Kitabı oku: «Kunst des Lebens, Kunst des Sterbens»
Yungdrung Wangden Kreuzer
Kunst des Lebens Kunst des Sterbens
Wie wir den Traum von Ich und Welt mit Achtsamkeit, Mitempfinden und offenem Gewahrsein meistern und befreiende Luzidität erlangen können

Arbor Verlag
Freiburg im Breisgau
Impressum
© 2021 Arbor Verlag GmbH, Freiburg
Alle Rechte vorbehalten
E-Book 2021

Lektorat: Ralf Lay; Lektorat Glossar: Tina Draszczyk
Coverabbildung: © Yungdrung Wangden Kreuzer
Umschlaggestaltung und Satz: mediengenossen.de
www.arbor-verlag.de
ISBN E-Book: 978-3-86781-346-4
Inhalt
Widmung
Erster Teil
Kunst des Lebens – Kunst des Sterbens
1 Ars longa, vita brevis: Eine Einleitung in die Thematik des Buches
2 Vanitas oder Der Traum des Sisyphos
3 Der Vergänglichkeit aller Erscheinungen gewahr werden
4 Wenn wir träumen, dass wir träumen, sind wir dem Erwachen nah
5 Der Traum des Denkens und Sprechens und das Vorbild der Meister
6 Das Leben und Sterben von einem, der die Weisheit liebt
7 Erkenntnistheorie, selektive Wahrnehmung und Traumdeutung
8 Thanatologie als die Lehre über Sterben und Tod und ihre möglichen Quellen
9 Erlebnisberichte von Todesnähe und außerkörperlicher Erfahrung
10 Warum wir der Unzerstörbarkeit unseres Gewahrseins gewiss sein können
11 Die außerkörperlichen Erfahrungen heutiger Menschen und die Kunst der Entdopplung
12 Einige in allen Kulturen wiederkehrende Grundmotive der Seelenreise
13 Zufriedenheit ist der größte Schatz und Selbstvertrauen der beste Freund
14 Die Schwächung des Egos in Krankheit und im Sterben als Chance für Metanoia, Katharsis und Selbsterkenntnis
Zweiter Teil
Leben und Sterben im Licht des erleuchteten Geistes von Weisheit und Mitgefühl
15 Von der alles verwirklichenden Kraft des Wünschens und der Intention
16 Wie in unserer Vergänglichkeit schon unsere Erlösung vollendet ist
17 Die sechs Bardos oder Zwischenzustände nach der Lehre des Dzogchen und des Tibetischen Totenbuchs
18 Wie wir rückblickend auf einen Tag und eine Nacht die sechs Bardo-Zustände verstehen können
19 Über die Kontinuität unseres Geistes, der niemals geboren wurde, der in nichts verweilt und der niemals vergeht
20 Wie wir die Unsterblichkeit unseres eigenen Gewahrseins unmittelbar erkennen und in allen Erfahrungen achtsam erinnern können
Dritter Teil
Drei Übungen für ein gutes Sterben und ein gutes ewiges Leben
21 Der unzerstörbare Atem von Segen und Mitgefühl
22 Der alles befreiende Atem des A
23 Die Befreiung durch Erinnern und durch Hören im Sterben und im Postmortem
Literatur
Glossar
Abbildungsverzeichnis
Über den Autor
Widmung
Die Arbeit an diesem Buch war im Herbst 2019 beendet. Es sei dem langen Leben und segensreichen Wirken aller erleuchteten Meister und der baldigen Befreiung und Erleuchtung aller Wesen gewidmet.
Erster Teil

