Kitabı oku: «Deine Nase kann nichts dafür»

Yazı tipi:

DR. ARTUR WORSEG

Dr. Artur Worseg:

Deine Nase kann nichts dafür

Alle Rechte vorbehalten

© 2019 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover: JaeHee Lee

Satz: Isabella Starowicz

Korrektur: Leonard Soldo

epub-ISBN: 978-399001-320-5

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Eigentlich wollte ich dieses Buch erst am Ende meiner Laufbahn schreiben

Birgit Schwarz und ihr Busen

Raphaëls und Aurelies Familiennase

Die Lehre vom Menschen

Die Macht der (stillen) Manipulation

Die Abgründe der Selbstwahrnehmung

Bist du verrückt geworden?

Der Weg in die Tiefe

Eigentlich wollte ich dieses Buch erst am Ende meiner Laufbahn schreiben

Warum ich ausgerechnet als Schönheitschirurg sage, dass Unzufriedenheit mit dem eigenen Äußeren fast immer eine psychische oder seelische Ursache hat.

Ich schreibe dieses Buch nicht, um zu erzählen, mit welchen Techniken ich Brüste operiere, was bei der optischen Korrektur einer Nase zu beachten ist oder wie und wofür sich das Neurotoxin mit dem Handelsnamen Botox einsetzen lässt. Auch, wenn Sie das von einem Schönheitschirurgen wie mir vielleicht erwarten würden.

Ich habe ein anderes Thema.

Ich schreibe dieses Buch, um zu zeigen, dass unsere Beziehung zu unserem Äußeren wenig damit zu tun hat, wie schön wir objektiv sind oder nicht sind. Schon deshalb, weil es bei der Betrachtung des menschlichen Äußeren keine Objektivität gibt.

Vielleicht haben Sie sich bei ungleichen Pärchen, die Ihnen auf der Straße begegnen, schon einmal gefragt, wie dieser Mann, der ohne seine Begleiterin in der Menge glatt zu übersehen wäre, zu so einer Frau gekommen ist. Oder umgekehrt. Was sehen diese beiden Menschen ineinander? Wie sehen sie einander? Was strahlen sie füreinander aus? Wofür sind sie empfänglich?

Nicht die Schönheit entscheidet, wen wir lieben, sondern die Liebe entscheidet, wen wir schön finden.

Dieser Satz von Sophia Loren sagt mehr über die Schönheit aus, als es die Versuche von Wissenschaftlern, Schönheit durch Winkel und Proportionen zentimetergenau zu definieren, je konnten. Er ließe sich auch auf unsere Beziehung zu unserem eigenen Äußeren umlegen.

Nicht unsere Schönheit entscheidet, ob wir uns lieben, unsere Liebe zu uns selbst entscheidet, ob wir uns schön finden.

Das werde ich in diesem Buch zeigen, und auch, dass unsere Beziehung zu unserem Äußeren Phasen unterworfen ist, menschlichen Entwicklungsphasen, dass aktuelle und vergangene Beziehungen zu anderen Menschen sie beeinflussen, und dass sie von unserem Lebensstil im weitesten Sinne, von unserer Vision von Lebensglück und von unserer Art, danach zu suchen, abhängig ist.

Ich werde zeigen, dass und wie wir Probleme in der Beziehung zu unserem Äußeren lösen können. Dass sie sich manchmal mit der Zeit auch ganz von selbst lösen. Und dass es ein bedauerlicher Trugschluss ist, wenn wir glauben, eine vermeintlich seltsame Nase, vermeintlich zu schmale Lippen oder ein vermeintlich zu kleiner, zu großer oder zu wenig »perfekt« geformter Busen könnten an irgendetwas schuld sein, mit dem wir in unserem Leben unzufrieden sind. An mangelnder Liebe von außen zum Beispiel, an mangelnder Anerkennung im Beruf, an Einsamkeit. Denn es ist immer eher umgekehrt. Unsere Probleme mit Nase, Lippen oder Busen kommen daher, dass wir mit etwas in unserem Leben unzufrieden sind.

Ich werde zeigen, dass mein chirurgisches Fachgebiet zwar in Fällen von ästhetischen Problemen, etwa nach Unfällen, das Leben von Menschen wieder deutlich verbessern kann, dass eine Schönheitsoperation aber eben nur die Behandlung eines Symptoms ist. Und zwar eines Symptoms, an dessen eigentliche Ursache mit einem Skalpell nicht heranzukommen ist. Was bedeutet, dass eine Schönheitsoperation in den meisten Fällen die falsche Entscheidung ist.

Darf das ein Schönheitschirurg?

Ich wollte dieses Buch eigentlich erst am Ende meiner Laufbahn schreiben. Schließlich lebe ich von solchen Operationen und führe sie täglich durch. Zudem eilt mir der Ruf voraus, der Chirurg der Reichen und Schönen zu sein, was mir innerhalb meiner Branche eine exponierte Position verschafft.

Wie klingt es vor diesem Hintergrund, dass ich meinen Verwandten und Freunden, allen meinen Lieben, von Schönheitsoperationen eher abraten würde, weil wir bessere Wege haben, unser Äußeres zu akzeptieren?

Wie klingt es, dass ich mich niemals selbst einem derartigen Eingriff unterziehen würde, und sei es nur einem leichten? Obwohl auch ich gelegentlich vor dem Spiegel die Falten an meinem Hals betrachte, die für mich in den vergangenen Jahren zu einem Symbol dafür geworden sind, dass meine Jugend auch schon länger zurückliegt, als es sich für mich anfühlt?

Darf ein Schönheitschirurg so etwas sagen?

Ich glaube schon, und ich habe gute Gründe dafür, es schon jetzt zu tun. Denn an Stärke wachsende gesellschaftliche Strömungen setzen immer mehr Menschen in ein Missverhältnis zu ihrem Äußeren und machen sie damit unglücklich.

Die zunehmende Beschleunigung unserer Welt erzwingt Oberflächlichkeit und konfrontiert uns stärker denn je mit unserem Äußeren. Permanenter Frust und ständige Unzufriedenheit sind die Folgen.

