Kitabı oku: «In aller Stille»
Wolfgang Breuer
In aller Stille
Ein Wittgenstein-Krimi

Dieses Buch ist ein Roman. Handlung und Personen, wie Täter und Opfer, sind frei erfunden. Allerdings spielen darin auch real existierende Personen im sehr realen Wittgensteiner Land eine gewichtige Rolle. Diesen Menschen schulde ich für ihr freundschaftliches Einverständnis dazu meinen aufrichtigen Dank. Sie machen die Geschichte ein ganzes Stück weit authentischer. Bezüge zu und Anspielungen auf Ereignisse des aktuellen Zeitgeschehens sind ebenso gewollt wie notwendig.
Wolfgang Breuer
In aller Stille Ein Wittgenstein-Krimi
Cover: Riegel mit Schloss an einer Scheune,
Foto Wolfgang Breuer
Autorenfoto: Fotoatelier Christiane
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© Sommer 2017
Impressum
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eISBN 978-3-96136-014-7
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Inhalt
Mittwoch, 15. Juli
Donnerstag, 16. Juli
Freitag, 17. Juli
Samstag, 18. Juli
Sonntag, 19. Juli
Montag, 20. Juli
Mittwoch, 15. Juli
„Booooaaaah, was ist denn das für ein abartiger Gestank hier?“ Der Prinz war gerade in den Ökonomiehof von Schloss Berleburg gefahren und aus seinem Offroader geklettert, als er eine richtige Ladung dieser penetranten Widerwärtigkeit einatmete. „Das ist ja grausam!“ Der Mann in den lässigen Outdoorklamotten rümpfte die Nase und schnüffelte vorsichtig in alle Himmelsrichtungen. Seine drei Hunde taten es ihm gleich. Gerade noch waren sie wie abgezogene Flitzbögen hinter dem Adligen her aus dem Geländewagen gesprungen. Aber jetzt standen sie da, als hätte ihnen jemand verdorbenes Fleisch vorgeworfen. Mit fast angewidertem Gesichtsausdruck. Die Lefzen herunterhängend, schnupperten sie diesen süßlich-fauligen Geruch, der die Luft an diesem heißen Mittag schwängerte.
„Das ist ja nicht auszuhalten, Krämer. Seit wann mieft das denn hier so unglaublich?“ Prinz Gustav hatte sich zum Ökonomieverwalter umgedreht, der mit todunglücklichem Gesicht aus seinem Büro gekommen war. „Keine Ahnung, Prinz. Ich … ich weiß auch nicht“, sagte er und zuckte mit den Schultern. „Heute Morgen war das noch nicht. Ich … ich glaube, das ging erst so am späten Vormittag los. Und dann wurde es von Minute zu Minute schlimmer. Wir haben schon überall nachgeschaut. Geguckt, ob irgendwo einer der Hunde vielleicht was rangeschleppt hat. Ein gerissenes Kaninchen oder so. Aber da ist nichts. Die Wildkammern sind absolut sauber. Die Lagerscheunen auch. Und nirgendwo eine tote Katze oder ein Kadaver von irgendwas. Da ist nix. Ich weiß es wirklich nicht, tut mir leid.“ Dem Manne war fast zum Heulen zumute. Und zum Kotzen. Aber das sagte er dem jungen Schlossherrn natürlich nicht.
Dabei ging es dem nicht anders. Gustav, Prinz zu Sayn-Wittgenstein -Berleburg musste gegen Würgereize kämpfen, behielt aber die Contenance. „Ja, kommen Sie, bleiben Sie um Gottes Willen ruhig. Ich mache Ihnen ja keinen Vorwurf. Wer weiß, wo das herkommt. Vielleicht aus der Kanalisation.“
„Nein, Prinz. Daher kommt das nicht. Das haben wir schon überprüft. Aus den Gullideckeln riecht es fast medizinisch im Vergleich zu diesem … diesem Mist hier. Entschuldigung.“
„Wissen Sie was, wir gehen mal rüber zu Röhl und fragen, ob der uns einen Schluck aus der Edelschnapspulle für Gäste genehmigt. Das macht die Atemwege wieder frei. Und dann schauen wir mal gemeinsam, was wir tun können.“
Prinz Gustav stieß einen spitzen Pfiff aus. Und schon tummelten sich die drei Rassehunde um seine Beine. Während er aus dem Hof herausging und über die Straße zum Eingang des Schlossgartens wechselte.
„Ccccchhhhbrrrr“, kam es aus dem Geviert vor der Orangerie. Digby, das Lieblingspferd von Prinzessin Nathalie, Gustavs Schwester, querte gerade in einer perfekten Transversale diagonal über den Dressurplatz. Unterstützt durch leichtes Schnalzen seiner Reiterin. Die beiden hatten´s drauf. Hatten die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Peking geholt. Sie mussten keinem mehr etwas beweisen. Trotzdem, ohne Training geht gar nichts.
Als sie ihren Bruder sah, brach Nathalie allerdings das Programm ab und kam im leichten Trab herüber zu ihm und Rainer Krämer. Tätschelnd animierte sie das mächtige Tier zum Anhalten. „Sag mal, habt Ihr das auch gerochen? Das ist ja furchtbar, wie es da drüben in der Parkstraße riecht. Was ist denn das?“
„Kandierter Wallach in Senfsoße – etwas überlagert“, grinste der Prinz und hob gleich schützend die Hände über sich. Nathalie spielte die Angewiderte und warf den Kopf zur Seite.
„Nein, nein, im Ernst. Wir haben keine Ahnung. Vom Ökonomiehof kommt es zumindest nicht. Herr Krämer und die Leute haben alles kontrolliert. Die können sich auch keinen Reim darauf machen.“ Krämer zuckte zur Bestätigung abermals mit den Schultern. „Aber wir wollen mal eben rüber zu Herrn Röhl. Womöglich hat der eine Ahnung.“
„Könnt Ihr Euch sparen. Da kommt er schon“, meinte sie. Nathalie hatte sich aufgerichtet und dem Leiter der fürstlichen Rentkammer zugewunken, der zügigen Schrittes auf dem Weg entlang der Schlossmauer unterwegs in Richtung Parkausgang war. Doch der Forstdirektor zeigte nur mit ausgestrecktem Arm nach vorn und rief: „Wäre schön, wenn Sie mitkommen könnten, Prinz. Und Sie auch, Krämer. Wir müssen drüben bei den Nachbarn mal was nachschauen. Die haben ein riesiges Problem.“
Sein dynamischer Gang erlahmte allerdings schlagartig. Wild kramte Röhl plötzlich ein Taschentuch aus einer seiner Hosentaschen und presste es augenblicklich auf Mund und Nase. Dabei fuhr er herum und starrte zu den dreien am Dressurplatz herüber. „Mann Gottes“, stöhnte er, „was ist das denn?“ Sekunden später wurde auch die Gruppe mit Pferd von dem süßlichen Faulgeruch umhüllt. Ein sachter Windhauch hatte ihn herangetragen. Prinzessin Nathalie sprang vom Pferd und würgte in die rechte Armbeuge.
„Kommen Sie bitte, kommen Sie“, rief Röhl durchs Taschentuch und verschwand durch das Tor des Schlossgartens.
Die Parkstraße war wie leergefegt. Keine Passanten unterwegs. Nur hin und wieder kam ein Auto vorbei. Lediglich vor dem Café „Anno Dazumal“ hatte sich eine kleine Personengruppe zusammengefunden. Nachbarn. Und zwei Männer in Orange mit einem ebensolchen Pickup. Sie hatten Atemschutzmasken in der Hand. Offenbar Mitarbeiter der Stadtwerke, die wohl bereit waren, dem Übel auf den Grund zu gehen. Das mussten sie auch, denn der Café-Besitzer, Michael Kirchhof, hatte richtig Druck gemacht. Eigentlich war das kleine Lokal um diese Zeit immer gut frequentiert. Doch jetzt fanden sich weder drinnen noch draußen irgendwelche Gäste.
Die Maskenmänner verschwanden zwischen Hotel und Café. Begleitet von einem der Rompel-Brüder, die zuvor mit in der Gruppe gestanden hatten. Die beiden Unternehmer hatten vor einiger Zeit das Kurhotel „Wittgensteiner Hof“ gekauft. Seit Jahren war dieses einst renommierte Haus geschlossen. Und noch war nicht klar, ob das altehrwürdige Haus umgebaut oder durch einen Neubau ersetzt werden sollte. „Wir haben neulich noch jeden einzelnen Raum inspiziert, vom Keller bis zum Dachboden“, berichtete Kai Rompel. „Da ist nichts drin, was einen solchen Gestank provozieren könnte. Und in das Haus kommt auch nicht die kleinste Maus rein. Alles dicht.“
„Haja, aber von Euch da drüben kommt der Geruch doch“, ereiferte sich der Nachbar. „Eindeutig. Oder vom Ökonomiehof.“
„Nee, nee“, rief Prinz Gustav, der mittlerweile auch eingetroffen war. „Bei uns ist absolut nichts. Alles inspiziert, alles sauber. Aber der Gestank ist tatsächlich bestialisch. Ich würde jedoch auch eher sagen, dass der Grund dafür dort unten liegt.“ Er zeigte in die Gasse, in der das Trio verschwunden war. „Wäre das weiter drüben bei uns, könnte die Ostluft an dieser Stelle hier nicht einen solch infernalischen Mief verbreiten.“ Wieder trieb eine leichte Böe den Hang hinauf und provozierte die Anwesenden zu allen möglichen Ausweichbewegungen.
Schwer lastete die für Wittgensteiner Verhältnisse ungewöhnliche Hitze auf der Szenerie, in der sich die Männer ratlos ansahen. Johannes Röhl schnupperte mit angewidertem Blick. „Ich habe einen solchen Geruch schon einmal erlebt“, sagte er. „Dieses fiese Süßliche darin kriegt man nicht mehr aus der Nase. Im Teutoburger Wald war das. Damals wurde dort ein seit Monaten vermisster …“
Weiter kam er nicht. Denn in diesem Moment tauchte Uwe Rompel zwischen den Häusern wieder auf und schrie wie irre. „Um Gottes Willen, lieber Gott im Himmel, wie ist denn so was möglich.“ Das pure Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Dann drehte er ab und kämpfte sehr mit seinem Mageninhalt.
Johannes Röhl wollte nachschauen, was den Mann so entsetzt hatte. Doch da fing sich der Geschockte ein wenig, griff nach des Forstrats Arm und rief: „Nicht. Geh´ nicht runter. Das ist ganz furchtbar. Wir müssen sofort die Polizei rufen.“
In diesem Moment kamen auch die beiden Mitarbeiter der Stadtwerke und rissen sich die Gasmasken vom Gesicht. Einer würgte. „Oh Leute, das ist ja Wahnsinn. So was habe ich noch nicht gesehen. Und ich wünschte, ich hätte es auch nicht gesehen.“
„Ja was ist denn da unten passiert?“ Der Café-Besitzer schob sich nahe an den Mann heran und schaute ihm tief in die Augen. „Ihr tut ja gerade so, als wäre Euch der Leibhaftige begegnet. Was ist denn da unten? Was stinkt denn da so bestialisch?“
„Es ist nicht die Frage, was da stinkt, sondern wer“, brachte der Mann stockend hervor. ‚Jonas Kreidel’ stand auf dem Namensschild seines Overalls.
„Was heißt das, Herr Kreidel? Wer stinkt?“
„Ein Mensch! Eine Leiche stinkt dort, Herr Kirchhof. Eine stark verweste Leiche, verdammt noch mal! Und jetzt lassen Sie mich bitte einen Moment in Ruhe.“
Kreidel drehte ab, dem Kaffeehausbesitzer verschlug es die Sprache. Seine Augen weiteten sich. Dann griff er sich an die Brust. Man hatte den Eindruck, die Nachricht sei geeignet, Herzflimmern bei ihm auszulösen. Aber er setzte sich nur mit leerem Blick auf einen der leeren Stühle vor seinem leeren Café und nahm einen Schluck Mineralwasser.
Im Hintergrund vernahm man energisches Reden. Johannes Röhl hatte, etwas abseitsstehend, zum Smartphone gegriffen und den Polizei-Notruf angewählt. „Natürlich werden Sie eine Spurensicherung brauchen. … Woher ich das weiß? Jetzt stellen Sie bitte nicht so seltsame Fragen. Hier liegt ein halb verwester Mensch herum, sagen die Männer, die ihn gefunden haben. Da werden sie wohl kaum die Verkehrspolizei mit Putzlappen und Schaufel vorbeischicken, nehme ich an. … Wie bitte? Ja, genau. … Ja, der bin ich. … Okay. Natürlich, wir warten hier.“
„Unglaublich, wirklich unglaublich“, murmelte er vor sich hin, als er das Smartphone wieder wegsteckte. „Da hätte ich doch besser gleich hier auf der Wache in Berleburg angerufen. Da kennt man die Leute wenigstens. Der Mensch am zentralen Notruf hat gedacht, ich würde ihn auf den Arm nehmen.“
Wenig später wurde es laut unten in der Stadt. Polizeisirenen. Erst eine, dann zwei oder drei, sendeten ihre enervierenden Töne durch das Tal der Odeborn. Hausfronten reflektierten den sich überschlagenden Klang-Wirrwarr und ließen die Oberstadt mithören.
„Das gibt es überhaupt nicht. Wie der Mann daliegt. Das ist unglaublich.“ Jonas Kreidel berichtete mit bleichem Gesicht von der entsetzlichen Entdeckung, die sie im Hang am Rainchen gemacht hatten. Direkt unterhalb des alten Hotels, an einem Zaun. „Die Leiche muss die ganze Zeit über in einem Plastiksack gesteckt haben. Und der Sack ist wohl jetzt erst geplatzt oder aufgerissen. Vermute ich jedenfalls. Mann, das ist so furchtbar da unten.“
Seine Zuhörer schauderte es ordentlich. Zumal gerade wieder ein Windstoß den Hang hinauf neuen Fäulnisgeruch verbreitete.
„Was meinen Sie, wie lange der Mann schon tot ist?“ Kriminalhauptkommissar Klaus Klaiser hatte sich gerade der Plastiküberschuhe entledigt und auf einen der Stühle vor dem Café gesetzt. Ihm gegenüber saß, im weißen Ganzkörperkondom, Dr. Julius Kölblin vom Rechtsmedizinischen Institut. „Ich habe im Moment nicht die geringste Ahnung. Dazu müssen wir deutlich mehr von dem Leichnam sehen und untersuchen. Bisher kann ich Ihnen nur sagen, dass der Mann eventuell an einer Schnittverletzung am Hals gestorben ist. Aber auch das nur ganz vage. Weil das in diesem, verzeihen Sie, verwesenden Haut- und Gewebematsch vor Ort nicht eindeutig zu erkennen war.“
„Oh, das ist wirklich nicht viel“, entgegnete Klaiser. Der Anblick des Toten hatte ihm unglaublich zugesetzt. „Ich nehme an, es wird eine Zeit dauern, bis Sie klarer sehen“, fügte er an. Der andere nickte. „Das bringt uns natürlich gewaltig unter Druck.“
„Ist mir schon klar. Aber ich kann es wirklich nicht ändern. Wir werden hier vor Ort auch nichts weiter an der Leiche unternehmen. Um nicht etwa Gefahr zu laufen, dass uns irgendwelche Spuren oder Hinweise verloren gehen.“
„Ja, ja, verstehe“, sagte Klaiser, halb abwesend. Er überlegte gerade, wie er die Suche nach der Identität eines Mannes in Gang bringen könnte, ohne auch nur den Ansatz einer Information zur Person zu haben. Schwarzes Haar hatte der Tote. Das war im aufgefallen. Mehr hatte er nicht erkennen können – und auch nicht wollen.
„Warum sich allerdings der Mann, der, ich schätze mal, zwischen Mitte 30 und Anfang 40 Jahre alt gewesen sein dürfte, in diesem Zustand befindet, dazu kann ich Ihnen einiges mehr sagen“, holte ihn der Rechtsmediziner wieder zurück. Der Hauptkommissar schreckte richtiggehend hoch. „Ja? Und warum?“
„Sehen Sie. Der oder die Täter haben den Leichnam mehr oder weniger zusammengefaltet, ihn in diesen Sack aus Kunststoffgewebe gesteckt und regelrecht eingeschweißt. Anders kann man es gar nicht bezeichnen. Damit war so etwas wie Luftdichtigkeit hergestellt. Weil aber unter den hohen Temperaturen der vergangenen Tage die Verwesung zügig voranschritt, sich Faulgase noch und nöcher gebildet haben und der Druck innen anstieg, muss der Sack irgendwann geplatzt sein. Wahrscheinlich heute Vormittag. Kurz darauf wurde der Gestank das erste Mal in der Nachbarschaft der Fundstelle wahrgenommen.“
Klaiser schüttelte sich unweigerlich. Nicht nur wegen der Schlussfolgerungen des Pathologen. Die Bilder vom Fundort schossen ihm immer wieder durch den Kopf. Der junge Kripobeamte hatte zwar schon einige Leichen gesehen. Vor allem bei seinem vorherigen Job im Münsterland. Diese hier aber war mit Abstand die Entstellteste von allen. Es war einfach nur grausig anzusehen, dieses schmierige, nackte Knäuel, das einmal ein Mensch gewesen war.
Für die Bergung der sterblichen Überreste hatten die Männer von der Rechtsmedizin einen luftdicht verschließbaren Spezialbehälter eingesetzt. Ein einfacher Zinksarg hätte weder die förmlich zusammengeklappte Leiche aufnehmen, noch die erforderliche Geruchsdichte garantieren können. Der Spezialbehälter allerdings wirkte Wunder. Der widerwärtige Geruch war fast wie weggeblasen.
