Kitabı oku: «Allgäuer Höhenrausch»

Yazı tipi:

Wolfgang Heinl

Allgäuer Höhenrausch

Kriminalroman


Zum Buch

Tod in der Staumauer 1986: Der großspurig auftretende Bauunternehmer Alois Leibacher will hoch hinaus: Am geplanten Steighorn-Stausee soll das höchstgelegene Hotel der Allgäuer Voralpenregion entstehen. Doch das Stauseeprojekt scheitert an einer medienwirksamen Demo, initiiert durch den Umweltaktivisten Gottfried Monschkopf. 2012: Der Stromkonzern Hellwatt AG verspricht allen grünen Strom, und so wird der Stausee 26 Jahre später schließlich doch gebaut. Leibacher kann endlich den Bau seines Hotels verwirklichen und entledigt sich nebenbei seines immer noch aktiven Öko-Widersachers. Kommissar Guntram Glattlinger ermittelt gerade im Fall Monschkopf, als ihn Leibachers Tochter Carola aufsucht und ihm das Geheimnis ihres Vaters verrät. Bei der Einweihung des Alpenhotels ist auch Glattlinger mit einem Haftbefehl gegen Leibacher anwesend. Doch der Bauunternehmer ist plötzlich spurlos verschwunden, und auch dessen Tochter Carola scheint geheime Absichten zu haben …

Wolfgang Heinl, Jahrgang 1967, verschlug es in den ersten Lebensjahren von einem Augsburger Industrieviertel ins Allgäu. Beruflich betätigte sich der gelernte Installateur über 15 Jahre als selbstständiger Fachredakteur für Gebäude- und Energietechnik. Mit der täglichen Textarbeit entwickelte sich die Idee zu einem ersten Roman über ein aberwitziges Bauprojekt, einen großspurigen Bauunternehmer, seinen Öko-Widersacher – und um einen Hauptkommissar, der den Protagonisten fast drei Jahrzehnte wie ein Phantom verfolgt. Seine Freizeit verbringt Wolfgang Heinl gern in der Natur, hört Heavy Metal und hat eine Vorliebe für Dosenbier.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Erich / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6858-2

Kapitel I

++ September 1986 ++

In die schwarzen Rauchschwaden, die sich allmählich in Richtung der Tunnelventilatoren verzogen, mischte sich das Zucken des Blaulichts von Feuerwehrfahrzeugen. Die Tunnelbeleuchtung vermochte die Unfallstelle nur spärlich zu erhellen. Die letzten Flammen verloschen unter dem Schaum aus den Löschrohren.

Eine dunkle Gestalt stand breitbeinig in der Mitte der Fahrbahn und umklammerte mit beiden Händen ein großes Brecheisen; bereit, sich mit aller Kraft in den Angriff zu stürzen. Die Hitze, die von dem ausgebrannten Opel Kombi ausging, trieb ihm unter dem Helm den Schweiß aus den Poren, der die Atemschutzmaske mit seinem Gesicht zu verkleben begann.

Zwei Polizeibeamte waren hinzugetreten, und der Kommandant gab ihm ein Zeichen, dass er jetzt sein Werkzeug zum Einsatz bringen konnte. Die flache Spitze des Brecheisens landete krachend im Spalt der Fahrertür. Er setzte nochmal zu einem weiteren Hieb an. Das metallene Knirschen hallte zwischen den Tunnelwänden wider, als er sich gegen das Brecheisen stemmte und mit Hebelkraft die Fahrertür aufbrach. Ein zweiter Feuerwehrmann trat hinzu und zog die Tür auf. In der nächsten Sekunde lag ein verkohlter menschlicher Körper vor seinen Füßen.

*

++ März 1986 ++

Er war sich seiner Sache an diesem Mittwochvormittag ziemlich sicher. Trotzdem spürte Alois Leibacher eine ungewohnte Anspannung in sich hochsteigen, als er in der Hotellobby seine Konferenzmappe auf einem der niedrigen Tische ablegte, an denen sonst die Urlaubsgäste des Alpenhotels ihren Nachmittags-Cappuccino tranken. Er bestellte sich ein Glas Cola mit einem kleinen Schuss Whisky, um seine etwas zu verkrampften Gehirnwindungen zu lockern, und sank in einen der viel zu breiten und zu niedrigen dunkelbraunen Kunstledersessel, an deren Armlehnen die Spuren von verschütteten Getränken nicht zu übersehen waren.

In 20 Minuten würde er vor dem Aufsichtsrat, den Finanzmanagern und den für Kraftwerks-Bauprojekte verantwortlichen Ingenieuren des Stromkonzerns »Hellwatt AG« seine Planungen vorstellen, und er sollte ihnen dazu auch belastbare Zahlen präsentieren. Ihm war klar, dass diese Finanzhaie des Stromkonzerns andere Zahlen interessierten als Kubikmeter und Quadratkilometer. Er würde ihnen nicht sagen können, innerhalb welcher Zeit sich der Bau eines Stausees mit einer bautechnisch aufwendig zu erstellenden Staumauer amortisieren könnte.

Das war aber, zum Teufel, auch nicht seine Arbeit, wie er sich gerade gedanklich selbst zurechtrückte. Er war schließlich zum einen Bauingenieur und zum anderen derjenige, der für dieses – ihm fiel spontan der Begriff »Jahrhundertprojekt« ein – Vorhaben den Boden zu bereiten versuchte. Nicht mit Baumaschinen wie in seinem eigenen Tief- und Straßenbauunternehmen »Alois Leibacher GmbH & Co.«, sondern auf regionalpolitischer Ebene, in seiner Funktion als Mitglied von Bauausschüssen in Stadt- und Gemeindeverwaltungen – und er hatte in den letzten Monaten unzählige Gespräche geführt, die meistens zuerst kontrovers verliefen, bis er sie so weit hatte, dass sie dieses – vielleicht doch etwas irrwitzige? – Projekt durch die rosarote Brille betrachteten.

Bis zu diesem Moment hatte er eine ganze Riege von Regionalpolitikern, Unternehmern und einigen Machthabern in der lokalen Touristikbranche letztlich dadurch von seiner Stausee-Wasserkraftwerks-Idee überzeugt, dass er mit feinem psychologischem Instinkt genau auf ihre Eitelkeiten gezielt hatte.

Für einen Moment grinste er selbstzufrieden in sich hinein. Den gewöhnlichen Bürger musste man einfach in dem Glauben lassen, dass bei Entscheidungen dieser Tragweite ausschließlich rationale, ökologische und ökonomische Argumente zählten. Bei den Verantwortlichen aber gab es keinen Einzigen, der sich von Amts oder seines Postens wegen wirklich für die Machbarkeit interessierte oder sich ausschließlich von Vernunft und wirtschaftlichen Fakten hatte leiten lassen.

Als Inhaber des führenden Tiefbau- und Straßenbauunternehmens in der ganzen Voralpenregion wusste er längst, mit welchen Mitteln sich Genehmigungsverfahren beschleunigen ließen. Aber die Genehmigung für den Bau seines Sporthotels auf dem Plateau, das etwa auf halber Höhe vor dem Gipfel des Steighorns lag, wäre ihm auf normalen behördlichen Dienstwegen und selbst mit noch so guten Beziehungen niemals erteilt worden. Aber in unmittelbarer Verbindung mit dem Bau eines Wasserkraftwerks am Steighorn, für das ohnehin eine verkehrstechnische Erschließung nötig war, erschiene bei diesem Eingriff in die Berglandschaft der zusätzliche Bau eines Hotels im Vergleich wie der Bau eines Geräteschuppens neben einem Einkaufszentrum – und er setzte alles darauf, dass man ihm die Genehmigung dafür nebenbei durchwinken würde.

Allerdings gab es seit wenigen Jahren ein weiteres Hemmnis, wenn es um Erschließung und Ausbau neuer Baugebiete, Gewerbeflächen und Straßen ging. Einer zuerst kleinen Gruppierung von selbsternannten Umweltschützern war es zunehmend gelungen, mit ihren, wie er fand, archaischen und fortschrittsfeindlichen Ideologien in das öffentliche Bewusstsein vorzudringen. In dieser bald als »Grüne« benannten Bewegung waren zum Teil bereits die Kinder der Generation, die zur sogenannten 1968er-Bewegung gehört hatte, und sie erschienen wie Hippies, die sich vorwiegend von Grünzeug und Körnern ernährten und in selbstgestrickten Pullovern herumliefen. Von den auf ihre Publikumswirksamkeit bedachten Medien wurde das neue Thema bereitwillig aufgegriffen, denn Bilder und Berichte von Aktionen für saubere Wälder und Gewässer, von Demonstrationen gegen Atomkraft und gegen Straßenbauprojekte oder die Aufdeckung von Umweltskandalen der Großindustrie brachten Auflagen und Einschaltquoten.

Was die Medien dabei ausblendeten, waren solche offensichtlichen Widersprüchlichkeiten wie etwa diejenigen »Grünen«, die zu Demonstrationen gegen den Bau von Straßen und Atomkraftwerken statt zu Fuß oder mit dem Fahrrad mit ihren spritfressenden alten VW-Bullis vorfuhren, auf denen meist große Aufkleber mit ›Atomkraft – Nein danke‹ prangten. Nach seiner Ansicht propagierte diese Bewegung einen Freiheitsgedanken, der sich gegen die vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen richtete, aber in Wahrheit genau auf deren sozialen und technischen Errungenschaften gründete.

Bevor dieser Gedankengang in ihm Wut auslösen konnte, sah er durch die Wintergartenverglasung der Hotellobby, wie zwei hellblau-metallicfarbene Ford Sierra und ein Mercedes S-Klasse in gleicher Lackierung auf den Parkplatz einbogen. Der Schriftzug ›HELLWATT AG‹ mit einem orangefarbenen Glühbirnen-Symbol signalisierte Alois Leibacher, dass jetzt die große Stunde unmittelbar bevorstand, die das Projekt seines Lebens der Realisierung näher bringen würde, aber es auch kippen könnte.

Alois Leibacher erhob seinen stattlichen, aber sportlichen Körper mit einer eloquenten Bewegung aus dem Kunstledersessel. Wer ein Unternehmen erfolgreich führen und in der regionalen Wirtschaft eine einflussreiche Persönlichkeit sein will, muss sich vor allem durch Beweglichkeit auszeichnen, lautete einer seiner Leitsätze. Seine Augen, die von klar gezeichneten Lidern und dunkelblonden, kräftigen Augenbrauen umrahmt waren, fixierten mit wachem Blick die zwölf »Hellwatt«-Männer, die jetzt durch die Eingangstür mit den großen verchromten, bogenförmigen Türgriffen das Alpenhotel betraten und sich auffällig umsahen.

Mit seinen 1,86 Metern überragte er die meisten dieser Herren, mit denen er gleich im Konferenzraum »Waldhorn« zu tun haben würde. Alois Leibacher zog das Revers seiner hellbraunen, mit dezenten Trachten-Applikationen versehenen Wildlederjacke zurecht und fuhr mit der linken Hand kurz durch sein Haar, das ihn eher wie einen Politiker als wie einen Bauunternehmer aussehen ließ.

»Leibacher, grüß Gott«, begrüßte er den Aufsichtsratsvorsitzenden, der umständlich eine Visitenkarte aus seinem Jackett unter dem Mantel hervorfingerte und sich als Doktor Max Latern vorstellte. Hoffentlich hat diese Laterne auch ihre Birne angeknipst, dachte Alois Leibacher im Stillen über den untersetzten Latern, dessen Halbglatze in der hereinscheinenden Vormittagssonne glänzte. Leibacher deutete ihm und seinem Gefolge den Weg zur Treppe mit einer Handbewegung, wie ein Bauer eine Kuhherde scheucht.

Die für die Konferenzräume verantwortliche Hotelmitarbeiterin hatte bereits den Tageslichtprojektor eingeschaltet, neben dem Alois Leibacher nun seine säuberlich sortierten Präsentationsfolien auslegte. »Wenn Sie no ebbes bruuche, lüütet Sie bitte ei’fach auf Nummer zwölf«, sagte die zierliche Hotelmitarbeiterin in breitem Vorarlberger Dialekt und tippte mit dem rotlackierten Fingernagel ihres Zeigefingers auf den Hörer des giftgrünen Tastentelefons, dessen verdrehtes Spiralkabel über die Fensterbank hing. Leibacher wunderte sich kurz darüber, dass Hotels in der Voralpenregion des bayerischen Allgäus ihr Personal offenbar zum Teil aus dem benachbarten Österreich rekrutierten, bis ihm wieder bewusst wurde, dass die Grenzlinie ganz in der Nähe hinter dem Steighorn verlief. Als sie mit klackenden Absätzen und wehendem Pferdeschwanz die Tür des Konferenzraums hinter sich schloss, war dies der Startschuss für Leibachers Präsentation.

»Meine Herren«, setzte Leibacher an, »es gibt in der ganzen weiteren Umgebung dieser Region keine vergleichbare Topografie, die für Wasserkraft besser geeignet wäre. Sie profitieren vom Strom, und die Region wird noch mehr als bisher zum Touristenmagnet!« Alois Leibacher hatte mit den ersten zwei Sätzen bereits schlagkräftige Argumente ausgespielt, die den »Hellwatt«-Managern Aufmerksamkeit entlockten. Denn der zu erwartende touristische Effekt wäre dem Stromkonzern insofern dienlich, als sich damit die regionale Touristikbranche als Befürworter gewinnen ließe.

Mit den Folien auf dem Tageslichtprojektor zeigte er die bautechnischen Voraussetzungen für den Bau der Staumauer, erklärte den Gefälleverlauf der Rohrleitung vom Stausee zum Turbinenhaus und hatte für dieses Gebäude auch bereits eine vorbereitete Bauzeichnung. Von einem Ingenieurbüro hatte er errechnen lassen, welche Menge an Strom mit dem Inhalt des Stausees produziert werden konnte.

Auf einem Papier-Flipchart zeichnete er mit dicken Filzstiften wilde blaue Kurven und rote Maßlinien. »Etwa in der Mitte ist der Stausee, im Schnitt betrachtet, durch steil abfallende Wände in den oberen zwei Dritteln wie ein Kanister, sodass in diesem Bereich mindestens bis zur Hälfte das volle Volumen zur Verfügung steht«, versuchte Leibacher, die Stromkonzernler zu begeistern.

Die umgebenden Bergspitzen trugen an diesem bedeckten Tag Mitte März noch dicke Mützen aus weißem bis hellgrauem Schnee. Etwa die Hälfte der zwölf »Hellwatt«-Manager blickte mit einer Mischung aus Desinteresse und – nach Alois Leibachers manchmal etwas unbarmherziger Menschenkenntnis – wohl auch dem heimlichen Gelüst nach Aprés-Ski mit wollüstigen Skiurlauberinnen aus dem Panoramafenster im Konferenzraum des Hotels »Steighornblick«.

Alois Leibacher wollte gerade weiter zu bautechnischen Einzelheiten ausholen, als sich der »Hellwatt«-Vertriebschef Urs Thurbi über einen der Konferenztische zu Leibacher vorbeugte: »Dass mir chönnt eine Staumauer bauen, ischt glaub ich nüt das Problem«, wandte der Schweizer ein, der nach einer Karriere in der schweizerischen Atomkraft-Industrie zum deutschen Stromkonzern ›Hellwatt‹ gewechselt hatte. Thurbi, von Kollegen wegen seiner rotierenden Art »Turbine« genannt, wurde sogleich deutlicher und schaltete auf Business-Hochdeutsch um: »Was uns vorrangig interessiert, ist, ob Sie hier über den nötigen Rückhalt sowohl aus der regionalen Politik, insbesondere den auf Umweltschutz bedachten politischen Gremien, sowie auch aus der Bevölkerung verfügen, wobei ich vor allem den Teil der Bevölkerung meine, der von dem Stauseebau unmittelbar betroffen ist.«

Doktor Max Latern hakte mit ein: »Sie verstehen sicher, dass wir auch unseren Return-of-Invest im Blick haben müssen, und ich muss Ihnen sicher nicht erklären, dass unsere Risikoeinschätzung für die Gesamtinvestition auch zu einem großen Teil von den zu leistenden Entschädigungszahlungen abhängt.«

Nach diesem Einwand waren Alois Leibachers politische und unternehmerische Adern angestochen. Der sportlich wirkende Tiefbau- und Straßenbauunternehmer ging zwei Schritte auf Thurbi und Latern zu, während sich auf seiner vom letzten Skiwochenende gebräunten Stirn erste Schweißperlen zeigten. »Den betroffenen Einwohnern des Bergtals vor dem Steighorn bieten sich beste Perspektiven«, sagte Leibacher bewusst langsam und mit gesenkter Stimme, um dadurch überzeugender zu wirken. »Bisher sehen Sie in dem betroffenen Gebiet vor allem Bergbauernhöfe, die nur eine mäßige Ertragslage ermöglichen. Ein paar davon versuchen im Sommer, mit bewirtschafteten Berghütten ihre Einkommenslage aufzubessern. Im Winter sind einige der Fahrwege zu den Gehöften nur mit Geländefahrzeugen und Schneeketten befahrbar.«

Die »Hellwatt«-Manager waren mit ihrer Aufmerksamkeit wieder ganz bei ihm, besonders ein rothaariger jüngerer Mann mit auffallendem Stehhaarschnitt und langen Nackenhaaren, zu dessen Erscheinung Jackett und Krawatte nicht so recht passen wollten. Leibacher spielte jetzt die Tourismus-Karte aus: »Wenn Sie das Beispiel Ihrer Mitwettbewerber drüben im Grenzgebiet zwischen Vorarlberg, Tirol und dem Rätikon betrachten, haben sich dort um die Stauseen mit ihren Kraftwerken herum enorme touristische Kapazitäten entwickelt, die im Winter wie im Sommer so viele Urlaubsgäste anlocken, dass die Hotels und Pensionen immer gut gebucht sind. Hier werden ebenfalls um den Stausee herum neue Hotels, Skigebiete und Wanderrouten entstehen, wo sich für die betroffenen Bewohner neue Beschäftigungsperspektiven bieten.«

Der Vergleich mit den »Mitwettbewerbern« im benachbarten Österreich war zwar nicht ohne Substanz, vermieste aber den »Hellwatt«-Leuten die Stimmung. »Und Sie glauben, dass Sie dieses Konzept nur mal eben hier in das Allgäuer Grenzgebiet zu kopieren brauchen?«, raunzte Doktor Max Latern mit einem verächtlichen Grinsen.

Leibacher hatte das Problem mit den Entschädigungszahlungen kleinreden wollen und war dabei offenbar auf einen wunden Punkt gestoßen.

»Trotzdem hat das durchaus Potenzial«, entgegnete Vertriebschef Urs Thurbi in die Richtung von Laterns glänzender Halbglatze. Mit seinem Schweizer Akzent sprach er das Wort »Potenzial« mit starker Betonung auf der ersten Silbe. Er kreiste mit einem Zeigefinger über eine aufgefaltete Landkarte und schien im Gegensatz zu diesem brüskiert wirkenden Aufsichtsratsvorsitzenden bereits gerechnet zu haben: »Mit der Chapazität chönnt man u’gfähr ein Gebiet von den Allgäuer Alpen über das Illertal bis vor München mit Spitzenlaststrom abdecken, das ischt durchaus ein interessantes Potenzial.«

Doktor Max Latern ließ das von »Turbine« vermutete Potenzial bis hierhin wenig beeindruckt, und er hatte sich offenbar an den – nach Ansicht von Leibacher im Verhältnis zu den gesamten Baukosten fast vernachlässigbaren – Kosten für die Entschädigungszahlungen festgebissen. Latern aber befürchtete dabei eine nahezu unkalkulierbare Größe, wenn nach seiner Ansicht so ein Grundbesitzer erst einmal gewittert hatte, dass man sich nur richtig querlegen musste, um noch viel mehr Geld herauszuschlagen, als der ganze Grund überhaupt wert war.

»Wir können uns weiter über dieses Projekt unterhalten, wenn alle Besitzer und Bewohner des Gebietes, das irgendwann unter den Wassermassen liegt, die Verträge über die angebotenen Entschädigungszahlungen unterschrieben haben.« Offensichtlich schien jetzt für Leibacher, dass »Turbine« und »Laterne« sich gegenseitig in die Parade zu fahren pflegten.

Wie auf ein unausgesprochenes Kommando sprangen alle zwölf »Hellwatt«-Manager von ihren Konferenzstühlen auf, rückten ihre Krawatten zurecht und verabschiedeten sich eilig.

Alois Leibacher goss sich eine Tasse Kaffee aus einer der bereitgestellten Thermokannen ein, ließ zwei Stück Würfelzucker hineinfallen und rührte bedächtig um. Er stellte sich an das Panoramafenster des Konferenzraums und sah in der Entfernung den Gipfel des Steighorns, der einen davorliegenden Höhenzug leicht überragte. Er fixierte einen bestimmten Punkt seitlich des Steighorngipfels. Es war genau die Stelle, wo er sein Sporthotel bauen wollte. Vor seinem geistigen Auge reflektierte eine Glasfront seines noch imaginären Hotels die Vormittagssonne. Er nahm einen großen Schluck Kaffee. Die fahlbraune gezuckerte Brühe war zu heiß, sodass er sich fast den Rachen verbrühte, und schmeckte wie aus einer verkalkten Kaffeemaschine, in der das Wasser drei Tage gestanden hatte. Im nächsten Moment schob sich eine weiße Wolke vor den Gipfel, als ob sie das Panoramabild ausradieren wollte.

*

++ Mai 1986 ++

Er hatte gerade den Hörer auf das dunkelblaue Tastentelefon aufgelegt, als ihr cremefarbener Schuh mit dem spitzen Absatz die Stehlampe traf, dabei das Papier des Lampionschirms durchriss und die Glühbirne mit leisem Knall zertrümmerte.

Mit den Worten »In Ordnung, ich bin dann morgen um elf zum Dreh in München« hatte er den Auftrag der Filmproduktionsfirma bestätigt. Für eine neue Folge einer in der bayerischen Landeshauptstadt spielenden Krimiserie »Dezernat M wie Mord« sah das Drehbuch eine Verfolgungsjagd vor, wobei das Ende der Actionszene in einer nachgebauten Innenstadtstraße in den seitlichen Aufprall auf geparkte Fahrzeuge münden sollte. Als Stuntman war er auf alles spezialisiert, was irgendwie mit spektakulären Auto-Stunts zu tun hatte, und der Job für die Münchner Krimiserie war ein Routineauftrag, den er jedoch in seiner gerade finanziell klammen Situation dringend brauchte.

Nur hatte seine derzeitige Lebensgefährtin Lorena kein Verständnis für seinen Auftrag, denn damit ließ er mal eben nebenbei das verlängerte Wochenende in Marbella platzen. Die temperamentvolle Halbspanierin sah in diesem Moment rot und fegte wutschnaubend wie ein Stier beim Anblick des Toreros die Weingläser und das Geschirr von dem Esstisch aus dunklem Kirschbaumholz, den sie eigentlich für ein romantisches Dinner gedeckt hatte. Weil sie dabei beinahe mit dem Fuß umknickte und sich ihr Edelboutique-Schuh löste, schleuderte sie den Schuh in seine Richtung, verfehlte ihn allerdings knapp. Stattdessen war die Stehlampe nun ein Fall für den Sperrmüll.

»Am Samstag heiratet meine Schwester in Marbella, und du weißt genau, dass der Flieger morgen um zwei geht, und du sagst jetzt einfach so diesen blöden Auftrag zu! Du bist wirklich das Letzte, ich will dich nicht mehr sehen!« Bei »Letzte« überschlug sich ihre Stimme, als sie gerade einen silbernen Kerzenhalter auf den Terracotta-Fliesenboden knallte. »Wenn es darum geht, was auch immer an die Wand zu fahren, ob irgend so eine Filmkarre oder unsere Beziehung, dann bist du echt der Größte«, höhnte sie mit spanischem Akzent. Noch während sie sprach, stürmte sie aus dem Wohnzimmer, und er hörte, wie sie einen Koffer auf das Bett warf und ihre Sachen zu packen begann.

Wilfried Grätner, der Stuntman, den alle nur »Bill« nannten, lehnte mit verschränkten Armen an der Ecke der Kommode, auf der das Telefon stand, und sah durch die Balkontür auf den See hinaus. Er sah etwas älter aus als die 31 Jahre, die er im vergangenen Monat geworden war, und sein stets leicht gebräunter Teint passte zu seinem kräftigen, leicht gewellten schwarzen Haar, das er niemals frisierte und das ihm zusammen mit dem dunklen Dreitagebart über dem leicht vorstehenden Kinn etwas Machohaftes verlieh, was aber durch sein leichtes Übergewicht wieder etwas weicher gezeichnet erschien.

Er fand, dass sie mit ihrer schwarzen Lockenmähne, dem mit kirschrotem Lippenstift geschminkten Mund und in ihrem hautengen Kleid, das ziemlich viel von ihrer prallen Oberweite zeigte, als Furie auch noch ziemlich sexy war. Aber ihre Ansprüche waren für seine Verhältnisse einfach einige Nummern zu groß. Ihr vormaliger Lebensabschnittsgefährte fuhr einen Jaguar XJS, aber offenbar war ihr sein Umfeld in der Immobilienbranche, in dem Geschäftsessen mit betuchten, aber entsetzlich langweiligen Kunden an der Tagesordnung waren, auf die Dauer zu bieder. Genau bei einem solchen Termin waren Lorena und er an dem Jachthafen am baden-württembergischen Bodenseeufer zusammengetroffen, wo der Liegeplatz seines Motorbootes war.

