Kitabı oku: «Wolfgang Nairz - Es wird schon gut gehen»
Wolfgang Nairz
„ES WIRD SCHON GUT GEHEN“
BERGE UND ANDERE ABENTEUER MEINES LEBENS
Wolfgang Nairz im Gespräch mit Horst Christoph

„WER HÖHER STEIGT, WIRD WEITER SEHEN“
(Reinhard Karl)
Rundherum ist es still. Nicht nur still, sondern auch vollkommen windstill, obwohl wir mit circa 40 Stundenkilometern übers Karwendel gefahren sind und jetzt über Innsbruck dahingleiten. 360 Grad ist der Rundblick, unheimlich der Blick in die Tiefe. Kurz vor Sonnenaufgang bin ich mit dem Heißluftballon in Seefeld gestartet. Schnell hat der Ballon an Höhe gewonnen, die Grate und Gipfel wurden kleiner, die Sicht umso größer. Hinter dem Brandjoch und der Frau Hitt sind wir ins Inntal hinausgefahren, nur getrieben vom Wind. Man spürt aber keinen Fahrwind, wir ziehen gleich schnell dahin wie der Wind.
Die Sonne ist inzwischen aufgegangen. Grausilbern glänzen im Norden die Karwendelketten, silbergrün blitzt der Inn herauf, der sich vom Oberinntal kommend friedlich durch Innsbruck schlängelt und allmählich im Unterinntal entschwindet. Weit fliegt der Blick zu den Bergen hinunter: Bernina, die Ötztaler Alpen mit der Wildspitze, die Stubaier und Kalkkögel, das Wipptal, das zum Brenner führt, Tuxer und Zillertaler Alpen – bis zum Glockner und Großvenediger reicht der Blick, und im Süden grüßen die Dolomiten. Nichts kann die Schönheit dieses Panoramas stören.
So weit sieht man natürlich nicht, wenn man hoch über den Dächern von Innsbruck zu Fuß unterwegs ist: am Innsbrucker Klettersteig zum Beispiel – einer meiner Lieblingswege dort oben –, der vom Hafelekar über die Gipfel und Grate der Nordkette bis zum Frau-Hitt-Sattel führt. Leitern und Seile erleichtern die Auf- und Abstiege, immer wieder balanciert man über die Grate. Der Klettersteig spielt mit den Reizen der ihn begleitenden Kulisse: im Norden die Einsamkeit des Karwendels, zu Füßen die Stadt Innsbruck, und der Blick nach Süden ist zwar nicht so unendlich wie aus dem Ballon, aber doch großartig. Und vor allem spürt man hier heroben die Gewalten der Natur, der Wind fährt durch die Haare, man hört die Dohlen pfeifen, die einen während des ganzen Tages begleiten, und sein Glück muss man sich erst erarbeiten. Ich liebe es, Innsbruck aus der Vogelperspektive zu erleben. Fast jedes Jahr bin ich einmal dort oben unterwegs und dabei werden Erinnerungen an die Sonnwendfeuer meiner Jugend wach.

Ein Logenplatz am Himmel: Weit reicht der Blick aus dem Heißluftballon hinunter auf Innsbruck, das Inntal und das Karwendelgebirge.

Eine Seilschaft fürs Leben: Edith und Wolfgang Nairz
Lama Anagarika Govinda, der große, aus Deutschland stammende buddhistische Gelehrte, reiste jahrelang durch Tibet, und seine Reisen führten ihn auch zum heiligen Berg Kailash. Govinda sprach einen Gedanken aus, der auch mich mein Leben lang begleitete: „Um die Größe eines Berges wahrnehmen zu können, müssen wir Distanz von ihm halten; um seine Form in uns aufzunehmen, müssen wir ihn umwandeln; um seine Stimmungen zu erleben, müssen wir ihn zu allen Tages- und Jahreszeiten beobachten: bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, zur Mittagszeit und in der Stille der Nacht, an trüben Regentagen und unter blauem Himmel, im Winterschnee und Gewittersturm …“
Ich habe mir „meine“ Berge von allen Seiten angesehen, habe sie vielfach umrundet, sie bei Sonne, Sturm und Regen erlebt, ich habe diese Berge lieben gelernt und sie manchmal auch verflucht, sei es rund um meine Heimatstadt Innsbruck oder im fernen Himalaya: Ich habe sie mit Freunden lachend bestiegen und bin manchmal sehr traurig heimgekehrt, aber immer wieder bin ich dorthin zurückgekehrt, wo ich mich wohlgefühlt habe: in eine großartige Landschaft mit großartigen Menschen, in ein Paradies, in dem ich auch manchmal die Hölle erlebt habe; die schönen Erinnerungen aber überwiegen bei weitem.
Viele meiner Träume sind in Erfüllung gegangen, einige warten noch – aber solange man Träume hat, kann das Leben nicht langweilig werden. Viele dieser Träume konnte ich mir nur erfüllen, weil ich in meiner Frau Etti eine liebe- und verständnisvolle Partnerin habe, die es mir vielfach ermöglicht hat, nicht nur gemeinsame Träume zu leben, sondern auch eigene, manchmal sehr egoistische Ziele zu verwirklichen.
Ich darf vielen Menschen danken, die mich als Weggefährten begleitet haben und zu guten Freunden wurden. Danken auch allen, die geholfen haben, dass dieses Buch zustande kam: Anette Köhler und Horst Christoph, der mit viel Geduld meine Antworten hinnahm, und allen Freunden, die wertvolle und interessante Beiträge verfassten. Ich freue mich, dass ich dieses Buch nun, zu meinem siebzigsten Geburtstag, in meinen Händen halten kann.
Stolz bin ich nur darauf, dass wir alle, die wir gemeinsam in den heimatlichen und in den Weltbergen unterwegs waren, wie Reinhold Messner gesagt hat, immer in Frieden nach Hause gekommen sind. Ich danke Euch dafür!
| Innsbruck im Sommer 2014 | Wolfgang Nairz |
INHALT
KAPITEL 1: Kindheit und Jugend in der Bergsteigerstadt Innsbruck
Mit Hermann Buhl am Wohnzimmertisch
„Das Klettern ist für mich immer mehr Lebenszweck geworden“
Kletterheimat Kalkkögel: „Es hat so schön geplumpst“
Die frühen Tourenbücher
Die Innsbrucker Bergsteigerszene der wilden Siebziger mit Wolfi Nairz, dem Unbekümmerten, von OSWALD OELZ
KAPITEL 2: Auf dem Weg zu den Bergen der Welt
Dunkelheit, Kälte und Lawinen am Lyskamm
„Im Straßengraben schlafen wir, dann rennen wir zum Einstieg“
Bara Sahib Wolfi, von REINHOLD MESSNER
„Ein Hund namens Karl Maria“
KAPITEL 3: Neue Maßstäbe für die Achttausender
Manaslu 1972: Der „Berg der Seele“ als Ort der Prüfung
„Den Angehörigen gegenüberstehen“
Cho-Oyu-Südwand 1982: Der Kampf ums Überleben
„Der Begriff der Seilschaft fürs Leben hat für mich schon eine Berechtigung“
Durch Zufall rechtzeitig am Ort: Bergungsaktion Ama Dablam 1979
„Auf eine Expedition würde ich nie ohne Arzt gehen“
Wolfi, der Dhaulagiri und die blauen Bomber, von RUDOLF ALEXANDER MAYR
KAPITEL 4: 1978: Die ersten Österreicher am Everest
„Und dann fielen wir uns um den Hals“
Atemlos am Everest – Der spektakulärste Gipfelsieg der Geschichte, von HORST CHRISTOPH
Franz Oppurg, der Zweifler, der als erster Mensch allein am Gipfel des Mount Everest stand, von RUDOLF ALEXANDER MAYR
Von der Schreibmaschine zum Satellitentelefon: Expeditionskommunikation im Wandel, von ROBERT SCHAUER
KAPITEL 5: Briefe vom Everest: „Ich wünschte Dich in meinem Schlafsack“
Ein Expeditionstagebuch der anderen Art
Brief von Herbert Kuntscher an Wolfgang Nairz ins Everest Basecamp
KAPITEL 6: Vom Drachenfliegen in den Stubaiern zum Ballonfahren in der Mongolei
Dem Himmel entgegen
„Ballonfahrer sind alle ein bisschen Verrückte“
Ballonfahren in den Alpen: „Der Luftschiffer muss mit Kälte rechnen“
Die Luftschifffahrt in Tirol
Über die Alpen
KAPITEL 7: Berge gibt es überall
„Ich bin zum Amazonas gekommen wie die Jungfrau zum Kind“
Erste Skibesteigung des Nevado de Copa, von RAIMUND MARGREITER
„Das Skifahren war schon von Kindheit an etwas Besonderes“
Gipfelglück am Elbrus: ein Geburtstagsgeschenk dank Charly
Bergsteigen und Tourismus: „Weg vom Schnaps und hinaus in die Natur“
KAPITEL 8: Nepal und die Sherpas: eine Liebe, die reifen musste
Warum immer wieder Nepal?
„Die Sherpas wären von sich aus nie auf hohe Berge gestiegen“
Wärme für Nepal
Wolfi Dhaai, von TASHI TENZING
„Lost horizon“: Gedanken im Advent
Wolfi, ein ferner Freund aus früher Jugend
Personenregister

KAPITEL 1
MIT HERMANN BUHL AM WOHNZIMMERTISCH
Der Himalaya. Etwas, das unendlich weit weg ist, wo riesige Gipfel und unendliche Grate in den Himmel wachsen, wo die Gipfel von Stürmen umtost sind und eigentlich Menschen nichts verloren haben – so habe ich mir als Kind in meiner Fantasie den Himalaya vorgestellt.
Unser Geografielehrer in der Realschule hat sie uns genau gezeigt – diese lange Gebirgskette – von Westen nach Osten. Und die höchsten Berge der Erde waren dort eingezeichnet. Ich konnte sie alle aufzählen: nicht nur mit den Originalnamen, sondern ich wusste genau, dass der Chogori der K2 war, dass man den Mount Everest auch Chomolungma oder Sagarmatha nannte und der Nanga Parbat als der deutsche Schicksalsberg galt.
Aber der Himalaya wurde mir nicht nur durch diesen bergbegeisterten Lehrer vertraut, schon lange vorher waren bei uns zu Hause diese hohen Berge täglicher Gesprächsstoff. Mein Großvater, Emil Hensler, war Mitglied im alpinen Klub „Karwendler“, einem der renommiertesten Innsbrucker Bergsteigerklubs. Um diesem Klub anzugehören, musste man ein ausgezeichneter Bergsteiger sein, einer, der in Fels und Eis, ja einfach im Hochgebirge zu Hause war. In seiner Jugendzeit hatte mein Großvater die kühnsten Felsfahrten in der Umgebung Innsbrucks unternommen und zahlreiche Erstbegehungen gemacht, die heute noch zu den Standardtouren der Bergsteigerjugend zählen. Inzwischen ein alter, angesehener Herr, war Emil Hensler ein väterlicher Freund seiner jungen Klubbrüder, zu denen neben Kuno Rainer, Peter Aschenbrenner, Erwin Schneider und Sepp Jöchler auch Hermann Buhl gehörte.
Es war Anfang April 1953, als die „Deutsch-Österreichische Willy-Merkl- Gedächtnisexpedition“ zum Nanga Parbat aufbrach. Die Karwendler, unter ihnen mein Großvater, verabschiedeten mit großer Begeisterung ihre Expeditionsmitglieder Buhl, Rainer und Aschenbrenner am Innsbrucker Bahnhof. Ich war acht, es war ein Freitag, ich hatte Schule. Ich konnte nicht dabei sein und war traurig.
Die Berichte über den Fortschritt der Expedition waren spärlich.
Doch dann überschlugen sich die Erfolgsmeldungen aus dem Himalaya – aber nicht vom Nanga Parbat kamen sie, sondern vom Mount Everest. Der Neuseeländer Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay hatten den höchsten Berg der Erde, 8848 Meter hoch, bezwungen! Am 29. Mai, dem Tag der Krönung der britischen Königin Elisabeth II., ging diese Nachricht um die Welt, und sie übertrumpfte bei weitem die Krönungsfeierlichkeiten in London.
Doch was war los am Nanga Parbat? 35 Tage nach dem Gipfelsieg am Everest ist es endlich so weit: Die Meldung über den sensationellen Alleingang Hermann Buhls zum Gipfel des Nanga Parbat erreicht die Welt. Mein Großvater fährt mit einer Abordnung der Karwendler nach München, um beim Empfang Buhls dabei zu sein. Und wenige Wochen später sitzen Hermann Buhl, mein Großvater und ein paar Freunde der Karwendler bei uns am Wohnzimmertisch. Schwarz-Weiß-Fotografien machen die Runde, man hört eine Stecknadel fallen, als Buhl vom Gipfelgang erzählt. Und ganz hinten, im Eck, darf ich dabei sein, darf zuhören und die Bilder in die Hand nehmen.
Dezember 1953: Julfeier des Alpinen Klubs Karwendler. Hermann Buhl hält einen seiner ersten Vorträge. Mein Großvater nimmt mich mit. Nach dem Vortrag dränge ich mich nach vorne und lass mir eine „Karwendlerkarte“ unterschreiben. Von Hermann Buhl und dazu auch noch von Sepp Jöchler und Kuno Rainer! Wie einen Schatz hüte ich diese Karte bis heute.
Ein Jahr später, 1954, erscheint Buhls Buch „Achttausend drüber und drunter“. Ich verschlinge es, kann manche Passagen schon auswendig – und mit Bleistift markiere ich alle Touren und Gipfel, die Buhl gemacht hat und die ich auch machen will! Grubreißen-Südturm-Südgrat, Schüsselkar-Spindlerweg, Fleischbank-Südostwand, Mauk-Westwand … Nach und nach werden die mit Bleistift angemerkten Träume Wirklichkeit: Viele der Touren Hermann Buhls konnte ich mit Freunden wiederholen. Nur der Traum vom Himalaya war noch weit entfernt.

