Kitabı oku: «Blutholz»

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Informationen zum Buch

Nach »DeisterKreisel« und »Über den Deister« sucht Kommissar Marder zum dritten und letzen Mal einen Mörder im beschaulichen Barsinghausen am Deister.

Informationen zum Autor

Wolfgang Teltscher, Jahrgang 1941, hat sein Arbeitsleben für eine deutsche Fluggesellschaft als Fachmann für Marketing und Verkauf in einigen zentralen Städten der Welt verbracht. Nun, im Ruhestand, lebt er mit seiner Frau in Barsinghausen am Deister und schreibt.

Wolfgang Teltscher

Blutholz

Kriminalroman


zuKlampen!

Impressum

©2011 zu Klampen Verlag • Röse 21 • D-31832 Springe

info@zuklampen.de • www.zuklampen.de

Titelgestaltung: »In Zeiten wie diesen« – Büro für Kommunikation, Konzept & Kreation, Hannover

Konvertierung: Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH, KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

ISBN 978-3-86674-118-8

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.

|5|Prolog

Im Deister gibt es in jedem Jahr Unwetter. Mensch und Tiere wissen, wo sie sich verstecken können, um einen Sturm zu überstehen. Die Bäume biegen sich und reiten den Wind aus. Gelegentlich fällt ein alter oder kranker Baum auf den Waldboden. Das nennt man natürliche Auslese und ist von der Natur so vorgesehen. Als Kyrill vom Meer über die norddeutsche Tiefebene in den Deister kam, setzte er alle Regeln, wie sich ein Sturm zu verhalten habe, außer Kraft. Kyrill war ein Mörder.

|5|1.

Kyrill war ein Killer. Er hatte sich aus dem Nordwesten auf das Land geworfen, keine Zweifel an seinen zerstörerischen Absichten gelassen, auf seinem Weg Sorgen und Furcht verbreitet. Bevor er sich ausgetobt hatte, raste er durch die Wälder des Deisters und schlug wütend auf die Ortschaften an beiden Seiten dieses Bergzuges ein.

Anja nahm den Orkan kaum wahr. Wenn sie, wie heute Abend, in düsterer Stimmung war, hielt sie die Welt und die Menschen, mit denen sie zu tun hatte, für bösartig und ungerecht. In diese Stimmung verfiel sie immer öfter seit ihre Eltern tot waren. Ihr Vater war ein schwermütiger und wortkarger Mann gewesen, der nach dem Beginn des Ruhestands |6|keinen Sinn mehr in einem Leben ohne Arbeit sah, und hatte es sich an einem Teich genommen. Seinen Tod hatte sie noch verkraften können, auch wenn es ihr schwergefallen war, seine Entscheidung zu verstehen. Ihre Mutter hatte nach dem Tod ihres Mannes, von dem sie sich innerlich lange vorher losgesagt hatte, eine neue Liebe gesucht. Als sie glaubte, diese gefunden zu haben, wurde sie von dem Mann bitter enttäuscht, außerdem noch verhöhnt. Da schien ihr das Leben ebenfalls nicht mehr lebenswert zu sein, und sie setzte ihm ein gewaltsames Ende. Von dem Zeitpunkt an war es in Anjas Leben bergab gegangen. Ihr Leben geriet aus der Bahn und sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal glücklich gewesen war. Immer öfter überkamen sie depressive Stimmungen. Immer öfter wurde sie einfach wütend und fing an, die Menschen in ihrer Umgebung zu beschimpfen und ihnen Vorwürfe zu machen. Kein Wunder, dass die Beziehungen zu den Menschen, mit denen sie zusammenlebte, eine nach der anderen in die Brüche gegangen waren. Übrig geblieben waren Trostlosigkeit und Verzweiflung.

Sie blickte auf den Bildschirm des Fernsehers. Sie sah Bilder und hörte Worte, die ihr Bewusstsein nicht erreichten. Es gab für sie keine andere Welt, außer der, in der sie lebte, in der sie unglücklich war.

Wie sollte es weitergehen?

Das Telefon klingelte, es riss sie aus ihrer Hoffnungslosigkeit. Sie brauchte eine Weile, bis sie merkte, dass das schrille Geräusch nicht aus dem Fernseher kam. Sie ließ es klingeln, sie war nicht in der Lage mit jemandem zu sprechen. Wahrscheinlich war es ohnehin nur Bertram, ihr Bruder, der wie immer über das Geld reden wollte, das sie ihm angeblich |7|schuldete. Er war ein Schwächling – anders konnte sie ihn nicht sehen, auch wenn er ihr Bruder war. Es wäre besser, überhaupt keinen Bruder zu haben als gerade diesen. Sie war sich bewusst, dass er sie verachtete. Das war okay, das beruhte auf Gegenseitigkeit. Nur, dass er in seinen Anschuldigungen und Forderungen immer aggressiver und rücksichtsloser wurde.

Sie hörte, wie im Treppenhaus die Haustür geöffnet wurde. Der Wind presste sich in das Haus und drängte selbst durch die geschlossene Tür in ihre Wohnung. Mit einem Knall schloss sich die Haustür wieder. Schritte kamen die Treppe herauf und verschwanden hinter der Tür auf der anderen Seite des Flurs. Das war offensichtlich eins der beiden Mädchen, die dort wohnten. Was für ein entsetzlicher Gedanke, die beiden nur eine Wand entfernt ertragen zu müssen. Wie widerlich, sich vorzustellen, was die in ihrem Schlafzimmer oder sonst wo in der Wohnung trieben. Was hätte sie nicht gegeben, wenn sie die beiden Typen aus dem Haus treiben könnte, und was hatte sie nicht alles versucht, um das zu erreichen. Sie war sich sicher, dass die beiden Frauen sie bis aufs Messer hassten, und sie hatte keine Ahnung, wozu die in ihrem Hass fähig waren.

Ihr Blick fiel durch die offene Schlafzimmertür. Das Bett war nicht gemacht. Sie hatte heute Morgen keine Lust und auch keinen Grund gehabt, das Schlafzimmer in einen appetitlichen Zustand zu bringen. Schließlich kam Einhardt schon seit einiger Zeit nicht mehr zu ihren nächtlichen Vergnügungen. Eigentlich war sie froh, ihn los zu sein, aber sie war sich klar, dass das nicht die ganze Wahrheit war. Sie war dabei, ihn aus ihrem Leben zu löschen, und sie wünschte ihm |8|nichts Gutes für den Rest seines Daseins. Sie wusste etwas über ihn, womit sie ihn in der Hand hatte, und eines Tages würde sie ihn erbarmungslos zerquetschen. Aber sie wusste auch, dass er wusste, dass sie das wusste. Das machte ihr Sorgen. Wer weiß, was der in seiner Angst tun würde, um seine Zukunft vor ihrem Wissen zu schützen? Vermutlich würde Johanna dabei helfen.

Johanna, diese miese Type, die es nicht einsehen wollte, wenn sie verloren hatte. Hatte sich früher als ihre Freundin ausgegeben, später war die Freundschaft in Hass umgeschlagen. Der natürliche Lauf der Dinge war eben gegen Johanna gewesen und es war totaler Unsinn, dass sie ihr die Schuld dafür gab. Jetzt kocht Johanna in ihrem Unglück und überlegt wohl, wie sie ihr die ganze Sache heimzahlen kann. Dabei würde sie vor nichts zurückschrecken, diese hysterische Ziege.

Anja ging in die Küche. Obwohl sie weder Hunger noch Appetit hatte, musste sie endlich essen, sie hatte den ganzen Tag nichts zu sich genommen. Irgendetwas würde sich im Kühlschrank finden lassen, das noch essbar war. Sie entdeckte ein Schälchen mit Spagetti und Tomatensauce, das mit einer Klarsichtfolie abgedeckt war und erst zwei oder drei Tage dort gestanden hatte. Das würde, kurz in der Mikrowelle aufgewärmt, als Mahlzeit reichen.

Als sie die Tür des Kühlschranks schloss, bemerkte sie eine Postkarte, die mit einem Magnet daran befestigt war. Die Karte hing dort seit Jahren. Es war eine Karte aus dem Harz von Burt Brenner, der sie ihr von einer Tagung der Kriminalpolizei aus Bad Harzburg geschickt hatte. Sie nahm die Karte und riss sie in kleine Stücke, die sie wütend in den Papierkorb |9|hinter dem Küchentisch warf. Sie hätte diese Karte längst entsorgen sollen, sie hatte es nur deshalb nicht getan, weil sie sie nicht mehr wahrgenommen hatte. Die Karte war ein Bestandteil des Kühlschranks geworden, so wie das Logo der Firma, die das Gerät hergestellt hatte. Sie wollte nicht an ihre Zeit mit Burt Brenner erinnert werden, dieser Mann war der größte Fehler in ihrem Leben gewesen. Was der jetzt wohl machte? Ob er mit ihr ebenso abgeschlossen hatte wie sie mit ihm? Wahrscheinlich nicht.

Es war elf Uhr, der Wind ums Haus heulte lauter als zuvor und schien nicht nachlassen zu wollen. Anja erinnerte sich nun, dass es eine Orkanwarnung für den heutigen Abend gegeben hatte. Der angekündigte Sturm schien in voller Stärke eingetroffen zu sein.

Anja war erschöpft. Sie nahm sich vor, bald zu einer Entscheidung zu kommen, wie es weitergehen sollte, wenn überhaupt. Aber nicht mehr heute Abend. Sie zwang sich, ihre Kleidung auszuziehen und ein Nachthemd überzustreifen. Burt hatte es ihr vor Jahren geschenkt, und sie fragte sich, warum sie es nicht längst in den Müll geworfen hatte. Sie legte sich ins Bett und versuchte gegen den Sturm anzuschlafen. Als der Wind gegen Morgen nachließ, träumte sie von einer langen Reise, an die sie sich nach dem Aufwachen nicht mehr erinnerte. Aber in der Nacht war ihr klar geworden, was sie als Nächstes zu tun hatte.

|10|2.

