam Weinrebe und Theo Schöneborn immer wieder mal unterstützen. Das habe ich gestern Abend noch mit Bernd Dickel vereinbart. Hab ihn telefonisch an seinem Urlaubsort erwischt.“
Wieder veranstalteten die Beamten ein wohlwollendes Klopfkonzert auf dem großen runden Tisch im Besprechungsraum. Und die beiden Letztgenannten bekamen rote Ohren.
„Also, was haben wir?“, begann Klaiser mit der Abfrage der wesentlichen Infos zu den ‚Sachverhalten‘, wie auch die schlimmsten Verbrechen in der Amtssprache eindeutig zu nüchtern beschrieben werden.
Sven Lukas, am Tage zuvor Einsatzleiter, weil diensthabender Kripo-Mann, begann mit seinen Erklärungen. Wobei er bereits seinen Bericht des Vorabends vervielfältigt und mit Genehmigung Klaisers an die Kolleginnen und Kollegen herausgegeben hatte. Er sparte dabei nicht mit detaillierten Anmerkungen zu der Art der Verletzungen, die dem Opfer zugefügt worden waren.
„Ausgesprochen dankbar müssen wir dabei Harry Senftleben und seinem Suchtrupp sein, dass bereits gestern am späten Nachmittag der Ort gefunden wurde, an dem das Opfer mutmaßlich umgebracht wurde. Dabei zeigte sich die Vermutung unseres Rechtsmediziners als bestätigt, dass der Mord bereits Tage zurückliegt. Die einzelnen Positionen und Ortsangaben findet Ihr im Übrigen auf Seite 2 des Anhangs zu meinem Bericht.“
„Wissen wir eigentlich mittlerweile mehr über die Identität des Opfers?“, fragte Claudia Siegemund.
„Nein, noch nicht“, schaltete sich Klaus Klaiser ein, während er auf seinen Tablet-Computer schaute. „Die werden wir vermutlich erst haben, wenn die Rechtsmedizin die DNA-Abgleiche fertig hat. Aber die liegen noch nicht vor.“
„Ja, aber wir haben einen ziemlich konkreten Verdacht“, führte der ‚Freak‘ weiter aus. „Wie Ihr weiter hinten im Bericht lesen werdet, gibt es die Vermutung, dass es sich bei der Toten um Hanna Marie Klinkert, geboren am 5.8.1994, BWL-Studentin aus Arfeld, handeln könnte. Sie ist spurlos verschwunden. Aber unweit des Tatortes, in einem Wäldchen an der Eder, wurden Textilien aus ihrem Besitz gefunden.
Darüber hinaus hat sich ein Ganovenpärchen deren Personalausweis angeeignet. Das Pärchen war in dem Anwesen der Eltern, als diese aus ihrem Urlaub in Italien heimkehrten. Kollegen des Polizeireviers Laasphe haben die beiden in Amtshilfe festgenommen und an uns übergeben. Sie sitzen unten im Arrest. Der Bericht der Kollegen liegt gesondert bei.“
„Wieso eigentlich ‚in Amtshilfe‘?“, kam die Frage aus der Runde.
„Hast Du Dich mal umgeschaut, wie viel Personal wir noch auf der Wache haben?“, fragte der ‚Freak‘ dagegen. Und dann musst Du Dir mal vorstellen, was der Leichenfund gestern in Arfeld für Wellen geschlagen und an Kollegen gebunden hat. Wir mussten dankbar sein, dass uns da Hilfe angeboten wurde. Und das war darüber hinaus auch noch sehr erfolgreich.“
Obwohl es noch nicht einmal acht Uhr am Morgen war, wurde es schon jetzt wieder unheimlich warm. Denn die Sonne hatte sich bereits über den Höllscheid, den Berleburger Hausberg im Osten, erhoben und feuerte ihre Strahlen gnadenlos in Richtung Polizeirevier ab. Was mancher als „Jahrhundertsommer“ feierte, hatte bei Menschen wie denen im ‚Bullenkloster‘ einen ganz anderen Namen bekommen. Nämlich ‚unerträgliche Scheißhitze‘.
Aber nicht nur deshalb begann Sven zu schwitzen. Sondern vor allem bei der Schilderung der Begegnung mit den Eltern der Vermissten. Und ähnlich erging es Klaus, der weiter ausführte, dass man die Klinkerts erst verlassen habe, nachdem ein Arzt nach ihnen geschaut hatte.
„Ach übrigens, Rüdiger. Habt Ihr den Wagen auf der Industriebrache gefunden? Ich habe noch keinen Bericht von Dir“, monierte Klaiser.
„Doch, den müsstest Du in Deinem Mail-Account haben. Hab‘ ihn erst gerade abgeschickt. Das war gestern einfach zu spät. Weil wir noch Trouble mit den beiden Ganoven hatten.“
„Okay“, bat Klaus, „dann erzähl mal kurz.“
„Tja, was gibt‘s da zu erzählen? Das ist kein herkömmlicher Pick-up. Ein ‚fahrbares Wohnklo mit Kochnische‘, wenn Dir das was sagt. Ein rollendes Baubüro, allerdings mit ‘nem satten Drei-Liter-Diesel“, erklärte der Autokenner Mertz weiter.
„Wundert mich übrigens nicht, dass die den schneller trocken gefahren haben, als sie einem ‘n paar Cent aus der Tasche ziehen konnten. Wenn das Motörchen mal so richtig losblubbert, dann kannst Du‘s im Tank regelrecht schlürfen hören. So schnell, wie der Karren den Sprit wegsäuft, fährt kein Tankwagen.“
Gelächter der Kollegen quittierte Rüdigers Beschreibung. ‚Lass‘ sie‘, dachte Klaiser. Das Thema drum herum ist schlimm genug für die Leute.
„Naja, als ich sie höflich um die Schlüssel und die Papiere für den Wagen gebeten habe, meinten sie nur, das ‚alles drin‘ sei. Das heißt, er sagte das. Die Lady hat nur Gift und Galle gekotzt.“
„Okay. Und wie weiter?“, drängte der Chef nun.
„Langer Rede kurzer Sinn: der Karren war unverschlossen, der Schlüssel steckte. Und die Papiere waren im Handschuhfach. Das Fahrzeug ist zugelassen auf eine Firma „Kubisch & Partner“ aus Hamm, Kennzeichen HAM-KP 3312. Das ist, wie ich recherchiert habe, ein Unternehmen, das auf Fernwasserleitungsbau spezialisiert ist. Konnte leider weder gestern, noch heute Morgen jemanden in der Firma erreichen.“
„Dann können wir ja wahrscheinlich davon ausgehen, dass der VW-Amarok gestohlen wurde“, mutmaßte Pattrick Born. Denn tatsächliche Vertreter der Firma hätten ja wohl nicht trocken fahren und in fremde Häuser einbrechen müssen.“
„Das sehe ich genauso“, pflichtete ihm Rüdiger bei. „Übrigens, und das sollte uns bei der ganzen Sache noch mehr interessieren, der Wagen stand bereits am Freitagnachmittag auf dem Parkplatz der alten Fabrik. Und er sei seitdem keinen Millimeter mehr bewegt worden, hat uns ein Mann berichtet, der nebenan eine kleine Firma besitzt.“
„Das heißt im Klartext“, mühte sich Sven um eine Schlussfolgerung, „dass diese Ganoven uns ganz schön beschissen haben. Und zwar mit großen Teilen ihrer Geschichte. Von wegen bei der Kirche Leute beklauen wollen und verfolgt worden zu sein. Und dann ist‘s wohl auch nix mit ‚gestern die Badestelle gefunden‘ haben.“
„Warum denn nicht?“, wollte Rüdiger Mertz wissen.