„DAS KLETTERN IST FÜR MICH IMMER MEHR LEBENSZWECK GEWORDEN“
Lieber Wolfgang, du bist in Kitzbühel geboren, aber in Innsbruck aufgewachsen. Die eindrucksvolle Schilderung deiner Begegnung mit Hermann Buhl wirft gleich eine Frage auf, die Innsbruck als Bergsteigerstadt betrifft. Buhl war ja nach seiner erfolgreichen Erstbesteigung des Nanga Parbat in der ganzen alpinen Welt ein „Hero“, ein Held, aber nur in Innsbruck konnte man diesem Hero auf der Straße oder im Wohnzimmer des Großvaters begegnen. Wann ist in dieser Stadt das Bergsteigen in dein Bewusstsein getreten?
Das Bergsteigen ist bei uns in der Familie sehr präsent gewesen, vor allem durch meinen Großvater, der viele Erstbegehungen gemacht hat, speziell in den Kalkkögeln und im Karwendel. Mein Vater allerdings war ein erklärter Bergwanderer und für meine Schwester und mich war es als Kinder ein Horror, wenn es jedes Jahr, sobald der Schnee weg war, geheißen hat, am Sonntag geht’s auf die Kaisersäule: mit der Hungerburgbahn auf die Hungerburg und dann über die Almen bis zur Kaisersäule, von dort weiter aufs Stempeljoch und dann hinunter ins Halltal und das lange, lange Halltal hinaus. Wir haben jede Ausrede gesucht, aber es hat nichts genützt. Der einzige Lichtblick war, dass es in Hall eine große Schüssel Eis gegeben hat als Belohnung. Und mit der Haller Bahn sind wir dann zurück nach Innsbruck gefahren. Jedes Jahr – für uns Kinder war diese Wanderung eine Qual!
Wie bist du dann zum richtigen Bergsteigen gekommen?
Natürlich hat uns der Vater nicht nur auf solche „Gewalttouren“ mitgenommen, sondern uns auch behutsam, Sommer wie Winter, in die Berge geführt. Mein Großvater war damals schon in Pension und hat für die Bergrettung die Hüttenkontrollen durchgeführt. Zu diesen Hüttentouren hat er mich dann im Sommer immer mitgenommen, mir dabei viel von seinen Bergtouren erzählt und so das Feuer in mir geweckt.
Ich habe auch das Glück gehabt, dass es in der Realschule Lehrer gab, die uns das Bergsteigen nähergebracht haben. Die mit uns an den Wandertagen auf die Berge rund um Innsbruck gestiegen sind und in den Ferien von der Franz-Senn-Hütte aus auf Skitouren gegangen sind.

Großvater Emil Hensler, in seiner Jugend ein kühner Kletterer, als alter Herr ein Freund der jungen „Karwendler“
Das ist ungewöhnlich und heute fast undenkbar, schon wegen der Haftungsfrage. Die Lehrer haben uns die Berge auch im Unterricht nähergebracht. Sie sind zum Beispiel mit uns ins Kino gegangen, um den Everestfilm oder den Nanga-Parbat-Film anzuschauen. Als ich so 13, 14 Jahre alt war, bin ich dann mit der Jungmannschaft des Alpenvereins zum Klettern ins Wetterstein gegangen. Ich hab immer mit dem Großvater besprechen müssen, welche Tour wir vorhatten. Und er hat dann gesagt, ob das für uns in Ordnung war, ob die Tour nicht zu schwer war. Wir sind also ins Wetterstein gefahren – von Innsbruck nach Seefeld mit dem Frühzug und dann mit dem Fahrrad weiter. Wir haben zu zweit ein Fahrrad gehabt. Der Erste ist bis auf den Leutascher Sattel gefahren, hat das Fahrrad dort abgestellt und ist zu Fuß weitergegangen. Der Zweite hat das Fahrrad übernommen und ist dann gefahren, bis er den Ersten eingeholt hat. Wir haben natürlich von vornherein geplant, nicht den leichten Leberleweg in der Scharnitzspitze-Südwand zu klettern, sondern eine viel schwerere Tour zu machen. Voll Stolz sind wir dann zurückgekommen und haben gesagt, dass wir die Direkte Südwand, eine Fünfertour, auf die Scharnitzspitze gemacht haben. Und der Großvater hat nur gesagt, das habe er eh erwartet.
Wie hast du deine ersten Bergfahrten und deine Ausrüstung finanziert?
Es war üblich, dass man in den Ferien arbeiten ging. Das war selbstverständlich. Aber die Ferien dauerten zehn Wochen, von diesen war ich sechs Wochen als Lattenträger, also als Vermessungsgehilfe, zwischen Außerfern und Osttirol unterwegs. Vor allem Osttirol habe ich sehr geliebt, da sind wir dann am Freitag nicht heimgefahren, sondern dort geblieben und haben übers Wochenende Großglockner, Hochschober und andere Berge bestiegen.
Beim Vermessen haben wir für damalige Verhältnisse sehr gut verdient. Nach den sechs Wochen habe ich das Geld ausbezahlt bekommen, und mein Vater hätte gern gesehen, dass ich es auf ein Sparbuch lege, ich aber bin gleich in die Maria-Theresien-Straße gegangen, zum Witting, und habe mir Ausrüstung gekauft – ein neues Seil, einen Helm. Das war ja damals eine Sensation, überhaupt einen Helm zu haben oder einen Klettergurt – Sitzgurte hat’s noch keinen gegeben. Aber auch der Brustgurt war eine Sensation, man hat sich normalerweise damals direkt ins Seil eingebunden, mit dem Bulinknoten um die Brust, und vielleicht, wenn es hoch gekommen ist, aus einer Reepschnur noch einen kleinen Sitz gemacht. Aber das war schon alles, was es gab.
Und mit dem übriggebliebenen Geld bin ich mit einem Freund, dem Peter Neubauer, in die Dolomiten gefahren: mit dem Motorrad, mit dem Zelt, mit zehn Kilo Gulaschdosen und drei Kilo Polenta, den Wein haben wir natürlich drinnen gekauft. Und so haben wir die restlichen Ferienwochen in den Dolomiten verbracht.
Peter Neubauer war der „Preußen-Peter“ vom Akademischen Alpenklub Innsbruck.
Genau. Das war der Preußen-Peter, weil er aus Norddeutschland zum Studieren nach Innsbruck gekommen ist. Mit dem habe ich viele schwere Touren gemacht. Er hat ein Motorrad gehabt, was sehr wichtig war.
Innsbruck, wo du aufgewachsen und in die Schule gegangen bist und später studiert hast, ist eine Art „alpines Biotop“, das mit einer Vielzahl von Vereinen eine dichte alpine Infrastruktur bildet. Hermann Buhl gehörte, wie andere bekannte Tiroler Alpinisten – etwa Peter Aschenbrenner oder Kuno Rainer –, dem renommierten Innsbrucker Bergsteigerklub der „Karwendler“ an. Warum bist eigentlich du nicht zu den Karwendlern gegangen, obwohl das angesichts deines Großvaters nahegelegen wäre?
Das hat mit der Schule zu tun gehabt. In der Innsbrucker Realschule hat’s damals den Real Alpenclub, den RAC, gegeben.

Im RAC, dem Bergsteigerverein der Innsbrucker Realschule, eroberten wir uns die Gipfel rund um die Franz-Senn-Hütte.
Das ist ja schon etwas Außergewöhnliches, dass es an Schulen Bergsteigerklubs gibt. So wie bei euch an der Realschule den RAC, hat es, wie mir mein Vater erzählt hat, in der Zwischenkriegszeit auch am Gymnasium einen ähnlichen Verein gegeben, die Bergsteigergruppe Edelweiß.
Ja, und in diesen Schulvereinen war es üblich, wenn man später studiert hat, zum „Akademischen Alpenklub Innsbruck“, zum AAKI, zu gehen. Mit den „Klüblern“, den Aktiven des Akademischen Alpenklubs, bin ich schon während der Schulzeit auf Touren gegangen. Die haben uns mitgenommen, die haben zum Teil schon ein Auto gehabt, oder ein Motorrad, das war für uns sehr wichtig.

Die Faszination der Vertikalen: In der Einstiegsseillänge der direkten Karlsspitze-Ostwand
Ich war ja auch beim AAKI, und unsere Alten Herren haben immer gesagt, ihr müsst euch um die Buben vom RAC, um die „Ratzen“, wie wir euch genannt haben, kümmern, zu ihrer Weihnachtsfeier gehen und sie auf Touren mitnehmen. Wir beide haben ja auf diese Weise im Wetterstein zusammen die Spindler-Route gemacht. Das war für mich etwas vom Allerschwersten, das ich je gegangen bin. Für dich war’s erst der Beginn deiner brillanten Kletterlaufbahn. Nur zwei Jahre später hast du – so lese ich in deinen Tourenberichten – unter anderem die Gelbe Kante an der Kleinen Zinne, die Demuth-Kante an der Westlichen Zinne, die Comici-Führe auf die Große Zinne und die Civetta-Nordwestwand nicht nur geklettert, sondern geführt – als gerade einmal 17-Jähriger. Wie ist es zu dieser Leistungsexplosion gekommen?
Das Klettern ist für mich schon in der Schulzeit immer mehr Lebenszweck geworden. Statt zum Geigenunterricht bin ich mit dem Fahrrad zum Höttinger Steinbruch gefahren und habe dort Klettern trainiert.
Das ist ja auch so eine Innsbrucker Besonderheit. Den Klettergarten innerhalb der Stadtgrenzen zu haben.
Ja, und oft sind wir schon vor Unterrichtsschluss von der Schule abgehaut und mit dem Radl die zwanzig Minuten zur Martinswand gefahren. Unser eigentliches Kletterparadies waren aber die Kalkkögel nahe Innsbruck. Dort hat ja auch der AAKI seinen Kletterstützpunkt, die Adolf-Pichler-Hütte, und Hias Rebitsch hat immer gesagt: Wer in den „Kögeln“ klettern kann, der kann überall klettern.
Mathias Rebitsch, den Reinhold Messner einmal einen „Avantgardisten der extremen Kletterei“ genannt hat, war der beste Bergsteiger des Akademischen Alpenklubs. Wie hast du Hias Rebitsch als Klubbruder erlebt?
Der Hias war ein charismatischer Mensch. Er war nicht nur einer, der sehr viel gewusst hat, er hat vor allem auch erzählen können. Wenn er von einer Tour erzählt hat, hat er jeden Zentimeter beschreiben können, wo jeder Haken steckte, wo er sich eingehängt hat, wo er ausgerutscht ist. Darüber hinaus war der Hias auch ein Philosoph, mit dem man nächtelang über Gott und die Welt diskutieren hat können. Und ich habe das Glück gehabt, dass er mich mochte, denn das war bei ihm nicht so selbstverständlich.
Er war ein introvertierter Mensch, der sich gern zurückgezogen und nicht mit jedem gesprochen hat. Er wohnte damals in Alpbach in einem alten Bauernhaus. Dort habe ich ihn oft besucht und später das Glück gehabt, dass die zweite Hälfte des Hauses frei geworden ist und ich mich dort für einige Jahre einmieten konnte.
Für mich war der Hias wirklich ein väterlicher Freund und Berater. Er war es auch, der uns junge Bergsteiger – Andi Schlick, Franz Jäger, Hansjörg Hochfilzer, Horst Fankhauser und mich, die wir damals die schwersten Touren in den Westalpen gemacht haben – animiert hat und gesagt hat, sucht’s euch höhere Ziele. Der Hias hat uns mit Paul Bauer zusammengebracht, dem berühmt-berüchtigten Expeditionspapst der 1930er-Jahre, der uns die Wege geöffnet hat, um überhaupt Informationsmaterial über Expeditionen zu bekommen. Der Hias war es also, der uns motiviert hat, uns die allerhöchsten Ziele zu setzen.
Die diversen alpinen Vereine in Innsbruck, die Karwendler, die Gipfelstürmer, die Melzerknappen, die Wettersteiner und wie sie alle heißen, sind gesellschaftlich höchst unterschiedlich orientiert, und da gab’s auch die verschiedensten ideologischen Ausrichtungen. Es hat – was heute weitgehend verdrängt wird – in der Zwischenkriegszeit in Innsbruck auch eine jüdische Bergsteigergruppe gegeben. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hat noch lange eine Art Lagerdenken bestanden. So hat’s neben dem traditionell eher nationalen AAKI auch den „schwarzen“ AAVI, den Akademisch Alpinen Verein, gegeben. Und natürlich, wie überall, auch die „roten“ Naturfreunde. Haben diese ideologischen Unterschiede zu deiner Zeit noch eine Rolle gespielt? War dir das irgendwie bewusst?
Ein gewisses nationales Denken war bei uns in der Familie schon da. Aber die Zeit, als wir in die Dolomiten gefahren sind, war dann auf ganz andere Weise eine politisch sehr heikle. Die „Bumser“, die in Italien Sprengstoffanschläge verübten, waren nicht selten Bergsteiger, und ich war nahe daran, selbst in diese Kreise zu geraten.
Wer nicht!
Ja, wer nicht. Wir haben damals auch dauernd Schikanen erlebt. Wenn wir mit dem Zug nach Bozen gefahren sind, haben uns die Carabinieri stundenlang am Bahnhof den Rucksack aus- und wieder einpacken lassen, um zu schauen, ob wir vielleicht Bomben mithaben. Oder wenn wir die Goldkappl-Südwand im Tribulaungebiet an der damals gesperrten und bewachten Grenze zwischen Österreich und Italien gegangen sind, haben wir uns von der Nordtiroler Seite anschleichen und in einem Schafstall übernachten müssen, dann sind wir über den Stacheldrahtzaun an der Grenze gestiegen und zum Einstieg gelaufen. Dass unter solchen Verhältnissen widersprüchlichste Gedanken aufkommen, ist nicht verwunderlich. Wir haben von der großen Freiheit der Weltberge geträumt und gleichzeitig die Unfreiheit in unserer nächsten Nähe erlebt.
Diesen Konflikt hat ja damals der Südtiroler und Kosmopolit Reinhold Messner mit seinem berühmten Satz „Meine Fahne ist das Schnäuztuch“ drastisch charakterisiert. Aber wie war denn das persönliche Verhältnis der Mitglieder der vielen Innsbrucker Bergsteigervereine untereinander? Ihr habt euch wohl alle gekannt, aber wart ihr Freunde oder eher Konkurrenten?
Wir waren keine Freunde im wirklich freundschaftlichen Sinn. Wir haben uns alle gekannt und sind auch miteinander Touren gegangen. Aber wir waren bergsteigerisch gesehen schon harte Konkurrenten. Das heißt, wenn die „Gipfeler“, die Gipfelstürmer, eine neue Route in den Kalkkögeln eröffnet haben, dann sind wir diese gleich nachgegangen, um zu sehen, ob das, was sie ins Tourenbuch geschrieben haben, auch stimmt, ob die Schwierigkeitsbewertung angemessen ist. Wenn das unserer Meinung nicht so war, sind jede Menge ironischer Bemerkungen dazugeschrieben worden. Man braucht sich nur das Tourenbuch der Adolf-Pichler-Hütte anzuschauen, in das übrigens auch schon Buhl seine Touren eingetragen hat. Da finden sich beispielsweise die sensationellen Erstbesteigungen eines Walter Spitzenstätter von den Gipfelstürmern und daneben immer die oft despektierlichen Bemerkungen der Kletterer anderer Klubs.
Ein wichtiger Faktor bei der Bedeutung Innsbrucks als „alpines Biotop“ war wohl, dass es eine Universitätsstadt ist. Deshalb auch die vielen akademischen Vereine: der AAKI, der AAVI, die Akademische Sektion des Alpenvereins. Durch die Uni ist ja auch zum Beispiel jemand wie der „Preußen-Peter“ oder ein Oswald Oelz nach Innsbruck gekommen, weil sie eben da studiert haben. Was war die Universität für dich?