Meine Mutter saß im Straßengraben und weinte. Das ist der erste Moment meines Lebens, an den ich mich bewusst erinnern kann. Alles, was davor geschah, versteckt sich im Nebel der frühen Kindheit und ist nur schemenhaft in meiner Erinnerung vorhanden: Eine große Bauernstube, die ich nur für den Augenblick zurückrufen kann, als ich unter dem Tisch sitze und mich vor dem Nikolaus und seinem Knecht Ruprecht fürchte. Ich sehe mich undeutlich unter einem Baum in einem Innenhof, der von Gebäuden an drei Seiten umgeben ist und zur Dorfstraße hin von einer Steinmauer mit einem Eisengitter in der Toreinfahrt geschützt wird. In den äußersten Winkeln meiner Erinnerung nehme ich Leiterwagen wahr, die vollgepackt mit Menschen in den Hof ein- und ausfahren. Später erzählte man mir, dass es Flüchtlinge waren, die noch weiter im Osten gewohnt hatten, und sich vor der näherrückenden Front in Sicherheit brachten. Und da ist die Wiese neben dem Haus, die zum Bach hin abfällt. Hier war alles grün und friedlich, warm und barfuß. Hinter dem Haus lagen Obstwiesen und dahinter gab es einen großen Fluss.

Nach der Szene im Straßengraben verschwindet meine bewusste Erinnerung wieder. Es gab nur Bewegung. Bewegung auf Landstraßen ohne Anhaltspunkte für das Gedächtnis eines Vierjährigen. Lediglich der Geschmack von Kartoffelscheiben, auf einer heißen Ofenplatte geröstet, ist hängen geblieben. Vielleicht war ich damals sehr hungrig und es war meine erste Mahlzeit nach längerer Zeit. Vielleicht habe ich wegen dieser Mahlzeit eine Schwäche für Kartoffelgerichte behalten.

Marder griff nach dem Kaffeebecher, der neben seinem PC |11|stand, er hatte ihn über das Schreiben vergessen. Der Kaffee war kalt. Das passierte ihm selten, kalter Kaffee schmeckte belanglos, er trank ihn lieber so heiß, dass er aufpassen musste, sich nicht zu verbrennen.

Für wen schreibe ich das eigentlich? fragte er sich. Spielt es eine Rolle, ob ich mein Leben festhalte? Warum sollten meine Erinnerungen etwas Besonderes sein, etwas, das wert ist, aufgezeichnet zu werden? Gibt es nicht Tausende, Millionen von Schicksalen, die wichtiger und interessanter sind als mein eigenes?

Marder blickte auf den Bildschirm, dem er den Anfang seines Lebens anvertraut hatte. Ich sollte alles wieder löschen, dachte er, bevor es Gestalt annimmt. Wenn ich zu lange damit warte, wird es zu spät sein – dann käme das Löschen einem heimtückischen Mord gleich.

Die Geschichte meines Lebens ist, wenn überhaupt, lediglich für Generationen in der Zukunft von historischem Interesse, für Menschen, die keine persönlichen Beziehungen zu der Zeit haben, in der wir heute leben. Sollten Altertumsforscher im vierten Jahrtausend nach Christus – wenn Christus dann noch das Maß der Zeit ist – das alte Stade aus den Wattflächen an der Elbe, die die Klimaveränderungen produziert haben, ausgraben und meinen Laptop mit seiner gut erhaltenen Festplatte finden, können sie sich ein Bild über das Leben in unserem Jahrhundert machen. Vielleicht wird man von den Marder-Dokumenten sprechen.

Er schrieb weiter:

Die Reise durch die Kindheit geht weiter. Ich finde mich in einem Dorf an den Hängen eines deutschen Mittelgebirges wieder. Meine Mutter, meine Schwester und ich leben in einem kleinen |12|Zimmer auf einem Bauernhof. Das Leben ist friedlich und dörflich. Der Bauer, bei dem wir untergekommen sind, ist den Flüchtlingen gegenüber tolerant und großzügig. Ich darf sogar mit aufs Feld und Rüben auf einen Wagen werfen, der von zwei Kühen gezogen wird. Ein Mann geht täglich durch das Dorf, und nach dem Anschlagen einer Glocke in seiner Hand verliest er die neuesten Nachrichten.

Es ist ein Leben ohne jeden Überfluss, aber ich kann mich nicht daran erinnern, je hungrig gewesen zu sein. Eines Tages stand ein Mann im Zimmer. Meine Mutter sagte: »Manfred, das ist dein Vati.« Ich lief auf ihn zu, umarmte ihn, weil ich wusste, dass so etwas einem Vater zusteht, aber ich konnte nur die Gefühle eines verwirrten Kindes empfinden.

Marder hatte Schwierigkeiten, sich zu erinnern, wie es danach weitergegangen war. Er war müde. Es war Zeit zum Schlafengehen, am Ende dieses langen Rentnertages sperrte sich sein Gehirn gegen weitere Aufträge – es war schließlich sein erster Tag als Schriftsteller. Er befahl dem Computer, die Datei zu schließen. Die Maschine fragte ihn, ob er den Text speichern wollte. Natürlich, erst speichern. Der Computer war nachsichtig und stellte seinem vergesslichen Nutzer diese Frage auch zum x-ten Mal in einem unaufgeregten Ton. Zum Glück war seine Frau ebenso tolerant, wenn er etwas vergessen hatte, was er vor kurzem gesagt hatte, oder wenn er sich nicht daran erinnern konnte, was er ihr am Tag vorher versprochen hatte.

Es war elf Uhr, Iris war vor einer halben Stunde im Schlafzimmer verschwunden. Schlafengehen war ein kostbares und kostenloses Vergnügen, wenn man im Ruhestand war. Er beugte sich mit Mühe zu den Füßen hinunter und zog seine |13|Socken aus, danach setzte er sich auf seine Seite des Doppelbettes und begann sein allabendliches Ritual: Er nahm verschiedene Medikamente ein, gemeinsam sollten sie ihm helfen, noch eine Reihe freudvoller Jahre auf der Erde zu erleben. Abgesehen von den beginnenden kleineren und größeren Beschwerden des Alterns, fand er, dass alt zu sein, durchaus seine Vorteile hatte. Vor allem brauchte man nicht mehr auf alles Mögliche zu verzichten, in der Hoffnung, alt zu werden, man war schon alt. Er nahm seine Arzneien dennoch gewissenhaft jeden Abend vor dem Schlafengehen, nur die Pillen gegen hohen Blutdruck schluckte er morgens, um auf die Aufregungen des neuen Tages besser vorbereitet zu sein. Er hoffte, durch diese vorbeugenden Maßnahmen zumindest das Durchschnittsalter der männlichen deutschen Bevölkerung zu erreichen, vielleicht mit dem Bonus einiger zusätzlicher Jahre. Er beendete seine Gesundheitsvorsorge mit einer heißen Tasse Kräutertee, auf deren Verpackung die Zusicherung einer geruhsamen Nacht stand.

|13|3.

Die Dämmerung hatte eingesetzt, von den Bäumen tropfte Nässe. Es waren die Reste des Schnees, der vor kurzem gefallen war, vielleicht der letzte dieses Winters. Bis zum Ende des befestigten Weges waren es noch wenige Meter, dann würde sich der Weg als Pfad zwischen den Bäumen verlieren. Ein junger Mann und eine junge Frau kamen Anja Hand in Hand entgegen. Sie grüßten oberflächlich, als ob sie sie nicht wirklich |14|wahrgenommen hätten. Sie waren ineinander vertieft, glücklich, ohne wahrzunehmen, wie unglücklich die einsame Spaziergängerin war. Dann waren sie hinter der nächsten Biegung verschwunden.

Ein Mann kam aus einem Seitenweg. Sie ging langsamer. Der Mann kreuzte ihren Weg, ging auf der anderen Seite wieder in den Wald. Ihr schien, er trug einen Gegenstand unter seiner Jacke, den er verborgen hielt. Er hatte sie nicht angeschaut und sie hatte sein Gesicht nicht sehen können. Für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl gehabt, er käme ihr vertraut vor. Hatten seine Schritte nicht für einen Augenblick gezögert? War er nicht zusammengezuckt, als sie sich annäherten? Im gleichen Moment hatte sie einen Anflug von Angst gehabt. Sie fragte sich, warum er gerade jetzt und hier aufgetaucht war. War es wirklich nur ein beliebiger Zufall? Unsinn, dachte sie, du fängst an Gespenster zu sehen. Als sie die Wegkreuzung erreichte und nach links schaute, war der Mann in der Dunkelheit bereits verschwunden.

Es war düster geworden, die Welt existierte nur noch wenige Schritte um sie herum.

|14|4.

Das Messer stach durch die Haut. Es dauerte nur Sekunden, bis das Blut kam, Blut aus der Wunde, die das Messer geöffnet hatte, erst Tropfen, dann ein kleiner Strom. Ein Teil des Blutes tropfte auf einen Baumstamm, der auf dem Waldboden |15|lag. Es sah aus, als hätte der tote Baum Blut geweint, dann drang das Blut in das Holz ein und hinterließ einen rotbraunen Fleck auf seiner Oberfläche.

|15|5.

Iris seufzte.

Marder bemerkte, dass seine Frau nicht wie gewöhnlich vor dem Einschlafen ein Buch las, sondern sich mit offenen Augen gegen das Kopfende des Bettes lehnte. Sie blickte auf ein Gemälde von Vincent van Gogh an der Wand gegenüber, die Kopie eines Bildes des halb wahnsinnigen Künstlers, das Sonnenblumen in der gleißenden Hitze auf einem Feld in der Provence zeigte. Sie hatten das Bild während der letzten Ferien in einem Museumsshop in Südfrankreich gekauft, es war ihr erster Urlaub im Süden Europas gewesen. Solange er arbeitete, hatte Marder darauf bestanden, ans Meer oder nach Dänemark in den Ferien zu fahren. Dabei zog er die Nordsee vor, denn an der Nordsee fühlte er sich frei, dort fing das Meer an – an der Ostseeküste hörte lediglich das Land auf. Iris hatte seit Jahren gesagt, sie würde gern auch einmal ans Mittelmeer fahren, und im letzten Sommer hatte sie sich endlich durchsetzen können. Marder musste nach dem Genuss von täglicher Sonne und täglichem Rotwein zugeben, dass er viel zu lange auf dem Nordmeer bestanden hatte.

»Warum liest du nicht?«, fragte er.

»Ich kann meine Lesebrille nicht finden.«

|16|»Du hast doch drei.«

»Die anderen kann ich auch nicht finden.«

»Ich sage doch, du solltest die Brillen immer an dieselben Stellen legen, dann findest du sie auch wieder.«

»Das habe ich ja getan, aber sie liegen nicht mehr dort.«

»Soll ich dir beim Suchen helfen?«

»Nein, danke, ich will im Moment sowieso nicht lesen. Ich denke lieber nach.«

»Worüber denn?«

»Über dich und mich, die Kinder und die Enkel.«

»Machst du dir Sorgen?«, wollte Marder wissen.