„Warum hätten sie denn da gestern noch mal auftauchen sollen, wenn sie ein paar Hundert Meter entfernt schon am Freitag die Karre abgestellt haben? Sprit hatten sie ja wohl keinen dabei. Sonst wären sie ja mit dem Wagen gestern dort auch wieder weggekommen.“
„Ja, aber das hieße ja …“, begann Klaiser laut zu überlegen, „das hieße ja, dass sie vielleicht schon am Freitag an dieser Badestelle waren. Ungefähr um die Zeit, in der die junge Frau umgebracht worden ist.“
„In der Tat, das hieße es. Wird Zeit, dass wir den beiden da unten richtig einheizen.“
„Ja, aber vorher bitte dringend Kontakt mit der Firma Kube und … ääh Dingenskirchen machen.“
„Kubisch & Partner, klar, mache ich.“
„Claudia, bitte sei so lieb und klemme Dich mal hinter den ebenfalls spurlos verschwundenen Freund von Hanna Klinkert. Der Mann heißt Arne Priester, mit ‘nem Doktor vornedran, ist 30 Jahre alt, Wirtschaftsanwalt und wohnt in Puderbach. Würde mich mal interessieren, wo der abgeblieben ist und ob er derjenige war, der sich auf dem Badelaken von Hanna verewigt hat.“
„Äh, wie? Verewigt?“
„Schau einfach in den Bericht. Dann wirst Du‘s begreifen.“ Es war ihm einfach zu peinlich, der Kollegin gegenüber von vermutetem Geschlechtsverkehr und Spermaresten zu sprechen. Aber die hatte die entsprechende Stelle im KTU-Bericht ohnehin schnell gefunden und gebremst lächelnd genickt.
Rüdiger und Pattrick Born sollten sich um ‚Bonnie & Clyde‘ kümmern und ihnen mal richtig auf die Finger klopfen. Vor allem Pattrick Born hatte den Hauptkommissar in der Vergangenheit durch seine Verhörpraktiken des öfteren sehr beeindruckt. Sam Weinrebe bekam den Fall mit dem erschossenen Pferd übertragen und Theo Schöneborn sollte sich um die beiden Betrügereien in Weidenhausen und Erndtebrück kümmern. Den versuchten Raubüberfall auf den Laden in Berleburg sollte dann Claudia bearbeiten, wenn sie die Nachfragen nach dem Verbleib von Priester erledigt hatte.
Klaus wollte nämlich unter keinen Umständen wieder eine Mordkommission von außerhalb, die sich mit einer gewissen Eigenmotorik in einer autonomen, fast undurchdringlichen Hülle bewegte. Darum sagte er den beiden Helfern von der Schutzpolizei, „kann sein, dass ich Euch schnell wieder von Euren Aufgaben abziehen muss, wenn sich im Mordfall tatsächlich etwas ändern sollte.“ Die Kollegen nickten und zogen mit den entsprechenden Anzeigen und Berichten von dannen.
‚Zum Glück kommt Jürgen Winter morgen aus dem Urlaub zurück‘, sprach sich Klaus in Gedanken noch ein wenig Mut zu. ‚Das macht uns dann doch noch etwas elastischer.‘
Alexandra Afflerbach von ‚Steffes Hof‘ in Weidenhausen war richtig sauer. „Wissen Sie“, sagte sie an Theo gewandt, während sie gemeinsam mit einer jungen Frau die Tische in ihrem Restaurant für eine Gesellschaft eindeckte, „es kommt schon mal vor, dass hier jemand rausgeht ohne sein Bier zu bezahlen. In den meisten Fällen kommt der dann sogar peinlich berührt wieder zurück. Weil er‘s tatsächlich vergessen hat.
Aber was sich diese beiden jungen Leute geleistet haben, das geht deutlich darüber hinaus.“ Theo musste sich ein wenig anstrengen, um alles zu verstehen. Denn die Helferin stellte gerade mit einigem Scheppern Suppenschalen auf die Unterteller.
„Kommen Sie, wir gehen rüber ins Nebenzimmer. Da sind wir eher ungestört“, forderte ihn daher die Chefin des überaus beliebten Gasthauses auf.
Tatsächlich bot der kleine Raum, mit dem Stammtisch links neben der Theke, eine schon fast heimelige Atmosphäre. Von den Geräuschen im Restaurant war hier kaum etwas zu hören. Alexandra Afflerbach hatte im Vorbeigehen aus der Kühlung Cola und Wasser mitgebracht und fragte nach dem Getränkewunsch des Beamten, der die erbetene eiskalte Cola fast in einem Zug leerte. „Es ist schon wieder so unheimlich warm geworden.“
„Da sagen Sie was“, federte die Chefin hoch, kaum, dass sie gesessen hatte. „Moment bitte“, unterbrach sie und führte etwas abseits per Handy ein kurzes, besorgtes Gespräch mit dem Getränkelieferanten. „Bei denen sind die Lager mittlerweile fast so leer wie bei ihren Kunden. Die Brauereien und Mineralbrunnen kommen nicht mehr hinterher, bei dieser Bullenhitze“, erzählte sie, als sie sich wieder zu Theo Schöneborn setzte. „Oh, entschuldigen Sie bitte“, lachte sie plötzlich, „das mit der ‚Bullen-Hitze‘ ist mir so rausgerutscht.“ Es war ihr peinlich. Aber sie konnte ihr Lachen kaum unter Kontrolle bringen.
„Ach Gott, da sind wir deutlich Schlimmeres gewohnt“, wehrte Theo ab. Aber auch er brauchte einen Moment, bis er seine spontane Fröhlichkeit unter Kontrolle hatte. „Okay, Frau Afflerbach, was genau haben die beiden Leute getan? Und vor allem, können Sie uns etwas über deren Identität sagen?“
„Das ist ja das Seltsame“, entgegnete die adrette Frau, „wir haben keine Ahnung, wie sie tatsächlich heißen. Angekommen sind sie hier am Sonntag vor einer Woche, also am 29. Juli. Als Rucksacktouristen, die sich mit Sabine und Gregor Schütze aus Dormagen eingetragen haben. Mit Adresse und allem Drum und Dran. Die beiden machten einen guten Eindruck. Und deswegen sah ich auch keinen Grund, nach ihren Personalausweisen zu fragen.“
„Machen Sie das denn üblicherweise?“
„Naja, hin und wieder schon. Wenn mir irgendetwas komisch vorkommt. Aber die meisten kommen ohnehin über Online-Buchungen zu uns. Da ist das alles schon im Vorfeld geregelt. Auch die Zahlungsmodalitäten stehen da bereits fest.“
„Okay“, brummelte Theo vor sich hin, während er eifrig Notizen machte, „was hat Sie denn erkennen lassen, dass Sie betrogen worden sind?“
„Haja, die beiden sind einfach abgehauen, ohne sich noch einmal zu zeigen. Sie waren am Freitag noch beim Frühstück“, sinnierte Frau Afflerbach und ging im Kopf offenbar noch einmal Stück für Stück durch, wie der Morgen abgelaufen war. „Und dann waren sie plötzlich verschwunden. Bleiben wollten sie aber ursprünglich bis vorgestern, also Samstag.“
„Wann haben Sie festgestellt, dass die Leute, wie Sie sagen ‚einfach abgehauen‘ sind?“
„Das hat unsere Putzhilfe am Vormittag bemerkt. Sie hatte deren Zimmer aufgeräumt und festgestellt, dass alle Sachen verschwunden waren, die die Gäste bei sich hatten. Zunächst nicht weiter tragisch, hab‘ ich gedacht. Vielleicht haben sie ihre Sachen in die Reinigung bringen wollen. Sie hatten ja nicht so viel dabei.