Der Berg als Studienobjekt: Beim Gletschervermessen am Hintereisferner in den Ötztaler Alpen
Für mein bergsteigerisches Leben war die Uni schon sehr wichtig, da ich mich ja für ein Studium entschieden hatte – Meteorologie und Glaziologie –, das sich auf den Bergen abspielt. Unser Klubbruder Herfried Hoinkes war der Institutsvorstand und hat immer wieder gefordert, in die Berge zu gehen und dort zu forschen. Die Studenten sind ja auch nicht, wie manchmal gelästert wurde, nur für ein „Skisemester“ nach Innsbruck gekommen, sondern weil sie hier ein Zentrum alpiner Forschung vorgefunden haben mit hervorragenden Professoren, wie eben Herfried Hoinkes oder den Geografen Hans Kinzl und Franz Fliri.
Und das hat sich in deiner Generation fortgesetzt.
Ja, und zwar auf mehreren Gebieten: einmal in der Höhenmedizin mit Oswald Oelz, dann in der Meteorologie mit Karl Gabl, in der Gletscherforschung mit Gernot Patzelt oder in der Chirurgie mit Raimund Margreiter, der sich mit den Verletzungen durch das Anseilen auseinandergesetzt hat und auf unserer Everest-Expedition unter schwierigsten Bedingungen Sherpas operiert hat, also lauter Disziplinen, die eng mit dem Bergsteigen zu tun haben.
Die 1950er-Jahre in Tirol kannten neben Hermann Buhl oder Sepp Jöchler vor allem ein sportliches Idol, und das war Toni Sailer, der 1956 bei den Olympischen Spielen von Cortina im alpinen Skilauf alles gewann, was zu gewinnen war. Wie hast du als gebürtiger Kitzbüheler und sportbegeisterter Bub ihn wahrgenommen?
Neben den Bergsteigern haben wir als Buben natürlich vor allem die Skifahrer bewundert, und der am meisten bewunderte war klarerweise Toni Sailer. Ich habe ihn später persönlich kennen und schätzen gelernt. Als Skilehrer musste er für die Skiführerausbildung einen Alpinkurs abschließen und ich war zu dieser Zeit Lehrer in der österreichischen Berg- und Skiführerausbildung. Toni Sailer wurde meiner Gruppe zugeteilt und wir machten großartige Hochgebirgstouren in der Silvretta. Toni war trotz seiner Berühmtheit ein bescheidener Mensch mit viel Humor und fügte sich wie jeder andere in die Gruppe ein. Den Skiführerkurs hat er mit Auszeichnung bestanden – wie konnte es anders sein.
In meiner Tätigkeit als Presse- und Werbechef der Tirol Werbung traf ich Toni Sailer wieder bei einer Veranstaltung anlässlich der Skiweltmeisterschaft 1993 in Morioka in Japan. Franz Klammer und Karl Schranz waren auch dabei, aber das Interesse der japanischen Medien galt nur dem „Toni“. Ein ganzes Skigebiet, das Sailer Valley, war nach ihm benannt worden.
In Kitzbühel lud ich Toni dann zu einer Ballonfahrt ein. Wir schwebten über die Berge der Kitzbüheler Alpen und er war begeistert, seine Heimat aus der Vogelperspektive zu betrachten. Die meisten Gipfel kannte er und fasziniert schaute er auf „seine Streif“ hinunter. Anschließend lud er die ganze Crew in sein Haus in Gundhabing zwischen Kitzbühel und Reith ein, wo dann in seinem Weinkeller die traditionelle Ballonfahrertaufe stattfand. Mit „Land der Berge“, der Sendung des ORF unter Manfred Gabrielli und Lutz Maurer, planten wir mit Toni Sailer und einigen jungen Skirennläufern ein Trekking in Nepal, da Sailer von den großen Himalaya-Bergen, wie er sagte, immer geträumt hatte. Leider kam es aus Termingründen nicht dazu.
Zu Toni Sailers 70. Geburtstag im November 2005 schenkte ich ihm mein Nepalbuch sowie eine Ansichtskarte, die ich beim Golden-Everest-Jubiläum von vielen Everestbesteigern, darunter auch Edmund Hillary, unterschreiben hatte lassen. In meinem Fundus fand ich noch einen kleinen Stein, den ich 1978 vom Gipfel des Mount Everest mitgebracht hatte, sowie die Everest-Jubiläums-Medaille, die anlässlich des 50-Jahre-Jubiläums der Erstbesteigung in Nepal geprägt worden war. All das schickte ich Toni Sailer. Eine Zeitlang hörte ich nichts, doch dann kam sein Antwortschreiben; ein Brief, den ich als wertvollen Schatz in meiner Sammlung halte. Toni Sailer verstarb am 24. August 2006.

KLETTERHEIMAT KALKKÖGEL: „ES HAT SO SCHÖN GEPLUMPST“
Im Mondlicht sehen sie noch imposanter aus, die Türme, Zacken und Wände der Kalkkögel. Die Wasserstreifen, die die Wände hinunterrinnen, glänzen dann und die Schotterhalden, die von den Scharten und Wandfüßen bis ins Grün hinunterziehen, sehen aus wie fahle, silberne Bäche. Wir stehen beim Gedenkstein des Akademischen Alpenklubs am Sonntagsberg. Die Spitze des Steins ist mit einem Kranz von Almrosen und Latschen geschmückt, im Kupferkessel brennt ein Feuer. Heute ist das Stiftungsfest des AAKI, nach der Festrede wird das Klublied angestimmt:
Den ersten Preis dem Alpenland, dem Lande unsrer Liebe,
den Bergeshöh’n im Firngewand, hoch überm Weltgetriebe.
Wenn wieder sich im hellen Grün die Alpenmatten zeigen,
fühl ich in mir ein seltsam Glühn, denn jetzt gilt’s flott zu steigen.
Wie wird mir da der Sinn so klar, versenkt in all die Wunder,
seh ich der Eisgiganten Schar, getaucht in Flammenzunder.
Drum Brüder auf, den Sang erhebt zum Preis der Zauberlande.
Es haben ja nur halb gelebt, die nie da droben standen …
Es läuft mir über den Rücken hinunter und ich bekomme einen Knödel im Hals, als wir dieses Lied singen, aber ich finde, sein Pathos passt in diese großartige Landschaft. Wir wollen nicht „halb“ leben, wir wollen das Leben in vollen Zügen genießen, besonders in den Bergen.
Die Kalkkögel und die Adolf-Pichler-Hütte des Akademischen Alpenklubs Innsbruck haben mich mein ganzes Bergsteigerleben begleitet. Als die Hütte im Winter bewirtschaftet war, habe ich von Grinzens aus, das lange Senders tal hinein, als Träger gearbeitet. Mit 50, 60 Kilo am Rücken bin ich hineinmarschiert zur Kemater Alm und weiter zur Hütte. Ich habe dies als Training gesehen, auch wenn ich dabei gut verdient habe: zweieinhalb Schilling pro Kilo. Das war ein ordentlicher Verdienst! Als die Hütte dann erweitert und ausgebaut wurde – unser Alter Herr Hans Pircher hat dem abgerissenen „Häusl“ mit dem Satz „es hat so schön geplumpst“ einen würdigen Nachruf gehalten –, war ich als Baugehilfe den ganzen Sommer dort oben. Jeden Tag um vier Uhr nachmittags haben die Maurer die Kellen auf die Seite gelegt und wir sind zu irgendeinem Einstieg gerannt, um bis zum Dunkelwerden noch die eine oder andere Klettertour zu machen. Feste wurden gefeiert, manchmal bis ins Morgengrauen, und wir sind nicht nur einmal nach so einem Fest direkt zum Einstieg gegangen. Fridolin „Puti“ Purtscheller hat einmal gesagt, nach so einer Nacht sei es viel einfacher zu klettern. Man müsse nur warten, bis sich die Wand zurücklehnt, und dann schnell klettern, bis sie sie sich wieder nach vor lehnt.

Kalkkögel (Standort Seisenalm), Öl auf Leinwand, 40 × 170 cm (Foto Maria Peters)
Im Tourenbuch der Adolf-Pichler-Hütte zu blättern, ist ein Vergügen. Akribisch sind alle Neutouren eingetragen und nicht weniger akribisch die Bemerkungen der Wiederholer. Das erste Tourenbuch reicht von 1904 bis 1964, darin finden sich lauter berühmte Namen: Auckenthaler, Schmidhuber, Buhl, Rebitsch, Mariner, bis herauf zu den Kletterern meiner Generation: Walter Spitzenstätter, Otti Wiedmann oder Kurt Schoißwohl. Hias Rebitsch war es, der einmal gesagt hat: „Wer in den Kögeln klettern kann, kann überall klettern.“ Hier in den Kalkkögeln habe ich das Klettern gelernt. Und so erinnere ich mich oft an besondere Erlebnisse zurück: Wie wir im Schneetreiben aus der Riepen-Nordwestwand erst im Dunkeln ausgestiegen sind und die Seile so vereist waren, dass wir die Knoten nicht mehr aufbrachten und angeseilt bis in die Hütte zurückgingen. An manche Erstbegehung denke ich oder an meine Alleinbegehung der Fischer-Fohringer an der Kleinen Ochsenwand. Heute kommt mir das Schaudern, wenn ich dort hinaufsehe und daran denke. „Es haben ja nur halb gelebt, die nie da droben standen …“ Und so liege ich in den Almrosenfeldern am Sonntagsberg und sehe zu, wie die Wolkenfelder über die Gipfel hinwegziehen.
DIE FRÜHEN TOURENBÜCHER
Meine Tourenbücher beginnen im Jahr 1958. Genauestens habe ich zehn Jahre bis 1967 jede meiner Touren niedergeschrieben, mit Bemerkungen über Schwierigkeit, meine Befindlichkeit und die meiner Freunde, über Wetter, Anzahl der nach der Tour getrunkenen Biere oder die mühsamen Anfahrten in die Dolomiten mit Eisenbahn und Bus. Über das „sauschwere“ Gepäck habe ich geschimpft, über einen Sonnenuntergang vor dem Zelt habe ich gejubelt.

Zehn Jahre Tourenbücher: Sauschweres Gepäck, bejubelte Sonnenuntergänge und viele Biere – alles ist festgehalten.
20. 6. 1962: Fleischbank-SO-Verschneidung, Versuch und Umkehr, dafür auf den Bauernpredigtstuhl, Rittlerkante
21. 6. 1962: Karlsspitze Direkte Ostwand, am Nachmittag per Autostopp nach Innsbruck, da am nächsten Morgen Darstellende-Geometrie-Schularbeit, danach wieder per Autostopp nach Ellmau und auf die Gaudeamushütte
22. 6. 1962: Fleischbank-SO-Verschneidung, diesmal hat’s funktioniert, und anschließend noch Predigtstuhl-Westverschneidung – habe alles geführt!
7. 7. 1963: In den Kalkkögeln: In der Früh Kleine Ochsenwand: Fischer-Fohringer, am Nachmittag Riepenwand, Alte NW-Wand
6. – 22. 8. 1962: Dolomitenurlaub:
Schwer bepackt mit 3 Rucksäcken und einem Zelt mit dem Bus nach Misurina und zu Fuß auf die Auronzo-Hütte und weiter zur Lavaredo-Hütte, dort stellen wir das Zelt auf.
8. 8. 1962 Kleine Zinne, Gelbe Kante
10. 8. Westliche Zinne, Demuthkante
11. 8. Große Zinne, Nordwand, Comiciführe
13. 8. Weiter in die Civetta
16. 8. Torre Valgrande NW-Wand
18. 8. Civetta-NW-Wand: wieder habe ich fast alles geführt!
1. Winterbegehung, Kleine Ochsenwand, Bazanellapfeiler
aus dem vierten Tourenbuch, 1963
Am Samstag, dem 28. 12. 1963 fahren wir mit dem Bus mit unseren Riesenrucksäcken in die Axamer Lizum, mit dem Lift geht’s auf den Hoadl und hinten hinunter auf die Kemater Alm. (Jetzt kann man wirklich singen: … Zwoa Brettln und nirgends a Schnee …)
Diesen „schneelosen“, aber eiskalten Winter wollen wir – Heralt Schneider und ich – aber zum Klettern nützen. Bereits am nächsten Tag steigen wir in Richtung Alpenklubscharte hinauf. Wir wollen die 2. Winterbegehung der Fischer-Fohringer-Route an der Kleinen Ochsenwand machen. Erst um 11:00 Uhr steigen wir ein. Es ist saukalt (soll heißen sehr sehr sehr kalt!), 2x habe ich den „Hoanigl“, doch bald werden die Finger wieder warm. Nach 1¾ Stunden steigen wir aus. Wir queren das Band zur Alpenklubscharte hinaus, dort treffen wir Sepp und Hansjörg, die die 1. Winterbegehung der rechten Nadelsockelkante gemacht haben.
Am Abend beim Wein kommen wir auf die verrückte Idee, uns den Bazanellapfeiler näher anzuschauen. Um halb acht wachen wir auf. Es ist schönes Wetter, jedoch viel kälter als am Vortag. Wir zögern noch kurz, dann stehen wir auf.
30. 12. 1963 Kleine Ochsenwand, Direkter Nordpfeiler (Bazanella), 1. Winterbegehung
Beim Einstieg zittern und frieren wir. Es fängt ziemlich schwer an. Zuerst geht’s über brüchigen Fels zu einem kleinen Standplatz (kalte Finger!). Ein feiner, überhängender Riss durchzieht den rechten Wandteil. An die Kälte hat man sich jetzt schon gewöhnt und wir klettern ziemlich schnell. Wo der Riss aufhört, quert man nach rechts auf die Kante und geht dort weiter bis auf die Schulter des Pfeilers. Der Haken, der dort angeblich stecken sollte, ist eingeschneit. 10 Meter absteigen über abschüssigen, vereisten Fels, dann spreizt man ca. eineinhalb Meter auf die Wand hinüber, da war mir nicht ganz wohl zumute. Die nächste Länge ging es dann leicht hinauf bis zu einem guten Standplatz.
Jetzt beginnen die Hauptschwierigkeiten: Man quert circa 4 Meter nach links, dann geht es in einen überhängenden Riss hinein. Zuerst stecken noch drei Haken, dann geht’s ca. 8 Meter überhängend, kleingriffig und abdrängend hinauf bis zum nächsten Haken. Dann steckt noch ein Haken, aber es wird noch schwerer! Für die rechte Hand ist ein Griff da, für die linke Hand ein paar kleine Griffe (… du hast ja nur zwei linke Hände, schreit Heralt herauf! …). Tritte sind keine da. Beim nächsten Haken muss ich mich erst einmal erholen. Heralt fotografiert fleißig. Auf den nächsten 5 Metern bis zum Standplatz unter dem Dach sind nur ein paar Miniaturgriffe vorhanden, für die Füße nichts! Der Standplatz ist sehr klein und vor allem luftig. Heralt kommt nach. Den Riss ist er bald heroben, da er eine Fifi hat, doch dann geht ihm bald das Schmalz aus (… die Liesl wird ihn in der Nacht schon nicht schlafen lassen haben, ich hab halt doch die bessere Kondition …). Zuerst zaubert er mit seiner Fifi herum, dann streckt er sich bis zum nächsten Haken, schreit: „ Pass auf, i fliag! …“

