Kitabı oku: «Honigsuche»
Imprint
Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
© Copyright bei Wolfgang U. Eipa, Berlin, Mai 2013
Honigsuche ist ein Roman in drei Teilen.
Teil 1 und Teil 2 sind jeweils auch als einzelnes Werk veröffentlicht worden.
Twitter: @Honigsuche
Layout, Satz, Umschlaggestaltung: Max Markus Schröder; dimensionale.de
Titelbild: Blume des Lebens / Flower of life © by anthara; www.anthara.de
Alle Rechte vorbehalten.
Nachdruck, auszugsweise oder in digitaler Form,
nur mit ausdrücklicher Genehmigung.
ISBN 978-3-8442-5204-0
Wolfgang U. Eipa
Honigsuche
Lebe Deine eigene Spiritualität
Dein Ritual für den Aufstieg
Die drei Kompendien von Kai
»Kompass für das Leben«
»Ein Pfad zur Entrückung«
»SeelenSein«
Ein Roman zur stattgefundenen Zeitenwende.
Wolfgang U. Eipa
50 Jahre , Künstler
E-Book-Editorial
Aufstieg – Der Ton ist schon da
Beim Frühstück im Adlon sitzen sich zwei Menschensöhne mit geballter Lebenserfahrung und einer unbeschreiblichen Offenheit gegenüber. Es ist in diesem Leben wohl ihr fünftes Treffen in den letzten 35 Jahren. Es ist Schicksal, denn es gab – trotz großem Respekt – wenig Berührungspunkte für dauerhafte beziehungsweise regelmäßige Begegnungen. Sie leben in zwei verschiedenen Großstädten, sie sind jeweilig einer anderen Generation zugehörig, kurzum sie leben zwei verschiedene Leben und doch sind sie jetzt vereint, denn es verbindet sie etwas – eine Art Lebenswahrheit, von der sie beide erst heute an diesem Tage in dieser Tiefe wissen.
Beide kennen schon lange die Informationen zu der in den Prophezeiungen weltweit angekündigten Zeitenwende und jeder gab dieser Wahrheit in seinem Leben bis heute den nötigen Raum zur Entwicklung. Kurzum und nüchtern gesprochen – man traf sich freundlich zum Faktencheck.
Respekt, behutsame und freundliche Wahrheit für ein wirkliches Interesse am Gegenüber lagen über dieser Begegnung. Wir schreiben den April 2013, den vierten Monat nach der Zeitenwende.
Ich merke, wie in wenigen Augenblicken von mir das mir sonst eigene Gehabe weitestgehend abfällt. Zeitlos ist nicht die Vokabel – eher aus der Zeit – reden wir ohne Punkt und Komma über die Zeitqualität und erleben vielleicht schon in dieser Treffung – Menschen begegnen sich, treffen sich, tauschen sich aus, fügen sich wie ein Mosaikstein zusammen und ergeben ein gemeinsames Bild – bereits eine Qualität der Offenheit, die unsere Gesellschaft sonst mit all ihren Möglichkeiten verdeckt.
„Was haben Sie erlebt und wie erleben Sie diese Zeit?“ Ich erläutere, warum ich meinen Roman geschrieben habe: „In dem aktuellen Film der Wachowski-Geschwister „Cloud Atlas“ gibt es eine kraftvolle Konversation: „Sie müssen das tun, was Sie auf keinen Fall lassen können.“ Diese kraftvolle Wahrheit erkennen Sie auch in diesem sehr bekannten Satz von Martin Luther: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“. Dass uns dieser Satz erhalten blieb liegt an seiner enormen Aussage-Kraft!
So ist es auch mir ergangen, als ich den letzten anderthalb Jahren die Romantrilogie HONIGSUCHE verfasst habe. Es war ein innerer Schaffensdrang, den nicht ich verschulde, sondern der durch mich geschah. Ich wollte unbedingt erfahren, wie es im Leben in dieser angekündigten Zeitenwende mit mir und uns weitergeht. Ich entdeckte für mich vollkommen neue und zum Teil ungeheuerliche Zusammenhänge, die unser Sein beeinflussen. Eine ganze Bibliothek ist durch mich durchgeflossen und wie immer kam zur richtigen Zeit die richtige Information. Die dabei verwendete Literatur habe ich im Buch verzeichnet.“
Wir trinken Tee und Kaffee während mein Gesprächspartner mich ermuntert fortzufahren.
„Wir alle sind Menschen die als Spezies in einer mehr als vier Milliarden Jahre andauernden Evolution unter Milliarden von weiteren Spezies auf unserem Heimat-Planeten leben, Mutter Gaia, die an wirklich jedem Quadratzentimeter in tiefster Tiefe und höchster Höhe lebendig ist – erst jetzt wurde Leben in der Stratosphäre nachgewiesen, und 20.000 Meter tiefer boomen unzählige Spezies am tiefsten Meeresgrund. Der Kontext ist also LEBEN. Und Leben ist Evolution. Dabei wissen wir eigentlich gar nichts über das Leben an sich. Das will man uns nur glauben machen, doch wir können bis heute weder eine Zelle nachbauen oder begreifen, wie unser eigener Organismus funktioniert.
Jedoch was wirklich spannend ist: nur wir als Menschen können uns der Evolution bewusst werden, denn wir haben ein Bewusstsein, das sich selbst erkennt. Und hier sind wir bereits beim Kern der Dinge: „Wahre Evolution ist geistliche Evolution.“ Dies ist ein Zitat aus dem Buch „Die Schlüssel des Enoch“.
„Ja, dem stimme ich zu.“
Das Gespräch verlief, wie ich einst eine einmalige Situation erlebte. Ich lag als junger Mensch, verloren im Sein einer Großstadt am Abend im Bett neben einer schönen, angezogenen Frau, die mir die Ohren zuhielt und ich beschrieb ihr in der Dunkelheit alles, was ich mit geschlossenen Augen sah. Bilder um Bilder fluteten mein Gehirn und es war eine Woge von weichgesprochenen Vokabeln, die mich bildhaftes verlauten ließen.
Ich spreche weiter: „In meinem Roman HONIGSUCHE beschreibe ich den Weg von Bewusstsein, wie ich ihn in meinem Leben und mit den mir begegneten Menschen bisher angetroffen habe. Dabei bin ich auf der Suche nach der spirituellen Dimension in unserem Leben. Denn unser Alltag wird fast ausschließlich von materiellen Werten dominiert, insbesondere von der Ökonomie selbst.“
„Das materielle Weltbild“, bestätigte mein Gesprächspartner mir zunickend.
„Dabei bin ich auf eine uralte Wahrheit gestoßen: Es heißt, dass jeder Mensch ein Universum ist. Im Universum existieren Milliarden von Milliarden Sterne, aber kein einziger Stern gleicht dem anderen. Und genau dies habe ich auch für uns Menschen erfahren: wirklich jeder Mensch ist völlig einzigartig und hat dadurch einen völlig einzigartigen Zugang zur Spiritualität.
Die wahrhaftigsten und ehrfürchtigsten Momente meines Seins waren vor, während und nach Ritualen, sei es Feuertanz, Schwitzhütte, geführte Meditationen, indigene Tanzrituale oder Gruppensitzungen – mit und ohne Drogen, Atemsitzungen, systemische Prozesse etc.. Ehrfürchtig war ich vor allem bei Jahrtausend Jahre alten buddhistischen Ritual-Gesängen und Handlungen oder die Tanz-Rituale der brasilianischen Ayahuasca-Kirche. Und es ist wirklich so: dabei sein ist alles, darüber lesen ist leider gar nichts.
All dies führte mich zu zwei sehr wichtigen Erkenntnissen: Die Gesellschaft formt seit Jahrhunderten konsequent Menschen mit einem genormten Gesellschafts-Ich mit einem Bekenntnis zur Absolutheit der materiellen Dimension. Spirituelle Evolution findet darin keinen Platz. Besonders problematisch ist dies, da nur über jeden einzelnen Mensch selbst ebendiese spirituelle Dimension erfahren und weiterentwickelt werden kann. Carl Gustav Jung nannte dies einst Individuation. Ich nenne es Selbstung.
Nur ein Leben, das konsequent auf diese Individuation/Selbstung ausgerichtet ist, kann der Falle der materiellen und eindimensionalen Normung entgehen. Das Leben ist also als ständiges Ritual zu sehen. Ich nenne dieses Ritual Honigsuche.“
„Ich habe Ihr Buch gelesen. Es wäre schön, wenn Sie mehr Leser finden würden. Sie wissen, dass meine Frau und ich Zugang zur der geistigen Welt haben. Nun frage ich Sie, wie erleben Sie die Zeit jetzt? Dass, was wir Zeitenwende oder auch den Aufstieg nennen? Wie erleben Sie die Zeit?“
Ich stocke und bemerke augenblicklich meine Betroffenheit, die mich sofort berührt und weinen lässt. Ich brauche eine Zeitspanne mich einzufangen um fortzufahren. Dabei werde ich an eine Erfahrung aus einem Medizinrad-Ritual zur „Situation der Erde“ vor fast zwanzig Jahren erinnert. Sechzehn Menschen in einem Kreis aufgestellt, repräsentierten jeweils eine Himmelsrichtung und eine (transpersonale) Wahrheitsperspektive der gefragten Thematik. Eine Frau brach gleich zu Beginn des Rituals in diesem Kreis emotional zusammen: Wir können nichts ausrichten doch wir müssen alles tun, was wir können! – dies war ungefähr ihre Botschaft, die sie – für uns alle – erhalten hatte.
„Eines der bekanntesten Urbilder in der Philosophie ist das Höhlengleichnis von Plato. Zusammengefasst könnte man sagen, dass den Höhlenbewohnern schwarzweiße 2-D-Bilder als „die Wirklichkeit“ vorgegaukelt werden, während draußen in der realen Welt farbige und lebendige 3-D-Objekte umherwandeln. Ebendiesen Kontext müssen wir nun erweitern: uns werden feste 3-D-Objekte vorgegaukelt, während es in Wirklichkeit transparente, multidimensionale Einheiten sind, die uns derzeit durch unsere eingeschränkte Wahrnehmung nur in 3-D erscheinen. Wir sollten diese grundsätzliche Erkenntnis auf Basis der ewigen Philosophie und der integralen Philosophie und zum Beispiel auch der Quantenphysik zu einem eigenen Weltbild weiterentwickeln bzw. diese Erkenntnis zunächst als Möglichkeit überhaupt zulassen.“
„Für mich als medial veranlagter Mensch ist dies keine wirkliche Herausforderung.“
„Im Ergebnis kann man das, was wir „unsere Realität“ nennen eher mit Ereignissen auf einem Holodeck, wie wir sie aus den Enterprise-Episoden kennen, vergleichen. Unser Gespräch über den Zeitenwandel und dem Aufstieg ist also ein Ausdruck der Anerkenntnis dieser erweiterten Realität. Wir können es auch als die Anerkenntnis einer spirituellen Dimension definieren.“
Wir orderten erneut Tee und einen Milchkaffee. Währenddessen fiel mir ein, dass ich vor kurzem von einer neuen Fernsehtechnologie gehört habe: mehrere Menschen können inzwischen zugleich jeweils einen eigenen Film in demselben Fernsehgerät anschauen – mittels einer auf diesen Film eingestellten Brille. So kann man sich eigentlich auch unsere Wirklichkeit vorstellen: verschiedene übereinandergelegte Dimensionen und wir sind derzeit auf die 3-D-Version eingestellt…
„Die Menschheit“, fuhr ich fort, „ist längst eine eigene Naturgewalt geworden und nimmt keine Rücksicht auf das Leben. So viele Arten sind für immer ausgestorben. Wir rennen in die größte Katastrophe seit den großen Meteoriteneinschlägen und katapultieren uns zurück in die Steinzeit.“
Mein Gegenüber nickte, denn ihm war diese Situation wahrscheinlich deutlicher als mir, da er weit vor mir bereits die ersten Veröffentlichungen zu dieser Thematik begleitete.
„Was ich tun kann und auch tun musste ist Schreiben. Und dabei entdeckte ich, in welchem Kontext ich bereits mein Leben lebte. Ich nenne dies heute Honigsuche – quasi ein Ritual für den Aufstieg. Ritual deshalb, da die spirituelle Dimension für die meisten Menschen nur im Ritual erfahrbar wird – sei es im gemeinsamen geführten Gebet oder durch Naturerfahrungen.
Außerdem bin ich vollkommen davon überzeugt, dass wir als Spezies bisher und bis hierin nur überlebt haben, da die indigenen Völker an ihren heiligen Ritualen/Zeremonien festgehalten haben und diese konsequent weiter durchgeführt haben.“
„Ja, aber wissen die wirklich meisten Menschen ja gar nichts davon, was stattfindet. Und es soll ja auch nicht thematisiert werden.“
„Das stimmt. Ich will daher verständlich machen, dass wir Menschen mittels unseres Wahrnehmungsapparats praktisch eine biologische Sonde sind und dass nur wir diese stattfindenden Veränderungen auch wahrnehmen können. Menschen werden jetzt begreifen, dass wir nicht zufällig mit der Entdeckung der Quantenphysik auch die Dimension der Materielosigkeit entdeckt haben. Es gibt also einen viel größeren Kontext als Materie: 99,9% von allem was wir betrachten und erfahren ist Zwischenraum oder Nicht-Materie! Aufstieg bedeutet also, sich dieser Wahrheit als real existierender Möglichkeit zu öffnen.“
„Die Wenigsten werden dies verstehen. Ich weiß. Ich bin jedoch aus einem anderen Grund zerrissen. Meine Frau und ich verstehen es nicht. Wir können den Ton der Veränderung in der geistigen Welt bereits wahrnehmen. Aber hier in der Dualität ist nichts…“
Ich schweige. In mir entstehen weitere Worte: „Honigsuche ist ein Pfad für den Aufstieg, eine Philosophie zum endlosen Raum. Wir müssen glauben, denn wir glauben sowieso, wenn wir im Kontext von Wahrnehmung unterwegs sind. Glaube ist quasi Bestandteil unserer Wahrnehmung… Licht ist Welle und Teilchen und eine Summe von tausenden Wahrscheinlichkeiten in jeder tausendstel Sekunde. Gelebte Paradoxie! Also…“
Längst haben alle Frühstücksgäste den Raum verlassen. Ich betrachte die leeren Stühle und fühle vertraute Geborgenheit. Wohlwollend werde ich zum Weitersprechen ermuntert.
