Kitabı oku: «Mords-Stünzel»
Wolfgang Breuer
Mords-Stünzel
Ein Wittgenstein-Krimi

Dieses Buch ist ein Roman. Handlung und Personen, wie Täter und Opfer, sind frei erfunden. Allerdings spielen darin auch real existierende Personen im sehr realen Wittgensteiner Land eine gewichtige Rolle. Diesen Menschen schulde ich für ihr freundschaftliches Einverständnis dazu meinen aufrichtigen Dank. Sie machen die Geschichte ein ganzes Stück weit authentischer. Bezüge zu und Anspielungen auf Ereignisse des aktuellen Zeitgeschehens sind ebenso gewollt wie notwendig.
Wolfgang Breuer
Mords-Stünzel
Ein Wittgenstein-Krimi
Cover: unter Verwendung einer Zeichnung von
Herbert Kleinbruckner-Gautam (www.bildhauergautam.de)
Rückseite: Foto von Herbert Kleinbruckner-Gautam
Autorenfoto: Fotoatelier Christiane
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eISBN 978-3-96136-022-2
Print ISBN 978-3-96136-021-5
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Inhalt
Sonntag, 12. Juni
Montag, 13. Juni
Dienstag, 14. Juni
Mittwoch, 15. Juni
Sonntag, 12. Juni
„Junge, kannst Dü mäa äwe mul helfe, hie dä Ohänga aus’m Dreck ze zieh?“ „Kienhewersch Winfried“ hatte sich an einen jungen Mann gewandt, der gerade dabei war, die Rückseite eines Marktstandes zu demontieren.
Doch der Angesprochene, den er eigentlich für den Junior vom „Schaumwaffel-Willi“ aus Aue gehalten hatte, schaute ihn nur etwas irritiert an. Von dem Wittgensteiner Platt hatte er kein Wort verstanden und fragte: „’tschuidigen’s, wos moanans?“
‚Mist, das iss’n Ausländer’, dachte der Bauer aus Rinthe und wollte gerade abdrehen. Aber der Mann fragte nochmals, diesmal auf Honoratioren-Bayerisch: „Wo-mit-konn-i-Eahnahöij-fen?“
Damit kam etwas mehr Licht ins Dunkel der Konversation. Also versuchte es auch Winfried erneut: „Es wäa schön, wenn De ma mal helfen könntest, hier an mei’m Pferdeanhänga. Ich krich den net aus dem Dreck da raus.“ Das war jetzt Wittgensteiner Hochdeutsch. Der Bayer lächelte und kam näher. Ging doch!
Benedikt, Sohn eines Loden- und Trachtenhändlers aus Lenggries in Oberbayern war ein ausgesprochen netter Typ. 22 Jahre alt und augenblicklich, während der Semesterferien, mit den Eltern auf Tour quer durch die Republik. Natürlich war der ‚Bene’, wie ihn alle nannten, bereit, dem Manne zu helfen, der sich durch ein ganz unglückliches Rangiermanöver direkt hinter dem Trachten-Stand festgefahren hatte. Sein Tandemanhänger steckte zwischen zwei Buchen fast bis zu den Achsen im aufgeweichten Boden. Und Winfrieds alter 230er Mercedes bekam die Karre nicht mehr raus.
Es war Sonntag, Tag eins nach dem sage und schreibe 184. Stünzelfest. Die große Tierschau mit Prämiierung, Markt und Rummel. Wieder war es ein grandioses Ereignis, das bei tollem Wetter über fünfzehntausend Menschen auf den herrlichen Waldfestplatz gelockt hatte. Und nun waren Händler aus aller Herren Länder dabei, ihre nicht verkauften Waren und ihre Stände zusammenzupacken und den Heimweg anzutreten.
Am späten Abend hatte es plötzlich wie aus Kübeln gegossen. Da war keiner von ihnen bereit, seinen Krempel zusammenzupacken und dabei patschnass zu werden. Der Abbau musste halt jetzt passieren.
Nur noch von den Laubbäumen fiel der eine oder andere Regentropfen herunter. Ansonsten schwante wieder so etwas wie Sommer über Wittgenstein.
Landwirt Winfried Stremmel, Hausname „Kienhewersch“, war am Morgen zu Fuß hergekommen. Denn er hatte über Nacht seinen Pkw samt Pferdeanhänger hier stehen lassen. Weil der Wallach, den er mit dem Hänger üblicherweise transportierte, gestern seinen Besitzer gewechselt und Winnie dieses lukrative Geschäft anschließend mit vielen Gläsern Pils, diversen Kurzen und dem legendären „Bullenauge“ begossen hatte. Seine Trinklaune war fast grenzenlos.
Trotzdem ging aber irgendwann vor seinem geistigen Auge ein rotes Lämpchen an. Denn der Mann aus Rinthe hatte absolut keinen Bock auf dauerhaftes Zufußgehen, weil ihm im Suff sein Lappen abgenommen worden war. Mit 61 kriegt man den Führerschein in der Regel nur noch mit tausend Klimmzügen wieder. Und das war ihm sogar in seinem „wahne sträwen Kopp“ erinnerlich geblieben.
Also hatte er sich von einem Taxi heimfahren lassen. Das war gar nicht so teuer. Denn seine Nachbarn, Ulla und Helmut Dreisbach, hatten zur selben Zeit dasselbe Fahrtziel. Und so wurden die Kosten für den Trip geteilt.
Noch billiger war jetzt nur noch sein Fußmarsch hierher. Ein Kraftakt zwar, nach der Stallarbeit. Aber die frische Luft, die er bei der Wanderung rauf nach Stünzel gegen letzte Alkoholausdünstungen in seiner Lunge tauschte, ließ ihn richtig munter werden. Der durchaus ansehnliche, schlanke Mann mit dichtem, grauem Haar fühlte sich fit wie ein Turnschuh.
Benedikt Raitmaier hatte sich inzwischen die Lage genauer angesehen und dem Winnie angeboten, seinen BMW-Offroader ganz vorne dran zu hängen. „Des dearft’ reich’n. Dann ziag ma Sie samt Daimler do heraus. Obschleppseil hob’ i dabei. Is des a Wort?“
„Jo, kimma su mache …, äääh … können wa so machen“, grinste der Hilfebedürftige und ging schon mal zu seinem Auto, um die vordere Anhängeschlaufe für das Schleppseil ausfindig zu machen. Häufig hatte er die in den 23 Lebensjahren seines Diesels nicht benutzen müssen. Aber jetzt galt’s.
Ein paar Minuten später hatten sie das Gespann zusammengebunden. Und der ‚Bene’ war langsam angefahren. Doch es ging nicht so recht vorwärts. Darum erhöhte der BMW-Fahrer die Drehzahl. Dreck spritzte auf die Frontscheibe von Winfrieds Wagen. Des Offroaders breite Schlappen drehten auf dem nassen Boden durch. Trotz „Four-Wheel-Drive“. Früher nannte man das „Allrad-Sperrdifferenzial“.
‚Jetzt bloß den Scheibenwischer auslassen’, dachte sich der Landwirt. ‚Sonst hast du gleich den größten Schmier vorne drauf und siehst gar nix mehr.’
Aber es klappte einfach nicht. Und der junge Bayer kapitulierte erst einmal. Er stieg aus und kam zum Daimler zurück. „Des woa fei a saublede Idee. Wos hoidn’s dovon, dess ma den Hänger abkoppijn und z’erst a moij schaugn, des mia mit die zwoa Autos do naus kimma? Mia hätt’n sofoart an Traktor hoi’jn soijn.“
„Die Idee hatte ich auch schon. Awwa hia is ja keina weit und breit“, ärgerte sich Stremmel, der sich langsam in den Slang seines jungen Helfers reingehört hatte. „Kein Schwein mit’m Schleppa da.“
„Doch, do kimmt oana!“, rief der Bene begeistert aus. „Un wos fir an Brumma!“ Tatsächlich näherte sich ein riesiges Gefährt. Der Bayer rannte quer zwischen halb zerlegten Buden und Wagen zum Hauptweg, hielt den Treckerfahrer an und erklärte ihm in breitem, alpenländischem Slang, wo der Hase im Pfeffer lag. Der Mann auf dem mächtigen Deutz begriff offenbar sofort und nickte. Kurz darauf hatte er erst den BMW und dann den Mercedes samt Hänger am Haken und zog sie fast behutsam aus dem Dreck. Eine prachtvolle Demonstration von Stärke war das, für die sich die Männer im Schlamm brav bedankten.
„So, i muass jetz’ a. Pfia Di, meijn Liawa“, rief der Benedikt, holte das Schleppseil ein und stieg in seinen BMW, um wieder vor den Stand seiner Eltern zu fahren. Winnie, glücklich wieder auf halbwegs trockenem und festem Boden zu stehen, wollte es ihm gleich tun. Doch er musste zunächst die Fußmatten einsammeln, die er am Morgen als Unterlage für seine durchdrehenden Räder in die Pampe am Boden gelegt hatte. „Meine Herrschaften, sin’ die dreckich“, motzte er vor sich hin, als er die vor Matsch triefenden Teile mit weit ausgestreckten Armen und spitzen Fingern zu seinem Anhänger schleppte. Die Seitentür vorne war unverschlossen geblieben und leicht zu öffnen. Wie immer, wenn nichts drin war. So konnte er die schmierigen Matten einfach mit Piff um die Ecke in den Hänger feuern und sich vom Acker machen.
Was ihm auffiel, war, dass die Matten keinen Ton, nicht mal ein Rascheln auf dem Stroh im Inneren des Hängers verursachten. Sie schienen auf etwas Weiches gefallen zu sein. ‚So’n Mist’, dachte der Bauer, ‚is’ da etwa noch die Pferdedecke drin, runner gefallen un’ liecht jetz’ unner dem Matsch?’ Die hätte eigentlich der Käufer von „Luego“, haben sollen. Da war nämlich der Name des Wallachs eingestickt.
Nichts, was ihn jetzt sonderlich beunruhigte. Aber irgendwie wollte er doch nachschauen. Eventuell müsste er da heute noch nach Feudingen, um dem neuen Besitzer sein Eigentum nachzuliefern.
Also öffnete er die Seitentür nun weiter, schaute um die Ecke in den Wagen und schreckte zurück. „Hey, was machen Sie denn da drin? Kommen Sie da raus. Sofort. Hallo, aufstehen bitte!“ Auf dem Stroh und unter seinen dreckigen Fußmatten lag eine junge Frau. Sie schien tief zu schlafen und rührte sich nicht einen Millimeter. Daneben die Pferdedecke.
„Das gibt’s doch auf kei’m Schiff, verdammt noch mal“, wurde Stremmel jetzt lauter. „So besoffen kann ma doch gar net sein. Aufstehen jetz’! Awwa dalli! Sonst schmeiß’ ich Sie eijenhändich raus!“ Doch die Frau rührte sich nicht.
Winfried wurde richtig sauer. Da musste er wohl jetzt wirklich selbst Hand anlegen. Obwohl ihm mulmig dabei zumute war. Eine fremde, liegende Frau anfassen. Bei dem Gedanken kam er sich nicht gut vor. So ganz ohne Zeugen. Also kletterte er in seinen Hänger und kniete sich neben die vermeintlich Schlafende. „Aufstehen, bitte!“, wurde er noch lauter. Er fasste sie an den Schultern und wollte sie wachrütteln. Doch dann sah er plötzlich, dass der Schlaf dieser wirklichen Schönheit einer für die Ewigkeit war. Die Augen der jungen Frau waren offen, ihr Blick starr. Sie war tot. Eindeutig.
Der Landwirt wich zurück, atmete tief, rang sich aber bald zur Pulskontrolle an der Frau durch. Doch die Suche nach einem fühlbaren Herzschlag in den Adern konnte er sich getrost sparen. Der Arm, an dem er kontrollieren wollte, war steif und eiskalt.
„Du liewa Herrgott“, entfuhr es ihm. „Was für ’ne Katastrophe. Was für eine unglaubliche Scheiße“, wurde er immer lauter. Eine Tote. Und das noch in meinem Pferdeanhänger. „Die is’ doch noch keine 25 Jahre alt,“ stammelte Stremmel laut vor sich hin. „Und dann noch so ein hübsches Ding.“ Er war total durch den Wind.
„Hey!“, brüllte er, „hey, komm doch mal einer her!“ Aber niemand hörte ihn.
In seinem Kopf spielte alles verrückt. ‚Was soll ich denn jetz’ machen?’ Er brauchte eine Weile, um wieder zu klarem Verstand zu kommen. Dann aber war alles klar für Winfried. ‚Erst Polizei anrufen und dann die Händler informieren, die noch am Platz waren. Die müssen noch bleiben’, dachte er. Sie waren vielleicht Zeugen.
Winnie ließ alles so, wie er es vorgefunden hatte. Auch seine Fußmatten lagen noch auf der Leiche, als er ausstieg und sein Handy aus seinem Daimler holte.
„Polizeinotruf, guten Morgen“, kam es wenige Sekunden nach seiner Nummernwahl 110 mit weiblicher Stimme aus dem Mobiltelefon.
„Ich hab’ hier ’ne Frauenleiche zu melden“, verkündete Winfried Stremmel mit zitternder Stimme. Alles was Recht ist. Aber keiner kann von einem 61-Jährigen verlangen, in einer solchen Situation cool zu bleiben.
„Eine Frauenleiche? Wer sind Sie denn? Und wo befinden Sie sich zur Zeit?“
„Winfried Stremmel aus Bad Berleburg-Rinthe. Ich bin zur Zeit auf’m Festplatz in Stünzel. Ich hab’ se grade gefunden. Die liecht in meinem Pferdeanhänger. Sieht aus, wie wenn se schlafen würde.“
„Sind Sie sicher, dass die Frau tot ist? Haben Sie auch den Rettungsdienst gerufen.“
„Nein, Rettungsdienst noch net. Aber ich glaub’, den brauchen wa net. Ich bin sicher, dass se tot ist. Wohl schon länger. Denn se is eiskalt und steif. Wahrscheinlich schon Leichenstarre.“
„Alles klar. Konnten Sie irgendwelche Verletzungen an der Toten erkennen?“
„Nä, awwa das is auch net so einfach. Ich hab’ keine Erfahrung mit so was. Un’ ich will auch nix verändern oder noch mal anpacken.“
„Wieso ‚noch mal anpacken’?“
„Ja, weil ich doch nach’m Puls fühlen musste. Awwa dabei wurde’s dann klar, dass se tot is’.“
„Das war richtig, was Sie getan haben“, erwiderte die Frau am Polizeinotruf. „Lassen Sie bitte alles unverändert und warten Sie auf das Eintreffen meiner Kollegen. Die werden aus Bad Berleburg kommen und in dieser Minute losfahren.“
Nachdem sie auch noch Winnies Handynummer aufgeschrieben hatte, beendete die Dame auf der anderen Seite das Gespräch.
Kienhewersch Winfried lief wie ferngesteuert zwischen den Wagen und Anhängern herum, die mittlerweile fast alle fertig gepackt und abreisebereit waren. Vorne fuhren bereits zwei von den Händlern an. „Stopp, anhalten! Ihr könnt noch net weg!“, versperrte er ihnen den Weg. „Ihr müsst noch hier bleiben. Da hinten licht ’ne tote Frau. Die Polizei kommt gleich.“
„Bisse noch so besoffen, dasse weiße Mäuse siehs’ oda wat?“ Der Messer- und weiß der Himmel was noch -Händler aus Remscheid schaute aus dem Fahrerfenster seines Transporters und wedelte mit der linken Hand vor seinem Gesicht herum. „Wo soll denn da ’ne Tote herkommen? Du has’ doch einen am Appel, hömma! Leech Dich wieda hin un schlaf ma aus!“
Doch Winnie rührte sich nicht von der Stelle. Wenn hier einer losführe, dann müsste er ihn über den Haufen fahren.
Von weiter hinten kam der Benedikt nach vorne gesprintet. „Ja, wos is’n? Host scho wieada a Problem? Mia miassat’n longsom a moi los. Mia kriag’n neiche Ware, die mir underwegs auflod’n woijn.“
„Könnta awwa net.“ Winfried Stremmel erklärte schnell die Lage, worauf der junge Kerl kreidebleich wurde, wieder zurückrannte zu den wartenden Eltern und sie mehr oder weniger nötigte, auszuharren, bis die Polizei kommen würde.
Die Nachricht hatte allgemeine Verwirrung unter den Anwesenden ausgelöst. Eine Tote in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft? Die meisten wollten schnell mal in den Pferdeanhänger schauen, um sich zu vergewissern, ob das auch stimmte und ob sie die junge Frau eventuell kannten. Aber sie mussten vorsichtig sein, um keine Spuren zu hinterlassen. Im Übrigen konnten sie ihr Gesicht ja nicht sehen. So blieb ihnen dann, sich schaudernd oder kopfschüttelnd abzuwenden.
Drüben, vom Ort her, waren Martinshörner zu hören. Das Gedudel der Polizeisirenen überschlug sich. Sodass man den Eindruck haben musste, es sei eine ganze Hundertschaft im Anmarsch. Aber es kamen ‚nur’ drei Streifenfahrzeuge.
Jeweils mit zwei Leuten besetzt. Und kurz darauf traf noch ein Notarztwagen ein. Hatte die Dame vom Notruf dann wohl doch für nötig befunden.
„Wer von Ihnen ist Herr Stremmel aus Rinthe?“ Es war Polizeikommissar Jürgen Winter, der das fragte und in die Runde schaute. Winnie meldete sich aus der Gruppe der Umherstehenden. „Ach, Sie sind das. Wir kennen uns doch, Herr Stremmel. Ich wohne in Weidenhausen. So weit liegen unsere beiden Dörfer ja nicht auseinander. War doch erst neulich auf dem Sängerfest, als wir uns zum letzten Mal begegnet sind.“
„Stimmt. Jetzt, wo Sie’s sagen … Hab’ Sie doch noch nie in Uniform gesehen.“ Winnie war weit angenehmer in seiner Haut, als er erfuhr, dass er es mit einem Wittgensteiner Beamten zu tun hatte. Wenngleich er sich ja keiner Schuld bewusst war. Aber die Polizei war für ihn immer etwas Respekteinflößendes gewesen. Das hatte sich bis in sein siebtes Lebensjahrzehnt nicht geändert. „Wenn de net parierst, holt Dich de Polizei. Un dann kommste ins Loch.“ So hatten die Alten immer wieder bedingungslose Loyalität eingefordert. Und das funktionierte.