Während die Männer in den weißen Anzügen den Behälter durch die Gasse zwischen Hotel und Café nach oben brachten und in ihren Transporter verluden, war die Parkstraße weiträumig abgesperrt. Und das erwies sich auch als dringend nötig. Denn es hatten sich genügend Neugierige eingefunden. Gaffer! Aufmerksam geworden durch das massive Polizeiaufgebot in der Berleburger Oberstadt.
Natürlich machten dort bereits die ersten Gerüchte die Runde. Vom Mord unter Asylbewerbern bis hin zur Horrorvision eines Touristen aus Kopenhagen, der fürchtete, es habe einen Anschlag auf ein Mitglied der Fürstlichen Familie gegeben. Schließlich habe er beobachtet, dass ein aufgeregter Prinz Gustav von Polizeibeamten umringt gewesen sei. Er wähnte darin eine Art Personenschutz für den Mann, dessen Mutter immerhin die Schwester der dänischen Königin ist.
Die Polizeibeamten an den Absperrungen konnten einem leid tun. Denn sie wussten weder konkret, was dort vorne vorgefallen war, noch hätten sie es den Leuten sagen dürfen. Auch nicht dem freien Journalisten Clemens Finger aus dem Ruhrgebiet, der mit seiner Fotokamera ganze Bilderserien machte und immer wieder versuchte, in bessere Schussposition zu kommen.
Christian Retter hatte sich da eine bessere Stelle ausgesucht. Weiß der Himmel, woher der Lokalreporter die eher detaillierte Info über den Tatort hatte. Jedenfalls war er von der Unterstadt her den steilen Hang des Schlossbergs hinaufgeklettert und hatte mit dem Teleobjektiv die Bergung des bedauernswerten Mannes im Plastiksack fotografiert. Ihm drehte sich gerade der Magen um, als er wieder unten auf der Straße stand und die Fotos im Display seiner Kamera kontrollierte. Da würde er einiges „verpixeln“ müssen.
Der hagere Mann an der Pommesbude in der Limburgstraße hatte es eilig, seine Currywurst und die Fritten mit Ketchup und Majo zu verdrücken. Ständig schaute er abwechselnd auf seine Armbanduhr und auf sein Handy, das er vor sich auf den Bistrotisch gelegt hatte. Er war wohl einer der fünf, sechs Trucker, die hier noch einen Happen aßen, um sich für die nächsten Stunden auf ihrem Bock zu stärken. Schon allein der Weg raus aus Wittgenstein war eine Aufgabe für sich. So schön dieser Flecken Erde auch ist, so miserabel ist er an das Fernstraßennetz angebunden. Von Berleburg bis zur nächsten Autobahn mit dem Lastzug mindestens eineinhalb Stunden. Und dann muss man verdammt viel Glück haben, auf den wenigen Bundesstraßen dort hin, die streckenweise diesen Namen nicht mal verdient hatten. Aufgereiht hinter einander harrten ihre Brummis auf dem Parkstreifen dieser Herausforderung.
Wieder schaute der Mann angespannt auf die Uhr und schaufelte die letzten Kartoffelstäbchen in sich hinein. Er schien richtig Druck zu haben. Schweiß rann über jede seiner erkennbaren Hautpartien. Und das offenbar nicht erst neuerdings. Er müffelte, als habe er seit Tagen weder eine Dusche gesehen, noch frische Wäsche.
Plötzlich entspannten sich seine Gesichtszüge. Es hatte leise „kling“ gemacht. Auf seinem Smartphone war eine WhatsApp angekommen, die er wohl sehnlich erwartet hatte. Sofort öffnete er sie. Dann grinste er wie ein Honigkuchenpferd. Es schien ihm zu gefallen, was er dort sah.
Schnell schmiss der Hagere die Pappschalen in den Abfallkorb und wandte sich zum Gehen. Da rief der Pommeskocher: „Hey, Du müsstest noch zahlen.“ Der Mann zeigte keine Reaktion, kramte in der Hosentasche nach irgendetwas und wandte sich ab. Da kam plötzlich aus dem Knäuel dreier zusammenstehender und mampfender Fernfahrer ein mächtiger Arm hervorgeschossen. Die Riesenpranke am vorderen Ende griff den Hemdkragen des Davonstrebenden und zerrte kurz daran. „Trzeba zaplacic´ za!“ Eine ziemlich perfekte Übersetzung der Zahlungsaufforderung ins Polnische.
Mit ungeheurer Geschwindigkeit schoss der klapperdürre Kutscher herum und hielt dem schrankbreiten Berufskollegen ein spitzes Klappmesser unter die Nase. Was den wiederum dazu veranlasste, sofort seine Mordspfote zurück zu ziehen. „Is’ ja gut, is’ ja gut“, beschwichtigte er und hielt seine Handflächen wie kleine Bratpfannen nach außen. Ein Schutzmechanismus, der keine Fragen offen ließ. Auch die Danebenstehenden bevorzugten die Passiv-Variante und murmelten alles mögliche in ihre nicht vorhandenen Bärte.
Hannes Schöler, der Mann hinterm Grill, stand da wie angewurzelt. Mit offenem Mund und entsetztem Blick beobachtete er, was seine Kundschaft da so veranstaltete und wollte gerade in Deckung gehen, als ihm der aggressive Hungerhaken einen zusammen geknüllten Zehneuroschein über die Theke fast ins Gesicht warf und rief: „Is gutt so. Chab ich vargässen. T´schuldigung.“ Verstohlen nestelte Hannes das aufgefangene Geld auseinander und wisperte tonlos: „Is´ okay … Danke. Gute Fahrt.“
Dann war der Mann auf der Straßenseite, entlang der Schlange stehenden Trucks, verschwunden. Neugierig hielten die Zurückgebliebenen Ausschau nach dem Gespann, das der „vermutliche Pole“ dort heraussteuern würde. Aber es passierte nichts. Minutenlang nur vorbeifahrende Autos oder neue Hungrige an der Pommesbude.
„Was war´n das, was Du dem da vorhin hinterhergerufen hast?“, wollte ein nicht gerader baumlanger Trucker von dem Hünen wissen.
„’Du musst noch bezahlen’ auf Polnisch.“
„Aha. Woher kannst´n das?“
„Ach, Junge. Zweimal die Woche Berleburg – Krakau. Und das seit fast vier Jahren. Da hast Du das drauf, sag´ ich Dir.“
„Ja, und wo ist er jetzt hin?“
„Keine Ahnung. Der hat ja nix gesagt. Und ich weiß ja noch nicht mal, ob er mich überhaupt verstanden hat. Ist mir auch egal. Eigentlich müsste ich ihn anzeigen, wegen der Sache mit dem Messer. Aber ich glaub´, das lass´ich.“
„Wieso denn das?“ Der dritte Mann der Runde schaltete sich ein. „Der war doch drauf und dran dich abzustechen.“
„Ich denke, der hatte Angst, dass ich ihm die Luft abdrehe mit dem Kragen. Deshalb ist der ausgerastet.“
„Ja, ja. Kann sein. Aber hast Du Dich nicht gefragt, warum der gleich so´n Messer in der Hand hatte?“
„Meinste, der hätte mit ’nem Taschenmesser ’ne Chance gegen mich gehabt?“, grinste der Hüne. „Außerdem habe ich keine Lust auf Polizei und auf blöde Fragen. Krakau wartet, Jungs. Ich pack´s mal. Macht´s gut.“ Sprach´s, zahlte schnell und verschwand. Zwei Minuten später zog sein Fünfachser aus der Parkreihe heraus und glitt röhrend vorbei. Beladen mit Elastiksportböden aus Bad Berleburg, wie die Planenaufschrift verriet.
„Ja, okay, dann hau´ ich jetzt auch ab. Muss noch nach Aachen heute und bis 23 Uhr abgeladen haben. Scheiß A4 da hinter Köln. Eine Baustelle nach der anderen. Und morgen dann nach Antwerpen und sofort retour. Ochsentour, verdammte“, raunte der 1,68-Mann und machte sich ebenfalls ans Bezahlen. Er musste jedoch noch einen Moment warten. Weil jemand vor ihm gerade offenbar die Bestellung für ein Konzern-Abendessen aufzugeben schien. Hannes bat um Geduld.
„Buff“, machte es ziemlich fies jenseits des zweiten Trucks auf der Limburgstraße. Gefolgt von dem Geräusch blockierender Räder. Dann Stille. Fünf Sekunden ganz hässliche Stille. Und dann ein hysterischer Frauenschrei, der nicht mehr enden wollte. Entsetzt rannten alle Gäste des Imbisses gleichzeitig zur vermeintlichen Unfallstelle.
Auf der Fahrbahn links ein weißes BMW-Cabriolet mit offenem Dach, demolierter Frontscheibe und beträchtlicher Delle in der Motorhaube. In der offenen Fahrertür eine schlanke Mitvierzigerin in elegantem Sommerkostüm und auf offenen roten High Heels. Vorstandssekretärin mindestens. Und, gemessen an der Höhe ihres Schreis, leistungsfähige „Sopranette“. Sie war gerade verstummt, als die Armada der Neugierigen und Hilfsbereiten um das Führerhaus des ersten Lastzugs herum auftauchte.
Etwa fünf Meter vor dem BMW liegend ein eigentümlich verrenkter Männerkörper. Reglos und blutend aus allen Knopflöchern. Sofort beugten sich gleich zwei Männer über den Bedauernswerten, der jetzt von einem der beiden ganz langsam von der Bauch- in eine Seitenlage gedreht wurde. Der andere versuchte, den Puls zu ertasten. Mit nachdenklicher Miene und immer wieder mit dem Tastfinger am Handgelenk rauf und runterfahrend. Ein dritter Mann brachte einen Verbandkasten heran und telefonierte parallel mit der Rettungsleitstelle. „Limburgstraße heißt das hier. Direkt vor einem Schnellimbiss. … Ja, sehr schwer verletzt.“
„Ist er tot?“ Die brünette BMW-Fahrerin fragte zaghaft nach und kam näher. Der Mann am Puls hörte sie offenbar nicht, suchte jetzt an der Halsschlagader. „Ist der Mann tot? Sagen Sie doch was!“
„Nein“, der Gesichtsausdruck des Ersthelfers hellte sich auf. „Nein, ich fühle Puls“, rief er euphorisch. „Und der Mann atmet.“
„Oh Gott, bin ich froh. Bin ich froh. Ich dachte schon …“, dann stockte sie und begann leise zu weinen. Passanten stützten die plötzlich Zitternde und führten sie zu ihrem Wagen, damit sie sich setzen sollte. Und Hannes, der kreidebleich seinen Pommeswagen verlassen hatte, reichte ihr eine Flasche Mineralwasser. „Trink was, Jule. Trink. Ich kann Dir auch einen Schnaps holen, wenn Du willst.“
Aber Jule Homrighausen winkte ab, schniefte in ein Taschentuch und schaute sofort wieder herüber zu dem Mann auf der Straße, der gerade auf eine Notfalldecke und ein Kissen gebettet worden war. Abermals dröhnten Martinshörner in der Odebornstadt.
„Der ist mir einfach auf die Haube geflogen. Unglaublich. Auf einmal kam er angeflogen.“ Die BMW-Fahrerin berichtete mit weit aufgerissenen Augen von einem Erlebnis, das keiner so recht glauben mochte.
„Er kam angeflogen?“ Jule musste einen gewaltigen Schock abbekommen haben. Da war sich Hannes sicher.
Er kannte die Frau von Kindesbeinen an, war gemeinsam mit ihr zur Schule gegangen. Bis zur Mittleren Reife. Dann war sie in eine kaufmännische Ausbildung eingestiegen. Er hatte noch das Fachabitur nachgelegt, wollte Sozialpädagoge werden. Damit war er allerdings grandios gescheitert, drohte gar total abzurutschen. Nach Jahren der Um- und Neuorientierung und mindestens einem Dutzend unterschiedlichster Jobs, hatte er schließlich die zündende und gleichermaßen lukrative Idee vom Schnellimbiss, an dieser Entlastungsstraße der B 480. Seine Eltern hatten ihm Wagen und Ausstattung finanziert. Keine sonderlich belastende Hypothek. Denn der Imbisswagen wurde zum Selbstläufer.
Der erste Rettungswagen traf ein. Und kurz darauf der Wagen mit dem Notarzt. Eilig machten sich die Besatzungen daran, den Schwerverletzten auf der Straße grob zu untersuchen, zu intubieren, Infusionen und EKG-Elektroden zu legen und ihm eine Halskrause zu verpassen. Mit äußerster Vorsicht betteten sie den Mann auf eine Art aufgeblasene Unterlage, aus der augenblicklich die Luft abgelassen wurde. So passte sich das Teil der Körperform an, was den Transport bei eventuellen Wirbelsäulenverletzungen bedeutend risikoärmer und für den Verletzten erträglicher machte.
Hannes Schöler hatte ihn längst erkannt. Trotz seiner blutenden Wunden. Der Mann auf der Trage war der vermeintliche Pole, der vor seinem Imbiss mit dem Messer gedroht hatte. ‚Mein Gott, hat es den übel erwischt’, ging es ihm durch den Kopf. ‚Aber wo war der Mann, nachdem er den Imbiss verlassen hatte? Und von woher kam er „geflogen?“’ Vergeblich versuchte er, etwas von den Gesprächen des Rettungsteams mitzubekommen. Er wollte etwas über den Zustand des nach wie vor Regungslosen wissen, der jetzt in den Krankentransporter gehievt wurde. Dann schloss sich die Tür des rot-weißen DRK-Wagens hinter den Helfern.
Schon hörte man das nächste Martinshorn. Ein Polizeifahrzeug kam zügig heran, ein weiteres positionierte sich an der Odebornbrücke vor der Gunsetal. Die Limburgstraße wurde gesperrt, der Verkehr nach oben über die Ederstraße umgeleitet. Am anderen Ende an der Emil-Wolf-Straße hatten sie wohl ähnliches gemacht. Außer einem zweiten Rettungswagen kam nämlich von dort nichts mehr.
Während Frau Homrighausen behutsam zum anderen Sanka geführt wurde, versuchten zwei Polizisten, sich ein Bild von dem Unfall zu machen. Doch niemand der Umherstehenden hatte den Polen beobachtet. Keiner war auffindbar, der zur Wahrheitsfindung hätte beitragen können.
„Die Fahrerin sagt, er sei einfach angeflogen gekommen und auf ihr Auto gekracht.“ Hannes hatte sich sachte an die Beamten heran geschoben und sein Wissen preisgegeben, um sie nicht ganz ahnungslos zu lassen. Denn aus den Krankenwagen war ja zunächst nichts zu erfahren. Auch für die Männer in blau nicht.
„Ja wie …, kam einfach angeflogen. Was meinte sie denn damit?“ Polizeihauptmeister Jürgen Winter hatte bei seiner Frage den Kopf etwas schief gehalten und schaute eher ungläubig aus der Dienstwäsche. Polizeiobermeister Pattrick Born nicht minder. „Will sie damit etwa sagen, dass ihr der Mann von der Seite her auf die Haube gesprungen ist? Kann ich mir nicht so richtig vorstellen. Im Übrigen gibt es bestimmt sicherere Arten sich umzubringen.“
„Ich habe nicht die mindeste Ahnung, was Frau Homrighausen damit sagen wollte. Sie zeigte sich nur völlig entsetzt über das Geschehene. Wir hatten auch keine Gelegenheit, ausführlicher darüber zu reden.“
„Aha, Homrighausen heißt die Dame. Kennen Sie auch ihren Vornamen?“
„Na klar. Jule …, genauer gesagt Juliane. Geboren irgendwann im Juli 1969.“
„Prima, danke. Sie kennen die Frau offenbar näher.“
„Nicht näher. Aber schon länger. Wir sind zusammen zur Schule gegangen.“
Der Pommeskocher ließ seine Blicke wandern und blieb dabei schließlich an der demolierten BMW-Haube kleben. „Wissen Sie was?!? Wenn ich mir das hier anschaue, dann muss der Pole tatsächlich geflogen gekommen sein. Aber nicht von der Seite, sondern von schräg oben.“
„Wie kommen Sie denn darauf“, wollte Winter wissen. „Und woher wissen Sie, dass der Mann Pole ist?“
„Also, das mit der Nationalität war die Vermutung eines Fernfahrers, mit dem der da drin – er zeigte mit seinem rechten Daumen über die Schulter Richtung Notarztwagen – aneinander geraten war. Weil der Mann bei mir nicht bezahlt hatte, rief er ihm auf Polnisch nach, dass er mir noch Geld schulde. Und der hat tatsächlich reagiert. Auf meine Aufforderung in Deutsch vorher nämlich nicht.“
„Und warum sind die beiden aneinander geraten?“
„Naja, der Frank Drescher, so heißt der Trucker, hatte ihn von hinten ein wenig heftig am Hemdkragen gezupft. Darauf hin hat der …, der ääääh Pole, sein Messer gezogen und den Drescher bedroht. Ist aber nix passiert. Und gezahlt hat er schließlich auch. Sogar mit sattem Trinkgeld“, grinste Schöler die beiden Polizeibeamten an.
Pattrick Born machte sich unentwegt Notizen in ein kleines DIN-A6-Blöckchen und sah dabei ein wenig aus wie der amerikanische Schmuddelkommissar Columbo. Nicht etwa, weil er ebenfalls in vergammeltem Trenchcoat und verstrubbeltem Haar in der Gegend herumlaufen würde. Nein, er hielt nur Block und Stift in ähnlicher Manier, lächelte dabei stets nett und hatte einen ähnlich leichten Silberblick wie der US-Fernsehkollege.
„Wo ist denn der Drescher jetzt?“ Jürgen Winter hatte das gefragt und sich dabei über die Kühlerhaube des Unfallwagens gebeugt.