Als sie aber nicht zum Abendessen aufgetaucht waren und auch nicht über Nacht kamen, war es endgültig klar. Die sind einfach verschwunden, ohne zu bezahlen. Eine hübsche Summe, auf der sie uns haben sitzen lassen. 405 Euro allein für Übernachtungen und Halbpension bis Freitag. Die beiden weiter gebuchten Tage nicht mitgerechnet. Und dazu noch eine Getränkerechnung von knapp 180 Euro. Die haben ja hier zweimal bis lange nach Mitternacht gesessen und ordentlich was reingeschüttet. Und dabei noch drei Leute mit beköstigt, die an einem Abend zu uns hereinkamen und sich sofort zu den beiden setzten.“
„Da kommt tatsächlich einiges zusammen“, resümierte Schöneborn, obwohl er insgeheim dachte, dass die Preise für Übernachtung mit Halbpension durchaus moderat sein müssten. Immerhin hatten die Unbekannten vier Nächte hier verbracht, gefrühstückt und zu Abend gegessen. ‚Umso härter für die Wirtsleute, auf das Geld verzichten zu müssen‘, dachte er.
„Hatten Sie den Eindruck, dass sich die fünf untereinander kannten?“
„Ich glaub‘ schon. Denn sie waren sehr schnell sehr vertraut miteinander. Zumindest die drei Männer. Wie das mit den beiden Frauen war … Das kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Die beiden saßen auch zu weit auseinander.“
„Sagen Sie, Frau Afflerbach, woher wissen Sie eigentlich, dass die beiden Personen, die hier bei Ihnen gewohnt haben, falsche Namen angegeben haben?“
„Das haben Ihre Kollegen von der Wache schon am Samstag angedeutet, nachdem wir die Anzeige erstattet haben. Zumindest gebe es die Namen nicht unter der angegebenen Adresse, haben die Kollegen herausgefunden.“
Schöneborn klatschte sich mit einer Hand an die Stirn und blätterte in dem Aktendeckel, den er vor sich auf dem Tisch liegen hatte. ‚Ich Hornochse‘! beschimpfte er sich innerlich, ‚hast du doch schon alles in der Akte gelesen.‘
„Sorry“, sagte er, „die Seite hatte ich übersehen. Irgendwie ist es wohl einfach zu heiß für klare Gedanken“, lachte er verlegen.
„Kein Problem“, lächelte seine Gastgeberin und schenkte ihm ein weiteres Glas eiskalter Cola ein. Dann fragte sie, ob denn dieser Tatbestand ausreiche, um das Betrügerpaar auf eine Fahndungsliste zu setzen.
„Natürlich werden wir nach denen suchen. Aber dafür brauchen wir schon eine ziemlich präzise Täterbeschreibung.“
„Oje, ich bin so unheimlich schlecht darin, Menschen so zu beschreiben, dass man sie danach malen könnte. Aber ich habe mir ihre Gesichter trotzdem ziemlich genau eingeprägt. Bei einer Gegenüberstellung würde ich sie sofort erkennen.“
„Na, das ist doch immerhin was“, hellte sich Theos Miene deutlich auf. Ihm war nämlich plötzlich eine Idee gekommen. „Schauen Sie mal bitte“, lenkte er ihren Blick auf das Display seines iPhones, „sind die das eventuell?“ Er hatte das Foto von ‚Bonnie & Clyde‘ aufgerufen, das seit diesem Morgen jedem Polizeibeamten von ganz NRW zugespielt worden war.
„Zeigen Sie mal“, kam Alexandra Afflerbach näher. Um gleich darauf mit dem Brustton der Überzeugung zu sagen: „Na klar, das sind sie! Wie kommen Sie denn zu diesem Bild?“
„Darf ich Ihnen leider nicht sagen. Sind Sie wirklich sicher, dass das Ihre Betrüger sind?“
„Absolut sicher. Das sind sie. Warten Sie mal ‘n Moment“, tätschelte sie dem aufgeregt dreinblickenden Polizisten die Hand, „Leonie, komm bitte mal.“
Kurz darauf stand die junge Frau von nebenan bei ihnen und beäugte das Foto.
„Aber sicher. Das sind sie. Eindeutig! Können Sie der Mama ruhig glauben“, lachte sie den Beamten an. „Wieso? Habt Ihr die schon?“
„Die haben wir schon. Seit gestern Abend. Aber wieso eigentlich Mama?“
„Weil ich ihre Tochter bin.“
Theo war ganz verdattert. „Ach, Entschuldigung, das konnte ich ja nicht wissen.“
„Natürlich nicht“, meinte Mama Afflerbach. „Mein Fehler. Ich hab‘ ganz vergessen, sie vorzustellen.“
„Alles halb so wild“, lachte Leonie und wandte sich wieder ab. „Ich helfe hier halt ab und zu mal aus.“ Dann lärmte sie draußen wieder mit dem Geschirr.
„Wie sind Ihnen die beiden Typen in die Fänge geraten?“, wollte Alexandra wissen. „Haben die woanders auch umsonst übernachtet und sich den Leib vollgeschlagen, ohne dafür zu zahlen?“
„Dazu darf ich Ihnen im Moment auch nichts sagen“, antwortete der Angesprochene. „Aber eines ist sicher. Die beiden werden in absehbarer Zeit auf Staatskosten logieren. Allerdings sicher nicht so komfortabel wie bei Ihnen. Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment. Ich muss mal gerade telefonieren.“
Klaus Klaiser hielt es nicht mehr in seinem Sitz, als ihm Theo Schöneborn telefonisch mitteilte, dass „Bonnie & Clyde auch diejenigen waren, die in Weidenhausen von Sonntag bis letzten Freitag für umsonst im ‚Steffes Hof‘ logiert“ hatten.
„Ich hab‘s geahnt, ich hab‘s geahnt! Diese Zeitgleichheit. Solche Zufälle gibt‘s nicht. Hast Du super gemacht. Bist Du noch dort?“
„Klar, Chef. Wir sollten hier auf alle Fälle die SpuSi reinlassen, würde ich vorschlagen. Auch wenn das Zimmer längst gereinigt ist.“
„Auf jeden Fall. Ich setze die gleich in Bewegung. Bleibst Du bitte solange da?“
„Natürlich. Muss hier erstmal um ein wenig Verständnis werben für diese Maßnahme. Heute Mittag wird hier eine größere Gesellschaft erwartet.“
„Du machst das schon“, schmierte Klaus dem glücklichen Kollegen etwas Brei um den Bart. „Danke Dir.“ Dann beendete er das Telefonat und rannte rüber ins ‚Labor‘, das Büro von Sven Lukas. Doch der glänzte durch Abwesenheit. „Wo ist Sven?“, rief Klaiser laut in den Flur.
„Der ist in Arfeld, wo die SpuSi den Amarok untersucht. Die haben den nicht abschleppen können, wegen seines Automatikgetriebes!“, rief Rüdiger Mertz von weiter hinten durch eine offene Bürotür. „Übrigens“, kam er schließlich heraus auf den Flur, „es ist scheißwarm hier.“ Dabei wischte er sich mit einem riesigen Taschentuch Schweiß aus dem Gesicht und vom Hals.
„Um mir das zu sagen, musstest Du Dich aber nicht extra rausquälen“, lächelte Klaiser.