„Wo liegt denn die Frau?“, drängte der Notarzt. „Können Sie uns dahin bringen?“
„Natürlich. Kommense!“ Winnie setzte sich in eine Art Trab. Stimmte ja. Für den Arzt durfte keine Zeit vergehen.
Hinter ihm rannte jetzt eine kleine Armada her, rüber auf den Seitenweg im Buchenwald. Notarzt, Sanitäter, Jürgen Winter und ein weiterer Polizist. Im Laufen rief Winter den vier anderen Kollegen zu: „Bitte die Personalien der Händler und Schausteller aufnehmen und befragen! Niemand fährt oder geht weg, bevor nicht die Kripo hier ist!“
„Na, das kann ja noch heiter werden heute!“, rief eine Frau, die sich vor ihrem Brezelwagen aufgebaut hatte.
„Das ist mir zu dunkel hier drin!“, rief der Notarzt aus dem Anhänger heraus. Könntet Ihr mal hinten die Klappe aufmachen?“
„Aber bitte nur mit Handschuhen!“, befahl Winter. „Wegen der Fingerabdrücke. Lasst Euch welche vom Rettungssanitäter geben.“
Als die Klappe heruntergelassen war, lag die junge Frau da wie auf einer Show-Bühne. Ihr dunkles, langes Haar umgab ihr Gesicht wie eine Corona. Und gnädig beleuchtete die milchige Junisonne dieses Drama. Wenngleich die Schöne im Stroh von draußen gar nicht wie tot aussah. Nur extrem blass und mit fragendem Blick. Doch der Mediziner bestätigte jetzt offiziell ihr Ableben und schloss ihre Augen. Vor mindestens zwölf Stunden sei sie gestorben, stellte er fest, nachdem er den Leichnam genauer angeschaut und die Umgebung gesichtet hatte. Die Todeszeit könne man vage anhand der Leichenstarre bestimmen, die intensiv ausgeprägt war.
„Es ist jetzt 9.40 Uhr“, begann Jürgen Winter zu rechnen, „minus zwölf Stunden. Das wäre um 21.40 Uhr gewesen.“
„Ja, gehen Sie mal davon aus, dass sie grob gerechnet zwischen neun und elf Uhr heute Nacht starb.“ Der Notarzt packte seine Utensilien zusammen und stellte einen Totenschein aus. Todesursache: „Vermutlich Äußere Gewalteinwirkung, Fraktur des Os hyoideum wahrscheinlich.
Bitte lassen Sie alles weitere durch einen Kollegen vom Rechtsmedizinischen Institut untersuchen. Die Sache ist mir nicht geheuer. Die Frau hat mehrere Einstichstellen in der linken Armbeuge. Darunter eine recht frische. Aber ich kann in dem Wagen hier keinerlei Spritzutensilien finden. Dazu scheint mir ihr Zungenbein gebrochen zu sein. Beides würde einen natürlichen Tod nahezu ausschließen.“
„Na bravo“, kommentierte Winter die ärztliche Feststellung und wandte sich an den Kollegen Rüdiger Mertz, der ihn begleitet hatte. „Kannst Du bitte die Kollegen von der Kripo informieren, dass wir das ‚große Besteck’ aus Siegen brauchen?“ Gemeint waren damit Rechtsmedizin und Spurensicherung.
„Klar, mach’ ich.“ Der Polizeihauptmeister ging ein paar Schritte zur Seite und setzte die Info per Smartphone ab. Auf der anderen Seite hatte sich Corinna Lauber gemeldet, die frisch zur Kriminaloberkommissarin befördert worden war. Die allseits beliebte Kollegin hatte Wochenenddienst und war sofort an der Strippe. „Hatte mich schon vorbereitet, dass da eventuell noch was dazu kommt. Bin schon fast bei Euch. Ich fahre gerade an Hemschlar vorbei. Okay, ich rufe sofort in Siegen an. Bis gleich.“
Wenige Minuten später kam Corinna in ihrem zivilen Dienst-Mondeo angerauscht. Besser, sie wurde angerauscht. Denn nicht sie saß am Steuer, sondern Sven Lukas, der ‚Freak’. Sie hatte ihn auf der Fahrt von ihrem Wohnort Girkhausen in der Wache in Berleburg aufgesammelt und von seinen schon fast manisch betriebenen Internet-Recherchen weggezerrt. „Komm“, hatte sie gesagt. „Das auf dem Stünzel ist realer als alles, was Du hier aus dem Netz ziehen kannst.“
„Stimmt“, hatte er gegrinst. „Das war schon ganz schön real, was ich gestern auf dieser Fete im Wald erlebt hab’. Ich war ja vorher noch nie da und hab’ mir die Augen gerieben, als ich sah, was da abgeht. Vor allem, was da weggeschluckt wird. Alte Schwedin“, lachte er, als sie die Treppe runter zum Wagen liefen.
„Mit der meinst Du aber jetzt nicht mich“, hatte sie sich kokett zur Wehr gesetzt.
„Mit der Schwedin, meinst Du? … Nee, die ist bedeutend älter.“
Es wurde eine fröhliche Fahrt aus einem todtraurigen Anlass. Diesen Widerspruch können Außenstehende nur schwer verstehen. Deshalb dringt so etwas auch selten nach ‚draußen’. Für viele der Polizeibeamten sind solche Spaß-Situationen einfach überlebenswichtig. Ohne einen gewissen Galgenhumor würden sie nämlich ihre häufig erschütternden Diensterlebnisse nicht heil an Geist und Seele überstehen. Und das hier war halt mal eine Portion ‚Humor zur Prophylaxe’. Bei der Einfahrt in den Festplatz, entlang der aufgereihten Händlerfahrzeuge, zischte Corinna dann auch: „So, aufhören mit Grinsen. Dienstgesicht bitte. Wir sind da.“
„Die sind da drüben“, hatte ihnen eine Kollegin bedeutet, die gerade bei einer Zeugenbefragung im Streifenwagen saß. Mit einer Kopfbewegung deutete sie ihnen den Weg an. Und während die beiden Kripo-Leute zum ‚Tatort’ liefen, meinte Sven: „Sieht ganz schön trostlos aus jetzt. Gestern steppte hier der Bär. Mann oh Mann.“
„Das scheint Dich ja ganz schön beeindruckt zu haben, die Trinklust meiner Landsleute“, lachte Corinna.
„Nee, das war nur geiles Beiwerk. War echt was geboten. So richtig nachhaltig beeindruckt hat mich aber eigentlich nur Kathrin, die ich gestern hier kennengelernt habe. Eine tolle Frau. Lebt in Laasphe und studiert an der Uni in Siegen. Wenn’s klappt, dann werde ich sie morgen Abend ab…“
„Dann wirst Du sie morgen Abend was?“, wollte Corinna wissen.
Sven kam nicht weiter. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf die Tote, die sie hinter einer Art Paravent fanden. Winter und Mertz warteten dort. Der Notarzt war bereits gefahren.
„Nee“, verbesserte Sven Lukas seinen Satz von eben, wobei er sich fast anhörte wie ein Roboter, so seltsam statisch klang seine Stimme, „nee, ich werde sie morgen Abend nicht abholen.“ Dann stiegen ihm Tränen in die Augen.
„Lukas? … Lukas? Hey, was ist los mit Dir?“, wollte Corinna wissen.
Doch er antwortete nicht.
„Kennst Du die Frau?“
Er nickte stumm.
„Wer ist das?“ Corinna erahnte die Antwort zwar. Aber sie wollte sie von dem Kollegen hören. „Ist das etwa Kathrin?“
„Ja“, brachte er unter Schlucken hervor, „das ist …, das ist Kathrin. Kathrin Kögel, gestern 24 Jahre alt geworden.“ Weiter kam er nicht. Sven drehte ab und ging langsam ein Stück in den Buchenwald hinein. Jürgen Winter folgte ihm mit einigen Schritten Abstand. Bis der schwer angeschlagene Kriminalhauptmeister stehen blieb. Jürgen legte seinen Arm um dessen Schulter und zog seinen Kopf nahe an sich.
„Heul’s raus, Junge. Das tut gut. Und schäm’ Dich nicht deswegen. Keinem von uns ginge es anders.“
„Aber ich hab’ sie doch erst gestern Mittag kennengelernt. Das gibt’s doch gar nicht, Mensch“, kam es mit weinerlicher Stimme zurück.
Jürgen blieb stumm. Was hätte er auch antworten sollen. ‚Das Schicksal ist eine Hure’, dachte er bei sich. ‚Sie arbeitet präzise nach Auftrag. Nur, woher der Auftrag kommt und wer sie dafür bezahlt, das ist nicht bekannt.’
So standen sie eine ganze Weile. Und Sven Lukas schien sich langsam zu beruhigen. Mit geröteten Augen schaute er nach einer ganzen langen Weile fast beschämt auf zu dem Kollegen, der ihn noch immer im Arm hielt. „Es ist so scheiße, das Ganze!“, rief er plötzlich, machte sich frei und ging zurück zu dem Pferdeanhänger. Jürgen folgte ihm.
„Geht’s wieder?“ Corinna legte einen besorgten Gesichtsausdruck auf, als sie den jungen Kollegen kommen sah.
„Ja, glaub’ schon“, antwortete dieser. Wissend, was jetzt kam. Corinna wollte sicher wissen, wann und unter welchen Umständen er Kathrin kennengelernt hatte, was er über sie wusste und wie intensiv diese erste Begegnung war. Das kannte er natürlich aus Schulung und praktischer Anwendung. Insgeheim hoffte er, dass er das ohne bedeutende Gemütsausbrüche durchstehen würde.
Doch die Kollegin ließ sich Zeit mit der Befragung. Vorher beauftragte sie Rüdiger Mertz noch damit, per POLAS, dem Polizeiauskunftssystem, und in anderen Datenbanken Recherchen in Sachen der Getöteten anzustellen. Besonders, ob sie in irgendeiner Form wegen Drogenkonsums und einschlägiger Delikte aktenkundig geworden war. Darüber hinaus natürlich Feststellung ihres Wohnortes, ihrer Familienangehörigen et cetera.
„Wäre eigentlich jetzt Aufgabe des ‚Freaks‘“, sinnierte Mertz. „Aber das geht natürlich überhaupt nicht. Arme Sau, der Kollege.“ Dann marschierte er zum Dienst-Bulli, der im hinteren Bereich alle möglichen Apparaturen wie Telefon, Laptop, Internetanschluss usw. beherbergte.
Corinna wandte sich an Jürgen Winter und ließ sich von ihm noch einmal den Totenschein zeigen, den der Notarzt ausgestellt hatte. ‚Todesursache: Vermutlich Äußere Gewalteinwirkung, Fraktur des Os hyoideum wahrscheinlich’ las sie dort. Und dann kontrollierte sie die Einstichstellen am linken Arm der jungen Frau. Tatsächlich konnte man erkennen, dass eine von ihnen jüngerer Natur sein musste. An den Kehlkopf der Toten aber traute sie sich nicht heran.
„Wie intensiv hat er sie denn untersucht?“, wollte Corinna von Jürgen wissen.
„Naja, schon ziemlich. Okay, ausgezogen hat er sie nicht. Ich glaube, das hat sich für ihn erübrigt, nachdem er die Fixermerkmale ohne das dazugehörige Besteck und das mit dem Zungenbein entdeckte.“
„Natürlich. Das spricht alles für sich. Und die genauere Ermittlung der Todesursache ist jetzt ohnehin Aufgabe von Doc Kölblin und seinen Leichenfledderern. Ich wollte nur sicher gehen, dass der Notarzt seine Arbeit auch gründlich gemacht hat.“
„Das hat er ohne Zweifel“, beurteilte Doktor Kölblin persönlich die Auswertungen des Mannes vom Rettungsdienst in Bad Berleburg. Der Chef der Rechtsmedizin war ebenfalls Opfer der Sonntagsdienst-Regelung und verdammt schnell mit seiner Truppe am Ort des Geschehens aufgeschlagen.
„Es ist erstaunlich. Man erkennt keine Einblutung im Bereich des Kehlkopfs. Aber das Zungenbein ist eindeutig kaputt. Das junge Ding ist aller Wahrscheinlichkeit nach erwürgt worden. Gratulation an den Kollegen, der das bei seiner groben Leichenschau erkannt hat.“
Die umherstehenden Polizisten mussten schlucken. Tatsächlich Mord. Verdammte Sauerei!
Der Sonntagvormittag verging mit Personenbefragungen und mit einer Tatort-Nachsuche, die genauso kompliziert, wie am Ende ineffektiv war. Weil sich im Wald- und Wiesengelände hinter der abgeräumten Budenstadt der ursprüngliche Standort des Gespanns von Winfried Stremmel nicht mehr einwandfrei feststellen ließ. Zu tief und zu zertreten waren die Fahrspuren. Und Winnie konnte sich auch nicht mehr auf den Meter genau daran erinnern. Weil ihm jetzt die abgebauten Buden als Referenzpunkte fehlten. Sechs Uniformierte waren eigens nachgefordert worden. Aber so intensiv die Polizisten auch suchten. Es fand sich nichts Relevantes. Schon gar keine Spritzen oder dergleichen. Nur Müll und jede Menge ganzer und noch mehr zerballerter Biergläser.
Und letztere bekam Corinna schmerzvoll zu spüren. Sie hatte sich nämlich einen Glasboden durch die Sohle ihrer dünnen Sommerlatschen getreten und einen ordentlichen Schnitt im Fuß davongetragen. Zum Glück waren noch die Pathologen vor Ort, die, wenngleich eigentlich für Leichen zuständig, ihren Fuß gleich zu zweit kunstvoll verarzteten. Damit war fast alles wieder gut. Was blieb, war eine hinkende Ermittlerin.
Auch Mertz war mit seinen Recherchen zur Person nicht sonderlich erfolgreich. Denn Kathrin Kögel fand sich weder im Sündenregister der Polizei, noch in der Flensburg-Kartei wieder. Sie hatte eine blütenweiße Weste, eine Wohnung in der Sebastian-Kneipp-Straße 24 in Bad Laasphe und offenbar keine Angehörigen mehr. Seit dem Herbstsemester 2013 war sie an der Uni Siegen im Fach Wirtschaftsinformatik eingeschrieben.
Auffällig war jedoch, dass es bei der Leiche weder eine Handtasche mit Papieren, noch sonst irgend etwas Verwertbares zur Kontrolle der Personalien gegeben hatte. Nichts. Die Frau in hellen, modisch „angeknabberten“ Jeans, roten Sneakers und einer dunkelblauen Tunikabluse mit Dreiviertelarm hatte nichts dabei. Keinen Personalausweis, keinen Führerschein, nicht mal ein Papiertaschentuch in den Hosentaschen.
„Da hat jemand gründlich aufgeräumt“, war Steffen Siebert von der Spurensicherung schon wenige Minuten nach seinem Eintreffen überzeugt.
Denn nach Sven Lukas’ Schilderungen hatte die Studentin sehr wohl eine Tasche dabeigehabt. Eine Umhängetasche, die mit allem möglichen voll gestopft war. Immer wieder habe Kathrin den ganzen Sermon vor sich auf den Biertisch gekippt, „wenn mal wieder das Smartphone klingelte. Da kamen zig Anrufe zu ihrem Geburtstag“, erinnerte er sich mit roten Augen. „So ’ne Art ‚Shopper’ war das, in Hellgrau. Und die Tasche hatte ’nen Aufdruck. Wartet mal … Ich glaub’, ‚I love Uni Siegen’ stand drauf. Genau, das war’s. ‚I love Uni Siegen’.“
Der arme ‚Freak’ saß auch noch nach einer Stunde im ‚Verhör-Bulli’. Ihm gegenüber Corinna Lauber, die wirklich alles, jede Kleinigkeit, über den Tag mit der jungen Frau wissen wollte. Und Pattrick Born, der ebenfalls zu dem Fall hinzugezogen worden war. ‚Kein Detail auslassen’ musste ihre Devise sein. Denn es wäre der Teufel los, wenn man ihnen nachweisen könnte, dass sie bei der Vernehmung eines Kollegen in einem Mordfall nicht die rechte Sorgfalt hatten walten lassen.
„Könnte ohnehin passieren, dass sie Dir noch Kollegen aus einer anderen Direktion auf den Hals schicken. Der ‚inneren Hygiene’ wegen“, informierte Born den Kollegen. „Man will damit ausschließen, dass es zu Mauscheleien unter Kollegen kommt, die sich gut kennen.“ Sven kannte diese Verfahrensweise.
„Der liebe Gott bewahre mich davor. Ich hab’ doch nix gemacht. Ich hab’ nur eine tolle Frau kennengelernt und mich Hals über Kopf in sie verliebt. Mehr nicht. Das ist noch keine 24 Stunden her. Und jetzt ist sie tot, verdammte Scheiße. Wer glaubt denn, dass ich so was mache?“
Verstohlen aktivierte Sven das Foto-Archiv auf seinem Smartphone und suchte ein Bild heraus. „Hier, seht Euch das an. Das war etwa fünf Minuten, bevor ich nach Hause gefahren bin.“ Es war ein Selfie, das die beiden lächelnd Wange an Wange zeigte. Sie sahen happy aus. Glückliche Gesichter vor dem Hintergrund eines nur noch recht schütter besuchten Bierzelts.
„Wann war das?“, wollte Corinna wissen.