Kunst des Lebens – Kunst des Sterbens
1
Ars longa, vita brevis: Eine Einleitung in die Thematik des Buches
Wer ein gutes Leben führt, der stirbt auch gut.
Motto der Ars Moriendi
Leeres Gewahrsein hat keinen Anfang und kein Ende. Weil es nicht geboren wurde, stirbt es nicht.
Longchen Rabjam Gyalpo
Schlechtes wird von der Seele nie als solches gewählt, sondern als vermeintlich Gutes.
Proklos
Wie du selbst nicht behandelt werden willst, so behandle auch die anderen nicht.
Konfuzius
Die Freiheiten eines menschlichen Lebens gefunden zu haben und zu versäumen, mich im Heilsamen zu üben – könnte es eine größere Dummheit geben als diese?
Shantideva
Die Weisen haben ihre Handlungen, ihre Worte und ihre Gedanken gemeistert. In der Tat – sie sind vollkommene Meister ihrer selbst geworden.
Dhammapada
Es ist mir eine große Freude, nun diese Sammlung von Texten in Buchform vorlegen zu können, in denen Betrachtungen, Lehren und Methoden zur Kunst eines gelassenen und achtsamen Lebens und deren Fortsetzung im Sterben und über den Tod des Körpers hinaus in eine neue, wenn möglich erleuchtete und leidensfreie Form des Daseins und Erlebens im Zentrum stehen.
Die Kunst des Lebens und die Kunst des Sterbens sind, was den Okzident betrifft, von Platon zu Plotin, Cicero und Seneca und den christlichen Autoren von Gregor dem Großen bis hin zu Seuse, Anselm von Canterbury, Thomas von Kempen und Erasmus von Rotterdam noch ganz selbstverständlich nicht voneinander zu trennen. Der nach authentischer Weisheitserkenntnis strebende Mensch widmet sich der Philosophie, indem er sich täglich im Sterben, in der Loslösung von allem Unwesentlichen übt. Seneca sagte: »Leben muss man ein ganzes Leben lang lernen und … während des ganzen Lebens muss man sterben lernen.« Was die Meister des Orients betrifft, so ist ihnen seit frühester Zeit der Tod die Richtschnur zur klaren Unterscheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen, vom wandellosen Wesen des Geistes und seinen wandelbaren, vergänglichen Erfahrungen. Nur was bleibt, ist wirklich, und alles andere ist unwirklich. Das Bleibende im Wandel, die ewig gültigen Wahrheiten und Gesetze des Lebens zu erkennen und aufzuzeigen ist von jeher die Aufgabe und das Ziel der »ewigen Philosophie« im Osten und im Westen.
Der Glaube an ein Fortleben des Geistes nach dem Verfall und Tod des physischen Körpers war dem Menschen schon seit frühesten Zeiten zu eigen, wie wir aus vielen archäologischen Funden schließen können, und wird – wie wir sehen werden, mit gutem Grund – trotz des diskreditierenden Einflusses neuzeitlicher, reduktionistisch-materialistischer Anschauungen auch heute noch von der Mehrheit der Menschen geteilt.
Dieser Glaube oder diese Überzeugung beruht auf in Wahrheit recht allgemein menschlichen Erfahrungen, die in Todesnähe, am Sterbebett und in der Zeit nach dem Exitus auftreten, die wir in späteren Kapiteln genauer betrachten werden. Er entspricht einem inneren, intuitiven Wissen des Menschen um seine wahre, unzerstörbare Natur als geistiges Wesen, das seinem Wesen nach unabhängig vom Körper ist. Dieses tiefe Wissen lebt fort, auch wenn zurzeit oberbewusst erdachte, gesellschaftlich vorgegebene Paradigmen dem scheinbar widersprechen.
Dieses geistige Wesen, das jetzt in einem menschlichen Körper lebt, will voll und ganz erkannt werden. Es sucht die Natur seiner Erfahrungen zu verstehen und fragt ganz natürlich nach der Sinnhaftigkeit, nach dem Woher und Wohin seines Daseins. Es kann, über seine Wahrnehmungen reflektierend, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung in der Natur und in seinem eigenen Handeln und Erleben erkennen.
Ein klares Erkennen, welche Handlungen für uns und unsere Umgebung zu glücklichen, heilsamen Erfahrungen führen und welche zu unheilsamen, leidvollen, wird »Lebensweisheit« genannt – insofern diese die Frucht der Erfahrung vieler Leben und vieler Generationen ist. Ethisches Verhalten ist intelligentes, vernünftiges und weises Verhalten. So könnten wir, in Abwandlung eines Worts von F. Schleiermacher sagen: Ethik ist die Wissenschaft eines vernünftigen und auf die Dauer heilsamen Handelns.
Die Frage, was eigentlich ein gutes, ein glückliches und sinnerfülltes Leben ist, steht damit am Anfang aller Philosophie, welche diesen Namen verdient, und sie steht bewusst oder noch unbewusst auch am Anfang der persönlichen Suche jedes Einzelnen nach Glück und Selbstverwirklichung.
Was die möglichen Antworten auf diese grundlegende Frage betrifft, so besteht seit Langem ein gesellschaftstragender, ein mitmenschlich-empathischer Konsens – eine große, Kulturen und Religionen übergreifende Übereinstimmung der Herzen in Bezug auf das, was wahre »Menschlichkeit«, was korrektes Verhalten und was ein gelungenes und erfülltes Leben bedeutet, ein intuitives Gefühl für das Richtige, welches das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft leitet und inspiriert. Dieses wirkt, zu unserem Glück, trotz vieler Widerstände, intellektueller Zweifel und zunehmender Orientierungslosigkeit bis heute weiter, und wir zehren davon.
Die Menschheit zehrt noch von den vor der heute global verbreiteten materialistischen »Wissenschaftsgläubigkeit« ihre Gesellschaften dominierenden Maximen der Weltreligionen, die, einfach zusammengefasst, übereinstimmend lehren: Wer ein gutes, also ein tugendhaftes Leben gemäß den Empfehlungen göttlicher Weisheit, geoffenbart in den heiligen Schriften der jeweiligen Tradition, führt und auf die heilsame Qualität seines Denkens und seiner Handlungen achtet, der wird die Prüfungen des Lebens in dieser Welt gut bestehen, an Weisheit und Verdiensten wachsen und folglich mit ruhiger Seele sterben. Wenn er sich vorab von der Anhaftung an irdische Dinge befreit hat, kann er mit freudiger Erwartung seiner Erlösung entgegensehen. In der geistigen Welt oder in seiner nächsten Existenz wird er die Früchte seiner achtsamen altruistischen und heilsamen Handlungen ernten, denn ein jeder erntet ganz natürlich das, was er einmal selbst gesät hat.
Die Überwindung des kleinen Selbst, Freiheit vom Ich und vom Körper und von ihren Leiden, welche erlangt wird durch die Zähmung des eigenen ungeordneten Denkens, Wünschens, Sprechens und Handelns und ein Tätigsein, welches der Gemeinschaft dient, waren lange und unbestritten das Ideal einer gelungenen Individuation in West und Ost, vorgestellt in der Gestalt der großen, verwirklichten Meister wie Jesus und Buddha und der großen Heiligen der verschiedenen Religionen, an deren Vorbild man sich selbst zu messen hatte und deren gelassene Haltung, Selbstlosigkeit, Geduld im Leiden, Gewaltlosigkeit und einfühlsam-verstehendes, liebevolles Tun und Lassen als beispielhaft für das eigene Leben und Sterben gelten konnten.
Wer sich darin übt, sich zu lassen, immer da, wo er an sich und an bestimmten Erfahrungen und Umständen festhält, der wird, trotz aller Schwierigkeiten und Leiden, ein entspanntes, sinnvolles und glückliches Leben haben. Wenn wir lernen, mit klar erkennender Achtsamkeit im Augenblick zu leben, erwerben wir damit die Fähigkeit im eigenen Geist, unheilsame und heilsame Impulse zu unterscheiden, wenn sie erscheinen, und wir entdecken unsere prinzipielle Freiheit, diesen zu folgen oder nicht. Daraus erwächst eine gleichmütige und gelassene Haltung, die an nichts festhält und deshalb frei von einschränkenden Konzepten über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bleibt. Wenn wir unsere Fähigkeit zu Mitempfinden, Mitfreude und Wohlwollen kultivieren, weiten und entspannen sich unser Herz und Geist, und wir können die eingebildete Enge, Angst und Isolation unseres kleinen Ichs vergessen und transzendieren.
Die Basis kontemplativer Geistesschulung
Die Einübung einer gleichmütigen Achtsamkeit oder wachen Präsenz und Nüchternheit ist das Grundelement oder die Basis aller Systeme kontemplativer Geistesschulung. Sie ist unerlässlich, um Fehler im System zu erkennen, um unseren Geist von allem zwanghaften, dualistischen Denken und von den entsprechenden Störgefühlen zu reinigen, welche beide die Folge von Nichtgewahrsein und die Hauptursachen für Unzufriedenheit und alle anderen leidvollen Erfahrungen sind. Befreit von den zwei Schleiern, dem des konzeptuellen Denkens und dem der instinktiven Emotionalität, die beide Leiden schaffen, werden wir schließlich das höchste Glück vollkommener Erleuchtung erlangen. Das ist der Weg, der in unserem Geist angelegt ist – der Weg zurück zum bleibenden, unverlierbaren Glück, unserem ursprünglich erleuchteten Zustand, aus dem nichtluziden, selbstverblendeten Erfahren unseres Geistes im Prozess gedanklicher Zerstreuung und Projektion wieder zurück zum luziden Zustand der Einheit und des völligen Friedens mit uns selbst.
Sicher war es zu allen Zeiten auch möglich, einfach nur dahinzuleben. Aber das können auch die Tiere, und sie können es auf den ersten Blick hin besser als wir. Jede Katze, und das überall auf der Welt, versteht es erst einmal besser als wir, entspannt und aufmerksam im Augenblick zu leben – ohne eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft.
Aber zum Menschsein gehört ein Streben nach Erkenntnis von Sinn und Zusammenhang, und so ist es erst einmal »Manas« oder die Fähigkeit unseres »Denkbewusstseins«, die uns als »Manusha« (in Sanskrit), das heißt als »Mensch«, von den Tieren unterscheidet. Und diese Fähigkeit, die es uns ermöglicht, zu unterscheiden, zu vergleichen und uns zu erinnern, lässt uns auch vieles kompliziert erscheinen, was eigentlich sehr einfach ist.
Die unterscheidende Intelligenz des Menschen ist noch weit entfernt von der wahren Vernunft des göttlichen »Nous« (griechisch nous [Geist]), aber sie ist die Grundvoraussetzung für eine mögliche Zusammenschau aller Handlungen und Erlebnisse und für ein Begreifen ihres Zusammenhangs von Ursache und Wirkung.
Gleichzeitig ist diese Fähigkeit Ursache des menschlichen Leidens an sich selbst und durch sich selbst. Im Gegensatz zu den Tieren sind unsere Leiden überwiegend selbst erdacht; und solange sein Denken nicht von Weisheit und Liebe gelenkt ist, erzeugt und erfindet der »Homo sapiens«, oder wohl besser »Homo Faber«, vielerlei Leiden für sich selbst und für seine Mitmenschen und Mitgeschöpfe.
Die menschliche Geschichte gibt beredtes Zeugnis für seine kurzsichtige Genialität und sein am Ende immer auch ihm selbst schadendes Handeln.
Da menschliches Bewusstsein autoreflexiv und von Erinnerung gestützt ist, können wir den Zusammenhang zwischen unserem Denken, Sprechen und Handeln und seinen Wirkungen auf uns selbst und auf unsere Umgebung und Umwelt verstehen. Aber in unserer Brust wirken sowohl die Kräfte, die uns zu höherem Erkennen inspirieren wollen, wie auch die herabziehenden Kräfte eines Lieber-nicht-wissen-Wollens und einer Bequemlichkeit, die es vorzieht, alles als zufällig und zusammenhanglos zu sehen. Und so wollen wir uns oft in einer Pseudoannahme des Status quo, in einer Annehmlichkeit und in einer Pseudospontaneität, die den instinktiven Impulsen einer von den Toxinen des Geistes inspirierten Dynamik folgt, einer wirklichen Selbsterkenntnis gar nicht öffnen.
Wenn wir es aber verstehen, diese Fähigkeit des Erkennens von Zusammenhängen weiterzuentwickeln, so können wir zu einem wirklich umfassenden Verständnis des Lebens, können zu Lebensweisheit und damit zu einem vernünftigen und heilsamen Gebrauch all unserer Kräfte und Begabungen kommen. So ist es also für eine vernünftige Gestaltung unseres Lebens und unserer Lebensführung von entscheidender Bedeutung, zu einer Klarheit darüber zu kommen, welche Werte für uns wichtig sind und wie wir leben wollen, ja, was ein glückliches, ein in jeder Hinsicht optimales und sinnvolles Dasein eigentlich ist.
Suchen wir nach einer allgemein verlässlichen Basis der Verständigung und des Verstehens – nach etwas, das Mensch und Tier, trotz aller Verschiedenheiten und individueller Variationen gemeinsam ist –, so finden wir, dass alle Wesen zweifellos das Glück oder zumindest das für sie Angenehme suchen und dass sie das Leiden oder für sie Schmerzliche fliehen. Sie alle wollen keine unangenehmen Erfahrungen, genauso wie wir selbst; und doch ist alles Leben von subtilen oder groben, von plötzlichen oder von chronischen Leidenszuständen durchdrungen, die von Zuständen leichter Unruhe und Gereiztheit, eines Unbehagens kombiniert mit Angst oder Verlangen oder einer unerklärlichen Unzufriedenheit bis hin zu schweren psychischen und physischen Krankheiten und Leidenserfahrungen reichen.
Natürlich sind hier alle neurotischen Gefühle und Stimmungen wie Stolz, Ehrgeiz, Eifersucht, Verlangen, Neid und Ärger, welche täglich im Geistesstrom eines Menschen auftauchen können, inkludiert. Sie alle sind zwar normal, aber sie alle sind auch leidvoll, und sie erzeugen neues Leid, sofern wir unter ihrem Einfluss stehen und von ihnen motiviert handeln.
Wenn wir uns mit offenem Herzen umschauen und die Lebensumstände unserer Mitmenschen und der Tiere genau betrachten, so sehen wir, wie sie sich selbst und den anderen Wesen immer wieder Leiden bereiten, weil sie es scheinbar nicht besser wissen und einfach instinktiv ihren Prägungen und Bedürfnissen entsprechend handeln. Den Tieren mangelt es an der nötigen Intelligenz, um die Ursachen des Leids und jene des Glücks klarer zu verstehen. Sie passen sich lediglich besser an die Umstände an und verbessern die Strategien ihres Selbsterhalts und Überlebens. Aber auch die meisten Menschen suchen die Ursachen ihres Missbehagens im Außen und sehen meist nicht, was und wie sie selbst durch ihr eigenes Denken und Handeln dazu beitragen.
Nun ist es einfach zu verstehen, dass es, wenn wir ein entspanntes und sorgenfreies Leben führen wollen, sicherlich gut und förderlich ist, uns in Geduld zu üben und zu lernen, uns zu entspannen und uns keine Sorgen, also keine überflüssigen und ängstlichen Gedanken zu machen.
Die relativ neue Disziplin der Glücksforschung kam zu dem Ergebnis, dass es nicht materielle Güter und Besitz, sondern innere und äußere Gesundheit und harmonische und verlässliche menschliche Beziehungen sind, die von den meisten Menschen als ihr größtes Glück empfunden werden, wenn ihre materielle Situation ausreichend gesichert ist. So liegt es folglich auf der Hand, dass es, wenn wir glücklich sein wollen, das Beste ist, unsere Empathiefähigkeit und unser Mitgefühl und Wohlwollen zu kultivieren, ja dass unser Glück und unser Verständnis weiter wachsen werden, wenn wir lernen, »in der Liebe zu bleiben«, und eine grundsätzlich wohlwollende Einstellung gegenüber unseren Mitmenschen und allen fühlenden Wesen kultivieren.
Dieses allumfassende, unparteiische Wohlwollen drückt sich aus in dem Saatgedanken »Mögen alle Wesen glücklich sein«. Wenn wir diesen besten aller Wünsche in unserem Geistesstrom immer wieder hervorbringen, verändern sich unsere Sichtweise und unser Erleben sehr rasch zum Positiven, und jedes Mal, wenn wir ihn denken, werden die »Wurzeln des Guten« in uns verstärkt, und unsere Fähigkeit, unser kleines Ich mit seinen Ängsten und Wünschen zu transzendieren, wächst.
Es ist auch sehr sinnvoll und wertvoll, wenn wir die Ursachen des Leids immer klarer erkennen, denn nur wer die wirkliche Ursache einer Krankheit erkannt hat, kann sie auch beseitigen. In ihrer Erkenntnis liegt der Weg zur Aufhebung allen Leids in uns selbst und im Universum, denn nur wenn wir unsere Täuschung klar erkennen, können wir uns von ihr befreien und in der Folge auch anderen helfen, frei zu werden.

