Kitabı oku: «Erleben, Lernen und Verhalten von Kindern und Jugendlichen»

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Der Autor


Prof. Dr. Wolfgang Lenhard studierte Sonderpädagogik und Psychologie und promovierte 2004 zu Technikfolgenabschätzung im Bereich der Pränataldiagnostik. 2012 habilitierte er sich zum Einsatz intelligenter tutorieller Systeme in der Lesekompetenzförderung und erhielt die Venia Legendi im Fach Psychologie. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Gebieten Spracherwerb und Sprachentwicklung, Mehrsprachigkeit, Wortschatzerwerb, Schriftspracherwerb, Diagnostik und Intervention schulischer Fertigkeiten, insbesondere im Hinblick auf das Leseverständnis, Determinanten des akademischen Erfolgs, Testkonstruktion und Normwertmodellierung. Zusammen mit seiner Frau Dr. Alexandra Lenhard publizierte er eine Reihe an psychometrischen Testverfahren, Förderprogrammen und statistischen Methoden. Er ist am Institut für Psychologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg tätig und erhielt für seine Lehre 2012 den Preis für exzellente Lehre des Bayerischen Forschungsministeriums.

Wolfgang Lenhard

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-036294-9

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-036295-6

epub: ISBN 978-3-17-036296-3

Geleitwort zur Reihe »Faszinierende Psychologie«

Warum gehen manche Menschen mit Krisen besser um als andere? Wie nehmen wir etwas wahr, wie lernen wir effektiv? Wie können Unterschiede in der Persönlichkeit von Menschen beschrieben, erfasst und verstanden werden? Wie entstehen Vorurteile und Stereotype und was kann man dagegen tun? Antworten auf solche Fragen untersucht die Psychologie – eine faszinierende Wissenschaft, die sich mit dem menschlichen Erleben und Verhalten beschäftigt. Ihr vielfältiges Themenspektrum reicht von Grundlagenthemen (z. B. Entwicklung, Motivation, Persönlichkeit, Lernen) über die großen Anwendungsbereiche Gesundheit und Arbeit bis hin zu Bildung bis hin zu interdisziplinären Themen wie Forensik, künstlicher Intelligenz oder Gerontologie. Ausgangspunkt ist immer der Mensch in seinen Entwicklungsphasen und sozialen Bezügen und unter Berücksichtigung der Situationen, in denen wir uns befinden, da unser Verhalten immer eine Interaktion zwischen uns und unseren Umwelten ist. Jeder Band widmet sich einem eingegrenzten Thema (z. B. Motivation, Klinische Diagnostik, Führung), das für eine breite Leserschaft von Interesse ist, sowohl für das Studium der Psychologie und andere Studiengänge als auch für Anwendungskontexte und interdisziplinäre Arbeit. Eine große Rolle spielen auch die eingesetzten Methoden, von alltagsnahen Beobachtungen über Laborexperimente und Computersimulationen, von Interviews über Tests, Fragebögen und Tagebuchstudien bis hin zum Data Mining und Deep Learning. Die Erkenntnisse werden durch verschiedene Disziplinen gespeist (z. B. durch Pädagogik, Medizin oder Soziologie) und bereichern ihrerseits wiederum andere Fächer.

Die neue Lehrbuchreihe nimmt das Faszinosum Psychologie unter die Lupe: Die Bände greifen spannende Themen auf – theoretisch und empirisch fundiert und dennoch verständlich dargestellt von einschlägigen Expertinnen und Experten. Die Reihe richtet sich insbesondere an Studierende und Lehrende der Psychologie sowie benachbarter Disziplinen (z. B. Medizin, Pädagogik, Wirtschafswissenschaften, Lehramt etc.). Grundlegendes und aktuelles Wissen wird kompakt und anschaulich vermittelt, sodass die Reihe für eine breite Leserschaft interessant ist.

Die Bände zeichnen sich durch ihr elaboriertes didaktisches Konzept aus. Dieses soll die Arbeit sowohl für die Lernenden als auch die Lehrenden ansprechend und effektiv machen. Jedem Band liegt eine Rahmenstruktur mit detaillierten Strukturierungshilfen zugrunde. Durch die Rahmenstruktur finden die Leserinnen und Leser beim Aufschlagen der Bände viele Elemente, die zum Lesen einladen, wie z. B. Verweise auf Medieninhalte, Praxis- und Fallbeispiele, Internetquellen, Abbildungen, Kästen, Zusammenfassungen, Fragen und mehr. Jeder Band steht für sich und ist weitgehend voraussetzungsfrei zu lesen. Methodische und sonstige Exkurse, die zum Verständnis nötig sind, werden in Kästen eingefügt.

Wir wünschen Ihnen viele Erkenntnisse und Freude bei der Lektüre!

Birgit Spinath, Martin Kersting, Hanna Christiansen

Didaktische Hinweise

Um die Bände optisch aufzulockern und visuelle Anker zu setzen, wird im Buchlayout mit wiederkehrenden Strukturierungshilfen und zugehörigen Piktogrammen aus der untenstehenden Palette gearbeitet. So werden z. B. Definitionen, bedeutsame Studien und Anwendungsbeispiele sowie besonders wichtige Erkenntnisse hervorgehoben.

Zu Beginn der einzelnen Kapitel werden Lernziele formuliert und am Ende jeweils einige Literaturempfehlungen zur Vertiefung der Thematik gegeben. Zur kognitiven Aktivierung und zur Überprüfung des Verstehens werden zwischendurch und am Kapitelende Fragen an die Lesenden gestellt, damit diese ihr Wissen direkt nach der Lektüre überprüfen können.

Piktogramme


LernzieleVideo
DefinitionMedienbeispiel
StudieMythen und Fehlkonzepte
DiagnostikumDos and Don’ts
FragenUnbelievable
LiteraturempfehlungenGut zu wissen
SelbststudiumRechtliche Aspekte
AnwendungsbeispielAusblick

Inhalt

1  Geleitwort zur Reihe »Faszinierende Psychologie«

2  Didaktische Hinweise

3  1 Einführung

4  1.1 Das Jugendalter – ein gefährlicher Entwicklungsabschnitt?

5  1.2 Internationale Klassifikationsmanuale

6  1.3 Was ist eine Verhaltensauffälligkeit?

7  Kurz zusammengefasst

8  2 Lernstörungen und Schulversagen

9  2.1 Was sind Lernprobleme und Lernbehinderungen?

10  2.2 Das »Wait-to-fail«-Problem

11  2.3 Ursachen von Lernproblemen und Lernbehinderungen

12  2.4 Exkurs: Wie entstehen Normwerte?

13  2.5 Enger gefasst: Lernstörungen

14  Kurz zusammengefasst

15  3 Hochbegabung

16  3.1 Was ist Intelligenz und wie misst man sie?

17  3.2 Theoretische Modelle zur Hochbegabung

18  3.3 Diagnose von Hochbegabung

19  3.4 Entwicklung und Probleme hochbegabter Personen

20  3.5 Förderung bei Hochbegabung

21  Kurz zusammengefasst

22  4 Lese-Rechtschreibstörung

23  4.1 Der reguläre Erwerb der Schriftsprache

24  4.2 Beschreibung des Störungsbildes

25  4.3 Ursachen

26  4.4 Auftretenshäufigkeit, Entwicklung und Prognose

27  4.5 Prävention und Intervention

28  4.6 Schulrechtliche Regelungen

29  Kurz zusammengefasst

30  5 Rechenstörung

31  5.1 Informationsgehalt von Zahlen

32  5.2 Vorläuferfertigkeiten mathematischer Kompetenzen

33  5.2.1 Die Entwicklung des Mengenverständnisses

34  5.2.2 Der Erwerb der Zahlwortsequenz

35  5.3 Symptomatik und Auftretenshäufigkeit der Rechenstörung

36  5.4 Ursachen und Formen

37  5.5 Diagnosestellung

38  5.6 Prävention und Intervention

39  Zusammenfassung

40  6 Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

41  6.1 ADHS – Pathologisieren wir unsere Kinder?

42  6.2 Beschreibung des Störungsbildes und Auftretenshäufigkeit

43  6.3 Diagnostik

44  6.4 Verlauf der Störung

45  6.5 Ursachen und Erklärungsmodelle

46  6.6 Folgeprobleme und Komorbiditäten

47  6.7 Intervention und Förderung

48  6.7.1 Didaktik

49  6.7.2 Interventionsprogramme am Beispiel des THOP

50  6.7.3 Pharmakotherapie – Pro und Contra

51  6.8 Zusammenfassung, Mythen und weiterführende Literatur

52  7 Angst

53  7.1 Facetten, Begriffe und Ebenen

54  7.2 Wann wird Angst klinisch bedeutsam?

55  7.3 Angstauslöser im Schulkontext

56  7.4 Theorien der Angstentstehung

57  7.5 Spezifische Angststörungen im Fokus

58  7.5.1 Ängste mit Bezug zu Schulverweigerung: Schulphobie, Schulangst und Absentismus

59  7.5.2 Prüfungsangst, Leistungsangst und soziale Ängste

60  7.5.3 Spezifische Phobien

61  7.6 Umgang mit Ängsten und Reduktion von Angstursachen

62  Zusammenfassung

63  8 Aggression und schulische Gewalt

64  8.1 Wie schlimm ist die gegenwärtige Situation?

65  8.1.1 Kriminalstatistik

66  8.1.2 Schulische Situation

67  8.2 Definitionen und Erklärungsmodelle zur Entstehung von Gewalt

68  8.2.1 Tiefenpsychologie, Ethologie und evolutionspsychologische Erklärungen

69  8.2.2 Frustration, Erregung und Aggression

70  8.2.3 Aggression als erlerntes Phänomen

71  8.2.4 Sozialpsychologische Erklärungsmodelle

72  8.2.5 Soziale Informationsverarbeitung

73  8.3 Aggressionen auf individueller Ebene: Externalisierende Verhaltensstörungen

74  8.3.1 Oppositionelles Trotzverhalten

75  8.3.2 Störung des Sozialverhaltens (SSV)

76  8.3.3 Intermittierende explosible Störung

77  8.4 Aggression im schulischen Kontext: Bullying und Mobbing

78  8.4.1 Prototypische Rollen

79  8.4.2 Die Rolle der sozialen Umwelt

80  8.4.3 Cybermobbing und Cyberbullying

81  8.5 Prävention und Intervention

82  8.5.1 Externalisierende Verhaltensstörungen auf individueller Ebene

83  8.5.2 Prävention und Intervention bei schulischer Gewalt

84  Zusammenfassung

85  Literatur

86  Stichwortverzeichnis

1 Einführung

Kindheit und Jugend sind schillernde Zeiträume im Leben eines Menschen, voller Wünsche und Träume und gekennzeichnet von einer sehr schnellen Entwicklung. Erwachsene denken oft gerne und mit einem verklärten Blick an diese Zeit zurück und verdrängen nur zu leicht die Schwierigkeiten, denen sie in diesem Lebensabschnitt gegenüberstanden. Der vorliegende Band möchte diese spezifischen Schwierigkeiten aufarbeiten und neben den Grundlagen auch das notwendige Praxiswissen zur Erkennung und zum Umgang mit ihnen vermitteln. Dabei gliedert es sich in die folgenden Themenkomplexe:

a. Kognitive Fähigkeiten und Schulleistung: Hochbegabung, Lese-Rechtschreibstörung und Rechenstörung;

b. Externalisierende Verhaltensprobleme: ADHS, Aggression und schulische Gewalt;

c. Internalisierende Verhaltensprobleme: Angst.

Während also zweifelsohne Fragestellungen und Phänomene der Klinischen Kinder- und Jugendpsychologie im Fokus stehen, erhebt das Buch nicht den Anspruch eines Lehrwerks für die Klinische Psychologie und Psychotherapie, sondern zielt auf den Umgang mit problematischen Entwicklungen und Belastungsfaktoren vordringlich im schulischen Kontext ab. Es hat das Ziel, das Wissen zur Erkennung und zum Verständnis problematischer Entwicklungen und jenseits therapeutischer Herangehensweisen Wege zum Umgang mit diesen Problemen zu vermitteln.

Lernziele

• Überblick über psychische Belastungsfaktoren,

• Kenntnis der Kriterien zur Definition psychischer Störungen,

• Kenntnis der Begriffe Prävention, Intervention, Epidemiologie, Komorbitität, Klassifikationsmanuale (ICD und DSM).

1.1 Das Jugendalter – ein gefährlicher Entwicklungsabschnitt?

Betrachtet man beispielhaft für Sekundarschulen in Deutschland die Gymnasien, so hat ein durchschnittliches Gymnasium aktuell etwa 720 Schülerinnen und Schüler (Statistisches Bundesamt, 2018a, S. 38) und bei einem Schnitt von ungefähr 15 Jugendlichen pro Lehrkraft ca. 48 Lehrkräfte. Wendet man die Ergebnisse der epidemiologischen Forschung auf diese Zahlen an, so ergeben sich die folgenden Belastungszahlen:

• 162 haben Lernprobleme (22,5 %; Fischbach et al., 2013).

• 88 verletzen sich regelmäßig selbst (12,25 %, Brunner et al., 2015).

• 29 haben eine dauerhaft andauernde depressive Störung (ca.4 %; Klasen et al., 2015).

• 72 haben klinisch bedeutsame Ängste (10 %; Ravens-Sieberer et al., 2007).

• 32 sind von ADHS betroffen (4,5 %; Akmatov et al., 2018).

• 72 beteiligen sich regelmäßig an Gewalthandlungen (10 %; Schäfer & Letsch, 2018).

• 29 sind stabil in einer Opferrolle (4 %; Schäfer & Letsch, 2018).

• 158 haben Probleme mit dem Essverhalten (21,9 %; Hölling & Schlack, 2007).

Summiert man diese Zahlen, dann kommt man auf einen Anteil von 88,2 %. Es drängt sich der Eindruck auf, dass fast jede Person von einem psychischen Problem betroffen sei. Glücklicherweise ist das in diesem extremen Ausmaß nicht der Fall und die Mehrheit der Jugendlichen wächst unbeschwert auf. Unglücklicherweise kumulieren sich die Probleme aber bei einzelnen Schülerinnen und Schülern, sodass beispielsweise eine Lernstörung gleichzeitig mit Angststörungen und Depressionen einhergehen kann. Dieses Phänomen des gleichzeitigen Auftretens verschiedener Störungen oder Krankheiten nennt man Komorbidität oder komorbide Störungen. Die verschiedenen Störungen können miteinander interagieren und einander bedingen oder sie können in einem ursächlichen Zusammenhang stehen. Im Einzelfall zeigen sich allerdings häufig unterschiedliche Problemfelder bei einer Person, ohne dass eine Aussage getroffen werden kann, welche Störung für die Entstehung welcher anderen Störung verantwortlich ist.

Doch auch aufseiten der Lehrkräfte sieht es nicht zwangsläufig viel besser aus, denn von den durchschnittlich 48 Lehrkräften überfordern sich 15 permanent selbst (31 %; Schaarschmidt & Kieschke, 2013), 14 sind Burn-Out-gefährdet und ca. 36 Personen (75 %) werden vor Erreichen der gesetzlichen Regelaltersgrenze aus dem Dienst ausscheiden (Statistisches Bundesamt, 2018b).