„Das wichtigste, was wir derzeit als einzelner Mensch tun können, ist es, sich auf sein Herz einzulassen. Das ist wörtlich gemeint. Drunvalo Melchizedek schreibt dazu in seinem neuen Buch „Ein neuer Zyklus beginnt“: „Durch Zeremonien wird unser Herz mit dem Herzen der Erde, der Sonne und des Universums, mit allem und jeden verbunden. Durch Zeremonien erhielten die Völker der Alten Welt Zugang zu einer heiligen Welt unendlicher Möglichkeiten.“ Das ist wirklich ernst zu nehmen. Wenn wir wieder (unsere eigenen) Rituale leben, dann setzen wir gemeinsam als Menschheit einen völlig neuen Kontext in unserem gemeinsamen Zusammenleben mit unserer Spezies und unserer Mutter Erde. Ich glaube, dass wir dann gemeinsam kosmologisches Bewusstsein entwickeln können.“
Wir sprechen weiter. Von der „ewigen Philosophie“, der „Ökologie des Unsichtbaren“, dem „Omega-Punkt“, Kornkreisen, Verschwörungstheorien und dem „Aufstieg“. Aber letztendlich sind wir uns darüber einig, dass wir als Menschheit in der jetzigen Zeitqualität nur eine gemeinsame Zukunft haben, wenn wir unser Leben uns selbst widmen und dabei mit an einer Gesellschaft bauen, die jedem Einzelnen Raum lässt für sein individuelles Sein.
Wir merken, dass das Gespräch sich dem Ende nähert. Wie in einem guten Telefonat. Nicht, weil wir uns nichts mehr zu sagen haben, sondern weil es einfach so ist. Ich spreche meine letzten Worte: „Der heilige indische Hindu-Meister Sri Aurobindo forderte uns schon Anfang des letzten Jahrhunderts dazu auf, in unserem Inneren die spirituelle Wirklichkeit zu entdecken und aus allen Bindungen zu befreien und ebendiese spirituelle Wirklichkeit in allen Elementen unserer Natur souverän aus dem Selbst wirksam zu machen. Honigsuche setzt diesen Kontext.
Leider ist es doch so: Obwohl wir wissen, dass alle Ursprungsreligionen die Transzendenz in den Mittelpunkt der Erkenntnissuche stellen, haben wir diese Weisheit nicht nur verloren sondern sie wird bewusst unterdrückt.
Am liebsten hätte ich daher mein Buch vom Ende her geschrieben. Aber es war das „wahre“ Leben und da kommen die Erkenntnisse zumeist am Ende und am Anfang steht die Suche. Es ist aber auch eine Einladung, nicht zugleich zu bewerten, sondern die Charaktere im Buch liebevoll wie Menschenkinder zu begleiten.“
Unser Gespräch endet. Ich werde eingeladen, ich werde beschenkt und ich bin in großer Freude und ich bin zutiefst traurig, einen Freund zu verlassen. „Sie müssen mir berichten, wie es weitergeht mit Ihnen!“ Ich sage zu und stehe sogleich unvermittelt auf dem Pariser Platz, nicht wissend, welche Richtung ich einschlagen soll.
Alles erinnert mich an eine Weisheit: Stay in your heart. And don't forget to have fun.
Vorbemerkung zum E-Book
Dieser Roman ist eine Trilogie und besteht aus drei chronologisch entstandenen Teilen (Kompendien). Es sollten die Texte und die Denkweise von Kai in einer Philosophie der Honigsuche dargestellt werden. Man kann das Buch von vorne bis hinten durchlesen.
Es besteht aus den drei Kompendien, die wiederum je aus einem Prolog, einer Ereignisbeschreibung und einem Anhang als Dokumentation von Kais Texten bestehen. Man kann aber auch zunächst nur die jeweiligen Prologe (und Epiloge) der drei Kompendien lesen, dann die Ereignisbeschreibungen und dann die Anhänge durchblättern.
Für diese E-Book-Ausgabe wurden die drei Kompendien von Kai aus Gründen der Lesbarkeit als Dokumente in den Anhang des Romans genommen. (Die Printausgabe behält die originale Abfolge bei. Sie ist im Buchhandel (ISBN 9783844242164 oder direkt beim epubli Verlag, epubli GmbH, Prinzessinnenstrasse 20, 10969 Berlin) erhältlich.

Das erste Kompendium von Kai
Kompass für das Leben
Honigsuche 1.0
Meinen Eltern
NULLRAUM traf ENTGRENZUNG und wenn sie nicht gestorben sind, dann LEBEN sie (un-) endlich!!! Aus dem Nachlass von Kai
Wenn ihr euch erkennen werdet (selbst erkennt), dann werdet ihr erkannt, und ihr werdet wissen, dass ihr die Söhne des lebendigen Vaters seid. Jesus im Thomasevangelium; Logion 3
Prolog: Kompass für das Leben
Ich kann nicht umhin, diese notwendige Passage der Einführung in meiner Emotionalität zu schreiben, die sich nun seit Tagen nach dem sehr traurigen Ereignis bei mir entfaltet hat. Noch bevor ich nach Berlin kam, habe ich meinen Computer und meine Wohnung mit der Absicht durchsucht, Euch meine Freunde, Kai so darzustellen, wie ich ihn kannte. Ich habe so viele Mails und Notizen vor und während meiner Anreise gelesen, dass ich schlicht überwältigt war, als ich dann noch all die Aufzeichnungen auf seinem Schreibtisch und in seinem Computer zur Ansicht bekam, die Mia mir freundlicherweise für diese mir anvertraute Aufgabe zur Verfügung stellte.
In mir wogen nicht gekannte Emotionen und wie oft schaute ich gedankenverloren aus dem Fenster, aus dem auch Kai in den letzten Wochen den Sonnenaufgang betrachtete und dabei die Dinge schrieb, die ich Euch hier wiedergebe. Bis heute sind die Umstände von Kais Abwesenheit nicht geklärt. Diese Ungewissheit ist schwer zu ertragen. Dieses Kompendium soll uns helfen, in die Sicht von Kai einzutauchen und um Trost und Vertrauen zu finden.
Im Thomasevangelium, das Buch, das bei Kai auf dem Nachttisch liegt, sprach Jesus immer wieder vom Königreich und wie es erreicht wird. Kai nannte das in seinen Schriften und Aufzeichnungen schlicht Honigsuche: „Es ist das Land hinter dem Regenbogen in das mich die HONIGSUCHE führen wird.“ (Hervorhebung durch Kai). Als ich diesen Satz in den letzten Seiten seines aktuellen Gedankenbuches fand, wurde mir deutlich, dass ich genau dieses Thema vertiefen musste. Ich kannte bereits ein paar Aufzeichnungen und war immer wieder begeistert, wie Kai die Dinge auf den Punkt brachte. Er hatte viel Wissen über seine Philosophie. Ich sagte ihm, dass er das Zeug hätte, eine Art integralen Knigge zu veröffentlichen. Er winkte ab.
Ich habe mich aufgrund der mir hier vorliegenden Papiere – es handelt sich vor allem um Mails, Bilder, Kladden und Gedankenbücher – dazu entschlossen, zunächst diesen Begriff Honigsuche so gut zu dokumentieren, wie es mir möglich erschien. Deshalb habe ich in diesem ersten Kompendium auf seine theoretischen Analysen und philosophischen Ausarbeitungen weitestgehend verzichtet. Ich denke, auch dass dies im Sinne von Kai selbst geschieht.
Dabei kann ich nicht ausreichend genug beschreiben, wie sehr Mia mir dabei geholfen hat. Es war natürlich eine enorme Belastung und ich darf es ausdrücklich erwähnen, es war ihr wohl auch eine Befreiung, mir sehr genau von ihren letzten Tagen und Stunden mit Kai zu berichten. Mia ist so eine großartige Frau und ich weiß nach Durchsicht von Kais Unterlagen und aus den vielen Gesprächen, die mir mit meinem Freund Kai vergönnt waren, wie sehr er Mia vergöttert und geliebt hat.
Diese offenen Worte musste ich schreiben, das hätte auch Kai so gewollt. Da bin ich mir sicher. Auch wenn dies pathetisch klingt: Bitte verzeiht mir, aber hättet Ihr mit mir gemeinsam die letzten Tage erlebt und erfahren, auch wie ich wann zu welchen Informationen gelangt bin, würdet Ihr sicher ähnlich denken. Ich fühle mich in diesen Dingen inzwischen geführt. Ich fand in seinen Texten eine mir völlig neue Betrachtung einer Spiritualität, die mir, so möchte ich es für mich zusammenfassen, eine Sicht einer „Generation 2012“ vermittelt hat.
Es beginnt schon mit der letzten Mail, die Kai mir geschrieben hat. Es war sein „Wort zum Sonntag“, auch wenn mich dieser Text an einem Donnerstag erreicht hat. Es war, wie so oft, ein schlichtes Zitat und Kai scheute sich nicht, auch wenn es den Einen oder Anderen verwundern mag, religiöse Texte zu zitieren. Nun seine letzte Mail ging wohl nur an mich. Es war ein Zitat von Jesus aus dem Thomasevangelium: „Wer die Welt gefunden hat und reich geworden ist, der soll auf die Welt verzichten.“ Wie immer unterschrieb er mit „Love, Kai“ und danach schrieb er in Kursiv und in roter Farbe:
Ist die letztendliche Wahrheit, dass es keine letztendliche Wahrheit gibt?
Euer Wolfgang U. Eipa
Ein langes Wintergespräch
Kai war ein Suchender. Sein Leben lang. Suchende sind Menschen, die mit den allgemeinen Antworten auf das Leben nichts anfangen können. Suchende sind getrieben von einer Intuition, dass es da mehr gibt, als das, was wir in der Werbung sehen. Suchende finden und haben noch nicht gefunden. Suchende sind ungeduldig. Suchende sind Pioniere. Suchende sind Evolutionäre.
Es war an einem Samstag. Kai und Mia hatten bereits gefrühstückt und den Morgenspaziergang gemacht. Die Sonne stand klar und wolkenlos am Himmel. Kai kam in der Mittagszeit aus seinem Arbeitszimmer. Er selbst nannte es Sonnenaufgangszimmer. Kai kam in die Küche. Mia war zuvor aus ihrem Atelier gekommen. Kai erzählte Mia von einer Idee, die ihn beschäftigte.
Kai hat einen Begriff gefunden, den er für nachdenkenswert hielt: „Honigsuche“.
Mia war interessiert: „Was meinst du mit Honigsuche?“ Sie war bereits dabei das Mittagessen zuzubereiten. Sie betrachtete ihren Blumenkohl, der auf dem Herd langsam köchelte. „Dies ist ein Begriff für meine Suche nach dem reinen Land“, erwiderte Kai etwas ironisch. „Nein wirklich. Es kam mir einfach so, eigentlich erst auf Englisch: honeysearch. Doch ein deutscher Begriff schien mir dann passender.“ Mia schob den Deckel auf dem Topf zurecht und machte eine dieser genialen Bemerkungen, die einer angesprochenen Thematik sofort eine andere Richtung gab. „Klingt nach Ausbeutung.“ Kai schnappte innerlich nach Luft. Früher gab es an solchen Stellen eigentlich immer Streit. Vollkommen ungewollt von beiden Parteien. Doch Streit war immer das Ergebnis. Jeder fühlte sich durch die Bemerkungen des anderen herabgesetzt oder angegriffen. Jeder musste dann „seine Wahrheit“ verteidigen.
Seit 12 Jahren sind sie nun verheiratet, und diese Narben sind natürlich präsent. Es hat lange gedauert, die eingefleischten Rituale der gegenseitigen Zerstörung in den Griff zu bekommen.
„Nenn es doch Nektarsuche“, sagte Mia. „Du hast Recht“, erwiderte Kai.
Wie leicht ging Kai diese Bemerkung heute von den Lippen. Früher wäre das undenkbar gewesen. Aber noch unwahrscheinlicher war es, dass Mia ihm einmal Recht geben würde. „So etwas hätte man rot im Kalender anstreichen können“, hätte Kai dann gesagt. Doch durch zahlreiche gemeinsame Erfahrungen war es heute viel leichter in die Perspektive und damit in den Kontext des anderen zu schlüpfen und möglichst wertfrei – und auf keinen Fall reflexartig – das Gesagte des Partners – schon gar nicht einfach abfällig – zu kommentieren.
Kai fuhr fort: „Nur denke ich nicht, dass ich Anderen etwas wegnehmen möchte. Mit Ausbeutung hat das also nichts zu tun. Mir gefällt der Begriff Honigsuche einfach. Es ist eben nur ein Begriff. Ich denke dabei an meine Suche. Endlich das Land, in dem Milch und Honig fließen, zu finden.“
Mia erwiderte trocken: „Die ewige Story? Die Jagd nach dem goldenen Irgendetwas?“ Mia wusste schon, wie Kai es gemeint hat. Dennoch konnte sie gar nicht anders, als hier tiefer zu gehen. Täglich quatsche ihr Mann sie voll mit Erkenntnissen und Gelesenem. Nicht, dass diese Gespräche trivial wären oder sie daraus keinen Nutzen zog. Doch sie hatte einfach einen anderen Zugang zu den Dingen. Sie würde niemals so viel lesen oder im Internet recherchieren. Das war einfach nicht ihr Ding. Wenn sie etwas brennend interessierte, klar. Aber lieber ging Mia schweigend im Wald spazieren. Oder sie malte ein Energiebild – so nannte sie ihre Kunst, die viele andere Menschen inspiriert. „Erneut gebe ich dir ein Ja“, antwortete Kai.
Er nutzte gerne ihre Sicht auf die Dinge. Das hat ihm so oft geholfen. Schon als sie sich kennenlernten, prallten ihre Welten aufeinander. Das war vor 17 Jahren. Er ein Intellektueller, ein „Öko“ mit wissenschaftlichen Anstrich. Mia war eine promovierte Ökonomin und sehr fleißige Geschäftsfrau. Kai war im Westen geboren und in den verschiedensten Regionen von Niedersachsen, Nordrhein-Westfahlen und Hessen aufgewachsen. Mia kam aus dem Osten. Sie war in der DDR, in einer Kleinstadt geboren und aufgewachsen und schon ewig – seit ihrem Studium – in Berlin zuhause. Mia tat ihm mehr als gut und er profitierte von ihrer Perspektive. Es wurde immer deutlich, dass sie eine gemeinsame Sicht auf das Leben teilten. Doch diese gemeinsame Sicht war eher etwas prozesshaftes. Außenstehende konnten dies nicht wirklich nachvollziehen. Und dies führte dazu, dass sie sich Geborgenheit gaben in dieser Welt. Und sie zollten sich gegenseitigen Respekt für die gemeinsamen, wie die eigenen Erfahrungen.