Nun wird dieses befreiende Erkennen der eigenen Täuschungen und Abhängigkeiten von unserer heutigen Umwelt und Gesellschaft leider nicht gerade unterstützt und gefördert. Vor allem seit der Erfindung der Massenmedien, beginnend mit Radio und TV bis hin zum Internet, werden den Menschen überwiegend ganz andere, von den großen Vorbildern für wahre Selbsterkenntnis und erleuchtete Humanität wie Jesus, Buddha oder auch Konfuzius abweichende Leitbilder, Anschauungen und Leitmotive auf breiter Basis vermittelt. Wenn Information und Unterhaltung an die Stelle von humanistischer Bildung treten, wird es für die vielen zwangsläufig immer unverständlicher, worin ein gutes, ein vernünftiges und sinnvolles Leben und Handeln und ein ethisches Verhalten überhaupt bestehen.
Wenn aber, generell gesprochen, der besondere Sinn und Wert des Menschseins und die Richtung und Möglichkeit seines geistigen Wachstums und einer gelungenen Selbstentwicklung dem einzelnen Menschen nicht richtungsweisend und prägend in seiner Familie und Gesellschaft vorgestellt und vorgelebt werden und wenn diese nicht mehr das Leitbild für die mögliche Höhe einer Kultur und ihrer Bildung sind, sondern eine unter vielen möglichen Anschauungen und Meinungen, so verbreitet sich ein Gefühl der Orientierungslosigkeit, der Sinnlosigkeit und Beliebigkeit, und ein inneres und äußeres Chaos sind die Folge.
Die profitorientierte Werbung leitet das stets zerstreute und nach einem Inhalt und Sinn suchende Denken und Begehren in allen Medien auf Wunschobjekte, Leitbilder und Selbstbilder um, die Abhängigkeit erzeugen und für deren Erlangung, Pflege und Erhaltung ständig gearbeitet werden muss. Wenn sie nicht erlangt, erworben und aufrechterhalten werden können, entstehen daraus Komplexe, Frustration, Unzufriedenheit, Neid und andere Störgefühle. Die Folge ist vielfach eine fortschreitende »Verschmutzung« der Innenwelt, die mit der Verschmutzung und Vergiftung der Umwelt einhergeht, die gleichsam ihr für alle sichtbarer Ausdruck ist.
Nun ist es für die meisten immer schwer gewesen, dem Haupttrend des kollektiven Denkens ihrer jeweiligen Gesellschaft nicht zu folgen; und leider ist es heute fast unmöglich geworden, sich dem Einfluss der ununterbrochenen Werbung, Prägung und Konditionierung durch die Massenmedien zu entziehen. Ja, eine ständige Erreichbarkeit und ein ständiges Online- und Angeschlossensein an die Medien wird in der »Informationsgesellschaft« nun sogar als unabdingbar dargestellt und gefordert.
Ein Strom konfuser und vielfältig divergierender Informationen und Meinungen formiert heute den Menschen, ob er es will oder nicht; und eine flutartige Menge von Informationen ist für alle sichtbar dabei, eine wirkliche Bildung des Menschen im klassischen Sinn zu überwachsen. Diese scheint durch eine auf technischem, pharmakologischem, psychologischem und neurologischem Wissen basierende Programmierung und Gleichschaltung ersetzt zu werden. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit sind nun die technischen Möglichkeiten vorhanden, dass dies auf der ganzen Welt geschieht.
Es ist eigentlich ein recht wüster und verwirrender Traum, der dem Menschen nun auf allen Kanälen zur Unterhaltung und als »In-Formation« angeboten wird. Und es ist, glaube ich, wichtig, die Art dieser »Formation« und die Probleme, die daraus für jeden Einzelnen und für die ganze Welt entstehen, mitfühlend verstehen zu können. Vor allem, wenn man täglich mit Menschen zu tun hat und bestrebt ist, ihnen in dieser Zeit, da die Toxine des Geistes stark anwachsen, therapeutisch zu helfen.
Die falschen Versprechungen, ein glückliches Leben durch den Konsum bestimmter Waren und Situationen zu erlangen, führen in die Irre, denn sie binden den Menschen und halten ihn von der Erkenntnis des eigentlichen Sinns seines Lebens ab. Immer neue Wunschobjekte werden ihm vor Augen gestellt und erzeugen neue Wünsche und in der Folge Unzufriedenheit. Durch zu intensiven Medienkonsum können falsche Ängste und Feindbilder entstehen, die zu einer diffusen Nervosität und Unsicherheit führen.
Natürlich war es auch in früheren Zeiten nicht einfach, zu Selbsterkenntnis, einem sicheren moralischen Urteil und geistiger Unabhängigkeit zu kommen und aus dem Traum des eigenen Denkens, Wünschens und Befürchtens zu erwachen. Die eigentlichen Ursachen des persönlichen und des kollektiven Leids und Unbehagens – sie liegen im Geist eines jeden von uns, und sie sind immer die gleichen: Unvernunft, Ignoranz, Egoismus, geistige Unruhe, Existenzangst, Anhaften und Aversion, doch heute erscheint es durch die enge Anbindung des persönlichen Denkens an die Medien und Kommunikationsmittel noch um vieles schwieriger, sich von der Zwanghaftigkeit und Zerstreutheit eines ständigen Konzeptualisierens und Begehrens frei zu machen.
Weil aber unser Geist seiner Natur nach eigentlich frei ist und all seine Wahrnehmungen und Gedankenkonstrukte ebenso natürlich vergänglich sind, ist es in jedem Augenblick theoretisch möglich, aus dem nur scheinbar wirklichen Traum des jeweiligen Zeitgeists und aus dem ihn begleitenden Denken zu erwachen und plötzlich luzide zu werden. Wenn wir im Traumzustand glauben, gleich in einen Abgrund zu stürzen, geschieht häufig, durch die Todesangst ausgelöst, ein Erwachen zu momentaner Luzidität (vom spätlateinischen luciditas für »Helle, Klarheit«), und wir erkennen, dass wir gerade träumen. Auch steht unser Denken völlig still, wenn wir durch etwas plötzlich geschockt sind oder wenn wir im Tiefschlaf, in einem Zustand tiefer und seliger Entspannung, alle Träume und Gedanken von Ich und Welt völlig vergessen.
Luzidität und Freiheit von Gedanken sind uns als Erlebnisformen demnach möglich, aber unser ganz normales, menschliches Problem besteht darin, dass wir momentan entweder wach sind und angespannt vielen Gedanken folgen, oder wir beginnen zu entspannen, finden etwas geistige Ruhe und werden dabei aber schläfrig und verlieren das Bewusstsein. Wir pendeln gewissermaßen zwischen den beiden Extremen Bewusstsein und Unbewusstheit, und in beiden mangelt es uns an Luzidität. Wegen dieses Mangels ist Bewusstsein üblicherweise spannungsgeladen und wirkliche Entspannung eigentlich nur durch den Verlust des Bewusstseins möglich.

Die hohe, erlösende Kunst der Dzogchen-Meditation besteht darin, völlig gewahr und völlig entspannt zu sein. Die möglichst beständig aufrechterhaltene Luzidität wird dann mit der Zeit alle Bewusstseinsschichten durchdringen. Wie das erreicht werden kann, wird in den späteren, auf die kontemplative Praxis der Geistesschulung bezogenen Teilen dieses Buches en détail erklärt werden. Es mag an dieser Stelle genügen zu sagen, dass es möglich ist, in der Kontemplation einen Grad der Entspannung zu erreichen wie im Tiefschlaf und trotzdem völlig gewahr zu sein. Hier liegt der Grund, warum in der visionären Praxis des Dzogchen das eigene innere Licht so stark hervortreten kann wie sonst nur im Schlaf und im Tod, und das in einem Zustand völliger Wachheit und rezeptiver Offenheit aller Sinne.
Der authentische Zustand leeren Gewahrseins ist frei vom Denkbewusstsein und frei von der dumpfen, fühllosen Trance der Unbewusstheit. Wenn wir die Fähigkeit entwickeln, im Wachzustand völlig entspannt und ohne alle Konzepte zu sein, werden wir am Ende des Sterbeprozesses frei von Bewusstsein mit dem klaren Licht reinen Gewahrseins verschmelzen können und Buddhaschaft erreichen. Je länger wir bereits jetzt in diesem »natürlichen Zustand des Geistes«, frei von Gedanken, bleiben können, umso größer ist die Chance dieser endgültig befreienden Verwirklichung im Tod. Wir werden über diesen Zusammenhang in den späteren Kapiteln noch oft und ausführlich sprechen.
Gelassenheit, Mitgefühl und Luzidität
Und damit kehren wir zurück zu dem, was ein gutes Leben eigentlich ausmacht und ermöglicht: die Kultivierung von Gelassenheit, Mitgefühl und Luzidität.
Das Achten auf persönliche Psychohygiene und die Anwendung von Meditation und Entspannungsübungen zur Stressreduktion sind zu einer lebensnotwendigen Gegenmaßnahme geworden, um dem sich aufbauenden inneren und äußeren Druck überhaupt standhalten zu können. Meditation kann im gedanklichen Chaos Ordnung schaffen, kann psychisches und physisches Leid lindern und heilen, und sie kann als Teil einer umfassenden Geistesschulung, wenn sie kontinuierlich und systematisch geübt wird, schließlich sogar die eigentlichen Ursachen unseres Leids, die tief in unserem Unterbewusstsein liegen und uns konditionieren, beseitigen und damit auch den Zustand eines bleibenden, von äußeren Umständen unabhängigen Glücks verwirklichen.
Wie gesagt: Kein fühlendes Wesen will leiden. Alle Wesen suchen das Glück oder das für sie Angenehme, aber leider meist auf Wegen, die sie von Objekten abhängig machen und Sucht erzeugen und damit notwendigerweise zu neuen Leiden führen und den Zustand des Mangels, der Unfreiheit und geistigen Unruhe damit fortsetzen. So heißt es auch bei Seneca: »Wenn du glücklich sein willst, vermehre nicht deine Besitztümer, sondern verringere deine Wünsche.« Durch die Übung der Meditation erfährt der Geist häufiger Zustände von entspannter Ruhe, von wunschlosem Glücklichsein und eine nichturteilende, verständnisvolle Klarheit, die authentische Selbsterkenntnis ermöglicht. Durch die Einübung einer gelassenen, an nichts haftenden Wachheit und ruhigen Achtsamkeit gegenüber den eigenen Gedanken wird man dieser erst wirklich gewahr, durch Gewahrsein wird man frei von ihnen, und irgendwann steht es uns wirklich frei, ihnen zu folgen oder nicht. Diese Übung des ständigen Loslassens kann schließlich zu einer stabilen, verlässlichen »Gelassenheit« führen, die frei ist vom Denken, frei vom Ich und seinen Wünschen und Ängsten, und sie bringt uns mit dem Leben in Einklang, bedeutet sie doch eigentlich nichts anderes, als ein Leben in Übereinstimmung mit der vergänglichen Natur aller Dinge zu führen.
Luzidität im Sinne des Buddha bedeutet, unser eigenes Denken und all unsere Erfahrungen als von der Natur eines Traums zu erkennen und zu meistern. Gelingt es uns, beides, Gelassenheit und Luzidität, zu kultivieren, so können wir die Ursachen des Leids in uns – also Unwissenheit und Unachtsamkeit, Anhaften und Aversion – beseitigen, und die Ursachen des Glücks heute und in der Zukunft werden dadurch vermehrt. Alle Erscheinungen können uns dann zum Freund und Lehrer und zum willkommenen Anlass eines immer neuen und frischen Erkennens des Wesentlichen werden.
Durch die Betrachtung des Vergänglichen erkennen wir das Unvergängliche. Wenn wir den Tod oder die Auflösung der Formen nicht mehr als Ende des Erlebens, sondern als seine Transformation verstehen, so schwindet alle Angst vor Veränderung, und es wird möglich, jeden Augenblick unseres Lebens und Sterbens mit Achtsamkeit und Wertschätzung zu genießen.
Im frühen Buddhismus des »Theravada« besteht die Hauptübung des Meditierenden darin, Körper, Atmung und Geist, ohne zu urteilen, direkt zu beobachten und so der Vergänglichkeit aller Phänomene gewahr zu werden. Durch diese unmittelbare Beobachtung kann man zur zweifelsfreien persönlichen Erkenntnis kommen, dass weder der »Wahr-Nehmende« noch das »Wahr-Genommene« eine bleibende, selbstständige Existenz besitzen.
Alles Lebendige fließt als ein Strom fortwährender Wandlungen, und keiner dieser Augenblicke ist genau so wiederholbar. Vom Feinsten bis zum Gröbsten können wir ein ständiges Werden und »Entwerden« in uns selbst und unserer Umgebung beobachten, und tatsächlich ist Vergänglichkeit das einzig bleibende und gemeinsame, direkt beobachtbare Charakteristikum all unserer sonst so verschiedenen Erfahrungen. Nichts ist so beständig wie der Wandel. Weil alles an uns, in uns und um uns herum vergänglich ist, sind wir im Grunde von Anfang an erlöst – aber wir wollen die Vergänglichkeit und damit unser Erlöstsein nicht wahrhaben. Wir wollen nicht vergänglich sein.
Ein Buddha aber ist völlig vergänglich, fließend und selbstlos. Er ist frei vom Größenwahn und frei vom Minderwertigkeitskomplex des Ich-Bewusstseins, denn er verweilt in nichts.
»So wie Eis nur Wasser ist, sind die Menschen in ihrem wahren Wesen Buddha«, lehrte Hakuin in seinem Gesang des Zen.

