Kitabı oku: «Mehrsprachigkeit im Kontext des Kurmancî-Kurdischen und des Deutschen»

Yaşar Kırgız
Mehrsprachigkeit im Kontext des Kurmancî-Kurdischen und des Deutschen
Eine Fallstudie aus einer kurdisch-deutschen Kindertagesstätte
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Der Druck dieser Dissertation wurde mit finanzieller Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung bzw. mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sowie der Potsdam Graduate School ermöglicht.
Die vorliegende Arbeit wurde von der Philosophischen Fakultät der Universität Potsdam
im Jahr 2021 als Dissertation angenommen.
Gutachter*innen: Prof. Dr. Christoph Schroeder, Prof. Dr. Katharina Brizić, Prof. Dr. Natalia Gagarina
Tag der mündlichen Prüfung: 12.04.2021
DOI: https://www.doi.org/10.24053/9783823395522
© 2022 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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ISSN 0939-7973
ISBN 978-3-8233-8552-3 (Print)
ISBN 978-3-8233-0366-4 (ePub)
Inhalt
Abstracts (Kurmancî, Deutsch, Englisch)
1 Einleitung
2 Forschungsziel, Forschungsfragen und Forschungshypothesen
3 Design der Studie
4 Forschungsgegenstand Kurmancî und Deutsch4.1 Forschungsgegenstand Kurmancî4.1.1 Überblick4.1.2 Soziolinguistische Rahmenbedingungen des Kurmancî in den Herkunftsländern4.1.3 Kurmancî in der westeuropäischen Diaspora, in Deutschland und in Berlin4.1.4 Grundlegende grammatische Charakteristiken des Kurmancî4.2 Forschungsgegenstand Deutsch4.2.1 Phonologie4.2.2 Morphologie4.2.3 Syntax
5 Forschungsgegenstand Mehrsprachigkeit und Spracherwerb5.1 Definition und Theorien5.2 Kategorisierung des Spracherwerbs im frühkindlichen Alter5.3 Erzählkompetenz und ihr Erwerb5.4 Grammatische Kompetenz des Deutschen und ihr Erwerb5.5 Bedeutung des (mehrsprachigen) Spracherwerbs5.6 Spracherwerb in der Kita
6 Forschungsfeld, methodisches Vorgehen und Studienkinder6.1 Forschungsfeld: Die Kita Pîya und ihre bilinguale Praxis6.2 Methodisches Vorgehen6.2.1 Methoden zur Dokumentation der Rolle von Familie und Kita6.2.2 Instrumente zur Dokumentation der Sprachentwicklung6.3 Studienkinder: FalldarstellungenZozan und RozaAramAzadWelatAras
7 Ergebnisse7.1 Ergebnisse zu Kurmancî und Deutsch7.1.1 Ergebnisse von Zozan7.1.2 Ergebnisse von Roza7.1.3 Ergebnisse von Aram7.1.4 Ergebnisse von Azad7.1.5 Ergebnisse von Welat7.1.6 Ergebnisse von Aras7.2 Ergebnisse zu weiteren Sprachen7.2.1 Ergebnisse zu Arabisch bei Zozan und Roza7.2.2 Ergebnisse zu Französisch bei Aram7.2.3 Ergebnisse zu Türkisch bei Aram7.2.4 Ergebnisse zu Arabisch bei Welat7.3 Grammatische Charakteristiken der sprachlichen Daten7.3.1 Kurmancî7.3.2 Deutsch7.3.3 Ad-hoc-Entlehnungen und Codeswitchings
8 Diskussion, Fazit und Ausblick8.1 Diskussion: Mehrsprachiges Heranwachsen mit Kurmancî und Deutsch8.1.1 Deutung der Ergebnisse zu Kurmancî und Deutsch8.1.2 Deutung der Ergebnisse zu weiteren Sprachen8.1.3 Deutung der grammatischen Merkmale der sprachlichen Daten8.1.4 Die Rolle der Kita Pîya für die Sprachentwicklung der Studienkinder8.2 Fazit8.3 Ausblick
9 Literaturverzeichnis Transkriptionsgrundlagen Internetquellen
10 Abkürzungen und Hinweise zur TranskriptionAbkürzungenHinweise zur Transkription
11 AnhängeFragen für das Leitfadeninterview mit Erzieher*innenElternfragebogen für die DissertationsstudieBeispiele der erzählten MAIN-GeschichtenBeispiel KurmancîBeispiel DeutschLexikonabfrage für die dritte und vierte SpracheKlassifikationstabelle der Bildungsstufen von UNESCO (ISCED 2011)
Abbildungsverzeichnis
Ji bo diya min û bavê min (Für meine Eltern):
Siltanê Remê Sêrto (1940–2011) & Husînî Memedî Şavê (1934–2008)
„Ez yek ji wan kesan
filankes kurê filankes, ji te hez dikim …“ Yehya Omerî
Danksagung
Die vorliegende Studie wurde mit Hilfe und Unterstützung zahlreicher Menschen verwirklicht. Im Folgenden möchte ich mich bi dil û can – „mit Herz und Seele“ – bei einigen für meinen Werdegang im weiteren Sinne und für die Verwirklichung dieser Studie im engeren Sinne bedanken. Die Herangehensweise ist dabei nicht strikt chronologisch.
Diese Arbeit ist meinen Eltern gewidmet. Dabei ist die Rolle meiner Mutter hervorzuheben. Sie hat mit ihrem Statement „Hûn bixwînin ezê kirasî ser xwe bifroşim û we xwendan bidim“* ihren Kindern eine absolute Motivation mit auf den Bildungsweg gegeben.
Den Menschen aus meinem Dorf Palîkan bei Kele (Türkisch Araban) schulde ich mehr als ein Dankeschön. Insbesondere möchte ich mich bei Kekî Hecî (Haci Bayram Karalar) bedanken, der am 30. November 2019 von uns gegangen ist. Kekî Hecî war der Busfahrer unseres Dorfes und hat mich kostenfrei und sicher bis in meine Gymnasialzeiten nach Antep und zurück ins Dorf transportiert. Er hat mir sogar manchmal ein Stück Brot gekauft, einen Apfel oder eine Orange gegeben. Seine Art und Weise hat das harte Leben in Kurdistan ein Stückchen leichter gemacht.
Mein Bruder Vakkas – benannt nach einem Aleviten – gehört zu den schönsten Menschenseelen der Welt. Von den Gymnasialzeiten beginnend, hat er mich stets immateriell und materiell unterstützt. Ihm und meinen weiteren Geschwistern Halîme, Husên, Hasan, Seydî, Fatma († 1999) schulde ich einen großen Dank.
Mit meiner Frau Özgül Bendeş gehe ich seit März 2012 einen gemeinsamen Weg. Ihr Beitrag zu meinem Leben und zu dieser Studie ist enorm. Mit ihr habe ich gefühlt jedes Wort, jeden Satz dieser Dissertation besprochen. Ihr danke ich mindestens tausendmal.
Christiane von Stutterheim hat mir während meines Studiums an der Universität Heidelberg zwischen 2005 und 2010 ein Grundverständnis der Linguistik beigebracht. Darüber hinaus hat sie mir den Rahmen einer Magisterarbeit zur Typologie des Kurmancî geschaffen. Somit hat sie damals den Grundstein für diese Studie gelegt. Frau Kaltenbacher war ebenso meine Dozentin an der Universität Heidelberg. Zu meinem Glück lebte sie während meiner Promotion in Berlin und begleitete die Studie mit wachen Augen ehrenamtlich. Sowohl Frau Stutterheim als auch Frau Kaltenbacher möchte ich an dieser Stelle meinen besonderen Dank zum Ausdruck bringen.
Mein Dank gilt auch meinen Kolleginnen vom Erfolgsteam** Helga, Christine, Manuela und Brit. Mit ihnen konnte ich den Inhalt, aber auch die Sorgen dieser Dissertationsstudie immer besprechen. Ebenso haben die Kolleg*innen aus dem Doktorand*innen-Kolloquium von Herrn Schroeder mit ihren Anmerkungen, ihrer Kritik und ihren Ermunterungen einen großartigen Beitrag zu dieser Dissertationsstudie geleistet. Daher möchte ich mich bei den Teilnehmer*innen dieses Kolloquiums – u.a. bei Christin, Dorotheé, Verena, Kristina, Kateryna, Hilal, Anja, Cosima und Julia – herzlich bedanken. Auch die Kolleg*innen vom Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin und speziell die vom Fachbereich Sprachentwicklung & Mehrsprachigkeit waren im Hinblick auf die inhaltliche sowie organisatorische Gestaltung der Studie stets unterstützend. Bei ihnen und insbesondere bei Nathalie Topaj bedanke ich mich für diese Unterstützung.
Für meine Studie hatte ich drei (offizielle) Betreuer*innen. Jede und jeder Einzelne von ihnen hat einen großartigen Beitrag zur Verwirklichung dieser Studie geleistet. Herr Schroeder hat den Rahmen der Studie geschaffen und den Gesamtüberblick der Studie immer im Auge behalten. Frau Brizić hat von Anfang an die Relevanz der Studie geschätzt und stand ihr mit Rat und Tat bei. Frau Gagarina hat trotz ihres dichten Arbeitsplans immer wieder Zeit für mich und für die Studie gefunden. Danke für diese harmonische Zusammenarbeit über die vergangenen nahezu sechs Jahre.
Jedem und jeder Forscher*in sind seine/ihre Studienkinder besonders. So waren auch meine Studienkinder. Jede Erhebung mit ihnen war ein spezielles Erlebnis und die Tür zu neuen Entdeckungen. Sie haben die tollsten, kreativsten Geschichten erzählt und die schönsten Sätze gebildet. Auch die Eltern der Studienkinder haben als Expert*innen ihrer Kinder an dieser Studie maßgeblich mitgewirkt. Mitgewirkt hat auch das Team der Kita Pîya Wedding. Namentlich genannt: Mehtap, Safiye, Yasemin, Sakar und Gulistan. Insbesondere ist in diesem Zusammenhang die Mitwirkung der Geschäftsführerin des Kitaträgers Günay Darıcı zu nennen. Dank ihr hatte ich einen uneingeschränkten Zugang zu meinem Forschungsfeld.
Hervorzuheben ist auch der Beitrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung, bei der ich zwischen April 2017 und April 2020 Stipendiat war. Ohne ihre immaterielle und materielle Unterstützung wäre diese Studie undenkbar. Danke dafür, dass ich drei Jahre rund um die Uhr für die Dissertationsstudie einsatzbereit sein durfte und danke für die Möglichkeit des Auslandsaufenthaltes.
Last but not least möchte ich mich auch bei den folgenden Menschen für ihren Beitrag zu meinem Werdegang und zur Verwirklichung dieser Studie bedanken: Mehmet Yalçın, Selim Karadaş, Fatma Demir, Şükrü Aslan, Kıymet Aksoy, Abdullah Demirbaş, Jaffer Sheyholislami, Kerstin Reinke, Michael Obst, Xecê Bendeş, Ronahî Bendeş, Michael Chyet, Kenan Engin, Felix Arif Rhein, Erkin Erdoğan, Ali Parlar, Ercan Ayboğa, Gökay Akbulut, Dersîm Dağdeviren, Karin Binder, Şenol Arıkan, Rûşên Turgut, Heval Mahmut, Xemsê Bayram, Aylin Özüak, Şerif Derince, Kurda Nejad, Havva Kökbudak, Rukiye Kurt, Agit Kadino, Eylem Karadoğan, Koçer Bakış, Antje Schmidt und vielen anderen.
Abstracts (Kurmancî, Deutsch, Englisch)
Kurte (Abstract Kurmancî)
Gelê kurd ji salên 1960an pê de parçeyek ji civaka Almanyayê ye. Digel vê yekê, jiyana wan ya rojane, rewşa wan ya civakî, aborî û zimanî kêm bûye mijara lêkolînan. Bo nimûne, heta niha xebateke berfireh li ser fêrbûna zimanê kurdî û almanî di temen-pêşdibistan de li ber destan nîne. Ev lêkolîna demdirêj ya ku bi zimanê almanî hatiye nivîsandin hewl dide beşeke vê kêmasiyê dagire. Ev dike mijar bê ka çawa şeş zarok – ji sê salî heta şeş salî – zaravayê kurmancî yê kurdî û zimanê almanî hîn dibin.
Berî ku ev xebat destpêbikira, hewcedarî bi amûrekê hebû da ku asta kurmancî ya zarokan were pîvandin. Amûreke pîvanê ya bi vî rengî ji bo kurmancî nebû. Bi alîkariya zimannas, perwerdekar û herwiha dê û bavan amûreke heyî ji zimanê îngilîzî ji bo kurmancî hate adaptekirin. Navê vê amûrê LITMUS-MAIN1 e û ji bo pîvandina çîrokgotinê hatiye amadekirin (Gagarina û yên din 2019a). Lê belê bi rêya çîrok/metnên ku hatine afirandin nirxandina asta ziman bi gelemperî jî pêkan e. Ev amûr digel zimanê almanî ji bo gelek zimanên din jî hatiye adaptekirin. Bi bikaranîna vê amûrê derfet çêbû ku çîrokgotina zarokan bi kurmancî û almanî were pîvandin û analîzkirin.
Gelek kurdên li Almanyayê dijîn, dikarin ji bilî kurdî û almanî bi zimanekî din an jî bi çend zimanên din jî bipeyvin. Dibe ku ev zimanê/zimanên din beşek ji jiyana nifşên nû be/bin jî. Ji ber vê yekê di xebatê de tê lêkolînkirin bê ka zarokên ku bûne mijara vê xebatê ji bilî kurmancî û almanî zimanekî sêyemîn an jî çaremîn dizanin. Heke dizanin, ev zanîn di kîjan astê de ye.
Ji lêkolînan kifş e ku malbat û hêlîn li Almanyayê du kaniyên sereke ne ku zarok ji wan zimanê(n) xwe fêr dibin û bi pêş dixin. Rola wan herdu kaniyan jî di vê xebatê de tê analîzkirin. Hêlîna Pîya ya ku li vir tê lêkolînkirin kurmancî û almanî wekî hev û birêkûpêk teşwîq dike.
Herwiha rewşa kurdan ya li Almanyayê bi taybetî rewşa wan ya sosyolenguistik bi kurtasî tê nîqaşkirin. Ev nîqaşkirin dikare wekî çarçoveya berfireh ya vê xebatê were fêmkirin.
Abstract Deutsch
Die kurdische Bevölkerung ist seit den 1960er Jahren ein Teil der deutschen Gesellschaft. Dennoch sind ihre alltägliche Lebenswelt, ihre sozioökonomische und soziolinguistische Situation in Deutschland kaum untersucht. Ein klares Beispiel dafür ist, dass bis jetzt keine Studie bekannt ist, die sich eingehend mit dem Erwerb des Kurdischen und Deutschen im Vorschulalter befasst hat. Die vorliegende in Deutsch verfasste longitudinale Studie versucht, einen Teil dieser Lücke zu füllen, indem sie untersucht, wie sechs Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren die kurdische Varietät Kurmancî und das Deutsche erwerben.
Bevor diese Arbeit umgesetzt werden konnte, war es notwendig, ein Instrument zur Messung der Kurmancî-Kompetenz von Kindern zu erarbeiten, da ein solches bislang nicht existiert hat. Mit Hilfe von Linguist*innen, Erzieher*innen sowie Eltern wurde ein bestehendes Instrument aus dem Englischen ins Kurmancî adaptiert. Der Name dieses Instruments ist Language Impairment Testing in Multilingual Settings – Multilingual Assessment Instrument for Narratives (LITMUS-MAIN) und es elizitiert die Erzählkompetenz (Gagarina et al. 2019a). Allerdings kann durch die erzeugten Erzählungen/Texte auch die allgemeine Sprachkompetenz untersucht werden. Dieses Instrument wurde bereits in viele andere Sprachen, u.a. ins Deutsche, adaptiert. Durch seine erstmalige Adaptation ins Kurmancî konnte somit die Erzählfähigkeit der Studienkinder in Kurmancî und in Deutsch ermittelt und analysiert werden.
Viele Kurd*innen in Deutschland können neben Kurdisch und Deutsch noch eine oder mehrere weitere Sprachen sprechen. Diese weitere(n) Sprache(n) kann/können auch Teil des Lebens der Kindergeneration sein. Daher untersucht die vorliegende Studie zusätzlich auch, ob und inwieweit die Studienkinder neben Kurmancî und Deutsch noch eine dritte oder vierte Sprache können.
Die Forschung hat gezeigt, dass Familie und Kindertagestätte in Deutschland die beiden Hauptquellen sind, aus denen Kinder ihre Sprache(n) erwerben und entwickeln. Die Rolle beider Quellen wird in dieser Arbeit analysiert. Die hier untersuchte Kindertagestätte Pîya verfügt über ein durchgängig bilinguales Konzept zur Förderung des Kurmancî und des Deutschen.
Zudem wird auch ein kurzer Überblick zu den Kurd*innen in Deutschland, insbesondere zu ihrer soziolinguistischen Situation gegeben. Dieser Überblick kann als ein erweiterter Rahmen dieser Arbeit begriffen werden.
Abstract English
The Kurdish people have been part of German society since the 1960s. Nevertheless, their everyday life, their socio-economic and sociolinguistic situation in Germany have hardly been examined. A clear example of this is that so far, no study is known that has investigated in detail the acquisition of Kurdish and German in preschool age. This present longitudinal study written in German tries to fill in a part of this gap by examining how six children between ages three and six acquire the Kurmancî variety of Kurdish and German.
Before this work could begin, it was necessary to establish a tool to measure Kurmancî language proficiency in children, because such an instrument was not yet available. With the help of linguists, nursery schoolteachers, as well as parents, an existing instrument was adapted from English into Kurmancî. The name of this tool is Language Impairment Testing in Multilingual Settings – Multilingual Assessment Instrument for Narratives (LITMUS-MAIN) and it elicits narrative skills (Gagarina et al. 2019a). However, the narratives/texts generated can also be used to examine general language skills. This instrument has already been adapted into many other languages, including the German language. By adapting this tool for the first time into Kurmancî, it was possible to assess and analyze the narrative ability of the children in Kurmancî and in German.
Many Kurds in Germany can speak one or more additional language(s) beside Kurdish and German. This/These additional language(s) may also reach the children’s generation. Therefore, this study examines additionally whether and to what extent the children investigated also speak a third or fourth language beside Kurmancî and German.
Research has shown that families and nursery schools in Germany are the two main sources from which children learn and develop their language(s). The role of both sources is analyzed in this work. The investigated nursery school Pîya has a consistently bilingual concept for the promotion of Kurmancî and German.
A short overview of the Kurds in Germany, especially of their sociolinguistic situation, is also given. This overview can be understood as an extended framework of this work.
1 Einleitung
Seit den sechziger Jahren sind Kurd*innen ein Teil von dynamischen Migrationsbewegungen aus dem Nahen Osten in die westeuropäischen Staaten, insbesondere nach Deutschland (vgl. Hassanpour/Mojab 2005: 218, Şenol 1992: 186). Seither hat die Migration der Kurd*innen praktisch nie aufgehört – auch wenn sie von Zeit zu Zeit abgenommen hat. Die letzte Welle der (Flucht‑)Migration der Kurd*innen – hauptsächlich aus Syrien und dem Irak – begann um 2014, intensivierte sich in den Jahren 2015/2016 und hält, wenn auch nicht mit gleicher Intensität, weiterhin an (vgl. Pürckhauer 2019). Da die Konflikte in den Herkunftsländern der Kurd*innen fortbestehen bzw. sich intensivieren, ist ein Ende ihrer Flucht(‑Migration) nicht abzusehen. Schon jetzt bilden die Kurd*innen eine der größten Migrant*innengruppen in Deutschland; ihre Zahl wird auf 1,2 Millionen Menschen geschätzt (vgl. Engin 2019: 9).