»Du weißt ja, wo ich die nächsten Tage bin«, fauchte Lorena, während sie, zurück im Wohnzimmer, nach ihren Schuhen suchte. »Und es kann gut sein, dass ich bei der Gelegenheit gleich für immer in Spanien bleibe.« Sie setzte sich in einen grünen, auf antik gemachten Sessel und zog ihre Schuhe wieder an. Im linken Schuh steckte noch eine Glasscherbe von der zerborstenen Glühbirne der Stehlampe, die sich jetzt beim Anziehen seitlich in ihren Fuß bohrte. Sie schrie auf, und sogleich färbte ihr Blut das cremefarbene Leder an einer Stelle rot. Er bekam davon nur noch ihren Aufschrei mit, denn er war bereits, seine schwarze Lederjacke über der Schulter, an der Wohnungstür, die er wütend und verletzt hinter sich zuknallte.

Wilfried »Bill« Grätner zündete sich vor der Haustür erst einmal eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und lief dann die Ortsstraße in Richtung des Jachthafens hinunter. An diesem lauen Abend Mitte Mai waren am Bodensee die Terrassen der Weinlokale und Hotel-Restaurants bereits gut besucht. Er nahm den schmalen Fußweg zum Seeufer und ging über den Kiesstrand zum Hafen. Die meisten Boote und Jachten waren hier eher Mittelklasse, obwohl an manchen Stellen auch solche aus dem oberen Preissegment zu sehen waren. Auf einer dieser Nobelschaluppen beobachtete er im Vorbeilaufen unfreiwillig, wie auf der weiß gepolsterten Sitzbank hinter dem Steuerrad ein beleibter Mittfünfziger in weißem Hemd begehrlich eine dem äußeren Anschein nach steinreiche, aber ihrem Lachen nach zu urteilen ziemlich unterbelichtete blondierte Frau mittleren Alters nach dem Anstoßen mit Champagner zu begrapschen versuchte.

Grätner wandte sich angewidert ab und steuerte auf sein Motorboot zu. Zwischen der Jacht dieser zwielichtigen Gesellschaft und seinem Boot lag nur noch eine kleine hellgrüne Jolle mit dem gelb aufgepinselten Namen »Seeschwalbe«, die in dem leichten Seegang wie eine Gummiente auf und ab schwappte. Er drehte den Schlüssel, und der Außenbordmotor am Heck des hellgrauen Sportbootes mit seitlich aufgeklebten Flammen startete mit einem satten Grollen. Beim Zurücksetzen hätte er fast das Heck der Nobeljacht gerammt, worauf ihm der Typ mit der Bierwampe im weißen Hemd etwas hinterherbrüllte, was aber im Motorengeräusch unterging, als er mit Vollgas aus dem Hafenbecken auf den See rauschte.

Innerhalb einer knappen Viertelstunde durchpflügte das Motorboot das Wasser bis ans gegenüberliegende österreichische Ufer, wo er in einem kleinen Bootshafen anlegte, von wo aus man noch die aufwendig gebaute Bühnenkonstruktion der Opernbühne am Seeufer sehen konnte. Grätner konnte fast an jedem Tag der Woche ziemlich sicher sein, in der kleinen Café-Bar direkt am Ufer und am See-Radweg, die zu einem großen Wohnwagen-Campingplatz gehörte, jemanden zu treffen, mit dem man einige Bier oder auch Hochprozentigeres trinken konnte. An der Bar saß der Bootsverleiher Hubert, den er jovial mit »Servus, Hubbe« begrüßte. Er bestellte auf Hubbes Empfehlung einen doppelten Bodenseeschnaps und erzählte ihm von seinem Zoff mit Lorena.

Es war bereits 7.30 Uhr am Freitagmorgen, als Wilfried Grätner mit dröhnendem Kopf auf dem Sofa aufwachte, während die Morgensonne über dem See einen zwar nicht wolkenfreien, aber einigermaßen trockenen Tag zu versprechen schien.

Drehtermin, schoss es ihm durch den Kopf, er musste um 11 Uhr im Außenbereich der Filmstudios stehen, wo vor nachgebauten Stadtkulissen die Crash-Szene für »Dezernat M wie Mord« gedreht werden sollte. In der Café-Bar hatte er einfach zu viel Schnäpse und dazu noch ein paar Bier in sich reingeschüttet und darin seinen Ärger mit Lorena zu ertränken versucht. Wie war er eigentlich mit dem Motorboot wieder hierhergekommen? Er hatte diesbezüglich eine komplette Erinnerungslücke. Seine Turnschuhe, die neben dem Sofa standen – immerhin musste er es wohl noch irgendwie geschafft haben, seine Schuhe auszuziehen –, rochen nach Benzin. War ihm mitten auf dem See das Benzin ausgegangen, sodass er mit dem Reservekanister nachfüllen musste? Wenn ja, wie zum Teufel hatte er das in seinem Suff mitten in der dunklen Nacht geschafft? Offenbar hatte er, wenn es so gewesen war, beim Betanken danebengeschüttet und dabei womöglich noch einen Teil des Benzins in den See gekippt.

Darüber konnte er jetzt nicht weiter nachdenken; er ging, noch immer leicht benebelt, unter die Dusche, brauste sich zum Schluss kalt ab und packte nach dem Anziehen seinen Rucksack mit den Klamotten für seine Stunt-Einsätze. Mit noch halbnassem Haar lief er zur Bäckerei an der Straßenecke bei der Zufahrt zum Seebad, wo er sich noch Zeit nahm für ein Frühstück mit einem großen Becher Kaffee und einer belegten Käseseele.

20 Minuten später saß er bereits in seinem schwarzen 1978er VW Scirocco, den er zunächst durch zahlreiche Ortsdurchfahrten steuern musste, bevor es auf die B18 in Richtung München ging. Als endlich das kurze Teilstück der Autobahn A96 erreicht war, entlockte er dem 110-PS-Motor sämtliche Reserven, um mit 180 Stundenkilometern auf der linken Spur noch rechtzeitig zum Drehtermin zu erscheinen.

In seinen Gedanken flackerte wieder Lorena auf. Ihm fiel ein, dass sie jetzt eigentlich zur selben Zeit in Richtung Flughafen München-Riem unterwegs sein musste, vermutlich mit einem dieser Bummelzüge der Deutschen Bundesbahn, die direkt zwischen Lindau am Bodensee und München verkehrten und für diese Strecke gut dreieinhalb Stunden brauchten. Für einen kurzen Moment stellte er sich vor, wie sie auf dem Beifahrersitz neben ihm saß und ihre schwarze Lockenmähne sanft im Fahrtwind des geöffneten Schiebedaches wehte, während das untere Ende ihres engen, kurzen Sommerkleides im Sitz so weit hochgerutscht war, dass es den Blick auf ihren halbdurchsichtigen Slip freigab.

Die roten Bremslichter der Autos vor ihm boxten ihn schlagartig aus seinen erotischen Fantasien, als sich etwa zwei Kilometer vor der Autobahnausfahrt der Verkehr staute. Er fluchte leise in sich hinein, weil die kleine Zeigeruhr im Armaturenbrett des Scirocco bereits 10.50 Uhr zeigte. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass er in seinen Gedanken an Lorena bei freier Fahrt jetzt ziemlich sicher die Ausfahrt verpasst hätte.

Exakt um 10.59 Uhr bog er von dem zweispurigen Autobahnzubringer direkt in die Einfahrt zum Tor Süd der Filmproduktionsfirma ein, die wie ein Fabriktor mit Pforte und Schranke abgeriegelt war. Der Pförtner kannte Bill, winkte ihm einen lässigen Gruß zu, legte seine Zeitung beiseite und betätigte einen Schalter, wodurch sich die Schranke nach oben bewegte.

Er hatte kaum die Schranke passiert, als ihm der stellvertretende Produktionsleiter mit wild fuchtelnden Armen entgegenstürmte. »Herrschaftszeiten noch mal, Bill, hier wart’ ois auf di’.« Franz Straubinger, dessen vollständiger Vorname identisch mit dem des bayerischen CSU-Ministerpräsidenten war und der deshalb spöttisch »Straußinger« gerufen wurde, schwang sich neben Grätner auf den Beifahrersitz. Bis zu dem Freigelände, auf dem die Auto-Stunts gedreht wurden, waren es innerhalb des Filmindustrie-Areals noch einige Hundert Meter. Franz nutzte die Zeit, um Grätner die nötigen Instruktionen zu geben. Hinter seinem dunklen Vollbart, seinem wild gelockten schwarzen Haaren und der großen Kassengestell-Brille war bei dem großgewachsenen Bayern nur noch mit Mühe ein Gesicht zu erkennen. Dafür hatte »Straußinger« hinter seinen dicken Brillengläsern einen scharfen Blick, der eine wache Intelligenz vermuten ließ, aber auch eine ständige Nervosität nicht verbergen konnte.

Das Stunt-Fahrzeug war am Anfang der Anlaufstrecke geparkt und wartete auf seinen Einsatz. Wilfried Grätner hatte sich schnell umgezogen und inspizierte kurz den Wagen. Den Fahrgastraum des dunkelgrünen BMW 518 hatte die Werkstatt bereits mit einem Käfig aus Stahlrohren ausgesteift. Die ganze rechte Seite des Wagens – Grätner schätzte das Baujahr auf etwa 1977 – zeugte von einem notdürftig reparierten Unfallschaden; weil in der Filmszene das Auto nur von links und hinten zu sehen sein würde, tat es für diesen Zweck wohl diese notdürftig zusammengeschusterte Schrottkiste.

Vorne am Set des Filmdrehs debattierten Regie und Aufnahmeleitung und wollten wohl in letzter Minute noch einmal die Kameraperspektive ändern. Grätner dachte, damit nochmals zwei Minuten Zeit gewinnen zu können, und startete den Motor, um noch eben auf einigen Metern wenigstens das Lenkverhalten testen zu können. In diesem Moment winkte Franz ihm hektisch entgegen, dass genau jetzt die Szene gedreht würde. Grätner überlegte eine Sekunde, streckte aber dann doch den Daumen der linken Hand nach oben. Er war schließlich Profi in seinem Metier.

In diesem Moment begann sein Kopf zu dröhnen; zugleich machte sich in seinem Magen ein flaues Gefühl breit. Er hatte sicher immer noch einen Restalkoholgehalt im Blut, der ihm am Vormittag – wäre er in eine Polizeikontrolle geraten – bestimmt den Führerschein gekostet hätte.

Stuntman Bill kämpfte gegen die Kopfschmerzen und gegen die aufsteigende Übelkeit und drückte das Gaspedal durch. Er musste auf etwa 70 Stundenkilometer beschleunigen, so knapp wie möglich vor der Reihe der geparkten Autos kurz herunterbremsen, den Wagen mit der Handbremse in einen rechten Winkel drehen und ihn mit der rechten Seite in einen hellgrauen VW-Bulli krachen lassen, der etwa in der Mitte der in Reihe geparkten Autos stand.

Der 5er-BMW war ein untermotorisiertes Modell und beschleunigte nur widerwillig. Als er in den dritten Gang hochschaltete, bemerkte er, dass die Lenkung ausgeschlagen war und sich der Wagen nur mit hastigen korrigierenden Lenkradbewegungen geradeaus halten ließ. Er steuerte jetzt geradeaus auf den grauen VW-Kastenwagen zu, lenkte leicht nach links, worauf die Lenkung ruckartig noch weiter nach links zog. Der BMW raste jetzt auf einen am linken Rand der Filmkulissenstraße abgestellten roten Ford Fiesta zu, hinter dem der Kameramann stand. Grätner zog die Handbremse, doch der Wagen schleuderte nicht wie geplant mit quietschenden Reifen in eine Rechtsdrehung, sondern bohrte sich krachend in die linke hintere Seite des Fiesta. Der BMW hob sich durch den Aufprall vorne links an, erfasste mit der Front den Kameramann und kippte auf die rechte Seite.

Franz Straubinger starrte mit großen, erschreckten Augen hinter seinen dicken Brillengläsern auf den Kameramann, der jetzt halb unter dem BMW lag. Unter seinem dichten Vollbart und dem weit in die Stirn ragenden Haar war ein kreideweißes Gesicht zu erkennen. Zwei der für die Sicherheit verantwortlichen Kollegen rannten mit Erste-Hilfe-Koffer und Feuerlöscher auf das umgekippte Auto zu und begannen, den schwerverletzten Kameramann zu bergen. Straubinger schlug mit dem Feuerlöscher die Heckscheibe ein, um Wilfried Grätner aus dem Autowrack zu befreien, der aber eine Sekunde später selbst durch die Öffnung herausrobbte.

*

Die Fußgängerzone in der Wiener Innenstadt war an diesem Freitagnachmittag nur mäßig belebt. Trotz der frühlingshaften Temperatur bei bedecktem Himmel wehte ein unangenehm kühler Wind zwischen den Häuserzeilen der Altstadt. Carola fand vor dem Café »Schlagobers« einen Platz direkt an der Hauswand, der windgeschützt war und trotzdem den Ausblick auf die sie umgebenden historischen Gebäude und auf die vorbeiströmenden Passanten bot. Sie war an diesem frühen Nachmittag mit drei Einkaufstaschen von teuren Kleiderboutiquen unterwegs.

Der Vorlesung über die von alten Baumeistern für spätgotische Bauten angewandten Gesetzmäßigkeiten bei der Grundrissplanung war die Architekturstudentin Carola an diesem Nachmittag ferngeblieben. Sie bestellte sich einen »Braunen«, den ihr wenige Minuten später eine unmotivierte, von den vielen Touristen genervte Bedienung auf den kleinen, auf dem Pflaster etwas wackelig stehenden Bistrotisch servierte.

Für das, was sie in einer trockenen Vorlesung über sich ergehen lassen müsste, hatte sie an diesem Platz unmittelbar anschauliche historische Beispiele vor Augen. Falls sie die vor Jahrhunderten angewandten Grundsätze der Grundrissaufteilung wirklich interessierten, brauchte sie nur die zahlreichen Informationstafeln im Museum zu studieren. In Wahrheit aber hatte sie an dem ganzen Architekturstudium nur ein mäßiges Interesse. Sie zog es mit ihren 22 Jahren vor, ein anspruchsvolles Leben zu genießen und ihre Freundinnen zu Hause mit ihrem Lebensstil in einer Weltstadt zu beeindrucken.

Carola griff mit ihrer rechten Hand, an deren Ringfinger ein etwas zu protziger silberner Ring mit einem grünen Edelstein steckte, in ihre Lederhandtasche, um ihren Kaffee zu bezahlen. Sie musste sich beeilen, bevor die Bankfiliale in der Nähe des Rathausplatzes schloss, um noch Bargeld für das Wochenende von ihrem Konto abzuheben.

Der Bankangestellte blätterte die einzelnen Scheine auf die Marmorfläche des Schalters, reichte ihr das Bündel mit 1.000 österreichischen Schilling durch den Schlitz unter der gepanzerten Glasscheibe und sah sie dabei über den goldfarbenen Rand seiner etwas zu großen Brille an. Er räusperte sich kurz, und sein Gesichtsausdruck mit dem zu einem schmalen Strich rasierten schwarzen Oberlippenbart verriet, dass er ihr offenbar etwa Unangenehmes würde mitteilen müssen. »Ihr Konto ist, ja nun …« – er rückte den Knoten seiner Krawatte zurecht – »also Ihr Konto weist für eine weitere Abhebung in dieser Summe, wenn Sie verstehen, wie ich meine, nicht mehr die nötige Deckung auf – aber ich kann Ihnen anbieten, wertes Fräulein Leiberger …«

»Leibacher!«, zischte Carola gegen die Panzerglasscheibe, worauf der etwa 60-jährige Angestellte zusammenfuhr, als befürchtete er, dass die Scheibe gleich zerspringen würde. Ihre rosa geschminkten Lippen zogen sich zusammen, und das von ihren leicht gewellten halblangen blonden Haaren umrahmte Gesicht wirkte verkrampft.

»Bitte verzeih’n Sie, Fräulein Leibacher«, sprach er gedehnt in Wiener Dialekt und rückte sein Brillengestell zurecht, wobei sich sein Blick im Ausschnitt ihrer rosa Satinbluse verfing. »Wie schon angedeutet, unser Haus könnte Ihnen in einem gewissen Rahmen, der sich natürlich an Ihren Einkommensverhältnissen zu bemessen hätte, wenn S’ versteh’n, wie ich meine, einen Dispositionskredit einräumen, der Zinssatz wäre momentan bei 14 Komma …« Weiter kam er nicht, denn als er seinen Blick wieder von ihrem reizenden Dekolleté lösen konnte, steckte sie hastig das kleine Bündel Schillinge ein und stakste mit eiligen Schritten und nach oben gerichteter Nase über den Marmorboden zum Ausgang.

»Ich muss mir von so einem heimlichen Spanner hinter dem Bankschalter anhören, dass mein Konto nicht mehr die nötige Deckung aufweist«, krähte sie kurze Zeit später aufgekratzt in den Telefonhörer, wobei sie beim Aussprechen des Nebensatzes versuchte, den Wiener Dialekt nachzuäffen. Aus der Hörmuschel des Telefons in ihrem Studentenapartment knurrte eine verärgerte männliche Stimme: »Du könntest dieses Jahr mit deinem Architekturstudium fertig sein, und wenn du dich drum bemühen würdest, könntest du schon bald in einem großen Architekturbüro die tollsten Häuser planen und endlich dein eigenes Geld verdienen«, versuchte Alois Leibacher, seine Tochter zur Räson zu bringen.

Carola zog angespannt an ihrer Zigarette, an deren Filter sich ihr rosa Lippenstift abfärbte. »Wenn, dann mache ich gleich mein eigenes Architekturbüro auf.« Sie sprach diesen Satz wie ein trotziger Teenager, um gleich darauf die Mitleidstour aufzulegen: »Aber bis dahin brauch ich einfach noch mal Knete. Und nach diesem Semester mach ich den Abschluss, versprochen.«

»Das will ich hoffen, und bis dahin kannst du schon mal nebenbei ein Praktikum machen und nebenbei was verdienen«, bemerkte ihr Vater nachdrücklich. Sie drückte hastig ihre Zigarette am Rand des übervollen kleinen Blech-Aschenbechers aus, der dabei hochschnippte und die Asche auf dem weißen Spitzendeckchen und auf dem Teppich verteilte. Ihre Stimme wurde schrill. »Du musst ja gerade reden, du hast ja Mutter schließlich wegen einer Tussi verlassen, die lieber mit dem Sportwagen rumfährt, als dir in der Firma zu helfen! Also krieg ich jetzt meinen Scheck oder nicht?«

Der Frühling in Wien hatte in den letzten Tagen für milde Temperaturen gesorgt. Die Woche neigte sich an diesem Donnerstagnachmittag bereits wieder dem Ende zu, als Carola Leibacher auf dem Rückweg von der Universität an der Straßenbahnhaltestelle ausstieg, deren Linie Richtung Zentrum führte. An der Baustelle eines Wohn- und Geschäftshauses direkt neben der Haltestelle lärmten Baumaschinen. Männer in blaugrauen Arbeitsmonturen mit der Aufschrift einer Heizungsbaufirma trugen lange Kupferrohre auf den Schultern und fädelten sich damit zwischen Betonpfeilern zu einem Treppenhaus durch. Vor der Baustelle türmten sich Paletten mit Estrichbetonsäcken, rostige Gitterboxen mit Abflussrohrformteilen und einige auf einen Haufen geworfene Stahlstützen. Eine Frau um die 30 mit weißem Bauhelm, in verdreckten grünen Gummistiefeln und einer blauen Allwetterjacke diskutierte lautstark mit einem nervös rauchenden Mann irgendetwas über Termine. Der schrie mit einem Stapel Baupläne in der Hand achselzuckend etwas von »zu wenig Leute« in den Baulärm hinein. Aus einer schief stehenden, verbogenen Wellblech-Bautoilette kam ein Monteur heraus, der den Reißverschluss seiner staubverschmutzten Arbeitshose erst im Vorbeigehen an der Bauleiterin zuzog und dabei lüstern die Figur der Frau musterte.

Das ist also die Realität von »tolle Häuser planen«, dachte sie, als sie am Bauzaun vorbei in Richtung ihres Apartments ging, das sich in einem einstmals schmucken, aber inzwischen heruntergekommenen Stadthaus direkt an der Hauptstraße befand. Sie betrat den Hausflur, wo jeder Schritt hallte und am Sockel neben dem abgenutzten hellbraunen Mosaikboden an einigen Stellen der Putz von der Wand bröckelte. Aus dem Einwurf ihres Briefkastens ragten Reklameprospekte. Sie öffnete das dunkelbraune Blechtürchen des Briefkastens, das sie dabei wegen eines kaputten Scharniers immer leicht anheben musste. Zwischen den Prospekten steckte ein Brief ihres Vaters, den sie gleich noch im Hausflur hastig aufriss. In dem Brief steckte ein Scheck von einer Liechtensteiner Bank.

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++ Juni 1986 ++

Er verließ das Gerichtsgebäude als vorbestrafter Mann. Der Minutenzeiger der großen Uhr in der hohen Eingangshalle, die oberhalb der runden Betonsäulen an der Wand hing und vom Stuck der Decke umrandet wurde, bewegte sich ruckartig wie der Hammer des Richters bei der Urteilsverkündung und schnellte mit lautem Klacken auf den ersten Strich nach der halben Stunde. Es war eine 11.31 Uhr an diesem Montagvormittag, als er in den Frühsommerregen hinaustrat, der einen mit einer feinen, aber dicht fallenden Regendusche innerhalb kürzester Zeit durchnässen konnte.

Er zog die Kapuze seiner verwaschenen roten Jacke mit dem Aufdruck ›1965 Racing Team‹ über den Kopf und sah sich in dem Straßenzug im Zentrum der bayerischen Landeshauptstadt um. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdeckte er eine Ladenpassage und überquerte leicht humpelnd die Fahrspuren bis zur Mitte, wo er kurz stehen bleiben musste, als gerade auf der Trambahntrasse zwei blaue Straßenbahnen aneinander vorbeifuhren, deren Räder in den kurvigen Schienen schleifende metallische Geräusche von sich gaben.

Er betrat einen kleinen Tabak- und Zeitschriftenladen in der Passage, vor dem in einem drehbaren Zeitungsständer das Papier der größten deutschen und dazu türkischen und italienischen Tageszeitungen in dem Wind flatterte, der durch den Gang der Ladenpassage wehte. Im Laden streifte sein Blick die Reihe der Fernsehprogrammhefte. Auf dem Titelbild eines TV-Magazins war der Hauptdarsteller von »Dezernat M wie Mord« zu sehen. Er blätterte kurz darin, und der Bericht über die Serie versprach ab August neue spannende Folgen, immer dienstags um 18.30 Uhr.

Kein Wort stand in dem Artikel darüber, dass bei den Dreharbeiten kürzlich ein Kameramann bei einer Stunt-Szene auf tragische Weise ums Leben gekommen war. Was sollte dies auch den Fernsehzuschauer interessieren, dachte er. Für die Produktionsfirma war es ein Betriebsunfall, wie er in jeder Fabrik und auf jeder Baustelle auch hätte passieren können.

Ihm als Stuntman hatte die TV-Produktionsfirma eine manövrierunfähige Schrottkarre hingestellt, um die im Drehbuch vorgesehene Actionszene so billig wie möglich zu realisieren. Aber ihm wurde eine Teilschuld zugesprochen, weil er, so wie es eine knappe Stunde zuvor das Gericht erklärte, der Produktionsfirma als freiberuflicher Auftragnehmer gegenüberstand. Und damit stehe er mit in der Verantwortung, »die ihm überlassenen Arbeits- und Betriebsmittel auf sichere Anwendbarkeit hin zu prüfen«, wie es im Urteil in bester deutscher Amtssprache verkündet worden war. Sein Glück war dabei, dass die Polizisten bei der Aufnahme des Unfalls am Drehort offenbar keinen Verdacht hatten, dass bei ihm Alkohol mit im Spiel gewesen sein könnte. Ansonsten wäre er wegen seines Restalkoholpegels nach der durchzechten Nacht am Bodensee auch noch seinen Führerschein los gewesen.

Wilfried »Bill« Grätner war damit aber nicht nur seinen wichtigsten Auftraggeber los. Mit dieser Vorstrafe würde er überhaupt keine Stunt-Jobs mehr in der Filmbranche bekommen, außer er würde sich auf Fensterstürze und ähnliche halsbrecherische Akrobatik verlegen, wozu ihm aber die nötige körperliche Fitness fehlte. Dafür konnte ihm bei Auto-Stunts so schnell keiner etwas vormachen – schließlich hatte er mit 19 Jahren seinen ersten dreifachen Überschlag, als er gerade in einem Autohaus jobbte und einen Golf GTI von der Werkstatt zu einer wenige Kilometer entfernten Lackiererei fahren sollte. Die Neulackierung war damit hinfällig gewesen.

Er kaufte eine Packung Zigaretten und eines der neongrünen Einwegfeuerzeuge, die in einem kleinen Verkaufsständer für 1,40 DM angeboten wurden.

Der Regen hatte nachgelassen. Bill Grätner stieg in die nächste Tram ein. Irgendeine fährt immer zum Hauptbahnhof, dachte er und setzte sich auf einen freien Sitzplatz neben der Tür, der eigentlich für Gehbehinderte vorgesehen war. Bequem lehnte er sich mit verschränkten Armen in den Sitz und streckte die Beine aus. Der Knöchel seines rechten Fußes, der bei dem Unfall zwischen den Pedalen des alten BMW eingeklemmt war, begann wieder schmerzhaft zu pochen. Es war der Grund, weshalb er mit der Bahn unterwegs war, weil er mit dem schmerzenden Fuß nicht Auto fahren konnte.

Er stieg am Hauptbahnhof aus und sah sich nach dem Fahrkartenschalter um. Eine übergewichtige Punker-Göre mit pink gefärbtem Irokesenhaarschnitt und grün gefärbten Fingernägeln trat auf ihn zu und fragte ihn kaugummikauend: »Ey, hast mal ’ne Mark?« Grätner wandte sich ohne einen Blick ab und sah noch aus dem Augenwinkel, wie sie mit herausgestreckter Zunge eine obszöne Geste mit der rechten Hand auf Höhe des Unterleibs machte. Er wollte jetzt nur noch so schnell wie möglich von diesem Ort weg.