Nun ist ein ständiges Erfassen, Begreifen und Einordnen die natürliche Funktion unseres Denkbewusstseins, doch das Denken oder der Verstand kann seiner Art nach die ungreifbare Wirklichkeit nicht erfassen, sondern nur seine eigenen Konzepte, Abstraktionen und Deutungen des Erlebten festhalten, obwohl alle unsere Bewusstseinszustände und alle Erscheinungen vergänglich sind und unser Erleben genau besehen ein ständiges Sterben und Geborenwerden ist – denn was auch immer erscheint, es verschwindet quasi im selben Augenblick wieder, nur um neuer Erscheinung Raum zu geben.
Wir erfahren ein kontinuierliches Schwingen zwischen Form und Formlosigkeit, und doch erscheinen Leben und Sterben unserem dichotomischen Denken als unversöhnliche Gegensätze; und an dem einen haftend, fürchten wir das andere. An dem einen festhaltend, entgeht uns das andere. »Sein oder Nichtsein?«, fragt unser Bewusstsein, denn die übergegensätzliche Einheit von Wahrnehmung und Leerheit kann es nicht erfassen. Seine Funktion ist es, die Dinge auseinanderzuhalten und einzuordnen. Das Bewusstsein lebt in seiner eigenen virtuellen Welt von Namen und Vorstellungen und hält an seinen reduktionistischen und einseitigen Überzeugungen und Begriffen als empirische Wirklichkeit fest.
Hier liegt also eine grundlegende Verwechslung vor, die weitreichende negative Folgen hat, denn wenn die Prämisse falsch ist, sind auch die daraus gezogenen Schlüsse falsch. Daraus ergibt sich eine Kette von Fehlwahrnehmungen. Das denkende Bewusstsein lebt in einem Traum von Fassbarkeit und Pseudowissen, der zwar mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt, aber sprachlich und gedanklich von der Mehrheit der Menschen immer wieder formuliert und als gemeinsames Erleben geteilt wird. Die Glaubenssätze oder geistig-seelischen Konstrukte einer Person sind deshalb auch immer kontextuell in der Verbindung mit seiner Familie und Gesellschaft zu untersuchen, um ihre Textur zu verstehen und sie, falls nötig, lösen zu können.
Je mehr wir an Formen und am Körper haften und uns mit diesen identifizieren, umso mehr fliehen und verabscheuen wir deren Auflösung, als ob es unsere eigene wäre. Dasselbe gilt auch für das Selbstbild und für alles, was unser Bewusstsein als Bleibendes fixiert und »verbegrifflicht«.
Unsere Anhaftungen trüben unseren Blick und verhindern die unmittelbare Schau des Gegebenen, und deshalb definierte Sokrates, genauso wie christliche, buddhistische, hinduistische und taoistische Meister, das philosophische Leben, das Leben eines Menschen, der die Wahrheit liebt und ihr gemäß leben möchte als ein ständiges Sterben, ein ständiges Loslassen, das ihn schließlich von aller Bindung und Beschränkung des Körpers und des Geistes befreien wird, wenn er in einem Vergessen alles Geschaffenen sich selbst schließlich ganz der göttliche Weisheit überlässt.
Sokrates antwortete der unfassbaren Natur der Wirklichkeit entsprechend, indem er sagte: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.«

Es ist erfreulich und ein gutes Zeichen, dass seit einiger Zeit überall auf der Welt und vor allem in den nun seit Langem von einer positivistischen und materialistischen Sichtweise in Philosophie und Wissenschaft geprägten westlichen Gesellschaften parallel zu den beschriebenen Entwicklungen aber auch eine Fülle von Büchern über Tod, Sterbebegleitung und verwandte Themen erschienen sind und erscheinen. Ein starkes Interesse an Spiritualität und authentischer Selbsterkenntnis ist im Menschheitsbewusstsein entstanden und findet seine Antwort in einer Fülle von Publikationen, die die Weisheitslehren der verschiedensten Traditionen zugänglich machen. Die Bandbreite reicht hier von esoterischen Privatoffenbarungen und Lebensratgebern für »Glückssucher« bis hin zu klassischen Texten der Weisheitsliteratur der Welt und höchsten Belehrungen und Schriften bis heute ungebrochener Übertragungslinien vom Meister auf den Schüler, wie wir sie vor allem im tibetischen Buddhismus finden. Dieser hat mit seiner großen Wertschätzung der schriftlichen und mündlichen Überlieferung die weltweit umfangreichste Literatur über buddhistische Psychologie, ihre Therapien und Meditationstechniken und über Thanatologie (das Wissen vom Sterben und vom Tod) bewahrt und hervorgebracht. Die darin gelehrten Anweisungen werden auch heute noch weitergegeben und präzise in der persönlichen Geistesschulung und in der Sterbebegleitung angewendet.
Selbst seit über vier Jahrzehnten in der Nachfolge von tibetischen Meistern des Mahamudra und des Dzogchen stehend, bin ich voll Dankbarkeit für die unschätzbaren Lehren, die ich von ihnen erhalten habe. Dasselbe gilt natürlich auch für meine Lehrer im Zen-Buddhismus und im Theravada. (In den Literaturhinweisen im Anhang dieses Buches findet sich eine Auswahl von Büchern, die ich zu einem weiteren Studium empfehlen kann.)

Wenn ich in den Kapiteln dieses Buches über Leben und Sterben, über Bindung und Erlösung, über Zeitgeist und Erleuchtungsgeist, über Irrtum und Wahrheit, über Körper, Psyche und Geist, über Luzidität und Unbewusstheit, über heilsame und unheilsame Manifestationen des Denkens, über Leid erzeugendes und von Leiden befreiendes Handeln spreche, so tue ich das im Gewahrsein der buddhistischen Lehre, dass alles Erkennen, Denken und Benennen der Traum des Geistes ist.
Insofern es Traum ist, ist all unser Erleben auch symbolisch, weil das Denken und Sinnen des Geistes sich als Wort, Gestalt und Situation darin zum Ausdruck bringt und sich, ganz seiner Artung und Qualität entsprechend, dabei verortet und versinnbildlicht. So ist ein jeder Seinsbereich, wie zum Beispiel die Menschenwelt, die karmische Vision der dort lebenden Wesen und wird durch ihr kollektives Denken, ihre Emotionen und Wünsche verändert und geformt. Ein jeder Geist erträumt sich seine Welt und ist, falls er mit Verstand begabt ist, mit der Deutung des Erlebten beschäftigt. Nun ist die Deutung mit dem Erlebten natürlich nicht identisch, prägt aber als Annahme, als Vorurteil und mentales Konstrukt wiederum das weitere Erleben.
Es fällt leicht und ist normal, sich auf die eigenen Deutungen zu fixieren und ihren relativen Charakter zu vergessen. Weil aber der erkennende Geist von seinen eigenen Gedanken und Beschreibungen nicht erfasst werden kann, ist es äußerst sinnvoll, zwischen dem Geist an sich als absoluter Wirklichkeit (Natura naturans) und seinen Erfahrungen und Formulierungen als relative Wirklichkeit (Natura naturata) klar zu unterscheiden. Diese provisorische gedankliche Unterscheidung entspricht natürlich nicht der nondualen Wirklichkeit, sie dient im Buddhismus nur dazu, das Spiel der Wahrnehmung erkenntnistheoretisch zu verstehen.
Worte sind Träger des Sinns und haben lediglich eine hinweisende Funktion, denn nichts von dem, was gesagt werden kann – sei es eine Dummheit, eine mathematische Formel, eine Ideologie, Theologie oder Philosophie –, besitzt eine eigene Wirklichkeit unabhängig vom Geist, der es formuliert und wahrnimmt. Selbst die Buddha-Lehre, die mit immer denselben und immer verschiedenen, der Situation der Hörer angepassten Worten darauf hinweist, dass wir gerade träumen, ist insofern ein Traum im Traum.
Wenn wir träumen, erfahren wir die vielfältigsten Erscheinungen und halten sie für wirklich, doch wenn wir erwachen, verfliegt der Traum, und wir erkennen, dass alles nur in unserem eigenen Geist geschah. Und genauso ist es, so lehrte der Buddha, mit jeder Erfahrung im Universum: Sie erscheint, ist erlebbar, und doch ist sie nichts anderes als der eigene Geist, der sich auf diese Art in sich selbst spiegelt und erfährt. Dies deutlich und ohne Unterbrechung zu erkennen ist Erleuchtung oder völlige Luzidität.
Wenn wir einen Albtraum haben und im Traum leiden, so hat dies zwar seine Gründe in unserem Unterbewusstsein, aber trotzdem werden wir von diesem leidvollen Erfahren in dem Augenblick frei sein, wenn wir erwachen oder wenn wir luzide werden und erkennen, dass es nur ein Traum war.
Das Leid in unserem Traum des Lebens, durch Unwissenheit um die wahre Natur der eigenen Erfahrungen begründet, besteht leider weiter, solange diese Unbewusstheit nicht durch das Erlangen einer vollen, alle Schichten durchdringenden Luzidität oder Erleuchtung abgelöst worden ist.
Der Ausdruck »Luzidität« wurde im Bereich der Medizin und Psychologie bisher einerseits für die Klarheit des normalen Bewusstseins, also für die geistige Präsenz, Wachheit, Ansprechbarkeit und Orientierungsfähigkeit einer Person, verwendet und andererseits für den besonderen Zustand einer gesteigerten geistigen Klarheit im Traumerleben, in dem man sich bewusst ist, dass man träumt. »Luzidität« ist also ein Begriff für Geistesgegenwart und Präsenz, welche, wie die Intelligenz oder das »Helle-Sein« des Geistes einer Person, durchaus geringere und höhere Grade ihrer Entwicklung kennt und in den uns erlebbaren Bewusstseinszuständen entweder kontinuierlich präsent ist, sporadisch erlebt wird oder völlig fehlt wie im Tiefschlaf. In all diesen Erlebnisformen und auch im Sterben und im Nachtodzustand ist Vollbewusstheit oder besser völlige Luzidität erreichbar.