Die sozialpolitische Situation der Kurd*innen in Deutschland und in ihren Herkunftsländern dominiert die Themen, die in Deutschland in die öffentlichen und zum Teil auch in die wissenschaftlichen Diskussionen gelangen. Ihre alltägliche Lebenswelt, ihre sozioökomische und soziolinguistische Situation in Deutschland stehen dagegen kaum zur Diskussion und werden seitens der Forschung wenig aufgegriffen (vgl. Karataş 2019: 12, Ozmen 2010: 162, Schleimer 2019: 84). Der Spracherwerb ihrer Kinder unter Einbeziehung ihrer Sprache hat beispielsweise so gut wie keine Beachtung gefunden. Und dies trotz der Tatsache, dass an den allermeisten existierenden Studien zum Spracherwerb immer wieder auch kurdischsprachige Kinder beteiligt waren (vgl. Apeltauer 2008, Reich 2009).
Die vorliegende Studie betritt also ein neues Forschungsfeld. Dabei befasst sie sich in einer longitudinal angelegten Konzeption damit, wie sich die Sprachkompetenz der sechs ausgewählten Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren in Kurmancî-Kurdisch und in Deutsch entwickelt. Zu diesem Zweck wurden über den Zeitraum von etwa acht Monaten in einer bilingual kurdisch-deutschen Kindertagesstätte mit verschiedenen Methoden und Instrumenten Daten erhoben.
Die Varietät Kurmancî des Kurdischen, die hier der Untersuchungsgegenstand ist, wird Schätzungen zufolge von etwa zwei Dritteln der Kurd*innen weltweit gesprochen (vgl. Bulut 2018: XX). Selbst wenn die kurdische Diaspora in Westeuropa bzw. in Deutschland gesondert betrachtet wird, so müsste laut Ammann immer noch die Zahl der kurmancîsprachigen Kurd*innen überwiegen (vgl. Ammann 2019: 28, siehe auch Ghaderi 2014: 136).
Damit die vorliegende Studie sich in diesem neuen und zudem überaus großen Forschungsfeld nicht „verirrt“, operiert sie mit bestimmten Forschungsfragen, die in Kapitel 2 ausgeführt werden. Die Forschungsfragen strukturieren die Studie und richten sie auf ihr Ziel aus: auf Erfassung und ersten Einblick zur Spracherwerbskonstellation Kurmancî-Deutsch bei Kindern im Alter zwischen drei und sechs Jahren. In Kapitel 2 sind außerdem die Hypothesen der Studie ausgeführt und erläutert, die den Blick auf den Forschungsgegenstand zusätzlich schärfen. Im Anschluss daran folgt das Kapitel zum Forschungsdesign (Kapitel 3), welches das Format, die Methoden und Instrumente der Studie vorstellt und kurze Informationen zu den Studienkindern beinhaltet.
Kapitel 4 verfolgt zunächst das Ziel, im weiteren Sinne das Kurdische und im engeren Sinne das Kurmancî-Kurdisch zu kontextualisieren. Dabei wird zunächst ein Überblick über die Länder und Regionen gegeben, in denen das Kurdische, insbesondere das Kurmancî, geschichtlich beheimatet ist, und wie seine Varietäten aufgeteilt sind. Dazu werden zwei Landkarten zur Illustration herangezogen. Die Kontextualisierung wird mit einem Überblick zu den soziolinguistischen Rahmenbedingungen des Kurdischen/Kurmancî in den Herkunftsländern Irak, Syrien, Iran und Türkei fortgeführt. Dem folgen Ausführungen zur Migrationsgeschichte der Kurd*innen in den westeuropäischen Staaten. Dabei geht der Blick vom Allgemeinen zum Spezifischen: Erst wird die westeuropäische, dann die deutsche und schließlich die Berliner Diaspora der Kurd*innen dargestellt. In Berlin befindet sich auch das Forschungsfeld dieser Studie.
Auf die allgemeine Kontextualisierung des Kurdischen/Kurmancî folgt, ebenfalls in Kapitel 4, die grammatische Charakterisierung des Kurmancî. Dabei wird auf die phonologischen, syntaktischen und vor allem auf die morphologischen Charakteristiken wie Ezafe, Obliquus und Tempusformen eingegangen. Dieser Teil dient als Grundlage für die Ausführungen zu den grammatischen Merkmalen der sprachlichen Daten der Studienkinder.
Spiegelbildlich wird ebenso in Kapitel 4 mit der Erläuterung der grammatischen Merkmale des Deutschen verfahren. Der Unterschied ist dabei, dass die Erläuterungen zum Deutschen auf eine breite Grundlage in der Spracherwerbsforschung zurückgreifen können (vgl. u.a. Kaltenbacher 2015, Kauschke 2012, Meisel 2009, Ruberg/Rothweiler 2012, Schulz/Tracy 2011, Wegener 1995). In Kurmancî muss dagegen aufgrund fehlender Studien zum Spracherwerb auf allgemeine grammatische Untersuchungen – auch kurmancîsprachige – zurückgegriffen werden (vgl. u.a. Bedir Khan/Lescot 1986, Haig/Öpengin 2018, MacKenzie 1961, Omarkhali 2011, Tan 2005).
In Kapitel 5 finden sich schließlich beide Sprachen unter dem umfassenden „Dach“ des Begriffs der „Mehrsprachigkeit“. Es wird dabei sowohl auf allgemeine Grundlagen als auch auf den Kontext Kindertagesstätte – im Folgenden meist als Kita abgekürzt – eingegangen. Hier wird zunächst versucht, Bilingualismus/Mehrsprachigkeit zu definieren. Des Weiteren werden zentrale Theorien des Spracherwerbs kurz umrissen, die versuchen, den Spracherwerb aus der kognitiven Perspektive zu erläutern (vgl. Grießhaber 2010, Katerbow 2013, Schulz/Grimm 2012). Darüber hinaus erfolgt die Kategorisierung des Erwerbs des Deutschen, der das Alter und der Beginn des systematischen Zuganges zugrunde gelegt werden. In diesem Kapitel wird auch auf den Erwerb der Erzähl- und Grammatikkompetenz eingegangen und in dieser Weise eine Grundlage für die Analyse der Daten geschaffen.
Kapitel 6 der Studie ist ihrem Forschungskontext, methodischen Vorgehen und ihren Studienkindern gewidmet. Die Kindertagesstätte Pîya, die im Folgenden meist als Kita Pîya bezeichnet wird, stellt den Forschungskontext der Studie dar. Bezüglich der Kita Pîya, die bilingual Kurmancî-Deutsch konzipiert ist, werden zunächst einige Eckpunkte – Gründungsjahr, Kapazität, Konzept, Gründungshintergründe etc. – eingeführt. Den Schwerpunkt der Ausführungen bildet jedoch die Darstellung der bilingualen Praxis der Kita. Diese Darstellung beruht hauptsächlich auf den Erkenntnissen der Leitfadeninterviews mit den Erzieher*innen. Im Einzelnen wird auf die materiellen und personellen Ressourcen der Kita eingegangen. Dabei werden die Herausforderungen und Schwierigkeiten erläutert, die Erzieher*innen im Kita-Alltag insbesondere im Hinblick auf das Kurmancî zu überwinden haben.
Ein großer Teil des Kapitels 6 handelt von dem methodischen Vorgehen. In diesem Zusammenhang werden zunächst die Leitfadeninterviews erläutert, die mit den Erzieher*innen, der Leitung der Kita und der Geschäftsführung des Kita-Trägers durchgeführt worden sind. Auf die Darstellung der Leitfadeninterviews folgt die Erläuterung des Fragebogens für Eltern, der aus zwei Teilen besteht. Dieser wurde um offene Fragen zur Sprachenbiografie der Eltern ergänzt. Die Erkenntnisse, die dadurch gewonnen wurden, dienen dazu, die Rahmenbedingungen des Spracherwerbs der Studienkinder auszuleuchten.
Der Fokus der vorliegenden Studie liegt auf der Dokumentation und Analyse des Spracherwerbs und der Sprachkompetenz der Studienkinder. Dies erfolgt mit drei verschiedenen Instrumenten: LITMUS-MAIN – ab hier meist nur noch als MAIN abgekürzt (Gagarina et al. 2012, 2019a), LiSe-DaZ (Schulz/Tracy 2011) und HAVAS 5 (Reich/Roth 2004a, 2004b). Hinzu kommt als Ergänzung eine speziell für diese Studie zusammengestellte Lexikonabfrage. Für welche Sprachen, wie oft und in welchen Zeitabständen diese Instrumente eingesetzt waren, wird im Detail im dritten Kapitel „Design der Studie“ erläutert. In Kapitel 6 wird dagegen ausführlich dargestellt, was genau mit diesen Instrumenten elizitiert wird. Hier finden sich ausführliche Erläuterungen zur Vorbereitung, Durchführung und Auswertung dieser Instrumente. Die Erläuterungen zu MAIN und LiSe-DaZ, die die zwei Hauptinstrumente der Studie bilden, sind dabei umfangreicher und umfassen auch ihre theoretischen Grundlagen.
In Kapitel 6 erfolgt auch die Vorstellung der Studienkinder ausgehend von den Erkenntnissen, die durch Eltern, Erzieher*innen sowie durch teilnehmende Beobachtungen ermittelt wurden. Dabei werden der Weg und die Zugangsbedingungen der Studienkinder zu ihren Sprachen detailliert herausgearbeitet und erläutert. Dadurch wird die Analyse ihrer Kompetenz in ihren Sprachen im späteren Verlauf nachvollziehbarer.
Kapitel 7 ist der umfangreichste Teil der Studie und führt die Ergebnisse nach Sprachen aufgegliedert im Detail aus. Zunächst werden die sprachlichen Ergebnisse der Studienkinder in Kurmancî mit MAIN und in Deutsch mit MAIN und LiSe-DaZ kurz erörtert und tabellarisch dargestellt. Die Erörterung und Darlegung erfolgt für jedes Kind einzeln und gegliedert nach einzelnen Messzeitpunkten. Für vier Studienkinder liegen Ergebnisse in einer dritten Sprache Arabisch bzw. Französisch vor, im Fall eines dieser Kinder auch in der vierten Sprache Türkisch.
In Kapitel 7 werden auch die grammatischen Merkmale der sprachlichen Daten der Studienkinder in Kurmancî und Deutsch, die durch MAIN und LiSe-DaZ gesammelt wurden, auf der phonologischen, morphologischen und syntaktischen Ebene dargelegt und analysiert. Die theoretische Grundlage bilden dabei die Ausführungen zu den grammatischen Eigenschaften des Kurmancî und des Deutschen im vierten Kapitel. Abschließend wird auf die Äußerungen – seien es Wörter, Wortgruppen oder Sätze – eingegangen, die aus einer anderen Sprache übernommen sind. Hier wird eine vorsichtige Analyse unternommen, wie bei der Übernahme grammatisch verfahren wird.
Kapitel 8 ist das letzte Kapitel der Studie und rundet sie ab. Dabei werden die Ergebnisse der Studie diskutiert. Dies umfasst zum einen die Testergebnisse der Kinder in Kurmancî und in Deutsch sowie in weiteren Sprachen. Zum anderen stehen die grammatischen Eigenschaften der sprachlichen Daten in Kurmancî und in Deutsch zur Diskussion. Des Weiteren wird in diesem Abschnitt die Rolle der Kita Pîya für den Spracherwerb und die Sprachkompetenz der Studienkinder unter die Lupe genommen, bevor in einem Ausblick die Relevanz der Studie innerhalb der Spracherwerbsforschung verortet und kurz umrissen wird, inwiefern die Studie für die zukünftige Forschung eine Grundlage und/oder eine Perspektive bietet.
2 Forschungsziel, Forschungsfragen und Forschungshypothesen
Die vorliegende Studie ist als eine qualitative und explorative Studie zu betrachten. Sie versucht, anhand von wenigen Fällen explorativ „dem Forschungsgegenstand möglichst nahe“ zu kommen (Mayring 2010: 231, für einen Überblick zur qualitativen Forschung siehe Brüsemeister 2008 und Flick 2009 und für die Beziehung zwischen qualitativer und explorativer Herangehensweise Mayring 2010). Im Einklang mit der qualitativen und explorativen Herangehensweise ist das Ziel der Studie breit aufgestellt: Erfassung und erster Einblick zur Spracherwerbskonstellation Kurmancî-Deutsch bei Kindern im Alter zwischen drei und sechs Jahren. Der Grund dafür ist, dass diese Erwerbskonstellation bisher kaum, eventuell sogar noch gar nicht untersucht wurde, obwohl sie keine Seltenheit in Deutschland ist und spezifische Besonderheiten aufweist, wie z.B., dass Kinder, die mit dieser Erwerbkonstellation aufwachsen, in erheblichem Maß Zugang zu weiteren Sprachen haben.
Darüber hinaus ist auch nicht bekannt, ob das Kurmancî überhaupt je im Fokus einer tiefgreifenden Studie zum Spracherwerb gestanden hat – sei es allein oder in der Konstellation mit anderen Sprachen. Hier wird von der Untersuchung von Mahalingappa abgesehen, die nicht den Erwerb des Kurmancî im Allgemeinen, aber immerhin den Erwerb der Ergativität in Kurmancî bei Kindern in der Altersspanne zwischen 1,6 und 4,3 Jahren thematisiert (vgl. Mahalingappa 2009: 53ff.).1
Damit die vorliegende Studie ihr Ziel erreichen kann, werden vier übergreifende Forschungsfragen formuliert:
1 Über welche Sprachkompetenz verfügen die Studienkinder in Kurmancî und Deutsch im Alter von drei bis sechs Jahren und wie entwickelt sich diese über den Erhebungszeitraum von etwa acht Monaten?
Diese Frage stellt den Schwerpunkt der Studie dar und wird in zwei Teilfragen bearbeitet. Erstens wird der Frage nachgegangen, wie sich die Erzählkompetenz der Studienkinder in Kurmancî und in Deutsch darstellt und wie der diesbezügliche Entwicklungsverlauf über die Erhebungszeit ist. In diesem Zusammenhang wird auch überprüft, ob die Erzählkompetenz in Kurmancî und in Deutsch vergleichbar ist. Darüber hinaus wird auch der Frage nachgegangen, ob die Erzählkompetenz unter Berücksichtigung des Kurmancî mit gleichaltrigen bilingualen Kindern vergleichbar ist, die mit anderen Spracherwerbskonstellationen aufwachsen.
Während die erste Teilfrage sich auf die Erzählkompetenz bezieht und beide Sprachen umfasst, fokussiert die zweite Teilfrage die Morphosyntax und wird nur in Bezug auf das Deutsche gestellt. Die Frage ist: Wie sind die Normwerte der Studienkinder in Deutsch und wie entwickeln sie sich über die Erhebungszeit? Dass diese Frage nur hinsichtlich der Morphosyntax beantwortet wird, ist bedingt durch das eingesetzte Instrument LiSe-DaZ, da dieses Instrument Normwerte im Wesentlichen für Morphosyntax erhebt. Ein äquivalentes Instrument für Kurmancî ist nicht vorhanden, so dass der Sprachvergleich hier aus methodischen Gründen nicht erfolgen kann.
Um diese Lücke im Hinblick auf das Kurmancî einigermaßen zu schließen und das Deutsch der Kinder in einem größeren Bild unter die Lupe zu nehmen, wird die zweite übergreifende Frage der Studie formuliert:
1 Welche grammatischen Merkmale weisen die semi-spontan2 und experimentell elizitierten sprachlichen Daten der Studienkinder auf?
Die Antwort auf diese Frage wird in drei Bereichen der Sprache – Phonologie, Morphologie und Syntax – gesucht. Mit dieser Frage wird der Bereich der Phonologie des Deutschen, der von LiSe-DaZ nicht behandelt wird, mit in die Analyse eingeschlossen. Auch einige morphosyntaktische Kategorien, die mit diesem Instrument nicht untersucht werden, wie das Genus und der Numerus (Schulz/Tracy 2011: 20), sind in dieser Weise der Analyse inkludiert.
Die ausführliche Auseinandersetzung mit den grammatischen Merkmalen der sprachlichen Daten bietet auch die Grundlage dafür, eine Unterscheidung in Bezug auf die Äußerungen der Kinder vorzunehmen, die aus anderen Sprachen übernommen sind. Die Frage, die dieser Unterscheidung Rechnung trägt, ist, ob diese Äußerungen an die Grammatik der jeweiligen Sprache angepasst werden oder nicht (vgl. Hock/Joseph 2019, Poplack 2018).
Da Kurd*innen zu jenen Migrant*innengruppen gehören, deren Mitglieder bereits in ihren Herkunftsländern meistens bilingual/multilingual sind und mit dieser Ausgangslage in dem Einwanderungsland ankommen, ist es häufig der Fall, dass ihre Kinder mit den Sprachen der Eltern und der Sprache des Einwanderungslandes und somit dreisprachig bzw. mehrsprachig aufwachsen (Herkenrath 2017, Ozmen 2010, Riehl 2014, Şimşek 2016). Im Fall dieser Studie kommt noch hinzu, dass fünf der sechs Studienkinder außerhalb Deutschlands geboren sind – vier in den Herkunftsländern und eins in einem weiteren Land. In diesen Ländern hatten sie Zugang zu einer weiteren Sprache außer Kurmancî oder waren von dieser Sprache umgeben. Bei einem Kind kommt hinzu, dass aufgrund der Familienkonstellation und Migration eine vierte Sprache zu seiner Lebenswelt gehört.
Da die vorliegende Studie bemüht ist, die Sprachkompetenz der Studienkinder insgesamt, also auch in weiteren Sprachen zu ermitteln, lautet eine weitere Frage:
1 Inwieweit ist bei den Studienkindern eine Sprachkompetenz in weiteren Sprachen – zusätzlich zu Kurmancî und Deutsch – vorhanden?
Die vierte und letzte Frage bezieht sich auf die Rolle der Kita, insbesondere auf die Rolle ihres Inputs beim Spracherwerb der Studienkinder. Die Kita wird in Deutschland als ein fester Bestandteil der Kindheit betrachtet (vgl. Bildung in Deutschland 2014: 45, König/Friederich 2014: 11). Des Weiteren wird sie als zweitrelevanteste Instanz – nach der Familie – aufgefasst, in der die sprachliche Sozialisation des Kindes stattfindet (vgl. Reich 2009: 13). Für Kinder, die zu Hause keinen oder wenig Zugang zum Deutschen haben, ist die Kita sogar die erste und eventuell die relevanteste Instanz für den Deutscherwerb (vgl. Jeuk 2003: 9, Schulz/Tracy 2011: 21). Daher ist die Rolle der hier untersuchten Kita Pîya für den Erwerb des Deutschen – aber auch für den des Kurmancî – zu beleuchten. Denn die Kita fördert neben dem Deutschen auch das Kurmancî konsequent. Insofern ist eine weitere übergreifende Frage wie folgt formuliert:
1 Welche Rolle spielt die Kita Pîya für den Erwerb des Kurmancî und des Deutschen?
Diese Frage wird in erster Linie vor dem Hintergrund der Kenntnis zu beantworten sein, welche Kinder zu Hause keinen plausiblen Zugang zu den untersuchten Sprachen haben und daher auf den Input in der Kita angewiesen sind und wie sie dadurch ihre Kompetenzen in der jeweiligen Sprache ausbauen.