Da wären die Entwicklungen hin zum Narzissmus und zum Egoismus, die den Schein immer stärker über das Sein stellen. Da wäre unser kollektives Lebensgefühl, dass sich jedes Problem durch eine leicht googelbare Sofortlösung prompt beheben lassen muss. Da wären der Normierungsdruck und die Steuerung der Wunschvorstellung von unserem Äußeren durch die Medien. Beides verstärkt sich gerade durch den Selfie-Boom, der uns vergleichbar wie nie zuvor macht und uns nachdrücklicher denn je vor die Herausforderung, dem unaufhörlichen Geschnatter der anderen keine Angriffsfläche durch Besonderheit zu bieten, stellt. Da wäre auch die schwindende Fähigkeit dieser auf Jugendlichkeit ausgerichteten Gesellschaft, mit den bei richtiger Betrachtung immer auch schönen Begleiterscheinungen des Alterns fertigzuwerden.

Am Ende hat es sich dann auch einfach ergeben, dass ich dieses Buch schon jetzt schreibe. Denn liegt mir ein Thema einmal am Herzen, will es heraus. Dann denke ich nicht mehr so genau darüber nach, was das für mich oder meine Stellung bedeuten kann und was es auslösen wird.

Ich bin auf die Kritik, dass ich dieses Buch vermeintlich gegen die Interessen meiner eigenen Branche schreibe, vorbereitet. Erstens kenne ich die Antworten auf die Fragen, die das aufwirft, und werde sie in diesem Buch auch geben. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass es nie falsch ist, das Richtige zu sagen, zu welchem Zeitpunkt auch immer.

Beispiele aus meiner Welt

Obwohl ich mich nun also im Grunde gar nicht als Schönheitschirurg an Sie wende, sondern als jemand, der sich sein Leben lang mit der Beziehung von Menschen zu ihrem Äußeren befasst und die damit verbundenen menschlichen Phänomene beobachtet hat, werden Sie in diesem Buch einiges über meine Welt erfahren. Schon deshalb, weil die meisten Beispiele aus dieser Welt stammen.

So wie die beiden Beispiele, mit denen ich dieses Buch jetzt beginne. Namen, persönliche Merkmale und zeitliche Abläufe habe ich zum Schutz der Privatsphäre der auftretenden Personen jeweils verändert.

Birgit Schwarz und ihr Busen

Eine Geschichte mit Turbulenzen, die in meinem Besprechungszimmer begann und an einer Tankstelle an der Donau ihr Happy End fand.

Sie weiß genau, was sie will«, stand auf dem Zettel, den die Schwestern für mich vorbereitet hatten. Ich betrachtete die Buchstaben länger, als ich zum Lesen brauchte. Ich war mir da nicht so sicher. Irgendetwas an der Dame im Wartezimmer machte mich stutzig. Ich hätte nicht sagen können, was.

Birgit Schwarz. Den Namen hatte ich noch nie gehört. Unternehmensberaterin. Das konnte alles Mögliche bedeuten. Sie war 42 Jahre alt.

Ich begrüßte sie und zeigte auf den Sessel für Besucher. Sie musterte ihn kurz, dann nahm sie Platz.

In den ersten Jahren meiner Laufbahn als Schönheitschirurg empfing ich meine Patienten zum Erstgespräch noch in einem gemütlichen Raum mit Sofas und servierte ihnen Kaffee. Das sollte eine möglichst entspannte Atmosphäre schaffen.

Vor etwa zehn Jahren änderte ich das Ambiente. Seither finden Erstgespräche wie auch das mit Birgit Schwarz in einem Zimmer mit Besprechungstisch und einfachen Stühlen statt. Kaffee servieren wir nur noch, wenn die Patienten warten müssen. Ich mache das nicht, um mir die Kaffeekosten zu sparen. Ich mache das, weil es für alle Beteiligten am besten so ist. Denn in diesem nüchternen Rahmen verlaufen Gespräche besonders effizient. Die Schlichtheit fördert die Achtsamkeit und die Konzentration auf das Wesentliche. Wer immer hier sitzt, hat meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Die Patienten kommen ja nicht zum Kaffeeklatsch, sondern, weil sie Informationen wollen.

Noch bevor ich meine Patienten zum ersten Mal selbst treffe, nehmen die Damen am Empfang meiner Klinik schon alle relevanten Daten auf und plaudern dabei ein wenig mit ihnen. Persönliche Eindrücke von diesen Gesprächen und von den Telefonaten davor schreiben sie mir auf altmodische Notizzettel, wie in den Zeiten vor der digitalen Revolution.

Diese persönlichen Eindrücke sind hilfreich, mitunter sogar wertvoller als meine eigenen. Denn vor allem weibliche Patienten sind am Empfang und bei den unprätentiösen Erstkontakten meist offener als in der Unterredung mit dem Arzt, die zunächst doch immer etwas Förmlicheres, Offizielles hat. Während sie sich mir gegenüber gerne von ihrer besten Seite präsentieren, zeigen sie beim Personal eher ihr wahres Ich und sind, zum Beispiel nach längeren Wartezeiten, auch einmal ungehalten oder unfreundlich.

Zudem lehne ich das Friseurgetue, das in der Schönheitschirurgie Einzug gehalten hat, insgesamt ab. Immerhin behübschen wir Schönheitschirurgen das aktuelle Aussehen eines Menschen nicht bloß. Wir leisten medizinische Präzisionsarbeit und führen teils schwierige Eingriffe durch, die meist irreversibel sind. Wir verändern das Erscheinungsbild eines Menschen, also seinen körperlichen und damit auch seinen psychischen und seelischen Zustand. Und wir verändern das für den Rest seines Lebens.

Birgit Schwarz schlug die Beine übereinander. Ihre Handtasche stellte sie neben sich auf den Boden.

»Es wäre Ihre erste Schönheitsoperation«, sagte ich.

Sie nickte.

In meiner Branche ist das nicht immer so. Für einen Gutteil der Patienten ist so ein Besuch keine Premiere. Wer einmal damit angefangen hat, gefühlte Makel an sich selbst beheben zu lassen, hat eine Tendenz, es wieder zu tun.

Nach Erkenntnissen einer Fünf-Jahres-Studie, die Langzeitverbesserungen nach kosmetischen Operationen untersuchte, gibt es dabei interessante Unterschiede. Menschen, die vor dem Eingriff verheiratet waren oder in einer Beziehung lebten, sind demnach eher bereit, sich einer weiteren Operation zu unterziehen, als Singles. Ältere Patienten bereuen ihre Operation weniger oft als junge und würden es deshalb eher wieder tun.

