Kitabı oku: «Ich, Odysseus. Der Zerstörer Trojas.»
Impressum
© 2021 Copyright by Wulf Mämpel
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH,
Berlin
Für Thora
Danke.
Mein Dank gilt meiner Frau, die mich bei all
meinen zeitraubenden Nachforschungen unterstützt hat und die mir Mut zu neuen Taten macht. Ebenfalls bedanke ich mich bei meinen Freunden Sabine und Frank Hornberg für ihr kenntnisreiches Lektorat und bei Bernd J. Meloch für die technische Realisation.
In vielen Gesprächen konnte ich dieses zeitlose Thema
diskutieren, bis der Plan für das Buch konkret wurde.
Wulf Mämpel
Ich,
Odysseus
Der Zerstörer Trojas
20 Jahre dauert die Trennung von Penelope. Der Held erinnert sich nur zögerlich gegenüber seinem Sohn Telemachos. Dann besucht ihn Homer, der blinde Sänger.
HISTORISCHER MONOLOG/DIALOG
Die Erfindung ODYSSEUS.
Die Rückkehr des Odysseus nach zehn Jahren Krieg und zehn Jahren Irrfahrt beginnt mit einem Blutbad in seinem Palast. Der 50jährige Held tötet die schmarotzenden Freier, die um die Hand seiner treuen Penelope buhlen. Damit endet die Odyssee des Homer. Doch wie gestaltete sich das Leben des Helden in den darauffolgenden Jahren? Darüber gibt es kaum konkrete Angaben. Dieses Buch will der Frage nachgehen: Wie entstanden Ilias und Odyssee? Denn: Immer wieder stellt sich die Frage, welche Wahrheit verbirgt sich hinter dem Werk, das die europäische Literaturgeschichte eröffnete, beeinflusste und bis heute zu immer neuen Interpretationen anregte?
Zur Erinnerung: Mancher Literaturliebhaber behauptet, die Odyssee sei nur deswegen erfunden worden, um die epischen Erzählungen Homers niederzuschreiben. Fakt ist: Homers Ilias und Odyssee gehören zu den ältesten, wichtigsten und größten Erzählungen der Weltliteratur. Von Geheimnissen umwittert, irren wir heute immer noch im Dunklen: Hat Homer überhaupt gelebt? Fand der Trojanische Krieg tatsächlich statt? War es so oder doch ganz anders? Sage oder Traumgebilde, Götterglaube oder Heldenverehrung? Die kundigen Thebaner deuten bis heute die beiden Werke je nach Zeitgeist. Also: Vielleicht alles nur erfunden?
Ein angeblich blinder Dichter, von dem wir auch heute immer noch nur sehr wenig wissen, schenkte der Welt diese beiden gewaltigen, abenteuerlichen Erzählungen, die seit vielen Jahrhunderten Jung und Alt faszinieren – und immer wieder interpretiert, nacherzählt und verfilmt wurden: Nach zehn Jahren im Trojanischen Krieg, will der Held Odysseus endlich in die geliebte Heimat Ithaka zurückkehren. Doch er erzürnt den Meeresgott Poseidon, was ihn in mancherlei Gefahren bringt. Mann für Mann verliert er seine Gefährten, er begegnet den menschenfressenden Riesen, besonders dem einäugigen Kyklopen Polyphem, dem sechsköpfigen Seeungeheuer Skylla, den verlockenden Sirenen, der Zauberin Circe und landet schließlich auf einem Eiland der Nymphe Kalypso. Nur durch den Beschluss der Götter darf der Bezwinger Trojas nach zehnjähriger Irrfahrt in die Heimat zurückkehren, Frau und Sohn wiederfinden und den Thron wieder in Besitz nehmen, um Ordnung zu schaffen im verwahrlosten Königreich.
Der französische Schriftsteller George Duhamel empfahl, dass „ein kultivierter Europäer alle zehn Jahre die Homerischen Epen erneut lesen" soll. Es lohnt sich, denn mit Homer beginnt etwa um 800 v.Ch. tatsächlich die europäische Literatur. Genau weiß es bis heute niemand. . .
Odysseus, der Held, erzählt dem jungen Homer und seinem Sohn Telemachos die Wahrheit über seine zwanzig Jahre, in denen er von Zuhause fort war. Kaum ein Werk wird eine so umfassende Wirkung auf die Literatur und Geistesgeschichte des Abendlandes entfachen wie seine Schilderungen, die Homer erzählt und niederschreibt.
Seit vielen Jahrhunderten ist der „blinde Homer“ umstritten. Er wird bewundert und angefeindet. Wie auch immer: Sein Name ist Faktum, seine beiden Werke unsterblich, und in jeder neuen Generation findet er eine begeisterte Leserschaft: Er gilt als frühester Dichter des Abendlandes. Weder sein Geburtsort noch das Datum seiner Geburt oder das seines Todes sind zweifelsfrei bekannt. Es ist nicht einmal sicher, dass es Homer überhaupt gab. Sind die Ilias und die Odyssee nur eine geniale Erfindung eines unbekannten Autors?
Bereits in der Antike gehörte das Werk zum Kanon der bedeutenden Schullektüren. Aristoteles betrachtete in seiner Poetik die „kunstvoll verschlungene Komposition" des Werkes als Paradebeispiel für die epische Gattung. Die „Aeneis“ des römischen Dichters Vergil beschreibt nach dem Vorbild Homers die Irrfahrten des Aeneas und die Gründung der Stadt Rom. Die höfische Dichtung des Mittelalters fand in den Abenteuern des Odysseus die Grundlage für ihre ritterlichen Epen. Der Klassizismus brachte zwei der herausragendsten Versübertragungen der Odyssee ins Deutsche hervor: von Johann Heinrich Voss (1781) und Johann Jacob Bodmer (1788). Diese wirkten u. a. auf Goethe, der seinen Werther in der Odyssee blättern ließ.
Das Bedürfnis nach Helden scheint so alt wie die Menschheit. Und die meisten von uns träumen davon, auch einmal ein Held zu sein. Helden gab und gibt es allenthalben: in den antiken Mythen, im Leben und in der Literatur, im Kino, im Comic und in der Sportarena. Von Herkules, Achilles und Odysseus über Robin Hood, Zorro und Jeanne d'Arc, bis zu Superman, Batman und Lara Croft, vom weltberühmten Fußballhelden bis hin zum unbekannten Feuerwehrmann in der Hölle des 11. September in New York. Braucht jede Gesellschaft Helden? Was macht den Helden eigentlich aus? Klar ist: Helden sind auch nur Männer! Und seit einiger Zeit auch Frauen. . .
Was tut also Odysseus? Er schildert Homer – was einer Sensation gleichkommt – sein aufregendes Leben. Das ist neu. Die Frage also lautet, hat Homer aus dem Mund des Odysseus dessen Erlebnisse erfahren und sie über viele Jahre zu seinen beiden Epen verarbeitet? Sie sind bisher nirgendwo dokumentiert. Es sind Vermutungen, die jedoch einen realen Hintergrund verspüren. Meine Frage also lautet: Wer könnte außer Homer diese beiden großen Epen tatsächlich verfasst haben und Odysseus als brillanten Redner und Ränkeschmied darstellen?
In diesem Monolog/Dialog interviewt der fast erblindete Dichter den König von Ithaka, den er als einen kosmopolitischen Europäer kennenlernt. Es kommt zu einem Dialog über den trojanischen Krieg und die Irrfahrten – aus diesem Gespräch schöpft der Dichter Inhalte für seine beiden späteren Werke. Sie sollen zu einem bis heute anhaltenden Welterfolg werden . . . auch wenn alles nur eine clevere Erfindung sein sollte!
Vielleicht war aber auch alles ganz anders!
WULF MÄMPEL
PROLOG.
Ich, Odysseus, der Zerstörer Trojas,
hatte mein Gedächtnis verloren.
Niemandem wünschte ich, was mir geschah.
Niemand wird es je verstehen.
Wenn ein Held kein Held mehr ist.
Was ist er dann noch wert?
Ich erlebte Qualen, die ich meinem
ärgsten Feind nicht wünschte.
Ängste, die ich bisher nicht kannte,
die mich erschreckten.
Am liebsten wäre ich in Troja gestorben.
Verreckt an fremden Gefilden.
Verschollen als ein unbekannter Mann.
Ohne Gelegenheit, noch einmal ein
glücklicher Mensch zu werden.
Ich war am Ende. . .
Dem Tapferen hilft nicht immer das Glück!
Als ich wach wurde, spürte ich zunächst nichts. Ich lag auf dem Bauch wie ein toter Fisch. Der Geruch von Erbrochenem, von Algen, Muscheln und Sand stieg mir in die Nase. Ich spürte, wie meine Oberlippe leicht zuckte und freche Fliegen mich umschwärmten. Ich dachte: Wie bei einer Leiche. Ein lauer Wind fächelte mir warme Salzluft zu. Mein erster Gedanke: Träumte ich? Dann: Lebte ich? Oder war ich schon im Hades, war ich gar auf Elysion, der Insel der Glückseligen? Und: Wie lange lag ich hier schon? In meinem Kopf herrschte ein wildes Durcheinander, bizarre Bilder zogen an mir vorbei. Ich vernahm Schreie, sah Blut und abgeschlagene Körperteile. Ich sah aber auch undeutlich das Antlitz einer wunderschönen Frau, die mich mit traurigen Augen anblickte. Sie lächelte unter Tränen und bewegte ihre Lippen, als wollte sie mich fragen: Wo bist Du?
Ich kannte diese Art Träume, die die Götter schicken, um die Sterblichen zu foppen. Sie konnten aber auch einen Menschen in den Wahnsinn treiben. Es soll ja ein Trost sein, heißt es in den Fabeln, wenn die Unglücklichen Leidensgefährten haben. Doch ich war allein. Ich rieb mir mühsam die verklebten Augen. Ich sah undeutlich - wie unter einem Schleier - einen fremden, sehr breiten Strand, der von einer sanften Dünenlandschaft begrenzt wurde. Dann hörte ich leise Musik. Es muss gegen Mittag gewesen sein, denn die Sonne stand hoch über mir. Ihre Strahlen brannten ohne Erbarmen auf meiner Haut. Sie blendeten meine trüben Augen. Was mir noch auffiel, war der vertraute, laute Ruf der Möwen und ihr Gezänk um ein Stück Beute. Mein Mund war ausgetrocknet, mir war übel. Wie lange ich dort schon lag, wusste ich nicht. Meine Glieder schmerzten, ich war wie gelähmt. Ich versuchte krampfhaft, mich an mein bisheriges Leben zu erinnern, doch ich fand nichts, was auf mich und mein Dasein hinwies. Meinen linken Arm konnte ich anheben, den rechten ebenfalls. Dann den linken Fuß, dann den rechten. Ich lebte - das spürte ich. . . ich lebte mit einer Flut dunkler Gedanken, die mein Hirn marterten.
Dann entdeckte ich nach einer gewissen Zeit - nicht weit entfernt - zwei große Baldachine aus weißem Tuch, die Schatten spendeten. Ausgestattet waren sie mit kleinen Liegen und weichen Kissen, außerdem mit Tischen, auf denen Früchte in silbernen Schalen lagen. Ich roch Bratenduft, sah dann einen Mann an einem Rost, wie er Fleisch und Fisch wendete - und verspürte sogleich einen gewaltigen Hunger. Eine Lyra-Spielerin entlockte ihrem Instrument eine süße Weise, die mich für einen kurzen Augenblick erfreute. Ich dachte: Wenn Musik ertönt, befindest Du Dich nicht in Gefahr!
Es dauerte nicht lange, bis ich begriff, dass ich an diesem Ufer angespült worden war. Wie ein gestrandeter Delphin. Dann wieder diese Bilder in meinem Kopf: Ich inmitten hoher Wellen. Mein Mund voll von salzigem Wasser. Das Atmen wurde immer schwieriger. Ich würgte angeekelt das Meerwasser hinaus. Dazu heulte der Wind triumphierend, warf mich hinauf, dann hinunter in gewaltige Wellentäler, die sich um mich herum bildeten. Ich spürte die Macht des Meeres und die Schwäche des Menschen gegenüber dieser Naturgewalt. Mir wurde brutal deutlich gemacht, was der Mensch, was der Mann und Held im Angesicht der Natur wirklich ist: Ein Spielball der Elemente. Ich spürte mit einem Mal so etwas wie Demut angesichts dieser Mächte. Poseidon zeigte es dem Sterblichen in aller Deutlichkeit!
In meinem bärtigen Gesicht juckten dicke Salzkrusten. Meine Augen brannten vom Meerwasser. Meine Lippen waren rau und aufgesprungen. Ich wusste nicht mehr, wer ich war und wo ich war. Ich kannte meinen Namen nicht mehr, konnte nicht mehr denken, sprechen, fühlen. Nur atmen konnte ich noch. Was war mit mir geschehen? Ich spürte, dass ich nackt auf dem heißen Sand in einer großen Bucht lag. Wo war ich?