»Nicht wegen dir oder mir, aber ein bisschen wegen der Enkel.«

»Was ist denn mit den Enkeln?«

»Eigentlich nichts Besonderes. Mir fällt halt auf, dass sie ganz anders erzogen werden, als wir es mit unseren Kindern gemacht haben. Manchmal beunruhigt mich das.«

»Ich denke, dass unsere Kinder gute Eltern sind, es kann nicht alles falsch sein, was sie von uns gelernt haben. Oder?«

»Ich weiß nicht … ich denke nur, dass die Kleinen zu oft fernsehen dürfen. Anstatt die Welt selber zu entdecken, wird ihnen alles ins Haus geliefert. Außerdem glaube ich, dass sie mit zu viel Sicherheit aufwachsen. Sie werden vor allem geschützt und total behütet.«

Während Iris das sagte, zog sie die Bettdecke bis ans Kinn hoch, als wolle auch sie sich schützen.

»Was meinst du damit?«

»Na, zum Beispiel, an jeder Treppe im Haus ist ein Kindergitter angebracht. Selbst wenn sie im Garten auf |17|dem Kinderfahrrad herumfahren, müssen sie einen Helm tragen.«

Iris rutschte im Bett ein Stück nach unten. Marder rutschte nach.

»Was soll daran so schlimm sein? Das ist doch eher vernünftig.«

»Ich denke nur, sie lernen nicht, selbst aufzupassen und Gefahren zu erkennen. Später, wenn sie mal größer sind, müssen sie das auch tun … aber vielleicht sollte ich so was nicht sagen. Es wäre furchtbar, wenn sich einer von ihnen verletzen würde, nur weil ich gesagt habe, sie brauchen beim Radfahren keinen Helm.«

»Ich sehe das ähnlich wie du, mein Schatz. Aber als Großmutter hast du darauf ebenso wenig Einfluss wie ich als Großvater. Früher war das Leben für kleine Kinder zwar interessanter, heute ist es dafür sicherer, und ich weiß nicht, was besser ist. Aber unsere Kinder lassen sich da sowieso nicht reinreden.«

Iris setzte sich wieder aufrecht, lehnte sich an die Kopfstütze des Bettes, lächelte ihren Mann zustimmend an.

»Weißt du«, meinte der abschließend. »Es ist alles nicht so wichtig, was wir denken. Das Wichtigste ist, dass die Eltern die Kinder lieben und umgekehrt.«

Marder liebte alle seine Enkel mit gleicher Inbrunst, auch wenn sie ganz unterschiedlich waren. Torsten war robuster als der sensible Darius, den er meistens Manfred nannte, weil die Eltern dem Jungen als zweiten Namen »Manfred« angehängt hatten, um dem Großvater eine Freude zu machen. An den Tag, als Manfred Darius … na ja … genau genommen … Darius Manfred getauft wurde, dachte er mit Freude zurück. |18|Er hatte sich damals gefühlt, als wäre er selbst zu neuem Leben erweckt worden.

Miriam war in nichts zu vergleichen mit … mit … Das schlechte Gewissen packte ihn, es war nicht das erste Mal, dass ihm der Name seiner jüngsten Enkeltochter nicht einfallen wollte. Es war eine Krux mit den Namen, die Eltern ihren Kindern heutzutage gaben. Wenn man die Namen der Neugeborenen in der Zeitung las, konnte man zu dem Schluss kommen, dass Stade am Bosporus oder am Chinesischen Meer lag.

Es waren nicht nur die Namen seiner Enkel, die ihm gelegentlich nicht einfallen wollten. Manchmal konnte er sich am Morgen nicht erinnern, was er am Tag zuvor getan hatte, dann versuchte er durch unschuldige Fragen den vorigen Tag wiederzufinden, ohne dass seine Frau merkte, warum er diese Fragen stellte. Er war überzeugt, dass Iris keine Ahnung von seinen gelegentlichen Kämpfen mit seinem Gedächtnis hatte. Wenn sie sich über »früher« unterhielten, hatte er nur selten Schwierigkeiten, sich an die Ereignisse in seiner Jugend oder seines Mittelalters zu erinnern, oft auch an die unwichtigen, überflüssigen, oder noch schlimmer, peinlichen Momente. Die waren ihm im Gegensatz zu den Erlebnissen in der jüngsten Vergangenheit stets gegenwärtig. War diese zunehmende Vergesslichkeit der Grund, warum es ihn drängte, seine Memoiren zu schreiben? Dabei war Memoiren bestimmt das falsche Wort. Memoiren waren Bücher, die prominente Leute schrieben. Vielleicht würde sein Freund Erich Falkenberg einmal zu diesen Berühmtheiten zählen, denn er war der wichtigste Mann der Kriminalpolizei in Niedersachsen. Wer weiß, wo der noch enden würde?

|19|Nathalie hieß sie. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Der Name seiner Enkelin war ihm wie von selbst zugeflogen.

Die Frau neben ihm im Bett, die er seit fünfzig Jahren kannte und deren Namen er nie vergessen hatte, war noch nicht eingeschlafen.

»Sage mal Manfred, worüber grübelst du die ganze Zeit?«

Marder wollte gerade protestieren.

»Und sage nicht, dass du nicht grübelst. Beim Grübeln atmest du nämlich ganz anders als beim Schlafen.«

»Über nichts Besonderes.«

Das war eine Antwort, die zum Nachfragen aufforderte.

»Du denkst doch wohl nicht schon wieder über deine Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis nach?«

Richtig. Darüber hatten sie sich gestern unterhalten. Das hatte er ganz vergessen. Marder legte einen Arm um seine Frau und schob sich näher an sie heran. Iris fiel noch etwas ein, das sie ihrem Mann vorher mitzuteilen hatte.

»Übrigens, bevor ich es vergesse. Gisela Falkenberg hat heute angerufen und gefragt, ob wir am Wochenende zusammen Rad fahren wollen.«

»Um diese Jahreszeit? Es ist doch fast noch Winter. Gestern hat es sogar ein bisschen geschneit.«

»Ja, aber heute ist alles wieder geschmolzen und am Wochenende sollen es über zehn Grad werden.«

»Und was hast du Gisela gesagt?«

»Dass ich erst einmal mit dir sprechen will und ich sie morgen wieder anrufe.«

»Und was wirst du ihr sagen, wenn du sie anrufst?«

»Dass wir uns beide sehr darauf freuen, mit ihr und Erich Rad zu fahren.«

|20|»Aber du hast mich doch gar nicht gefragt, ob ich mich darüber freue.«

»Warum sollte ich das? Ich weiß immer, was du willst, ohne dich zu fragen.«

|20|6.

Es war ein ganz gewöhnliches Messer, ein Messer wie es tausendmal vorkommt. Es hatte seine Arbeit getan, seine Schneide war von Blut verschmiert. Blut, das noch nicht trocken war, als das Messer neben dem toten Baumstamm auf den Boden fiel. Die Hand, die das Messer fallen gelassen hatte, trug Gummihandschuhe, an denen ein Finger fehlte. Die Person, der das Messer gehört hatte, steckte die Handschuhe in eine Plastiktüte. Sie wollte nicht riskieren, dass sie gefunden wurden.

|20|7.

Die Marders waren zweimal für Kurzurlaube zum Wandern im Deister gewesen, dabei hatten sie jedesmal in der Pension Marianne bei Frau Thann übernachtet. Von Stade in den Deister war es eine Fahrt von zwei Stunden, sie hofften, dadurch den Winternebeln am Ufer der Elbe für eine kurze Zeit zu entkommen, vielleicht sogar einen ersten Frühlingstag am »nördlichsten Berg Deutschlands« zu erleben. Die |21|Autobahnausfahrt nach Barsinghausen hatte sich seit ihrem Besuch verändert. Nicht zu ihrem Besten, fand Marder. Für ihn gehörten Sexshops und Spielhallen in die dunklen Ecken einer Stadt, hier boten sie sich offen und freizügig dar. Zielgruppe waren wohl die Fahrer, die ihre Lastwagen auf dem Autohof abstellten und während ihrer Ruhezeiten einen sinnvollen Zeitvertreib suchten.

Iris saß am Steuer und ignorierte die verwerflichen Etablissements. Das Auto bog in die Landstraße nach Bantorf ein. Die kleinen Ortschaften, durch die sie auf dem Weg nach Barsinghausen fuhren, waren ihrer dörflichen Vergangenheit treu geblieben. Hier schien die Zeit still zu stehen. Lediglich die Schaufenster der Lebensmittelgeschäfte, die es früher gegeben hatte, waren mit alten Zeitungen verklebt. Kurz vor dem Ortsschild von Barsinghausen verlangsamte Iris die Geschwindigkeit und wandte sich an ihren Ehemann.

»Bist du ganz sicher, dass Frau Thann uns heute erwartet? Nicht dass du das Datum durcheinander gebracht hast.«

»Du kannst ganz beruhigt sein. Ich habe erst vor ein paar Tagen das Zimmer bei ihr gebucht und gestern habe ich sie noch einmal angerufen und ihr gesagt, wann wir heute ungefähr ankommen. Und sie hat gesagt, sie freut sich sehr darauf, uns noch einmal zu sehen, bevor sie die Pension zumacht. Wir werden uns in Zukunft eine andere Unterkunft suchen müssen, wenn wir Ferien in den Bergen machen wollen.«

»Eigentlich schade, dass es die Marianne bald nicht mehr geben wird. Aber ich kann gut verstehen, dass es Frau Thann langsam zu viel wird und sie keine Lust mehr dazu hat. Sie ist ja auch nicht mehr die Jüngste«

Marder nickte zustimmend.

|22|»Mehr als die Pension werde ich Frau Thann vermissen. Sie war wirklich eine ideale Herbergsmutter, wenn man sie so bezeichnen darf.«

»Das glaube ich dir aufs Wort. Du hast ja schon von ihr geschwärmt, als du wegen Matuscheks Tod zum ersten Mal in Barsinghausen warst. Erst dachte ich, ich müsste eifersüchtig sein.«

»Ein bisschen Eifersucht kann nie schaden.«

»Im Prinzip schon, aber bei Frau Thann war das wohl nicht nötig. Außerdem schwärmst du sowieso eher für jüngere Frauen, so wie mich.«

»Ich habe doch immer gesagt, dass es außer dir keine Frauen in meinem Leben gibt – jedenfalls keine, die ich liebe.«

»Das hat auch der Prinz zu Dornröschen gesagt, bevor er Aschenputtel hinterherlief.«

»Der Trick mit dem Schuh war ja auch perfide. Pass auf, da vorne musst du rechts rein. Marianne liegt oben am Hang.«

»Ich fahre erst mal geradeaus.«

Marder war verwirrt.