Kalte Finger und ein Krampf in den Händen: Heralt Schneider bei der ersten Winterbegehung des Bazanellapfeilers in den Kalkkögeln
Ich rede ihm noch gut zu, jedoch 1½ cm vor dem Haken ist es endgültig aus, Heralt hängt 2 Meter tiefer und flucht! Ich habe ihn ganz gut gehalten, und er versucht jetzt verzweifelt, sich hinauf zu hanteln, doch sein Schmalz lässt immer mehr nach, und nach 45 Minuten kann ich ihn auch nicht mehr halten. Ich lasse ihn noch bis auf ein Band (nach meiner Aussage), Griff (nach Heralts Aussage) hinunter und fixiere dann die Seile. Jetzt habe ich einen Krampf in den Händen und spüre die Finger nicht mehr vor lauter Kälte, und Heralt muss selber schauen, wie er mit seinem Salat zurechtkommt. Er flucht, schimpft, ächzt, wirft mir alle Schimpfworte dieser Welt zu, aber schließlich prusikt er sich zu mir herauf. Inzwischen habe ich meine Finger wieder warm bekommen. Der Standwechsel ist ziemlich schwierig.
Nun geht es über das weit ausladende Dach in einen engen Kamin (ich blieb zuerst mit dem Kopf stecken!) und weiter in einen Riss. Dieser endet nach circa 15 bis 20 Metern in schwieriger Freikletterei auf einem guten Standplatz. Heralt, der noch immer nicht viel Schmalz hat, kann ich nachziehen. Langsam kommt er auch wieder zu Kräften! Nun geht es in eine Höhle und weiter oben aus dieser wieder hinaus. Langsam wird es dunkel. In der darauffolgenden Schlucht ist es saukalt, wirklich saukalt, vereist und dunkel. In einem Riss sehe ich einen Haken stecken. Der Riss wird immer brüchiger, und beim nächsten Haken hänge ich mich hinein, um meine Finger zu wärmen. Beim Weitergehen halte ich mich kurz daran – und habe ihn auch schon in der Hand! Die nächsten 10 Meter bis zum Band sind noch äußerst schwierig und sehr brüchig. Am Band angelangt kann ich endlich aufatmen. Heralt kommt schnell und bald nach und wir queren das Band hinaus zur Alpenklubscharte.
Gewonnen!
Heralt schuldet mir 5 Schnäpse: 2x hat er das Knie verwendet, 1x für den Flug und 2x fürs ziehen! Es sind aber mehr geworden …
P. S. Gagga und Spitz ärgern sich, dass wir ihnen am Bazanellapfeiler zuvorgekommen sind!
DIE INNSBRUCKER BERGSTEIGERSZENE DER WILDEN SIEBZIGER MIT WOLFI NAIRZ, DEM UNBEKÜMMERTEN
Von Oswald Oelz
Meine Stadt der Helden war Innsbruck, von dort stammten die wilden Vorbilder, allen voran Hermann Buhl. Als an einem Sommermorgen 1957 der Radiosprecher meldete, Buhl sei an der Chogolisa abgestürzt, sagte ich erschrocken am Frühstückstisch, mir wäre lieber, meine Schwester wäre gestorben. Vom Vater bekam ich eine Ohrfeige, Mutter war entsetzt und meine Schwester weinte. Aber mir war ernst. Ein Jahr später durfte ich als 15-Jähriger in den Kalkkögeln eine Ausbildungswoche unter Leitung von Wastl Mariner machen und kam 1961 zum Medizinstudium in die Heldenstadt Innsbruck. Hier lebten Walter Spitzenstätter, Otti Wiedmann und Robert Troyer, und mein mich sehr schnell übertreffender Kletterschüler Gagga brachte mich in den Dunstkreis der „Gipfelstürmer“. Von denen wusste man, dass sie wilde Hunde waren und schon einmal ein Hüttenmobiliar zerkleinerten, um bei einem Stiftungsfest herauszufinden, wie groß der resultierende Holzhaufen werde. An einem Standplatz in der Martinswand traf ich den späteren Professor Friedl Purtschscheller. Wenig später machte Puti mich mit Wolfi Nairz bekannt, sicher war es in einer Kneipe: „Das hier ist der Wolfi, der studiert Glaziologie, auf der Uni sieht man ihn nie, der ist immer am Gletscher oder beim Klettern.“ Wolfi beherrschte schon damals die Kunst des entspannten Seins, das trotzdem oder deswegen erfolgreich war. Er war Mitglied des Akademischen Alpenklubs und damit automatisch Konkurrent, da ich mich im Kreis der „Gipfelstürmer“ bewegte.
An einem Samstagabend saßen Kurt „Gagga“ Schoißwohl, Robert Troyer und ich im Gasthaus, als das Wort Rotwand fiel. Drei Stunden später waren wir dank Robert am Karerpass und beim Morgengrauen am Einstieg der direkten Führe von Brandler und Hasse. Mittags erwarteten uns die Gipfelstürmer mit zwei Flaschen Kalterer See am Gipfelplateau. Daraus wurde ernsthaftes Trinken und resultierte meine Aufnahme in diesen elitären Club. Dies war meiner Meinung nach für einen Vorarlberger das Höchste, was in Innsbruck zu erreichen war. Somit konnte ich die Großen auf Augenhöhe ansprechen, selbst wenn sie Klassen besser waren. Dieses verheißungsvolle Kletterleben wurde durch meine Promotion jäh unterbrochen, und ich verzog zur weiteren medizinischen Tätigkeit nach Zürich. Hätte da nicht Gert Judmaier am 3. September 1970 am Gipfelgrat des Mount Kenya einen sehr großen lockeren Felsbrocken gelöst und wäre damit abgestürzt, hätte ich im Leben wohl noch einige Touren und Trekkings gemacht, wäre aber in der Bergsteiger-Anonymität verdämmert. Dank der offenen Unterschenkelfraktur von Gert auf 5100 Meter in totaler Einsamkeit und wildestem Gelände und der siebentägigen Bergung kam ich in Innsbruck wieder ins Gespräch. Die primäre Versorgung mit Hilfe kenianischer Bergsteiger und die vom Vater Fritz Judmaier mit Gerhard Flora organisierte Rettung brachte uns in die Schlagzeilen der Presse bis zu einer langen Geschichte im Reader’s Digest. Nur in Innsbruck konnte damals innert 24 Stunden eine so professionelle Rettungstruppe zusammengestellt werden: Walter Spitzenstätter, Werner Haim, Horst Bergmann, Walter Larcher, Kurt Pittracher und Raimund Margreiter. Für mich geschah damals ein Wunder, Gert überlebte, die Innsbrucker Szene hatte im Ernstfall perfekt funktioniert.
Dann besuchte ich Gert in der Innsbrucker Chirurgischen Klinik, die hatten damals so eine Art Bergsteigerabteilung. Wer immer irgendwo herunterfiel und nicht gleich tot war, im Seil gehangen oder sich Finger oder Zehen erfroren hatte, wurde dort behandelt. Im Bett neben Gert lag mit grimmigem Gesicht Reinhold Messner, der nach der Überschreitung des Nanga Parbat und dem Lawinentod seines Bruders Günther auf die Amputation seiner schwarzen Zehen wartete. Wir kamen schnell ins Gespräch, er sagte mir, dass Wolfi Nairz eine Expedition zum Baur-Sporn am Kangchendzönga plane und dass ich als Expeditionsarzt vorgesehen sei. Wenig später tauchte auch Wolfi auf und bestätigte das. Ich sagte zu, ohne eine Sekunde zu zögern. Erstens wollte ich unbedingt in den Himalaya und zweitens war ich felsenfest überzeugt, dass der lockere Tunichtgut Wolfi unter Wunschträumen litt und ein solches Unternehmen nie organisieren könne.
Erwartungsgemäß scheiterte das Gesuch für den Kantsch in Delhi, aus Nepal kam aber die Genehmigung für die Südwestwand des Manaslu. Wir trafen uns regelmäßig in Innsbruck, aus Wolfis Wohnung wurde ein chaotisches Materialdepot und die neuen Kameraden Andi, Franz, Hans, Josl, Horst und Reinhold zu Freunden. Auch die Finanzierung war chaotisch, aber gelegentlich tröpfelten einige Schillinge herein. Wolfi machte das, wir brauchten uns um wenig zu kümmern und, wie er versicherte, uns keine Sorgen zu machen, er habe gute Verbindungen zu Walli, dem legendären Landeshauptmann. Die Kontakte wurden im Gasthaus Stiegl gepflegt.
Kaum fassbar für mich, aber im März 1972 wurden wir, Krawatte tragend, im offiziellen Expeditionsdress verabschiedet. Wir wussten, wo unser Berg stand, und hatten ein einziges Foto der Südwestwand gesehen, aber Wolfi meinte, dass wir schon einen Weg finden würden. Kathmandu war ein charmant dreckiges Nest, wir fanden unseren Berg und dank unserer Cracks auch eine einigermaßen sichere Aufstiegsroute. Einmal war im Basislager Damenbesuch angekündigt, Françoise, eine blonde Trekkerin aus der Westschweiz, wollte uns besuchen. In der Männergruppe wurde der Einsatz von Seife dramatisch gesteigert, und ich hatte mein Nachtlager aus dem gemeinsamen Zelt mit Wolfi zu räumen und in ein winziges Hiebeler-Zelt zu verlegen. Als dieses in der Nacht wegen Schneeregens tropfnass wurde, wälzte ich mich in meinem Schlafsack und dachte daran, was Wolfi und Françoise wohl machten und überhaupt ob. Für diesen Freundschaftsdienst revanchierte sich Wolfi später in größeren Höhen. Als ich auf 7000 Meter ein Höhenlungenödem erlitt, brachte mich Wolfi voller Fürsorge Tausende Meter tiefer, wo ich mich erholte und dann die Erfrierungen von Reinhold und Horst, den übrig Gebliebenen aus der Gipfelzone, versorgen konnte. Schon beim Abschiedsgedenken für Andi Schlick und Franz Jäger vereinbarten wir eine weitere Expedition.
Zwei Jahre später bissen wir uns in der Makalu-Südwand fest. Wieder hatte Wolfi mit unerschütterlichem Optimismus ein unmögliches Ziel möglich gemacht. Dass wir letzten Endes nicht bis zum Gipfel kamen, tat unserem Tatendrang keinen Abbruch. Schließlich wartete der Everest.
Diese Reise war abgesehen vom Tod unseres Sherpas Dawa Nuru im Khumbu-Eisfall unsere glücklichste, das begann schon beim Anmarsch ins Basislager. Ich lernte eine amerikanische Trekkerin mit dem aufreizenden T-Shirt „Runners Make Better Lovers“ kennen, die mich dann im Basislager besuchte und einige Tage blieb. Ihre Freundin zog bei Reinhold ins Zelt. Die Sherpas warnten uns: Frauen im Base Camp brächten Unglück, zudem würden Reinhold und ich den Gipfel sicher nicht erreichen, da wir unsere Kräfte unnötig verschleuderten. Vereinzelt wurden Forderungen laut, die beiden Frauen hätten zu verschwinden. Da war Wolfi, unser „Bara Sahib“, großzügiger und weitsichtiger: „What makes my members happy, makes me happy.“ So erreichten Wolfi, Reinhold und letzten Endes auch ich den Gipfel der Erde.

