Kitabı oku: «50 Jahre Lehren und Lernen»

Yazı tipi:

Wolfgang Großmann

Vom Mitglied der Jungen Gemeinde zum Schulparteisekretär und zum Direktor einer Polytechnischen Oberschule – vom Zivilisten zum Lehroffizier an einer Offiziershochschule – aus den Problemen der Wende zum Dozenten an einer Privatschule.

Wolfgang Großmann

50 Jahre Lehren und Lernen

Von der POS

über die Offizierhochschule

zur Privatschule

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

ISBN 9783957444806

Coverfoto © aboikis - Fotolia.com

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

1. Kindheit und Jugend (1939-1957)

2. Lehre und Studium (1957-1962)

3. 20 Jahre Schuldienst (1962-1982)

4. Lehroffizier an der Offiziershochschule der Landstreitkräfte der NVA / Übergang von der NVA zur Bundeswehr (1982-1991)

5. Dozent an Privatschulen (1991-2013)

6. Veröffentlichungen

7. Staatsexamensarbeiten / Dissertation / Forschungsberichte

Kennen Sie Leipzig? Die Stadt der Synonyme: die Buchstadt mit der Deutschen Bücherei und der Buchmesse; die Musikstadt als Wirkungsstätte von Bach und Mendelssohn-Bartholdy; die Literaturstadt als Stadt der „Neuberin“ (Haus „Großer Blumberg“), des alten Gottsched und des jungen Goethe; die Handelsstadt: zu DDR-Zeiten „Drehscheibe“ zwischen Ost und West und früher und heute stets in Rivalität zur Residenzstadt Dresden; die Stadt der Völkerschlacht 1813; und last not least: die Stadt der Montagsdemonstrationen. 2015 kommt ein neues Synonym dazu: die 1000-Jährige.

Sie merken schon, ich bin stolz darauf, mit Pleißenwasser „getooft“ (getauft) zu sein.

Der Stadtteil, in dem ich geboren wurde, gehört nicht zu den attraktivsten von Leipzig. Wenn Sie sich vom Ausgang des „Schmuckstückes“ Hauptbahnhof nach links wenden, kommen Sie alsbald in den Leipziger Osten, in der Geschichte der „rote Osten“, also das Zentrum der kleinen Leute. Die Eisenbahnstraße, später Ernst-Thälmann-Straße, heute wieder Eisenbahnstraße ist/war eine Magistrale und Ausfallstraße nach Osten. Heute sagt man, die eine Straßenseite gehöre den Russen, die andere den Türken. Die Probleme sind also nicht weniger geworden, sondern größer. Hier lag das „Kolonial-Waren-Geschäft“, in dem mein Opa und meine Oma, mein Vater und meine Mutter arbeiteten. Damit war ich nach DDR-Verständnis ein Abkömmling des „Kleinbürgertums“, sprich der kleinen Händler und Gewerbetreibenden, von denen man in der „Klassengesellschaft“ ebenso wie von der „Intelligenz“ nie so recht wusste, wie man sie einordnen sollte.

1. Kindheit und Jugend (1939-1957)

Meine frühesten Erinnerungen gehen zurück auf die Bombennacht vom 4. Dezember 1943. Die Frauen und Kinder eines großen Eckhauses mit 16 Familien drängten sich an den Wänden des Luftschutzkellers zusammen, einige mit Stahlhelm auf dem Kopf, andere als Ersatz mit einem Kochtopf, der mit Bindfaden unter dem Kinn festgehalten wurde. Plötzlich brach die Wand zum Keller des Nebenhauses ein und eine Druck- und Feuerwelle fegte in unseren Keller. Meine Mutter nahm mich auf den Arm und jagte mit mir die Kellertreppe empor. Als wir uns aus dem Haus herausgekämpft hatten, empfing uns Feuer und Qualm, so dass man kaum atmen konnte. Meine Mutter schaffte es bis zur Hausecke, dann versagten ihre Kräfte. Irgendein Uniformierter kam zur Hilfe, nahm mich ihr ab und brachte uns ein paar Häuser weiter zu Bekannten, deren Haus noch heil war.

Diese Bekannten sind für mich wie 2.Eltern geworden, für mich waren sie „Vater“ und „Mutter“; wohl auch deshalb, weil ich insbesondere meiner Mutter und meinem Opa und meiner Oma sehr viel zu verdanken habe. Das Verhältnis zu meinem Vater war nie gut. Wir haben uns dann später an einen „status quo“ gehalten. Die Konsequenzen aus diesem Malus habe ich viel später in den Beziehungen zu meinem eigenen Sohn gespürt.

Hier liegt auch ein Schlüssel zu dem, was aktuell den schönen Namen „Gendermainstraiming“ trägt: die Balance zwischen der biologischen und der sozialen Rolle, gegenwärtig vor allem auf die Frau bezogen. Ebenso wenig wie wir die Frau auf ihre biologische Rolle – sprich: Küche – Kinder – Kirche = Wohltätigkeit – reduzieren dürfen und wir in der Gesellschaft dafür sorgen müssen, dass sich ihre soziale Rolle schrittweise ändert, ebenso wenig dürfen wir die Rolle der „Väter“ unterschätzen. In der Ausbildung von Erziehern, Altenpflegern, Krankenpfleger und Europasekretärinnen in den letzten Jahren habe ich manchen Strauß ausgefochten mit einigen alleinerziehenden Müttern, die aufgrund ihres hohen Engagements partout sehr schwer von ihrer Einstellung abzubringen waren „Ich kann den Vater 100%-ig ersetzen!“ Das hat mich veranlasst, einmal eine (unvollständige) Übersicht zusammenzustellen:

Männer bringen ihren Söhnen bei (manchmal auch ihren Töchtern – wenn der Sohn fehlt):

• die Art des Händedrucks

• wie man ein Werkzeug führt, Sachen im Haushalt repariert …

• wie man ein Spielgerät bastelt

• wie man Fußball, Handball, Basketball, Volleyball … spielt (Gemeinschaftssportarten!)

• worauf man achtet, wenn man einem weibliches Wesen gegenübertritt (als Kind: Umgang mit Mädchen; als Jugendlicher: Umgang mit Frauen)

• wie man mit Anstrengung und Konzentration (Wille!) etwas erreicht: im körperlichen ebenso wie im psychischen Bereich („starker Mann“ im Sinne von körperlich und/oder psychisch stark)

• worauf man „stolz“ ist (vgl. „Vaterstolz“ im Gegensatz zu „Mutterliebe“)

• wie man sich einordnet, auch unterordnet („Zucht“, Gehorsam, Disziplin)

Summa:

Männer bringen ihren Söhnen bei, wie man sich in der „Männerwelt“ verhält.

Diese „Männerwelt“ ist eine „Statuswelt“; hier gelten sehr stark Hierarchie, Macht und Unabhängigkeit.

Doch zurück zu meiner Kindheit: der Laden war nach der Bombennacht zerstört, die Wohnung nicht mehr bewohnbar – ich bekam davon sehr wenig mit, weil ich mit „Mutter“ in das von Kriegswirren ziemlich unberührte Oppach / Oberlausitz zu Verwandten von „Vater“ zog. Erst als der Krieg in die letzte, entscheidende Phase trat, kehrten wir nach Leipzig zurück.

Von den letzten Kriegswoche in Leipzig blieb haften: Mitten auf unserer Kreuzung, von der 6 Straßen strahlenförmig abgingen, hatte man aus taktischen Irrsinn alte Männer und halbe Kinder postiert. Mit einer MG-Stellung sollten sie die Panzer aus Richtung Torgau aufhalten. Schon deren erste MG-Stöße hinterließen nur Verwundete. Eingeprägt hat sich mir das Bild der Rote-Kreuz-Schwester, die mit der Rot-Kreuz-Fahne auf die Kreuzung lief, um die Verwundeten zu versorgen. Die Amerikaner ließen sie gewähren. Dann demonstrierten sie ihre Macht: Am Fenster unseres kleinen Ladens „fetschten“ Leuchtspurgeschosse die Straße entlang; gottseidank ohne Querschläger.

Noch ein Erlebnis aus der kurzen Besatzungszeit der Amerikaner nach dem 18./ 19.April 1945 blieb haften: Wir lebten damals zu fünft in einer kleinen Stube hinter dem Laden. Zum Schlafen mussten wir ein paar Häuser weiter in den Gastraum einer Gaststätte. Eines Abends hatten wir die Sperrstunde überzogen und wurden ziemlich barsch von einer amerikanischen Patrouille angehalten. Es war mein cleverer Opa, der „mit Händen und Füßen“ erklärte, dass wir nur schlafen gehen wollten. Das breite „Go on!“ war eine Erleichterung für uns.