Im Zug setzte sich Wilfried Grätner in ein leeres Abteil und begann darüber nachzudenken, wie es weitergehen sollte. Doch seine Gedanken waren vollkommen von den Sekunden beherrscht, in denen das Filmauto umkippte und den Kameramann unter sich begrub. Hätte er es verhindern können, wenn er sich nicht nach einer durchzechten Nacht auf diesen Job eingelassen hätte? Hätte er dem Hektiker Franz Straubinger klarmachen müssen, dass er um der Sicherheit willen vor dem Dreh mit dem Wagen noch eine kurze Testfahrt machen musste – wodurch wahrscheinlich in nicht einmal zwei Minuten klar gewesen wäre, dass das Drehen dieser Action-Szene mit einem Fahrzeug dieses Zustands fahrlässig war? Hätte, wäre – sein Gedankenkarussell fand darauf keine Antwort, und in seinen Ohren hallte immer wieder das Wort »Teilschuld«.

Am späten Nachmittag rollte der Zug aus München auf den Inselbahnhof, dessen Gleise nur wenige Meter vor dem Seeufer endeten. »Lindau Hauptbahnhof!«, knarzte eine Stimme mit der Betonung auf »Haupt« aus einem grauen Lautsprecher, als hätte die Inselstadt am Bodensee noch ein halbes Dutzend weitere Bahnhöfe. Wilfried Grätner öffnete die Tür des nach über drei Stunden Bahnfahrt rauchgeschwängerten Abteils, lief zum Ausstieg und drückte mit einem kräftigen Ruck den roten Hebel zum Öffnen der Tür, die mit einem dumpf klappernden Geräusch aufsprang.

Neben dem Eingang zum Bahnhofsgebäude ratterten Straßenbaumaschinen. Eine Bautafel kündete vom Bau eines Omnibusbahnhofs für die verkehrenden Linienbusse. Grätner schlug den Weg durch einen mit Bauzäunen abgegrenzten Fußgängerweg ein. Ein Bagger zog mit einem Kettengreifer einen Betonschachtring hoch, drehte in seine Richtung und setzte ihn zentimetergenau an einer Stelle ab, wo er von zwei Straßenbauarbeitern auf einen Kanalschacht abgesetzt wurde.

Wilfried Grätner blieb für einen Moment am Bauzaun stehen und sah zu, wie ein anderer Trupp Randsteine auf einen aufgeschütteten Streifen frischen Betons setzte.

Ein für die Fläche der Baustelle übergroßer vierachsiger Kipplaster bog auf das Gelände ein und durchfuhr mit dem linken Vorderrad mit platschendem Geräusch eine große Pfütze. Die hellbraunen Spritzer schlugen bis zum Fenster der Fahrertür hoch, auf der die Aufschrift ›Leibacher Tief- und Straßenbau GmbH‹ stand.

Es war die Baufirma, bei der er Jahre zuvor seine Lehre als Betonbauer absolviert hatte. Dieser Moment erinnerte ihn wieder daran, dass er sich um einen neuen Job umsehen musste. Wenn er zum Arbeitsamt ginge, dachte er, würde er kurz darauf auf Baustellen wie diesen wieder knöcheltief im Dreck herumwaten und den ganzen Tag nichts als Beton und Frostschutzkies um sich herum haben.

In diesem Moment spürte er, wie sich ein schmaler, kantiger Gegenstand im Kragen seiner roten Kapuzenjacke verfing. Es war etwas Biegsames, das ihm an die Halsschlagader drückte, und es fühlte sich an, als wollte jemand seine Jacke auf einen Kleiderbügel hängen, ohne dass er sie vorher ausgezogen hatte. Grätner packte das stabförmige Teil ruckartig mit der rechten Hand und zog es aus seiner Jacke heraus.

Er hatte das Ende eines Meterstabs in der Hand. Verdutzt wanderte sein Blick langsam zum anderen Ende des Zollstocks. Dort sah er eine männliche Hand, die aus dem Ärmel einer hellbraunen Wildlederjacke mit Trachten-Applikationen ragte.

»Entschuldigung bitte«, sagte eine Stimme, die zu der Trachtenjacke gehörte und die ihm seltsamerweise bekannt vorkam. Der Mann stand am Bauzaun und hatte mit dem Meterstab herumgefuchtelt, während er einem Vorarbeiter die Verlaufslinie der zu verlegenden Betonrandsteine erklärte. Grätner blickte in das Gesicht eines Mannes, der etwa Anfang 40 war.

Wilfried Grätner erkannte ihn nicht gleich, doch der Meterstab-Mann schien ihn gut in Erinnerung zu haben. »Grüß dich, Bill, tut mir leid, dass ich dir mit dem Meterstab fast den Hals durchbohrt hätte, aber du weißt ja, wie’s am Bau zugeht«, begrüßte Alois Leibacher seinen ehemaligen Mitarbeiter mit seinem typischen breiten Grinsen.

Grätner war nicht in der Stimmung für Leibachers jovialen Ton. Alois hatte das Tief- und Straßenbauunternehmen von seinem Vater Alois Leibacher senior übernommen, kurz bevor Wilfried Grätner seine Betonbauer-Lehre abgeschlossen hatte. Bill erzählte in drei kurzen Sätzen von seiner momentanen Lage, während Alois Leibacher auf die Uhr sah. »Ich muss zu einem Baustellentermin. Komm morgen um halb fünf zu mir ins Büro, ich denke, ich hab da was Passendes für dich«, sagte Leibacher knapp und lief zu einem roten Opel Rekord Caravan, der genauso verdreckt aussah wie der Kipplaster hinter dem Bauzaun.

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++ Juli 1986 ++

Die Temperatur im Sitzungssaal hatte an diesem späten Sommernachmittag 31 Grad Celsius erreicht. Über den Tag hatte sich unter dem Dach des Rathauses im Kurort vor dem Steighorn die Hitze der Julisonne gestaut, die immer noch gleißend vom Himmel brannte. Volkmar Brambach las von seiner Digital-Armbanduhr die Uhrzeit 17.48 ab. Der Leiter des Ausschusses für Technik und Umwelt öffnete seinen Hemdkragen und wurde allmählich ungeduldig, weil er an diesem Abend eigentlich vorhatte, mit seinem Alfa Spider noch eine kleine Tour über den Riedbergpass nach Balderschwang zu fahren. Stattdessen klebte er mit schweißdurchtränktem Hemd an diesem Kunstleder-Konferenzstuhl und musste sich die Ausführungen eines Tiefbauunternehmers anhören, der offenbar jetzt in die Höhe bauen wollte und von dem er den Eindruck hatte, dass er dem Größenwahn verfallen sein musste.

Brambach sah sich im Sitzungssaal um und beobachtete auf den ebenfalls verschwitzten Gesichtern der Anwesenden – es waren sechs Männer und eine Frau – einen einhelligen Ausdruck von großer Skepsis, aber auch von Verlegenheit. Vom Oberbürgermeister über die Direktorin der Behörde für den Landschaftsschutz bis zu Vertretern des Wirtschaftsministeriums trieb die Hitze allen den Schweiß aus den Poren.

Er wusste aber, dass es noch einen anderen Grund gab, der die Herrschaften ins Schwitzen brachte. Alois Leibacher hatte jedem Einzelnen von ihnen seine skurrile Idee von einem Wasserkraftwerk am Steighorn damit schmackhaft gemacht, dass er unmittelbar neben dem Stausee ein Sporthotel bauen wollte und ihnen allen kostenlose Urlaube in einem der Seeblick-Zimmer der besten Kategorie in Aussicht gestellt hatte. Niemand hatte ihn letztlich wirklich ernst genommen, wenn er bei öffentlichen Empfängen und hochkarätigen Veranstaltungen innerhalb erlauchter Kreise wortreich seine Pläne für eine ökologische Energieversorgung ausmalte. Leibacher hatte sie alle dazu bringen wollen, darin eine große Zukunftschance für das Steighorntal zu sehen. Dass jeder dem verlockenden Sporthotel-Angebot scheinbar zustimmte, hatte Leibacher wohl tatsächlich für bare Münze genommen und wähnte sich jetzt als einflussreicher Großunternehmer, der glaubte, bei den Behörden und ministerialen Entscheidungsträgern die Fäden ziehen zu können.

Alois Leibacher stand vor dem Gremium und merkte, wie der Versuch seiner Überzeugungsarbeit ins Leere zu laufen begann, als er die wichtigsten Fakten seiner Präsentationsrede zusammenfasste.

»Bedenken Sie die enormen Chancen, die sich dadurch für diese Region ergeben. Das Steighorn-Wasserkraftwerk wird ein Aushängeschild für die ökologische Stromerzeugung. Und gleichzeitig wird sich der See in dieser Berglandschaft zu einem Touristenmagneten entwickeln. Für die Hotelbetreiber bedeutet das ein hohes Maß an Investitionssicherheit.«

Brambach wollte sich gerade gedanklich zurechtlegen, was er Leibacher entgegenhalten sollte, aber in dem Moment sah Oberbürgermeister Hermann Hüttinger den Zeitpunkt gekommen, den Plänen des Tiefbauunternehmers entschieden entgegenzutreten. Der mit seiner runden Brille und glatten, kantigen Gesichtszügen lehrerhaft wirkende Chef des Rathauses erhob sich von seinem Stuhl und stellte sich ohne Gesten wie das Zurechtrücken von Brille oder Krawatte neben Leibacher, den er mit entschlossenem Blick ansah. Hüttinger war ein Meister darin, überzeugend und kompetent aufzutreten, und Brambach grämte sich regelmäßig, dass sein Vorgesetzter ihm nicht nur rhetorisch überlegen, sondern auch stets mit seinen Gedanken eine Nasenlänge voraus war. So auch in diesem Moment.

»Ich will Ihnen mal was zeigen«, sagte Hüttinger mit ruhiger Stimme, nahm den ihn um etwa zehn Zentimeter überragenden Leibacher am Arm und führte ihn wie einen Schüler zu einem Fenster des Konferenzsaales, von wo man direkt auf das Tourismusbüro sehen konnte, an dessen Eingang ein großes ›I‹ angebracht war. Ständig gingen Urlauber in Wanderkleidung hinein und kamen wenig später mit Prospekten und Wanderkarten wieder heraus.

»Die Hotels und Pensionen sind hier bestens ausgelastet. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte, ist die Region am Steighorn bereits ein Touristenmagnet«, belehrte Hüttinger, und die Vertreter der Touristikbranche nickten zustimmend. Er ging zu seinem Platz, holte aus seiner Aktentasche eine regionale Wanderkarte hervor und breitete sie auf einem der Tische aus. »Sie stellen sich vor, dieses Gebiet unter Wasser zu setzen«, sagte Hüttinger und blickte Leibacher streng über den Rand seiner Brille an. »Was sehen Sie hier? Und hier, und hier?«, fragte der Oberbürgermeister jetzt mit aufkommender Wut in der Stimme und tippte an mehreren Stellen so auf die Karte, dass sein Zeigefinger fast das Papier durchbohrte: »Hier: ein Berggasthof. Hier: ein Skilift, übrigens der zweitwichtigste am Steighorn. Hier: ein Weiler von vier Höfen mit Landwirtschaft, die Heimat von vier Familien. Und hier: die Kapelle zur heiligen Maria, erbaut 1611.«

»Und vor allem eine ursprüngliche Berglandschaft, unberührte Natur, idyllische Bachläufe, und Ihre Staumauer durchschneidet auch noch das Naturschutzgebiet ›Hohe Fichten‹ mit seltenem Baumbestand. Haben Sie sich das Gebiet jemals genauer angesehen?« Doktor Marie-Antoinette Kärrele-Deichsler hatte das Wort ergriffen, warf ihre langen dunklen Haare in den Nacken und blickte Leibacher vorwurfsvoll an.

In der hinteren Reihe erhob sich schließlich ein beleibter Mann von etwa Ende 30, dessen breites Gesicht von der Hitze gerötet war und der zu einer braunen, ausgeleierten Cordhose ein braun-weiß kariertes Hemd trug, dessen obere drei Knöpfe offen standen und sich im unteren Teil über seinen Bauch spannte. Josef Korschacher hatte bisher ruhig und mit verschränkten Armen der Sitzung beigewohnt und stützte nun seine enorm kräftigen, behaarten Unterarme auf dem Tisch vor ihm auf.

»Weideflächen für 200 Rindviecher wollts Ihr mit Eurem Stausee vernichten. Und mein’ Hof dazu! Bauen S’ Ihr Kraftwerk, wo Sie woll’n, aber mein Hof und meine Viecher bleib’n hier, wo unser’ Familie seit 300 Jahr’n lebt«, polterte der stämmige Landwirt und zeigte mit dem Finger auf Leibacher.

Volkmar Brambach hatte in der Zwischenzeit endlich das Argument gefunden, mit dem er sich vor dem Oberbürgermeister und den anderen Beteiligten profilieren konnte: »Sie hätten sich den ganzen Aufwasch hier sparen können, wenn Sie zuerst mit uns geredet hätten. Aber Sie haben zuerst Gespräche und sogar schon Verhandlungen mit ›Hellwatt‹ geführt, bevor wir hier alle überhaupt einen blassen Schimmer davon bekommen konnten, was hier hinter unserem Rücken von einem Stromkonzern und einem Bauunternehmer heimlich geplant wird. Mit Verlaub, Herr Leibacher, so geht das nicht!«, bläute der Leiter des Ausschusses für Technik und Umwelt Leibacher ein, um gleich darauf nachzusetzen: »Sind Sie sich eigentlich im Klaren darüber, was hier los ist, wenn Ihr Vorhaben an die Öffentlichkeit gelangt?«

»Die Sitzung ist geschlossen«, sprach Oberbürgermeister Hüttinger machtvoll, öffnete die Tür des Sitzungssaals und blieb mit der Hand an der Türklinke stehen, bis alle den Raum verlassen haben würden. Alois Leibacher wollte sich formell von Hermann Hüttinger verabschieden, der jedoch auf seine Armbanduhr sah und »Schönen Abend« wünschte.

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Die Vormittagssonne trieb über den Gipfeln der Allgäuer Voralpen die Haufenwolken auseinander, als er den blauen Mercedes 307 D über den Riedbergpass steuerte. Der Transporter seiner Installationsfirma schaffte mit seinem 65-PS-Dieselmotor nur mit Mühe die Kurven über die Passstraße. Im Fahrerhaus übertönte das Motorengeräusch das Radio, aus dem über näselnde Lautsprecher ein Lied von einem österreichischen Liedermacher zu vernehmen war, der von einem Italien-Reisenden sang, der »keine Lire und keine Papiere« hatte. Franz Britzler musste in einer engen Serpentine in den ersten Gang herunterschalten, worauf sich der Mercedes-Transporter nach der Kurve mit lautem Getöse und einer schwarzen Rußwolke aus dem Auspuff die Steigung hochquälte.

Er summte den Refrain des Liedes mit und ließ sich von der langsamen Fortbewegung seines um die Kurven ruckelnden Transporters an diesem Samstagvormittag nicht die Laune verderben. Erstens wollte er sich nach langer Zeit mal wieder eine kleine Bergtour auf den Wannenkopf gönnen, von wo er den Blick auf die schroffen Felskegel der Allgäuer Alpen haben würde. Zweitens verband er – wie er es als Opportunist häufig tat – das Angenehme mit dem Nützlichen, weil er sich ziemlich sicher war, mit dem Hüttenwirt der Gehrenkopfhütte ins Geschäft zu kommen. Denn im Laderaum seines verschrammten Transporters mit der Aufschrift ›Britzler Elektro – Sanitär‹ hatte er etwas, was vor allem für abgelegene Berghütten und Bergbauernhöfe die Lösung eines Energieversorgungsproblems versprach. Von dieser neuartigen Technologie erhoffte er sich ein gutes Geschäft, mit dem er hoffentlich mehr Gewinn erzielen konnte als mit Elektroinstallationen und Reparaturen. Noch war Fotovoltaik kein ausgereiftes Serienprodukt, aber er war fasziniert von der technischen Möglichkeit, durch das Verlegen von Solarpaneelen auf einem Hausdach Strom aus Sonnenlicht erzeugen zu können – und davon überzeugt, dass er in dieser Alpenregion zahlreiche Kunden dafür würde finden können.

Er bog von der Passstraße auf die steile Zufahrt zum geräumigen Parkplatz vor der Gehrenkopfhütte und dem Wannenkopf-Skilift ein und war überrascht, dass der Parkplatz mehr als halbvoll belegt war. Er hatte gehofft, dass er mit Joschi, dem Hüttenwirt, in Ruhe über die Installation einer Fotovoltaikanlage reden und ihn schließlich davon würde überzeugen können, in eine alternative Stromerzeugung zu investieren. Bei diesem Betrieb aber würde Joschi alle Hände voll zu tun haben, um die Hüttengäste mit Getränken und Hüttenspezialiäten wie Brotzeittellern und Apfelstrudel zu versorgen.

Franz Britzler parkte den blauen Mercedes-Kastenwagen hinter der Gehrenkopfhütte, wo der Eingang zur Küche war. Er stieg in seiner leicht gebeugten Haltung aus dem Fahrerhaus des Transporters. Ihm waren mit seinen nur knapp 1,70 Metern, dem hageren Gesicht mit den kleinen listigen blauen Augen und der etwas zu weit oben sitzenden ausgeleierten Jeans die Jahre harter handwerklicher Arbeit anzusehen.

Auf der Terrasse waren nur drei Tische belegt; durch eines der mit alpenländisch typischen rotkarierten Vorhängen verzierten Kreuzsprossenfenster sah er, dass der Gastraum innen fast leer war. Erst jetzt bemerkte Franz Britzler, dass der Grund für den Menschenauflauf auf der Wiese in Richtung des Wanderwegs zum Wannenkopf zu suchen war. Mitten auf dem Weg standen sich in einigen Metern Entfernung zwei Traktoren gegenüber, zwischen deren hochgereckten Silogabeln ein großes, von Hand beschriebenes Transparent in roten Großbuchstaben ›KEIN STAUSEE AM STEIGHORN‹ verkündete. Auf einem Plakat aus Karton war ›Keine dunklen Geschäfte mit Hellwatt – im Steighorntal gehen die Lichter aus‹ zu lesen.

Es war eine Demonstration gegen den geplanten Bau eines Wasserkraftwerks, von dem erst kürzlich die Zeitungen erstmals berichtet hatten. Franz Britzler sah aus der Entfernung, wie einige Hundert Menschen aufgebracht diskutierten und Bauern mit gestreckten Fäusten in Sprechchören »Hellwatt raus« skandierten.

»Die sind ordentlich in Rage, die will ich lieber net als Gäst’ in der Hütte habbe«, sagte neben ihm eine männliche Stimme mit hessischem Dialekt. Joschi war aus dem Hintereingang zur Küche herausgekommen und stand jetzt in Lederhose und blau-weiß kariertem Hemd neben Britzler. Joschi war ein smarter Endvierziger mit dünnem, nach hinten gekämmtem Haar, der vor einigen Jahren nach einem Nervenzusammenbruch und nach bewältigter Identitätskrise seiner Karriere als Investmentbanker in Frankfurt am Main den Rücken gekehrt hatte und sich jetzt in seinem neuen Leben im Allgäu als Hüttenwirt betätigte.

Franz Britzler öffnete mit einem triumphierenden Lächeln die Schiebetür seines Transporters, beugte sich in den Laderaum und holte eine rechteckige, etwa einen Quadratmeter große dunkelblau schimmernde Platte heraus, die von einem Rahmen aus Aluminium eingefasst war. »Solche Kraftwerke wird es bald überhaupt nicht mehr brauchen. Strom machen wir hier in Zukunft damit«, präsentierte der Elektromeister stolz das Fotovoltaikmodul. Joschi betrachtete das glitzernde Rechteck mit den silbrigen Metallfäden unter der Glasabdeckung. »Ziemlich schweres Ding«, sagte er, »und wie viel brauch ich davon, dass ich damit auch bei Hochbetrieb meine Gäst’ was zu esse’ koche’ kann?«

Während Franz Britzler dem Hüttenwirt wort- und gestenreich die Ausführung der Fotovoltaikanlage vorrechnete, trat einer der Demonstrationsteilnehmer auf den gekiesten Weg in Richtung des Hütteneingangs, blieb an dem verwitterten Holzzaun stehen, beobachtete kurz mit fragendem Blick die Unterhaltung der beiden sowie das blauschimmernde Rechteck und suchte sich dann einen Platz an einem leeren Tisch auf der Terrasse. Sein rundliches Gesicht mit dunkelbraunem Oberlippenbart war von der Sonne gerötet. Er trug trotz des warmen Juliwetters eine verwaschene hellbraune Cordjacke über einem dunkelgrünen T-Shirt, bei dessen Knopfleiste drei Knöpfe offen standen und wo die Sonne auf der Haut zwischen Hals und Brust ein leuchtend rotes Dreieck gebrannt hatte.

Er hatte während der Demonstration offenbar sehr viel geredet und bestellte bei der Bedienung mit fast heiserer Stimme ein dunkles Hefeweizenbier und eine Portion Bratwurst mit Kartoffelsalat. Gottfried Monschkopf war im Moment ziemlich erschöpft, aber zufrieden mit dem Verlauf der Demonstration. Er war derjenige, der die Demo organisiert und die Leute und Bauern aus dem Steighorntal gegen dieses irrsinnige Stausee-Projekt mobilisiert hatte. Diese Irren von diesem Stromkonzern hatten tatsächlich vor, einen Teil des Tals vor dem Steighorn in einem Stausee zu versenken und noch dazu in einer ökologisch höchst sensiblen Umgebung ein Kraftwerk zu bauen. Höfe, Bergweiden, Bachläufe und seltene Pflanzen sollten hinter einer riesigen Beton-Staumauer verschwinden, um den immer größer werdenden Stromhunger zu stillen.

Als überzeugter Umweltaktivist und Mitglied der vor wenigen Jahren gegründeten Partei »Die Grünen« hatte er sich zum Handeln berufen gefühlt. Und zum guten Schluss war bei der Demo sogar noch ein Fernsehteam des österreichischen Rundfunks vor Ort, und er hatte die Chance genutzt, ein Interview zu geben und so vor laufender Kamera seine Überzeugungen gegen den Bau eines Wasserkraftwerks in dieser landschaftlich schützenswerten Bergregion zu vertreten. Während er sich schelmisch über das Fernsehinterview freute, servierte ihm die Bedienung sein Hefeweizenbier, das er sogleich in einem Zug zur Hälfte leerte.

Als er das Glas absetzte, hing der Bierschaum in seinem dunklen Oberlippenbart. Sein naiv wirkender Blick ließ erahnen, dass er sich bedingungslos für eine Sache einsetzen würde, aber auch, dass er einem intellektuell überlegenen Gegner nicht die Stirn würde bieten können. Genau diese fehlende souveräne Ausstrahlung war für Gottfried Monschkopf bisher das Hindernis, warum er es bei den »Grünen« noch nicht über eine Kreistagskandidatur hinaus geschafft hatte.

Er nahm noch einmal einen kräftigen Schluck Bier und blickte dabei in Richtung eines felsigen, steil aufragenden Berggipfels, dessen Gipfelkreuz in der Julisonne schimmerte. Das Fernsehinterview, war er jetzt überzeugt, würde ihn innerhalb der Partei nach oben katapultieren.

Joschi und Franz Britzler traten auf die Terrasse mit den Biertischen und -bänken, betrachteten eingehend die vordere Dachhälfte der Gehrenkopfhütte und waren ins Gespräch vertieft. »Ich will da schon was investiere’, mit Finanzierung kenn ich mich ja aus. Aber vielleicht sollt man erst mal genau gucke, ob das Dach auch hebe tut?«

»Die Dächer auf den Berghäusern sind für zwei Meter Schneelast gebaut, also die halten das Gewicht von der Fotovoltaikanlage ohne Probleme aus«, versuchte Franz Britzler ihn zu bestärken; er sah schließlich bereits einen lukrativen Auftrag vor Augen und wollte Joschis Bedenken möglichst schnell zerstreuen. Mit den Worten »Sag, was die Fotodingsda koste’ soll und dann schaue mer mal« verabschiedete sich Joschi wieder in die Küche, nachdem sich innerhalb von wenigen Minuten zwei Tische mit Wanderern gefüllt hatten, die sich lautstark gegenseitig mit ihren Gipfelerlebnissen zu überbieten versuchten.

Franz Britzler setzte sich an das freie Ende des Tisches, an dem Gottfried Monschkopf gerade ein Stück Bratwurst dick mit Senf bestrich und den Bissen etwas hastig in den Mund schob. Nachdem er noch eine Gabel voll Kartoffelsalat hinterhergeschoben und mit vollem Mund bei der Bedienung ein weiteres Hefeweizenbier bestellt hatte, wandte er sich Britzler zu. Monschkopf wischte sich mit dem Handrücken den Senf aus dem Oberlippenbart und zeigte mit der Gabel in Richtung des Hüttendaches. »Wollen Sie da so was mit Solar machen?«, fragte er Franz Britzler, der gerade an seinem Radler nippte.

»Fotovoltaik«, sagte Britzler kurz beim Absetzen des Glases, um gleich darauf weiter auszuholen. »Mit dem Sonnenlicht Strom produzieren und unabhängig von solchen Stromkonzernen werden, das ist die Zukunft.«

»Sie interessieren sich dafür?«, fragte der Elektromeister nach einer kurzen Pause, während seine kleinen blauen Augen listig aufblitzten.