Es drängt sich die Frage auf, wieso das Schulsystem so stark von psychischen Störungen belastet ist, aber die Antwort ist letztendlich einfach: Es ist gar nicht besonders massiv betroffen, sondern psychische Probleme sind ein ganz normales Phänomen des menschlichen Lebens. In der Schule fallen die Probleme jedoch häufig erstmals auf und es besteht die berechtigte Hoffnung, in diesem jungen Alter Veränderungen herbeiführen zu können. Aufgrund der Schulpflicht besuchen zudem alle Kinder und Jugendlichen das Schulsystem und sie bringen auch alle Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind, mit in die Schule. Gleichzeitig sind Probleme zum Teil ein Entwicklungsphänomen, denn die Entwicklung verläuft in diesem Lebensabschnitt rasant und sie geht mit Aufgaben einher, die gelöst werden müssen. Entwicklung ist somit nicht nur faszinierend, komplex und spannend, sondern Probleme können sich auch sehr schnell verschärfen. Doch auch das Schulsystem steht mit seiner begrenzten Differenzierungsfähigkeit vor der Herausforderung, diesen unterschiedlichen Voraussetzungen gerecht zu werden, und durch die Schulpflicht entfällt die Möglichkeit, den Anforderungen und schulischen Konflikten aus dem Weg zu gehen. Hintergrundwissen über die Komplexität der Herausforderungen, denen Kinder und Jugendliche gegenüberstehen, ist deshalb für im Bildungsbereich tätige Personen enorm wichtig.


Abb. 1.1: Todesfälle pro 100 000 Personen des gleichen Alters und Geschlechts (Statistisches Bundesamt, 2019)

Betrachtet man die Sterbetafeln des Statistischen Bundesamtes ( Abb. 1.1; Statistisches Bundesamt, 2019), so fällt auf, dass das Alter zwischen 2 und 13 Jahren ein relativ behüteter Lebensabschnitt ist. In diesem Altersbereich versterben nur wenige Kinder, auch wenn jeder einzelne Fall ein individuelles, tragisches Schicksal darstellt. Ab dem Alter von 14 Jahren kommt es zu einer generellen Zunahme der Mortalität und vor allem bei den Jungen zeigt sich eine steile Zunahme. Hierfür gibt es viele Gründe. Zum einen tritt im Jugendalter oft eine höhere Risikobereitschaft auf, die beispielsweise zu riskantem Substanzgebrauch und gefährlichem Verhalten im Straßenverkehr führt. Auch Suizidalität spielt eine bedeutsame Rolle: Bis zum Alter von 35 Jahren sind Unfälle und Selbsttötungen die häufigsten Todesursachen und somit Faktoren, die einen starken Bezug zum Verhalten der betreffenden Personen haben. Doch auch jenseits dieser extremen Ereignisse gibt es zahlreiche Belastungsfaktoren im Kindes- und Jugendalter, mit denen umgegangen werden muss, wie z. B. Konflikte mit Gleichaltrigen oder den Eltern, Trennungen, finanzielle Probleme, schulische Leistungsanforderungen, Ausgrenzung und Bullying bzw. generell in diesem Lebensalter auftretende Entwicklungsaufgaben und kritische Lebensereignisse, und es entstehen Belastungen, die sich in Form psychischer Störungen manifestieren können. Viele dieser Störungen treten im Kindes- und Jugendalter erstmalig auf, wie z. B.

• Lernstörungen: Diese ergeben sich aus den schulischen Anforderungen ab der Einschulung und sie zeigen sich anhand der zunehmenden Probleme, mit der steigenden Komplexität und Geschwindigkeit der Wissensvermittlung in den folgenden Schuljahren Schritt zu halten.

• Probleme mit Aufmerksamkeit und Konzentration: Eine Diagnose erfolgt i. d. R. frühestens ab dem 6. Lebensjahr, mit einem Schwerpunkt in der Grundschule. Auch hier sind die Gründe mit denen der Lernstörungen vergleichbar und es kommen häufig weitere Konflikte im sozialen Verhalten hinzu.

• Angststörungen: Während bereits im Vorschulalter verschiedene Phänomene, wie die Angst, allein gelassen zu werden, oder die Angst vor Fremden, zu beobachten sind, werden zu Schulbeginn Trennungsängste und schließlich im Laufe der Schule Prüfungsangst und soziale Angst relevant.

• Anorexia nervosa, selbstverletzendes und suizidales Verhalten etc.: Viele Phänomene sind vor dem Eintritt in die Pubertät kaum zu beobachten und stehen somit stark mit den physischen, hormonellen und psychischen Änderungen des Jugendalters im Zusammenhang.

Lehrkräfte äußern häufig die Vermutung, dass Verhalten und Leistung in Kindheit und Jugend sich zunehmend verschlechtern würden. Blickt man in historische Texte zu pädagogischen Themen, dann lässt sich dieser Konflikt zwischen Jugendlichen und Erwachsenen weit zurückverfolgen, wie die zahllosen frustrierten Aussagen verschiedenster Epochen der Menschheitsgeschichte zeigen (Bertet & Keller, 2011, S. 9 ff.):

• »Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul.« (Mesopotamien)

• »Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Äußeres, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte.« (Altes Ägypten)

• »Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.« (Aristoteles)

Auch heute finden sich häufig vergleichbare Aussagen, die sich neben dem Verhalten auf akademische Leistungen (Orthografie, Handschrift …) beziehen. Diskussionsforen unter Onlineartikeln zum Bildungsbereich füllen sich stets mit Nutzerkommentaren, deren Quintessenz ist, dass alles immer schlimmer würde. Auch viele Lehrkräfte neigen zu solchen Aussagen und im Laufe der Zeit variieren die hierfür gegebenen Begründungen. Während am Ende des letzten Jahrhunderts noch die Sorge vor schlechtem Einfluss durch überhöhten Fernsehkonsum diskutiert wurde, sind es heute das Internet mit seinen vielfältigen Ablenkungsmöglichkeiten wie Onlinespiele und soziale Medien: »Die Handschrift der Schülerinnen und Schüler habe sich verschlechtert, finden Lehrkräfte bundesweit … Die weitaus meisten Lehrerinnen und Lehrer (89 Prozent im Primarbereich und 86 Prozent im Sekundarbereich) gaben an, dass es Schülern seit einigen Jahren schwerer falle als früher, eine leserliche Handschrift zu entwickeln… Die Ursachen liegen laut den Lehrkräften in mangelnder Routine, schlechter Motorik und Koordination sowie in Konzentrationsproblemen. Auch empfindet mindestens jeder zweite Lehrer den starken Medienkonsum seiner Schüler als problematisch.« (Spiegel Online, 2019)

Der Blick in die Geschichte zeigt, dass es womöglich nicht per se eine Verschlimmerung der Situation gibt, sondern vermutlich eher einen permanenten Wandel. Das Gefühl fortlaufender Verschlimmerung der Situation könnte folglich Ausdruck einer zunehmenden Diskrepanz und Entfremdung Erwachsener von der jeweils aktuellen Situation Jugendlicher sein. Nur zu leicht werden dabei positive Entwicklungen oder neuartige Kompetenzen übersehen, die statt althergebrachter Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen erworben werden. Anders ausgedrückt: »Nichts ist so beständig wie der Wandel« (Heraklit von Ephesus, 535–475 v. Chr.).

Die gleiche Problematik betrifft auch viele der in den folgenden Kapiteln beschriebenen Phänomene. Zur Gewinnung eines objektiven Bildes ist es deshalb notwendig, zum einen fundierte epidemiologische Studien durchzuführen, die Aufschluss über die Entwicklung der Situation erlauben. Die Epidemiologie ist jene wissenschaftliche Disziplin, die sich mit dem Verbreitungsgrad von Krankheiten oder Störungen in einer Bevölkerung beschäftigt. Bestimmt wird der Verbreitungsgrad mittels der Kennwerte Inzidenz und Prävalenz. Die Inzidenz beschreibt dabei die Anzahl an Fällen, die innerhalb eines bestimmten Zeitintervalls neu auftritt. Unter Prävalenz versteht man den Anteil an betroffenen Personen in einer Stichprobe. Die Lebenszeitprävalenz beschreibt dementsprechend denjenigen Anteil an Menschen, die im Laufe ihres Lebens an einer bestimmten Erkrankung oder Störung leiden.

Zum anderen sind präzise Beschreibungen notwendig, die ein Phänomen klar von anderen Phänomenen abgrenzen, da nur eine klare Definition eine eindeutige Erfassung ermöglicht. Hierfür gibt es Klassifikationsmanuale.

1.2 Internationale Klassifikationsmanuale

Es existieren zwei international gebräuchliche Klassifikationssysteme, die möglichst vollständig die relevanten Phänomene beschreiben sollen, zum einen die International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-11; WHO, 2018), die von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben wird. Psychische Störungen werden dort im Kapitel 6 (»Mental, behavioural or neurodevelopmental disorders«) beschrieben. Das andere, weitverbreitete Klassifikationssystem ist das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders – Fifth Edition (DSM-5; American Psychiatric Association, 2013). Beide Kompendien sind sich in den letzten Fassungen in ihrer Struktur und der Beschreibung der erfassten Phänomene sehr ähnlich, da beide auf dem aktuellen Forschungsstand basieren. Beide haben das Ziel, psychische Störungen zu beschreiben, z. B. indem klare Kriterien aufgestellt werden, die für eine Diagnosestellung notwendig und hinreichend sind. Unterschiede ergeben sich dagegen im Detailliertheitsgrad, da die relativ neue ICD-11 noch nicht vollständig ausgearbeitet ist. Zum anderen spezifiziert sie bereits psychische Störungen wie die Computerspieleabhängigkeit (»6C51.0 Gaming disorder, predominantly online«), die im DSM-5 noch als »Condition for Future Research« gelistet sind. Trotz dieser Unterschiede gelten beide Manuale international als anerkannt und Beschreibungen der folgenden Kapitel werden sich zum Teil auf diese stützen.

Beide Systeme vermeiden es, ursächliche Erklärungen für die Entstehung dieser Störungen anzugeben, da solche Erklärungen an spezifische Theorien geknüpft sind. Aus diesem Grund werden auch Bezeichnungen vermieden, die sich auf eine spezifische Theorie beziehen. So findet sich beispielsweise der Begriff »Neurose« nicht mehr, da dieser auf dem Erklärungsmodell tiefenpsychologischer Theorien basiert. Dieser Umstand ist vor allem deshalb wichtig, da Diagnosen sehr schnell den Charakter einer ursächlichen Erklärung bekommen, obwohl sie lediglich Beschreibungen sind.

1.3 Was ist eine Verhaltensauffälligkeit?

Die Abgrenzung zwischen dem, was wir als normales Erleben und Verhalten einerseits und als psychische Störung andererseits bezeichnen, ist fließend (American Psychiatric Association, 2013, S. 14; Butcher et al., 2009, S. 5 ff.). Obwohl ein Konsens darüber besteht, welche Phänomene zu den psychischen Störungen gezählt werden, existiert kein Set an notwendigen und hinreichenden Bedingungen, die für eine Grenzziehung verwendet werden könnten. Häufig werden verschiedene Merkmale beschrieben und je mehr dieser Aspekte vorliegen, desto eher wird das betreffende Verhalten als Störung bezeichnet:

1. Statistische Seltenheit

Alle menschlichen Verhaltensweisen weisen in einer Population eine breite Verteilung auf und diese Verteilung folgt sehr oft einer Normalverteilung. Eine Normalverteilung entsteht immer dann, wenn verschiedene Faktoren unabhängig voneinander additiv zusammenwirken. Die Verteilung lässt sich exakt anhand des Mittelwerts (= M) und der Standardabweichung (= SD; ein Maß für die Streuung der Werte) beschreiben und sie weist den großen Vorteil auf, dass die Fläche unter der Kurve genau bekannt ist. Im Bereich zwischen −1 und +1 Standardabweichungen ( Abb. 1.2) befinden sich mehr als zwei Drittel aller Fälle und mit steigendem Abstand zum Mittelwert nähert sich die Kurve der x-Achse an. Im Bereich zwischen −2 und −1 SD (= z-Werte) und +1 bis +2 SD befinden sich jeweils 13,6 % der Fälle und außerhalb von + 2 SD befinden sich insgesamt weniger als 4,5 % der Personen. Diese Häufigkeitsinformationen können genutzt werden, um die Außergewöhnlichkeit von Phänomenen einzuschätzen. Zu diesem Zweck werden bei der Konstruktion psychologischer Testverfahren die Werte in sogenannte Normwerte umgewandelt, wovon es viele verschiedene Skalen gibt (z. B. z, T, IQ, Prozentrang etc.). Damit man von einer psychischen Besonderheit spricht, wird i. d. R. eine deutliche Abweichung vom Mittelwert gefordert, also beispielsweise Werte kleiner −1.0, −1.5 oder− 2.0 SD vom Mittelwert. Beim IQ ist beispielsweise der Skalenmittelwert auf 100 festgesetzt und die Standardabweichung beträgt 15. Eine Person, die eine Standardabweichung unter dem Durchschnitt liegt, hat dementsprechend einen IQ von 85 ( Kap. 2.4). Eine statistische Seltenheit alleine ist aber noch keine Auffälligkeit. Jeder Mensch hat zahlreiche ungewöhnliche Eigenschaften, die nicht weiter klinisch bedeutsam sind, wie z. B. besondere Interessen oder Fähigkeiten.


Abb. 1.2: Flächenanteile der Normalverteilung

2. Verstoß gegen soziale Normen

Die Frage danach, was als auffällig gilt, hängt sehr stark mit den sozialen Erwartungen und Vorgaben einer Gesellschaft zusammen. Die Einstufung von Auffälligkeiten ist somit kulturabhängig und unterliegt gesellschaftlichen Änderungsprozessen. Die bis zum Jahr 1989 gültige ICD-9 definierte beispielsweise in Kapitel 302 Homosexualität als sexuell deviantes Verhalten – eine Einstufung, die aus heutiger Sicht sehr befremdlich wirkt. Auch technische Entwicklungen können dieses gesellschaftlich definierte Verhalten in der Öffentlichkeit beeinflussen. Während eine Person, die in der Öffentlichkeit scheinbar mit sich selbst spricht, vor 20 Jahren noch befremdliche Blicke auf sich gezogen hätte, ist es heute üblich, in öffentlichen Lebensbereichen per Smartphone z. B. mit Headset zu telefonieren. Das kann den Eindruck von Selbstgesprächen vermitteln, ohne dass das Umfeld dies als merkwürdig empfinden würde.

3. Persönliches Leid

Fast alle Störungen gehen mit Leid einher, entweder aufseiten der betreffenden Person oder im sozialen Umfeld, meist jedoch bei allen Beteiligten. Im Falle einer Angststörung oder Depression ist es unmittelbar einsichtig, dass es der betreffenden Person nicht gut geht. Liegen enge, persönliche Bindungen vor, erkrankt z. B. ein Elternteil oder ein Kind in einer Familie an einer Depression, so wirkt sich das natürlich unmittelbar auf die Lebenssituation der anderen Familienmitglieder aus. Im Falle einer Manie oder bei aggressiven Störungen kann es dagegen sein, dass vor allem das Umfeld leidet, nicht aber die Person selbst. Leid alleine ist dagegen kein Kriterium für das Vorliegen einer psychischen Störung, da beispielsweise persönliche Schicksalsschläge wie der Tod eines geliebten Menschen, Misserfolge in Schule oder Beruf oder andere kritische Lebensereignisse zu intensivem Leid führen können, dies aber einen gewöhnlichen Bestandteil menschlichen Lebens darstellt, insbesondere, da es nicht erwartungswidrig ist.