Irgendwann in den nächsten Wochen war unsere Wohnung wieder so zusammengeflickt, dass sie halbwegs bewohnbar war. Vom 3. Stock her bleibt mir unvergessen der Einzug der Russen nach dem 2.Juli 1945. Statt mit Panzern kamen sie mit Panjewagen. Auf den Ruinenfeldern neben unserem Haus biwakten sie mit Feuer, Musik und Tanz. Später – als unsere „Schlaf-Gaststätte“ wieder ein florierendes Gasthaus geworden war – gab es schon immer wieder einmal einige Russen, die dort zu viel tranken. Wurde es zu arg, fuhr ein LKW vor und von der Tür her wurden durch 2 MP’s die „Leblosen“ in hohem Schwung auf den LKW befördert, wo sie ein 3. MP mit dem Kolben „sortierte“. Andererseits haben wir nie erlebt, dass ein Angetrunkener allein gelassen wurde – und wenn er auf dem Trittbrett der Straßenbahn festgehalten wurde, damit er sich nach außen entleeren konnte.

Am 1. Oktober 1945 zog ich mit Schiefertafel und Griffelkasten in die 16.Grundschule ein. Sie hielt mich 18 Jahre fest: 8 Jahre als Schüler und 10 Jahre als Lehrer.

Mein Klassenleiter in der 1. Klasse ist mir in Erinnerung als alter, gütiger Mensch, was ihn aber nicht davon abhielt, uns auch mal eins mit dem Rohrstock „überzuziehen“.

Warum erinnert sich fast jeder Mensch an den/die Klassenleiter/in der 1. Klasse? In unserer Familie erhielten wir einen Einblick dazu, als unsere Tochter die 1. Klasse besuchte. Wir hatten die kluge Idee, für sie eine kleine Schiefertafel in ihrer Spielecke aufzuhängen. Dort war ihr bevorzugter Platz: Sie war die Lehrerin und ihre Puppen die Schüler. Als heimliche „Mäuschen“ bekamen wir alles mit, was sich am Vormittag in der Schule ereignet hatte. Diese Erkenntnis habe ich später in der Lehre der Entwicklungspsychologie immer wieder betont: In der 1. Klasse hat in Erziehungsfragen nur einer das „Sagen“: der Lehrer (vor allem, wenn er gut ist!). Eltern können in diesem Alter ihrer Kinder keinen größeren Fehler machen als dagegen zu opponieren – im schlimmsten Fall vor dem Kind. Der Lehrer ist die „Lichtgestalt“, die dem Kind eine ganz neue Welt eröffnet.

Das verleidet leider einige Lehrerkollegen – insbesondere Frauen – zur Meinung, diese besondere Wirkung halte lange über die 1. Klasse hinaus an. Als stellvertretender Direktor und als Direktor hatte ich immer wieder Diskussionen mit Kollegen, die vorrangig in der 1. Klasse, maximal in der 2. Klasse eingesetzt werden wollten („Glucken-Syndrom“). Sie scheuten sich, den Entwicklungsprozess mitzugehen, zu begleiten, sogar zu forcieren, dass sie die Schüler in der 3. und 4. Klasse immer mehr „von sich weg“ schieben damit das Team die „Bestimmer-Rolle“ einnimmt.

Mit der Schulreform 1946 in der sowjetischen Besatzungszone verschwand der ältere Herr und mit ihm der Rohrstock. Wir bekamen eine junge, anfangs noch unverheiratete Lehrerin, die uns mit ihrem Engagement und mit ihrem Enthusiasmus in den Klasse 2-4 geprägt hat. Sie war es auch, die mir taktvoll über eine peinliche Situation hinweggeholfen hat. Weil ich eine zu große „Tolle“ auf dem Kopf trug, ging mein Vater mit mir zum Frisör und gab ihm die Anweisung „alles runter“. Der Frisör nahm das wörtlich und verpasste mir einen Kahlschlag. Ich schämte mich unendlich vor meinen Mitschülern. Frl. M. nahm das Ganze mit Humor und erlaubte mir (ausnahmsweise!) in den ersten Wochen im Unterricht die Mütze aufzubehalten. Später half mir das vielleicht, als ich am Ende meiner „Lehrer – Zeit“ junge Libyer in Deutsch unterrichtete. Sie standen unter dem Kommando des Militärattachés der libyschen Botschaft in der DDR und der hatte kurzerhand einem „Nicht-Fleißigen“ den Kopf scheren lassen. Und so sollte er als 18-Jähriger vor den Jugendlichen, ganz besonders vor den Mädchen, in einer Berufsschule erscheinen! Meine Erlaubnis zur Mütze entschärfte auch hier die Situation!

Meine damalige Klassenleiterin, Frl. M., war auch großzügig in der Auslegung des Lehrplanes. Denn die Lehre der „deutschen Schrift“ (Sütterlin) stand bestimmt nicht drin! Ihrem Unterricht verdanke ich es, dass ich Sütterlin heute zumindest noch lesen kann. Das half mir während meines Geschichtsstudiums beim Lesen alter Akten und erleichterte mir den Umgang mit schriftlichen Unterlagen meines Vaters, der sich erst allmählich von der Sütterlin-Schrift zu einem Mischmasch von Sütterlin und lateinischer Schrift bewegte.

In den rauen Nachkriegsjahren hielt sich unsere Familie eher schlecht als recht mit dem kleinen Milch- und Lebensmittelladen über Wasser. „Spiritus rector“ war mein Opa. Er hatte sich – vom Lande kommend – den nunmehr zerstörten Laden aus eigener Kraft aufgebaut. Er sorgte dafür, dass keiner von uns hungerte. Für mich war immer etwas da, was mit Milch zusammenhing: Milch, Quark, Käse. Sie gehören noch heute zu meinen Lieblingsspeisen. Als mein Opa 1950 starb, war das für mich ein tiefer persönliche Einschnitt und das „Aus“ für den Laden „auf Raten“. Eine kaufmännische berufliche Zukunft war deshalb für mich nie ein Thema.

Angesichts der ca. 15 Familien im Haus war die Zahl von 15-20 Kindern nicht ungewöhnlich. So viele passten aber nicht auf den Hof, zumal der Hof betoniert, oft voll Wäsche oder blockiert war durch Gegenstände aus den Läden im Erdgeschoß. Das größte Problem für uns Kinder war ein sehr strenger Hausmeister, der stets bei einem gewissen Lärmpegel einschritt. Aus dieser Situation entwickelte sich eine altersheterogene Spielgruppe, wie man sie heute wohl kaum mehr findet. Unter dem Kommando von 2 älteren Mädchen (15-16 Jahre) fanden sich vom Kleinkind bis zum Jugendlichen etwa 15 Heranwachsende zusammen und zogen mit Kinderwagen und Essen und Trinken in einen nahegelegenen kleinen Park, den Volksgarten. Selbst wir 3 „halbwüchsigen“ Jungen von ca. 8 Jahren waren nur manchmal „aufmüpfig“, meist aber froh, wenn einer von uns beim Familienspiel im Volksgarten die „Vaterrolle“ übernehmen durfte. Nach einigen Stunden kam die ganze Truppe dann wohlbehalten wieder in unserem großen Eckhaus an.

Im Herbst bestimmte die Herbstmesse das Bild der Stadt. Parallel interessierten wir uns als Kinder für den „Tauchschen“1. Wir verkleideten uns, vorwiegend als Trapper oder Indianer und dann begannen die meist nur angedeuteten Auseinandersetzungen Straße gegen Straße, beispielsweise Graßdorfer Straße gegen Edlichstraße. Das ging solange, bis der Ruf ertönte: „Es geht gegen (den benachbarten Stadtteil) Schönefeld!“. Dann sammelte sich die ganze Meute aus verschiedenen Straßen auf den zwei Brücken der Verbindungsstraße zu Schönefeld. Zwischen diesen beiden Brücken ging es ständig hin und her mit „Vorstößen“ und „Rückzügen“. Selten kam es dabei zu echten Keilereien. Die Leidtragenden waren meist die anliegenden Gartenbesitzer, die regelmäßig nach dem „Tauchschen“ einige zweckentfremdete Zaunlatten ersetzen mussten.

In den Klassen 7 und 8 bekamen wir einen neuen Klassenleiter: Herrn F. als Deutsch- und Geschichtslehrer. Er hat – für mich zunächst völlig unbewusst – meinen Berufswunsch „Deutsch- und Geschichtslehrer“ beeinflusst. Mich beeindruckte sein Wissen, seine Ruhe und Ausgeglichenheit und sein Gerechtigkeitssinn. Leider war er gesundheitlich nicht in der Lage, mit uns große Ausflüge und Wanderungen zu unternehmen. Dafür passte haargenau der Klassenleiter unserer Parallelklasse, Herr M. In seinem Unterricht ging es immer locker zu und die Wanderfahrten und Badeausflüge mit ihm und seiner Familie waren für uns in diesem Alter genau das Richtige. Er hatte nämlich keine Probleme damit, zusätzlich zu seiner Klasse auch die Interessierten aus unserer Klasse zu betreuen. So wirkten vor allem 2 Lehrer auf mich: einer für das Abenteuerliche und das Leben im Team und einer für das Wissen und die Sinnfindung.