Ich suchte in meinem Gedächtnis nach meiner Vergangenheit. Nach meinem bisherigen Leben, verstehst Du das? Alles, was ich gewesen war, war mir abhandengekommen. Mich quälte die Frage: Welcher Gott bestrafte mich mit diesem plötzlichen Verstummen? Telemachos, ich musste bei Null anfangen - wie ein Kind auf der Suche nach dem eigenen Ich. Meine Sprache, auf die ich so stolz gewesen war, meine Redekunst, die man lobte, meine Klugheit und Gewitztheit, die man an mir bewunderte: Nichts! Ich hatte nicht nur meine Erinnerung und meine Sprache verloren, sondern auch meinen Verstand. Mein früheres Leben: Ausgelöscht. Und doch spürte ich das Meer um mich herum, spürte eine gewisse Sehnsucht, sah mich sogar auf dem Deck eines großen Schiffes im salzigen Wind stehen. Ich sah mich in den langen Nächten unter den Sternen liegen, bei Windstille dümpelnd in den Wellen, träumend und trinkend. Wer zur See fährt, wer das Meer bei jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter befahren hat, kennt die Freude, mit der die See die Seele eines Mannes erfüllen kann. Das Herz eines Seefahrers schlägt anders als das Herz einer Landratte, es freut sich über die Abwechslung.
Ich lag nun halbtot am Strand im heißen Sand. Um mich herum lachende Mädchen in weißen, wallenden Kleidern. Spielende, tanzende Mädchen mit bunten Blumen in den geflochtenen Haaren. Waren es Nymphen? Ich spürte ihr unbeschwertes Glück und die Wonnen der Leichtigkeit. War das der Himmel, von dem alle träumten, der Himmel, in den alle hofften, nach dem Tod zu gelangen?
In mir herrschte eine Leere. Mein Kopf dröhnte, ich fühlte Schmerzen am ganzen Leib. Nur das fröhliche Lachen, der Bratenduft und die lieblichen Weisen der Lyra sagten mir, dass ich noch lebte. Und dann erblickte ich das schöne Gesicht eines Mädchens, das sich über mich beugte und mich staunend fragte, wer ich denn sei und woher ich käme. Sie selbst hieße Nausikaa und wäre eine Prinzessin. Ich erinnere mich noch, dass meine Antwort ein heiseres Stammeln gewesen war. Dann wurde ich erneut ohnmächtig, sah aber vorher noch, dass mein Schiff, das letzte von insgesamt zwölf stolzen Schiffen, das mir geblieben war, gesunken sein musste. Keine Trümmer am Strand, keiner meiner verbliebenen Kameraden. Nichts. Keine Spur. Nur hölzerne Reste eines großen Floßes. Also kein Schiff? Voll Überdruss und Abscheu hatte mich das tosende Meer an Land geworfen. Meine Verzweiflung wuchs: Nackt und hilflos und fern von Ithaka. Strandgut an einer fremden Küste! Alles, was ich besaß, trug ich bei mir. . .
Später, als ich in einem prachtvoll eingerichteten Zimmer aufwachte, untersuchten mich zwei rücksichtsvolle Ärzte, deren lockige Bärte mir sofort auffielen. Der König des Landes, Alkinoos, stand neben meinem Lager und stellte mir viele Fragen, die ich nicht beantworten konnte. Am Strand, so erzählte jemand, fanden sie später meinen Bogen und mein prächtiges Schwert. Es war die Klinge, die zur Rüstung des Achilles gehörte. Das einzige Stück, das mir geblieben war, denn nach seinem Tod hatte ich die Rüstung meines Freundes für mich beansprucht.
Viele Fragen prasselten auf mich nieder, die ich schwach vernahm: Wer ist dieser fremde Mann? Warum kennt er seinen Namen nicht? Wo liegt seine Heimat? Es war nicht nur Neugierde, ich spürte eine echte Anteilname an meinem Schicksal, wie sie nur friedliche Menschen äußern können. Mich quälte mein Dasein, obwohl die königliche Familie mir jeden Wunsch erfüllte. Meine Traurigkeit stieg von Tag zu Tag, ich weinte oft nachts einsam auf meinem Laken. Es war eine schreckliche Zeit: Du ahnst etwas, glaubst eine kleine Erinnerung gefunden zu haben, nur eine winzige Kleinigkeit, um dann wieder in Dunkelheit zu verfallen, obwohl ich in meiner Vergangenheit intensiv forschte. Wirres Zeug belastete mein Gehirn, besonders nachts, wenn ich nicht schlafen konnte. Wahnvorstellungen peinigten mich. Ich sah schöne Frauen neben mir ruhen, die ihre weichen, weißen Arme mir entgegenstreckten, die mich lockten und verführen wollten. Ihre hörte ihr sehnsuchtsvollen Worte, spürte ihre Hände, doch als ich mich ihnen zuwandte, waren sie wie in einem Nebel verschwunden. Ich fand mich in einem Sinnesrausch und erlebte doch alles nur im Traum. Das macht einen Mann fertig.
Ich lernte jeden Tag einige Wörter hinzu, so dass meine Sprache sich verbesserte. Die königliche Familie kümmerte sich rührend um mich, besonders Prinzessin Nausikaa und ihre Mutter, die edle Arete, halfen mir, nach Wochen meine Sprache wieder zu erlangen. Ich spürte die zärtliche Zuneigung des Mädchens dem doch erheblich älteren Mann gegenüber, was mir schmeichelte. Die Lust hört eben nie auf. Doch ich zügelte mein Verlangen, um die königliche Familie nicht zu enttäuschen und ihre Gastfreundschaft nicht zu missbrauchen.
Der Palast, in dem ich nun lebte, war leicht von den übrigen Häusern der Insel zu unterscheiden, zumindest aufgrund seiner Größe und der prachtvollen Ausstattung. Die Fassaden waren mit Marmor verkleidet, die umlaufenden Simse glänzten silbrig. Die Zugangstüren schienen aus purem Gold, deren Sockel aus rotem Kupfer, die Türpfosten und der Türsturz aus Silber und Mosaiken, der große Türgriff wieder aus Gold. Goldene und silberne Löwen-Skulpturen flankierten abwechselnd die Eingänge. Eine quadratische Halle, die zum Thronraum des Palastes führte, wurde durch Fackeln erleuchtet, die an insgesamt zwanzig goldenen Statuen, Männer und Frauen, angebracht waren. Ich gestehe: Der Luxus blendete mich. Überall entdeckte ich Volieren mit verschiedenen Vogelarten. Bunte Pfauen stießen ihre krächzenden, schrillen Rufe aus. Brunnen und Wasserbecken sorgten in den Fluren und größeren Räumen für eine angenehme Kühle. Was mich verwunderte: Vom Volk der Phäaken hatte ich vorher nichts erfahren.
Träumte ich das alles nur?
Als ein Sänger des Hofes eines Abends mir zu Ehren Lieder über Troja vortrug, erinnerte ich mich plötzlich wieder an den Großen Krieg. Die Schleier des Vergessens lichteten sich langsam. Was ich über die Helden hörte, schmeichelte mir irgendwie, doch es entsprach nicht der Wahrheit. Die Helden wurden als gottähnliche Wesen dargestellt. Das war falsch, und ich sagte es nach dem Vortrag zum Erstaunen der adligen Zuhörer. Mit einem Mal, es war der siebte Abend, an dem der Sänger die Geschichte Trojas aus seiner Sicht wiedergab, wusste ich plötzlich, wer ich war. Ich sprang auf, stellte mich auf einen kleinen Tisch und rief in den mit vielen Gästen gefüllten Saal hinein: „Ich weiß nun, wer ich bin. . . wer ich war: Ich bin Odysseus, der Ithaker König, der Zerstörer Trojas!“
Von diesem Abend an erzählte ich meine Version des Großen Krieges. Und ich berichtete der königlichen Familie und den anwesenden Edlen des Reiches in groben Zügen von meinen Irrfahrten, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Und von meiner Heimat Ithaka, von Penelope, meinem schönen Weibe, und von Dir, meinem inzwischen erwachsenen Sohn.
Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis ich die Welt um mich herum wiederentdeckte und mein komplettes Gedächtnis zurückerhielt. Erst dann war ich wieder der alte Odysseus und erinnerte mich an mein früheres, abenteuerliches Leben. Mit einem Mal war ich wieder trunken vor Glück und spürte den Drang in mir, endlich nach Ithaka zurückzukehren. Ich redete wieder. Ich lachte, tanzte und trank. Ich erinnerte mich an jede Kleinigkeit. Ich hatte meine alte Körperkraft zurück und entwickelte wieder viele kühne Pläne.
König Alkinoos stellte mir daraufhin eines Tages - neben vielen erlesenen Gastgeschenken - ein tüchtiges Schiff für die Heimreise zur Verfügung. Er hatte gespürt, was mich aus seinem Reich forttrieb. Die liebliche Nausikaa, die sich in mich verliebt hatte, ließ ich weinend zurück. Auch sie konnte mich nicht aufhalten! Endlich wollte ich in meine Heimat zurückkehren.
Ich wusste, als sich die Küste der Insel Scheria von meinem Schiff langsam entfernte, dass man nicht immer die Götter verantwortlich machen darf, wenn man seinen Verstand verliert. Dass unbotmäßige, lüsterne Freier mich auf Ithaka für tot hielten, meinen Sohn Telemachos sogar ermorden und meine Frau Penelope mit Gewalt vermählen wollten – das alles ahnte ich nicht, als ich die gastfreundliche Insel der fröhlichen Phäaken verließ: Dankbar für die Rettung aus Dunkelheit und Sprachlosigkeit und Trauer. Ich war in diesem Moment jedoch kein wirklich glücklicher Mann: Ich hatte mit einem Mal Angst vor der Rückkehr in meine Heimat und vor dem, was mich nach zwanzig Jahren der Abwesenheit dort erwarten würde. Wie eine dunkle Wolke lag die Ungewissheit über meiner anfänglichen Freude.
Dein Vater Odysseus war als dreißigjähriger König in den Krieg gezogen. Gut gelaunt und voller Tatendrang wie alle jungen Männer Griechenlands. Es war die Freude, endlich einmal seine Kraft zu messen mit anderen Helden: Hinauszukommen aus der heimatlichen Enge und ruhmreich zurückzukehren. Ich glaube, junge Menschen jeder neuen Generation denken so naiv. Nun sollte ich aber als ein fünfzigjähriger mittelloser Veteran zurückkehren. Mit Zweifel im Herzen: Würde mich Penelope wiedererkennen, würde sie mich noch akzeptieren, gar lieben? Wie würde die erste Begegnung nach so langer Zeit aussehen? Viele Fragen schossen mir durch den Kopf.
War mein Leidensweg immer noch nicht beendet? Ich wusste nur, dass ich nicht in den prächtigen Gewändern, die mir der König geschenkt hatte, in Ithaka an Land gehen konnte. Ich entschied mich für eine Verkleidung, um unerkannt zu landen: Ich wählte Lumpen. Der König kehrte als Bettelmann in sein Reich zurück! Mit einem Mal wurde mir deutlich bewusst:
Ich war in der Wirklichkeit angekommen!
Wer zwanzig Jahre fortgewesen, verschollen, für tot erklärt worden war, der nichts besaß, außer den Geschenken der Phäaken und dem unbeugsamen Willen zu seiner Familie und in sein Königreich zurückzukehren, der durfte nichts erwarten. Es kostete viel Kraft zu begreifen, dass man ein Niemand war, ein Fremder im eigenen Haus. Von niemandem erkannt, mit Ausnahme seines alten Hundes. Nicht einmal erkannt von seiner eigenen Frau. Trübsal wich der Erkenntnis, die mich antrieb, die mich zur Rache veranlasste: Mögen mich die Freier hassen, wenn sie mich nur fürchten!
Die Sache mit dem Pferd.
. . . meinem Sohn Telemachos erzählt, der sich sofort bereitfand, als mein Chronist zu fungieren. Er will meine Erinnerungen als erster erfahren.
Vom Vater selbst. Fünf Jahre nach dessen Rückkehr in das Inselreich Ithaka.
Wir sitzen am Kamin im großen Königssaal meines Palastes, den Penelope mit neuen Vorhängen dekoriert hat, um den kalten Stein ein wenig wärmer erscheinen zu lassen. Von hier oben hat man einen wundervollen Blick auf die sandigen Buchten, in denen die Fischer ihre Boote und Netze reparieren, denn der Haupthafen ist unseren großen Handels- und Kriegsschiffen vorbehalten. Das Wasser ist kristallklar und lädt zum Baden und Schwimmen ein, was viele meiner Landsleute regelmäßig mit Vergnügen absolvieren. In einer großen Amphore sind heute Morgen rote und weiße Oleanderzweige kunstvoll drapiert, der neue Holztisch, den Telemachos in unserer Werft hat zuschneiden und zusammenbauen lassen, riecht nach frischem Holz und Leim. An der Stirnwand des Palastes hat der berühmte Freskenmaler und Bildhauer Aristokles von Paros zwei Jahre zuvor eine Szene aus dem Trojanischen Krieg geschaffen: Den Einzug des hölzernen Pferdes in die Stadtmauern von Troja. In der Mitte des Raumes schuf er außerdem ein wunderbares Mosaik, das meinem Antlitz ähnlich sein soll: mit rötlichen Haaren und einem gepflegten rötlichen Bart. Es ist auf meinen Befehl hin mit einer kleinen Mauer umgeben, damit es nicht ständig mit Füßen getreten wird, wenn Gäste oder Dienerinnen und Diener den Raum durchqueren.