»Wir bei den ›Grünen‹ wollen uns für die alternative Energieerzeugung einsetzen, von daher interessiert mich diese Technologie, einmal vom Umweltaspekt her, und ein bisschen auch aus meinem beruflichen Hintergrund als Bautechniker.« Gottfried Monschkopf versuchte sich als einflussreicher Lokalpolitiker darzustellen und schaffte es, damit bei Britzler auf Anhieb Eindruck zu schinden, obwohl sein Äußeres diesen überhaupt nicht vermitteln konnte.

»Sie meinen, dass die Politik etwas tun könnte, damit sich diese Solarstrom-Technik etablieren kann?« Franz Britzler, der soeben noch in geduckter Haltung mit aufgestützten Ellenbogen am Tisch gesessen hatte, saß jetzt aufrecht auf der Bierbank, als säße ihm ein Politiker vom Rang eines Wirtschaftsministers gegenüber.

»Ich will das Thema verstärkt in den Parteiausschuss einbringen«, hob Monschkopf bedeutungsvoll an. »Wenn ich zu diesem Thema mehr Hintergrundinformationen hätte, denke ich, dass ich damit was bewegen kann«, schloss der ambitionierte Grüne, in der Hoffnung, dass er von dem Elektriker mit dem listigen Blick mehr über die Solarstromtechnik würde erfahren können.

*

Franz Britzler reichte es an diesem Montagvormittag bereits, nachdem sich am Morgen ein Monteur krankgemeldet hatte, ein Montagetrupp auf einer Baustelle wegen im Keller kniehoch stehenden Regenwassers keine Arbeiten verrichten konnte und ein Kunde reklamierte, dass beim Einschalten der Außenbeleuchtung stattdessen das Licht in der Küche ausging.

Während er noch überlegte, auf welche Baustelle er den Montagetrupp umdirigieren sollte, reichte ihm seine Frau Elfriede Britzler den Telefonhörer aus dem Bürofenster. »Franz, der Leibacher is’ dran. Ist dringend.« Er nahm ihr den orangefarbenen Hörer aus der Hand und musste dabei das Spiralkabel über die Fensterbank zerren, um beim Telefonieren nicht an der Hauswand kleben zu müssen. Alois Leibacher hatte ihm jetzt gerade noch gefehlt.

»Alois. Britzler, pass mal auf, ich hab da was für dich. Das Neubaugebiet Steighornblick mach ich als Generalunternehmer. Den Vertrag über die Erschließungsarbeiten hab ich am Freitag unterschrieben. Acht Einfamilienhäuser, zwei Reihenhauszeilen. Die Heizungen werden alle mit Nachtspeicheröfen und Elektroboilern fürs Warmwasser gemacht, dann kann ich da dem Hellwatt einen ganzen Schwung neue Stromkunden servieren, du weißt ja, das ist wichtig im Zusammenhang mit der Stauseegeschichte.«

Alois Leibacher ließ Franz Britzler erst gar nicht zu Wort kommen und hatte es offenbar eilig, diese Informationen loszuwerden. Britzler streckte sich über die Fensterbank durch das geöffnete Bürofenster, fischte mit ausgestrecktem Arm das nächstbeste Stück Papier und einen Kugelschreiber vom Schreibtisch und machte sich auf der eingestaubten Fensterbank Notizen auf der Rückseite eines Prospektes für Lichtschalter.

»Also, Vorgehensweise wie beim letzten Projekt«, sprach Leibacher weiter. »Ich schick dir die Ausschreibungen und die Angebote von deinen Konkurrenten, das läuft ja ohnehin alles bei mir zusammen. Du unterbietest und hast den Auftrag über die Elektroheizungen und die Warmwasserboiler bei dir.«

»Eigentlich …«, wollte Britzler ansetzen und damit sagen, dass er für diese Größenordnung überhaupt nicht die nötigen Kapazitäten besäße.

»Ich weiß, dass du da äußerst knapp kalkulieren musst, aber da fällt mir schon noch was ein, wie wir das für dich ausgleichen können. Schick mir so schnell wie möglich die Kalkulationen rein.« Es klickte in der Leitung. Leibacher hatte aufgelegt und Britzler starrte ungläubig und überrumpelt auf den Telefonhörer in seiner Hand. Leibacher war einer von der Sorte Gutmenschen, die sich gerne großzügig gaben, aber dafür jeden, der mit ihm zu tun hatte, mit fast unerfüllbaren Bedingungen knebelte.

Im Kopf von Franz Britzler hallte das Wort »Stauseegeschichte« nach. Er war am vergangenen Samstag auf der Gehrenkopfhütte gegenüber diesem »Grünen« etwas zu redselig geworden, nachdem er mit Gottfried Monschkopf zwei Stunden begeistert über die Zukunft mit der Stromerzeugung aus Sonnenlicht geredet und darüber sogar seine geplante Bergtour vergessen hatte. Beim dritten Hefeweizenbier waren er und Gottfried per Du gewesen, und er hatte ihm leichtsinnigerweise zugesteckt, dass hinter dem geplanten Bau des Wasserkraftwerks der Tief- und Straßenbauunternehmer Leibacher steckte. Für Gottfried Monschkopf schien das ein gefundenes Fressen zu bedeuten; Britzler befürchtete, dass dieser auf die Idee kommen könnte, diese Information den Medien zuzuspielen, und er damit seinen Geschäftspartner ans Messer geliefert hätte, wenn die Zeitungen Leibachers lukrative Verbindungen mit dem Stromkonzern publik machen würden.

»Haben wir einen neuen Großauftrag?«, fragte Elfriede Britzler freudig aus dem Bürofenster heraus, stemmte die linke Hand in die Hüfte und zupfte mit der Rechten ihre graublonde toupierte Frisur zurecht. »Franz?« Franz Britzler sinnierte noch reumütig über sein Gespräch mit Gottfried Monschkopf und stammelte dann: »Acht Häuser. Und noch zwei mal sechs Reihenhäuser. Baubeginn im September.« Er hob die Achseln. »Der Leibacher will mir die ganzen Aufträge zuschieben, wenn ich mit dem Preis voll reingehe. Er will mir das irgendwie ausgleichen, wahrscheinlich wieder mit Bescheißen bei den Regiestunden bei seinen öffentlichen Bauprojekten. Elli, ich muss da aussteigen bei dem Leibacher, der mit seinen illegalen Methoden.« Elfriede Britzler überlegte kurz, lehnte sich dann mit verschränkten Armen auf den Fensterrahmen, wobei die Perlen ihrer Halskette auf dem Blech der Fensterbank ein kurzes prasselndes Geräusch erzeugten, und warf ihrem Mann über den Rand ihrer Lesebrille einen strengen Blick zu: »Mein lieber Franzi, ich sag dir mal was. Du hast anscheinend lang nicht mehr in unsere betrieblichen Zahlen geschaut. Hier stapeln sich die Lieferantenrechnungen, nächste Woche sind Löhne fällig, und wir leben hauptsächlich von Aufträgen für Reparaturen. In dieser Firma steckt das Erbe meiner Großeltern, und wir haben hier nichts als Arbeit und seit Jahren keinen Urlaub mehr gemacht. Illegale Methoden und Preisabsprachen hin oder her, Geld ist in dieser Branche nur im Neubau verdient. Und so ein Neubaugebiet ist eine gute Referenz für die Kundenwerbung und nicht Reparaturen mit ein paar Metern Kabeln und ein paar Kleinteilen.« Mit diesen Worten schloss sie das Bürofenster und zog den Vorhang zu.

*

++ August 1986 ++

Alois Leibacher nahm gerade seine Baustellen-Gummistiefel aus dem Kofferraum, als der Bauleiter mit hektischen Schritten auf ihn zustürmte. »Wenn Sie am Montag die Bodenplatte betonieren wollen, müssen Ihre Leute aber zusehen, dass sie bis dahin das Wasser aus der Baugrube rauskriegen?« Der junge, unerfahrene Bautechniker sprach das, was eigentlich eine Anordnung sein sollte, als Frage aus.

Es war Freitag 12.30 Uhr und seine Leute würden in einer halben Stunde hier die Baucontainer schließen und sich ins Wochenende aufmachen. Mit den Worten: »Ich schau gleich mal danach« ließ Alois Leibacher den Bauleiter stehen und marschierte über den vom Regen der letzten Tage aufgeweichten Boden zur Baugrube der Tiefgarage für den Erweiterungsbau des Kurhotels »Alpenrose«.

Er hatte seit einiger Zeit das Gefühl, keinen festen Boden unter den Füßen mehr zu haben. Der aufgeweichte Boden auf dem Baustellengelände, das Fundament, das vielleicht nicht betoniert werden konnte – es passte alles genau zu seiner Gesamtsituation, vor allem seit dem Desaster im Rathaus-Sitzungssaal vor etwa drei Wochen, als ihn Oberbürgermeister Hermann Hüttinger vorführte und noch dazu dieser Leiter des Ausschusses für Technik und Umwelt seine Pläne für absurd erklärte.

Dieses Stausee-Projekt schien gerade genauso abzusaufen wie die Baustelle, vor der gerade der Inhaber des Kurhotels mit verschränkten Armen stand und sichtlich verärgert über den verzögerten Baufortschritt war. Leibacher wies seine Mitarbeiter an, aus dem Lager alle verfügbaren Abwasserpumpen einzusetzen und verdonnerte einen von ihnen dazu, über das Wochenende zweimal täglich die Pumpen zu kontrollieren.

Nachdem er den Hotelier und den Bauleiter wieder so weit beruhigt und ihnen versichert hatte, dass am Montag planmäßig betoniert würde, fuhr er mit dem Firmenwagen einen kleinen Umweg und hielt auf der Serpentinenstraße auf dem Höhenzug gegenüber dem Steighorn vor dem Gasthaus »Zur Aussicht«, wo er sich ein Mittagessen bestellen wollte. Er parkte auf dem geräumigen Parkplatz vor dem Gasthaus nahe am Straßenrand und ging in den von einer halbhohen Hecke umrahmten Biergarten, in dessen Mitte ein großer alter Kastanienbaum stand. Von hier hatte er den frontalen Blick auf das Steighorn. Der Himmel ballte graue Regenwolken zusammen und verdunkelte die Mittagssonne. Durch den Biergarten begann ein kühler Luftzug zu wehen, als wollte der Allgäusommer schon Mitte August allmählich dem Herbst Einzug gewähren.

Vor seinem geistigen Auge teerte sich am Steighorn eine Zufahrtsstraße, die sich wie ein geschwungenes dunkelgraues Band bis zu dem Punkt verlegte, an dem er sein Sporthotel bauen wollte und wo in diesem Moment aus einer Wolkenlücke die Sonne draufschien. Er ließ den Baustellen-Alltagswahnsinn hinter sich und konzentrierte sich mit seiner Leidenschaft für Asphalt und Beton ganz auf seine Vision seines Sporthotels am Steighorn. Für den überwiegenden Teil der Straße würde es genügen, den vorhandenen Fahrweg zur Bergstation der Steighorn-Seilbahn auszubauen. An einigen Passagen aber war der Weg zu schmal; schließlich müssten auch Busse problemlos um die Kurven fahren können. An schmalen Stellen wie im Bereich der Serpentine auf Höhe der Unteren Steigalpe würde man eben auf einige Hundert Meter etwas Fels abbrechen müssen – das betonähnliche Nagelfluh-Gestein müsste sich gut sprengen lassen und er schätzte dafür etwa 100 Lkw-Ladungen – und zum Schutz vor Steinschlag und Erdrutsch könnte über den Abschnitt eine Galerie gebaut werden.

Durch das imaginäre Bild fuhr in diesem Moment ein roter Alfa Spider, der aus einer vom Talort herführenden Nebenstraße heraufkam und dessen Fahrer den Roadster direkt vor dem Eingang zum Biergarten parkte.

»Nach Ihren Plänen müssen Sie hier bald im Taucheranzug sitzen.« Die Stimme sprach ihn von hinten an und gehörte dem Spider-Fahrer, der über einem Hawaii-Hemd eine braune Lederjacke trug und sich schwungvoll auf den Biergartenstuhl auf der gegenüberliegenden Seite seines Tisches setzte. Volkmar Brambach schob seine Sonnenbrille in das Haar über seiner Stirn, lehnte den linken Arm lässig über die Lehne des freien Stuhls neben sich und blickte Alois Leibacher mit einer Miene an, die wohl cool wirken sollte, als wäre er Tom Selleck aus der TV-Serie »Magnum«.

Alois Leibacher verfluchte insgeheim diese Begegnung und fragte sich, warum er hier ausgerechnet mit dem Leiter des Ausschusses für Technik und Umwelt zusammentreffen musste. Er wollte sich gerade mit der Ausrede eines dringenden Baustellentermins aus dieser ungemütlichen Situation befreien, als die Kellnerin mit zackigen Schritten und gezücktem Notizblock an den Tisch trat, um die Bestellung der beiden Herren aufzunehmen. »Was derf’s sein?« Beide zögerten kurz, und die Kellnerin blickte mit ihren großen braunen Augen abwechselnd beide an, während sie ihre Strickweste über den Ausschnitt ihres Dirndls zog. Leibacher bestellte schließlich ein Mittagsgericht von der Tageskarte, Brambach orderte einen Espresso. Die Kellnerin nickte und wandte sich mit den Worten »Kommt sofort« in Richtung des Gasthauses.

Volkmar Brambach hatte seinen Blick wieder von den schlanken Beinen der Kellnerin gelöst, blieb in seiner betont lässigen Sitzhaltung und wandte sich wieder Alois Leibacher zu. »Der Rat hat beschlossen, in der Sache ›Steighorn-Wasserkraftwerk‹ kein Planfeststellungsverfahren zuzulassen«, sagte Brambach betont langsam und bedächtig, als wollte er mit diesen Worten möglichst tief in der Wunde bohren. Er kostete die Situation aus, dass ihm einmal nicht sein Oberbürgermeister dazwischenfunkte.

Leibacher wusste dies auch ohne Brambach längst und hatte bereits beschlossen, sich aus der ganzen Angelegenheit zurückzuziehen. Zwischen den beiden lag eine eisige Stille, und in diesem Moment schlug eine noch unreife Kastanie zwischen ihnen auf dem Tisch auf, die der Wind von dem großen Baum im Biergarten heruntergeweht hatte. Brambach nahm die Kastanie in die Hand, betrachtete die stachelige Hülle der Frucht und warf sie mit einer betont lässigen Bewegung in die Hecke. »Ach ja, und ich wollte Ihnen noch bei dieser Gelegenheit mitteilen, dass die Tiefbauarbeiten für das neue Kultur- und Kongresszentrum bedauerlicherweise an Ihren Mitwettbewerber aus dem Ostallgäu vergeben wurden«, setzte Brambach hinterher.

Er bezahlte seinen Espresso, wünschte Leibacher mit ironischem Unterton ein schönes Wochenende und lief zu seinem Alfa Spider. Dabei stolperte er über den Fuß des Werbeaufstellers, auf dem mit Kreide die Mittagstisch-Gerichte geschrieben waren, riss diesen dabei um und kam auf der Motorhaube seines Roadsters zu Fall.

Alois Leibacher konnte sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen und machte sich trotzdem mit Genuss über das Schweineschnitzel mit Spätzle her, das ihm die Kellnerin gerade serviert hatte. Dieser Möchtegern-Magnum würde es wohl kaum bewerkstelligt bekommen, ihm aus den verpatzten Stausee-Plänen einen Strick zu drehen. Und was die Vergabe an das Ostallgäuer Tiefbauunternehmen betraf, schien dieser nicht zu wissen, dass die »Leibacher GmbH & Co. KG« daran mehrheitlich beteiligt war.

Völlig ohne erkennbaren Zusammenhang mahnte ihn seine innere Stimme, dass er dringend etwas vorsorglich in Sicherheit bringen musste. Er hatte Kapital in Form von Edelmetall zurückgelegt, auch um damit einen Teil der Baukosten für das Sporthotel abzusichern. Auch wenn er es vielleicht erst in 20 oder 30 Jahren würde verwirklichen können. Er stutzte und wunderte sich über diesen Gedankengang, der ihn aus heiterem Himmel durchfuhr und ihm wie eine machtvolle Eingebung erschien.

Während er auf dem Teller die etwas zu trockenen Spätzle in die Bratensoße rührte, versuchte er, die Eingebung in klare strategische Gedanken zu fassen. Ein Teil des Edelmetalls stammte aus dem Vermögen seines Vaters Alois Leibacher senior, der nach zwei Weltkriegen, der großen Wirtschaftskrise vor und der Währungsreform nach dem Zweiten Weltkrieg sein Barvermögen nur noch in Form von Goldbarren und -münzen sicher aufgehoben wusste. »Gold, mein Sohn, war schon in der Antike und zu allen Zeiten immer ein anerkanntes Tauschmittel, wenn eine Währung nichts mehr wert war. Wenn du Gold besitzt, ist das Vermögen vor jeder Rezession und vor jeder Wirtschaftskrise sicher – und danach kommt in Sachen Werthaltigkeit gleich alles, was aus Beton gebaut ist«, hatte ihm sein Vater eingeschärft, als er 13 Jahre alt war und zum ersten Mal einen Kilo-Goldbarren in der Hand halten durfte. Dieser Moment hatte ihn geprägt wie ein Münzstempel, der mit einem tonnenschweren Schlag aus einer kleinen runden Metallscheibe ein Zahlungsmittel machte. Von da an gab es für ihn kein schöneres Gefühl, als auf einen Stapel von Goldbarren immer noch einen weiteren dieser schweren, glänzenden Metallquader draufzulegen, als wollte er eine Mauer aus purem Gold bauen – eine Staumauer, die vor finanziellen Verlusten bewahren sollte? Alois Leibacher staunte kurz über diese tiefenpsychologische Erkenntnis, wenn sie so zutreffen sollte.

Nein, dachte er, es galt, das Edelmetall-Vermögen vor den Begehrlichkeiten anderer zu bewahren. Vor seiner Ex-Frau, die er viel zu früh in seine Sporthotel-Vision einbezogen hatte, die sich daraufhin bereits als baldige Hotel-Geschäftsführerin wähnte und ihn permanent löcherte, wann sie denn Personal einstellen könne, als noch nicht einmal konkrete Planungen existierten. Vor seiner unreifen Tochter Carola, die gerade in Wien Architektur studierte und ihm damit auf der Tasche lag – und dies vermutlich noch weiterhin tun würde, weil dem Fräulein Tochter ein eigenes Architekturbüro vorschwebte, gleichzeitig aber den anspruchsvollen Lebensstil ihrer Mutter nicht nur übernommen hatte, sondern auch noch übertraf. Vor den Banken, auf deren Kredite er für die Verwirklichung des Hotelbaus angewiesen sein würde, die aber entsprechende Sicherheiten verlangten, und dafür musste er sicherstellen, dass sich diese rein auf das Firmenvermögen beschränkten.

Am besten wäre es, das Edelmetall außerhalb des Landes zu bunkern, riet ihm eine weitere Eingebung, als sich sein Blick wieder auf das Steighorn fixierte und ihm sein Unterbewusstsein signalisierte, den Blick darauf zu richten, was hinter diesem Berg lag.

Ferienhaus. Einmauern. Die beiden Worte durchfuhren blitzartig seinen Geist. Das Ferienhaus im Montafon, das er vor über zehn Jahren für Familienwochenenden gekauft hatte und das auf 1.250 Metern Höhe lag – und zu dem schon längst eine befestigte Zufahrtsstraße führen würde, wenn ihm der Ausbau dieser restlichen Strecke – es war ein knapper Kilometer – ab dem Ende der asphaltierten Straße endlich genehmigt würde –, das Ferienhaus erschien ihm als das geeignete Versteck für die bisher im Tresor gelagerten Goldbarren, die zusammen einen Wert von knapp zwei Millionen D-Mark besaßen.

*

Die Gondel der Seilbahn hatte an diesem Freitagnachmittag nur wenige Fahrgäste, nachdem sich gegen Mittag dunkle Haufenwolken gebildet hatten. Die Sonne zeigte sich nur noch durch einzelne Wolkenlücken, und die vom See aufziehende Bewölkung kündigte ein regnerisches Wochenende an. Die Wetterlage spendierte dafür aber einen eindrucksvollen Ausblick von der auf 1.000 Metern Höhe gelegenen Bergstation auf das östliche Ende des Bodensees und auf einige Gipfel der Schweizer Alpen.

Sie hatten als Treffpunkt die ORF-Sendeanlage vereinbart, die auf dem Gipfel des Pfänders über der Bodenseestadt an der deutsch-österreichischen Grenze stand. Die für regionale Themen zuständige Redakteurin war aus Innsbruck angereist und hoffte, dass ihr Informant auch tatsächlich zum Termin erscheinen würde. Er hatte sich noch einmal beim Sender gemeldet, nachdem er knapp drei Wochen zuvor von ihren Kollegen bei der Demonstration gegen das Steighorntal-Wasserkraftwerk interviewt worden war. Es gäbe eine wichtige Hintergrundinformation, die er kurz nach dem Interview erfahren hätte, und er wirkte bei dem Anruf sehr aufgeregt.

In der Nachrichtensendung vom vorletzten Sonntagabend hatte der Bericht über die Demonstration gerade einmal 30 Sekunden Platz gehabt, und die drei Minuten Interview waren auf zwei Sätze zusammengeschnitten worden. Der Mann machte auf sie einen etwas naiven Eindruck und schien sich jetzt wohl für jemanden zu halten, dem mit einem kurzen Fernsehauftritt der Durchbruch zur Berühmtheit gelingen sollte.

»Wenn im Zusammenhang mit dem Stausee-Projekt nahe der österreichischen Grenze eine zwielichtige Verfilzung verschiedener Unternehmen und Interessenvertreter ans Licht kommt, kann man das Thema durchaus noch mal aufgreifen«, hatte der Chefredakteur bei der letzten Themenkonferenz gemeint. Mit dem Material ließe sich bei nächster Gelegenheit eine Lücke füllen, falls wieder einmal ein anderer Nachrichtenbeitrag nicht rechtzeitig fertig sein sollte. Also wartete Barbara Weißenhöffer gespannt auf ihren anscheinend so bedeutenden Interviewpartner und betrachtete währenddessen den rot-weißen Sendeturm, der für den Empfang des österreichischen Rundfunks in Vorarlberg und im süddeutschen Raum sorgte.

»Sind Sie Frau Weizenhofer?«, fragte ein Mann mit rundlichem Gesicht und Oberlippenbart, der gerade den steilen Fußweg zur Sendeanlage heraufgelaufen kam und nach seiner schweren Atmung zu urteilen über keine sonderlich gute Kondition verfügte, obwohl er kaum älter sein dürfte als sie selbst. Sie hatte sich ihren Interviewpartner etwas eloquenter vorgestellt; angeblich sollte er Lokalpolitiker oder zumindest politisch engagiert und zudem derjenige sein, der diese Demonstration aufgezogen hatte. Aber so wie Gottfried Monschkopf vor ihr stand, entsprach dies nicht dem Bild, das sie sich von diesem Menschen ausgemalt hatte. Sie selbst war eine sportliche Natur Anfang 30, hatte in ihrer Jugendzeit regelmäßig Amateurskirennen gewonnen und musste zu ihrem Leidwesen immer wieder erleben, dass ihr stets nur unsportliche Männer begegneten.

»Weißenhöffer«, stellte sie sich kühl ihm gegenüber vor und betonte dabei die Buchstaben, die er falsch ausgesprochen hatte. Monschkopf reichte ihr die Hand und lüftete ungelenk seine Mütze, unter der verschwitzte und zerzauste Strähnen zum Vorschein kamen. Er sah sich nervös um, als wollte er sicherstellen, dass niemand etwas mitbekommen konnte. Sie hatte den Schlüssel zum Gebäude der Sendeanlage, wo sie in einem kleinen, für das technische Betriebspersonal vorgesehenen Aufenthaltsraum das Gespräch würde führen können, entschied sich aber dafür, die Unterredung draußen abzuwickeln und so rasch wie möglich hinter sich zu bringen.

»Gut, also gleich zum Thema: Sie erwähnten, dass es da neben diesem Stromkonzern ›Hellwatt‹ gewisse Verbindungen gibt, die das Ganze danach aussehen lassen können, dass da gewisse Seilschaften am Werk sind, die, sagen wir mal, versuchen, diesen Stausee am öffentlichen Recht vorbei durchzubringen?«, fragte die Redakteurin und bekam schon bei der Fragestellung den Eindruck, dass ihr Gegenüber damit intellektuell überfordert war. Monschkopf schnappte nach Luft, um sogleich hastig und wild gestikulierend seine Antwort zu liefern.

»Von Seilschaften zu reden, ist noch viel zu harmlos, das, was da passiert, ist ein reiner Größenwahn in Verbindung mit einem skandalösen Plan, eine intakte und schützenswerte Umwelt zu vernichten, nur damit dieser Tiefbauunternehmer, der enge Verbindungen zu ›Hellwatt‹ hat, an dem Stausee ein Hotel bauen kann, dem ist dafür jedes Mittel recht …« – Er fuchtelte dabei herum, worauf sie einen Schritt zurückwich.

Sie musste seinen Redefluss unterbrechen und signalisierte ihm dies mit einer Handbewegung, die »Stopp« bedeutete. Dieser vermeintliche Skandal hatte ihr noch zu wenig Nachrichtenwert; das war zu viel Umweltthema und zu wenig wirtschaftspolitische Brisanz. »Wissen Sie, was in Deutschland mit der Umwelt passiert, ist für die österreichischen Nachrichten nicht so gravierend von Bedeutung, wohl aber die Tatsache, dass fast direkt an der österreichischen Grenze ein Wasserkraftwerk entstehen soll, und das interessiert vor allem die österreichische Stromwirtschaft, weil für die das deutsche Stromnetz einer der wichtigsten Abnehmer ist, Sie verstehen? – Was ist mit diesem Tiefbauunternehmer, können Sie mir da einen Namen nennen?«

»Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass der Tiefbauunternehmer Alois Leibacher seine Geschäftsverbindungen mit ›Hellwatt‹ für seinen Hotelbau benutzt, weil er auf normalem Dienstweg dafür keine Genehmigung bekommt und weil er nicht nur ein Hotel, sondern auch eine richtige Straße dorthin bauen will, die mitten durch unberührte Natur führt …«

Dieser Öko-Spinner ist schon wieder bei seinem Naturthema, dachte sie und notierte sich den Namen, den er ihr genannt hatte. Sie sah auf ihre Uhr und holte ein Faltblatt mit einem ÖBB-Fahrplan aus ihrer Handtasche. In einer knappen Stunde würde der nächste Zug von Bregenz in Richtung Innsbruck abfahren, so wäre sie noch am frühen Abend wieder zu Hause und müsste sich hier am westlichsten Ende von Österreich nicht weiter ihrer Zeit berauben lassen.