Das spiegelt sich auch in der persönlichen Freizeitgestaltung wider: intensive sportliche Betätigung oder spezielle Hobbys waren nie „mein Ding“, ich brauchte vor allem Bücher. Das Wochenende oder Feiertage wurden ausgestaltet mit einem Stapel Bücher, die ich mir aus der Leihbücherei holte: Wild-West-Romane (siehe „Billy Jenkins“!), Krimis und „Zukunfts“-Romane. In meiner Vorstellung nahm ich an der Handlung selbst teil, schärfte mein Lesevermögen und meine Ausdrucksfähigkeit.

Der Gerechtigkeitssinn von Herrn F. bewies sich in einer Situation: Ich gehörte zu den 3 Rabauken in der Klasse, die für viele Streiche verantwortlich waren, denen aber auch manches voreilig „in die Schuhe“ geschoben wurde. Um uns zu bestrafen und gleichzeitig Ordnung zu schaffen, wurden wir 3 Rabauken 4 Wochen strafversetzt: je einer in die Mädchenklasse und einer in die parallele Jungenklasse (der hat sich am meisten geärgert!). Die 4 Wochen in der Mädchenklasse im 7.Schuljahr waren die erfolgreichsten im ganzen Jahr. Nachdem ich die erste Scheu abgelegt hatte, bekam ich hier meine besten Noten, weil ich mich angestrengt habe und weil ich nach „Mädchen-Maßstab“ beurteilt wurde. Unvergessen bleibt mir ein Geschichtsreferat. Vorher gab es Kirschwein, weil ein Mädchen Geburtstag hatte; danach habe ich noch nie so flüssig wie vorher geredet. Leider waren die 4 Wochen bald vorbei; aber Herr F. hatte die Übeltäter gefunden, die sich hinter unserem Rücken versteckt hatten.

Eine wichtige Rolle in meinem Leben an der Grundschule und zum Teil noch an der EOS (Erweiterte Oberschule = Klassen 9-12) spielte die „Jungen Gemeinde“. Ich war nie Mitglied der „Jungen Pioniere“, weil deren Arbeit an der Schule dröge, langweilig und ideologisch überfrachtet war. In unserer Klasse gab es neben mir noch den Sohn eines Goldschmiedemeisters und den Sohn eines selbständigen Zahntechnikers. Wir standen immer politisch abseits.

Mit dem Beginn des Konfirmandenunterrichts lernte ich das Leben in der „Jungen Gemeinde“ kennen und fühlte mich dort geborgen. Das hatte vor allem etwas zu tun mit der charismatischen Gestalt des Pfarrers K. an der Lukas-Kirche in Leipzig-Volkmarsdorf2.

Über ihn heißt es in den Unterlagen der Abteilung V der MfS-Bezirksverwaltung Leipzig, „er habe die Pionier- und FDJ-Arbeit an der 16. und 18. Grundschule vollkommen zerschlagen“3. Das ist sicher überzogen, aber das, was in der „Jungen Gemeinde“ geschah, war wesentlich attraktiver, weil kinder- und jugendgerecht. In dem damals äußerlich recht unattraktiven Gemeindehaus in der Juliusstraße fanden wir uns 1x in der Woche zu einem Nachmittag zusammen. Am Beginn stand immer eine Wild-West-Geschichte, von Pfarrer K mitreisend erzählt. Im Mittelpunkt der Geschichten stand Christian Ritter(!), ergänzt durch den „Haudrauf“ Bobby. Durch mein Wild-West-Schmökern bekam ich bald mit, dass die Geschichten „entlehnt“ waren bei Billy Jenkins4. Nach den Geschichten folgten Wettspiele zwischen den Gruppen – so recht nach dem Geschmack von Jugendlichen, die sich beweisen wollen. Absolute Höhepunkte waren Zusammenkünfte mit anderen „Junge Gemeinden“ aus Leipzig und Umgebung in und um das Rüstzeithaus Sehlis. Hier fanden wir all das, was ich viel später in meiner Dissertation zur Traditionspflege zum Ritual hervorgehoben habe: gemeinsame Bewegungen, Klänge (Glocken!), Farben, Musik – eine geballte Ladung von Emotionalität, die unweigerlich besonders beim „sinnsuchenden“ Jugendlichen ihre Wirkung hinterlässt. Mit stolzgeschwellter Brust wurden wir nach dem „Kond-Kreis“ (Konfirmanden-Kreis) in den „großen Kreis“ aufgenommen. Jetzt durften wir auch Pfarrer K. nach dem „großen Kreis“ nach Hause begleiten.

Mit meiner Schulzeit in der EOS kamen dann andere Einflüsse zum denen der „Jungen Gemeinde“. Aber auch die „Junge Gemeinde“ in Volkmarsdorf befand sich auf einem absteigenden Ast. Es schlug wie eine Bombe ein, als bekannt wurde, dass Pfarrer K. sich mit einer jungen Frau aus dem „großen Kreis“ verlobt hatte. Damit änderte sich viel im Beziehungsgefüge. Nach meiner subjektiven Meinung spielte auch eine Rolle, dass die Verlobte jemand war, die wir bisher kaum wahrgenommen hatten.

Der 17. Juni 1953 sollte eigentlich ein normaler Tag in meinem Schülerleben werden. Pikanterweise war für diesen Tag die Abschlussprüfung in „Gegenwartskunde“ angesetzt.

Wir wurden in der Schule informiert, dass die Prüfung an diesem Tag nicht stattfinden würde. Gleichzeitig sprach es sich herum, dass in der Stadt „etwas los“ wäre. Abenteuerlustig wie wir waren, machten wir uns sofort auf den Weg, um „dabei“ zu sein. Die wirkliche Rolle dieses Tages habe ich erst viel später begriffen.

Als erstes erlebten wir eine Menschenmenge am damaligen Ort der Kreisleitung der SED, Ernst-Thälmann-Straße / Ecke Elisabethstr. Die Kreisleitung war schon mächtig ramponiert. Eine Gruppe von ca. 8-10 Angehörigen der KVP (Kasernierte Volkspolizei) sollte die Kreisleitung verteidigen. Mit ihnen diskutierten, zum Teil handgreiflich, aufgebrachte Menschen. Einige KVP-Angehörigen beharrten auf ihren Auftrag, 2 nahmen ihre Gewehre und zerschlugen sie an der Bordsteigkante.

Uns zog es weiter in die Innenstadt. An einigen Straßenbahnen stand in schneller Schrift geschrieben „Spitzbart, Bauch und Brille“ (Ulbricht, Pieck und Grotewohl) „sind nicht des Volkes Wille“. Die Gruppen von Menschen, die gleich uns unterwegs waren, führten uns von der Hauptstraße fort in eine Nebenstraße. Dort klaffte im Erdgeschoß eines Hauses ein riesiges Loch. Sowjetische Panzer hatten die Nebenstraßen benutzt, um möglichst unbemerkt in die Innenstadt zu kommen. Dabei war einer aus der Spur gekommen und mit dem Geschützrohr in der Wohnstube einer Familie gelandet.

In der Innenstadt wurden wir an der Bezirksleitung der FDJ in der Ritterstraße Zeuge, wie sich der Zorn der Menschen an Sachen entlud. Schreibmaschinen, Akten, Schreibtische flogen aus den Fenstern auf die Straße. Wir wurden abgelenkt durch eine große Menschenmenge, die vom Augustusplatz her in Richtung Hauptbahnhof zog. Auf ihren Schultern trugen einige Männer zwei Tote. Wir erfuhren, dass sie in den Kämpfen am Geviert „Wächterburg“ erschossen wurden, wo die aufgebrachte Menschenmenge die Polizei und das Gefängnis gestürmt hatte, um die dort Eingekerkerten zu befreien.

Die Menge zog hinunter zum Hauptbahnhofsvorplatz als von der Westseite des Bahnhofes her plötzlich sowjetische Panzer auf den Platz einschwenkten. Ihr MG-Feuer ging zwar über die Köpfe hinweg, aber die realen Einschläge in das Dach der Straßenbahn, in die wir „hineingehechtet“ waren, bewiesen uns, dass mit scharfer Munition geschossen wurde. Als uns der Ernst der Situation bewusst wurde, verdrückten wir uns doch lieber nach Hause. Meine Mutter war heilfroh, als ich wieder zu Hause war. Sie hatte wegen mir Todesängste ausgestanden.

Die Gegenwartskunde-Prüfung wurde nie nachgeholt, aber der 17. Juni 1953 ermöglichte es mir, den Abkömmling des „Kleinbürgertums“, auf die EOS (Erweiterte Oberschule = Klassen 9-12) zu gehen. Vorher war ich wegen meiner „Herkunft“ abgelehnt worden.