„Auf dem Weg nach Krakau – mit seinem Truck. Vielleicht ’ne Viertelstunde, eher 20 Minuten weg.“
„Haben Sie zufällig eine Handynummer von ihm?“
„Nein. Aber ich kann Ihnen die Autonummer geben. Ist ’n Brummi von der „Regupol“. Der kann noch nicht weit sein. Ich schätze mal, der fährt gerade über Sassenhausen das Laasphetal runter und dann über Biedenkopf, Marburg auf die Autobahn.“
Born schrieb mit und ließ sich die Nummer geben, mit der er spornstreichs zum Streifenwagen ging, um diesen Drescher möglichst bald ausfindig zu machen.
„Moment mal“, Hannes Schöler schluckte, „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass der Drescher den Polen, oder was immer er ist, auf den vorbeifahrenden BMW geschmissen hat. Der war doch längst weg, als das passiert ist. Außerdem hatte er gar keinen Brass auf den.“
„Haben Sie denn gesehen, ob sich die beiden noch mal getroffen haben, bevor Drescher losfuhr?“
„Nee, konnte ich ja nicht. Die Kutscher gehen ja immer, von mir aus gesehen, um die Böcke herum auf die andere Seite und laufen an der Fahrbahn lang zu ihren Führerhäusern. Der Parkstreifen ist ja breit genug.“
„Na also. Wer sagt Ihnen denn dann, dass da nichts passiert ist? Aber, wie immer, wir brauchen eine Aussage von diesem Fahrer“, erklärte Winter und wandte sich wieder dem BMW zu. „Erklären Sie mir lieber mal, warum Sie meinen, dass der Mann von oben herunter auf das Auto geflogen ist.“
„Will ich Ihnen gerne zeigen und erklären. Schauen Sie her. In der Mitte der Haube ist eine tiefe Delle, fast wie eine Kuhle. Das deutet auf einem senkrechten oder fast senkrechten Fall hin. Der Einschlag in der Scheibe war wahrscheinlich der Kopf. Bei der Vollbremsung wurde er dann noch vorne abgeworfen. Wäre der Mann von der Seite her in den Wagen gesprungen oder geflogen, hätte ihn das Auto wie über einen Keil aufgeladen und eventuell sogar über die Scheibe nach hinten geschleudert. Der Einschlag würde nach meiner Meinung deutlich schwächere Spuren hinterlassen. Die dafür aber quer über die Motorhaube.“
„Alle Achtung“, staunte Jürgen Winter, „das leuchtet irgendwie ein. Aber, sagen Sie mal, woher wissen Sie das denn alles so genau?“
„Ach, ich habe mal ein paar Monate während meines Studiums in einer Karosseriewerkstatt im Ruhrgebiet gearbeitet. Da lernt man es, solche Spuren zu lesen.“
Pattrick Born war zurückgekommen, hatte den Rest gerade noch mit angehört und dann Winter ins Ohr geflüstert: „Wenn dieser Hannes recht hat, dann muss es ja wenigstens einen der Lastzüge da vorne geben, wahrscheinlich der dritte oder der vierte, von dem der Mann heruntergesprungen ist.“
„Oder heruntergeworfen wurde“, ergänzte der Hauptmeister. „Wir sollten mal nachgucken, bevor uns da noch was ganz Wichtiges durch die Lappen geht.“
Die beiden trennten sich. Born übernahm den Kontrollgang auf der Gehwegseite, Winter den auf der Straße. Eigentlich hatten sie gar keine klaren Vorstellungen von dem, was sie suchten, waren mehr auf Zufallsfunde aus.
Es war müßig, die beiden ersten Lastzüge näher zu betrachten. Denn das demolierte Cabriolet stand in Höhe des Führerhauses von Truck Nummer zwei. Sturz und Aufprall müssten also deutlich weiter hinten stattgefunden haben, wenn man Reaktionszeit und Bremsweg dazu rechnete. Mindestens in Höhe der Ladefläche des dritten Zuges. Dahinter war auch eine Lücke. „Da hat der Drescher-Bock gestanden“, berichtete Hannes Schöler, der sich wie eine Klette an Winter gehängt hatte. Der Polizist ertrug das zähneknirschend. Obwohl der ihn gerne abgeschüttelt hätte. Aber immerhin hatte ihm der Karosseriekenner ordentlich geholfen. „Haben Sie eigentlich keine Angst, dass Ihnen derweil jemand den Imbiss ausräumt?“
„Nee, nee. Da verrutscht nix. Meine Freundin is´ gerade gekommen. Die schmeißt den Laden“, grinste Hannes und sah nicht danach aus, als wolle er sich vertreiben lassen. Vielmehr zeigte er auf die Seitenplane an dem Lastzug, die irgendwie schlaff wirkte. „Das ist ja seltsam. Normalerweise sind die an den Trucks so festgespannt, dass man schon mal auf die Idee kommen könnte, die Seitenwand sei aus Metall. Aber vielleicht hat der Fahrer was nachgesehen oder was umgeladen.“
„Gehen Sie jetzt am besten mal ein paar Schritte zurück, nach da vorne“, flüsterte der Beamte Schöler zu und verdeutlichte seinen Hinweis mit energischem Blick und Armwinken in Richtung Menschenauflauf.
„Wieso das denn?“
„Weil ich es sage. Kann sein, dass das hier nicht ganz ungefährlich ist.“
Hannes Schöler schluckte und machte große Augen. „Ich ääääh …!“
„Nun los, bitte gehen Sie.“
Hauptmeister Winter beobachtete noch den Rückzug seines Beraters und machte sich dann für Born bemerkbar. „Gssst, Pattrick, hey“, flüsterte er halblaut. „Kannst Du da drüben was in dem Laderaum erkennen?“
„Nichts. Aber komisch ist das schon“, kam von der anderen Seite.
„Was ist komisch bei Dir?“
„Hier ist die Beifahrertür nur angelehnt, aber keiner im Führerhaus. Hab´ schon geguckt. Wer lässt denn seine Karre so offen rumstehen?“
„Keine Ahnung.“ Winter ging ein paar Schritte zurück und schaute auf das Nummernschild. Der Lastzug kam aus Frankfurt/Main. Schnell machte er ein Foto mit seinem Smartphone. Dann ging er wieder bis zur Ladefläche.
„Gssst, Pattrick, ist die Plane da drüben bei Dir auch offen?“
„Scheint mir nicht so. Fest verzurrt“, antwortete der und schaute zwischen Führerhaus und Sattelauflieger zu Jürgen Winter herüber. „Aber ich kann ja mal hinten nachschauen, wie´s da aussieht.“
„Warte, ich komme auch. Sei vorsichtig.“
Es sah schon fast albern aus, wie sich die beiden, jeweils Hand an der Waffe im Holster, zum Heck des Fuhrwerks begaben. Vorsichtig, gestelzt, als würde jeder ihrer Schritte sonst ein Erdbeben auslösen.
Hinten angekommen baute sich Winter tatsächlich mit seiner Walther P99 in der Hand links neben der Ladetür auf, während Born den großen Hebel herumzog und den Laderaum sachte öffnete. Ganz sachte. Doch es passierte nichts. Dann riss er die Tür ganz auf. Immer noch nichts. Allerdings konnte man nun in den Laderaum hineinschauen. Soweit das schummrige Licht dies zuließ. Die Deckenplanen oben waren leicht transparent.
Ganz vorne im Laderaum, also direkt hinter dem Führerhaus, standen jede Menge Holzkisten. Auf-, neben- und voreinander gestapelt. Sah nach einer geschlossenen Lieferung aus. Alle mit Aufdruck. Mit Spanngurten am Verrutschen gehindert und mit Bruchsicherungen aus Stahlband. Bis auf eine längliche, gut zwei Meter lange, Kiste mit Scharnieren und einem Klappschloss, die quer oben draufstand. Ansonsten gähnende Leere im Frachtraum. Da war noch viel Platz zum Zuladen. Einzig ein paar am Boden fest genagelte Vierkanthölzer verrieten, dass darin etwas Großflächiges transportiert werden sollte oder bereits transportiert worden war.
Mit einem Satz war Pattrick Born auf die Ladefläche gesprungen, während Winter draußen die Wumme wegsteckte und dann ebenfalls hinaufkletterte.
„Eigentlich müsste der Mann von hier aus auf den BMW gesprungen sein“, sinnierte Born, als er vor einem Kistenstapel vorne stand und versuchte, die Plane nach hinten zu ziehen. Klappte wie am Schnürchen. Ihre Sicherung war gelöst. Sie glitt zurück wie eine Gardine in der Laufschiene.
„Müsste“, mischte sich Winter in die Gedanken des Kollegen ein, „ist er aber nicht. Das sieht hier ganz schwer nach Mordversuch aus.“
„Um Gottes Willen. Meinst Du nicht, Du übertreibst jetzt ein bisschen?“
„Absolut nicht. Überleg doch mal. Wenn der Mann alleine war und tatsächlich von dem Kistenstapel hinaus auf die Straße gesprungen wäre, hätte er dann im freien Flug die Plane hinter sich wieder zuziehen können? Wohl kaum.“
Pattrick Born schaute erst den Kollegen an, dann die Plane. „Du hast recht. Das wäre die absolut perfekte „One-Man-Show“ gewesen. Die muss jemand wieder zugezogen haben, nachdem der arme Kerl hier rausgeflogen ist.“
Winter zückte das Smartphone und rief in der Wache an, äußerte dort seinen Verdacht und bat um Verstärkung. Irgendwie mussten sie sich ja auch um den eigentlichen Unfall kümmern. Am besten würden da gleich auch Kollegen von der Kripo mitkommen. „Die sollen tunlichst auch die von der Spurensicherung informieren. Das wird hier … Was ist denn jetzt los?“, schrie Jürgen Winter plötzlich auf.
Der LKW bewegte sich, setzte zurück und bremste. Winter haute es der Länge nach hin. Pattrick Born hatte sich gerade noch an einem Spriegel unter der Deckenplane festhalten können. Vorsichtshalber war er aber vom Kistenstapel heruntergesprungen und musste sich jetzt auf dem Boden abrollen, als sich der Truck wieder nach vorne bewegte.
„Bleib´ stehen, Du Irrer! Hey, wir sind hier hinten auf der Ladefläche! Mach keinen Scheiß! Mann! Polizei. Stehen bleiben!“
Doch die Rufe verhallten ungehört. Oder zumindest ohne große Wirkung. Langsam zog der Lastzug aus der Parklücke und wurde beschleunigt. „Der Verrückte fährt auf die Unfallstelle zu“, schrie Born, der sich an der Seitenwand entlang nach hinten bis fast zur Ladetür vorgewagt hatte. Plötzlich kam die Vollbremsung. Die Ladetür knallte zu und Born machte zwei, drei Schritte. Dann stolperte er über eines der Kanthölzer und knallte nun seinerseits auf den Boden. So richtig mit Schmackes.
Doch das schien den jungen Polizisten nur wenig zu beeindrucken. Als der Truck stand, sprang er hinten vom Zug und rannte wie von einer Tarantel gestochen zum Führerhaus. Gerade war die Fahrertür aufgegangen und ein recht muskulöser Mann herausgeklettert, als der Sprinter bei ihm ankam. Er schnappte sich den Typen, riss ihn herum und drehte seinen rechten Arm auf den Rücken. Dann drückte er ihn ziemlich unsanft gegen die LKW-Tür. „Sag mal, bist Du total bekloppt, Mann? Du kannst doch nicht einfach losfahren, wenn wir noch hinten drauf…“ Den Rest verschluckte er. Der Fahrer konnte ja gar nicht ahnen, dass da jemand auf der Ladefläche herumturnt, fiel ihm plötzlich siedend heiß ein.
„Was loss? Was willst Du, Polizei? Ich Pappirre in Ordnung, will farre nach Chause. Lange nix gesänn Cheimatt. Ich chabe grosse Fammilie.“
Jürgen Winter war aufgetaucht. Er machte einen leicht belämmerten Eindruck. Er hatte wohl bei dem Sturz auf den Boden einen heftigen Schlag abbekommen. „Komm, lass ihn los. Aber bleib´ bei ihm. Und lass´ Dir seine Papiere zeigen. Auch die Frachtpapiere. Die Kollegen sind unterwegs. Ich muss mal gerade zum Sani“, lallte er noch. Dann klappte er zusammen wie ein Gummimännchen. Born stierte fassungslos auf ihn herunter.
Diese Schrecksekunde nutzte der gerade noch Festgesetzte und wollte sich um die Motorhaube seines Trucks herum verdünnisieren. Aber der Polizist hatte geschaltet und stellte dem Flüchtenden ein Bein, so dass der sich selbst in die Hacken trat und stürzte. Direkt vor dem neugierigen Schöler. „Halt´ den mal grad´ am Boden fest. Arm einfach nach hinten drehen. Das geht schon. Ich muss schnell nach meinem Kollegen gucken!“, rief Born. Doch da war bereits ein Rettungssanitäter aus dem Wagen gesprungen und zu dem Beamten herübergelaufen, der sich gerade aufrappeln wollte. „Nix, nix, liegen bleiben. Erst mal sehen, was mit Ihnen los ist.“
Born, der sich mit Blick aus dem Augenwinkel versicherte, dass Schöler den Mann am Boden unter Kontrolle hatte, schilderte dem Sanitäter kurz, was mit Winter passiert war und fragte: „Sagen Sie, wissen Sie, wie es dem Unfallopfer geht?“
„Ich sitze auf dem anderen Wagen, habe mich um Frau Homrighausen gekümmert. Aber so viel ich mitgekriegt habe, nicht besonders gut. Der hat richtig was abbekommen. Mehrere Knochenbrüche wohl, innere Verletzungen und, so wie es aussieht, vermutlich auch einen Schädelbruch. Sie haben Christoph 25 bestellt. Der muss gleich hier sein. Landet vermutlich am Ende der Parkkolonne.“
„Was für eine verfluchte Scheiße“, entwich es dem sonst eher besonnenen Pattrick Born. „Und das alles noch zusätzlich zu dem Leichenfund von heute Mittag. … Passen Sie gut auf meinen Kollegen auf.“ Von letzterem verabschiedete er sich wie ein Hipp-Hopper, Faust auf Faust. „Wird schon, Alter. Ich drück´ Dir die Daumen.“ Dann drehte er ab, um Schöler den am Boden liegenden Trucker zu entreißen. Der Sünder lag auf dem Bauch, den rechten Arm auf den Rücken gedreht und ein Knie des Pommesbarons im Kreuz.
„Danke, kannst loslassen. Und bitte, steig von ihm ab.“
Wadim Plosicz rannte wie von tausend Teufeln gehetzt. Immer wieder dreht sich der Mann beim Laufen um und schaute wie ein gejagtes Tier nach hinten. Mit Ach und Krach war er unentdeckt von dem Lastzug weggekommen, war zwischen ein paar Büschen durchgewutscht und über den Lidl-Parkplatz zu einer Parallelstraße herübergerannt. Mitten in einem Industriegebiet war er gelandet und hatte nicht die geringste Ahnung, wo genau, in welcher Stadt. Noch bis vor einer halben Stunde hatte er tief geschlafen, in der Koje des Lastzuges. Direkt hinter dem Fahrer. Zum ersten Mal seit fast drei Tagen.
Der Mann aus Kaunas in Litauen war wieder mal durchgefahren, von Malaga in Spanien bis nach Frankfurt. Ohne Schlaf. Dafür aber mit jeder Menge gekauter Kaffeebohnen. Und auf drei verschiedenen Lastzügen, die immer im lockeren Konvoi hinter einander herfuhren. Malaga, Barcelona, Lyon, Neuenburg am Rhein, Frankfurt. Das machten sie schon immer so bei seiner Spedition. Durch den Fahrerwechsel auf der Strecke hätte ihnen keine Polizei der Welt etwas wegen Überziehung der gesetzlichen Lenk- und Ruhezeiten anhaben können. Seit Jahren verdiente er sein Geld mit Lebensmitteltransporten. Einmal die Woche mit Tiefkühltorten von Frankfurt nach Malaga, dann sechs Stunden Schlaf. Und zurück mit einer Ladung Früchte für den Frankfurter Großmarkt.
Von dort hatten sie ihn einfach entführt. Ihm völlig unbekannte Typen. Angebliche Inspizienten seines Arbeitgebers, der Spedition TruckiTRANS aus Vilnius. Sie waren auf dem Großmarkt aufgetaucht, hatten ihm ein Papier mit dem Briefkopf von TruckiTRANS unter die Nase gehalten und sich durch reichlich Interna aus dem Unternehmen legitimiert. Ein Info-Gespräch sollten sie mit ihm führen. Wie mit all seinen Kollegen auch, denen sie angeblich schon vorher begegnet waren. Natürlich hatte er nichts gegen eine gute Tasse starken Kaffees und ein ordentliches Frühstück gehabt und war ihnen in ein Straßencafé gefolgt. Aber dort endete seine Erinnerung nach zwei, drei Schlucken Kaffee und nicht mal einem halben Schinkenbrötchen. K.-o.-Tropfen vermutete er.
Wadim Plosicz musste anhalten, sich auf eine Gartenmauer setzen. Sein Puls hämmerte in den Halsschlagadern. Sterne tanzten vor seinen Augen. Die Kondition spielte einfach nicht mehr mit. Tief atmete er durch und versuchte so, seinen Puls zu beruhigen. Sein kariertes Hemd war nur noch durch zwei Knöpfe vor der Brust gehalten. Die anderen hatte er aufgemacht, um Luft an seinen muskulösen, schwitzenden Körper zu lassen. Wieder schaute er sich sichernd um. Drüben auf der anderen Straßenseite spielten drei Kinder auf dem Rasen vor einem Mehrfamilienhaus. Ansonsten kamen lediglich Passanten und Autofahrer vorbei. Desinteressierte. Niemand kümmerte sich um den Mann auf der Mauer. Dass er am linken Handgelenk eine Handschelle trug, hatte wohl keiner bemerkt.