Die leuchtende, erkennende Klarheit des Geistes ist Basis sowohl für das Erkennen einfachster Zusammenhänge und koordinierter Wahrnehmung wie auch für das intuitive Verstehen der wahren Natur von Selbst und Welt und für übersinnliche Erfahrungen wie Telepathie und Präkognition (Vorauswissen).
Wie am Beispiel des möglichen Erlangens von Luzidität im Traum ersichtlich wird, kann und soll unsere geistige Klarheit weiterentwickelt werden und nach und nach alle Schichten bewusster und unbewusster Erfahrung durchdringen. Wir nutzen, wie oft zu hören ist, bisher nur einen kleinen Teil unseres Gehirns – und leider nutzen wir auch nur einen kleinen Teil unseres Herzens, unserer Empathiefähigkeit. Nur ein kleiner Teil des unbegrenzten Potenzials unseres Geistes und seiner Erkenntnismöglichkeiten, ein kleiner Teil der Weisheit und der Liebe, die in uns ist, konnte sich bis jetzt offenbaren.
»Lass den Buddha heraus, der in dir steckt«, so sagt man im Zen. Wer seine geistige Klarheit, die in ihm angelegte Fähigkeit zu einer gesteigerten Luzidität und Achtsamkeit entwickelt, kann das Dunkel der Unbewusstheit durchdringen und sich von der Beschränkung durch eingefahrene Denkstrukturen und subliminale Gewohnheitsmuster, von Konditionierungen und imaginierten Zwängen befreien, indem er durch direkte, nichturteilende Beobachtung deren vergängliches und damit unwirkliches Wesen erkennt. Die konstruktivistische Psychologie geht, in diesem Punkt im Einklang mit der 2400 Jahre alten Bewusstseinslehre des Buddhismus, davon aus, dass wir als Menschen eigentlich nie von absoluter oder auch objektiver Wahrheit denken oder sprechen können, sondern nur von der Art unseres Erkennens, von unserer Art, das Gegebene zu erfahren.
Dass die Dinge nicht von selbst erscheinen, sondern ihre Erscheinung erst vom erkennenden Subjekt mit seinen Anschauungsformen Zeit und Raum produziert wird, sagte auch Kant, aber er versteht diesen Satz anders als der Buddha und folgert anderes daraus. Er ist ein Philosoph der Aufklärung. Er hatte zwar den fiktiven Charakter menschlicher Begriffsbildung und sinnlicher Anschauung erkannt, verstand es aber dann in dem Sinn, dass die äußere Welt davon unabhängig existiere. Ähnlich wie Descartes verfestigte er damit denkerisch ein Subjekt und ein Objekt in der Wahrnehmung, trennte sie voneinander und lieferte so die Prämissen für das sogenannte wissenschaftlich-positivistische Denken, in dem in der Folge die fixe Idee einer klinisch sauberen entmenschlichten »Empirie« – nämlich die Idee, man könne das Wesen der Natur erkennen, wenn man möglichst so tue, als gäbe es keinen Erkennenden – größte Bedeutung gewann. Die übliche Definition der wissenschaftlichen »Empirie« ist eine Erkenntnis, die nicht von einer Theorie oder Begriffen beeinflusst ist, sondern auf Fakten beruht, die aus der Erfahrung gewonnen werden.
Nun gibt es natürlich keine Erfahrung ohne ein erfahrendes Bewusstsein; und auch alle Messergebnisse sind nichts ohne jemanden, der sie deutet, aber man kaprizierte sich auf die Vorstellung einer unabhängig vom Betrachter existierenden »objektiven« Wirklichkeit.
Ging das vorher geltende theologische Denken von einem göttlichen Wesen und Geist als Schöpfer aller Dinge aus, so wurden im Paradigmenwechsel der Aufklärung zunehmend »Gott«, das Geistige, Transzendente, Unwägbare und dann auch das Seelische als nur subjektiv und erdacht diskreditiert, und die äußere Welt und ihre Verhältnisse wurden als allein wirklich und das Subjekt prägend gesehen. Man fiel also von einem Extrem in das andere. Vom naiven Glauben, dass ein unabhängig existierender, persönlicher Gott uns geschaffen hat und folglich für alles verantwortlich ist, verfiel man in den ebenso naiven Glauben, dass Bewusstsein aus Materie entstanden ist und eine unabhängig existierende Welt uns hervorgebracht hat und bestimmt. Vielen schien die zweite Hypothese sinnfälliger, war sie doch für eine grob sinnliche Wahrnehmung eher nachvollziehbar.
Begrenzte Vorstellungen über die Natur der Wirklichkeit
Im Dzogchen, dessen Theorie oder Anschauung per definitionem das leere Gewahrsein selbst ist, werden einseitige philosophische Positionen wie Theismus, Dualismus, Eternalismus, Positivismus, Materialismus oder Nihilismus »begrenzte Vorstellungen über die Natur der Wirklichkeit« genannt. Den heute dominierenden, ursprünglich von Philosophen erdachten und formulierten Sichtweisen des Materialismus, Positivismus und Nihilismus sind das Vergessen des Aspekts des erkennenden Gewahrseins und das Sichverlieren an den Aspekt der Erfahrungen oder Anschauungen gemeinsam, insofern sie das von ihnen Erdachte für wirklich halten und daran festhalten. Auch die Idee des Primats der Materie ist nur eine Idee. Das Wesen dessen, der über Gott und die Welt nachdenkt, wurde dabei, wie vorher schon in der christlichen Theologie, zumeist übersehen. Nun entspricht jeder Anschauung und jedem Glauben ein adäquates Verhalten, und dieses bewirkt die daraus folgenden Früchte oder Resultate. Es gab und gibt Sichtweisen wie der Glaube an Karma (die ausgleichende göttliche Gerechtigkeit), die ein heilsames, verantwortliches Verhalten fördern; und es gibt solche, die zum Gegenteil tendieren. Dem naiven reduktionistischen Glauben zufolge existiert nur Messbares und Berührbares; er sagt, dass alles Leben nur aus Materie entstanden ist und dass der Mensch und alle Lebewesen mit ihrem Körper identisch sind. Aus ihm folgt, dass es nur ein Leben gibt und keine Seele, die den Tod des Körpers überlebt und die Früchte ihrer Handlungen ernten könnte.
Sind Beweise für die Richtigkeit dieser Auffassung auch nie erbracht worden, so sind doch ihre unheilsamen Folgen überdeutlich: Die gefühllosen Grausamkeiten, Massenmorde, Kindstötungen und rücksichtslosen Zerstörungen der Natur im 20. Jahrhundert sind von einem in der Menschheitsgeschichte bis heute ungekannten Ausmaß. An ihren Früchten können wir den Geist oder Ungeist hinter einer bestimmten Ideologie erkennen und unterscheiden. Auch das ist Empirie. Wollen wir eine bessere Welt, so müssen wir als Erstes unheilsame, Leiden erzeugende Arten des Denkens als Fehler erkennen, sie durch heilsame Gedanken ersetzen und darauf verzichten, die Urheber solch fataler Denkrichtungen nachträglich noch zu feiern.

Im Lankavatara-Sutra, einer buddhistischen Lehrschrift aus dem 3. Jahrhundert, heißt es, Mahamati, der Bodhisattva-Mahasattva, habe sich an den Buddha mit den Worten gewandt: »Du hast von den irrtümlichen Sichtweisen der Philosophen gesprochen; bitte erläutere uns diese und wie wir sie als solche erkennen können.«
Der Buddha sprach daraufhin, der Irrtum in den Lehren dieser Philosophen liege darin, dass sie nicht erkennen, dass die objektive Welt aus dem Geist entsteht. Sie verstünden auch nicht, dass alle Bewusstseinszustände aus dem Geist entstehen. Ausgehend von der Annahme, dass diese Manifestationen des Geistes wirklich sind, führen sie damit fort, diese zu unterscheiden. Sie kategorisierten sie in dualistische Begriffe wie dieses und jenes, Sein und Nichtsein, und sie ignorierten dabei die Tatsache, dass es nur eine einzige, alles umfassende Essenz gibt. Seine (Buddhas) Lehre hingegen basiere auf der Erkenntnis, dass die objektive Welt wie eine Vision – eine Manifestation des eigenen Geistes – sei, und sie lehre, wie Unwissenheit, Begehren und Aversion beseitigt werden können und wie Ursache und Wirkung und alles Leid, das aus dem dualistischen Denken erwächst, ein Ende finden.

Alle Konzepte, Bedeutungen, Namen und Merkmale sind relativ – sind Abstraktionen. Sie entstehen abhängig von dem, der sie formuliert, und drücken den Stand seiner Erkenntnis oder Nichterkenntnis aus. Werden sie in der Philosophie benutzt, um das Wesen der Wirklichkeit aufzuzeigen, so kann sowohl ihre Formulierung wie auch das Verstehen des Sinngehalts notwendigerweise nur der mehr oder weniger großen Auffassungsfähigkeit und Intelligenz, der individuellen Konditionierung und dem Charakter, dem Wissenshintergrund und der Bewusstseinsstufe sowie der persönlichen Auswahl der philosophierenden oder studierenden Person entsprechen.
Hieraus ergibt sich, dass die genaueste und umfassendste Darstellung der Wahrheit oder Wirklichkeit nur vonseiten eines Wesens gegeben werden kann, das sich von den Schleiern des konzeptuellen Denkens und der Störgefühle bereits gereinigt hat, also von dem, was wir »einen Buddha« oder ein »völlig erwachtes Wesen« nennen. Die Buddhas haben die Ursachen des Leidens der Menschen und aller fühlenden Wesen und den Weg zu deren Beseitigung und zu dauerhaftem Glück klar erkannt und aufgezeigt, doch die meisten Menschen ziehen es vor, weiterzuträumen und sich ihr eigenes Weltbild auszudenken, wobei sie zumeist die gerade dominierenden Vorstellungen ihrer Gesellschaft spiegeln. Damit bleiben sie leider im dualistischen Denken befangen und üben sich nicht darin, dieses zu überschreiten. Doch ohne die Fähigkeit, das Denken zu überschreiten, kann man seine Funktionsweise und seine Wunder nicht verstehen. Man bleibt im Käfig der eigenen Begriffe gefangen.
Was hier gemeint ist, kommt zum Ausdruck in dem enigmatischen Satz eines Zen-Meisters des 9. Jahrhunderts: »Wenn du verstehst, dass der Geist nicht Geist ist, verstehst du den Geist und seine Werke.«
Das heißt, wenn wir die absolute, leere und klare Natur des Geistes in der Kontemplation, in der »Unio mystica«, »erfahren« haben, verstehen wir intuitiv auch die Wunder seiner Erscheinung. Wir verstehen dann die Lehre im Herzsutra: »Erscheinung ist Leerheit, und Leerheit ist Erscheinung.«