4. Behinderung, Dysfunktion oder Maladaptivität

Psychische Störungen gehen mit Einschränkungen in der Handlungsfreiheit einher oder sie reduzieren zukünftige Entwicklungschancen. Das Vorliegen einer Behinderung alleine ist nicht ausschlaggebend, da beispielsweise viele Menschen mit einer Körperbehinderung ein selbstbestimmtes und erfüllendes Leben führen können und ggf. lediglich in einem spezifischen motorischen Bereich eingeschränkt sind. Eine stark ausgeprägte generalisierte Angststörung kann dagegen dazu führen, dass ein Kind die Wohnung nicht mehr verlassen kann und in der Folge keinen Schulabschluss erwirbt. Bei ansonsten intakten körperlichen und kognitiven Funktionen führt die psychische Störung in diesem Fall zu einer Behinderung der persönlichen Entwicklung und des Handlungsspielraums. Andere psychische Störungen, wie z. B. eine antisoziale Persönlichkeitsstörung, können dagegen mit einem Verhalten einhergehen, das zwar für die Person selbst funktional ist, da es individuell betrachtet zum Ziel führt (z. B. Betrug, Nötigung …; vgl. Butcher et al., 2009, S. 6), das soziale Umfeld oder die Gesellschaft dagegen schädigt. Das Verhalten wäre somit insgesamt betrachtet ebenfalls maladaptiv.

5. Erwartungswidrigkeit

Im Rahmen psychischer Störungen treten Verhaltensweisen oder ein subjektives Erleben auf, das für andere Menschen irrational ist und den Erwartungen widerspricht. Das bedeutet auch, dass das Verhalten von anderen als unvorhersehbar erlebt wird und deshalb Befremden oder Unbehagen auslöst. Es wird von Außenstehenden als irrational oder unerwartet empfunden.

Fallbeispiel: Der »Fußläufer«

2011 kam es in der Teilbibliothek für Chemie und Pharmazie der Universität Würzburg zu einer Serie von Zwischenfällen, die die Universitätsleitung zu einer Warnung in Form einer Mitteilung veranlasste (und interessanterweise tauchte Mitte 2019 ein völlig identisches Problem erneut auf, wobei es sich um eine andere Person handelte). Ein ca. 30 bis 35 Jahre alter Mann, der vermutlich nicht der Universität zugehörig war, trat über mehrere Wochen hinweg freitagnachmittags und -abends wiederholt in der Bibliothek in Erscheinung. Er sprach ausschließlich weibliche Studierende an und bat sie, sich auf seinen Rücken zu stellen, um diesen wieder einzurenken. Zudem fragte er nach dem Weg zur nächsten Apotheke, wo er sich ein Schmerzmittel besorgen wolle. Nach einer Anzeige bei der Polizei (der Fall wurde unter dem Schlagwort »Fußläufer« geführt) und der Sensibilisierung durch ein Informationsschreiben trat die Person nicht mehr in der Bibliothek in Erscheinung.

Anhand der Verunsicherung, die dieser Fall auslöste, lassen sich die fünf zuvor aufgestellten Kriterien reflektieren. Der Hintergrund des bizarren Verhaltens ist unklar, jedoch handelt sich vermutlich nicht um ein orthopädisches Problem, sondern eher um eine Paraphilie, also eine deutlich von der Norm abweichende sexuelle Neigung. Die Annahme eines sexuellen Motivs für das Verhalten war es vermutlich auch, was die Reaktion der Universitätsleitung nach sich zog. Die Erfüllung des Kriteriums der statistischen Seltenheit liegt auf der Hand, da ein solches Verhalten von den meisten Menschen nicht gezeigt wird. Es verstößt zudem gegen soziale Normen. Zwar ist es legitim, in begründeten Fällen fremde Personen um Hilfe oder Auskunft zu bitten, jedoch würde dies in einer Bibliothek eher am Empfangsschalter passieren und zudem nicht mit dem geäußerten Anliegen. Persönliches Leid kann sowohl aufseiten des betroffenen Mannes vorliegen, der immerhin so weit geht, sich zu exponieren, als auch aufseiten der Studentinnen, deren Privatsphäre durch die ungewöhnliche Anfrage verletzt wird. Zudem ist es angstauslösend, in Lernkabinen angesprochen zu werden, aus denen man kaum entkommen könnte, und der ungewollte Kontakt erfolgte zu Zeiten, in denen nur wenige Personen in der Bibliothek waren – mithin eine Bedrohungssituation, die für das soziale Umfeld (= die anderen Besucher der Bibliothek) belastend ist. Auch das vierte Kriterium ist hinsichtlich der Maladaptivität des Verhaltens gegeben, da dieses weder zur Reduktion von Rückenschmerzen noch hinsichtlich der mutmaßlich vorliegenden sexuellen Motive zu einer Befriedigung führt. Und schlussendlich ist es auch erwartungswidrig, da im Kontext einer Bibliothek und angesichts der fehlenden Bekanntschaft zwischen den beteiligten Personen die Äußerung eines solchen Anliegens der Erwartung widerspricht.

Kurz zusammengefasst

und

Kindheit und Jugend sind Lebensabschnitte, die durch die schnelle Entwicklung und durch die damit einhergehenden Entwicklungsaufgaben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Verhaltensauffälligkeiten aufweisen. Verhaltensauffälligkeiten und Belastungen sind in diesen Lebensabschnitten deshalb nichts Ungewöhnliches. Ab wann von einer psychischen Auffälligkeit gesprochen wird, kann nicht eindeutig bestimmt werden, aber es liegen meist in unterschiedlicher Zusammensetzung mehrere der folgenden Kriterien vor: Statistische Seltenheit, Verstoß gegen soziale Normen, persönliches Leid, Behinderung oder Maladiptivität und Erwartungswidrigkeit des Verhaltens. Die International Classification of Diseases (ICD) und das Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) beschreiben, welche Phänomene nach dem Stand der Forschung als psychische Störungen zu werten sind und welche Kriterien dabei herangezogen werden. Mithilfe epidemiologischer Begriffe wie Inzidenz und Prävalenz wird die Häufigkeit des betreffenden Phänomens spezifiziert, und Komorbidität beschreibt, welche anderen Störungen häufig damit einhergehen.

Fragen

a. Welche der folgenden Abkürzungen bezeichnen Diagnosemanuale für psychische Störungen?

DIN

DSM

ICD

WHO

b. Der Begriff »Prävalenz« bezeichnet …

die Anzahl an Personen, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums neu erkrankt.

jene Störungen oder Erkrankungen, die häufig gleichzeitig auftreten.

den Anteil an Personen einer Population, die von einem Phänomen betroffen sind.

den durchschnittlichen Schweregrad einer psychischen Störung.

c. Die kognitive Leistungsfähigkeit einer Person liegt 1.2 Standardabweichungen über dem Durchschnitt der Normgruppe. Welchem IQ entspricht diese Leistung? Bitte berechnen Sie den exakten Wert.

2 Lernstörungen und Schulversagen

Beim Thema Lernstörungen und Schulversagen stellt sich zunächst die Frage, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit eine Person in der Schule erfolgreich ist. Hierzu gibt es unzählige Untersuchungen, denn es ist seit Jahrzehnten das klassische Thema der Pädagogischen Psychologie und der Bildungsforschung. Ein bekanntes Modell aus der Literatur hierzu ist das INVO-Modell von Hasselhorn und Gold (2013, S. 68; Abb. 2.1). Das Modell listet einige der Bedingungsfaktoren auf individueller Ebene auf, die beim Lernen eine Rolle spielen.


Abb. 2.1: Modifiziertes Modell individueller Bedingungen erfolgreichen Lernens (adaptiert nach Hasselhorn & Gold, 2013, S. 68). Das Modell wurde inhaltlich ergänzt und so erweitert, dass die Zahnräder sich nicht blockieren, indem Zwischenglieder eingefügt wurden, die das z. T. unbekannte Zusammenspiel der Faktoren symbolisieren. Zudem findet schulisches Lernen nicht nur auf individueller Ebene statt, sondern es ist eingebettet in die schulische und familiäre Lernumwelt und wird von gesellschaftlichen Faktoren wie der Organisation des Schulsystems beeinflusst.

Auf individueller Ebene lassen sich kognitive Faktoren auf der einen und motivational-volitionale Faktoren auf der anderen Seite unterscheiden. Zu den kognitiven Faktoren gehören alle Aspekte, die mit Informationsaufnahme, -verarbeitung und -speicherung zu tun haben, also beispielsweise das Vorwissen einer Person, die Fähigkeit, den Lernprozess zu steuern, die Fähigkeit, Informationen mental zu repräsentieren und aus diesen zu lernen. Motivational-volitionale Aspekte spezifizieren, ob jemand bereit ist zu lernen und den Willen hat, Arbeit zu investieren. Damit gehen im günstigen Fall spezifische Emotionen einher, wie beispielsweise die Freude an einem Inhaltsbereich und das Gefühl, eine Sache gut zu beherrschen. Ist das Lernen dagegen von Angst, beispielsweise vor dem Versagen, begleitet, so wirkt dies wiederum auf den Lernprozess zurück.

Das Modell listet wichtige, bei weitem aber nicht alle Aspekte erfolgreichen Lernens auf, da auf individueller Ebene weitere Faktoren wie zusätzliche Intelligenzfacetten und Persönlichkeitsmerkmale (z. B. Gewissenhaftigkeit) eine große Rolle spielen. Auch Umweltfaktoren, wie beispielsweise didaktische Fähigkeiten der Lehrkraft, Lernklima in der Klasse, Unterstützung zu Hause usw., sind nicht enthalten. Zudem ist keineswegs immer klar, wie die Faktoren zusammenspielen. So ist es denkbar, dass eine leichte Angst vor einer Prüfungssituation Jugendliche eines hohen Fähigkeitsniveaus zum Lernen anspornt, wohingegen Personen, die bereits vielfältige Misserfolgserlebnisse gemacht haben, hierdurch im Lernen blockiert werden. Diese Unsicherheit im Zusammenwirken der Faktoren ist im Modell durch Fragezeichen veranschaulicht und diese Wechselwirkungen sind Gegenstand der sog. Aptitude-Treatment-Forschung (ATI; s. Hasselhorn & Gold, 2013, S. 254 ff.). Letztendlich ergibt sich in der Folge ein sehr individuelles Zusammenspiel der Faktoren, das von Person zu Person unterschiedlich sein kann.

Lernziele

• Kenntnis individueller und institutioneller Bedingungen für schulisches Scheitern,

• Fähigkeit, Lernbehinderung von Lernstörungen abzugrenzen und diese zu definieren,

• Wissen über allgemeine Ansätze kognitiver Förderung.

2.1 Was sind Lernprobleme und Lernbehinderungen?

Aufgrund der vielfältigen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens kann dieses scheitern und dabei zeigen sich unterschiedliche Phänomene, entweder mit Bezug zu spezifischen Inhaltsbereichen – man spricht in diesem Fall von Lernstörungen wie z. B. der Rechenstörung – oder bereichsübergreifend, also einer umfassenden Lernbehinderung. Zudem sind manche der Probleme vorübergehend oder aber sehr stabil. Darüber hinaus gibt es in der Literatur sehr viele Begriffe, die sich mit Lernproblemen beschäftigen und die je nach Disziplin variieren: Lernschwäche, Lernbehinderung, Lernbeeinträchtigung, Lernstörungen und noch viele weitere, wie beispielsweise medizinisch geprägte Begriffe, die entweder Einschränkungen eines Fähigkeitsbereichs andeuten (Dyslexie, Dyskalkulie …) oder deren völliges Fehlen (Aphasie, Alexie, Agnosie …). In bildungswissenschaftlichen Disziplinen wird häufig der Begriff Schwäche, Behinderung oder Beeinträchtigung verwendet, wodurch eher auf ein Kompetenz- oder Fähigkeitsdefizit hingewiesen wird, das es zu kompensieren gilt. In der Psychologie ist dagegen der Störungsbegriff vorherrschend, der eher auf ein gestörtes Zusammenspiel von Teilkomponenten oder ein nicht funktionierendes Gesamtsystem abzielt. In der Folge gilt es, die Gründe für diese Blockade zu finden und zu beheben. ICD und DSM bezeichnen diesem Grundgedanken entsprechend spezifische Lernprobleme als Lesestörung, Rechtschreibstörung usw. (Sammelbegriff »Lernstörungen«). Während diese enger gefassten Begriffe klar definiert und deren Häufigkeiten relativ sicher bekannt sind (z. B. Fischbach et al., 2013), gibt es im deutschen Schulsystem aufgrund des föderalen Bildungssystems der BRD und der damit verbundenen länderspezifischen Verwaltungsregelungen dagegen eine enorme Heterogenität der Definitionen von sonderpädagogischem Förderbedarf und Ausgleichsregelungen bei spezifischen Lernproblemen. In der Folge variiert die Rate an Schülerinnen und Schülern, die entweder in Förderschulen oder inklusiv unterrichtet werden. Hinzu kommen noch jene Schülerinnen und Schüler, die keinen sonderpädagogischen Förderbedarf attestiert bekommen und deren Lernprobleme durch spezifische Verwaltungserlasse adressiert werden. Diese Personen werden meist nicht gesondert statistisch erfasst. Diese inhomogene Datenlage lässt sich am Anteil von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf illustrieren, der beispielsweise 2016/2017 erheblich zwischen den Bundesländern variierte und von 4,2 % im Saarland bis 9,8 % in Mecklenburg-Vorpommern reichte. Er nahm von 6,0 % im Schuljahr 2008/2009 auf 7,1 % zu (Klemm, 2018; Tab. A1 & A2). Ca. 40 % der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf entfallen auf den Förderschwerpunkt »Lernen« (Klemm, 2018, Tab. A5). Etwa 40 % der Schülerinnen und Schüler wurde 2016/2017 inklusiv, d. h. in Regelschulen, unterrichtet, mit einer enormen Spannbreite der Anteile zwischen den Bundesländern. Zu diesen Anteilen kommen jene Fälle in Regelschulen hinzu, die »still integriert« werden, d. h., die trotz umfänglicher Probleme keine spezifische Unterstützung erhalten.

Die enorme Variation der Anteile sonderpädagogischen Förderbedarfs nach Bundesland lässt sich auch dadurch erklären, dass je nach Verwaltungserlass unterschiedlich progressiv diagnostiziert wird. Zudem gibt es regionale Unterschiede hinsichtlich soziodemografischer Variablen, wie z. B. Arbeitslosigkeit oder Strukturwandel, die ihre Spuren in der Schülerschaft hinterlassen. Insgesamt sind die großen Unterschiede jedoch wenig plausibel, sodass die Einschätzung dessen, was als förderbedürftig eingestuft wird, nicht vollständig objektiv geklärt werden kann. Festhalten lässt sich jedoch, dass Lernprobleme mit weitem Abstand der häufigste Anlass für sonderpädagogische Maßnahmen darstellen.