Was war das für eine widerwärtige Aktion, die sich da vor seinen Augen abgespielt hatte. Der Fahrer hatte ihn ziemlich unsanft geweckt, die Handschelle am Haltegriff in der Kabine gelöst und ihn aufgefordert, sofort aus der Koje heraus zu klettern. Als das dem Trucker nicht schnell genug ging, half er mit zwei markigen Faustschlägen in Rippen und Magengrube nach. Dann war er auf die Ladefläche des Zuges getrieben worden, wo ihn der Fahrer ganz nach vorne nötigte. „Mach´ mal links die Plane zurück, damit man hier mehr sieht“, hatte er ihn auf Russisch angeherrscht. Und Plosicz gehorchte mit schmerzendem Körper. Danach war er wieder angekettet worden.
Plötzlich war ein zweiter Mann auf der Ladefläche. Den hatte der andere offenbar erwartet und war mit ihm ohne große Worte auf den Kistenstapel geklettert, wo sie nun gemeinsam das obere Behältnis öffneten. Der Trucker hatte einen Schlüssel dafür. Eifrig räumten sie in der Kiste jede Menge Teile beiseite. Wohl, um weiter unten fündig zu werden. Doch dann hatte der Fahrer plötzlich eine Eisenstange in der Hand, die er dem anderen kurzerhand auf den Hinterkopf schlug. Der Aufschlag der Stange auf die Schädeldecke hörte sich für Plosicz an, als wäre ein Kürbis beim Herabfallen auf den Fußboden geborsten. Ekelhaft. Vor seinen entsetzten Augen war der klapperdürre Mann blutend zusammengebrochen und auf dem Rand der offenen Kiste liegen geblieben. Er rührte sich nicht mehr. ‚Um Gottes Willen. Ist der Mann tot? Was soll der Scheiß? Warum schlägt dieser brutale Hund hier einfach einen Menschen tot?’ Ihm wurde schlecht vor Angst.
Als der gnadenlose Fahrer auf ihn zukam, dachte der Mann aus Litauen, sein Ende stehe bevor. Er wollte schreien. Doch dieser Schweinehund drückte ihm von vorn so heftig die Kehle zu, dass er glaubte, jeden Moment werde der Knorpel im Hals brechen.
„Du chilfst mirr jetzt“, herrschte ihn der Mann an. „Sonst bringe ich dich um. Wie den da.“ Dann schloss er die eine Handschellenhälfte auf, befreite ihn so von der Ladebordwand und schleppte ihn mit Karnickelfanggriff zum Kistenstapel. Hustend und röchelnd war Plosicz, die Pranke des Irren im Genick, stolpernd mitgelaufen und am Fuß des Kistenberges angelangt. „Rauf mit Dirr“, brüllte dieser Unmensch und folgte ihm die zwei, drei Stufen auf der Seite mit der offenen Plane. Immer wieder schaute er nach hinten durch die offene Ladetür, bis er auf einmal brüllte: „Komm, ancheben! Nun los, mach! Schneller!“ Dann lud er mit Plosicz´s Hilfe den Leblosen über seine rechte Schulter, drehte sich zur offenen Seite des Trucks hin und warf sein Opfer mit beiden Armen einfach hinaus. Als wenn der Mann gar nichts wöge. Er warf ihn einfach so weg.
Plosicz erstarrte. Als er dem Niedergeschlagenen hinterher schaute, sah er über die Kante der Seitenbordwand hinweg von links eine Cabrio-Frontscheibe und einen Frauenkopf mit brünettem Haar vorbeikommen. Im selben Augenblick krachte es. Reifen blockierten, gefolgt von einem leisen ‚pflatsch’. Dann war es für einen kurzen Moment still. Bis die Frau ganz entsetzlich schrill zu schreien begann.
Der Killer war von der Öffnung zurückgewichen und mit einem Satz von dem Kistenstapel heruntergesprungen. Dann hatte er mit einem Ruck die Plane zugezogen. Er lauschte nach draußen, wo man jetzt aufgeregte Stimmen hörte. Rufe nach Rettungsdienst und Polizei wurden laut.
Für Plosicz die Chance, aus diesem Wahnsinn heraus zu kommen. Schnell war er von den Kisten heruntergestiegen, durch den Frachtraum gesprintet und aus der Ladetür gesprungen. Draußen warf er den offenen Flügel zu und legte kurzerhand den Riegel um. Er hatte gehofft, dass sein Peiniger hinterhergekommen wäre und dabei in die Tür eingeklemmt, zumindest aber von ihr getroffen würde. Doch der große Aufschrei blieb aus. Auch ein fast ersehntes Geräusch brechender Knochen war nicht zu vernehmen.
Immerhin aber war der Drecksack jetzt für einen Moment gefangen. Denn er würde sich angesichts des Menschenauflaufs draußen nicht trauen, die Plane wieder zurückzuziehen und seitlich über die Ladebordwand auf die Straße herunter zu klettern. Zumal es einen kleinen Stau entlang der geparkten Lastzüge gab. Zu viele Augenzeugen.
Der Flüchtende wollte ebenfalls ungesehen davonkommen. Sachte schaute er auf der Gehwegseite um die Ecke des Trucks nach vorn. Keine Menschenseele zu sehen. Auch von hinten nichts. Nur die Lücke bis zum nächsten Lastzug ließ ihn da stehen wie auf dem berühmten Präsentierteller. Zu seinem großen Glück wendeten auf der Straße gleich zwei Pkw hintereinander. Deren Fahrer wollten offenbar aus dem Stau heraus und einen anderen Weg in die Stadt hineinnehmen. Die hatten etwas Wichtigeres zu tun, als nach ihm zu schauen. Mit zwei großen Sätzen überquerte er also den Gehweg und verschwand hinter den Büschen. Die boten ausreichend Sichtschutz. Aber seine Freude darüber währte nicht lange. Denn zwei Meter weiter bremste ihn ein Zaun.
Mist! Wohin jetzt? Nach rechts ging es nicht weiter. Da endete die Buschgruppe. Und man hätte ihn von der Straße aus sehen können. Also nach links. Nach ein paar Metern wehte ihm der verräterische Duft der Imbissbude um die Nase. Pommes und Bratwurst. Augenblicklich bekam Plosicz Hunger. Aber er konnte sich beherrschen. Für eine Portion Pommes rot/weiß war die Bedrohung viel zu groß. Lieber hungrig davonkommen, als beim Essen von diesem durchgedrehten Typen erwischt zu werden. Kurz darauf hatte er den Lidl-Parkplatz erreicht.
Vor und neben dem „Wittgensteiner Hof“ hatten die von der SpuSi das ganz große Besteck aufgefahren. Mindestens fünf Leute in weißen Raumfahreranzügen und mit blauen Plastiküberschuhen wuselten dort herum. Die Parkstraße war nach wie vor voll gesperrt. Der Verkehr wurde über den Berlebach, an den Kliniken vorbei, umgeleitet. Noch immer standen Neugierige an den Absperrungen herum und erzählten sich die wildesten Räuberpistolen. Nur Clemens Finger, der freie Journalist, hatte mittlerweile eine klarere Sicht der Dinge. Auf allen Vieren kriechend, um den Polizeiblicken zu entgehen, hatte er sich hinter der Schlossmauer in Position gebracht und direkt in die Gasse blicken können, an deren Ende der Leichnam gefunden worden war. Jede Einzelheit hatte er mit seinem ofenrohrgroßen Tele eingefangen. Die Bilder waren längst per Mail zu einer Fotoagentur gegangen.
Und weil er aus seiner unbequemen, aber strategisch optimalen Position heraus so ganz nebenbei manches Gespräch der Ermittler belauschen konnte, manchmal auch nur Gesprächsfetzen, baute er sich aus dem Erlebten und Gesehenen seine ganz eigene Geschichte zusammen. Für die Boulevardpresse. Nicht umsonst hatte er in der Branche von den seriösen Kollegen den Spitznamen „Schlimmer Finger“ bekommen.
Eigentlich war es purer Zufall, dass Finger diesen Aufreger in Bad Berleburg mitbekam. Denn sein Augenmerk hatte er ursprünglich auf das Flüchtlingserstaufnahmelager in der ehemaligen Rothaarklinik gelegt. Mal sehen, wie sich dort die Wachmannschaften aufführen. Nach den wirklich furchtbaren Zuständen in Burbach und anderswo, nicht nur für einen Boulevard-Reporter ein Thema, an dem man eigentlich nicht vorbeikommt.
Doch irgendwie kam er hier nicht zu Potte. Die Lage schien unaufgeregt zu sein, dort oben. Und die Flüchtlinge, die er unterwegs traf, meist Menschen aus Syrien, wussten nichts besonders Negatives zu berichten. Außer, dass sie durch ihre Unterkunft sehr weit entfernt von der Stadt waren. Tatsächlich war das schon eine elendige Latscherei von dem Klinikkomplex am „Spielacker“ runter in die Innenstadt. Und zurück erst recht. Da waren einige Höhenmeter zu überwinden.
Die hatte übrigens auch Clemens Finger aus Dortmund-Hombruch in den Knochen. Denn wer Geschichten von Menschen erfahren will, die zu Fuß unterwegs sind, sollte tunlichst auf das Nebenherfahren mit dem Auto verzichten. Schweren Herzens hatte er sich also selbst per pedes auf den wirklich beschwerlichen Weg gemacht, um seine Story „rund“ zu bekommen, wie die Journalisten sagen. Allein, es war ihm trotz heftiger Bemühungen und einigem Rauf auf den Berg und Runter in die Stadt nicht gelungen, auch nur einen der meist Englisch sprechenden Flüchtlinge dazu zu bekommen, so richtig abzulästern. Das, was er von den Leuten am häufigsten als Antwort bekam, war „thank you Germany“. Frustrierend für einen, der ausgezogen war, einer Schweinerei auf die Spur zu kommen.
Bis er auf einem seiner Wege über das Rainchen hinauf zur Oberstadt plötzlich auf die Polizeiabsperrung Ecke Parkstraße traf. Fünf Minuten Recherche, den Gaffern zuhören und beobachten, reichten dem routinierten Schlagzeilenhai völlig aus. Schlagartig switchte er im Kopf um, vergaß augenblicklich die emotionsgeladene Geschichte von misshandelten Menschen im Flüchtlingslager. Hier lauerte die wahre Geschichte. Ein grausames Verbrechen in der Provinz. Eine Story, die es in sich hatte – und Geld brachte. Das hatte er im Urin.
Nachdem der Tote abtransportiert worden war, hatte der fiese Gestank in der Oberstadt stark nachgelassen. Verschwunden aber war er noch nicht. Kein Wunder. Denn der Leichensaft, oder wie immer man die Flüssigkeit bezeichnen wollte, die da aus dem Plastiksack ausgetreten war, hatte das Erdreich getränkt. Und das müsste dringend abgetragen und entsorgt werden. Allerdings waren da die Herren im Ganzkörperkondom strikt dagegen. „Zunächst müssen die Spuren dort akribisch gesichert werden“, hatte Gert Steiner, Chef der Spurensicherung, bereits den Nachbarn mitgeteilt. Und damit deren Illusion zerstört, bald wieder befreit einatmen zu können. „Sorry, das dauert noch. Wir haben ja bis jetzt nicht einmal eine Ahnung, wie der Mann überhaupt dort unten hingekommen ist. Vom Warum ganz zu schweigen. Aber das müssen die Kollegen von der Kripo klären.“
Und die hatten richtig was zu tun. Erst die Leiche am Rainchen. Und jetzt auch noch der versuchte Mord in der Limburgstraße. Das war mehr, als man in dem eher verbrechensarmen Wittgenstein seit Jahrzehnten erlebt hatte. Vorsichtshalber hatte Hauptkommissar Klaiser in Absprache mit Dienststellenleiter Bernd Dickel schon mal die Kollegen in Siegen um Mithilfe gebeten. Denn die Aufgaben, die jetzt auf sie zukommen würden, überschritten ihre personellen Möglichkeiten um ein Vielfaches. Selbst wenn sie sich die Fälle teilten, was im Übrigen bereits geschehen war.
Während er an dieser ausgesprochen seltsamen Sache mit dem Toten am „Wittgensteiner Hof“ bleiben wollte, übernahm Kriminalkommissarin Corinna Lauber den versuchten Mord am Truck. Und jeder von ihnen hatte lediglich einen Kollegen als Unterstützung an der Hand. Corinna konnte auf die dauerhafte Hilfe von Polizeiobermeister Pattrick Born zählen. Und Klaiser hatte eigentlich auf Jürgen Winter gebaut, der ihm schon in der jüngeren Vergangenheit immer wieder mal mit hervorragender Arbeit zur Seite gestanden hatte. Doch der war nach seinem Sturz auf dem Lastzug zur Untersuchung und Beobachtung ins Krankenhaus gekommen. Wie lange er ausfallen würde, dazu war keine Prognose zu bekommen.
Also holte er sich Obermeister Sven Lukas als Teamkollegen. Der war zwar ein unglaublicher Computerfreak und daher eher für IT-Ermittlungen in Wirtschaftskriminalfällen geeignet, aber Klaiser wusste, dass dieser Mann sich in komplizierte Fälle richtiggehend reinbeißen konnte. Recherchieren bis der Arzt kommt. Genau das, was jetzt gefragt war.
Längst hatten sie alle verfügbaren Kolleginnen und Kollegen der Schutzpolizei auf den Schlossberg geschickt, um Befragungen bei den Anwohnern zu machen. Hatte jemand etwas Verdächtiges gesehen, gehört? Und, wenn ja, was und wann? Wem waren Fahrzeuge und/oder Leute aufgefallen, die zwischen „Wittgensteiner Hof“ und Café etwas abgeladen hatten, oder zumindest abgeladen haben könnten; eventuell eine Leiche.
Wadim Plosicz schnappte noch immer heftig nach Luft. Die Flucht bis zu dieser Mauer am Hilgenacker hatte erstaunlich viel Kraft gekostet. Überraschend viel für den Mann, der sich eigentlich sportlich fit wähnte. ‚Wahrscheinlich machen dich die K.-o.-Tropfen so fertig’, dachte er, während er nach wie vor den spielenden Kindern gegenüber zuschaute.
Plötzlich war am Himmel ein Hubschrauber zu hören. Erst nur vage. Dann schien er zügig immer näher zu kommen. Und dort, von wo aus er geflohen war, startete ein Fahrzeug mit Martinshorn. Neugierig versuchte der Flüchtende zu verstehen, was da abging. Aber er traute sich nicht einmal, um die Hausecke hinter seinem Rücken zu schauen.
Der Hubschrauberpilot schien auf einem Platz ganz in der Nähe landen zu wollen. Vadim kannte das verräterische Knattern der Rotorblätter, wenn sie vom Piloten verstellt werden, um Höhe zu verlieren. Immer näher kam er und wurde immer lauter. Und dann war der Eurocopter zu seinem großen Erschrecken auf einmal direkt über ihm und zog eine Schleife. Deutlich konnte er von unten „ADAC Luftrettung“ an der knallgelben Maschine lesen. Dann war sie schon wieder weg. Hinter den Hausdächern verschwunden.
Die Kinder von gegenüber, die die Erscheinung am Himmel genau so hatte zusammenfahren lassen wie Plosicz, rannten jetzt quer über die Straße in Richtung des Landeplatzes. Deutlich hörte man, wie der Heli jetzt die letzten Meter herunterkam und dann aufsetzte. Blütenblätter, Staub und Papierfetzen flogen durch die Luft. Er schien vor einem Getränkemarkt hinten um die Ecke gelandet zu sein. Dann verlor sich das Schwirren der Rotorblätter. Nur noch Turbinengeräusche, die immer weiter nachließen, bis nur noch der normale Stadtlärm zu hören war.
Frank Drescher stieß einen leichten Fluch aus, als er die Polizeistreife in Bad Laasphe am Straßenrand sah und erkannte, dass er anhalten sollte. Die rote Kelle am hoch gestreckten rechten Arm des Polizisten und die ausgestreckte Linke in Richtung Bordstein waren unmissverständlich. ‚Was ist denn jetzt schon wieder los? Haben mich die Armleuchter etwa am Forsthaus Bracht geblitzt?’ Er hatte es etwas laufen lassen auf der recht verkehrsarmen Strecke. Und seit die Fahrbahn vor ein paar Jahren nach einer halben Ewigkeit des Dahingammelns endlich saniert worden war, konnte man hier auch mit dem Lastzug gefahrlos etwas zügiger fahren.
„Guten Tag, allgemeine Verkehrskontrolle. Bitte Ihren Führerschein, Fahrzeugschein und die Ladepapiere.“ Drescher hatte das Seitenfenster heruntergefahren, herausgeschaut und zurückgegrüßt. Der Beamte, der mit Blick zu ihm hinauf die ganze Litanei stereotyp heruntergeleiert hatte, machte keinen sonderlich freundlichen Eindruck. Sein Kollege, der drei Meter weiter vorne stand, im Übrigen auch nicht. Mit der rechten Hand am Pistolenholster, sicherte der die Kontrollaktion des Kollegen mit langem Gesicht ab. ‚Arme Bullen’, dachte Drescher, während er die Papiere nach draußen reichte, ‚Euch macht der Job offensichtlich keinen Spaß’. Ihm schwante Übles. Denn mit griesgrämigen Polizeibeamten hatte er in der Vergangenheit immer wieder mal Probleme gehabt.
Als der eine mitsamt den Papieren zum Streifenwagen gegangen war, rückte der andere etwas näher an den Truck heran. Frank Drescher wollte aussteigen. Aber der Polizist erhob die Hand und rief: „Bleiben Sie bitte sitzen.“
„Oh wei, was wird das denn?“, entfuhr es dem Trucker. „Was habe ich denn angestellt? War ich zu schnell – oder was?“
„Warten Sie´s ab“, kam die lapidare Antwort aus dem langen Gesicht.