Mein Sohn und ich haben gerade eine zarte Lammkeule verspeist, die unsere Küche mit reichlich Knoblauch gespickt hatte, und trinken dazu den süßen Samoswein aus silbernen Bechern. Der Mensch lebt eben nicht von Brot allein. Die Scheite brennen lichterloh, rote Flammen züngeln auf unseren Gesichtern, denn noch sind die Nächte des Vorfrühlings kalt und feucht. Winterstürme weichen der Märzsonne, doch die Regenzeit ist noch nicht vorüber. Ich ringe mit mir, ob ich dieses Vorhaben tatsächlich durchführen soll. Ich bin nicht glücklich über meine Entscheidung. Telemachos lacht mir zu und nickt aufmunternd, nachdem er versprochen hat, mich und meine Gedankenflut nicht ständig mit Fragen zu unterbrechen. „Nur Mut, Vater, ich bin neugierig, Deine Geschichten zu erfahren. Jemand muss doch einmal die Wahrheit sagen über Troja und die zehn Jahre danach.“
„Roter Schleim des Hades“
Immer der gleiche Traum: Penelope steht auf
der Kaimauer. Sie starrt in eine Richtung. Dorthin,
wo die Schiffe kommen und gehen. Oft Stunden lang.
Wunderschön. Einsam. Voller Trauer. Verletzlich.
Sie wartet auf ihren Mann und König.
Zwanzig Jahre lang.
Es scheint mir eine Beichte zu werden, mein Sohn. Wie ein Stück vom Leben. Was die Dichter über mich singen, wenn sie die Höfe der Herrscher aufsuchen oder auf den Märkten ihr Publikum finden und über den großen Krieg berichten und über den Helden Odysseus, der zehn Jahre über die Meere irrte wie ein Flüchtling, dann sind die Inhalte sehr verschieden und werden von Mal zu Mal unglaubwürdiger. Warum können die Menschen nicht bei der Wahrheit bleiben?
Da ich der einzige Überlebende bin, der die Heimat Ithaka nach zehn Jahren erreichte, können die Erzählungen über mich und meine Gefährten nur falsch sein. Ich, Odysseus, kenne die wahren Begebenheiten. Nur ich! Also können die Erzähler nicht die Wahrheit sprechen. Ich sage heute: Um die griechische Zivilisation zu verbreiten, müssen wir, musste auch ich, bereit sein, zu lernen. So war ich gezwungen, mitanzusehen, wie elf meiner Schiffe vernichtet wurden. Der Mensch neigt dazu, über Dinge zu reden und zu urteilen, die er nicht erlebt hat und daher auch nicht versteht. Er mischt sich ein. Er maßregelt und beurteilt. Er spottet und sagt falsch Zeugnis aus. Er lügt, nur, um sich selbst ins rechte Licht zu setzen. Das will ich nicht. Niemals. Ich will endlich Schluss machen mit den Anekdoten und Lügen, mit den Übertreibungen und mit dem haarsträubenden Unsinn.
Ich frage mich wirklich, wie so etwas entstehen kann. Der Mensch neigt zu Übertreibungen und irrealen Verhaltensformen, er glaubt, nur er sei in der Lage, die Wahrheit zu erzählen. Das ist ein Irrtum: Der Mensch ist zu schwach, um die Wahrheit zu berichten und zu ertragen. Also lügt er. Vielleicht kommt eines Tages ein Gott und zeigt uns den rechten Weg. Es ist wohl so, dass der Glaube nicht nur Berge versetzt, sondern auch den Fortschritt mit Füßen tritt, nur, um eine zeitlose neue Macht zu erlangen. Gutes wird in den Dreck gezogen, weil nicht sein darf, was nicht sein kann. Das Gute wird abgelehnt, weil der neue Glaube nur sich selbst sieht. Weil er für sich beansprucht, er sei der wahre Glaube. War denn alles falsch, was der Mensch Jahrhunderte vorher geglaubt hat? Wer entscheidet, was der wahre Glaube ist? Mich plagen diese Fragen. Ich will versuchen, ehrlich zu sein und dazu beitragen, das Maß der Dinge zu erkennen.
Ich bin durch die Welt gereist, um davon zu erzählen, wie die Gegenwart ist und wie die Zukunft sein wird. Ist das anmaßend oder gar größenwahnsinnig? Ich habe den Eindruck, niemand interessiert sich für die Wahrheit. Niemand möchte erfahren, was geschah, was wir in Troja anrichteten. Denn es kann nicht sein, das Troja eine Lüge war, der Krieg nur aus einer Laune heraus oder einer falschen Motivation wegen stattfand. Mir scheint, niemand will die Wahrheit wissen, weil es ja so einfach ist, jeden Unsinn zu glauben. So entstehen Legenden und Fantastereien, falsche Heldentaten und ebenso falsche Helden. Was zeichnet einen Helden aus? Sind es die außergewöhnliche Tat, seine Brutalität und seine Körperkraft? Ist es der Vorteil seiner Waffen, ist es nur Glück oder die Schwäche des Gegners? Frauen mögen Helden, auch wenn sie es nicht zugeben wollen. Frauen sind stark, doch im Inneren lieben sie auch Männer, die Charisma haben, die wissen, was sein muss. Mich nennt man solch einen Mann!
Als ich zurückgekehrt war und mit blutigen Händen, rasend vor Wut und Eifersucht, die Freier niedergemetzelt hatte und vor Deiner Mutter stand, war das Entsetzen groß. Odysseus, den sie sich so sehr zurückersehnte, war als Rächer erschienen. Blutüberströmt stand ich vor ihr. Entsetzen sah ich in ihrem schönen Gesicht und Trauer. Diesen Mann kannte sie nicht mehr. Es dauerte Wochen, bis sie ihre Scheu ablegte und wir uns wieder wie ein Liebenspaar aufführten. Wir hatten Angst vor einer Enttäuschung, unsere Gefühle mussten erst wieder sortiert werden, die Erfüllung musste warten. Dann, als wir uns erneut vertrauten, uns gegenseitig unsere Gefühle zeigten, erste Zärtlichkeiten austauschten, blieben wir eine Woche in unserem Schlafzimmer. Eine Woche, in der wir liebten, lachten, unsere Körper wieder neu entdeckten, wie junge Fohlen. Nur Speisen und Getränke durfte die alte Eurykleia servieren. Es war ein nimmer endender Liebesreigen, ein Rausch, ein wildes Verlangen, Erfüllung, dann wieder zärtliches Tasten. Schwüre. Aufmunterungen. Neue Kraft sammeln für zwei sich fremdgewordene Menschen, die ihre vertraute Nähe suchten und sich dann wiederfanden. Als ich Penelope nackt vor mir sah, so wie ich sie mir in den zwanzig Jahren der Abwesenheit vorgestellt hatte, war ich rasend vor Verlangen. In ihrem Gesicht spiegelte sich das ganze Glück der Welt, unserer Welt. Es mischten sich auch Tränen mit lautem Stöhnen in diesem alten, quietschenden Bett. Unsere Körper fochten einen Liebeskampf aus, bei dem es keine Verlierer gab. Wenn wir ermattet niedersanken, für einen kurzen Moment neue Kräfte sammelten, dann flüstertet wir uns zärtliche Worte zu, um uns später erneut zu lieben bis zur Erschöpfung. Wir liebten uns im Bad, auf der Terrasse, am Strand und spontan auch im Pferdestall, als wir einen Ausritt geplant hatten, und wir dann doch lieber ins Heu sanken. Was für eine Woche! Wie ausgehungerte Seelen fielen wir über uns her, neue Spiele zu entdecken, ungeahnt, liebend, versunken, rauschhaft, ermattet. Bewusst höchste Lust! Unser Wiedersehen wurde ein Liebesfest, wie ich es mir vorgestellt hatte in all den Jahren. Sehnsucht löste sich in Sucht auf, in ein beiderseitiges heftiges Verlangen. Penelope, die mir ihren Leib entgegenstreckte, bis wir zu einer Einheit verschmolzen, lachend vor Erwartung. Hat es je solch ein Liebespaar gegeben? Alles war nach dieser Woche verziehen. Mehr Glück konnte es nicht geben. Ich fragte Penelope: „Haben die Götter mir verziehen?“ Sie antwortete zärtlich: „Ja, sie haben Dir vergeben.“
Was für ein Mensch muss das wohl sein?
Diese Märchenerzähler kennen mich nicht, sie wissen nichts über diesen mutigen Mann, der einst, getrieben von der Neugierde eines Reisenden und dem Fluch der Götter, seine Insel Ithaka und seine Frau verließ. Was für ein Mensch muss das wohl sein, fragen sie sich. Das frage ich mich ebenfalls, denn ich habe begriffen, dass zum Ruhm der berühmten Helden immer auch etwas von der Blödheit der Bewunderer gehört. Sie nennen mich einen brillanten Redner, aber auch einen talentierten Ränkeschmied und ein Schlitzohr. Warum sprühen Neider immer so viel Gift aus? Ich habe den Eindruck, der Mensch möchte die Wahrheit nicht wirklich erfahren. Er flüchtet sich in eine Schönfärberei, lässt das Grauen des Krieges einfach verschwinden hinter der Mauer der Scheinheiligkeit. Ist das normal, frage ich Dich? Die Chronisten stricken sich ihre Wahrheit einäugig zusammen, sie machen aus dem Grauen eine bewundernswerte Angelegenheit. Ihre Rechtfertigung ist der Versuch, Unrecht zu legalisieren. Brutalität zu beschönigen und Unmenschlichkeit zu vertuschen. Oder ist es nur eine überhebliche Wichtigtuerei, die Menschen veranlasst, Mythen zu verbreiten, um sich selbst in ein strahlendes Licht zu stellen? Ich erlebte eine Zeit, in der ich an mir selbst zweifelte.
Ich träume heute nicht mehr so viel. Es waren wilde Erlebnisse, die mich überfielen. Man sagt, Menschen, die träumen, würden verschlüsselte Wahrheiten über sich selbst und ihre Umwelt erfahren. Einig sind sich die Auguren darin: Träume spiegeln Erfahrungen aus dem Alltag wider, behaupten sie. Die Dinge, die uns wichtig seien, kämen auch im Traum vor. Doch morgens - nach dem Aufwachen - war die Verwirrung bei mir erst einmal groß. Denn die nächtlichen Bilder aus dem Kopf ergaben zunächst nur bedingt Sinn – manchmal erschienen sie mir auch völlig sinnlos. Die Realität in der Erinnerung und die der Träume verwischten sich. Ich wusste nicht mehr, was tatsächlich geschehen war. Ich hatte das Gefühl, meinen Verstand zu verlieren. Mit schien, jemand wollte mich auf den Arm nehmen, foppen und verwirren. Kein Wunder, denn die Verbindung zwischen Träumen und realen Alltagserfahrungen lassen sich nur selten direkt erkennen. Es führte dazu, dass ich meine Erlebnisse bald für Träume hielt und die Träume für die Wahrheit. Man verliert bald die Achtung vor sich selbst, mein Sohn. Die Fragen, die mich quälten: Circe nur ein Traum? Polyphem ebenso, Kalypso auch? Troja nur ein Hirngespinst? Hatte der Große Krieg in Troja überhaupt stattgefunden? Waren die Heldentaten nur in meiner Fantasie entstanden, von einem Gott mir im Traum gesandt, um einen großen, unsterblichen Mythos zu schaffen? Trotzdem wundere ich mich, dass griechische Mythologie ein so großes Thema für Menschen außerhalb Griechenlands ist. Ich hatte vielmehr einen anderen Hintergedanken: Ich wollte reisen, Europa entdecken, Neues erleben.
Meine Einsamkeit wuchs
Telemachos, ich hatte niemand, mit dem ich meine Zweifel hätte besprechen können. So wuchs meine Einsamkeit selbst in Eurer Gegenwart. Kann ein Mensch mehr leiden? Ich verstummte mit der Zeit und spürte Eure Zweifel an meinen spärlichen Erklärungen. Die Träume führten mich an den Rand des Wahnsinns. Ein Traum verfolgte mich regelmäßig: Ich begegnete Deiner Mutter in vielerlei Gestalt: Mal als Zeus, als ein Riese, als Hirte, als Wagenlenker, als Saufbold und Rüpel, als Faun – doch nie als Odysseus. Penelope behandelte mich in den Träumen höflich und respektvoll, doch sie wies mich stets zurück, blieb hartherzig und bestimmt. Mit der Zeit bewunderte ich ihre Standhaftigkeit und Würde. Es entstand das Bild einer stolzen, leidgeprüften, treuen Ehefrau. Während die Inhalte meiner Irrfahrten den Zweifel an mir selbst nährten. Was war Erfindung, was war Realität, was Unsinn und Übertreibung? Auch in der heutigen Zeit versuchen wir, unsere Träume zu deuten. Obwohl wir keine höhere Macht mehr hinter ihnen vermuten, ahnen wir, dass Träume uns etwas erzählen wollen. Etwas, das im Verborgenen schlummert, in unserem Unterbewusstsein verankert ist und sich im Traum seinen Weg in unser Bewusstsein bahnt. Was wir träumen, ist oft etwas, das wir erlebt oder glauben erlebt zu haben und nicht verarbeiten können. Es kann auch etwas sein, das wir verdrängen, uns herbeisehnen oder etwas, vor dem wir uns fürchten. Denn im Traum ist uns Menschen alles möglich.