„Nee, ich wollte Dir nur kurz berichten, dass die Firma Kubisch & Partner seit Ende vergangener Woche ihre Bauleiterin Kathrin Leimbach vermisst, samt ihrem Dienstwagen, einem VW-Amarok, braun-metallic.“
Klaiser drehte sich ruckartig um. „Kathrin Leimbach? Wie alt? Haarfarbe?“
„29 Jahre, sportlich schlank, schulterlanges blondes Haar, einsvierundsiebzig groß.“
„Oh Gott. Wie Hanna Klinkert“, brachte Klaus erschrocken hervor.
„Wie Hanna. Nur etwas älter“, bestätigte Rüdiger. „Warum wird eigentlich der ‚Freak‘ gesucht?“
„Du wirst es nicht glauben. Das ist der weitere Hammer. Theo Schöneborn hat rausgekriegt, dass unsere beiden Ganoven identisch sind mit dem Pärchen, das fast eine Woche lang in Weidenhausen die Zeche geprellt und die Übernachtung nicht gezahlt hat. Und was glaubst Du, wann die dort einfach verschwunden sind?“
„Keine Ahnung“, zuckte Rüdiger die Schultern und schaute ein wenig überfordert aus. „Am Freitag etwa?“
„Genau! Am Freitag. Merkst Du was?“
„Ach du Sch… Das ist ja ‘n dickes Ding. Dann sind die zwei dort im Arrest womöglich doch keine lammfrommen Taschendiebe, was?!“
„Könnte man meinen“, überlegte der Kripo-Chef. „Pass auf. Komm bitte mit Pattrick zu mir ins Büro. Ich muss nur vorher noch die Spurensicherung von Arfeld nach Weidenhausen schleusen. Sonst sitzt der arme Theo dort auf dem Trockenen.“
„Ja, ist klar. Mache ich. Wir sind hier sowieso gleich fertig.“ Sven Lukas hatte bei der alten Fabrik in Arfeld das Telefonat mit dem Handy von Steffen Siebert, dem Trüffelschwein der SpuSi, zu Ende geführt. Siebert, der Mann mit dem siebten Sinn, hatte es ihm weitergereicht, weil er gerade dabei war, Gewebeproben einzutüten.
„Ja, wir haben einiges gefunden. Manches vielleicht belanglos. Erzähl‘ ich nachher im Kommissariat. Nur eines solltest Du auf alle Fälle sofort wissen. Siebert hat hier auf der etwas zerbeulten Motorhaube des Amarok winzige Spuren verkrusteter Fleischfetzen, Knochensplitter und Blut gefunden. Ganz wenige zwar, weil da jemand was abgewischt hat, aber immerhin. Und natürlich Fingerabdrücke. Wobei die meisten, vor allem am Lenkrad und am Schalthebel, sorgsam abgewischt waren.“
Klaiser schluckte auf der anderen Seite laut vernehmbar. „Knochen-, Fleisch- und Blutspuren? Auf der Motorhaube? Was hat das denn zu bedeuten?“
„Wissen wir noch nicht. Kann tausend Gründe dafür geben. Aber wir sollten auf alle Fälle die Präparate mit einem Kurier in die Gerichtsmedizin schicken und sofort einen DNA-Abgleich mit den anderen Funden von gestern und aus dem Hause Klinkert machen lassen.“
„Ja, okay, mach das. Wobei ich glaube, dass das, falls es sich um menschliches Material handelt, kaum zusammenpasst. Aber das ist zunächst nur eine Vermutung. Eine sehr konkrete allerdings.“
„Wie kommst Du darauf?“
Mit offenem Mund hörte der ‚Freak‘, was sich an diesem Morgen bereits an neuen Fakten ergeben hatte. „Wahnsinn“, kommentierte er das Gehörte.
„Stimmt. Das ist Wahnsinn.“
„Ja, aber das würde ja bedeuten, dass Hanna Klinkert eventuell tatsächlich noch lebt.“
„Das würde es in der Tat“, gab der Chef zurück. Er schien über irgendetwas nachzudenken.
„Was grübelst Du?“, fragte Sven daraufhin nach. Er kannte seinen Chef ziemlich genau und wusste, dass er solche Fragen stellen durfte.
„Was ich grübele? Ich wüsste ganz gerne, wo sich Hanna Marie Klinkert aufhält. Und wo ihr Lover? Die Geschichte stinkt doch, falls die Tote tatsächlich eine andere ist.“
„Wie meinst Du?“
„Naja, wenn es wirklich so ist, dass die Tote nicht die vermisste Hanna ist, warum ist denn dann Hanna verschwunden? Und warum kommt die fremde Frau ausgerechnet dort zu Tode, wo Hanna ihr Bad genommen, Sex gehabt und dann ihre Klamotten vergessen hat?“
Sven schaute nachdenklich in die Ederaue. Die Sonne hatte den Boden derart aufgeheizt, dass die Luft über den Wiesen waberte und die Landschaft dahinter als Zerrbild erscheinen ließ. „Du hast verdammt recht, es gibt keine logische Erklärung dafür. Irgendwas ist daran faul. Oberfaul!“ Der Kommissar kratzte mit seiner Schuhspitze ein Muster in den gewalzten Boden des Parkplatzes und überlegte. „Oder ist es nur Zufall?“
„Ach, hör‘ doch auf mit dem Blödsinn! Zufall“, erzürnte sich Kaiser auf der anderen Seite der Verbindung. „Du weißt ganz genau, dass ich dieses Wort hasse wie die Pest. Solche Zufälle gibt es nicht! Nix ist hier Zufall. Wir müssen nur…, Moment Sven …, was ist los Frau Fischer?“
Der ‚Freak‘ konnte trotz größter Anstrengung nicht verstehen, was sein Chef da mit der Kriminalassistentin bekakelte. Aber es schien wichtig zu sein. „Sven, ich hab‘ ein anderes Telefonat“, meldete der dann auch kurz darauf. „Ich rufe Dich gleich wieder an. Bitte sieh zu, dass die Gewebeproben in die Gerichtsmedizin kommen. Wenn es sein muss, auch per Taxi. Ciao!“
Lukas gab das Mobilphone an seinen Besitzer zurück und schaute noch immer versonnen ins Edertal. „Was ist?“, wollte Siebert wissen. „Neue Lage?“
Im neu eingerichteten Vernehmungsraum hatten sich Pattrick Born und Rüdiger Mertz zunächst einmal ‚Bonnie‘ vorgeknöpft. Die hatte den ganzen Morgen bereits Gift und Galle gespuckt, wann immer sich auch nur jemand ihrer Arrestzelle genähert hatte.
Immerhin aber hatte sie geduscht, gefrühstückt und ein T-Shirt, sowie frische Unterwäsche aus Beständen des Polizeispinds für weibliche Gefangene akzeptiert. Sie roch richtiggehend angenehm und machte rein optisch einen manierlichen Eindruck. Ganz im Gegensatz zu ihrem Verhalten den Vernehmungsbeamten gegenüber. Und ihre Personalien wollte sie genauso wenig angeben, wie die ihres Begleiters.