Wenn wir den Begriff der »Luzidität« im Kontext einer konstruktivistischen Psychologie und Verhaltenstherapie verwenden, so steht er hier für einen Zustand gesteigerter Geistesklarheit, in dem wir nicht nur unserer Wahrnehmungen gewahr sind, sondern uns auch darüber klar sind, dass alle gedanklichen Vorstellungen, die wir über uns selbst als »den Wahrnehmenden« und über »unsere Wahrnehmungen« gebildet haben und bilden, nichts anderes sind als ebendas: unsere eigenen Vorstellungen und Interpretationen des Erlebten. Sich hierüber klar zu werden ist schon sehr viel, und aus dieser Erkenntnis entsteht sehr wahrscheinlich dann die Bereitschaft in uns, jede Vorstellung, die wir uns von uns selbst und von der Welt gemacht haben, systematisch infrage zu stellen, zum Beispiel indem wir häufig zu ergründen versuchen: »Wer ist sich dieses Traums gewahr?« Diese Fragestellung ist besonders effizient, um zu einer verlässlichen Luzidität zu kommen, denn mit dem ersten Teil des Satzes, also »Wer …?«, ziehen wir das »Ich« und jedes »Selbstbild« in Zweifel, und mit dem zweiten stellen wir die »objektive Wirklichkeit« der Welt infrage, indem wir affirmieren, dass all unser Erleben die Natur eines Traums hat. In Richtung auf die fiktionale Natur des menschlichen Denkens und Erkennens räsonierte ja auch die Erkenntnistheorie des Philosophen Kant und die von Descartes, und Letzterer ahnte in seinen Überlegungen zum sogenannten »Traumargument«, dass es in jeder Erlebnisform und Wahrnehmung im Schlafen und Wachen eigentlich unmöglich ist nachzuweisen, dass das Erlebte nicht ebenfalls Teil unseres Traumes ist.
Leider verblieben beide schlussendlich in einer dualistischen Sichtweise, die letztlich nur das Subjektive diskreditierte und das Objektive als davon unabhängig existierend affirmierte. Descartes identifizierte sich so sehr mit seinem Denken, dass er sein Sein als davon abhängig definierte, indem er zu dem Schluss kam: »Ich denke, also bin ich.«
Descartes wird mit Recht als Vorläufer der modernen Philosophie betrachtet. Wo der Geist nur philosophiert, aber nicht fähig ist, das eigene Denken zu »über-schreiten«, kann er die antinomische Natur des Denkens auch nicht transzendieren – und folglich die übergegensätzliche Natur des Geistes nicht realisieren.

Die buddhistische Philosophie und Psychologie wuchs aus der direkten Beobachtung von Körper und Geist – aus einer unmittelbaren empirischen Beobachtung, die durch ein rigoroses Beiseitelassen von Konzepten vermeiden konnte, die Beobachtung mit den eigenen konzeptuellen Prämissen zu kontaminieren. Sie beschreibt das Wesen des »Geistes« oder des »Lebens« als die prinzipielle Untrennbarkeit von Gewahrsein und seinen Erscheinungen oder Erfahrungen, die nur scheinbar, eben wie in einem Traum, auseinandertreten, um das Spiel der Selbstwahrnehmung des Geistes überhaupt zu ermöglichen.
Dem Buddha nach ist das Wesen des »Wahrnehmenden« und der »Dinge« an sich und in sich unerkennbar – aber was heißt das? Es ist unerkennbar, weil in Wirklichkeit das »allumfassende« große Ganze eins ist, weil das gesamte Universum ein einziger lebendiger Geist ist. Alles Erkennen vollzieht sich also innerhalb des Geistes und ist niemals wirklich von ihm getrennt, sondern nur in seiner eigenen Vorstellung.
Wie gesagt: So wie wir luzide geworden sind im Traum, diesen als unseren eigenen Traum erkennen, so erkennen wir luzide geworden im Wachzustand den konzeptuellen Prozess der Vorstellung, der das fließende Erleben der meisten Menschen fast immer begleitet, als unsere eigene Vorstellung und Projektion. Luzide geworden, halten wir unseren eigenen Traum nicht mehr für eine von uns unabhängige Wirklichkeit, und ebenso halten wir die Vorstellungen, die wir von den »Dingen« haben, dann nicht mehr für eine objektive, von uns unabhängige, eigenständige Wirklichkeit.
Es versteht sich wohl von selbst, dass diese Art durchschauender Luzidität und diese nichturteilende Achtsamkeit und Freiheit von Gedanken einer systematischen Geistesschulung und Einübung bedürfen, um schließlich zu einer gewissen Stabilität des Ruhens in einem Zustand reinen, luziden Gewahrseins gelangen zu können. Solange wir noch nicht völlige Freiheit von Gedanken erlangt haben, sind wir auch nicht völlig frei von möglicher Projektion und Übertragung.
Eine einsichtsvolle Zurückhaltung in Bezug auf den Hochmut des Denkens, Benennens und Urteilens, wie sie aufleuchtet im Wort des Angelus Silesius: »Ich weiß nicht, was ich bin, und ich bin nicht, was ich weiß«, ist also immer angebracht. Stillesein, Rezeptivität, Einfühlungsvermögen, Nichturteilen und Zuhörenkönnen sind Qualitäten der klar erkennenden Natur des Geistes, die das Wesen der Dinge intuitiv und nonverbal unterscheiden und verstehen kann.

Wenn ein Therapeut sich selbst vergessen und sein Rat und Hilfe suchendes Gegenüber so ohne Vorbehalte und Vorwissen annehmen und empfangen kann wie ein leerer und klarer Spiegel, so sind die idealen Voraussetzungen für eine einfühlsam-mitfühlende, intuitive Erkenntnis des imaginären Problemzusammenhangs seitens des Therapeuten und für ein vertrauendes Sichöffnen, befreiendes Erkennen und Loslassen seitens des Hilfesuchenden gegeben. Mit nichturteilendem Gewahrsein werden die psychischen Probleme des Gegenübers zwar mitfühlend als wirksam anerkannt und betrachtet, aber es wird ihnen keine Wirklichkeit zugestanden, indem man sie weiter konzeptualisiert und mit Aufmerksamkeit auflädt. Entsprechend dem wundervollen Diktum des Mahasiddha Tilopa – »Wisse, mein Schüler, nicht die Erfahrungen binden dich, sondern nur dein Anhaften an ihnen« –, kann sowohl die Vergänglichkeit eines jeden gedanklichen Konstrukts aufgezeigt werden wie auch die Möglichkeit, einschränkenden, selbstreferenziellen Vorstellungen und Strukturen keine Aufmerksamkeit mehr zu widmen und die Aufmerksamkeit stattdessen auf heilsame, selbsttranszendierende Ideen zu lenken.

Der Gordische Knoten einer Problemvorstellung muss und kann nicht auf derselben Bewusstseinsebene gelöst oder durchschnitten werden, auf der er geflochten wurde. Ich möchte dies hier darauf beziehen, dass jeder illusionäre Knoten im Bewusstsein geflochten und im Unterbewusstsein festgehalten wird, seine Lösung aber liegt im Gewahrsein und in der entschiedenen Loslösung, dem Durchschneiden der problematisierenden Gedanken. Die intuitive Fähigkeit, das richtige Wort zur richtigen Zeit zu finden, erübrigt lange Analysen, welche ja selbst neue Konstrukte sind. Dieses erlösende Wort kommt spontan aus einem freien und offenen Geist, es kommt vom Herzen, und es zeigt in der fiktiven, vom Denken immer wieder verdichteten, erdichteten Wand der jeweiligen Konstrukte auf die immer offene Tür, die übersehen wurde, weil die Aufmerksamkeit bisher unnötigerweise auf eine gedankliche Struktur oder Erinnerungsspur fixiert war. Es zeigt auf das in diesem Augenblick ganz offene, frische und heile Gewahrsein des in Gedanken und Gefühle verstrickten, Lösungen suchenden Menschen. Es zeigt direkt auf den Himmel, auf den Raum zwischen zwei Gedanken, der unsere wahre, ungeborene Natur ist, während alles andere immer fließend geboren wird und stirbt. »Nur das, was sich nicht verändert, ist wirklich«, so lehrten schon die Upanishaden. »Was ist es, das all dieser vergänglichen Erfahrungen gewahr ist?« Diese Fragestellung führt uns direkt zurück in unsere unvergängliche Mitte und in den Zustand der Luzidität.
Dr. Roberto Assagioli erklärte die Herangehensweise seines therapeutischen Systems der »Psychosynthese« einmal so: Es gehe darum zu erkennen, dass man einen Körper habe, aber nicht sein Körper sei. Man habe Gefühle, aber sei nicht seine Gefühle. Man habe Wünsche, aber sei nicht seine Wünsche. Man habe einen Geist, aber sei nicht sein Geist – sondern ein Zentrum aus reinem Bewusstsein. Daraus schließe ich, dass Assagioli, inspiriert vom Advaita-Vedanta, bereits in eine Richtung gearbeitet hat, die mir für eine künftige Psychotherapie nun möglich scheint. Ich möchte dabei aber im Sinne des Dzogchen Bewusstsein und Gewahrsein, Psyche und Gewahrsein klar unterschieden wissen und dann die Betonung auf Gewahrsein legen, insofern von dort Heilung kommt – ja, Heilsein in unserem nichtkonzeptuellen Zustand bereits immer verwirklicht ist. Wenn wir nun von dieser grundlegenden Gesundheit ausgehen und bei ihr ansetzen wollen, so ist es gut, von »Gewahrseinstherapie« zu sprechen.
Energie fließt immer dahin, worauf die Aufmerksamkeit sich richtet. Gewahrseinstherapie vollzieht eine völlige Wende der therapeutischen Sicht- und Vorgehensweise, indem der Fokus des Therapeuten weniger auf die Probleme als auf die ursprüngliche Gesundheit, auf das reine Gewahrsein des Patienten gerichtet ist. Der Patient lernt im Gespräch, wie er seine Gefühle und Gedanken achtsam betrachten kann, ohne auf sie mit Verdrängung, mit Anhaften oder Aversion zu reagieren, und erfährt dadurch Selbstdistanzierung und Freisein von diesen Inhalten. Mithilfe der Fragestellung »Wer ist sich dieser Gefühle und Gedanken gewahr?« kann er direkt in den Zustand reinen Gewahrseins eingeführt werden, der in der grundlegenden Offenheit der Sinne und des Geistes zwar immer gegenwärtig ist, aber bisher übersehen wurde.
Ist der Patient in der Anwendung dieser Fragestellung instruiert worden, so kann er sie selbst in allen Situationen verwenden und sich so seiner ursprünglichen Freiheit von allen Gefühlen und Gedanken erinnern.
Die Schwierigkeiten des Hilfesuchenden werden zwar vorsichtig erfragt und gemeinsam betrachtet, die Therapie beschäftigt sich aber nicht weiter mit den Symptomen, sondern weist erstens auf die Möglichkeit hin, die belastenden Inhalte loszulassen, da diese sich ja von selbst auflösen, wenn man sie nicht festhält. Zweitens verweist sie darauf, dass das Gewahrsein des Patienten von diesen immer schon frei ist, weil er fähig ist, sie zu erkennen, weil er ihrer gewahr ist.
Eine natürliche Distanz zu unserem psychischen Erleben und zu der Vorstellung, die wir von uns selbst haben, also zu unserem vorgestellten oder erfahrbaren Selbst, ist in jedem Menschen bereits immer gegenwärtig. Wir können einen Gegenstand ja auch nur dann sehen, wenn er eine gewisse Distanz zu unserem Auge hat.