Noch einmal: Ist mein Leben, sind meine zwanzig Jahre in Troja und danach in Wirklichkeit nur ein böser Traum gewesen? Odysseus nur ein Spielball der launenhaften Götter? Wenn ich morgens erwachte, überfiel mich eine merkwürdige Panik: War ich auf dem Weg, meinen Verstand zu verlieren? Niemand außer mir kannte doch die unglaublichen Erlebnisse. Keine Überlebenden, also keine Legenden! Was war geschehen mit Odysseus? Ich quälte mich viele Jahre und schwieg. Ich war mir nicht mehr sicher, was mit mir und meinen Männern geschehen war. War alles nur eine traumhafte Fantasie eines müden Helden? Wer wird mir noch glauben? Alles Erlebte nur Schwindel, Lügengeschichten eines verstörten Geistes? Wer könnte meine Erzählungen bestätigen, fragte ich mich oft? Solange ich lebe, kann ich als Zeuge meine Fahrten bestätigen, doch wer bezeugt nach meinem Tod all diese unglaublichen Erlebnisse? Was bleibt übrig von den wundersamen Heldentaten? Ich kam zu dem Schluss: Jemand muss meine Schilderungen niederschreiben! Deine Mutter weiß von meinem Plan. Sie empfahl mir, einem Dichter meine Erlebnisse zu erzählen, einem Mann, dem ich vertrauen könne.
Es sind diese schmerzhaften Zweifel, die mich quälten, die erst seit ein paar Monaten verschwunden sind. Ich glaube, heute alles klar vor mir zu sehen: Troja und meine Reisen. Mein Verstand scheint geordnet, mein Gedächtnis erstarkt zu sein. Der innere Kampf ist beendet, klar stehe ich vor meinem Leben und den Erinnerungen. Ich glaube, es war gut, dass Penelope und Du mich nicht fortwährend ausgefragt und gequält haben. Heute ist der Knoten entflochten. Ich fühle mich wie befreit, denn ich denke, ich habe einen klugen Kopf gefunden. Vielleicht besucht er mich. Ich warte noch auf seine Antwort.
Dieser Dichter bat mich aus eigenem Willen um ein Gespräch. Sein Name lautet Melesigenes, doch er schreibt auch, wie ich erfahren konnte, unter dem Pseudonym Homer erste Gedichte. Niemand kennt ihn, doch in Smyrna hat er bereits einen guten Ruf. Ich hoffe, er ist kein Scharlatan, keiner dieser falschen Chronisten, die die Geschichte verfälschen, um sich selbst wichtig zu nehmen. Die Macht des Wortes wird oft verkannt: Worte können zu einer verbalen Waffe werden, schärfer als ein Schwert. Doch mir wird die Welt glauben! Niemand wird meine Berichte anzweifeln. Warten wir also auf die Antwort dieses Schreibers!
Warum quälen die Götter uns Menschen auf diese brutale Weise? Heute weiß ich, mein Sohn: Es ist viel mehr wert, jederzeit die Achtung der Menschen zu erleben als ihre Bewunderung. Ich bin sehr vorsichtig damit, aus meiner heutigen bequemen Situation, in der ich mich befinde, jemanden zu kritisieren oder zu verurteilen, der sich im großen Krieg so oder so benommen hat. Das liegt mir fern. Schuld darf ich nicht bei anderen, ich muss sie allein bei mir suchen. Es gehört offenbar zu den menschlichen Überlebenskünsten, den widrigen Umständen und Erlebnissen immer auch etwas Positives abzugewinnen. Probleme als schicksalshafte Herausforderungen zu begreifen, das lernte ich sehr früh. Doch ich sage heute auch: Krieg ist etwas Grausames, jeder vernünftige Mensch sollte Kriege ablehnen. Wie kann der Tod etwas Großes sein, etwas zwingend Notwendiges? Ich denke viel darüber nach, weil ich mich schuldig fühle, obwohl ich weiß, dass meine Kameraden das anders sahen: Sie rechtfertigen unsere Brutalität und den Völkermord an den Trojanern. Ich finde, die Welt soll, sie muss erfahren, was tatsächlich geschah! Sie muss wissen, dass wir Unrecht taten, als wir zu den Dardanellen aufbrachen, um Tod und Leid über ein Volk zu bringen, das wir beneideten.
Ich wäre gerne ein Greif
Heute Morgen, als ich nach einer ruhigen Nacht auf unsere große Terrasse trat, um einige Körperübungen zu absolvieren - ich trainiere jetzt sehr gerne mit einem großen Kieselstein, den ich abwechselnd in die linke und rechte Hand nehme - beobachtete ich ein Rotmilan-Paar, wie es über unserem Palast seine Kreise zog. Es kommt inzwischen an jedem regenfreien Tag zu uns, so, als wollten mich die beiden begrüßen. Manchmal landen sie mit ihren großen Schwingen auf einer der dicken Mauern, die meinen Palast umgeben. Ich mag diese stolzen Greifvögel. Irgendwie fühle ich mich mit ihnen verwandt. Wenn ich ein Vogel sein müsste, ich würde mich für einen Milan oder einen Steinadler entscheiden. Ihre Majestät, ihre Eleganz und ihre Unabhängigkeit beeindruckten mich schon als Kind, als ich mit meinem Vater Laertes im Gebirge wanderte und die stolzen Flieger beobachtete. Mein Vater sagte damals: „Falkner sehen in ihren Vögeln das Spiegelbild der eigenen Seele.“ Wir setzten damals auch Falken zur Beizjagd ein, doch leider ist diese edle Form der Jagd aus der Mode gekommen. Im Gegensatz zu uns Menschen tötet ein Greif nur dann, wenn er Hunger hat . . . Es dauerte sicher eine halbe Stunde, bis die beiden Vögel landeinwärts flogen. Ob sie meine Handbewegungen wohl erkannt haben? Wir sollten eine große Schale mit frischem Fleisch aufstellen, um sie zu locken, wie es die Trojaner praktizierten, die diese Vögel sehr verehrten. Manchmal, wenn ich die beiden Jäger beobachte, träume ich davon, wie ich mit Penelope davonfliege, denn auch Milane und Adler bleiben ein Leben lang als Paar zusammen.
Wie unscheinbar ein Mensch ist, erlebte ich eindrucksvoll auf der großen Insel Trinacria. Mein Sohn, wer einmal vom zerklüfteten Rand des großen Kraters in das Auge des Ätna geblickt hat, der spürt die Macht der Götter, der fühlt diese eruptive Kraft, die aus dem Inneren der Erde an das Tageslicht strömt. Glühende Erde, ich nannte sie damals überheblich „Schleim des Hades“, und der Gestank der Hölle vereint - das Erlebnis vergisst keiner, der dies je erlebt hat. Wenn der Boden schwankt und die Menschen ihre Häuser fluchtartig verlassen, wenn sie dankbar auf die Knie fallen, den Göttern danken, da der mächtige Feuerberg sie diesmal verschont hat. Du musst die dreieckige Insel des Hephaistos besuchen, um zu erleben, wie klein, wie machtlos der Mensch gegenüber dieser göttlichen Naturgewalt ist. Hier sind uns Menschen Grenzen gesetzt, so sehr wir uns auch bemühen, mehr zu sein, als wir sind. Es war der für mich imposanteste Eindruck, der mich in den zehn Jahren meiner Irrfahrt bewegte. Der Glutberg Ätna: Götterwerk und menschenverachtend zugleich. Wie unbedeutend der Mensch wird, wenn er im Angesicht der Götter versucht, es den Unsterblichen gleichzutun. Die Insel des Feuers und der Zyklopen wird ewig ihren Schrecken behalten. Und doch ist Syrakusai im Osten eine wunderbare Polis, mit gebildeten Menschen - der angenehme Gegenpol zu den wilden Riesen an der Nordküste. Du merkst, wie schwer es mir fällt, meine Erinnerungen zu sortieren. Die Natur, der Götter allmächtige Welt, mein Sohn, ist nicht zu erobern und zu besiegen, denn wir Menschen sind ein Teil davon, der schwächere Teil. Ich habe meine Lektion gelernt, sich nicht gegen die Natur - also gegen die Götter - zu stellen. Auch wenn ich meine Zweifel habe. . .
Warum tue ich mir das an, frage ich Dich allen Ernstes! Meine Beichte ist nicht für jedermanns Ohren bestimmt. Wenn ich hier in der Königshalle sitze, esse, trinke und mit Dir diskutiere, dem betörenden Flötenspiel unserer Hirten lausche, dann rieche ich immer noch das warme Blut, das ich hier vergoss, dann höre ich die Schreie und die Flüche der Sterbenden. Ich sehe sie dann wieder vor mir, die arroganten Freier, über vierzig lüsterne, angetrunkene und überhebliche Männer, die meinen Thron mir rauben und meine Frau in ihre Betten zerren wollten. Ich sehe sie dann alle vor mir: Brutal und feist und fröhlich. Und ich sehe Euer Entsetzen und die Ohnmacht, sich gegen diese Bande zu erwehren. Wieder und wieder erinnere ich mich an diese Heimkehr. Die Erinnerungen verschönen das Leben, behaupten unsere Dichter. Aber das Vergessen allein macht es erträglich. Ich ringe oft mit dem Vergessen, doch die Erinnerung besiegt das Vergangene. Sie holt mich immer ein.
Als ich mich Dir zu erkennen gab, weinten wir lange und hielten uns in den Armen. Deine Suche nach mir war zu Ende: Dein verloren geglaubter Vater lebte und musste sich erneut seinen Thron zurückerobern. Was für eine unwürdige Heimkehr, doch alle Dinge geschehen aus Notwendigkeit! Auch dies gehört zu meinem unruhigen Leben, zu meinen Erinnerungen, die ich Dir jetzt zu erzählen versuche.
Ich bin etwas verwirrt, das gebe ich zu, denn was ich zu berichten habe, ist so ungeheuerlich, dass es wie ein Märchen klingt. Wirst Du mir glauben können? Der Sohn dem Vater, dessen Namen jeder kennt? Weißt Du, lieber Telemachos, Ruhm ist für jeden Menschen etwas anderes. Manche glauben, dass Ruhm der Beweis dafür ist, wie berüchtigt einer in Wirklichkeit gewesen ist. Berühmte Helden werden heute als folgsame Botschafter zwischen den Menschen und den Göttern bezeichnet. Ich sehe das nicht so: Ruhm ist Glücksache, Können und Talent und Fleiß auch, aber oft nur den Launen eines Gottes geschuldet. Für mich gehört zum Ruhm auch der Charakter eines Menschen. Wer ein Berserker ist, der führt kein ruhmreiches Leben. Ein Mörder kann kein wahrer Held sein, ebenso wenig ein Vieltöter und ein Massenschlächter. Ich frage Dich: Gehören nicht auch Ehre und Gnade, Anstand und Wohlwollen, sicher aber auch Ritterlichkeit zu einem ruhmreichen Leben? Viele behaupten ja, Held sein ist griechisch. Kritiker nennen den Ruhm die höchste Stufe der Freiheit und der Eitelkeit! Die Freiheit besteht darin, dass man alles tun kann, was einem anderen nicht schadet. Dabei nannte mich Athene, so wird von Deiner Mutter behauptet, „beherzt, listenreich und erfinderisch“. Sie lobte meine „Zungenfertigkeit, meinen Mut und das Wölfische“. Odysseus, der „Wolf mit Seefahrerblut in den Adern“. Sie meinte wohl: Es muss verschiedene Rangstufen geben, da alle Menschen herrschen wollen und nicht alle es wirklich können . . .
Mir waren immer Menschen sehr unsympathisch, die blindlings in die Tempel strömten und eine Gottgläubigkeit an den Tag legten, deren Oberflächlichkeit sofort erkennbar wurde. Ein kluger Grieche dagegen konnte kaum an die Sagen- und Märchenwelt der Götterfiguren auf dem Olymp glauben. Und doch spürte auch ich in den vergangenen beiden Jahrzehnten Mächte, die in mein Leben traten. Eine Kraft umgab mich, die mir zu denken gab, die mein Handeln beeinflusste. Oft hatte ich das Gefühl, wie unter einem Zwang handeln zu müssen, obwohl es mir widerstrebte. Das muss etwas von dieser Göttlichkeit gewesen sein. Der gebildete Mensch lehnt die unsterblichen Götter ab, weil er glaubt, durch seine Bildung die Dinge besser sortieren zu können als der einfache Mensch, der weder Schreiben noch Lesen kann. Die Göttergeschichten seien etwas für die Ungebildeten, die Analphabeten und Unwissenden. Wir denken, die Menschen sind dem Schicksal und den allmächtigen Göttern willenlos ausgeliefert. So denke das dumme Volk, glauben wir überheblich. Das stimmt einfach nicht, ich selbst habe Momente erlebt, in denen ich verzweifelt um den Beistand der Götter flehte. Manchmal erhöhten sie mein Flehen, oft leider nicht. Oft pries ich sie, dann wiederum verfluchte ich sie. Mit jedem Mal begriff ich das Kräftespiel, das uns Menschen auferlegt wurde, um zu überleben, um überhaupt ein geordnetes Leben führen zu können. Ich begriff die Ordnung, die hinter allem steht. Die Gesetzmäßigkeit, die unser Zusammenleben erst ermöglicht. Deshalb braucht der Mensch Götter. Hätte er sie nicht, er müsste verzweifeln sein Leben lang. Also schuf er sich eine Götterwelt, in der er sich wiederfand und die sich doch dem Begreifen entzog. Ich trage heute die Bilder in mir, sie sind ein Teil von mir geworden. Aber sie sind kein Teil von mir, auf das ich stolz sein kann. Späte Reue entschuldigt frühe Fehler nicht. Ich kann nur hoffen, dass mir Absolution widerfährt.