Wenn auch zu Beginn mehr oder minder eindeutig war, welches Ziel mit welchen Forschungsfragen in der vorliegenden Studie verfolgt werden sollte, war die Aufstellung der Hypothesen – wie es ein Merkmal der explorativen Studien ist (vgl. Mayring 2010: 225) – nicht einfach. Dies lag daran, dass das Forschungsfeld neu war und es ungewiss war, welche Zusammenhänge und Wechselwirkungen in diesem neuen Feld überhaupt untersuchbar sind. Dennoch konnten, abgeleitet von Ergebnissen der Spracherwerbsforschung, flankiert von ersten informellen Gesprächen mit Eltern und Erzieher*innen sowie durch die ersten Eindrücke der teilnehmenden Beobachtungen in der Kita einige vorsichtige Hypothesen zu der spezifischen Erwerbkonstellation Kurmancî-Deutsch gebildet werden. Diese Hypothesen schärfen im Zusammenhang mit den Forschungsfragen den Blick für bestimmte Merkmale, Phänomene und Bereiche des untersuchten Gegenstandes (vgl. Grond 2018 für eine vergleichbare Vorgehensweise).
Die erste Hypothese ist, dass die bilingualen Kinder zwar in ihren beiden Sprachen eine ähnliche Erzählkompetenz auf der Makroebene – also bei der Wiedergabe der globalen Struktur – aufweisen werden (vgl. Gagarina et al. 2015), dies allerdings nicht, wenn der Zugang zu einer der Sprachen nicht über eine längere Zeit gegeben war. Denn das Erzählen einer Geschichte verlangt das Erreichen einer gewissen Schwelle der Sprachkompetenz (vgl. Bohnacker 2016: 24, siehe auch die Abschnitte 5.3 und 5.4). Jedoch ist nicht konkret ermittelt, nach welcher Dauer des Zuganges zu der jeweiligen Sprache die Erzählkompetenz eintritt. Für Sprachen wie Deutsch ist allerdings bekannt, dass erst am Ende des ersten Jahres des systematischen Zuganges, manchmal auch erst danach, die Grundstrukturen der Sprache durch die sukzessiven Erwerber*innen erworben werden, z.B. verschiedene Satzstrukturen (vgl. Ruberg/Rothweiler 2012, Schulz/Tracy 2011). Insofern ist für vier der sechs Studienkinder, die sukzessiv das Deutsche erwerben, anzunehmen, dass sich ihre Erzählkompetenz in dieser Sprache erst etwa ab dem Ende des ersten Jahres des systematischen Zuganges der Erzählkompetenz in Kurmancî etappenweise angleicht (für Erläuterungen zum Erwerbsbeginn sowie zur Erwerbsdauer der Studienkinder siehe die Übersicht im nächsten Abschnitt).
In Bezug auf den Zugang zu Kurmancî ist zu erwähnen, dass nur ein einziges Kind der Studie erst zu einem späteren Zeitpunkt – etwa mit eineinhalb Jahren – einen geregelteren Zugang zu Kurmancî bekommen hat (für genaue Informationen siehe den Abschnitt 6.3). Es ist allerdings schwierig, für dieses Kind eine Annahme darüber zu äußern, nach welcher Dauer des Zuganges es eine Erzählkompetenz in Kurmancî entwickeln und ab wann diese sich der in Deutsch angleichen wird. Denn anders als im Deutschen ist der Spracherwerb in Kurmancî nicht dokumentiert und damit einhergehend ist eine Grundlage für eine solche Annahme nicht gegeben. Daher kann für dieses Kind höchstens vermutet werden, dass es durch den geregelten Zugang im Laufe der Zeit eine Kurmancî-Kompetenz entwickelt. Mit voranschreitender Entwicklung ist zu erwarten, dass es Figuren, Objekte und einzelne Ereignisse der Geschichten benennt/beschreibt, diese mehr und mehr verknüpft und die Geschichten schließlich auch in Kurmancî erzählt. Wann dies jedoch geschieht, kann im Rahmen dieser Studie nicht definiert werden. Dazu wäre eine ausführliche Dokumentation des Spracherwerbs in Kurmancî vonnöten.
Die zweite Hypothese ist, dass die Studienkinder (abgesehen von einem Kind) in LiSe-DaZ, d. h. im Deutschen, niedrige Werte aufweisen werden. Der Grund dafür ist, dass den Werten von LiSe-DaZ die Annahme zugrunde liegt, dass Kinder mit Deutsch als Zweitsprache im Alter zwischen 25 und 48 Monaten in die Kita kommen und fortan einen systematischen Zugang zum Deutschen haben. Dieser Annahme nach sind die Werte ermittelt und Vergleichsgruppen nach Alter und Kontaktzeit gebildet (vgl. Schulz/Tracy 2011: 21). Vier der sechs Studienkinder kamen jedoch älter als 48 Monate in die Kita. Aufgrund dieser Tatsache konnten sie nicht immer mit ihrer tatsächlichen Gruppe, sondern mit der nächsten passenden Gruppe verglichen werden. Bei einem weiteren Kind werden Werte von Deutsch als Muttersprache (DaM) zugrunde gelegt, wobei es in seinen ersten Lebensjahren nicht die üblichen Erwerbsbedingungen eines DaM-Kindes hatte (für genaue Informationen siehe den Abschnitt 6.3).
Die dritte Hypothese ist, dass die Studienkinder hinsichtlich der Grammatik des Deutschen die meisten Schwierigkeiten nicht mit der Syntax, sondern mit der Morphologie haben werden (vgl. Kauschke 2012, Meisel 2009). Um genauer zu sein: Sie werden ihre größten Schwierigkeiten im Ausdruck der grammatischen Kategorien der Nominalphrase haben. Hier werden Kinder, die das Deutsche sukzessiv erwerben, auf mehr Schwierigkeiten stoßen. Denn in der Spracherwerbsforschung ist dokumentiert, dass der Erwerb der grammatischen Kategorien der Nominalphrase Kindern, und insbesondere sukzessiven Erwerber*innen, schwerfällt (vgl. Kaltenbacher/Klages 2007, Ruberg/Rothweiler 2012).
Wenn auch keine ausführliche Dokumentation zum Erwerb des Kurmancî vorliegt, so ist dennoch davon auszugehen, dass die Unterscheidung der Stammformen der Verben in Kurmancî zum frühen Spracherwerb gehört. Denn die grammatische Unterscheidung der Gegenwart und der Vergangenheit erfolgt über diese beiden Stammformen. Sobald also Kinder in ihren Äußerungen Gegenwart und Vergangenheit voneinander unterscheiden, müssen sie mit beiden Stammformen operieren. In diesem Zusammenhang geht aus der Studie von Mahalingappa hervor, dass kurdischsprachige Kinder, die im Osten der Türkei mit Kurmancî aufwachsen, ab einem Alter von etwa zwei bis zweieinhalb Jahren sowohl eine Tempusform der Gegenwart als auch eine der Vergangenheit nutzen und somit die beiden Stammformen anwenden (vgl. Mahalingappa 2009: 53ff.) Die vierte Hypothese lautet entsprechend, dass diese Unterscheidung der Stammformen den meisten Studienkindern gelingen wird, da sie zum Zeitpunkt der Erhebung im Erwerb des Kurmancî bereits fortgeschritten sind.
Die fünfte Hypothese bezieht sich darauf, dass das Kurmancî der meisten Studienkinder regionalen Unterschieden unterliegen wird. Denn das Kurmancî umfasst ein großes geografisches Gebiet, das auch größtenteils durch mehrere Staatsgrenzen geteilt ist. Des Weiteren ist seine Standardvarietät den meisten Sprecher*innen aufgrund soziopolitischer Rahmenbedingungen kaum verfügbar (vgl. Aygen 2007, Haig/Öpengin 2018).
Die sechste Hypothese ist, dass Studienkinder, die Kontakt zu einer dritten oder vierten Sprache haben bzw. hatten, diese Sprache(n) auch produktiv nutzen werden, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie ihre ersten beiden Sprachen Kurmancî und Deutsch. Bei der Kontextualisierung der dritten Forschungsfrage wurde bereits darauf hingewiesen, dass der Lebenswelt der Kinder, die mit Kurmancî und Deutsch aufwachsen, in den meisten Fällen eine bzw. mehrere weitere Sprachen angehören. Die Studie von Şimşek (2016) geht auf diese Tatsache ein und ermittelt, dass die von ihr untersuchten Studienkinder über eine produktive Sprachkompetenz in der dritten Sprache – in dem Fall Türkisch – verfügen. Daran anknüpfend geht die vorliegende Studie von einer produktiven Sprachkompetenz in weiteren Sprachen neben Kurmancî und Deutsch aus, zu denen die untersuchten Kinder Zugang haben.
Die Hypothesen sieben und acht beziehen sich auf die Umsetzung des Konzepts der Kita und auf den Sprachgebrauch der Kinder in der Kita. Im Hinblick auf Ersteres ist davon auszugehen, dass die Kita Schwierigkeiten in der Umsetzung ihres Konzepts haben wird, da es sich in ihrem Fall um ein Pilotprojekt handelt. Darüber hinaus gibt es bis jetzt nur wenig bzw. kaum Erfahrungen im Umgang mit der institutionellen Vermittlung des Kurmancî (vgl. Akın 2017, Derince 2017, Grond 2018). Mit Blick auf den Sprachgebrauch wird vermutet, dass Kinder aus den kurmancîsprachigen Familien in der Kita vor allem zu Beginn mehrheitlich Kurmancî sprechen werden, da ihnen diese Sprache vertrauter ist.
3 Design der Studie
Da die vorliegende Studie als eine explorative Studie definiert ist, wird sie im Format einer Fallstudie entfaltet, die insgesamt sechs Kinder umfasst. Der Vorteil einer Fallstudie ist, dass das gegebene Thema besonders umfassend behandelt werden kann. Diese Herangehensweise ist für das Thema der vorliegenden Studie vonnöten, da es bis jetzt – wie bereits erwähnt – kaum untersucht wurde. Als Fallstudie kann sie ihr Thema „multiperspektivisch“ angehen (vgl. Gürsoy 2016: 18) und einen ersten Einblick in die Spracherwerbskonstellation Kurmancî-Deutsch ermöglichen. Des Weiteren ist es ein Anliegen, „die Kinder in ihren vielschichtigen Lebenslagen wahrzunehmen […].“ (Chilla/Niebuhr-Siebert 2017: 29) Dies ist ebenfalls im Format der Fallanalyse möglich.
Die sechs Studienkinder wurden aus der Kurdisch-Deutsch bilingualen Kita Pîya ausgewählt. Sie heißen Zozan, Roza, Aram, Azad, Welat und Aras.1 Zozan und Roza sind Zwillingsschwestern und gleichzeitig die beiden einzigen Mädchen der Studie. Die anderen vier Studienkinder sind Jungen. In Bezug auf Zozan, Roza, Azad und Welat ist auch anzumerken, dass sie in den Jahren 2015 und 2016 im Zuge der sogenannten Flüchtlingswelle nach Deutschland kamen.
Der Auswahl der Studienkinder wurden zwei Kriterien zugrunde gelegt. Erstens sollten die Kinder mindestens drei Jahre alt sein, da die zwei Hauptinstrumente der Studie – MAIN und LiSe-DaZ – für Kinder ab drei Jahren konzipiert sind (vgl. Gagarina et al. 2012, Schulz/Tracy 2011). Zweitens sollten die Kinder über eine produktive Kompetenz in beiden Sprachen verfügen. Damit ist in diesem Kontext gemeint, dass sie in beiden Sprachen Output geben bzw. beide Sprachen sprechen können, indem sie beispielsweise Sätze bilden oder Geschichten erzählen, so dass sprachliche Daten in beiden Sprachen gesammelt werden können. Zumindest sollten sie aber eine der Sprachen – Kurmancî oder Deutsch – sprechen, deren Erwerb untersucht wird. Fünf der sechs Studienkinder sprachen zum Zeitpunkt der Datenerhebung beide Sprachen. Nur ein Kind sprach in der Zeit Deutsch, aber kein Kurmancî.
Die Informationen über die produktive Sprachkompetenz der Kinder wurden durch Gespräche mit Eltern und Erzieher*innen sowie durch teilnehmende Beobachtungen in der Kita ermittelt. Durch die Gespräche mit Eltern wurde auch sichergestellt, dass die ausgewählten Kinder keine Besonderheiten („Störungen“) im Spracherwerb aufweisen bzw. Einschränkungen haben, die den Spracherwerb beeinflussen, wie z.B. eine Hörschädigung. Im Folgenden werden weitere Angaben zu den Kindern tabellarisch zusammengefasst.
| Name des Kindes | Geburtsort des Kindes | Erstsprache(n) des Kindes | Alter bei Ankunft in DE 2 | Alter beim Eintritt in die Kita | Alter bei der Erhebung | Kontakt zum Deutschen bei der Erhebung |
| Zozan | Kobanî/ Syrien | Kurmancî | 4,5 | 4,10 | 6,3 – 6,10 | 17 – 24 Monate |
| Roza | Kobanî/ Syrien | Kurmancî | 4,5 | 4,10 | 6,3 – 6,10 | 17 – 24 Monate |
| Aram | Paris/ Frankreich | Deutsch, Kurmancî, Französisch | 3,9 | 3,9 | 5,11 – 6,6 | Seit Geburt |
| Azad | Şengal/ Irak | Kurmancî | 4,0 | 4,5 | 5,2 – 5,10 | 9 – 17 Monate |
| Welat | Şengal/ Irak | Kurmancî | 3,9 | 4,7 | 5,2 – 5,9 | 7 – 14 Monate |
| Aras | Berlin/ Deutschland | Deutsch | - | 1,6 | 3,2 – 3,9 | Seit Geburt3 |
Abbildung 1:
Angaben zu den Studienkindern
Eine detaillierte Beschreibung der jungen, aber dennoch vielschichtigen Biografien der Studienkinder erfolgt in den Falldarstellungen (im Abschnitt 6.3). Aber hier soll schon eine Kategorisierung hinsichtlich ihres Deutscherwerbs vorweggenommen werden. Wie es der Übersicht zu entnehmen ist, kommen vier der insgesamt sechs Studienkinder – Zozan, Roza, Azad, Welat – erst im Alter zwischen 4,5 bis 4,10 in die Kita, was auch den Beginn ihres systematischen Erwerbs des Deutschen markiert. Entsprechend sind sie sukzessive bilinguale Erwerber*innen des Deutschen. Die zwei weiteren Kinder, Aram und Aras, sind als simultane Erwerber des Deutschen und des Kurmancî zu definieren, wobei bei Aras der Zugang zum Deutschen seit der Geburt gegeben ist, aber der Zugang zum Kurmancî im Wesentlichen ab dem Alter von eineinhalb Jahren – mit dem Eintritt in die Kita – erfolgt. Welche theoretische Grundlage dieser Kategorisierung zugrunde gelegt ist, wird im Abschnitt 5.2 erläutert.
Im Rahmen des Formats der Fallstudie untersucht die vorliegende Arbeit nicht nur den Spracherwerb und die Sprachkompetenz der Studienkinder, sondern darüber hinaus auch die Einflussfaktoren auf diese. Mit Einflussfaktoren sind konkret die Kita und die Familien der Studienkinder gemeint. Hinsichtlich der Kita wurde mit den Erzieher*innen, mit der Kitaleitung sowie mit der Geschäftsführung des Kitaträgers ein Leitfadeninterview geführt. Die Fragen für das Leitfadeninterview an die Erzieher*innen und die Kitaleitung wurden in Anlehnung an Brizić (im Ersch.) entwickelt. Mit den Familien wurde ein Fragebogen durchgegangen, der von MAIN (vgl. Gagarina et al. 2012) und Brizić (im Ersch.) adaptiert ist. Zudem wurden den Eltern weiterführende Fragen zu ihrer Sprachbiografie gestellt. Durch die Thematisierung der Rolle der Kita und der Familie für den Spracherwerb und die Sprachkompetenz sollten der erhaltene Input und die gegebene Interaktion in den Sprachen untersucht werden. Dadurch wurde den zwei wesentlichen sogenannten externen Faktoren des Spracherwerbs Rechnung getragen (vgl. Ellis 2008: 238ff.). Zu ergänzen ist, dass Interviews und Fragebogen einmalig durchgeführt worden sind, aber sowohl im Vorfeld als auch im Nachgang informelle Gespräche stattgefunden haben, um neue oder ergänzende Informationen zu akquirieren.
Der Schwerpunkt der vorliegenden Studie liegt jedoch auf der Dokumentation des Spracherwerbs und auf der Ermittlung der Sprachkompetenz der Studienkinder. Zu diesem Zweck wurden drei Instrumente in Anspruch genommen:
Language Impairment Testing in Multilingual Settings – Multilingual Assessment Instrument for Narratives (LITMUS-MAIN) (Gagarina et al. 2012, 2019a)
Linguistische Sprachstandserhebung – Deutsch als Zweitsprache (LiSe-DaZ) (Schulz/Tracy 2011)
Hamburger Verfahren zur Analyse des Sprachstandes bei Fünfjährigen (HAVAS 5) (Reich/Roth 2004a, 2004b)
Diese Instrumente wurden um eine Lexikonabfrage für die Sprachkompetenz in der dritten und vierten Sprache ergänzt.
MAIN wurde bei den Studienkindern für Kurmancî und Deutsch insgesamt zu drei Messzeitpunkten (ab hier meist als MZP abgekürzt) mit einem Abstand von etwa drei Monaten eingesetzt. LiSe-DaZ wurde nur für das Deutsche zu zwei MZP mit einem Abstand von etwa fünf Monaten eingesetzt. HAVAS 5 wurde herangezogen, um die mögliche Kompetenz der Studienkinder in weiteren Sprachen zu ermitteln. Diesem Instrument wurde jedoch eine kleine Lexikonabfrage vorangestellt, um auch eine niedrige Kompetenz zu erfassen. Die Erhebung zur Ermittlung der Sprachkompetenz in der dritten und vierten Sprache fand einmal statt. Was genau mit welchem Instrument elizitiert worden ist, wird im Detail bei ihren Ausführungen im Abschnitt 6.2.2 dargelegt. Dort werden auch einige Aspekte der Adaptation von MAIN ins Kurmancî beschrieben. Im Folgenden wird tabellarisch dargestellt, wann welches Instrument eingesetzt wurde.
| MAIN | 1. MZP Mitte Februar –Anfang März 2017 in Kurmancî und Deutsch | 2. MZP Ende Mai – Anfang Juni 2017 in Kurmancî und Deutsch | 3. MZP Ende August – Anfang September 2017 in Kurmancî und Deutsch | |
| LiSe-DaZ | 1. MZP Anfang April 2017 in Deutsch | 2. MZP Anfang September 2017 in Deutsch | ||
| HAVAS 5 & Lexikonabfrage | Mitte Juni 2017 in weiteren Sprachen | |||
Abbildung 2:
Zeitraum der eingesetzten Instrumente
Beim ersten MZP hat Azad die MAIN-Geschichten nicht erzählt. Mit der Erhebung seiner sprachlichen Daten wurde daher im April mit LiSe-DaZ begonnen. Als die anderen Kinder Ende Mai – Anfang Juni ihren zweiten MZP mit MAIN hatten, war für ihn der erste MZP mit diesem Instrument. Entsprechend war sein dritter MZP mit MAIN nicht im September, sondern drei Monate später im Dezember zu Ende. Die sprachlichen Erhebungen haben bei Azad innerhalb von acht Monaten und bei den anderen Kindern innerhalb von sieben Monaten stattgefunden (für diese Besonderheit bei Azad siehe seine Falldarstellung im Abschnitt 6.3).
4 Forschungsgegenstand Kurmancî und Deutsch
4.1 Forschungsgegenstand Kurmancî
4.1.1 Überblick
Beim Kurmancî handelt es sich um diejenige Varietät des Kurdischen, die von den meisten Kurd*innen gesprochen wird (vgl. Thackston 2006: VII, Turgut 2011: 14). Es wird angenommen, dass kurdische Varietäten weltweit insgesamt von 20 bis 30 Millionen Menschen gesprochen werden (vgl. Haig/Öpengin 2018: 157). Bulut schätzt, dass 65% davon die Kurmancî-Varietät sprechen (vgl. Bulut 2018: XX), also 13 bis 20 Millionen Menschen. Auch Thackston gibt eine vergleichbare Zahl der Kurmancîsprecher*innen an, nämlich 15 bis 17 Millionen (vgl. Thackston 2006: VII).