„Na, gestern Abend. Sag’ ich doch.“
„Nein, um wie viel Uhr? Wie spät es war, will ich wissen.“
Sven schaute in die Kopfleiste des Fotos. „Hier, kannste selbst ablesen. 20.58 Uhr.“
Corinna glaubte ihm zwar, kontrollierte aber sicherheitshalber noch mal die Angaben des Kollegen. „Warum bist Du denn so früh weg, wenn Du Dich so unheimlich verknallt hast?“
Sven Lukas lief rot an. „Das ist es ja, was mich so anfrisst, Himmelherrgott! Weil ich Sonntagsdienst habe. Ich hatte meinen Wagen ganz vorne, vor Stünzel, da in der Nähe des Denkmals geparkt. Das ist ’ne ganz schöne Latscherei bis dahin. Vor allem, wenn man unterwegs zig Bierleichen übersteigen oder umlaufen muss. Und für den Fall der Fälle, hatte ich mir vorgenommen, spätestens um elf, also um 23 Uhr zu Hause zu sein. Kathrin wollte partout noch eine Weile bleiben und dann mit Bekannten zusammen nach Laasphe laufen. Hier oben durch den Wald. ‚Machen wir immer so’, hat sie mir gesagt. Wir wollten uns morgen Abend wieder zusammentelefonieren.“
„Hast Du die Bekannten irgendwo gesehen? Gab’s die dort überhaupt?“
„Natürlich“, kam es messerscharf von Sven Lukas zurück. „Für wie blöde hältst Du mich denn eigentlich?“
„Hey, hey“, fuhr Born dazwischen, „jetzt iss’ aber gut hier. Wie redest Du denn mit Deiner Kollegin?“
„Nix is’ gut!“, trumpfte der ‚Freak‘ auf. „Glaubt Ihr etwa, ich würde eine Frau, in die ich mich gerade unsterblich verliebt habe und die ich lieber mit heim genommen als hier gelassen hätte, einfach sich selbst und einem kilometerlangen Fußmarsch durch einen dunklen Wald überlassen? Hier, das sind sie! Zumindest drei von ihnen“, zeigte er abermals sein Smartphone-Display vor. „Holger, heißt der hier, das ist Vivien und das hier ist …, Moment, ich komme gleich drauf, das ist Bastian. Mit denen und noch ein paar anderen wollte Kathrin zurücklaufen.“
Die drei vorgezeigten jungen Leute, alle offenbar in gleichem oder ähnlichem Alter wie die Getötete, saßen eindeutig im selben Festzelt und hatten scheinbar richtig Spaß. Zwei Bilder weiter vorne in dem Archiv saß Kathrin Kögel sogar mit in der Runde.
„Hier, in der Lücke da, zwischen ihr und Holger, habe ich gesessen. Bin aber aufgestanden, um das Foto zu machen. Und danach ist sie zu mir rübergekommen und wir haben uns eine Weile abgesetzt und draußen ein bisschen rumgeknutscht. … Wie die Pennäler, Mensch.“ Sven schniefte wieder und wandte sich ab. „Ich hab’ mich dermaßen verknallt, ey. So was gibt’s normalerweise gar nicht. Ich hab’ geschwebt. Ich war wie in Trance. Wisst Ihr überhaupt, wie das ist?“
Ein tiefer, gequälter Seufzer entfuhr seiner Kehle. „Und jetzt liegt sie da vorne. Tot. Diese schöne, tolle Frau. Totgemacht. So eine verfluchte, unmenschliche Schweinerei!“
Die beiden Kollegen schauderte es. Sie wussten nicht so genau, wie sie mit dem von einer Schluchz-Attacke übermannten Sven umgehen sollten. Aber sie brauchten noch mehr Informationen. Wie waren zum Beispiel die Nachnamen der drei Bekannten, wo genau wohnten sie und in welcher Beziehung standen sie zu Kathrin?
Es dauerte eine Weile, bis sich der Kollege wieder erholt hatte und vermutlich weitere Fragen ertragen konnte. Dass er der Mörder dieser jungen Frau sein sollte, diese Frage stellte sich den beiden Kriminalbeamten ohnehin nicht. Oder besser: nicht mehr. Denn Corinna hatte sich seit Svens Outing die ganze Zeit über gefragt, warum er ihr von seinem neuen Glück nicht schon während der Fahrt von Bad Berleburg hinauf zum Stünzel erzählt hatte.
Aber mittlerweile war ihr klar, dass er dieses zarte Pflänzchen der Liebe und des Glücks wohl noch eine Weile für sich bewahren wollte. Sie erinnerte sich, wie unglücklich der Kollege im vergangenen Jahr war, nachdem ihm seine damalige Freundin eröffnet hatte, sie würde dann doch ein Leben mit ihrem Ex am Bodensee vorziehen. ‚Und jetzt war seine demolierte Seele wieder versöhnt’, dachte sie. ‚Aber leider nur für einen Augenblick. Der arme Kerl.’
„Sag mal, wie geht denn das jetzt hier weiter?“ Rüdiger Mertz war es, der kurz angeklopft und dann einfach die Schiebetür des Bullis aufgerissen hatte. „Die Leute von der Rechtsmedizin sind fertig und wollen fahren. Sie werden die Leiche mit nach Siegen nehmen. Zur Obduktion.“
Erst in diesem Moment begriff er, dass Sven mit im Wagen saß und ob der letzten Worte wieder heftig zu schlucken begann. ‚Scheiße’, dachte Mertz. ‚Das hätte jetzt nicht passieren dürfen. Dieser arme Hund.’ „Sorry, Sven“, sagte er und hob eine Hand zu Entschuldigung. „Du weißt, unser Geschäft …“ Mehr fiel ihm augenblicklich nicht ein. Aber der junge Kollege hatte verstanden und nickte nur stumm.
Corinna stieg aus und begleitete Rüdiger rüber zum Fundort. „Ist schon okay“, klopfte sie ihm auf die Schulter, „konntest Du ja nicht ahnen. Sven ist ganz schön angezählt. Der wird eine Weile brauchen“, legte sie nach. „Wie ist denn eigentlich die Personenbefragung gelaufen? Gab’s was Auffälliges?“
„Nee, sonst hätten wir uns schon gerührt. Die Leute waren alle mehr oder weniger geschockt. Obwohl der eine oder andere das nicht zum ersten Mal erlebt zu haben scheint. Tote auf Rummelplätzen sind dann wohl doch nicht ganz so selten. Und Mordopfer sollen dabei nicht unbedingt die Ausnahme sein.“
Nur gesehen hatte sie wohl keiner von ihnen. Oder man konnte sich schlicht nicht erinnern. Die Aussagen der Leute inklusive ihrer Wohnadressen und Erreichbarkeiten unterwegs seien von den Kollegen aufgezeichnet werdenund würden nach Rückkehr ins Revier protokolliert.
Es war ein ergreifendes Bild, das sich Corinna und Rüdiger am Fundort der ermordeten Studentin bot. Und das die Oberkommissarin noch intensiver daran glauben ließ, dass die meisten Menschen, vor allem auch Polizeibeamte, Anstand und Seele besitzen. Ihre Kollegen und Winfried Stremmel standen Spalier, als der Zinksarg zum Leichenwagen gebracht wurde. Ihre Kopfbedeckungen in der Hand neigten sie ihr Haupt, als die beiden Männer von der Gerichtsmedizin die traurige Last vorübertrugen. Sie hätte weinen können. Aber sie blieb einfach nur tapfer stehen und schaute versonnen dem Sarg nach. ‚Ein vernichtetes Leben. Was für ein Wahnsinn.’
„Gab es noch Besonderheiten, auf die Sie gestoßen sind, Doc?“, empfing sie den Leiter der Rechtsmedizin.
„Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber ich glaube, wir haben es hier mit einem Fall einer abgewehrten Vergewaltigung zu tun.“
Die Kriminalistin wurde hellhörig. „Abgewehrte Vergewaltigung? Wie muss ich das verstehen?“
„Die Frau hat Einblutungen in Form von blauen Striemen um die Hüfte herum. Das zeigt, dass irgendjemand versucht hat, ihr die Hose vom Leibe zu reißen. Dazu sind einige ihrer Fingernägel abgebrochen. Was bedeuten könnte, dass sie sich massiv gewehrt und eventuell gewaltsam ihre Hose am Bund oder an den Gürtelschlaufen oben gehalten hat.“
„Und Sie können wirklich ausschließen, dass sie vergewaltigt wurde?“ Corinna insistierte, um für den Verlauf ihrer Ermittlungen mehr in der Hand zu haben.
„Also verzeihen Sie mir meine inkomplette Diagnose. Doch ich wollte, vor allem aus Gründen der Pietät, darauf verzichten, diesen jungen Körper in dem Viehanhänger komplett zu entkleiden. Aber ich bin zumindest zu der Erkenntnis gekommen, dass es weder Verletzungen im vorderen Genitalbereich noch austretendes Sperma gab. Dafür habe ich aber kleine Kratzer und einige Hämatome an ihren Brüsten gefunden. Alles weitere wie üblich nach der Obduktion.“
„Todesursache?“
„Ziemlich sicher Tod durch Erwürgen.“
„Todeszeitpunkt?“
„Wie der Kollege Notarzt bereits festgestellt hat. Zwischen 21 und 23 Uhr plus, minus eine halbe Stunde.“
„Danke Doktor. Wann werden Sie mit der Obduktion beginnen?“
„Ich werde heute noch öffnen. Lassen Sie doch vielleicht einen der Kollegen aus Siegen kommen. Die Fahrt von Berleburg rüber nimmt halt viel Zeit.“
„Mal sehen, was geht. Mir wäre auf alle Fälle recht, wenn wir schnell zu den Ergebnissen kämen.“
„Okay, dann bis später. Egal wie. Wir fahren dann mal. Tschüss.“
Schlagartig wurde es leer auf dem Stünzelplatz. Die Budenbesitzer waren längst weg. Und auch die wenigen Schaulustigen, die das Polizeiaufgebot aus dem kleinen Ort angelockt hatte, verdünnisierten sich langsam wieder. Lediglich die Monteure am Fliegerkarussell waren noch bei den Abbauarbeiten. Aber auch sie würden im Laufe des frühen Nachmittags fertig sein.
Nachdem auch die SpuSi-Leute ihre Fundbeutel und Werkzeuge eingepackt und sich verabschiedet hatten, gab Oberkommissarin Lauber, in Abstimmung mit ihrem Kollegen von der Schutzpolizei, das Zeichen zum Abrücken der uniformierten Kollegen. Zwei Teams waren ohnehin schon vorher verschwunden. Irgendwo hatte es Stress gegeben bei einer Frühschoppen-Fete.
„Okay, Kolleginnen und Kollegen. Das war’s erstmal. Ich danke Euch für Euren Einsatz und bitte um zügige Protokolle über die Personenbefragungen. Tschüss, wir sehen uns auf der Wache.“
Born, Winter und der bedauernswerte Lukas waren ‚übrig’ geblieben. Corinna hatte sie gebeten zu bleiben. Weil es jetzt galt, so schnell wie möglich die drei Bekannten ausfindig zu machen, mit denen die später Getötete zu Fuß nach Bad Laasphe laufen wollte. Holger, Vivien und Bastian. Drei junge Leute, die, so meinte sich der ‚Freak’ zu erinnern, allesamt in Laasphe wohnten. Aber Nachnamen … „Nee, ich kann mich nicht erinnern, auch nur einen genannt bekommen zu haben.“
Nur wegen Vivien habe es einen Lacher gegeben, der eventuell weiterhelfen könnte. Ein an ihrer Bierbank vorbeikommender Mann habe erst der wenig erfreuten Kathrin, dann aber der jubelnden Vivien seinen Hut mit Gamsbart aufgesetzt und „Halali – habe die Ehre“ gerufen. Daraufhin habe die gemeint: „Aha, ein Jäger. Das trifft sich gut. Ich wohn’ nämlich im Hubertusweg.“ Alle hätten gebrüllt vor Lachen. Und dann sei der Mann wieder abgezogen.
„Hubertusweg in Bad Laasphe?“, wollte Corinna wissen.
„Ja, demzufolge wohl. Sie wohnen ja alle dort in Laasphe.“
Die Lauber setzte sich in ihren Wagen und machte per Mobilfunk Kontakt mit der Polizeiwache in Laasphe. In kurzen Zügen legte sie dem Kollegen auf der anderen Seite ihr Problem dar. Natürlich hatte der längst vom Mord auf dem Stünzel gehört und war sofort elektrisiert, als Corinna ihn bat, eventuell ein paar Kollegen loszuschicken, die nach einer ‚Vivien im Hubertusweg’ suchen sollten.
„Kollegin, dafür werden wir nicht viele Leute brauchen. Wenn die Wohnstraße stimmt, dann haben wir die Frau schnell gefunden. Der Hubertusweg ist nur eine ganz kurze Querstraße mit wenigen Häusern. Verläuft ‚Zwischen Landwehr’ und ‚Puderbacher Weg’. Ich denke, das hat ein Team in Kürze abgeklopft. Wobei, Du weißt ja, Hausbesuche durch die Polizei sind, besonders an Sonntagen, ungefähr so beliebt wie der berühmte Pickel am Hintern. Aber wir machen das natürlich. So schnell wie möglich.“
Corinna lachte kurz auf, ob des Vergleichs. „Prima, danke Euch. Sagt Ihr bitte Bescheid, ob Ihr fündig geworden seid. Wir würden gerne mit der jungen Frau reden. Sagt Ihr aber bitte noch nichts von dem Mord. Okay!?“
„Selbstverständlich“, beendete Polizeikommissar Jost Gmeiner das Gespräch.
„So, Kollegen, passt bitte auf. Du, Sven, fährst bitte mit Pattrick Born zur Wache und nimmst dann für den Rest des Tages frei. Du musst erstmal zur Ruhe kommen. Schick mir bloß bitte vorher die Fotos von gestern auf mein Smartphone. Damit wir Vergleichsbilder haben.
Und Du, Pattrick, hältst bitte die Stellung in Berleburg und sichtest schon mal, soweit vorhanden, die Personenbefragungen. Okay?“
„Geht klar, natürlich“, antwortete Pattrick, der schon mal die Wagenschlüssel aus der Tasche gepult und sich mit Blick in die Sonne an seinen Wagen gelehnt hatte. „Und was habt Ihr vor? Fahrt Ihr gleich nach Laasphe?“
„Werden wir, sobald wir mit dem Besitzer des Pferdeanhängers gesprochen haben. Der Mann sitzt noch immer da vorne in seinem Auto und weiß nicht so recht, was er machen soll.“
„Alles klar. Dann dampfen wir mal ab. Ciao“, rief Born den beiden Kollegen zu und bedeutete Sven einzusteigen. ‚Der Junge ist ganz schön fertig’, dachte er, als auch er in seinen Sitz gerutscht war. ‚Hoffentlich verkraftet er den Dienst, wenn ständig über den Tod seiner frischen Liebe geredet wird. Vielleicht wären ein paar Tage Urlaub besser für ihn.’ Aber das konnte er natürlich nur vorschlagen. Entscheiden müsste das der Kripo-Chef, Klaus Klaiser, wenn der am Montag aus seinem Kurzurlaub zurückkommen würde. Und so verbot er es sich auch, gegenüber Sven eine solche Möglichkeit anzusprechen.
Sie fuhren raus aus dem Laubwald mit seiner ganzen Pracht der frischen Tausend Grüntöne, auf die schmale Straße hinüber zum Ort und rauf auf die Höhe, von der aus man das halbe Wittgensteiner Land überblicken konnte. ‚Was für ein geiles Panorama’, dachte er für einen Moment. Und dann ging es schon wieder runter in diese lange Linkskurve, die schon Abschleppunternehmer an manchen Wintertagen dazu gebracht haben soll, hier abwartend auf der Lauer zu liegen.
Links im Hang blühte der Ginster in herrlichem Gelb. Und unterhalb der Kurve lagen schwarz-bunte Kühe wiederkäuend in der Sonne. Doch für all das hatte der Kollege auf dem Beifahrersitz keinen Kopf. Er schaute nur immer geradeaus. Mit rot geränderten Augen und leerem Blick. Pattrick hätte wer weiß was dafür gegeben, wenn er ihn mit irgendetwas hätte aufmuntern können. Aber es fiel ihm partout nichts ein. An der Kreuzung mit der B 480 Leimstruth – Bad Berleburg bogen sie rechts ab.
Geradeaus hinter dem Baldenberg, im nur wenige Hundert Meter entfernten Rinthe, hatte die Nachricht vom Tod der Studentin auf ‚Kienhewersch Winnie sei’m Hänger’ Entsetzen ausgelöst. „Das gibt’s doch gar net“, war Helmut Dreisbachs schockierter Kommentar, als sein Nachbar sich bei ihm per Handy meldete. Winnie hatte in der langen Wartezeit auf dem Stünzel schon mal moralische Unterstützung in der Heimat gesucht und sich bei „Mannes“ nebenan gemeldet, um Bescheid zu geben, dass es wohl mit dem gemeinsamen Nachmittag mit Helmut und Ulla nichts werden würde. Aus besagtem Grund.
Helmut wollte nicht begreifen, dass es auf ‚seinem’ geliebten Stünzel ein solches Verbrechen geben konnte. Jahrelang war er als Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisvereins maßgeblich verantwortlich für dieses Großereignis gewesen, das in diesem Jahr zum 184. Mal stattgefunden hatte. Niemals hatte es dort ein schwereres Vergehen gegeben, geschweige denn ein Verbrechen. Der letzte Mord, vielleicht war es sogar der erste, der je hier oben stattgefunden hatte, geschah vor fast 340 Jahren. Am 3. März 1678 war das. Zumindest besagte das der ‚Mordstein’ am Rande des Dorfes, das es zu dieser Zeit offiziell noch gar nicht gab.
Und jetzt das! Und ausgerechnet Winfried Stremmel musste das widerfahren. Dem Mann, dem der Krebs vor vier Jahren seine geliebte Frau Brigitte hinweggerafft hatte. Sie hatte ihr Schicksal klaglos ertragen und ihn ermutigt, sein Leben zu leben. Doch für Winnie war eine Welt zusammengebrochen.
Mehr als zwei Jahre hatte er sich förmlich eingegraben, seinen Job aufgegeben und sich nur noch auf seinem Hof und in dessen engerer Umgebung bewegt. Ein Eigenbrötler, wie er im Buche stand. Und der nur noch eines liebte: seine Pferde.