Betrachtet man die Regelungen in den Diagnosemanualen, so tragen diese leider nur begrenzt zu einer Schärfung der Begrifflichkeiten bei: Zwar enthalten DSM-5 und ICD-11 Sektionen zu spezifischen Lernproblemen des Lesens, Schreibens und Rechnens, Spezifikationen zu unterschiedlichen Graden geistiger Behinderung, Sprachproblemen etc., aber nicht zu allgemein unterdurchschnittlicher Lernleistung, die im deutschen Schulsystem unter dem Begriff Lernbehinderung zusammengefasst wird. Eingrenzungen anhand von IQ-Bereichen, wie z. B. der Bereich zwischen IQ 60 und 85, erweisen sich als wenig zielführend, da ein solcher Anteil ca. 15 % der Bevölkerung umfasst. Der Gruppe der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist jedoch deutlich kleiner, sodass es nicht ausreichen kann, lediglich den IQ zu messen. Daten eigener Untersuchungen (A. Lenhard & Lenhard, 2011) zeigen zudem, dass an Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen auch Kinder unterrichtet werden, die hinsichtlich des IQs (über-)durchschnittlich sind, dennoch aber massive Schulleistungsprobleme aufweisen, die beispielsweise aus Aufmerksamkeitsproblemen oder anderen Verhaltensstörungen resultieren. Während die Intelligenz als eine der bewährtesten Informationsquellen zur Vorhersage der generellen Leistungsentwicklung gilt, ist ihre Aussagekraft in spezifischen Personengruppen unter Umständen eingeschränkt, beispielsweise, da es sehr starke Ausfälle in einzelnen Intelligenzbereichen gibt.

Hasselhorn und Gold (2013, S. 177) versuchen, die Unsicherheiten in der Definition von Lernbehinderung mittels IQ-Definitionen zu reduzieren, indem neben einem IQ < 85 zusätzlich Probleme im Lesen, Schreiben und Rechnen auftreten müssen. Neben diesem Operationalisierungsversuch existieren jedoch noch zahlreiche andere Ansätze, wie beispielsweise von Vaughn und Fuchs (2003). Diese gehen vom schulischen Leistungsniveau aus und schlagen vor, jene Kinder als lernbehindert einzustufen, die a) ein niedriges Ausgangsniveau schulischer Leistungen aufweisen und b) über einen längeren Untersuchungszeitraum hinweg keine Fortschritte machen. Lernbehindert sind somit jene Personen, die nicht von Instruktion profitieren, also im eigentlichen Sinn im Lernen behindert sind, da sie keine Fortschritte machen. Diese Definition deckt sich mit älteren Definitionsversuchen aus dem pädagogischen Bereich: »Als lernbehindert gelten Kinder und Jugendliche, die ein chronisch und durchgehend erniedrigtes schulisches Lernniveau haben, bzw. permanent und relativ umfassend beeinträchtigte schulische Aneignungsprozesse aufweisen« (Kobi, 2004). Neuere Definitionen versuchen dagegen, gesellschaftliche Normvorstellungen und institutionelle Rahmenbedingungen zu berücksichtigen: »Lernbehinderung wird vielmehr verstanden als eine derart ausgeprägte, verschärfte Situation negativer Abweichung im schulischen Lernen, dass die allgemeine Schule, so wie sie im deutschen Bildungssystem existiert, sie nach ihrem Verständnis und Auftrag mit ihren Mitteln und Möglichkeiten (einschließlich zusätzlich aufgewandter Förderung) nicht mehr auf ein erträgliches Ausmaß reduzieren kann und zu tolerieren bereit ist« (Schröder, 2005, S. 95). Im Gegensatz zu den bisherigen Erklärungen, wird in dieser Definition der Schwerpunkt auf die entsprechenden Schulen verlagert, welche mit ihren Mitteln in der Lage sein müssen, dem Förderbedarf nachzukommen. Sollten sie es nicht sein, so gilt das entsprechende Kind als lernbehindert. Weinert und Zielinski (1977) fokussieren auf die Belastungen, die mit der Überwindung von Lernbehinderungen einhergehen: »Lernschwierigkeiten liegen vor, […] wenn die Leistungen eines Schülers unterhalb der tolerierbaren Abweichung von verbindlichen institutionellen, sozialen und individuellen Bezugsnormen liegen [und] wenn das Erreichen (bzw. das Verfehlen) von Standards mit Belastungen verbunden ist, die zu unerwünschten Nebenwirkungen im Verhalten, Erleben oder in der Persönlichkeitsentwicklung des Lernenden führen«. Eine Lernbehinderung liegt also gemäß dieser Definition vor, wenn die Schule überfordert ist, das soziale Umfeld es nicht auffangen kann, und das Kind für sich selbst unterhalb der erwünschten Leistungen liegt. Außerdem ist der Lernprozess mit Belastungen verbunden, welche zu Nebenwirkungen im Leben oder in der Persönlichkeitsentwicklung führen. Basierend auf diesen Definitionsversuchen lässt sich also zusammenfassend festhalten, dass eine Lernbehinderung folgendermaßen gekennzeichnet ist:

Synthese der Definitionen zum Begriff »Lernbehinderung«

1. Es handelt sich um ein dauerhaftes Unterschreiten einer Leistungsnorm.

2. Diese Leistungsnorm ist von der Gesellschaft definiert.

3. Das Schulversagen ist abhängig von:

a. individuellen Faktoren

b. institutionellen Rahmenbedingungen

c. gesellschaftlichen und politischen Zielvorstellungen

4. Die Erreichung der Leistungsnorm wäre nur unter enormen Belastungen möglich

d. persönlich

e. institutionell

2.2 Das »Wait-to-fail«-Problem

Das Thema Lernstörungen spielt in allen Schulformen und allen Altersbereichen eine Rolle. Diese basieren einerseits auf individuellen Faktoren ( Kap. 4 und Kap. 5). Andererseits trägt aber auch die Organisation des Schulsystems in gewisser Weise dazu bei. In der Grundschule sind sie vielleicht am deutlichsten sichtbar, da diese Schülerschaft noch nicht stark selektiert ist und eine große Heterogenität aufweist. Je nach Organisation des Schulsystems (ein- versus dreigliedrig) reduziert sich diese Heterogenität ab der Sekundarstufe zum Teil, jedoch bleibt trotzdem eine große Leistungsvariabilität innerhalb der betreffenden Gruppen bestehen, selbst wenn man so stark ausgewählte Stichproben wie z. B. Hochbegabtenklassen betrachtet. Zudem ist die Regelschule immer auch durch inklusive Beschulung mit dem Themengebiet Lernstörungen konfrontiert. In einer großen epidemiologischen Untersuchung stellten Fischbach et al. (2013) beispielsweise fest, dass in Regelschulen 23,3 % der Schülerschaft von Lernproblemen im Bereich Lesen, Schreiben, Rechnen oder einer Kombination betroffen ist. Unter Einbezug von Kindern mit unterdurchschnittlicher Intelligenz steigt dieser Anteil auf 32,8 %. Selbst wenn man eine Diskrepanz zur Intelligenz und ein mindestens durchschnittliches Intelligenzniveau voraussetzt, so beträgt dieser Anteil immer noch 13,3 % der Kinder. In Regelschulen ist somit in einer Klasse von 25 Kindern oder Jugendlichen davon auszugehen, dass zwischen 3 und 8 Schülerinnen und Schüler massive Lernprobleme aufweisen.

Wie kommt es zu so hohen Werten bereits bei so basalen Fähigkeiten wie den Kulturtechniken? In der angloamerikanischen »Response to Intervention«-(RTI)-Tradition wird dieses Phänomen als Wait-to-Fail-Problem bezeichnet (Reynolds & Shaywitz, 2009): Werden Kinder von der schulischen Leistungsentwicklung langsam abgehängt, so entwickelt sich ein Problem, das bei frühzeitiger Erkennung und Intervention möglicherweise gar nicht entstanden wäre. Das Problem muss aber erst eine gewisse Intensität aufweisen, bevor es bemerkt wird. Erst dann setzt i. d. R. eine Diagnostik ein, die zu einer Gutachtenerstellung und Etikettierung des Kindes und zur Gewährung von Unterstützungsmaßnahmen führt. Mit etwas Glück und hohem Aufwand lässt sich das Lernproblem wieder auf ein erträgliches Maß reduzieren, aber unter Umständen ist viel Zeit verstrichen und Lernrückstände können nicht mehr aufgeholt werden. Psychologisch-pädagogische Maßnahmen werden meist erst dann gewährt, wenn Kinder gescheitert sind. Man wartet also bei zumindest zum Teil vermeidbaren Problemen, bis die Kinder scheitern, um dann spezifisch tätig zu werden. Wünschenswert wäre stattdessen, wenn die sich entwickelnde Problemlage frühzeitig erkannt und präventiv eingeschritten würde, da den Kindern problematische Entwicklungen und Misserfolgserlebnisse erspart bleiben und eine Etikettierung sich damit erübrigen würde. Das Scheitern von Kindern ist also in gewisser Weise systemimmanent. Eine wichtige Aufgabe für Lehrkräfte besteht demnach darin, aufmerksam zu sein, Probleme nicht zu ignorieren, die Leistungsentwicklung der Schülerinnen und Schüler zu vergleichen, Auffälligkeiten anzugehen und im Kollegium und mit den Eltern zu kommunizieren.

2.3 Ursachen von Lernproblemen und Lernbehinderungen

Die Ursachen von Lernstörungen sind vielfältig und sie können bei unterschiedlicher Zusammensetzung letztlich zu ähnlichen Problemen führen. Es gibt viele soziale, individuelle und institutionelle Faktoren, die zudem ungünstig wechselwirken können (vgl. Gold, 2018, Kap. 3). Bezogen auf spezifische Lernstörungen werden die Ursachen in den folgenden Kapiteln genauer erörtert. Bei übergreifenden Lernbehinderungen finden sich deutliche Unterschiede zu normal begabten Kindern auf kognitiver und affektiv-motivationaler Ebene sowie hinsichtlich sozialer Risiken:

• Lernregulation: Menschen mit Lernbehinderungen weisen deutliche Probleme bei der Steuerung ihrer Lernprozesse und der Kontrolle der Lernergebnisse auf. Das Lernen ist ungünstig organisiert oder es werden wenig effektive oder keine Strategien eingesetzt (vgl. Reid et al., 2013). Selbst bei intensivem Lernen bleibt hierdurch der gewünschte Lernerfolg aus.

• Lernmotivation, Selbstkonzept und Angst: Lernschwierigkeiten haben oft negative Auswirkungen auf Lernmotivation, Volition und Lernfreude. Letztlich bevorzugen Menschen jene Tätigkeiten, die ihnen leichtfallen bzw. wo sie das Gefühl von Kompetenz erleben können. Die Vermeidung subjektiv schwieriger Tätigkeiten verhindert den Erwerb der betreffenden Fähigkeiten und das kann wiederum zukünftige Lernergebnisse beeinträchtigen (Ning & Downing, 2010). Die Betroffenen erreichen nicht die akademischen Leistungen, die bei ihren kognitiven Fähigkeiten erwartet werden und die sie eigentlich erreichen könnten – ein Phänomen, das als Underachievement bezeichnet wird (Preckel et al., 2006). Die Beziehung zwischen der kognitiven, motivationalen und affektiven Seite des Lernens ist wechselseitig und kann zu einer Abwärtsspirale aus akademischem Versagen, Motivationsproblemen, reduziertem Selbstkonzept, Angst und Frustration führen.

• Kausalattribution: Personen mit häufigen Misserfolgserlebnissen neigen dazu, das Leistungsversagen internal und stabil zu attribuieren. Das bedeutet, sie suchen den Grund in fehlender Begabung und erwarten, auch in Zukunft zu scheitern (Gold, 2018, S. 42). In der Folge sinkt die Leistungsbereitschaft und Leistungssituationen werden vermieden. Während günstige Attributionsmuster günstigere Leistungsentwicklungen voraussagen, lässt sich der beschriebene Teufelskreislauf jedoch nicht durchgängig nachweisen (Kistner et al., 1988).

• Externalisierende Verhaltensstörungen: Frühe Verhaltensprobleme, insbesondere oppositionelles Verhalten, spielen bei der Entstehung von Lernschwierigkeiten eine bedeutsame Rolle und sie sind eine Determinante späteren Underachievements (Timmermans et al., 2009).

• Kumulierung von Vorwissensdefiziten: Das Vorwissen gehört zu den stärksten Prädiktoren schulischen Erfolgs (exemplarisch: SCHOLASTIK-Studie; Schneider & Bullock, 2009). Menschen mit hoher Expertise verfügen nicht nur quantitativ über mehr Wissen, sondern sie lernen anders, da sie schneller Zusammenhänge erkennen, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden und Wissen organisieren können. Die Anhäufung von Vorwissensdefiziten über die Zeit bedingt nicht nur die Notwendigkeit, mit hohem Aufwand die Lücken zu schließen, sondern sie reduziert gleichzeitig auch den aktuellen Lernerfolg und Wissenserwerb. Dieses Phänomen wird in Anlehnung an das Matthäus-Evangelium (Kap. 25,29: »Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.«) als Matthäus-Effekt bezeichnet.

• Funktionelle Kapazität des Arbeitsgedächtnisses und Aufmerksamkeitsprozesse: Das Arbeitsgedächtnis umfasst alle Prozesse der kurzfristigen Speicherung und Transformation von Informationen. Neben der zentralen Exekutive, die für die Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit und der Unterdrückung von störenden Informationen verantwortlich ist, gibt es Gedächtnissysteme zur Speicherung serieller und bildhaft-räumlicher Informationen. Kinder und Erwachsene mit Lernproblemen zeigen häufig eine reduzierte Kapazität der Speichersysteme und gleichzeitig auch Probleme beim Unterdrücken irrelevanter Informationen (Swanson, 2016; Swanson & Alloway, 2012). Kinder mit spezifischen Lese- und Rechtschreibproblemen haben im Durchschnitt kognitive Profile mit einer deutlich reduzierten phonologischen Gedächtnisspanne. Arithmetische Probleme scheinen dagegen häufiger mit Beeinträchtigungen des visuellen Arbeitsgedächtnisses einherzugehen (Maehler & Schuchardt, 2016).

• Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit: Die Fähigkeit zur schnellen Verarbeitung eingehender Informationen steht mit Aufmerksamkeitsprozessen in Verbindung und sie kann einen Flaschenhals für Lernprozesse darstellen (Trainin & Swanson, 2005). Als biologisches Korrelat einer herabgesetzten Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit wird eine fehlende funktionale Spezialisierung des Gehirns oder auch eine geringere Myelinisierung diskutiert (Miller, 1994), jedoch ist bei solchen biologischen bzw. neurologischen Erklärungsmodellen von Lernprozessen häufig Vorsicht geboten, wie der folgende Fall zeigt.