Manche Patienten können gar nicht mehr damit aufhören. Es ist wie beim Tätowieren. Sie wollen immer mehr. Ich möchte fast sagen, dass es manchmal wie mit einer Droge ist. Manche Patienten entwickeln eine regelrechte Sucht danach, und wenn ein Schönheitschirurg aus Verantwortungsbewusstsein darauf hinweist und sie davon abzuhalten versucht, verabschieden sie sich meist höflich, oft aber auch unhöflich, und gehen zum nächsten.

Das heikle Thema Busen

Birgit Schwarz wollte eine Brustoperation. Sie fand ihren Busen zu klein und zu schlaff.

Ich schwieg und betrachtete sie.

Ins Klischee für Patientinnen, die eine Brustvergrößerung wollen, fiel sie eindeutig nicht. Nach einer Studie über Brustvergrößerung müsste sie dafür jung, solo und in nichts besonders genial sein. Sie müsste Aufmerksamkeit suchen und dabei auf ihre Brüste setzen.

Doch so sah Birgit Schwarz nicht aus, und der Eindruck änderte sich auch nach der Untersuchung nicht. Sie kam mir wie eine selbstbewusste, lebenstüchtige Frau vor. Äußerlich war alles an ihr ganz normal und wohlgeformt.

Es gibt Frauen, die Schönheitschirurgen konsultieren, nur um sich bestätigen zu lassen, dass ihr Busen völlig in Ordnung ist. Sie könnten es auch selbst sehen, aber dazu braucht es mitunter mehr als einen Spiegel.

Denn der Busen ist nicht bloß ein Körperteil. Die Brust hat einen hohen Stellenwert, sowohl für jede Frau als auch im gesellschaftlichen Kontext. Sie ist Symbol und Maßstab der Weiblichkeit. Sie steht für Fruchtbarkeit. Sie ist sexueller Anreiz. Sie spielt eine Rolle in der Werbung, in der Mode und ist damit omnipräsent. Der Busen wird instrumentalisiert. Von der Literatur. Von Hollywood. Von der Schönheitsindustrie. Von praktisch allem, was unsere Geschlechterrollen prägt.

Der Busen ist ein heikler Punkt für fast jede Frau. Er steht für ihre Weiblichkeit, ihre Sexualität und ihre Fruchtbarkeit. Er steht für sie als Frau.

Brustvergrößerungen gehören deshalb weltweit zu den häufigsten Operationen. Seit den Anfängen der Schönheitschirurgie in den 1960er-Jahren verzeichnen sie dreistellige Zuwachsraten. Patientinnen fühlen sich vollständiger, selbstbewusster und weiblicher.

Bei etwas Heiklem wie dem Busen mit all den irrationalen Perspektiven darauf, kann es schon einmal angenehm sein, eine scheinbar objektive Stimme zu hören. Die Stimme von jemandem, der professionelle Vergleichsmöglichkeiten hat. Eine Art TÜV für die Oberweite sozusagen. Mit dem erhofften Ergebnis: alles in Ordnung. Vielleicht war es das bei Birgit Schwarz, und genau diese Art TÜV konnte ich ihr auch bieten.

»Sind Sie wirklich sicher, dass wir da etwas machen sollen?«, fragte ich.

»Ja.«

Ihre Antwort kam mit Nachdruck in der Stimme und klarem Blick, zwei an sich verlässliche Hinweise auf Wahrheit.

Trotzdem war ich noch immer nicht restlos überzeugt. Ich wusste nicht, was genau sie als Unternehmensberaterin machte, aber sie wirkte wie jemand, der Entscheidüngen treffen kann und es gewohnt ist, sie dann nicht mehr lange zu hinterfragen. Was allerdings nicht bedeuten muss, dass es immer auch die richtigen Entscheidungen sind. Speziell bei Schönheitsoperationen treffen Patienten ihre Entscheidungen oft genug auf irrationaler Basis.

Der irrationale Wunsch nach Veränderung

Birgit Schwarz hatte sich leicht nach vorn gebeugt. Ihre Haltung war angespannt. Mein unbestimmtes Gefühl, dass da etwas nicht passte, wurde immer bestimmter.

Dieses Gefühl, nennen wir es Intuition oder meinetwegen Empathie. Es ist für Ärzte, die einen Menschen gleichsam zu dessen eigener Wunschversion modellieren sollen, ebenso wichtig wie für jene, die ihn von Krankheiten heilen sollen.

Früher habe ich den wissenschaftlichen Zugang zum Innenleben meiner Patienten gesucht. Ich habe sie, nach entsprechenden Fortbildungen, mit Techniken des Neurolinguistischen Programmierens zu verstehen versucht, also auf komplexere Weise. Heute weiß ich, dass die Fähigkeit zu diesem unbestimmten Gefühl entweder natürlich vorhanden ist oder nicht. Genau genommen ist es gar kein Gefühl. Es ist eher eine Art des Mitfühlens mit einem anderen Menschen.

Ich erlebe das auch bei meinen Schülern immer wieder. Wenn ich ihnen zu erklären versuche, wie dieses Mitfühlen geht, verstehen es die einen sofort und die anderen nie. Dabei ist es so simpel. Ein Arzt muss fähig sein, seine Patienten zu lieben, zumindest in dem Moment, in dem sie ihm gegenübersitzen und ihm ihre Situation, ihre Befürchtungen und ihre Hoffnungen erklären.

Nun wollte ich wissen, was Birgit Schwarz wirklich zu ihrem Besuch in meiner Klinik bewogen hatte. Schließlich kommen die wenigsten Patienten, weil sie pragmatisch und nach reiflich durchdachter Entscheidung ihr Leben und ihr Selbstwertgefühl durch eine nachhaltige Veränderung ihres Äußeren verbessern wollen.

Manchmal führen sie berufliche Probleme zu mir. Jemand hat das Gefühl, am Arbeitsplatz nicht wertgeschätzt, vielleicht sogar ignoriert oder ausgegrenzt zu werden. Viele fühlen sich dem Druck der nachdrängenden Generationen nicht mehr gewachsen. Insbesondere, wenn sie in Branchen wie der Werbung arbeiten, wo der Druck, jugendlich zu wirken, besonders hoch ist. Andere haben den Job verloren, finden keinen neuen und sind sicher, dass es daran liegt, dass sie keine dreißig mehr sind und auch nicht so aussehen.