Mit dem September 1953 war ich also Schüler an der Nicolai-Oberschule. Auch wenn wir manchmal „Nickel-Töppe“ genannt wurden, waren wir doch stolz darauf, Schüler der ersten weltlichen Schule von Leipzig5 zu sein. Das galt besonders dann, wenn wir im Wettstreit standen mit den beiden anderen EOS im Stadtbezirk, der Richard-Wagner-EOS und der EOS Humboldt.

Eine der ersten Veranstaltungen außerhalb des Unterrichts war die Wahl der FDJ-Gruppen- Leitung der Klasse. Für mich völlig überraschend war die Entscheidung meiner Mitschüler, mich zum FDJ-Sekretär zu wählen. Dieses Votum tat meinem Selbstbewusstsein gut, also gab ich meinen Antrag zur Aufnahme in die FDJ ab.

Mit meinen Klassenkameraden erlebte ich im Mai 1954 das Deutschlandtreffen der Jugend in Berlin. Romantisch war schon die Fahrt im „Vieh“-Waggon nach Berlin. Am Vortag war ich mit einer Art „Becker-Hecht“ beim 100-m-Lauf ins Ziel gekommen. Die Aschenbahn hinterließ deutliche Spuren auf meinem Bein von der Hüfte bis zum Knöchelgelenk. So hatte die unsere Hundertschaft begleitende Rote-Kreuz-Schwester immer etwas zu tun. In Berlin wurden wir von freundlichen Berlinern zur Übernachtung auf ihrem Dachboden empfangen.

Seit diesem Treffen ist mir die „Knacker“-Wurst verleidet, weil in den Verpflegungsbeuteln für früh, mittags und abends mindestens eine zu finden war. Da die Nächte meist kurz waren, mussten wir uns auf der Rückfahrt ausschlafen. Dabei wären wir fast aus den offenen Schiebetüren „herausgerüttelt“ worden.

Das nächste Deutschlandtreffen 1964 erlebte ich schon als junger Lehrer, gemeinsam mit meinen Schülern. In Erinnerung geblieben ist mit die taktische Leistung mit meiner 10-er Gruppe von Schülern immer gemeinsam an der verabredeten S- oder U-Bahnstation ein-bzw. auszusteigen. Zu diesem Zweck hatten wir die Gruppe in zwei 5-er Gruppen aufgeteilt, eingedenk der Erkenntnis, dass man 5-7 Dinge plus/minus 2 wahrnehmen kann! So haben wir auch im größten Gedränge nie einen verloren.

Zu den Weltfestspielen 1973 sah die Situation schon anders aus: Als stellvertretender Direktor war ich neu an der 18. Polytechnischen Oberschule. Die Verbindung zu den Schülern war noch nicht so eng und für das Übernachten in Massenquartieren war ich wohl schon etwas zu alt. So nutzte ich den Tod Walter Ulbrichts für ein fingiertes Telegramm, das mich vorzeitig nach Hause rief.

Doch zurück zur EOS: In Erinnerung ist mir mein Klassenleiter geblieben, Herr T. Er war etwas skurril, aber liebenswert. Mit der Position, man muss so von zu Hause weggehen, dass man die Schule/Arbeitsstätte zu Fuß erreicht, zerpflückte er all unsere „Zuspätkomm“-Argumente. Wir konnten schlecht widersprechen, weil er das nicht nur postulierte, sondern selbst realisierte, obwohl er in Lindenau (also in der anderen Stadthälfte) wohnte. Außerdem meinte er: Wenn ich ein Buch über eine Stunde suchen soll, ist mir die Zeit zu kostbar! Dann kaufe ich es lieber neu (aber nur bei DDR-Bücher-Preisen!).Ich muss gestehen, dass ich seine Gutmütigkeit einmal ausgenutzt habe. In der Mathematik-Prüfung zur Mittleren Reife wurde ich beim Spicken von der kompromisslosen Biologie-Lehrerin erwischt. Vor Herrn T. habe ich wortreich meine Unschuld beteuert. Es hatte keine weiteren Konsequenzen für mich.

Direktor der Schule war Herr M., Verdienter Lehrer des Volkes. Durch den Krieg war er beiderseitig beinamputiert. Trotz dieses Handicaps marschierte er bei der 1.-Mai-Demonstration immer an der Spitze des Zuges, obwohl er aufgrund seiner Stellung mindestens 2 Tribünenplätze erhalten hätte. (Und da wurde noch wirklich marschiert: von den Stadtbezirken strahlenförmig in die Innenstadt. Nicht wie später: Treffen in der Innenstadt; um 3-4 Ecken, dann an der Tribüne vorbei.) Dieses Beispiel hat uns mächtig imponiert und kaum einer von uns hat sich bei der Mai-Demonstration verdrückt.

Einen zweiten, viel profaneren Anreiz gab es allerdings auch. In den meisten Demonstrationen marschierte die Schule hinter dem Patenbetrieb. Und das war die Riebeck-Brauerei. Zum Umzug gehörten immer ein paar echte Brauerei-Wagen, gezogen von einem Vierer-Gespann von „Riebeck-Pferden“ und meist gefüllt mit echtem Bier, das nicht unbedingt wieder zur Brauerei zurückgeführt wurde.

Eingeprägt hat sich mir auch unser Biologielehrer. Er war von seiner auf Klassifikation beruhenden Wissenschaft so eingenommen, dass wir nur einige Fragen zu zurückliegenden Themen stellen brauchten. Schon setzte er mit seinem Vortrag dort wieder ein – wie bequem für uns. Seine Tochter gehörte zu unserer Parallelklasse. Sie haben wir immer bedauert, weil sie bei jedem Blödsinn der Klasse die Leidtragende war. Damals ist in mir die feste Überzeugung entstanden, niemals die eigenen Kinder in der Schule zu unterrichten – das habe ich auch durchgehalten.

Die 11. und 12 Klasse ist für mich verbunden mit der Reminiszenz an meinen Deutsch-Lehrer, Herrn M. Wir bewunderten ihn ob seiner Fähigkeit, kurze Zeit, nachdem er laut geworden war, wieder in einem ruhigen, entspannten Ton überzugehen. Er verriet uns einmal, wie da möglich war: „Ich rege mich doch nicht wirklich auf – da ist nur pädagogischer Zorn!“ An diese Äußerung habe ich mehrfach in meinem Lehrer-Leben versucht, anzuknüpfen. Gelungen ist es mir nur manchmal.

Herr M. hat dann deutlich meine Liebe zur Literatur und damit mein Deutsch-Lehrer-Dasein geprägt. .Noch heute bewahre ich die Aufsätze aus dieser Zeit auf: „Nora“ oder „Ein Puppenheim“ (Henrik Ibsen) – die Ehe der Nora Helmer“, „Germinal“, Zola und der Naturalismus“ und ganz besonders „Im Weiterschreiten find er Qual und Glück; er, unbefriedigt jeden Augenblick“ – die Entwicklung Fausts“.

In der 12. Klasse wurde die Entscheidung zur Studienwahl immer drängender. Lieblingswunsch meiner Mutter wäre das Medizinstudium gewesen. Sie hätte es selbst gern absolviert, aber als 2.Mädchen bei 5 Geschwistern war das nicht zu realisieren. Meine Leistungen hätten dafür auch nicht gereicht. Echter Liebeskummer ausgerechnet in der Zeit der Abitur-Prüfungen machte die Sache noch schlimmer.

Meine Mutter stammte aus einer Eisenbahner-Familie. So reifte langsam der Entschluss, diese technische Richtung einzuschlagen. Die staatliche Festlegung, dass alle Studien-Anfänger auch in der Eisenbahner-Richtung vor Studienbeginn einen Berufsabschluss vorweisen mussten, führte dazu, dass ich am 01.09.1957 eine Lehre als Berufs- und Verkehrseisenbahner am Reichsbahnamt Leipzig, Ausbildungsdienststelle Bahnhof Altenburg, begann.

2. Lehre und Studium (1957-1962)

Auch hier leistete ich mir eine Besonderheit: die Ausbildungsdienststelle musste für mich zunächst ohne Leistung von mir Lehrlingsentgeld zahlen, weil ich mit einer Blinddarmoperation ins Krankennhaus eingeliefert wurde.

In der Berufsschule des Reichsbahnamtes wurden wir ehemaligen EOS-Schüler in einer Klasse zusammengefasst und unsere Ausbildung auf zwei Jahre reduziert. Wir müssen gegenüber den anderen Lehrlingen wohl ganz schön hochnäsig aufgetreten sein. Das hat mir meine Frau öfter aufgetischt – den das war das wichtigste Ergebnis meiner Lehrlingszeit: Ich habe dort meine Frau kennengelernt.