»Warum denn das? Wenn ich sage rechts, kannst du mir es glauben, ich kenne mich hier aus.«

»Wenn wir schon das letzte Mal bei Frau Thann wohnen, können wir ihr wenigstens ein paar Blumen mitbringen«, verkündete Iris. »An solche Kleinigkeiten muss immer ich denken?«

Marder seufzte. Iris hatte recht, aber sie war in der Familie immer für auswärtige Angelegenheiten zuständig gewesen. Ihm unterstanden vor allem die Ressorts Finanzen und Verteidigung.

Im Stadtgebiet lenkte er seine Frau zu dem kleinen See, wo |23|sein Kollege Matuschek vor einigen Jahren gestorben war. Er wusste, dass es dort einen Parkplatz gab, der selten voll belegt war, da er für die meisten Besucher der Fußgängerzone am falschen Ende der Stadt lag. Drei Autos standen auf dem Platz, wo es Raum für fünfzehn oder mehr gab. Unter den Scheibenwischern von zwei von ihnen klemmte ein Strafbescheid. Neugierig nahm er einen davon in die Hand. Dem Fahrer wurde eine Strafgebühr aufgebrummt, weil er keine Parkscheibe hinter der Windschutzscheibe ausgelegt hatte. Die dementsprechende Anweisung stand kaum lesbar auf einem verschmutzten Schild, das zur Hälfte von einem Busch verdeckt wurde. Ähnliches war Marder in Stade auch passiert, es ärgerte ihn vor allem dann, wenn es keinen Mangel an freien Parkplätzen gab, er also lediglich wegen einer unbarmherzigen Politesse eine Strafe zahlen musste.

»Lächerliche Bürokratie«, schimpfte er. Vorsichtshalber legte er die Parkscheibe in seinem Auto deutlich sichtbar aus. Dabei schummelte er um eine halbe Stunde.

Der Weg zur Fußgängerzone führte zwischen Rathaus und Stadtkirche den Hang hinab und endete auf dem zentralen Platz des Ortes. Marder und seine Frau blieben stehen, um nach einem Blumengeschäft Ausschau zu halten. Er spürte einen heftigen Stoß in den Rücken und wäre gestürzt, wenn er sich nicht geistesgegenwärtig an seiner Frau festgehalten hätte. Ein Inline-Skater hatte beim Überspringen einer flachen Mauer die Kontrolle über seine Skates verloren, war durch die Luft getaumelt, hatte nach einem Halt gesucht und dabei Marder mit einem Arm getroffen. Der junge Mann rollte weiter, ohne sich darum zu kümmern, ob er dem älteren Herrn Schaden zugefügt hatte.

|24|In einem Blumengeschäft kauften sie einen Strauß Tulpen, der trotz seiner langen Anreise aus Holland frisch und munter aussah. Frau Thann würde sich bestimmt darüber freuen.

Marianne befand sich am Hang zwischen der obersten Straße des Ortes und den untersten Bäumen des Waldes, der die Hügel des Deisters bis zum Kammweg bedeckte. Das Gebäude wirkte herrschaftlich, war aber zu klein, um es tatsächlich zu sein. Die für diese Gegend ungewöhnlichen Fensterläden gaben dem Haus einen eigenständigen Charakter. Das Schild am Gartentor, das noch im letzten Jahr mit silbernen Buchstaben auf die Pension Marianne hingewiesen hatte, war bereits abmontiert worden. Frau Thann meinte es also ernst mit der Schließung des Hauses. Aus dem Rasen vor dem Haus sprossen Tulpen, strahlten jedoch nicht in gleicher Pracht wie ihre Geschwister aus Holland. Iris meinte leise, sie hätten lieber andere Blumen nehmen sollen.

Frau Thann freute sich über die Ankunft der Familie Marder. Sie umarmte Iris, traute sich nicht, das Gleiche mit Marder zu tun. Sie schien seit dem letzten Jahr kaum älter geworden zu sein, eher jünger. Marder fragte sich, ob sie sich wohl liften lassen hatte. Er konnte es sich nicht vorstellen, es passte nicht zu dieser naturverbundenen Pensionsmutter, sich von einem Schönheitschirurgen renovieren zu lassen. Wahrscheinlich war es die Vorfreude auf den Rest ihres Lebens, die sie aufblühen und verjüngt wirken ließ – die Zeit, wenn sie nicht länger Gäste in ihrem Haus beherbergen würde und sich die Tage nach ihren eigenen Wünschen einrichten konnte. Dieselbe Vorfreude hatte ihn überkommen, als er kurz davor war, den Dienst bei der Kriminalpolizei zu quittieren, |25|obwohl er immer Spaß und Genugtuung bei seiner Arbeit empfunden hatte.

»Schön, dass Sie gekommen sind. Sie können dasselbe Zimmer haben wie im letzten Jahr. Aber, wenn es Ihnen lieber ist, können Sie sich gern ein anderes aussuchen. In dieser Woche sind Sie meine einzigen Gäste, da kann ich mich Ihnen voll und ganz widmen. Das ist mir mehr als recht, ich lege keinen Wert mehr auf ein volles Haus und die ganze Arbeit, die damit zusammenhängt. Sie wissen ja, dass ich in ein paar Wochen die Pension zumachen werde. Danach werde ich ein Leben als eine einsame alte Frau beginnen.«

Das sagte Frau Thann fröhlich, ohne Bitternis. Marder vermutete, dass sie sich eher auf ein Leben als lustige Witwe vorbereitete als auf das einer einsamen alten Frau. Sie gehört bestimmt zu denen, die erkannt haben, dass man sich dem Heiteren im Leben bewusst zuwenden muss, während das Tragische von allein kommt.

Eine schwarze Katze sprang zwei Stufen hinauf, welche die Terrasse vom Garten trennten. Sie trug weiße Turnschuhe vorne, weiße Stiefel hinten. Über der Nase leuchtete ein ebenso weißes Ausrufungszeichen. Die Katze raste durch die offene Verandatür, drehte zwei unsinnige Runden im Wohnzimmer und kam vor dem Kühlschrank in der Küche zu stehen. Neben dem Kühlschrank stand ein Fressnapf, der zu ihrer erkennbaren Enttäuschung leer war – sie hatte sich offensichtlich in der Fütterungszeit geirrt. Die Katze blickte Marder auffordernd an, Marder schaute betont lässig zurück. Brisbane sah um Jahre jünger aus als bei seinem letzten Besuch. Damals schien er bereits auf dem Weg in den Katzenhimmel zu sein … Nein, Brisbane konnte es nicht sein, |26|dieser Kater war ein Junior, so um die zwei, höchstens drei Jahre alt, notfalls vier. Marder hatte genügend Erfahrung mit Katzen, um das beurteilen zu können.

Er schaute Frau Thann fragend an.

»Ich weiß, was Sie denken«, sagte seine Wirtin. »Sie denken, Brisbane hat eine Verjüngungskur gemacht. Oder dass er wiedergeboren wurde.«

»Ich vermute eher etwas anderes.«

»So ist es. Brisbane ist leider im letzten Herbst gestorben. Es beruhigt Sie vielleicht, dass er friedlich eingeschlafen ist, soweit man das bei einer Katze beurteilen kann. Er bewegte sich in den letzten Wochen immer langsamer, hören konnte er seit Monaten so gut wie nichts mehr. Zum Schluss verlor er das Interesse an seinen Gegnern in den Gärten um uns herum. Eines Tages hat er einfach aufgehört zu fressen und ist nach einer Woche gestorben. Als ich merkte, dass es soweit war, habe ich ihn an seinen Lieblingsplatz im Garten in die Sonne gelegt, und nach einer Stunde hat er aufgehört zu atmen. Sie können sich vorstellen, wie tief mich das berührt hat.«

Marder konnte das gut nachfühlen. Auch er und Iris hatten ihren Kater Tatze innig verehrt, wie es einer Katze zusteht, auf deren Grundstück und in deren Haus man wohnen darf. Sie waren sich einsam vorgekommen, nachdem sie gestorben war.

Iris blickte Frau Thann mitleidsvoll an, als wolle sie ihr Beileid aussprechen, tat es aber nicht. Schließlich war eine Katze eine Katze und kein Mensch, außerdem lag der Todesfall mehr als ein halbes Jahr zurück.

Frau Thann musste die neue Katze erklären.

»Zwei Monate nach dem Tod von Brisbane bin ich trotz |27|schlechten Gewissens wegen der kurzen Trauerzeit zum Tierheim des Tierschutzvereins gegangen, um mir eine neue Katze zu holen. Dieser Kater saß ganz vorne am Gitter, als ich kam, so als warte er bereits auf mich. Er sah aus wie Brisbane, und wie ich bald festgestellt habe, hat er einen ähnlichen Charakter, beziehungsweise die gleiche charmante Charakterlosigkeit. Er hat absolut keine Hemmungen, meine Gutherzigkeit auszunutzen. Manchmal glaube ich fast, dass Brisbane in ihm wiedergeboren ist, aber natürlich nicht ernsthaft.«

»Sie haben ihn hoffentlich nicht auch Brisbane genannt?«

»Nein, dieser Kater heißt Sydney. Das ist nahe genug an Brisbane, um mich zu trösten, aber weit weg genug für eine eigene Persönlichkeit.«

8.

Marder erinnerte Frau Thann daran, dass er am Nachmittag einen Kaffee brauche, um bis zum Abend durchzuhalten. Nur für Marder erkennbar, rümpfte Iris die Nase, sie war der Ansicht, Kaffee putsche unnötig auf, Kräutertee sei gesünder. Sie ließ sich nicht auf seine Beteuerungen ein, neue wissenschaftliche Untersuchungen hätten bewiesen, dass Kaffee keineswegs so schädlich sei, wie oft behauptet wurde. Erstens würde er dem Körper nicht Wasser entziehen, wie früher immer behauptet wurde, und zweitens wirke er sogar als vorbeugende Medizin gegen eine Reihe von Leiden. Um welche es dabei ging, hatte Marder vergessen. Er lese ohnehin nur |28|medizinische Berichte, die seine Ansichten bestätigten, meinte seine Gattin.