Feuillet et al. (2007) berichten vom Fall eines Postangestellten der mittleren Beamtenlaufbahn, der aufgrund einer zweiwöchigen Schwäche im linken Bein eine Klinik aufsucht. Als Kind war bei ihm ein Hydrozephalus behandelt worden. Landläufig wird dieser als »Wasserkopf« bezeichnet und er entsteht bei Kindern als Folge fehlenden Druckausgleichs von Hirnflüssigkeit. Das Problem wurde mittels eines sog. Shunts korrigiert, also dem Einsetzen eines Schlauchsystems, das Hirnflüssigkeit ableitet. Davon abgesehen verlief seine Entwicklung normal. Er war verheiratet und Vater zweier Kinder. Eine neuropsychologische Untersuchung ergab einen unterdurchschnittlichen IQ, mit einer relativen Stärke in verbalen Fähigkeiten. Eine MRI-Untersuchung zeigte extrem vergrößerte Ventrikel seines Gehirns (normal vorkommende, flüssigkeitsgefüllte Leerräume), sodass das Gehirn selbst lediglich aus einer sehr dünnen Schicht grauer Zellen bestand. Die geschätzte Gesamtmasse des Gehirns betrug lediglich 25 % bis 50 % der eines erwachsenen Mannes. Diese dünne Schicht reichte offensichtlich aus, um ein relativ normales, unauffälliges Leben zu führen. Nach einer erneuten Shunt-Operation zur Reduktion des Hirndrucks verschwand auch das Taubheitsgefühl im linken Bein. Der Fall zeigt, dass selbst großflächige Schädigungen des Gehirns unter Umständen gut kompensierbar sind. Winzige Verletzungen an kritischen Stellen können dagegen zu massiven Behinderungen oder zum Tod führen. Einfache neurologische Erklärungen greifen bei der Betrachtung komplexer Lernprozesse meist zu kurz.

Doch es sind nicht nur die individuellen Faktoren, die eine Rolle spielen, sondern es existieren auch sehr starke Zusammenhänge zwischen dem sozialen Hintergrund und der akademischen Entwicklung. Etwa 80 % bis 90 % der als lernbehindert eingestuften Kinder stammen aus stark unterprivilegierten sozialen Milieus (Klauer & Lauth, 1997) und auch das Risiko der Entwicklung einer Lernbehinderung ist bei Zugehörigkeit zu diesen Sozialschichten stark erhöht. Neben genetischen Einflussfaktoren und der Wechselwirkung von Genen und Umwelt ergeben sich für diese Familien Schwierigkeiten in der Passung zwischen dem eigenen Bildungsweg und dem Werdegang der Kinder. Eltern, die selbst keine höhere Bildungslaufbahn durchlaufen haben, finden selbst nur schwer Zugang zu akademischen Settings und können ihre Kinder nicht in dem Maße auf ein Studium vorbereiten wie Eltern mit akademischem Hintergrund. Die betreffenden Kinder erfahren weniger Unterstützung im Sinne einer Propagierung hoher Leistungsziele, der Wertschätzung schulischen Erfolgs, der Anregung und Gewährung von Selbstständigkeit und der Unterstützung in schulischen Belangen. Den Eltern fällt es schwer, eine bildungsaffine häusliche Lernumgebung zur Verfügung zu stellen, entstehende Leistungsschwierigkeiten zu erkennen und ihren Kindern zu helfen. In PISA 2015 (Müller & Ehmke, 2016) klärte der soziale Hintergrund 13 % der interindividuellen Leistungsvarianz naturwissenschaftlicher Kompetenzen auf, ein Wert, der dem sogenannten sozialen Gradienten in der Lesekompetenz entspricht und der als großer Effekt bezeichnet werden kann ( Abb. 2.2).

Und nicht zuletzt stehen die verschiedenen Risikofaktoren nicht isoliert nebeneinander, sondern sie interagieren miteinander. Zeskind und Ramey (1981) führten eine Interventionsstudie bei Kindern sozioökonomisch benachteiligter Familien durch, von denen ein Teil der Kinder ein zusätzliches biologisches Risiko hatte (Frühgeburt, medizinische Komplikationen, fötale Unterernährung, Verzögerung der mentalen Entwicklung etc.). Im Alter von 24 Monaten wurden die Kinder hinsichtlich ihrer kognitiven Fähigkeiten mit dem Stanford-Binet-Intelligenztest untersucht und 50 Wochen lang in einer Kindertagesstätte fünfmal in der Woche gefördert. Zusätzlich erhielten die Kinder medizinische Unterstützung und Verpflegung. Eine zweite Gruppe erhielt dagegen keine Förderung – ein Umstand, der unseren heutigen ethischen Standards widerspricht. Im Alter von 36 Monaten wurden die Kinder erneut untersucht. Die Kinder der Interventionsgruppe wiesen im Schnitt einen durchschnittlichen kognitiven Entwicklungsstand auf. Die Kinder der Kontrollgruppe fielen deutlich dahinter zurück und jene Kinder, die neben dem sozialen auch ein biologisches Risiko aufwiesen, befanden sich an der Grenze zur kognitiven Minderbegabung ( Abb. 2.2). Auch wenn viele Punkte der Studie hinterfragt werden können, insbesondere der frühe Zeitpunkt einer Intelligenzdiagnostik, die ethischen Probleme des Studiendesigns etc., zeigt das Beispiel deutlich, wie stark sich Risiken aufaddieren können. Gleichzeitig unterstreicht die Studie eindrucksvoll die Bedeutung früher Förderung von Kindern.

Abb. 2.2: Vorschulisches Training kognitiver Fertigkeiten bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien (Zeskind & Ramey, 1981). Die negativen Auswirkungen sozialer und biologischer Risiken addieren sich nicht nur (Kontrollgruppe), sondern sie können durch eine frühe intensive Förderung zumindest teilweise kompensiert werden.

2.4 Exkurs: Wie entstehen Normwerte?

Normwerte dienen der Einschätzung der relativen Stellung einer Person in Bezug auf eine Vergleichspopulation. Bezogen auf kognitive Fähigkeiten sind sie gleichzeitig ein Schätzer für die altersspezifische Ausprägung latenter Eigenschaften wie Intelligenz, Lesefähigkeit, Rechenfähigkeit etc. (A. Lenhard et al., 2019), die normalerweise eine Normalverteilung aufweisen. Wie kommt das zustande?

Ein Gedankenexperiment: Nehmen Sie eine Münze und werfen Sie diese zehnmal. Bilden Sie eine Summe und zählen Sie immer dann, wenn Sie Kopf erhalten, einen Punkt hinzu, bei Zahl ziehen Sie einen Punkt ab. Sie können die Wahrscheinlichkeit des spezifischen Ausgangs genau berechnen. Dies geschieht durch eine Bernoulli-Kette auf der Basis eines Binomialprozesses. Es ist dabei unwahrscheinlich, dass Sie einen extremen Wert erhalten, also beispielsweise immer nur Kopf oder immer nur Zahl werfen. Dementsprechend ist es sehr unwahrscheinlich, dass Sie plus oder minus zehn erhalten, doch je näher Sie sich der Null nähern, desto wahrscheinlicher wird das Ergebnis. Im konkreten Fall erhalten Sie in 25 % der Fälle eine 0. Erhöht man nun die Anzahl der Würfe auf 100 und führt das Experiment sehr häufig durch, dann nähert sich diese Kurve immer stärker einer Normalverteilung an. Wenn also viele Ereignisse unabhängig voneinander additiv zusammenwirken und ein solches Experiment sehr häufig durchgeführt wird, dann ergibt sich eine Normalverteilung.

Dieser Vorgang lässt sich nun auch auf komplexe menschliche Fähigkeiten anwenden. Immer dann, wenn unterschiedliche Faktoren sich aufsummieren und eine große Anzahl an Personen gegeben ist, dann wird die Verteilung einer Normalverteilung folgen. Wenn man diese Eigenschaft bei einer repräsentativen Stichprobe misst und das Messinstrument (z. B. ein standardisierter psychologischer Test) gut in allen Bereichen differenziert, dann wird sich auch hier eine Normalverteilung ergeben, die durch ihren Mittelwert und die sog. Standardabweichung (Wurzel des Durchschnitts des quadrierten Abstands der einzelnen Fälle vom Mittelwert) beschrieben werden kann. Kennt man diesen Mittelwert und die Standardabweichung, dann lassen sich in der Folge Normwerte, wie z. B. die IQ-Skala oder die T-Wert-Skala, berechnen und es lässt sich einschätzen, wie extrem ein Ergebnis ist. Um den Mittelwert, also +/− eine Standardabweichung, liegen mehr als 68 % der Personen ( Abb. 1.2) und man definiert diesen Bereich als den unauffälligen Normalbereich. Ein IQ zwischen 85 und 115 ist dementsprechend eine durchschnittliche Begabung. Je extremer der Abstand zum Mittelwert wird, desto weniger Fälle befinden sich in der Stichprobe. Oberhalb von +2 Standardabweichungen sind es noch 2,28 % und das Gleiche gilt auch für den Bereich ≤ −2 Standardabweichungen. Im ersten Fall spricht man von einer kognitiven Hochbegabung, im letzteren von einer kognitiven Minderbegabung.

Dies lässt sich nun nicht nur auf die Einschätzung eines individuellen Ergebnisses anwenden, sondern auch auf größere Gruppen. Bei einer Einwohnerzahl von 83 Millionen Menschen könnte man bei Normalverteilung des IQs davon ausgehen, dass sich in Deutschland 1,89 Millionen Menschen mit Hochbegabung und ebenso viele Menschen mit einer Minderbegabung befinden. Hochbegabungen und Minderbegabungen sind also zwar seltene Fälle, aber sie betreffen bei einer hinreichend großen Stichprobe dennoch sehr viele Menschen.

2.5 Enger gefasst: Lernstörungen

Lernstörungen sind definitorisch wesentlich präziser gefasst als allgemeine Lernschwächen. Es gibt sowohl im DSM-5 als auch in ICD-10 und ICD-11 spezifische Kriterien, ab wann von einer Lernstörung gesprochen werden kann. Alle Klassifikationsmanuale zählen Probleme im Lesen und Leseverständnis, im schriftlichen Ausdruck und dem Rechtschreiben und in mathematischen Fähigkeiten zu den Lernstörungen ( Kap. 4 und Kap. 5). Die Probleme müssen bei Lernstörungen folglich anders als bei einer Lernbehinderung auf spezifische Funktionsbereiche begrenzt sein. Als allgemein akzeptiert gelten die folgenden (Ausschluss-)Kriterien (ICD-11, »6A03 Developmental learning disorder«):

Spezifische Lernstörungen sind Probleme beim Lesen, (Recht-)Schreiben oder arithmetische Fähigkeiten, die sich durch eine stark unterdurchschnittliche Leistung im Vergleich zu gleichaltrigen Personen auszeichnen, zu einer deutlichen Einschränkung im Erwerb akademischer Fähigkeiten oder im Beruf führen und nicht durch eine der folgenden Ursachen erklärt werden können:

• kognitive Minderbegabung,

• Sinnesbehinderungen im Bereich Sehen und/oder Hören,

• Störungen der Motorik und neurologische Störungen,

• mangelnde Beschulung,

• mangelnde Sprachbeherrschung in der Unterrichtssprache,

• schwierige psychosoziale Lebensumstände.

In Deutschland legen die beteiligten wissenschaftlichen Fachgesellschaften auf der Basis der Klassifikationsmanuale und des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstands die genaueren Kriterien fest, wie eine Lernstörungen diagnostiziert wird, und sie empfehlen Behandlungsstrategien (DGKJP, 2015, 2018).

Kurz zusammengefasst

Schulischer Erfolg hat viele Voraussetzungen, sowohl auf individueller Ebene (kognitive Aspekte: Intelligenz, Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeitssteuerung, Vorwissen, Lernregulation; affektive Aspekte: Motivation, lernbegleitende Emotionen), aber auch auf sozialer und institutioneller Ebene (Unterstützung durch Eltern und Lehrkräfte, sozialer Hintergrund etc.). Lernprobleme können ihren Ursprung in allen diesen Aspekten haben. Man unterscheidet übergreifende, dauerhafte Leistungsprobleme (= Lernbehinderung) und spezifische Lernprobleme (= Lernstörungen). Eine Abgrenzung von Lernproblemen zum normalen Leistungsbereich ist nicht einfach, da die Diagnosekriterien zum Teil nicht kohärent sind und die Grenzziehung auch immer diskutiert werden kann.

Weiterführende Literatur

Wong, B. & Butler, D. L. (2012). Learning About Learning Disabilities. Amsterdam: Elsevier.

Gold, A. (2018). Lernschwierigkeiten: Ursachen, Diagnostik, Intervention. Stuttgart: Kohlhammer.

Hasselhorn, M. & Gold, A. (2013). Pädagogische Psychologie: Erfolgreiches Lernen und Lehren. Stuttgart: Kohlhammer.

Fragen

Welche Bedingungen führen zu einem Ausschluss der Diagnose einer Lernstörung?

Die Leistung des Kindes weist einen Prozentrang von 25 auf.

Das Kind hat nicht nur Probleme im Rechnen, sondern auch in der Rechtschreibung.

Das Kind hat eine rasche Auffassungsgabe bei mündlichen Aufgabenstellungen, scheitert aber beim Lesen eines Textes.

Es liegen Sinnesbehinderungen vor.

Auf welche Weise unterscheiden sich Lernbehinderungen von Lernstörungen?

Eine Lernbehinderung wird nur dann diagnostiziert, wenn die Intelligenz mindestens im Normalbereich ist.

Lernstörungen beziehen sich auf Schwierigkeiten in eng umgrenzten Fähigkeitsbereichen wie dem Lesen, dem Schreiben und dem Rechnen, wohingegen eine Lernbehinderung umfassend ist.

Lernstörungen gehen schnell vorüber, Lernbehinderungen bleiben lange bestehen.

Lernbehinderungen betreffen Kinder aus schwierigen sozialen Milieus, Lernstörungen dagegen die soziale Mittel- und Oberschicht.

3 Hochbegabung

Intelligenz und Hochbegabung sind schillernde Themengebiete, die im alltäglichen Sprachgebrauch von vielfältigen Fehlkonzepten und Mythen überlagert sind. Intelligenz gilt als äußerst erstrebenswerte Eigenschaft und viele Menschen vermuten bei sich oder wünschen sich selbst oder ihren Kindern eine möglichst hohe Ausprägung dieser Persönlichkeitseigenschaft. Gerade der häufige alltägliche Gebrauch führt zu einer Unschärfe und macht eine exakte wissenschaftliche Definition notwendig, erschwert diese aber zugleich. In dieses Buch aufgenommen wurde das Themengebiet, da es einerseits eine Besonderheit bei Kindern und Jugendlichen darstellt und andererseits mit spezifischen Bedürfnissen einhergehen kann. Während Probleme beim Lernen seit langer Zeit als Gegenstand spezieller pädagogischer Maßnahmen anerkannt sind, galt das Thema Hochbegabung – anders als im angloamerikanischen Bereich – in Deutschland nicht als Anlass für eine besondere Förderung. Dem lag möglicherweise die Überzeugung zugrunde, dass Hochbegabte ohnehin privilegiert seien und deshalb nicht auch noch besonders gefördert werden sollten (vgl. Stumpf, 2012, S. 12). Seit der Jahrtausendwende hat sich diese Einstellung gewandelt und Begabtenförderung ist heute ein selbstverständliches Element des deutschen Bildungssystems geworden.