Das Kurdische stellt nicht eine Sprache, sondern einen Sammelbegriff für verschiedene Varietäten dar (vgl. Chyet 2019: 104, Grond 2018: 45, van Bruinessen 1989: 37). Welche Varietäten zum Kurdischen gehören und ob es sich bei diesen um Sprachen oder um ein Varietätenkontinuum handelt, ist in der Kurdologie und in der Iranistik Gegenstand von Diskussionen (vgl. Haig/Öpengin 2018, Matras 2017), auf die an dieser Stelle nicht eingegangen werden kann. Der folgenden Karte kann indes ungefähr entnommen werden, wo welche Varietäten gesprochen werden.
Abbildung 3:
Landkarte zu den kurdischen Varietäten (Haig/Öpengin 2018: 159)
Aus der Landkarte geht hervor, dass Kurmancî hauptsächlich in der Südost-Türkei, im Nordirak und im nordwestlichen Teil des Irans gesprochen wird. Es ist außerdem in einem kleinen Gebiet Nordostsyriens sowie Westarmeniens beheimatet. Zur Landkarte ist allerdings anzumerken, dass sie einige Regionen nicht oder nicht adäquat berücksichtigt, in denen ebenfalls Kurmancî gesprochen wird. Dazu gehören vor allem Gebiete in Zentralanatolien sowie in Nordsyrien um die Ortschaften Afrin, Kobanî und Hasaka (Hesîçe) (vgl. Havrest 1998: 73, Hajo 1982: 1, Strohmeier/Yalçin-Heckmann 2000: 29). Daher ist festzuhalten, dass Syrien neben der Türkei, dem Irak und Iran über eine beachtliche Anzahl an Kurmancîsprecher*innen verfügt, wenn auch diesbezüglich derzeit wie in den anderen Staaten keine genauen Angaben vorliegen. Es ist ebenso bekannt, dass in den großen Städten dieser Staaten, vor allem in Istanbul und Aleppo, große kurmancîsprachige Gemeinschaften leben.
Auch innerhalb des Kurmancî gibt es zahlreiche Varietäten. Inzwischen befassen sich einige Studien mit den lexikalischen und vor allem mit den grammatischen Gemeinsamkeiten und Unterschieden dieser Varietäten (vgl. Haig/Bulut 2017, Haig/Öpengin 2018, MacKenzie 1961). An der Universität Manchester wurde auch eine Varietätendatenbank angelegt, die aus verschiedenen kurmancîsprachigen Regionen Sprachproben mit Transkriptionen sowie grammatischen und lexikalischen Analysen zur Verfügung stellt. Diese Möglichkeiten bietet die Datenbank im Übrigen auch für andere Varietäten des Kurdischen an.1
Neben der Beschreibung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Varietäten gibt es auch Bemühungen, diese in Gruppen einzuteilen. Haig/Öpengin (2018) unterteilen die Varietäten in drei Gruppen und zeichnen sie in der Landkarte folgendermaßen auf.
Abbildung 4:
Die geografische Verbreitung der Varietäten des Kurmancî2 (Haig/Öpengin 2018: 193)
Auch eine Standardvariante des Kurmancî gibt es, die sich maßgeblich auf das Süd-Kurmancî stützt, jedoch auch Elemente der anderen Varietäten zum Teil integriert (vgl. Haig/Öpengin 2018: 164). Die Standardisierung des Kurmancî erfolgte durch seine Verschriftlichung ab dem Jahr 1932 in der Zeitschrift „Hawar“, die maßgeblich ein Werk von Celadet Bedir Khan war (vgl. Grond 2018: 47). Das Standard-Kurmancî repräsentiert auf dem aktuellen Stand in erster Linie die Schrift- und Mediensprache sowie die Bildungssprache, sofern in Kurmancî Bildung angeboten wird. Der wesentliche Aspekt ist hier, dass der Varietät die nötige Institutionalisierung gefehlt hat, – beispielsweise allgemeinbildende Schulsysteme –, um sich etablieren zu können.
Mit anderen Worten: Aus dem Kurmancî ist keine Hochsprache für alle Kurmancîsprecher*innen hervorgegangen, die von allen erworben wird (vgl. Grond 2018, Maas 2014 für die Begrifflichkeit der Hochsprache). Daher ist dieser Standard nicht allen Kurmancîsprecher*innen vertraut und wird selten gesprochen. Zu diesem Punkt wird in Bezug auf die Darstellung des Forschungsfeldes der Kita und im Weiteren im Hinblick auf die Kompetenz der Kurmancî-Erzieher*innen noch einiges auszuführen sein.
Hier kann aber ergänzt werden, dass die Beschreibung der grammatischen Merkmale des Kurmancî im Abschnitt 4.1.4 weitgehend ausgehend von diesem Standard erfolgt. Des Weiteren wird er bei der Erläuterung der sprachlichen Daten von Studienkindern als Orientierung dienen. Da aber dieser Standard – wie dargestellt – den Sprecher*innen kaum verfügbar ist, wird er für die Analyse der sprachlichen Daten nicht als Norm gesetzt.
4.1.2 Soziolinguistische Rahmenbedingungen des Kurmancî in den Herkunftsländern
Beim Überblick zum Kurmancî wurde angeführt, dass dessen Herkunftsregion hauptsächlich vier benachbarte Staaten umfasst, nämlich die Türkei, Syrien, den Irak und den Iran. Dabei lebt der größte Teil der Kurmancîsprecher*innen in der Türkei. In jedem der genannten Staaten hat Kurmancî unterschiedliche soziolinguistische und soziopolitische Rahmenbedingungen, die – bis auf den Irak – weniger von den Kurd*innen selbst definiert werden als vielmehr von der machthabenden Politik (vgl. Hassanpour/Sheyholislami/Skutnabb-Kangas 2012: 14).
Im Irak genießen die Kurd*innen seit 1992 einen autonomen Status und können ihre Sprache in der autonomen Region neben dem Arabischen sowohl in der Bildung als auch im öffentlichen Raum in Anspruch nehmen. Aber auch schon vor dem autonomen Status war die Sprachenpolitik des irakischen Staates gegenüber dem Kurdischen verglichen mit den anderen drei Staaten weniger restriktiv (vgl. Skubsch 2002: 267). In der neuen Verfassung des Iraks aus dem Jahre 2005 ist Kurdisch für das gesamte Land sogar als die zweite Amtssprache neben dem Arabischen definiert worden (vgl. Akın 2017: 160). Damit hat das Kurdische, mit dem Begriff von Maas (2014) ausgedrückt, im Irak einen „Verfassungsrang“ erlangt (vgl. Maas 2014: 41).
In der autonomen Region Nordirak muss Kurmancî – in der Region eher Behdînanî (Badînî) genannt – sich allerdings gegenüber dem Soranî behaupten, das dort im Gegensatz zum Kurmancî verbreiteter und, damit einhergehend, die dominante Varietät des Kurdischen ist (vgl. Hassanpour/Sheyholislami/Skutnabb-Kangas 2012: 8, Thackston 2006: VII).
In Syrien war Kurmancî, das dort als die einzige Varietät des Kurdischen gesprochen wird, weder die Sprache der Öffentlichkeit noch der Bildung1. Es war bestenfalls die Sprache der Familie und des nahen Umfeldes. Die Situation änderte sich, als die Kurd*innen ab Mitte 2012 begannen, die Kontrolle in den vorwiegend von ihnen besiedelten Regionen zu übernehmen und sich autonom zu organisieren. Über einige Regionen haben sie aber inzwischen die Kontrolle verloren, wie z.B. über Afrin. In den Regionen, die sie weiterhin verwalten, versuchen sie Kurmancî in der Öffentlichkeit und in der Bildung zu etablieren. Die von ihnen verwalteten Regionen sind aber ständigen Gefahren, u.a. Invasionen, ausgesetzt. Zudem ist der Status der autonomen Verwaltung weder durch die aktuelle syrische Regierung noch durch die internationale Gemeinschaft anerkannt (vgl. Brizić/Grond 2017: 23).
Im Iran und in der Türkei ist die Situation der kurdischen Varietäten und damit auch des Kurmancî derzeit am ungünstigsten. Es ist anzumerken, dass von dieser Situation nicht nur die kurdischen Varietäten, sondern – bis auf die jeweilige Staatssprache Farsi bzw. Türkisch – auch alle anderen (Minderheiten-)Sprachen in diesen Ländern betroffen sind. Motiviert durch die Vorstellung „ein Staat, eine Nation, eine Sprache“ sind alle anderen Sprachen einer einzigen Sprache – dem Standard-Farsi im Iran und dem Standard-Türkisch in der Türkei – untergeordnet (vgl. Derince 2017: 177, Grond 2018: 36, Skubsch 2002: 259f.). Im Iran, wo die kurdischen Varietäten dem Farsi untergeordnet, aber zugleich mit ihm eng verwandt sind, wird diesen im öffentlichen Raum und Bildungswesen kein Platz eingeräumt. In Bezug auf das Bildungswesen stellt Sheyholislami die Situation folgendermaßen dar: „In fact there is no evidence that any of the minority languages such as Azerbaijani, Kurdish and Baluchi have been officially taught in any elementary or secondary public or private school that operates under the auspices of the Iranian Ministry of Education and Training.“ (Sheyholislami 2012: 35)
Die Türkei ist nicht nur das Land, in dem die meisten Kurmancîsprecher*innen leben, sondern sie ist auch das Land, in dem die meisten Kurd*innen insgesamt leben. Die Praktiken der Türkei gegen Kurdisch – gemeint sind hier die beiden Varietäten Kurmancî und Zazakî2 – seit ihrer Gründung (1923) bis zum Jahr 2002 waren dermaßen restriktiv, dass sie in der Gesamtheit manchen Forscher*innen zufolge einem „Linguizid“ gleichkamen (vgl. Zeydanlıoğlu 2012: 106). Die Restriktionen erreichten im Jahr 1983 ihren Höhepunkt, als die Anwendung des Kurdischen verboten wurde, ohne dabei im Verbotstext das Kurdische zu nennen (vgl. Coşkun/Derince/Uçarlar 2011: 36, Grond 2018: 53f.). Das Verbot der kurdischen Sprache wurde 1991 teilweise gelockert, doch zu einer tatsächlichen Verbesserung kam es erst im Jahr 2002.
Beginnend im Jahr 2002 brachte die Türkei im Zuge der Beitrittsgespräche mit der Europäischen Union und mit der Absicht, das Land zu liberalisieren, Reformen auf den Weg (vgl. Zeydanlıoğlu 2012: 114). Diese Reformen haben die Restriktionen gegen das Kurdische gelockert und gaben der Sprache zum ersten Mal die Möglichkeit, in den öffentlichen Bereich zu gelangen. Die Kommunen in den kurdischen Gebieten der Türkei nutzten beispielsweise in begrenztem Maße die Sprache bei ihren Dienstleistungen (vgl. Derince 2017: 188). Ebenfalls im Zuge dieser Reformen wurde an einigen Universitäten unter diversen Namen die kurdische Sprache und Literatur als ein Studiengang angeboten. Ein wesentlicher Beitrag hinsichtlich Bildung in der kurdischen Sprache wurde dadurch geleistet, dass zwischen 2013 und 2015 einige Grundschulen und Kindergärten als Pilotprojekte in Kurdisch eingerichtet wurden (vgl. Baysu/Agirdag 2019: 1087, Derince 2017: 190). Allerdings änderte die Türkei ab etwa Mitte 2015 ihre Politik gegenüber den Kurd*innen wiederum stark (vgl. Grond 2018: 59f.). Damit einhergehend wurden die kurdischen Schulen wieder geschlossen und fast alle Kommunen, die den Erhalt und die Entfaltung des Kurdischen förderten, unter Zwangsverwaltung gestellt. Letztere schlossen wiederum umgehend die kurdischen Kindergärten (vgl. Derince 2017: 190f.). Auch andere Vereine und Institutionen wie Kurdî-Der oder das Kurdische Institut Istanbul, die vor allem in der Vermittlung des Kurdischen an Erwachsene tätig waren, wurden geschlossen. Die Schließung des Kurdischen Instituts Istanbul zeigt das Ausmaß der neuen Repressionen, das zum Teil die Zeit vor dem Jahr 2002 weit übertrifft. Denn das Kurdische Institut Istanbul wurde 1992 gegründet und hatte die vorherigen Repressionen überlebt (vgl. Evrensel 2016). Gegenwärtig sind in der Türkei die meisten Vereine, Institutionen, Fernsehsender etc., die in irgendeiner Weise das Kurdische fördern, geschlossen worden, es sei denn, sie sind vom Staat selbst eingesetzt und agieren in seinem Sinne. Es gibt aber jenseits des Staates immer wieder Bemühungen, Strukturen sowie Möglichkeiten zur Förderung des Kurdischen zu schaffen.
Es gab und gibt zahlreiche Kooperationsvorhaben zwischen Bildungseinrichtungen in Deutschland und der Türkei. Insbesondere die Berliner Kita Pîya bemühte sich darum, mit den kurdischsprachigen Kindergärten in der Türkei zu kooperieren, um Erfahrungen auszutauschen, Material zu akquirieren und Weiterbildungsmöglichkeiten hinsichtlich der Erweiterung der Kurmancî-Kompetenzen ihrer Erzieher*innen zu schaffen. Die geplante Kooperation kam jedoch unter den oben beschriebenen sprachpolitischen Bedingungen nicht zustande.
4.1.3 Kurmancî in der westeuropäischen Diaspora, in Deutschland und in Berlin
Auch wenn die Anfänge der kurdischen Diaspora in die westeuropäischen Staaten bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreichen, kam es zu einer zahlenmäßig bedeutsamen kurdischen Emigration erst ab den 1960er Jahren (vgl. Hassanpour/Mojab 2005: 217f.). In diesem Jahrzehnt erlebten die westeuropäischen Staaten, vor allem Deutschland, eine rasante wirtschaftliche Entwicklung. Die benötigten Arbeitskräfte wurden u.a. aus der Türkei durch Gastarbeiterverträge rekrutiert (vgl. Ammann 2019: 34). Unter diesen Gastarbeiter*innen waren auch Kurd*innen (vgl. Karataş 2019: 26). Die Migration der Kurd*innen in die westeuropäischen Staaten hielt auch in den siebziger und achtziger Jahren an, hatte aber immer mehr die Flucht als Ursache. Zum einen hatten im Jahr 1975 die Kurd*innen im Irak den Krieg um die Autonomiebestrebungen gegen die zentrale Regierung verloren, die während des Krieges und danach brutal gegen Kurd*innen vorging. Zum anderen fand im Jahr 1979 ein Regimewechsel im Iran statt und in der Türkei erfolgte 1980 ein Militärputsch. Beide Entwicklungen waren zu Ungunsten der Kurd*innen, und die Repressionen ihnen gegenüber nahmen zu, insbesondere auch sprachlich.
Im Jahr 1991 wurde im Irak in einem Teil der Gebiete, in denen Kurd*innen leben, auf Initiative der US-Regierung eine Sicherheitszone geschaffen. Die kurdische Migration aus dem Irak in westeuropäische Staaten ging aber weiter, da die politische Unsicherheit und mangelnde wirtschaftliche Entwicklung bestehen blieben (vgl. Ghaderi 2014: 137, Hassanpour/Mojab 2005: 218). Die neunziger Jahre waren jedoch geprägt durch die Fluchtmigration der Kurd*innen aus der Türkei. Das Hauptzielland der geflüchteten Kurd*innen war dabei Deutschland. In den Jahren zwischen 1991 und 2001 sollen etwa 197.250 Asylbewerber*innen aus der Türkei nach Deutschland gekommen sein. Es wird davon ausgegangen, dass ein erheblicher Teil davon Kurd*innen waren (vgl. Engin 2019: 12).
In den darauffolgenden Jahren kamen weniger Geflüchtete aus Kurdistan in die westeuropäische Diaspora und nach Deutschland, aber die Migration ging weiter, z.B. durch Heirat und Familiennachzug. Diese Situation sollte aber nicht lange anhalten. Ab 2011 begann der Bürgerkrieg in Syrien, und die soziopolitische und sozioökonomische Lage im Irak verschlechterte sich. Dies führte dazu, dass in beiden Staaten radikale Gruppen erstarkten und große Gebiete unter ihre Kontrolle brachten. Sie griffen im August 2014 Şengal im Nordirak an und verübten dort ein Massaker. Außer Şengal griffen sie auch weitere Gebiete der Kurd*innen im Irak und in Syrien an. Als Folge flüchteten viele Menschen direkt in die westeuropäischen Staaten oder zunächst in einen benachbarten Staat, beispielsweise in die Türkei oder in den Libanon und im Anschluss weiter nach Westeuropa. Auch die Repressionspolitik der Türkei gegenüber den Kurd*innen nahm ab etwa Mitte 2015 wieder zusehends zu. Das Hauptzielland der geflüchteten Menschen war wiederum Deutschland.
Die Folge ist, dass im Zeitraum zwischen 2014 und September 2019 etwa 330.000 Kurd*innen in Deutschland Asyl beantragt haben. Über die Hälfte davon kommt aus Syrien, etwa 36 Prozent aus dem Irak und 6 Prozent aus der Türkei. Über die Kurd*innen aus Syrien ist bekannt, dass sie etwa 30 Prozent der Asylanträge ausmachen, die von syrischen Staatsbürger*innen gestellt wurden (vgl. Pürckhauer 2019).
Insgesamt besteht also seit den 60er Jahren eine dynamische Migrationsbewegung der Kurd*innen in die westeuropäischen Staaten, insbesondere nach Deutschland. Über ihre genaue Zahl sind jedoch keine verlässlichen Informationen vorhanden, da die Staaten bei der Einwanderung für die statistische Erfassung in der Regel nicht die ethnisch-sprachliche, sondern die Staatsangehörigkeit zugrunde legen (vgl. Derince 2020: 10, Ghaderi 2014: 135f.). Nur in bestimmten Fällen – wie im Asylverfahren – können Migrant*innen ihre ethnische Zugehörigkeit angeben und diese wird dann ggf. miterfasst (vgl. Engin 2019: 8). Daher gibt es nur grobe Schätzungen und ungefähre Angaben über die Zahl der Kurd*innen in den westeuropäischen Staaten (vgl. Hassanpour/Mojab 2005: 214). Ihre Anzahl in Deutschland wird dabei unter Einrechnung der neuen Geflüchteten auf 1,2 Millionen Menschen geschätzt (vgl. Engin 2019: 9). Damit dürfte die Anzahl der Kurd*innen in Deutschland die Gesamtanzahl der Kurd*innen in allen anderen westeuropäischen Staaten übertreffen (vgl. Grond 2018: 78, Skubsch 2002: 225).
Da die Kurd*innen aus der Türkei bereits in den 60er Jahren in der westeuropäischen Diaspora anwesend waren und später in den 80er und vor allem in den 90er Jahren in großer Zahl und zum Teil politisiert dazukamen, haben sie auch die Aktivitäten der kurdischen Diaspora geprägt bzw. prägen diese weiterhin. Als Folge wurde/ist Kurmancî die Sprache dieser Aktivitäten. Denn die überwiegende Anzahl der Kurd*innen aus der Türkei spricht diese Varietät, wenn auch die Anzahl der Zazakîsprecher*innen dort nicht gering geschätzt werden sollte. Es besteht sogar die Annahme, dass Kurmancî sich in der westeuropäischen Diaspora zu einer Art lingua franca unter Kurd*innen entwickelt hat (vgl. Ammann 2019: 28, siehe auch Derince 2020: 58)1. Der erste kurdische Sender Med-TV – gegründet in der westeuropäischen Diaspora im Jahr 1995 – bot beispielsweise Programme meistens in Kurmancî an (vgl. Hassanpour/Mojab 2005: 219). Auch die meisten kulturellen Aktivitäten, wie z.B. Newroz-Feierlichkeiten, fanden/finden überwiegend in Kurmancî statt. Für die Zukunft kann erwartet werden, dass diese Tendenz nicht ab-, sondern eher zunehmen wird. Denn die Kurd*innen aus Syrien, die in den letzten Jahren in einer großen Anzahl Asyl beantragt haben, sprechen ausschließlich Kurmancî (vgl. Ammann 2019: 28).