Mia und Kai haben dazu einen Leitsatz aus einem Gedicht von Erich Fried: „Es ist was es ist, sagt die Liebe“Kai ergänzte: „Ich habe lange darüber nachgedacht, wie mein Leben verlaufen ist und wie ich zu welchen Erkenntnissen gelangt bin. Du weißt, dass mich die spirituelle Anatomie des Seins schon immer interessiert hat. Wir haben gemeinsam und einzeln unglaubliche Erfahrungen gemacht und können dadurch über so viele unbekannte Zusammenhänge im Universum philosophieren. Doch ist das alles?“ Mia und Kai sind beide 49 Jahre alt. Es ist Winter. Wir schreiben das Jahr 2012. Die Endzeit. Die Mutter aller prophezeiten Jahre. Sie leben in einem gemeinsamen Haus. Es ist ein Plusenergiehaus (darauf bestand Kai ausdrücklich). Es steht am Waldrand nahe dem See. Aber dennoch in der Metropole. Das Haus war so was von unbezahlt, dass ernsthaft dunkle Wolken am Horizont standen und sie tagtäglich existenzielle materielle Fragen beutelten. Dennoch haben es beide, wie durch ein Wunder, bis hierher geschafft. Irgendwann hatte Kai für sich „erarbeitet“, dass das Leben so oder so immer weitergeht. Und Mia kannte diesen wunderschönen Bonmot vom Dalai Lama: Hast du ein Problem und du kennst die Lösung, waren die Sorgen umsonst. Kennst du die Lösung nicht, sind sie auch umsonst.“Philosophieren ist nicht Leben“, unterbrach Mia ihren Mann. „Deck mal den Tisch. Die Suppe ist bald fertig.“ Sie nahm den Topf vom Herd und begann mit wenigen Handgriffen eine Suppe zu improvisieren. Kai nahm die Teller aus dem Schrank und führte seinen Gedanken fort: „Ich meine natürlich unsere Erfahrungen, unsere unglaublichen Reisen, insbesondere die nach Ägypten, die uns in all diese Tempel führte, wo wir auch die „Blume des Lebens“ entdeckten. Unser Aufenthalt in der Königskammer in der großen Pyramide. Und nicht zu vergessen unsere Aufstiegs-Seminare in Österreich.“
„Aufstieg“ war ein heiliges Wort für einen Suchenden. Aufstieg verhieß aufzusteigen. Was es bedeutet? Wer wusste es? Jesus ist aufgestiegen. Dafür musste er sterben. Das wollte niemand. Heute würde Kai eine eigene Definition geben: der Suchende wird mehrdimensional. Mia ergänzte: „Und die vielen einzigartigen Belehrungen von unserem Lama, das Phowa, also alle unseren gemeinsamen Bewusstseinsprägungen.“
Es war wirklich eine Fülle von Orten und Begegnungen. Mit weisen wie herzlichen Menschen. Jede Erfahrung für sich war geprägt durch eine nachhaltige Erkenntnis. Die Bestätigung, dass es mehr gab als das, was die materielle Welt an sich zu bieten hat. Von Beginn an teilten sie die unglaublichsten spirituellen Abenteuer, was schließlich auch zu ihrer Hochzeit führte.
Wenn man Kai fragen würde, was er dabei übersinnliches erlebt hat, würde er wohl vier Dinge nennen: der Kronleuchter, der in dem Schloss in Salzburg bei der atlantischen Hochzeitszeremonie von sich aus zu schwingen begann; seine „Begegnung“ mit Jesus während eines unglaublichen Rituals, die in einem türkisfarbenen Mosaik-Licht geflutet war; die tiefe unaussprechliche, nicht-duale Erfahrung der Einheit in ebendiesem Ritual; und vielleicht auch den Blitz, den es über der großen Pyramide gab, nachdem er mit seiner Frau und einer Gruppe ein Ritual in der Königskammer, die sie dafür exklusiv gemietet hatten, durchführen durfte.
Natürlich gab es weitaus mehr Berichtenswertes. Es wäre spannend und erhellend zugleich. Doch sind dies allesamt so persönliche Erfahrungen, die schlichtweg nicht so einfach zu teilen sind. Kai erzählte sie nur wenigen Menschen. Bei Mia war das noch viel restriktiver. „Meine Dinge sind meine Dinge“, pflegte sie zu sagen.
Kai stellte die Teller auf den Tisch. Mia war weiterhin mit der Suppe beschäftigt. Sie schmunzelte. Sie musste unweigerlich an viele dieser genannten gemeinsamen Momente denken. „Also Honigsuche?“ brachte sie nun selbst Kai wieder in die Richtung, die er eingeschlagen hatte.
Kai fuhr also fort: „Honigsuche schien mir für all das ein toller Begriff zu sein. Das Land hinter dem Regenbogen, quasi. Ist es nicht das, was wir uns von dem Jahr 2012 erhofft haben?
Wie gesagt, dachte ich darüber nach, mal etwas aufzuschreiben und meine Gedankenbücher durchzugehen. Es sind ja ein paar geworden in all dieser Zeit. Und da ich nun wirklich keinen Zugang habe zu übernatürlichem Wissen und mir keiner etwas ins Ohr flüstert oder durch mich sprechen will, war ich bisher eher gehemmt irgendetwas von all dem Zeugs, wie du und ich die Welt sehen, für die Allgemeinheit festzuhalten. Woher weiß ich, dass es richtig ist?“
„Du meinst Channeling?“ „Ja, wie bei Marie, die immer mit der Geisteswelt kommunizierte und mich fast wahnsinnig machte, da wir ja nicht prüfen konnten, wo das nun wieder her kam und wie sich diese Welt außerhalb unserer Welt gestaltet. Natürlich, das sage ich immer, war viel Herz dabei und ich fühlte mich sicher mit dieser Art Information. Doch heute, ein paar Jahre später, frage ich eben danach, was ist geblieben? Wir haben 2012, wir sind nicht aufgestiegen oder erleuchtet, wir haben materielle Probleme, wir haben weiterhin Gefühle, Ideen, Hoffnungen. Ich…“
„Glaube, Liebe, Hoffnung“ unterbrach Mia den Redefluss von Kai und stellte den Topf auf ein Brett, das Kai auf den Tisch gelegt hatte. Glaube, Liebe, Hoffnung war ihr Leitspruch bei ihrer Eheschließung. Und es war wieder so eine Gelegenheit, die Dinge einfach auszudrücken. Und damit, so meinte jedenfalls Kai, vom Thema abzulenken.
„Soll ich Brot schneiden?“, fragte Kai und setzte sich, als klar war, dass es kein Brot geben sollte. „Sieht lecker aus.“ Mia füllte die beiden Teller und Kai redete weiter: „Mir ist halt deutlich geworden, dass wir weiterhin Suchende sind und wir, also ich – was ich mir hier eingestehen muss, dass ich noch immer nicht das gefunden habe, was ich dachte zu finden. Auf der anderen Seite habe ich inzwischen eine Art Wissen angehäuft, das mir überhaupt erst ermöglicht, die Welt, wie sie mir heute erscheint zu verstehen und zu lieben.“ Mia dröhnte der Kopf: „Das erinnert mich daran, dass ich wieder unglaublich schlecht geschlafen habe. Ich hatte so etwas wie Wachträume ohne Zusammenhang und ich konnte nicht einmal meditieren, geschweige denn ruhen.“ Kai schwieg. „Ich habe deswegen beschlossen, dass ich mich von Allem nicht mehr aufregen lasse. Ich lasse das jetzt einfach nicht mehr an mich ran.“
Mia meinte natürlich auch den materiellen Druck, der derzeit auf der ganzen Situation lastete. Aber sie hat natürlich auch verstanden, was ihren Mann so sehr bewegte.
Mia fuhr fort: „Die Zeit der Dramen ist vorbei. Das habe ich schon seit einiger Zeit gewusst und auch danach gehandelt. Doch der Mut, dies immer und jederzeit umzusetzen, ist halt schwer. Doch ich weiß ja, dass im Chaos auch eine gewisse Ordnung ist.“
„Genau davon rede ich ja“, sagte Kai. „Wir haben unsere Erfahrungen und Einsichten in das Leben. Und dies ist in jahrelanger Suche herangereift. Also haben wir auch etwas gefunden. Und für mich entspricht dies meiner jetzigen Wahrheit. Es ist keine Ideologie oder esoterisches Krimskrams, wie dass die Erde auf dem Rücken einer Schildkröte verweilt. Es sind Erkenntnisse die du und ich haben und die uns geholfen haben und helfen. Und deshalb: all diese Erfahrungen und mein Wissen würde ich auch jederzeit mit Menschen teilen. Und so kam ich auf diesen Begriff Honigsuche. Er ist nur eine Vokabel, ein Kontext, ein Begriff, der meinen Weg durch dies Chaos zeigt, beziehungsweise benennt. Denn eins ist gewiss, insbesondere wenn man im Außen auf die sogenannten Verantwortlichen schaut. Die haben keine Ahnung von dem, was derzeit geschieht. Gerade im Finanzbereich und …“ „Wir ja wohl auch nicht“, unterbrach Mia mit einem Schmunzeln. „Ja, aber das ist wohl eher anders zu sehen.“ Kai wurde sehr ernst: „Mia, ist es nicht so, dass wir all diese Herausforderungen erleben, damit wir die Gefühle erfahren können, die wir im Umgang mit dieser Situation erleben?“
Mia schaute Kai an und sagte spontan: „Du meinst, wir leben in einem ewigen Workshop?“
Kai hielt inne. Kai erinnert sich. Kai wusste, dass er das schon einmal gehört hatte. Es war ein Satz, den er vor ein paar Jahren prägte. Er erinnerte sich an den Zusammenhang. Im früheren Ägypten lebten die Adepten in den Tempeln am Nil. Sie lebten in einem Tempel mehrere Jahre. Dann zogen sie weiter zum nächsten Tempel. Den Nil hinauf. Die Tempel standen für Energie-Chakren. In jedem Tempel wurde von dem Adepten ein grundlegendes Lebensgefühl gelernt. Praktisch ein Mehrjahres-Workshop. Er wusste, dass sie heute wahrscheinlich mehr grundlegende Lebensgefühle an einem Tag erleben, als die Adepten in vielen Jahren.
Kai sagte: „Wir haben doch gelernt, nicht nach dem Warum zu fragen, sondern ein Wozu vor die Frage zu stellen.“
Die Frage „Wozu“ erwartet als Antwort ein Argument. Eine Begründung. Eine Kernaussage. Einen Hinweis, auf das, was ist. Klarheit. Hinter den Emotionen suchend. Emotionen enttarnend. Zeitlos und nüchtern. Es zeigt die Zeitqualität, würde Kai sagen. Mia wusste das. „Du meinst, dass deine Honigsuche dir und mir hilft, mit dieser Zeitqualität besser umzugehen?“
„Ja, du merkst es doch selbst. Dieses finale Denken führt mich automatisch dazu, zu erkennen, dass da noch einige unschöne Dinge verweilen, die in mir oder in dir geklärt werden wollen. Auch das ist Honigsuche für mich. Es ist die Beschreibung eines Prozesses, besser eines Weges, der uns durch diese Zeit bringt.“ „Der Weg ist das Ziel?“ „Ja und Honigsuche soll mich daran erinnern. Sonst bleibe ich mitten auf der Strecke liegen und verzweifle. Die Tatsache ist doch, dass ich das gelobte Land noch nicht erreicht habe. Und der Fakt, dass wir jetzt schon in 2012 weilen, lässt mich angesichts der Gesamtsituation zweifeln, ob ich je am Horizont habe etwas aufblitzen sehen.“
Mia nahm die Hand ihres Mannes. Mia antwortete: „Das erinnert mich irgendwie an einen Marathonlauf. Das geht doch auch nur in Etappen. Es kommen sicher bessere Zeiten. Ich weiß das. Wir können nicht falsch liegen mit Allem.“ „Nein, sicher nicht“, antwortete Kai. „Wir lernen im Vorwärtsgehen. Es ist ein Prozess, aber dieser Widerspruch, dass die Zeit so dermaßen schnell rennt und dennoch wirklich alle Themen sich so zäh anfühlen, lässt mich fast verzweifeln. Ich will das nicht einfach erdulden. Deswegen bin ich hier quasi als spiritueller Unternehmer aktiv.“ „Jetzt bin ich gespannt.“ „Als Unternehmerin weißt du ja, dass es darauf ankommt, das jeweilige Vorhaben immer wieder so zu definieren, dass das Projekt in einem realistischen und erfolgreichen Kontext mit guten Wachstums-Chancen erscheinen kann.“ „Spirituelle Schönfärberei?“ „Nein. Es ist die realistische Darstellung eines Prozesses – meines Weges – in meiner Bewusstseinsentwicklung, oder besser: auf dem Stand meiner Bewusstseinsentwicklung, Vor zwei Jahren hätten wir dieses Gespräch so nicht führen können. Honigsuche trägt dieser Tatsache Rechnung und zeigt, dass ich ein Suchender bin – nach spiritueller Nahrung, dass es ein individueller Weg ist und dass es auch ein Ziel gibt.“ „Ich verstehe. Es ist praktisch auch eine Bestandsaufnahme?“ „Genau. Ohne Bestandsaufnahme keine Weiterentwicklung und keine wirkliche Lösung. Wie im richtigen Leben. Aber vor allem mit Aussicht auf Lösungen!“
Sie hatten die Suppe komplett aufgegessen, sehr zum vermeintlichen Nachteil ihrer Hündin „Cara“. Sie hätte gerne etwas abbekommen. Cara kam kurz nach ihrer Hochzeit zu ihnen. Cara war für Mia und Kai ein fast gleichwertiges Geschöpf. Cara war voller Liebe und Persönlichkeit. Natürlich war sie mehr Mia zugetan, aber wenn Kai einmal außer Haus war, wartete sie genauso lange und ausdauernd an der Tür auf die Rückkehr von Kai, wie bei Mia, wenn sie Besorgungen machte.
Sie räumten gemeinsam den Tisch ab. Kai spülte die Teller und stellte sie in die Spülmaschine. „Lass uns doch einfach heute einen ausgedehnten Spaziergang machen. Der See ist zugefroren und ich würde gerne die eine oder andere Flussinsel umwandern. Dies könnten wir mit einer Bestandsaufnahme verbinden. Wie geht das Leben weiter heute, 2013 und im Universum.“
Mia war sofort einverstanden. Sie holte die Leine und den roten Mantel für die Hündin. „Warum auch etwas Geringeres versuchen, als die Welt zu erklären“, sagte sie beim Schuhe anziehen. Sie verließen das Haus.