Wie ich schon sagte, ist die Leerheit all unserer Sinne und des ihnen zugrunde liegenden Gewahrseins die Conditio sine qua non aller Wahrnehmung und Vorstellung. Unsere wahre Natur oder unser wahres Selbst ist also nicht etwas, was sich entwickelt oder von uns entwickelt werden kann. Es geht lediglich darum zu entdecken, was wir immer schon sind.
Diese unsere ursprüngliche Freiheit kann in jeder Wahrnehmungssituation entdeckt werden. Dieser Raum, in dem alles geschieht, ist immer und überall gegenwärtig – in jeder Situation. Oder besser: Jede Situation geschieht ja nur im Raum. Unsere Leiden können nur bestehen, wenn wir uns auf eine Erfahrung, Idee oder Vorstellung fixieren und den Raum, in dem das Ganze geschieht und in den sich jeder Gedanke ja sofort wieder auflöst, noch nicht oder gerade nicht mehr sehen. Eine solche therapeutisch-initiierende Vorgehensweise setzt natürlich voraus, dass der Therapeut selbst den Zustand nichtkonzeptuellen Gewahrseins gut kennt, selbst darin eine gewisse Stabilität erreicht hat und ihn deshalb einem anderen Menschen aufzeigen kann. Es werden solche meditierenden Psychologen sein – und es gibt sie bereits –, die diesen Ansatz weiterentwickeln werden.
Einen weiteren solcher Gewahrseinstherapie verwandten Ansatz sehe ich in der Logotherapie von Viktor E. Frankl. Ich weiß nicht viel über seine Lehre, denn mein eigentliches Studiengebiet ist der Buddhismus, nicht die westliche Psychologie, aber es gibt eine interessante Aussage von ihm, die mir zeigt, dass er die Natur des Geistes gesehen hat, ja – dass er ausgehend von dieser »Satori-Erfahrung« wohl seinen Begriff der »Selbst-Transzendenz« entwickelt hat.
Jemand fragte ihn einmal, was das in wenigen Worten sei, und er antwortete, der Mensch könne sich nur da verwirklichen, wo er sich selbst vergesse. Selbsttranszendenz »seien« unsere Augen: Die Fähigkeit unserer Augen, optisch wahrzunehmen, stehe und falle mit der Unfähigkeit, sich selbst wahrzunehmen, von Spiegelungen von uns selbst abgesehen. In dem Maße, wie unser Auge etwas von sich selbst bemerke und sehe, sei es krank. Wenn man Wolken sehe, sei es grauer Star oder eine Linsentrübung und so weiter. Das normale Auge sehe nicht sich selbst. Genauso sei es mit dem Menschsein. Selbst-Transzendenz heiße, dass der Mensch ganz Mensch werde, genau in dem Maße, in dem er sich selbst übersehe und vergesse. In diesem Maße sei er offen für den Dienst an einer guten Sache, bezogen auf den Sinn oder offen für andere Menschen. Da werde er ganz er selbst.
In dieser Aussage wird offensichtlich, dass Frankl »sein eigenes Gesicht« geschaut hat, das er bereits hatte, bevor seine Eltern geboren wurden. In einem spontanen Erleuchtungserlebnis hat er eines Tages sich selbst erkannt. Selbstlos ist es, offen, leuchtend, und nichts im Universum wird von ihm zurückgewiesen. Weil unsere wahre Natur leer ist und selbstlos, kann sie alles erkennen und besitzt unbehindertes, grenzenloses Mitgefühl. Sie besitzt ungehinderte Responsibilität und ist erleuchtet vom intuitiven Erkennen des Sinns.
Buddhismus: Sich selbst studieren
Der große Zen-Meister des 13. Jahrhunderts Dogen Zenji sagte, die buddhistische Lehre zu studieren bedeute, sich selbst zu studieren. Sich selbst zu studieren bedeute, sich selbst zu vergessen. Sich selbst zu vergessen bedeute, erleuchtet zu werden von den zehntausend Dingen.
Wenn wir wahrhaft luzide geworden in solcher Erkenntnis leben, so brauchen wir den Tod nicht zu fürchten, denn wir selbst haben uns als unzerstörbares, leeres Gewahrsein erkannt; und das, was stirbt und geboren wird, sind nur unsere Erfahrungen, von Anfang an vergänglich und unfassbar. Wer also könnte oder müsste sie festhalten oder begreifen?
Alle Erfahrung ist »Rang-Nang«, ist »Selbst-Erfahrung«, aber alle Wesen im Samsara, dem Kreislauf der Existenzen, sind so geblendet und betäubt von der überwältigenden Vielfalt ihrer Wahrnehmungen, dass sie ihren Traum für eine unabhängig vom Erkennen existierende Realität halten. Auf das Erlebte mit Begehren und Aversion reagierend, vergessen sie sich selbst als den Schöpfer und Erkenner ihrer eigenen Projektionen. Aus diesem Grund lautet die essenziellste der befreienden Instruktionen für den Bardo-Zustand – und wir sind auch jetzt in einem Bardo, einem »Zwischenzustand« –: »Ruhe frei von Gedanken in reinem Gewahrsein, und erkenne alle Erscheinungen als deine eigene Vision, untrennbar von dir selbst!«
Wenn wir in der Leerheit des Geistes ruhen, sind auch alle Erscheinungen für uns leer. Nun kommen die leeren Gestaltungen unserer individuellen Träume aus unserem persönlichen Karma, aus den Spuren unseres eigenen früheren Denkens und Handelns. Der Traum der Menschheit aber, in die wir hineingeboren wurden, ist Ausdruck des kollektiven Karmas und Denkens aller Individuen, aus denen sie sich zusammensetzen; und alle haben mit ihrem bildnerischen Denken, Wünschen und Handeln kreativen Anteil daran. Alle Wesen, die gerade als Mensch verkörpert sind, befinden sich in einem Lernprozess, in dessen Verlauf sie erfahren können, wie sie mit ihrem Körper, ihrer Rede und ihrem Geist verantwortlich und heilsam umgehen und nicht die Ursachen für neues Leid, sondern die Ursachen für das Glück schaffen können, das alle Wesen sich im Grunde wünschen. Das menschliche Leben bietet die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen und zu solcher »Lebensweisheit« zu kommen.
Während ein Großteil der Gesellschaften in West und Ost inzwischen unter den Einfluss eines ganz auf das Diesseits bezogenen Zeitgeistes geraten sind, der auf allen medialen Kanälen, wirtschaftlichen Interessen folgend, immer neue weltliche Ziele, Glücksversprechen und Wunschobjekte propagiert, öffnen sich wie gesagt gleichzeitig immer mehr Menschen, vom Mainstream und seiner Oberflächlichkeit enttäuscht, einer authentischen inneren Suche nach dem eigentlichen Sinn des Lebens und nach wahren Werten, und diese Wahrheitssuche ist sehr persönlich. Sie folgt weniger aus einer gesellschaftlichen Konvention oder einer Konfession. Von sich aus, von ihrem Inneren her, suchen die Menschen nun eher – einem internen Antrieb und geistigen Impuls zu tieferem Erkennen folgend, der all jene in dieser Zeit inspiriert, die für ihn empfänglich sind.
Viele sind auch von den althergebrachten Religionen enttäuscht, in die sie hineingeboren wurden – teils, weil deren Vertreter ihren hohen Idealen im Lauf der Geschichte selbst nicht immer folgten, teils, weil ihre Lehren über Gott und die Welt einem weiterentwickelten Verstand keine befriedigenden Antworten geben konnten. Wo es nicht gestattet war, Glaubensinhalte denkerisch und experimentell zu überprüfen, haben sich viele vom Glauben abgewandt und ihr gläubiges Vertrauen und ihre Hoffnung in menschliches Denken und Erfassen gesetzt. Die den gesellschaftlichen und medialen Diskurs immer noch dominierende Wissenschaftsgläubigkeit, gepaart mit einer populär-positivistischen, »aufgeklärten« Sichtweise, hat – egal, ob in kapitalistischer, sozialistischer oder kommunistischer Ausformung – alles Transzendente und Nichtwägbare und alle den materialistischen Rahmen sprengende spirituelle, übersinnliche Erfahrung als naiv, überholt, dumm oder sogar als pathologisch diskreditiert und immer mehr entwertet. Was im Christentum und Buddhismus als die Hauptfaktoren eines heilsamen, selbstlosen und nachhaltigen Handelns gelehrt wurde, die christlichen Grundtugenden und »die die Welt transzendierenden Tugenden«, die »Paramitas«, scheint vielen nun, wenn sie überhaupt noch darüber nachdenken, als beliebig ausgedacht und eine Vorstellung von vielen.
Was ein »korrektes Verhalten« oder, mit anderen Worten, »ethisches Handeln« ist, wird zunehmend als »Moralvorstellung«, als etwas der jeweiligen Zeit und den persönlichen Neigungen, Bedürfnissen und Auffassungen Entsprechendes oder als soziale Übereinkunft definiert. Eine Pluralität von willkürlichen, persönlichen Meinungen wird in den Medien als Vielfalt interessanter, möglicher Standpunkte zu ethischen Fragen verbreitet. Und sie unwidersprochen als gleichermaßen berechtigt gelten zu lassen wird als Toleranz und damit als positiv und demokratisch dargestellt. Faktisch wird es für den Einzelnen immer schwerer, »das Richtige« und das für alle Beteiligten und für sich selbst heilsame Handeln zu erkennen, wenn so viele Stimmen durcheinandersprechen. Wenn die Definition eines »korrekten, ethischen Verhaltens« in diesen wichtigen Fragen, wie zum Beispiel die Legalisierung von assistiertem Selbstmord und Abtreibung, zum Gegenstand von Diskussionsrunden und einer mehrheitlichen, »demokratischen« Abstimmung gemacht wird, dann bestimmen heute nolens volens die Medienmacher, was ethisch ist und was nicht.
Wenn wir also, um uns inmitten einer »Entwertung aller Werte« Klarheit zu verschaffen, die Frage stellen, worin der Sinn eines ethischen, eines tugendhaften Handelns besteht, so wird dies deutlich, indem wir »Tugend« in ihrem ursprünglichen Sinn einfach als »geschicktes Handeln« verstehen. Geschicktes Handeln schafft für uns selbst und unsere Kinder, für alle Lebewesen, für die Menschheit und für unsere Welt, nachhaltig heilsame, gesunde und das Leben und seine Grundlagen bewahrende Umstände, und es bewirkt nicht Vergiftung, Tod und neues Leid. Ein Handeln, das uns selbst, den anderen und unserer Umwelt auf kurze und auf lange Sicht schadet – sowohl psychisch als auch physisch –, ist dagegen unvernünftig und kontraproduktiv.
Es gibt also hier auf Erden einiges zu lernen, und so war und ist das eigentliche Ziel der Menschenbildung und der Selbstentwicklung der Erwerb höchst schätzenswerter Qualitäten: zum Beispiel ein wacher Verstand, Weisheit, Mitgefühl, Gelassenheit, Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit – Eigenschaften, die den Menschen zu einem vernünftigen, achtsamen, altruistischen, mutigen und verantwortlichen Handeln befähigen und ihn dadurch unter seinen Mitmenschen besonders auszeichnen und liebenswert und vertrauenswürdig machen.
Das grundlegende Leitmotiv eines religiösen Lebens im Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus besteht nach wie vor darin, sich von negativen Charaktereigenschaften oder Untugenden zu befreien. Als da wären Selbstsucht, Ignoranz, Gleichgültigkeit, Rücksichtslosigkeit, Überheblichkeit, Eifersucht, Begierde, Neid und Zorn. Es geht um die Befreiung von aller Anhaftung an Dinge und Sinnesreize, an Körper, Ich und Welt. Es gilt, positive Qualitäten wie Selbstlosigkeit, Mitgefühl, Liebe, Mitfreude und Gleichmut sowie Tugenden wie Freigebigkeit, Geduld, Selbstbeherrschung, freudiges Bemühen im Guten, geistige Sammlung und klar unterscheidende Weisheit zu kultivieren.
Der Wert und Sinn von guten Werken und von altruistischem Handeln, von Verzicht auf Besitz und leibliche Genüsse, Selbstüberwindung, Nächstenliebe, Gebet, Stillewerden und Kontemplation wurde früher stärker als heute in ihrem natürlichen Zusammenhang von Ursache und Wirkung gesehen und war eingebettet in die selbstverständliche Perspektive eines Weiterlebens nach dem Tode und einer göttlichen, ausgleichenden Gerechtigkeit, die, einfach und treffend formuliert, darin besteht, dass »jeder das ernten wird, was er einmal selbst gesät hat«. Die Früchte, die wir ernten werden, entsprechen der Art von Samen, die wir gelegt haben. Die Welt zu überschreiten und das Ego zu überwinden war das hohe Ziel, und das Streben nach Heiligkeit, Erlösung und Erleuchtung war allgemein anerkannt und als höchste Leistung des Menschen überaus geachtet. Wenn ich hier »war allgemein anerkannt« schreibe, dann deshalb, weil in diesem »Zeitalter der Degeneration«, wie »der zweite Buddha« Padmasambhava unsere Zeit in seinen Prophezeiungen nennt, der eigentliche »Sinn und Zweck« dieses Menschenlebens und die Richtlinien eines ethischen Handelns immer mehr unter einer Fülle von Informationen, Meinungen und Zeitvertreiben verschüttet werden.