In unendlich mühseliger nachbarschaftlicher Freundschaftsarbeit war es Ulla und Helmut gelungen, ihn wieder aufzurichten. Und ihn davon zu überzeugen, dass das Leben mehr zu bieten hat als Trauer und Abgeschiedenheit. So hatte sich Winnie langsam erholt und wieder Mut gefasst. Und nur so war es möglich, dass er jetzt auch wieder ‚raus’ ging. Auf Feste zum Beispiel. Und zum Stünzel, wo er seinen schönsten Wallach hatte auf der Tierschau prämiieren lassen. Und wo er das tolle Tier letztlich auch verkauft hatte.
„Noch immer en bisselchen mit weichen Knien“ hatte er seinen Zustand beschrieben, als Corinna und Jürgen zu ihm gekommen und ihn um ein paar Antworten gebeten hatten. „Das muss ma doch auch erst ma kapieren. Wenn ma de Hängatür aufmacht un da ’ne Tote findet. Ich dacht’, mich trifft da Schlag.“
Obwohl er das heute schon mehrfach machen musste, zeigte Winnie Stremmel auch Corinna, wie und wo er die Tote gefunden und was er dann getan hatte.
Lauber war sehr daran interessiert, warum er die Frau denn nicht schon am Morgen gefunden hätte, bevor er den Wagen im Dreck festgefahren habe.
„Ja, wie denn?“
„Sie hätten doch nur mal in den Hänger schauen müssen.“
„Ha, Sie sin’ gut. Wofür denn? Ich wusste doch, dass es da drin nix zu holen gibt. Der Luego war doch verkauft.“
„Ja, aber Sie wussten, dass die Seitentür unverschlossen ist.“
„Ach so. Un dann hätte ich nachgucken müssen, ob da net ne Tote drin licht, oder was? So was macht doch keina. … Normalerweise.“
„Nein, natürlich nicht, um nach einer Leiche zu schauen. Aber Sie hätten immerhin nachsehen können, ob alles in Ordnung ist.“
„Mag sein, dass Se Recht haben. Awwa wissen Se, ich schließ’ die Seitentür von dem Hänga nie ab, wenn nix drin is. Damit mir keina das Schloss knackt, falls er da drin was Klaubares sucht.“
„Und wenn da drin einer ein Schäferstündchen hätte halten wollen?“, hatte Corinna Lauber noch gefragt.
Dann wären die zwei nicht lange da drin geblieben und am Morgen mit Sicherheit nicht mehr da gewesen. Bei den Pferdeäpfeln. „Das hält ma so ohne weiteres nämlich net aus. Auch Pferdedung hat ein ganz besonderes Aroma.“ Mittlerweile grinste Winnie sogar. Er hatte seine Souveränität zurückgewonnen. Zum Glück. Weil er sich schon fast ein wenig schuldig vorgekommen war in dieser Sache.
Aber Corinna nahm ihm diese Zuversicht wieder. Weil sie ihm unverhohlen zu verstehen gab, dass ihr das alles zu obskur vorkomme.
„Vergiss es“, flüsterte Jürgen Corinna ins Ohr. „Der Mann ist nie und immer der, den wir suchen. Er hat vor Jahren den qualvollen Tod seiner Frau miterlebt. Niemals würde der jemanden umbringen.“
„Jaaa, jaaa, ist ja schon guuut“, motzte sie genervt zurück und ging mit ihm etwas beiseite, weg von Stremmel. „Ist mir eigentlich auch klar, dass wir’s da nicht mit einem echten Killer zu tun haben.“
„Und uneigentlich?“
Die Oberkommissarin schaukelte bedächtig den Kopf hin und her. „Naja, das ist halt ziemlich doof alles. Da karrt er hier auf dem Festplatz ’ne Leiche hin und her. Und er merkt’s nicht.“
„Hin- und herkarren ist stark übertrieben. Das waren beim Rangieren höchstens mal 15 Meter. Die Gründe hat er Dir genannt. Und außerdem saß die Dame ja nicht auf seinem Rücksitz im PKW. Sie lag im Anhänger.
„Und trotzdem!“, fuhr sie Winter an. So, als wollte sie sagen: ‚Wer führt denn hier die Ermittlungen? Du oder ich?’ „War doch in Ordnung, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Verdächtig ist nun mal verdächtig“, glimmte sie nach.
Jürgen schaute konsterniert drein. „Aber wieso ist der Mann denn verdächtig? Weil er uns gemeldet hat, dass in seinem Pferdeanhänger eine tote Frau liegt? Wenn er der Täter wäre, hätte er mit dem Leichnam längst abhauen können. Kein Hahn hätte nach dem Mädel gekräht, das er längst irgendwo hätte einbuddeln können, bevor es überhaupt vermisst gemeldet worden wäre.“
Keine Reaktion mehr von der Kollegin. Er sah nur ihre Halsschlagadern immer weiter hervortreten. ‚Au weia, das kann heiter werden’, dachte er sich.
„In Ordnung Herr Stremmel, Sie können dann nach Hause fahren. Danke“, hatte sie noch knapp nachgelegt und dann abgedreht.
„Vielen Dank, dass Sie sich so viel Zeit genommen haben und sorry, dass Sie warten mussten“, schob Jürgen Winter hinterher. „Machen Sie’s gut.“ Er reichte Winnie die Hand und ging dann auch zum Mondeo rüber, in dem die Kollegin gerade mit hochrotem Kopf Platz genommen hatte.
„Was ist los? Wolltest Du mir die Schau stehlen? Oder was sollte das jetzt?“, empfing sie ihn spitz.
„Was sollte WAS jetzt?“
„Na, die große Verabschiedung mit Entschuldigung und so.“
„Äääh …, verstehe ich jetzt nicht. Ein wenig Höflichkeit schadet doch wirklich nicht. Uns, der Polizei, schon mal gar nicht.“ Winter war angefressen. Was war bloß los mit dieser Kollegin, fragte er sich, während er sich setzte und anschnallte.
„Und Du entscheidest, was und wer höflich ist? Ja?! Du sagst mir, wie ich mich zu verhalten habe. Das ist ja stark. Danke für die Belehrung, Herr Polizeikommissar.“
„Gerne, Frau Kollegin. Kannst ab sofort alles selbst entscheiden. Auf mich wirst Du verzichten müssen. Ich habe nämlich keine Lust, in brennender Luft zu arbeiten.“ Stinksauer stieg Jürgen Winter wieder aus und knallte die Beifahrertür von Corinnas Wagen zu.
Drinnen tobt eine Furie, hatte er den Eindruck. So war ihm die Kollegin noch nie begegnet. Was sie da drinnen schrie und warum sie ständig mit dem Finger auf ihn zeigte, wurde ihm nicht klar. Schließlich startete sie mit wutverzerrtem Gesicht ihren Mondeo und ließ ihn mit einem Riesensatz nach vorne anfahren. Dann raste sie los, dass die Steine auf dem Weg nur so spritzten. In Nullkommanix war sie um die nächste Wegbiegung verschwunden.
„Na klasse!“, brüllte Winter in den Wald hinein. „Das haben wir ja prima hingekriegt!“ Wie ein kleiner Junge, allerdings mit wesentlich mehr Schmackes, schoss er Steine auf dem Weg vor sich her, während er sich langsam per pedes in Richtung des Dorfes aufmachte. Was sollte er jetzt machen? Fußstreife laufen bis Berleburg, oder was? Er war nämlich ohne Auto. Er hatte vor einiger Zeit zwei Kollegen losgeschickt, um bei einem Frühschoppen zu schlichten. War per Funk gekommen.
„Suuuuuper gemacht, du Pfeife!“, schalt er sich. „Sieht gewiss klasse für die Leute aus, wenn ich so in Uniform durch die Gegend latsche. Das suggeriert Sicherheit.“
Er war gerade am Rand des Festplatzes an einer Dreiwegegabelung vorbei gekommen, da hörte er, wie ihm ein Wagen entgegen kam. Mit Vollgas. Dem Motorengeräusch nach konnte das nur Corinna sein. Der wollte er jetzt nicht noch mal begegnen. Daher verschwand er nach links hinter einer Art hoher Hecke in einem kleinen Wiesengelände und stolperte derart, dass es ihn fast hingehauen hätte. Zum Glück konnte er sich an einem Ast festhalten und durch das Gesträuch nach draußen Ausschau halten. Der Wagen war jetzt bedeutend langsamer und blieb fast stehen. Und dann konnte er sie sehen. Corinna, die mit verheulten Augen aus dem offenen Beifahrerfenster schaute und rief: „Ich habe gehört, hier rennen versprengte Polizisten herum, die nicht heim kommen!“
‚Das sollte jetzt wohl lustig sein’, dachte Winter. ‚Klang es aber nicht.’ Was sollte denn dieser Blödsinn? War die Frau nun total übergeschnappt? Er rührte sich nicht und blieb mucksmäuschenstill.
„Nun komm, Jürgen, mach’s mir nicht so schwer“, schniefte sie. „Ich will mich entschuldigen.“ Wieder Schniefen. „Ich hab’ Mist gebaut, großen Mist. Tut mir leid.“
Er rührte sich nicht. ‚Nix da. Jetzt sollst Du braten, Du Miststück.’
„Jürgen, bitte, komm da raus. Ich hab’ Dich doch um die Ecke verschwinden sehen. Ich will mich in aller Form bei Dir entschuldigen. Das war Riesenbockmist, den ich da gebaut habe. Ich glaub’, das geht mir immer so, wenn ich einen Fall mit einem Toten habe. ‚Mein Fall’, überkommt es mich dann immer. ‚Da rührt mir keiner drin rum. Da hab’ nur ich zu sagen.’ Das ist irgendwie …, ich kann’s nicht erklären. Das …, das ist irgendwie manisch.“
„Da wirst Du noch reichlich dazu … lernen müssen“, wollte er noch sagen. Aber da lag er schon auf dem Bauch. Denn als er mit Schwung hinter der Hecke vor und um die Ecke wollte, war er wieder an etwas hängen geblieben, das da am Boden lag. „Scheißast!“, motzte er, als er wieder aufstand und das Teil in der Hand hielt. Doch beim näheren Hinsehen bemerkte er, dass unter dem belaubten Ast noch etwas lag. Sah aus wie ein Männerbein in Jeans und Sportschuhen.
„Hallo!“, rief er, während er weitere Äste von dem Mann herunterzog, „meinen Sie nicht auch, dass es sich daheim zig Mal besser schlafen lässt?“ Doch der Angesprochene konnte ihn nicht mehr hören. Sein Schädel war zerschmettert, sein Mund stand weit offen und war mit Blut gefüllt. Auch aus Nase und Ohren quoll es heraus.
„Scheiße!“, brüllte Jürgen Winter. „Scheiße, Scheiße, Scheiße! Corinna, komm’ her! Ganz schnell! Komm bitte, komm’, komm’, komm’!“ Sein Geschrei hatte etwas Panisches und versetzte die Kollegin in pures Entsetzen. Schnell sprang sie aus dem Wagen, kam herum und stand, die rechte Hand auf der Waffe am Gürtel, direkt vor der aufgedeckten Männerleiche.
Corinna Lauber brachte keinen Ton heraus, schüttelte nur den Kopf. Fassungslos stierte sie auf den Toten. Zunächst unfähig, irgendetwas zu sagen. Aber dann fing sie sich und verstieg sich in ganz eigentümliche Formulierungen: „Wer, um alles in der Welt, tobt sich denn hier auf diesem wunderschönen Fleckchen Erde in so widerwärtiger Weise aus? Warum bringt er denn auf einem so tollen Fest wahllos Menschen um?“
Jürgen war traurig und wütend. Kleine Spuckefetzen flogen durch die Luft, als er rief: „Diese miese Kreatur kriegen wir, verdammt noch mal! Das schwör’ ich Dir!“
Als sie wieder halbwegs klar denken konnte, war die Kollegin zum Wagen rübergelaufen und hatte per Funk alle notwendigen Dienststellen über den neuerlichen Leichenfund informiert. Spurensicherung, Rechtsmedizin und natürlich alle verfügbaren Kräfte aus Berleburg. „Und bitte, lasst jemanden ein paar Pizzas und was zu trinken mitbringen. Das wird Überstunden geben hier.“
Kurz darauf stand sie wieder neben Jürgen Winter, vor der Leiche. Sie hatte ihr Smartphone in der Hand.
„Das ist kein schönes Souvenier“, schaltete sich Jürgen ein. „Lass doch die SpuSi die Fotos machen. Die haben sowieso immer die besseren Bilder.“
„Ich will gar net fotografieren“, wehrte sie sich. „Ich will Svens Fotos von den Bekannten mit unserem Mann vergleichen. Ich habe nämlich einen bösen Verdacht.“ Und dann riss sie die Augen auf und rief: „Tatsächlich! Hier, guck, das ist der Junge, der von vorne gesehen links von der Kathrin gesessen hat. Den erkennt man sofort. Obwohl sein Gesicht so entstellt ist. Außerdem hat er dieselben Klamotten an.“
Corinna stierte auf das Smartphone.
„Nicht zu fassen, einfach nicht zu fassen“, wiederholte sich der Kommissar ständig, während er wie ein Löwe in dem von Hecken umgebenen Geviert herumwanderte. Lediglich zum Dorf hin stand da noch eine Hütte, deren Funktion ihm nicht klar wurde. Jedenfalls waren alle Läden und die Tür sperrangelweit offen. Drinnen konnte niemand sein.
Sven Lukas dreht fast durch, als er in Berleburg von dem zweiten Stünzel-Mord erfuhr. Und wer das Opfer war. Es war Holger, dessen Nachnamen er leider nicht kannte.
Natürlich war der ‚Freak‘ nicht heimgegangen, wie Corinna gefordert hatte. Er war auf der Wache geblieben. Um eventuell über die drei Laaspher Bekannten von Kathrin etwas im Internet zu finden. Jetzt sprang er wie ein Irrer von seinem Bürostuhl auf, brüllte Flüche in den Raum und schmiss seinen kleinen ledernen ‚Wutball’ gegen die Wand. Immer wieder. Wie in Trance. Drum herum flogen Pokale von Regalbrettern und Urkunden lösten sich aus ihren Rahmen. Das Trümmerfeld war beträchtlich. Aber Sven bemerkte das alles nicht. Er war in diesem Moment im wahrsten Sinne des Wortes ‚außer sich’.
„Hey, Sven!“, rief Pattrick Born, der die Bürotür nur einen Spaltbreit aufgemacht hatte. „Sveeeeheeeen! Hör’ doch mal’n Moment auf damit. Bitte!“
Der ‚Freak‘ zuckte zusammen, folgte der Aufforderung und knetete jetzt den kleinen Ball. „Gehen wir das Schwein suchen, das sich da oben ausgetobt hat?“
„Du nicht. Aber wir“, kam’s von Pattrick zurück. „Du bist heute schon genug malträtiert worden. Halt mal den Ball nicht nur ’n bisschen flach, halt ihn lieber fest und räum’ am besten hier auf. Wenn Klaus gleich kommt, gibt’s sonst was zu hören. Da kannste einen drauf lassen.“
Der andere schaute ihn entsetzt an. „Klaus? Der hat doch noch Urlaub. Was will der denn heute hier?“
„Naja, hör mal“, Pattrick kam jetzt ganz in des ‚Freaks‘ ‚Laboratorium‘ hinein, „uns gehen die Leute aus. Und zwei Morde, mein Lieber, die stemmen wir nicht mit links. Ich habe ihn eben angerufen und über die Lage informiert. Da hat er sofort zugesagt zu kommen. Und das ist auch gut so. Weil Corinna da oben auf dem Stünzel am Rad dreht.“
„Wie kommste denn da drauf?“ Sven war ein ausgemachter Fan dieser Kollegin, nach der er sich eigentlich jeden Tag mal die Augen ausguckte. Aber das Mädel war ja nicht zu haben. „Corinna dreht am Rad. Wer hat das denn behauptet?“
„Sag’ ich nicht.“
„Jetzt komm, stell Dich nicht so an.“
„Nee, kann ich nicht.“
„Mann, jetzt mach’ mal Butter bei die Fische. Der Chef kommt aus dem Urlaub zum Dienst. Und ich darf den Grund nicht erfahren?“
„Okay. Aber behalt’s für Dich. Jürgen erzählte mir vorhin am Handy, dass die Kollegin ausgetickt wäre und ihn angeschissen hätte für nix und wieder nix. Und dann wäre sie eine Weile darauf wieder angekrochen gekommen, um sich zu entschuldigen. Sie sei manchmal einfach nicht teamfähig, habe sie eingestanden und wolle alle Entscheidungen für sich treffen.“
Der Andere begleitete diese Schilderungen mit Kopfschütteln, während er den einen oder anderen Pokal wieder vom Boden aufsammelte.
„Aber ich sag’ Dir Alter, halt bloß die Schnauze. Wenn Corinna nur ein Sterbenswörtchen davon erfährt, kriegen wir obersten Krach. Ich mag sie nämlich auch. … Jetzt nicht so auf die Art wie Du. Aber sehr.“
„Kein Thema“, antwortete der nachdenkliche Sven Lukas. „Aber was ist denn bloß los mit Corinna? Das gibt’s doch gar nicht, so was.“
Erst jetzt begriff der ‚Freak‘, was Pattrick ihm da eben mehr oder weniger ‚verbal subkutan’ untergejubelt hatte. „Was soll denn das bedeuten: ‚… nicht so auf die Art wie Du’?“
„Na, hör mal. Meinst Du, hier hätte noch niemand mitbekommen, wie sehr Du Corinna nicht nur als Kollegin, sondern auch als Frau verehrst? So blind kann man doch gar nicht sein, um das nicht mitzubekommen.“
Sven bekam rote Ohren.
„Is’ ja auch ’n Sahneschnittchen, unsere Oberkommissarin. Kann man nicht anders sagen“, legte Pattrick nach.
„Weiß ich alles. Aber komm jetzt, hör auf. Ich hab’ grad’ echt andere Probleme. Meine Sahneschnitte, um im Bild zu bleiben, ist nämlich tot. Und mit ihr ein Freund oder Bekannter, oder irgend so was.“
‚Wo hat er plötzlich diese Abgeklärtheit her? Noch vor fünf Minuten wären ihm die Tränen gelaufen, bei solch einer Schilderung’, sinnierte Pattrick Born.