„Ihr Bullen seid doch wirklich das Allerletzte. Euch sollte man mal so richtig in die Eier treten, Ihr Billigwichser. Macht hier einen auf dicke Hose, weil Ihr zwei harmlose Taschendiebe erwischt habt. Hey, das war mehr oder weniger Mundraub, was wir da getrieben haben. Haben ja auch nix kaputt gemacht, Ihr Hirnis.“
Pattrick hatte sich den ganzen Zinnober in stoischer Ruhe und leicht erheitert angehört und schließlich leise nachgefragt, „aha, für über 570 Euro die Zeche prellen, das ist Mundraub, ja?!“
„Was redest Du denn da für eine Scheiße? Was denn für eine Zeche?“
„Ach, kommen Sie, Bonnie, oder vielleicht doch Sabine Schütze aus Dormagen, Spechtweg 8. Strengen Sie sich nicht unnötig an. Wir wissen längst, dass Sie von Sonntag bis Freitag vergangener Woche im ‚Steffes Hof‘ gewohnt und sich dort vom Acker gemacht haben, ohne auch nur einen müden Euro zu zahlen.“
Schon bei der Nennung der Personalie Sabine Schütze hatte die Frau für einen ganz kleinen Moment die Körperspannung verloren, sich aber schnell wieder gefangen. Doch das war deutlich genug, um Pattrick und Rüdiger aufzufallen. Selbst wenn sie nicht auf dem Foto erkannt worden wären, hätte den Polizisten diese Reaktion als klares Indiz ausgereicht. Bereits in der Polizeischule hatten sie gelernt, auf solche Reaktionen zu achten.
Erstmals, seit sie in Arfeld eingefangen worden war, stand ihr Mund plötzlich für einen Moment still. Sie fürchtete wohl, dass man sie und ihren Lover jetzt ‚am Arsch‘ hatte. Denn nun würden ‚diese Scheißbullen‘ ihnen womöglich auch noch Beweise über ihren Verbleib von Freitag bis Sonntag unter die Nase reiben.
‚Andererseits‘, dachte sie, ‚wäre das für die Penner eigentlich fast unmöglich. Es sei denn, die Alte macht die Waschmaschine auf und holt die Bettwäsche der Tochter wieder raus.‘ Die hatte Bonnie nämlich am Sonntagmorgen noch abgezogen, weil sie so verfleckt war, dass sich selbst die Verursacher davor geekelt hatten. Frische Bettwäsche war ja genügend in den Schränken.
Alles andere wäre kein Beweis für einen längeren Aufenthalt im Hause Klinkert. Nicht der leergefressene Kühlschrank und selbst Fingerabdrücke nicht. Denn die beiden waren ja dort geschnappt worden. Das war unzweifelhaft. Und daher gab es nichts, was den Argwohn der Bullen hätte mehren können. ‚Ist doch klar, dass man Spuren in einem Haus hinterlässt.‘
„Ja, was ist denn jetzt? Wo bleibt Ihr Dementi? He? Alles gelogen – oder wie?“ Rüdiger Mertz drehte auf. „Harmlose Taschendiebe stelle ich mir ein bisschen anders vor.“
„Das ist mir doch so scheißegal, wie Du Dir die vorstellst“, fand sie plötzlich ihre Sprache wieder. Fast hatte sie den von ihr gewohnten Kreisch-Pegel schon wieder erreicht.
„Typen wie Sie kommen dabei jedenfalls nicht infrage“, unterbrach er sie barsch. „Sie sind nämlich richtige Gewohnheitsverbrecher. Nichts anderes. Und zwar welche von der ganz üblen Sorte. Welche, die irgendwo einbrechen und tagelang in fremden Häusern wohnen und die mit einem geklauten Auto in der Gegend herumgurken. Noch dazu mit einem, dessen Fahrerin seitdem spurlos verschwunden ist. Wie soll man die denn anders bezeichnen?“
Die Braungebrannte zeigte eine erste Blässe im Gesicht. Und ihre Fingerknöchel bekamen weiße Flecken. Ging ihr das unter die Haut? „Was denn, die Fahrerin verschwunden? Wann? Und wo?“, brüllte sie plötzlich und sprang auf.
„Keine Ahnung“, tat Mertz betont cool. „Das wollte ich eigentlich von Ihnen wissen. Sie können sich ruhig wieder setzen.“
„Von mir?“ ‚Bonnie‘ schaute den Vernehmungsbeamten an, als habe sie gerade eine Botschaft bekommen, die sie an Gottes Gnade zweifeln ließ. „Haaaalt, sachte, sachte! Wollt Ihr uns jetzt doch einen Mord anhängen, Ihr Vollpfosten? Ihr habt ja wohl so richtig einen an der Waffel.“
‚Gute Schauspielerin‘, dachte sich Rüdiger. ‚Aber damit kriegst du mich nicht.‘ Mit einem Blick rüber zu Pattrick stellte er fest, dass auch der Kollege nicht gewillt war, der Frau auch nur ein Wort zu glauben.
„Komm“, sagte er, „die lügt uns doch sowieso die Hucke voll. Das hat doch alles keinen Sinn mit der. Wir sperren sie wieder weg.“
Born nickte und stand gemeinsam mit Mertz auf. „Kollege“, bat er den Wachtmeister, der auf dem Stuhl an der Tür saß, „pack sie wieder in die Zelle und hol‘ uns dann bitte ihren Kumpan rein, diesen äääh, diesen, na, diesen … diesen Gregor Schütze.“ So viel Ohrfeige musste sein. Die Frau, wie immer sie hieß, sollte stets das Gefühl haben, dass man mehr über sie weiß, als sie denkt.
„Treffer“, rief Klaus fast jubelnd ins Telefon, als er wieder bei Sven Lukas anrief. „Die DNA-Abgleiche haben eines eindeutig gezeigt: Die Tote ist nicht Hanna Marie Klinkert! Mit 99,8 prozentiger Sicherheit! Doc Kölblin hat‘s gerade eben telefonisch bestätigt. Der Bericht folgt per Mail.“
„Wow!“ Mehr bekam der ‚Freak‘ gerade nicht heraus. Er stand steif wie ein Brett. Die Erkenntnisse des Rechtsmediziners verursachten ihm sogar richtiggehend Schüttelfrost. Denn in ihm klatschte ein ‚Hurra, sie lebt‘ zusammen mit einem ‚Oh Gott, wer ist denn dann die Tote?‘
„Mehr sagst Du nicht dazu?“, wollte Klaiser wissen.
„Was soll ich sagen? Du hattest recht! Und wir müssen wieder komplett vorne anfangen.“ Klar war, dass man sich jetzt noch mehr auf die gesuchte Amarok-Fahrerin konzentrieren musste. Wieder Besuche und Recherchen bei Verwandten, Bekannten. Furchtbar! Es war das, was er am meisten an seinem Beruf hasste.
Zwangsläufig gingen ihm die Szenen des gestrigen Abends bei den Klinkerts durch den Kopf. Dieses unglaubliche Entsetzen. Diese Trauer. Obwohl Klaus und er gewarnt und gesagt hatten, es gebe keinen Beweis für den Tod der Tochter. Aber das war nackte Hoffnung. Nichts weiter.
„Wissen es die Eltern schon?“, fragte er deshalb.
„Nein, leider.“
„Wieso?“
„Ich kann sie nicht erreichen. Weiß der Himmel, wo die sind. Oder ob sie noch schlafen. Du musst da sofort hin. Bitte. Du bist am nächsten dran. Eine bessere Mission kannst Du heute nicht bekommen.“
Konnte er tatsächlich nicht. Und das ließ ihn innerlich fast jubilieren. Schlagartig veränderte er seinen Aggregatzustand, packte seine wenigen Siebensachen zusammen und gab dem Fahrer des Streifenwagens nochmals dringend mit auf den Weg: „Bitte die Proben der SpuSi auf jeden Fall persönlich bei Doktor Kölblin im Rechtsmedizinischen Institut, Marburger Straße in Siegen, abgeben.“
Dann verabschiedete er sich von Steffen Siebert und seinen Leuten, bat die noch mal eindringlich, im ‚Steffes Hof‘ „nach jedem Bindfaden unter dem Bett“ Ausschau zu halten und kletterte in seinen Dienstwagen.