Sie verabschiedete sich von Gottfried Monschkopf, der ihr, verdutzt über das abrupte Ende des Gesprächs, die Hand schüttelte, und lief den Weg von der ORF-Sende­anlage zur Bergstation der Seilbahn, um mit der Gondel ins Tal zu fahren. Irgendwo im Archiv – vielleicht auch bei den TV-Kollegen vom deutschen Sender BR – würde sich wohl etwas Brauchbares über diesen Alois Leibacher finden lassen. Daraus ließe sich ein kleines Skandalthema stricken, und ihr Chefredakteur würde dann wieder mal einen dieser Aufreger in das Nachrichtenprogramm integrieren können, die den Fernsehzuschauer von den eigentlich brisanteren Themen ablenken sollten. Und zudem brauchte sie dringend einen Lückenfüller für die nächste Sendung am Sonntagabend, weil der geplante Beitrag über den Arlberg-Straßentunnel ziemlich sicher nicht rechtzeitig fertig sein würde.

Als die Gondel der Seilbahn in die Talstation einfuhr, beschloss sie, die Information gleich an den Sender durchzugeben. Auf dem Weg entlang des Seeufers fand sie kurz vor dem Bahnhof eine Telefonzelle, kramte hastig einige Schilling-Münzen aus ihrem Portemonnaie, strich ihr braunes glattes Haar über das linke Ohr und wählte die Nummer ihres Kollegen von der Redaktionsassistenz.

»Servus, Gustl, hier is’ die Babsi«, flötete sie in den Hörer, »du, schau mal, was du in der Sache ›Hellwatt‹ und ›Steighorn-Wasserkraftwerk‹ rausfinden kannst, inwiefern da ein Tiefbauunternehmer mit dem Namen Alois Leibacher mit drinhängt.« Sie berichtete, was sie von Gottfried Monschkopf erfahren hatte, und trug ihm auf, für die Sendung am Sonntag aus dem restlichen Material über die Demo gegen das Wasserkraftwerk und mit der Verbindung zwischen dem Tiefbauunternehmer und dem Stromkonzern einen Nachrichtenbeitrag zusammenzustellen. Kollege Gustl war davon wenig begeistert. »I glaub’, dir tut die Luft da in Vorarlberg net guat, i woaß net, wie groß bis dort’n die Zeitverschiebung is’, oba hier in Innsbruck is’ glei’ Freitagmittag um zwoa, und …«

»Du, entschuldige, i hab grad mein’ letzten Groschen eing’worfen, also du derpackst des scho’, und den Beitrag brauch i, falls der über den Straßentunnel net fertig ist, also mach’ …« – Die letzte Münze fiel mit einem klackenden Geräusch durch den Fernsprechapparat und beendete die Gesprächsverbindung.

*

Sorgfältig setzte er die gepolsterte Auflage der Sitzbank hinter den Vordersitzen wieder ein und stieg neuerlich aus dem Transporter aus, um die hintere Tür zu schließen. Es war Sonntagmorgen um 8.20 Uhr, wie die Zifferblätter der billigen elektrischen Wanduhr in der Fahrzeughalle anzeigten. Um 6 Uhr war er aufgestanden, um das gesamte Edelmetall in einem VW-Transporter, einem Modell mit Doppelkabine und einer von einer Plane überdeckten kurzen Ladefläche, für die Fahrt zum Ferienhaus im Montafon zu verstauen.

Er musste mit dieser Ladung die deutsch-österreichische Grenze passieren. Das Versteck unter der hinteren Sitzbank erschien ihm sicher genug, außerdem hatte er auf die Goldbarren-Stapel Baustellen-Arbeitsjacken und Warnwesten gelegt. An der Grenze würden die Zollbeamten keinerlei Verdacht schöpfen, zumal die Fahrzeuge seines Tief- und Straßenbauunternehmens laufend die Grenze passierten, um im benachbarten Österreich Straßen und Wege zu bauen oder Bohrpfähle für Tiefbauprojekte zu setzen. Aber sie könnten sich wegen möglicher Überladung veranlasst sehen, sein Fahrzeug zu inspizieren. Denn unter der Plane auf der Ladefläche hatte Alois Leibacher Kalksandsteine und einige Säcke Mauermörtel geladen, sodass sich der Transporter – auch wegen des Gewichts der Goldbarren – in der Federung bereits um einige Zentimeter bedenklich nach unten senkte. Er überlegte kurz, ob es nicht besser gewesen wäre, den 3,5-Tonnen-Kipplaster zu beladen. Aber der Mercedes-Laster wäre zu groß für die restliche Strecke der schmalen, notdürftig geteerten Straße im Montafon.

Er klopfte den Staub von den Mörtelsäcken von seinem Arbeitsoverall und ging nach oben in die Wohnung, die im Betriebsgebäude der »Leibacher Tief- und Straßenbau GmbH« oberhalb des Lagertraktes gelegen war, um sich umzuziehen und vor der Abfahrt ein zweites Frühstück und einen Kaffee zu sich zu nehmen. Auf den letzten Treppenstufen vor der offen stehenden Wohnungstür hörte er, wie das Telefon klingelte. Er nahm den Hörer des dunkelroten Tastentelefons ab und meldete sich. Es war seine Tochter Carola, die aus Wien anrief und mal wieder in finanziellen Nöten war.

Zehn Minuten später war er wieder um einen Scheck über 2.500 DM ärmer und wütend auf sich selbst, weil Carola ihn mal wieder äußerst raffiniert um den Finger gewickelt hatte. Zugleich fühlte er sich darin bestätigt, mit der Unterbringung des Edelmetalls an einem sicheren, von niemandem vermuteten Ort genau das Richtige zu tun.

Die beiden Zollbeamten am kleinen Grenzübergang Hohenweiler waren in eine Unterhaltung darüber vertieft, wo man in der Umgebung den besten Tiroler Speck kaufen konnte, und winkten Alois Leibacher mit seinem verschrammten Baustellenfahrzeug durch. Eine Stunde später bog er von der Rheintalautobahn ins Montafon ab und lenkte den Transporter über die regennasse, kurvige Bergstraße, die ins Brandnertal führte. Die lange Steigungsstrecke nach der vorletzten Kehre schaffte der Transporter nur mit Mühe im 2. Gang, was den Fahrer des hinter ihm fahrenden Opel Ascona zu einem riskanten Überholmanöver veranlasste, der kurz vor der nächsten Kehre nur mit Mühe einen Frontalzusammenstoß mit einem talwärts fahrenden Wohnmobil verhindern konnte, indem er äußerst knapp vor seinem Transporter wieder einscherte. Sein Fuß blieb auf dem bis zum Bodenblech durchgedrückten Gaspedal, um an der Steigung nicht an Schwung zu verlieren. Nach der Kehre bog er auf Höhe eines Campingplatzes in die schmale Straße ein, die in Richtung des Ferienhauses führte.

Die Regenwolken verbargen die Sicht auf die Felsmassive und Gipfel der umliegenden Berge und ließen an diesem Sonntagvormittag immer wieder kräftige Regenschauer nieder. Alois Leibacher erinnerte sich an die Wochenenden, die er im Ferienhaus mit Constanze und der damals noch heranwachsenden Carola verbracht hatte. Allerdings konnten sich seine beiden Damen mit der Zeit immer weniger für die Freizeit in den Bergen in einem abgelegenen Berghaus begeistern, weil sie Luxus und Komfort gegenüber der Einfachheit bevorzugten. Eines Sonntags war dann die Stimmung der beiden gekippt, als es auf dem Rückweg von einer Wanderung zu regnen begonnen hatte und die beiden nur Sorgen um ihre teuren Schuhe und um ihre Frisuren hatten. Von diesem Moment an waren sie nie wieder für ein Wochenende im Ferienhaus zu haben, und er selbst war seit einigen Jahren nicht mehr hier oben gewesen.

Die Fahrstraße endete an der Hofstelle Untere Breitwies, die von dem schrulligen Landwirt Schorsch Brunntaler bewirtschaftet und bewohnt wurde. Von hier war es noch fast ein Kilometer bis zum Ferienhaus, zu dem lediglich ein etwas breiterer Pfad führte, der nur mit einem Traktor befahrbar war oder den man einfach zu Fuß gehen musste. In diesem Moment stieg in ihm der Ärger wieder hoch, dass ihm die Straßenbaubehörde den Bau einer befestigten Zufahrtstraße bis zum Ferienhaus verweigerte. Für den Ausbau des Weges, so lautete der ablehnende Bescheid, würde kein begründetes Interesse vorliegen, weder im Sinne einer land- oder forstwirtschaftlichen Nutzung noch einer im öffentlichen Interesse touristischen Nutzung, sodass dem Antrag nicht stattgegeben werden könnte.

Er hielt mit dem schwerbeladenen Transporter neben dem klapprigen Scheunentor des Hofes von Schorsch, stellte den Motor ab und zog die Handbremse. Der Regen war stärker geworden und die dunklen Regenwolken hingen an diesem Ort auf fast 1.200 Metern Höhe direkt über den Bäumen. Er sah aus dem Seitenfenster auf das Bauernhaus vom Brunntaler Schorsch, für das die Bezeichnung »leicht renovierungsbedürftig« maßlos untertrieben gewesen wäre. Die Wand zwischen der direkt angebauten Scheune und dem Wohnhaus war von unten bis oben von einem breiten Riss durchzogen; von den schief hängenden ehemals hellgrünen Fensterläden blätterten die letzten Reste Farbe ab. Die Eingangstreppe mit dem verbogenen Geländer war deutlich nach rechts abgesackt, und die stellenweise vollkommen durchgerostete Dachrinne ließ das Regenwasser direkt auf die Stufen vor der verwitterten Haustür prasseln.

Alois Leibacher setzte den abgegriffenen braunen Hut mit der beigefarbenen Kordel auf, der auf dem Beifahrersitz lag, stieg aus dem VW-Transporter aus und lief in Richtung der Haustür, zur welcher der Weg über zwei nebeneinandergelegte, wackelige Holzdielen führte, damit man nicht mit den Schuhen im Matsch versank. Vor einem Fenster direkt neben der Tür hing ein ausgeblichener Plastik-Blumenkasten, aus dem vertrocknetes Gestrüpp ragte, was vor Jahren vermutlich einmal Geranien gewesen waren.

Schorsch Brunntaler und er kannten sich bereits von Anfang an, als er das Ferienhaus gekauft hatte, und Schorsch hatte ihm unzählige Male mit seinem Traktor und einem Anhänger, der schon vom bloßen Anblick auseinanderzufallen drohte, allerlei Einrichtungen und Gegenstände über den gerade so befahrbaren Pfad zum Ferienhaus transportiert. Er wollte ihm stets Geld dafür geben oder hätte ihm auch hin und wieder einen Tankwagen geschickt, damit er wieder einen gefüllten Vorrat an Traktor-Diesel gehabt hätte. Doch Schorsch hatte stets dankend abgelehnt, ihn aber stattdessen immer auf einen Schnaps eingeladen, den er in seiner technisch erstaunlich gut eingerichteten Brennkammer brannte. Während der Landwirt nur noch für den eigenen Bedarf ein paar Stück Vieh hielt, florierte seine – immerhin offiziell angemeldete und genehmigte – Schnapsproduktion derart, dass Schorsch damit einige Dorfläden, Wirtshäuser und Souvenirgeschäfte mit seinem »Brandner Gletscherwasser« versorgte. Meist wurden daraus mehrere Schnäpse, und Alois Leibacher musste sich dafür wieder und wieder die Lebensgeschichte vom Brunntaler Schorsch anhören; insbesondere die Geschichte von seiner Frau, die irgendwann über Nacht ohne ein Wort davongezogen war, und ihm waren vom Verlauf der Geschichte her irgendwann Zweifel aufgekommen, ob es diese Frau überhaupt jemals gegeben hatte.

Leibacher stand vor der Dachrinnen-Regendusche an der Haustür und klopfte dreimal kräftig an die Tür. Im Inneren des Bauernhauses rührte sich nichts. Neben der schiefen Haustreppe hatte sich ein braunes Huhn angeschlichen, das neugierig zu ihm hochblickte. Instinktiv drückte er den Klingelknopf, der in einem verwitterten Plastikgehäuse und mit einem unlesbaren Namensschild notdürftig an der Wand befestigt war und es eigentlich einleuchten müsste, dass hier keine funktionierende Haustürklingel zu erwarten sein konnte.

Hinter der Tür muhte laut eine Kuh, worauf das Huhn verschreckt davonflatterte. Leibacher stutzte, drückte nochmals den Klingelknopf, und die Kuh muhte erneut. Dieser Witzbold hatte also offensichtlich eine Klingel installiert, die eine Kuh nachahmte. So wie er Schorsch kannte, hatte dieser durchaus Sinn für derartige Gags, anstatt zum Beispiel mal mit einigen Kellen Mauermörtel die breiten Risse in der Wand zu verfüllen oder mit ein paar Eimern Beton die schiefe Hauseingangstreppe instand zu setzen.

Im Flur ging das Licht an, und die alte eiserne Türklinke senkte sich langsam mit einem metallenen Knirschen, bis sich die Tür mit einem Ruck öffnete und Schorsch in der Tür stand. Er hielt sich am Türgriff fest, stützte sich zugleich mit der anderen Hand am Türrahmen ab und hatte offenbar Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Er trug wie immer seine alte blaue, abgewetzte Arbeitsmontur und eine schmutzige blaue Arbeitsmütze.

»Willst an Schnaps?«, fragte er Alois Leibacher ohne vorhergehende Begrüßung und ohne ein Wort darüber, dass er so lange Zeit nicht mehr hier oben gewesen wäre. Schorsch war in einem Zustand, den man landläufig als sternhagelblau bezeichnete. Alois Leibacher verzichtete daraufhin ebenfalls auf unnötige Höflichkeiten. »Schorsch, ich hab mal wieder einen Haufen Zeug zum Ferienhaus zu transportieren, und du kannst mir da doch bestimmt mit dem Traktor …« – Der Landwirt sah zuerst Alois Leibacher von oben bis unten an, kniff dann das rechte Auge zu, verzog dabei den rechten Mundwinkel und blickte an ihm vorbei in die Landschaft. Dann hielt Schorsch schwankend den Zeigefinger in den Regenwasserstrahl, der von oben aus der durchgerosteten Dachrinne kam. »Wenn’s so regn’t, bleibst mit’m Traktor steck’n. Muaßt halt wart’n bis morg’n. Willst an Schnaps?«

Er lehnte das Angebot des völlig betrunkenen Landwirts dankend ab und versprach dafür, ihm am nächsten Tag einige Flaschen »Brandner Gletscherwasser« abzukaufen, wenn er ihm dafür den Transport erledigen würde. Schorsch nickte, winkte schwankend und schloss die Tür wieder. Es regnete inzwischen in Strömen, sodass er beschloss, nicht zum Ferienhaus zu laufen, sondern im Ort in einem Hotel zu übernachten. Alois Leibacher steuerte den Transporter die schmale Fahrstraße hinunter und bemerkte dabei, dass der Wagen beim Bremsen deutlich nach links zog. Ein Verkehrsschild am rechten Straßenrand wies auf ein Gefälle von 15 Prozent hin.

Sobald er wieder in der Firma war, würde er gleich diesen Wilfried Grätner zusammenstauchen, der neben anderen Sonderaufgaben auch für den Fuhrpark verantwortlich war, weil offenbar die letzte Inspektion ewig zurücklag. Die Strecke ab dem 15-Prozent-Gefälle-Schild war er im ersten Gang mit der Motorbremse bergab gefahren und hoffte, dass der jämmerlich jaulende Heckmotor des VW-Transporters dies überstehen würde. Das letzte Stück bis zur Einmündung in die Ortsstraße verlief durch eine Senke, sodass er auf dem Gegenanstieg wieder Gas geben musste, bis er an einer Bushaltestelle mit einem verwitterten Holz-Wartehäuschen bemerkte, dass er nach rechts in die Hauptstraße einbiegen musste.

Leibacher musste abwarten, bis ein langsam fahrender Citroen CX mit Wohnwagen den Bereich der Einmündung passiert hatte. Währenddessen nahm er aus dem Augenwinkel wahr, dass unter dem Dach des Bus-Wartehäuschens ein Mann mit einem auffallend roten Stehhaarschnitt mit nackenlangem Haar und einem ebenso roten Oberlippenbart stand. Er bemerkte, dass der Rothaarige ihn durch das Seitenfenster hindurch seltsam musterte. Der Mann trug eine rot-weiße Motorrad-Montur und mochte vielleicht Anfang 30 sein. Leibacher bog nach dem Wohnwagengespann in die Straße ein und warf dabei noch einmal einen Blick auf den Mann im Wartehäuschen, der nicht auf einen Bus wartete, sondern sich mit seinem Geländemotorrad untergestellt hatte und wohl darauf wartete, dass der Regen nachließ.

Alois Leibacher war sich sicher, dass er dem rothaarigen Mann schon einmal begegnet war. Während er überlegte, erreichte er den Touristenort, wo an beiden Straßenseiten Hotels und Urlaubspensionen standen. Er fand einen ausreichend geräumigen Parkplatz am Hotel »Dorfklause« und stellte sein Baustellen-Vehikel am Zaun neben einem Tennisplatz ab. Beim Aussteigen prüfte er noch einmal, ob alle Türen verschlossen waren – er hatte keine andere Wahl, als den Transporter auf dem Parkplatz als rollenden Tresor stehen zu lassen.

Er hörte, wie ein anderer Wagen auf dem Parkplatz heranrollte und drehte sich um. Neben ihm hielt ein Polizeiwagen. Der Beamte auf der Beifahrerseite stieg aus und ging mit dienstbeflissen strengem Blick auf ihn zu. Doch der Beamte deutete nur auf das linke Rücklicht über der verbogenen Stoßstange und sagte: »Ihr Bremslicht funktioniert auf der linken Seite nicht, das sollten ’S beheben lassen.«

»Ja, äh, vielen Dank für den Hinweis, ich werde das gleich morgen …« Der Polizeibeamte tippte mit zwei Fingern an seine Dienstmütze, und der Polizeiwagen verschwand talwärts.

»Bremslicht …«, sagte er kopfschüttelnd vor sich hin, weil er im ersten Moment befürchtet hatte, dass die Polizei ihm den Wagen auseinandernahm. Er nahm seine blaue Umhänge-Reisetasche und wandte sich in Richtung des Hoteleingangs. Sein Blick fiel dabei auf die Prüfplakette im Kennzeichen. In der Mitte stand die Zahl 83. Die nächste TÜV-Prüfung war also seit drei Jahren überfällig. Dieser Schlamper von Grätner konnte etwas erleben, wenn er wieder in der Firma war.

An der Rezeption erwies sich die »Dorfklause« entgegen dem äußeren Eindruck als gehobenes Vier-Sterne-Hotel. Eine Hotelmitarbeiterin vermutete in ihm einen anreisenden Gast, der vorab gebucht hatte.

»Nein, ich wollte eigentlich zu meinem Ferienhaus, aber bei dem Wetter ist der Weg dorthin nicht … also jedenfalls bräuchte ich ein Zimmer, wenn Sie eines frei hätten?«, fragte Alois Leibacher ungewohnt freundlich und zurückhaltend. »Soso, Ferienhaus haben S’ hier, Moment i schau mal, also wir sind eigentlich belegt …« Sie blätterte im Reservierungsbuch, sah über den Rand ihrer Lesebrille auf den Wandkalender und fuhr im Buch mit dem Zeigefinger von links nach rechts, bis ihr Finger an einer leeren Stelle stehen blieb. »Das Panoramazimmer mit zwei Balkonen kann ich Ihnen anbieten, da haben Sie sogar noch eine Badewanne und eine extra Ankleide für die Dame, aber das Zimmer wäre nur bis zum nächsten Wochenende frei«, präsentierte sie ihr Angebot und nahm einen Kugelschreiber zur Hand, um die Buchung einzutragen. »Es wäre nur für eine Nacht, vielleicht zwei, und ich bin ohne Begleitung unterwegs«, korrigierte Alois Leibacher. Die Frau hinter dem Rezeptionstresen musterte ihn kurz und erklärte dann geschäftsmäßig: »400 Schilling pro Nacht, Frühstück inklusive. Für den Abend darf ich Ihnen unser Restaurant empfehlen.« Sie zeigte in Richtung des Restaurantbereichs, der um diese Tageszeit leer war und wo eine Servicekraft gerade die Tische für den Abend deckte. Leibacher nickte, unterschrieb den Anmeldezettel, nahm den Zimmerschlüssel entgegen und ging über die mit einem dunkelrot gemusterten Teppich belegten Treppenstufen in die zweite Etage.

Im Zimmer öffnete er die Tür zu demjenigen der beiden Balkone, von dem er direkt auf den Parkplatz sehen konnte, wo er den Transporter geparkt hatte, und setzte sich in einen der hölzernen Klappstühle. Ihn überkam das Gefühl, an diesem Ort festzusitzen, anstatt den Aufenthalt in dem hochwertig eingerichteten Hotel zu schätzen. Das Regenwetter hatte die Temperatur in diesem auf etwa 1.000 Meter Höhe gelegenen Ort an diesem 31. August ungemütlich abgekühlt. Er ging vom Balkon in das Zimmer, legte sich quer auf das breite Doppelbett, blickte auf die holzvertäfelte Wand und ließ seinen Gedanken freien Lauf.

»Hellwatt«. Es war ihm wieder eingefallen, wo er den rothaarigen Motorradfahrer von der Bushaltestelle schon einmal gesehen hatte. Das war einer dieser »Hellwatt«-Manager, die im März bei dieser Delegation des Stromkonzerns dabei waren, als er im Konferenzraum des Alpenhotels seine Stausee-Pläne vorgestellt hatte und dabei mit seinen Plänen erst einmal an diesem Doktor Max Latern abgeprallt war. Der Rothaarige war derjenige gewesen, dessen Aufmerksamkeit stets dann geweckt war, wenn es um Finanzen und »Return-of-Invest« gegangen war, daher hatte er vermutlich mit diesem Bereich zu tun. Wie kam der hierher? Nun, auch ein Finanzler braucht mal frische Bergluft, dachte er, in sich hineinschmunzelnd.

Das Knattern kam immer näher, und das Geräusch war von ausgelassenem Gelächter durchdrungen. Er lag auf einer Wiese am Waldrand unweit des Hofs von Landwirt Schorsch, wo die befestigte Straße aufhörte und der Weg in den Pfad zu seinem Ferienhaus überging, für den er keine Genehmigung zum Bau einer vernünftig befahrbaren Zufahrt bekam, und er merkte, wie darüber wieder der Zorn in ihm hochkroch. Das laute Knattern kam von Schorschs altem hellblauem Traktor. Er setzte sich auf und konnte nicht glauben, was er da sah. Schorsch fuhr mit einer Schnapsflasche in der linken Hand in Schlangenlinien und hatte ein diebisches Grinsen im Gesicht. Auf dem Sitz über dem linken Hinterrad saß – es konnte nicht wahr sein? – dieser rothaarige »Hellwatt«-Manager in seiner Motorradjacke. Die Ladung auf seinem klapprigen Anhänger, dessen Räder eierten und quietschten, glänzte golden in der Sonne. Die beiden fuhren johlend vor Freude seine Goldbarren auf dem Anhänger spazieren! In diesem Augenblick verbreitete das Gold schlagartig einen gleißenden Glanz, der ihn so blendete, dass er nichts mehr sehen konnte.

Leibacher wachte auf und sah durch die halb geöffnete Balkontür, dass sich das Regenwetter über die Berge hinweg verzogen hatte. Die frühe Abendsonne vertrieb die Wolken und schien nun gleißend hell zur Balkontür herein. Er sah auf die Uhr. Es war 18.30 Uhr, er hatte also über drei Stunden geschlafen und dabei zuletzt wohl diesen grotesken Traum gehabt.

Er nahm ein hellblaues Poloshirt aus seiner Reisetasche, zog sich an und beschloss, im Hotel-Restaurant zu Abend zu essen. Auf der Treppe zur Rezeption und zum Restaurant begegnete ihm eine Familie, die zuvor mit einem Ford Granada mit Dortmunder Kennzeichen auf den Parkplatz eingefahren war und deren Teenager-Sohn einen mehr als gelangweilten Eindruck machte. Im Restaurant waren bereits die meisten Tische belegt, und Alois Leibacher suchte sich etwas abseits einen freien Platz in der Nähe der Bar, wo auch ein Fernseher aufgestellt war, an dem der Sender ORF 2 eingeschaltet war.

Die Speisekarte bot vorwiegend eine Auswahl an alpenländischen Gerichten, und er bestellte Tiroler Speckknödel. Das ORF-Fernsehen berichtete gerade über die aktuellen Sportergebnisse. Alois Leibacher trank genüsslich ein Bier und beobachtete nebenbei, wie ein Großteil der urlaubenden Paare während des Wartens auf das Abendessen sprachlos aneinander vorbeisah.