„Wir werden den oder die Mörder finden. Das verspreche ich Dir, Sven. Und sie werden ihre Strafe bekommen.“
Vorne im Kripo-Büro klingelte das Telefon. Pattrick spurtete rüber und nahm ab. Es war der Kollege Jost Gmeiner aus Laasphe. „Ist die Kollegin Lauber über Dich zu erreichen? Auf ihrem Handy meldet sie sich jedenfalls nicht.“
„Nein. Leider nicht. Sie ist immer noch auf’m Stünzel. Dort haben sie mittlerweile einen weiteren Toten gefunden.“
„Wie denn? Auch Mord?“
„Sieht ganz so aus. Und wahrscheinlich auch einer aus der Clique um Kathrin Kögel, dem ersten Opfer.“
„Ach Du heilige Scheiße! Das darf doch alles nicht wahr sein! Was ist denn hier plötzlich los? Haben die Briten Jack the Ripper wieder auferstehen lassen und vorab schon mal als Brexit-Beilage auf’s Festland exportiert?“
„Kann ich Dir nicht sagen. Das Entsetzen ist ganz auf unserer Seite. Aber sag’ mal, habt Ihr denn irgendwelche Infos zu dieser Vivien?“
„Das ist ja der Grund, warum ich anrufe“, antwortete der Kollege Gmeiner. „Wir haben die Wohnung zwar gefunden und auch mit ihren Eltern gesprochen. Aber die Frau ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen.“
„Und was ist mit ihren Bekannten?“
„Die sind den Eltern nicht bekannt. Sie wüssten auch nicht, wer darüber Auskunft geben könnte. Denn sie kennen das private Umfeld ihrer Tochter nicht, haben mit ihr selbst auch kaum noch Kontakt. Sie lebt einfach nur noch im Elternhaus, oben in einer Dachgeschosswohnung. Weil’s nix kostet.“
„Oh, armes Deutschland“, stöhnte Pattrick. „Die soziale Verarmung schreitet immer weiter fort. Und die Generationenkonflikte in den Familien tragen ihr Übriges dazu bei.“
„Da sagste was. Ich hätte die Wände hochsteigen können bei den Kommentaren der Eltern. Zwei ziemlich alte Leutchen, total verbittert und ohne irgendeine Form von Verständnis dafür, dass junge Leute ihr Leben ein wenig anders gestalten wollen. Anders jedenfalls, als sie selbst das aus ihrer Jugend in den Kriegsjahren gewohnt waren.
‚Wird sich schon irgendwo rumtreiben, die Vivien’, sagte die Mutter, ‚die kennt ja keine Pflichten. Außer in ihrem Studium. Wir zählen da nichts mehr. Unser ganzes Leben haben wir uns krummgelegt. Damit’s unseren Kindern mal gut geht. Und wie danken sie uns das? Die beiden Großen sind schon längst ausgezogen und lassen nichts mehr von sich hören. Nichts, gar nichts. Und Vivien macht daheim was sie will. Nur nichts für uns. Und mit uns schon mal gar nicht. Höchstens mal zum Einkaufen fahren oder mal zum Arzt.’
Das war schon sehr eigentümlich dort. Die haben nicht einmal wissen wollen, warum sich die Polizei für ihre Tochter interessiert. Da haben wir auf jede weitere Frage verzichtet und sind ganz schnell wieder verschwunden.“
„Wäre ich auch“, pflichtete Born dem Laaspher Kollegen bei. „Ich würde Euch aber bitten, da heute Abend noch mal vorzusprechen. Wir müssen die Tochter finden. Unter allen Umständen. Wir müssen nur ein Lebenszeichen von ihr haben und von ihr wissen, was sich in der vergangenen Nacht abgespielt hat.“
„Alles klar“, wollte sich Gmeiner schon verabschieden. „Ich sehe zu, dass die Leute vom Spätdienst heute da noch mal vorbeifahren und klingeln. Mehr können wir ja wohl nicht machen. Oder?!“
„Mir fällt im Moment nichts ein, nee. Ach so, doch. Lass’ bitte eben noch die Adresse und den Nachnamen von Vivien da.“
„Klar. Haste was zu schreiben? … Also, Vivien Schreiber, Hubertusweg 14.“
„Und irgendwelche Erreichbarkeiten gibt’s wohl nicht. Handy oder so?“
„Wussten die Eltern nicht. Sie hätten sich die Nummer irgendwo aufgeschrieben, aber schon neulich nicht mehr gefunden, als sie sie dringend gebraucht hätten. Die ‚Schickse’ sei wieder mal unterwegs gewesen und nicht auffindbar.“
„Das ist ja’n Hammer. Sach ma’, ha’m die se noch alle? Mensch! Wenn ich das Mädel wär’, dann würde ich mir überlegen, ob ich dort überhaupt noch leben wollte“, erwiderte Born, der noch einen Moment grübelte und dann sagte: „Bitte, tut mir einen Gefallen und fahrt von Euch aus noch mal die Wege ab, die normalerweise gelaufen werden, wenn man vom Stünzel runter nach Laasphe will. Da kommt man doch in der Regel oben beim Schloss raus. Oder?“
„In der Regel schon. Anders wäre eher blöd, weil man immer in den Seitentälern runterkäme. An der Bracht oder so. Das macht bei dieser Dunkelheit keinen großen Spaß.“
„Umso wichtiger ist die Nachsuche nach den zwei jungen Menschen, die noch fehlen. Ich schick’ Dir mal ’n Handyfoto per WhatsApp mit drei Leuten. Der Junge, von Dir aus gesehen links auf dem Bild, der ist auch tot. Die anderen beiden, diese Vivien und einen Bastian, die suchen wir.“
„Okay, schick’ mal rüber, werden uns drum kümmern.“ Dann gab er Pattrick seine Mobilfunknummer für die WhatsApp und meinte: „Damit sind wir dann mit der gesamten kleinen Mannschaft hier auch auf Stünzel-Mord gepolt.“
„Haja, soweit das neben der Erledigung der üblichen Aufgaben geht. Wundert mich eh, dass Ihr nicht über den zweiten Mord informiert worden seid. Die müssen da oben auf dem Festplatz richtig Druck haben, scheint mir.“
„Wer hat Druck?“, kam es vom Flur her. Klaus Klaiser stand in der offenen Bürotür. Etwas verhalten lächelnd und braun gebrannt.
„Mensch, Chef, schön dass Du da bist!“, rief ihm Pattrick Born zu. „Hab’ gerade einen Kollegen aus der Laaspher Wache dran – wegen Personensuche.“ Dann wandte er sich wieder seinem Gesprächspartner zu und verabschiedete den. „Wie gesagt, lasst bitte von Euch hören, sobald Ihr was habt. Geht auch per Handy, WhatsApp oder was Ihr wollt. Okay?! Ciao.“
Dann drehte er sich wieder zu Klaus um. „Wir haben alle Druck. Kannste Dir ja wahrscheinlich vorstellen. Aber Corinna auf’m Stünzel erst recht. Zwei Leichen, zweimal Mord. Das ist heftig.“
In kurzen Zügen ließ sich Kriminalhauptkommissar Klaiser in die Lage einweisen. Er war ja nur in einem Kurztelefonat mehr oder weniger alarmiert worden. Ungefähr eine Stunde, nachdem er mit seiner Frau Ute aus Fuerteventura zurückgekehrt war.
Waren das tolle zehn Tage in El Cotillo. Die beiden hatten sich ein Studio gemietet. Direkt am Strand.
Und Ute weihte Klaus in ein bis dahin gehütetes, süßes Geheimnis ein. Sie war in der sechsten Woche schwanger. Endlich! Beide hatten sie sich das so sehr gewünscht. Das Glück kannte für die beiden keine Grenzen in diesen Tagen. „Doch in dieser Ausnahmesituation“, hatte selbst Ute gemeint, „musst Du den Kollegen helfen. Trotz des letzten halben Urlaubstags. Immerhin musst Du ja auch Corinna unterstützen.“ Und das war schließlich Utes beste Freundin.
„Gut“, sagte er zu Pattrick, „ich werde gleich mal dort rauffahren. Und Du machst bitte eine Fahndungsmeldung für die Presse fertig. Wir müssen die Namen der jungen Leute erfahren. Sieh bitte zu, dass Du dafür noch ein Foto von dem Toten bekommst. Ein annehmbares.“
„Okay, kein Problem. Sven Lukas hat welche gemacht. Vielleicht schaust Du mal eben nach ihm. Dem geht es nicht so besonders. Und er macht sich insgeheim irgendwelche irrationalen Vorwürfe. Der hätte das Drama doch nie und nimmer verhindern können.“
„Mach’ ich“, versprach Klaus. „Der arme Kerl kann einem ja leid tun.“
Dann ging er rüber zum „Freak-Labor“. Dessen Inhaber war gerade dabei, die letzte Urkunde beiseite zu legen, deren Rahmen den Angriff durch den ‚Wutball‘ nicht überlebt hatte. Verstohlen schob Sven mit dem rechten Fuß noch ein paar Scherben unter einen Aktenschrank, als er Klaus durch die offene Tür kommen sah.
„Lass’ gut sein. Ich weiß, was passiert ist. Ich kann mir vorstellen, wie Dir zumute ist. Ich hätte auch alles kurz und klein gehauen.“ Klaus reichte dem Kriminalhauptmeister die Hand, die sich irgendwie untypisch schlaff und labberig anfühlte. „Grüß Dich, mein Lieber“, schob er nach. „Mein Beileid.“
„Danke Klaus.“ Sven Lukas hätte laut losheulen können, als ihm der Kripo-Chef in die Augen schaute. „So eine Scheiße, Mann. So eine verfluchte Scheiße. Und ich konnte nichts dagegen machen. Weißt Du, das ist sogar noch viel scheißer als Du denkst.“
Klaiser drehte sich ein wenig ab. Denn er musste trotz der tieftraurigen Situation unweigerlich grinsen. ‚… noch scheißer …’ hatte er auch noch nicht gehört.
„Wieso?“, fragte er, jetzt mit ernstem Gesichtsausdruck, zurück.
„Weil ich noch nicht mal helfen kann beim Benennen der Freunde.“ Und dann flocht er ein: „Sofern die überhaupt noch leben …“ und stierte vor sich hin. „Aber ich kenne deren Nachnamen nicht. Nicht einen. Nur die Vornamen. Und ich habe zwei Bilder von ihnen. Mehr nicht.“
„Ja, aber das ist doch ’ne ganze Menge. Deutlich mehr, als die meisten Fahnder zu Beginn einer Fallermittlung in der Hand haben. Und es wird doch auch schon nach denen gesucht“, versuchte Klaus den Kollegen zu beruhigen. „Pattrick Born hat die Fotos an die Laaspher Kollegen weitergegeben. Die kümmern sich jetzt auch und werden verstärkt die Augen aufmachen.“
„Verstärkt die Augen aufmachen. Haha“, lachte der ‚Freak‘ ein wenig irre. „Ich weiß nicht, ob das reicht. Immerhin sind zwei aus dieser Vierergruppe mittlerweile tot. Und wo die beiden anderen sind, davon hat keiner auch nur einen blassen Schimmer. Zum Kotzen ist das!“
„Jetzt komm’ mal wieder ’n bisschen runter, Sven. Alle versuchen ja ihr Möglichstes. Mehr geht im Moment nicht. Und wir müssen ganz nebenbei auch noch den oder die Täter suchen.“
Als Klaus Klaiser auf dem Stünzelplatz ankam, war, wie es so schön heißt, der Markt bereits verlaufen. Weitestgehend jedenfalls. Der Leichnam des jungen Mannes mit Vornamen Holger lag bereits im, allerdings noch offenen, Zinksarg. Eingepackt in einen weißen Leichensack, dessen Reißverschluss aber ebenfalls noch offen war. Ein SpuSi-Mann machte noch Fotos in Frontalaufnahme. Kein schöner Anblick. Der Schädel wirkte oberhalb der Stirn etwas verschoben. Die Augen waren noch halb geöffnet. Dazu seltsame Blutschlieren, die quer über die linke Wange des Toten liefen.
Corinna führte ein Gespräch mit Gert Steiner, dem Chef der Spurensicherung. Der war, ähnlich wie Klaus, trotz Dienstfrei von daheim bei Siegen hier hinaufgekommen, als er gehört hatte, dass es zwei Leichenfunde gab.
Jürgen Winter informierte sich derweil per Smartphone beim zuständigen Wetterdienst. „Kommissar Jürgen Winter, Polizei Bad Berleburg. Verzeihen Sie eine Frage. Können Sie mir sagen, wann in der vergangenen Nacht der Starkregen über dem Wittgensteiner Land eingesetzt hat?“ Was zu beantworten offenbar kein großes Problem für die Damen und Herren Meteorologen war. Sie wollten nur wissen, wo genau über Wittgenstein. Sie besaßen ja Computeraufzeichnungen der Wetterabläufe und der Wettermodelle. „Über Bad Berleburg-Stünzel. Ich weiß nicht, ob Sie das auf der Karte haben.“
„Stünzel, wie schreibt man das?“ Jürgen buchstabierte. „Aaah, kleinen Moment.“ Die Antwort brauchte wirklich nur einen Moment. „Ziemlich genau um 21.43 Uhr hat dort der Starkregen eingesetzt. Quasi von null auf hundert. Davor hatten wir keine messbaren Niederschläge in diesem Gebiet.“
Jürgen bedankte sich, unterbrach das Gespräch und kam nun auf Klaus Klaiser zu, dem er herzlich die Hand schüttelte. „Dieser Mann hier muss definitiv vor 21.43 Uhr heute Nacht gestorben sein“, teilte er dem Kripo-Chef mit.
„Wie kommst Du zu dieser Erkenntnis? Vor 21.43 Uhr.“
„Weil da der Regen eingesetzt hat. Und die Stelle unter der vom Regen nassen Leiche ist definitiv pulvertrocken. Schau hier.“ Er wies auf den hellen und trockenen Flecken, in dem zu Beweiszwecken auch ein dünner Grassoden abgestochen worden war. Eindeutig keine Feuchtigkeit im Boden. Auf einem Testflecken 20 Zentimeter neben der Liegefläche war der Boden dagegen dunkel und feucht.
„Ausgezeichnete Arbeit, Jürgen, danke“, sagte Klaus und klopfte ihm auf die Schulter. Mir wäre das gar nicht aufgefallen. Ich habe die Unterschiede im Gras erst gesehen, nachdem Du mich darauf aufmerksam gemacht hast. Dann ging er rüber zur Kollegin, die noch immer mit dem ‚Leichenfledderer‘ im Gespräch war. Die Oberkommissarin grüßte kurz durch Winken und versenkte sich wieder in die Unterhaltung mit dem Doktor.
„Grüße Sie, Herr Klaiser. Dachte, Sie wären im Urlaub. Aber schön, Sie zu sehen. Also passen Sie auf“, legte der plötzlich los, ohne auf Corinna Rücksicht zu nehmen. Und die nahm das sichtbar übel, konnte aber nicht einschreiten. Chef ist Chef.
„Todesursache ist eindeutig ein mit großer Wucht geführter Schlag auf das Schädeldach des Mannes, das massive Frakturen aufweist. Ich schätze, er war auf der Stelle tot.
Tatwerkzeug muss ein ziemlich dickes Rohr gewesen sein oder etwas ähnlich Rundes. Könnte sich auch um eine volle Wein- oder Schnapsflasche handeln. Könnte auch ein dicker Ast sein. Nur finden wir und die SpuSi nichts dergleichen im weiteren Umfeld.
Todeszeitpunkt müsste so zwischen neun Uhr abends und Mitternacht gewesen sein. Dazu müssen wir noch ein paar Messungen machen. Der Körper liegt nun schon deutlich länger als 14, 15 Stunden hier.“ Damit beendete er sein Kurzreferat. Klaus informierte im kleinen Kreis darüber, dass Holger eindeutig vor 21.43 Uhr gestorben sein musste. Und wieder war es Corinna anzusehen, dass ihr das nicht sonderlich gefiel. Klaus registrierte das. Sagte aber nichts.
Montag, 13. Juni
Im Kommissariat in Berleburg war die Morgenrunde beendet. Alle waren gebrieft, jeder kannte seine Aufgaben. Zwei Teams waren bereits unterwegs, um zu ermitteln und nach den verschollenen jungen Leuten aus Laasphe zu suchen. Denn es war weder jemand auf und an den Wegen zwischen Festplatz und dem Laaspher Schloss aufgegabelt worden, noch hatte sich Vivien Schreiber zu Hause eingefunden. Die Sache wurde zunehmend kompliziert.
Klaus ging rüber zu Corinna, die fieberhaft damit beschäftigt war, die Protokolle über die Befragungen der Händler vom gestrigen Vormittag zu durchforsten und die Namensliste dazu.
„Hast Du einen Moment?“, fragte er sie, nachdem er sachte an den Türrahmen geklopft hatte. Er wusste um ihren ‚Ausnahmezustand’ gestern, war sicher, dass sie irgendwann selbst davon erzählen würde und wollte ihr den ersten Schritt überlassen. Aber zuvor musste sie ihm zuhören.
„Klar, komm rein. Hier, setz Dich.“ Hastig räumte sie einige Aktendeckel von dem Besucherstuhl, den sie seitlich neben ihrem Schreibtischsessel stehen hatte und als Ablage benutzte. Ihr Schreibtischsessel war der wichtigste Komfort, den sie sich in ihrer „Höhle“ leistete. Besucher mussten sich da mit deutlich härteren Sitzgelegenheiten zufriedengeben. „Die haben ja auch meistens was auf dem Kerbholz“, argumentierte sie immer, „da können die auch gerne mal ungepolstert sitzen. Müssen sie ja dann oft auch, wenn wir sie hier erfolgreich verarztet haben.“
Die Kollegin wirkte ein wenig angespannt. ‚Kein Wunder, dachte sich Klaus, ‚nach dem Tag gestern kann man kaum anderes erwarten. Zwei Morde ohne erkennbaren Grund und erst recht ohne Täter. Und zwei spurlos verschwundene junge Menschen. Einer davon ohne bekannte Personalien. Schön ist anders.’