Als ich auf meiner Rückkehr im großen Poseidon-Tempel am Kap Sounion weilte, spürte ich etwas in mir und um mich herum, für das ich keine Erklärung fand. Gerade der gigantische Sonnenuntergang hatte etwas Göttliches, ohne Zweifel. Beeindruckt von den unglaublichen Farben, den kräftigen Wellen, dem Geruch des Meeres und dem klagenden Geschrei der Möwen, betete ich dankbar zu dem grimmigen Meeresgott - trotz der zahlreichen Entbehrungen und Ärgernisse - für eine möglichst baldige und gesunde Heimkehr nach Ithaka. Ich fühlte mit einem Mal die Nähe Poseidons. Er schien mir vergeben zu haben. Vielleicht war es auch nur der heilige Ort, der meine Sinne beeinflusste.
Telemachos, es ist immer noch schwer für mich, mein bisheriges Leben zu verarbeiten. Die Gedanken rasen mir durch den Schädel. Es war einfach zu viel. Ich hatte es mir mit den Göttern verscherzt, sodass sie mich mit lebensbedrohenden Prüfungen bestraften. Sie schickten mich zu menschenfressenden Ungeheuern, sogar ins Totenreich und zu Zauberinnen, trieben mich fast in den Wahnsinn und raubten mir mein Gedächtnis. Sie ließen mich Orkane überleben und Erdbeben, ließen mich ständig vom Heimatkurs abkommen und machten mich zum Zwangsgeliebten einer Göttin. Mein Sohn: Mit über 500 Mann stach ich in See und als einzig Überlebender kehrte ich zwanzig Jahre später nach Ithaka zurück. Ist dieses Resultat des Lobes wert? Wer wird mir meine Erlebnisse glauben? Ich spüre selbst, dass mein Leben ungewöhnlich verlaufen ist, sagenhaft und voll fabelhafter Inhalte, die nie ein Mensch vorher erlebte. Soll ich nicht besser schweigen? Wäre ich nicht glücklicher geworden, wäre ich zu Hause geblieben?
Ich stelle mir heute immer noch die Frage: Wie kann ein Mensch sieben Jahre auf der Insel Ogygia, die von den Einheimischen Meli genannt wird, verbringen, im Kopf offenbar verwirrt, in den Armen der wunderschönen Nymphe Kalypso? Eine Antwort können nur die allwissenden Götter geben. Du hast die Frage nach Kalypso nicht gestellt, dafür danke ich Dir, lieber Telemachos. Doch ich werde Dir davon berichten, denn es waren sieben Jahre, in denen ich auf ihrer Insel festgehalten wurde, nachdem mein Schiff gesunken und meine Gefährten ertrunken waren. Sieben Jahre, von denen ich kaum etwas erinnere - nur das wohlfeile Leben eines Tagträumers, eines Taugenichts, der sich von einer Göttin verwöhnen und aushalten ließ. Ich kam mir vor wie ein Vögelknecht und schäme mich heute dafür!
Kalypso war eine kluge Frau, die sich von den weiblichen Bewohnern der Insel schon optisch unterschied, denn sie hatte nicht diesen auf Meli üblichen Fettsteiß, den die Frauen zu einem Schönheitsideal erklärt hatten und den Männern offenbar gefiel. Die Nymphe war eine sehr frauliche Erscheinung mit einem wohlgeformten Leib, rötlichen Lockenhaaren und einer wohlklingenden Stimme. Was mir sofort auffiel, waren die feinen Züge, der braune Teint und leuchtende, honigfarbene Augen. Es war merkwürdig, obwohl ich mich von ihr hingezogen fühlte, wurde ich mit ihr nicht warm, nicht wirklich glücklich. Auf der anderen Seite begehrte ich sie und ihre weiblichen Vorzüge. Bei ihr hatte ich - wie bei Deiner Mutter ebenfalls - den Eindruck, dass künftig Frauen mehr zu sagen bekommen. Das typisch männliche Gehabe bei den Griechen weicht einer femininen gleichbedeutenden Macht, wie wir sie ja schon bei den Amazonen kennen und beim orientalischen Matriarchat. Merke Dir, mein Sohn: Wenn eine Frau schweigt, soll man sie auf keinen Fall unterbrechen. . . denn Kalypso erzählte sehr viel, was meist unterhaltsam war. Mit der Zeit verstand ich mehr vom Spiel der Götter mit uns Menschen.
Kalypso überschüttete mich mit allen nur erdenklichen Genüssen, sie beherrschte den Witz und die Sprachgewandtheit einer intelligenten Frau. Sie wollte mich sogar zu ihrem Ehemann auswählen, zum gleichberechtigten Mitregenten - und sie verhieß mir ewige Jugend, also Unsterblichkeit! Welcher Mann wird da nicht schwach?
Sieben Jahre lang gewährte sie dem Schiffbrüchigen auf ihrem Eiland Unterschlupf, sie umgarnte und verführte mich nach allen Regeln der Kunst - jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Und doch geschah ihr Wille. Dieses Vollblutweib lockte mich mit ihren Reizen, das gebe ich zu. Aber irgendetwas warnte mich. Ich lehnte ab, weil mich Zweifel quälten, vielleicht die untrügliche Ahnung von Langeweile, wie sie die Götter heimsucht. Sie sollen sich ja wie Menschen benehmen, weil sie Langeweile haben. Ein trauriges Lied ist mir in Erinnerung geblieben, welches ich in diesen Tagen, von einem jungen Fischer gesungen, oft in der Abenddämmerung hörte: „Ich welke in Deinen immer jungen Armen dahin an dieser stillen Grenze zur normalen Welt. . .“
Vielleicht war es auch eine dunkle Ahnung an Ithaka. Da ich keine Erinnerung an mein Königreich und meine Familie hatte, nicht einmal mehr meinen Namen wusste, verging die Zeit auf Meli ohne nennenswerte Ereignisse. Ich vermisste nichts. Meine Männer und meine Schiffe hatte ich im Laufe der drei Jahre zuvor verloren: Auch in gewaltigen Stürmen, die Poseidon mir sandte. Ich war allein, irgendwie traurig, obwohl ich alles hatte, was das Herz eines Mannes glücklich machen kann. Ich lebte in einer gemütlichen Höhle, die mit einem luxuriösen Aufwand möbliert worden war. Rings um die Grotte wuchs ein Hain aus immergrünen Bäumen, aus Pappelweiden, Zypressen, Pinien und Erlen, in denen verschiedene Vogelarten, auch Raubvögel, lebten, deren Gezwitscher herrliche Musik bedeutete. Vor dem Eingang der gemütlichen Grotte wuchs ein riesiger Weinstock mit herrlich süßen, purpurnen Früchten. Er bedeckte fast die komplette Außenwand der Grotte. Vier Quellen versorgten mich mit labendem Nass. Aus der Ferne hörte ich jeden Tag das rauschende, rastlos lockende Meer, das mich an meine Zeit davor erinnerte, an meine Herkunftsinsel, deren Namen ich vergessen hatte.
Die Göttin und ich hatten alles für ein unbeschwertes Leben: Wein, zartes Wildbret, köstliche Fische, edle Gewänder, Sklaven, die uns jeden Wunsch von den Lippen ablasen. Und doch spürte ich in meinem Inneren, dass etwas nicht stimmte in dieser Welt, die mir mit den Jahren zunehmend unwirklicher erschien. Ich war wie ein Wanderer zwischen zwei Welten, meiner und ihrer. Ich versuchte daher, mir mein eintöniges Leben so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. Ich trainierte meinen Leib, übte mich in den verschiedenen Waffengängen und begeisterte mich an den Spielen, die Kalypso für mich veranstaltete, und ging regelmäßig zur Jagd. Oft besuchten uns berühmte Sänger und Schauspieler, auch Tänzer und Zauberkünstler. In manchen Theaterstücken traten Kalypso und ich sogar als Mitwirkende auf, was wir beide sehr genossen. Ich hatte dennoch das Gefühl, meine Freiheit gegen einen goldenen Käfig eingetauscht zu haben – mit der Zeit wurde mir dieser Müßiggang zu viel, ich sehnte mich nach dem Meer zurück. Meine Neugierde nach dem echten Leben war noch nicht vorbei. Denn eines Tages erinnerte ich mich wieder an den Krieg, an die Zerstörung Trojas, auch wenn ich meinen Namen immer noch nicht wusste.
Die Göttin nannte mich von Anfang an bei meinem richtigen Namen, den ich mit der Zeit dann ebenfalls benutzte: Odysseus, der Vielgereiste. Wenn ich an die Zeit auf Meli zurückblicke, dann frage ich mich heute, wie das geschehen konnte: Wie kann ein Mann sieben Jahre auf einer Insel leben, ohne dass er seine Identität kennt, seinen Namen nicht mehr weiß und seine Heimat ein für ihn unbekannter Ort ist. Das muss erklärt werden, sonst werden sie mich als Lügner beschimpfen. Meine Antwort lautet jedoch: Ich weiß es nicht! Die schöne Nymphe hatte mich erwartet, als ich nach dem Orkan ermattet den Strand erreichte und ohnmächtig wurde. Ich weiß heute nicht, wie lange ich dort gelegen habe, bis mich ein Fischer entdeckte, der die Wachen Kalypsos informierte. Kurze Zeit später trug man mich in einer Sänfte zur Herrin der Insel: Kalypso hieß mich willkommen, indem sie mich mit folgenden Worten begrüßte: „Willkommen auf Meli, Odysseus. Ich habe Dich erwartet, denn Dein Erscheinen wurde mir angekündigt. Hermes, der Götterbote, erklärte mir Dein Problem und Deine Rettung nach dem wütenden Sturm. Ich nenne Dich Odysseus, denn ich weiß, dass Du Dein Gedächtnis auf Wunsch Poseidons verloren hast. Das ist der Pakt für Deine Rettung: Entweder Dein Tod oder Dein Leben an meiner Seite!“ Mehr erfuhr ich nicht von der Nymphe. Kein Wort über Troja, unseren Sieg, meine Irrfahrten. Kalypso behielt das Geheimnis meiner Herkunft für sich.
Sie verwöhnte mich täglich mit immer neuen Einfällen und doch willigte sie eines Tages schweren Herzens ein, als Hermes, vom Olymp gesandt, ihr gebot, mich ziehen zu lassen. Zeus hatte so entschieden. Zehn Jahre seien genug, ich hätte, so erklärte der Götterbote mir, genug gebüßt. Kalypso sagte daraufhin zu Hermes: „Grausam seid ihr und neidischen Herzens, ihr Götter. Jeglicher Göttin verargt ihr die öffentliche Vermählung mit dem sterblichen Manne, den sie zum Gatten erkoren!“
Zu mir sprach sie, als wir allein waren: „Der Abschied von Dir, mein Freund, bricht mir das Herz. Mein Traum geht zu Ende, ein Leben voll von Freude und Liebe. Einen außergewöhnlicheren Mann werde ich wohl nie mehr erobern können. Sieben Jahre Glück sind für mich mehr als ein göttlicher Moment – es waren Jahre der Freude, der Leidenschaft und der Freundschaft. Aber die Götter haben entschieden, dass wir uns trennen. Ich habe seit längerem gespürt, dass das Leben an meiner Seite nicht Dein wahrer Lebenswunsch ist. Du willst zurück in Deine Heimat, obwohl Du nicht einmal ihren Namen kennst. Ich aber sehe Deine Heimkehr bereits vor mir: Sie beginnt mit einem gewaltigen Blutbad, um dann wieder in Frieden und Harmonie zu enden. So wollen es die Götter.“
Hermes nahm Kalypso das Versprechen ab, mir bei meiner Rückkehr zu helfen. Ich baute mir mit ihrer Hilfe ein seetüchtiges Boot, eher ein großes Floß mit Segel und Ruder und Unterschlupf. 30 Bäume fällte ich dafür. Zum Abschied, nachdem sie mich noch einmal eindringlich gebeten hatte, doch bei ihr zu bleiben, übergab sie mir Körbe mit Lebensmittel, Wein und Frischwasser. Außerdem Kleider und einen Beutel mit Goldmünzen. Wir umarmten uns lange: Es rasten die Bilder meines Aufenthaltes durch meinen Kopf - das Liebespaar, die Feste, die Gesänge und die jährlichen feierlichen, religiösen Spiele. Die Göttin weinte und auch mir war zum Weinen zumute, denn ich hatte keinen Grund, ihr böse zu sein. Dann überkam mich ein Gefühl von Freiheit, ich spürte, dass sich mein Leben von diesem Moment an verändern würde, dass meine Zeit der Bestrafung durch den Olymp endlich zu Ende ging. Ich sollte heimkehren nach Ithaka! Erst als ich noch auf der Insel der Phäaken Schiffbruch erlitt und vom dortigen König mit einem Schiff nach Ithaka gebracht wurde, wusste ich, dass mein Irrweg beendet war. Viele Frauen beeinflussten meinen Weg nach Ithaka: Helena, Circe, Kalypso, Nausikaa, schließlich Penelope. Ich war wieder daheim, doch ich kam noch nicht zur Ruhe, ich musste meinen Thron zurückerobern und mich der Liebe Deiner Mutter vergewissern. Sie vergab mir und meine Vergangenheit.