Während Frau Thann die Getränke in der Küche aufbrühte, griff Marder nach der lokalen Zeitung auf dem Tisch. Es war ein spontaner Akt, wie immer, wenn sich eine Zeitung in seiner Reichweite befand. Zeitunglesen war eine Leidenschaft, die er nie ablegen würde, egal wie alt er werden sollte. Seine Frau teilte sie bis zu einem gewissen Grad. Beim Lesen der Morgenzeitung lasen sie die Sektionen gern in unterschiedlicher Reihenfolge, das ließ den Tag in Harmonie beginnen. Er informierte sich zuerst über Politik und Wirtschaft, Iris studierte als Erstes die Seiten mit Kultur und Lokalem. Dann tauschten sie. Den Sportteil las ausschließlich Marder, den vernachlässigte Iris, so wie Marder es mit den Horoskopen tat. Die Klischees über die unterschiedlichen Interessen von Frau und Mann trafen auf das Ehepaar Marder beim Zeitunglesen zum Frühstück hundertprozentig zu.

»Tanken und Heizen wird bald noch teurer«, sagte Marder. »Die OPEC-Länder haben beschlossen, die Fördermengen von Rohöl zu senken und zum Ausgleich die Preise zu erhöhen. Das finde ich völlig logisch.«

»Dann sollten wir öfter mit dem Fahrrad fahren und nicht für jede kleine Besorgung im Ort das Auto nehmen«, antwortete Iris. »Und das Thermostat im Haus um ein paar Grad heruntersetzen.«

»Das mit dem Fahrrad sagen wir schon seit Jahren, tun es aber nur selten, eigentlich nie, und das mit den Temperaturen halte ich für eine schreckliche Idee. Ich will nicht im Alter in einer frostigen Wohnung sitzen.«

|29|Marder schüttelte sich, der Gedanke an ein kaltes Wohnzimmer jagte ihm einen eisigen Schauer über den Rücken.

»Vielleicht sollten wir uns an der Börse an den Spekulationen ums Erdöl beteiligen – mit unserer Rente könnten wir da jederzeit einsteigen. Wir würden dann jedes Mal ein bisschen Geld verdienen, wenn wir Auto fahren oder die Heizung anmachen. Und je höher wir die Temperatur stellen, umso mehr sahnen wir ab.«

»Schatz, lass das lieber, damit bringst du nur den Weltmarkt durcheinander.«

Die Erörterung der Neuigkeiten aus der großen Welt war damit abgeschlossen. Das Aroma frischen Kaffees wehte aus der Küche und Marders gute Laune bekam einen Schub.

»Guck mal«, meinte Iris, als sie die Überschriften auf der ersten Seite des Regionalteils las. »Das Böse in Barsinghausen schläft nicht. Hier steht, dass ein Mann vorgestern ein blutiges Messer im Wald gefunden hat. Es lag bei einem Parkplatz auf der Erde.«

Marder war sofort bei der Sache. Das hörte sich nach einem Verbrechen an. Kriminalität und deren Aufklärung waren früher der Sinn seines Lebens gewesen. Seit seinem Ruhestand war er nicht länger als Jäger des Bösen unterwegs, den wesentlichen Verbrechen und den damit verbundenen Ermittlungen folgte er in den Medien jedoch mit dem Interesse eines Experten. Gelegentlich behauptete er seiner Frau gegenüber, dass er einen Fall schneller gelöst hätte als die aktive Generation der Kriminalbeamten. Iris lächelte dann nachsichtig und meinte, er könne nur nicht akzeptieren, dass er zum älteren Eisen gehöre, das bei der Bekämpfung der modernen Kriminalität nicht mehr zu gebrauchen sei.

|30|»Gib doch bitte mal her«, sagte er und nahm seiner Frau die Zeitung aus der Hand, bevor sie die Chance hatte, sie ihm freiwillig zu geben.

Die Polizei in Barsinghausen hatte gestern die Presse informiert, dass am Nachmittag zuvor, um circa 16 Uhr, ein Jogger ein blutiges Messer im Wald am Rande eines Parkplatzes bei der Freilichtbühne entdeckt hatte. Der Mann rührte das Messer klugerweise nicht an, sondern hatte die Polizei über sein Handy zu dem Parkplatz gerufen. Er erklärte den Beamten, er habe das Messer gesehen, als er sein Auto ganz am hintersten Ende des Platzes abgestellt hatte und ausgestiegen war. Dabei habe er sofort bemerkt, dass es mit Blut beschmiert war. Der Bericht fuhr fort, dass auch an dem Baumstamm, neben dem das Messer gelegen habe, Spuren von Blut gefunden worden seien. Eine erste vorläufige Untersuchung habe ergeben, dass es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um menschliches Blut handele, was man nach dem Abschluss der Tests noch einmal endgültig bestätigen würde. Oder notfalls dementieren, das sei jedoch eher unwahrscheinlich. Die Polizei habe nach den ersten Überprüfungen in der Nähe des Fundortes keine weiteren Spuren finden können, und man hoffe, dass sich die Frage, woher das Messer stamme und wie es in den Wald gelangt war, schnell und undramatisch aufklären würde. Ein Verbrechen lasse sich jedoch nicht ausschließen, und deswegen wende sich die Polizei zu diesem frühen Zeitpunkt der Ermittlungen an die Öffentlichkeit. Wenn jemand eine sachdienliche Mitteilung in dieser Angelegenheit machen könne, solle er sich umgehend bei der Polizei melden.

Frau Thann erschien mit einem Tablett, auf dem sie eine |31|Kaffeekanne und eine Teekanne balancierte. Beide Gefäße sowie die dazugehörenden Tassen sahen wie wertvolle Museumsstücke aus. Als Iris darauf hinwies, erklärte Frau Thann, sie hätte das Geschirr auf dem Flohmarkt an der Leine in Hannover gekauft, wohin sie, wenn sie keine Gäste habe, am Sonnabendmorgen manchmal gehe, um überflüssige, aber schöne Dinge zu suchen und meistens auch zu finden.

Marders Gedanken blieben bei dem blutigen Messer hängen. Durch die Erwähnung eines möglichen Verbrechens kehrten seine Erinnerungen zu den Ereignissen um die Familie Matuschek zurück. Der tote Körper seines ehemaligen Kollegen Alfred Matuschek in einem Teich am Rande der Innenstadt hatte ihn vor vier Jahren zum ersten Mal nach Barsinghausen gebracht, das Verschwinden von dessen Ehefrau zwei Jahre später noch einmal. Das Schicksal der Kinder hatte ihn damals bewegt, obwohl sie schon erwachsen waren und seine Hilfe oder seinen Zuspruch offensichtlich nicht wollten. Darüber hatte er sich zuerst gewundert, später verstanden.

Frau Thann begann, über ihre Sehnsucht nach ihren Kindern und Enkeln zu sprechen. Sie plane, das Haus im nächsten Frühjahr zu verkaufen, um nach Süddeutschland zu ziehen, wo ihre Familie inzwischen zum größten Teil lebe. Außerdem liebe sie die Alpen, wo sie früher oft mit ihrem Mann gewandert sei. Marder unterbrach sie, trotz eines tadelnden Blicks seiner Frau. Seine Gedanken kreisten noch um die Familie Matuschek. Er fragte Frau Thann, was sie über das jetzige Leben von Bertram und Anja, den Kindern der Matuscheks, wisse. Die gleiche Frage hatte er Frau Thann schon einmal vor zwei Jahren gestellt. Damals war er von |32|Erich Falkenberg beauftragt worden, herauszufinden, warum Vera Matuschek plötzlich aus Barsinghausen verschwunden war. Frau Thann ließ eine weitere Mitteilung über ihre eigene Familie unausgesprochen. Sie schaute ihren Gast irritiert an, verzieh ihm jedoch die Unhöflichkeit, da sie sich daran erinnerte, dass Marder in die Geschehen um die Matuscheks und deren Aufklärung dienstlich verwickelt war.

»Eigentlich weiß ich kaum etwas über die Matuscheks. Beide Kinder leben wohl noch in Barsinghausen. Bei Bertram bin ich mir ganz sicher, den habe ich erst in der letzten Woche bei einem Spaziergang getroffen. Er wohnt ja am Ende dieser Straße, ganz oben beim Wald. Wir haben uns aber nicht unterhalten, weil wir uns nicht persönlich kennen. Mir fiel trotzdem auf, dass seine Haare sehr schütter geworden sind und er ein unglückliches Gesicht machte. Aber das ist wohl der Normalzustand bei ihm, wenn ich mich korrekt daran erinnere, was Sie mir einmal erzählt haben.«

Sydney hatte sich an seine Herrin herangeschmust, war auf ihren Schoß gesprungen und hatte sich schnurrend eingerichtet. Frau Thann streichelte ihn geistesabwesend.

»Und was ist mit Anja?«, fasste Marder nach.

»Keine Ahnung. Soweit ich mich entsinne, war sie Krankenschwester in Gehrden, das wird sie wohl noch sein, aber garantieren kann ich das nicht. Sie wohnt wahrscheinlich nach wie vor in Barsinghausen. Vor ungefähr einem halben Jahr habe ich ihr Bild in der Zeitung gesehen. Da war ein Open House bei der Polizei und die Presse hat davon Fotos gemacht. Auf einem dieser Bilder war Anja. War sie nicht mit einem der Beamten von der Kripo befreundet?«

»Ja, ja, das war Kommissar Brenner. Ich glaube, sein Vorname |33|ist Burt, aber ich kann mich auch täuschen. Jedenfalls war er früher Assistent von Matuschek und wurde später sein Nachfolger. Aber das sind alte Geschichten. Wo, sagten Sie, möchten Sie gern hinziehen, wenn Sie die Pension geschlossen haben?«

Frau Thann nutzte die Gelegenheit, ausführlich über ihre Pläne für die Zeit nach der Schließung von Marianne zu berichten. Nachdem sie mehr darüber erzählt hatte, als Marder sich merken konnte, sagte sie, dass sie nun zum Einkaufen in die Stadt müsse, selbstverständlich seien die Marders heute ihre Gäste beim Abendessen.

»Inzwischen können Sie ein bisschen im Ort oder im Wald spazieren gehen. Schauen Sie sich einmal die Verwüstungen an, die der große Orkan angerichtet hat. Den werde ich nie vergessen, ich habe an dem Abend und in der Nacht voller Angst im Wohnzimmer gesessen, während draußen ein Höllenlärm tobte. Wie durch ein Wunder war am Haus und im Garten alles heil geblieben, aber nur wenige Meter dahinter im Wald hat der Orkan alles flachgelegt. Sie brauchen nicht weit zu gehen, die größten Schäden gab es direkt am Ortsrand.«

Marder überlegte.

»Ach ja, das war doch dieser riesige Sturm mit dem russischen Namen, irgendwas mit B… Bertil, oder so.«

»Nicht mit B, sondern mit K. K wie Kyrill«, korrigierte Frau Thann nachsichtig.