Er setzte sich, während sie noch ein Protokoll zu Ende las. Dann wandte sie sich ihm zu.
„Und, womit kann ich Dir helfen?“
Eigentlich hatte Klaus gedacht, Corinna werde von sich aus ein Splitting der Fälle vorschlagen und einen an ihn oder an den Kollegen Born abgeben. So richtig freiwillig. Um sich selbst von Arbeit zu entlasten und so etwas wie Synergie zu erzeugen. Aber sie hatte weder bei der Morgenrunde einen Versuch dazu gestartet, noch machte sie jetzt den Eindruck, als wolle sie sich in dieser Hinsicht äußern.
„Kommst Du mit allem zurecht, Corinna? Hast Du alles, was Du brauchst?“
„Klar. Davon hatten wir’s doch vorhin schon in der Runde. Mir fehlt es an nichts. Warum fragst Du?“
„Weil ich sicher sein muss, dass es Dir dabei gut geht und dass alles seinen geregelten Gang geht.“
„Ja, ja, mach’ Dir mal keine Gedanken. Läuft alles prima. Bloß ein paar mehr Leute könnten wir draußen gebrauchen. Für Befragungen und so.“
Doch so locker sich das anhörte, so sehr merkte man auch, dass Corinna zunehmend nervös reagierte. Die Fragen schienen sie zu stören. ‚Störe meine Kreise nicht’, soll Archimedes zu einem Soldaten gesagt haben, als er mitten in einem Kriegsgetümmel dabei war, Beweis in einer Rechenformel zu führen. Das kostete den wohl genialsten Mathematiker der Antike letztlich das Leben.
„Hör zu“, begann Klaus ganz sachte. „Ich möchte, dass die beiden Fälle dicht beieinander von zwei Kollegen parallel unter Austausch der Erkenntnisse geführt werden. Bitte lass’ noch jemanden mit ins Boot, ja?!“
Die Kollegin richtete sich in ihrem Bürosessel auf und drehte sich ruckartig zu Klaus um. Eine sehr wohl bekannte Röte veränderte ihr hübsches Gesicht, als die pure Bitterkeit aus ihr herausschoss.
„So, so. War ja klar, dass Du mich für unfähig hältst, diesen, beziehungsweise diese beiden Fälle zu lösen. Willst Du Dir da jetzt was unter den Nagel reißen? Oder was?“
„Wie kommst Du darauf, dass ich Dich für unfähig halte?“
„Weil es sonst bleiben würde wie es ist. Ich sehe kein Problem darin, die Geschichte stringent bis zum Ende durchzuziehen. Und wenn ich Hilfe brauche, dann melde ich mich schon!“, bellte sie Klaiser an und drehte sich wieder ihrer Arbeit auf dem Schreibtisch zu. „Und überhaupt hättest Du das doch getrost vorhin machen können, als noch alle Kollegen zusammen waren.“
„Das habe ich aus gutem Grund nicht getan, liebe Corinna. Weil ich geahnt habe, wie Du reagierst. Damit wollte ich Dich vor den Kollegen schützen. Und weil ich weiß, wie Du, verzeih mir bitte, gestern ausgetickt bist.“
Wütend schoss die Frau wieder herum und funkelte ihren Chef mit Riesenaugen und weit aufgerissenem Mund an: „Aaaach jaaaa, der Winter, dieses Schandmaul! Konnte der wieder das Wasser nicht halten? Das war doch nur eine Frage der Zeit, bis ich das hier auf die Schnitte geschmiert kriege.“
„So, meine Liebe!“, wurde Klaus jetzt ebenfalls laut und sprang auf. „Jetzt reicht’s! Erstens, die Info stammt nicht von Jürgen Winter. Obwohl der sogar verpflichtet gewesen wäre, davon Meldung zu machen. Zweitens, ich verbitte mir ein für alle Mal diesen Ton mir und allen Kollegen gegenüber. Bei allem Wohlwollen, das wirklich alle Dir entgegen bringen: Du schießt öfter mal brutal weit über das Ziel hinaus.
Und drittens wird es wegen dieses Vorfalls hier eine Abmahnung geben. Das war jetzt nämlich der dritte traurige Akt, den Du Dir erlaubt hast. Anscheißen des Chefs aus absolut nichtigem Grund geht gar nicht!“
„Wie bitte? Wo soll ich denn schon mal so daneben gelegen haben, dass Du derart reagierst?“, fragte sie mit schnippischer Stimme nach.
„Ach“, begehrte er jetzt auf, „das weißt Du nicht mehr? Erinnere Dich doch mal an Deine Anschuldigungen vom letzten Sommer. Als Ute in Münster war und Du mir einfach ein Techtelmechtel mit ’ner Anderen angedichtet und ein Riesentheater veranstaltet hast. Und tags drauf hast Du trotz gegenteiliger tränenreicher Beteuerungen gleich wieder durchgeladen und einen anderen Kollegen angeschossen. Ich lasse mir das nicht mehr von Dir gefallen.“
Oberkommissarin Lauber schluckte und schien für einen Moment nicht so richtig orientiert zu sein. Dann holte sie tief Luft und stierte Klaus ungläubig an.
‚Das war so richtig eine vor den Latz geknallt’, würde sein alter Polizeichef und väterlicher Freund Heinz Strobenkötter jetzt sagen. Und das ‚Ding vor den Latz’ brauchte sie dringend. Denn sie hatte offenbar alles vergessen, was sie über Teamfähigkeit und Umgang mit Kollegen einmal gelernt hatte. Ungeachtet dessen lief sie zudem Gefahr, einen Menschen massiv zu verprellen, der es immer gut mit ihr meinte.
Aber das hatte sie offenbar gerade begriffen. Denn Corinna wirkte auf einmal wie ein Häufchen Elend. Schwer atmend saß sie dem Mann gegenüber, der für sie so eine Art Galionsfigur war, Freund, Förderer und zudem noch Ehemann ihrer besten Freundin. Einer, der sie mochte und der fest davon überzeugt war, dass sie eine wirklich tolle Kriminalistin war. Nicht zuletzt deshalb hatte er sich für ihre Beförderung im vergangenen Jahr stark gemacht. Doch ihr Dank war offenbar zunehmende Arroganz. So was konnte Klaus leiden wie Bauchschmerzen.
Es war still geworden im Büro. So still, dass man trotz geschlossener Fenster draußen im Herrengarten die Autos vorbeifahren hören konnte.
„Sag mal“, sagte er nach einer Weile mit schon wieder gesenkter Stimme: „Was ist denn los mit Dir, dass Du so furchtbar überdrehst? Das letzte Mal war’s wohl die Angst darum, dass Simon fremdgeht. Und was ist es jetzt?“
Das reichte, um ihre Schleusen zu öffnen. Tränen schossen aus allen verfügbaren Kanälen. Was Klaiser schon längst erwartet hatte, passierte nun. Corinna weinte hemmungslos und laut schniefend. Das konnte sie besonders gut, wenn mal wieder was schiefgegangen war mit ihr.
Vorsichtshalber schaute Klaiser sich noch einmal um, ob auch alle Türen geschlossen waren. Musste ja niemand im Polizeirevier mitbekommen, was hier passierte. Denn es sieht immer doof und entlarvend aus, wenn eine Frau vor ihrem Vorgesetzten sitzt und Rotz und Wasser heult. Nur waren hier die Vorzeichen umgekehrt. Sie saß im Chefsessel und er mittlerweile wieder auf einer Art Katzenhocker. Trotzdem, er wollte nicht, dass hier was missverstanden wird. Von Corinna oder von anderen.
„Was ist los mit Dir, verdammt noch mal? Das ist doch nicht normal, wie Du Dich hier aufführst.“
Ihr Schluchzen konnte ihn nicht erweichen. Diesmal nicht! Er wollte jetzt die Karten auf dem Tisch haben. Denn eine miesere Option als die, eine durchgeknallte Chefermittlerin in zwei Mordfällen zu haben, konnte es gar nicht geben. „Und jetzt hör’ endlich auf zu heulen, verflucht! Du bist diejenige, die hier Scheiße gebaut hat, nicht ich!“
Solche Ausbrüche waren sonst nicht seine Art. Denn wenn ihm eines am Herzen lag, dann war das eine saubere und harmonische Menschenführung. Doch Klaus Klaiser war stinksauer.
„Was ist los?“, insistierte er weiter. „Corinna, ich gehe hier nicht raus, bevor ich nicht weiß, warum Du derart ausflippst. Und außerdem kannst Du dann beide Mordfälle getrost in Pergamentpapier packen und in die Tonne kloppen. Dann bist Du nämlich draußen. Nur, damit das mal ganz klar ist.“
„Das kannst Du nicht machen“, gab sie bitter zurück. Plötzlich hatte sie die Stimme wiedergefunden und war offenbar schon wieder dabei, die Krallen auszufahren. Aber die würde ihr Klaus jetzt stutzen.
„Doch, das kann ich. Und das muss ich sogar. Um Schaden von den Kollegen und von der Sache abzuwenden. Wir sind hier nämlich verpflichtet, zwei Mordfälle zu klären, mindestens einen Mörder zu fangen, der da draußen irgendwo rumspringt und ganz nebenbei zwei junge Menschen zu finden. Und ganz bestimmt nicht dazu, die Eitelkeiten einer hypernervösen Beamtin zu ertragen. Merk Dir das! Und überleg’ Dir genau, was Du jetzt vorhast. Jeder weitere Schuss von Dir geht nach hinten los. Das verspreche ich Dir.“
So hatte ihn im Revier noch nie jemand gesehen. Wie Rumpelstilzchen rannte Klaus jetzt in Corinnas Büro hin und her und giftete halblaut vor sich hin, immer wieder zu der Kollegin rüberschauend.
„Nun los, Butter bei die Fische! Was ist es wert, dass Du Dir mit Deinen offensichtlich inneren Kämpfen gerade Deine ganze berufliche Karriere versaust?“ Wieder so ein leichter Ellbogencheck in die Seite. Aber noch mehr Brückenbau ging nun wirklich nicht mehr.
„Ich bin schwanger, verdammt noch mal! Kapierst Du? Ich bekomme ein Baby!“, schrie sie heraus. „Und der Vater dieses süßen Dings in mir drin hat sich freiwillig zu einer Friedensmission der Bundeswehr im Ausland gemeldet. Das macht mich so fertig.“
„Ach Du heiliger Strohsack“, lachte Klaiser auf. „Das ist ja Wahnsinn.“ Wieder vollführte er so eine Art Veitstanz. „Das ist ja so was von schräg, dass es kaum auszuhalten ist.“
„Willst Du mich auf den Arm nehmen oder was? Warum lachst Du denn so dämlich? Was ist denn daran so schräg?“
„Das will ich Dir gerne sagen. Wir sind auch schwanger. Ute bekommt auch ein Baby.“
„Das gibt’s doch net“, riss Corinna die Augen auf. „Jetzt erzähl’ hier net so’n Blödsinn.“
„Doch, doch, 6. Woche. Ich hab’s gerade im Urlaub erfahren.“
Augenblicklich war das Gift aus der Luft verschwunden. Die Stimmung schwenkte um. Beide lagen sich plötzlich in den Armen. Aus der ‚Brüllbude’ war so eine Art Jubelzimmer geworden.
Dann flog nach zwei kurzen Anklopfern und null Wartezeit die Tür auf. Im Rahmen stand Bernd Dickel, der Dienststellenleiter der Polizei Bad Berleburg. Corinna und Klaus hatten gar nicht die Zeit dazu, ihre Umarmung zu lösen und ‚unschuldig’ dazustehen.
„’tschuldigung, wollte nur mal gucken, ob Ihr Euch jetzt gegenseitig gemeuchelt habt bei dem ganzen Terror, den Ihr da eben veranstaltet habt. Konnte man ja bis zum Ende des Flures hören. Ich war schon drauf und dran, die Polizei zu holen“, vermeldete er grinsend. Und jetzt klebt Ihr aneinander wie die Kletten. Habt Ihr sie noch alle?“
„Nee“, triumphierte Corinna, „wir haben noch mehr. Bald.“
„Hä?“
„Mehr. Wir haben sie keineswegs nicht mehr alle. Wir haben künftig mehr.“
„Verstehe ich nicht.“
„Na gut“, sagte Klaus, dann darf ich vorstellen: Mama in spe Corinna Lauber und Papa in spe Klaus Klaiser.“
Mit ungläubigem Blick beäugte der Erste Polizeihauptkommissar die beiden, die ihm gegenüber standen.
„Wie jetzt? Ihr zwei bekommt ein Baby?“
„Nicht eins, mein Lieber. Zwei.“ Klaus grinste wie ein Honigkuchenpferd. Glücklich, dass die Kollegin sich selbst mit ihrer Schwangerschaft geoutet hatte.
„Was denn, auch noch Zwillinge? Das ist ja, … Ja was ist das denn?“, stammelte Bernd fast. „Was sagen denn Ute und Simon dazu, dass Ihr zwei jetzt zusammen …?“
Brüllendes Gelächter folgte. „Um Gottes Willen, nein! Nicht wir zwei zusammen. Sondern schön gesittet. Jeder für sich. Ich bekomme ein Kind von Simon und Ute eins von Klaus. Hoffe ich jedenfalls“, schob Corinna noch lachend nach.
‚Dieses Miststück’, dachte Klaus. ‚Sie kann’s einfach nicht lassen.’ Aber er machte gute Miene zum gemeinen Spiel.
„Ach soooo, ja dann. Das ist ja mal ganz großes Kino“, lachte Dickel und gratulierte artig. „Aber, warum wart Ihr denn so unheimlich laut vorhin? Vor allem Du, Corinna. Ich weiß ja, dass Kinderkriegen weh tut. Aber doch wohl noch nicht in der achten Schwangerschaftswoche.“
„Siebte“, verbesserte sie ihn und schaute Klaus etwas seltsam an. Würde er Bernd den Grund für ihre Auseinandersetzung nennen? Dann wäre ‚der Kittel geflickt’. Streifegehen für alle Zeiten oder sonst was. Das war ihr klar. Auch, wenn Bernd eventuell Verständnis für besonderes Verhalten in besonderen Situationen hatte. Sie wusste aber jetzt selbst, dass sie sich gewaltig danebenbenommen hatte. Doch Klaus schwieg.
Als Dickel gegangen war, lächelte Corinna ihren Chef breit an. „Das war doch jetzt richtig stark. Oder?“ Aber Klaus hatte schon wieder auf ernst geschaltet.
„Das Wort Sühne scheint in Deinem Vokabular nicht vorzukommen, stimmt’s?!“
„Sühne? Mir ist nicht klar, warum Du das fragst.“
„Naja, weil Du eben schon wieder so weit obenauf warst, dass Du mir gleich wieder einen mitgeben musstest. In Bernds Gegenwart.“
„Hä? Was war denn?“
„‚Ute bekommt ein Baby von Klaus. Hoffe ich jedenfalls’, sagtest Du, wenn ich Dich erinnern darf. Ein wenig zu vertraulich und in Deiner Situation absolut nicht angebracht.“
„Also jetzt überdreh mal bitte nicht. Ich freu’ mich halt auf mein Baby.“
„So sehr, dass Du mir meine Freude auf unser Baby durch einen, wenn auch womöglich gespielten Zweifel an meiner Vaterschaft kaputt machen musst? In Gegenwart des Dienststellenleiters? Einfach so, mal ’n bisschen provozieren. Ja?“
Klaus wusste, dass er jetzt übersteuerte. Aber das war längst überfällig. Corinna musste endlich mal das vorlaute und gelegentlich gehässige Mundwerk gestopft und ihr Chefgehabe abgewöhnt werden.
Sie saß mittlerweile wieder in ihrem Chefsessel und schaute ‚wie eine Kuh, wenn’s blitzt’, würde sein Kumpel Heiner jetzt sagen.
„So. Und jetzt pass’ auf. Du gibst einen der Fälle sofort ab. Welchen, das kannst Du Dir selbst aussuchen. Und über den bei Dir verbliebenen Fall will ich minutiös Bericht über jeden Deiner Vorgänge erstattet haben. Bis ich sage, es reicht. Also überleg’ Dir schnell, welchen der Fälle Du weiterführen willst. Ich bin mal für einen Moment draußen.“
Auf dem Flur hätte er vor der Bürotür beinahe Bernd Dickel über den Haufen gerannt. Der schaute ihn vielsagend an, schüttelte nur den Kopf und verschwand. Er musste all das mitbekommen haben, was drinnen gelaufen war.
Bastian Kleinbram saß in Laasphe mit schneeweißem Gesicht am elterlichen Frühstückstisch. Gerade hatte ihm sein Vater mit einem traurigen Kopfschütteln den ‚Westfalenkurier‘ rüber geschoben und auf Seite „Wittgenstein 1“ gezeigt. Oben rechts ein Bild seines Kumpels Holger Blecher.
„Ist doch ein Freund von Dir“, hatte der Vater noch angemerkt. Aber Bastian hatte den Mann schon erkannt.
„Klar. Das ist Holger Blecher. Was ist denn mit dem?“ In diesem Moment begriff er, dass da irgendetwas nicht stimmte. Und erst jetzt las er den Text der Bildzeile. ‚Ein Suchfoto der Polizei zu den Mordfällen auf dem Stünzel. Wer kennt diesen Mann’? stand darunter. Um Gottes Willen!“, schrie er und sprang auf. „Ermordet? Der Holger? Wie kann denn so was sein?“ Er rannte zum Fenster und starrte hinaus in den Sommermorgen. „Wir sind doch alle zusammen gestern Morgen zum Stünzel rauf gelaufen. Und wir haben dort oben gefeiert. Den ganzen Tag. Mit Kathrin und Vivien zusammen. … Verdammt noch mal“, er drehte sich zum Vater um. „Da war er doch noch quietschfidel.“
„Mit dieser Kathrin?“ Kleinbram senior, ein abgeklärter, längst pensionierter Amtmann, zeigte auf die Schlagzeile links neben dem Bild des Freundes. ‚Stünzelfest mit grausamer Bilanz – zwei junge Menschen ermordet’ stand da zweizeilig fett. Und in der Unterzeile: ‚Warum mussten Kathrin K. (24) und ein Begleiter sterben?’