Auch in den Bemühungen zur Integration des Kurdischen in den Bildungsprozess stand/steht das Kurmancî im Vordergrund. Im Kontext von Deutschland gilt dies sogar nahezu ausschließlich (vgl. Skubsch 2002: 302). Viel wichtiger ist jedoch, dass es weder Kurd*innen noch ihren Aufnahmeländern gelungen ist, das Kurdische – sei es Kurmancî oder andere Varietäten – in das Bildungssystem des jeweiligen Staates übergreifend und durchgängig einzugliedern (siehe die Ausführungen unten zur Lage in Deutschland). Schweden dürfte dabei die einzige Ausnahme sein, denn dort sind kurdische Varietäten neben anderen Sprachen der Migrant*innen in das Gesamt-Bildungssystem inkludiert. Die Eingliederung der kurdischen Varietäten in das Bildungssystem hat auch die Infrastruktur dafür geschaffen, dass in Schweden Lehr- und Lernmaterial sowohl für den vorschulischen Bereich als auch für die Schule erstellt worden ist (vgl. Şenol 1992: 121ff.). Auf dieses Material wurde und wird in den anderen Ländern, u.a. in Deutschland, zurückgegriffen. Auch die hier untersuchte Kita hat ein Teil ihres Materials aus Schweden bezogen. Auf diesen Punkt wird aber noch näher eingegangen.
Der Unterricht in den Sprachen der neu angekommenen Migrant*innen an den Schulen erfolgte in Deutschland in den sechziger und siebziger Jahren zunächst in Kooperation mit ihren Herkunftsstaaten (Baur/Ostermann/Chlosta 2004: 161f.). In diesem Zusammenhang wurde in Sprachen wie Türkisch, Griechisch oder Portugiesisch Unterricht an den Schulen installiert, der gewöhnlich als Konsulatsunterricht definiert wird (vgl. Mediendienst Integration 2019: 3). Es ist offensichtlich, dass die Türkei sich für das Kurdische in Deutschland nicht verantwortlich gefühlt hat, ebenso wenig wie für andere Sprachen der Türkei wie Lasisch, Tscherkessisch, Aramäisch u.v.m. Auch in den folgenden Dekaden bis heute ist nicht bekannt, dass die Türkei sich für den Unterricht irgendeiner Sprache ihrer Mitbürger*innen außer Türkisch in den Schulen Westeuropas und Deutschlands eingesetzt hat.
Die Forderung nach einem Kurdisch-Unterricht an den Schulen in Deutschland wurde jedoch von Kurd*innen schon zu Beginn der achtziger Jahre gestellt (vgl. Skubsch 2002: 301). Mit diesen Forderungen gingen auch Bestrebungen einher, die in einigen Bundesländern zu Beginn der neunziger Jahre konkrete Gestalt angenommen haben. In diesem Zusammenhang wurde in Bremen im Jahr 1993, in Hamburg im Jahr 1994, in Niedersachsen im Jahr 1995 und in Nordrhein-Westfalen im Jahr 1998 kurdischer muttersprachlicher Unterricht eingeführt (vgl. Skubsch 2002: 302ff.). Bis auf Hamburg findet der Unterricht in diesen Bundesländern bis dato statt (vgl. Mediendienst Integration 2019). Auch in Berlin (Westberlin) gab es seit dem Ende der achtziger Jahre Bestrebungen von Elterninitiativen und Vereinen, Kurdisch-Unterricht an den Schulen anzubieten. An einigen Schulen fand solcher Unterricht auch zeitweilig statt, hatte jedoch keinen langfristigen Bestand (vgl. Ates 2016: 111).
Erst im Jahr 2016 hat der Berliner Senat die Förderung des Kurdischen als Herkunftssprache in die Koalitionsvereinbarung aufgenommen (vgl. Koalitionsvereinbarung 2016-2021). Seitdem hat die Stadt Berlin den Unterricht an einer Schule übernommen, die von Yekmal e.V.2 initiiert war, und den Kurdisch-Unterricht an zwei weiteren Schulen installiert. In allen drei Schulen ist das Angebot in Kurmancî.3
Aber im Verhältnis zur Anzahl der kurdischen Bevölkerung in Berlin ist das Angebot an drei Schulen deutlich zu gering. In Bremen, wo eine viel kleinere kurdische Gemeinschaft lebt, findet beispielsweise an zehn Schulen Kurdisch-Unterricht statt.4 Gegenwärtig bieten neben den genannten Bundesländern auch Rheinland-Pfalz und Brandenburg Kurdisch-Unterricht an. In Letzterem wird dieser durch regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA Brandenburg) ausgeführt (vgl. Mediendienst Integration 2019). Die übrigen Bundesländer bieten keinen Kurdisch-Unterricht an. Es kann jedoch sein, dass dort die eine oder andere Schule auf eigene Initiative oder durch die Initiative der Eltern, etwa in Form von Arbeitsgemeinschaften, Kurdisch-Unterricht anbietet.
In Bezug auf Berlin sind zwei weitere Aspekte auszuführen. Erstens beherbergt die Stadt eine große Anzahl von Kurd*innen, wobei die Schätzungen stark voneinander abweichen. Einige gehen nämlich von ca. 50.000 (vgl. Ghaderi 2014: 136) und andere von ca. 100.000 bis 120.000 Kurd*innen in Berlin aus (vgl. Derince 2020: 18). Auch eine Zahl zwischen 70.000 und 90.000 wird in diesem Zusammenhang von einigen Vereinen genannt, die in Berlin mit Kurd*innen arbeiten5. Unabhängig davon, welche Schätzung zugrunde gelegt wird, macht die Anzahl der Kurd*innen in Berlin einen beachtlichen Anteil der auf 1,2 Millionen geschätzten Kurd*innen in Deutschland aus.6 Zweitens gibt es in Berlin eine Reihe kurdischer Einrichtungen, die auch in den kurdischen Varietäten soziale Dienste und Aktivitäten anbieten, z.B. Beratung, Familienhilfe, Einzelfallhilfe, Jugendarbeit, Nachhilfe-Kurse, Vätergruppen etc. Solche Einrichtungen sind in anderen Teilen Deutschlands kaum bzw. nicht in der Stärke und in der Vielfalt wie in Berlin vorhanden. Einige dieser Vereine bestehen schon seit längerer Zeit, etwa der „Kurdistan Kultur- und Hilfsverein e.V.“ (seit 1974) oder das „Kurdische Zentrum e.V.“ (seit 1984).7
Dem „Kurdistan Kultur- und Hilfsverein e.V.“ ist es auch gelungen, in Kooperation mit einer Elterninitiative im April 1990 in Berlin einen bilingual kurmancî-deutschen Kinderladen mit dem Namen Hêlîn (deutsch: „Nest“) zu gründen (vgl. Ates 2016: 111). In diesem Kinderladen wurde versucht, das Kurmancî neben dem Deutschen konsequent zu fördern. Dies gelang auch in den Anfangszeiten bis etwa Ende des Jahres 1991.8 Das bilinguale Konzept konnte allerdings nicht fortgeführt werden, jedoch wurde das Kurmancî bis etwa Ende der 90er Jahre weiterhin in geringem Umfang gezielt gefördert. Beispielsweise wurden Kinderlieder in Kurmancî gesungen oder auch in Kurmancî vorgelesen. Etwa ab dem Jahr 2000 erfolgte die Förderung des Kurmancî nur noch im Rahmen der interkulturellen Kompetenz. Begrüßungsrituale fanden zum Beispiel in Kurmancî statt oder das Neujahrfest (Newroz) wurde in der Einrichtung gefeiert. Die Förderung des Kurmancî im Rahmen der interkulturellen Kompetenz findet auch heute noch statt. Zudem ist die Einrichtung, die sich inzwischen zu einer Kita entwickelt hat, weiterhin eine Anlaufstelle für kurdische Familien. Da die Kita kurdische Mitarbeiter*innen beschäftigt, können die Familien mit ihnen in ihrer Sprache kommunizieren und auch die Eingewöhnungsphase ihrer Kinder kann mit Einbezug ihrer Sprache erfolgen9.
In Berlin gibt es zwei weitere Kitas, die das Kurmancî bzw. das Kurdische im Rahmen der interkulturellen Kompetenz fördern, nämlich „Kindervilla Waldemar e.V.“ und „Kinder einer Erde e.V.“10 Es könnte weitere Kitas in oder außerhalb Berlins mit einer solchen Förderung geben, die jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt sind.
Schließlich stellt sich die Frage, ob Kurmancî oder allgemein das Kurdische in Deutschland eine „vitale“ Sprache ist (vgl. Extra/Yağmur 2008: 149, Küppers/Schroeder 2017: 63 für die Begrifflichkeit). Zur Beantwortung dieser Frage liegen allerdings keine genauen Daten und kaum Untersuchungen vor. Eine der wenigen Studien diesbezüglich ist die von Extra/Yağmur (2008). In dieser Studie, die neben Hamburg in fünf weiteren westeuropäischen Städten – Brüssel, Göteborg, Lyon, Madrid und Den Haag – durchgeführt worden ist, wird festgestellt, dass der Grad der Vitalität des Kurdischen in diesen Städten insgesamt niedrig ist (vgl. Extra/Yağmur 2008: 153). In der Untersuchung gibt es jedoch keine differenzierten Angaben zu den einzelnen Städten, auch nicht zu den einzelnen Varietäten des Kurdischen. Eine weitere Studie, die zwar nicht in Deutschland, aber im deutschen Sprachraum, in Wien, durchgeführt worden ist, kommt zum Ergebnis, dass auch hier der Grad der Vitalität des Kurdischen niedrig ist (vgl. Brizić/Hufnagl 2011: 216). In dieser Studie wird im Übrigen ebenfalls nicht nach den Varietäten differenziert.
Die Studie von Yekmal e.V., die mit Kurd*innen in Berlin durchgeführt und von Derince (2020) erarbeitet wurde, bietet in diesem Zusammenhang einen differenzierten Blick sowohl nach Varietäten als auch nach den Herkunftsländern an. In der Studie wird festgehalten, dass Kurd*innen aus Syrien/Rojava die Varietät Kurmancî und Kurd*innen aus dem Irak die Varietät Soranî in Deutschland in ihrem Alltag stärker nutzen. Dies betrifft insbesondere die Kommunikation der Eltern mit ihren Kindern. Die Nutzung des Kurmancî und Zazakî als Alltagssprache seitens der Kurd*innen aus der Türkei ist dagegen weniger verbreitet, auch als Kommunikationssprache der Eltern mit ihren Kindern. Hier zeichnet sich wiederum ab, dass Kurmancîsprecher*innen eher Kurmancî nutzen als Zazakîsprecher*innen Zazakî. In beiden Gruppen ist im Übrigen die Anwendung der Staatsprache Türkisch des Herkunftslandes stärker verbreitet, als es bei den Kurd*innen aus Syrien/Rojava und dem Irak mit dem Arabischen der Fall ist (vgl. Derince 2020: 69f.). Auf die starke Nutzung des Türkischen bei den Kurd*innen aus der Türkei wird auch in den anderen Studien hingewiesen (vgl. Meyer-Ingwersen 1995: 322, Şenol 1992: 141).
Anzumerken ist an dieser Stelle jedoch, dass für die Studie meist Kurd*innen aus Syrien/Rojava interviewt wurden, die etwa seit 2014 in Deutschland leben (vgl. Derince 2020: 37f.). Da sie sich nicht seit langem in Deutschland befinden, sind sie stärker durch die kurdischsprachige Sozialisation aus dem Herkunftsland geprägt als beispielsweise Kurd*innen aus der Türkei, die zum größten Teil über mehrere Dekaden in Deutschland leben und ihren Alltag auch verstärkt mit Deutsch gestalten. Insofern ist abzuwarten, ob die Kurd*innen aus Syrien/Rojava die starke Nutzung des Kurdischen beibehalten werden, wenn sich ihre Migrationsgeschichte über eine längere Zeit erstreckt und sie ihre Deutschkenntnisse fortlaufend erweitern.
In Bezug auf Gebrauch und Vitalität der kurdischen Varietäten bzw. des Kurdischen ist auch zu erwähnen, dass Kurd*innen in Deutschland zurückhaltend sind, sich im öffentlichen Raum mit ihren Kindern in Kurdisch zu unterhalten. Sie haben sogar Bedenken dagegen, Kurdisch in Institutionen wie beispielsweise in Kitas als ihre Sprache anzugeben (vgl. Chilla/Niebuhr-Siebert 2017: 100). Ehlich spricht in diesem Zusammenhang von „Auskunftsvorsicht“ (Ehlich 2013: 39). Daher ist anzunehmen, dass die Stigmatisierungseffekte des Kurdischen aus den Herkunftsländern in Deutschland nicht aufgehoben sind (vgl. Şenol 1992: 136ff.).
Die Vitalität des Kurdischen bzw. seiner einzelnen Varietäten in Deutschland ist eine Forschungsfrage an sich und sollte mit einer gut konzipierten Untersuchung angegangen werden. Dabei sollten auch die Stigmatisierungseffekte berücksichtigt werden. Auf ein solches Vorhaben ist die vorliegende Untersuchung jedoch nicht zugeschnitten.
4.1.4 Grundlegende grammatische Charakteristiken des Kurmancî
4.1.4.1 Phonologie
Vergleichend mit dem Deutschen ist festzuhalten, dass Wörter in Kurmancî keine besonders komplexen Silben haben. Konsonantencluster mit zwei oder gar drei aufeinander folgenden Konsonanten im Wortanlaut (Silben-Onset) sind selten, wobei diese (regional bedingt) meist durch eine Vokalepenthese unterbrochen werden (vgl. Haig/Öpengin 2018: 168, MacKenzie 1961: 37). Beispielsweise ist das Wort stran [strɑːn] „Lied“ ein seltenes Kurmancî-Wort mit drei Konsonanten im Wortanlaut, das jedoch häufig als sitran [sɨtrɑːn] realisiert wird (vgl. Aygen 2007: 10, Haig/Öpengin 2018: 168). Im Silben- und Wortauslaut (Koda) treffen jedoch häufig zwei Konsonanten aufeinander, die nicht unterbrochen werden (vgl. Şimşek 2016: 91).
Ob Kinder bei Erwerb und Aussprache der Wörter mit der Konsonanten-Abfolge oder im Allgemeinen bei der Phonologie des Kurmancî Schwierigkeiten haben, ist aufgrund fehlender Forschung ungewiss. Die vorliegende Studie wird auch in dieser Hinsicht keine Analysen anbieten. Jedoch ist bekannt, dass regionale Varietäten des Kurmancî sich vor allem phonologisch voneinander unterscheiden (vgl. Aygen 2007, Haig/Öpengin 2018). Daher ist zu erwarten, dass die Färbungen der dialektal-regionalen Unterschiede sich in der Sprachproduktion der Kinder niederschlagen. Denn sie und/oder ihre Eltern kommen aus den verschiedenen Regionen des Kurmancî-Sprachraums.
Ob Kurmancî als eine akzent- oder silbenzählende Sprache zu gelten hat, ist in der Forschung noch nicht eindeutig ermittelt worden (vgl. Şimşek 2016: 91). Aber immerhin scheint die Frage beantwortet zu sein, wo der Wortakzent in Kurmancî liegt, nämlich in der Regel auf der letzten Silbe des Stammwortes (vgl. Omarkhali 2011: 197). Ob dies einen Einfluss auf den Spracherwerb des Kurmancî hat, ist jedoch gleichfalls nicht geklärt.
4.1.4.2 Morphologie
In Auseinandersetzung mit der Nominalphrase des Kurmancî sind rasch zwei Charakteristiken zu erkennen. Die erste betrifft die Dualität der Kategorien. Das Kurmancî unterscheidet nämlich hinsichtlich des Genus Maskulinum versus Femininum, hinsichtlich des Kasus Rectus versus Obliquus1 und hinsichtlich des Numerus Singular versus Plural (vgl. MacKenzie 1961: 152). Die zweite Charakteristik ist, dass diese wenigen grammatischen Kategorien schwach und in manchen Fällen sogar gar nicht ausgedrückt werden. Ferner erfolgt ihr Ausdruck an wenigen sprachlichen Elementen. Die betreffenden Kategorien werden noch zu erläutern sein, ebenso deren Ausdruck. Zunächst sollte jedoch die Ezafe dargestellt werden, die ein Merkmal der iranischen Sprachen ist und eine zentrale Charakteristik der Nominalphrase in Kurmancî darstellt. Von ihr hängen sowohl der Ausdruck des Genus als auch der des Numerus ab. Des Weiteren ist sie für die Markierung des Kasus wirksam.
In Studien zur Grammatik des Kurmancî wird die Ezafe als Partikel erfasst (vgl. Bedir Khan/Lescot 1986: 65). Als Partikel kann sie freistehen, aber sie wird mit dem Bezugselement, dem Nomen, als Suffix verbunden, falls sie ihm direkt folgt, wie es in den Beispielen unten der Fall ist (vgl. Schroeder 1998: 45). Die zentrale Funktion der Ezafe ist die Verknüpfung der nachgestellten Attribute wie Adjektive, Pronomina, Partizipien etc. mit dem Kopf der Nominalphrase, also mit Nomen (vgl. Schroeder 2002: 194f.). Ausgehend von dieser zentralen Funktion wird sie auch als Linker definiert (vgl. Haig 2011). Das Nomen kann dabei aus einem Glied bestehen oder ein Kompositum sein. Darüber hinaus kann die Ezafe pronominal und in einigen Regionen auch prädikativ gebraucht werden (vgl. Haig/Öpengin 2018: 179f.).
Das besondere an der Ezafe ist, dass sie auf der einen Seite den Numerus und das Genus zum Ausdruck bringt und auf der anderen Seite ihre Ausdrucksform sensibel zu den indefiniten Suffixen -ek (Singular) und -(i)n (Plural) ist (vgl. Aygen 2007: 18, Omarkhali 2011: 203f.). Gemäß den Daten der vorliegenden Studie wurde die Ezafe häufig als Linker gebraucht. Unten werden einige Beispiele dafür aufgelistet, wie die Ezafe in dieser Funktion mit ihren unterschiedlichen Formen auftreten kann:
| 1. | dar-ê | stûr | ||
| stock-EZ.M | dick | „der dicke Stock“ | (Bedir Khan/Lescot 1986: 66) | |
| 2. | dar-ên | stûr | ||
| stock-EZ.Pl | dick | „die dicken Stöcke“ | (Bedir Khan/Lescot 1986: 67) | |
| 3. | şev-a | sar | ||
| nacht-EZ.F | kalt | „die kalte Nacht“ | (Bedir Khan/Lescot 1986: 67) | |
| 4. | şev-ek-e 2 | sar | ||
| nacht-IDS.EZ.F | kalt | „eine kalte Nacht“ | (Bedir Khan/Lescot 1986: 70) |
Eine weitere Eigenschaft der Ezafe ist, dass eine Nominalphrase mit Ezafe ungeachtet ihrer syntaktischen Funktion denselben Ausdruck hat. Damit geht auch einher, dass der Obliquus, der in Kurmancî gegenüber dem Rectus in den meisten Fällen formal markiert wird, seine Markierung in den Nominalphrasen mit Ezafe nicht betätigen kann. „The presence of an ezafe on any noun suppresses the expression of oblique case on that noun. This is a very crucial fact of Kurmanji syntax: it means that the ezafe itself is impervious to the external case of the entire NP.“ (Haig/Öpengin 2018: 179) Wenn also die obigen Nominalphrasen im Rectus oder im Obliquus gebraucht werden, erfahren sie keine Formänderung.