Besondere Aufmerksamkeit für das Thema erwecken gelegentlich in den Medien erscheinende Wunderkinder (engl. »Prodigies«), bei denen es sich um Beispiele extrem beschleunigter Entwicklung handelt. Ein Beispiel hierzu ist Michel Kearney (geb. 18.01.1984 in Honolulu, Hawaii; vgl. Leal et al., 1995). Michael begann seine ersten Wörter bereits im Alter von 4 Monaten zu sprechen. Er verfügte mit 6 Monaten über einen komplexen Sprachausdruck (»Ich habe eine Infektion des linken Ohres« bei einer kinderärztlichen Untersuchung) und er begann mit 10 Monaten lesen zu lernen. Im Alter von 6 Jahren schloss er die High School ab, mit 8 Jahren ein Studium der Geologie und er galt lange Zeit als jüngste Person mit einem Hochschuldiplom. Im Alter von 16 Jahren schloss er sein erstes (Biochemie) und mit 18 sein zweites Masterstudium (Informatik) ab. Zu dieser Zeit trat er in diversen Gameshows auf, wo er hohe Preise (darunter 1 Million $ in der Sendung »Gold Rush«) gewann. Im Alter von 22 Jahren promovierte er in Chemie. Es ist schwer, den weiteren Lebensweg zu recherchieren, aber vermutlich beendete Michael anschließend seine wissenschaftliche Karriere. Er versuchte, von Rabattmarkensystemen und Gameshows zu leben, und er spielte zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Buches in Improvisationstheatern in Nashville/Tennessee.

Sind solch extreme Beschleunigungen der Entwicklung, spektakuläre Bildungsabschlüsse und kuriose Biografien für Menschen mit Hochbegabung repräsentativ? Das Kapitel stellt zunächst grundlegende Theorien und Ergebnisse zum Thema Intelligenz dar und fokussiert anschließend auf die besonderen Aspekte des Themengebiets Hochbegabung.

Lernziele

• Wissen über die Struktur von Intelligenz und die Aussagekraft des IQ,

• Kenntnis der Definition von Hochbegabung,

• Wissen über die besonderen Eigenschaften und Bedürfnisse hochbegabter Menschen,

• Kenntnis von Fördermaßnahmen und -ansätzen.

3.1 Was ist Intelligenz und wie misst man sie?

Intelligenz ist keine direkt beobachtbare Eigenschaft, sondern ein Leistungspotenzial. Dieses Potenzial muss aus dem Verhalten einer Person erschlossen werden, beispielsweise darüber, wie schnell neues Wissen und neue Fertigkeiten erlernt werden, ob unbekannte Aufgabenstellungen gelöst werden können usw. Dies macht es sehr schwierig, eine klare, allgemein anerkannte Definition zu entwickeln, und bis heute gibt es unterschiedlichste Sichtweisen auf das Thema. Eine weithin akzeptierte Definition, die stellvertretend für die vielen anderen Definitionsversuche aufgeführt werden soll, stammt von David Wechsler, dem Begründer der Wechsler-Intelligenztestreihe: »Intelligence is the aggregate or global capacity of the individual to act purposefully, to think rationally and to deal effectively with his environment« (Wechsler, 1939, zitiert nach Wasserman, 2018, S. 38). Ähnlich schwierig wie die Einigung auf eine Definition ist die Operationalisierung des Konstrukts. Was bedeutet rationales und zielgerichtetes Handeln? Wodurch zeigt sich, dass eine Person sich effektiv mit der Umwelt auseinandersetzen kann?

Die Geschichte der Intelligenzforschung ist eng verbunden mit der Entwicklung des Fachs Psychologie an sich. Sie ist vielschichtig, kontrovers und aktuell noch nicht abgeschlossen und sie wurde von spannenden Persönlichkeiten geprägt. Die Wurzeln der Intelligenzforschung reichen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück und der wissenschaftliche Diskurs drehte sich lange Zeit um die Frage, ob Intelligenz eine einheitliche Fähigkeit sei (bezeichnet als Generalfaktor »g«) oder ob es unterschiedliche und voneinander unabhängige Faktoren gebe. Heute herrscht ein breiter Konsens, dass beide Ansichten richtige Aspekte beinhalten und nicht miteinander im Widerspruch stehen. Das derzeit am breitesten akzeptierte sog. CHC-Modell (Synthese der verschiedenen Intelligenzmodelle der Autoren Carroll, Horn und Cattell), auf dem auch die bedeutendsten aktuellen Intelligenztests beruhen, integriert beide Annahmen auf unterschiedlichen Ebenen (vgl. W. J. Schneider & McGrew, 2018). Das Modell basiert auf der statistischen Analyse der Struktur der Zusammenhänge von Teilleistungen vieler Millionen Menschen und weist eine hierarchische Struktur mit drei Ebenen (genannt Strata) auf: Auf Stratum I befinden sich die Ergebnisse der einzelnen Testskalen zu allen möglichen, denkbaren Einzelleistungen (Zahlen nachsprechen, Wörter erklären, Objekte in der Vorstellung rotieren, Zusammenhänge in Zahlenreihen erkennen …). Basierend auf den Korrelationen zwischen den Einzelleistungen werden diese in Faktoren gruppiert (Stratum II), von denen es mindestens 8 gibt (fluide Intelligenz, kristalline Intelligenz, Arbeitsgedächtnis, visuelle Wahrnehmungsverarbeitung, auditive Wahrnehmungsverarbeitung, Abruf aus dem Langzeitgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Reaktionszeit). Auch diese Faktoren korrelieren positiv miteinander und die Überlappung zwischen den Faktoren lässt sich zu einem Generalfaktor »g« der Intelligenz zusammenfassen (= Stratum I, Abb 3.1).


Abb. 3.1: Das CHC-Rahmenmodell definiert Intelligenz als hierarchische Struktur, mit den konkreten Einzelleistungen auf Ebene 1, die sich zu Intelligenzfaktoren auf Ebene 2 gruppieren. Die allgemeine Intelligenz (Ebene 3) ist der gemeinsame Anteil, der sich aus den Intelligenzfaktoren extrahieren lässt. Manche Teilleistungen, wie z. B. Operationen zum Wortschatz, können verschiedene Faktoren vorhersagen, wie z. B. kristalline Intelligenz (erworbene Fähigkeiten und Wissen) und fluide Intelligenz (»flüssiges« Denken, z. B. schlussfolgerndes Denken).

Die erste Publikation des CHC-Modells (Carroll, 1993) basierte auf 69 Einzelleistungen. Eine solche Vielzahl würde einen enormen Aufwand für eine Intelligenzmessung bedeuten. Glücklicherweise ist es nicht notwendig, alle diese Informationen zu erheben, um die Intelligenz einer Person zu bestimmen. Es ist einerseits bekannt, welche Leistungen am höchsten auf einem Intelligenzfaktor auf Stratum II laden (d. h. diesen am stärksten vorhersagen), und auch die Ladungen der Faktoren auf dem Generalfaktor sind bekannt. Ein Beispiel hierfür wäre der Wortschatz und die Fähigkeit, Wortbedeutungen zu erklären, was einerseits Erlerntes und somit die kristalline Intelligenz und andererseits den flexiblen Umgang mit erlerntem Material und somit die fluide Intelligenz vorhersagt. Auf diese Weise lassen sich bereits mit einer kleineren Anzahl an Skalen die Intelligenzfaktoren und die allgemeine Intelligenz hinreichend genau bestimmen. Beispielsweise umfassen die Wechsler Intelligence Scales for Children – Version V (WISC5; dt. Herausgeber: Petermann, 2017) fünf Intelligenzfaktoren, die jeweils durch 2 Untertests gemessen werden. Andere Tests wie der KABC-II (Melchers & Melchers, 2015) verwenden andere Zusammensetzungen an Intelligenzfaktoren und Untertests, lassen sich aber über das CHC-Rahmenmodell in die gleiche Struktur einpassen. Da verschiedene, auf dem aktuellen Stand der Forschung konstruierte Intelligenztests zu ähnlichen Ergebnissen kommen, lässt sich zudem eine weitere althergebrachte Aussage (Boring, 1923) entkräften: Intelligenz ist nicht alleine das, was der Intelligenztest misst, sondern es ist eine Persönlichkeitseigenschaft, die unabhängig von der konkreten Ausgestaltung von Testverfahren existiert und die zukünftige Leistungen vorhersagen kann.

Da die Ergebnisse von Skalen und Intelligenztests aufgrund der unterschiedlichen Anzahl und Schwierigkeit von Aufgaben und der Verteilungsunterschiede in den Ergebnissen nicht direkt verglichen werden können, müssen die erzielten Rohwerte in Normwerte transformiert werden. Im Bereich der Intelligenzmessung ist der Intelligenzquotient (IQ) die am häufigsten verwendete Skala, aber es finden sich auch verschiedene andere Metriken, wie Prozent-, T-, Standardwerte etc. In der Frühzeit der Intelligenzmessung versuchte man zunächst, die Höhe der Leistung in Intelligenztests einem bestimmten Lebensalter zuzuordnen, wie z. B. Binet in Form von Mentallevels oder Stern mit der ursprünglichen Fassung des Intelligenzquotienten (IQ) als Quotient aus Intelligenzalter/Lebensalter × 100 (vgl. Wasserman, 2018). Da sich die Leistung nicht linear entwickelt und sich im Erwachsenenalter später sogar umkehrt und da nichts über die Verteilungsbreite in einem Altersbereich ausgesagt werden kann, wurden diese Altersdefinitionen weitgehend aufgegeben. Die heutige Definition des IQ als Normwert geht auf Wechsler (1939) zurück und repräsentiert unter Annahme einer Normalverteilung den Abstand eines Individuums vom Mittelwert in Standardabweichungen. Wie in Kapitel 2.4 ( Kap. 2.4) und Abbildung 1.2 ( Abb. 1.2) dargestellt, hat der IQ einen Mittelwert von 100 und eine Standardabweichung von 15 Punkten. Er erlaubt eine Wahrscheinlichkeitsaussage darüber, wie häufig ein Phänomen in einer Gesellschaft beobachtet werden kann. Theoretisch ist der IQ unbegrenzt, da die Normalverteilung von −∞ bis +∞ definiert ist. In der Realität lässt er sich nur im Bereich von 55 bis 145 zuverlässig bestimmen und in den Randbereichen auch nur mit großen Ungenauigkeiten, da die notwendige Normierungsstichprobe sehr groß sein müsste:

IQ 200 – ganz schön schlau! Oder eher nicht?

Nehmen wir an, wir könnten alle Personen eines Jahrgangs in Deutschland mit einem Test untersuchen, der beliebig feine Abstufungen erlaubt und keine Boden- und Deckeneffekte aufweist. Vergeben wir nun jeder Person einen Rangplatz und weisen der Person mit dem niedrigsten Ergebnis den Wert 0 zu und dem höchsten Ergebnis den Rang 699 999. Ermitteln wir anschließend den höchsten relativen Rang, indem wir 699 999 durch 700 000 teilen. Wir erhalten einen Wert von 0,99999857. Dies ist der Prozentrang der leistungsfähigsten Person. Um nun einen IQ zu erhalten, müssen wir eine sog. inverse kumulative Normalverteilung anwenden und den erhaltenen z-Wert in einen IQ-Wert (M = 100, SD = 15: IQ = z × 15 + 100) umwandeln. Wir erhalten einen IQ von 162,7. Das ist theoretisch der höchste erreichbare Wert bei einer bundesdeutschen Stichprobe. Treiben wir das Gedankenspiel noch einen Schritt weiter und legen einen extremeren Wert zugrunde. Gehen wir beispielsweise davon aus, dass wir alle 7 Milliarden Menschen weltweit mit einem Test untersuchen könnten, so ergäbe sich bei der gleichen Vorgehensweise ein Wert von 176,98. Zuweilen finden sich in populärwissenschaftlichen Medien Angaben über den IQ historischer oder lebender Personen, die bei 200 oder darüber liegen. Um einen solchen Wert erreichen zu können, wären die Daten von ca. 10 Billionen Individuen notwendig, ein Wert, der es erfordern würde, neben unserem Planeten noch eine ganze Reihe weiterer Sonnensysteme mit intelligentem Leben zu untersuchen.

Fazit: Wird für eine Person ein IQ-Wert über 160 angegeben, so handelt es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um eine sozial geschickte, aber wissenschaftlich sehr wenig fundierte Einschätzung. Solche Ergebnisse können de facto nicht erreicht werden und entsprechende Aussagen sind unsinnig.

Eine weitere Einschränkung liegt im Altersbereich, ab dem die Intelligenz sinnvollerweise gemessen werden kann. Da sich die absolute Intelligenzleistung im Laufe des Lebens kontinuierlich verändert, geht es dabei nicht um die absolute Höhe der Leistung (im Sinne von in einem Test erzielten Rohpunkten), sondern die Frage bezieht sich einerseits auf die Präzision der Messung und andererseits darauf, ab wann der Rangplatz einer Person in einer Bevölkerung und die Struktur der Intelligenz hinreichend stabil ist. Was die Struktur des Intelligenzkonstrukts angeht, kann ab dem 7. Lebensjahr von einer hinreichend guten und ab 8 bis 10 Jahren von einer hohen Stabilität ausgegangen werden (Rost, 2013, S. 412), sodass langfristige Prognosen prinzipiell möglich sind. Hinsichtlich der Rangstabilität sind frühestens ab dem Alter von 5 Jahren hinreichend genaue Aussagen möglich (Rost, 2013, Kap. 8.3). Eine Intelligenzuntersuchung im Vorschulalter ist dementsprechend wenig verlässlich und erlaubt nicht die Prognose der Entwicklung oder die im Erwachsenenalter erreichte Höhe des IQ. Untersuchungen bei Kindern bieten sich dementsprechend frühestens zur Einschulung oder im Grundschulalter an und auch hier gilt wiederum: Sensationsmeldungen über hochbegabte Klein- und Vorschulkinder sollten mit Vorsicht aufgenommen werden. Viele Vorschulkinder sind in der Lage, einen hohen Grad an Expertise in ganz bestimmten Wissensbereichen zu erwerben. Möglicherweise liegt eine Hochbegabung vor, aber eine definitive Aussage lässt sich vor dem Schuleintritt kaum machen.

Fazit: Aus heutiger Sicht ist Intelligenz die gemeinsame Essenz kognitiver Leistungen, also das, was alle verschiedenen Leistungen gemeinsam haben. Die allgemeine Intelligenz (g-Faktor) ist das beste allgemeine Maß zur Vorhersage der allgemeinen Leistungsfähigkeit. Die Messung der Intelligenz erfolgt i. d. R. auf der IQ-Skala, deren Werte sich in der Realität maximal zwischen 40 und 160 bewegen können. Eine Messung des IQ und eine Vorhersage der späteren Entwicklung ist erst ab dem Grundschulalter hinreichend genau möglich.