Verzicht auf Unsterblichkeit
Ich frage Dich, mein Sohn: Hat je zuvor ein Mensch zehn Jahre durch den Beschluss der Götter solche Abenteuer erlebt? Ja, überlebt? Mit einem Mal war ich zurück in der Sterblichkeit, konnte mich wieder so bewegen wie ein normaler Mensch. Ich glaube, wir müssen solche Abenteuer erleben, um herauszufinden, wer wir wirklich sind. Ich habe lernen müssen, dass Abenteuer dort beginnen, wo Pläne enden. Ich kann Dir nur raten, mein Sohn: Der, der das Abenteuer sucht, wird neue Welten entdecken können, denn jeder neue Tag ist der Beginn eines neuen Abenteuers. Ich habe es lernen müssen, dass die kleinen Momente die schönsten des Lebens sind, in denen Du begreifst, dass Du im richtigen Moment am richtigen Ort bist und das Richtige tust. Dazu gehört auch der Verzicht auf die Unsterblichkeit, die mir Calypso versprochen hatte.
Ich genieße heute mein Dasein, die Ruhe und den häuslichen Frieden. Ich bin in der Realität angekommen und habe keine Wünsche mehr. Das nenne ich Zufriedenheit. Meine Neugierde, meine Sehnsüchte und mein Entdeckerdrang haben ein Normalmaß erreicht, das mich traurig stimmen sollte. Wenn mir das vor Jahren jemand erzählt hätte, ich hätte ihn ausgelacht. Odysseus im Ruhestand? Wer ein Jahr im Palast der Circe gelebt hat, wer Zeuge war, wie seine Gefährten in Schweine verwandelt wurden, wer das Lager mit der schönen Göttin je geteilt hat, der weiß, was es heißt, mit allen Annehmlichkeiten versorgt zu sein, die menschliche Fantasie entwickeln kann. Es war so: Ich wurde mit allen Freuden, die ein Mann sich wünscht, verwöhnt. Und meine Männer ebenso, nachdem sie wieder in Menschen zurückverwandelt worden waren. Circe kannte unsere schicksalshafte Geschichte über den trojanischen Krieg, unsere Entbehrungen und Sorgen. Sie und ihre Dienerinnen versüßten über ein Jahr lang unsere Zeit auf dem Eiland. Ein Mann kann sich an dieses Leben gewöhnen und vergisst schnell, woher er kam und wohin er wollte. Ich spürte, wie unser Wille langsam in den weichen Armen der Göttin und ihrer Frauen verkümmerte. Es musste etwas geschehen. Dass Circe ein Kind erwartete, verheimlichte sie mir bei meiner Abreise. Ich gebe zu, es hätte mich auch nichts mehr auf ihrer Insel gehalten. Als der Felsen der Circe am Horizont verschwand, verblassten auch unsere Erinnerungen an dieses Lotterjahr. Wir wollten endlich nach Hause! Doch die Götter erhörten uns nicht: Sie trieben uns an die Säulen des Herakles, der Meerenge zwischen Europa und Afrika, wo man bei guter Sicht die beiden Erdteile sehen kann: der Durchgang zwischen den Säulen des Melkart in Afrika und des Kalpe-Berges an der Iberischen Halbinsel. Ja, auch dort waren wir, getrieben von Mut und Übermut!
Was ich erlebt habe, reicht für mehrere Menschleben. Und doch möchte ich mein früheres Leben nicht missen. Es gehört zu mir wie ein Stück Haut. Wie mein Bogen und mein Schwert. Zum Ruhm gesellt sich aber als ständiger Begleiter immer der Neid. Man muss den Ruhm eines Helden somit nach dessen Taten messen, denen er sich bedient hat. Denn der Ruhm kann schnell verblassen, während die Vergessenheit ewig währt. Ich sehe für uns Griechen eine große Zukunft voraus, Errungenschaften, die vorbildhaft in die Geschichte eingehen. Und zwar nicht nur wegen noch zu gewinnender Schlachten, sondern wegen wissenschaftlicher und künstlerischer Ergebnisse, die griechischer Geist hervorbringen wird. Nennen wir es ruhig so: Ich sehe ein Goldenes Zeitalter auf uns zukommen, ich sehe blühende Landschaften, hohe Bildungsebenen für das Volk und erfolgreiche Handelsbeziehungen mit vielen Ländern Europas voraus. Das macht mir Freude und gibt mir neuen Mut.
Athene beschützt unser Haus
Die Göttin Pallas Athene, die mir und unserem Haus wohlgesonnen ist, möge mir verzeihen, dass ich mich durch meine Lebenserinnerungen und meine Gedanken vielleicht zu wichtig nehme. Es ist schließlich auch das Verdienst der Götter, dass wir so glücklich sind nach all dieser jahrelangen Tristesse. Athene verdanke ich, verdanken wir, dass wir noch so friedlich und wohlbehalten beisammen sind, nachdem, was geschehen ist, denn meine Heimkehr stand von Anfang an unter einem unglücklichen Stern. So beschützt sie eben nicht nur Athen, sondern auch Ithaka. Sie sprang einst in voller Rüstung aus dem Haupt des Zeus hervor, in Schönheit und Vollendung in die Runde der Götter des Olymps. Ihr Wohlwollen uns gegenüber hat uns die vergangenen Jahrzehnte überleben lassen. Ihr gebührt also Dank und Respekt. Mein Sohn, denke an meine Worte: Frauen bestimmen unser Leben, sie sind stärker als wir meinen, sie können Labsal und Horror in einer Person sein, denn ihre gefährlichen Waffen sind Schönheit und Eifersucht – mir ist durch Penelope, die mir Weib, Gefährtin und Freundin ist, das irdische Glück beschieden, im Olymp sind es sicher Hera, Athene, Leto, Aphrodite, Artemis, Demeter, Eos und andere, die sich ihr göttliches Dasein durch weibliche Intrigen erschweren. Und ein Weib ist auch Urheberin des großen Krieges gewesen: die schöne Spartanerin Helena. Ein Weib also Ursache für ein Furor an Leid, an Tod, an Verschwendung und Zerstörung?
Warum überlebte ich das Inferno, warum musste ich zehn Jahre als ein Verdammter mit unseren flachen, holzgeteerten Schiffen - die keinen Kiel hatten, aber bequem an jedem Stand landen konnten und über je 24 Ruderplätze verfügten - um das Mittelmeer und darüber hinaus irren, war das die Strafe für meine Vergehen? Wir alle hatten Schuld auf uns geladen, indem wir Troja, die blühende Metroplis, zerstörten. Keiner von den Helden kann sich freisprechen. Wir waren nicht nur Mitläufer eines Wahns, wir waren Akteure, aktive Brandstifter und Mörder.
Wir folgten dem Hilferuf des Menelaos
Ich erinnere mich an meine Rede vor meinen Soldaten, als wir uns entschlossen, an dem Feldzug gegen Troja teilzunehmen. Menelaos von Sparta hatte mehrere Versuche unternommen, die griechischen Herrscher davon zu überzeugen, seine Schmach zu rächen und gegen Troja in den Krieg zu ziehen. Es herrschte, das musst Du wissen, keine große Begeisterung, für eine Sache einzutreten, die nicht die unsere gewesen ist. Sein Bruder Agamemnon von Mykene und der Spartaner waren nicht sehr beliebt unter den Königen. Es gab einfach zu viele, unüberbrückbare Streitigkeiten seit Generationen.
Die zwölf Schiffe lagen - der kippbare Hauptmast festlich für die Ausfahrt geschmückt - im Hafen unserer Hauptstadt Vathy, meine Männer standen - schwer bewaffnet - auf der Kaimauer. Es war ein imposantes Bild, denn viele Inselbewohner - auch von der Nachbarinsel Kefalonia - gaben uns das Geleit. Sechs Fanfarenbläser hatten zuvor mein und Penelopes Erscheinen angekündigt. Ich selbst war bereits an Bord meines Schiffes, damit man mich gut sehen und hören konnte. Mein Blick streifte über die grünen Hügel zum Aetos und zu unserem Palast hinauf, dann über die breite Bucht, die wie ein See wirkte. Die grünen Hügel Ithakas leuchteten in der Frühlingssonne. Ich konnte die betörenden Düfte der wild wuchernden Vegetation und von Thymian, Lorbeer und Myrte wahrnehmen, die ein leichter Ostwind zu uns hinüber wehte. Das Meer leuchtete türkisfarben, in den einsamen sandigen Buchten sahen wir die Fischer ihre Netze richten. Ein paradiesisches Stück Erde. Es war ein sehr friedliches Bild, das den Abschied noch schwerer werden ließ. Manche Frauen weinten, sie winkten ihren Männern und Söhnen zu. In machen Gesichtern sah ich Angst und Kummer. Deine Mutter hatte Dich auf dem Arm, sie stand mit ihren Dienerinnen und einer Wache mitten unter den Bürgern. Stolz und stark und groß. Sie winkte mir zu, als ich begann:
„Männer von Ithaka,
ich spreche heute nicht nur als Euer König, sondern auch als Euer General. Das ist ein Unterschied. Tapferkeit kann man nicht befehlen. Sie kommt aus dem Herzen und dem Verstand. Mit zwölf Kriegs- und sechs weiteren Lastschiffen, mit 450 bestens ausgebildeten Soldaten und einhundert Handwerkern, Bauern und Dienern werden wir nun doch an dem großen Krieg gegen das stolze Troja teilnehmen. Ich gestehe, mir macht diese Reise keine Freude. Aber wir sind Griechen und haben uns verpflichtet, wie die anderen Königreiche ebenfalls, uns mit Schiffen und Soldaten zu beteiligen. Denn Meineid rächen wir! Ein Grieche bricht nie sein Wort. Also treffen wir uns in Aulis, der heiligen Hafenstadt der Artemis, wo der Griechen Flotte sich vereinen soll. Danach geht es weiter dicht unter den Küsten der Kykladen zu den Dardanellen, um das goldene Troja, das die Zufahrt zum Schwarzen Meer kontrolliert, zu erstürmen. Wir werden dort reiche Beute machen, Männer von Ithaka! Das verspreche ich Euch.
Troja ist eine sehr wohlhabende Stadt, die darauf wartet, von uns eingenommen zu werden. Die besten Helden Griechenlands werden dabei sein, wenn es heißt, Raub und Verrat zu bestrafen. Wenn wir Troja nicht bestrafen für Meineid und Missbrauch der Gastfreundschaft, dann haben wir keine Zukunft vor uns! Dann lacht die Welt über ein schwaches, feiges Griechenland. Über unsere Tapferkeit aber werden die Sänger noch in fernen Tagen berichten. Über Mut und Stolz und Kraft. Nur so werden wir kämpfen und siegen. Wir nehmen jetzt Abschied von unserer geliebten Heimat Ithaka und werden bald als Flotte vereint um das Kap Sounion durch die Inseln der Kykladen nach Kleinasien segeln. Unsere Familien lassen wir zurück in der Hoffnung, möglichst schnell in unsere Heimat zurückzukehren. Das schwöre ich!
Männer von Ithaka: Euer König ist sehr stolz auf Euch. Ich führe die besten Soldaten an, die Griechenland besitzt: Helden von Ithaka, auf nach Troja! Rudert tüchtig, kämpft tapfer, siegt und lebt. Die mächtige Athene möge uns beistehen!“
Die 540 Männer schlugen mit ihren Schwertern und Lanzen gegen die bronzenen Schilde und brüllten den martialischen Schlachtruf unserer Väter: „Alala, Ahoe, Alala, Ahou! O . . . Odys . . . seuuus!“ Es war ein eindrucksvolles Bild, als die Männer auf die Schiffe marschierten. Jeder mit seinen in der Sonne blinkenden Waffen und einen Korb mit Lebensmitteln für die ersten Tage. Dann legten wir mit halbem Wind ab. Drei zusätzliche große Lastkähne waren randvoll gepackt mit Proviant und Kleidungsstücken und Ersatzwaffen, darunter Pfeile, Bögen, Dolche, Lanzen. In einem der Kähne war auch mein prächtiger Streitwagen verstaut. Das alles war gut durchdacht, denn es dauerte lange, bis wir uns vor Troja selbst versorgen konnten: Bis die mitreisenden Fischer ihre Netze auswerfen, die Bauern ihre Herden hüten, die Bäcker ihr Brot backen konnten und die zentral angelieferten Pferde für uns ausgesucht und eingeritten waren. Eine große Armee frisst viel, es bedurfte daher weitreichender Anstrengungen und kluger Überlegungen, wie der Nachschub und die Herstellung von Speisen und Getränken reibungslos funktionierten. Wir mussten praktisch ein kleines Bauern-, Fischer- und Handwerkerdorf mit Ställen, Schmieden, Schlachträumen, Backöfen, mehreren Großküchen und Vorratskammern, aber auch ein Lazarett für die Verwundeten, errichten. Ebenso ein Bereich für unsere anbetungswürdigen Götter, kleine Tempelzelte, in denen wir beten konnten. So entstand ein wichtiger Bereich innerhalb unseres riesigen Heerlagers, das durch tiefe Ringgräben und Palisaden gesichert wurde. Denn die Trojaner waren wegen ihrer mutigen plötzlichen Attacken mit kleinen Reitertrupps bekannt, die uns in der ersten Zeit der Belagerung in Atem hielten und uns kaum Ruhe gönnten. Wir sollten auf diese Weise mürbe gemacht werden. Uns blieb nichts anderes übrig, als Wachen in Nähe der großen Tore zu postieren, die uns frühzeitig vor einem Ausfall warnten.