Bei Brustvergrößerungen geht es jedenfalls im Grunde immer um mehr als die neue Körbchengröße. Erstaunlich viele Untersuchungen belegen, dass solche Patientinnen so gut wie immer einen inneren, psychischen Konflikt lösen wollen. Eine Studie ergab sogar, dass es in manchen Fällen um ein Identifikationsproblem mit der Mutter geht. Die Folge ist ein beeinträchtigtes Körperbild, das Probleme mit der eigenen Weiblichkeit mit sich bringt.

Die meisten Frauen, die ihren Busen vergrößern lassen wollen, wünschen sich in Wirklichkeit eine komplette Änderung der Lebenssituation. Die Dinge sollen sich bessern. Emotional und überhaupt.

Doch was wollte Birgit Schwarz?

Gehörte sie zu den 75 Prozent der Patientinnen, die hoffen, durch einen größeren Busen glücklicher zu werden, ein stärkeres Selbstwertgefühl und mehr Selbstvertrauen zu haben?

Oder gehörte sie zu jenen 54 Prozent, die sich von der Operation positive Veränderungen in ihrem sozialen Umgang und mehr Akzeptanz in ihrer Umgebung erwarten?

Gehörte sie zu den 25 Prozent, die sich von so einem Eingriff mehr Erfolg, mehr Geld und höhere Karrierechancen erwarten?

Die Zahlen entstammen einer Studie des Sozialwissenschaftlers Tilmann von Soest am norwegischen Forschungsinstitut Nova, der untersuchte, welche psychosozialen Faktoren Menschen motivieren, sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen. Sie belegen, was ich selbst ständig erlebe. Im Leben der meisten Patienten ist gerade einiges los, wenn sie einen Schönheitschirurgen konsultieren. Laut von Soest berichten allein 27 Prozent von ihnen, dass in das Jahr vor ihrer Operation eine Scheidung, eine Trennung, ein Jobwechsel oder eine Übersiedlung an einen neuen Wohnort fiel.

Meinen Beobachtungen zufolge sind es vor allem Beziehungsprobleme, die Menschen in mein Besprechungszimmer führen. Sie fühlen sich nicht mehr geliebt. Nicht mehr wahrgenommen. Sie haben den Eindruck, dass sich ihr Partner eher für andere interessiert oder überhaupt schon jemand anderen hat. Oder sie leben schon lange allein. Oft genug ist es auch Murphys Gesetz. Es kommt alles zusammen. Was schiefgehen kann, geht auch schief.

Beziehungsprobleme und Schwierigkeiten am Arbeitsplatz können unsere Selbstwahrnehmung verändern. Sie machen es uns schwerer, uns schön zu finden.

Dann ist es ein Zusammenspiel von allem. Im Job läuft es nicht richtig, die Beziehung ist kaputt und vielleicht fühlt sich der oder die Betreffende wegen einer so nötig gewordenen Übersiedlung auch noch in der neuen Nachbarschaft fremd. Viele mögen sich dann nicht mehr, wenn sie in den Spiegel schauen.

Ich habe das alles nicht ständig vor Augen, wenn ich Erstgespräche führe. Aber wenn es mir, wie bei Birgit Schwarz, einfällt, verstört es mich. Ich frage mich dann: Kann ich als Schönheitschirurg wirklich all diese Wünsche erfüllen? Zieht ein Schönheitschirurg da nicht besser den Kittel des vermeintlichen Gottes in Weiß aus und spielt überhaupt gleich Gott?

Natürlich wissen wir Schönheitschirurgen, dass wir keine Götter sind, noch nicht einmal brauchbare Zauberer. Wir verändern etwas am Körper, was wiederum etwas im Leben eines Menschen verändert. Doch wie können und sollen wir dabei mit dem ärztlichen Verantwortungsbewusstsein umgehen?

Denn es kommt noch schlimmer.

Vierzig Prozent aller Frauen und Männer, die einen Schönheitschirurgen konsultieren, weisen laut einer systemischen Überprüfung von plastisch-chirurgischen Eingriffen zumindest Zeichen einer psychischen Auffälligkeit auf. In der norwegischen Soest-Studie berichten 19 Prozent von Depressionen und Angststörungen. Zum Vergleich: Vier Prozent sind es in der Gesamtbevölkerung.

18 Prozent greifen demnach zu Psychopharmaka, insbesondere Antidepressiva, was ich aus eigener Beobachtung sogar noch für untertrieben halte. Ich persönlich glaube, es sind dreißig bis fünfzig Prozent. In der Durchschnittsbevölkerung sind es fünf Prozent.

Patienten von Schönheitschirurgen leiden deutlich häufiger an psychischen Auffälligkeiten als die Gesamtbevölkerung. Stress mit dem eigenen Aussehen hängt offenbar mit Depressionen oder depressiven Verstimmungen zusammen.

Was hieße es für einen verantwortungsbewussten Schönheitschirurgen, wenn Birgit Schwarz zu dieser Gruppe gehören würde? Dass er aus ihrer Not ein Geschäft für sich machen soll? Dass er Einwände erheben und sie zu einem anderen Chirurgen weiterziehen lassen soll? Birgit Schwarz’ nachdrückliches Ja lag noch immer in der Luft. Ihr Blick war nach wie vor klar. Ich verlagerte das Gespräch auf eine persönlichere Ebene.

»Was sagt denn Ihr Partner dazu?«, fragte ich sie.

Manche Partner sind gegen einen Eingriff. Wenn sie bei diesen Erstgesprächen dabei sind, argumentieren sie auch dagegen, oft sogar heftig. Andere sind dafür und bringen, wenn sie selbst mitkommen, ihre eigenen Wünsche mit. Zum Beispiel, dass sie, wenn schon, auch ein bisschen Spaß mit dem Ergebnis der Operation haben wollen.

Doch meine Frage war nicht ganz ehrlich gestellt. Denn die Meinung des Partners interessiert mich in dieser Phase eines Arzt-Patientin-Verhältnisses weniger als die schlichte Auskunft, ob es überhaupt einen Partner gibt. Birgit Schwarz direkt danach zu fragen, wäre aber indiskret gewesen.

Birgit Schwarz hatte einen neuen Partner. Er mischte sich nicht ein und überließ die Entscheidung ganz ihr.

Solche Partner sind für mich die unangenehmsten. Ich finde sie schlimmer als die fundamentalistischsten Gegner oder Befürworter einer Schönheitsoperation. Denn ihr Schweigen suggeriert: Du bist mir egal. Es bedeutet Gleichgültigkeit und wird meist mit dem Argument, die Partnerin nicht »beeinflussen« oder gar »bevormunden« zu wollen, präsentiert.