Noch etwas blieb im Gedächtnis haften: Ein Schulkamerad aus der Grundschul- und EOS-Zeit hatte mich nach Berlin eingeladen. Dazu brauchte ich eine Genehmigung der Ausbildungsdienststelle. Die bekam ich nur bei meiner Verpflichtung, West-Berlin nicht zu besuchen. Mein Klassenkamerad als inzwischen eingefleischter Berliner – der k-Laut anstelle von „ch“ gehörte fest zu seinem Repertoire – zerstreute meine Bedenken und mich lockte der „Westen“. Am S-Bahnhof Friedrichstraße glaubte ich jemand aus meiner Ausbildungsgruppe zu erkennen – war mir aber nicht sicher.

Viel später – in der Funktion des Schulparteisekretärs – gab es die einzigartige Möglichkeit, Einblick in die eigene Kaderakte zu nehmen. Siehe da – ich hatte mich nicht geirrt. Die Kaderakten enthielten eine Notiz, dass ich trotz meiner Zusicherung die Grenze zu West-Berlin überschritten hätte.

Am Ende der Ausbildungszeit setzte wieder das Ringen ein, wer erhält die Erlaubnis an der Verkehrshochschule in Dresden zu studieren. Außer einigen „Auserwählten“ sollten wir anderen auf verschiedene Bahnhöfe im Reichsbahnamtsbezirk Leipzig verteilt werden. Das hätte bedeutet, dass allein der Dienststellenvorsteher entschieden hätte, ob und wann wir zum Studium zugelassen werden. Dieser Weg war mir eindeutig zu unsicher. Ich besann mich auf meine Vorliebe für Deutsch und Geschichte und bewarb mich für ein Lehrerstudium.

Ende Juni 1959 hielt ich meine Zulassung für ein Studium als Deutsch- und Geschichtslehrer für die 10-klassige polytechnische Oberschule in den Händen. Die Deutsch-Ausbildung sollte am Pädagogischen Institut Leipzig, die Geschichts-Ausbildung an den historischen Instituten der Universität Leipzig erfolgen.

Das Studium begann mit einem 14-tägigen Vorbereitungslehrgang im GST-Lager Bärenstein. Die militärischen Grundübungen waren zu ertragen; wichtiger war das gegenseitige Kennenlernen. Hier wurde ich wieder zum FDJ-Sekretär gewählt.

Im Laufe des ersten Studienjahres spürten wir allmählich den Unterschied im Studienbetrieb am PI und an der Universität. An den historischen Instituten der Universität bekamen wir (in den meisten Fällen) Spezialisten des Faches als Dozenten; manche so von ihrem Fach begeistert, dass sie uns mitrissen – manche ziemlich trocken – und dann noch im Anatomie-Hörsaal an einem Wochentag 17.00 Uhr! Es blieb jedem selbst überlassen, wie er sich angesprochen fühlte und was er für sein eigenes Wissen tat. Bei der nächsten Prüfung zeigte es sich dann, was jeder Einzelne wirklich „drauf“ hatte.

Ganz anders am PI. Es war mehr oder weniger eine Fortsetzung des Schulbetriebes, bis hin zur Anwesenheitskontrolle. Wir gewöhnten uns schnell an diese Atmosphäre und waren eifrig dabei, uns mit einer Studentin unserer Gruppe auseinanderzusetzen, die mit den Inhalten und der Atmosphäre nicht zurechtkam. Nach mehreren Aussprachen blieb sie weg. Also fuhren der FDJ-Sekretär und eine etwas ältere Studentin zu ihr und ihren Eltern nach Zwickau, um erneut mit ihr zu reden. Sie bekamen wir leider gar nicht zu Gesicht und mit den Eltern fanden wir auch keinen gemeinsamen Nenner. Das Ereignis – ideologisch verpackt – fand Eingang in den Beitrag unserer Seminargruppe zum Kulturwettstreit:

(1) (Melodie: „Ich bin die Christel von der Post …“)

Ich bin aus bürgerlichem Haus,

die höhere Tochter kehr ich raus,

aber das macht nichts,

wenn man nur stolz ist,

wenn man was darstellt,

aus besserm Holz ist.

Recht wenig Arbeit und viel Geld,

ja das ist meine Welt.

(2) (Melodie: „Dunkelrote Rosen …“)

Wie mein Vater sagt, soll ich nun studieren.

Na, man kann es ja auf jeden Fall probieren.

So macht’s die Familie seit Generationen schon,

denn es gehört ja wohl bei uns zum guten Ton.

(3) (Melodie: „Mit 14 Jahren fing er als Schiffsjunge an …“)

Mit 18 fing ich dann am PI an.

Ich war fast die Jüngste, doch ich hielt mich schon ran,

und jeder Junge war hinter mir her,

o, Studium so gefällst du mir sehr.

(4) (Melodie: „Ein Männlein steht im Walde …“)

Doch dann nach einem Jahre, ach wie gemein,

da musste ich zur Prüfung und ich fiel rein.

Und sie sagten:

(5) (Melodie: „Ich komme wieder …“)

Ach komm doch wieder in einem Jahr

Setz dich mal nieder, und mach dir klar,

so geht es auf keinen Fall

sonst kommt eines Tages der große Knall.

(6) (Melodie: „Erst 17 Jahr …“)

Im Seminar Tamtam war groß,

was ich mir dächte, was mit mir los.

In der DDR wär’s wohl famos.

Nur keine Arbeit, her mit dem Moos.

(7) (Melodie: „Von den blauen Bergen …“)

Oh, mir reißt jetzt endlich die Geduld

Und dran sind die selber schuld.

Wenn sie so behandeln ihre Besten,

geh‘ ich eben nach dem Westen,

hier treibt man ja Proletenkult.

Jawohl ich bleibe dabei: In der DDR ist kein Bürgerlicher frei.

Es ist unschwer zu erkennen, wie „revolutionär“ wir uns fühlten, beeinflusst von der klassenkämpferischen Welle im Vorfeld des 13. August 1961.

Ich selbst hatte über einige Umwege meine Bestimmung gefunden: Ich konnte von den Anfängen der Geschichte an in Ereignisse, Ursachen und Zusammenhänge eindringen und diesen historischen Hintergrund mit der Entstehungsgeschichte von literarischen Werken verbinden. Dass es im Fach „Deutsch“ auch noch den Teilaspekt „Sprache“ gab, betrachtete ich als notwendiges Übel.

Starken Einfluss hinterließ bei mir das Fach Marxismus-Leninismus. Fast ohne Ausnahme hatten meine Kommilitonen Berufs- oder NVA-Erfahrungen hinter sich und dementsprechend auch Lebenserfahrungen. Deshalb gab es in den ML-Seminaren immer rege Diskussionen, Vergleiche mit den eigenen Standpunkten und keine Schwarz-Weiß-Malerei. Mir eröffneten sich Einsichten in historische Zusammenhänge und Zugänge zu den Gedanken von Marx, Engels und Lenin. Ich wollte mich in die gesellschaftliche Entwicklung stärker einbringen und bat um Aufnahme in die SED. Diese Aufnahme wurde abgelehnt mit der interessanten Begründung, „ich hätte kein gutes Verhältnis zu den Genossen der Parteigruppe innerhalb der Seminargruppe“. Mit der Berufs- und Lebenserfahrung späterer Jahre hätte ich bei dieser „Begründung“ mehr „hinter die Kulissen“ schauen müssen. Was waren die wirklichen Gründe? Richtig war, dass in der Parteigruppe einige wenige Genossen den Ton angaben, die „Revolution“ mit 3 „R“ schrieben. Sie gerieten immer wieder in Konflikte mit dem diskussionsoffenen, viele Meinungen verarbeitendem Ton der übrigen Seminargruppe. Als Seminarsekretär war es mir wichtiger, diesen offenen Ton zu erhalten, als mancher von der Parteigruppe gewünschten „Verengung“ nachzugehen.

Da hatte ich also dafür (oder für manche mir damals unbekannte Notiz in meiner Kaderakte?) die Quittung bekommen! In mir löste die Ablehnung eher eine Trotzreaktion aus: Ich wollte meiner Familie, den Kommilitonen, den Dozenten und den „Ansprechbaren“ in der Parteigruppe beweisen, dass ich „besser“ war als ihre damalige Meinung.

Großen Einfluss auf mich übte ein Literatur-Dozent aus, Herr Dr. J. Von ihm inspiriert, wandte sich mein Literatur-Interesse immer mehr der Deutschen Klassik zu und speziell Johann Gottfried Herder, dem „Vorbereiter“ und „Anreger“ der Deutschen Klassik. Besonders stolz war ich darauf, bei Dr. J. am PI sozusagen „Hilfs-Assistenten-Dienste“ zu verrichten. Einige Male lud er mich am Wochenende zu sich nach Hause ein. Dort wartete ein Berg Staatsexamensarbeiten auf uns. Ich durfte dann – gleich ihm – mein Urteil abgeben zur Staatsexamensarbeit eines mir unbekannten Kommilitonen, die dann mit der Unterschrift von Herrn Dr. J. versehen wurde. Meine Frau kritisierte das als „Ausbeutung“, ich aber fühlte mich geehrt.