Es gehörte zu meinem Aufgabenbereich, mich um die reibungslose Versorgung der unterschiedlichen Truppenteile zu kümmern. Agamemnon und Menelaos vertrauten meinem Organisationstalent. So saß ich natürlich - was die Verpflegung betraf - an der Quelle. Doch war es nicht so problemlos, wie sich das jetzt anhört. Besonders die Zucht von Rindern, Schafen, Ziegen und Geflügel auf Dauer war nicht einfach. Es bedurfte zwei Jahre, bis sich zufriedene Ergebnisse bei der Zucht einstellten, zumal es immer wieder Probleme bei der Beschaffung von Tierfutter gab. Ich musste Trupps organisieren, die ständig unterwegs waren, um Futter zu besorgen. Das war nicht ungefährlich. Oft gab es Tote bei solchen Ausflügen, denn die Trojaner hatten schnell herausgefunden, wie ich unsere Versorgung organisierte. Sie störten unsere Abläufe, indem sie uns überfielen. Also mussten wir die Beschaffungstrupps bewachen lassen. Dies alles war eine zeitraubende, zermürbende Aufgabe für meine Männer. Die Arbeit dieser „Kriegs-Helden“ wird niemals gewürdigt, sondern nur die Siege der kämpfenden Heroen. Ich finde das höchst ungerecht, lieber Telemachos. Also frage ich Dich: Kann jemand ein erfolgreicher, gefeierter Held mit leerem Bauch sein? Ein großes Problem war der ausgehandelte Nachschub aus Griechenland: Die Warenschiffe blieben oft aus, von Piraten überfallen oder im Stürmen gekentert. Wir mussten uns, um sicher zu sein, selbst um unsere Verpflegung kümmern. Oft gelang es uns anfangs, umliegende Dörfer zu besetzen und dort Lebensmittel zu erbeuten, doch mit der Zeit war diese Versorgungsquelle zerstört. Trojas Bauern flüchteten entweder in die sichere Stadt oder wurden von dummen und wenig vorausschauenden Kriegern erschlagen, die blühenden Dörfer und Höfe angezündet. Da halfen auch keine Befehle.
Gefallsucht ist auch Helden nicht fremd
Odysseus macht eine längere Pause. Als er in den Thronsaal zurückkehrt, fragt Telemachos begeistert: „Ich lerne viel aus Deinen Worten, Vater. Dein Bericht sollte niedergeschrieben werden – von einem kundigen Sänger. Ich bin begeistert von dem, was ich durch Dich erfahre.“ Er habe sich, meinte er mehrfach, natürlich viele Gedanken über meine lange Abwesenheit gemacht und den Vater vermisst.
Bist Du da sicher? Ich frage mich, warum erzähle ich Dir jetzt mit einem Mal aus meinem Leben - ich, Odysseus, der von den lieblichen Musen geküsste Held, von vielen Menschen bewundert, von vielen ebenso beneidet? Ich denke, mein Ruhm macht mich eitel. Gefallsucht ist auch Helden nicht fremd! Ich hoffe, dass ich nicht in ein jugendliches Schwärmen über mich selbst gerate, was man vielen älteren Männern nachsagt. Männer, die ihre beginnenden Schwächen mit ihren fantasiebegabten Erzählungen verheimlichen wollen. Männer, die merken, dass sie mit ihrem Alter nicht mehr klarkommen. Männer, die früher strahlende Helden gewesen sind und nun bereits einige faule Zähne verloren haben und ihre Glatze unter einem prächtigen Hut verdecken. Denn wer glücklich ist, sollte nicht noch glücklicher sein! Mich plagen Zweifel: Soll ich tatsächlich alles berichten, was mir widerfuhr?
Eigentlich hatte ich mich auf ein heiteres Leben auf Ithaka eingerichtet, nach Krieg stand mir nicht der Sinn: Unser ländlich, eher schlichtes Leben auf unseren Inseln im Ionischen Meer. Ich liebe die Jagd, den Fischfang und die Pferdezucht. Und natürlich Deine Mutter Penelope und Dich, mein Sohn. Auf einen Rachefeldzug gegen Troja war ich, waren alle nicht wirklich vorbereitet. Das muss unbedingt deutlich werden, wenn wir über den Beginn des Krieges reden! Und Du musst wissen, wie Deine Mutter über ihre Kusine Helena dachte.
Die Nachricht über den Raub der Helena lief wie ein Lauffeuer durch die griechischen Königreiche und empörte die Herrscher. Deine Mutter war ebenfalls aufgebracht, obwohl sie kein gutes Verhältnis hatten. Helena, so sagte sie mir damals, sei freiwillig dem trojanischen Prinzen gefolgt - wohl auch, um aus den Händen des brutalen Menelaos befreit zu werden. Ihre neunjährige Tochter Hermione ließ Helena zurück, was für ihre egoistische Haltung sprach. Nach dem Krieg vergab Menelaos ihr die Untreue und führte sie zurück auf den Thron nach Sparta. Du selbst, mein Sohn, hast sie ja in Sparta während Deiner Suche nach mir, kennengelernt. Als Menelaos von der Entführung erfuhr, bat er mich und den klugen Palamedes, nach Troja zu segeln, um seine Frau zurückzufordern. Paris, der in ein Unwetter geraten war, war noch nicht zurückgekehrt. Wir reisten daher unverrichteter Dinge zurück. Nun erinnerte Menelaos alle Herrscher Griechenlands an ihren Treueid, sammelte mit seinem Bruder aus Mykene ein großes Heer und begab sich nach Troja. Er selbst führte insgesamt 80 Schiffe mit über 2500 Soldaten an.
Deine Mutter ließ kein gutes Haar an ihrer Kusine: „Sie ist eine Mischung aus Gut und Böse. Egoismus und Empathie, Liebe und Lüge, Mitgefühl und Misstrauen - Helena ist ein gutes Beispiel für die helle und dunkle Seite des Menschen, die auch uns Frauen nicht fremd ist. Wobei das Unanständige bei ihr überwog. Besonders ihre Rachsucht, die sie offen zugab, entwickelte sich bei ihr zu einem Lustgefühl. Menschen können eigentlich nur in der Gruppe überleben, doch sie war eine Egozentrikerin, die die Gutwilligen ausnutze und sich mit Jasagern und devoten Dienerinnen umgab. Helena war immer darauf bedacht, ihre eigene Rolle in Sparta zu erhöhen. Wir mochten uns als Kusinen nie, lieber Odysseus. Wir sind zu verschieden. Dennoch bedauere ich ihr Schicksal. Du hast sie in Sparta kennengelernt, als Du um meine Hand anhieltest. Helena war eine Intrigantin, die es verstand, am Hofe zu Sparta die Menschen gegeneinander aufzubringen, indem sie Gerüchte in die Welt setzte. Dich hielt sie für einen eingebildeten Inselfürst, Ithaka sei ohne Bedeutung innerhalb der griechischen Königreiche, verkündete sie in ihrer überheblichen Art. Sie hat Deine Qualitäten nie erkannt, Ich hatte den Eindruck, sie war eifersüchtig, als sie Dich kennenlernte. Ihre Eitelkeit machte sie hartherzig, doch ihre Schönheit überspielte ihre negativen Charaktereigenschaften. Sinnlichkeit spielt bei ihr eine große Rolle. Helena ist verführerisch und verführbar. Menelaos war ihren Reizen verfallen und verwöhnte sie dermaßen, dass er zum Gespött seiner Untertanen wurde, die ihn insgeheim verlachten. Wie sein Bruder Agamemnon war Menelaos ein wüster, hartherziger und untreuer Mann, der nur an seinen Vorteil dachte. Gold war für beide Brüder von großer Bedeutung: Sie trugen viel Goldschmuck und umgaben sich mit Gegenständen aller Art aus dem edlen Metall. Wir nannten sie deshalb „Goldesel“. Ich war daher sehr froh, als Du mich aus Sparta nach Ithaka brachtest: Als Deine Frau und Königin.“
Ein Pferd macht Karriere
Inzwischen gibt es wundersame Geschichten über den berühmten Mann und das riesige Holzpferd. Selbst Kinder spielen mit meinem Troja-Pferd, geschnitzt von stolzen Großvätern für ihre begeisterten Enkel. Das Pferd hat eine ungewöhnliche Karriere gemacht: Oft, so ist mein Eindruck, verblassen daneben die Taten der großen, unsterblichen Helden. Ein Pferd sorgte dafür, dass Troja fiel. Nicht durch Lanzen und Schwerter, durch Kriegskunst, Mut und Schlachtenstrategie - nein, durch ein hohlbauchiges, hölzernes Pferd wurde das stolze Troja vernichtet. Wer kann solche Mär glauben? Doch es ist die Wahrheit, denn das Pferd war meine Idee, lieber Telemachos.
Diejenigen, die davon erzählen, sagen auch, dass früher alles besser, dass die Welt ehrlicher und anständiger gewesen sei. Alter Männer Sprüche! Sie vergessen, dass im Laufe der Jahre sich die Realität verklärt, das Böse schwindet und nur noch das Gute übrigbleibt. Die Schrecken des Krieges verblassen vor der Gloriole der Helden. Verdrängt werden Blut und Hunger, Flöhe und Gestank, Schreie der Sterbenden und Trauer um den Verlust eines erschlagenen Freundes. Der Mütter Klagen um die verlorenen Söhne und Ehemänner will niemand hören! In unseren Mythen wird das Dasein der Menschen mit der Welt der Götter verknüpft. Wir glauben, wir seien wie sie, wie die Unsterblichen. Welch ein Irrtum!
Ja, früher! Ich kenne solche Erzählungen. Früher war die Welt noch in Ordnung! Früher? Lass es mich deutlich sagen, früher war nichts besser, mein Sohn. Das Gegenteil behaupten immer nur die, die nichts erlebt haben! Früher - das waren Krieg und Tod und Leid. Früher, das waren zehn Jahre Krieg in Troja. . . Und die alten Männer berichten mit funkelnden Augen wie träumende Kinder von ihrer Vergangenheit. Vieles von dem ist erdichtet und gelogen. Glaube ihnen nicht. Wer gibt schon gerne seine Schwächen, sein Leid, seine Angst und seine Fehler zu?
Du musst schnell leben, mein Sohn, denn der Tod kann früh kommen. Ich lebe nicht in der Vergangenheit wie so viele berühmte Männer. Ich möchte im Moment leben, verstehst Du das? Im Hier und im Jetzt. Die Helden träumen sich hinweg in alte Zeiten und verpassen dadurch das einzig Wichtige - den Augenblick. Denn was geschehen ist, ist geschehen - wir sollten also nach vorne blicken. Wir alle müssen die Vergangenheit akzeptieren, lieber Telemachos. Mich daher für meine Vergangenheit zu verurteilen, ist sinnlos, denn sie ist nicht mehr rückgängig zu machen. Ich kann nur versuchen, die Zukunft besser zu gestalten. Die Zukunft in einem neuen Europa - durch Hellenismus geprägt. Diese Chance müsst ihr mir geben. Mehr nicht. . . Vielleicht wird meine Erzählung auch eine Art Nachlass. Könige sorgen sich um ihren Ruf und ihre Nachfolge. Das Volk möchte wissen, wohin die Reise geht. Dafür dankt es dem König mit treuer Gefolgschaft. Denn klar ist auch: Ich habe mein Versprechen nicht gehalten und meine 500 Männer zurück nach Ithaka bringen können. Niemand - außer mir - hat Krieg und Irrfahrt überlebt! Das wird die Nachwelt mir übelnehmen. . . auch wenn ich die Familien der Toten inzwischen großzügig unterstützt habe.