Genau diese Gleichgültigkeit kann eine Frau aber erst zu einem Schönheitschirurgen führen. Weil sie ihre Zweifel nährt, dass etwas an ihr unzulänglich ist.

Wer seinen Partner mit seinen Zweifeln an seinem Äußeren alleine lässt, sendet ihm ein fatales Signal der Gleichgültigkeit, das diese Zweifel vergrößern kann.

Birgit Schwarz’ neuer Partner könnte so ein Fehlgriff von einem Partner sein, dachte ich. Tatsächlich stellte sich heraus, dass sie in Sachen Beziehung eine turbulente Phase hinter sich hatte.

Der Mann, mit dem sie bis vor Kurzem noch verheiratet gewesen war, hatte eine Affäre mit ihrer besten Freundin angefangen. Sie selbst war daraufhin mit dem Lebensgefährten dieser Freundin zusammengekommen. Ein komplizierter Fall von Partnertausch.

Ich bemühe mich immer, aus solchen Geschichten keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Doch für Birgit Schwarz schien dieser Partnertausch kein ganz freiwilliger gewesen zu sein, eher ein notgedrungener Schritt, um bei all dem am Ende nicht allein dazustehen.

Von einer Krise zur nächsten leben

Es konnte auch sein, dass Birgit Schwarz ein anderes Phänomen zu mir geführt hatte. Das Phänomen, dass eine Veränderung oft weitere Veränderungen bedingt. Es gibt eine Art Domino-Effekt: Wenn das Leben sich ändert, möchte unser Ich nicht so bleiben, wie es war. Manche kaufen sich dann neue Kleider. Manche lassen ihr Gesicht oder ihren Busen operieren.

Doch Veränderungen führen nie zu Dauerzuständen. Das Leben ist im Prinzip eine Serie von Veränderungen. Wer sich aus den falschen Gründen zwischendurch unter das Messer legt, muss sich später die Frage stellen, was aus dem erzielten Ergebnis bei der nächsten Veränderung wird. Passt es dann auch noch zum Leben? Und was, wenn nicht?

Schon ganz junge Menschen haben Probleme mit Veränderungen. Dann nämlich, wenn sich ihr Äußeres von dem eines Kindes oder Jugendlichen zu dem eines Erwachsenen verändert. Schlecht wahrnehmbare Nasenlöcher können sich dann wie eine bedrohliche Entstellung anfühlen. Dieser Eindruck ist wahrscheinlich später auf einmal weg. Vergessen, eingebildet, nie dagewesen. Aber was, wenn so ein Jugendlicher Eltern hat, die ihm in dieser Phase eine Operation bezahlen? Weil es der einfachste Weg zu sein scheint, das Problem prompt zu lösen?

Manche Erwachsene lachen vielleicht über solche juvenilen Probleme. Bis sie graue Haare bekommen. Vor allem Männer versetzt das erste Anzeichen dafür, dass sie vielleicht doch nicht unsterblich sind, in Panik. Und auf einmal sind die grauen Haare weiß. Irgendwann ist für reife Menschen beides selbstverständlich, aber es ist natürlich, wenn dazwischen Panik liegt, die es eben zu überwinden gilt.

Soziale Veränderungen kommen ebenso verlässlich wie die körperlichen immer wieder, und es ist nun einmal so, dass nicht alle davon positiv sind. Wenn sich ein Mensch zwischendurch zum Beispiel abgelehnt, weggelegt und überflüssig fühlt, kann das auch dazu führen, dass er sich nicht mehr schön findet.

Wenn zum Beispiel der Job weg ist oder die Kinder aus dem Haus sind, fühlen wir uns zumindest vorübergehend nicht mehr gebraucht. Auf einmal besteht das Alter nicht mehr nur aus zwei Ziffern, die die Anzahl der Lebensjahre angeben. Es wird zu einem Maß, das auch unser Aussehen qualifiziert. Je höher die Zahl ist, desto unattraktiver fühlen wir uns.

Eine Schönheitsoperation in so einer Phase ist schon deshalb das falsche Mittel, weil die Zeit, unter der wir so sehr zu leiden meinen, in Wirklichkeit ein hervorragender Therapeut ist.

Es gibt eine Art von Unzufriedenheit mit unserem Äußeren, die sich durch ein einfaches Mittel beseitigen lässt. Durch Geduld.

Zeit hilft uns, jedes Tief zu überwinden, einfach, indem sie vergeht. Alltag und Normalität knabbern an der Krise, bis sie zerbröselt und mit ihr alle Nebenerscheinungen. Die Schönheitsoperation, die vorher der einzige Ausweg zu sein schien, ist plötzlich kein Thema mehr.

Dumm nur, wenn wir aus so einem Tief mit einem operierten Gesicht auftauchen, das uns bei jedem Blick in den Spiegel an die Krise erinnert.

»Ich denke, wir sollten noch warten«, sagte ich zu Birgit Schwarz.

Sie hob die Augenbrauen. »Warum?«

Ein stabiler, gesunder und vernünftiger Mensch wie sie, dachte ich, würde die schwierige Phase, in der sie sich gerade befand, gut überstehen. Womöglich würde sie sogar gestärkt aus ihr hervorgehen. Deshalb hielt ich das Warten für den richtigen Vorschlag.

»Es ist nie gut, eine Schönheitsoperation in einer turbulenten Lebensphase durchzuführen«, sagte ich.

Die bereits erwähnte Fünf-Jahres-Studie über die Langzeitverbesserung nach kosmetischen Eingriffen gibt auch hier zu denken. Sie zeigt einerseits, dass sich Selbstwertgefühl und Zufriedenheit mit dem eigenen Äußeren bessern, wenn die Indikation und der Zeitpunkt der Operation stimmen, dazu aber später mehr. Psychische Auffälligkeiten wie Depressionen nach einer Operation treten dann nur kurzfristig auf. Beides deckt sich mit meinen Erfahrungen.

Andererseits reagiert das Selbstwertgefühl, ein Hauptargument für eine Schönheitsoperation, langfristig gesehen nur träge bis gar nicht auf optische Veränderungen. Auch wenn Patienten mit ihrem neuen Äußeren zufrieden waren, steigt ihre Selbstachtung deshalb nicht nachhaltig. Ebenso wenig tritt die erhoffte grundlegende Veränderung der Lebensqualität ein, und auch depressive Symptome, die sie vor der Operation hatten, verschwinden eher nur kurzfristig.