Fragen zum Sein oder Nicht-Sein
Sie hatten bereits den Wald betreten. Sie wohnten nah am Waldrand. Mia reflektierte das Tisch-Gespräch: „Wenn ich so über deine Honigsuche nachdenke, fällt mir auf, dass Männer immer alles beschreiben und wissen müssen, während Frauen eher beobachten.“
Mia war eingemummelt mit Schal, Handschuhen, einer schwarzen Bogner-Jacke. Sie trug ihre ultraleichten wie trittfesten Wanderstiefel. Natürlich passte alles wie immer genial zusammen. Auch bei dieser Kälte hat sie ein Outfit, das ihre ansehnliche Figur betonte. „Madonna könnte sich da auch warm anziehen“, dachte Kai und freute sich diebisch über sein Wortspiel. Er ging damit manch einem Mitmenschen auf die Nerven. Besonders Mia. Aber es gab auch schon gute Brüller. Letztendlich war diese scharfe Ironie auch ein Grund, warum Mia ihn so mochte. Irgendwie wirkten seine Vergleiche direkt auf die Durchdringung der sogenannten Wirklichkeit. Kai enttarnte dadurch so manche Situation auf eine witzige Art als vergänglich.
Kai ging auf das Argument ein: „Ich muss alles beschreiben, um es in einen Kontext zu setzen. Du weißt genau, dass ich auch sehr gut beobachten kann.“
Kai betrachtete die hohen Bäume. Er wollte schon lange einmal nachschauen, ob diese Bäume hier nur so hoch wirkten oder ob sie wirklich größer gewachsen sind, als vergleichbare Bäume in anderen Gegenden.
Mia konterte: „Ja, beobachten ist das eine, aber der Zwang, alles zu kommentieren ist das andere.“ Das konnte Kai nicht auf sich ruhen lassen. „Hast du wirklich nicht eine innere Stimme die gnadenlos alles in Schubladen rückt, was dir ins Blickfeld kommt? Ehrlich gesagt möchte ich dir nicht als einfache Frau in der Modeboutique begegnen, dein Urteil könnte vernichtend persönlich ausfallen.“
Mia ärgerte sich sofort über diesen Angriff. Kai tat es sofort leid, denn er wollte gar keinen Angriff starten. Er versuchte vermittelnd sein Thema voranzubringen. „Lass uns doch einfach von dieser Honigsuche reden. So wie ich dies definiere kommen zwar Bewertungen gegenüber Menschen und Ereignissen im Leben vor, aber es geht doch darum zwischen dem Ereignis und der eigenen Nase einen Abstand zu wahren. Ich würde hier gerne mein Lieblingswort nennen – „absichtslos“ –, Kai markierte mit seinen lederbehandschuhten Fingern Anführungsstriche. „Und ich denke, dass wir mit jedem Schritt, den wir bewusst bewerten, uns immer mehr diesen Abstand verdeutlichen und ihn zum Schluss kultiviert haben.“ „Schlechte Gewohnheiten gegen gute Gewohnheiten austauschen“, komplementierte Mia verständnisvoll.
Dies war ein Satz von „ihrem“ Lama. Sie traf ihn vor vielen Jahren. Über Kai. Kai war bereits sein Schüler. Lama Ole brachte den Diamantweg-Buddhismus in den Westen. Mia nahm damals mit Kai an einem Phowa teil. Es war ein unglaubliches wie urschönes, Jahrhunderte altes buddhistisches Ritual. Es hilft einem Menschen „das Sterben zu lernen“. Mia musste damals ziemlich genau überlegen, ob sie das überhaupt wollte. Doch Neugierde und Abenteuerlust und die Liebe zu Kai brachten sie dann doch zu dem Ort, wo hunderte Menschen sich gemeinsam in einem Meditationszelt versammelten. Die Meditationen waren wunderschön. Begleitet von einem Gesang der die Engel rührte. Zwischendrin gab es eine geleitete Meditation. Den eigenen Geist zu sammeln und in das „reine Land“ zu schicken. Dies ist ein Heiligtum der Karma Kagyü Linie, die Lama Ole vertritt. Mia las im Internet, dass die Karma Kagyü Linie zu einer der vier großen buddhistischen Schulen Tibets gehört. Als Linie der direkten mündlichen Überlieferung legt sie besonderen Wert auf Meditation und die unmittelbare Verwirklichung der Natur des Geistes durch die Anleitung des Lehrers. Das klang für Mia vertrauenserweckend. Und auch das Phowa setzte in ihr, wie auch bei Kai, starke Energien frei. Letztendlich wurde dieses Ritual, „und dies ist jetzt nicht gelogen“ würde Kai sagen, erst beendet, wenn man bei jedem Teilnehmer ein Loch im Kopf gefunden hat. Also der physische Beweis, dass der Geist die Materie durchdrungen hat. Für Kai zählten jedoch nur diese unvergesslichen, zeitlosen Ausgenblicke, in denen er im reinen Land weilen und gleichzeitig in die Ferne hören konnte.
Kai riss Mia aus ihren Gedanken: „Also, ich habe mit Wolfgang telefoniert und wir haben zusammen ein paar Fragen aufgeworfen. Es geht um die Erfassung der Zeitqualität. Ich halte diese Fragen für die Honigsuche ziemlich brauchbar. Eigentlich sind es fast schon Antworten.“
Zeitqualität war auch so ein Lieblingswort von Kai. Kontext, Zeitqualität, absichtslos, evolutionär, Flow, spirituelle Anatomie – sein Vokabular war unermesslich an solchen Wortschöpfungen. Wolfgang war Kais Freund. Seit seinem achtzehnten Geburtstag.
Wolfgang ist Künstler. Mia dagegen will keine Künstlerin sein. Obwohl sie diese berührenden Energiebilder malt. Man mag sie entweder total oder man nimmt sie einfach nicht wahr. Kai mochte ihre Bilder.
Kai und Wolfgang leben in verschiedenen Welten. Wolfgang lebt in Frankfurt/Main. Kai lebt in Berlin. Wolfgang ist Single. Kai ist verheiratet. Beide haben eine gemeinsame Sozialisierung. Beide verstehen sich. Wie man so schön bildlich ausdrückt: blind. Doch „diese Blindheit muss sich immer wieder gemeinsam erarbeitet werden“. Wieder so ein Kai-Wortspiel. Und genau das ist für Kai auch Honigsuche. Kai konnte sich mit Wolfgang in seiner Weltfindung, die er jetzt Honigsuche nennt, orientieren. Kai würde sagen: kontextualisieren. Schon lange ist für Kai deutlich geworden, dass es gar nicht weiterhilft, einen Standpunkt zu haben. „Da kann man nur umfallen“. Flexibel, Flow oder besser evolutionär durchs Leben finden. Das sollte der Weg sein. Da war er sich mit Wolfgang einig. Wolfgang ist auch ein Suchender.“Wolfgangs und meine Einstiegsfrage war der Ausdruck unserer Sehnsucht: Was integriert Lebendigkeit in dein Leben?“ Kai machte eine Pause und schaute auf Mia, um eine Reaktion zu erhalten. Es kam keine. „Lebendigkeit dient uns als der evolutionäre Faktor – also als gestaltendes Lebensqualitätsmoment! Aber, wie fühle ich mich dabei? Was verschafft mir mehr Klarheit?“
Mia verstummte weiterhin. Hier konnte sie nur etwas Falsches sagen. Sie genoss dagegen die klare Luft. Sie lauschte vor allem den Spechten. Diese haben – viel zu früh – mit ihren unüberhörbaren Revierbegrenzungen durch lautes, monotones baumpicken, begonnen.
„Darauf aufbauend die nächste Frage: Wie kannst du deiner inneren Stimme Wahrhaftigkeit verleihen? Und dann dieser Hammer von Wolfgang: Wie schaffe ich eine Veräußerung von Inhalt?“
Jetzt schwiegen beide. Kai hörte das Knirschen des Schnees unter sein Schuhen. Er genoss die Sonne, die klar diesen wunderschönen Tag erhellte. Er freute sich. Kai machte sogleich ein inneres Dankbarkeitsritual. Er wusste, dass die Weitsicht heute unvergleichbar sein wird. „Was für ein Zeichen“, dachte er. Und quasi zur Bestätigung flogen zwei Bussarde hoch über ihnen ihre Kreise in der beginnenden Thermik.
„Sprich ruhig weiter, ich lasse es nur auf mich wirken“, ermunterte Mia ihren Mann. „Okay, wie schaffe ich eine Veräußerung von Inhalt? Also wie kann ich das, was ich in mir spüre, möglichst authentisch nach außen bringen?“ Kai machte eine Pause. Er freute sich über diesen vermeintlichen Widerspruch, den er jetzt konstruierte: „Um das wahrhaftig hinzubekommen, muss man sich dieser Frage stellen: Wie funktioniert das Verlernen von alten Mustern insbesondere implantierter gesellschaftlicher Muster, wie persönliche Ansprüche an einen selbst?“
„Kenne ich, langweilt mich, ist wohl trotzdem angesagt“, antwortete Mia.
Natürlich akzeptierte sie diese Frage. Inhaltlich gehörte sie zu Kai, wie Kai zu ihrem Leben. Davon sprach Kai. Seitdem sie ihn kannte. Damals nachts um zwei Uhr. Vor dem verhüllten Reichstag. Ein unfassbares Spektakel, in das sie beide so reingeschliddert sind. Und an jedem weiteren Tag von da an gemeinsam genossen. Christo und Jeanne-Claude, sie hatten nie zuvor von diesen Künstlern gehört, hatten dieses riesige Gebäude, den Reichstag, einfach mit Stoff eingehüllt. Die Menschen kamen aus der ganzen Welt. Es wurde an allen Ecken geschaut und gefeiert. Selbst um zwei Uhr nachts. Es gab improvisierte Picknicks. Mit eigenen Tischen und weißen Tischdecken. Kai war außer sich vor Begeisterung.
Damals erzählte Kai auch von seiner persönlichen Begegnung mit dem Zukunftsforscher Ervin Laszlo. Dieser vermittelte ihm eine wichtige These: „Wie verlernen wir erfolgreiche Instrumente?“ Was und ob das damals etwas für sie bedeutete, weiß sie nicht mehr. Heute schon. Kai trommelte weiter seine Fragen, als würde er Geld dafür bekommen: „Wie können wir die Egoschleimspur transzendieren und dabei trotz alledem zu den eigenen Schwächen stehen?“ Damit riss Kai Mia unvermittelt aus ihren Gedanken. „Was?“ „Wie können wir die Egoschleimspur transzendieren und dabei trotz alledem zu den eigenen Schwächen stehen?“ betonte Kai jetzt sehr langsam wiederholend. „Was?“ „Auch egal. Jedenfalls stand nach Beantwortung dieser Fragen für uns fest, dass es im Außen dazu keine Antworten mehr gibt! Es gibt keinen Zug, auf den du aufspringen kannst. Es fehlt uns einfach die Wahrheit im Außen!“
Mia schwieg. Mia dachte nach. Das war beängstigend. Nichts zum Festhalten. Keine Orientierung. Keine heile Welt?! Sie verwarf diese Gedanken. Dann sagte sie: „Also meine Wahrheit im Außen ist es, dass es hier phantastisch schön ist, mein Hund mit mir einen wunderschöne Zeit genießt und ich geblendet bin, nicht nur von Sonne und Schnee, sondern von allem, was ich hier gerade sehe.“ Auch Mia hatte gerade ein kleines Dankbarkeitsritual vollzogen. Das tat sie inzwischen mehrmals am Tag. Sie hatte verstanden, dass es nur den Augenblick gibt. Und keine Vergangenheit oder Sorgen auf die Zukunft. „Nur das integriere mal“, würde Kai das kommentieren. Und diese Rituale helfen, sich selbst von Augenblick zu Augenblick der eigenen Dankbarkeit an Allem das was ist, zu vergegenwärtigen. Und genau das schien doch auch die Antwort zu sein auf Kais Fragen, dachte Mia.
„Weißt du Kai, du erinnerst dich doch an das Pendeluhrbeispiel. Wenn du kräftig schwingst, schwingt dein Umfeld mit. Im Ergebnis kommt dann Hilfe „auf eigenen Impuls“. Dankbarkeitsrituale helfen.“
Mia freute sich über diesen Impuls. Diese Eingabe. Natur ist mächtig. Deswegen sind sie auch hierher gezogen. Stundenlange Spaziergänge und das in einer Millionen-Metropole. „Jeder Tag hier ist ein eigenes Kunstwerk“, pflegte sie zu sagen.
Cara tollte herum. Ihr ging es hervorragend. Inzwischen hatten sie das Ufer erreicht. Sie gingen auf dem Uferweg, um eine gute Einstiegsstelle zu finden.
Sie wollten nicht durch das Schilf gehen und dabei vielleicht Tiere erschrecken.“Lass mich das trotzdem noch zu Ende führen“, sagte Kai. „Uns ist eigentlich klar, und so viel zur Zeitqualität, du kannst keine Verantwortung mehr im Außen abgeben an einen Pfad, wie eine Lehre oder ein anderes Wirklichkeits-Konstrukt. Du kannst nur noch Stimmigkeit zulassen, erforschen, suchen, kreieren.“ Kai machte eine Pause. Er ging zum Eisrand und betrachtete das Eis. Es war locker 30 Zentimeter tief gefroren, so seine fachmännische Meinung. „Hier geht's jetzt rauf.“
Cara peste los. Mia öffnete die Arme. Es sah so aus, als empfing sie die Eislandschaft, die nun vor ihnen lag. Kai spann seinen Faden weiter: „Je authentischer du diese Zeitqualität lebst, desto mehr tust du anscheinend für dich und damit für die ganze Welt. Weißt du noch unser Tolle-Hörbuch? Ich glaube, Eckhart Tolle nennt genau diese Menschen „Frequenzhalter einer neuen Erde“. Und anscheinend sind wir spätestens jetzt und heute dazu aufgerufen, ebenso zu handeln. Das ist also die einfache Antwort, auf diese anspruchsvollen Fragen. Lebe authentisch!“
Mia verstand, was Kai meinte: „Nicht umsonst nennt man Jesus auch den Wahrhaftigen!“
Cara hat wedelnd einen Stock auf dem Eis ergattert. Cara forderte Mia auf, sich am Stockspiel zu beteiligen.