Sein alter Herr schaute Bastian mit traurigen Augen an. „Du kanntest die junge Frau also auch?“ Bei der Gesuchten hatte die Polizei auf ein Foto verzichtet. Ihre Personalien waren ja bekannt.
„Natürlich. Wir sind zusammen zur Schule gegangen!“, brüllte Bastian vor Entsetzen und raufte sich die Haare. „Lieber Himmel, was ist denn da passiert? Die waren doch noch quicklebendig, als wir gingen. Das ist ja grausam. So was gibt’s doch gar nicht.“
„Ja. Das ist wirklich furchtbar. So junge Menschen. … Und überhaupt. Mord auf dem Stünzel.“ Bastians Papa machte eine kurze Pause. „So was hat es ja noch nie gegeben. Unfassbar“, sagte er halblaut.
„Du musst sofort zur Polizei“, machte der Vater seinem Sohn nach einer Weile klar, während der versuchte, den Artikel zu lesen und eventuell etwas Licht in sein schlagartig vorhandenes ‚inneres Dunkel’ zu bringen. „Denn die suchen noch zwei andere. Hab’s nur überflogen, was da unten in dem Kasten steht. Aber wenn Du mit den Ermordeten zusammen warst, dann meinen die Dich mit ‚Bastian’. Und wer ist dann ‚Vivien S.’?“
Bastian brauchte einen Moment, um diese auf ihn einstürzenden Grausamkeiten in seinem Kopf zu ordnen und darauf zu reagieren. Am liebsten hätte er laut losgeheult. Aber er konnte nicht. Er war zu entsetzt, um das Ganze überhaupt gedanklich zu verarbeiten. Was sollte er denn jetzt machen? Zwei seiner Freunde waren tot. Ermordet. Schlimmer geht ja gar nicht mehr. Wer war denn dieses Schwein, das die Beiden umgebracht hatte? Und warum, verflucht noch mal?
Der junge Laaspher ließ sein Frühstück Frühstück sein, nahm sein Mobiltelefon und suchte im Internet die Nummer der Polizei in Bad Berleburg.
„Vivien ist meine neue Freundin, Papa“, sagte er mehr beiläufig.
„Polizei Bad Berleburg“, kam’s aus dem Smartphone. Bastian schluckte und blieb erst einmal stumm.
„Hallo, hier ist die Polizei in Bad Berleburg. Kann ich Ihnen helfen?“
‚Der ist gut. Kann ich Ihnen helfen? Ich kann Euch helfen. Und ich will Euch helfen. Aber was passiert mit mir?’ Ihm war klar, dass er in dem Moment, in dem er sich als einer der Gesuchten outet, für die Polizei automatisch auch zum Verdächtigen wird. ‚Ihr werdet mich erst mal ausziehen bis auf die Unterwäsche und durchleuchten bis zum Gehtnichtmehr.’ Ist mir aber egal. „Hier ist die Polizei. Melden Sie sich doch bitte.“
„Ja, hier ist Bastian Kleinbram aus Bad Laasphe. Ich bin der Bastian, den sie …“ Sein Mund wurde immer trockener. „… den Sie im Zusammenhang mit den Morden auf dem Stünzel suchen.“
„Oh, kleinen Moment bitte, bleiben Sie bitte am Apparat. Ich verbinde Sie mit der Kriminalpolizei.“
Es dauerte keine fünf Sekunden, bis das Pausengedudel in der Leitung abrupt endete und sich eine weitere Männerstimme meldete.
„Kriminalpolizei Bad Berleburg, Klaiser am Apparat. Guten Tag Herr … Kleinbram. Ist das richtig?“
„Ja, das ist richtig. Bastian Kleinbram aus Bad Laasphe.“
„Herr Kleinbram, mir fällt ein Stein vom Herzen, dass Sie sich melden. Sind Sie gesund und unverletzt?“
„Ja, natürlich. Ich bin gesund aber unglaublich traurig über das, was ich gerade in der Zeitung gelesen habe. Über das, was mit meinen Freunden passiert ist.“
„Sie haben recht, das ist ganz furchtbar“, stellte Klaus Klaiser fest. „Darüber müssen wir auch dringend mit Ihnen reden. Aber zunächst noch eine Frage.“
„Ja, um was geht es?“
„Wissen Sie etwas über den Verbleib und den Gesundheitszustand von Frau Vivien Schreiber?“
„Natürlich. Sie ist gesund und dürfte jetzt in der Bahn nach Siegen sitzen. Auf dem Weg zur Uni.“
„Oh, das ist toll. Wunderbar. Woher wissen Sie das so genau?“
„Weil ich sie noch vor etwa einer Dreiviertelstunde gesehen und in Richtung Bahnhof hier in Laasphe verabschiedet habe. Wir haben das Wochenende zusammen verbracht.“
„Mensch!“, rief Klaus in den Hörer seines Diensttelefons, „das ist neben all dem Schlimmen hier endlich mal eine Supernachricht heute Morgen. Dass Sie beide leben und unversehrt sind. Toll! Wir haben uns hier schon die größten Sorgen gemacht.
Sagen Sie, Herr Kleinbram, ich würde Sie gerne persönlich sprechen. Haben Sie heute Vormittag Zeit?“
„Ja, hab’ ich. Hab’ erst übermorgen wieder Vorlesungen.“
„Darf ich fragen, was und wo Sie studieren?“
„Natürlich. Ich studiere Medizin im achten Semester. An der Uni Marburg. Und bin im Moment nur hier, um mich ein wenig um meinen alten Vater zu kümmern. Und wegen Stünzel.“
„Okay“, entschied Klaiser. „Passen Sie auf, ich bin etwa in einer halben Stunde bei Ihnen. Wenn Ihnen das passt.“
„Passt. Wollen wir uns hier in meinem Elternhaus treffen? Da kann ich wenigstens noch zu Ende frühstücken. Wenn ich überhaupt was runterkriege. Und ich mach’ Ihnen einen frischen Kaffee. Wär’ das was für Sie? Oder soll ich zur Polizeiwache kommen?“
Klaus überlegte kurz. Die Wohnung wäre natürlich besser. Schon allein, um sich dort ein wenig umsehen zu können. Und mit dem Vater hätte er womöglich auch noch einen brauchbaren Zeugen.
„Nee, dann komme ich zu Ihnen nach Hause. Aber machen Sie sich wegen mir keine Umstände. Kaffee ist zwar immer gut, aber nicht nötig. Wo wohnen Sie denn genau?“
„Turnerstraße 26. Das ist nicht weit weg vom Bahnhof. Wenn Sie von Berleburg her kommen, die letzte Straße vor dem Kreisel links rauf.“
„Danke Ihnen herzlich, Herr Kleinbram. Die Nummer, die ich hier gerade im Display sehe, ist das Ihre Handynummer?“
‚Oh shit, habe ich wieder vergessen, den Apparat auf anonymen Anruf zu stellen’, dachte Bastian. ‚Aber was soll’s. Ich hab’ nichts zu verbergen.’
„Ja, das ist meine.“
„Prima. Können Sie mir vielleicht auch die Nummer von Frau Schreiber geben?“
Bastian stutzte. Klar, natürlich. Der Polizist wollte möglichst auch mit ihr Kontakt aufnehmen, um zu überprüfen, ob sie tatsächlich okay ist, vielleicht sogar einen Vernehmungstermin mit ihr ausmachen.“
„Seien Sie mir bitte nicht böse, Herr äääh …“
„Klaiser.“
„Ach ja, Entschuldigung, Herr Klaiser. Aber bevor ich Ihnen die Nummer von Vivien gebe, möchte ich mir erst deren Erlaubnis dafür einholen.“
Für einen Moment war es still in der Leitung. ‚Meinte der das jetzt im Ernst’?, überlegte Klaus. Rein faktisch durfte der Student das natürlich. Datenschutz ist ein verdammt hohes Gut. Aber Menschenleben ein noch höheres. Sie waren schließlich auf Mördersuche. Wer wusste, was dieser Killer da draußen als nächstes plante und wer dann dran glauben musste. Nein, hier musste Hilfe eingefordert werden.
„Das ist schon etwas sehr ungewöhnlich“, antwortete der Hauptkommissar schließlich, sehr um Fassung bemüht. „Wir stecken hier voll in den Ermittlungen zu zwei ausgesprochen brutalen Morden – an zwei Menschen aus Ihrem Freundeskreis. Und Sie behindern uns dabei, weil Sie die Telefonnummer Ihrer Bekannten nicht rauslassen wollen. Da staune ich doch sehr, um ehrlich zu sein. Was soll denn das bedeuten? Glauben Sie, wir verhökern die Daten unserer Zeugen und der übrigen ‚Kundschaft’ meistbietend auf der Straße?“
Bastian begann zu hüsteln. Seine Kehle war schlagartig so trocken geworden, dass er meinte Straßenstaub gefrühstückt zu haben.
„Nein, verzeihen Sie“, brachte er noch raus. Dann brauchte er einen Schluck Kaffee. „… So war das natürlich nicht gemeint. Aber ich bin in aller Regel sehr vorsichtig, was die Weitergabe von derlei Informationen an Dritte anbelangt. Zudem wollte ich vermeiden, dass Vivien durch Ihren Anruf erschreckt wird. Ich wollte ihr eigentlich selbst die Nachricht vom Tod unserer Freunde überbringen. Genauer gesagt: schonend beibringen.“
„Das kann ich natürlich verstehen“, sagte Klaiser und dachte, ‚darf ich aber unter keinen Umständen zulassen.’ Zumindest solange nicht, bis klar war, ob Kleinbrams Infos zu Vivien stimmten. Es wäre fatal gewesen, wenn doch alles ganz anders war und die Beiden jetzt auch noch Gelegenheit bekämen, ihre Aussagen abzusprechen. „Aber glauben Sie mir“, redete er weiter, „wir kennen uns gut aus, was das anbelangt. Erschrecken könnten wir Ihre Bekannte allenfalls dadurch, dass wir uns mit ‚Polizei’ am Telefon melden. Also bitte, seien Sie so nett. Dann kann nämlich einer von den Kollegen schon mal weiter recherchieren und eventuell einen Gesprächstermin ausmachen, während ich zu Ihnen runter nach Laasphe komme.“ Bastian tat ihm schließlich den Gefallen und rückte Viviens Nummer raus.
„Zum Schluss noch eine Frage, die ich um ein Haar vergessen hätte. Können Sie mir den Nachnamen des männlichen Mordopfers nennen, bitte? Und vielleicht auch seine Wohnadresse?
„Natürlich“. Etwas stockend nannte Bastian den Namen „Holger Blecher“ und die Adresse „Kanarienweg 6“.
„Corinna“, Klaus Klaiser war in ihr Büro gegangen und hatte die Kollegin an ihrem PC angetroffen. Sie schrieb an ihrem Protokoll über die gestrigen Ereignisse. „Hast Du Dich entschieden, welchen der beiden Fälle Du jetzt abgibst?“
„Nein, hatte noch keine Zeit“, kam von ihr, mehr patzig als freundlich zurück. Sie hatte rote Ränder um die Augen. Trauer und Zorn waren also noch immer nicht verraucht.
„Die Wahl kannst Du Dir jetzt auch sparen. Ich werde mich auf Kathrin Kögel konzentrieren, übernehme also den zuerst bekannt gewordenen Mordfall. Der Fall ‚Holger’, Holger Blecher heißt er übrigens, Kanarienweg 6, Laasphe, bleibt bei Dir. Wenn Du willst.“
Corinna riss mal wieder Mund und Augen auf, brachte aber keinen Ton heraus. War da gerade etwas an ihr vorbeigerauscht und sie hatte es nicht mitbekommen? Woher wusste Klaus plötzlich Namen und Adresse des zweiten Mordopfers?
Klaus ahnte natürlich, dass sie sich exakt diese Frage stellte und sagte: „Bastian Kleinbram hat sich gemeldet. Er und Vivien Schreiber seien wohlauf. Ich werde jetzt zur ersten Vernehmung nach Laasphe fahren. Zumindest mit dem Mann. Die Frau rufst Du bitte jetzt sofort an. Und zwar unverzüglich. Sie weiß noch nichts von den Morden, sagte mir Kleinbram. Also gehe bitte pfleglich mit ihr um und vereinbare schnell ein Gespräch mit ihr – in Laasphe oder hier.“
Schnell legte Klaiser ihr die Telefonnummer und die einzelnen Namen und Adressen auf den Tisch.
„So, jetzt bitte sofort anrufen. Sie ist auf dem Weg zur Uni Siegen und vermutlich noch im Zug. Und bitte beteilige die Kollegen an den Recherchen. Ich bin dann in Laasphe. Ciao. Ich melde mich.“
Die Oberkommissarin kam sich vor, als sei sie von einem vorbeifahrenden Bus gestreift worden. ‚So ist der also, wenn er richtig pampig ist. Mein lieber Scholli.’ Sie wusste nicht so recht, ob sie jetzt auch noch stinkig sein oder besser endlich mal den Rand halten sollte. Besser das Letztere. Denn eines war ihr klar: Klaus hatte in allen Belangen den längeren Arm. Und er war überdies im Recht. Das hatte sie in ihrem vor Wut und verletzter Eitelkeit zugeschwollenen Hirn einfach nicht gerafft. Und sie bereute zutiefst. Also jetzt besser klein beigeben.
Sie nahm den Telefonhörer auf und wählte Viviens Nummer. „Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar“, quäkte eine Computerstimme aus dem Telefon.
„Mist.“ Nochmal versuchen. Wenn sie in diesen zerklüfteten in Fels gehauenen Trassenstücken der Wittgensteiner Bimmelbahn unterwegs war, konnte sich so etwas in Sekundenbruchteilen ändern. Doch der nächste Versuch ging genauso in die Hose wie die drei folgenden. „Klasse.“ Corinna war alles andere als begeistert. Aber sie blieb eisern und ließ über Wahlwiederholung alle fünf Sekunden einen neuen Anruf in Richtung Vivien Schreiber raus.
Als Pattrick Born zu ihr ins Zimmer kam, machte sie ihn schnell mit der ‚neuen Lage’ vertraut und ließ ihn Telefonnummern und Adressen abschreiben. Er möge doch bitte die Kollegen unterwegs und die in der Laaspher Wache briefen, um Vorort- und Nachbarschaftsbefragungen zu koordinieren. Und vor allem, um die Angehörigen von Holger Blecher ausfindig zu machen. Todesnachrichten überbringen ist eine furchtbare Sache. Womöglich aber hatten die Leute bereits in die Zeitung geschaut. Das wäre dann noch grausamer.
14 Uhr ‚Kurze Lage’. Das ist die Bezeichnung für ‚eine schnell abgehaltene Lagebesprechung’, die mit allen an den Fällen Beteiligten stattfindet. Auch mit denen, die zu dieser Zeit in anderen Dienststellen oder unterwegs sind. Die werden per ‚Digitalschalte’ am Gespräch beteiligt.
„Lass’ das bitte alle wissen. Und, ach ja, das sollte ich Euch auch sagen: Wir führen ab sofort die Fälle parallel, aber dicht beieinander. Klaus ist für Fall eins, Kathrin Kögel, zuständig und ich für Fall zwei, also den erschlagenen Holger Blecher.“
‚Ach’, dachte sich da der Kollege, ‚hat sie was auf die Hörnchen bekommen, die g’scheite Geiß? Ein Begriff, den sein Onkel Philipp aus dem Schwarzwald für herrische und besserwisserische Frauen verwendete.
„Was ist eigentlich mit den Autopsieberichten?“, fragte er deshalb. Um nicht breit grinsen zu müssen. „Gibt’s da immer noch nichts aus Siegen?“
„Doooooch, die waren doch heute Nacht schon beide da. Das Ergebnis kennst Du doch aus der Morgenrunde“, erzählte Corinna, während sie wieder und wieder die Nummer von Vivien Schreiber anwählen ließ und den Hörer zwischen Ohr und rechte Schulter geklemmt hatte. Erfolglos. „Kathrin Kögel erwürgt und Holger Blecher durch einen Schlag auf den Kopf mit einer mehr als halbvollen Schnapsflasche getötet. Die Flasche war ja gestern noch am frühen Abend auf der Rückseite des Heckenkarrees gefunden worden. Voller Blut und Haare.“
„Ja, ja, das hab’ ich ja auch mitbekommen. Mich interessiert allerdings vielmehr, was die Leute so getrunken und gegessen haben. Vielleicht kann man so ihren Festplatz-Bewegungsradius etwas klarer einschränken. Ich hab’ mir schon einen Stand- und Budenplan vom Stünzel besorgt, um sehen zu können, wo welche Speisen angeboten wurden.“
Corinna war beeindruckt. Der Mann war richtig gut. Aber das zu zeigen und dafür womöglich sogar zu loben, das war nicht ihre Stärke. Man könnte ja ein Steinchen aus dem Krönchen verlieren. Weil einem mal was Geniales nicht selbst eingefallen ist. Auch da musste sie noch gehörig dazulernen.
„Die Berichte sind alle als Datensatz verfügbar. Ich werde sie gleich allen zur Verfügung stellen.“
„Prima“, verabschiedete sich Born und zog vor sich hin murmelnd von dannen. „Mach hinne Alte, wir müssen mal langsam ’n bisschen Land sehen in der Geschichte.“
Vivien Schreiber saß beseelt im Zug nach Erndtebrück, als bei Leimstruth ihr Handy klingelte. Sie kannte die Nummer nicht, sah nur, dass der Anruf aus Bad Berleburg kam und drückte ihn weg. Immer wieder. Wer sollte das schon sein?
Keine Lust auf Telefonate von anderen. Der Einzige, mit dem sie jetzt reden würde, war Bastian.
Sie hatten ein traumhaft schönes Wochenende gehabt. Erst diese Wanderung hinauf zum Stünzel in einer großen Gruppe ehemaliger Klassenkameraden. Das hatte einen Riesenspaß gemacht. Allein das Wiedersehen nach längerer Zeit. Viele von ihnen lebten längst woanders, hatten Bad Laasphe aus den unterschiedlichsten Gründen den Rücken gekehrt. Und daher waren der Marsch zum Stünzel und die Gespräche auf dem Weg dorthin einfach nur klasse.