Für die Fahrt zu den Klinkerts musste er einen Umwegfahren. Der direkte Weg war wegen Kanalarbeiten seit dem Morgen gesperrt. Da er sich so genau nun auch nicht auskannte, suchte er eine Umfahrung im Navi und wurde quasi einmal um Arfeld herumgeführt. Auf der Straße nach Richstein.
Kurz bevor er links abbiegen musste, bemerkte er erst, wie nahe die abzweigende Stedenhofstraße und der Tatort beieinander lagen. Und beim Blick in Richtung Badestelle bemerkte er noch etwas. Ein dunkles Fahrzeug, das dort auf dem Wiesenweg in Richtung Tatort rollte.
„Der hat da nun wirklich nichts zu suchen“, motzte er vor sich hin und änderte seinen Kurs. Dem Typen würde er Beine machen. Kurz darauf hielt er hinter einem metallic-blauen Chevrolet New Conversion, der etwa in der Mitte des Wäldchens stand. Das blau-weiße Polizeiflatterband hatte den Fahrer offenbar nicht beeindruckt. Er hatte es einfach überfahren, um den chromblitzenden Protz-Karren möglichst nahe an sein Ziel heranfahren zu können.
Sven stieg aus und versuchte, aus dem grellen Sonnenlicht heraus, im Schatten der Laubbäume irgendetwas zu erkennen. Doch zunächst hörte er nur etwas. Nämlich ein Geräusch, das er selbst nur zu gut kannte. Kein Zweifel. Links neben ihm pinkelte ein Mann gegen einen Baum. „Oh, sorry, das konnte ich ja nicht ahnen“, rief Sven dem Unsichtbaren zu und drehte ab. „Ich wollte Sie nicht stören.“
„Nee, macht nichts. Sie werden mir ja wohl nichts weggucken“, rief‘s hinter dem Gebüsch hervor. „Ich hatte nur einen Mordsdruck. Das war nicht mehr auszuhalten. Und was machen Sie hier?“, hängte der Fremde gleich eine Frage an.
„Gucken, was Sie hier machen.“
„Scheiße! Doch ein Spanner?“
„Nein. Polizist. Absperrungen scheinen Sie nicht sonderlich zu beeindrucken. Oder?!“
„Duuuhuuu“, rief aus dem Wäldchen heraus plötzlich eine Frauenstimme, noch bevor der Pinkler antworten konnte, „ich kann die Sachen einfach nicht finden. Das Fahrrad ist auch weg. Die muss jemand geklaut haben. Oder hast Du die so gut versteckt?“
Der ‚Freak‘ war erschrocken. Mit einem Ruf aus dem Busch hatte er nicht gerechnet. Als er seinen Blick schärfte und genauer in das Halbdunkel hineinsah, erkannte er eine braungebrannte, junge blonde Frau in weißem Sommerkleid, die ihm schulterzuckend entgegenkam. „Hey, wer sind Sie denn?“, fragte sie neugierig.
Sven war total verdattert. „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ Er traute seinen Augen nicht. „Hanna?“, rief er, „Hanna Marie Klinkert?“
Die Frau blieb erschrocken zwei, drei Meter vor ihm stehen. „Woher kennen Sie meinen Namen?“
„Woher ich Ihren Namen kenne?“ Der Kommissar war sich nicht ganz sicher, ob er sich dieser strahlenden Schönheit gegenüber nicht dermaßen dämlich anstellte, dass sie ihn zwangsläufig für einen Vollidioten halten musste.
„Ja! Woher kennen Sie meinen Namen?“, fragte sie ihn nun mit mehr Nachdruck und schaute ihn mit ihren riesigen Barbara Schöneberger-blauen Augen an.
„Ihr … Ihr Name“, stotterte er, „Ihr Name und ein Foto von Ihnen laufen momentan durch die Fahndungscomputer jeder Polizeidienststelle in diesem Land. Und Ihre Eltern sind fast wahnsinnig aus Sorge um Sie“, hatte er seine Sicherheit wiedergefunden.
„Hä? Wie das denn, um Gottes Willen? Wer sind Sie überhaupt.“
Lukas griff in die Tasche und zog seinen Dienstausweis hervor. „Ich bin Kommissar Sven Lukas von der Kripo Bad Berleburg. Frau Klinkert, wir hatten Grund zu der Annahme, dass Sie ermordet wurden.“
„Wie bitte?“ Die Schöne war kreidebleich geworden. „Ich soll ermordet worden sein? Sind Sie denn wahnsinnig? Wie kommen Sie denn auf diese abartige Idee? Schatz, hast Du das gehört?“
Schatz, das war ein ziemlich breitschultriger, sportlicher Mann, hatte es gehört. Nachdem der seine Hose wieder zu und die Deckung hinter dem Busch verlassen hatte, umkreiste er den Kommissar und blieb, fast Nase an Nase, vor ihm stehen. „Seid Ihr denn von allen guten Geistern verlassen? Was soll denn der Schwachsinn?“
„Stopp, stopp, stopp! Nicht so, bitte.“ Mit gerümpfter Nase drehte er sich aus dem Dunstkreis des Nahbesprechers heraus, blieb aber mit durchgedrücktem Kreuz auf der Stelle stehen. „Nicht so! Klar?! Hören Sie zu. Und zwar ganz genau. Beide!“
Irritiert schauten sie ihn an. „Was soll das denn?“, fragte Hanna ziemlich provokativ.
„Was ist das denn, was Sie uns mitzuteilen haben?“, bellte der Mann im Schrankformat dem Polizisten ins Gesicht. „Sie lebt, das sehen Sie ja!“. Sein nicht unbedingt Odol-verdächtiger Atem peinigte die Geruchsnerven des Kommissars in unerträglichem Maße.
„Ich will es Ihnen ja erklären“, kläffte Sven jetzt zurück. „Vorausgesetzt, Sie hören mir endlich zu.“ Er hob die linke Hand und zeigte in Richtung des angrenzenden Gebüschs. „Dort, hinter dem Gesträuch, keine 15 Meter von hier entfernt, ist vor wenigen Tagen eine junge Frau auf bestialische Art und Weise umgebracht worden. Etwa 1,75 groß, sportlich, blondes schulterlanges Haar. Gequält, verstümmelt, ermordet! Verstehen Sie?“
Hanna entglitten die Gesichtszüge. Überdeutlich war ein kehliges Schlucken zu hören. „Ermordet? Hier? Wann?“, krächzte sie eher, als dass sie sprach.
„Wann, wissen wir noch nicht. Die Obduktion läuft noch. Wir haben die Frau erst gestern Nachmittag ederabwärts am Ufer gefunden.“
„Wer?“
„Was, ‚wer‘?“
„Wer hat sie gefunden?“
„Zwei Jungs aus dem Ort“, verriet Sven seinem Gefühl nach schon viel zu viel. Die Nummer hier war ihm nicht ganz geheuer. Doch er sah, dass sich die vitale Färbung in ihrem Gesicht nicht wieder so richtig einstellen wollte. Für ihn ein Indiz des Entsetzens.
„Ich verstehe das nicht“, raspelte Hanna weiter, „die Leute hier kennen mich doch. Die müssen doch gesehen haben, dass ich das nicht bin.“
„Konnten sie nicht.“
„Warum nicht?“
„Das wollen Sie, glaube ich, gar nicht wissen.“
„Will ich doch! Hier geht es schließlich angeblich um mich.“
„Hören Sie …“
„Nix! Ich will das wissen!“
„Weil die Tote kein Gesicht mehr hatte.“
WUMM! Hanna wurde kurz schwarz vor Augen, unter ihr bebte der Boden. Hätten die beiden Männer sie nicht gehalten, wäre sie womöglich der Länge nach hingefallen. Nur mühsam und unter leichtem Tätscheln ihrer Wangen kam sie wieder komplett zu sich.