Was zusammengefasst bedeutet, dass Operationen aus den richtigen Gründen, in der richtigen Situation und mit der richtigen Erwartungshaltung Sinn machen können. Doch in allen anderen Fällen ist Vorsicht geboten.

Für Birgit Schwarz schien mir eine weitere Erkenntnis der gleichen Studie noch wichtiger zu sein. Je länger sich Patienten mit ihrer Entscheidung für die Operation Zeit ließen, desto größer war die Zufriedenheitsrate danach. Wer sich dagegen spontan dazu entschloss oder dabei von anderen beeinflusst wurde, musste damit rechnen, dass er langfristig eher unzufrieden mit der Operation sein würde.

Nachdem ich ihr diese Dinge kurz dargelegt hatte, nickte Birgit Schwarz. »Wahrscheinlich haben Sie recht«, sagte sie.

Viele Patienten sind durchaus realitätsbezogen, was ihren Wunsch nach einem neuen Äußeren betrifft. Sie lassen sich von ihren Emotionen treiben und landen bei mir. Aber sie ahnen selbst, dass es tieferliegende Gründe für ihre Veränderungswünsche geben könnte, die sie sich ansehen sollten.

Ich passe meine Argumentation an meinen Eindruck an, den ich von dem Menschen, der vor mir sitzt, habe. Rundheraus lehne ich eine Operation nie ab. Sagen wir, fast nie. Die große rote Stopptafel taucht für mich immer dort auf, wo Patienten klar und eindeutig wollen, dass ich sie glücklich mache. »Da sollten Sie sich etwas anderes überlegen«, sage ich dann.

Was immer noch nicht heißt, dass ich am Ende nicht doch operiere. Würde ich alle Patientinnen wegschicken, die nicht nur wegen eines schöneren Busens, sondern auch auf der Suche nach Glück zu mir kommen, müsste ich meine Klinik schließen. Ganz abgesehen davon, dass ich sie mit einem Nein, wie gesagt, nicht von ihrem Vorhaben abhalten könnte. Auch in meiner Branche gibt es immer einen oder eine, der oder die weniger Skrupel hat und zum Skalpell greift, ohne lange zu fragen.

Bei Birgit Schwarz war ich mir allerdings sicher, dass sie, sollte sie sich doch noch für eine Operation entscheiden, zu mir zurückkommen würde. Sie stand auf, warf noch einen Blick auf den nüchternen Besprechungstisch und die wenigen Bilder an den Wänden, dann gaben wir uns die Hand und verabschiedeten uns.

Operation vergessen, Patient glücklich

Ich sah Birgit Schwarz nur einmal wieder. Durch Zufall, an einer Tankstelle an der Donau. Sie fuhr ein Cabrio und trug eine dazu passende weite Bluse, die keine Konturen erkennen ließ. Doch ich vermutete keine Sekunde lang, dass sie sich wider Erwarten doch noch anderswo operieren hatte lassen. Sie war guter Dinge und wirkte nicht verlegen, als sie mich sah, im Gegenteil. Sie schien sogar erfreut zu sein. Sie kam auf mich zu, und wir plauderten kurz, aber offen.

Sie war inzwischen in einer glücklichen Beziehung. Der Ex-Partner ihrer ehemaligen besten Freundin war Geschichte. Den neuen Mann musste sie kurz nach ihrem Besuch in meiner Klinik kennengelernt haben. Sie redete über ihn, als wären die beiden einander schon recht vertraut. Eine Schönheitsoperation war für sie jetzt wirklich kein Thema mehr. »Das war damals eine wirre Zeit«, sagte sie nur, und klang nun doch ein wenig verlegen. Es schien ihr peinlich zu sein, mich da irgendwie mit hineingezogen zu haben. Dann lächelte sie, gab mir die Hand, setzte sich ins Auto und rauschte ab.

Raphaëls und Aurelies Familiennase

Warum zwei Geschwister ihre Nasen nicht mochten und wieso ihr Vater daran schuld war.

Ich hätte den Notizzettel meiner Empfangsdamen nicht gebraucht, um den französischen Namen wiederzuerkennen. Mademoiselle Boulanger. Auf Deutsch wäre sie eine »Frau Bäcker« gewesen. Diesmal saß nicht Raphaël Boulanger vor mir, sondern seine um zwei Jahre jüngere Schwester Aurelie. Der Grund, warum sie zu mir kam, war aber derselbe. Es ging um ihre Nase.

Erst vor einem Jahr hatte ich die Nase ihres Bruders operiert. Raphaël, damals 26, hatte gerade sein Architekturstudium an der Akademie der Bildenden Künste am Wiener Schillerplatz abgeschlossen und auch bei seinem im wahrsten Sinne des Wortes hervorragendsten Gesichtsmerkmal gestalterisch eingreifen wollen.

Jetzt zeigte mir Aurelie Fotos von der operierten Nase ihres Bruders, mit dem sie nicht nur das Studium, sondern auch die Form der angeborenen Nase teilte. Sie wollte klarstellen, wie sie sich die Sache vorstellte.

»Ich möchte so eine Nase wie er«, sagte sie. »Nur weiblich.« Damit legte sie ein Foto auf den Tisch, das sie offenbar als Vorlage für mich aus dem Internet ausgedruckt hatte.

In solchen Momenten wird mir immer etwas mulmig. Exakte Vorstellungen von etwas zu haben, kann im Leben nützlich sein. Auf meinem Gebiet aber, in dem es um einen lebenden Körper und um organische Materie geht, ist es eine Katastrophe. Noch mehr fürchte ich mich nur vor Sätzen wie: Machen Sie es, wie Sie meinen. Ich vertraue Ihnen voll und ganz, Herr Doktor.

Ich schob Aurelie die Fotos wieder zurück und erklärte ihr, dass weder ich noch irgendein anderer Schönheitschirurg der Welt das Ergebnis einer Operation mit letzter Genauigkeit vorhersehen könne.

»Der Mensch«, sagte ich, »ist ein lebendiges Wesen, ein komplexes Kunstwerk der Natur, und er lässt sich nicht mit der gleichen Präzision gestalten wie eine Schule, ein Bürogebäude oder ein Wohnhaus.«

Aurelie sah mich mit einem Anflug von Enttäuschung an. Womit für mich gleich auch ein anderer Punkt geklärt war. Die Operation würde stattfinden, mit mir oder ohne mich. Die Fragen, die wir hier zu erörtern hatten, waren wohl bloß organisatorischer Natur.