»Wenn sich dieser Sturm vor 20 Jahren ereignet hätte, wüsstest du heute noch genau, wie er geheißen hat«, meinte Iris, als sie die Pension verließen. »Komm, wir machen mal Katastrophentourismus.«

|34|Viele Wege führen in Barsinghausen in den Wald, jedenfalls alle, die aufwärts gehen. Marder und seine Frau kamen wieder am Ziegenteich vorbei. Jedes Mal, wenn er hier vorbeischaute, hatte Marder das Gefühl, dass er seinem toten Kollegen Referenz erwies. Sie setzten sich auf eine Bank und blickten schweigend auf das dunkle Wasser. In der Mitte des kleinen Sees war eine winzige Insel mit einem Holzverschlag, in dem Enten und ein einsamer Schwan ihr Zuhause hatten. Ein Hund, halb Schäferhund, halb Collie, stand mit seinen Vorderpfoten im Wasser und bellte die Enten an, die sich dadurch nicht bei ihrer Suche nach Grünzeug stören ließen. Die Sträucher an den Ufern spiegelten sich auf der Wasserfläche, sie zeigten die ersten Knospen des Frühlings, trugen aber noch keine Blätter. Der kleine See lag offen, vom Rathaus auf der anderen Seite der Straße hatten der Bürgermeister und seine Mitarbeiter einen freien Blick auf die Idylle.

»Weißt du«, sagte Marder nach einer Weile zu seiner Frau »wenn ich hier bin, muss ich immer wieder über den tragischen Tod von Alfred Matuschek nachgrübeln. Ich frage mich, ob seine Kinder gelegentlich an diesen Teich kommen, um an ihn zu denken. Ich bin mir fast sicher, dass sie das nicht tun.«

»Das vermute ich auch«, sagte Iris leise. Auch sie wurde offensichtlich von diesem Ort bewegt. Sie fuhr fort:

»Trotzdem bin ich überzeugt, dass sein Tod die Kinder nicht unberührt gelassen hat, wenn man dann noch bedenkt, dass sich ihre Mutter zwei Jahre danach ebenfalls das Leben genommen hat, nur weil sie sich mit dem falschen Mann eingelassen hatte. Das muss Bertram und Anja tief getroffen haben. Vor allem Anja. Sie wird für den Rest ihres Lebens schwer daran zu tragen haben. Die Beziehungen zwischen Müttern |35|und Töchtern sind eine höchst komplizierte Sache. Ich bin überzeugt, dass Mütter einen größeren Einfluss auf das Leben ihrer Töchter haben als die es jemals zugeben. Ich würde mich nicht wundern, wenn Anja eines Tages daran zerbricht.«

»Wir wissen das nicht, und ich hoffe, wir werden es nie erfahren«, antwortete Marder und stand abrupt auf. »Komm, lass uns in den Wald gehen. Vielleicht kommen wir dort auf schönere Gedanken.«

Ein Irrtum. Große Bereiche des Waldes befanden sich im Zustand absurder Verwüstung. Kyrill hatte breite Schneisen der Zerstörung in den Wald gerissen. Es gab kaum Übergänge zwischen den Flächen, wo der Wald gnadenlos abrasiert worden war und denen, wo er beinahe unberührt stehen geblieben war. Vor allem Nadelbäume mit ihren flachen Wurzeln hatten der Gewalt des Windes nichts entgegenzusetzen gehabt. Die Bäume waren aus der Erde gerissen und lagen ineinander verkeilt auf dem Boden. Andere waren abgebrochen, entweder auf halber Höhe oder unterhalb ihrer Krone, ihre bizarren Stümpfe zeigten in den Himmel wie verhöhnend erhobene Finger. Marder musste an die Stahlträger des World Trade Centers in New York denken, die aus den Ruinen der beiden in sich gesunkenen Türme empor ragten. Aus den Wunden der Bäume floss der Saft, der sie am Leben gehalten hatte. Marder musste unwillkürlich an die toten Menschen denken, die er zu oft in seinen Berufsjahren als Kriminalist betrachten musste. Auch aus ihren Wunden war oft der Saft des Lebens geflossen, nur war es nicht Harz, sondern Blut gewesen.

Den wenigen Laubbäumen, die in diesem Bereich des Waldes gestanden hatten, war es nur wenig besser ergangen. Einige |36|von ihnen waren ebenfalls unter der ungeheuren Wucht des Windes umgestürzt. Die noch standen, hatten zerrissene Kronen, ihre Äste hingen wie Fetzen an den Stämmen herunter. Über allem lag die Stille eines Friedhofs, Geräusche, die das Leben im Wald bezeugten, fehlten. Vögel, die hier gebrütet hatten, mussten woanders neu anfangen, ebenso die Tiere, die auf dem Boden lebten. Seit dem Sturm waren mehrere Wochen vergangen, aber die Forstverwaltung hatte es noch nicht geschafft, die Waldwege freizuräumen, nur der Hauptweg war notdürftig freigemacht. Man hatte die Baumstämme, die darübergefallen waren, durchgesägt, an den Seiten notdürftig gestapelt und dadurch einen Pfad durch das Chaos geschnitten.

Ein leichter Wind wehte über den Hang. Er brachte den Geruch von frischem Holz mit sich. Der Wald war hier zwar gestorben, aber er hatte noch nicht angefangen zu vermodern. In der Luft schwebte ein Raubvogel, der den Wirrwarr unter sich beobachtete, vielleicht hoffte er auf eine mühelose Mahlzeit – ein verendetes Kleintier, das ein Opfer der umstürzenden Bäume geworden war.

Während Manfred und Iris Marder dieses Chaos betrachteten, erfüllte ein leises Geräusch die Luft, ein Knistern, als ob sich Elektrizität entlud. Der Ton wurde eindringlicher, aggressiver, ging in ein Krachen über. Er kam vom Rand des zerstörten Gebietes, dort wo der Wald begann, der überlebt hatte. Die Krone einer Fichte neigte sich zur Seite, brach ab und fiel auf den Waldboden. Kyrill hatte den Baum offensichtlich beschädigt, das Werk der Zerstörung aber nicht vollenden können. Das hatte die Natur nun nachgeholt. Marder erschauderte, es hätte ebenso der Baum sein können, in dessen |37|Nähe sie gerade standen. Sie gingen wenige hundert Meter bergauf, dort war die Welt wieder in Ordnung, der Wald friedlich und voller Hoffnung, wie es zu Beginn des Frühlings in jedem Jahr war – so als hätte es den Orkan nie gegeben. Kyrill hatte trotz seiner Wut nur Schneisen von mehreren hundert Metern Breite durch den Deister geschlagen, dort seinen Zorn und Furor ausgetobt und den Rest der Hügel weitgehend verschont.

Auf dem Weg in die Stadt zurück kam ihnen eine riesige Holzerntemaschine vom Typ »Harvester« entgegen. Die Menschen waren dabei, wieder Ordnung in den deutschen Wald zu bringen.

|37|9.

»Bei dem schönen Sonnenschein habe ich den Frühstückstisch im Wintergarten gedeckt und die Zeitung gleich dazugelegt«, begrüßte Frau Thann ihre Gäste, als sie die Treppe herunterkamen.

Marder hielt den ersten Kaffee des Tages in der rechten Hand, mit der linken blätterte er in der Zeitung und suchte die neuesten Informationen über das blutige Messer am Waldrand. Auf Seite drei wurde er fündig.

»Es scheint etwas Neues zu geben«, sagte er. «Es ist ein ziemlich langer Bericht. Ich glaube, die lokale Presse ist glücklich, wenn vor Ort etwas Aufregendes passiert, selbst wenn es etwas Schreckliches ist – die Leute lesen dann die Zeitung mit mehr Interesse als gewöhnlich.«

|38|»Lies laut«, sagte Iris. »Ich schmiere dir inzwischen ein Brötchen. Welche Marmelade willst du?«

»Das weißt du doch. Ich nehme immer die bittere Orangenmarmelade, wenn es welche gibt.«

Er zeigte mit dem Finger energisch auf die Schale mit seiner Lieblingskonfitüre.

»Ich dachte, du wolltest vielleicht mal was Neues probieren, jetzt wo wir Ferien machen. Du könntest manchmal ein bisschen abenteuerlustiger beim Essen sein.«

»Ich weiß, du meinst es gut, mein Schatz. Aber ich will beim Frühstück keine Abenteuer erleben. Ich will einfach nur bittere Orangenmarmelade. Soll ich nun vorlesen oder nicht?«

»Entschuldigung. Ich wollte dir deine Marmelade nicht vermiesen. Ich weiß ja, wie sehr du daran hängst. Ich bin jetzt ganz Ohr. Lies bitte vor.«

Marder las:

»Das blutige Messer, das vorgestern ein Jogger im Wald am Rand eines Parkplatzes in der Nähe der Freilicht-Bühne gefunden hat, gibt der Polizei weiterhin Rätsel auf.

Es ist inzwischen bestätigt, dass es sich bei dem Blut um menschliches Blut handelt, wahrscheinlich Blut von einer Frau. Die Polizei vermutet, dass es nicht aus einer zufälligen kleinen Schnittwunde stammt – dafür ist die ursprüngliche Menge des Blutes an dem Messer und dem Baumstamm dem Anschein nach zu groß gewesen. Das Messer hat einen schwarzen Plastikgriff, es ist ein Modell, wie es wahrscheinlich in vielen Haushalten vorhanden ist.

Die Spurenexperten haben bisher keine Fingerabdrücke am Griff des Messers finden können. Das gibt der Kriminalpolizei |39|besonderen Anlass zur Sorge. Möglicherweise hat der Besitzer das Messer verloren, ohne es zu bemerken, und die Fingerabdrücke sind durch die Witterung beseitigt worden. Es ist jedoch nicht völlig auszuschließen, dass eine Person das Messer dort absichtlich abgelegt hat, nachdem sie eventuelle Fingerabdrücke am Griff und an der Klinge abgewischt hat. Es stellt sich die Frage, warum. Wenn es sich um ein Verbrechen handelt, dann wäre die Beseitigung der Fingerabdrücke durch den Täter nur logisch.

Weitere forensische Untersuchungen des Blutes, die Aufschluss darüber geben könnten, wie lange das Messer an der Fundstelle gelegen hat, sind noch nicht abgeschlossen. Es ist durchaus möglich, dass es sich seit längerem, eventuell circa eine Woche, dort befunden hat. Die Polizei plant, den Bereich heute noch einmal großflächig mit Hunden abzusuchen, da bisher in der unmittelbaren Nähe des Parkplatzes nichts Auffälliges entdeckt wurde. Die Hoffnung, Fuß- oder Reifenspuren zu finden, die im Zusammenhang mit einem möglichen Verbrechen stehen könnten, ist gering, da der Boden in den letzten Tagen mit Schnee bedeckt war, der inzwischen vollständig geschmolzen ist.