„Das ist ja grauenhaft. Wer macht denn so was? Wer ist denn so unglaublich brutal?“ Kopfschüttelnd stand der Protzkarren-Besitzer jetzt hinter seiner Freundin und umfasste ihre Schultern. Sie war noch immer ziemlich wacklig auf den Beinen.
„Wir wissen es nicht und ermitteln seit gestern auf Hochtouren. Nur werden wir jetzt, wo wir wissen, dass Sie zum Glück leben, mit völlig neuen Ansätzen ermitteln.“
Das Pärchen stand wie belämmert vor dem Polizisten und hatte offenbar Schwierigkeiten zu begreifen, was sich dort in unmittelbarer Nähe abgespielt haben musste.
„Wissen Sie was?“, sagte Lukas. „Das Beste ist, wir fahren jetzt erst einmal zu Ihnen nach Hause und machen Ihre Eltern glücklich. Kommen Sie“, forderte er die beiden auf und bewegte sich in Richtung Auto.
„Aber meine Eltern sind doch in Italien. Ich kann sie nur telefonisch nicht erreichen. Weil ich mein Handy nicht dabeihabe und ich ihre Nummer nicht auswendig kenne.“
„Ihre Eltern sind zu Hause. Und Ihr Handy und Ihr Personalausweis liegen im Wohnzimmer auf dem Tisch.“ Hanna war stehen geblieben und stierte ihn ungläubig an. „Mein Perso, zu Hause? Das kann doch nicht sein.“
„Doch, kann sehr wohl sein. Aber was für mich eigentlich nicht sein kann, ist der Umstand, dass Sie einfach von der Bildfläche verschwinden, Ihr Elternhaus sperrangelweit offen stehen lassen und Kleider und Personalausweis einfach hier im Wäldchen deponieren. Können Sie mir sagen, was das sollte?“
„Das geht Sie überhaupt nichts an“, bellte ihm der Kleiderschrank ins Gesicht.
„Oh, da wäre ich mir an Ihrer Stelle nicht so sicher. Hier geht es um Mord, wissen Sie. Da geht mich eine ganze Menge was an. Da will die Polizei unter Umständen die unglaublichsten Sachen wissen. Mit Anspruch auf eine ehrliche Antwort. Weisen Sie sich am besten erst einmal aus. Damit ich weiß, wen ich hier vor mir habe“, forderte er den Mann auf. „Und dazu bitte Führerschein und Fahrzeugschein.“
„Hab‘ ich im Wagen“, antwortete der Lover stinkig.
„Okay, dann lassen Sie uns dort hingehen.“
Peinlich genau, wie weiland an der Staatsgrenze zur DDR, kontrollierte Lukas die Papiere des Mannes. Dabei ließ er seine Blicke immer wieder zwischen dem Passfoto und dem wahren Gesicht seines Besitzers hin und her wandern. „Herr Arne Priester aus Bad Laasphe“, las er halb für sich, halb für die Galerie vor.
„Doktor Arne Priester“, verbesserte der.
„Ach so. Doktor Arne Priester. Steht hier nicht. Sorry.“ Natürlich wusste er längst, wen er vor sich hatte. Nur mochte er diesen Typen nicht. ‚Eine Spur zu arrogant‘, dachte er sich. „Sind Sie Mediziner?“
„Nein, Jurist. Wirtschaftsanwalt.“
„Ach so. Naja, dann kann man natürlich nicht wissen, dass man der Polizei bei Mord allumfassend Auskunft geben muss.“ Die Bemerkung triefte nur so vor Sarkasmus. „Pfaffenhof in Bad Laasphe … Das ist in ääh … wo?“
„In Puderbach.“
„Ach, gar nicht weit weg von hier“, nickte Sven.
„Oh, Sie kennen sich aus?“, versuchte sich der Kontrollierte in Paroli.
„Klar, ich bin schließlich bei der Polizei. So. Und jetzt nehmen Sie bitte Ihre Papiere, schließen Ihren Wagen ab und steigen, gemeinsam mit Frau Klinkert, hier bei mir ein.“
„Wieso? Was soll das? Ich kann doch mit meinem eigenen Wagen fahren“, motzte der Jurist los.
„Weiß ich. Sollen Sie aber nicht. Sie kommen jetzt erstmal mit mir. Zunächst zu den Eltern. Und dann werden wir sehen. Hinten einsteigen, bitte. Sie auch, Frau Klinkert.“
Hanna weinte. ‚Hat Angst vor der Begegnung mit den Eltern‘, mutmaßte Lukas für sich. ‚Ist ihr wohl klar geworden, dass das ein ziemlicher Bockmist war. Einfach Klamotten und Handy im Wald liegen zu lassen und abzuhauen.‘
„Wer hat meine Sachen eigentlich gefunden? Etwa auch meine Eltern?“, wollte sie auf dem Weg zum Elternhaus wissen.
„Das ist eine lange und sehr komplizierte Geschichte“, antwortete Sven. „Nicht die Geschichte des Auffindens. Aber die drumherum. Und die werden wir gemeinsam Stück für Stück zusammenzubauen haben. Wie ein Mosaik.“
Zwischendrin hatte er schon mal die Handynummer von Klaus Klaiser gewählt, war aber am Besetztzeichen gestrandet. Bei einem neuerlichen Versuch klappte es. „Mensch, wird Zeit, dass Du Dich meldest“, klang es etwas aufgeregt aus dem Hörer. „Bist Du bei den Eltern?“
„Nee, noch auf dem Weg dorthin.“
„Wie? Auf dem Weg dorthin. Verstehe ich nicht, das sind doch nur ein paar Meter.“
„Ja, aber der Weg hatte es in sich. Hab‘ nämlich ‘n tollen Fang gemacht.“
„‘n tollen Fang gemacht, ‘n tollen Fang gemacht, waaa, waaa, waaa“, motzte der Kleiderschrank hinten im Auto.
„Was ist denn bei Dir da los? Wer quatscht denn da so dämlich rum? Etwa Dein Fang?“
„Ein Teil davon“, lachte Sven sibyllinisch. ‚Vorsicht‘, dachte er aber sofort, ‚das darfst du nicht überdrehen.‘ Hatte er aber offenbar schon.
„Jetzt komm, raus mit der Sprache. Mir ist wirklich nicht zu Scherzen zumute.“ Die Stimme seines Chefs hatte ein paar Grad mehr Kühle bekommen.
„Hinter mir sitzen Hanna Marie Klinkert und ihr Freund, Begleiter, oder wie immer Du willst, der Herr Doktor“, berichtete Kommissar Lukas, kurz bevor er seinen Mondeo in den Hof der Klinkerts lenkte.
„Ich glaub‘s ja nicht!“, brüllte es ihm hocherfreut ins Ohr. Der ‚Freak‘ musste das Handy ein Stück vom Kopf wegnehmen. Sonst hätte womöglich sein Trommelfell bleibenden Schaden davongetragen. „Bleib‘ da. Ich komme!“ Zack, war das Gespräch weg.