Mit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 war in unserer Seminargruppe noch ein „Problem“ zu behandeln. Wir erhielten alle die Mitteilung, dass das Praktikum verlängert wurde – über die Volkswahl hinaus. Ein Kommilitone bemühte sich darum, in seinem Heimatort als Briefwähler zu wählen. Das scheiterte. Er hatte davon die Nase so voll, dass er nicht zur Wahl nach Leipzig fuhr. Großes Problem: ein Nichtwähler; Folge: lange Diskussionen, bis er sein „Fehlverhalten“ einsah – Verbandsstrafe (Verweis).

Neben unseren beiden Studienrichtungen hatten wir ganz im Sinne der „Polytechnischen Oberschule“ 14-tägig einen „Unterrichtstag in der Produktion“ zu absolvieren: für uns die Arbeit in einer Gießerei. Das wurde ergänzt durch ein 14-tägiges Praktikum in einer LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft). Anschließend brüsteten besonders wir Stadtkinder uns mit dem „Staatsexamen Landwirtschaft“.

Unser Prüfungspraktikum für den Unterricht absolvierte unsere Seminargruppe in Zwickauer Schulen. Zu meinem größte Bedauern durften wir kein Literatur-Thema als Prüfungsstunde wählen – sondern nur aus dem Bereich „Deutsche Sprache“. Nach anfänglichem „Abtasten“ verstand ich mich mit der Klasse und dem Mentor sehr gut und sie fieberten mit mir dem Ergebnis entgegen. Ich hatte den deduktiven Weg gewählt und wollte meine Erkenntnis krönend im Schlussteil erarbeiten. Leider war eine Schülerin so eifrig, dass sie diese Erkenntnis schon in der Mitte der Stunde erfasste. Das brachte mein ganzes logisches Gebäude zu Fall und der 2.Teil der Stunde war dann nicht so gut wie der erste.

Damit war das Ende unserer Studienzeit eingeläutet. Unser auf 4 Jahre angelegtes Studium wurde auf 3 Jahre verkürzt + 1 Jahr Fernstudium. Ausnahmslos alle Kommilitonen waren froh, bedeutete das doch: ein Jahr früher Geld verdienen.

Zuvor galt es aber die Hürde „Prüfungszeit“ zu nehmen und das hies: in 14 Tagen 12 Prüfungen. Das ging nur über ein äußerst gewissenhafte Ausarbeitung der Prüfungsschwerpunkte – Konzentration darauf am Tag vorher bzw. am gleichen Tag – Prüfung – 1 bis 2 Stunden „Luft schöpfen“ – Konzentration auf die nächst Prüfung. Im Gedächtnis haften geblieben ist mir eine Geschichtsprüfung. Als ich am Vormittag im Institut ankam, schlug mir gleich die Hiobsbotschaft entgegen: Hauptprüfer war nicht der wissenschaftliche Mitarbeiter B. zur Geschichte der Sowjetunion (das hatte er uns zuvor zugesichert!), sondern Prof. G. (jener mit der Vorlesung zur Geschichte der Volksdemokratien, wochentags 17.00 Uhr im Anatomiehörsaal). Ergebnis bisher: 2x4, einer durchgefallen! Mein Vorgänger kam bleich, aber glücklich mit einer „3“ aus dem Prüfungszimmer. Und dann ging auch noch der Institutsdirektor, Prof. M., in den Prüfungsraum! Wahrscheinlich war das aber mein Glück, denn er war jetzt der Hauptprüfer. Meinen Prüfungsschwerpunkt „Russische Revolution von 1905“ hatten wir schnell abgehandelt und dann ging es „quer durch den Garten“ bis zum Leben der Zarenfamilie im Winterpalast in (damals noch) Leningrad. Mit einer „1“ kam ich überglücklich aus dem Prüfungszimmer.

Diese „1“ sollte nicht die einzige bleiben. Bei diesem „Hauptstoß“ der Prüfungen erreichte ich ein „sehr gut“. Damit hatte sich die harte Arbeit ganz besonders in den letzten Monaten und das Zurückstellen meiner Familie gelohnt Ich hatte endlich meinen Weg gefunden und bewiesen was ich kann. Das galt auch im Hinblick auf die Genossen in der Parteigruppe, die mich abgelehnt hatten. Ob ihrer eigenen Leistungen waren sie inzwischen etwas ruhiger geworden.

Die nächste Hürde war: In welchem Teil der DDR erfolgte meine Zuweisung? Grundsätzlich galt: der Hauptteil der Absolventen geht auf das Land! Für mich als „Stadtpflanze“ ein Horror! Ich sage es offen: Frau und Kind, der Herzinfarkt meiner Mutter und vielleicht auch mein Wunsch, möglichst bald an das PI als wissenschaftlicher Mitarbeiter zurückzukehren brachte mir den Hauptgewinn: Zuweisung nach Leipzig-Stadt!

3. 20 Jahre Schuldienst (1962-1982)

Der richtungweisende Abschnitt in meinem beruflichen Leben begann am 1.August 1962 mit der Zuweisung als Lehrer an der 16 Polytechnischen Oberschule in Leipzig. Die 10 Jahre, die ich an dieser Schule als Lehrer und später als Schulparteisekretär zugebracht habe, waren geprägt durch einen „Mehrfrontenkampf“. Ich musste meinen Platz finden im Lehrerkollegium; nicht ganz einfach, wenn aus ehemaligen Lehrern plötzlich Kollegen werden. Mein Ehrgeiz war es, meine Kenntnisse und Erkenntnisse aus dem Studium in einen guten Unterricht umzusetzen. Es galt, die Aufgaben als Klassenleiter zu meistern. Um mein Ziel zu erreichen, an das PI zurückzukehren, brauchte ich nach Beendigung des Fernstudiums am PI noch ein weiteres Fernstudium an der Pädagogischen Hochschule Potsdam zur Erlangung der Lehrbefähigung für Deutsch bis zur Klasse 12. Letztlich bescherte eine bürokratische Auslegung meiner Familie auch noch Wohnungsprobleme.

Beginnen wir mit dem Fernstudium: Die Aufgaben im ersten Jahr als Lehrer und Klassenleiter forderten meine ganze Aufmerksamkeit. Dadurch rückte das Fernstudium am PI etwas in den Hintergrund. Mit einer Ausnahme: meiner Staatsexamensarbeit am PI zum „Mittelalterbild des jungen Herder“6 – einen weiteren Schritt, mir die Bedeutung Herders bewusst zu machen, betreut von Dr. J. Mit dem sehr guten Ergebnis der Staatsexamensarbeit war der Abschluss mit „sehr gut“ am PI gesichert. Dieser Abschluss leistete mir bei der Aufnahme zum Fernstudium an der PH Potsdam gute Dienste. Er ersparte mir die Aufnahmeprüfung. Durch die wäre ich durchgefallen – in Sprachgeschichte.

Als unsere Seminargruppe zum 1.Mal zusammenkam, staunte ich nicht schlecht, in welch „illustren“ Gesellschaft ich mich befand. Die Gruppe bestand zu großen Teilen aus Dozenten vom PI, die ich selbst im Studium erlebt oder am PI kennengelernt hatte. Sie hatten dort unterrichtet, ohne die dafür notwendige Qualifikation zu besitzen. Sicher hätte ich deshalb meine Meinung zu den Studienjahren am PI nicht immer so ungeschminkt sagen sollen; denn einer meiner Studienkollegen wurde nach dem Studium Kaderbearbeiter am PI.

Das Fernstudium an der PH Potsdam lief nicht so „verschult“ ab wie am PI. Und zumindest die Sprachausbildung war tiefgründiger und überzeugender. Mein historisches Interesse konnte ich in Sprachgeschichte und Ausdrucksschulung um einiges erweitern. Das führte dazu, dass ich bei der Behandlung beispielsweise von Satzbauplanplänen, von Satzrahmen und Ausdruckshervorhebungen im deutschen Satz im Unterricht bei meinen Schülern so viel Material und Wissen besaß, so dass ich sagen kann, spätestens nach der 2.Behandlung im Unterricht gehörte das zu meinem festen Wissensrepertoire.