KAPITEL 2
DUNKELHEIT, KÄLTE UND LAWINEN AM LYSKAMM
Diesen Augenblick haben wir lange herbeigewünscht: Andi steht schon auf dem Gipfel in der Sonne, Franz und ich steigen die letzten Meter hinauf, hinauf zur Sonne, die wir drei Tage nicht mehr gesehen haben.
Vor drei Tagen, am 5. Jänner 1971, um zwei Uhr früh, sind wir von der Monte-Rosa-Hütte aufgebrochen. Unsere schweren Rucksäcke haben wir am Vortag zum Einstieg getragen. Der Mond ist schon wieder untergegangen, es ist dunkel und unheimlich kalt. Wir kommen rasch voran, denn wir haben noch die Spuren vom Tag davor. Über den rechten Wandteil hören wir eine Lawine donnern. Gleich darauf wieder unheimliche Stille. Um sechs Uhr seilen wir uns am Wandfuß an und machen die Steigeisen fest. Im ersten Lichtschein steigen wir ein.
Über einen Lawinenkegel kommen wir zuerst gut weiter. Aber bald stehen wir auf blankem Eis. Schlechtem, spröden Wassereis, das wegbricht. Darunter schimmert es grün. Es lassen sich keine Eisschrauben anbringen, wir sind gezwungen, Eishaken zu schlagen, was viel Zeit und Kraft kostet. Gerade jetzt ist jede Minute kostbar, denn über uns hängen drohend einige Eisbalkone, die jeden Augenblick abbrechen können. Wir queren hinüber zu den Felsen, dort sind wir sicherer. Die Standplätze sind schlecht, die Sicherungsmöglichkeiten gleich null. Am Nachmittag haben wir noch nicht einmal die Höhe der ersten Terrasse erreicht.
In einer steilen Rechtsquerung führt Franz hinüber zu dieser Terrasse. Er muss jetzt Stufen schlagen, da weder Schrauben noch Haken halten. Die Sonne ist weg. Wir klettern noch zwei Seillängen, dann finden wir eine große, zugewehte Spalte. Nach kurzer Zeit haben wir eine nicht sehr geräumige, aber doch einigermaßen bequeme Schlafhöhle fertig. So gut es geht, richten wir uns gemütlich ein. Überschuhe und Gamaschen werden ausgezogen, die ganze Schlosserei an der Eiswand der Spalte aufgehängt. Wir kriechen in unsere Schlafsäcke, bald schnurrt der Kocher – endlich gibt es etwas Heißes zu trinken. Franz klagt über seine Zehen. Andi und ich massieren sie, bis wir vor Müdigkeit einschlafen.
Kaum zu glauben, dass man bei einem Biwak mit Außentemperatur von minus 30 bis 35 Grad gut schläft. Wir haben gut geschlafen. Wir haben sogar verschlafen! Es war schon taghell, als wir aufwachten. Ein neuer Tag, ein wolkenloser, aber genauso kalter Tag begann. Wir hofften, heute den Gipfel zu erreichen, aber es sollte anders kommen.
Vier Seillängen in steilem, schlechtem Eis führen hinauf bis zu den Felsen. Hier gilt es, einen geeigneten Durchstieg zu finden, den wir auch bald entdecken. Sehr langsam kommen wir weiter, die schweren Rucksäcke lassen uns ganz schön schnaufen, dabei haben wir wirklich nur das Allernotwendigste eingepackt. Heute ist es unangenehmer als gestern, zur Kälte kommt ein starker Wind, laufend rieseln Schneefontänen über uns hinweg. Um ein Uhr mittags haben wir Funkkontakt mit Freunden am Gornergrat: „Grüße aus Innsbruck, man ist sehr besorgt um euch, viele haben angerufen.“ – „Uns geht es so weit gut, bis auf die große Kälte …“
Man glaubt nicht, was ein paar vertraute Worte von „außen“ ausmachen. Man ist doch nicht allein! Das gibt Auftrieb! Seillänge um Seillänge geht es weiter. Der Höhenmesser zeigt 4200 Meter; es wird bereits wieder Abend, wir haben uns mit einem zweiten Biwak abgefunden. Es wird schon dunkel, doch wir können keinen geeigneten Biwakplatz finden. Im Mondlicht steigen wir noch ein paar Seillängen weiter bis zum Gipfelhang unter einem großen Eiswulst. Hier hat der Wind viel Schnee hereingeweht. Im Mondschein und beim Licht der Taschenlampen graben wir uns ein Loch in den etwa 50 Grad steilen Hang, aber sehr weit und tief kommen wir nicht, bald stoßen wir wieder auf Eis. Es ist sehr eng in diesem kleinen Loch. In der Nacht weht es immer wieder Schnee auf unsere Schlafsäcke, und es ist viel kälter als in der letzten Nacht.
Am Morgen sind wir bald beim Eiswulst. Wir wissen, darüber ist der Gipfel – und die Sonne. Andi probiert es rechts – unmöglich! Sehr schlechtes, senkrechtes Eis verwehrt den Durchstieg. Wir klettern nach links in die Felsen. Von hier quert Andi dann unter dem Eiswulst entlang noch weiter nach links. Immer noch versperren überhängende Eiswände den Ausstieg. Endlich findet Andi einen geeigneten Durchstieg. Meisterhaft bewältigt er dieses letzte Problem, seinen Rucksack seilen wir auf.
Die Schwierigkeiten liegen hinter uns – vor uns der Gipfel, die Sonne, nach drei Tagen endlich wieder Sonne! Überglücklich!
„IM STRASSENGRABEN SCHLAFEN WIR, DANN RENNEN WIR ZUM EINSTIEG“
Die erste Winterbegehung der Nordwand des Lyskamms in den Walliser Alpen zusammen mit Andi Schlick und Franz Jäger war zweifelsohne ein Meilenstein deiner Kletterkarriere. Das wird schon klar an der Intensität, mit der du dieses Unternehmen beschreibst. Da ist nichts mehr von der Unbekümmertheit deines Berichts über den Bazanellapfeiler, jetzt geht’s um Ernsteres. Was ist dazwischen geschehen?
Eine Zeitlang hat sich am Stil meiner Bergfahrten nicht viel geändert, außer dass sie immer schwerer wurden. Immer noch sind wir beispielsweise bei Dunkelheit um vier Uhr früh mit dem Fahrrad von Innsbruck in den Wilden Kaiser gefahren, bis auf die Wochenbrunner Alm. Über die Gaudeamushütte sind wir aufs Stripsenjoch und weiter zum Einstieg der Fleischbank oder des Predigtstuhls gerannt. Nach der Tour ging sich noch ein schnelles Bier aus, bevor wir uns wieder aufs Rad geschwungen haben und beim Dunkelwerden in Innsbruck ankamen. Müde, aber glücklich.
1966 steht die Direkte Nordwand der Lalidererspitze, die Rebitsch-Spiegl-Route im Karwendel, in meinem Tourenbuch, die damals zu den ganz schwierigen Touren zählte. Mein Partner ist Gernot Wersin vom Akademischen Alpenklub Innsbruck, der schon ein Auto hatte. Wir fahren am Nachmittag in die Eng, schlafen bis drei Uhr früh im Straßengraben und rennen dann zum Einstieg. Um sieben Uhr steigen wir ein, nach zwölf Stunden Kletterzeit haben wir die Wand geschafft. „Bis jetzt meine schwerste und vor allem gefährlichste Tour. Abstieg und langer Hatscher nach Scharnitz“ steht in meinem Tourenbuch.
Apropos „gefährlichste Tour“: Bist du von Unfällen verschont geblieben?
1969, bei einem 40-Meter-Sturz in der Goldkappl-Südwand, hatte ich – ähnlich wie Hias Rebitsch mehr als 30 Jahre zuvor – Glück im Unglück. Andi Schlick und ich gingen das erste Mal mit Doppelseil. Beim Sturz riss ein Seil, das zweite war zwar auch angeschlagen, aber es hielt. Glücklicherweise konnten wir noch aussteigen.
Du warst inzwischen auch mit neuen Partnern unterwegs.

Lalidererwände (Standort Mahnkopf), Öl auf Leinwand, 50 × 70 cm (Foto Maria Peters)
Mit den Innsbruckern Georg Wurm und Sepp Strickner gelangen schwerste Dolomitentouren. Mit Georg und Günter Wurm habe ich in nur acht Stunden die Matterhorn-Nordwand durchstiegen.
Du hast in der Zwischenzeit die Bergführerprüfung gemacht. Wolltest du dir tatsächlich als Bergführer deinen Lebensunterhalt verdienen?
Nein. Es hat mich einfach interessiert und ich konnte dabei viel lernen. Kursleiter waren Kuno Rainer, Ernst Senn und der legendäre Rudl Steinlechner. Die Ausbildung, die ich 1967 abschloss, war höchst anspruchsvoll, von ganz Österreich kamen die besten Bergsteiger, die Stars darunter waren Walter Almberger und Kurt Diemberger. Von Anfang an verstand ich mich bestens mit Andi Schlick, Franz Jäger und Hansjörg Hochfilzer, meinen späteren Partnern im Himalaya. Dieses Einverständnis betraf nicht nur das Bergsteigerische. Auch abends beim Glasl Wein, beim Singen und Gitarrespielen waren wir auf einer Wellenlänge. Manchmal sind wir erst in der Früh vom Hüttentisch aufgestanden und gleich auf Tour gegangen. Die Lehrer haben das toleriert, weil wir konditionell immer gut mithalten konnten.

Habt ihr damals schon an den Himalaya gedacht?
Zwangsläufig. Wir haben natürlich erfahren, dass Reinhold Messner und sein Bruder Günther zu einer Nanga-Parbat-Expedition eingeladen waren, ebenso die beiden Tiroler Felix Kuen und Werner Haim. Waren die um so viel besser? So reifte im Hinterkopf von Andi, Franz, Hansjörg und mir der Gedanke, das Glück in den Weltbergen einmal selbst zu versuchen. Dazu brauchten wir aber noch Erfahrung.
Nach der Bergführerausbildung arbeiteten wir für eine Bergsteigerschule, von der wir uns in die Westalpen einteilen ließen, sodass wir durchgehend sechs Wochen in Zermatt und Chamonix verbrachten. Am Sonntag trafen wir unsere Gäste, die wir eine Woche betreuen sollten. Von Anfang an legten wir ein solches Tempo vor, dass das Wochenprogramm schon am Mittwoch erledigt war und die Gäste, erschöpft, aber glücklich, am Donnerstag heimfuhren. Wir aber hatten ein überlanges Wochenende ganz für uns zur Verfügung.
Wie war zu dieser Zeit dein Kontakt zu Hias Rebitsch?
Der hat uns immer bestärkt, uns höchste Ziele zu setzen, wir haben aber gewusst, dass uns noch einiges fehlte, nämlich schwere Winterbegehungen in den Westalpen, und so kam es zur Lyskamm-Nordwand.
Die hat in Bergsteigerkreisen, aber auch in den Medien ein großes Echo ausgelöst. Hat sie auch für euch Folgen gehabt?
Zunächst hat sie körperliche Spuren hinterlassen. Franz hatte sich die Zehen erfroren, ein paar davon mussten amputiert werden. Im Innsbrucker Krankenhaus lag zur gleichen Zeit Reinhold Messner mit seinen Erfrierungen von der Rupalwand des Nanga Parbat. Bald waren wir uns einig, gemeinsam auf eine Expedition zu gehen. Josl Knoll und Horst Fankhauser sollten ebenfalls dabei sein, und Oswald Oelz war als Expeditionsarzt vorgesehen.
Warum war gerade der Manaslu das Ziel?
Das hat wieder mit Hias Rebitsch zu tun. Der hat uns einerseits eine Schiene gelegt zu Paul Bauer, dem legendären, politisch nicht unumstrittenen Expeditionsleiter der 1930er-Jahre, der während des Nationalsozialismus die zentrale Figur des organisierten Bergsports war, und andererseits zum Alpenvereinskartografen Erwin Schneider, der wiederum den Nazis offen ablehnend gegenüberstand und – was besonders wichtig war – gute Beziehungen zur Regierung des Königreichs Nepal hatte.
So kam es, dass wir zuerst eine Genehmigung für den Kangchendzönga erhielten, die aber aufgrund des Indisch-Pakistanischen Kriegs wieder gestrichen wurde, und dann, wieder mit Hilfe von Erwin Schneider, eine Bewilligung für den Manaslu. Allerdings nur von der Südseite, von der niemand wusste, wie sie aussah, wie man dort hingelangte und welche Schwierigkeiten uns erwarteten. Wir studierten die einschlägige Literatur und besuchten voller Respekt den legendären „Himalayaprofessor“ Günter Oskar Dyhrenfurth in der Schweiz. Ein einziges Foto und eine Kammverlaufsskizze kramte er aus seiner Schublade hervor, das war alles, was wir von der Südseite des Manaslu zu sehen bekamen.

Vor der Laliderer-Nordwand: Wolfgang Nairz, Hias Rebitsch, Darshano L. Rieser, Reinhard Schiestl
BARA SAHIB WOLFI
Von Reinhold Messner
26 Jahre alt, entschied Wolfgang Nairz 1970, eine Expedition in den Himalaya zu führen, und schon zwei Jahre danach ging es zum Manaslu, einem Achttausender in Nepal. Der Berg, erst zweimal – von Nordosten und von Westen – bestiegen, sollte von Süden angegangen werden.
Es gab damals weder Fotos noch Karten von der Südseite dieses achthöchsten Gipfels der Erde, keine Satellitenbilder und auch keine Trekkingrouten in unmittelbarer Nähe. Nach der Eroberung der Achttausender-Gipfel zwischen 1950 und 1964 ging es jetzt um neue Zugänge zu den höchsten Bergen der Welt, um neue Routen und einen anderen Stil als noch zehn Jahre zuvor. Hatten bei der Erkundung und Erstbesteigung der Achttausender noch nationale Emotionen und daher auch nationales Back-up eine wichtige Rolle gespielt, sah sich Wolfgang Nairz jetzt als Organisator einer Expedition ins Ungewisse. Weder die zu erwartenden Schwierigkeiten und Gefahren waren voraussehbar, und schon gar nicht das Zusammenspiel der Mannschaft, die aus lauter eigenständigen Persönlichkeiten bestand.
Wolfi führte seine Expedition nicht autoritär, alle wichtigen Entscheidungen wurden in der kleinen Gruppe diskutiert und wenn auch nicht demokratisch abgestimmt, so doch nach der Haltung der Mehrheit umgesetzt. So trugen wir alle Wolfis Leadership mit und respektierten ihn als Expeditionsleiter. Ich hatte das Glück, als Südtiroler bei der vornehmlich aus Tiroler Bergführern zusammengesetzten Mannschaft dabei zu sein und mit ihnen zwei Monate „am Ende der Welt“ zu operieren.
Das Expeditionsbergsteigen im deutschen Sprachraum unterlag damals großteils noch den Prämissen aus der Zwischenkriegszeit – Führerprinzip und militärisch geprägtes Kameradschaftsideal. Die Skepsis in Alpenvereinskreisen zu der so ganz anderen Nairz-Expedition war unüberhörbar: vor der Abreise zwar leise, nach der Tragödie am Gipfelplateau des Manaslu, bei der Franz Jäger und Andi Schlick zu Tode kamen, aber umso anklägerischer und lauter. Wolfi aber stand fest zum Geschehen am Berg und zu seiner Mannschaft.
Meine Erfahrungen beim Expeditionsbergsteigen – ich hatte nach der Erstbegehung der Rupalwand am Nanga Parbat meinen Bruder in einer Lawine verloren – waren bis dahin mehr als traurige gewesen. Der Expeditionsleiter Herrligkoffer hatte uns Teilnehmern bei diesem Unternehmen 1970 nicht nur Verträge unterschreiben lassen, die jede eigene Berichterstattung unmöglich machen sollten, er hatte auch alle eingespielten Seilschaften nach dem Prinzip „divide et impera“ auseinanderdividiert. Er war als Nichtbergsteiger zwar nicht in der Lage, vernünftige Entscheidungen für das Fortkommen am Berg zu treffen, formte aber jenen unmöglichen Satz, „wer sich meinen Befehlen entzieht, entzieht sich auch meiner Verantwortung“, der mich für alle weiteren Zeiten von autoritären Expeditionen fernhalten sollte.
Leadership hat mit Einfühlungsvermögen in die Mannschaft, mit Verantwortungsgefühl und mit der Fähigkeit zu tun, sich auf eine Stufe mit seinen Mitstreitern zu stellen. Für diese Leadership stand Wolfi.
Die Hilfe der Sherpas, die 1972 auf eine mehr als 50-jährige Trägerkultur aufbaute, war auch bei unseren Expeditionen eine Basis für den Erfolg. Obwohl wir Sahibs alle Absicherungsarbeiten beim Aufbau der Hochlager selbst erledigten, bewältigten sie auch über die schwierigen Passagen den Nachschub.
Es waren die Sherpas, die dem jungen Wolfgang Nairz den Titel Bara Sahib – übersetzt der große weiße Mann – gaben, und ihn damit adelten: für seine überlegte und überlegene Führung, für seine bergsteigerische Leistung, für sein Einfühlungsvermögen. Kurz für seine Leadership. Seit damals ist Wolfi unser Bara Sahib. Ich habe mit ihm ein halbes Dutzend Expeditionen zu den Bergen der Welt – Manaslu, Makalu, Mount Everest, Ama Dablam, Dhaulagiri – mitgemacht, und immer hat er seine Leadership bewiesen. Nicht immer waren wir erfolgreich, immer aber sind wir in Frieden nach Hause gekommen.
„EIN HUND NAMENS KARL MARIA“
An der Spitze der beiden sehr erfolgreichen Himalaya-Expeditionen von 1953, die du als Kind sehr bewusst wahrgenommen hast, standen zwei starke Expeditionsleiter, am Everest der britische Armeeoffizier John Hunt und am Nanga Parbat der deutsche Arzt Karl Maria Herrligkoffer. Wann wurde dir die Bedeutung des Expeditionsleiters für eine Expedition bewusst?
Sehr früh. Nicht nur durch die beiden genannten Expeditionen, sondern auch durch die Literatur. Ich habe alles gelesen, von einem Paul Bauer oder einem Norman Dyhrenfurth, bei denen die Wichtigkeit eines starken Expeditionsleiters betont wird. Ich wollte ja anfangs nicht selbst Expeditionsleiter sein, aber dann hat mich vor allem Hias Rebitsch darin sehr bestärkt, diese Rolle selbst zu übernehmen. Ich wollte einfach in die Weltberge hinausfahren, aber der Hias hat gesagt, du musst das selbst machen, einer muss die Entscheidungen treffen, und einer muss die Verantwortung haben, und einer muss schließlich auch die ganze Organisation machen, also „spiele“ den Expeditionsleiter!
Hast du als Expeditionsleiter Vorbilder gehabt?
Diese 1930er-Jahre-Expeditionen, die ich aus der Literatur gekannt habe, waren natürlich völlig anders geführt worden als dann unsere Expeditionen, auch die 1953er-Everest- und Nanga-Parbat-Expeditionen waren andere. Bei den Briten und bei den Deutschen ist es um den Nationalstolz gegangen. Bei den Engländern ist es darum gegangen, den „dritten Pol“, also den höchsten Punkt der Erde zu erreichen, nachdem sie am Nord- und Südpol gescheitert waren. Und der Nanga Parbat war eben der deutsche Schicksalsberg, wie man ihn immer bezeichnet hat.
Hias Rebitsch hat das dann später relativiert, indem er vom sogenannten deutschen Schicksalsberg gesprochen hat. Hermann Buhl ist ja gegen den Befehl Herrligkoffers zum Gipfel gegangen. Weißt du, ob er nach seiner Rückkehr darüber gesprochen hat?
Ich kann mich daran nicht erinnern, ich glaube nein.
Du hast später ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu Edmund Hillary, dem Erstbesteiger des Everest, gehabt. Hat er über seinen Expeditionsleiter John Hunt und über dessen Führungsstil gesprochen?