Kai schrieb am Abend in sein Gedankenbuch die folgenden Sätze:Der Weg des Leidens ist relativiert. Das Außen ist wichtig zur Erhöhung der inneren Schwingung. Sollte Dunkles aus dem Innern kommen, schaue dich um, und sieh, wie schön alles ist. Sei dankbar. Tagtäglich und tief aus dir heraus. Liebe alles was ist – ohne Wenn und Aber. Sage Ja zum Leben und freue dich über die Existenz. Mehr kannst du nicht tun und wisse, dass dies schon eine mächtige Herausforderung ist. Das Außen bleibt auch als Indikator für deine innere Schwingung bestehen. Bestenfalls führt uns das in Kohärenz mit dem Leben selbst. In einem kohärenten System geht praktisch keine Energie verloren, weil alle Bestandteile harmonisch zusammenarbeiten. Pendeluhren in einem Raum schwingen nach einer gewissen Zeit immer im Gleichklang. Dieses Phänomen ist in der Natur überall zu finden. Für Eckhart Tolle sind Blumen die erleuchtete Form der Pflanzenwelt. Ihre Schönheit erinnert uns an unsere Formlosigkeit, an unsere eigene Erleuchtung. Buddhas stille Meditation – er hielt einfach eine Blume hoch – bestätigt diese Sicht.
Frage nicht, wie du dein Universum so aufladen kannst, dass deine Umgebung in Resonanz geht. Schwinge dich ein in dein Universum im Kontext der Evolution.
Gibt es ein Außen?
Das Eis war wunderbar. Es gab eine dünne Schneeschicht. Dies verhinderte ein Ausrutschen. Gleichzeitig wurde die Szenerie in Lautlosigkeit getaucht. Dies flößte Kai schlagartig Ehrfurcht ein: „Wir betreten einen Naturdom.“
Kai ging in dieser Lautlosigkeit auf. Er wurde eins mit Allem. Er merkte, wie laut sein Leben ist; trotz aller Bemühungen, in die Stille zu gelangen.
Mia hielt ebenfalls inne. Sie erblickte zwei Menschen weit hinten auf dem Eis. Sie schienen Schlittschuh zu laufen. Die Sonne knallte förmlich ihr Licht in die betrachtete Landschaft. Weite wurde fühlbar. Beide meditierten im Gehen.
„Das Prinzip ist einfach zusammengefasst“, setze Kai seine Ausführungen nach einer Pause leise und behutsam fort. „Das Außen ist nicht wirklich existent. Es geht im Ergebnis also nur noch um dich, deine Person, deine Gefühle und deine Wahrnehmung über die Welt. Es ist sozusagen ein Denkinstrument, ein Denkmodell zu dem ich hier einlade.“ „Ein sehr bekanntes Denkmodell. Die einen oder anderen Buddhisten würden da wohl zustimmen.“ „Sicher, doch ich finde es schon spannend, wie Wolfgang und ich das hergeleitet haben. Und es ist doch sinnvoll, immer wieder die Sicht auf die Dinge zu hinterfragen. Wolfgang ist da sowieso unschlagbar. Ich habe erst kürzlich von ihm eine Mail wiederentdeckt, wo er die Entstehung von Gedanken thematisiert…“
„Wie die Dinge sind“, zitiert Mia einen Buchtitel von Lama Ole und unterbrach Kai in seinem Redefluss, der ihre Ruhe beeinträchtigte. Wie oft hatte sie dieses Buch gelesen und auch verschenkt. Manche Wahrheiten sind wahrlich zeitlos.
Nach einer Weile brach Mia das Schweigen: „Gehe ich den Waldweg entlang, oder wandele hier auf dem Eis, so empfinde ich mich eins mit den Bäumen und dem Himmel oder“, und Mia machte im Vorwärtsgehen eine Halbkreisbewegung in Richtung Kai und öffnete ihre Handflächen, „ich denke daran, wie ich meinen Nachbarn neidisch machen kann. So sind beides praktisch die Wege des Lebens, entweder das Leben zu verschwenden oder es bejahen und zu lieben.“
Sie waren bereits mitten auf dem Eis. Ein paar hundert Meter vom Ufer entfernt. Es waren so gut wie keine anderen Menschen zu sehen. Über ihren Köpfen vernahmen sie ein bekanntes Geräusch. Ein Kranichvogelzug näherte sich. Beide schauten in Richtung Ufer. Über dem Waldhorizont zeichnete sich eine Vogellinie ab. Cara verweilte schauend bei Mia. Es wurden immer mehr Vögel. Kai fing automatisch an zu zählen. Da machte er bereits eine zweite Vogellinie aus. „Unglaublich“, murmelte er. „Das werden viele Vögel sein.“ „Wollen sie landen?“ „Nein, aber sie ziehen wirklich schon zu den Brutplätzen. Doch wo wollen die Nahrung finden?“ Inzwischen waren drei weitere Vogellinien sichtbar. Und parallel flogen dann auch noch zwei Linien. Jetzt waren es insgesamt sieben. Kai verlor den Überblick beim Zählen. Er hatte noch nie so viele Zugvögel auf einmal erlebt. „Das waren sicher 1.000 Stück“, sagte er mit anerkennender Stimmlage. „Möge ihre Reise sicher sein.“
Sie lauschten noch eine Weile. Sie lauschten den vielfältigen Schreien der Kraniche hinterher. Die Sonne schien wärmend. Cara begann mit einem Eisstück zu spielen. Es war klar, dass sie weiter gehen mussten, denn für einen Hund ist es zu kalt, wenn man zu lange rumsteht.
„Eine schöne Synchronizität“, fasste Kai das Ereignis zusammen, während er sich in Bewegung setzte und Mia an die Hand nahm.
„Die Vögel fliegen zum Horizont und weiter. Mir geht es genau um dieses unentdeckte Land, das alle Menschen und die Menschheit seit ewigen Zeiten suchen. Ebendiese Suche wird in allen Kulturen gepriesen und kulturell mit herzbewegenden, bewusstseinserweiternden, individuellen wie gemeinschaftlichen Ritualen unterstützt.“
Kai fühlte die Freude. Dann fühlte Kai das Leid.
Er fuhr fort: „Durch das finstere Mittelalter und den unfassbaren wie wahnsinnigen Ereignissen im letzten Jahrhundert sind die Menschen jedoch gerade im deutschsprachigen Raum dieser Traditionen beraubt worden. Individuell wie gesellschaftlich gibt es so gut wie keine zyklische Zeiterfahrung mehr, keine wirklichen Rituale des In-die-Welt-Gehens, keine Übergangs-Traditionen zwischen den einzelnen Bewusstseinsentwicklungen – nur kommerzialisierte und religiös okkupierte Scheinfeiern von Ostern und Weihnachten – Echo-Reste der Mond- und Sonnenwenden, der Naturzyklen.“
Kai merkte, wie er sich ereiferte. So war er nun einmal. Er begeisterte sich für die Dinge, die ihn beschäftigten. Und es berührte ihn, wenn er Unrecht oder Seelenschmerz spürte. Kai liebte inzwischen die Jahreszyklen. Er beobachtete den Lauf der Sonne. Er freute sich, wenn die Tage wieder heller wurden. Er kannte ein heiliges Ritual. Das zelebrierte er immer zu den Sonnenwenden: das Agnihotra-Feuer. Dafür hatte er eine Stumpfpyramide aus Kupfer. „Um die kosmischen Kräfte zu akkumulieren“. Für das Ritual brauchte man getrockneten Kuhdung, ausgelassene Butter (Ghee) und möglichst unpolierten oder braunen Vollkornreis.*) Das Ghee wird auf den Kuhdung gestrichen. Es wird in die Pyramide gelegt.
Die Pyramide wird eingenordet aufgestellt. Zum genauen Zeitpunkt des am Ort stattfindenden Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang wird es entzündet. Mit einem Mantra wird rituell der Reis in das Feuer geschmissen. Zuvor kann man die Engel, die Elementarwesen und weitere Bewohner der formlosen Welt in einer Anrufung herbei bitten. Kai machte das Ritual immer zum Sonnenuntergang. Zur Sonnenwende. Am 21. Juni und am 21. Dezember. Das Mantra, das dann gesungen wird, lautet: AGNAYE SWAHA, AGNAYE IDAM NA MAMA, PRAJAPATAJE SWAHA, PRAJAPATAJE IDAM NA MAMA. (Als Übersetzung: O Gott, alles ist dein, nicht mein.) Der ganze Ablauf klingt so verrückt. Es machte Kai immer eine riesige Freude. Denn während des Rituals und auch danach war am Ort spürbar eine andere Energie. Die Asche verteilte Kai bei den Pflanzen, mit denen er und Mia lebten.
*) Anmerkung: Materialien für das Agnihotra erhaltet Ihr bei: Homa-Hof Heiligenberg, Oberhaslach 6, 88633 Heiligenberg Telefon: 07552-938754, Telefax: 07552-938756E-Mail: shop@homa-hof-heiligenberg.de
Kai sprach weiter über die Zeitzyklen: „Du weißt, das Leben und das Universum ist voll von Zyklen der Zeit und individuell erfahrbaren Neu-Anfängen und den entsprechenden persönlich erfahrbaren Zeit-Enden – wobei alles eigentlich nur ein ständiges Kommen und Gehen, Werden und Sein ist. Ich brauchte bis heute, gefangen in meinen eigenen Traumata und blockiert von schmerzhaften Seelenrissen, um das tief in mir zu erkennen, was wir alle schon immer wissen. Dass wir im Grunde unseres Seins vertrauen können auf die unendliche Weisheit des Lebens.“
Mia verstand genau, was Kai meinte. Sie hatte da sowieso einen eigenen Zugang. Dieser ließ sie schon immer genau so Denken und Handeln. Ihre Bilder waren Zeugnis dieses Vertrauens.
Cara schlich ihr durch die Beine. Ihr Spieltrieb hatte zugenommen. „Hier ist eine sehr schöne Energie“, stellt Mia fest. „Schau wie Cara spielt.“ Sie hielten inne und spürten in die Umgebung hinein. Etwas Warmes kroch in ihre Nervenbahnen. Die Anwesenheit freundlicher Wesen machte sich bemerkbar. Es gab dafür keinen anderen Ausdruck. Kai war sehr aufmerksam nach innen gerichtet. Es dauerte lange, bis er sich wieder in Bewegung setzte.
Kai richtete das Wort an Mia: „Die Menschheit ist heute in der glücklichen Lage durch die Erfindungen der letzten Jahrzehnte, das vorhandene Wissen über alles fast stündlich zu verdoppeln. Durch diese Vielfalt kann man schon mal die Übersicht verlieren. Doch mir war mit meinen ersten nachvollziehbaren Ideen und Erkenntnissen deutlich, dass es eine Art Struktur geben muss, die hinter allem existiert. Leider war die Suche danach „nur“ eine starke Intuition und wie in jeder Heldensage, weiß der Held am Anfang nicht, welche Gefahr während der Reise lauert und vor allem: wohin der Weg führt.“
Kai fühlte sich nicht als Held. Kai fühlte sich als Pionier. Suchende sind Pioniere. Er sagte: „Ich fühle mich nicht als Held, sondern ich sehe in allen Menschen, die ihren Weg gehen, egal was am Ende der Reise auf sie wartet, das Heldentum, das wir zurecht preisen.“
Sie hatten die Inselmitte erreicht. Sie waren ca. 100 Meter vom Inselufer entfernt. Es war wie auf einem anderen Planeten. Nichts war bekannt. Und doch war alles so vertraut.
Vor vielen Jahren las Kai ein Buch. Gleich mehrmals. Es war von Ken Wilber. Der deutsche Titel lautete „Halbzeit der Evolution“. Ohne zu wissen, wer Ken Wilber war und was er sich für eine Aufgabe gestellt hat, begann Kai damit einer Spur zu folgen. Heute ist dies als „Ewige Philosophie“ oder auch „Integrale Philosophie“ bekannt. Das Schöne. Das Wahre. Das Gute. Die „Philosophia Perennis“. Heute wusste Kai ein bisschen über die Geschichte dieser Philosophie. Er ist auf seiner Lesereise auf zahlreiche Autoren gestoßen. Inzwischen zählt er diese zu den interessantesten Individuen auf diesem Planeten. Darunter war auf jeden Fall Aldous Huxley. Für Kai ein Mensch, der in vielen Dingen ein Pionier war. Und auch andere Pioniere erkannte. Vor allem erkannte Huxley nach Meinung von Kai, wie die Menschheit sich individuell und gemeinschaftlich in einem unsichtbaren Gefängnis der Nicht-Erkenntnis freiwillig aufzuhalten schien. Bereits 1945 schrieb er sein Buch „Philosophia Perennis“. Darin brachte er sein Wissen darüber zum Ausdruck, dass es eine gemeinsame, sich evolutionär entwickelnde Weisheit hinter allen Kulturen und Religionen gibt.
Und natürlich hielt Kai auch den integralen Philosoph Ken Wilber für einen der bedeutendsten Menschen auf diesem Planeten.“Du weißt, es war immer mein Weg die „Weisheit des Lebens“ anzunehmen, zu entdecken und auszusprechen. Ich weiß nicht, ob es hier je eine Ende, oder ein Ziel geben kann. Doch genau diese permanente, ganzheitliche Lebensanalyse nenne ich Honigsuche. Dabei ist auf jeden Fall zu betonen, dass dies kein stringenter Bergaufstieg ohne Pausen und Rückschläge ist. Im Gegenteil tun sich Klippen und Felsvorsprünge auf, die gemeistert werden müssen. Insbesondere meine sehr tiefen Seelen-Spalten galt es zu erkunden. Auch wenn ich hier darüber so einfach rede, bedeutet dies nicht, dass ich darin besonders gut bin oder war. Und darum geht es auch gar nicht. Ich habe schon früh begriffen: Es geht darum, da lang zu gehen, wo die Angst ist. Und nicht zurück zu schauen.“
Seine wohl wichtigsten persönlichen Erfahrungen machte Kai bei seinen unzähligen Atemsitzungen. Und in den vielen Wochenenden. Diese verbrachte er in sogenannten psychologisch geleiteten Selbsthilfegruppen. Mitte der 80er Jahre. „Homo sum, humani nil a me alienum puto – Ich bin ein Mensch. Ich meine, nichts Menschliches ist mir fremd“. Das war seitdem sein Lieblingsspruch. In seiner Eitelkeit hat er früher gerne darüber gesprochen, dass er Altgriechisch und Latein und auch ein wenig Hebräisch gelernt hat.