Der Literaturbereich an der PH Potsdam war stark bestimmt von „Klein-Becher“ und „Klein-Brecht“ – zwei Dozenten, deren Spitznamen nicht nur etwas über ihren Hauptgegenstand aussagen; nein, deren Habitus auch mit ihren Helden übereinstimmte. „Klein-Becher“ verhalf uns zu einer wissenschaftlichen, aber auch dem Schüler zu vermittelnden Gedichtanalyse. „Klein-Brecht“ ließ seine Beziehungen spielen, damit wir Studenten den Film zu Erik Neutschs „Spur der Steine“ zumindest in einer geschlossenen Veranstaltung sehen konnten. Der Film war aber so tief in der „Giftkiste“ vergraben, dass es nicht einmal ihm gelang. Ich gehörte zu den wenigen, die den eindrucksvollen Film in Leipzig bei einer Nachmittagsvorstellung sehen konnten, bevor in der nächsten Vorstellung bestellte Anti-Claqueure zum Abbruch der Vorstellung zwangen. Wer den Film einmal gesehen hat, vergisst die „Badeszene“ nie oder das Organisationstalent von Balla (Manfred Krug!), wenn er Material für seine Baustelle beschafft, eingedenk seines Ausspruches „Der Plan ist, wenn er sich querstellt, ein Arschwisch!“.

Zu den Lehrgängen in Potsdam waren wir untergebracht in einem Studentenwohnheim neben dem Schloss Cäcilienhof, dem Verhandlungsort des Potsdamer Abkommens. Das Wohnheim lag unmittelbar an der Grenze zu Westberlin. Wenn wir die Beine ins Wasser hängten, richteten sich schon die Ferngläser der Grenzpolizei auf uns. Der Weg zur PH war lang: am Schloss Cäcilienhof vorbei bis zur Straßenbahn, damit bis ans andere Ende der Stadt, quer durch den Park von Sanssouci bis zum Neuen Palais. Studium, Studienvorbereitung und Weg ließen uns so wenig Zeit, dass wir nur 2x in den Direktstudienwochen zur „schöpferischen Pause“ eine Gartenkneipe aufsuchten.

Es nahten die Prüfungen – ohne Prüfungsschwerpunkte. Einem Dozenten entlockten wir die Aussage, dass der Prüfungsstoff aus dem 19.Jahrhundert, einem anderen, dass es Lyrik war. Dann spielten die meisten von uns Vabanque: 19.Jahrhundert / Lyrik, das kann nur Heinrich Heine „Deutschland – ein Wintermärchen“ sein. Und die Aufgabe lautete: Analyse des Caput I.

Ein bisschen Glück hier und viel Arbeit im Studium und an meiner 2.Staatsexamensarbeit – zu Herders „Reisjournal“ und zu seinen Schulreden7 – verhalfen mir auch hier zu einem „sehr gut“ und zu einem Angebot einer Stelle im Literaturbereich der PH. Vielleicht hätte ich mir meine Entscheidung zur Ablehnung gründlicher durchdenken sollen, aber primär war ich zu diesem Zeitpunkt 1968 stark als Klassenleiter involviert, hatte meine Hoffnungen für das PI Leipzig noch nicht aufgegeben und wollte nach dem 2.Kind und Kämpfen um die Wohnung in Leipzig nicht ein jahrelanges Pendeln zwischen Potsdam und Leipzig auf mich nehmen. Der intensive Wohnungsbau in Potsdam begann leider erst einige Jahre später.

Doch zurück zum „Hauptschauplatz“ 16. POS. Als ich sie als 14jähriger verließ, hatte ich mir nicht träumen lassen, dass ich sie als 22jähriger wieder als Lehrer betreten sollte. Dabei war ich zunächst gar nicht für die 16. vorgesehen, sondern für die 62. POS in Portitz. Das hätte für mich einen langen Schulweg bis an den Stadtrand bedeutet. Aber die Schule gefiel mir bei meinem Antrittsbesuch schon: klein, überschaubar, in einem kleinen Park gelegen. Ich habe deren Vorteile, aber auch Nachteile noch gründlicher kennengelernt, denn 1977 übernahm ich die Schule als Direktor.

Kurz vor Beginn des Vorbereitungsmonats August kam plötzlich eine Nachricht: Einsatz an der 16. POS. Damit kehrte sich vieles um. Der Schulweg war plötzlich super kurz, denn von der Hofseite unserer Wohnung hatte ich die 16. immer im Auge. Die Schule war aber wesentlich größer: Mit ca. 50 Kollegen und 3-4 Klassen pro Klassenstufe.

Gemeinsam mit mir kamen vier Unterstufenlehrer an die Schule. Sie kannten sich bereits vom Studium am IfL (Institut für Lehrerbildung). Mit uns kam ein bisschen frischer Wind an die Schule. Wir haben manchmal gefrotzelt: der Bezirk Leipzig war traditionell das Schlusslicht in der Volksbildung der DDR. Im Bezirk war das meist die Stadt Leipzig und in der Stadt oft der Stadtbezirk Nordost. Die „rote Laterne“ im Stadtbezirk bekam entweder die 18. POS oder die 16. POS, d.h.: in der DDR kam hinter uns gar nichts mehr.

Als Klassenleiter wurde ich gleich ins „eiskalte Wasser“ geworfen. Ich bekam eine 9. Klasse, weil der vorhergehende Klassenleiter Fachberater für Deutsch wurde. Erfreulicherweise war er noch für Ratschläge erreichbar. 1962 war das Jahr, wo die 10-klassige Oberschule in der DDR Pflicht wurde. Das sahen aber durchaus nicht alle Schüler und deren Eltern so. In meiner Klasse waren 4 Schüler, die die Schule einfach nicht mehr besuchten. Das brachte viel Unruhe in die Klasse und unter die Eltern. Es war schon problematisch, wenn einer von diesen Schülern nach den ersten Wochen „Schwänzen“ in der Pause in der Schule erschien und damit prahlte, wie viel Geld er als Angelernter bei der Müllabfuhr verdient. Dass das ein „Knochenjob“ war und jemand ohne Berufsausbildung nicht mal in der DDR eine Perspektive hatte, sahen weder der Betreffende, noch die meisten seiner ehemaligen Mitschüler. Nachdem klar wurde, dass es aussichtslos war, die Schüler wieder in die Schule zu holen, kämpfte ich den „Behördenkampf“, um endlich wieder Ruhe in die Klasse zu bringen. Kurz vor dem Weihnachtsfest 1962 hatte ich es erreicht: die 4 Schüler wurden offiziell mit der 8. Klasse entlassen. Damit hatte ich mir bei den verbleibenden Eltern erste Pluspunkte verdient.

Stichwort: Eltern. Der Klassenleiter meiner Parallelklasse war ein älterer, ehemaliger Lehrer von mir, Herr H. Er gehörte zu dem Kollegenkreis, die ich dann als stellvertretender Direktor und als Direktor so richtig verstehen lernte: Kollegen, die viele Dienstjahre „auf dem Buckel“ hatten, ausgerüstet mit viel methodischer und Lebenserfahrung, aber nicht mehr mit dem Elan ihrer Anfängerjahre. Dass Herr H. ein solcher Lehrer war, wussten vor allem die Eltern seiner Schüler. Sie hielten ihre Kinder immer wieder an, ja nicht bei Herrn H. „über die Stränge“ zu schlagen.

Ein Instrument hatte mir mein Vorgänger noch hinterlassen, um die Klasse zusammenzuschweißen: das Klassenkabarett „Die Volkmarsdorfer Räbchen“. Ein Mitarbeiter des Patenbetriebes, der Mitglied des LVB-(Leipziger Verkehrsbetriebe) Betriebskabaretts war, versorgte uns mit „abgelegten“ Texten; wir modelten sie auf Jugendliche und Vollkmarsdorfer Probleme um und traten damit bei Volksfesten und politischen Anlässen auf.

Das forderte die „Räbchen“ und stärkte durch gemeinsames Üben und Erfolgserlebnisse das Selbstvertrauen und den Zusammenhalt.

In diese Richtung hatte mir auch ein erfahrener Kollege geraten: Lerne die Schüler nicht nur aus dem Unterricht kennen, sondern erlebe sie auf Wanderfahrt! In der Tat, nach der ersten Wanderfahrt im Frühjahr 1963 schätzte ich große Teile der Klasse anders ein. Einige der „Nichtso-Guten“ im Unterricht waren wenig auf sich bedacht. Sie sorgten dafür, dass die „Truppe“ zusammenhielt. Einige „Gute“ aus dem Unterricht sahen dagegen zunächst einmal sich selbst.

Noch ein prägendes Erlebnis aus meinem 2. Lehrerjahr habe ich nie vergessen: Ich hatte bald mitbekommen, dass von zwei befreundeten Schülerinnen meist die eine der „Hauptmacher“ und die andere immer wieder einige Dinge „übernahm“. In einer Stunde ließ ich mich dazu hinreißen ohne vorherige Prüfung das vor der Klasse zu postulieren. Ich merkte nur, wie bei der 2.Schülerin „die Jalousie fiel“ und die Klasse anders reagierte als sonst. Gott sei Dank kam in der Pause ein Schüler zu mir und sagte: „Diesmal liegen sie vollkommen daneben. Es war genau umgekehrt. Die Schlechtere hatte sich viel Mühe gegeben und die Bessere hat es übernommen!“. Ich weiß noch, dass ich sehr tief Luft geholt habe. Nach der Pause bin ich vor die Klasse getreten und habe mich bei der zu Unrecht verdächtigten Schülerin entschuldigt. Ich bin sicher, dass das meiner Autorität nicht geschadet, sondern eher genützt hat. Leicht ist es mir dennoch nicht gefallen.