Das TV-Programm wechselte auf die Abendnachrichten, die im Bildschirm eingeblendete Uhr zeigte 19 Uhr. Aus der Küche kam eine mit Dirndl bekleidete Kellnerin mit üppiger Figur an seinen Tisch und servierte ihm mit einem freundlichen Lächeln sein Essen. »Einmal Knödel für den Herrn«, sagte sie, und Leibachers Blick verfing sich unfreiwillig in ihrer strammen Oberweite, die frech aus dem Ausschnitt ihres Dirndls quoll. »Knö-del«, stammelte er darauf genauso verdutzt wie am Nachmittag, als ihn der Polizist auf das defekte Bremslicht aufmerksam gemacht hatte.

Er verzehrte seine Speckknödel, während die Nachrichtensendung zwischenzeitlich die internationalen Themen und die Politik in Wien durchhatte und zu den aktuellen Ereignissen in Vorarlberg und Tirol wechselte.

Der Monitor hinter dem Nachrichtenmoderator blendete die Schlagzeile ›Protest am Steighorn‹ ein.

»Der Widerstand gegen den geplanten Bau eines Wasserkraftwerks im Steighorntal unmittelbar hinter der Grenzlinie vom westlichen Vorarlberg zum bayerischen Allgäu ist weiterhin ungebrochen«, verlas der Moderator in nüchterner Nachrichtensprache. Alois Leibacher starrte mit halb offenem Mund auf den TV-Bildschirm. »Alles recht mit den Knödeln?«, fragte die Kellnerin im Vorbeigehen. Leibacher nickte ihr freundlich zu und konzentrierte sich wieder auf die Nachrichtensendung.

»Wie sich zwischenzeitlich aufgrund des Hinweises eines Mitglieds der deutschen Partei ›Die Grünen‹ herausgestellt hat, besteht eine Verbindung zwischen dem Stromkonzern ›Hellwatt AG‹ und einem örtlichen Tiefbauunternehmer, der offenbar unter Einflussnahme auf die regionalen Verwaltungen und Entscheidungsträger versucht, auf das Vorhaben abseits der geltenden Rechtsgrundlagen einzuwirken.«

Der Monitor hinter dem Moderator hatte bisher nur das Firmenlogo von »Hellwatt« gezeigt und blendete nun einen Filmausschnitt ein. Alois Leibacher glaubte wieder in so einem grotesken Traum wie kurz zuvor am Nachmittag zu sein, aber was er auf dem Bildschirm sah, war zweifellos Wirklichkeit. Der Filmausschnitt zeigte ihn – seine Person – bei einer öffentlichen Veranstaltung, wo er eine flammende Rede über die Zukunft der regionalen Energieversorgung mit umweltfreundlicher Wasserkraft hielt.

Er war immer noch fassungslos über das, was er in diesem Hotelfernseher sah, und überlegte, wie dies überhaupt ins Fernsehen kommen konnte. Es musste bei der Eröffnung der Seilbahnanlage am Kreuzhorn gewesen sein, wo seine Firma die Betonfundamente für die Seilbahnstützen gebaut hatte und dabei – als geschickten Werbeschachzug – neben dem Festzelt zwei seiner Tiefbau-Spezialfahrzeuge neben einer Infotafel über den Bau der Seilbahnanlage platziert hatte. Das Projekt war aus Umweltschutzgründen umstritten gewesen, weil dafür eine breite Schneise in einen Bergwald geschlagen werden musste. Ihm dämmerte dabei, dass bei dieser Veranstaltung Fahrzeuge des Senders BR dabei gewesen waren und auch einige Kameraleute im Festzelt gewesen waren. Allerdings war dies eine Nachrichtensendung des ORF, und er vermutete, dass die TV-Sender ORF und BR wohl länderübergreifend – etwa wie bei »Wetten dass …?« – kooperieren würden.

»Papa, det is doch der Mann aus dem Fernseher«, sagte eine laute Teenagerstimme mit schnoddrigem Ruhrpott-Dialekt. Der etwa zwölfjährige Sohn des Granada-Fahrers hatte von seinem Platz im Restaurant aus den direkten Blick auf den TV-Bildschirm und zeigte mit dem Finger auf ihn. Die Eltern drehten ihre Köpfe ebenfalls in seine Richtung, wirkten dabei einigermaßen teilnahmslos und machten keinerlei Anstalten, den Bengel in Sachen Anstand zurechtzuweisen. Einige der anderen Gäste sahen kurz von ihren Tellern auf und nahmen ansonsten keine weitere Notiz.

Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er damit ab sofort nicht nur öffentlich bekannt war, sondern auch als zwielichtiger Geschäftsmann dargestellt wurde, der mit unlauteren Methoden – was die öffentliche Meinung in die Korruptions-Schublade einordnen würde – ein umstrittenes Projekt durchzusetzen versuchte. Zugleich fragte er sich, wer zum Teufel dieser Grüne sein mochte, der sich anmaßte, seinen Namen gegenüber den Medien in der Weise mit dem Stausee-Projekt in Verbindung zu bringen.

Heute war es im Fernsehen zu sehen, und er konnte sich sicher sein, dass sich in den nächsten Tagen die Zeitungen in Deutschland wie in Österreich auf das Thema stürzen würden.

»Hömma, Junge, det sacht man nit so vor all die Leute und man zeicht da auch nit so mit den Finger.« Granada-Papa aus dem Ruhrpott hatte es wohl doch noch für nötig befunden, seinem Sprössling eine kleine Benimm-Lektion zu erteilen.

Wenn ihn schon ein offenbar bildungsferner Teenager als »den Mann aus dem Fernsehen« erkannte, konnte er sich wohl kaum noch unbehelligt in der Öffentlichkeit bewegen. Alois Leibacher ließ den Rest der Tiroler Speckknödel stehen und ging auf sein Hotelzimmer. Er musste nachdenken, und er würde eine weitreichende Entscheidung treffen müssen.

*

++ September 1986 ++

Der vierachsige Mercedes-Kipplaster rollte langsam rückwärts auf das Rolltor der Fahrzeughalle zu. Eine Staubwolke nebelte auf dem trockenen, ungeteerten Betriebsgelände die Fahrzeuge ein. Der Mann hinter dem Steuer des Lkw rief aus dem geöffneten Seitenfenster einem Kollegen zu, dass er das Tor öffnen sollte, und als er bemerkte, dass ihn der Kollege wegen des Motorenlärms nicht verstand, machte er mit dem linken Arm aus dem Fenster eine Geste, die »Seil-nach-unten-ziehen« signalisierte.

Dieser Montagmorgen am 1. September begann mit Chaos, und nach seiner bisherigen Erfahrung würde dieser Tag voraussichtlich auch so enden. Er setzte den großen Kipplaster durch das inzwischen offene Tor weiter rückwärts, um einen Tieflader-Anhänger anzukuppeln. Heute war der Tag, an dem die Erschließungsarbeiten für das Neubaugebiet Steighornblick II begannen, und seine Aufgabe war es nun, den Raupenbagger auf den Tieflader zu fahren und diese Baumaschine zur Baustelle zu transportieren.

Genau zwei Monate zuvor war er bei dem Tief- und Straßenbauunternehmen als Mann für alle anfallenden Sonderaufgaben eingestellt worden, nachdem er an einem regnerischen Junitag zufällig an einer Straßenbaustelle mit dem Firmeninhaber wieder zusammengetroffen war. Es war der Tag gewesen, als er gerade von einer Gerichtsverhandlung zurückgekommen war, die seine Karriere als Stuntman bei der Filmindustrie beendete. Bei der »Alois Leibacher Tief- und Straßenbau GmbH« hatte er seine Lehre als Betonbauer absolviert, und durch seine Leidenschaft für Fahrzeuge hatte er in den Jahren davor auch einen Lkw-Führerschein erworben. Diesem Umstand verdankte Wilfried Grätner nun den Job, in dem er sich vorrangig um Transportfahrten von Baumaschinen und -material sowie um den Fuhrpark zu kümmern hatte.

Mitunter hatte sein Chef Alois Leibacher junior aber auch überraschende »Sonderaufgaben« parat. Wo immer es darum ging, widerspenstigen Zeitgenossen oder Konkurrenten »auf die Sprünge zu helfen«, wie Leibacher es auszudrücken pflegte, hatte er einen Spezialauftrag auszuführen. So wie im vergangenen Monat, als ein Auftrag über den Ausbau der Zufahrtswege zum Alpenhotel Steighornblick zu platzen drohte, weil ein Grundbesitzer wegen eines vier Meter breiten Streifens auf 30 Meter Länge die nötige Zustimmung verweigerte. Ein Lkw, der kurz darauf »zufällig« genau in diesem Bereich eine ganze Tankfüllung Diesel verlor, änderte die Meinung des Grundbesitzers sehr schnell, nachdem man ihm großzügig den Abtrag und die kostenlose Entsorgung des »ölverseuchten« Erdreichs angeboten hatte. Die Besitzer des Hotels hatten als langjährige Kunden in diesem Fall mal wieder darauf gesetzt, dass Firma »Leibacher« dafür eine geeignete Lösung parat haben würde. Natürlich hatte er weisungsgemäß kein Öl, sondern abgestandenes Regenwasser verwendet, das sich hinter der Werkstatthalle in einem leeren, verrosteten Bitumenanstrich-Fass gesammelt und bereits übel gerochen hatte.

Wilfried Grätner stieg aus dem Lkw-Führerhaus und ging durch eine Stahltür in Richtung Büro, wo der Schlüsselkasten mit sämtlichen Fahrzeugschlüsseln war, um denjenigen für den Raupenbagger zu holen. Im Vorbeigehen am Sekretariat hörte er die Buchhalterin am Telefon sagen: »Moment, Herr Leibacher, der Wilfried geht gerade im Flur vorbei.« Grätner fluchte leise, weil der Polier auf der Baustelle bereits auf den Bagger wartete. Kollegin Maria winkte ihm und deutete auf den Telefonhörer, den sie ihm gleich darauf in die Hand drückte. Grätner ahnte nichts Gutes. Er setzte sich in den Bürostuhl an dem Schreibtisch gegenüber Marias Arbeitsplatz, meldete sich mit »Morgen, Alois« und vermittelte seiner Kollegin gleichzeitig mit Gestik die Bitte, ob sie ihm einen Kaffee holen würde. Maria lächelte, ging aus dem Büro und schloss die Tür. Sie war seit fast 30 Jahren in dieser Firma, wusste, dass Alois Leibacher senior und junior vom selben Schlag waren, und hatte verstanden, dass dies offenbar ein Gespräch sein würde, bei dem es mal wieder um irgendeine Geheimsache ging.

Die Stimme von Alois Leibacher klang anders als sonst. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sein Chef vermutlich von einer Telefonzelle aus anrief. Im Hintergrund hörte er ein Motorengeräusch. Im nächsten Moment war ein zischendes Geräusch zu hören, gefolgt von Getrappel und Stimmengewirr. Offenbar stand die Telefonzelle an einer Haltestelle, wo gerade ein voll besetzter Bus gehalten hatte.

»Hör zu«, sprach Leibacher in die Hintergrundgeräusche hinein, »ich befinde mich in einer absoluten Ausnahmesituation, und das heißt kurz gesagt, dass ich mir eine neue Identität verschaffen muss. Kann das jemand mithören?« Grätner versicherte ihm, dass er allein im Büro saß und die Tür zu sei. Die Baustelle würde jetzt wohl warten müssen, wenn sich der Firmenchef offenbar gerade in einer Identitätskrise befand.

Wilfried »Bill« Grätner hörte gespannt zu. Leibacher sprach ziemlich unsortiert von einem Tunnel und von der Inszenierung eines verheerenden Unfalls. Der Unfall sollte den Anschein erwecken, dass Leibacher dabei ums Leben kommen würde, wenn der Wagen explodierte und dadurch unter Tonnen von Beton und Gestein begraben würde. Und diese Ignoranten bei der Vorarlberger Straßenbaubehörde sollten dabei endlich die Quittung dafür bekommen, dass sie ihm seit Jahren den Ausbau der Zufahrt zu seinem Ferienhaus verweigerten, obwohl er diese komplett mit Personal, Gerät und Material der eigenen Firma bauen würde.

»Alois …«

»So, und damit sind dann gleich zwei Dinge auf einen Schlag erledigt, weil erstens so ein Unfall einen zuverlässig ins Jenseits befördert …«

»Alois, jetzt mal …«

»… und zweitens dieser Tunnel für die nächste Skisaison sicher dicht ist.«

Grätner fragte sich, ob sein Chef – und zwischenzeitlich sein engster Vertrauter – noch ganz bei Trost war, verkniff sich aber diese Frage. Alois mochte ein äußerst erfolgreicher und einflussreicher Bauunternehmer sein, aber ebenso war er auch ein Spinner – besonders dann, wenn es um Rache ging. In diesem Fall »Rache« an einer bedeutenden touristischen Region gleich hinter der österreichischen Grenze, nur weil er diesen verdammten restlichen Kilometer bis zu seinem Ferienhaus nicht teeren durfte.

Er sollte sich etwas einfallen lassen, hatte er ihm soeben aufgetragen, bestimmt wüsste er dafür aus seinem Ex-Job einige gute Tricks, wie man mitten in einem sechs Kilometer langen Straßentunnel einen spektakulären Autounfall »baute« und dabei zugleich dafür sorgte, dass dieser für Wochen oder gar Monate bis zur Wiederinstandsetzung unpassierbar wäre.

»Alles machbar, Boss, aber kann es sein, dass du da eine Kleinigkeit übersehen hast?« Bill hatte sich bequem in den Bürostuhl in Marias von Grünpflanzen durchwuchertem Buchhaltungs-Reich zurückgelehnt und nutzte eine kurze Redepause aus, um in die wirr klingenden Anweisungen seines Chefs einzuhaken. Er schaukelte dabei auf dem grauen Drehstuhl hin und her, legte den Kopf in den Nacken und blickte entnervt zur Decke. In der Leitung war für wenige Sekunden Stille.

Im Montafon schob sich die Vormittagssonne über die steilen Felsgipfel und begann sogleich mit aller Kraft, einen heißen Spätsommertag anzuheizen. Alois Leibacher hatte plötzlich das Gefühl, als glühte der heiße Planet direkt über dem Blechdach der gläsernen Telefonzelle, von der aus er gerade Wilfried in ein Vorhaben einwies, das er – was er sich jedoch nicht eingestehen wollte – bisher noch nicht sonderlich gut durchdacht hatte.

»Mir ist die Sache mit dem Stausee-Projekt aus dem Ruder gelaufen.« Der mächtigste Bauunternehmer der ganzen Region zwischen Bodensee und Allgäuer Alpen wirkte mit einem Mal kleinlaut. »Ich muss untertauchen, weil irgend so ein Wichtigtuer von diesen ›Grünen‹-Heinis gemeint hat, dass er den Medien zuspielen muss, dass ich da mit dem Stromkonzern gemeinsame Sache mache. Und diese Fernsehfritzen haben das gefressen und blenden in den Nachrichten eine Rede von mir ein, wo es aber um ein ganz anderes Bauprojekt gegangen war. Die verdrehen vollkommen die Tatsachen, verstehst du?«

»Hab ich alles einigermaßen verstanden. Und auch, dass du jetzt vorhast, deinen eigenen Unfalltod zu inszenieren und dann unter einem anderen Namen in deiner Niederlassung in Liechtenstein weiterexistierst. Aber wenn ich dich recht verstanden habe, hast du nicht vor, selbst in der Karre zu sitzen, die da an die Tunnelwand krachen und in die Luft gehen soll, was ich da irgendwie hintricksen soll, oder?«, fragte Bill ironisch. »Weißt du, ich seh da schon wie im Film, wie da die Feuerwehr die ausgebrannte Karre freibuddelt, dann kommt der Kommissar mit seinem dussligen Adjutanten und stellt fest – ja, do is ja goa koana drin?«, flachste Bill und setzte hinzu: »Keine Leiche, keine vermisste Person. Und ich glaube, das ist nicht nur bei den bayerischen Vorabend-Krimisendungen so, für die ich die Stunts gemacht habe.«

Vom anderen Ende der Leitung waren für einen Augenblick nur ein heftiges Atmen und im Hintergrund wieder die Geräusche eines an- und abfahrenden Busses und die Schritte der aussteigenden Fahrgäste zu vernehmen. Eine Frauenstimme sagte: »… da hoch zur Seilbahnstation.« Er schloss daraus, dass Alois in der Nähe seines Ferienhauses unterwegs sein musste, das in der Nähe eines Touristenortes im Montafon lag.

»Natürlich sitzt da einer drin«, kam Leibachers Stimme zurück, diesmal mit der gewohnten Entschlossenheit. Wilfried Grätner spürte trotz der spätsommerlichen Wärme, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief.

*

Das klapprige hölzerne Scheunentor ächzte und quietschte beim Öffnen, als er sich von der linken Seite dagegenstemmte, damit der Hüttenwirt der Schindel-Alpe mit seinem Toyota Landcruiser rückwärts einfahren konnte, um die bestellten sechs Kisten »Brandner Gletscherwasser« abzuholen. Schorsch Brunntaler nahm seine speckige blaue Arbeitsmütze ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Septembersonne brannte für diese Jahreszeit ungewöhnlich heiß vom wolkenlosen Himmel, während auf den umliegenden Bergen ein leichter Dunst wie ein Schleier auf den kahlen Felswänden lag.

Die Räder des Toyota-Geländewagens wühlten sich vom Fahrweg über den nackten Erdboden, der vom Regen des vergangenen Wochenendes stellenweise noch aufgeweicht war. Zur gleichen Zeit fuhren ein beigefarbener Fiat-Kastenwagen mit der Aufschrift einer Schreinerei und ein roter VW-Transporter mit Pritsche und Plane auf dem Hof ein. Aus dem Kastenwagen stieg ein junger Mann in Schreiner-Arbeitsmontur aus und fragte, wo er die Holzkisten abladen sollte.

»Schaut so aus, als wärscht mit dei’m Schnaps dick im G’schäft«, witzelte der stämmige Hüttenwirt mit dunkelblondem Vollbart, der in der Scheune gerade damit begann, die mit Schnapsflaschen gefüllten Holzkisten im Laderaum seines Geländewagens zu verstauen. Schorsch winkte ab und grummelte ein paar unverständliche Worte vor sich hin, während er eines der Laufräder der rostigen eisernen Schiene über dem Scheunentor inspizierte, das sich beim Aufschieben des Tores zuerst verkantet und dann ausgehängt hatte.

Alois Leibacher fuhr mit dem Transporter gleich halb in die Scheune, weil er bereits im Sinn hatte, seine Ladung inklusive Edelmetall auf den Traktoranhänger umzuladen. Er hatte es eilig, weil er nun schon den zweiten Tag hier oben in den Bergen war und eigentlich andere Dinge zu tun hatte, als einen Haufen Gold vor den Begehrlichkeiten anderer in Sicherheit zu bringen.

»Tief- und Straßenbau«, las der Hüttenwirt laut von der Aufschrift auf der Fahrertür ab. »Da schau an, der Schorsch lässt jetzt endlich mal sein’ Hof teer’n. Und Schorsch, dann lasst am best’n gleich a Ramp’n bau’n, damit du mit’m Gabelstapler direkt auf’n Lastwagen laden kannst.« Der Hüttenwirt und der junge Schreiner brachen darauf in schallendes Gelächter aus.

»Aber du fahrst jetzt erst mal dein’ Rosthauf’n auf d’ Seit’n, sonst muss i zum Rausfahr’n durch d’ Hauswand durch«, wandte er sich breit grinsend an Leibacher und deutete dabei auf den mächtigen verchromten Rammschutzbügel vor dem Kühler seines Landcruisers. Leibacher hatte an diesem frühen Montagnachmittag keinen Sinn für Späße, startete den widerwillig anspringenden Motor des VW-Transporters und rangierte ihn in der engen Scheune so, dass er von der Ladefläche aus direkt auf den Traktoranhänger umladen konnte. »He, Asphalt-Cowboy, bischt du hier dahoam?«, fragte der Hüttenwirt leicht ärgerlich, weil der Transporter jetzt so nahe neben seinem Toyota stand, dass er sich zum Einsteigen hineinzwängen musste und dabei lästerte, welche Billigfirma Schorsch da bestellt hatte.

Eine knappe Minute später klappte Alois Leibacher die seitliche Ladebordwand herunter und wunderte sich über die plötzliche Stille in der Scheune. Der Landcruiser und der Schreinerei-Kastenwagen waren abgefahren, und Schorsch war wie vom Erdboden verschluckt. Er begann, die Kalksandstein-Mauersteine von der Ladefläche auf den Traktoranhänger umzuladen, und fragte sich, ob der klapprige Hänger das Gewicht aushalten würde.

Vor der Scheune hörte er das Klirren von Werkzeug, das auf den Boden geworfen wurde. Er trat zu der breiten Öffnung der Scheune hinaus und sah eine Holzleiter, auf der auf halber Höhe zwei Füße in verdreckten und zerschlissenen Arbeitsstiefeln standen. Schorsch hatte die Leiter an das Tor gelehnt und machte sich daran, die Schiebetor-Mechanik instand zu setzen.

»Ich muss heute Nachmittag noch das Zeug auf die Hütte bringen. Wann können wir mit deinem Traktor los?«, fragte Alois Leibacher ungeduldig.

»Siehst doch, dass i koa Zeit net hob. I muaß des Scheiß Tor da reparier’n«, knurrte Schorsch von der Leiter herunter, während er versuchte, mit einem Schraubenschlüssel die Mutter der Laufradachse zu lösen. »Schlüss’l steckt«, brummte Schorsch.

Leibacher ging in die Scheune zurück und betrachtete den verbeulten alten hellblauen Steyr-Traktor, dessen Zustand bei ihm ziemlichen Zweifel an der Fahrtüchtigkeit auslöste. Die Motorhaube war so verbogen, dass sie nicht mehr in der Halterung einrastete. Am Fahrersitz hingen letzte Reste von einem Kunstlederüberzug, sodass man auf dem blanken Metallgestell saß. Aus dem Motorblock triefte Öl, die schmalen hinteren Reifen waren fast völlig ohne Profil. An der Vorderseite fehlte ein Scheinwerfer komplett; der linke bestand nur noch aus einem leeren verrosteten Gehäuse, aus dem an zwei Kabeldrähten die Glühbirne baumelte. Aber es war im Moment die einzige Möglichkeit, sein Baumaterial und das Gold zum Ferienhaus zu transportieren.

Er lud die restlichen Mauersteine und die Mörtelsäcke auf den Anhänger und nahm eine Kunststoff-Mörtelwanne von der Ladefläche, um die Goldbarren dahinein umzuladen. Draußen hämmerte Schorsch, auf der Leiter stehend, auf die verbogene Laufschiene des Schiebetors ein.

Diese Aktion bedeutet noch mal eine weitere Nacht im Montafon, dachte Leibacher, während er die Goldbarren sorgfältig in die Mörtelwanne legte. Er konnte es sich dabei nicht verkneifen, einen der Barren aus dem Schutzpapier zu wickeln und in einem Sonnenstrahl blinken zu lassen, der durch einen breiten Spalt in der Mauer neben dem Scheunentor hereinschien. Bis er das Material und das Gold im Ferienhaus abgeladen hatte, würde es bereits später Nachmittag sein; mit Einmauern und Verputzen würde er bis etwa Mitternacht zu tun haben, schätzte er grob, während er einen Fuß auf das verbogene Trittblech des Traktors stellte und sich vorsichtig hinter das Lenkrad setzte.

Der Motor sprang schneller an als der seines Transporters. Aus dem verrosteten, senkrecht aus der klappernden Motorhaube aufragenden Auspuff schoss eine schwarze Diesel-Abgaswolke heraus. Leibacher trat die Kupplung und legte den ersten Gang ein, begleitet vom Geräusch aneinanderreibender Zahnräder. Das Gefährt setzte sich ruckelnd und mit lautem Knattern in Bewegung, und er musste zunächst rangieren, um den Hänger anzukuppeln.

Die Glühbirne, die am Rest des linken Scheinwerfers an zwei Kabeldrähten baumelte, versuchte vergeblich, etwas Licht in die halbdunkle Scheune zu bringen. Nach drei Versuchen hatte er es geschafft, den Anhänger anzukuppeln, legte wieder mit knirschendem Geräusch den Gang ein und fuhr mit dem Gespann aus der Scheune heraus.

Schorsch stand immer noch auf der Leiter und hatte ein diebisches Grinsen im Gesicht. Durch den breiten Spalt in der Mauer hatte er zufällig im richtigen Moment beobachtet, wie Alois einen Goldbarren im Strahl des Sonnenlichts hatte glitzern lassen.

Das Traktorgespann rumpelte über den Rest der Fahrstraße, die knapp 100 Meter nach Untere Breitwies in einen schmalen Forstweg überging. Kurz bevor der Wald über den Rest der Strecke zum Ferienhaus die Sicht auf die umgebende Berglandschaft versperrte, sah er noch talwärts einen Motorradfahrer, der mit seiner Geländemaschine einen Wanderpfad hinauffuhr. Dann musste er sich auf dem restlichen knappen Kilometer darauf konzen­trieren, mit dem Traktor samt beladenem Anhänger in der Spur zu bleiben. Er musste dabei vor allem den rechten Rand im Auge behalten, der an einigen Stellen steil in den Abgrund führte.

Zu den letzten 50 Metern zum Ferienhaus zweigte der Weg schräg nach links in einen schmalen Fahrweg ab. Er trat das Gaspedal weiter durch, worauf der äußerlich nach einem Schrotthaufen aussehende Traktor noch einmal zeigte, welche Kraft in dem öltriefenden Motor steckte, während aus dem rostigen senkrechten Auspuffrohr eine dunkle Abgaswolke über seinen Kopf hinwegzog.