Treffen der Legenden: Edmund Hillary (links) und John Hunt 40 Jahre nach der Everest-Erstbesteigung im Gespräch mit Wolfgang Nairz
Ja. Und ich habe auch Hunt selbst kennengelernt. 1993, zum vierzigjährigen Jubiläum der Erstbesteigung, haben die alten Herren Hunt, Hillary und Lowe einen Ausflug zum Everest gemacht, und ich durfte sie teilweise begleiten. Manfred Gabrielli vom ORF sollte nämlich einen Film drehen, ist aber leider höhenkrank geworden. So habe ich die ganzen Interviews mit Hillary, Hunt und dem Kameramann George Lowe geführt. Und da ist sehr wohl dieses Verhältnis Hunt–Hillary spürbar gewesen. Und man hat gemerkt, dass der Offizier Hunt schon ein sehr bestimmender Mann war. Das hat man auch nach 40 Jahren noch herausgehört, wenn Hillary immer gefragt hat: „John, what do you say to this?“ Oder „John, what would you say to that?“
Und wie war das bei euren Expeditionen?
Ich habe immer gesagt, bei einer Expedition muss Demokratur herrschen – also Demokratie und Diktatur gemeinsam: Die Meinung der Mannschaft zählt, aber das letzte Wort hat immer der Expeditionsleiter. Wir haben versucht, alles gemeinsam zu diskutieren und eine Lösung zu finden. Aber wenn es keinen Konsens gibt, dann muss jemand entscheiden, und das ist der Expeditionsleiter. Und das hat bei meinen Expeditionen funktioniert und es hat sich jeder daran gehalten.
Hast du von Herrligkoffer und Hunt etwas gelernt?
Von Herrligkoffer sicher nicht. Der Stil von Herrligkoffer – alles, was ich darüber gelesen habe und dann in weiterer Folge auch von Leuten wie Reinhold Messner gehört habe, vor allem wie es am Nanga Parbat 1970 zugegangen ist – war mir zutiefst zuwider. Allein die Expeditionsverträge, die damals die Mitglieder unterschreiben mussten, würden wahrscheinlich bei keinem Gerichtshof standhalten. Das waren Knebelverträge – das war ja beim Buhl auch schon so. Wenn Buhl nicht 1957 an der Chogolisa abgestürzt wäre, dann wäre das Verhältnis zu Herrligkoffer vermutlich genauso eskaliert wie später bei Reinhold Messner. Also von Herrligkoffer habe ich sicher nichts übernehmen können. Von Hunt hingegen schon. Ich hab die Bücher von der 1953er-Expedition verschlungen. Da waren beispielsweise die Ausrüstungslisten genau wiedergegeben, also was man alles mitnehmen muss. Das ging ja bis zur Rolle Klopapier, die man damals in Nepal nicht kaufen konnte. Da habe ich organisatorisch von der britischen Expedition sehr viel profitiert und mir einiges abgeschaut.
Von Hunt ist überliefert, dass er nach dem Gipfelsieg den Schweizern, die ein Jahr davor am Everest gescheitert waren, geschrieben hat: „To you a good half of the glory.“ Also euch, eurer Vorarbeit, gebührt die Hälfte unseres Ruhmes. Das war so ein Statement von britisch sportlicher Fairness. Wäre das Herrligkoffer zuzutrauen gewesen?
Nein. Sicher nicht.
Euch hat Herrligkoffer einmal mit einem Prozess gedroht – eine lustige Geschichte.
Ja. 1972, als wir am Manaslu waren, war eine Expedition Herrligkoffers in der Südwestwand des Everests am Weg. Uns ist im Basislager ein kleiner Hund zugelaufen, den haben wir Karl Maria getauft. Und als man uns gefragt hat, warum der Hund Karl Maria heißt, haben wir gesagt, weil er nicht übers Basislager hinausgeht. Herrligkoffer war ja kein Bergsteiger, er war ein Expeditionsleiter, der sein großes Messezelt im Basislager gehabt und von dort agiert hat und nie in größere Höhen hinaufgegangen ist. Als Herrligkoffer die Geschichte mit dem Namen des Hundes zu Ohren bekommen hat – im Buch „Sturm am Manaslu“ von Reinhold Messner ist sie ja auch beschrieben –, wollte er uns spontan klagen. Aber es war ihm dann doch zu blöd.

Franz Jäger im Manaslu-Basislager mit unserem Hund Karl Maria
Die Anekdote wirft aber ein bezeichnendes Licht auf eure Unbekümmertheit und damit auch ein wenig auf euren Expeditionsstil. Ihr wart schon – wenn ich es einmal so sagen darf – rotzfreche Typen, oder?
Ja, es hat sich – auf Deutsch gesagt – „koana was gschissn“ (Lachen). Es war ja die Zeit der Nach-Achtundsechziger. Deshalb habe ich mein vorhergehendes Buch ja auch „Die wilden siebziger Jahre im Himalaya“ genannt.
Ein Schlüsselwort jener Zeit war das „Aussteigen“. Wart ihr Aussteiger? Sind vielleicht Bergsteiger generell Aussteiger?
Aussteiger waren wir nicht und wollten es auch nicht sein. Wir wollten vor allem so viel Zeit wie nur irgendwie möglich neben dem Beruf oder Studium in den Bergen verbringen. Aber wichtig war, bei aller Unbekümmertheit und aller Frechheit, dass wir alle gute Bergsteiger waren. Und dass wir uns gut kannten. Beides zusammen war die Voraussetzung für die Erfolge. Mit guten Bergsteigern etwas zu tun, ist einfacher, wenn sich diese kennen, wenn sie befreundet sind, bevor sie irgendwo in die Weltberge hinausziehen. Es ist schwieriger, wenn sich eine international zusammengewürfelte Expedition erst am Berg trifft und dann Top-Bergsteiger aus verschiedensten Nationen erstmals zusammenarbeiten sollen. Da zählt dann oft vor allem persönlicher Ehrgeiz und weniger das Gemeinsame.

Kathmandu, Frühjahr 1982: Wolfgang Nairz lauscht den Erzählungen Herbert Tichys über die Erstbesteigung des Cho Oyu.
In dem Buch, das vor ein paar Jahren zum 100. Geburtstag des Cho-Oyu-Erstbesteigers Herbert Tichy erschienen ist, hast du ein Kapitel geschrieben. Und da beschreibst du den Expeditionsstil Tichys als sehr unterschiedlich zu dem der Expeditionen Herrligkoffers und Hunts, deren Berichte – und jetzt zitierst du Tichy – „fast wie Kriegsmeldungen klangen und deren Teilnehmer wie Soldaten einen feierlichen Eid der Kameradschaft schworen“. Im Gegensatz dazu war Tichys Expedition bescheiden, was das Budget und die Zahl der Teilnehmer betraf. Und er hat damit – wie du schreibst – das Himalaya-Bergsteigen revolutioniert. War er ein Vorbild für den Expeditionsleiter Nairz?
In einem hohen Maß. Dazu trug bei, dass mit Herbert Tichy, den ich ja erst viel später kennengelernt habe, auch der Tiroler Sepp Jöchler unterwegs war. Und Jöchler war – wie Buhl – ein „Karwendler“ und ist auch bei uns zu Hause ein und aus gegangen. Ihn habe ich also auch früh als Vorbild gehabt. Und Tichys Buch „Cho Oyu – Gnade der Götter“ war für mich prägend, auch für den Stil unserer Expeditionen.
In deinem Buch „Die wilden siebziger Jahre im Himalaya“ beschreibst du eine Situation am Cho Oyu. Da heißt es: „Im Basislager setzten wir uns mit allen Sherpas zusammen. Ich machte ihnen klar, dass wir alle gemeinsam hart arbeiten müssen, wenn wir den Gipfel erreichen wollen, und dass es keinen Unterschied zwischen Sherpas und Sahibs gibt.“ „Wenn wir alle zusammenarbeiten“ – das war die Botschaft –, „hat auch jeder eine Chance auf den Gipfel“. War das der große Unterschied zu dem Stil der vorhergehenden Generation, dass man auch mit den Sherpas gemeinsam plante?
Klar, das brachte uns auch Vorteile. Wir profitierten ja von den Erfahrungen der Sherpas. Und da war eben Tichy ein Vorreiter, der am Cho Oyu seinen Sherpa Pasang Dawa Lama als gleichberechtigtes Expeditionsmitglied ansah.

Manaslu-Südwand 1972: Hans Hofer (rechts) und Wolfgang Nairz im Schmetterlingstal

KAPITEL 3
MANASLU 1972: DER „BERG DER SEELE“ ALS ORT DER PRÜFUNG
Mein erstes Expeditionsziel im Himalaya war also 1972 der Manaslu, mit 8163 Metern Höhe der achthöchste Berg der Erde, dessen Namen „Berg der Seele“ bedeutet. Er war 1956 von einer japanischen Expedition erstbestiegen worden, und auch die zweite Besteigung gelang Japanern, sodass der Manaslu als „Japanerberg“ galt, so wie der Everest gern als Berg der Engländer und der Nanga Parbat als „Schicksalsberg der Deutschen“ bezeichnet wurde.
Die Besteigung der Berge des Himalaya war einem ähnlichen Muster wie Jahrzehnte davor die Eroberung der Alpengipfel gefolgt: Nach der Besteigung auf der einfachsten Route – ich möchte hier absichtlich das Wort „Normalweg“ vermeiden, denn auf einen Achttausender gibt es keinen „normalen“ Weg – lockten bald schwierigere Anstiege. Den „klassischen Routen“ folgten schwere Wände, Flanken und Pfeiler. Es begann 1963 mit der Besteigung der Everest Westridge im Rahmen der Amerikanischen Everest-Expedition unter der Leitung von Norman Dyhrenfurth, hier wurde erstmals ein neuer Maßstab im Himalaya-Bergsteigen gesetzt. Im Sommer 1970 gelang den Briten Dougal Haston und Don Whillans die Durchsteigung der 3000 Meter hohen Annapurna-Südwand. Noch im gleichen Jahr fiel die Rupalflanke am Nanga Parbat durch die Brüder Messner, im Jahr darauf folgte der Makalu-Westpfeiler durch eine französische Expedition sowie die Kombination von Nordwand und Nordwestgrat am Manaslu, wieder durch Japaner. Diesem Streben zu immer schwierigeren Routen wollte auch unsere Expedition gerecht werden. Die Südwand des Manaslu schien uns ein würdiges Ziel zu sein.
Unser Unternehmen hatte nicht den Charakter einer straffen Expedition, wie sie frühere Generationen, verkörpert etwa durch Karl Maria Herrligkoffer, verstanden hatten. Unsere Expedition war dagegen ein Vorhaben von gleichrangigen, hochqualifizierten, erfahrenen Berufsbergführern. Jeder von uns war es gewohnt, in schwierigen Situationen selbständig zu handeln und verantwortungsbewusst zu entscheiden. Das war unsere Stärke.
Am 25. April 1972 schienen die Bedingungen für einen Gipfelsturm ideal. Das Wetter war gut. Die gesamte Mannschaft befand sich zwischen Lager II und Lager IV verteilt, Reinhold Messner und Franz Jäger starteten zum ersten Gipfelangriff. Reinhold war in Hochform. Sein Partner, Franz Jäger, fühlte sich jedoch nach mehreren Stunden Aufstieg den bevorstehenden Anstrengungen eines Gipfelgangs mit anschließender Rückkehr ins Lager IV an diesem Tag nicht gewachsen und erklärte, er wolle umdrehen. Für ihn und Reinhold bestand kein Zweifel, dass er den Weg zurück schaffen würde. Franz versprach, das zusammengelegte Zelt aufzustellen, Tee zu kochen und auf Reinhold zu warten.