Dies, obwohl Nasenoperationen zu den eher seltenen Eingriffen in der Schönheitschirurgie gehören. Laut Umfrageergebnissen, die jährlich die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie vorstellt, machen sie gerade einmal 4,4 Prozent aller Eingriffe aus. Hier das gesamte Ergebnis, publiziert im Februar 2018.


Ich sah mir Aurelie genauer an, was gar nicht nötig gewesen wäre. Ich hatte schon erkannt, wie sich die Nasen der Geschwister ähnelten. Schon bei Raphaël hatte ich arabische Gene in der Familie vermutet, nun war ich mir fast sicher. Die natürliche Nase der beiden war prägnant. Sie war leicht gebogen und hatte etwas breite Flügel.

Abgesehen von dieser Gemeinsamkeit war Aurelie das Gegenteil ihres Bruders. Sie war zierlich, während Raphaël groß und kräftig war. Außerdem wirkte sie umgänglich und weich, fast ein wenig passiv. Vielleicht hoffte sie ja, mit der gleichen Nase auch ein paar der energischeren Wesenszüge ihres Bruders abzubekommen.

Die angeborene Nase der beiden war keine Einheitsnase. Sie konnte Blicke auf sich ziehen und damit in gewisser Weise herausfordernd sein, das schon. Als klassisch schön empfindet eine Mehrheit der Betrachter ja nicht das Besondere, sondern das Durchschnittliche.

Die Nase als Spitze eines Eisbergs

Nasen sind immer schwierig. Dieser Körperteil ist einer der heikelsten. Nasen sind oft die Spitze eines Eisbergs aus psychischen Problemen. Nasenpatienten gelten deshalb als die schwierigsten, was Studien regelmäßig belegen. Im ungünstigsten Fall leiden sie an einer Dysmorphophobie. Das ist eine Störung, auf die ich später noch näher eingehe, bei der Menschen einen pathologischen Konflikt mit ihrem gesamten Äußeren auszutragen haben.

Speziell junge Männer, deren Nase keine Fehler hat, leiden häufig unter deren vermeintlicher Unzumutbarkeit. Das kann richtig krass werden. Die häufigsten Morde an Schönheitschirurgen verüben unzufriedene junge männliche Nasenpatienten. Sagt zumindest die Statistik.

Abgesehen von solchen Auswüchsen ist die Verzweiflung von Nasenpatienten verständlich. Denn sie tragen ihr Problem meist schon lange vor sich her, oft seit ihrer Kindheit. Sie neigen zu Kommunikationsproblemen, weil sie sich schon ebenso lange für ihre Nase schämen.

Viele entwickeln Vermeidungsstrategien und wenden viel Energie dafür auf, sich nur von vorne und nur im Notfall im Profil zu zeigen. Dabei fühlen sie sich ständig beobachtet. Ein unangenehmer Zustand, der sich tatsächlich in vielen Fällen nach einer Operation bessert.

Ich ließ mir Zeit und betrachtete Aurelies Nase. Sie war auffällig, aber bestimmt keine, die bei Selfies im Internet gleich Shitstorms hervorrufen.

Es gibt sie, diese Nasen, die den restlichen Auftritt eines Menschen dominieren. Doch genau wie schon bei Raphaëls angeborener Nase hätte ich jetzt auch die von Aurelie eher als interessant angesehen, als Charakternase, als eine besondere Nase, die für Persönlichkeit steht.

»Gefällt Ihnen die neue Nase Ihres Bruders so gut oder Ihre eigene so wenig?«

Sie lächelte »Eigentlich wollte ich meine Nase damals gleichzeitig mit ihm machen lassen«, sagte sie. »Dann dachte ich, ich warte erst mal ab und sehe, wie das ist.«

Das passte zu meiner ersten Einschätzung von Aurelie. Sie war keine, die voranstürmte, auch nicht zu zweit. Sie war eher eine Windschattenfahrerin, klug und, wie viele kluge Menschen, eher vorsichtig.

»Wie ist das genau mit Ihrer Nase?«, fragte ich. »Haben in Ihrer Familie auch andere so eine?«

»Väterlicherseits.« Sie nickte. »Da gibt es einige.«

»Und Ihr Vater selbst?«

»Der hat auch so eine.«

Hadern mit dem Familienerbe

Ich erzählte ihr, dass ich häufig mit dem Phänomen der Familiennase konfrontiert bin, und dass ich zwei Arten des Umgangs damit festgestellt habe. Die einen tragen ihre Charakternasen mit Stolz, als etwas, das sie verbindet, quasi wie ein Familienwappen. Die anderen kämpfen mit ihren Charakternasen und würden viel dafür geben, unauffällig auszusehen.

Da Aurelie, ganz anders als ihr Bruder, für dieses Thema nun doch einigermaßen offen zu sein schien, machte ich weiter. »Wissen Sie, was der Unterschied zwischen diesen beiden Familientypen ist?«, fragte ich.

Aurelie dachte nach. Sie schüttelte den Kopf, obwohl ich vermutete, dass sie schon einen Verdacht hatte.

»In den Familien, die stolz auf ihre besondere Nase sind, verstehen sich alle eher gut miteinander. Es gibt einen Zusammenhalt und so etwas wie eine gemeinsame Identität, für die die Nase dann auch stehen kann. In den Familien, die unter ihrer gemeinsamen Nase leiden, sind die Beziehungen eher durcheinander.”

Ich hatte den Eindruck, dass Aurelie nicht nur verstand, was ich sagte, es interessierte sie offenbar tatsächlich. Jedenfalls fühlte ich mich zum Fortfahren ermutigt und stellte die meiner Meinung nach entscheidende Frage.

»Verstehen Sie sich mit Ihrem Vater?«

»Ja«, sagte sie mit ernster Miene. »Wir können ganz gut miteinander.«

Das hatte ich nicht erwartet.