Die Polizei bittet alle Leser, die das auf dem Foto abgebildete Messer wiederzuerkennen glauben, sich zu melden, auch wenn es sich dabei um ein handelsübliches Modell handelt. Alle Informationen werden selbstverständlich vertraulich behandelt. Die Polizei bittet die Mitbürger, die in der letzten Zeit im Wald um die Freilichtbühne unterwegs waren und denen etwas Ungewöhnliches aufgefallen ist, sie zu kontaktieren.

Die nächste Pressekonferenz ist für morgen Vormittag vorgesehen. Wir werden Sie weiterhin über alles Wichtige zu diesem Fall unterrichten.«

|40|10.

»Gute Nacht, Schatz. Schlaf gut. Ich komme morgen früh wieder, um nach dir zu schauen, bis dahin geht es dir bestimmt besser.«

Marder richtete sich auf eine weitere Nacht im Krankenhaus ein. Vor drei Nächten hatte ihn seine Frau um zwei Uhr morgens wegen einer Nierensteinattacke in die Notfall-Aufnahme der Klinik in Gehrden eingeliefert. Nierensteine waren für ihn nichts Neues, nur die heimtückische Geschwindigkeit, mit der ihn der Schmerz dieses Mal überfallen hatte, war unvorhersehbar gewesen. Am Abend, kurz vor dem Schlafengehen, hatte er sich als Hinweis gemeldet, dass es ein Problem in seinem Unterleib gab. Eine Nacht gut schlafen, und die Sache erledigt sich von allein, hatte er sich Mut zugesprochen und ließ Iris nicht in seine Schmerzen ein. Sie schlummerte neben ihm und ahnte nichts von seinem Kampf gegen die Qualen, den er zunehmend verlor. Kurz nach Mitternacht ging es nicht mehr. Er weckte seine Frau, er müsse ins Krankenhaus, er sei sicher, er habe einen eingeklemmten Nierenstein, der ihm großes Unbehagen verursache. Iris war sofort hellwach, sie wusste, dass ihr Mann aus schmerzhafter Erfahrung sprach. Wenn er sie weckte, war es nicht zum Spaß – sie kannte ihn als einen Mann, der Schmerzen lieber verkniff, als andere damit zu belästigen.

Ob sie den Notarzt rufen solle, oder ob er direkt ins Krankenhaus wolle, fragte sie besorgt.

»Wir fahren gleich zur Notfallaufnahme ins Krankenhaus. Wer weiß, wie lange es dauert, bis ein Notarzt kommt, und |41|der wird mich sowieso ins Krankenhaus einweisen. Wenn ein Nierenstein festsitzt, kann eine Stunde unglaublich lang sein.«

Er versuchte zu lächeln. Es misslang.

»Ich weiß, wo das Krankenhaus in Gehrden ist, wir brauchen nur eine knappe Viertelstunde. So lange halte ich es noch aus.«

Iris hatte ähnliche Situationen früher bereits durchgemacht. Sie geriet daher nicht in Panik wie bei seinem ersten Stein, auch wenn sie um ihren Mann besorgt war. Bisher hatten diese Attacken stets gut geendet, und sie wusste, dass sie im Moment nichts tun konnte, außer ihn so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu bringen und ihm auf dem Weg dorthin liebevollen Trost zuzusprechen.

Der wachhabende Arzt in der Notfallstation war ein junger Mann, sicherlich ein Assistenzarzt, er machte einen kompetenten und gefassten Eindruck, auch wenn er erst den Schlaf vertreiben musste, dem er sich gerade hingeben wollte. Marder weihte ihn in seinen Verdacht über den festsitzenden Nierenstein ein. Ultraschall und Röntgenaufnahmen bestätigten diese Selbstdiagnose.

»Ich werde Ihnen eine schmerzstillende Spritze geben, damit Sie erst einmal schlafen können. Morgen früh machen wir eine gründliche Untersuchung. Wenn sich Ihre und meine Diagnose als richtig herausstellt, und daran habe ich keinen Zweifel, werden wir den Stein aus der Harnröhre in die Niere zurückschieben und dann einen Katheter einführen, damit sich ihre Niere entwässern kann. Dann schauen wir mal, wie es weitergeht.«

Als Marder in einem Bett auf der urologischen Station lag, |42|war der Schmerz fast verschwunden – die Spritze hatte innerhalb weniger Minuten ihre Arbeit getan. Iris küsste ihn auf die Stirn, hielt seine Hand für eine Weile, gähnte heimlich und hielt mit Anstrengung ihre Augen offen. Während Marder sich langsam in den Schlaf zurückzog, stand sie von seinem Bett auf und sagte, sie würde am nächsten Tag mit frischer Unterwäsche und einem interessanten Krimi wiederkommen, vielleicht fände sie im Bücherladen im Ort etwas neues Skandinavisches von Henning Mankell oder einem seiner nordischen Krimikollegen. Aber da war ihr Mann schon eingeschlafen, sah friedlich und kerngesund aus.

Frau Thann wird sich wundern, wenn ich allein zum Frühstück auftauche, dachte sie.

Am Morgen tat der ältere Stationsarzt genau das, was der junge Arzt in der Nacht vorausgesagt hatte. Es war eine unangenehme Prozedur, als er den Stein mit einer Sonde durch den Penis, die Blase und den Harnleiter in die Niere zurückschob. Es tat weh und war Marder obendrein peinlich, weil zwei junge Krankenschwestern sowie eine Reihe von Studenten und Studentinnen im Praktikum um ihn herumstanden und alles interessiert beobachteten.

»Jetzt geben wir Ihnen zwei Tage Ruhe und ein Medikament, das mit etwas Glück den Stein auf natürliche Art abgehen lässt. Sollte das nicht der Fall sein, was ich leider als wahrscheinlicher betrachte, werden wir übermorgen zur Steinbruchmethode greifen. Das heißt, wir werden den Stein mit Stoßwellen in kleine Teile zertrümmern, die dann hoffentlich von selbst herausgespült werden. Ich vermute, das kennen Sie schon von Ihren früheren Attacken. Sie müssen danach für ein paar Tage in ein Sieb pinkeln und darauf |43|achten, ob es ›klick‹ macht und kleine Felsbrocken hinein poltern.«

Die lockere Art des Arztes, über medizinische Angelegenheiten zu plaudern, gefiel Marder. Er sah sich nicht gern als tragische Person, auch nicht, wenn er sich wegen einer Krise im Unterleib im Krankenhaus aufhielt. Er fühlte sich inzwischen als Experte in Nierensteinen, er hatte diese Behandlung in Stade zweimal erfolgreich hinter sich gebracht – beim ersten Mal war er dreiundfünfzig gewesen, beim zweiten Mal kurz vor sechzig, jetzt war er in der Mitte der Sechziger. Ein Rhythmus schien sich einzupendeln.

Die Vermutung des Arztes, dass der Nierenstein nicht freiwillig aufgeben würde, erwies sich als korrekt. Erst die Stoßwellentherapie hatte den gewünschten Erfolg. Sie verursachte kaum Schmerzen, was vor allem daran lag, dass Marder vorher eine Spritze bekommen hatte, die ihn nach der Behandlung in einen langen Schlaf fallen ließ. Als er aufwachte, hatte er das Schlimmste überstanden, aber wegen einer nachhängenden Müdigkeit fühlte er sich noch längst nicht wie der Alte. Er würde noch zwei Tage, höchstens drei, im Krankenhaus bleiben müssen, bis sich seine Nierenfunktionen normalisierten und er mit Erfolg nach kleinen Hardwarebrocken in seinem Urin gefahndet hatte.

Marder fühlte sich auf der Station gut aufgehoben. Er war nicht sicher, ob diese Klinik eine Ausnahme war oder ob sich in den letzten Jahren generell die Atmosphäre in Krankenhäusern geändert hatte. Früher hatte er bei seinen Aufenthalten manchmal das Gefühl gehabt, er störe durch seine Anwesenheit den normalen Tagesablauf des Personals. Hier behandelte man ihn eher wie einen Gast. Er wurde nicht um |44|fünf Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen, weil die Nachtschicht noch das Bettenmachen zu erledigen hatte. Er durfte bis sieben Uhr schlafen, bevor man ihm die Federn aufschüttelte. Die Mahlzeiten waren nicht länger die Einheitsverpflegung, wie er sie von früheren Krankenhausaufenthalten oder seiner Zeit bei der Bundeswehr kannte. Er konnte es kaum glauben, als ein freundlicher Sozialarbeiter mit einer Menükarte im Zimmer aufkreuzte und ihn nach seiner Wahl der Speisen für den nächsten Tag fragte.

Weil er spät nachts im Krankenhaus eingetroffen war, hatte man ihn nicht gefragt, ob er ein Einzelzimmer wolle oder mit einem Mehrbettzimmer zufrieden sei – man hatte ihn in das nächste freie Bett in der urologischen Station gelegt. Hätte man ihm die Wahl gelassen, hätte er sich wahrscheinlich trotz des Aufschlags für ein Einzelzimmer entschieden, jetzt war er froh, dass er diese Wahl nicht gehabt hatte. Er fand es angenehm, Leidensgenossen zu haben, außer ihm lagen zwei weitere Männer im Zimmer und hatten vergleichbare Probleme. Die Bettnachbarn sprachen anfangs nur zögernd über ihre Beschwerden – Männer reden nun einmal nicht gern über diese Dinge, auch nicht mit Geschlechtsgenossen. Zu seiner Linken lag ein junger Mann um die fünfundzwanzig, und Marder wunderte sich, dass ein Jüngling bereits an Nierensteinen leiden konnte. Er hieß Murat, arbeitete als Programmierer in der Software-Branche und kannte sich in den tiefsten Geheimnissen der Computer aus, was ihn in Marders Augen auf ein intellektuelles Podest hob. Das Bett des jungen Mannes war ständig von Mitgliedern seiner türkischen Familie umstellt, selbst in den Abendstunden. Wenn Murat einmal allein gelassen wurde, schob er Marder einen Teil der |45|Süßigkeiten zu, die man ihm mitgebracht hatte – er brauchte in seinem Nachtschrank Platz für die nächsten Anlieferungen.