Ein ganz anderes Feld: Kabinettunterricht. Traditionell gibt es an jeder Schule ein Physikkabinett und ein Chemiekabinett, weil der Unterricht in diesen Fächern im Klassenzimmer gar nicht möglich ist. Ein erfinderischer Kollege hatte in der 16. POS bereits ein Geographiekabinett geschaffen. Das spornte einen Kollegen und mich dazu an, an der Schule ein Geschichtskabinett zu entwickeln. Die 16. POS war einstmals eine Volksschule, die Klassenräume dementsprechend auf größere Klassenfrequenzen eingestellt. Das ermöglichte es uns, von einem Klassenzimmer einen kleinen Teil mit Spanplatten abzuteilen, wo die Bilder und Karten für den Geschichtsunterricht immer griffbereit waren. Außerdem blieb da noch Raum für das Episkop (zur Projektion aus Büchern) und eine selbst hergestellte Mattglastafel zur Tageslichtprojektion. Die Rückwand dekorierten wir mit Filmplakaten zu historischen Stoffen. An der Längswand brachten wir ziemlich weit oben einen Jahreszahlenstrahl an, der mit Applikationen Zeitverständnis und Merkzahlen vermittelte. Letzterem diente auch eine Stecktafel mit Blechmarken. 10 Stück der Blechmarken mit eingestanzten Jahreszahlen wurden „so nebenbei“ am Anfang der Stunde einem Schüler in die Hand gedrückt. Er bekam einige Minuten, um sie an der Tafel richtig zuzuordnen. Das für historische Verständnisse notwendige Zeitgefühl entwickelte sich enorm. (Die Kehrseite der Medaille erlebte ich bei den Azubi Erzieher, Alten- und Krankenpflegern, Kosmetikerin und ESO-Sekretärin in den letzten Jahren: Nur ja nicht fragen, wann was war!) Unter dem Zahlenstrahl installierten wir zwei Schaukästen, in denen selbst hergestellte Plakate zu historischen Ereignissen und Zusammenhängen ihren Platz fanden: zunächst von uns Kollegen entworfen, von den Schülern hergestellt; später alles in eigener Regie der Schüler.

Die Tische für die Schüler wurden in einem leichten Halbrund am Fußboden festgeschraubt, damit das ewige Hin- und Hergerücke der Tische aufhörte. Als „Lehrertisch“ organisierten wir eine ausrangierte Glastheke aus dem Kaufhaus, deren Sichtfläche oben und vorn uns weiteren Platz zu historischen Auslagen bot. Verdunklungsvorhänge vor den Fenstern vervollständigten das Interieur.

Dieses „Schmuckstück“ Geschichtskabinett trug dazu bei, dass ab 1964 an der 16. POS weitere Kabinette für Deutsch Mathematik, Russisch und Biologie entstanden. Das „Für“ dieser Maßnahme (Fachatmosphäre mit emotionaler Wirkung, Konzentration der Lehr- und Lernmittel) sollte über das „Wider“ (erhöhte Unruhe im Schulhaus durch das „Wandern“ der Klassen, Ordnungsprobleme in den Kabinetten, organisatorische Problem beim Stundenplanbau) siegen8. Die folgenden Schuljahre bewiesen jedoch, dass dieser Plan nur funktionierte, wenn sich ein oder zwei Kollegen wirklich für das Kabinett als „ihr“ Kabinett verantwortlich fühlten.

Einarbeiten ins Lehrerteam, Beziehungen als Klassenleiter finden zu Schülern und Eltern, mithelfen an der organisatorischen Ausgestaltung der Schule, das alles hatte endgültig nur Wirkung, wenn dahinter ein fachlich sicherer und methodisch abwechslungsreicher Unterricht steht. Der Unterricht ist und bleibt das Hauptfeld, wie sich ein Lehrer Autorität an einer Schule erwirbt.

Meine Vorliebe für die Deutsche Klassik konnte ich im Literaturunterricht der 10. Klasse an Goethes „Egmont“ beweisen: „Es ist eine Binsenweisheit, dass zur Vermittlung eines anschaulichen Bildes über ein literarisches Werk das Dichterwort an erster Stelle stehen muss. Wie viele Kollegen verzichten aber noch bei einem dramatischen Werk auf einen Theaterbesuch (dort, wo er möglich ist) und beschränken die Vorkenntnisse der Schüler auf eine meist oberflächliche Hauslektüre. Zusätzlich zur Wirkung des szenischen Geschehens sollte das Dichterwort im Unterricht…zur Erarbeitung der Funktion bestimmter Szenen, zur Beweisführung von Behauptungen oder der Grundlage selbständiger Schülerarbeiten dienen9. Theaterbesuch, Schülerreferat und Schülerdiskussionen, differenzierte Betrachtung der Volksgestalten, Aufdeckung der (inneren) Widersprüche in Egmont, Gegenüberstellung von Egmont und Alba in ihren Ansichten zum Volk, Staat und Recht (äußerer Konflikt)10 hinterließen bei den Schülern die Wirkung, die wir von der Behandlung literarischer Werke erwarten.

Dazu muss man sich – wie oben – als Lehrer intensiv mit dem Werk auseinandersetzen und mit dem eigenen „Brennen“ die Schüler „anzünden“ oder man muss sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, damit das Werk in Erinnerung bleibt. Als Klassenleiter einer 8. Klasse ab Schuljahr 1964 weckte ich das Interesse, indem die Schüler zu Ludwig Renns Kinderbuch „Trini“ eigene Buchumschläge entwarfen. Eine Steigerung dazu waren die selbstentworfenen Programmhefte zu Brechts „Die Gewehre der Frau Carrar“. Einige eindrucksvolle Exemplare beider Entwürfe besitze ich noch heute.

Es war nicht immer leicht, als „Anfänger“ einen eigenen Weg zu gehen. Ich erinnere mich an 2 Situationen: Mit dem „buchstabengenauen“ Fachberater für Geschichte B. war ich öfter nicht einer Meinung. Konträr standen wir vor allem zu den damals für viele Fächer erscheinenden „Handreichungen“ mit Unterrichtsbeispielen. Für ihn führten die „Handreichungen“ nur zum „Abkupfern“. Ich sah das anders: Natürlich konnten sie einen formal arbeitenden und/oder sehr unerfahrenen Lehrer zum „Abkupfern“ verführen. In der Hand eines schöpferisch arbeitenden Lehrers waren sie aber Gedankenanregungen, Impulse. So waren sie schließlich auch gedacht.

Nur gut, dass jener Fachberater nicht im Unterricht dabei war, als beim Thema „Vertreibung am Ende des II. Weltkrieges“ plötzlich eine Schülerin sehr emotional reagierte, in Tränen ausbrach. Auf mein Befragen erklärte sie schließlich, dass sie erst kürzlich von ihrer Oma erfahren habe, welche Leiden die Flüchtlinge „auf dem Treck“ durchmachen mussten und wie sehr sie unter den Übergriffen der sowjetischen Soldaten gelitten haben. Das war nun seit Jahren in der DDR ein Tabu-Thema! Hätte ich pflichtgemäß darüber hinweggehen sollen? Ich wusste, dass das Thema zum ersten Mal 1962 in Werner Steinbergs Roman „Als die Uhren stehen blieben“ sehr metaphorisch angegangen wurde11 – also habe ich die Balance versucht zwischen dem Aufgewühltsein der Schülerin, den historischen Fakten und dem nicht allzu breiten Eingehen auf das Immer-Noch-Tabu-Thema. Die Schülerin war später eine der eifrigsten in der Geschichts-AG.

Bereits im 3.Jahr meiner Lehrertätigkeit wurde ich zum Mentor für Studenten Deutsch/Geschichte bzw. Staatsbürgerkunde von der Universität Leipzig auserkoren. Fast alle dieser Studenten sind mir positiv in Erinnerung geblieben. Sie waren meist methodisch unerfahren, manchmal ungeschickt, aber sehr eifrig. Weil ich mit meinen 27 Jahren altersmäßig gut zu ihnen passte, stimmte der „Draht“. Sie waren mit dem Ergebnis der mehrmonatigen Praktika zufrieden und sie hatten mir bei der Klassenleitertätigkeit, beim Kabinett-Ausbau und in der außerunterrichtlichen Arbeit mit den Schülern geholfen. Einer der ehemaligen Praktikanten wurde mein Nachfolger an der 16. POS.

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22 aralık 2023
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9783957444806
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