„Honigsuche steht für meine Gewissheit, dass über allen Gipfeln die Sonne scheint.“ Kai grinste und schaute in die Sonne, die über den Gipfeln stand. Er musste sich dafür etwas umdrehen. Mia vollzog diese Drehung ebenso. Mia antwortete: „Ja, es ist wirklich außerordentlich schön hier. Was für ein Geschenk.“ Sie gingen weiter am Ufer entlang. Kai blieb bei seinem Thema: „Viele Menschen haben sich in der heutigen Zeit diesen Weg der Erkenntnis verbaut, da sie sich aus der fehlerhaften Analyse immer noch gültiger kultureller Über-Begriffe unreflektiert bei ihrer Honigsuche in Warteschleifen ziehen lassen. Und noch etwas: Wer von all diesen Dingen redet, kommt nicht daran vorbei, auch die Mega-Vokabel GOTT anzusprechen.“ Mia wusste, dass das Gespräch mal wieder elementar wurde.
Gott. Was für ein Wort. Du sollst dir kein Gleichnis machen. Natürlich. Sonst verpasst du Gott. Wer Gott sucht, muss Gotten fallen lassen.
Mia sagt: „Vielleicht ist diese Vokabel nur ein Synonym für Honigsuche?“ Kai sagt: „Könnte sein. Wer weiß, wohin uns diese Gedanken führen?“
Sie gingen den Weg am Ufer entlang. Auf dem Eis. Die Insel lag rechts neben ihnen. Sie schauten auf die Insel. Sie wollten irgendetwas Spannendes erkennen. Doch bis auf ein paar schöne alte Bäume, die sich majestätisch in der Sonne rekelten, gab es nichts Aufregendes zu vermelden.
„Dass Gott in jedem von uns lebt, dass jeder Fleck Erde uns Heimat sei, jeder Mensch uns verwandt und Bruder ist, dass das Wissen um diese göttliche Einheit alle Trennung in Rassen, Völker, in Reich und Arm, in Bekenntnisse und Parteien als Spuk und Täuschung entlarvt – das ist der Punkt, auf den wir zurückkehren, wenn furchtbare Not oder zarte Rührung unser Ohr geöffnet und unser Herz wieder liebefähig gemacht hat.“Herrmann Hesse (von Mia für diesen Abschnitt ausgesucht)
Individuum
Kai schlenderte beschwingt über das Eis. Kai setzte die Analyse fort. Kai fand einen Dreh- und Angelpunkt. Einen Nabel. „Wer ist der Beobachter?“, fragte sich Kai.
Kai: „Ich habe einen weiteren Punkt in meiner Analyse. Meine Frage war: Wer ist der Beobachter? Meine Antwort ist: das Individuum. Individuum heißt eigentlich übersetzt etwas Unteilbares, also eine einzelne Person. Nun wissen wir ja inzwischen, dass es nichts Unteilbares gibt und alles letztendlich in reiner Energie endet, doch was für ein schönes Bild, dass die Menschheit aus unteilbaren Geschöpfen besteht. Und wenn ich daran denke, dass Jesus sich als Menschensohn bezeichnete, bekommt dieser Gedanke für mich eine noch tiefere Wahrheit.“
Man sah ihm förmlich an, wie er mit seinem Gedanken etwas zu fliegen begann. „Ich glaub, ich bin da einer Sache auf der Spur. Das da mit dem In-di-vi-du-um“, er zog die Silben bedeutungsvoll auseinander, „scheint mir wirklich eine geschickte Schöpfungssache zu sein. So hat Gott doch die Wahrheit über sich in jedem einzelnen Menschen versteckt.“
„Ja, diese schöne Weise hat mir schon vor Jahren sehr gefallen. Gott ist in mir, wie wunderschön.“ „Das stimmt. Und ich erinnere dich an das Thomasevangelium wo unser lieber Menschensohn mit Thomas zur Seite geht und er ihm die drei Wörter sagt, so wie bei dir.“
Mia durchzog ein Freudenstich. Das tat es eigentlich immer, wenn sie sich an diese Situation erinnerte. Der Alltag schüttet wirklich alles zu. Selbst eine Wiedergeburt. Und das war es für sie. Zu Beginn der Beziehung mit Kai. In einem Workshop. Es ging um Energien und Heilung. Clearing nannten sie das damals. Wie Kai erlebte sie Szenen aus „früheren Leben“. Bei Kai war es sogar ein wirklich authentisch nacherlebtes Harakiri. Er flog dabei praktisch durch den Raum. Eine der anwesenden Begleitpersonen zog ihm intuitiv ein virtuelles Harakiri-Messer aus seinem Bauch. Man hörte ein Geräusch. Abermals ging Kais Körper mit. Es war wie in einem Film.
Und während dieser Sitzungen, als Mia mal ertrank und sich mal an einem Ufer fand, schaute sie auf einmal in die Augen von Jesus. Und Jesus sprach mit ihr. Jesus sagte die drei Worte. Jesus sagte: Ich bin Du!
„Mir musst du das nicht erzählen“, sagte sie freundlich zu Kai. Mia war dankbar. An diesem wundervollen Tag. An diesem wundervollen Ort. An diese wundervolle Begegnung erinnert zu werden. Kai merkte, dass der Augenblick heilig wurde. Er sagte ein buddhistisches Mantra: „Om mani peme hung.“
Kai konnte einfach nicht anders. Er musste wieder frotzeln: „Ich hatte es glatt vergessen, mit welch ausgesuchter Person ich verheiratet bin.“ Mia knuffte ihn. „Sei nicht immer so ironisch. Du kannst auch sehr ergriffen sein.“
Sie ließen den Augenblick auf sich wirken. Die Sonne schien sie förmlich mit ihrer Helligkeit zu durchdringen. Kai machte eine Übung. Er lud seine Zirbeldrüse auf. Schon vor Jahren hatten sie eine Technik gelernt, mittels einer Atemübung dies zu tun. Das war anstrengend. Und aufregend zugleich. Lichtkreisarbeit wurde das damals genannt. Dann ist das total eingeschlafen. Doch irgendwie kam er vor ein paar Wochen an eine Musik. Eine CD. Die die Zirbeldrüse aktivierte. „Aufstiegsmusik“. Kai erinnerte sich an die vielen Informationen die er zur stattfindenden Entwicklung der Sonnenaktivitäten für das Jahr 2012 gesammelt hatte. In Gesprächen mit seiner Frau wurde beiden deutlich, dass wahrscheinlich wirklich vermehrt „Aufstiegsenergie“ über die Sonne auf die Erde geleitet wird. Kai wollte diese Energie nutzen. Kai wollte diese Energie einfangen.“Ich lade übrigens meine Zirbeldrüse auf. Bin schon ganz benommen.“ „Sehr witzig.“ Beide schwiegen.
Dann fiel Kai etwas ein: „Ach ja, ich wollte dir unbedingt noch was erzählen. Ich habe von uralten Sonnentempeln in Ostdeutschland gehört. Man kann sie nur aus der Luft wahrnehmen, da sie komplett eingeebnet sind. Sie sind 7.000 Jahre alt, älter als Stonehenge oder die Pyramiden. Und das in Ostdeutschland. Es ist der Kreisgrabenkult. Man findet sie an der Elbe und an der Donau zu Dutzenden. Teilweise echt riesige Flächen. Die Anlagen waren genau auf die Wintersonnenwende ausgerichtet. Man kann beweisen, dass es astronomische Beobachtungszentren und möglicherweise eben Sonnentempel waren.“ „Dann ist dein Sonnenkult ja gar nicht so falsch.“ „Ich weiß, dass er nicht falsch ist. Das einzige das falsch ist, ist unsere Art, die Zyklen in den Gestirnen zu ignorieren. Mit dem Gregorianischen Kalender wurde unser Ur-Wissen über die gleichmäßigen Zeitzyklen begraben. Seitdem geht die Zeit nicht mehr nach dem Mond. Im Gegenteil wurde dies ein Ausdruck für Hinterwäldlertum.“
Kai schwieg. Mia fühlte die Gegend. „Hier ist es übrigens wieder wie an unserem Uferstück. Ich merke eine Leichtigkeit. Es ist wie diese eine Wanderin, der wir dort letztens begegnet sind, sagte: ein Jungbrunnen.“ Kai spürte. In der Tat wuchs er um fast zwei Zentimeter. Er richtete seinen Körper auf. Er sagte: „Wirklich irre, wie manche Orte wirken können.“ Sie fühlten sich verbunden. Sie meditierten. Sie gingen einen gemeinsamen Weg.
Mia hielt Ausschau nach Cara. Mia begann Cara anzuspielen. Mia ging in die Hocke. Cara kam wedelnd herbei gelaufen. Cara umrundete beide.
Kai erinnerte sich an seinen Gesprächsfaden. „Eigentlich wollte ich dir doch von meinen Ideen zum Individuum erzählen.“ „Du schaust zu viel Voyager“, antworte Mia.
„Könnte sein. Aber zuvor mal was ganz anderes, aber zum Thema: Vor kurzem habe ich erneut die Information erhalten, dass jede Schneeflocke auf diesem Planeten einzigartig ist, und dass es länger dauern würde, als das Universum alt sei, bis überhaupt die Wahrscheinlichkeit besteht, dass eine Schneeflocke einmal so aussieht wie eine andere. Das hat der Physiker John Hallet bereits um die vorletzte Jahrhundertwende herum ausgerechnet.“ Mia schaute ihn von unten nach oben in die Augen. „Hat er wohl alle nachgezählt?“ „Nein, aber ein paar Tausend soll er in der Tat untersucht haben.“
Kai fuhr fort: „Machen wir uns bewusst, dass wirklich jeder Mensch eine eigene Persönlichkeit hat. Und wir wissen auch, dass jeder Mensch eigene ihm zugehörige Fingerabdrücke hat. Dann die DNA und wer weiß was es da noch eigenes, individuelles gibt?“ „Ich habe gehört, dass jeder Mensch einen völlig ihm zugehörigen Herzton hat“, ergänzte Mia. „Und es gibt eine komplett individuelle Sexualität. Sexualität ist eigentlich vollkommen individuell also „ungenormt“ wie du es ausdrückst. Erinnerst du dich an Film Kinsey – die Wahrheit über Sex.
Dieser Typ hatte das schon in den 60ern bewiesen.“ „Wow, weißt du was das bedeutet. Nicht nur, dass wir ein tolles Team sind und uns ergänzen. Alle Gleichmach-Utopien ob Gesellschaft oder Religion sind zum Scheitern verurteilt.“
Kai hüpfte ein wenig, als er das aussprach. Mia ergänzte: „Ja und es gibt die Nutzung von Augen und Stimme in der Sicherheitstechnik, also ist auch das komplett individuell.“ Kai blieb stehen und schaute Mia bedeutungsvoll an. „Wenn Jesus so sehr darauf bestand ein Menschensohn zu sein, dann sollte man sich doch mal ehrlich mit dem Menschsein beschäftigen. Erst gestern hatte ich wieder so ein Gespräch, wo ein älterer Mann einen Abgesang auf die Menschheit veranstaltete. Ist das nicht schade. Menschsein ist anscheinend das Beste, dass dir in diesem Universum passieren konnte. Selbst Jesus wollte dazugehören. Ein Unteilbares im Ganzen. Bringen nicht wir Menschen den Himmel auf die Erde – gerade auch energetisch gesehen?“ Mia antwortetet spontan: „Ja, und das ist eine ganze Menge Arbeit. Die Herausforderung ist nur, dass dies kaum ein Mensch weiß!“
Kai verstand Mia nicht wirklich, doch das Gesagte war für seine Argumentation stimmig. Kai fuhr fort: „Es heißt doch nicht umsonst, dass wir Sternenkinder sind. Kosmische Wesen, die menschliche Erfahrungen machen wollen. Oder, wie ich jetzt gehört habe, kosmische Wesen, die sich über die Nahtstelle Mensch selbst erfahren.“
„Wenn ich dich richtig verstehe, sind wir alles absolute Einzelwesen, praktisch jeder ein eigenes Universum?“, fragte Mia.
„Jetzt sind wir da, wo ich hinwollte. Das ist die Mutter der Honigsuche. Viele Universen formen ein gemeinsames Universum im Universum. Und jedes Universum hat ein Grundrecht auf seine eigene Wahrheit und wenn es – also das jeweilige Individuum – diese Wahrheit authentisch mitteilen will, so soll dies geschehen. Ich rede hier nicht über Ego-Universen sondern wirklich über das, was in jedem Menschen tief an Wahrheit verborgen ist und sich als Persönlichkeit entfalten will. Hier muss natürlich auch die menschliche Sprache versagen, denn ich will wirklich nicht die Person oder das Ego in den Vordergrund spielen. Ich sehe den evolutionären Kontext. Honigsuche ist somit die Freilegung unseres individuellen evolutionären Auftrags.“
Kai betonte den letzten Satz besonders. Kai sprach ihn heilig. Den Satz. Sich selbst. Diese Erkenntnis. Diesen Augenblick. Kai spürte, dass etwas in ihm diesen Satz formuliert hat. Er kannte diesen Satz nicht. In diesem Gefühlt sprach Kai weiter:
„Ich glaube, dass wir alle Diamanten sind und jeder seine Leuchtkraft für alle Menschen gemeinsam entwickeln darf, kann und auch muss. Nur so kann die Evolution, vor allem die Evolution des Bewusstseins stattfinden.“
Mia steuerte das Ufer der Insel an. Dort lag ein fünf Meter langer Baumstamm. Er lag im rechten Winkel zum Ufer. Er ragte aus dem Eis. In der Sonne. „Zeit für eine Pause.“
Cara sprang über den Ast. Sie setzten sich. Kai fasste das Gespräch zusammen: „Ich glaube, dass wirklich jeder Mensch einzigartig ist und dass wirklich jeder Mensch zur Evolution beitragen kann und wird. Jeder Mensch hat eine völlig eigene Antizipation der sogenannten Wirklichkeit. Damit ist jeder Mensch ein komplett eigenes Universum. Ist das nicht phantastisch?“ „Ich bin begeistert!“ „Warte ab, denn jetzt kommt mein Lieblingsthema: Selbstliebe!“
Mia stöhnte. Das konnte sie nicht verhindern. Sie erschreckte sich sogar ein wenig darüber. Aber beim Thema Selbstliebe wurden einfach ihre Punkte gedrückt. Kai konnte es nicht lassen. Immer wieder betonte er, wie wichtig es ist, sich komplett so wie man ist, anzunehmen. Er trug sogar mal ein T-Shirt mit dem Aufdruck: „Ich liebe mich“. Mia hätte schreiend weglaufen können. Kai reagierte ganz nüchtern. Kai erklärte. Dass der Mensch aus 80% Wasser besteht. Dass der Wissenschaftler Masaru Emoto nachgewiesen hat, wie Gedankenkraft und Worte Wasser bzw. gefrorene Wasser-Kristalle in der jeweiligen Form beeinflussten. Masaru Emoto fotografierte diese Wasserkristalle. Tatsächlich haben Mia und Kai dann auch eine Foto-Ausstellung besucht. Sie haben die Fotos von den wunderschönen harmonischen Formen gesehen. Die entstehen, wenn das Wasser zuvor in einer Flasche war. Mit einem Etikett, auf dem die Vokabel „Liebe“ stand.“Honigsuche ist Selbstliebe. Wie könnte es anders sein?“, grinste Kai, der wusste, dass er ein Reizthema ansprach. „Nun kannst auch du die Selbstliebe lieben!“ Kai freute sich sehr über diese triumphale Zusammenfassung.