Die Holzschindeln am oberen Geschoss des Ferienhauses sahen etwas verwittert aus, und das mit roter Rostschutzfarbe gestrichene Blechdach war von den letzten schneereichen Wintern ziemlich mitgenommen. Die rustikale Eingangstür und die kleinen Holzfenster im Erdgeschoss, die dem Berghaus seinen alpenländischen Charakter verliehen, schienen dagegen auf den ersten Blick noch in einem guten Zustand zu sein und bräuchten vielleicht nur einen Renovierungsanstrich. Er stellte das Traktorgespann neben dem Holzzaun an der linken Seite des Hauses ab, wo er die ganze Ladung auf ebenem Weg über die mit großen Holzläden verschlossene Terrassentür ins Haus bringen konnte.

Er schloss die Haustür auf und trat in den Vorraum, wo links eine Türe zum Wohnraum und an der rechten Wandseite eine hölzerne Treppe ins Obergeschoss führte. Es roch nach altem Holz und einem Hauch von Heu, das früher in einem Anbau hinter dem Haus gelagert war. Alois Leibacher öffnete die Terrassentür und die großen Holzfensterläden und sog die Bergluft ein, die durch die große Öffnung hereinströmte. Das Sonnenlicht ließ die Bäume am Waldrand in sattem Tannengrün leuchten, und die in der Entfernung sichtbaren Felswände zeigten sich in scharfen Konturen mit reliefartiger Struktur.

Vor seinem geistigen Auge flackerte eine Szene aus vergangenen Familienwochenenden auf, als Constanze sich im Liegestuhl auf der Terrasse sonnte und Carola als kleines Mädchen auf der Wiese neben dem Holzzaun herumturnte, während er für den Abend das Brennholz für das Grillfeuer vorbereitete.

Neben der Terrasse gab es noch einen kleineren Stapel mit säuberlich aufgeschichteten Brennholzscheiten. Wenn es am Abend auf dieser Höhe kühler werden sollte, würde er sich mit einigen der Holzscheite vielleicht ein Kaminfeuer anzünden, dachte er und vergaß darüber beinahe, dass er eigentlich in anderweitiger Mission unterwegs war.

Leibacher setzte sich in einen der Korbsessel im Wohnraum, um zu überlegen, wo im Haus das beste Versteck für die Goldbarren sein könnte. Doch stattdessen begann sich in seinem Kopf eine unsortierte Gedankenspirale in Gang zu setzen, die ständig zwischen seiner Tochter Carola, seinem gestrigen Gespräch mit Wilfried in der sonnenbeheizten Telefonzelle und den Konferenzen mit »Hellwatt« und Bürgermeister Hüttinger wechselte.

Alois Leibacher aber war ein Meister der Selbstdisziplin und befahl seinen verselbstständigten Gedanken, sich in die umliegenden Bergwälder zu verflüchtigen. Sein Blick ging im Raum umher und blieb in der Ecke zwischen der Außenwand und dem Kaminofen hängen. Diese etwa einen Meter breite Nische erschien ihm ideal. Er würde einfach einen knappen halben Meter vor der Wand eine Reihe Mauersteine hochziehen, die Goldbarren dahinter einlagern und das Ganze oben mit einem Holzdeckel versehen, damit es wie eine Sitzbank neben dem Kaminofen aussah. Niemand würde auf die Idee kommen, dass sich darin ein Edelmetall-Versteck befand. Voller Tatendrang nahm er seine Arbeitsklamotten aus seiner Umhängetasche, zog sich um und begann, das Baumaterial von dem Traktoranhänger abzuladen.

Es war gegen 20 Uhr am Abend, als er für das Mäuerchen den Putz angerührt hatte und die graue Masse mit der Maurerkelle mit geübtem handwerklichem Schwung an die Wand schleuderte. Gleich darauf stapelte er das Edelmetall sorgfältig hinter der frisch verputzten Wand und ging in den Anbau, um nach passenden Brettern oder Holzdielen zu suchen, mit denen er das gemauerte Goldbarren-Versteck fürs Erste provisorisch abdecken konnte. Er fand ein paar Halbrundhölzer, die eigentlich für Zäune verwendet wurden. Mit den Hölzern unter dem Arm ging er durch die Tür in den Vorraum und verharrte mitten im Schritt. Die Abenddämmerung warf den Schatten eines menschlichen Körpers in den Flur.

In der Haustür stand ein Mann. Das Licht der Abendsonne legte einen dunklen Schatten über seine ganze Erscheinung, sodass er dessen Gesicht nicht erkennen und nur erahnen konnte, dass es ein jüngerer Mann sein musste.

Der Unbekannte lehnte lässig mit den Händen in den Hosentaschen in der Tür und sprach zunächst kein Wort. »Haben Sie sich verirrt?«, fragte Leibacher in die Richtung des Mannes, in der Hoffnung, dass derselbe vielleicht nur nach dem Weg fragen würde. Als er mit den Hölzern unter dem Arm durch den Vorraum näher auf ihn zutrat, erkannte er jedoch ein inzwischen bekanntes Gesicht. Er hatte rote Haare und einen roten Oberlippenbart; seine Frisur bestand oben aus einem Stehhaarschnitt und langem Nackenhaar. Der Mann trug eine rot-weiße Motorradmontur. Es war der ›Hellwatt‹-Manager, der offenbar auch der Fahrer des Geländemotorrades gewesen sein musste, den er am Nachmittag bei seiner Traktorfahrt flüchtig wahrgenommen hatte.

Leibacher fragte sich, welcher dämliche Zufall ihm diese Begegnung verschaffte. »Eigentlich wollte ich auf den Fahrweg zur Oberzalimhütte, aber ich bin wohl auf einen falschen Weg abgezweigt, und jetzt ist mir der Sprit ausgegangen«, sagte der Fremde. »Könnte … ähm, ich meine, wäre es eventuell möglich, dass ich hier übernachten könnte?«, fragte er und blickte dabei an der Außenfassade entlang, als wollte er damit zum Ausdruck bringen, dass in diesem Haus doch genügend Platz sein müsste.

Über den Besucher war Alois zwar nicht begeistert, fasste dann aber den Gedanken, dass ihm dieser vielleicht sogar in irgendeiner Weise nützlich sein könnte, was seine Stausee- und Sporthotel-Pläne betraf. Zum Glück waren die Goldbarren bereits in der Mauernische versteckt, nur fehlte noch die Abdeckung, und er hoffte, dass der Gast nicht bemerken würde, welche Schätze er in diesem abgelegenen Berghaus hortete. Leibacher bat ihn herein und gab sich dabei als barmherziger Herbergsvater. »Im oberen Stock gibt es drei Betten, da können Sie sich für die Nacht eines davon aussuchen. Das Bad ist auch oben.«

»Manfred Breitstein ist übrigens mein Name – wir … ähm … kennen uns ja zumindest flüchtig von Ihrer Präsentation – es war, glaube ich, im März?«, stellte sich der Besucher vor. Breitstein, der bei »Hellwatt« wegen seiner roten Haarpracht und seinem roten Bart den Spitznamen »Fred Feuerstein« hatte, war Assistent im Finanzressort für die Bereiche Investment und Kraftwerksanlagen. Er verlor kein Wort über den zufälligen Charakter der Begegnung und kam unverblümt auf das Projekt zu sprechen. »Wie geht es denn mit Ihrem Stausee und dem Wasserkraftwerk voran?«

»Das Projekt liegt derzeit auf Eis«, antwortete Leibacher misstrauisch auf dessen Frage, und er spürte einen Anflug von Zorn darüber, was diesem Kerl einfiel, ihm derartige Fragen zu stellen. Manfred Breitstein war jetzt zwei Schritte weiter in den Vorraum getreten und konnte durch die geöffnete Tür zum Kaminzimmer die frisch verputzte Mauer sehen. Von zwei der obenaufliegenden Goldbarren hatte sich das Schutzpapier abgewickelt. Durch die Terrassentür schien die Abendsonne herein und ließ das Gold glänzen.

Breitstein starrte wie hypnotisiert auf das Edelmetall-Versteck. Dann stimmte es also doch, was ihm dieser merkwürdige Landwirt auf dem vor dem Wald gelegenen Hof erzählt hatte, als er dort den VW-Transporter mit der Aufschrift ›Alois Leibacher Tief- und Straßenbau‹ gesehen und gefragt hatte, wer von dieser Firma hier oben unterwegs war.

»Ich … ähm … hätte da über einen Kollegen aus der Kraftwerks-Konzernsparte gute Verbindungen zu einem Ministerialdirektor im Wirtschaftsministerium, der – ähm, sagen wir mal, durchaus an der einen oder anderen Unternehmensbeteiligung interessiert ist. Das könnte für Ihr Projekt die eine oder andere Hürde beseitigen. Für ein paar von den Glitzerbalken« – er machte eine Kopfbewegung in Richtung des Goldbarren-Verstecks – »könnte ich da für Sie durchaus die eine oder andere Genehmigung einfädeln«, sagte Breitstein und setzte ein unverhohlenes Grinsen auf.

Du kannst den einen oder anderen Tritt in den Arsch haben, dachte Leibacher. Es gab jetzt also einen Mitwisser und für ihn keinen Zweifel daran, dass dieser sich bei nächster Gelegenheit das Edelmetall unter den Nagel reißen würde. Blitzschnell wägte er zwei Alternativen gegeneinander ab. Die eine war, ein neues Versteck zu suchen, allerdings schied dann das Ferienhaus aus. Zugleich wurde ihm bewusst, dass er erpressbar war, da dieser »Hellwatt«-Mann sicher längst wusste, dass das Stausee-Projekt nach momentaner Sachlage zum Scheitern verurteilt war. Sicherer erschien ihm deshalb die zweite Alternative – die zugleich auch die Antwort auf eine Frage von »Bill« Grätner sein würde, die mit seinem Auftrag zur Inszenierung seines Unfalltodes zu tun hatte.

Keiner von beiden hatte währenddessen bemerkt, dass zwischenzeitlich eine dritte Person vor dem Haus stand und unauffällig die Szenerie beobachtete.

»Lassen Sie uns Ihren Vorschlag doch bei einem Glas ›Brandner Gletscherwasser‹ auf der Terrasse besprechen.« Alois Leibacher gab scheinbar gelassen den souveränen Geschäftspartner und wies Breitstein auf die Holzbank an dem Tisch. Er wollte erst einmal Zeit gewinnen und in Ruhe abwägen, wie er mit diesem unverschämten Rotschopf weiter verfahren sollte.

Manfred Breitstein machte es sich erwartungsvoll und siegessicher auf der Holzbank bequem und breitete beide Arme seitlich über der Lehne aus. In diesem Moment machte sich in seinem Kopf eine unwiderstehliche Gier breit, dieses Goldbarrenlager zu plündern. Niemand würde dies hier oben in dieser einsamen Bergregion beobachten. Er öffnete seinen Rucksack und holte das große Messer mit der 25 Zentimeter langen Klinge heraus, das er vor einiger Zeit für ein Survival-Training gekauft hatte.

Der Hausherr des Berghauses kam wie erwartet mit einer Flasche und zwei Schnapsgläsern auf die Terrasse zurück und blieb unvermittelt stehen, als er die Sägezahnklinge des Messers funkeln sah und in dem verzerrten Gesichtsausdruck des Rothaarigen erkannte, dass dieser nichts Gutes im Sinn haben konnte. Leibacher ließ die beiden Schnapsgläser fallen und wich zurück, um die Terrassentür zu schließen. Doch der Rothaarige war bereits mit einem Satz über der Türschwelle, ging langsam mit dem auf Leibacher gerichteten Messer auf ihn zu und schien in einen Wahn verfallen zu sein. »Ich bin der Pirat, und der Goldschatz gehört jetzt m…«

Das Letzte, was Manfred Breitstein hörte, war das pfeifende Geräusch, das entstand, wenn ein stabförmiger Gegenstand schnell durch die Luft bewegt wurde. Die stumpfe Seite der Spaltaxt zertrümmerte mit einem dumpfen Schlag seine Nackenwirbel. Breitstein sackte leblos zusammen und fiel der Länge nach auf die Terrassenplatte. Leibacher sah fassungslos auf den wie vom Himmel gefallenen Körper und registrierte erst dann, dass neben der Holzbank ein kräftiger Mann mit leicht gewelltem schwarzem Haar und Dreitagebart stand, der sich auf die Spaltaxt lehnte und tief durchatmete.

»Irgendwie bin ich nach dem Telefonat gestern das Gefühl nicht losgeworden, dass du hier oben sein musst und irgendwas im Busch ist. Also bin ich hier raufgefahren. Ich hab vor der Haustür um die Ecke geschielt und dann gemerkt, dass der Typ mit der Vokuhila-Frisur tatsächlich Ernst machen wollte«, sagte Wilfried »Bill« Grätner und lehnte die schwere Spaltaxt an die Wand neben der Terrassentür.

»Klarer Fall von Notwehr. So viel zu deiner Frage nach dem Fahrer, Bill«, setzte Alois hinterher, als er seine Fassung wiedererlangt hatte, und malte beim Wort »Fahrer« mit Zeige- und Mittelfinger Anführungszeichen in die Luft. Die beiden nickten sich zu, holten eine Abdeckplane aus dem Holzlager im Anbau, wickelten den Toten darin ein und verschnürten die Plane mit Stricken, die man zum Binden von Heubüscheln verwendete. »Bei drei zugleich«, sagte Alois Leibacher, als sie das Bündel mit Breitsteins Leiche auf den klapprigen Traktoranhänger legten.

*

Der Landesverband würde stolz auf ihn sein. Der Bericht in der Nachrichtensendung vom vergangenen Sonntagabend im österreichischen Fernsehen hatte es ans Licht gebracht:

»Wie sich zwischenzeitlich aufgrund des Hinweises eines Mitglieds der deutschen Partei ›Die Grünen‹ herausgestellt hat, besteht eine Verbindung zwischen dem Stromkonzern »Hellwatt AG« und einem örtlichen Tiefbauunternehmer, der offenbar unter Einflussnahme auf die regionalen Verwaltungen und Entscheidungsträger versucht, auf das Vorhaben abseits der geltenden Rechtsgrundlagen einzuwirken«, hatte der TV-Moderator gesagt. Die Sendung hatte er auf seinem neuen VHS-Videorekorder aufgezeichnet und die Stelle mit diesem Satz wieder und wieder abgespielt. Die Videokassette lag in der Jutetasche mit den Unterlagen für die Landesversammlung der »Grünen«, zu der er gerade mit einem Schnellzug der Deutschen Bundesbahn nach Augsburg unterwegs war. Gottfried Monschkopf hoffte insgeheim, dass er dort vielleicht sogar den Bundesvorsitzenden antreffen würde und dass er ihm das Videoband würde persönlich überreichen können, welches belegte, dass er allein mit der von ihm organisierten Demonstration den Bau eines Stausees und damit die Vernichtung intakter Natur erfolgreich hatte verhindern können.

Frieden und Abrüstung waren die Themen, für die man sich als Grüner hauptsächlich einsetzte; aber die innerpolitischen Ziele richteten sich vorrangig gegen die Atompolitik der Bundesregierung. Schon im Februar 1981 war Monschkopf bei der Demonstration in Brokdorf dabei gewesen, die sich vehement gegen den Ausbau der Atomenergie stellte und bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte. Jetzt hatte er seine »Schlagzeile« mit der erfolgreichen Demo gegen den Stausee am Steighorn im deutsch-österreichischen Grenzgebiet des bayerischen Allgäus.

Der Schnellzug erreichte um 9.30 Uhr den Augsburger Hauptbahnhof, sodass er bei der Weiterfahrt mit der Straßenbahn rechtzeitig bei der Parteiversammlung sein würde. Der Nieselregen dieses Septembertages legte einen grauen Schleier über die Stadt. Er stieg aus dem Waggon aus, der als erster hinter der Lok angekuppelt war. Im Vorbeigehen fiel sein Blick auf die rote Lokomotive der Baureihe 111, deren Lüfter geräuschvoll den Elektroantrieb kühlten. Er betrachtete die Reihen der Oberleitungen, die sich entlang der Gleise spannten, als wären sie für Seiltänzer vorbereitet, damit sie über den Schienen ihre Artistik vorführten. Auf dem Vorplatz des Bahnhofs kurvten die elektrischen Straßenbahnen über enge Gleisbögen, um die Fahrgäste aus den umliegenden Stadtteilen ins Zentrum und wieder zurück zu befördern. In den Fenstern der Kaufhäuser und Bankengebäude brannten an diesem trüben Vormittag die Neonlichter.

Ohne Strom läuft nichts mehr, dachte Gottfried Monschkopf. Bei den »Grünen« konnte er sich nicht recht entscheiden, ob er sich zu den »Realos« oder zu den »Fundamentalisten« zählen sollte. Seine Ambition war jedenfalls, sich für eine umweltfreundliche Stromerzeugung einzusetzen. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor einigen Monaten hatte in der Bevölkerung für große Verunsicherung gegenüber der Atomkraft gesorgt. Strom aus Wasserkraft, das wusste er zwischenzeitlich, konnte nur den kurzzeitigen Spitzenbedarf abdecken und verbrauchte dafür aber enorme landschaftliche Ressourcen. Von Elektroinstallateur Franz Britzler hatte er von einer neuartigen Technologie erfahren, mit der Strom einfach aus Sonnenlicht erzeugt werden konnte. Das wollte er in der Landesversammlung einbringen, gewissermaßen als künftiges Kompetenzthema der »Grünen«, deren politische Zielsetzungen ihm bisher zu sehr links orientiert waren.

Im Versammlungssaal roch es nach Kräutertee und Rauch von selbstgedrehten Zigaretten. Frauen in bunten Kleidern häkelten grüne Topflappen mit dem gelben Sonnen-Parteisymbol der »Grünen« oder stillten mitten in den Sitzreihen ihre Säuglinge, während sie der Rede des Parteivorsitzenden zuhörten. Monschkopf fand in einer der hinteren Reihen seinen Partei-Kompagnon Walter Grasbaur aus Scheidegg und setzte sich auf den freien Stuhl neben ihm.

»Was machscht allat?«, fragte Grasbaur in der Pause, nachdem der Parteivorsitzende seine Rede über die Ergebnisse aus dem Beschluss der letzten Bundesversammlung beendet hatte. Gottfried Monschkopf begann, gestenreich von seinen Erfolgen und Visionen zu berichten – angefangen von der Demo gegen das Steighorn-Wasserkraftwerk im Juli über den Fernsehbericht in den österreichischen Nachrichten bis zu seinem neuen Thema mit der Stromerzeugung aus Sonnenlicht.

Walter Grasbaur hörte ihm geduldig, aber mit mitleidigem Lächeln und ohne die von Monschkopf erwartete Bewunderung zu. »Gottfried«, sagte Grasbaur, als dieser seinen aufgeregt vorgebrachten Bericht geendet hatte, »du hascht ja grad nochmal g’hört, was ma’ in d’r achten Bundesversammlung im Dezember letscht Johr beschlossa hat.«

Er unterbrach kurz, um mit der Zunge den Klebestreifen des Zigarettenpapiers anzufeuchten. Er zündete die Selbstgedrehte an, aus der vorne ein kleines Büschel Tabak hing, nahm einen tiefen Zug und befreite danach seinen Mund mit Daumen und Zeigefinger von losen Tabakresten.

»Dauerpräsenz der ›Grünen‹ gegen den Bau der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Jeder Monat an andera Landesverband, und im Oktober sind mir dran. Du bischt mit auf d’r Lischte, Gottfried«, sagte Walter Grasbaur.

Gottfried Monschkopf sah seinen Parteikollegen ungläubig an und war einfach nur enttäuscht. Er hatte etwas dazu beitragen wollen, dass die ›Grünen‹ einen Ansatz für die Entwicklung einer ernstzunehmenden alternativen Energiepolitik finden konnten, und die Basis wollte sich offenbar weiterhin nur als Atomkraftgegner positionieren. Und er sollte sich in Wackersdorf womöglich vier Wochen lang mit an die Bauzäune ketten.

Er verließ die Landesversammlung vor dem offiziellen Ende. Auf dem Weg zum Bahnhof fasste er den Entschluss, einen alten Bauernhof zu kaufen, diesen selbst zu renovieren und als Selbstversorger zu leben, mit selbst angebautem Gemüse und selbst erzeugtem Strom.

*

Es musste noch in dieser Nacht über die Bühne gehen. Wilfried Grätner hatte sich in den letzten zwei Tagen einen detaillierten Plan zurechtgelegt, wie er den Autounfall in dem Tunnel, dessen Portal gleich hinter der deutsch-österreichischen Grenze in die sechs Kilometer lange Röhre führte, so inszenieren konnte, dass ein Mensch verschwand und zugleich ein Abschnitt des Tunnels durch einen von einer Explosion ausgelösten Einsturz verschüttet wurde.

Jetzt hatte er aber auch noch eine Leiche zu entsorgen, die noch im Laderaum unter der Pritsche des VW-Transporters lag. Sein Durchführungsplan änderte sich dadurch nicht, aber ihm blieben nur wenige Stunden Zeit. Es war noch nicht einmal drei Stunden her, als am Ferienhaus dieser rothaarige »Hellwatt«-Mitarbeiter wie ein Irrer mit dem Messer auf Alois losgehen wollte, und er hatte offenbar in letzter Sekunde einschreiten können. Er wusste nicht, wie die Situation ausgegangen wäre, wenn er nicht aus einem unguten Gefühl heraus am frühen Abend ins Montafon gefahren wäre. Nun aber musste er die verkehrsarme Zeit mitten in der Nacht ausnutzen, um den Tunnelunfall auszuführen.

Bill Grätner hatte bisher nie die Anweisungen seines Chefs Alois Leibacher hinterfragt. Dass dieser sich aber an einem ganzen österreichischen Bundesland mit einem Tunnel-Inferno rächen wollte, nur weil man ihm den Bau einer befestigten Zufahrtsstraße zum Ferienhaus im Montafon verweigerte, grenzte für seine Begriffe an Debilität.

Alois würde wohl nun alles vorbereiten, um künftig unter einem neuen Namen in Liechtenstein weiterzuleben und von der Niederlassung in Vaduz aus die Geschäfte weiterzuführen. Wie dieser aber einfach unter einem anderen Namen in Liechtenstein – einem Miniaturstaat mit überschaubarer Einwohnerzahl – als jemand zu existieren gedachte, der Geschäftsführer eines Bauunternehmens war und damit bei Finanzbehörden, Banken, Versicherungsträgern und nicht zuletzt beim Einwohneramt in den großen Aktenschränken auf Karteikarten registriert sein musste, war für Bill ein Rätsel.

Der alte Opel Rekord Caravan, mit dem Alois meist zu seinen Baustellenterminen fuhr, würde noch in dieser Nacht das Tunnel-Inferno auslösen. Er sollte sich etwas einfallen lassen, hatte ihm Leibacher aufgetragen, der davon ausging, dass Bill aus seiner Zeit als Stuntman für Auto-Verfolgungsjagden und spektakuläre Crashs die entsprechenden Tricks auf Lager haben würde.

Das Mondlicht erleuchtete die Werkstatt in der Fahrzeughalle fast taghell, obwohl die Wanduhr über der Tür 23.33 Uhr anzeigte. Der Countdown läuft, dachte Grätner und rollte die Sackkarre mit den Gasflaschen vor den alten MAN-Kipplaster, der sonst nur noch zum Schneeräumen eingesetzt wurde. Mit einem leisen Knall zischte eine kleine blaue Schweißflamme aus dem Brenner, den er mit dem fast leeren Einwegfeuerzeug entzündet hatte.

Als er die angerosteten, auf passende Länge geschnittenen und vorne zugespitzten Vierkant-Stahlrohre an das Schneeräumschild schweißte, mit denen er den Lkw zu einer Art Gabelstapler umfunktionierte, fasste er den Gedanken, dass dafür diesmal mehr herausspringen musste. Ihm musste für diese Dreckarbeit mehr zustehen, wenn er dem Inhaber dieses überregional agierenden Tief- und Straßenbauunternehmens mit diesem inszenierten Unfall zu einer neuen Identität verhalf.

Die billige elektrische Wanduhr, die wohl so aussehen sollte wie eine Digitaluhr, blätterte mit einem in der nächtlichen Stille durch die ganze Werkstatt hallenden Klacken ein Ziffernblatt um, sodass die Uhr jetzt 23.51 Uhr zeigte. Irgendwann würde er über das Vermögen der Firma verfügen, dachte er, während er den roten Opel Rekord Caravan mit einigem Abstand vor den Lkw stellte. Verwundert registrierte er bei einem zufälligen Blick auf den Kilometerzähler, dass dieser mit 235.100 Kilometer die gleichen Zahlen wie die Uhr anzeigte.

Er stieg von dem Opel, auf dessen Fahrersitz gleich die Leiche von Manfred Breitstein Platz nehmen würde, in das Führerhaus des Lkw um und startete den Motor. Langsam rollte der MAN-Diesel von hinten auf den Rekord Caravan zu. Die Vorrichtung an der Schneeräumschaufel des Lkw drückte den Opel mit der rechten Vorderseite gegen einen Betonpfeiler der Halle, bevor sich die angeschweißten Stahlrohre mit blechernem Knirschen in die Heckklappe des Kombis bohrten.

Jetzt musste er noch den unangenehmen Teil hinter sich bringen. Es kostete ihn einige Überwindung, die Seitenklappe unter der Ladepritsche des VW-Transporters zu öffnen, wo derjenige lag, der bereits tot war, bevor er mit dem Opel an die Tunnelwand krachen würde.

Wilfried Grätner kam sich vor wie ein Vollstrecker der Mafia, als er die in eine Abdeckplane aus Plastikgewebe verschnürte Leiche herauszerrte und mit einiger Mühe auf den Fahrersitz des Rekord Caravan hievte. Er erschauderte, als von dem Gezerre ein Teil des roten Haarschopfs mit einer blutigen Stelle herausschaute. Er überwand sich ein weiteres Mal, zog den Sicherheitsgurt und hätte sich beinahe übergeben müssen, als er sich über den leblosen Körper beugen musste, um die Schnalle im Gurtschloss einrasten zu lassen. Er wollte sicherstellen, dass der Tote beim Aufprall nicht aus dem Auto geschleudert wurde. »Vorschriftsmäßig angeschnallt«, sagte Grätner leise vor sich hin, schlug die Fahrertür zu und lief sogleich in Richtung des Gasflaschenlagers.