Das Kurmancî unterscheidet beim Nomen zwei Genera voneinander, das Maskulinum und das Femininum. Das Genus in Kurmancî hat kein sprachliches Mittel wie ein Affix oder eine Wortart, wie beispielsweise den Artikel in Deutsch, die mit dem Genusausdruck assoziiert werden können. Im Konkreten heißt das, das Genus wird im Singular lediglich durch die Ezafe oder durch den Obliquus zum Ausdruck gebracht. Wie im Deutschen, so entfällt auch in Kurmancî im Plural die Unterscheidung der Genera (vgl. Schroeder 1998: 45). Sie scheint überdies regional unterschiedlich, in manchen Regionen sogar weitgehend aufgehoben zu sein, wie es beispielsweise aus der Fallstudie von Akın hervorgeht (vgl. Akın 2013: 115).
Was die Systematik der Genuszuweisung angeht, so operieren einige semantische oder strukturelle Nomenklassen mit einem bestimmten Genus (vgl. Omarkhali 2011: 199). Beispielsweise wird je nach Geschlecht der Referenz einigen Nomen das feminine und einigen anderen dagegen das maskuline Genus zugewiesen. Zum größten Teil ist die Zuweisung aber arbiträr und folgt nicht einer bestimmten Systematik. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass einige Personenbezeichnungen wie heval „Freund“ in Kurmancî beiden Genera zugewiesen werden können, je nachdem welches Geschlecht im Kontext damit gemeint ist (vgl. Haig/Öpengin 2018: 172).
Die Unterscheidung des Numerus – des Singulars und des Plurals – weist hinsichtlich seiner Markierung mit einer Ausnahme die gleiche Charakteristik auf wie die des Genus. Der Numerus wird nämlich wie das Genus in der Nominalphrase durch die Ezafe oder durch Obliquus zum Ausdruck gebracht. Im Umkehrschluss heißt das, dass eine Nominalphrase, die nicht in der Ezafekonstruktion oder im Obliquus ist, weder den Numerus noch das Genus markieren kann. Siehe dazu das folgende Beispiel:
| 5. | Ev kum | kevn | e. |
| DP.RE Mütze | alt | KOP.3.PSg „Diese Mütze ist alt“ (Tan 2005: 156) |
Auf diese Besonderheit weist auch MacKenzie hin: „The simple noun, i.e. in its Direct case form, gives no indication of its grammatical gender or number […]. These are manifest only in the Oblique case forms […] and in the forms of the Izafe […].“ (MacKenzie 1961: 153) Die Ausnahme bzw. der Unterschied ist, dass der Numerus einer Nominalphrase im Prädikat ersichtlich werden kann, wenn sie mit diesem in Kongruenz steht. Die folgenden zwei Beispiele illustrieren dieses Phänomen des Kurmancî in der Gegenüberstellung:
| 6. | Ev | keçik | diçe | dibistanê. |
| DP.RE | Mädchen.RE | gehen.PRÄS.3.PSg. | Schule.OB.F | |
| „Dieses Mädchen geht in die Schule.“ (Tan 2005: 156) | ||||
| 7. | Ev | keçik | diçin | dibistanê. |
| DP.RE | Mädchen.RE | gehen.PRÄS.3.PPl. | Schule.OB.F | |
| „Diese Mädchen gehen in die Schule.“ (Tan 2005: 156) | ||||
Das Kurmancî kennt drei Kasusformen – Rectus, Obliquus und Vokativ (siehe dazu Anm. 20). Die Unterscheidung zwischen Rectus und Obliquus kann auf drei Wegen erfolgen: durch Formänderung, Ablaut oder Suffixe. Die Formänderung/Suppletion zeigt sich lediglich bei den Pronomina wie z.B. ez „ich“ im Rectus, min „ich“ im Obliquus. Die Markierung durch den Ablaut kommt nur bei einigen maskulinen Singularnomen im Obliquus vor (vgl. Haig/Öpengin 2018: 174). Der Ablaut betrifft die Änderung vom kurzen a und e zum langen ê. Beispielsweise aş, „Mühle“, hesp „Pferd“ im Rectus, êş „Mühle“, hêsp „Pferd“ im Obliquus (vgl. Bedir Khan/Lescot 1986: 86). Wenn ein maskulines Nomen nicht über einen zu verändernden Vokal verfügt, bleibt es je nach morphosyntaktischen Gegebenheiten im Obliquus ohne Markierung (vgl. Matras 2017: 6).3
Alle maskulinen Nomen, die über ein Indefinitsuffix -ek oder ein vorausgehendes Pronomen verfügen, werden im Obliquus durch ein Suffix markiert. Auch alle femininen Nomen sowie Pluralnomen im Obliquus erfahren eine Markierung durch Suffix. Welches Nomen in welcher grammatischen Konstellation welches Suffix im Obliquus annimmt, wird in der folgenden Tabelle4 illustriert.
| Singular | Plural | |
| Maskulin | Ablaut, Ø, -î | -an, -a |
| Feminin | -ê |
Abbildung 5:
Markierung des Obliquus in Kurmancî
In Kurmancî steht das Subjekt im Rectus, falls der Satz keine Ergativstruktur aufweist. In Ergativsätzen steht dagegen das direkte Objekt im Rectus. Im Gegensatz zum Rectus gibt der Obliquus in Kurmancî in nicht-Ergativsätzen – in Sätzen mit sogenanntem Nominativ-Akkusativ-Alignment – das direkte Objekt und in Ergativsätzen das Subjekt wieder. Es wird noch zu thematisieren sein, aber hier kann schon vorweggenommen werden, dass die Ergativität in Kurmancî hauptsächlich bei den Tempusformen der Vergangenheit vorkommt. Siehe den Kontrast in den folgenden zwei Beispielen:
| 8. | Ez | te | dibînim. | (Nominativ-Akkusativ-Alignment) |
| 1.Sg.RE | 2.PSg.OB | sehen.PRÄS.1.Sg | ||
| „Ich sehe dich.“ (Gündoğdu 2017: 50) | ||||
| 9. | Min | tu | dîtî. | (Ergativsatz) |
| 1.PSg.OB | 2.PSg.RE | sehen.PAST.2.PSg | ||
| „Ich habe dich gesehen.“ (Gündoğdu 2017: 50) | ||||
Die Aufteilung der Funktionen in den nicht-Ergativsätzen scheint stabil zu sein, jedoch nicht die in den Ergativsätzen. Auf dieses Merkmal wird noch bei der Bearbeitung der Syntax eingegangen.
Es sind keine Arbeiten zum Kurmancî bekannt, die sich spezifisch mit der Definit- oder Indefinitheit in dieser Sprache befasst haben. Insofern ist es ungewiss, ob in Kurmancî ein solches System der Definitheit und der Indefinitheit etwa vergleichbar mit dem Deutschen existiert. Fakt ist, dass die indefiniten Nomen im Singular und im Plural mit einem Suffix als solche gekennzeichnet werden. Im Plural kann diese Kennzeichnung auch analytisch erfolgen. Die nicht-indefiniten Nomen werden dagegen nicht gesondert gekennzeichnet. Ob die Kennzeichnung der indefiniten Nomen und deren Ausbleiben bei den nicht-indefiniten Nomen genügt, um für das Kurmancî ein System der Definitheit und Indefinitheit anzunehmen, kann in der vorliegenden Arbeit nicht diskutiert werden. MacKenzie stellt aber in diesem Zusammenhang fest: „A noun in its simplest form may be either definite or indefinite […].“ (MacKenzie 1961: 150) Nach seiner Auffassung können Nomen in ihrer einfachen Form – diese kann auch als Grundform betrachtet werden – nicht eindeutig als definit bezeichnet werden, was aber von manchen Forscher*innen in der Kurdologie angenommen wird (vgl. Omarkhali 2011: 198).
In Bezug auf die Verbalphrase in Kurmancî lässt sich festhalten, dass sie ähnlich wie im Deutschen die grammatischen Kategorien der Person, des Numerus, des Tempus und des Modus markiert.5 Allerdings wird in Kurmancî auch der Aspekt unterschieden, der für die Tempusformen der Vergangenheit eine Rolle spielt.
In Kurmancî scheinen ferner die Kategorien der Person und des Numerus wie im Deutschen zu fusionieren. Der Unterschied ist jedoch, dass das Verb hier nicht immer mit dem Subjekt des Satzes hinsichtlich Person und Numerus in Kongruenz steht. Im Konkreten: Das Verb steht mit dem direkten Objekt des Satzes in Kongruenz, wenn dieser ein Ergativsatz ist. Genauso wie im Deutschen werden auch in Kurmancî drei Personen (1., 2., 3.) und zwei Numeri (Singular, Plural) unterschieden. Während die Personen im Singular unterschiedliche Endungen für die Kodierung haben, sind die Endungen im Plural dieselben (vgl. Omarkhali 2011: 209).
In Bezug auf das Tempus ist zunächst festzuhalten, dass die Verben in Kurmancî über zwei Stämme – Präsens- und Präteritalstamm – verfügen (vgl. Hajo 1982: 89). In der englischsprachigen Literatur haben sich diesbezüglich die Termini present and past stems etabliert (MacKenzie 1961: 177, Omarkhali 2011: 209). Die Bildung dieser Stämme weist im Vergleich miteinander einige Regularitäten auf, folgt jedoch keinem bestimmten Muster (vgl. Haig/Öpengin 2018: 182). Entlang dieser Stämme erfolgt die Bildung der Tempusformen des Kurmancî, die von Hajo mit folgenden Termini in Deutsch wiedergeben werden: Präsens, Futur I, Präteritum, Perfekt, Imperfekt, Plusquamperfekt, Futur II (vgl. Hajo 1982: 110f.). Während die ersten beiden Tempusformen mit dem Präsensstamm gebildet werden, nehmen die anderen den Präteritalstamm als Basis. Bei den Tempusformen Präsens, Futur I, Plusquamperfekt und Futur II kann angenommen werden, dass sie etwa den gleichnamigen Tempusformen in Deutsch entsprechen. Bei Präteritum, Imperfekt, Perfekt ist jedoch eine Differenzierung/Erörterung nötig.
Das Präteritum des Kurmancî entspricht sowohl dem Präteritum als auch dem Perfekt des Deutschen (vgl. Wurzel 1997: 98). Bei der Wiedergabe der sprachlichen Daten der Studienkinder wird das Präteritum im Kurmancî mit Perfekt ins Deutsche übersetzt. Denn für die Erzählung in der Vergangenheit haben die Studienkinder in Deutsch auch eher das Perfekt genutzt.
Beim Imperfekt handelt es sich nicht um eine Tempusform, sondern vielmehr um den progressiven Aspekt. Dieser Aspekt erscheint bei den Tempusformen der Vergangenheit und referiert auf Vorgänge und Handlungen, die im Verlauf/Progress sind. Er wird mit dem Präfix di- markiert und von Haig/Öpengin (2018) als progressiv/imperfekt und von Şimşek/Schroeder (2009) als durativ bezeichnet.
Im Hinblick auf das Perfekt des Kurmancî besteht die Diskussion, ob es die Merkmale der Evidentialität (evidentiality) beinhalte, die auf den Sprachkontakt mit dem Türkischen hinweisen (vgl. Slobin 2016: 111). Bulut (2000) erwägt ebenfalls das Vorhandensein der Merkmale der Evidentialität in Kurmancî, nutzt aber stattdessen den Begriff intraterminal indirectives. Sie ist zudem der Meinung, dass dies mit dem Einfluss des Türkischen zu begründen sei: „As a result of the prevailing Turkic (Uzbek) influence, Northern Tajik has since developed an inferential use of the perfect. In a parallel situation, the strong influence Turkish exerts on Kurmanji may ultimately lead to similar developments in the area of perfect and intraterminal indirectives.“ (Bulut 2000: 165)
Aydogan (2013) auf der anderen Seite ist der Überzeugung, dass die Merkmale der Evidentialität/Indirektivität in Kurmancî vorhanden sind, und erfasst diese unter dem im französischsprachigen Raum verbreiteten Begriff „Mediativität“. Anders als Slobin (2016) und Bulut (2000) führt Aydogan (2013) die Existenz dieser Kategorie jedoch nicht auf den Einfluss des Türkischen zurück. Er ist der Meinung, dass diese Kategorie unabhängig vom Türkischen eine Charakteristik einiger iranischer Sprachen wie des Kurmancî ist. Er untermauert diese These mit den Spuren dieser Kategorie in den historischen Quellen des Kurmancî wie in dem Werk „Mem û Zîn“ von Ehmedê Xanî aus dem Jahr 1695 (vgl. Aydogan 2013: 102). In den anderen Studien zu Kurmancî scheint Evidentialität/Indirektivität/Mediativität dagegen kaum bekannt zu sein (vgl. Bedir Khan/Lescot 1986, Hajo 1982).
In den Daten der Studienkinder wird das Perfekt genutzt, wenn auch nicht häufig. Bei dem einen oder anderen Satz kann diskutiert werden, ob es die evidentale/indirektive/mediative Bedeutung hergibt. In dieser Hinsicht gibt es aber keine Klarheit. Insofern wird das Perfekt des Kurmancî in dieser Studie zunächst lediglich als Tempusform erfasst.
Entlang der Tempusformen erfolgt auch die Unterscheidung zwischen Ergativ-Sätzen und nicht-Ergativ-Sätzen. Denn die Ergativstrukturen kommen nur bei jenen Tempusformen zustande, die auf der Grundlage des Präteritalstamms gebildet werden (vgl. Bedir Khan/Lescot 1986: 151), so dass sie als gespaltene Ergativität definiert werden können (vgl. Schroeder 2002: 192, für weitere Informationen hinsichtlich der Ergativität in Kurmancî siehe Tan 2005). Aber auch in den Zeitformen, in denen Ergativität vorkommt, gibt es Abweichungen, die in der Erörterung der Syntax thematisiert werden.
4.1.4.3 Syntax
In Kurmancî sind die morphologischen Kategorien für die Syntax von Bedeutung. Hier kann in erster Linie die Kongruenz erwähnt werden. Im Konkreten: Die Person und der Numerus stellen die Kongruenz zwischen dem Verb und dem Subjekt oder dem direkten Objekt her. Ebenso ist das Genus in Kurmancî für die pronominale Referenz von Relevanz, falls es markiert wird.
In Bezug auf die Ergativität wurde bereits festgehalten, dass sie zum einen gespalten ist und dass es zum anderen auch in den Fällen, in denen eine Ergativstruktur vorhanden sein soll, Abweichungen geben kann. Diese können sowohl die Markierung des Subjekts und des Objekts1 als auch die Kongruenz mit dem Verb betreffen (vgl. Dorleijn 1996, Gündoğdu 2017, Haig/Öpengin 2018, Mahalingappa 2009, Turgut 2011).
Anders als im Deutschen beansprucht das Verb in Kurmancî in der Regel die Endstelle. Falls der Satz über ein Modalverb wie xwestin „wollen, mögen“ verfügt, kommt dieses nach dem Subjekt und vor dem Objekt2. Das Hauptverb beansprucht wiederum die Endstelle. Lediglich Richtungsadverbiale sowie indirekte Objekte ohne Adpositionen werden postprädikativ gesetzt (vgl. Boeder/Schroeder 1998: 211, Haig 2002: 20). Hier kann also im Gegensatz zum Deutschen nicht entlang der Verbstellung ein Richtungsweg des Spracherwerbs gezeichnet werden. Dennoch müsste, da das Verb auch in Kurmancî das organisierende Zentrum des Satzes ist, sein Erwerb für die Sprachentwicklung des Kurmancî von Bedeutung sein (vgl. Reich/Roth 2004b: 6). Darüber hinaus verfügt das Verb in Kurmancî über zwei Stämme, was zum einen für die Bildung der Tempusformen, zum anderen aber auch für die Formung der Ergativ- versus nicht-Ergativstrukturen von Bedeutung ist. Somit könnte also die Nutzung des Verbs als organisierendes Zentrum des Satzes in Kurmancî mit seinen verschiedenen Formen und Funktionen einen Eindruck vermitteln, inwiefern die Sprachkompetenz eines Kindes in Kurmancî entwickelt ist.
Zum Schluss ist zu unterstreichen, dass die grammatischen Kategorien der Nominalphrase in Kurmancî schwach oder in manchen Fällen gar nicht ausgedrückt werden, und wenn, dann nur anhand weniger sprachlicher Elemente. Dies führt auch dazu, dass die Nominalphrase in Kurmancî mit weniger Flexionen auskommt als in Sprachen wie dem Deutschen.
4.2 Forschungsgegenstand Deutsch1
4.2.1 Phonologie
Hinsichtlich der Phonologie ist zunächst festzuhalten, dass das Deutsche sich im Gegensatz zu Kurmancî durch komplexe Silben auszeichnet. Dies bedeutet, dass die meisten Silben von dem Muster Konsonant-Vokal (KV) abweichen, das eine einfache Silbenstruktur ausmacht, so wie sie in Sprachen wie Japanisch vorzufinden ist (vgl. Eisenberg 2013a: 133). Wörter wie Strumpf [ʃtʀʊmpf] oder Sprache [ʃpraːxə] sind einige Beispiele für die Silbenkomplexität des Deutschen (vgl. Jeuk 2003: 16). Die ersten Wortproduktionen der Kinder in Deutsch wie Mama und Papa folgen der einfachen Silbenstruktur und weichen damit von der komplexen Silbenstruktur ab (vgl. Kauschke 2012: 33, für einen Überblick zur Silbenkomplexität des Deutschen hinsichtlich seines Erwerbs siehe auch Lleó/Prinz 1996). Darüber hinaus scheinen Kinder weitgehend unabhängig von ihrer Sprache zunächst Wörter mit einfacher Silbenstruktur zu produzieren (vgl. Nübling 2010: 17).
In der Spracherwerbsforschung wird im Allgemeinen angenommen, dass Kinder die komplexe Silbenstruktur des Deutschen gut meistern, und zwar unabhängig davon, ob sie das Deutsche von Geburt an oder im Anschluss an eine andere Sprache bzw. andere Sprachen sukzessiv erwerben. Lediglich Schulz/Tracy erwähnen einen Fall, dass ein Kind, dessen Erstsprache keine Konsonantenverbindungen am Silbenrand erlaubt, ein Wort wie Sport als Soporata artikuliert (vgl. Schulz/Tracy 2011: 24). Ab welchem Alter und unter welchen Bedingungen dieses Kind das Deutsche erwirbt oder erworben hat, wird nicht ausgeführt. Bei Rothweiler/Ruberg gibt es den Hinweis, „dass Kinder mit türkischer Erstsprache im Erwerb des Deutschen solche Laute oder Lautkombinationen, die es im Türkischen nicht gibt, vorübergehend in einer Weise realisieren, wie es bei einsprachig deutschen Kindern nicht beobachtet wird.“1 (Rothweiler/Ruberg 2014: 257)
Weiterhin gilt das Deutsche als eine akzentzählende Sprache. In akzentzählenden Sprachen ist die Unterscheidung zwischen der betonten und unbetonten Silbe zentral und die temporale Aufeinanderfolge betonter Silben maßgeblich (vgl. Kaltenbacher 1998: 21).