Schon von Raphaël wusste ich, dass der Vater der beiden ein harter Mann war. Er hatte eine gehobene Position bei den Vereinten Nationen inne, weshalb seine Kinder eine internationale Schule in Wien besucht hatten und mit einem breiten Horizont aufgewachsen waren. Geboren war er in einer französischen Industriestadt, aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen. Mit viel Fleiß hatte er sich nach oben gekämpft, was ihm allerdings nicht automatisch die Achtung und Liebe seiner Kinder gesichert hatte. Zumindest Raphaël hatte das wenig beeindruckt. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war so schwierig, dass er selbst in unseren nicht eben sehr persönlichen Gesprächen immer wieder giftige Seitenhiebe gegen ihn platziert hatte.

Aurelie schien meine Gedanken zu erraten.

»Mich hat er immer gut behandelt«, sagte sie. »Raphaël und meine Mutter können das nicht behaupten.«

»Ein Mann, der die eigene Mutter und den eigenen Bruder schlecht behandelt, ist keiner, dessen Wappen man gerne vor sich herträgt«, wandte ich ein.

Ich wusste, dass ich mich damit auf gefährliches Terrain wagte. Genau genommen stehen solche Bemerkungen einem Psychologen, aber keinem Arzt und Chirurgen ohne jeden Hauch einer nachweisbaren psychologischen Ausbildung zu. Doch Aurelies nun unverkennbares Interesse an dem Thema ermutigte mich.

»Worauf wollen Sie hinaus?«, fragte sie.

»Sie ahnen es.«

»Sie meinen, ich wäre bei einem Psychotherapeuten besser aufgehoben als bei einem Schönheitschirurgen?”

Das meinte ich.

Das meine ich allerdings bei vielen Frauen und Männern, die einen Schönheitschirurgen konsultieren. Für mich ist Wunschmedizin, also Schönheitsmedizin, Verantwortungsmedizin und aufgrund meiner Erfahrungen mit dem Zusammenhang zwischen Seele, Psyche und Einschätzung des eigenen Äußeren hielte ich es schon lange für gut, wenn in einer plastischen Ordination routinemäßig auch Psychologen anwesend wären. Wogegen natürlich vor allem die erwähnte Schnelllebigkeit unserer Zeit spricht. Menschen erwarten rasche Lösungen.

Dir gefällt deine Frisur nicht?

Du gehst zum Friseur.

Du bist unglücklich mit deinem Aussehen?

Du gehst zum Schönheitschirurgen. Und wenn der ein Problem damit hat, dann hat er den falschen Job.

Sich selbst lieben lernen?

Ja gerne. Aber das geht ja wohl mit einem korrigiertem Äußeren ganz von allein.

Wobei ich einschränke, dass auch Psychologen und Psychotherapeuten oft nur scheinbare Hilfe bieten. Auch sie vermeiden gerne den altmodischen Weg des Aufarbeitens bestimmter Probleme und lassen ihre Klienten lieber Ich-bin-ich-Affirmationen auswendig lernen.

Psychotherapeuten arbeiten bei Klienten, die ihr eigenes Äußeres ablehnen, oft nur das Ego heraus, was das Problem auf Dauer nicht löst. Wer versucht, seine Probleme mit einem künstlich gesteigerten Selbstwertgefühl zu überstrahlen, steht am Ende vor der gleichen Mauer, nur auf der anderen Seite.

Auf diese Weise fühlen sich Menschen vielleicht eine Weile unangreifbar. Doch eine nachhaltige Lösung bringt das nicht, denn irgendwann kommt zum Beispiel ihre Einsamkeit zurück. Jetzt allerdings nicht deshalb, weil sie sich selbst ablehnen, sondern weil sie ein Verhalten an den Tag legen, das alle anderen ablehnen und deshalb nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen. Seit einer Weile arbeite ich deshalb mit Psychotherapeuten zusammen, denen ich vertraue, und von denen ich weiß, dass sie mir die Patienten gegebenenfalls auch wieder zurückschicken.

»Argumentieren Sie da nicht gegen Ihre eigenen Interessen?«, fragte Aurelie.

»Es gibt auch unter Schönheitschirurgen so etwas wie einen Ehrenkodex«, antwortete ich. »Er sieht unter anderem vor, Patienten ausreichend aufzuklären, wenn sie etwas wollen, das ihnen nichts bringt oder vielleicht sogar schadet.«

»Bei meinem Bruder galt der Ehrenkodex nicht?«

Ich zögerte. »Vielleicht habe ich die Situation damals noch nicht richtig überblickt.«

»Oder Sie haben die Situation richtig überblickt und wussten, dass Sie mit diesen Argumenten bei ihm abblitzen würden.«

Jetzt lächelte ich. »Er wäre einfach zu einem anderen Chirurgen gegangen«.

Aurelie nickte. »So ist mein Bruder. Etwas stur. Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht er es durch. Er war ziemlich sauer, als ich damals nicht gleich zu Ihnen mitgekommen bin.« Sie machte eine kleine Pause. »Lassen Sie mich ein paar Tage über Ihren Vorschlag nachdenken.«

Mit einem Happy End kann ich bei dieser Geschichte nicht dienen. Dabei wäre es so schön gewesen. Aurelie hätte ihre offenbar komplexe und keinesfalls aussichtslose Beziehung zu ihrem Vater grundlegend überdacht und damit eine positive Dynamik in die ganze Familie gebracht. Sie hätte ihre spezielle Nase bis ans Ende ihrer Tage mit Stolz getragen, während der schon operierte Raphaël ein wenig bedrückt gewesen wäre, weil er diese Nase leichtfertig einer Art emotionalen Kurzsichtigkeit geopfert hatte.

In Wahrheit kam Aurelie zum nächsten Termin in Begleitung ihres Bruders, neben dem sie viel schwächer und unselbstständiger wirkte. Raphaël führte das Wort, es ging jetzt auch bei Aurelie endgültig nur noch um die Modalitäten des Eingriffs.

Bei der Operation ging alles gut. Raphaël und Aurelie sehen einander wieder ähnlich und sind so weit zufrieden damit. Ich bekam noch mit, dass der Vater der beiden ziemlich sauer war, dass seine Kinder sich sein »Wappen« wegoperieren hatten lassen. Etwas, das ich bei derartigen Familienkonstellationen immer wieder beobachte. Die genetische Quelle der Nase, in diesem Fall der Vater, betrachtet es als Verrat an ihm und an der Familie insgesamt, sie zu verändern.

Es mag romantisch und vielleicht etwas naiv klingen, aber ich bleibe trotzdem dabei. Das oben skizzierte Ende wäre mir als das glücklichere erschienen, auch wenn ich dabei nichts verdient hätte.

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