Athene schenkte mir mein Leben zurück und meine Rückkehr zu meiner Familie. Diese Jahre sind meine Lebensmarken. Über sie berichten die reisenden Sänger in ihren Heldenliedern. Mich interessiert jedoch ein Thema besonders: Was ist das Leben? Wie konnte ich überleben und wie leben wir in den kommenden einhundert Jahren? Was wird aus meinem Königreich? Die Orakel verkünden bereits einen großen Krieg gegen Persien und den Aufstieg Roms zu einem neuen Großreich. Die Priester sollen, so hörte ich, von den Persern und den Römern bestochen worden sein, um Zwietracht und Hass zu säen unter uns Griechen. Wer kümmert sich also um die Sache Griechenlands? Wer wird der neue Herrscher Griechenlands, der die Perser besiegt und Rom in die Schranken verweist? Der neue Held muss eine Mischung aus Erlöser, General, Tyrann und Philosoph sein. Das sind die vier Säulen des Erfolgs, mein Sohn: Erlöser, weil er die Welt nach dem Krieg gestalten und wieder aufbauen muss. General, weil er seine Soldaten begeistern muss. Tyrann, weil nur mit Respekt und Disziplin sich der Erfolg einstellt. Philosoph, weil er die vielen Fragen nach dem Sinn des Lebens beantworten muss, die ihm gestellt werden. Jemand, der all diese Eigenschaften in sich vereint, der wird es schaffen. Wer nicht, nicht! Und er muss einen Blick entwickeln für das Miteinander von Menschen und Göttern!
Der Mensch lebt gerne in seinen vertrauten Verhältnissen, er übertreibt gerne, er möchte mehr sein, mehr besitzen, mehr Anerkennung und mehr Macht. Auch im Kleinen. Nicht nur der Herrscher denkt so, auch der Bäcker, der Winzer, der Schumacher und der Metzger. Helden, auch diese Alltagshelden, buhlen geradezu um Anerkennung, indem sie ihre Ruhmessucht auf die Spitze treiben. Prahlhänse und Narzissten werden sie gerufen. Wer viel Ruhm besitzt, der sonnt sich gerne im Licht seiner Bewunderer. Er glaubt, ein Funken der Göttlichkeit habe auch ihn berührt. Das kann böse enden! Alle großen Helden spüren irgendwann diese Hybris. Meine Gegenwart ist alles, was ich noch habe. Sie möchte ich ausleben, gestalten und genießen - mit Euch! Meine eigene Zukunft möchte ich nicht wissen, das Heute ist meine Welt, deshalb habe ich die Vergangenheit bisher gemieden. Tyche schweigt mir gegenüber, so oft ich sie auch bat, mir meine Zukunft zu beschreiben. Ich möchte es nun nicht mehr wissen! Ich lebe, also bin ich. . .
Lieber Telemachos, eine Bitte habe ich: Wir wollen den ungeheuerlichen Vorfall, der vor Monaten mein Inselreich und unsere Familie erschütterte, nicht erwähnen. Ich hoffe, wir können es irgendwie geheim halten, denn nur eine Handvoll, uns treu ergebe Freunde des Hauses, wissen davon, was wirklich geschah. Es war ein Mordversuch, den Du verhindert hast. Die Person des Mörders muss unser Geheimnis bleiben. Das Attentat auf mich und die glückliche Fügung, indem Du eine wichtige Rolle spieltest, passt nicht in meine, in unsere neue Welt. Lass uns das schreckliche Ereignis ausklammern, solange es geht. Irgendein Philosoph sagte: „Niemand ist vor dem Tode glücklich zu preisen!“ Das sehe ich anders. Ich habe dem Tod ins Gesicht gesehen, sicher Hundert Mal. Was ich sah, ließ mich für das Leben kämpfen, für das Überleben.
Ich genieße das Heute
Weißt Du, dass ich im Grunde gar keine Lust verspüre, in die Vergangenheit zurückzukehren. Das Gestern ist bereits Geschichte. Vergangenes erneut zu beleuchten, ist etwas für Historiker und Philosophen. Beides bin ich nicht. Ich genieße das Heute mit Deiner Mutter und mit Dir. Vor allem: Ich lebe, ich fühle, ich bin zufrieden. Vom Mythos Troja halte ich wenig – das überlasse ich den fantasiebegabten Dichtern! Sie erfinden zu allen Zeiten Geschichten, die nicht der Wahrheit entsprechen. Das ist das Schlimme an den Autoren: Sie halten sich für unwiderstehlich, wissen alles besser als die Akteure. Sie verbreiten eine ihnen genehme, eine gefühlte Wahrheit, die nicht stimmt. Sie denken sich Geschichten über Helden und Heldenverehrung aus. Sie stellen uns in ein strahlendes Licht, als wären wir Halbgötter. Dabei waren wir leidvoll geplagte Soldaten, die wie unter einem Zwang, einem göttlichen Befehl standen und die Strapazen als etwas Kühnes, ja, Herausragendes empfanden.
Agamemnon war eines Tages nicht mehr unser Führer, wir spürten, dass die Götter uns manipulierten. Wir kamen als siegessichere Herrenmenschen, als wir an der Meerenge der Dardanellen landeten, um den strategisch wichtigen Hügel am Hellespont, der Einfahrt zum Marmarameer und der bedeutenden Grenzstadt zwischen Europa und Asien - und damit letztendlich zum Schwarzen Meer - zu stürmen. Was sind das nur für Männer, die so etwas unternehmen? Männer, die nicht fragen, was ihnen widerfährt, die ihre Waffen rüsten, die lossegeln und landen - dort, wo es von diesem Zeitpunkt an sehr gefährlich wird. Männer, die das Ende nicht wissen und nicht wissen wollen. Die einfach marschieren, kämpfen, siegen und sterben. Was treibt sie an, in einen Krieg zu ziehen, der nicht ihr Krieg ist? Diese Fragen werden wir wohl nie beantwortet bekommen, denn diese Soldaten gibt es in jedem Krieg. Treu, mutig, voller Hoffnung auf einen raschen Sieg. Niemand kann Dir das genau erklären, mein Sohn. Wenn Du solche Männer triffst, achte sie, mache sie zu Deinen Freunden. Sie sind echte Kerle, denen die Freiheit alles bedeutet, auch wenn sie ihre Abenteuerlust mit dem Leben bezahlen müssen. Solche Helden und Patrioten wird es immer wieder geben, in jeder neuen Generation und in jedem neuen Krieg. Aber zehn Jahre lang?
So oder so ähnlich - mit diesen Worten machte man uns die zehn langen Jahre schmackhaft. Ich frage Dich, Telemachos, wer möchte zehn Jahre lang freiwillig an der Front sein? Vielleicht Banditen und Verzweifelte, aber kein wahrer Krieger. Wir alle wollten den Feldzug schnell beenden und wohlbehalten nach Haus zurückkehren. Das verhieß uns Agamemnon. Mich erstaunt heute, wie ein so lang andauernder Krieg, wie die vielen Toten und Verletzten, die Trauer, die Strapazen und das Leid auf diese Weise verherrlicht werden können? Die Schilderungen können wie eine Droge wirken, falsches Heldentum produzieren, Gefühle vertuschen und den Verstand ausschalten.
Der Mensch ist ein merkwürdiges Wesen, er vergisst die Not und den Schrecken, weil er sich nach dem Schönen sehnt, weil er das Schlimme verheimlichen möchte und es einfach verdrängt. Ist das richtig, frage ich Dich? Ich sage: vielleicht. Ich glaube vielmehr, was die Philosophen sagen: Wenn die Guten nicht kämpfen, siegen die Schlechten und solange es Vaterländer gibt, wird es Kriege, Gier und Lust am Töten geben! Doch ich frage Dich auch: Werden unsere Taten die Zeiten überdauern? Werden Fremde unsere Namen hören, lange nachdem wir tot sind und sich fragen, wer wir waren? Wie tapfer wir kämpften und starben, wie leidenschaftlich wir liebten? Kein Lebewesen ist so eitel wie der Mensch! Ich werde daher versuchen, meine Eitelkeit zu unterdrücken. Ob es mir gelingt, meinen Geist über das Sinnliche zu erheben, weiß ich nicht. In meinem bisherigen abenteuerlichen Leben standen nicht Frieden, Harmonie und Schönheit im Zentrum meines Interesses. Im Kampf zwischen Apollon und Dionysos gewann die Rauschhaftigkeit Oberhand gegenüber der Ordnung und der Harmonie. Ich bin in diesen Jahren ein Abenteurer, ein Draufgänger und ein das bunte Leben genießender Krieger gewesen, der neben seiner Leidenschaft und Vitalität immer auch die Klugheit einsetzte. Das war für mich nie ein Widerspruch. Vielleicht halfen mir beide Eigenschaften, um zu überleben. . . denn ich glaube, dass es für mich besser gewesen ist, Menschen zu studieren als Bücher.
Als wir vor Troja lagen und unseren Frust besiegten, hörte ich von einem lykischen Gefangenen folgende kleine Episode: Ein Mann wollte von einem Weisen lernen, wie man Drachen tötet. Als er schließlich das Handwerk des Drachentötens beherrschte, musste er feststellen, dass es in unserer Welt keine Drachen mehr gab. Ich muss heute feststellen, dass es keine Helden mehr gibt in Griechenland.
Was ich Dir berichte, ist also auch ein Versuch, das Heldentum zu retten und die Heldenverehrung. Es muss ja nicht immer ein weiterer Krieg begonnen werden, um neue Helden zu gebären. Die Frage ist, ob es künftig Menschen gibt, die ihrer Überzeugung wegen bereit sind, ihr Leben für eine gute Sache zu opfern. Denn wahre Helden folgen nicht Befehlen, sondern ihrem Verstand und ihrem Mut. Sie suchen das Abenteuer! So wird die Schilderung des trojanischen Krieges aus meiner Sicht entstehen, den Geist des Odysseus atmen. Wer, außer mir, wagt sich an dieses Thema? Mir, Odysseus, dem Zerstörer Trojas, kommt es zu, die Wahrheit zu erzählen. Also werde ich Dir nur Fragmente berichten, die ich für wichtig halte. Und auch diese nicht chronologisch, sondern spontan und wild durcheinander.
Gastmahl in meinem Zelt
In der letzten Nacht hatte ich einen Traum: Ich sah mich in meinem großen Zelt vor Troja, dem Ort, an dem ich zehn Jahre lang mit den anderen Helden versucht hatte, die stolze Festung zu stürmen. Vergeblich und unter vielen Opfern. Es war einer dieser friedlichen Abende, als die Dämmerung nahte und sich der Himmel goldgelb in seiner schönsten Pracht entfaltete - als würden die Götter uns von Westen her anlächeln. In solchen Momenten vergaßen wir, dass wir uns im Krieg befanden. Ich sah die Helden, auch die bereits erschlagenen, an meinem Tisch sitzen. Plaudernd. Trinkend. Laut durcheinander diskutierend. Ich genoss den Anblick der Unsterblichen. Bis Achilles plötzlich das Wort ergriff, sich erhob, seinen Becher in einem Zug leerte und eine Ansprache hielt, was er oft tat, denn er hörte sich gerne reden:
„Freunde“, so begann er, „Freunde: Wir kämpfen nun im zehnten Jahr hier an diesem uns mittlerweile gut vertrauten, vom Blut der Griechen getränkten Strand. Ich betone: Zehn Jahre! Die Fremde ist uns Heimat und Grab geworden. Troja ist, wie wir bitter erfahren müssen, eine der sichersten Festungen und offenbar uneinnehmbar. Ich frage Euch deshalb: Sind wir immer noch wir selbst? Mächtige und bewunderte Könige, Fürsten, Helden? Oder sind wir nur verführte, dumme Männer, die aus Eitelkeit einem Wahnsinnigen auf den Leim gegangen sind? Welcher Soldat tut so etwas freiwillig? Ich frage Euch: Was ist mit uns geschehen, denn einen solch langen, verlustreichern und teuren Krieg hat es bisher nicht gegeben. Nein: Wir sind keine stolzen Patrioten mehr, das waren wir vielleicht zu Beginn des Krieges, wir sind inzwischen Idioten. Troja lacht über unsere vergeblichen Versuche, die Mauern zu stürmen. Die Menschen sagen bereits: Die Götter haben die Griechen verlassen und beschützen Troja. Es muss etwas geschehen, Freunde, wir müssen diesen Unsinn beenden und die Blamage abwenden. Auch die einst schöne Helena ist zehn Jahre älter geworden. Ihr Reiz ist sicher verblasst. Was, wenn Paris sie längst verstoßen hat? Wir wissen es nicht. Wir glaubten in unserer Überheblichkeit, wir könnten die Trojaner aushungern, nun sind wir es, die Hunger leiden, denn wir haben die Gegenden um Troja verwüstet, haben die reichen Dörfer geschleift, die Bauern sind geflüchtet, es gibt für uns nichts mehr zu holen. Die Trojaner müssen über riesige Vorräte verfügen, über Brunnen und Herden oder sie bekommen über dunkle Kanäle Nachschub. Wir wissen es nicht. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie Hunger leiden. Die vielen Toten, die beide Seiten zu beklagen haben, mahnen uns zur baldigen Rückkehr. Wir müssen das hier endlich beenden. Inzwischen sind wir zum Gespött der anderen Reiche geworden. Unser Ansehen selbst in unserer Heimat ist gesunken. Man nennt uns inzwischen „die von allen Göttern verlassenen Griechen“. Der Ruhm, den wir erhofften, verblasst. Ich sage daher: Es muss etwas geschehen, um diesen Ort der Schande endlich erhobenen Hauptes verlassen zu können. Wir laufen einem Wahn hinterher und einem Wahnsinnigen, der glaubt, wir könnten Troja immer noch besiegen. Selbst wir können es nicht, weil die Götter Troja beschützen.“
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