3.2 Theoretische Modelle zur Hochbegabung

Ähnlich wie im Bereich Intelligenz existieren in Bezug auf den Begriff Hochbegabung viele Alltagstheorien und Überzeugungen, was eine Person mit Hochbegabung ausmacht (für eine Übersicht über Modelle s. Preckel & Vock, 2013, Kap. 1). In der Literatur existieren gleichermaßen viele unterschiedliche und mitunter unscharfe Definitionen (vgl. Rost, 2013, S. 229), sodass eine quantitative Abgrenzung über den IQ den bislang brauchbarsten Ansatz darstellt. Eine solche Festlegung eines Schwellwerts bei einer kontinuierlich verteilten Eigenschaft wie dem IQ stellt immer auch eine willkürliche Grenzziehung dar, deren Validität zudem von der Messunsicherheit reduziert wird. So weisen Messergebnisse selbst bei qualitativ hochwertigen Tests ein Unsicherheitsintervall von 10 bis 15 IQ-Punkten auf. Es stellt sich deshalb die Frage, ob es wirklich gerechtfertigt ist, eine Person mit IQ 130 als hochbegabt zu bezeichnen, einer Person mit geringfügig niedrigerem IQ trotz des minimalen Unterschieds ein solches Label aber vorzuenthalten. Trotz dieser Kritikpunkte gilt ein IQ ≥ 130 (bzw. ein Prozentrang ≥ 97,8) als das derzeit allgemein akzeptierteste Kriterium zur Feststellung einer Hochbegabung, aber man sollte sich in jedem Fall dessen bewusst sein, dass es bei diesem Wert keinen qualitativen Sprung gibt und die Unterschiede nur graduell sind. Wenn es um Förderentscheidungen geht, spielt das Kriterium ohnehin eine untergeordnete Rolle.

Wesentlich wichtiger dagegen ist die Unterscheidung zwischen hoher Leistung auf der einen und hoher Begabung auf der anderen Seite. Aus Sicht der Lehrkräfte liegt es nahe, Schülerinnen und Schüler mit hoher Leistung als hochbegabt einzustufen, jedoch ist es keineswegs sicher, dass Kinder und Jugendliche ihr Leistungspotenzial auch tatsächlich ausschöpfen können. Würde eine Entscheidung ausschließlich post hoc anhand der tatsächlichen akademischen Leistung getroffen, so wären per Definition alle Personen nicht begabt, wenn sie hinter ihrem Leistungspotenzial zurückbleiben. Die Durchführung eines IQ-Tests stellt dementsprechend eine unverzichtbare Informationsquelle dar, wenn es um die Feststellung einer Hochbegabung geht.

Über diese sehr einfach gehaltene Definition anhand des IQ hinaus gibt es jedoch noch eine Reihe an Modellen, die Hochbegabung von theoretischer Seite zu erklären versuchen und nicht ausschließlich auf Intelligenzmodelle zurückgreifen. Zwei dieser Modelle sollen kurz beleuchtet werden: Das sehr populäre Modell von Renzulli (1978) definiert beispielsweise Hochbegabung als Schnittmenge aus hoher Motivation, hoher Kreativität und hoher Intelligenz ( Abb. 3.2).

Während das Modell unmittelbar plausibel erscheint, ergeben sich eine Reihe an Schwierigkeiten, die unter anderem aus der unscharfen Definition resultieren. Renzulli (1978) definierte nicht, wie diese Faktoren zusammenwirken. Wie ist es beispielsweise zu sehen, wenn Jugendliche mit hohen intellektuellen Fähigkeiten unmotiviert sind? Dem Modell entsprechend läge in diesen Fällen keine Hochbegabung vor, auch wenn die Personen ein hohes Potenzial aufweisen. Es ist zudem schwer, auf der Basis des Modells konkrete Entscheidungen zu treffen, da nicht klar ist, wie Kreativität definiert ist und man sie diagnostizieren könnte. Generell scheint es sich


Abb. 3.2: Das Modell der Hochbegabung nach Renzulli (1978) sieht Hochbegabung als Schnittmenge hoher intellektueller Fähigkeiten, hoher Motivation und hoher Kreativität.

eher um ein Modell zu handeln, das hohe Leistung beschreibt, aber Phänomene wie »Underachievement« nicht erklären kann. Umwelteinflüsse werden zudem nicht thematisiert.

Ein multifaktorielles Modell, das den Unterschied zwischen Begabung und Leistung herausarbeitet, ist das Münchener Hochbegabungsmodell nach Heller (2006). Es definiert drei wesentliche Bereiche, die Leistung bedingen und die miteinander in Wechselwirkung stehen: die Begabungsfaktoren, nicht kognitive Persönlichkeitsmerkmale und Umweltfaktoren ( Abb. 3.3). Das Modell gehört zu den prominentesten Hochbegabungsmodellen, da es die Probleme des Renzulli-Ansatzes überwindet und Hochbegabung sehr breit definiert. So gehören zu den Begabungsfaktoren neben intellektuellen auch soziale oder musische Fähigkeiten. Auf Leistungsseite finden sich auch nicht kognitive Leistungen wie Sport, kreative Produkte oder soziale Beziehungen. Hierin liegen aber auch große Kritikpunkte, da viele dieser Aspekte nicht gut gemessen werden können, und zum anderen ist es fraglich, ob beispielsweise soziale Beziehungen unter einem Leistungsaspekt gesehen werden können. Was ist eine gute und was ist eine schlechte Beziehungsentscheidung? Mit dem Renzulli-Modell teilt es den Nachteil, dass die Wechselwirkung der Faktoren unklar bleibt. Insgesamt betrachtet ist es eine Modellvorstellung von großem heuristischen, aber begrenztem empirischen Wert, dessen Stärke darin liegt, Potenzial und Leistung klar voneinander abzugrenzen.

Abb. 3.3: Das Münchener Hochbegabungsmodell definiert als Bedingungsfaktoren hoher Leistung die individuellen Begabungsfaktoren, nicht kognitive Merkmale und Umweltbedingungen.

Als Fazit lassen sich die folgenden Punkte festhalten:

• Eine Hochbegabung ist die Fähigkeit, hohe Bildung zu erwerben und hohe Leistung zu erbringen.

• Ob es gelingt, das Leistungspotenzial in Leistung umzusetzen, hängt von der sozialen Unterstützung (z. B. Qualität des Unterrichts) und nicht kognitiven Merkmalen (z. B. Leistungsmotivation) ab.

• Werden Kinder optimal, d. h. gemäß ihrem individuellen Potenzial, gefördert, dann entwickeln sie sich mit unterschiedlichem Tempo. Die Schere zwischen leistungsstärkeren und leistungsschwächeren Kindern einer Klasse wird bei optimaler Förderung über die Zeit nicht kleiner, sondern größer!

3.3 Diagnose von Hochbegabung

Für die Diagnose von Hochbegabung können verschiedene Informationsquellen herangezogen werden, die jedoch unterschiedlich belastbare Informationen liefern. Erschwert wird die Diagnose zudem durch unterschiedliche Modellvorstellungen und damit einhergehend stellt sich die Frage, ob eine Hochbegabung in erster Linie als hohe kognitive Fähigkeit zu verstehen ist oder auch kreative und motorische Leistungen umfasst. In der Praxis kommen die folgenden Informationsquellen zur Anwendung:

• Selbsteinschätzungen und Einschätzungen durch Gleichaltrige und Eltern: Selbstzuschreibungen von Hochbegabung stimmen nur wenig mit psychometrischen Ergebnissen überein (vgl. Preckel & Vock, 2013, S. 134). Auch Einschätzungen durch Gleichaltrige und Eltern unterliegen Verzerrungen und sind vermutlich wenig valide. Eltern neigen insbesondere dazu, die Fähigkeiten ihrer Kinder zu überschätzen, sodass sie zwar Hochbegabungen recht zuverlässig erkennen, darüber hinaus auch jedoch viele andere Kinder ohne herausragende Begabung so eingeschätzt werden (jeweils im Vergleich zu psychometrisch gemessener Intelligenz). Auf Elternurteile sollte deshalb vor allem dann zurückgegriffen werden, wenn keine weiteren Daten verfügbar sind, beispielsweise bei retrospektiven Untersuchungen der Entwicklung in frühen Entwicklungsabschnitten (Rost & Buch, 2018, S. 232).

• Urteil der Lehrkraft: In der Marburger Längsschnittstudie untersuchten Rost und Hanses (1997), wie gut Lehrkräfte im Grundschulbereich Kinder mit Hochbegabung erkennen können. Sie unterschieden dabei hochbegabte Kinder, die eine Schulleistung erbrachten, die ihrem Potenzial entsprach (sog. »Achiever«), und jene Kinder, die hinter ihrem Potenzial zurückblieben (sog. »Underachiever«). Als Begabungskriterium wurden verschieden strenge Definitionen verwendet, nämlich zu den 4 % (entspricht IQ ≥ 126), 8 % (entspricht IQ ≥ 121) und 24 % (entspricht IQ ≥ 110) der Intelligentesten gehörend ( Tab. 3.1). Je strenger das Intelligenzkriterium war, desto geringer fiel der Anteil der korrekt erkannten Kinder aus und hiervon waren vor allem die Underachiever betroffen. Lehrkräfte diagnostizieren folglich basierend auf der tatsächlich erbrachten Leistung, sodass hochbegabte Underachiever mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erkannt werden. Natürlich variiert die diagnostische Kompetenz von Person zu Person, aber das Urteil der Lehrkräfte weist insgesamt systematische Verzerrungen auf (Preckel & Vock, 2013, S. 131). So wird beispielsweise bei Jungen deutlich häufiger von Lehrkräften eine Hochbegabung vermutet als bei Mädchen, da hohe Leistungen bei Jungen eher auf Fähigkeit, bei Mädchen dagegen stärker auf Anstrengung zurückgeführt werden (z. B. Räty et al., 2002).

Tab. 3.1: Klassifikation hochbegabter Schülerinnen und Schüler durch Lehrkräfte der Grundschule


Anmerkung: Underachiever, deren schulische Leistungen deutlich hinter ihrem kognitiven Potenzial zurückbleiben, werden nur selten erkannt (Daten basierend auf Rost & Hanses, 1997; s. auch Rost & Buch, 2018, S. 233). Je nach Strenge des Auswahlkriteriums (z. B. »gehört zu den 4 % intelligentesten Schülern«) ist diese Fehleinschätzung besonders stark.

Anteil korrekt identifizierter Kinderstreng (4 %; IQ ≥ 125)mäßig streng (8 %; IQ ≥ 121)weich (24 %; IQ ≥ 110)

• Checklisten: Da das Urteil von Lehrkräften und Eltern begrenzt aussagekräftig ist, wurden viele Checklisten erstellt, die die Erkennung hochbegabter Kinder und Jugendlicher verbessern sollen. Leider sind viele dieser Fragebögen nicht valide, da sie Merkmale enthalten, die für Hochbegabte nicht typisch sind und in denen die Bewertung sehr subjektiv gefärbt ist. Ihr Nutzen zur Verbesserung der Einschätzung durch Eltern und Lehrkräfte ist deshalb leider sehr begrenzt (Preckel & Vock, 2013, S. 133).

• Intelligenztests: Die pragmatischste und zugleich verlässlichste Informationsquelle für die Diagnose einer Hochbegabung stellen zur Zeit Intelligenztests dar. Es empfiehlt sich die Verwendung eines etablierten Verfahrens mit einer breiten Intelligenzkonzeption und einer guten Differenzierungsfähigkeit in allen Leistungsbereichen. Dies ist beispielsweise bei den Testverfahren der Wechsler-Intelligenztestreihe gegeben (z. B. für den Kinder- und Jugendbereich der WISC-V). Durch die Breite des abgedeckten Konstrukts lässt sich in diesem Fall nicht nur die absolute Leistungshöhe im Sinne des g-Faktors ermitteln, sondern auch Begabungen in Teilbereichen und ggf. vorhandene Schwächen, die einen limitierenden Faktor darstellen und bei der Ermittlung von Gründen für Underachievement helfen können. Typischerweise wird als Grenzwert ein IQ von 130 festgelegt, jedoch sollte angesichts der zu berücksichtigenden Unsicherheit von Testergebnissen und der nur kleinen, graduellen Unterschiede bei Differenzen von wenigen IQ-Punkten dieser Wert nicht zu streng gehandhabt werden.

3.4 Entwicklung und Probleme hochbegabter Personen

Es ranken sich zahlreiche Mythen um Verhaltensprobleme bei hochbegabten Personen. Per Definition verfügen sie über eine hohe Intelligenz, sodass dieser Punkt unstrittig ist, aber dagegen hält sich hartnäckig die Ansicht, dass im Gegenzug soziale Fähigkeiten gering ausgeprägt sind oder die Personen durch schulische Leistungsprobleme oder durch anstrengendes Verhalten auffallen (Stumpf, 2012, S. 55 ff.). In der Tat kann es eine Diskrepanz zwischen dem Leistungspotenzial und der eigentlichen Leistung geben (sog. »Underachievement«), wobei es sich dabei um eine erwartungswidrige Minderleistung handelt. Die Frage nach der langfristigen Entwicklung von Menschen mit Hochbegabung nicht nur im kognitiven, sondern auch im sozialemotionalen und physischen Bereich stand in der Tat auch bereits in den ersten großen Längsschnittstudien im Zentrum, von denen die Terman-Studie sicher die bekannteste ist.

Die »Terman-Studie«

Lewis M. Terman startete im Jahr 1921 mit der Untersuchung (Terman & Oden, 1959) einer Kohorte von Schülerinnen und Schülern, die von Lehrkräften als hochbegabt benannt wurden und deren hoher IQ (> 140) durch eine Testung des damals neuen Stanford-Binet-Intelligenztests bestätigt wurde. Es handelte sich also um eine methodisch nicht ganz einwandfreie Auswahl basierend auf einer selektiven Stichprobe, aus der zudem die späteren Nobelpreisträger James Watson und Richard Feynman aufgrund zu niedriger IQ-Ergebnisse ausgeschlossen worden waren. Die verbliebenen 1 521 Personen wurden bis ins Jahr 1995 untersucht, als diese im Schnitt 85 Jahre alt waren, um Stabilität der Intelligenz, Persönlichkeitsentwicklung und physische Entwicklung, Berufskarrieren etc. über die Lebensspanne zu erfassen. Es zeigte sich eine hohe Stabilität des IQ über die Zeit hinweg und ein starker Zusammenhang von IQ und Berufserfolg. Andererseits führte ein hoher IQ nicht zwangsläufig zu überragenden Karrieren. Besonders leistungsstarke Jugendliche (»high achievers«) neigten zwar dazu, in den frühen Perioden ihrer beruflichen Laufbahn erfolgreich zu sein, jedoch flachte die Geschwindigkeit der beruflichen Entwicklung ab, sodass die meisten Personen später nicht mehr deutlich aus der berufstätigen Bevölkerung herausstachen (Subotnik & Arnold, 1994). Eine Einschränkung ergibt sich aus der Selektion der Stichprobe: Da die Gruppe hinsichtlich des IQ eine extreme Auswahl darstellte und somit alle Teilnehmenden gleichermaßen über eine weit überdurchschnittliche Intelligenz verfügten, ist es wenig verwunderlich, dass in dieser Gruppe nicht-kognitive Variablen wie Motivation, Konzentration und Ausdauer, Unterstützung durch die Eltern und die Bildungsinstitutionen für spätere beständig herausragende Leistungen verantwortlich waren. Über den Vergleich innerhalb der Studiengruppe hinaus zeigten sich zudem auch hinsichtlich der körperlichen und psychischen Gesundheit eher günstigere Befunde bei Hochbegabten im Vergleich zur Normalbevölkerung.