„Na, das kann ja heiter werden“, bemerkte Drescher und fügte in Gedanken noch ‚Du bist vielleicht ein Blödmann’ an, während er sein Radio ausschaltete, um so vielleicht etwas von dem Funkverkehr aus dem Polizeiwagen mitzubekommen. Aber Fehlanzeige.
Sein Gegenüber, mit der Hand auf der „Wumme“, blieb weiter ungerührt und ließ ihn nicht aus den Augen. Das konnte gar kein Spaß sein, so bei dieser Hitze auf der Straße zu stehen und Brummifahrer in Schach zu halten, dachte sich Drescher. Viel mehr aber marterte ihn der Gedanke, welcher Untat er jetzt bezichtigt werden würde. Überladen hatte er auf gar keinen Fall, der Zug war gerade erst ohne Mängel durch den TÜV, die Bereifung einwandfrei. Und wenn er tatsächlich geblitzt worden wäre, hätte er das doch sehen müssen. Er wusste doch, wo sie die Radarfalle immer aufstellten. „Scheiße Mann, Scheiße“, fluchte er leise vor sich hin. Doch jede weitere Gewissenserforschung brachte ihn keinen Schritt weiter. Er konnte sich einfach nicht erklären, was die Polizei von ihm wollte.
Bis ihm plötzlich klar wurde, dass das hier mit Stoppen nach einer Geschwindigkeitskontrolle nichts zu tun haben konnte. Da waren sie in der Regel nämlich mindestens zu viert und mit zwei Fahrzeugen. Und überhaupt, die anderen Autos, die das Laasphetal durch die Wasserstraße herunterkamen, durften unbehelligt weiterfahren. Nein, da war was anderes im Busch.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Polizist Nummer eins wieder zurück, reichte ihm seine Papiere hoch und fragte ihn: „Kennen Sie einen Mann namens Kamil Czoch?“
Frank Drescher überlegte einen Augenblick – ziemlich angestrengt sogar. Denn er war ja nun häufig in Polen. Und der Name hörte sich schon ziemlich polnisch an. Aber an gerade diesen konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern. „Nein, kenne ich nicht.“
„Sind Sie sicher?“
„Ja, ganz sicher!“
„Seltsam, Sie haben heute Nachmittag noch mit ihm geredet“, ereiferte sich der Bulle und schaute Drescher tief in die Augen.
„Wo?“, wollte der Fernfahrer wissen.
„Das müssten Sie doch am besten wissen.“
„Verdammt noch mal, jetzt wird mir das Ganze hier zu blöd. Ich weiß es nicht. Und wenn Sie behaupten, ich hätte es doch getan, dann sagen Sie mir …“ Drescher unterbrach sich. „Oh, Kacke. War das etwa der durchgeknallte Typ, der vor der Pommesbude mit dem Messer auf mich los ist?“
„Das sagten zumindest Zeugen, wie wir hörten.“
„Ja, aber den kannte ich doch gar nicht. Der wurde nur auf einmal aggressiv, weil ich ihn aufgefordert habe, seine Rechnung bei Hannes, dem Budenbesitzer, zu bezahlen.“
„Allerdings in polnischer Sprache. Woher wussten Sie, dass er Pole ist, wenn Sie ihn nicht kannten?“
„Weil er auf dem Display seines Smartphones, mit dem er ständig rumhantierte, in großen Lettern den Namen seines polnischen Providers stehen hatte. ‚Polkomtel’. Den würden Sie hier in Deutschland sicher auch nicht als Ihren Netzbetreiber wählen. Und weil der Vogel auf die Zahlungsaufforderung von Hannes einfach nicht reagiert hat, habe ich ihn am Hemdkragen festgehalten und es einfach mal auf polnisch probiert. Wissen Sie, der Hannes is´n prima Kerl. Den bescheißt man nicht.“
„Aha. Und woher können Sie so gut polnisch?“, wollte der Polizist wissen.
„Kann ich gar nicht. Aber wenn Sie, wie ich, mehrfach im Jahr nach Polen fahren müssten, dann würden selbst Sie zumindest die Floskeln kennen, die mit Bezahlen zu tun haben“, meinte Drescher nett lächelnd. „Denn Einkaufen und Essen müssen Sie unterwegs ja auch gelegentlich. Ach so, nee, Sie haben da ja eher Glück“, fügte er eine Spur zu süffisant an, „bei Ihnen ist ja immer Deutschland.“
„Wir machen auch nur unseren Job, Herrrrr Drescher“, überbetonte der Beamte. „Warum haben Sie den Mann eigentlich nicht angezeigt?“
„Weil ich mir genau diesen Zinnober hier ersparen wollte, Herrrrr Wachtmeister“, gab der Angesprochene angefressen zurück. „Ich glaube, das war ’ne Reflexhandlung bei dem, als ich ihn von hinten angefasst habe. Sie wissen doch, dass es Menschen gibt, die schnell mal überdrehen. Und das war bei dem genauso. Aber als der sich umdrehte und mich sah, ist dem aus Angst fast die Klinge aus der Hand gefallen. Diese halbe Portion hätte ich beim tief Luft holen quer unter der Nase hängen gehabt, verstehen Sie.“ Drescher fühlte sich obenauf.
„Mag ja sein, aber eine Anzeige wäre absolut richtig gewesen.“ Der Polizist wollte offenbar partout das letzte Wort haben.
„Hören Sie“, begann Drescher wieder und jetzt eine Spur eindringlicher, „ich bin auf dem Weg nach Krakau in Polen. Das sind rund 980 Kilometer und etwa 13 Stunden reine Fahrzeit bis dort hin. Wenn alles gut geht. Dazu meine Rast- und Ruhezeiten. Morgen spätestens um 17.30 Uhr muss ich dort sein, habe einen festen Abladetermin und vorher mindestens fünf bis sechs Staus. Meinen Sie, da könnte ich mir noch große Anzeigen- und Protokollarien bei der Polizei leisten? Ich muss los, Mensch! Kommen Sie, hier haben Sie meine Karte, da stehen meine Mobil- und meine Festnetznummer drauf und meine E-Mail-Adresse.“
Wie ein Gentleman überreichte er dem reichlich baff dreinschauenden Polizisten die Visitenkarte aus seinem Truckfenster von oben herunter. „Ich bin in spätestens drei Tagen mit einer Rückladung wieder zuhause. Ich wohne in Hemschlar, haben Sie ja gesehen in den Papieren. Dann komme ich gerne auf die Wache in Berleburg und gebe alles zu Protokoll. Und wenn noch was unklar ist, rufen Sie mich einfach auf dem Handy an. Ich hab‘ ’ne Freisprecheinrichtung auf meinem Bock. Da verrutscht nix.“
Der eine Polizist schaute den anderen an. Irgendwie schien beiden diese ganze Geschichte einzuleuchten. Und irgendwie hatten beide auch keine Lust, hier noch den großen Larry raushängen zu lassen. War bald Schichtwechsel. Irgendwann musste es ja gut sein.
„Okay, Herr Drescher. Sie können fahren. Wenn noch Fragen sind, werden sich die Kollegen von der Wache in Berleburg an Sie wenden. Gute Fahrt.“
„Danke, schönen Abend noch“, entgegnete der und startete den Truck. Da fiel ihm etwas siedendheiß ein. „Ääh, Moment, Herr Wachtmeister. Moment bitte noch. Was war denn jetzt eigentlich? Hat mich jetzt etwa der Pole angezeigt? Oder warum wollten Sie das alles so genau wissen? Aber woher hätten Sie sonst seinen Namen. Falls der überhaupt stimmt.“
„Der Mann war in einen schweren Unfall verwickelt. Da waren Sie wohl gerade erst ein paar Minuten weg. Die Kollegen konnten ihn über seine Papiere identifizieren.“
„Das gibt´s doch gar nicht. Das ist ja der Hammer. Hat der sich mit seinem Truck auf die Fresse gelegt?“
„Nein, er ist vor einer Imbissbude von einem PKW erfasst und schwer verletzt worden. Mehr wissen wir auch nicht. Tschüß.“ Die beiden wendeten sich ihrem Dienstwagen zu und ließen Drescher verdattert stehen.
„Mann, Mann, Mann, das ist ja ´n Ding.“ Drescher setzte den Blinker links, legte den ersten Gang ein und löste die Bremsen. Langsam zog er mit seinem Gespann hinter den abfahrenden Polizeiwagen und fuhr gesittet runter in die Laaspher Innenstadt. Um dort links auf die B 62 in Richtung Marburg einzubiegen. Die Rushhour hatte eingesetzt. Der Mist hier hatte einfach elend lange gedauert.
Jetzt konnte er sich den geplanten Halt bei der Metzgerei Reuter in der Bahnhofstraße getrost abschminken, musste erstmal raus aus dem Schlamassel hier. ‚Vielleicht klappt´s ja bei Kalender in Sterzhausen’, überlegte er. Er wollte unbedingt noch einen Kringel Fleischwurst für unterwegs mit in seine Kühlkiste nehmen. Als Proviant. Wenn´s zu eng für Essenspausen würde. Brötchen und geschmierte Butterbrote hatte er dabei. Alleine fahren ließ einfach keine Alternativen offen. Und einen zweiten Fahrer auf dem Truck gab es schon lange nicht mehr.
Corinna Lauber war am Ort des Geschehens in der Limburgstraße eingetroffen. Um den Tatort in Augenschein zu nehmen. Eine ganz wichtige Komponente für Ermittler, die sich von allen Abläufen ein möglichst plastisches Bild machen wollen. Nur war das nun nicht mehr so ganz möglich. Weil der Lastzug nicht mehr dort stand, wo er zur Zeit der Tat geparkt war und auch das BMW-Cabriolet jetzt auf der Seite stand. Nur Kreidemarkierungen auf der Fahrbahn ließen auf den Punkt des Aufpralls und auf den Punkt nach der Vollbremsung schließen. Dazu gab es einige Polizeifotos.
Corinna war fassungslos. Zumindest die Endpositionen nach der Attacke des LKW-Fahrers hätten sie einhalten müssen. „Wer hat das denn veranlasst? Seid Ihr alle verrückt? Nichts am Tatort verändern, heißt es immer. Ich fasse es nicht! Wie kann man nur so“ … ‚blöd sein’, wollte sie eigentlich sagen. Aber die hübsche junge Frau verkniff es sich. Gar nicht so einfach bei einem so dicken Hals. Es war schließlich ihr erster Fall eines eventuellen Mordversuchs, den sie in Eigenverantwortung übertragen bekommen hatte.
„Also pass mal auf, Corinna“, mischte sich mal wieder Pommesdealer Hannes ein. „Der LKW stand da hinten, hinter den beiden Trucks da.“ Er schob die verdatterte Kriminalistin in die Straßenmitte und zeigte mit seiner Linken in die angegebene Richtung. „Der Mann, der auf den BMW geflogen ist, wurde von dessen Sattelauflieger einfach heruntergeworfen und ist auf Motorhaube und Frontscheibe des Cabrios geknallt.“
„Interessante Theorie“, sagte Corinna. „Aber Du solltest mich erst mal mit den Kollegen reden lassen. Okay!?“
„Schon gut, schon gut“, zog der leicht beleidigte Hannes mit erhobenen Händen von dannen, hielt sich aber weiter am Straßenrand auf. Das Ding war genau so gelaufen. Das war für ihn so klar wie Kloßbrühe. Da brachte ihn niemand von ab. Anders konnte es gar nicht gewesen sein. Und spätestens, nachdem er den Fahrer gesehen und ihn mit Polizeigriff festgehalten hatte, war ihm klar, dass der auch die Kräfte dazu hatte, den dürren Polen einfach so aus dem Lastzug zu schmeißen.
Pattrick Born kletterte gerade aus einem der Polizeibusse, in dem sie den Fahrer des Lastzugs mit Handschellen festgesetzt hatten, als Corinna auf den Wagen zusteuerte. Er grüßte freundlich und wollte an ihr vorbei. „Wo is´n der Klaiser?“
„Nix Klaiser. Mein Fall“, lächelte die Kommissarin ein wenig unsicher und bat Born um ein kurzes aber sauberes Lagebild.
„Ach so, wusste ich nicht, sorry“, bemühte sich Born, seinen Fehler – aus purer Gewohnheit entstanden – mit roten Ohren wieder auszubügeln. Und dann beschrieb er ein Szenario, das nahezu passgleich das Bild von Imbissstandbesitzer Hannes Schöler widerspiegelte. „Der Kollege Winter und ich haben das alles inspiziert und durchgespielt.“
„Hatte der Curry-Hannes also doch recht“, sinnierte sie und bemühte dabei einen der fast unzähligen Spitznamen von Hannes Schöler. Den sie natürlich alle kannten. Denn es gab nur noch zwei ernst zu nehmende Pommesbuden in der Stadt. Und Polizei ohne Imbiss … Das geht gar nicht!
„Was, meinst Du, hat sich da auf dem Lastzug abgespielt?“, wollte Corinna von Pattrick Born wissen.
„Keine Ahnung. Wirklich. Absolut null Ahnung. Dein Part, das rauszukriegen. Der Typ da drin sagt kein Wort. Nur seinen Namen. Jegor Solowjow aus Nowosibirsk, ganz weit hinten in Russland.“
„Na klasse. Wo ist der Verletzte? Wo ist die BMW-Fahrerin?“
„Der Verletzte, wirklich ganz schwer Verletzte, wurde gerade da drüben beim Getränkemarkt in den Rettungshubschrauber verladen und drinnen offenbar noch versorgt. Hoffentlich überlebt er das, der arme Hund. Und die BMW-Fahrerin sitzt drüben in dem anderen Rettungswagen. Sie soll aus Sicherheitsgründen in die Klinik, sagen die Sanis, weigert sich aber noch.“
Corinna ging rüber, klopfte kurz an die Seitentür des DRK-Fahrzeugs und öffnete. „Darf ich kurz?“, fragte sie und zeigte ihren Ausweis vor. Sie durfte. Jule Homrighausen saß aufrecht in einem gepolsterten Sitz, hatte eine Infusion im Arm und schaute zur Polizistin herüber. „Der ist mir einfach vorne auf die Haube geflogen. Aus dem Lastzug heraus. Das ist alles. Mehr kann ich nicht sagen. Es war fürchterlich.“
„Das glaube ich Ihnen sofort. Mit so etwas rechnet man ja nicht“, antwortete Corinna und zog die Stirn kraus. „Sind Sie tatsächlich ganz sicher, dass der Mann aus dem Lastzug heraus auf Ihren Wagen geflogen ist?“
„Absolut sicher.“
„Haben Sie eventuell jemanden auf dem Lastzug gesehen?“
„Nein, das ging einfach viel zu schnell. Da rechnet doch wirklich niemand mit, dass da Menschen durch die Luft fliegen. Gut, ich war vielleicht etwas sehr nahe an den parkenden LKW. Aber immer noch mitten auf der Fahrbahn. Wenn der Mann vom Lastzug gestürzt wäre, wäre der locker neben meinen Wagen gefallen.“ Plötzlich begann die Frau wieder zu zittern. Offenbar konnte sie nur schwer mit den Gedanken an diese fatalen Bruchteile von Sekunden zurechtkommen.
„Man sieht´s an Ihrer Bremsspur. Sie müssen sich wirklich keinen Vorwurf machen“, redete Corinna beruhigend auf ihr Gegenüber ein. „Danke für das Gespräch. Sie fahren jetzt am besten mit den Herrschaften hier ins Krankenhaus und erholen sich dort erst einmal. Autofahren können Sie in dem Zustand ohnehin nicht. Außerdem brauchen wir Ihren Wagen für die Spurensicherung. Das kann einen Moment dauern. Wir sehen uns sicher in den nächsten Tagen mal wieder. Machen Sie´s gut.“
Reichlich ermattet hob Jule Homrighausen die von Nadel und Schlauch verschonte Hand zum Gruß und ergab sich in ihr sanitäterbestimmtes Schicksal, derweil die Kommissarin wieder ausstieg. Gerade in diesem Moment liefen die Turbinen des Helikopters an. Wenig später erhob sich der „Gelbe Engel“ in die Luft und verschwand nach einer Schleife über der Limburgstraße in Richtung Westen. Mindestens nach Siegen würden sie den Mann bringen, womöglich sogar in eine der Unikliniken in Gießen oder Marburg.
Wadim Plosicz war aufgestanden, als der Helikopter davonflog. Sichernd schaute er sich um. Starker Verkehr auf dieser Straße in der fremden Stadt. Die Mitarbeiter der umliegenden Firmen hatten offenbar Feierabend und fuhren nach Hause. Beim Supermarkt da vorne füllten sich die Parkplätze. Alles vorbei an Wadim. Denn noch immer war die Parallelstraße gesperrt. Die, auf der er das Unvorstellbare mit angesehen hatte. Mit ansehen musste. Gezwungen durch einen der fiesesten Typen, die er je gesehen hatte. Ihm war schlecht beim Gedanken daran.
Dieser unglaubliche Dreckskerl war von der Polizei festgenommen worden. Das hatte Wadim vorhin durch puren Zufall gesehen. Als er zurückgelaufen war und nach dem Helikopter geschaut hatte. In der Hoffnung, dass dem Mann noch geholfen werden konnte, der vor seinen Augen ermordet werden sollte. Mit gefesselten Händen war der Barbar von zwei Uniformierten in einen Polizeibus gesetzt worden. Hoffentlich würden sie ihn nie wieder laufen lassen. Dieser Mann war ein eiskalter Killer.