Grußkarte der Tiroler Himalaya-Expedition 1972 zur Manaslu-Südwand
Als Messner den Gipfel erreichte, begann das Wetter umzuschlagen. Eine Wolkenbank im Süden drängte zum raschen Abstieg. Bald brach ein Sturm los, der sich rasch zum Orkan steigerte. Der Abstieg wurde zu einem Wettlauf mit der Zeit. Reinhold verliert die Orientierung, er hört Franz rufen, kann aber das Zelt nicht finden, er geht im Kreis.
Inzwischen ist Horst Fankhauser, gefolgt von Andi Schlick, zum Lager IV aufgestiegen und hat das Zelt aufgestellt, in das schließlich auch, mit schweren Erfrierungen, Reinhold Messner zurückfindet. Alle sind entsetzt, dass Franz Jäger nicht da ist: Horst hört ihn in der Nähe des Zeltes rufen, er und Andi machen sich auf, ihn auf dem Plateau zu suchen.
Ich war inzwischen mit Bulle ins Lager II abgestiegen, wir hatten Funkkontakt zum Lager IV. Als wir von dort nichts mehr hörten, dachten wir, Horst und Andi hätten Franz gefunden, aber nach Einbruch der Dunkelheit im Sturm biwakieren müssen.
Tatsächlich hatten Horst und Andi mehrere vergebliche Versuche gestartet, Franz in diesem Schneesturm zu suchen. Als dies misslang und sie in der Dunkelheit den Rückweg ins Lager nicht finden konnten, beschlossen sie, den Morgen in einer Schneehöhle abzuwarten. Andi wurde immer apathischer. Er redete wirres Zeug, erklärte schließlich, nach dem Wetter sehen zu wollen, und verschwand. Horst stürzte ihm nach, brüllte vergeblich nach ihm und tat schließlich das einzig Vernünftige in dieser Situation: Er kehrte ins Schneeloch zurück und wartete den Morgen ab.
Franz und Andi starben in dieser Nacht. Ihre Körper wurden nie mehr gefunden. Horst Fankhauser vermutete später, Franz Jäger sei entweder zu langsam abgestiegen und auch in den Sturm geraten, oder er sei nach einer Rast doch noch Messner gefolgt.

Nach dem Schneesturm: Expeditionsarzt Oswald Oelz versorgt Reinhold Messner.
Die Geschehnisse am Manaslu, die Fankhauser später in Jochen Hemmlebs Sammelband „Austria 8000. Österreichische Alpinisten auf den höchsten Gipfeln der Welt“ aus eigener Sicht und unter dem Titel „Über-Leben lernen“ eindrucksvoll beschrieben hat, sind heftig und kontroversiell diskutiert worden. Durfte Reinhold Messner seinen Begleiter allein umkehren lassen? Horst Fankhauser beschreibt Messners „Offenheit, Ehrlichkeit und Geradlinigkeit“, auch in der realistischen Einschätzung jeder Situation, und betont seine Erfahrung, von der „wir anderen“ nur profitieren konnten. Himalaya-Experten wie Hias Rebitsch oder Ernst Senn erklärten, dass auch sie in dieser Situation Jäger ohne Bedenken allein umkehren hätten lassen. Eine Parallele aus der Himalaya-Geschichte ist Hermann Buhls Alleingang auf den Gipfel des Nanga Parbat, nachdem sein Partner Otto Kempter am Silbersattel umgekehrt und allein abgestiegen war.
Die tragischen Tage am Manaslu waren ein wichtiges Erlebnis für uns alle und für mich im Besonderen. Ich hatte zum ersten Mal erfahren, was es bedeutete, eine Expedition zu leiten, und die Erlebnisse hatten unsere kleine Freundesgruppe noch stärker zusammengeschweißt. Trotz der tragischen Ereignisse wusste ich jetzt, dass ich hier, in den fernen Weiten und Höhen des Himalayas, mein Glück in den Bergen finden kann. Und waren es zuerst nur die Berge, die mich dorthin zogen, so wurde daraus eine immer tiefere Liebe zu diesem wunderbaren Land Nepal, seinen Menschen, seiner Kultur und Religion.
Wenn ich heute nach Nepal fliege und der Manaslu mir gegenübersteht, denke ich immer noch mit Trauer an die Freunde Andi und Franz, aber auch mit Dankbarkeit an die Erfahrungen meiner ersten Expedition im Himalaya.

Manaslu-Südwand. Die Hauptschwierigkeiten lagen im unteren Teil am Felspfeiler.

Erholung im Basislager. Wolfgang Nairz entspannt sich bei Musik und Lektüre.

Manaslu-Basislager. Heute befinden sich diese Zelte im Museum.

Abendstimmung in Lager I am Beginn des Schmetterlingstales

Mit improvisierten Strickleitern wurde der Felspfeiler gangbar gemacht.

Franz Jäger und Andi Schlick sichern sich beim Abstieg.
„DEN ANGEHÖRIGEN GEGENÜBERSTEHEN“
Am Manaslu verunglückten zwei Expeditionsmitglieder, Franz Jäger und Andi Schlick, tödlich. Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände, niemandem kann Schuld zugewiesen werden. Trotzdem – wie geht man als Expeditionsleiter und Freund damit um, vor allem damit, die Angehörigen benachrichtigen zu müssen?
Das ist eine sehr schwierige Situation, und damals, 1972, war es noch schwieriger als heute. Heute hat jeder sein Satellitentelefon, andererseits sind heute die Medien live dabei. Das war damals nicht der Fall. Wir wollten die Angehörigen selber verständigen, bevor irgendetwas Unqualifiziertes in der Presse erschien. Horst Fankhauser und ich sind in einem Eilmarsch nach Pokhara gerannt, wo es das nächste Telefon gab. Ich voraus und Horst mit angefrorenen Zehen hinterher. Wenn er auf 50 Meter heran war, bin ich wieder weitergelaufen. In Pokhara hat es dann geheißen, „maybe it takes a week to get a line“. Gespräche nach Europa musste man nämlich anmelden. Gott sei Dank hat es einen Flug nach Kathmandu gegeben, von dort konnten wir die Angehörigen verständigen, bevor alles in den Medien gestanden ist. Noch schlimmer ist dann, wenn man den Angehörigen direkt gegenübersteht und alles noch einmal erzählen muss. Das ist das Schlimmste überhaupt. So war es dann wieder am Cho Oyu, wo Reinhard Karl starb und wir hinausgeflogen sind und Reinhards Frau am Flughafen von Kathmandu gewartet hat und schon gewusst hat, was passiert ist, und man muss es jetzt noch einmal erzählen. Das ist schon sehr, sehr traurig.
Eigenverantwortlichkeit war bei euren Expeditionen immer großgeschrieben.
Professionalität war bei aller Freundschaft sehr wichtig. Am Manaslu wollten anfangs die, die überlebt hatten, oben bleiben und Franz und Andi bergen gehen, aber wir unten mussten entscheiden, dass sie herunterkommen, weil wir sahen, dass es zu lawinengefährlich wurde.
Warst du mit diesen Angehörigen später noch in Kontakt?
Ich war es, wenn auch nur lose. Andi Schlicks Sohn, der geboren wurde, als sein Vater schon tot war, und der jetzt selbst Bergführer ist, hat Kontakt mit uns aufgenommen, weil er wissen wollte, wie alles geschehen ist. Hildegard, die Frau von Andi, hat einige Jahre später den Hans Hofer geheiratet, der auch bei unserer Manaslu-Expedition dabei war. Er war alpiner Einsatzleiter der Gendarmerie im Pinzgau und ist später mit dem Hubschrauber tödlich abgestürzt. Auch die Frau von Franz Jäger habe ich später einmal getroffen.

Makalu-Südwand 1974: Neue Maßstäbe im Himalaya-Bergsteigen
Reinhold Messner bekennt im Beitrag zu diesem Buch: „Nicht immer waren wir erfolgreich“. Nicht erfolgreich wart ihr zum Beispiel am Makalu. Was hat euch zu diesem Berg hingezogen und warum seid ihr letztlich gescheitert?
Der 8485 Meter hohe Makalu wurde am 15. Mai 1955, also zwei Jahre nach dem Everest, von den Franzosen Lionel Terray und Jean Couzy erstbestiegen, an den darauffolgenden Tagen waren zwei weitere Mannschaften erfolgreich. Eine großartige Leistung dieser französischen Expedition, bei der alle Teilnehmer, auch der Sherpa Gyalzen den Gipfel erreichten, und eine faszinierende Geschichte. Als wir fast auf den Tag genau 19 Jahre später an diesem Berg unterwegs waren, hat uns – wie bei allen unseren Expeditionen – eine neue Route gereizt, eine neue Route in der Südwand.

Adlerhorst in steiler Wand: Auf Aluminium-Plattformen wurden die „Whillans-Boxes“ errichtet.
Wer war dabei?
Reinhold Messner, Oswald Oelz, Josl Knoll, Walter Almberger, Helli Hagner, Gerhard Markl, Albert Precht, Yves Buchheim, Horst Bergmann und ich.
Was waren die Probleme?
Es waren einerseits die Wetterverhältnisse – Schneestürme und Lawinen –, andererseits aber vor allem die Schwierigkeiten der Wand. Wir haben aus Österreich Aluminiumplattformen mitgebracht, die wir in der steilen Felswand verankern konnten, damit wir wenigstens einen ebenen Miniplatz hatten, um zwei kleine Zelte, sogenannte Whillansboxen, aufstellen zu können.
Was genau waren die Schwierigkeiten der Wand?
Das waren die vereisten Felsen. Reinhold hat die Kletterei in diesen Felsen später als die Grenze des Möglichen, des noch Verantwortbaren bezeichnet. Unser Ziel war hochgesteckt und wir gaben unser Bestes, mussten uns letztendlich aber geschlagen geben.
Wie weit seid ihr gekommen?
Wir waren schon fast sechs Wochen dort, bis wir eine Höhe von 7500 Metern erreichten und einsehen mussten, dass wir nicht weiter kamen.
Was geschah dann?
Wir haben lange und gründlich diskutiert. Sollten wir es doch auf dem klassischen Weg der Erstbesteiger versuchen? Jedes zweite Lager auslassen und im Alpinstil den Gipfel erreichen? Aber auch dafür erschien uns das Risiko zu groß, da das Wetter schlecht blieb und wir wahrscheinlich nicht mehr über die hohen Pässe nach Kathmandu zurückgekommen wären. Wir entschieden uns, die Expedition abzubrechen, und das erwies sich als richtig. Während des ganzen langen Rückmarschs schneite und regnete es fast andauernd.
Was für ein Gefühl hat man als Expeditionsleiter beim Scheitern so eines Unternehmens?
Man tröstet sich damit, hoffentlich das Richtige getan zu haben, denn man gibt so ein Ziel ja nicht leichtfertig auf, weil man vielleicht keine Lust mehr hat, man wägt ja alle noch bestehenden Möglichkeiten ab. Was es emotional bedeutet, eine Expedition abzubrechen, aufzuhören, das muss man selbst erlebt haben.
Wie waren die Außenreaktionen?
Es gibt natürlich immer neidische Kollegen, die mitleidig lächelnd sagen: „Sie sind halt nicht hinaufgekommen.“ Wie es aber dazu gekommen ist, bleibt dabei unbedacht.
Wie geht man damit um?
Zum einen: Reinhold Messners Bemerkung „Nicht immer waren wir erfolgreich“ setzt sich fort in seiner Feststellung, „aber immer sind wir in Frieden heimgekehrt.“ Zum anderen aber gilt wieder einmal Hias Rebitschs Satz: „Es ist leicht, ein guter Bergsteiger zu sein, aber schwer, ein alter Bergsteiger zu werden.“
CHO-OYU-SÜDWAND 1982: DER KAMPF UMS ÜBERLEBEN
Um Bulle stand es kritisch, er war schwer höhenkrank und immer wieder bewusstlos. Er musste so schnell wie möglich ins Tal transportiert werden, aber alle Mühe, ein Yak aufzutreiben, war vergeblich, und zum Selber-Gehen war er nicht mehr in der Lage. Am Abend sah er zwar etwas besser aus, wir hofften, er sei jetzt „über den Berg“. In der Früh dann der Rückschlag: deutliche Anzeichen einer Lungenentzündung. Er war bewusstlos.
Sofort schickte ich den Sherpa Maila Pemba im Eiltempo nach Namche Bazar, um von dort über Funk einen Hubschrauber anzufordern. Mit zwei langen Stangen und Skistöcken bauten wir dann eine Tragbahre und banden den Schwerkranken darauf. Für ihn begann ein unbeschreiblicher Leidensweg. Nach sechs Stunden auf der Moräne waren wir nahe bei Gokyo. Bulles Lunge rasselte, wir dachten, er würde die nächsten zwei Stunden nicht überleben, wenn nicht ein Wunder geschähe. Reinhard, Rudi und ich flüchteten in schwarzen Humor. Reinhard sagte, es würde ihm nichts ausmachen, hier zu sterben und begraben zu werden, dann könnte seine Witwe regelmäßig eine schöne Reise nach Nepal machen!
In Gokyo geschah das Wunder. Dort trafen wir zwei Schweizer Ärzte, die sich sofort um Bulle kümmerten. Er hatte seit zwei Tagen nicht uriniert. Katheter war keiner vorhanden, so stachen sie die Nadel einer Spritze direkt in die Bauchhöhle und drückten den Urin heraus, gaben ihm mehrere Spritzen und erklärten sich bereit, mit uns weiter abzusteigen.
Ich lief voraus zum Khunde-Hospital, um Sauerstoff zu holen, falls am nächsten Tag kein Hubschrauber kommen sollte. Von Gokyo nach Khunde rechnet man mit zwei Tagesmärschen – ich brauchte fünf Stunden. Bei jeder Mani-Mauer stammelte ich ein hastiges „Om mani padme hum“. Immer wieder flogen schwarze Kolkraben um mich herum, und ich musste an das Lied von Ludwig Hirsch denken: „Komm, großer, schwarzer Vogel …“.
Beim Dorfeingang von Khunde gaben die Batterien meiner Taschenlampe den Geist auf. Zwei zufällig entgegenkommende Buben leuchteten mir für zehn Rupien den Weg zum Khunde-Hospital. Doktor Jamie Uhrig, dem ich erklärte, wer ich sei und was ich brauche, richtete mir sofort eine Sauerstoff-Ausrüstung und Medikamente her, falls am nächsten Tag kein Hubschrauber fliegen konnte. Ich brachte keinen Bissen hinunter, nur trinken, trinken, trinken. Dann schlief ich erschöpft ein.