Niemand im Haus schien ihr Kommen bemerkt zu haben. Es rührte sich nichts. Auch nicht, nachdem vor allem Priester ziemlich laut und demonstrativ die Wagentür zugeschlagen hatte. ‚Hoppla, jetzt komm‘ ich‘, dachte der ‚Freak‘. ‚Passt zu ihm. Mordsschlitten, arrogant und ‘n Auftreten wie Rotz am Ärmel.‘
Noch bevor Hanna überhaupt ausgestiegen war, ging der Beamte zur Haustür, die mehr einer kleinen Pforte ähnelte und drückte die Klingel in Form eines Pferdekopfes aus Messing. Darunter war der Name Klinkert ins Mauerwerk eingelassen. Im Haus erscholl eine Big Ben-ähnliche Melodie. Doch es blieb ruhig. Auch nach einem zweiten und dritten Versuch.
„Tut sich nichts“, sagte er, an die Tochter gewandt. „Kann das sein, dass Ihre Eltern gar nicht da sind?“
Hanna Klinkert schaute sich um. „Schwer zu sagen. Mamas Mini steht auf jeden Fall in der Garage.“ Das konnte man durch seitlich neben den Toren eingelassene schmale Fenster sehen. „Aber Papa …“
Drinnen hörte man mindestens zwei Telefone gleichzeitig läuten, als Sven Lukas die Festnetznummer der Klinkerts anrief. Aber niemand nahm ab. Daraufhin versuchte er es mit der Handynummer von Reinhard Klinkert. Eine elektronische Melodie im Haus bestätigte den Anruf. Ansonsten nichts.
„Dann ist Papa auch zu Hause. Der geht nie ohne Handy. Sein ganzes Geschäft läuft bei ihm über iPhone. Da stimmt was nicht“, mutmaßte Hanna. „Irgendwas müssen wir machen. Sofort!“
„Jetzt bleiben Sie bitte ganz ruhig“, bat der Kommissar und überlegte krampfhaft. „Kann es nicht sein, dass Ihre Eltern nach dem Tag gestern und der furchtbaren Nacht irgendwo im Haus tief schlafen?“
„Schlafen? Die? Obwohl ich spurlos verschwunden bin und sie fürchten müssen, dass ich tot bin? Das glauben Sie doch selbst nicht. Mein Vater ist früher schon ausgerastet, wenn ich mal zehn Minuten zu spät vom Spielen heimkam. Warten Sie mal“, rief sie und verschwand rechts hinter der Garage.
„Sie bleiben hier“, bremste Lukas Arne Priester aus. „Wenn hier jemand einen Weg ins Haus kennt, dann sind das sicher nicht Sie.“
In dem Moment bewegte sich das Rolltor der Garage nach oben. Drinnen, hinter Plexiglasscheiben, Hanna. „Die Hintertür war offen. Das gibt‘s bei uns normal nicht. Sonst käme hier jeder durch diesen Zugang in die Diele und in die Wohnung. Kommen Sie.“
Hanna öffnete eine Brandschutztür und gelangte mit den beiden Männern durch einen schmalen Gang ins Hausinnere. Sven kannte sich im ersten Moment nicht aus, denn der Gang führte ins Büro von Reinhard Klinkert. Das hatte er am Abend zuvor nicht betreten. Doch durch eine offene Tür konnte er den großen Esstisch ausmachen.
Es sah wild aus in dem Arbeitszimmer. Akten und lose Blätter lagen auf dem Boden, ein Briefbeschwerer ebenfalls, das Aktenregal war leergefegt. Hannas Blutdruck stieg. Doch sie sagte keinen Ton. Als sie aber, den beiden voraus, ins Wohnzimmer kam, stieß sie einen spitzen Schrei aus. Direkt vor ihr saß, mit Knebeln im Mund und mit Kabelbindern an einen Heizkörper gefesselt, ihre Mutter, die sie mit weit aufgerissenen Augen anschaute.
„Mama, was ist denn hier passiert?“, schrie sie, warf sich vor Desiree auf die Knie und wollte sie umarmen. Doch je mehr sie ihre Arme um deren Oberkörper schlang, umso lauter jammerte die Frau unter ihrem Knebel.
„Hanna, seien Sie vernünftig, gehen Sie mal zurück. Sie reißen Ihrer Mutter ja hinten die Hände immer tiefer in die Fesseln!“, rief Lukas. „Nehmen Sie ihr lieber mal den Knebel raus.“ Währenddessen hatte er aus einer kleinen Tasche am Gürtel einen ‚Leatherman‘ mit integrierter Zange hervorgeholt und schon einmal begonnen, die Kabelbinder zu zerschneiden.
„Kind“, war das erste Wort, das Mama Klinkert fast wie einen Riesenseufzer herausbrachte, „Du lebst! Was für ein Glück, was für ein unglaubliches Glück.“ Dann brach sie in Tränen aus und kippte zur Seite, als der ‚Freak‘ ihre Hände von der Heizung befreit hatte.
„Stützen Sie Ihre Mutter, bitte“, forderte er die unbeholfen davor kniende Hanna auf. „Und Sie sollten ihr dabei helfen, Herr Doktor!“ Er konnte seinen Brass auf den akademischen Lover nicht verbergen. Mit Zähneknirschen hatte er auch die Fußfesseln nach einigem Zurren und Zupfen durchtrennt. Deren Material war extrem widerspenstig.
Weinend und ihre wundgescheuerten Stellen an Händen und Füßen reibend, hockte Frau Klinkert auf dem Plattenboden des Esszimmers. Gierig nahm sie einen Schluck Wasser, den Lukas aus der Küche geholt hatte. „Schaut mal nach Papa“, murmelte sie vor sich hin. „Bitte, schaut mal nach Papa. Ich glaube, sie haben ihm sehr wehgetan.“
Sven schreckte zurück. ‚Um Gottes Willen, natürlich. Der Vater.‘ An den hatte er in dieser dramatischen Situation gar nicht gedacht. „Wo ist denn Ihr Mann, Frau Klinkert?“ Doch sie schüttelte nur in Zeitlupe den Kopf und schaute zu Boden. „Frau Klinkert! Bitte! Wo ist Ihr Mann? Können Sie uns das sagen?“
„Ich weiß es nicht!“, schrie sie plötzlich aus voller Kehle. „Ich weiß es nicht! Sie haben ihn rausgeschleppt, diese Unmenschen. Da war er schon bewusstlos. Ich weiß nicht, wo er ist.“
„Wohin rausgeschleppt?“, wollte Lukas wissen.
„Na, da, durch sein Büro in die Garage.“ Dann entglitt ihr Blick. Sie war ohnmächtig geworden.
„Hanna, bitte geben Sie Ihrer Mutter mehr zu trinken und bleiben Sie bei ihr“, bestimmte Sven und sprang auf. „Und Sie kommen mit, Herr Priester.“
Während die beiden den Weg durch Büro und Gang zurück in die Garage liefen, wählte der Kommissar auf seinem Handy die Nummer des Chefs. „Ich bin gleich da“, antwortete der auch prompt nach nur einem Rufton.
„Das ist gut. Aber wir brauchen hier mehr Leute. Die Klinkerts sind überfallen und gefesselt worden. Hannas Vater ist ver… Ooooh neiiin!“
„Was ist mit Herrn Klinkert? … Sven, was ist los? Was ist mit Herrn Klinkert?“
Sven ging auf die Knie vor dem Mann, der in der dunklen Ecke der Garage an einem Regal für Reifen und Pflegemittel hing und schaute zu dem schmerzverzerrten Gesicht von Reinhard Klinkert auf. Ein Griff an seinen nackten Knöchel ließ ihn erschaudern. Eiskalt, kein Puls.
Arne Priester kämpfte laut vernehmlich mit aufsteigendem Mageninhalt. Doch er rührte sich keinen Millimeter von der Stelle und stierte in Reinhards aufgequollenes, seltsam violett-graues Gesicht.
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