Plosicz entschloss sich, zur Polizei zu gehen. Denn vor wem sollte er jetzt noch flüchten? Und, vor allem, wegen was? Er hatte sich ja nichts zuschulden kommen lassen und auf dem Lastzug unter Zwang gehandelt. Das konnte er beweisen. Hoffentlich glaubte man ihm. Blaue Flecken in der Magengrube und auf den Rippen müsste es reichlich geben. Und vielleicht könnte man sogar noch die K.-o.-Tropfen in seinem Blut nachweisen.
Die Polizei könnte, ja sie müsste, ihm auf jeden Fall helfen. Denn er konnte zur Aufklärung einer schweren Straftat beitragen. Quasi als eine Art Kronzeuge. Außerdem war er weder im Besitz seiner Personalpapiere, noch hatte er einen roten Cent in der Tasche. Das hatten sie ihm wohl schon in Frankfurt alles abgenommen. Als diese Typen ihn „schlafen legten“. Vielleicht waren die Sachen ja sogar da vorne im Lastzug. Das wäre ideal. Nur so recht glauben wollte er nicht daran.
Aber egal. Zur Polizei würde er so oder so gehen. Denn er hatte die Schnauze voll von diesen Kräfte raubenden Trips nach Spanien und zurück, auf denen er grundsätzlich zum Betrug gezwungen war. Und dann war es wahrscheinlich auch noch diese Scheißfirma selbst, die ihn in eine solche Sache hineingezogen hatte. Eine Geschichte, in der es ganz offensichtlich um wesentlich üblere Dinge ging, als nur um das Überziehen der Fahrzeiten bei ziemlich mieser Bezahlung.
Sollten die Fahnder diesen Sauladen in Vilnius doch ausheben. Dann würden sie hinter unglaubliche Schweinereien kommen. Da war er sicher. Wer Typen wie diesen Russen da im Polizeiwagen beschäftigt, der hat richtig Dreck am Stecken.
TruckiTRANS. Wenn er das schon hörte. Das Unternehmen war ihm schon bei seinem ersten Besuch in der vermeintlichen Firmenzentrale suspekt gewesen. Eine Hinterhofklitsche, die sich „Spedition und Transport International“ in die zweite Zeile des Firmensignets geschrieben hatte. Aber ihm blieb keine Wahl. Arbeitslos, verheiratet und drei schulpflichtige Kinder. Seine Frau und er hatten wirklich alles getan, um ihrem Nachwuchs eine glänzende Zukunft zu geben. Aber in dem politisch nicht immer stabilen Litauen, in dem die Wirtschaft nur ganz allmählich in die Puschen kam, gab es für den gelernten Holzbildhauer und Möbelbauer keine lukrativen Perspektiven. Und da er seit seiner Militärzeit einen LKW-Führerschein besaß, war es für ihn nur naheliegend, sich als Trucker zu verdingen.
Dass er dabei bei einer Firma landete, die nach westeuropäischen Tarifen zahlt, wie sie in der „Respublika“ inserierte, hatte ihm, rein nach Inhalt der Zeitungsanzeige, richtig Geschmack gemacht. Nur war der Haken daran, dass sie ihre Fahrer auch alle auf Trucks in Westeuropa einsetzte. Und das wiederum bedeutete für ihn von Anfang an, Papa und Ehemann auf Distanz zu sein. Einer, der sein Geld regelmäßig in die Heimat überweist, aber nur einmal alle zwei Monate dort auch präsent ist.
Doch er biss in den sauren Apfel, nachdem er sich ausführlich mit seiner Frau Sabina beraten hatte. Sie wollten es probieren. Seit knapp zweieinhalb Jahren währte dieser Versuch nun schon. Nur auf den versprochenen westeuropäischen Tarif für Fahrer war er in dieser Zeit nie gekommen. Schon allein, weil ihm dieser 25-jährige Rotzbock von Geschäftsführer in der Niederlassung Frankfurt allein 400 Euro für eine Art „Schrankzimmer“ abknöpfte, in dem er immer dann schlief, wenn er von einer der Spanien-Touren zurückkam und 36 Stunden Zeit hatte. Bad und Toilette musste er sich mit anderen Fahrern auf der Etage teilen. Und in der Zwergenkemenate, die der Chef „Zimmer“ nannte, hatte er nicht mal richtig Platz, all seine Sachen unterzubringen. Viele von denen lagen in seinem 22 Jahre alten Lada, den er in der Ecke des Speditionshofes geparkt hatte.
Jürgen Winter hatte intensives „in-die-Augen-blicken“, intensive Gespräche und mindestens eben so intensives Röntgen hinter sich. Jetzt saß er auf einem der Stühle in der Wartezone der Unfallambulanz. Eigentlich ging es ihm gut. Und er wollte auch so schnell wie möglich wieder raus aus dem Krankenhaus. Aber da war da noch das abschließende Urteil der Ärztin. Das wolle sie erst fällen, wenn sie die Röntgenaufnahmen gesehen hätte.
Warum es ihn vorhin bei der Festnahme aus den Latschen gehauen hatte, konnte er sich beim besten Willen nicht erklären. Klar, er war ganz ordentlich mit dem Kopf auf die Pritsche des LKW geknallt. Aber da hatte er als Kind viel schlimmere Geschichten erlebt. Beim Schlittenfahren zum Beispiel. Die Straße hinter´m „Bodechrist“ runter in Richtung der Schlossteiche. Natürlich auf dem Bauch. Unten war eine kleine Kurve, die er auf der vereisten Bahn nicht mehr packte. Dann kam ein Zaunpfahl. Licht aus! Am nächsten Tag ging´s in die Schule. Was sollte das hier also?!
Mit einigen Bedenken ließ sie ihn dann auch ziehen. Die junge, attraktive Frau Doktor Antonia Reimann, die bei ihm abschließend noch mal ordentlich nach dem Puls gefühlt hatte. Allein nach den Werten, nach denen ihm da zumute war, hätte Winter allerdings in der Klinik bleiben müssen.
‚Junge, Junge, was für ein tolles Weib. Und das hier bei uns in der Provinz’. Winter war sich sicher, dass da mindestens ein Oberarzt dahinterstecken müsste, der hier ganz besondere Karrierechancen witterte. Denn Bad Berleburg war nun wirklich nicht der gesellschaftliche Nabel der westlichen Hemisphäre.
Wenige Minuten später hatten ihn Streifenkollegen auf halber Strecke runter zum Stark´schen Kreisel aufgepickt und mit zur Wache genommen. Er meldete sich bei seinem Vorgesetzten Bernd Dickel dienstfähig zurück und wollte gerade in den Feierabend, als er Klaus Klaiser auf dem Flur begegnete.
„Und – wie sieht´s aus? Habt Ihr den Verpackungskünstler schon, der den armen Hund da oben in den Sack gestopft hat?“
„Schön wär´s“, entgegnete Klaiser. „Einen Scheißdreck haben wir. Nix, niente, nada! Keiner weiß was, keiner hat was gesehen, gehört, geträumt. Aber alle haben´s seit heute Mittag gerochen.“ Wut kam auf in dem jungen Kriminalisten. „So ein Leichenbündel kommt doch nicht einfach so angeflogen, oder legt sich selbst am unteren Ende dieser Gasse am Rainchen ab. Da muss doch wenigstens einer geschleppt haben wie doof. Eher sogar zwei. Sonst wäre der Plastiksack auf dem Schotterweg da unten doch gleich aufgerissen. Ist er aber nicht. Der ist aufgeplatzt. Wie eine Gasflasche, wenn´s ihr zu heiß wird.“
Auf dem Flur im Revier war es auch heiß. Und stickig. Obwohl längst später Nachmittag war, tobte sich die Sonne noch immer draußen am blauen Himmel aus. Endlich mal wieder richtig Sommer. Rudi Carrell hätte seine reine Freude. „Komm, lass´ uns ’n Bier trinken gehen und quatschen“, lud der Hauptkommissar den Hauptmeister ein. „Hab´ noch keine Lust auf zuhause. Ute ist sowieso bei ihren Eltern im Münsterland. Dem Opa geht´s nicht so gut.“
„Okay, wenn Du mich hinterher nicht an die Bullen verpfeifst“, grinste Winter. „Bei einem Pils bleibe ich nämlich nicht. Bin auf der Suche nach der Sollbruchstelle in meiner Birne. Nach dieser Nummer heute Nachmittag.“
„Au, Mist, sorry. Hab´ ich ja ganz verpennt, Mann. Wie geht´s Dir denn überhaupt? Da siehste mal, wie tief man in den Schlamassel geraten kann. Ich wollte dich doch unbedingt als Spannmann neben mir bei der Leichensache.“
„Mir geht´s prima. Alles wieder gut. Kein Problem. Natürlich mache ich mit bei Dir. Hatte allerdings gehofft, dass ich diesen versuchten Mord unten weiter verfolgen kann. Da war ich ja von Anfang an dabei.“
„Ach so, ja. Das ist jetzt anders verteilt. Corinna hat den Fall federführend und den Kollegen Born an der Seite. Und ich hab’, weil Du ja „out of order“ warst, den ‚Freak’ rekrutiert.“
„Den Sven Lukas?“ Winter schüttelte sich vor Lachen. „Da können wir nur hoffen, dass bei dem Toten wenigstens ein Laptop und ein Speicherstick gefunden werden. Damit er was ausfuchsen kann. Vor dem ist kein Bit sicher.“
„Jetzt komm, der Kollege ist schwer auf Zack. Ich hab’ neulich mitgekriegt, wie der sich in die Waden von einem Scheckbetrüger gebissen hat, der in ganz Europa sein Unwesen getrieben hatte. Hättest mal sehen sollen, was der über den Typen alles rausgekriegt hat. Vom Ehebrecher in der fünftletzten Generation mütterlicherseits bis zur Zahnpastasorte seiner noch ungeborenen Tochter. Beim Recherchieren einfach der beste Mann. Ein Freak halt. Und den brauchen wir beide in unserer Truppe. Wirst schon sehen.“
„Alles gut“, meinte Winter und wedelte mit beiden Händen in der Luft. „Dann lass’ uns jetzt mal losziehen. Sonst muss ich hier mal einen Wasserhahn leer saufen. Dann ist aber der Durst weg. Und Du kannst die Geschichte mit dem Quatschen stecken.“
„Kann ich Sie sprächen, bitte?“, nahm sich Wadim Plosicz ein Herz und sprach Corinna an, die gerade in einer Unterhaltung mit zwei Uniformierten war. Sie schien ihm die kompetentere Person vor Ort zu sein. Das schloss er aus ihrer Gestik und den Reaktionen der anderen Beamten. „Ja, bitte. Wenn es etwas mit dieser Sache hier zu tun hat“, gab sich Corinna sehr freundlich.“
„Ich glaube, ja.“
„Aha, wie kommen Sie darauf?“
„Ich …, ich warr dabei“, stammelte Plosicz. „Chab ich gesänn, wie chat Mann andere Mann aus Lastzug ge…, ääh ge… worfen.“
„Das ist ja …“, Corinna war etwas konfus. Ein Zeuge. Damit hatte sie am wenigsten gerechnet. „Ja, kommen Sie doch bitte hier rüber“, war sie ganz aufgeregt. Sie wies in Richtung des Fahrzeugs, in dem dieser irre Russe saß.
„Njet, nein. Da gähe ich nicht chin. Diese Mann ist Verbrächer. Chat mich geschlagen und bedroht.“
„Natürlich nicht in diesen Wagen“, korrigierte sie. Dahinter steht ein anderer. Kommen Sie“, sagte sie lächelnd und führte ihn zu dem Fahrzeug.
Nur zögerlich folgte der Litauer der jungen Polizistin. Hinter ihm eine weitere Beamtin. Allerdings in Uniform. In weitem Bogen umlief Plosicz den Bulli mit dem Gefangenen, der sich offenbar gerade einer Leibesvisitation unterzog. Mit Handschellen an einem Haltegriff. Musste verdammt unbequem sein.
Noch bevor sie den anderen Polizei-Bulli bestiegen, meldete sich der Litauer noch einmal: „Entschuldigung bitte, chabe ich Frage, bitte.“
„Worum geht es?“
„Kann ich bitte sähen, ob meine Papirre sind in Lastzug von diese Mann?“
„Warum das denn, bitte? Wie sollen denn Ihre Papiere in diesen LKW kommen?“
„Warr ich gefangen in diese Track. Chat man mich gemacht schlafen in Kabine. Und dann verschleppt nach chier.“
Corinna weitete die Augen. „Das wird ja immer abenteuerlicher. Wird Zeit, dass die Spurensicherung kommt und sich den Zug mal genau anschaut. Aber bis dahin Herr …, wie heißen Sie eigentlich?“
„Plosicz, Wadim Plosicz.“
„Ja, Herr Plosicz, bis dahin kann ich Sie nicht an den Lastzug heranlassen. Tut mir leid.“
„Schade. Ist vielleicht auch alles mein Gäld dabei. Chabe nichts in Tasche. Kann nicht mal kaufen Flasche Cola.“
„Das ist bestimmt kein Problem. Sie werden bei uns zu essen und zu trinken bekommen. Da bin ich sicher. Und eine Übernachtung werden wir auch für Sie organisieren können“, beruhigte sie den Mann. „Jetzt kommen Sie, steigen Sie bitte ein.“ Er folgte der Aufforderung und setzte sich so, dass es keinen Blickkontakt zwischen ihm und dem Russen im anderen Wagen geben konnte. Aber das war dann auch überflüssig. Denn kurz darauf setzte sich der „Gefangenentransport“ nebenan in Bewegung. Ab in Richtung Wache.
Rund um die Unfallstelle herrschte reges Treiben mit heftigen Diskussionen nahezu aller Beteiligter. Die einen waren die üblichen Gaffer, die sensationsheischend alles aufsogen, was sie so aus den Mündern derer aufschnappen konnten, die ohnehin immer alles wussten. Und die anderen waren Betroffene. Zwei LKW-Fahrer, die einfach nicht weiter konnten, weil sie eingekeilt waren. Und zwei Trucker, die nicht rückwärts raus konnten, weil hinten nur ein Polizist die Absperrung bewachte und gleichzeitig den Verkehr von der Entlastungsstraße in die Ederstraße umleiten musste. Da war einfach zu viel Betrieb. Zumal da auch immer wieder Fahrzeuge vom gegenüberliegenden Stöppel geradeaus herunterkamen, deren Fahrer sich ein wenig dämlich angestellt und das Sperrschild ignoriert hatten.
Pattrick Born klopfte an die Scheibe des Bullis und bat Corinna Lauber durch Handzeichen heraus. Sie kam.
„Corinna, wir müssen hier so schnell wie möglich die Straße wieder aufmachen. Die Fernfahrer killen uns, wenn die hier nicht wegkommen. Die haben Terminfracht. Das ist schweineteuer, wenn die Sachen nicht ‚just in time’ ankommen.“
„Können wir nicht, bevor die SpuSi nicht da ist“, bestimmte die Kommissarin.
„Wieso denn? Der LKW steht doch ohnehin nicht mehr dort, wo der Angriff erfolgte. Und die Rad- und Bremsspuren sind alle abgekreidet, vermessen und fotografiert. Bitte, lass uns einen von den Kollegen im Vollschutz reinsetzen und die Kiste an die Seite fahren. Damit die anderen raus können.“
„Nein, da wird nichts draus.“
„Corinna, ich bitte dich. Das gibt Oberstress, glaub’ mir.“
Kriminalkommissarin Lauber zog die hübsche Stirn in Furchen. Es war, verdammt noch mal, ihr Fall! Und sie wollte nicht, dass andere darin herumfuhrwerkten oder gar bestimmten. Nur hatte der Kollege hier dummerweise ziemlich recht. Die Verhältnismäßigkeit stimmte da nicht mehr.
„Okay, soll sich einer so’n Pariser drüberziehen, Überschuhe und Handschuhe nicht vergessen. Und dann fahrt den Zug da vorne auf den Seitenstreifen. Dann könnt Ihr in Absprache mit den Kollegen vorne und hinten auch die Sperren aufheben. Aber vorher diese Situation hier auch noch sauber mit Fotos dokumentieren.“
„Danke Dir“, sagte er nüchtern. Worauf sie ihn plötzlich nett anblinzelte und meinte: „Danke Dir, ist ja okay so. Und außerdem muss der Hannes da drüben mal wieder frische Kundschaft haben. Die hier sind ja alle schon voll gestopft mit seinen Fritten.“
Born lachte und verschwand erleichtert. ‚Manchmal’, dachte er, ‚manchmal musst Du auch den Besten mal durch einen sachten Klaps auf das hübsche Hinterköpfchen auf die Sprünge helfen.’
Wenig später flutschte der Verkehr wieder in der Limburgstraße. Mit Ausnahme eines kleinen Engpasses. Um den Spurensicherern Platz zu schaffen, hatten die Kollegen der Schutzpolizei ein paar Sperrböcke um den fraglichen Lastzug aufgebaut. Und damit die Fahrbahn ein wenig verengt. Kaum der Rede wert.
Aber von den Leuten Gert Steiners mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen. Die waren quasi vom Regen in die Traufe geraten. Kaum hatten sie ihren ganzen Krempel am „Wittgensteiner Hof“ eingepackt, durften sie in der Limburgstraße alles wieder auspacken. „The same procedure as ten minutes ago“, witzelte der Boss aller Siegener SpuSi-Spezialisten. „Bad Berleburg als die Ausgeburt von Horror und Gewalt. Mir wird ühübeeel“, leierte Steiner grinsend, während er den Reißverschluss seines weißen Anzuges zuzog. „Ab in die mobile Maso-Sauna.“ Und schon stand ihm der erste Schweißtropfen auf der Stirn. „17.38 Uhr und immer noch 33 Grad im Schatten. Man muss schon einen an der Waffel haben, um diesen Job zu lieben.“
Aatolij Morosow stand an der alten Kohlenstraße, keine 400 Meter vom Ortsrand Benfes entfernt und versuchte zum x-ten Male, Kontakt zu Jegor Solowjow zu bekommen. Nichts! Seit eineinhalb Stunden einfach nichts.