Und dann, nachdem sie sich auf dem Rummelplatz getrennt hatten und nur noch die ‚Vierergruppe’ übrig geblieben war, hatte sie sich intensiv um Bastian gekümmert. Der war ihr früher im Städtischen Gymnasium schon positiv aufgefallen. Aber sie war damals einfach zu schüchtern gewesen. Und hätten ihre stinkkonservativen Eltern von ihrem Schwarm gewusst, sie hätten ihn ihr schon aus dem Hirn herausgeprügelt haben.
Doch ihre Eltern, deren Drohungen und Wehklagen sie permanent im Hinterkopf hatte, konnten ihr mittlerweile gestohlen.
Sie, die vom (Eltern-)Hause aus Verklemmte, die immer zurückgesteckt hatte, wenn eine Freundin den Jungen begehrte, den sie eigentlich auserkoren hatte, war gestern voll auf Angriff gefahren. Und das hatte sich gelohnt. Sie war so glücklich.
Ihre Chance gewittert hatte sie, als Kathrin ein wenig intensiver mit diesem jungen Polizisten rumgemacht hatte. Weil es bei denen so richtig gefunkt hatte und sie wie jungverliebte Pennäler herumalberten und knutschten, musste Vivien nun wirklich keine ernsthafte Konkurrenz mehr fürchten. Sie baggerte Bastian an. Und der wehrte sich nicht. Im Gegenteil.
Nur Holger, der Vierte in ihrem Bunde, ging irgendwie leer aus. Aber das schien ihn nicht im Geringsten zu stören. Denn er hatte eine Menge Bekannte. Immer wieder mal kam eine oder einer am Tisch im Zelt vorbei und quatschte mit ihm, lud ihn zum Bier ein oder ließ sich einladen. Der künftige Juniorchef eines großen Gartenbaubetriebs in Wallau war ein uriger und unheimlich gemütlicher Kerl. Einer, den man gerne als Kumpel hatte.
Wieder klingelte ihr Mobiltelefon. Wieder dieselbe Nummer mit 02751-Vorwahl. Das wurde langsam öde. Wer in Bad Berleburg kannte denn ihre Nummer? Sie wurde langsam stutzig. Denn die Beharrlichkeit dieses Anrufers war wirklich nicht zu toppen. Gerade eben überfuhr der Zug die Eder zwischen Womelsdorf und Erndtebrück, als Vivien die Nerverei satthatte und dranging.
„Hallo“, meldete sie sich.
„Auch hallo“, kam es von der anderen Seite. Sind Sie Frau Vivien Schreiber?“
„Wer sind denn Sie?“
„Mein Name ist Lauber. Ich bin von der Kriminalpolizei in Bad Berleburg.“
Stille herrschte in der Verbindung. Vivien war erschrocken. Kripo? Was wollten die denn?
„Sind Sie noch dran … Frau Schreiber?“
Nach einer weiteren langen Weile brachte Vivien ein verhaltenes „Ja, worum geht es denn?“ heraus. „Hören Sie, ich bin in einem Zug und muss in einer Minute umsteigen. Ich hab’ ziemlich Druck, weil ich nur acht Minuten zum anderen Zug und für die Platzsuche habe. Ich muss mich nämlich noch auf eine Klausur vorbereiten. Dafür brauche ich einen Sitzplatz in dieser ständig rappelvollen Bahn.“
„Ja, tut mir leid, Sie ausgerechnet in dieser Situation zu behelligen. Aber wir müssen unbedingt mit Ihnen reden.“
Noch immer das Smartphone am Ohr, stieg die junge Studentin aus und lief den Bahnsteig entlang, als ihr Blick in eine Zeitung fiel, die dort gerade von einem Mann gelesen wurde. Sie sah Holgers Bild, las die Schlagzeile und erstarrte.
„Oh nein, das ist doch nicht möglich!“, schrie sie unweigerlich auf. Menschen rissen erschrocken ihre Köpfe zu ihr herum. Und aus dem Telefon rief Corinna Lauber weiter nach ihrem Namen. „Frau Schreiber? … Was ist passiert? … Frau Schreiber!“
Wie im Nebel nahm Vivien wahr, wie sie von einem Ehepaar zu einer Bank geleitet wurde. Man bot ihr einen Schluck Kaffee an. Sie bedankte sich artig und holte ihre Trinkflasche aus der Schultertasche hervor. Wasser würde ihr genügen.
Dann besann sie sich wieder des Telefons und fragte nun ihrerseits: „Polizei, sind Sie noch da?“
„Ja, bin ich. Was ist denn passiert, um alles in der Welt?“
Vivien brauchte einen Moment, um die passenden Worte zu finden. „Ich habe gerade einen toten Bekannten in der Zeitung gesehen. Holger Blecher. Das ist doch alles nicht wahr. Oder?“
„Doch“, sagte Corinna. „Doch, leider. Zwei furchtbare Verbrechen.“
„Oh mein Gott“, stöhnte die Studentin. „Ich fasse es nicht. Vorgestern Abend bin ich noch mit Holger und anderen Bekannten zusammen gewesen. Ich glaube, mir wird schlecht.“
Schnell nahm sie noch einen großen Schluck Wasser aus der Trinkflasche. „Kennt man denn das zweite Opfer? Weiß man, wer das ist?“
„Frau Schreiber, ich muss Sie bitten, jetzt nicht weiter zur Uni zu fahren.“
„Das stehe ich auch nicht durch, glaub’ ich“, antwortete Vivien. Ich fahre wohl am besten gleich wieder zurück nach Bad Laasphe und gehe zu meinem Freund. Den Bastian muss ich jetzt aber erst mal anrufen.“ Dann drückte sie das Gespräch weg und wählte sofort die Nummer ihres neuen Freundes. Die sie in ihrem Handy-Telefonbuch auf Position 1 gesetzt hatte.
Corinna hätte ausrasten können. „So ein verfluchter Mist.“ Geistesgegenwärtig wählte sie umgehend Bastian Kleinbrams Handynummer, um sie für andere Anrufe zu blockieren. Aber die war schon besetzt. Die Gegenprobe auf Viviens Handy bewies ihre Vermutung, dass die beiden bereits miteinander telefonierten. Und die Gefahr bestand, dass dort womöglich eine Absprache stattfinden würde, die die Wahrheitsfindung erheblich beeinträchtigen könnte.
Aber da irrte Kriminaloberkommissarin Lauber. Denn zum einen tröstete Bastian seine Freundin auf hingebungsvolle Art und Weise am Telefon. Zum anderen hätten die beiden, wenn nötig, ihre Absprachen längst treffen können. Denn sie waren seit ihrem Besuch auf dem Stünzel zusammen. Bis Vivien das Haus in der Turnerstraße 26 verließ und zum Bahnhof lief. Durchgehend.
Lediglich am späten Sonntagmittag, als sie ihre Eltern beim Mittagsschlaf wusste, hatte sie kurz zu Hause vorbei geschaut. Klammheimlich war sie zu ihrem Zimmer hochgestiegen und hatte ein paar Klamotten geholt. Fünf Minuten später fuhr draußen ein steinuralter Golf wieder vom Gehsteig runter und bog kurz darauf in den Puderbacher Weg ein. Bastian hatte Vivien das Laufen ersparen und eine eventuell nötige Flucht vor den Eltern erleichtern wollen.
Um 10 Uhr saß die Pädagogik-Studentin bereits wieder im Zug zurück nach Bad Laasphe. Sie zitterte wie im Fieberrausch am ganzen Leib. Als sei sie schlagartig von einem Malariaanfall heimgesucht worden. Das Wissen um den gewaltsamen Tod von Holger machte sie fast wahnsinnig. Und noch ahnte sie nicht, dass auch das zweite Stünzel-Opfer aus ihrem Bekanntenkreis stammte. Bastian hatte sie in aller ihm möglichen Ruhe gebeten, wieder zurückzukommen. Er wollte ihr diese furchtbare Nachricht so schonend wie irgend möglich beibringen.
Zur selben Zeit im Frühstücksraum des Hotels ‚Edermühle’ in Erndtebrück. Längst hatte das Gros der Hotelgäste das Frühstück beendet. Bis auf drei Personen. Die waren noch nicht so weit. Und es war auch noch kein Ende abzusehen. Seit über einer Stunde nervte dieses bayerische Ehepaar mit erwachsenem Sohn bereits das Servicepersonal. Mit immer neuen Bitten und Aufträgen. Es war die Loden- und Trachtenhändlerfamilie Raitmaier aus Lenggries. Wobei der Junior eher Mitläufer denn Mitakteur war, bei den strapaziösen Eskapaden der Eltern.
„Da Kaffee daugt nix.“ „Vom Schinken hob i a scho amoi an bessan gessen.“ „Knusprige Sömmejn gibt’s wohl bei die Preißen net. Oda?“ „A geh, bringan’s mia a Hoibe Biea. Aba zackig!“ „Wos iis’n? Kennat’s net do drib’n obrama. Mia braichat’n no a weng.” Das ständige Hin und Her, das Gemotze des Raitmaier senior und das Gezeter seiner Frau. Einfach kaum auszuhalten.
Hätte Nadine vom Service sich nicht ständig die vermaledeite Formel ‚bei uns ist der Gast König’ vorgebetet, hätte der alte Bayer von ihr schon längst eine runtergehauen bekommen. Dieser überdrehte Fiesling im Trachtenlook griff, wann immer sie in seiner Nähe auftauchte, nach ihrem Hinterteil, streichelte ihre Oberschenkel beim Kaffee nachschenken und stierte völlig ungeniert in ihren Ausschnitt. Auf „lassen Sie das bitte“ reagierte er ums Verrecken nicht. Allenfalls mit den Worten: „Mei, is dös a saubere Dirn. Jetz’ schaug Dir des o.“
Seine Frau schienen derlei Schieflagen in den Manieren ihres Mannes nur am Rande zu interessieren. Sie saß da mit einem ganzen Stapel von Rechnungen, Quittungen und Tagesabrechnungen und versuchte zwischen Geschirr und Brötchenkorb so eine Art ‚fliegende Buchhaltung’. Sie hatten ein richtig gutes Geschäft gemacht am vergangenen Samstag. Stünzel hatte sich wieder einmal echt gelohnt für das Familienunternehmen.
Nach den Frühlingsfesten im deutschen Süden war das Wittgensteiner Volksfest traditionell der Einstieg ins „Reisen im Norden“, wie sie das nannten. Was nichts anderes war als der Wechsel von einem Markt zum nächsten – nördlich des Weißwurstäquators. Manchmal nur für ein oder zwei Tage, manchmal für eine ganze Woche. Je nachdem, wie lange so ein Marktfest dauerte und was es einbrachte.
Und weil sich eben der Stünzel wirklich gerechnet hatte, gab es gestern Abend kein Halten mehr. Der alte Raitmaier hatte sich in der Hotelgaststube dermaßen besoffen, dass er, von Frau und Hotelier gestützt, ins Zimmer geschleppt und dort kniend vor der Toilette geparkt werden musste. Und auch ‚Bene’, der Junior, hatte richtig was gerissen in der 0,5 Liter-Klasse. Pils bis zum Abwinken.
Eigentlich absolut atypisch für ihn. Zumal er seinen Absturz nahezu ohne jede Gesellschaft herbeigeführt hatte. In der Ecke des Bartresens. Aber die Mutter nahm diese Entwicklung mit Wohlwollen zur Kenntnis.
„Endlich, endlich, wead’s oana, ois wiea die onderen a.“ Sie hatte sich schon Sorgen gemacht, ihr Sohn könne gänzlich aus der Art schlagen.
Heute allerdings musste mal ‚gefastet’ werden. Denn Raitmaiers hatten vor, morgen in aller Herrgottsfrühe noch den Wochenmarkt in Dortmund-Eving zu besuchen und dann nach Erkelenz auf den Lambertusmarkt zu wechseln. Dort waren sie als wahre Exoten, unglaublich beliebt mit ihren Dirndln, Krachledernen, mit Trachtenhemden und mit bayerischer Lodenmode. Vier Tage lang würden sie sich die Seele aus dem Leib verkaufen. Um dann wieder unterwegs Ware aufzunehmen und weiter in Richtung Küste zu fahren.
„Sagen Sie“, kam plötzlich Hotelier Schorge ins Frühstückszimmer gestürmt, „Sie waren doch auch auf dem Stünzelfest.“
„Jo, warum? Wos is’n?“ Alois hatte als erster reagiert und registriert, dass der Mann eine zusammengefaltete Zeitung in der Hand hielt. Die nahm er ihm prompt aus der Hand, als Schorge von „Doppelmord auf dem Festplatz“ berichtete.
„Oha, ooooha! Jo, jo, des gibt’s ja garnet“, kommentierte er das, was er da las. „Do herob’n hom’s no a zwoaten um’bracht. Des is jo greijslich, is des jo. Mei Liawa. Warum hom mia dovon nix mitkriagt?“
„Des geht uns nix o“, meinte seine Frau, die ungestört weiter Papiere sortierte und rechnete.
„Jo, jo, do hot sie scho Recht. Wann die Preiß’n moanan, ’s miassat’n si geg’nseijtig umbringa, no loss’ ma eana den Spaß“, ergänzte Raitmaier senior die Aussage seiner Ludwiga. „G’rauft wead oiweijl un ibaroij“, fügte er an und nahm einen letzten Schluck aus dem Bierseidel. Sehr zum Entsetzen seines Sohnes.
Kienhewersch Winfried hatte die ganze Nacht nicht richtig schlafen können. Immer wieder war das Gesicht der toten jungen Frau in seinen Träumen aufgetaucht. Und immer wieder schreckte er hoch, musste er sich in seinem Bett aufsetzen und einen Schluck Wasser trinken aus der Flasche, die er auf seinem Nachtschränkchen deponiert hatte. Irgendwann am frühen Morgen, als ein weiterer Versuch einzuschlafen sich ohnehin kaum mehr gelohnt hätte, war er schließlich aufgestanden und hatte die Zeitung reingeholt.
Zeitung lesen bei einer Tasse frischen Kaffees. Dieses wunderbare Ritual hatte er beibehalten. Über den Tod seiner geliebten Frau hinaus. Es war eine schöne Erinnerung an sie. Wenn sie vor seinem geistigen Auge auftauchte, lächelte sie stets, während sie das kochende Wasser in den alten Porzellanfilter mit Pulver aus frisch gemahlenen Kaffeebohnen goss und damit ein herrliches Aroma in der großen Wohnküche entfaltete. Immer just in dem Moment, in dem er mit der Zeitung vom Briefkasten her in die Küche kam.
Dann schnitt er für jeden eine Scheibe Brot ab und schmierte richtig dick Butter drauf. Dazu eine Tasse Kaffee und einen kurzen Blick in die Gazette. Mehr als diesen kleinen Genuss gönnten sie sich nicht vor der Stallarbeit. Geduscht und richtig gefrühstückt wurde erst hinterher.
Eine erfreuliche Lektüre war der ‚Westfalenkurier‘ zwar schon lange nicht mehr. Wie alle Zeitungen in diesen Wochen und Monaten. Winnie hatte die ewigen Stories von Flüchtlingsobergrenzen, Brexit und Europa-Gegnern gründlich satt. Häufig überschlug er die ersten News- und Politik-Seiten, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Nachrichten über despotische Regierungschefs und über Kriege in Nahost und in Afrika waren am frühen Morgen nämlich zu sehr dazu geeignet, seine Laune auf den Nullpunkt zu fahren.
Heute aber drehte es dem Witwer förmlich den Magen um, als er die Lokalseite 1 der Zeitung aufschlug. Das Suchbild mit dem Gesicht von Holger Blecher war das erste, was ihn verstörte. Und dann schockte ihn der dazugehörige Artikel bis auf die Knochen. „Noch ein Mord? Mein Gott“, rief er, „gnädiger, gerechter Gott, wie kannst Du so was zulassen? Zwei Tote!“ Er wurde einfach nicht fertig mit dieser Nachricht.
Helmut und Ulla von ‚Mannes’ gegenüber hatten ihm die Information über das zweite Mordopfer gestern wohlweislich vorenthalten. Weil sie fürchteten, er würde durchdrehen, als er, total fertig von seinen Erlebnissen mit der toten Kathrin Kögel, am Abend dann doch noch zu ihnen hinübergekommen war.
Er brauchte Gesellschaft. Denn er machte sich Vorwürfe und wollte wissen, ob er sich zu Recht so kasteite. Diese dämliche Kripo-Frau hatte ihn einfach total konfus und fertig gemacht. „Sie hätten doch nur mal in den Hänger schauen müssen“, hatte sie gesagt. Totaler Schwachsinn! Das wusste er. Aber so ganz sicher war er sich eben nicht mehr.
„Ich hätte auch nicht nachgeschaut, wenn Dich das tröstet“, hatte Ulla schließlich geholfen, mit seinen Selbstzweifeln aufzuräumen und ihm ein kräftiges Abendbrot gemacht. Wissend, dass sich der Nachbar in einem beklagenswerten psychischen Zustand befand. ‚Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen’, hatte ihre Muter immer gesagt. ‚Wie recht sie hatte, die Liebe’, dachte Ulla, als sie sah, dass Winfried sich innerlich langsam wieder aufrichtete.
Helmut war am Nachmittag zuvor fast in Schockstarre verfallen, als ihn sein Nachfolger im Vorstandsamt mit der Nachricht vom zweiten Opfer konfrontierte. Der hatte ihn völlig konsterniert angerufen. „Fertig mit der Welt und drauf und dran, den ganzen Bettel gleich wieder hinzuschmeißen“, wie er sagte. „Das muss man sich mal reintun. Da übernimmt man einen Verein, der 183 Jahre eine Kreistierschau veranstaltet, die von Jahr zu Jahr größer und spektakulärer wird. Und die schließlich zu einem Riesenvolksfest mutiert. Und in all den Jahren passiert nix. Außer dass das Fest immer bekannter wird. Aber ausgerechnet in meinem ersten Vorstandsjahr gibt es dort zwei Morde. Verfluchte Hacke, wer soll das denn aushalten? Was passiert denn jetzt? Was muss ich denn jetzt machen?“
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