Die Wanduhr in der Fahrzeughalle zeigte 0.35 Uhr, als er auf dem Rücksitz des Opels zwei große Propangasflaschen deponiert hatte, deren Gewicht er schwerer geschätzt hätte, und auf dem Beifahrersitz die kleinen Sauerstoff- und Acetylen-Gasflaschen mit anmontierter Schweißgarnitur lagen.

Er war jetzt startklar. Vor der Fahrzeughalle rauchte er noch eine Zigarette und blies den Rauch in den hellen Nachthimmel. Dann atmete er kurz durch, schwang sich in das Führerhaus des MAN-Diesel, startete den Motor und drückte die Schneeräumschaufel mit den angeschweißten Stahlrohren ein wenig herunter, sodass er den wie von einem Gabelstapler aufgespießten Opel mit der Hauptlast auf der Hinterachse vor sich herschieben konnte.

Eine knappe halbe Stunde später bog er in die Straße zum Grenztunnel ein, die gleich hinter der deutsch-österreichischen Grenze einmündete. Er hatte diesen Weg gewählt, um nicht den großen Grenzübergang passieren zu müssen, wo er mit diesem seltsamen Gespann sicher die Bereitschafts-Grenzbeamten aus ihrem Schlummer geweckt hätte.

Es war ein völlig irrsinniges Unterfangen, mit einem Laster einen Pkw vor sich herzuschieben, an dessen Steuer zudem ein Toter saß, und ihm rann deshalb trotz der kühlen Nachttemperatur der Schweiß aus allen Poren. Er überlegte, was die Grenzbeamten wohl feststellen würden. Unbefugter und mangelhaft gesicherter Transport eines Kraftfahrzeugs, dessen Fahrer aufgrund vorhergegangenen Ablebens fahruntüchtig war?

Bei jeder kleinen Straßenunebenheit gaben die Reifen der Vorderräder des Opels ein kurzes quietschendes Pfeifen von sich, weil sie nur wenige Zentimeter über der Fahrbahn schwebten.

Endlich war er etwa in der Mitte des sechs Kilometer langen Tunnels angelangt. Grätner schaltete die auf dem Lkw-Dach montierten vier Zusatzscheinwerfer ein. Die Pannenbucht war nur noch wenige Hundert Meter entfernt. Jetzt waren äußerste Präzision und seine Stunt-Erfahrung gefragt. Es gab nur einen einzigen Versuch. Bill beschleunigte und steuerte auf die Pannenbucht zu. Er musste kurz dabei über die Mittellinie und hoffte, dass nicht ausgerechnet in diesem Moment ein anderes Fahrzeug entgegenkam.

Kurz vor der Pannenbucht lenkte er den Lkw leicht nach rechts und trat auf die Bremse. Der Rekord Caravan löste sich mit metallenem Quietschen von der Eisenkonstruktion und rollte schlingernd auf die Seitenwand der Nische zu, die quer zur Fahrtrichtung lag und damit eine Aufprallfläche bot. Im nächsten Sekundenbruchteil krachte der rote Opel mit der rechten Vorderseite an die Wand.

Grätner hielt den Lkw an und sprang aus dem Führerhaus. Es musste jetzt verdammt schnell gehen, bevor ein weiteres Fahrzeug kam oder ihm womöglich die Polizei schon gefolgt war. Er öffnete die hintere rechte Tür des Rekord Caravan, die zum Glück nicht klemmte, drehte die Ventile der Schweißgasflaschen auf, zündete mit dem fast leeren Einwegfeuerzeug den Schweißbrenner an und legte ihn zwischen die beiden Propangasflaschen. Die Schweißflamme sollte den Stahlmantel der Gasflaschen durchbrennen und diese zur Explosion bringen. Weil dies einige Minuten dauern würde, funktionierte diese Lösung im Prinzip als Zeitzünder.

In diesem Moment glaubte er, aus der zurückliegenden Richtung blinkendes Licht zu sehen. Mit einem Satz sprang er in das Führerhaus und sah zu, dass er diesen verdammten Tunnel so schnell wie möglich auf der österreichischen Seite verlassen konnte.

Im Rückspiegel sah er, wie aus dem Unfallwagen schwarze Rauchwolken austraten. Offenbar hatte der Schweißbrenner bereits die Sitze in Flammen gesetzt. Unwillkürlich dachte er kurz an seine Ex-Freundin Lorena. Sie hatte ihm im Streit an den Kopf geworfen, dass er darin der Größte sei, wenn es darum ging, etwas an die Wand zu fahren. Er musste ihr im Nachhinein recht geben.

Der MAN-Laster donnerte mit Höchstgeschwindigkeit aus dem Tunnelportal in Richtung Rheintalautobahn. Grätner sah am gegenüberliegenden Straßenrand einen jungen Autofahrer, der vor der Tunneleinfahrt im Scheinwerferlicht seines Ford Capri an der Leitplanke urinierte. Der Fahrer schaute mit erschrockenem und verdutztem Blick auf seinen Laster, den Bill Grätner kurz nach dem Tunnel in die Ausfahrt Richtung Bregenz lenkte. Im selben Moment schalteten sich die zur Entrauchung installierten Tunnelventilatoren ein, deren Steuerung das Einschalten automatisch an die Vorarlberger Einsatzleitstelle der Feuerwehr meldete.

Gleich neben dem Stadion in Bregenz standen Baucontainer und Straßenbaufahrzeuge, wo die Firma »Alois Leibacher Tief- und Straßenbau GmbH« gerade einen Parkplatz baute. Wilfried Grätner war froh, endlich den Lkw auf dem Baustellengelände abstellen zu können. Er dachte an den Capri-Fahrer, der sich sicher gewundert hatte, warum mitten in einer milden Septembernacht jemand mit einem Schneeräumfahrzeug unterwegs war. Aber er vermutete nicht ohne Grund, da der Fahrer vor dem Tunnel an der Leitplanke seine Blase entleert hatte, dass dieser vielleicht ohnehin nicht ganz nüchtern unterwegs gewesen war.

Vom Baustellengelände waren es nur etwa 50 Meter zum Seeufer. Hätte er die nötige Vorbereitungszeit gehabt, hätte er sein Motorboot im Bootshafen bereitstellen können. In der Ferne hörte er die Sirenen von Einsatzfahrzeugen. Mit einem Anflug von Zufriedenheit zündete er sich eine Zigarette an und beschloss, die Nacht im Führerhaus des Lkw zu verbringen.

Er griff nach dem Schlüsselbund in seiner Hosentasche und stellte erleichtert fest, dass er den Generalschlüssel für die Baucontainer dabeihatte. Gleich am frühen Morgen würde er das Schneeräumschild abhängen, im Baucontainer einen Benzinmotor-Trennschleifer suchen und damit die angeschweißten Stahlrohre wieder abtrennen, noch bevor die Kollegen auf der Baustelle sein würden.

Danach würde er erst einmal bei Alois Meldung machen. Und dabei einen Extrascheck als Gefahrenzulage herausschinden.

*

++ Oktober 1986 ++

Die Ampel an der Bahnschranke schaltete auf Rot, als er sich um die Kurve dem Bahnübergang näherte. Das passierte ihm fast immer, wenn er von der Lindauer Insel von einem Einsatz oder einer Vernehmung kam und auf dem Weg zurück ins Präsidium war. Er stellte den Motor seines Peugeot 505 ab und nahm sein dunkelblaues Notizbuch zur Hand. Der viergleisige Bahnübergang beanspruchte regelmäßig seine Geduld, und er fragte sich, wie viel kostbare Dienstzeit er schon vor dieser Bahnschranke verbracht hatte, bis endlich der Regionalzug aus Bregenz oder der Eurocity in Richtung München die Gleise passiert hatte.

Es war 10 Uhr an diesem Mittwochvormittag, an dem grauer Hochnebel über dem Bodensee hing und ein feiner Nieselregen einen nebligen Schleier auf die Windschutzscheibe legte. Von den Bäumen gegenüber dem alten Stellwerkgebäude fielen dunkelgelbe Blätter und ließen keinen Zweifel daran, dass am Bodensee der Herbst unmittelbar bevorstand.

Eigentlich hatte er vorgehabt, sich auf dem Rückweg in der Metzgerei am Aeschacher Kreisverkehr wie fast jeden Vormittag zwei Frikadellensemmeln zu kaufen. Doch die Leiche der grausam zugerichteten 26-jährigen Frau, die von den Kollegen der Wasserschutzpolizei aus dem Bootshafen gefischt worden war, hatte ihm zugesetzt. Er würde im Präsidium erst einmal einen starken Kaffee brauchen.

In seinem Notizbuch machte Kriminalhauptkommissar Guntram Glattlinger noch schnell einen Vermerk zur Frage nach dem Arbeitgeber der ermordeten Frau, bevor der von zwei Dieselloks gezogene Eurocity den Bahnübergang passiert hatte und sich die Schranken endlich wieder öffneten. Wenige Minuten später parkte er den Peugeot auf dem Parkplatz vor dem Präsidium. Auf dem Besucherparkplatz stand ein Lancia Beta mit österreichischem Kennzeichen.

In seinem Büro erwarteten ihn statt eines Kaffees zwei Herren, die sich sogleich von ihren Besucherstühlen erhoben, als er, etwas verdutzt über den unerwarteten Besuch, in der Tür mit der abgegriffenen Aluminiumklinke und dem geriffelten Glaseinsatz stehen blieb. Die staubgraue Einrichtung aus den 60er-Jahren stand im Kontrast zu Glattlingers Erscheinungsbild mit verwaschener Jeans und olivgrüner Parkajacke. Durch seine kräftige Statur und das dunkle mittellange Haar wirkte er etwas älter als die 32 Jahre, die er im Sommer geworden war.

Er vermutete anhand des Wagens auf dem Besucherparkplatz, dass die beiden aus Österreich waren. Guntram Glattlinger war vor drei Jahren von Augsburg nach Lindau versetzt worden und hatte hier durch die Grenznähe häufiger mit Kollegen aus Vorarlberg zu tun. Die beiden waren ihm allerdings unbekannt.

»Äh, die Herrschaften sind von …«, beeilte sich seine junge Kollegin Jacqueline, die inzwischen aus ihrem Büro herangestürmt war und atemlos im Türrahmen stand. Dem jüngeren der beiden Besucher klappte angesichts ihrer üppigen Oberweite und der etwas zu engen wie auch etwas zu weit geöffneten Bluse die Kinnlade herunter, er fasste sich aber sogleich wieder und setzte eine dienstbeflissene Miene auf.

»Kommissariat Bregenz, Abteilung Kriminalistik«, begann der Jüngere die Vorstellungsrunde. Bevor er seinen Namen nennen konnte, kam ihm der ältere der beiden Besucher zuvor, dessen übergewichtiger Körper in einem dunkelgrauen Nadelstreifen-Dreireiher steckte und der offenbar eine bedeutende Position innehaben musste. Er deutete vornehm eine leichte Verbeugung an, wobei sein breites Doppelkinn über den Hemdkragen hinausquoll, und stellte sich als Konrad Griesbacher vor, ein Regierungsbeamter des Landes Vorarlberg.

Glattlinger bedeutete den Herren, am Besprechungstisch Platz zu nehmen, und wies Jacqueline an, alle drei mit Kaffee zu versorgen.

»Für mich nicht, danke«, sagte Griesbacher, der offenbar rasch zur Sache kommen wollte. Er lehnte sich in den Besprechungsstuhl aus verchromtem Stahlrohr zurück, legte mit aufgestützten Ellenbogen seine Fingerspitzen zu einem Dach zusammen und blickte zu dem Jüngeren, der noch rasch seine Brille putzte und noch nicht dazu gekommen war, seinen Namen zu nennen.

»Werter Herr Glattlinger«, begann der Jüngere, nachdem er seine randlose Brille mit ovalen Gläsern wieder aufgesetzt hatte, »wir dürfen davon ausgehen, dass Ihre für den Verkehr zuständigen Beamten regelmäßig die Zufahrt kontrollieren, die hinter dem Grenzübergang zum Tunnel führt?«

Glattlinger zog seine kräftigen Augenbrauen zusammen, die wie zwei dunkle Balken über seinen wachen Augen prangten. Sein Blick wanderte zwischen den beiden Männern hin und her, und er spürte einen Anflug von Ärger darüber, dass sich der österreichische Kollege nicht präziser ausdrückte.

»Um Ihnen das genau sagen zu können, müsste ich mit den Kollegen von der Verkehrspolizei Rücksprache halten. Aber der Grenzverkehr unterliegt natürlich einer gewissen Überwachung, wenn auch nicht lückenlos und auch nicht rund um die Uhr«, antwortete Glattlinger.

»Vor etwa vier Wochen, genauer gesagt am zweiten September, gab es im Tunnel in Fahrtrichtung Rheintalautobahn einen Verkehrsunfall mit einem Personenwagen, der im Tunnel ausgebrannt ist. Dass über diesen Unfall bislang weder in Österreich noch in Deutschland in den Medien berichtet wurde, liegt daran, dass der Vorgang von Seiten der Vorarlberger Landesregierung der Geheimhaltung unterliegt, weil es bei diesem Unfall einige, nennen wir es mal so, merkwürdige Ungereimtheiten gibt«, berichtete Konrad Griesbacher mit Nachdruck in der Stimme, ohne seine Sitzhaltung zu ändern.

Glattlinger musste feststellen, dass Griesbacher kaum weniger in Rätseln sprach.

»Was ist mit dem Fahrer oder den Insassen, konnte eine Identität festgestellt werden? War das Fahrzeug in Deutschland oder in Österreich zugelassen?«

Der Beamte vom Bregenzer Kommissariat übernahm es, die Details zu nennen, und versetzte Glattlinger damit in zunehmendes Erstaunen. »Der Wagen ist etwa in der Mitte des Tunnels an die Seitenwand einer Pannenbucht geprallt. Im Wagen saß nur der Fahrer, der bis zur Unkenntlichkeit verbrannt ist. Keine Hinweise auf einen Unfallbeteiligten, keine Bremsspuren. Wir müssen im Moment davon ausgehen, dass der Fahrer den Unfall in Selbstmordabsicht herbeigeführt hat. Die Kennzeichen sind offenbar vorher abmontiert worden. Über die Fahrgestellnummer konnten wir bisher nur ermitteln, dass das Fahrzeug nicht in Österreich zugelassen war.«

Der Beamte beugte sich nach vorne und sprach jetzt leiser. »Im Kofferraum des Kombis befanden sich zwei Gasflaschen. Auf dem Beifahrersitz lagen noch mal zwei kleinere Gasflaschen, und an die war ein Schweißbrenner angeschlossen. Wie unsere Experten herausgefunden haben, muss der Schweißbrenner gebrannt haben, und er lag so zwischen den beiden Propangasflaschen, dass die Schweißflamme deren Stahlmantel an jeweils einer Stelle durchgebrannt hat. Derjenige muss also die Absicht gehabt haben, die Gasflaschen zur Explosion zu bringen. Aber das ist nicht passiert. Die Propangasflaschen müssen leer oder fast leer gewesen sein. Der Wagen ist also deshalb ausgebrannt, weil die Schweißflamme die brennbaren Materialien im Innenraum in Brand gesetzt hat. Unklar ist aber, ob der Fahrer den Schweißbrenner selbst entzündet hat oder ob es jemand anders getan hat.«

»Wer soll das sonst gewesen sein?«, fragte Glattlinger, dem diese Geschichte immer absurder vorkam.

»Eine der hinteren Türen stand offen. Es ist nach Meinung unserer Experten unwahrscheinlich, dass sich die Tür beim Aufprall von selbst geöffnet hat. Es hat also den Anschein, als hätte jemand nach dem Aufprall die Tür geöffnet, um den Schweißbrenner anzuzünden.«

»Dann müsste ja noch eine zweite Person beteiligt gewesen sein?«, meinte Glattlinger.

»Wie auch immer«, schaltete sich Griesbacher dazwischen, den die ermittlungstechnischen Details weniger interessierten. »Die Vorarlberger Landesregierung schließt bei diesem Vorfall nicht aus, dass es sich möglicherweise um einen geplanten Terroranschlag gehandelt hat. Aus welchem Grund auch immer hatte jemand die Intention, mitten im Tunnel einen größeren Schaden herbeizuführen. Wer dies war und was dahintersteckt, darüber bin ich der Landesregierung eine Aussage schuldig. Aber die Aufklärung des Falles obliegt hier zunächst zuständigkeitshalber Deutschland, weil wir nur davon ausgehen können, dass das Fahrzeug in Deutschland zugelassen gewesen sein könnte. Zumindest ist der Wagen von der deutschen Seite aus in den Tunnel eingefahren.«

»Das Interesse an der Aufklärung ist auch deshalb so groß, weil der Tunnel seit der Eröffnung vor sechs Jahren eine bedeutende Verkehrsverbindung ist«, erklärte der österreichische Kriminalbeamte. »Wegen so eines Vorfalls kann es passieren, dass irgendwelche Reiserouten-Ratgeber oder der deutsche ADAC die Tunnelstrecke als unfallgefährlich einstufen. Dann weichen die Touristen auf andere Routen aus, und das schadet letztlich dem Tourismus in Vorarlberg und im Montafon.«

Guntram Glattlinger verstand die politische Dimension dieser Unfallgeschichte. »Gut, wir haben einen ausgebrannten Kombi, einen nicht identifizierbaren Fahrer und eine selbstgebastelte Gasflaschen-Bombe, die nicht explodiert ist«, fasste er zusammen. »Es sieht für mich danach aus, als hätte jemand eine Leiche entsorgen wollen. Die Frage ist aber, warum dies jemand auf derart spektakuläre Weise tun sollte?«

»Wir haben unsere Ermittlungen eingestellt und übergeben den Fall damit an Sie zur weiteren Aufklärung«, sagte der Jüngere, bevor Glattlinger neue Fragen stellen konnte.

»Meine Kollegen werden natürlich fragen, warum der Fall erst nach über vier Wochen zu uns herübergereicht wird«, bemerkte Glattlinger.

Konrad Griesbacher räusperte sich, rutschte auf der Sitzfläche des Stuhls etwas nach vorne und setzte zu einer gedehnt vorgetragenen Erklärung an. »Nun, wie Herr Jungbichler ja schon deutlich gemacht hat, haben wir es mit einem Fall zu tun, der innenpolitisch eine gewisse Brisanz hat. Dadurch ist die Akte über einige Schreibtische in der Landesregierung gegangen, von wo der Vorgang erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung wieder zu uns heruntergereicht wurde. Dann allerdings mit dem Vermerk, dass unverzüglich ein Bericht über die genauen Hintergründe vorzulegen ist.«

*

Über der Autobahnstrecke lag an diesem Mittwochvormittag eine dichte, graue Nebeldecke. Am Ufer des Chiemsees, an dem die A8 direkt vorbeiführte, waren in der Entfernung noch die Berge zu sehen gewesen. Nach der Gefällestrecke am Irschenberg in Richtung Salzburg war er in den herbstlichen Nebel eingetaucht.

Die Reifen des Geländewagens gaben mit ihrem groben Profil auf dem Straßenbelag der Autobahn ein Geräusch von sich, das zu dem Gitarrensound des Rocksongs passte, der gerade im Sender Ö3 lief.

In der Führerscheinmappe lag bereits sein neuer Pass, der ihn als Staatsbürger des Fürstentums Liechtenstein auswies. Es war ein günstiger Zufall gewesen, dass er vor ein paar Jahren bei einer Bergwanderung im Nenzinger Himmel, einem Grenzgebiet im Montafon zwischen Österreich und Liechtenstein, wegen eines aufziehenden Gewitters an einer bewirtschafteten Alpe einkehrte und dabei Töni Landauer kennengelernt hatte. Für Landauer war die Alpe nur ein Nebenverdienst, denn sein Spezialgebiet war es, einem gegen Bares eine liechtensteinische Identität zu verschaffen.

Nun musste er sich daran gewöhnen, nicht mehr Alois Leibacher zu sein. Für die Liechtensteiner Niederlassung seines Tief- und Straßenbauunternehmens existierte zwischenzeitlich bereits ein Anstellungsvertrag, mit dem er sich selbst unter seinem neuen Namen als neuen Geschäftsführer »eingestellt« hatte.

Töni Landauer war im Fürstentum Liechtenstein bei einem Elektroinstallationsbetrieb beschäftigt gewesen, der auch die Elektroanlagen in Banken und in staatlichen Gebäuden instand hielt. Bei der Erneuerung der Beleuchtungsanlage in einem öffentlichen Verwaltungsgebäude, in dem auch die zentrale Einwohnerbehörde untergebracht war, gab es neben der Haustechnikzentrale eine stets unverschlossene Kellertür. Dahinter lag ein Raum mit den Akten der registrierten Einwohner. Landauers Auftrag war, in diesem Keller eine Notbeleuchtung zu installieren. Man hatte ihn dort allein arbeiten lassen, und nachdem er mit der Installation fertig gewesen war, überkam ihn die Neugier, sodass er eine der schweren Stahlblech-Schubladen des Aktenschranks aufzog. Er hatte vor Aufregung Herzklopfen bekommen, weil die Akten völlig frei zugänglich waren, und so hatte er in der Schublade ›B‹ eine der Akten herausgegriffen und durchgeblättert. Es war die Akte des 1901 geborenen Anton Brander gewesen, die mit dem Stempelaufdruck ›Verstorben‹ und dem Sterbedatum versehen war. Seiner Neugier konnte er auch nicht widerstehen, als er in einem offenen, schlichten Furnierholz-Aktenschrank einen Karton mit der Aufschrift ›Personenerfassungskarten‹ fand. Der Karton enthielt leere Karteikarten, die sich dann ausgefüllt in den Akten wiederfanden. Auf der Außenseite des Kartons hatte jemand flüchtig mit Kugelschreiber den Vermerk ›Nicht mehr gültig, ab 1980 nur noch neue Karten verwenden‹ geschrieben. In diesem Moment durchfuhr es ihn heiß und kalt, weil er plötzlich eine teuflische Idee hatte. Er nahm einige der leeren Karteikarten aus dem Karton und schmuggelte sie in seiner Elektriker-Werkzeugtasche hinaus.

Töni lebte seitdem im Grunde davon, dass er regelmäßig über Friedhöfe ging und nach frischen Gräbern von Menschen Ausschau hielt, die offenbar keine Angehörigen hatten und deshalb unter einem schnell hingeschütteten Erdhaufen mit einem einfachen Holzkreuz bestattet wurden, auf dem lediglich der Name sowie das Geburts- und Sterbejahr standen. Dann forschte Landauer nach, wo diese Menschen gelebt hatten und ob sie in der unmittelbaren Umgebung überhaupt bekannt gewesen waren. Hatten die Verstorbenen ein anonymes – meist auch ein vereinsamtes und verarmtes – Leben geführt, konnte er damit diese Identität auf eine andere Person übertragen. Damit dies auch amtlich ordnungsgemäß registriert wurde, füllte er nach dem Muster, das er sich noch in dem Aktenkeller eingeprägt hatte, eine leere »Personenerfassungskarte« aus, um diese gegen die vorhandene Karteikarte auszutauschen. Dazu hatte er bei Installationsarbeiten in den Büroräumen der Einwohnerbehörde ausfindig gemacht, welcher Schreibmaschinentyp dort benutzt wurde. Er hatte sich nach mühevoller Suche und über einige Umwege genau diesen Typ Schreibmaschine besorgt und war damit ausgerüstet, wenn sich jemand wie Alois Leibacher eine neue Identität verschaffen wollte. Für die neue Karteikarte übernahm er dabei die Daten des Verstorbenen und änderte nur das Geburtsdatum entsprechend. Weil die alten leeren Karteikarten offen herumgelegen hatten, waren diese leicht angegilbt, sodass der Austausch einer Karte kaum auffiel. Wenn er im Archiv eine »Personenerfassungskarte« austauschen musste, verschaffte er sich einfach in seiner Arbeitsmontur und mit der Elektriker-Werkzeugtasche Zutritt zum Gebäude. Niemals hatte ihn jemand danach gefragt, was er dort genau zu tun hätte.

»Noch ischt es möglich«, hatte Töni Landauer vor einem Monat zu Alois Leibacher gesagt, »aber ich hab gchört, dass die Einwohnerbehörde bald auf ›maschinenlesbare Datenverarbeitung‹ modernisiert wird, und dann ischt das vorbei.«

Es war inzwischen Mittagszeit, und etwa 100 Kilometer vor Wien bog Leibacher in die Ausfahrspur zu einer Autobahnraststätte ein. Immer wieder musste er sich selbst an seine neue Identität erinnern. Er parkte vor der Raststätte und nahm den neuen Ausweis aus der Führerscheinmappe, den er seit einigen Tagen besaß und seitdem immer wieder – für ihn immer noch nicht richtig fassbar – betrachtete. An einem Montag vor drei Wochen hatte er das liechtensteinische Einwohnermeldeamt betreten und einen neuen Ausweis beantragt. Der Dame vom Amt hatte er die – immerhin nicht gänzlich unwahre – Geschichte aufgetischt, dass sein Auto ausgebrannt war und dabei auch seine Dokumente vernichtet worden waren. Die Aufregung war beinahe unerträglich und hätte ihn fast schon verraten, als die Dame von der Behörde ins Archiv ging und die »Personenerfassungskarte« holte – und dann lag die Karteikarte tatsächlich auf dem Tisch, und die Mitarbeiterin übertrug dienstbeflissen die Daten in die Antragsformulare für Personalausweis und Führerschein. Töni Landauer hatte ganze Arbeit geleistet.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
492 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783839268582
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