Das Personal wechselte je nach Tageszeit. Bei der Abendvisite schaute ein Arzt nach ihm, der ihn weder in der Notfall-Station betreut hatte noch die Stoßwellentherapie vorgenommen hatte. Er kam Marder nicht so locker vor wie die anderen Ärzte, er schien an der Verantwortung für die Patienten schwerer zu tragen als die meisten seiner Kollegen. Die Krankenschwestern der neuen Generation schienen wahre Schönheiten zu sein. Vielleicht empfinde ich das nur, weil ich inzwischen ein fast alter Mann bin und mir alle junge Frauen attraktiv vorkommen, dachte Marder. Am besten gefielen ihm Schwester Johanna und Schwester Sonja, beide um die dreißig, ausgesprochen attraktiv, die mit ihren appetitlichen Formen eine unerreichbare Versuchung für einen bettlägerigen älteren Herrn darstellten. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden war, dass Sonja immer fröhlich dreinschaute, während Johanna meistens einen traurigen Eindruck machte. Auch wenn Johanna sich stets korrekt und professionell verhielt, hatte Marder den Eindruck, dass sie eine unglückliche Frau war. Das war bei ihrem blendenden Aussehen verwunderlich. Die Männerwelt würde ihr sicherlich zu Füßen liegen, und war das nicht für eine junge Frau Grund genug, glücklich zu sein? Bin doch ein Macho der alten Schule, dachte Marder. Natürlich weiß ich, dass im Leben das Aussehen nicht alles ist. Vielleicht war der Charakter von Johanna nicht so schön wie ihr Äußeres. Sie kam zur Vormittagsschicht, und Marder hatte nichts dagegen, dass sie nach dem Mittagessen nach Hause ging. Sonja kam am |46|Nachmittag und wünschte Marder abends als Letzte eine gute Nacht und schöne Träume. Er nahm sich dann vor, von ihr zu träumen, aber es gelang ihm nicht – so konnte er ruhig und erholsam schlafen.

Nachdem es am zweiten Tag nach der Operation beim Wasserlassen zweimal gekitzelt und danach leise ›klick‹ im Sieb gemacht hatte, sagte der Doktor ihm, dass er am nächsten Tag nach Hause gehen dürfe. Um sich auf das Leben in Freiheit vorzubereiten, machte Marder einen längeren Spaziergang auf dem Gang der Station, er wanderte auf und ab, auf und ab, auf und ab. Während seines Aufenthaltes war Marder bisher mit seinen eigenen Problemen zu beschäftigt gewesen, um an Anja Matuschek zu denken, von der Frau Thann gesagt hatte, dass sie vermutlich noch im Gehrdener Krankenhaus arbeitete. Nun kam sie ihm in den Sinn. Er glaubte sich zu erinnern, dass sie in der urologischen Station gearbeitet hatte, allerdings hatte er sie bisher noch nie gesehen. Vielleicht trog ihn aber auch seine Erinnerung. Als er das vierte oder fünfte Mal während seiner Wanderung am Stationsbüro vorbeikam, lächelte ihn die ältere Krankenschwester an, die offensichtlich die Chefin der Schwesternschar auf der Station war, sie tauchte nie in den Krankenzimmern auf, sondern schien stets mit administrativen Aufgaben an ihrem Schreibtisch beschäftigt. Er sprach sie an.

»Entschuldigung, wenn ich störe. Darf ich Ihnen eine Frage stellen?«

»Sie stören nicht, machen Sie sich keine Sorgen, wir sind ja für unsere Patienten da. Was möchten Sie denn wissen, Herr Marder?«

Sie kannte also seinen Namen. Das fand er bemerkenswert |47|und bestärkte seinen guten Eindruck vom Personal dieses Krankenhauses.

»Ich würde gern wissen, ob eine Anja Matuschek auf dieser Station arbeitet.«

»Die Anja, ja, die kenne ich, die hat hier gearbeitet, vor einem Vierteljahr hat sie die Versetzung auf eine andere Station beantragt. Jetzt arbeitet sie, wenn ich mich nicht irre, wieder auf der Hals-Nasen-Station, wo sie früher schon mal war.«

»Schade, ich hätte gern mal mit ihr gesprochen. Aber es ist nicht so wichtig. Ich hoffe, es geht ihr gut und bitte grüßen Sie sie von mir, wenn Sie sie sehen sollten.«

»Das mache ich gern. Ich habe Anja schon eine Weile nicht gesehen und hoffe auch, dass es ihr jetzt gut geht.«

Das jetzt hatte die Oberschwester nur so dahingesagt, sicherlich ohne sich etwas dabei zu denken, aber Marder wurde hellhörig.

»Was meinen Sie mit jetzt? Ging es ihr vorher nicht gut.«

»Wissen Sie, es steht mir eigentlich nicht zu, über meine Kolleginnen zu tratschen, aber da Sie Anja ja kennen, kann ich Ihnen sagen, dass ich mir in der letzten Zeit, in der sie hier gearbeitet hat, gelegentlich Sorgen um sie gemacht habe. Sie war nicht mehr die freundliche, ausgeglichene Person, die sie früher meistens war.«

»Meinen Sie mit letzter Zeit, die Zeit seit dem Selbstmord ihrer Mutter.«

»Ach, darüber wissen Sie auch Bescheid. Sind Sie ein Verwandter von ihr?«

»Nein. Ich war damals noch bei der Polizei und war dienstlich in die Angelegenheit verwickelt.«

|48|»Na, ich hoffe jedenfalls, Anja fängt sich wieder.«

Die Frau schob einen Stapel Papiere auf dem Schreibtisch zusammen, stand auf und zog ihren Schwesternkittel zurecht.

»So, jetzt müssen wir Schluss machen. In ein paar Minuten kommt der Chef, unser Oberarzt, zur Visite, da muss ich mich noch ein bisschen vorbereiten, und Sie sollten dann auch in ihrem Körbchen liegen, sonst gibt es einen Eintrag ins Klassenbuch.«

Iris holte ihn am nächsten Morgen erleichtert aus der Klinik ab und brachte ihn in die Pension Marianne, wo er eine ruhige Nacht und ein reichliches Frühstück genoss.

»Es tut mir leid, dass Sie ein paar Tage im Krankenhaus herumliegen mussten. Ich hoffe, es war nicht zu schlimm. Das Wichtigste ist, dass es Ihnen wieder gut geht«, tröstete ihn die freundliche Wirtin, als die Marders sich anschickten, von ihr Abschied zu nehmen.

»Ich will Ihnen die Details der Behandlung lieber ersparen, die finden Sie vielleicht unappetitlich, aber ansonsten war es auszuhalten. Ich habe das Gefühl, die Krankenschwestern werden immer jünger und schöner, aber vielleicht kommt es mir nur so vor, weil ich älter und hässlicher werde.«

Iris war gerade nicht in Hörweite, sonst hätte er von seiner Liebsten sicherlich eine Rüge für diese Bemerkung eingefangen. Schlimmer wäre es noch, wenn sie ihm zustimmen würde.

»Mir tut es natürlich leid, dass ich ein paar Tage auf Ihr köstliches Frühstück verzichten musste.«

Marder sagte auch das leise, das musste Iris nicht unbedingt mitbekommen. Sie servierte ihm zu Hause als Frühstück |49|meistens nur Vollwertmüsli. Das war gut gemeint und stellte eine gesunde Grundlage für das zweite Frühstück dar, das er im Laufe des Vormittags gelegentlich in seinem bevorzugten Stehcafé in der Stadt zu sich nahm.

»Kommen Sie doch einmal zu uns nach Stade, Frau Thann. Wenn die Pension geschlossen ist, nehmen Sie sich hoffentlich Zeit, Ihre Freunde zu besuchen.«

Frau Thann bedankte sich mit einem Lächeln, das sagte, dass sie unter Umständen auf diese Einladung zurückkommen würde, sich heute aber nicht festlegen wolle. Sie antwortete unverbindlich.

»Das wäre durchaus möglich. Wundern Sie sich nicht, wenn ich eines Tages mit drei Koffern für einen mehrwöchigen Aufenthalt vor Ihrer Haustür stehe.«

»Das meinen Sie wahrscheinlich als Drohung, ich betrachte es als Versprechen.« Das war nur eine kleine Notlüge. »Sagen Sie, im Krankenhaus bin ich nicht zum Zeitunglesen gekommen. Gibt es etwas Neues über das Messer im Wald?«

»Nicht viel. Gestern Morgen stand in der Zeitung, dass die Polizei immer noch nicht weiß, wem das Messer gehört hat oder wie es dorthin gekommen ist. Es hieß lediglich, dass die Blutspuren an dem Baumstamm, neben dem das Messer lag, definitiv von der gleichen Person sind wie das Blut an dem Messer. Allerdings seien bisher immer noch keine Personen als vermisst gemeldet worden, die als Opfer infrage kommen. Da sich trotz der Meldungen in den Medien niemand gemeldet hat, dem das Messer gehört, müsse man von einem möglichen Verbrechen ausgehen. Heute war nichts Neues in der Zeitung.«

»Vielleicht erledigt sich die Angelegenheit von ganz allein |50|und wird nie aufgeklärt werden. Das wäre für einen alten Kriminalbeamten wie mich keine Überraschung. Es gibt auf der Welt mehr Verbrechen als Täter, die dafür büßen müssen. Leider gilt das für Mörder genausogut wie für Taschendiebe.«

»Soll ich Sie auf dem Laufenden halten, wenn sich was Neues ergibt? Ich könnte Ihnen Zeitungsartikel zufaxen, so weit beherrsche ich inzwischen die moderne Kommunikationstechnik.«

Marder hob abwehrend die Hand.

»Nein, danke. Die Mühe brauchen Sie sich nicht zu machen. Ich werde gelegentlich auf die Homepage der hiesigen Lokalzeitung schauen. Man kann sich ja heute im Internet über alles informieren, was irgendwo auf der Welt geschieht.«

Sydney, der Kater mit dem Ausrufungszeichen über der Nase, registrierte die gepackten Reisetaschen im Flur und kam herbei geschlendert. Entweder bedeutete das, dass neue Gäste ankamen oder dass alte abreisten. Das Letztere war ihm lieber, dann herrschte wieder Ruhe im Haus, und Frau Thann konnte ihre Aufmerksamkeit auf ihn konzentrieren und die ihm zustehenden Mahlzeiten rechtzeitig servieren. Er stellte zu seiner Zufriedenheit fest, dass ein Abschied stattfand, und zeigte seine Freude darüber, indem er sein Fell an Marders Bein rieb. Marder missverstand diese Geste, er glaubte, dass die Katze seine Abreise bedauere.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
251 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783866741188
Telif hakkı:
Автор
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