„Mia, wenn wir unteilbare Lichtwesen und Sternenkinder mit absolut eigenen Mustern bzw. Eigenschwingung sind, dann können wir gar nicht anders. Wir müssen uns selbst lieben um damit „All das, was ist“ lieben zu können.“
Diesem Gesprächsabschnitt möchte ich diesen Text aus Kais Gedankenbuch hinzufügen: Es ist aber so, dass auch jeder Mensch anscheinend komplett ein Individuum ist. Das bedeutet, dass wir eben nicht eine genormte Daseinsform haben, die vorgeschriebene Wege geht wie männlich, weiblich, Heiraten und Kind, Haus, gesellschaftliches Dasein je nach Kultur, etc. Wenn wir es zulassen könnten, sind wir wahrscheinlich Milliarden von einzelnen Universen, die gemeinsam auf diesem Planeten entstehen und existieren. Diese Vorstellung ist so unvorstellbar, dass wir im Grunde genommen nur mit (außer-)sinnlichen Experimenten – wie sie in allen Kulturen beheimatet sind, hier eine Antwort erlangen könnten und zwar – wie sollte es anders sein – eine individuelle! Der Physiker Nassim Haramein schreibt zu diesem Thema: „Ihr seid wie eine Sonde der Raumzeit, die auf sich selbst von der Außenseite zurückblickt und die Informationen über ihre eigene Existenz sammelt.“ Mögen alle Kulturen zusammenfinden und ihr jahrtausendaltes Wissen freigeben. Mögen wir es alle erfahren. Mögen wir einzeln und gemeinsam Bestandteil dieser evolutionären Erfahrung sein.
Tagesaktuelle Recherche zum eigenen evolutionären Auftrag
Die Pause tat gut. Sie beobachten. Zwei Enten flogen knapp über das Eis. Am fernen Ufer kreisten zwei Greifvögel. Kai machte einen Reiher aus. Kai fragte sich, warum die Reiher hier überwintern. Als wenn Mia in seine Gedanken schauen konnte, und das konnte sie wahrscheinlich wirklich, fragte sie Kai: „Wo wohl die Kraniche, die wir heute und gestern gesehen haben, hinfliegen?“
Gestern hatten sie nach dem Abendessen ein unglaubliches Erlebnis. Mitten in dunkler Nacht. Es flogen auf Baumwipfel-höhe Kraniche über sie hinweg. Sie konnten die Fluggeräusche hören. Und erstmalig so nah das Schreien der Vögel. Dies war einzigartig. Wunderschön. Und es ging ihnen direkt durch Mark und Bein.
„Der Kampf um die Brutplätze hat begonnen“, kommentiere Kai schnöde und auf Abstand mimend. In Wahrheit war er von diesen Naturschauspielen natürlich ergriffen. Kai fieberte mit den Vögeln, dass sie ihr Ziel erreichten.
Mia sagte: „Weißt du, ich habe die Meisen bei uns beobachtet. Dank deiner Futter-Installation haben wir ja was zu schauen und sie haben was zu fressen. Wusstest du, dass sie ganz komisch landen“, fragte Mia Kai erwartungsvoll anschauend. „Nein.“ „Ja, erst pfeffern sie zum Landeplatz und stoppen kurz vorher noch einmal ab. Witzig.“
Sie standen auf. Sie setzten ihre Reise fort. Kai sondierte seine Gedanken. Nun kam er zu einem anderen schwierigen Lieblingsthema. Der Evolution des Bewusstseins. Dazu hat er das eine oder andere geschrieben. Sprüche wie: „Nur Evolutionäre sind Revolutionäre“. Oder Begriffe wie „Evolutionäre Spiritualität“. Dies war auch Mia bekannt. Doch durch dieses Gespräch hatte Kai verstanden, dass sein Begriff Honigsuche anscheinend diesen evolutionären Impuls eines Menschen, sei es aus intellektuellen oder aus religiösen, spirituellen Gründen, seinen Wurzeln folgend die Zukunft zu beschreiben, die nötige Aufmerksamkeit zollt, die es in der heutigen Zeit und insbesondere im Jahr 2012 braucht.
Kai sagte: „Alle Entscheidungen geschehen in einem kosmischen Kontext. Wir sind Teil eines 14 Milliarden Jahre alten Prozesses. Wir stehen mit diesem Prozess, den wir Evolution nennen, in Beziehung. Honigsuche heißt also, genau diese Zusammenhänge zu sehen, zu bejahen und individuell auszuleben. Ich bin sicher, nur so können wir den nächsten Schritt der Evolution meistern.“
Mia hörte aufmerksam zu. In ihr schwang Resonanz zu diesem Thema. So viel ist sicher. Die letzten Jahre waren schwer für sie. Sie hatte eigentlich nur überlebt, weil sie für sich das Malen entdeckt hatte. Aus ihr heraus strömten kosmische Wahrheiten. Nicht für andere, nur für sie. Sie verstand, dass dies das Ergebnis von Honigsuche ist. So wie Kai es beschrieb. Der eigenen inneren Wahrheit authentisch Ausdruck zu verleihen. Dabei entstanden die verrücktesten Ideen. Sie malte die „Blume des Lebens“. Sie malte die „Platonischen Körper“. Sie malte Labyrinthe. Und andere Energieformen, die der Menschheit seit tausenden Jahren bekannt sind.
Mia antwortete Kai: „Ich glaube, dass ich das bestätigen kann. Ich glaube auch, dass das ein evolutionärer Impuls ist. Ich musste mich auch einfach ausdrücken und mitteilen. Die Literatur und Kunst ist voll von diesen Impulsen. Was für ein Geschenk.“
Kai fuhr fort: „Kultur ist natürlich Teil der Evolution. Dies geschieht über die Noosphäre, also praktisch der menschliche evolutionäre Part in der Biosphäre. Das Schöne, das Wahre, das Gute – nur in einem evolutionären Kontext betrachtet macht das Sinn. Ich denke, dass wir uns immer wieder, jeder für sich, für diesen kreativen evolutionären Impuls entscheiden müssen. Nur so können wir das Ego transzendieren, nur so finden wir Gott, auch als Antwort auf die individuelle Starrheit des Seins. Wir sind gefangen zwischen Begierden und Ängsten, in einer Komfortzone die wir vermeintlich zum Überleben brauchen. Mit Nachrichten um uns nach-zu-richten und Unterhaltung um uns unten-zu-halten.“
Kai blühte auf. Er liebte diese Wortspiele. Hier waren sie wirklich sehr angebracht. Endlich einmal bestimmte Muster benennen. Und aufzubrechen. Mia fand es hin- und wieder auch lustig. Manchmal fühlte sie sich in die Ecke geredet. Hier jedoch spielte all dies keine Rolle. Irgendwie schrieben sie gerade gemeinsame Schöpfungsgeschichte.
„Evolution ist nicht einfach“, sagte Kai. Mia rutschte auf dem Eis. Mia fiel eine Redewendung ein: „Das Leben gehört den Lebenden an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein.“ Kai: „Keine eigenen Worte?“ Es tat ihm leid. Er wollte nicht grob rüber kommen. Sofort lenkte er ein. „Wirklich passend. Etwa Goethe?“
„Ja, diesmal Goethe, du Kulturbanause.“
„Ich hab auch einen: Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen. Das ist ein chinesisches Sprichwort. Verstehe gar nicht, warum der Windenergieverband das nicht als Motto hat.“ Ihr Weg führte am Insel-Ufer lang. Dann macht er eine Biegung. Die Weite öffnete sich. In der Ferne fiel Kai ein Strich auf. Er zog sich komplett durch den Horizont. Kai wurde klar, dass dies eine Schifffahrtslinie sein musste. Das Eis war dort anscheinend gebrochen. Und wieder zugefroren. Kai blieb stehen. Kai sah unter seine Füße. Kai schob den Schnee mit einer Fußbewegung zur Seite. Er entdeckte einige Luftblasen ca. 20-30 Zentimeter tiefer. Sie waren eingefroren. Also war keine Panik angesagt. „Schaue nur für dich ob das Eis hält“. „Ich habe keine Angst.“
Mia war in Gedanken. Mia hatte schon lange erkannt wie wirklich wichtig ihr Malen war. Für ihre Entwicklung. Und wie wichtig das Malen damit auch für Kai war. So schlug die eigene Bewusstseinsentwicklung Wellen. Diese Wellen wiederum inspirierten andere. Die Welt wird damit wirklich zu einem besseren Ort.
Mia sagte: „Kai, ich gebe dir unumwunden Recht. Die Welt wird zu einem besseren Ort. Genau das habe ich gerade gedacht. Honigsuche gefällt mir immer mehr.“ Kai grinste. Es war eine sehr transparente Situation. Der Himmel klar. Das Eis klar. Die Gedanken klar.
Kai sagte: „So muss es sein, wenn Jesus auf dem Wasser wandelt. Es ist wie die Transparenz des Seins.“ Kai zog die Luft tief in seine Lungen um dieses Gefühl zu ankern. Auch Mia spürte die Freiheit, die in der Luft lag.“Wieso nur haben die Menschen so viel Angst vor der Veränderung, wenn alles Leben eigentlich ständige Veränderung ist. Mir fällt auf einmal dieser von mir sehr geliebte Spruch von Mahatma Gandhi ein:
Wir müssen der Wandel sein, den wir in der Welt zu sehen wünschen. Wenn das mal kein Banner-Spruch für die Honigsuche ist.“
Mia merkte, wie das Gespräch und die Inhalte in ihr etwas zutage brachten, was sie bisher eher nicht wahrnehmen konnte. Sie spürte so etwas wie Angstlosigkeit. Früher hatte sie Angst. Oder sie empfand Freude. Das war neu.
Mia sagte: „Kai, kann es sein, dass für uns bei der Honigsuche, wie du sie siehst, die Enge der Vergangenheit dann irrelevant ist? Das dieses „Auf zu neuen Ufern“ dein ständiger Schlachtruf ist?“ „Aufgrund meiner individuellen Erfahrung kann ich das für mich bestätigen“, antwortete Kai. „Wir können uns endlich mit dem beschäftigen, was in unserem Leben geschehen soll. Wie du ja immer sagst: „Die Zeit der Dramen ist vorbei“. Mir fallen dazu zig Bibelsprüche ein: „Mir wird nichts mangeln!“ Schon irgendwie irre.“
Cara fing an zu bellen. Ein anderer Hund hatte sie erreicht. Und wurde von ihr prompt erzogen. „Eine erfahrene Hundedame darf man eben nicht so einfach anspringen. Da muss man erst einmal Benehmen zeigen“, rief Mia dem zugelaufenem Hund zu. Cara machte das, indem sie sehr hohe, einzelne Belllaute von sich gab. Das hat leider zur Folge, dass andere Hunde das häufig als Ausladung verstehen und von dannen ziehen. So auch jetzt. Wie er gekommen war, verschwand der Hund ebenso plötzlich.
Kai fasste für sich zusammen: „Es ist schön, dass wir feststellen, dass alles ein evolutionärer Prozess ist. Das bedeutet wohl auch, dass es letztendlich keine wirkliche Vollkommenheit hier in unserer Welt und auf unserem Planeten Erde gibt. Wir können uns zwar immer anstrengen und anstreben uns evolutionär weiterzuentwickeln, aber letztendlich leben wir in einer dualen Welt. Eigentlich ist es eine Sorge weniger. Es gibt sie nicht, die „Heile Welt“.“
Mia durchzuckte eine Art Unwohlsein. Sie fühlte sich rund und für sie war es der Augenblick, der zählte. Das Hier und Jetzt. Jede Sekunde war so, wie sie ist. Sie wusste, dass Kai dies auch so empfand. Doch sie wollte seine philosophische Betrachtungsweise nicht beurteilen.
Kai hielt inne und schaute. Kai sagte: „Da vorne wird wohl die Insel zu Ende sein. Dann müssen wir entscheiden, ob wir weitergehen oder umdrehen.“ „Umdrehen? Niemals. Immer vorwärtsgehen!“
Vollkommenheit
Sie konnten nun um die Insel schauen. Sie blickten gen Norden. Links am offenen Horizont erströmt sich die Havel. In ihre Richtung. Rechts eine kleine Insel in der Havel. Dahinter beginnt rechts der Wannsee. Mit Waldrandbegrenzung am Horizont. Eine gewaltige Ausbuchtung von ähnlichem Ausmaß. Unsichtbar sind circa zwei Kilometer Wannsee-Ausdehnung. Was man sah war eine unermesslich riesige weiße Fläche. Zig Quadratkilometer Eislandschaft. Und kein Mensch weit und breit. Und das alles in Berlin.
„Diese Weite macht mich fertig“, sagte Kai eher ironisch. Sie setzten ihren Weg um die Insel fort. Nun war jeder für sich. Cara erkundete mit Mia das Ufer. Kai folgte einer Art Energielinie. Sie führte vom Insel-Ufer weg. Kai blieb stehen. Mia war sehr in ihren Gedanken. Mia schaute auf. Kai machte ein Foto. Mia dachte, Kai würde telefonieren. Doch Kai war komplett im Hier und Jetzt. Die Gedanken setzten ein, als er sah, wie Mia schon hundert Meter vor ihm war. Kai bewegte sich in Mias Richtung.