4.2.2 Morphologie
Die Unterscheidung der Genera wird im Deutschen vom Nomen bestimmt, aber nicht am Nomen markiert (vgl. Kaltenbacher/Klages 2007: 85). Spätestens seit Wegener (1995) wird über die Unterscheidung der Genera die Diskussion geführt, ob sie – zumindest zu einem gewissen Anteil – regelgeleitet erfolgt. Wegener stellt fest, dass anhand von fünf Regeln bei 65,4% der Nomen des Grundwortschatzes des Deutschen vorhergesagt werden kann, welches Genus sie zugewiesen bekommen (vgl. Wegener 1995: 93). Eine der Regeln ist das natürliche Geschlechtsprinzip (NGP), während die anderen Regeln sich auf die formalen Eigenschaften der Nomen beziehen. Wenn beispielsweise ein Nomen des Grundwortschatzes auf Schwa -e endet, wird es mit 90,5% Wahrscheinlichkeit das feminine Genus haben, wie etwa die Hose, die Jacke, die Nase (vgl. Wegener 1995: 89ff.). Auch andere Arbeiten wie die von Köpcke/Zubin (1996) und Koeppel (2018) schließen sich diesem Ansatz an und versuchen, neue Regeln herauszuarbeiten, nach denen das Genus der Nomen vorausgesagt werden kann.
Neben der Tatsache, dass diese Regeln weder den gesamten Wortschatz noch auch nur den Grundwortschatz erfassen, wird von diesen Autor*innen selbst angemerkt, dass sie meistens ohne Ausnahmen nicht auskommen (vgl. Wegener 1995: 94). Dennoch sind vor allem Wegener (1995) und Koeppel (2018) der Meinung, dass sowohl beim Erwerb des Deutschen als Zweitsprache als auch beim Lernen des Deutschen als Fremdsprache diese Regeln in Anspruch genommen werden sollten. Damit soll dem Eindruck, dass die Zuweisung des Genus im Deutschen systemlos und völlig arbiträr sei, entgegengesteuert werden. „Der fälschliche Eindruck von Willkürlichkeit und Sinnlosigkeit des Genus ist nicht nur demotivierend, sondern kann dazu führen, dass in der Rezeption die vorhandenen sprachlichen Regularitäten im Input für den Erwerb nicht oder nicht optimal genutzt werden.“ (Koeppel 2018: 4)
Diese Sichtweise wird in der Spracherwerbsforschung aber nicht generell akzeptiert, bzw. einige Autor*innen vertreten die Ansicht, dass das Genus der Nomen in den meisten Fällen einzeln ohne Regularitäten erworben oder gelernt werden muss (vgl. Grimm/Schulz 2014: 37). Dies ist beispielsweise die Sichtweise von Schulz/Tracy, die den Erwerb oder das Lernen des Genus in der theoretischen Erläuterung des Instruments LiSe-DaZ als Domäne von „item-by-item-Lernen“ definieren (Schulz/Tracy 2011: 20).
Die Unterscheidung der Kasusformen in Kasussprachen wie Deutsch ist insofern von Bedeutung, als mit ihnen in der Regel syntaktische und semantische Rollen im Satz unterschieden werden. So bringt im Deutschen meistens der Nominativ das Subjekt, der Akkusativ das direkte Objekt und der Dativ das indirekte Objekt zum Ausdruck (vgl. Kauschke 2012: 77). Des Weiteren reguliert der Kasus innerhalb der Präpositionalphrase die Korrelation zwischen dem Kopf der Nominalphrase – dem Nomen – und der Präposition. Folglich wird der Kasus auf der Satzebene vom Verb, das die syntaktischen und semantischen Rollen festlegt, und in der Präpositionalphrase von der Präposition regiert (vgl. Marx 2014: 103).
Wenn auch der Kasus vom Verb oder von der Präposition regiert wird, so ist seine Versprachlichung abhängig vom Genus und gleichermaßen vom Numerus (vgl. Kauschke 2012: 77). Wegener geht ein Stückchen weiter und vergleicht die Wechselwirkungen des Genus-, Numerus- und Kasuserwerbs für Sprachlerner*innen mit einem „Teufelskreis“: „Um die Flexive als Genus-, Kasus- und Numerusmarker zu erkennen und zu klassifizieren, muß er [der Sprachlerner] die anderen Formen des Paradigmas kennen, um das Paradigma aufzubauen, muß er aber zuvor die Flexive als Genus-, Kasus- und Numerusmarker klassifiziert haben.“ (Wegener 1995: 97)
Das Genus bestimmt nicht nur den Ausdruck der Elemente, wie z.B. den definiten Artikel, mit denen Kasusformen ausgedrückt werden, sondern darüber hinaus zum Teil, welche Kasusformen überhaupt voneinander unterschieden werden. Im Nominativ und Akkusativ werden beispielsweise nur im Fall von maskulinen Nomen die beiden Kasusformen voneinander unterschieden. Ebenso variiert der Ausdruck des Kasus auch nach dem Numerus. In diesem Zusammenhang kann als Beispiel aufgeführt werden, dass die Unterscheidung der maskulinen Nomen im Nominativ und im Akkusativ nur im Singular stattfindet. Im Plural entfällt die Unterscheidung.
Dass der Kasus von Verb und Präposition regiert wird, aber sein Ausdruck auch vom Genus und Numerus abhängig ist, bedeutet, dass sein Erwerb dem Kind sowohl syntaktische als auch morphologische Entschlüsselungen abverlangt und es vor eine komplexe Aufgabe stellt.
Das Deutsche unterscheidet zwei Numeri, den Singular und den Plural. Während das Genus nicht und der Kasus selten am Nomen markiert wird, ist es für die Unterscheidung der Numeri zentral, wobei seine Grundform der Singular ist. Im Umkehrschluss heißt dies, dass es nur den Plural markiert, und zwar immer, sofern keine phonetischen Einschränkungen etwa durch die Schwa-Regel vorliegen (vgl. Wiese 2012: 201). Um den Plural am Nomen zu versprachlichen, müssen Erwerber*innen sowie Lerner*innen eine Auswahl aus fünf Morphemen treffen: -(e)n, -e, "-(e), (")-er und -s (vgl. Wegener 1995: 19). Die Klammern zeigen, dass drei Morpheme jeweils zwei Varianten haben. Dieses Repertoire an Pluralausdrücken am Nomen stellt für Kinder eine Herausforderung dar (vgl. Kauschke 2012: 77).
Im Gegensatz zum Kasus, aber ähnlich wie im Fall des Genus, wird auch der Erwerb des Numerusausdrucks von einigen Spracherwerbsforscher*innen als ein Bereich des Einzellernens (item-by-item-Lernen) betrachtet. Schulz/Tracy vertreten beispielsweise in ihrem Ansatz zur Erläuterung des Instruments LiSe-DaZ diese Sichtweise und ermitteln daher weder den Genus- noch den Numeruserwerb mit dem Instrument:
Ebenfalls ausgeblendet bleiben Bereiche sprachlichen Wissens, die sich durch Unregelmäßigkeit und viele Ausnahmen auszeichnen und daher in hohem Maße auf dem sogenannten item-by-item-Lernen, d. h. dem Speichern von Einzelfällen, basieren. Dazu zählen in Deutsch das grammatische Genus (der Löffel, die Gabel, das Messer), die Pluralbildung der Nomina (Haus – Häuser, Mutter – Mütter, Wagen – Wagen, Ball – Bälle etc.) […]. (Schulz/Tracy 2011: 20, Herv. i. Orig.)
Für die Distinktion der Genera, der Kasusformen und der Numeri kommt – insgesamt betrachtet – dem ersten Konstituenten der Nominalphrase, der in den meisten Fällen wiederum ein definiter oder indefiniter Artikel ist, eine große Rolle zu. Diese beiden Elemente haben sich im Althochdeutschen aus dem Demonstrativ bzw. dem Zahlwort „eins“ herausgebildet (für einen Überblick siehe Szczepaniak 2011: 73ff.). Sie drücken selbstverständlich auch die Definit- bzw. Indefinitheit aus, so dass sie in der Gesamtheit der ausgedrückten grammatischen Kategorien hoch fusionierende Elemente im Sprachsystem des Deutschen sind. Des Weiteren ist die Form- und Funktionsbeziehung nicht eindeutig, sondern mehrdeutig. Der kann beispielsweise Maskulin, Nominativ, Singular sein; es kann aber auch Feminin, Dativ, Singular sein (vgl. Wegener 1995: 94). Dass diese morphologischen Kategorien der Nominalphrase in mehrdeutigen Elementen fusioniert werden, führt offensichtlich dazu, dass ihre Differenzierung den Kindern im Spracherwerbsprozess nicht leichtfällt (vgl. Kauschke 2012: 78, Ruberg/Rothweiler 2012: 118).
Hinsichtlich der Verbalphrase ist festzuhalten, dass sie in Deutsch die Person, den Numerus und das Tempus sowie den Modus1 markiert, wobei die Kategorien der Person und des Numerus wie in Kurmancî zusammenfallen und mit dem Subjekt des Satzes in Kongruenz stehen. Für die Markierung der Person und des Numerus stehen in Deutsch die Morpheme -e, -st, -t, -en und -Ø zur Verfügung (vgl. Eisenberg 2013a: 179ff.). Hinsichtlich -e und -st besteht in der Verbalphrase zwischen Form und Funktion ein Verhältnis der Eindeutigkeit. Während -e immer die erste Person Singular zum Ausdruck bringt, ist -st für die Kodierung der zweiten Person Singular zuständig. In Bezug auf -en und -Ø besteht nicht hinsichtlich der Person, aber hinsichtlich des Numerus ein Eindeutigkeitsverhältnis. Das Morphem -en bringt immer den Plural zum Ausdruck, aber in einem Fall die erste Person Plural und in einem weiteren Fall die dritte Person Plural. Das Nullmorphem -Ø kodiert dagegen den Singular, und zwar in einem Fall die erste Person Singular und in einem weiteren Fall die dritte Person Singular, was sowohl bei der Markierung des Präteritums als auch bei der der Modalverben zur Geltung kommt. Was das Morphem -t angeht, so ist es sowohl in Bezug auf die Person als auch in Bezug auf den Numerus mehrdeutig. Es kann nämlich sowohl die dritte Person Singular als auch die zweite Person Plural sein (vgl. Ruberg/Rothweiler 2012: 117).
Insgesamt ist festzuhalten, dass hier im Gegensatz zu den nominalen Kategorien die fusionierenden Elemente seltener vorkommen, und dass zwischen Form und Funktion in vielen Fällen ein Eindeutigkeitsverhältnis besteht. Darüber hinaus werden die Person und der Numerus in der Verbalphrase nur an einem Element markiert, und zwar am finiten Verbteil. Diese Eigenschaften der Markierung erleichtern offenbar den korrekten und schnellen Erwerb dieser Kategorien und somit auch den der Subjekt-Verb-Kongruenz. In diesem Zusammenhang stellt Kauschke fest, dass Kinder, sobald sie angefangen haben, Verben flektiert anzuwenden, wenige Fehler bei der Kongruenz machen (vgl. Kauschke 2012: 80).
Interessanterweise ist die Person- und Numerusmarkierung in Kongruenz mit dem Subjekt ein Bereich, in dem sich der kindliche Spracherwerb und das Sprachlernen durch Erwachsene voneinander unterscheiden. Letztere stoßen hierbei nämlich auf Schwierigkeiten. Dies gilt nicht nur für das Erlernen des Deutschen, sondern auch für andere Sprachen mit einem vergleichbaren Sprachsystem (vgl. Schulz/Tracy 2011: 35).
In Bezug auf das Tempus ist festzuhalten, dass seine Flexion dadurch reguliert wird, ob das zugrunde liegende Verb ein regelmäßiges (schwaches) oder unregelmäßiges (starkes) ist. Während es bei der Flexion des Letzteren hinsichtlich der Tempusmarkierung zu Stammänderungen durch den Ablaut kommen kann (singe, sang, gesungen2), bleibt bei dem Ersteren der Stamm gleich (lege, legte, gelegt3). Die Flexion der Tempusmarkierung wird bei den regelmäßigen Verben also mit dem Einsatz des Morphems -t vollzogen (vgl. Eisenberg 2013a: 179). In den Beispielen dient die erste Form der Präsensbildung, die zweite der Präteritumbildung und die letzte Form der Bildung des Partizips II. Bei den ersten beiden Formen handelt es sich um eine synthetische Tempusmarkierung, was bedeutet, dass es im Satz nur ein Hauptverb gibt, das auch das Tempus markiert. Bei der letzten Form handelt es sich dagegen um eine analytische Tempusmarkierung, die besagt, dass im Satz neben dem Hauptverb auch ein Auxiliarverb zur Verfügung steht, welches das Tempus markiert (vgl. Wurzel 1996). Mit dem Partizip II wird in Kombination mit dem Auxiliarverb das Perfekt, das Plusquamperfekt und das Futur II gebildet. Das Futur I wird dagegen mit dem Auxiliar und dem Infinitiv gebildet.
Die Reihenfolge des Erwerbs der Tempusmarkierung scheint Präsens, Perfekt, Präteritum und Futur I zu sein. Dies steht auch im Verhältnis zur Intensität der Nutzung dieser Tempusformen. Das bedeutet, dass das Präsens im kindlichen Sprachgebrauch das meistgenutzte Tempus ist und ebenso, dass das Perfekt gegenüber dem Präteritum bevorzugt wird. Futur I wird im kindlichen Sprachgebrauch selten in Anspruch genommen (vgl. Kauschke 2012: 82). Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Erwerb der Tempusformen des Futurs II und des Plusquamperfekts nach den genannten Tempusformen erfolgt und diese auch selten genutzt werden.
Auch bei der Markierung des Tempus scheinen Kinder nicht auf große Schwierigkeiten zu stoßen. Nur hinsichtlich der Tempusmarkierung der unregelmäßigen Verben sind Verzögerungen bei den Perfektformen zu verzeichnen. Kinder probieren hierzu verschiedene Varianten aus und flektieren sie zum Teil auch wie die regelmäßigen Verben (vgl. Grießhaber 2010: 57f.). Dies ist im Übrigen ein Phänomen, das auch in vergleichbaren Sprachsystemen, beispielsweise im Englischen, vorkommt (vgl. van Horne 2019: 270).
4.2.3 Syntax
In Bezug auf die Syntax ist zunächst festzuhalten, dass morphologische Kategorien im Deutschen zwar morphologisch markiert werden, aber auch wie in Kurmancî für die Syntax von Relevanz sind. Dies trifft nicht nur für die Kategorien Person und Numerus zu, die eine Kongruenz zwischen Subjekt und Verb herstellen, sondern beispielsweise auch für das Genus, das für die pronominale Referenz wichtig ist. In Bezug auf die Darstellung der grammatischen Kompetenz im Deutschen im Abschnitt 5.4 sowie des Instruments LiSe-DaZ im Abschnitt 6.2.2.2 wird das Zusammenspiel zwischen der Morphologie und der Syntax näher beleuchtet. Im Folgenden wird in Bezug auf die Verbstellung und die damit einhergehende Satzklammerstruktur einiges kurz ausgeführt, was für den Spracherwerb des Deutschen einen Pfad darstellt (vgl. u.a. Grießhaber 2017, 2010, Reich/Roth 2004b, Schulz/Tracy 2011).
In einem deutschen Satz können die Elemente der Verbalphrase in zwei Positionen – in der linken und rechten Klammer – auftreten. Um diese Positionen herum gibt es drei Felder, die als Vorfeld, Mittelfeld und Nachfeld bezeichnet werden (vgl. Pittner/Berman 2015: 79). Das letztere Feld ist dabei meistens unbesetzt.
| Vorfeld | Linke Klammer | Mittelfeld | Rechte Klammer | Nachfeld |
| Lise | wollte | ihren Rucksack | auspacken | im Park. |
Abbildung 6:
Satzfelder im Deutschen (adaptiert von Schulz/Tracy 2011: 26)
In einem Hauptsatz des Deutschen steht der finite Teil des Verbs in der linken Klammer. Da es an der zweiten Stelle steht, wird seine Position als Verb-Zweitstelle (V2) definiert. Der infinite Teil der Verbalphrase, die Verbpartikel und das Partizip, stehen hingegen in der rechten Klammer. Falls es sich um einen Nebensatz handelt, stehen alle Elemente der Verbalphrase am Ende des Satzes, wobei der finite Teil die allerletzte Position besetzt. Daher wird die Position des Verbs als Verb-Endstelle (VE) bezeichnet. Nach Schulz/Tracy wird im Nebensatz die linke Klammer mit dem Element des Satzes besetzt, das den Nebensatz einleitet. Dieses Element kann dabei eine Konjunktion, ein Relativpronomen oder ein W-Fragepronomen sein (vgl. Schulz/Tracy 2011: 25). Im Nebensatz bleibt das Vorfeld unbesetzt.
Im Deutschen halten die beiden Klammern den Aufbau des Satzes zusammen, auch wenn sie durch beliebige Elemente im Mittelfeld unterbrochen werden und sehr entfernt voneinander liegen können (Pittner/Berman 2015: 80). Mit anderen Worten bedeutet dies, dass die Klammern für den Satzaufbau des Deutschen eine Orientierung bieten. Daher ist die Satzklammerstruktur im Zusammenspiel mit der Verbstellung für den Erwerb des Deutschen von wesentlicher Bedeutung.
5 Forschungsgegenstand Mehrsprachigkeit und Spracherwerb
5.1 Definition und Theorien
Die Encyclopedia of Bilingualism and Bilingual Education bedient sich einer simplen Definition von Bilingualismus, nämlich: „The term ‚bilingualism‘ is typically used to describe two languages of an individual.“ (Vgl. Baker/Jones 1998: 117) Wie Sprachkompetenz definiert werden soll, sorgt in der Linguistik allerdings für Diskussionen (vgl. Reich 2009: 14, Riehl 2014: 12f.). Der Grund dafür ist, dass die Sprache ein recht komplexes System ist und über verschiedene Ebenen verfügt, z.B. Schriftlichkeit und Mündlichkeit. Im europäischen Kontext wird es als selbstverständlich erachtet, dass zur Beherrschung einer Sprache im Erwachsenenalter auch die Schriftkompetenz in dieser Sprache gehört. In anderen kulturellen und geografischen Kontexten gibt es hierzu ein anderes Verständnis. Im kurdischen Kontext ist die Schriftlichkeit bzw. der Zugang zum Schriftsprachenerwerb vor allem im Hinblick auf das Kurmancî kaum vorhanden (vgl. Derince 2020: 59, zu den soziopolitischen Ursachen siehe den Abschnitt 4.1.2). Ungeachtet dieser Tatsache gilt jeder und jede als Kurmancîsprecher*in, der oder die in Kurmancî über eine mündliche Kompetenz verfügt (vgl. Maas/Mehlem 2003, Skubsch 2002 in Bezug auf Berbersprecher*innen und Sprachen in Indien).
Eine andere Diskussion wird in der Spracherwerbsforschung darüber geführt, wie der Spracherwerb kognitiv erfolgt. Im Zentrum der teils kontroversen Debatte stehen vier Theorien. Die Theorie des Konstruktivismus, die auch unter dem Begriff Kognitivismus bekannt ist und auf die Arbeit von Piaget im Jahre 1923 zurückgeführt wird, betrachtet die sprachliche Entwicklung des Kindes als Teil seiner gesamten kognitiven Entwicklung (vgl. Katerbow 2013: 20, Schulz/Grimm 2012: 155). Darüber hinaus: „An zentraler Stelle dieser Theorie steht das Konzept eines kognitiven Gleichgewichts zwischen den bereits gebildeten kognitiven Schemata eines Kindes über seine Umwelt und den von ihm wahrgenommenen neuen Umweltinformationen.“ (Katerbow 2013: 20) In diese Richtung argumentieren auch Berman/Slobin (1994), wenn sie den Entwicklungsverlauf des Spracherwerbs beschreiben: „Younger children take fewer expressive options because: (a) cognitively, they cannot conceive of the full range of encodable perspectives; (b) communicatively, they cannot fully assess the listener’s viewpoint; and (c) linguistically, they do not command the full range of formal devices.“ (Berman/Slobin 1994: 15)
Die Theorie des Behaviorismus, die u.a. von Skinner (1957) entwickelt wurde, aber bis hin zu Bloomfield (1933) zurückverfolgt werden kann (vgl. Grießhaber 2010: 12), geht davon aus, dass der Erwerb einer Sprache mit der Imitation der gehörten Äußerungen in dieser Sprache einhergeht. Demnach kann der Spracherwerb durch Imitation unterstützt werden, wenn die gehörten Äußerungen dem korrekten Gebrauch in dieser Sprache entsprechen (vgl. Schulz/Grimm 2012: 155). Diese Theorie, die den Prozess des Spracherwerbs auf Imitation reduziert, wird nicht nur in der heutigen Spracherwerbsforschung in Frage gestellt und kritisiert. Gleich nachdem sie ihren Eingang in die Forschung gefunden hatte, wandte sich Chomsky (1959) mit einer starken Kritik dagegen, die im Kern auf drei Aussagen beruht. Chomsky formulierte damit einhergehend seine Theorie, die in der Spracherwerbsforschung als Nativismus bekannt ist (vgl. Katerbow 2013: 18).