Zahlreiche Studien zur Entwicklung von Hochbegabten (s. Stumpf, 2012, S. 61 ff., für einen Literaturüberblick) zeigen, dass diese Personen in der Regel nicht häufiger psychisch auffällig sind als normal begabte Menschen, sondern dagegen eher psychisch und physisch gesünder leben als die Normalbevölkerung. Sofern überhaupt Unterschiede nachgewiesen werden können, fallen diese i. d. R. zugunsten der Hochbegabten aus. Dies äußert sich in besserer psychosozialer Anpassung, niedrigeren Angstwerten und höherer intrinsischer Motivation. Anders ausgedrückt liegt der vornehmliche Unterschied zwischen Menschen mit hoher und normaler Begabung in den besonderen kognitiven Fähigkeiten der Hochbegabten, ohne dass hierdurch systematisch negative Effekte in anderen Bereichen entstehen.

Trotz dieser insgesamt sehr positiven Ausgangslage gibt es verschiedene Herausforderungen, vor denen Menschen mit überdurchschnittlicher oder hoher Begabung stehen können (vgl. Preckel & Vock, 2013, S. 88 ff.). Es handelt sich dabei wohlgemerkt um potenzielle Probleme im Einzelfall und nicht um Aspekte, die zwangsläufig auftreten müssen:

• Asynchrone Entwicklung/Differenzen zwischen Entwicklungsbereichen: Kinder können frustriert werden, da ihnen die Umsetzungsmöglichkeiten für Ideen fehlen, zu denen sie kognitiv bereits in der Lage sind. Hierdurch kann es bei Gleichaltrigen oder den Lehrkräften zu Missverständnissen kommen, da die Begabung nicht erkannt wird, da das Gesamtbild inhomogen ist. Auf diese Weise werden Potenzial und Fähigkeiten des Kindes unterschätzt.

• Dauerhafte schulische Unterforderung: Orientiert sich die Beschulung am chronologischen Alter und nicht an der Fähigkeit oder werden keine Möglichkeiten der Differenzierung gegeben, so kann der Unterricht dauerhaft unterfordernd sein und sich negativ auf die Motivation auswirken. Es entsteht Langeweile, da der Unterricht als bloße Wiederholung erlebt wird. Die für andere Kinder notwendigen Übungsphasen könnten für hochbegabte Kinder deutlich verkürzt werden. Als Folge der Unterforderung kann es bei einzelnen Kindern zur mangelhaften Erlernung von Arbeitstechniken kommen, da diese die Aufgaben auf der Basis ihrer kognitiven Fähigkeiten lösen können und in der Folge die Techniken nicht erlernen. Bei der später steigenden Komplexität der Inhalte werden diese jedoch notwendig werden und fehlen dann.

• Maladaptiver Perfektionismus (seltener): Kindern fällt es unter Umständen schwer zu begreifen, dass andere nicht die gleiche Leistungsfähigkeit haben oder Konzepte, die für sie einfach sind, nur schwer verstehen können. Es besteht eine Fehlerintoleranz gegenüber anderen und in Verbindung mit hohen Leistungsmotiven möglicherweise auch ein überhöhter Leistungsdruck sich selbst gegenüber.

• Identitätsbildung und Furcht vor Stereotypen und Stigmatisierung: Kinder und Jugendliche haben ein starkes Anschlussmotiv, dem das Herausstechen durch besondere Leistungen diametral entgegensteht. Es besteht ein Konflikt zwischen Leistung und Dazugehören, der besonders von Mädchen als unvereinbar erlebt wird. Sebastian (11 Jahre, 5. Klasse) bringt diese Entscheidung zwischen Isolation und Underachievement folgendermaßen auf den Punkt: »Entweder man schreibt gute Noten und wird als Streber bezeichnet, oder man schreibt schlechte Noten, um dazuzugehören. Aber dann sind manche schadenfroh. Dabei muss ich viel weniger lernen als andere. Die Streber sind also eigentlich die anderen.« Zudem wird von Hochbegabten eine hohe Leistung, aber gleichzeitig eine gute soziale Anpassung gefordert (»Be smart, but not too smart«; »Compete, but be nice«) – ein Konflikt, der in diesem Alter nur schwer lösbar ist.

• Hochbegabung als Stressor für die Familie: Entgegen der landläufigen Meinung sind es meist nicht die Eltern, die das Kind »pushen« wollen. Stattdessen treten Hochbegabungen meist auf, ohne dass Eltern besondere Fähigkeiten bei ihren Kindern forcieren würden, und stellen die Familie vor besondere Fragen. Hier geht es beispielsweise um Fragen wie den Zeitpunkt der Einschulung, das Überspringen von Klassen usw. Eltern, die selbst keine hohe Bildung genossen oder keine vergleichbaren kognitiven Fähigkeiten haben, sind u. U. mit diesen Aufgaben überfordert.

• »Twice Exceptional Children«: Weist das Kind verschiedene besondere Merkmale auf, wie z. B. die Zugehörigkeit zu stark unterprivilegierten Schichten, das Vorliegen einer ADHS oder von Lernstörungen bei gleichzeitiger Hochbegabung, so können daraus besondere Identifikationsprobleme entstehen, die für das Kind schwer zu lösen sind. Große Diskrepanzen im Leistungsprofil sind zwar sehr selten, aber gleichzeitig auch besonders belastend, da die unterdurchschnittlichen Fähigkeitsbereiche für die Entwicklung wie ein Flaschenhals wirken können.

3.5 Förderung bei Hochbegabung

Die meisten hochbegabten Kinder und Jugendlichen durchlaufen ihre Schullaufbahn ohne größere Probleme und sie wissen oft auch nichts von ihrer besonderen Begabung. Es stellt sich also die Frage, ob es wirklich eine dezidierte Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Hochbegabung braucht. Dafür spricht das im deutschen Grundgesetz (Art. 2) fixierte fundamentale Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Bezogen auf das Bildungssystem bedeutet dies, das jedes Kind seinem Potenzial entsprechende Förderung erhalten sollte, unabhängig vom Begabungslevel der Person. Zudem wäre es schade, auf den gesellschaftlichen Nutzen besonderer Begabungen zu verzichten und nicht zuletzt sollten Gefahren ungünstiger Entwicklungen ( Kap. 3.4) abgewendet werden:

»Die siebenjährige Ivon hat gehört, dass ihre acht Jahre ältere Schwester eine Hausarbeit schreiben soll. Von ihrer Mutter lässt sie sich erklären, was das ist ›eine Hausarbeit‹, und was man dafür machen muss. Begeistert macht sich Ivon in ihren Ferien daran, auch eine Hausarbeit zu schreiben. Sie leiht sich Bücher in der Bibliothek aus und schreibt per Computer eine gut gegliederte, reich bebilderte und ausführliche Arbeit über Seepferdchen, ihre Lieblingstiere. Als sie nach den Ferien ihrer Lehrerin glücklich das Werk überreicht, reagiert diese völlig überfordert: ›Das nimm erstmal wieder mit nach Hause, das ist noch nicht dran‹, und schenkt der Arbeit weiter keine Beachtung. Ivon ist tief gekränkt.« (Preckel & Vock, 2013, S. 149)

Es ist fraglich, ob das Mädchen Ivon aus dem Beispiel so schnell wieder Freude an der Erstellung von Hausarbeiten finden wird. Es ist schade, dass es der Lehrerin in dieser konkreten Situation nicht gelungen ist, das Geschenk zu würdigen. Ein pädagogischer Schlüsselmoment wurde verpasst und ein Kind frustriert, wo doch ein wenig Lob und Zuwendung bereits ausgereicht hätten, Ivon zur weiteren Vertiefung ihrer Fähigkeiten zu motivieren.

Die Fördermaßnahmen lassen sich in drei, nicht streng zu trennende Bereiche unterteilen ( Abb. 3.4; für eine vertiefte Darstellung s. Preckel & Vock, 2013, Kap. 5), nämlich der Anreicherung der schulischen Inhalte, der inneren und äußeren Leistungsgruppierung und dem beschleunigten Durchlaufen der Schullaufbahn.

Enrichment, also Anreicherung, zielt auf die Vermittlung tieferen und breiteren Wissens mittels inner-, vor allem aber außerschulischer Angebote. Hierzu gehören beispielsweise die individuelle Förderung durch Expertinnen und Experten, Ferienlager und Sommerschulen, Schülerakademie (z. B. in Form ganzjähriger Ergänzungskurse), ein Gasthörerstatus an Hochschulen (sog. »Frühstudium«), die Teilnahme an Wettbewerben (z. B. »Jugend forscht«) etc. Ziel dieser Maßnahmen ist dabei weniger,


Abb. 3.4: Maßnahmen zur Förderung hochbegabter Schülerinnen und Schüler. Maßnahmen zur Anreicherung und Gruppierung überschneiden sich zum Teil und sie sind aus diesem Grund hier nahe beieinander dargestellt.

die schulischen Inhalte schneller zu durchlaufen, sondern durch anspruchsvollere Lerninhalte und höhere Stoffdichte eine bessere Passung des Unterrichts mit dem Fähigkeitsniveau zu erreichen. Nach derzeitiger Befundlage sind die Ergebnisse solcher Maßnahmen durchweg positiv, nicht nur im Hinblick auf die kognitive, sondern auch auf die sozioemotionale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler (Kim, 2016).

Die Unterrichtung in homogenen Leistungsgruppen (sog. Grouping) kann sowohl als innerschulische Maßnahme im Rahmen von Differenzierung und Individualisierung im Unterricht erfolgen als auch durch Bildung eigener Klassen und Schulen für Kinder und Jugendliche mit Hochbegabung. Während die innere Differenzierung aufgrund der Leistungsheterogenität in den Klassen ein unerlässliches didaktisches Prinzip ist, kann diese durch den großen Abstand Hochbegabter zum Klassendurchschnitt schnell an praktische Grenzen kommen. Der Gedanke, die betreffenden Kinder und Jugendlichen in eigene Klassen und Schulen zu separieren, liegt also nahe. Während sich diese Formen von Sonderbeschulung hinsichtlich der Leistungsentwicklung insgesamt bewährt haben (Preckel & Vock, 2013, S. 177), stehen dem jedoch verschiedene Nachteile gegenüber. Zum einen widerspricht die gesonderte Beschulung dem Prinzip der Inklusion, zum anderen entstehen Nachteile hinsichtlich des Selbstkonzepts. Schülerinnen und Schüler, die zuvor aufgrund ihrer überragenden Leistung eine privilegierte Stellung im Klassenverband innehatten, erleben sich in Hochbegabtenklassen nur noch als durchschnittlich – ein Effekt, der Big-Fish-Little-Pond-Effekt (BFLPE) genannt wird. Ein ähnlicher Effekt ist übrigens zu beobachten, wenn ein Kind aus einer Förderschule zur Lernförderung in die Regelschule wechselt. Zudem ist auch in Hochbegabtenklassen eine sehr große Leistungsheterogenität zu finden, sodass auch hier weiterhin eine innere Differenzierung notwendig ist. Aus diesen Gründen plädiere ich dafür, vor einer Sonderbeschulung in jedem Fall zuerst Maßnahmen aus dem Bereich Enrichment und Akzeleration zu prüfen, bevor Kinder aus dem Regelschulsystem ausgegliedert werden.

Die Akzeleration schließlich bezeichnet das schnellere Durchlaufen des Schulsystems, beispielsweise indem Kinder früher eingeschult werden oder Klassen überspringen. Während es zum früheren Einschulen kaum wissenschaftliche Untersuchungen gibt und vor allem Probleme im Arbeitsverhalten und der Motorik sehr früh eingeschulter Kinder gesehen werden, gilt das Überspringen von Klassen generell als eine sehr einfache und gut funktionierende Maßnahme, hochbegabten Schülerinnen und Schülern eine fähigkeitsspezifische Beschulung zu ermöglichen. Hinsichtlich der Leistungsentwicklung stellt sich die Befundlage als sehr positiv dar (Steenbergen-Hu & Moon, 2011), nicht nur im Hinblick auf die kurz- und mittelfristigen Effekte in der Schule, sondern auch in Bezug auf spätere akademische Karrieren in der Hochschule. Auch in sozioemotionaler Hinsicht profitieren beschleunigt beschulte Personen im Vergleich zu Personen, die die Schule normal durchlaufen. Als Voraussetzung für ein erfolgreiches Überspringen von Klassenstufen sehen Preckel und Vock ( 2013, S. 163) weit über dem Durchschnitt liegende Leistungen in Deutsch und Mathematik, in höheren Jahrgängen aber auch in weiteren Sachfächern, eine hohe Motivation, dem Überspringen von Klassen gegenüber aufgeschlossene Lehrkräfte, gute soziale Fähigkeiten und eine hohe Selbstständigkeit. Da gerade bei Underachievern einige dieser Punkte nicht gegeben sind (z. B. überdurchschnittliche Leistung), sollte im Einzelfall geprüft werden, ob ein Überspringen auch bei suboptimalen Voraussetzungen dennoch sinnvoll ist.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es gute Hinweise auf die Wirksamkeit von Maßnahmen aus dem Spektrum aller drei Ansätze gibt und eine reiche Palette an Möglichkeiten zur Begabtenförderung verfügbar ist.

Kurz zusammengefasst

Das Persönlichkeitsmerkmal Intelligenz ist der gemeinsame Überlappungsbereich bzw. die Essenz aller kognitiven Leistungen und man bezeichnet diesen gemeinsamen Kern als g-Faktor. Er ist der beste allgemeine Prädiktor zukünftiger Leistungen. Von diesem allgemeinen g-Faktor lassen sich spezifischere Leistungen abgrenzen, die für spezifische Vorhersagen besser geeignet sind. Ab einem IQ von 130 wird aus psychometrischer Sicht von Hochbegabung gesprochen. Dies betrifft ca. 2,25 % der Menschen einer Population. Eine hohe Begabung hat das Potenzial zu hoher Leistung, führt aber nicht zwangsläufig zu hoher Leistung. Lehrkräfte erkennen in der Schule Hochleister sehr zuverlässig, nicht jedoch Kinder und Jugendliche, die ihr Leistungspotenzial nicht ausschöpfen (sog. Underachiever). Intelligenztests können dabei helfen, betreffende Personen zu identifizieren. Hochbegabte kommen in der Regel im Schulsystem sehr gut zurecht. Die Förderangebote beziehen sich auf die Anreicherung von Inhalten (= Enrichment), das beschleunigte Durchlaufen der Schullaufbahn (= Akzeleration) oder die Bildung spezieller Klassen oder Beschulung in speziellen Schulen (= Grouping).

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
18 aralık 2025
Hacim:
339 s. 66 illüstrasyon
ISBN:
9783170362963
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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