„Schon eigenartig, wie sich diese wunderschönen Momente häufen“, dachte er zu sich. Erst gestern schrieb er ein paar Zeilen. Er beobachtete wie drei Schwäne an dem Haus vorbei flogen. Er wusste nicht, woher sie kamen. Oder wohin sie flogen. Die Flugbewegungen waren unendlich schön. Sie vollzogen praktisch eine eigene Harmonik. Ohne sie herabzusetzen zu wollen beschrieb er diese Bewegung dennoch als „eher etwas schwerfällig“: „Trotz alledem kommen sie an ihr Ziel und wahrscheinlich werden sie auch den Flug genießen, sowie ich gerade diesen Anblick genieße. Es lässt mich ins Hier und Jetzt eintauchen. Und deshalb ist dieser gesamte Kontext – das Beobachten und das Beobachtete; das Bewerten und das Loslassen; das Eintauchen und das Absichtslose; - dimensionserweiternd: die vermeintliche Unharmonik des Schwanenfluges wird zur schönsten Erscheinung am Himmel – ein Hauch von All-Ein“.
Die Beobachtung der Schwäne löste in ihm eine Erinnerung von großer Wichtigkeit aus: „Während ich darüber sinniere, und den Schwänen hinterher sehe, senken sich in meiner Wahrnehmung optische Schlieren über meine Augen hinweg. Seit über 30 Jahren weiß ich inzwischen, dass diese Schlieren Schmutzpartikel auf meiner Augen-Hornhaut sind und ich erinnere mich an ein Gespräch mit meinem damaligen Freund Potter, der schon lange verstorben ist, indem es genau um diese Erscheinung ging. Dieses Gespräch war für mich sehr wichtig, denn es bestätigte mir zum ersten Mal durch einen Zeugen, meinem Freund Potter, dass ich mit meiner Art wahrzunehmen und mich darüber mitzuteilen, nicht alleine war. Im Gegenteil, diese Art der Wahrnehmung war sogar ein unerwarteter Schatz in der Kommunikation.“
Kai hatte inzwischen Mia eingeholt.
Mia begrüßte Kai mit einem Wink und sagte: „Es gibt hier unendlich viele Eindrücke. Ich danke dir, dass wir diesen Spaziergang machen.“ „Du hast es doch auch gewollt.“ „Ja, aber du hast gedrängt, diese riesige Insel zu umrunden“. Kai war nach Smalltalk zumute: „Wusstest du, dass Wannsee auch eine Insel ist? Ja wirklich, es ist komplett eine Insel, umgeben von Havel, großer Wannsee, kleiner Wannsee und ein paar durch Kanäle verbundene Seen. Aber weißt du, was noch viel spannender ist? Die Havel!“ „Was ist mit der Havel?“ „Sie fließt nach Süden.“ „Verstehe ich nicht.“ „Also pass auf. Die Spree kommt aus Südosten und fließt nach Mitte und dann nach Spandau. In Spandau fließt die Spree in die Havel und dann fließt die Havel eben – mit der Spree zusammen – nach Süden und kommt an Wannsee vorbei, bildet praktisch den Wannsee und fließt dann weiter nach Potsdam.“ „Irre! Ganz Berlin ist also umströmt.“ „Ja, es muss ja einen Grund geben, warum hier so viele Menschen sein wollen. Und dies ist wirklich einmalig.“
Sie gingen weiter. Cara machte nicht den Eindruck, als ob ihr irgendwie kalt war. Im Gegenteil merkte Kai, als er ihr eine Pfote säuberte, dass diese ungewöhnlich warm war. Er kannte seinen Hund. Er hatte ein gutes Gefühl, obwohl es locker minus 10 Grad war.
Kai nahm seine Gedanken auf und berichtete Mia: „Manchmal ist es so, dass man nie genau weiß, was zu tun ist. Ich habe mein Leben lang gefragt, was ist richtig und was ist falsch. Und dann kommt eine einzige Information, Töne, oder Licht durch ein Medium – Luft, Radio, Stimme – zu dir, wie ein Satz, ein Gebilde… und wenn du dies wirklich wahrnimmst und in deinem Informationsraum zulassen kannst, dann führt dies spontan zu einem völlig neuen Kontext der Situation.“
Kai war noch immer in seinen Gedanken. Er versuchte, seine Erkenntnisse in das Gesprächsthema umzuformulieren. Seine Erinnerung an die Betrachtung seiner Augen-Schlieren beim Schwanenflug führte ihn in einen solchen neuen, wie auch bekannten Kontext. Er hatte einfach das Gefühl, dass das Leben total harmonisch ist. Diese Erfahrung wurde sicherlich damals während des Gesprächs mit seinem Freund Potter gelegt. Aus dieser Offenheit heraus eröffnete sich ihm das Universum. Die Welt, in der er heute lebt.
Er schrieb weiter in sein Gedankenbuch: „Ich durfte, in dem ich so sein konnte wie ich bin, mit allen Widrigkeiten in dieser Materie, meine Grenzen in vielen Abenteuern überschreiten und Freiheit erfahren. Auf diesem Wege habe ich viele Methoden aus verschiedenen alten Kulturen erfahren, die mir halfen mein Bewusstsein zu erweitern und mich zu der Erkenntnis führten, dass nicht nur ich, sondern jeder Mensch von unfassbarer Einzigartigkeit ist. Erst am heutigen Tage kann ich das für mich so zusammenfassen. So kam ich irgendwann darauf, dass das Leben eine Honigsuche ist. Eine Suche nach dem Nektar der individuellen Erkenntnis.“
„So kam ich irgendwann darauf, dass das Leben eine Honigsuche ist“, zitierte er sich nun laut selbst. „Und ich habe einfach das Gefühl, dass das Leben total harmonisch ist.“ Kai grinste.
Mia war aufmerksam. Mia versuchte erst gar nicht, alles zu verstehen. Mia ließ diese Sätze auf sich wirken. Mia erhielt eine Gefühlsinformation. Eine Ahnung.“Du springst mal wieder zu allem was man erzählen kann. Wie soll man dir da folgen?“, fragte Mia. Erst gibt es keine „Heile Welt“ und dann ist alles harmonisch?“
„OK. Du hast doch angefangen und gefragt, was ich damit meine. Honigsuche! Und ich beschreibe die vielen Gedankenwege, die mich dahin gebracht haben. Es ist wohl wie bei Faust – ein Taumeln zwischen Begierde und Genuss.“
Sie schwiegen eine Weile. Kai nahm das Gespräch wieder auf: „Eigentlich ist die Honigsuche so uralt wie die Menschheit selbst, dennoch wurde aus gesellschaftlicher Sicht alles getan, dies immer wieder zu verleugnen. Religionen, Ideologien und Dogmen spielen auf hervorragender Weise ein Spiel der Manipulation, um im Ergebnis die Menschen davon abzuhalten, das in jedem Menschen vorhandene Bewusstseinspotential auf seine ureigene spezifische Weise zu erweitern.“
Und nun kommt noch ein Höhepunkt.“ Kai grinste. Mia verdrehte fast die Augen. Es war nur spielerisch. Zwei Langläufer auf Skiern kreuzten 150 Meter vor ihnen ihren Weg. Ein weiteres Pärchen mit einem Hund zog in eine andere Richtung an ihnen vorbei. Der Hund bellte aus der Ferne. Cara ignorierte ihn.“Uns allen ist doch die Gralssuche ein Begriff für dieses hier von mir geschilderte Phänomen. Es geht um unsere Visionen oder besser gesagt darum, dass wir offen sind für Visionen, denn nur so denke ich, ist evolutionäres Handeln möglich. Nicht nur bibelkundige Menschen wissen, dass Jesus 40 Tage in der Wüste auf Visionssuche war. Die Visionquest gehört zu den Übergangsritualen der indianischen Kultur und die Visionssuche ist in unserer Kultur in Zeitabschnitten des Fastens oder des Pilgerns wie z.B. die Begehung des Jakobswegs integriert. Doch eigentlich ist dieses Wissen inzwischen total verschüttet.“
„Wenn das heute keine Visionssuche ist, was dann?
Du musst dich doch nur einlassen. Geh einmal ohne alles in die Wildnis, es sind die größten Erfahrungen deines Lebens.“ „Ja, genau, wie stimmig, oder? Wieder Goethe?“ „Nein. Henry David Thoreau.“
Kai blieb unermüdlich bei seinem Thema: „Das wirklich spannende jedoch scheint zu sein, dass wir alle völlig verschiedene Individuen sind, die sich über eine gemeinsame Kultur und Gesellschaft für ein Gemeinschaftsleben organisieren.“
Kai war der Meinung, dass das Leben in „Kleinfamilienstrukturen“ – wie Kai es als gruppenerfahrener Mitmensch gerne formulierte, keine Lösung bereithielt. Kai lebte einst in einer Gruppe. Sieben Jahre in einer Gemeinschaft. Und Kai besuchte während seines Studiums viele andere Lebensgemeinschaften in Deutschland. Und er lebte ein paar Wochen in Findhorn, in Schottland. Die Findhorn Foundation ist die größte spirituelle Gemeinschaft. Kai traf die Gründer Eileen und Peter Caddy. Eileen versicherte Kai, dass auch Kai Gott treffen wird. Da wurde Kai offenbar, dass er ein Suchender war.
Mia war das fremd. Gemeinschaft. Gruppe. Mia liebte ihre Familie. Sie rief regelmäßig zu Hause an. Doch heute ist Mia deutlich, wie wichtig eine Gruppe ist. Deshalb entwickelt sie ein Grundstück. Für Menschen und Tiere. Für Alt und Jung. Mia kennt diesen Zusammenhang von Individuen und Gesellschaft.
Kai sagte: „Wir haben in den letzten Jahrtausenden immer mehr verlernt, uns unseren Ängsten zu stellen und opfern unsere Entwicklung eher der Ideologie, dass es einen NORM-Menschen gibt, dessen Ideale wir anzustreben haben. Ob in der Mode oder im Aussehen oder in so grundlegenden Dingen wie der Sexualität. Wir haben uns so systemisch in die Gesellschaft und ihren Institutionen integriert, einer extremen Normierung ausgesetzt. Wir wissen schlichtweg nicht, dass wir alle einzigartig sind.“
Mia stimmte Kai zu. Kai fuhr fort: „In der Literatur und Philosophie gibt es zum Glück viele wunderschöne Beispiele, die diese Zwangsnormierung thematisieren. Du hast schon darauf hingewiesen. Angefangen von Platons Höhlengleichnis, über Werke von Goethe, Fontane, Mann, Huxley bis hin zu Filmen wie Pleasentville, Matrix 1– 3 und anderen Science-Fictions, die bestimmte Aspekte durch eine in die Zukunft gelegte Fokussierung viel besser herausarbeiten können, als es im Alltag möglich erscheint.“ „Horton hört ein Hu!“, ergänzte Mia. „Äh, ja das stimmt natürlich.“
Mia und Kai liebten es, stundenlang Star Treck zu schauen und Dialoge nachzuahmen. Reisen durch die Galaxie stimulierten ihre Phantasie. Außerdem haben manche dieser Filme auch anspruchsvolle Theorien, wie Ideen, Gesellschaftsformen, Lösungen und vieles mehr, über die sie beide auch mit anderen Menschen immer wieder eine interessante Gesprächsbasis aufbauten.
Kai spannte seinen Faden weiter. „Honigsuche ist für mich der Weg aus dieser Norm. Besonders furchtbar ist für mich jedoch die Tatsache, dass es wirklich böse Situationen und Taten gibt, die Menschen sich gegenseitig antun, in Unkenntnis dieses Geschenks der Einzigartigkeit. So kommt es zu Übergriffen, wo Täter und Opfer sich individuell oder auch auf gesellschaftlicher Ebene auf dauerhafte Zeit versündigen. Einfache Gewalt führt zu struktureller Gewalt die uns – nicht nur in der westlichen, industrialisierten Welt, letztendlich in patriarchalen Strukturen, Kleinfamilien und genormten Gesellschaftsstrukturen mit diversen ideologischen Überbauten quasi materiell für immer und scheinbar aussichtlos gefangen halten. Honigsuche hilft wohl nur denen, die sich hier selbst befreien können.“ Kai atmete tief ein und aus. Wie heißt es doch so schön bei Huxley: Den Fortschritt verdanken die Menschen den Unzufriedenen.“
Sie bogen erneut um eine Land-Kurve. Sie sahen in der Ferne am Ufer eine Menschtraube. „Glühwein!“ riefen beide synchron. Sie setzten einen gemeinsamen Kurs.
Zielgerichtet auf die Menschentraube zulaufend erinnerte sich Kai an eine Analyse der Offenbarung von Marko Pogacnik: „Der Geomant Marco Pogacnik kam bei einer Analyse der Offenbarung nach Johannes zu einer Ethik des Christosprinzips. Ich habe erst gelesen: Ethik des Chaosprinzips.“ Beide lachten laut. „Deshalb erinnere ich mich daran. Er erkennt Verhaltensweisen, so würde ich es formulieren, die für die Zeitqualität des Wandels, wie sie in der Offenbarung beschrieben werden, wichtig sind: Bewahrung des inneren Friedens – jederzeit; der Stimme des Herzens folgen – jederzeit; unablässig dem Strom der Wandlung zu folgen; Aspekte der Wahrheit in dir und vor anderen nicht zu verleugnen; sich immer wieder seiner vielschichtigen Ganzheit bewusst werden und entschieden deiner geistigen Widmung zu folgen. Honigsuche pur!“
Am Abend schrieb Kai in sein Gedankenbuch, auch diese Zeilen:„Soziale Normen, staatlicher Terror, familiäre Übergriffe, geschlechtsspezifische Gewalt, kulturelle Drohungen und Diffamierungen – all diese Erscheinungen lassen sich aber auch einer inzwischen bekannten evolutionären Entwicklungsstufe auf einer Bewusstseinsspirale zuordnen. Es gibt eine Evolution des Bewusstseins.“ Dann hielt er Inne und fragte sich, ob dies überhaupt jemand je lesen werde. Dann kam ihm der Gedanke, dass er seine Ideen so offen wie möglich niederschreiben muss: „Ich werde versuchen, meine Erkenntnisse so wenig wie möglich aus meiner Sicht als die für alle geltende Wahrheit zu beschreiben. Es sind meine für mich geltenden Erkenntnisse und sie mögen und müssen auch fehlerhaft sein, denn nur so vermag ich meinen Weg zu finden. Es gibt dieses schräge Beispiel, wie eine Langstrecken-Rakete den Weg zum programmierten Ziel findet: Der Navigationscomputer vergleicht die Landschaft mit der programmierten Landschaft und findet so durch ständige Korrekturen den Einschlagspunkt. Dieses Beispiel taugt aber auch noch für eine andere bekannte Wahrheit: die Landkarte ist nicht das Gelände.“
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