Die 3000 Meter hohe Südwand des Cho Oyu vom Gokyo Peak gesehen
Sobald es hell wurde, schickte der Khunde-Doktor Bulle und seinen Begleitern einen Träger entgegen. Ich folgte, voller Ungewissheit, ob der Schwerkranke die Nacht überlebt hatte. Um etwa 8:30 Uhr kam tatsächlich der rettende Hubschrauber taleinwärts geflogen und flog kurze Zeit später wieder hinaus, ins Krankenhaus nach Kathmandu. Aber immer noch war da die Ungewissheit, ob Bulle den Flug überleben würde, ob nicht doch „der große schwarze Vogel“ siegen würde.
Erst im Lager der Sherpas erfuhr ich: Bulle ist am Leben. Ich musste zur Seite gehen, da mir Tränen in den Augen standen.
Tage darauf machten wir uns daran, den Plan für den Gipfelsturm über die Cho-Oyu-Südwand aufzustellen, aber alles sollte anders kommen.
Reinhard und ich schliefen in einem Zelt. Rudis Platz in der Mitte war frei, er war mit Zahnschmerzen abgestiegen und sollte nachkommen. Wir hatten am Abend unsere Flaschen mit Tee gefüllt. „Dieses Achttausender-Bergsteigen geht mir langsam auf die Nerven“, hatte Reinhard gesagt: „Wir werden ihn einfach machen, diesen Cho Oyu, und dann ist Schluss, zumindest für dieses Jahr“, fügte er hinzu.

Mit Reinhard Karl vor dem Zelt
Ich schlief tief und fest und wachte um 5 Uhr früh auf. Reinhard steckte den Kopf zum Zelt hinaus: „Wolkenlos – heute und morgen packen wir’s!“
Ich drehte mich zur Seite und zog mir den Schlafsack über die Ohren. Reinhard lag auf dem Rücken, ein wenig hatten wir noch Zeit, bis das Eis im Gaskocher geschmolzen war. Aber plötzlich ein Rauschen und Dröhnen – ich hörte Reinhard noch sagen, „was ist das?“, und dann fiel über uns eine Eislawine, so gewaltig und so schnell, dass wir keine Zeit hatten, nur irgendwie zu reagieren. Ich hielt die Hand über den Kopf, versuchte, meine Füße zu bewegen, aber sie waren eingeklemmt wie in einem Schraubstock. Ich hörte und roch Gas ausströmen. Es war dunkel um mich, ich rief „Reinhard, Reinhard, Reinhard“, aber es herrschte Stille, nur das Gas strömte. „Eigentlich ist Sterben gar nicht schwer“, dachte ich, und es war wie eine Erlösung, als ich in Bewusstlosigkeit fiel.

Noch erscheint alles friedlich: Wolfi und Reinhard am Vorabend des Unglücks
Später wird langsam alles um mich herum klar. Ich liege in drei Schlafsäcke eingewickelt im Zelt der Sherpas. „Wo ist Reinhard?“, stammle ich. Große Augen, steinerne Gesichter. „How is Reinhard?“, quäle ich heraus. „Not good, not bad“, antwortet Maila Pemba. Langsam versuche ich mich aufzurichten. Den rechten Fuß kann ich kaum bewegen, jede Bewegung tut mir weh. Langsam begreife ich, ich bin am Leben, ich lebe noch. „Is Reinhard dead?“, frage ich, obwohl ich es schon in Maila Pembas Augen sehe. „Yes, he is dead.“
„DER BEGRIFF DER SEILSCHAFT FÜRS LEBEN HAT FÜR MICH SCHON EINE BERECHTIGUNG“
In deinem Bericht über die Ereignisse am Cho Oyu 1982 – vier Jahre nach der glücklichen Mount-Everest-Expedition – stehen einander zwei konträre Erfahrungen gegenüber: einmal das Überleben von „Bulle“ Oelz nach seinem Höhenlungenödem. Du nennst es das Wunder von Gokyo. In einem schrecklichen Kontrast dazu steht der Tod von Reinhard Karl, der neben dir im Zelt von einer Lawine erschlagen wurde. Waren diese beiden Erlebnisse – nur Tage voneinander getrennt – deine intensivsten Todes- bzw. Überlebenserfahrungen?
Das Überleben von Bulle, als wir versucht haben, ihn einfach möglichst schnell in tiefere Regionen zu bringen, war kein Todes- oder Überlebenserlebnis. Wir waren sicher, dass wir ihn heil ins Tal bringen können. Da habe ich bei anderen Bergtouren, wo wir Schwerverletzte retten mussten, sei es bei schwierigen Klettereien im Kaiser oder bei Lawinenunglücken, schlimmere Erfahrungen gemacht. Aber das Zweite, nämlich der Tod von Reinhard Karl, war für mich die einzige intensive Todeserfahrung, die mich auch sehr, sehr lange verfolgt hat.
Was waren deine Gefühle, nachdem du überlebt hast? Man sagt, Überlebende haben den Toten gegenüber ein schlechtes Gewissen, eben weil sie überlebt haben. War das bei dir auch so?
Ja, das war bei mir auch so. Ich habe mich immer wieder gefragt, wieso musste nicht ich sterben. Wieso hat nicht Reinhard überlebt? Eigentlich müsste ich auch tot sein, habe ich mir immer wieder gedacht. Ich habe da wirklich ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Reinhard und auch seinen Angehörigen gehabt, sehr lange – was ich nie so bewusst ausgesprochen habe, aber das war einfach da und hat mich ein halbes Jahr lang sehr intensiv verfolgt.
Hast du nicht auch so etwas wie Dankbarkeit empfunden? Gegenüber einem Schicksal oder vielleicht einer höheren Macht, einem Gott oder was immer?
Dankbarkeit möchte ich nicht sagen, aber ich habe mir schon gedacht, das ist Schicksal, das ist höhere Macht – Karma, wie es die Tibeter und Nepalesen nennen, eben eine Vorbestimmung. Wir haben immer gesagt, wenn es sein will, will es sein. Wenn einer früh stirbt an einer Krankheit, ist das sicher genauso vorbestimmt, wie wenn er einen Autounfall hat oder in den Bergen stirbt. Das war immer meine Einstellung. Ich war überzeugt, dass das Schicksal, dass es Karma war.
Wann warst du beim Bergsteigen zum ersten Mal mit dem Gedanken konfrontiert, dabei sterben zu können?
Eigentlich nie vorher, weil ich immer geglaubt habe, mir und uns kann nichts passieren. Wir sind so gut, wir sind einfach die Besten, wir wissen das Risiko einzuschätzen und setzen uns auch bewusst keinem Risiko aus. Wir haben immer gesagt, es ist ein kalkulierbares Risiko, das wir eingehen. Dass uns etwas passieren könnte, davon sind wir eigentlich nie ausgegangen. Umso schlimmer war es dann bei der Cho-Oyu-Expedition, als an einem vermeintlich sicheren Platz, wo auch schon Reinhold Messner sein Zelt hingestellt hatte, ein solches Unglück passierte.
Wird man durch die Konfrontation mit dem Tod, die du ja auch schon früher erlebt hast, zum Beispiel am Manaslu 1972, als deine Freunde Franz Jäger und Andi Schlick im Schneesturm umkamen – wird man durch solche Erlebnisse vorsichtiger, ängstlicher oder vielleicht im Gegenteil abgestumpfter?

Stupa und Gebetsfahnen im Langtang

Wolkenspiel über dem Manaslu
Abgestumpfter sicherlich nicht, denn ein tragisches Ereignis berührt einen immer wieder. Man wird natürlich vorsichtiger und vielleicht auch etwas vernünftiger. Als wir 1972 zum Manaslu gegangen sind, waren wir ja ohne jede Himalaya-Erfahrung. Außer Reinhold Messner, der schon zwei Jahre davor am Nanga Parbat war, hatte keiner von uns Himalaya-Erfahrung. Und wir sind danach natürlich vorsichtiger geworden. Aber der Tod von Franz und Andi war eine Verkettung von unvorhersehbaren unglücklichen Umständen. In der gleichen Situation würden wir wahrscheinlich heute alles genauso machen, wie wir es damals gemacht haben. Abgestumpft wird man nie, wenn man einen Freund in den Bergen verliert. Vorsichtiger wird man, ängstlicher – glaube ich – auch nicht. Denn, wie ich schon gesagt habe: Wir glaubten, das Risiko entsprechend einschätzen zu können.
Ist Angst beim Bergsteigen etwas Positives oder etwas Negatives?
Na ja, Angst sollte man nicht haben, wenn man in eine schwierige Klettertour einsteigt oder wenn man im Himalaya unterwegs ist. Aber es ist sicher positiv, wenn man ein Angstgefühl kennt und dann daraus Schlüsse zieht. Ein Beispiel: Als ich einmal mit Kurt Hoch die Badile-Nordostwand gehen wollte, sind wir um vier Uhr früh von der Hütte weggegangen in Richtung Einstieg und haben beide ein ungutes Gefühl gehabt. Woher dieses Gefühl gekommen ist, haben wir nicht gewusst. Wir haben dann den Einstieg erreicht. Es waren noch andere Seilschaften unterwegs, wir wären die Ersten in der Route gewesen. Wir haben uns angeschaut und nichts gesagt, aber beide wollten wir nicht so richtig. Warum, haben wir nicht gewusst. Es war nicht Angst, aber es war ein ungutes Gefühl. Wir sind dann zurückgegangen und haben die Nordkante gemacht. Und als wir halb oben waren, ist in der Badile-Nordostwand eine riesige Felsplatte abgebrochen und genau über die Route hinuntergestürzt, wo wir geklettert wären. Es hat damals zwei Tote gegeben. Also es war eine Vorahnung da, aber diese Vorahnung kann man jetzt nicht als Angst bezeichnen, sondern eben nur als Gefühl, das uns gesagt hat: Heute nicht, heute wollen wir da nicht einsteigen. Also, es ist sicher positiv, wenn man aus einem Gefühl heraus, das man Angst nennen könnte, eine Entscheidung trifft.
Der Extrembergsteiger Alexander Huber hat einmal gesagt: Du musst dir die Angst zum Freund machen. Würdest du dem zustimmen?
Ja, das ist genau das, was ich vorher gemeint habe. Wir haben im Unterbewusstsein Angst gehabt, haben eine Vorahnung gehabt und sind deshalb nicht eingestiegen. Also wir haben uns die Angst zum Freund gemacht und daraus eine Entscheidung getroffen.
Nicht-Bergsteiger halten Bergsteiger bisweilen für Todessüchtige. Ich hoffe, wir beide stimmen darin überein, dass das Gegenteil stimmt, dass nämlich Bergsteiger wie wenige andere Menschen von einem Überlebenstrieb gelenkt werden?
Ja, ich glaube, darüber braucht man nicht diskutieren. Wir lieben das Leben und wir erfreuen uns am Leben und deshalb wollen wir überleben.
Diesem Überleben-Wollen gelten beim Bergsteigen verschiedenste Fertigkeiten, Techniken und Erkenntnisse, die im Lauf der Zeit immer mehr entwickelt und differenziert wurden. Da ist einmal die eigene Leistungsfähigkeit. Nicht umsonst gilt der Alleingang, die Solobesteigung, als besondere Leistung, der aber vielleicht am ehesten das Todesrisiko bewusst ist. Wie bewertest du das Solobergsteigen? Du bist ja eher der Typ Gemeinschaftsmensch, der mit Partnern auf schwierige Touren geht.
Ich habe selber einige schwere Felstouren im Alleingang gemacht. Ich habe dabei aber nie daran gedacht, dass ich den Tod in Kauf nehme, ich war überzeugt, dass ich so gut bin, dass mir nichts passieren kann. Und es war auch so. Das Solobergsteigen ist natürlich eine besondere Herausforderung, wobei man jetzt wieder unterscheiden muss zwischen dem Solobergsteigen beim Klettern, wie es die Huber-Brüder zum Beispiel machen, oder dem Alleingang eines Reinhold Messner auf den Mount Everest – bisher immer noch die einzige Solobesteigung des Everest, weil sie wirklich ohne jedes Hilfsmittel und ohne jede Unterstützung anderer erfolgte. Die heutigen „Alleinbesteiger“ im Himalaya sind zwar allein unterwegs, nutzen aber die Infrastruktur großer Expeditionen.
Zum Solobergsteigen ist eine ungeheure psychische Kraft notwendig. Man muss sich selbst bewusst sein, dass man es schafft. Man darf nicht den geringsten Zweifel haben, dass die Schwierigkeiten zu groß werden könnten, denn sonst würde man wahrscheinlich abstürzen. Aber das Risiko ist natürlich groß, denn es gibt Einflüsse, die man nicht beurteilen kann – sei es ein kleiner Stein, der einem auf den Finger fällt, wenn man sich gerade an einer kleinen Leiste festhält, oder sei es eine Gletscherspalte, in die man hineinfällt und nicht mehr herauskommt.
Der Regelfall des Bergsteigens, wie es ein Normalbergsteiger betreibt, ist aber nicht der Alleingang, sondern die Tour mit einem oder mehreren Partnern. Das Seil, das diese Partner verbindet, auf die man sich verlassen können muss, ist ja geradezu eine Metapher für Treue geworden, wenn man etwa von der Seilschaft fürs Leben spricht. Bist du ein treuer Mensch – am Berg und überhaupt im Leben?
Die Seilschaft fürs Leben hat bestimmt eine Berechtigung. Wenn ich mir meine Expeditionen und meine Expeditionsfreunde anschaue, so sind das wirklich Partner fürs Leben geworden, die sich heute zwar nicht mehr so oft, aber immer wieder gerne treffen.
Wenn Bergsteiger in Bedrängnis geraten, so sind Retter vonnöten. Oswald Oelz beschreibt die Rettungsexpedition, die Gert Judmaier aus der Wand des Mount Kenya befreit hat. Du selbst warst an der spontanen Aktion beteiligt, die Peter Hillary an der Ama Dablam zu Hilfe gekommen ist. Wie selbstverständlich ist solche Hilfe am Berg?
Heute, in der kommerziellen Expeditionswelt, in der vor allem das Geld zählt, ist das Helfen nicht mehr so selbstverständlich. Bei uns hat’s aber nie eine Diskussion gegeben. Wenn etwas passiert ist, wurde geholfen. Und da gehört Reinhold Messner, dem man vielfach vorgeworfen hat, er gehe über Leichen, vor allen anderen dazu. Er war immer der Erste, der vorangegangen ist, wenn es ums Retten ging. Ich glaube, das gehört auch einmal gesagt.

Wie können wir helfen? Horst Fankhauser, Reinhold Messner und Horst Bergmann (von links) im Ama-Dablam-Basislager
Reinhold Messner hat aber auch gesagt: Auf einem Achttausender muss jeder wissen, dass es Situationen gibt, in denen niemand helfen kann. Wie geht man damit als Expeditionsleiter um?
Das ist richtig. Es gibt beim Höhenbergsteigen Situationen, wo man niemandem mehr helfen kann. Aber ich glaube, wir haben uns immer mit allen möglichen gefährlichen Situationen auseinandergesetzt und damit, was wir machen können, wenn etwas passiert. Das gehört durchdiskutiert mit allen Expeditionsteilnehmern. Rettung hat bei uns immer Vorrang vor einem Gipfelerfolg gehabt.
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