Für Spaziergänger und solche Zeitgenossen, die allzu neugierig hier draußen einfach mal vorbeikamen, hatte er es sich gemütlich gemacht, vor seinem Wohnmobil, das er am Rande des schmalen asphaltierten Weges geparkt hatte. Sonnenschutz ausgefahren, Tisch und Campingstuhl raus, eine Thermoskanne Kaffee samt Geschirr, Gebäck und einen Agenten-Thriller von Len Deighton. ‚French Cooking for Men’ in englischer Originalfassung. Alles wirkte perfekt. Wie auf dem Prospekt eines Campingplatzes.
Aber dem emeritierten Professor für Atomphysik an der staatlich Technischen Universität des Uralgebietes in Jekatarinburg war alles andere als nach Camping. Und auch nicht nach unglaublichen Erlebnissen eines Agenten. Morosow ging es um die nackte Existenz. Wieder bemühte er Solowjows deutsche Handynummer. Doch der Ruf ging ins Leere.
Andere Kontaktwege gab es nicht. Das hatten sie zu Beginn ihrer Odyssee so vereinbart. Keine Mailbox, kein WhatsApp, keine sozialen Netzwerke. Und alle drei Tage Wechsel der Chipcard. Pünktlich 24 Uhr Mitternacht. Mit Prepaid-Nummern, die sie sich, einer vom anderen, in festgelegter Reihenfolge notiert hatten.
Sie hatten den unglaublichsten Coup überhaupt geplant. Und sie hatten ihn auch durchgeführt. Den Diebstahl von 20 Flak-Kanonen MK 20 Zwilling inmitten der tiefsten deutschen Provinz. Einen Coup, der in 25 Minuten hatte über die Bühne gehen müssen. Sonst wäre womöglich alles den Bach runter und sie in den Knast gegangen. Es sei denn, sie hätten scharfe Waffen eingesetzt, wenn sie vom Wachdienst erwischt worden wären. Aber das hatte der Professor von vornherein ausgeschlossen.
Ihr dreister Klau im Industriegebiet Berghausen/Raumland hatte ein Politikum sondergleichen ausgelöst. Vor allem deshalb, weil ein Mitarbeiter der geschädigten Firma schon wenige Stunden nach der Tat die Presse informiert hatte. Sonst wäre die Geschichte womöglich schön unter der Decke einer staatlich verordneten Verschwiegenheit gehalten worden. Und gerade weil die Sache so viel Staub aufgewirbelt hatte, taten die Täter gut daran, schön in der Deckung zu bleiben. Mit ihrem brisanten Diebesgut.
Fieberhaft hatte die Polizei wochenlang intensivst im In- und Ausland nach den Geschützen gefahndet, die sie da geklaut hatten. Aber die Illusion, dass solche „Lieferungen“ irgendwo und irgendwann ruchbar werden, trog sie. Sowohl offizielle, als auch und vor allem suspekte Abnehmer, waren beobachtet und abgeklopft, verdeckte Lieferwege durch ebenso verdeckte Ermittler beobachtet und Erkenntnisse Wissender abgeschöpft worden. Nichts. Die Fahnder fanden nicht eine einzige der Flugabwehrkanonen. Die gebrauchten Waffen für einen Schwarzmarktwert von mindestens 600.000 Euro schienen sich förmlich in Luft aufgelöst zu haben. Schienen. Denn sie existierten sehr wohl. Und zwar hier in Benfe. Direkt vor Morosows Nase. In einer von zwei alten Feldscheunen am Rande der noch viel älteren Kohlenstraße.
Auf dieser geschichtsträchtigen Route hatten einst die Köhler aus den waldreichen Gebieten des Wittgensteiner Landes ihre Holzkohle auch zu den Eisenhütten im benachbarten Siegerland gefahren. Im Gegenzug waren ihnen die Siegerländer mit ihren Eisenwaren auf der alten Eisenstraße entgegengekommen. Nicht mal 800 Meter voneinander entfernt. Und jetzt lag zwischen diesen beiden Straßen die hoch brisante Fracht für deutlich mehr als eine halbe Million. In dieser uralten Bude, die der Professor sehr genau im Blick hatte.
In einer Nacht- und Nebelaktion hatten sie die 100 Kisten hierher geschafft. An einem Wochenende im Februar. Eine Ochsentour, die an so vielen Ecken hätte scheitern können. Aber es hatte geklappt. In nur 25 Minuten, in denen sie weder dem Wachdienst noch der Polizei auch nur den Hauch einer Chance gegeben hatten. Mit vier Mann, einem Sattelzug, einem Abschleppwagen und einem Gabelstapler hinten drauf waren sie rein ins Gelände, hatten ein Tor geknackt und die Kisten rausgeholt und verladen. Das war Präzisionsarbeit vom Feinsten. Zumal die oberen Kisten jeweils einzeln mit Holz unterlegt und verzurrt werden mussten. Sonst wären sie womöglich über die Ladebordwand nach draußen gerutscht. Und dann die Fahrt mit dem richtig voll beladenen Lastzug. Sie durften nicht auffallen. Denn in dem sonst recht lebendigen Industriegebiet gab es in Samstagnächten keinerlei LKW-Verkehr. Und auch auf den Straßen bis nach Benfe waren solche Transporte von Samstag auf Sonntag absolute Seltenheit.
Allerdings waren sie auch zu einer Zeit unterwegs, in der brave Bürger in aller Regel schlafen. Nur nicht in Berghausen. Dort war in dieser Nacht eine Mordsfete gelaufen, die zweimal die Polizei aus Bad Berleburg auf den Plan gerufen hatte. Jedes Mal mussten die Beamten von der Kurstadt aus rüber nach Berghausen fahren, um Frieden zu stiften, unter Streithähnen. Hätten die Jungs bei ihrer ersten Alarmfahrt den Stöppel herunter einmal nur bewusst schräg über die Wittgensteiner Straße hinweg geschaut, dann wäre ihnen womöglich ein Lastzug aufgefallen, der mit ausgeschalteten Scheinwerfern direkt auf dem Bahnübergang stand. So aber hatten sich die Uniformierten wohl lediglich auf ihren Einsatz konzentriert und dabei das Blaulicht kreisen lassen.
Dessen Schein hatte Jegor Solowjew zum Glück rechtzeitig gesehen und abartig schnell reagiert. Licht aus, voll in die Bremse steigen und damit den LKW-Motor abwürgen, waren eins. Camil Czoch wäre ihm um ein Haar mit dem Abschleppwagen samt Gabelstapler hinten reingefahren.
Erst als sie beim Gasthof Kunze um die Ecke waren und auf dem Weg in Richtung Ederbrücke, fühlten sie sich wieder halbwegs sicher. Hinter der Brücke, beim Gasthof Klinker, waren sie noch kurz Schritt gefahren, damit Morosow abspringen und in sein dort abgestelltes Wohnmobil steigen konnte. Das ging erstaunlich schnell bei diesem älteren Herrn. Noch vor der Leca-Kurve hatte er die beiden anderen Fahrzeuge überholt und konnte so als Scout vorausfahren. Mit Abstand von etwa einem Kilometer. Damit er die anderen bei Gefahr per Mobilfunk hätte warnen können. Aber bis auf wenige Personenwagen und einen offenbar desorientierten Traktor mit Schneepflug und rotierendem Gelblicht war ihnen nichts und niemand entgegengekommen.
Bei der Planung der Strecke hatten sie noch überlegt, ob sie nicht Wege fahren sollten, die durch noch schwächer besiedeltes Gebiet führen. Über Hemschlar, Rinthe und Rohrbach zum Beispiel. Aber sowohl Morosow als auch Solowjew hatten dafür plädiert, auf Bundesstraßen zu bleiben.
Was allerdings dazu führte, dass jeder einzelne von ihnen wenigstens in Weidenhausen, Schameder und besonders in Erndtebrück Schweißausbrüche bekam. In Erndtebrück vor allem, weil der Ort nicht nur bedeutend größer ist. Hier mussten sie auch die Bergstraße hinauf, die bis hinter Kirche und Schulstraße ordentliche Steigungen aufweist. Welche Motorengeräusche ein voll beladener 40-Tonner mit über 400 PS auf solchen Etappen entwickelt, hatten sie zwar alle mit einkalkuliert. Als sie diese aber in dem totenstillen Erndtebrück hörten, standen allen Beteiligten die Haare zu Berge. Sie hatten bewusst ihre Seitenfenster hinuntergelassen. Um auf eventuelle Regungen vielleicht noch rechtzeitig reagieren zu können. Aber das hier jagte ihnen jetzt Serienschauer über den Rücken. Bei Solowjew führte der von den Häusern reflektierte Lärm dazu, dass er die Zehen beider Füße einrollte und verkrampfte.
Letztlich aber war alles glattgegangen. Auch Ludwigseck und Benfe hatten sie durchfahren, ohne dass auch nur ein Licht hinter den geschlossenen Jalousien und Vorhängen angegangen wäre. Und dass sie mit dem Lastzug am Waldheim halbrechts in die Kohlenstraße förmlich hinein gerauscht waren, hatte nicht einmal die aufgeweckt, vor deren Haus selbst bei Tag solch schwerer Verkehr niemals vorkam. Es war eine reine Wohnstraße, die sachte bergauf ging.
Knapp 400 Meter weiter feldeinwärts bog der Geisterzug ohne jede Beleuchtung links ab. Die Fahrer der drei Fahrzeuge trugen jetzt Nachtsichtgeräte. Jedes Scheinwerferlicht in der dunklen Flur hätte sie jämmerlich verraten.
Was ihnen zupass kam in jener Nacht, war die starke Bewölkung. Sonst hätte ihnen womöglich der noch fast volle Mond einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Vollidiot“ hatte sich Morosow selbst geheißen, als er begriff, welchen Bock er da bei der Feinplanung gebaut hatte. An alles hatte er gedacht. Sogar an Abkleber für die Kabineninnenbeleuchtung der Fahrzeuge. Kein verdächtiger Lichtschein sollte sie verraten. Und dann vergaß er den Mond.
Doch wer weiß, wofür es gut war, dass sie in dieser Nacht trotzdem zugeschlagen hatten. Wer weiß, ob die Waffen noch längere Zeit bei der Lackierfabrik gelagert hätten, wo sie rein äußerlich wieder in Schuss gebracht worden waren. Sie waren bei der Bundeswehr bereits 1992 ausrangiert worden. Die meisten von ihnen niemals scharf beschossen. Aber das Militär mancher Staaten setzt solche hoch präzisen Waffen noch heute ein. Und daher hatte der Bund beschlossen, die in Depots abgestellten Zwillings-Flaks technisch checken und anschließend neu lackieren zu lassen. Bevor sie ins Ausland verkauft oder gegen entsprechende Gegenleistungen „verbracht“ werden sollten.
Das alles hatte Morosow gewusst. Von einem Gewährsmann. Auch, wo der letzte Schliff stattgefunden hatte und wie die Einzelteile nun verpackt waren. Pro Geschütz fünf Kisten. Die schwersten und breitesten für Lafette und Drehgestell, die beiden längsten für die Geschützrohre. Und noch eine kompakte für Motor, Visiereinrichtung und so weiter. Alles fein sortiert und beschriftet von den WiLaS, den „Wittgensteiner Lackspezialisten.“ Die Firma hatte sich spezialisiert auf Pulverbeschichtungen von Heizanlagen und großen Belüftungseinheiten, wie sie in Industriebauten zur Anwendung kommen.
Von der Revitalisierung der Kanonen hatte sich Roland Grundmann, der Firmengründer und Chef, ein kleines Zusatzgeschäft versprochen. Aber jetzt, wo die ersten 20 Flaks spurlos verschwunden waren, hatte er nur Ärger. Polizei und Militärischer Abschirmdienst gaben sich bei ihm seither die Klinke in die Hand. Und weitere Aufträge des Bundes blieben aus nachvollziehbaren Gründen ebenfalls aus.
„Okay, dann fangen wir mal an. Glauben Sie, wir brauchen einen Dolmetscher?“ Corinna hatte es sich mittlerweile hinter ihrem Schreibtisch so gemütlich wie möglich gemacht. Born gleich auf dem Stuhl nebenan. Und ihnen gegenüber saß, nunmehr relativ entspannt, Wadim Plosicz. Der Mann, der bereit war alles auszusagen und zu bezeugen, was er am Nachmittag erlebt hatte.
„Njet, glaube ich nicht“, hatte der Litauer geantwortet und in ein Graubrot mit Schinken gebissen, das ihm, gemeinsam mit zwei weiteren Wurststullen von der Kantine spendiert worden war. Als Getränk gab’s eine Flasche Cola light dazu. Hungrig kaute der Mann jeden einzelnen Happen durch. Er hatte wohl schon lange nichts mehr bekommen.
Fast 20 Minuten ließen sie den ehemaligen Holzbildhauer erzählen, ohne auch nur einmal zu unterbrechen. Seine Lebensgeschichte und die seiner Familie, die Gründe für seine berufliche Veränderung, den Stress in der Firma, den Betrug mit den Lenkzeiten und seine Entführung. Er erzählte alles haarklein und sprach dabei ein recht gut verständliches Deutsch. So konnte Corinna prima folgen und Obermeister Born jede Menge Notizen machen, ohne nur einmal nachzufragen.
Dann kamen sie zu dem Punkt, an dem versuchter Mord im Spiel war. Natürlich musste er erklären, warum er auf der Ladefläche mitgeholfen hatte, den zusammengeschlagenen Camil Czoch hoch zu heben – auf die Schulter des Russen. Weder Corinna noch Born nahmen an, dass er den Mann aus dem Truck geworfen hatte. Dafür reichten seine Kräfte ganz offensichtlich nicht aus. Aber immerhin hätte er ja geholfen haben können.
„Ich brienge keine Mienschen um. Bitte, glauben Sie mir. … Natürlich, ich chatte Angst, dass mich diese Mann auch schlagt mit Eisen auf Kopf. Dacher chabe gecholfen bei Chochcheben. … Nur …, einfach Mann aus Lastzug werfen, wo chat vorrherr nix getan. Njet. … Nein. Chätte mich erschlagen missen. Bestimmt!“
Er hatte sich wirklich nichts vorzuwerfen, unter diesen Umständen. Aber Plosicz verfluchte nun schon zum x-ten Male den Moment, in dem er in die Dienste dieser Verbrecherfirma getreten war. Nur, hatte die überhaupt mit den Machenschaften dieses furchtbaren Menschen zu tun? Der Mann aus Kaunas würde das nicht mehr klären können. Er wollte es auch nicht mehr klären. Es war einfach alles zuviel. Und zum ersten Mal konnte er nach diesen furchtbaren Erlebnissen fühlen, wie die Anspannung von ihm wich. Er begann haltlos zu weinen. Betretene Stille trat ein im Büro.
Eine Etage tiefer und ein paar Räume weiter hinten im Gebäude der Polizeiwache Bad Berleburg harrte Jegor Solowjow aus Nowosibirsk seiner Vernehmung. Er saß im Verhörzimmer, die Hände auf dem Rücken gefesselt und grinste den Beamten an, der an der Tür Posten bezogen hatte, um ihn zu bewachen. Der Trucker machte sich einen Spaß daraus, den Polizisten förmlich tanzen zu lassen. In unregelmäßigen Abständen sprang er kurz auf. Was dazu führte, dass der Uniformierte sofort in Abwehrstellung ging, um einen eventuellen Angriff abwehren zu können. Dann lachte der Gefesselte laut und setzte sich wieder.
Der Polizist wusste, dass Russen deutsche Polizisten grundsätzlich für Weicheier hielten.
Er war nicht dabei gewesen am Nachmittag in der Limburgstraße. Aber die Kollegen hatten ihm berichtet und beschrieben, welch brutalen Verbrechens dieser Typ bezichtigt wurde und wie sein Opfer aussah. Der arme Hund wurde nun schon seit Stunden in der Uniklinik Gießen notoperiert. Keiner wusste, ob er durchkommen würde. ‚Und der Täter sitzt hier und macht mit mir den dummen August. Nicht zu fassen.’
„Die Zahl seiner Brüche kann ich im Augenblick nur schätzen“, sprach Dr. Kölblin in das ihm hingehaltene Handy. „Aber eines kann ich jetzt schon mit Gewissheit berichten. Er ist mehrere Tode gestorben, wie wir Rechtsmediziner sagen. Sein Genick ist gebrochen, seine Kehle durchschnitten und sein Brustkorb zerquetscht. … Wie bitte?“ Angespannt hörte er in die Muschel und zog dann die Stirn kraus. „Ja, länger schon. Wahrscheinlich schon vier, fünf Monate. Schwer zu sagen im Moment. Die Verwesung ist schon sehr weit fortgeschritten. Aber die Gewebeuntersuchungen laufen bereits.“
Auf der anderen Seite saß Klaus Klaiser, den der schwitzende Pathologe im grünen Wickelkittel zum Glück nicht sehen konnte und griff nach seinem Hefeweizen. „Hören Sie, Doc., es wäre schön, wenn ich etwas Habhafteres haben könnte. Damit wir hier endlich mit konkreteren Ermittlungen anfangen können. Wir wissen ja noch nicht mal seinen Namen.“ „Oh, da kann ich vielleicht weiterhelfen. Der Mann hat eine Art Werksausweis oder so was bei sich. Von einer Firma TruckiTRANS in Frankfurt. Demnach heißt er Istwan Jagow und stammt aus Archangelsk. Die Identität ist noch nicht ganz wasserdicht, aber ziemlich. Sorry, hatte ich ganz vergessen zu sagen. Die Luft und die Gerüche hier machen irgendwie besoffen.“
„Können Sie das noch mal wiederholen. Das ging mir zu schnell“, forderte Klaiser.