Die erste Aussage lautet, dass die Rolle des Inputs und der Imitation beim Spracherwerb selbstverständlich sei. „Similarly, it seems quite beyond question that children acquire a good deal of their verbal and nonverbal behavior by casual observation and imitation of adults and other children.“ (Chomsky 1959: 42) In seiner zweiten Aussage stellt Chomsky klar, dass nur durch Input und Imitation der Spracherwerb nicht gewährleistet werden könne, selbst wenn der Input sorgfältig gesteuert sei: „It is simply not true that children can learn language only through ‚meticulous care‘ on the part of adults who shape their verbal repertoire through careful differential reinforcement […].“ (Chomsky 1959: 42) Daraus resultiert seine dritte Aussage, derzufolge der Mensch mit einem angeborenen Sprachvermögen auf die Welt komme und dadurch den aus der Umgebung erhaltenen Input verarbeite. Aus diesem verarbeiteten Input leite der Mensch sich ein Regelsystem ab, das er dann in diversen Kontexten generiere; so arbeiteten sich Sprecher*innen in die Sprache hinein. „The fact that all normal children acquire essentially comparable grammars of great complexity with remarkable rapidity suggests that human beings are somehow specially designed to do this, with data-handling or ‚hypothesis-formulating‘ ability of unknown character and complexity.“ (Chomsky 1959: 57)
Dass Menschen mit einer angeborenen allgemeinen Fähigkeit zum Erwerben und Lernen und damit einhergehend auch zum Spracherwerb ausgestattet sind, wird in der Spracherwerbsforschung sowie in der Psycholinguistik von den meisten Forscher*innen angenommen (vgl. Jeuk 2003: 19, List 1972: 11f.). Es wird aber auch hinterfragt, ob diese Fähigkeit genügt, um sich Sprache(n) anzueignen. „There is no need to quarrel with the thesis that human beings possess what might be called a language acquisition device (LAD) if this only means that they have the capacity to acquire language.“ (Klein 2003: 6f.)
Eine weitere Theorie, die den Spracherwerb zu beleuchten versucht, ist der Interaktionismus (vgl. Grießhaber 2010: 19). Diese Theorie stützt sich auf den Kerngedanken, „dass Sprache eine Form sozialen Verhaltens ist und dass das Kind die genetische Prädisposition zur sozialen Interaktion besitzt.“ (Schulz/Grimm 2012: 156, Herv. i. Orig.) Dies bedeutet, dass das Kind nicht nur mit einer angeborenen Fähigkeit zum Erwerb der Sprache(n) zur Welt kommt (Nativismus), sondern auch mit dem Vermögen zur sozialen Interaktion (Interaktionismus).
Diese vier zentralen Theorien bieten einen interessanten Einblick in den Spracherwerb aus kognitiver Perspektive. Es würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen, sie an dieser Stelle in weiteren Details auszuführen und zu diskutieren. Daher werden sie bei einem kurzen Umriss belassen. Im nächsten Abschnitt folgt die Kategorisierung des Spracherwerbs.
5.2 Kategorisierung des Spracherwerbs im frühkindlichen Alter
In der Spracherwerbsforschung wird ausgehend vom Lebensalter beim Beginn (age of onset) des Erwerbs einer Sprache oder mehrerer Sprachen eine Kategorisierung vorgenommen (vgl. Meisel 2009: 6). Vom „monolingualen Spracherwerb“ wird gesprochen, wenn das Kind seit der Geburt nur mit einer Sprache erzogen wird. Wächst es jedoch mit zwei Sprachen auf oder tritt eine zweite Sprache bis zum zweiten Lebensalter ein, wird dies als „simultaner“ oder „doppelter Spracherwerb“ bezeichnet (vgl. Jeuk 2003: 14, Rothweiler/Ruberg 2014: 249).
Wenn der Erwerb einer Sprache dem einer anderen folgt, ist die Rede vom „sequenziell“ bzw. „sukzessiv bilingualen Erwerb“ (vgl. Gagarina 2016: 96, Jeuk 2003: 14, Meisel 2009: 5, Rothweiler/Ruberg 2014: 249). Die Begriffe „frühkindlicher L2-Erwerb“ oder „frühkindlicher Zweitspracherwerb“ werden ebenfalls häufig verwendet (vgl. Kaltenbacher 2015: 57, Schmidt 2018: 37). Die Begrifflichkeit sukzessiv bilingualer Erwerb wird für die vorliegende Studie übernommen. Mit welchem Alter der sukzessiv bilinguale Erwerb beginnt und wann er endet, wird in der Forschung allerdings kontrovers diskutiert. Zur Diskussion stehen vor allem die Altersspannen von vier bis acht Jahren, vier bis sechs Jahren und drei bis sechs Jahren (vgl. Gagarina 2016: 96). Einigkeit besteht aber darüber, dass der Erwerb als sukzessiv bilingual zu gelten hat, wenn er in einer Sprache in Grundzügen erfolgt ist und der Erwerb einer weiteren Sprache erst danach einsetzt (vgl. Riehl 2014: 86).
Für Kinder mit familiärer Migrationsgeschichte in Deutschland wird angenommen, dass sie zunächst ihre Herkunftssprache(n) bzw. Familiensprache(n) zu Hause in Grundzügen erwerben und mit dem Erwerb des Deutschen hauptsächlich erst mit dem Eintritt in die Kita beginnen. Daher wird auch davon ausgegangen, dass der Erwerb des Deutschen bei ihnen meistens sukzessiv bilingual erfolgt (vgl. Kauschke 2012: 121, Schulz/Tracy 2011: 21). Da aber seit August 2013 jedes ein- und zweijährige Kind einen Anspruch auf einen Kitaplatz hat (vgl. Bildung in Deutschland 2014: 45), kann für die Zukunft erwartet werden, dass der sukzessiv bilinguale Erwerb des Deutschen bei Kindern mit familiärer Migrationsgeschichte immer mehr durch den simultanen Erwerb ersetzt wird. Der Spracherwerb in der Kita wird im Abschnitt 5.6 ausführlicher thematisiert und dabei wird dieser Aspekt wieder aufgegriffen.
5.3 Erzählkompetenz und ihr Erwerb
Mit der Erzählkompetenz1 der Studienkinder befasst sich die erste Forschungsfrage dieser Studie. Daher sollen im Folgenden einige zentrale Erkenntnisse zur Erzählkompetenz dargestellt werden, die bisher in der Forschungsliteratur herausgearbeitet worden sind.
Eine Erzählung kann im weitesten Sinne als „events that are temporally or causally linked and in which some protagonist performs some action“ bezeichnet werden (Lindgren 2018: 14, siehe auch Berman/Slobin 1994, Gagarina et al. 2012, Verhoeven/Strömqvist 2001). Daher setzt eine Erzählung in erster Linie voraus, dass die temporalen und kausalen Zusammenhänge der Ereignisse (events) durch den/die Erzähler*in wiedergegeben werden. Darüber hinaus müssen die innere Welt, die Emotionen und die Ziele der Protagonist*innen/Figuren erkannt werden. Es wird auch erwartet, dass der/die Erzähler*in den Wissensstand inklusive des Sprachstandes des/der Hörenden berücksichtigt, damit die Erzählung auch verstanden wird. Beim Erzählen werden also „diverse Anforderungen“ an den/die Erzähler*in gestellt, auch wenn es sich dabei um ein Kind handelt (Skerra/Adani/Gagarina 2013: 127).
Die im vorherigen Absatz dargestellte Komplexität des Erzählens setzt nicht nur eine ausgeprägte Sprachkompetenz in einer Sprache voraus, sondern darüber hinaus auch die Fähigkeit zum abstrakten Denken, da beim Erzählen die Ereignisse dekontextualisiert eingeordnet und erzählt werden müssen (vgl. Wieler 2014: 95). Mit Dekontextualisierung ist in diesem Zusammenhang gemeint, dass „sprachliche Äußerungen aus der engen Verflechtung mit dem nichtsprachlichen Kontext der aktuellen Handlungssituation“ herausgelöst zum Ausdruck kommen (Andresen 2002: 224).
Dekontextualisierter Ausdruck bzw. dekontextualisierte Sprache wird als ein wesentliches Merkmal der Literalität gesehen. Daher wird die mündliche Erzählfähigkeit im Vorschulalter in einigen Untersuchungen als Vorstufe der Literalität bzw. als Präliteralität aufgefasst (vgl. Wieler 2014: 93ff.). Folgerichtig wird die mündliche Erzählfähigkeit im Vorschulalter auch als ein Prädikator für die spätere schriftliche Literalität in der Schule bewertet (vgl. Gagarina 2016: 92).
Seitens der Spracherwerbsforschung wird nicht nur die Relevanz des Erzählens unterstrichen, sondern es wird aufgegriffen, um auf der Grundlage der erzeugten Erzählungen oder Texte die Sprach(en)-Kompetenz eines Kindes zu ermitteln, wie dies beispielsweise in der bekannten Studie von Berman/Slobin (1994) durch die fiktionale Geschichte von Mayer (1969) Frog, where are you? geschieht. Inzwischen sind auch fiktionale Geschichten spezifisch für die Ermittlung der Erzählkompetenz entwickelt worden, wie die MAIN-Geschichten, die für diese Studie herangezogen werden (vgl. Gagarina et al. 2012). Auch hierzu können durch die erzeugten Erzählungen bzw. Texte Sprachanalysen unternommen werden. Insofern stellt sich Erzählung als ein ökologisches Instrument für die Ermittlung der Sprach(en)-kompetenz dar (vgl. Gagarina et al. 2015: 243, Lindgren 2018: 12). Unterschieden wird bei der Analyse einer Erzählung meistens zwischen der Makro- und der Mikroebene (vgl. Maviş/Tunçer/Gagarina 2016: 72). Auf diese Unterscheidung wird genauer eingegangen, wenn das Instrument MAIN erläutert wird.
Wie die Ergebnisse von MAIN zeigen, sind Kinder etwa ab dem Alter von drei Jahren in der Lage, einige Komponenten einer fiktionalen Bildergeschichte zu erkennen und wiederzugeben, folglich ist dieses Instrument ab diesem Alter einsetzbar (vgl. Gagarina et al. 2015: 243). In diesem Zusammenhang wird berichtet, dass jüngere Kinder – Drei- bis Vierjährige – zwar eine fiktionale Bildergeschichte erzählen können, diese würde aber eher die Nennung einiger Protagonist*innen/Figuren sowie einiger Ereignisse beinhalten, die temporal und kausal nicht verknüpft seien (vgl. Bohnacker 2016: 22f.). Die Verknüpfung – zumindest die temporale – wird im nächsten Schritt und von etwa fünfjährigen Kindern hergestellt (vgl. Berman/Slobin 1994: 13). Ab dem Alter von fünf Jahren sind Kinder auch immer mehr in der Lage, die innere Welt – etwa die Ziele – der Protagonist*innen/Figuren wahrzunehmen und zum Ausdruck zu bringen (Pesco/Bird 2016: 2). Damit geht auch einher, dass immer mehr Komponenten wiedergegeben werden (vgl. Gagarina et al. 2015).
An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass die Entwicklung sich nicht nur durch die inhaltliche Bereicherung der Erzählung zum Ausdruck bringt, sondern auch durch das genutzte sprachliche Mittel in der jeweiligen Sprache (Berman/Slobin 1994: 13, vgl. Lindgren 2018: 22). Wie aus der zugrunde liegenden Studie hervorgeht, greifen ältere Kinder beispielsweise häufiger auf die Nebensatzstruktur des Deutschen zurück, um bestimmte Sachverhalte in Beziehung zu setzen, etwa um Kausalität herzustellen.
Bei der Darstellung des Instruments MAIN werden einige weitere Aspekte des Erzählens erläutert. Hier ist noch darauf hinzuweisen, dass Erzählung sich insbesondere für die Ermittlung der Sprach(en)kompetenz von bilingualen bzw. mehrsprachigen Kindern eignet (Gagarina et al. 2016: 12). Denn anders als die Instrumente, die sich auf einen bestimmten Bereich der Sprache – beispielsweise auf Morphosyntax – beziehen, ist Erzählung als Instrument weniger spezifisch für Einzelsprachen. Insofern ist es möglich, dass ein Kind eine Bildergeschichte wie beispielsweise Frog, where are you? oder parallel aufgebaute Bildergeschichten, wie es bei MAIN-Geschichten der Fall ist, in seinen verschiedenen Sprachen erzählt und die dabei erzeugten Erzählungen vergleichend analysiert werden. Eine solche Vorgehensweise wäre beispielsweise mit dem Instrument LiSe-DaZ nicht ohne weiteres möglich, da das Instrument im Wesentlichen auf die Ermittlung der Morphosyntax des Deutschen abzielt und entsprechend konzipiert ist.
5.4 Grammatische Kompetenz des Deutschen und ihr Erwerb
Die Morphosyntax wird „als Kerngebiet der Grammatik“ des Deutschen betrachtet (Eisenberg 2013b: 6). Daher ist nicht verwunderlich, dass die meisten Arbeiten zum Erwerb der Grammatik des Deutschen als Erstsprache sowie als Zweitsprache sich mit der Morphosyntax befassen und in diesem Bereich die meisten Erkenntnisse gewonnen werden; auf diese Erkenntnisse stützt sich auch die folgende Darstellung.
Wenn ein Kind monolingual Deutsch aufwächst, kommt es parallel zum sogenannten Wortschatzspurt etwa ab dem Alter von 18 Monaten in die Phase der Mehrwortäußerungen, in der es zwei, mitunter auch mehr Wörter kombiniert (vgl. Ruberg/Rothweiler 2012: 121f.). In dieser Phase beginnt sich die morphosyntaktische Kompetenz zu formieren, um die Wörter miteinander in Beziehung zu setzen. Dabei arbeitet das Kind einerseits an der Stellung des Verbs und positioniert es zunächst in der infiniten Form am Satzende eines Hauptsatzes, aber im nächsten Schritt in der finiten Form an der zweiten Position (V2-Position) (vgl. Tracy 2008: 79f.). Mit Finitheit des Hauptsatzes wird auch die Kongruenz zwischen dem Verb und dem Subjekt hinsichtlich der Person und des Numerus erworben. Auch der Erwerb der Tempusformen – beginnend mit Präsens und Perfekt – setzt in diesem Alter ein (vgl. Kauschke 2012: 82).
Andererseits arbeitet das Kind an den nominalen Kategorien. Der diesbezügliche Erwerb gestaltet sich jedoch schwieriger. Vor allem im Hinblick auf die Genus- und Kasusmarkierung kommt es zu Übergeneralisierungen. Der Artikel die wird beispielsweise zunächst auch für die Markierung des Maskulinums und des Neutrums genutzt oder der Akkusativ auf Dativkontexte übertragen (vgl. Tracy 2008: 93). Der vollständige Erwerb des Genus- und Kasussystems einschließlich des Dativs kann bei monolingualen Kindern bis zum fünften Lebensjahr andauern (vgl. Ruberg/Rothweiler 2012: 129).1
Ungeachtet der Verzögerungen des Erwerbs der nominalen Kategorien können monolingual Deutsch aufwachsende Kinder im Alter von zweieinhalb bis drei Jahren Nebensätze mit Verbendstellung verwenden (vgl. Schulz/Tracy 2011: 34). Dies bedeutet zum einen, dass sie sich ab diesem Alter komplexer ausdrücken können, und zum anderen, dass sie „die wesentlichen Aspekte der Morphosyntax wie z.B. die Satzstruktur und die syntaktische Funktion grammatischer Morpheme erworben haben.“ (Grimm/Schulz 2014: 37) Interessanterweise entspricht dieses Alter auch etwa demjenigen, in dem Kinder beginnen, eine Erzählstruktur, wie sie im vorherigen Abschnitt (5.3) beschrieben ist, zu entwickeln. Insofern kann hier angemerkt werden, dass die beschriebene Erzählfähigkeit in Sprachen wie dem Deutschen eine in Grundzügen etablierte morphosyntaktische Kompetenz voraussetzt.
In der Spracherwerbsforschung wird berichtet, dass sich der simultane Erwerb des Deutschen mit einer weiteren Sprache in der Progressionsgeschwindigkeit und in der Erwerbstruktur wie sein monolingualer Erwerb gestaltet (vgl. Tracy 2008: 125). Dies gilt im Übrigen auch für andere Sprachpaare (vgl. Gagarina 2016: 96). In diesem Zusammenhang bemerkt Meisel: „[…] bilingual children acquiring two languages simultaneously develop two first languages, not differing in their grammatical knowledge from the respective monolinguals.“ (Meisel 2009: 16f.) Daher wird hier nicht näher auf den simultanen Erwerb des Deutschen eingegangen.
Für den sukzessiven Erwerb des Deutschen wird festgestellt, dass auch hier die Erwerbstruktur dem monolingualen Erwerb gleicht, falls er im jungen Alter bis etwa vier Jahre einsetzt (vgl. Rothweiler/Ruberg 2014: 252). Kaltenbacher (2015) wird in dieser Hinsicht konkreter. Sie merkt an, dass in Bezug auf Syntax wie Verbstellung und Verbmorphologie eine Übereinstimmung beim sukzessiven Erwerb des Deutschen mit dem Erstspracherwerb zwar vorhanden sei, jedoch nicht in Bezug auf die Nominalmorphologie. Kinder, die das Deutsche sukzessiv erwerben, haben beispielsweise große Schwierigkeiten beim Erwerb des Genus (vgl. Kaltenbacher 2015: 57). Dies wird auch von Meisel (2009) hervorgehoben. Ebenso wird von Schwierigkeiten beim Erwerb der Kasusformen berichtet (Ruberg/Rothweiler 2012: 133). Zu erinnern ist dabei daran, dass auch Kinder, die monolingual Deutsch erwerben, beim Erwerb dieser Kategorien Verzögerungen aufweisen. Jedoch haben Kinder, die das Deutsche sukzessiv erwerben, diesbezüglich mehr Schwierigkeiten. Es wird beispielsweise festgestellt, dass die Ausdifferenzierung der Kasusformen sich bei ihnen bis in das Grundschulalter hinziehen kann (Ruberg/Rothweiler 2012: 133).
Hierbei ist wiederum entscheidend, ab welchem Alter der Erwerb des Deutschen einsetzt. Bei Kindern, die etwa ab dem Alter von fünf Jahren Deutsch erwerben, verläuft die Aneignung der Syntax zum Teil anders als bei Kindern mit Deutsch als Erstsprache. Es kommt vor, dass das Verb in einem Hauptsatz an der dritten Stelle verwendet wird, wenn dieser mit einem Adverb beginnt. Anstatt also Adverb-Verb-Subjekt wird der Satz als Adverb-Subjekt-Verb gebildet (vgl. Czinglar 2014: 25). Des Weiteren findet an den Stellen, wo der finite und infinite Teil der Verbalphrase zu trennen sind, keine Trennung statt. Diese Entwicklungen hinsichtlich der Wortstellung treten allerdings übergangsmäßig auf (vgl. Ruberg/Rothweiler 2012: 35).
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