„Ach Quatsch, wissen Sie was? Ich lasse meinen Assistenten die Sachen schnell auf den Scanner legen und Ihnen zumailen auf´s Smartphone. Ist das was?“
„Das ist super, danke Doc. Und bitte, wenn’s was Neues gibt … Sie erreichen mich auch noch um Mitternacht.“
„Oh, oh. Der Kerl zum Superbullen wird, wenn das Liebesleben stirbt“, witzelte der Leichenfledderer.
„Nix gestorbenes Liebesleben, mein Guter. Mein mich immer noch heftig liebendes Weib, wenn ich das mal mit dem Ausdruck tiefsten Hoffens zum Besten geben darf, weilt derzeit bei den Eltern im Münsterland. Es steht schlecht um ihren Opa.“
„Na gut. Oder auch nicht gut. Dann werd´ ich’s wagen was zu sagen, wenn die Uhren zwölfe schlagen“, dichtete der Pathologe weiter. „Papperlapapp. Ich ruf’ Sie an, wenn’s was Wichtiges zu berichten gibt. Jetzt müssen wir den Bedauernswerten aber erst einmal sauber auseinanderfalten und reinigen. Machen Sie’s gut.“
Wenig später machte sich Klaisers Smartphone bemerkbar. Und er konnte zwischen Rigatoni al Forno und Weizenbier erstmals das Gesicht des Getöteten sehen. Auf dem Passfoto, das diesen seltsamen Ausweis der Firma TruckiTRANS mit der Nummer 89 zierte. Es zeigte einen gepflegten Mann mit feinen, klugen Gesichtszügen, offenbar gezupften Augenbrauen und einer Frisur, die an einen Künstler erinnerte. Die Haare wirr um die Stirn und hinten zusammengebunden.
„Hier, schau mal“, reichte er Jürgen Winter sein Smartphone über den Tisch. „Das ist der Tote vom ‚Wittgensteiner Hof‘.“ Sie saßen im „Ristorante Roma“ am Marktplatz unter einem Sonnenschirm und erlebten fröhliche Menschen um sich herum. Viele Touristen, manch bekanntes Paar. Alle irgendwie mit Superlaune. Und sie hatten einen der widerwärtigsten Mordfälle auf dem Tisch, den man sich überhaupt nur vorstellen kann. „Leiche in Gelee“ hatte Klaus das Opfer genannt, nachdem er es aus der Nähe hatte sehen und vor allem riechen können.
„Lebendig sah der Mann richtig gut aus“, entgegnete Winter. „Was der wohl beruflich so gemacht hat“, sinnierte er. Für ’n Trucker wirkt der mir zu gepflegt“, fügte er an und hob beide Hände. „LKW-Fahrer aller Länder verzeiht mir dieses Urteil.“
„Genau, zu gepflegt“, sagte Klaus Klaiser. „Ich schick’ Dir die Mail einfach weiter auf Dein Smartphone. Schau Du morgen früh bitte mal, ob Du Kontakt zu dieser ominösen Firma in Frankfurt bekommst und ob es irgendwo eine Vermisstenanzeige für Istwan Jagow gibt, aus Archangelsk oder sonst wo her.“
„Was hat’n der Leichenfledderer gesagt? Woran ist er gestorben?“
„Genickbruch, Gurgel durchschnitten und Brustkorb zerquetscht. Jede Menge Tod.“
„Ach du Scheiße. Oh, entschuldige. Das springt mir manchmal einfach so raus, sorry. Aber das klingt ja, als sei der Mann irgendwo in einen Unfall geraten und dann nicht mehr zu retten gewesen.“
„Bist Du bekloppt? Deswegen schneidet man doch niemandem die Kehle durch. Man versucht doch, ihn irgendwie zu retten, oder so.“ Doch irgendwie wollte Klaus an diese Theorie auch nicht so recht glauben. Denn warum war der Tote wohl in einen Sack gestopft und entsorgt worden? „Vielleicht hast Du aber auch recht. Der Mensch ist ja ganz offensichtlich einem Verbrechen zum Opfer gefallen oder zumindest unter Verbrechern unterwegs gewesen. Die folgen anderen Gesetzen.“
„Bäääh“, triumphierte Jürgen. „Und dann wird ganz schnell ein Schuh aus dieser Geschichte. Lass’ den Mann zum Beispiel Mitglied einer Gang sein, die irgendeinen Bruch, einen Überfall oder sonst was durchzieht. Und dabei passiert das Ungeplante. Er wird meinetwegen auf der Flucht von einem LKW überfahren. Schwerstverletzt und keine Chance auf Überleben, wenn er nicht sofort in eine Klinik kommt.“
„Ja, prima“, schaltete sich Klaus wieder ein. „Aber das ist sehr …“
„Nee, nee, lass’ bitte mal etwas weiterspinnen. Also: der Mann ist rettungslos verloren, kann aber aus nachvollziehbaren Gründen in kein Krankenhaus, ist jedem weiteren Coup im Weg und hat Schmerzen wie ein Vieh.“
„Aha. Und dann kämst Du und würdest ihm den Schlund durchschneiden. Damit er von seinen Leiden befreit wird. Hör doch auf. Das gibt’s doch gar nicht.“
„Ich käme da bestimmt nicht. Aber jemand anders hat’s doch tatsächlich getan. Siehst Du ja hier.“
„Mann, Mann, Mann“, entglitt es Klaus nach einem Moment des Nachdenkens. „Du hast so was von recht. Anders kann es eigentlich gar nicht gewesen sein. Würde mich nur noch interessieren, wobei er sich dann noch das Genick gebrochen hat.“
„Mich auch“, sinnierte Jürgen Winter. „Was für eine Schweinerei.“
Sie machten keinen sonderlich glücklichen Eindruck unter all den fröhlichen Essern und Feierern an diesem Abend. Aber das Bier schmeckte ganz gut. Und Jürgen Winter war recht glücklich darüber, dass sein Hirn nichts abbekommen hatte, bei dem Sturz am Nachmittag. Die Synapsen, glaubte er sogar, arbeiteten besser als zuvor. ‚Kleiner Schlag auf den Hinterkopf fördert das Denkvermögen’, grinste er in sich hinein. ‚Ist wohl doch was Wahres dran.’
Einen Schlag auf den Hinterkopf hätte Kommissarin Lauber diesem arroganten Russen am Tisch gegenüber auch ganz gerne verpasst. Da war sie nicht sehr weit weg von dem Kollegen, der Wache im Vernehmungszimmer gehalten hatte. Ein Macho durch und durch, der sie fortwährend als „Bullenschlampe“ beschimpfte und nicht einmal ansatzweise bereit war, mehr als seinen Namen und seine Herkunft preiszugeben. Jegor Solowjow aus Nowosibirsk. Nichts zu seinen Gründen hier zu sein, nichts über seinen Familienstand, seinen Arbeitgeber. Einfach nur „Jegor Solowjow aus Nowosibirsk, Bullenschlampe.“
„Pass auf, Du widerwärtiger Mistbock“, murmelte sie. Du fährst dermaßen ein, dass Du noch mal nach Deiner Mutter winseln wirst. Du blöder Hund.“ Um dann deutlich lauter zu dem uniformierten Kollegen zu sagen: „Er bleibt bei uns. Bringen Sie ihn in die Zelle, bitte.“
Solowjow begann zu spucken, als der Beamte ihn unter der Achsel griff und ihn damit zum Aufstehen aufforderte. Instinktiv zuckte der Polizist zurück. Was der Russe zu einem riesigen Satz in den Stand und dann nach seitlich vom Tisch weg nutzte. Allein, sein Versuch, aus dem Verhörzimmer herauszukommen, bevor der Uniformierte wieder bei ihm war, scheiterte kläglich. Zum einen lässt sich schließlich eine Türklinke mit zusammengeschlossenen Händen auf dem Rücken nur ganz schwer aufmachen. Zum anderen war die Tür ohnehin verriegelt.
Corinna, die bei der Spuckattacke beinahe mitsamt ihrem Stuhl umgekippt wäre, sprang nun ebenfalls auf und trat dem Russen gegenüber, der jetzt ein wenig jaulend mit geneigtem Haupt und Rumpfbeuge dastand. Dummerweise hatte hinten der Polizist die Hände mit den Handschellen etwas höher angehoben. „Meinen Sie nicht auch, wir sollten ihn so mal ein bisschen an den anderen russischen Gefangenen vorbeiführen, die hier bei uns sitzen? Das wird denen gefallen.“
Der angesprochene Kollege verstand kein Wort und schaute sie ein wenig schäl an. Das konnte der Russe aber nicht sehen. Und auch nicht wissen, dass es hier sonst gar keine Gefangenen gab. Er stierte in seiner misslichen Lage nur nach unten und malte sich diese, für ihn blamable Szenerie wohl fürchterlich aus. Wieder stöhnte er leise.
„Lassen Sie ihn los, diesen Jammerlappen“, bat Corinna Lauber. „Und bringen Sie ihn weg. Ich kann diesen Fiesling nicht mehr sehen.“
Diesmal klappte der Abmarsch reibungslos und ohne Beleidigungen und Spucke. Die hatte es dem Trucker offenbar verschlagen.
Als Corinna zurück in ihr Büro kam, um für sich den Feierabend einzuläuten, fand sie auf dem Schreibtisch einen Zettel vor. ‚Bitte Klaus Klaiser anrufen’. Wollte sie auch sofort tun. Am besten jetzt alles vom Tisch kriegen und dann zu Simon nach Erndtebrück. Ihr Freund, Offizier bei der Luftwaffe, war nebenbei auch noch erfolgreicher Fußballer beim TUS, der gerade erst in die Regionalliga aufgestiegen war. Der arme Kerl hatte sich geschunden wie der Teufel. Fünfmal die Woche Training, um auch ja dabei zu sein, wenn es so richtig zur Sache ging. In der höchsten Klasse, in der jemals ein Wittgensteiner Club gespielt hatte. Das wollte schon was heißen. Das Team hatte sich gut verstärken können. Doch die Konkurrenz war mächtig. Dortmund, Schalke, Köln, Aachen, Düsseldorf. Zwar meist „nur“ die zweite Garnitur dieser Vereine, aber das waren Profi-Clubs. Hoffentlich würde er zuhause sein, wenn sie käme. Vorsichtshalber sandte sie ihm schon mal eine sehnsüchtige WhatsApp. Doch da kam keine Reaktion. Wo war der Kerl bloß?
Klaus jedoch war schnell am Apparat, als sie ihn anrief. Der Gaststättenlärm im Hintergrund verwunderte sie allerdings ein wenig. ‚Schau an’, dachte sie. ‚Kaum ist Ute mal nicht zuhause, schon scharwenzelt der Kerl anderswo herum.’ Aber sie ließ sich nichts anmerken.
„Hör mal“, machte er sich nach kurzer Pause bemerkbar, „ich habe einen Anruf aus der Uniklinik Gießen bekommen. Dieser Kamil Czoch, Dein schwer verletzter Pole von heute Nachmittag, hat alle Operationen überlebt. Aber es geht ihm ziemlich mies. Kein Wunder bei Schädel-, Jochbein- und Kieferbrüchen und was er sonst noch alles so kaputt hat. Innere Verletzungen en masse. Trotzdem glauben sie, dass sie ihn wieder hinkriegen. Liegt jetzt auf nicht absehbare Zeit im künstlichen Koma.“
„Na, Gott sei Dank. Ich hatte schon das Schlimmste befürchtet – nach all den Beschreibungen von diesem Anschlag.“
„Ja, bist Du denn sicher, dass es ein Anschlag war?“
„Ganz sicher. Wir haben einen Zeugen, der dabei war.“
„Waaaas?“ Klaiser wäre auf der anderen Seite fast das Smartphone aus der Hand gefallen. „Du hast einen unmittelbaren Tatzeugen?“
„Allerdings. Und zwar einen, der redet wie ein Wasserfall. Ein Mann, der von diesem Tatverdächtigen, wie er sagt, hierher entführt worden ist.“
„Das ist ja ’n Ding. Mann oh Mann. Sag mal, willst Du nicht zu uns auf den Marktplatz kommen? Wir sitzen hier im ‚Roma‘ und haben es richtig schön.“
„Nee Du, mach Du mal Deins, ich mach’ meins“, wiegelte sie ab.
„Was soll das denn heißen: ‚mach Du Deins?’“
„Haja“, legte sie grimmig nach, „kaum ist Ute weg, vergnügst Du dich anderweitig.“ Ute war ihre beste Freundin und musste bei diesem Dandy jetzt dringend in Erinnerung gebracht werden.
„Entschuldige mal. Hast Du’n Knall – oder was?“, herrschte er sie an.
Stille auf der anderen Seite.
„Ich sitze hier mit Jürgen Winter, der vor wenigen Stunden noch mit lädiertem Schädel ins Krankenhaus gebracht worden war, wie Du vielleicht noch weißt. Ich bin froh, dass er wieder normal denken, handeln und aufrecht gehen kann. Wir reden über unseren Fall und trinken was. Das haben wir uns verdient. Und Du glaubst, ich …, dass ich … Lieber Gott, ich fasse es nicht! Weißt Du was? Ich glaube, Du hast recht. Es ist wirklich besser, dass Du hier wegbleibst. Sonst könnten wir ernsthaft Krach bekommen. Schönen Abend noch!“
Klaiser hatte die Verbindung getrennt. Und Corinna saß da, als habe sie ein Bus gestreift.
„Du blöde, dämliche Kuh. Wie bescheuert bist Du eigentlich?“, schnauzte sie sich selbst laut an. In Sekundenbruchteilen hatte sich während des Telefonats eben an jedem ihrer Haare ein Schweißtropfen gebildet. Als ihr nämlich offenbar wurde, dass sie sich total vergaloppiert und ihre eigenen Probleme mit Simon auf die Ehe ihrer besten Freunde übertragen hatte. Ihr Lover war es nämlich, dem sie eigentlich nicht so recht traute. Kein Wunder. Solche Sportler werden von der Damenwelt gerne mehr als nur angehimmelt. Erst recht, wenn sie so gut aussehen wie Simon. Und der genoss das. Das wusste Corinna und misstraute ihm bis auf die Knochen. Sie hätte auf der Stelle losheulen können. ‚Das kann ja lustig werden morgen bei der Frühbesprechung’, dachte sie mit Schaudern.
Der Professor versuchte es ein weiteres Mal. Mittlerweile hatte er den Kaffee längst getrunken. Die Thermoskanne war leer und die Flasche Mineralwasser ebenso. Warten macht durstig. Ungeduld noch mehr. Was war bloß mit Solowjow los? Wieder war eine halbe Ewigkeit lang nur der Rufton zu hören. Doch dann endlich knackte es in der Leitung. Endlich! Er war dran. Noch bevor sich Solowjow melden konnte, rief er in den Hörer: „Wo warst Du nur so lange, verdammt noch mal? Ich habe mir hier fast in die Hosen gemacht vor Sorge. Und Du …“
„Ich bin doch hier“, kam es prompt zurück. „Was ist denn los?“
„Was ist los, was ist los?“, äffte er nach. „Du weißt doch ganz genau, dass wir ausgemacht hatten, uns regelmäßig …“ Dann brach er ab. Er biss sich fast auf die Zunge. Wer zum Teufel war das denn? Diese fremde Stimme da am anderen Ende. Erst mit leichter Verzögerung war ihm klar geworden, dass sein Gegenüber sicher alles hätte sein können, nur nicht Jegor Solowjow. Sofort unterbrach er die Verbindung.
„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“, brüllte er, dass es vom Hang gegenüber widerhallte. Solowjow war irgendetwas passiert. Wie sonst konnte sich einfach eine fremde Person an dessen Handy melden? Hatte er einen Unfall? Anatolij Morosow dachte nach. Er war es gewohnt, in Extremsituationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Das war ihm bei den Komsomolzen über Jahre regelrecht eingeprügelt worden. Immer auf der Hut sein vor feindlichen Bedrohungen. Immer jede Veränderung sauber analysieren. Die Jugendorganisation der KPdSU, einst war sie die Kaderschmiede schlechthin, in der ehemaligen Sowjetunion, war argwöhnisch gegenüber allem und jedem. Und er hatte sie durchlaufen. Durchlaufen müssen. Anders hätte er überhaupt nicht studieren dürfen. Atomphysik schon gar nicht.
Der Enkel so genannter Russlanddeutscher, der eigentlich auf den Namen Anton Morlok getauft worden war, hatte sich mehr als sein halbes Leben lang nach der politischen Decke strecken müssen. Hatte immer beweisen müssen, dass er die Lehren des kommunistischen Manifests verinnerlicht hatte. Mehr als jene, deren Familien über Generationen irgendwo in den Pripjetsümpfen oder weit hinter dem Ural gehaust hatten. Und deren Herkunft den Aufsehern der UdSSR daher eindeutig eher „systemkompatibel“ erschien als seine.
Morosow musste stets mehr Russe sein als die anderen. Und als solcher agierte er auch jahrzehntelang überzeugend. Wenngleich auch mit immer weniger innerer Überzeugung. Der Fall des „Eisernen Vorhangs“ war auch für ihn so etwas wie eine innere Befreiung, die Perestroika eine glückliche, schicksalhafte Fügung, die ihm die Zuversicht zurückgab, sich künftig als freier Mensch, nicht nur mit seinen Kollegen in der westlichen Welt, ohne Vorbehalte und Beschattungen austauschen und mit ihnen gemeinsam forschen zu können. Er hatte jetzt endlich auch die Möglichkeit, nachzuforschen, wo die Wurzeln seiner Familie zu finden waren. Wenn sein Großvater recht hatte, dann stammten die Morloks aus der Nähe von Karlsruhe.
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