Wie also können wir sie wieder klar und deutlich herausarbeiten und verständlich machen? Das Wort »Tugend«, lateinisch virtus, hat seine Wurzeln in den Worten vis für »Kraft«, als Wirkendes und Zeugendes verstanden, und vir, das »Mann« oder »Held« bedeutet: ein »Mann« oder »Mensch« mit hervorragenden Fähigkeiten und einer »optimalen Qualität des Verhaltens«, wobei unter den Letzteren die herausragende Geschicklichkeit in der Anwendung der gegebenen Talente und Kräfte des Wirkens und Gestaltens zu verstehen sind. Vir leitet sich von dem weitaus älteren Sanskritwort vira her, das »Held« oder »Heros« bedeutet. »Maha-Vira« oder »großer Held« ist im Hinduismus ein Beiname des Gottes Vishnu, und in den Mahayana-Sutras des Buddhismus werden alle Wesen auf den höheren Stufen des Wegs zur völligen Erleuchtung oder Buddhaschaft, also die »Bodhisattvas«, häufig mit dem Epitheton »Maha-Vira« benannt. Das deutsche Wort »Tugend« impliziert Tauglichkeit oder Nützlichkeit und bezeichnet sowohl große Begabungen und gute Charaktereigenschaften wie auch eine erstrebenswerte Geschicklichkeit und Weisheit in all unseren Handlungen. Lernt man, seine Kräfte von Körper, Rede und Geist geschickt anzuwenden und den Erfordernissen jeder Situation entsprechend und angemessen zu handeln oder Handlungen zu unterlassen, so führt dies schließlich zu Virtuosität – zur Fähigkeit, eine Kunst, eine Wissenschaft oder ein Handwerk meisterlich, das heißt optimal und fehlerfrei, doch gleichzeitig spontan und anstrengungslos auszuüben.
Wenn wir Ethik als »die Wissenschaft eines jetzt und auf Dauer heilsamen Handelns« definieren, so ist ihr Gegenstand der Zusammenhang aller Handlungen von Körper, Rede und Geist mit den dadurch bewirkten Folgen und damit das Studium des Gesetzes von Ursache und Wirkung oder Karma. Dieses wirkt in Bezug auf all unsere Taten und Erfahrungen ebenso verlässlich regulierend und ausgleichend wie überall in der Natur. Actio est Reactio. Wenn wir die Ursachen des Leidens verstehen, können wir diese beseitigen und wieder gesund werden.
All unsere Gedanken, Worte und Handlungen haben als spezifische, von uns ausgehende und gesetzte Ursachen und Impulse die ihnen genau entsprechenden Wirkungen, die unmittelbar in der Gegenwart und in der Zukunft unsere eigene Wahrnehmungsweise und unsere Erfahrungswelt gestalten und prägen. Achtsames, auch auf seine Folgen bedachtes Handeln erweist sich als nachhaltig geschickt, denn seine Auswirkungen sind positiv, wenn es frei von unheilsamen Beweggründen ist. Unachtsames, auf die möglichen Nachwirkungen nicht achtendes, rücksichtloses Handeln ist meist auch unheilsam und damit ungeschickt, weil es negative Folgen für einen selbst und die Gesellschaft und die Umwelt hat. Um ein deutliches Beispiel zu geben, brauchen wir wie gesagt nur die derzeitige Umweltverschmutzung, die sie verursachende Profitgier der Firmen, unser eigenes, von der Werbung gesteuertes Konsumverhalten und dessen Folgen zu betrachten. Der Verschmutzung der äußeren Welt geht wie gesagt die Verschmutzung unserer Innenwelt mit den Toxinen des Geistes wie Überheblichkeit, das Ignorieren unserer Fehler, Rücksichtlosigkeit und die Gier nach immer neuen Wunschobjekten und Sensationen voraus. Unser Denken, Wünschen und Handeln formen unser Leben und unsere Welt.
Um ein weiteres, kleines Beispiel aus dem täglichen Leben zu geben: Unsere Worte sind im Grunde nur Töne, die verklingen – sie sind unbeständig und vergänglich, und doch kann ein verletzendes Wort Schäden bewirken, die schlimmer sind und länger bleiben als solche, die durch Waffen zugefügt werden. Ein böses und unbedacht hingesagtes Wort genügt manchmal, um Freunde lebenslang zu Feinden zu machen. Ein negatives, entwertendes Wort kann die gute Stimmung eines friedvollen Miteinanders in der Familie trüben oder ihre Mitglieder für immer entzweien. Seine verunreinigende Wirkung gleicht einem Körnchen Mäusekot, das, wenn es in einen Topf Milch hineinfällt, die ganze Milch verderben kann – so sagen die Tibeter.
Heilsames Handeln
Die genannten ethischen Richtlinien des gültigen Dharmas der Einheit allen Seins oder des göttlichen Gesetzes der Resonanz raten zu heilsamem und vernünftigem Handeln; und sie wurden der Menschheit vermittelt, um den Einzelnen vor Handlungen zu bewahren, die ihm selbst und anderen schaden. Sie finden sich in den heiligen Schriften aller Weltreligionen.
Da aber auch das Anhaften an verschiedenen Glaubenssystemen, Dogmen oder Konfessionen trennt und Leiden generiert und für die Schaffung von Konflikten instrumentalisiert wird, ist es heute für die Menschheit und für alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten überlebenswichtig, die grundlegenden Werte – wie Friede, Verständigung, Mitgefühl, Wohlwollen, Nächstenliebe, Kooperation, Gewaltlosigkeit, Nachhaltigkeit und Ganzheitlichkeit – als die den Religionen gemeinsamen Elemente und Richtlinien für ein ganzheitliches und tugendhaftes Handeln herauszuarbeiten: ein ethisches Handeln, das gleichermaßen einem selbst, den anderen und der Umwelt nützt und sich nach den einfachen goldenen Regeln richtet, die Konfuzius, wie gesagt, schon vor langer Zeit formulierte: »Behandle die anderen so, wie du selbst gern behandelt werden willst.« Oder auch, im Umkehrschluss: »Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.« Diese Direktiven geben dem Menschen eine klare Richtlinie für sein eigenes Tun und Lassen und schaffen Klarheit, wenn er sein Verhalten daran misst.
Eine ergänzende Entscheidungshilfe bei ethischen Fragen ist im gleichen Sinne natürlich auch Kants Formulierung des kategorischen Imperativs: »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.«

Eine Gesellschaft, deren Mitglieder nach der ihnen suggerierten Maxime leben, es gebe nur ein Leben und in diesem solle man sich all seine Wünsche erfüllen und möglichst viel angenehme Erfahrungen, Wunschobjekte, Geld und Besitz ansammeln, wird zwangsläufig damit eine allgemeine Unzufriedenheit und Unruhe kultivieren, an Lebensqualität verlieren und ihre eigene Umwelt schädigen.
In unserer persönlichen Selbstentwicklung können wir fortschreiten vom Zustand eines noch unvernünftigen Kindes, in dem wir unseren unbewussten Konditionierungen und Gewohnheitstendenzen und den früheren Prägungen sowie den Einflüssen und Normen unserer Umgebung und Gesellschaft noch automatisch folgen und häufig dieselben Fehler wiederholen, da uns persönlich der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung unserer Handlungen eigentlich noch unklar ist. Wir können uns aus der Rolle des unmündigen Kindes und Opfers befreien, das keine Verantwortlichkeit für sein Tun übernehmen will. Wenn wir unser Verstehen vertiefen, können wir wirklich erwachsen und ein »Virtuose« werden, wahrhaft geschickt, achtsam und verantwortungsvoll in unseren Handlungen von Körper, Rede und Geist. Und zu guter Letzt wird jeder von uns ein Meister in der »Kunst des Lebens« sein, deren Erlernen, so heißt es, viele Leben dauert, denn diese Kunst ist »lang«, das menschliche Leben aber kurz – eben »Ars longa, vita brevis«.
Wenn wir es wollen, können wir zu wirklicher Erkenntnis unserer selbst und der Welt kommen und ein wirklich vom Sinn erfülltes Leben führen. Ich glaube, je mehr wir den Sinn erkennen und ihm nachfolgen, desto glücklicher und gelungener ist auch unser Leben.
C. G. Jung bemerkte, sicher aus seiner großen Erfahrung als Therapeut heraus: »Je mehr der Mensch auf falschem Besitz insistiert und je weniger das Wesentliche für ihn spürbar ist, desto unbefriedigender ist sein Leben. Er fühlt sich beschränkt, weil er beschränkte Absichten hat, und das schafft Neid und Eifersucht. Wenn man versteht und fühlt, dass man schon in diesem Leben an das Grenzenlose angeschlossen ist, ändern sich Wünsche und Einstellung. Letzten Endes gilt man nur wegen des Wesentlichen, und wenn man das nicht hat, ist das Leben vertan.«

Wenn wir uns bewusst und intensiv dem Sinn in uns zuwenden, der erkannt werden will, und uns wirklicher Selbsterforschung und damit Selbsterkenntnis öffnen, sind wir »Wesen auf dem Weg zum Erwachen« oder »Bodhisattvas«.
Der inhärente, natürliche Ansporn in jedem Menschen, seinen eigenen Sinn und sein wahres Wesen vollkommen zu erkennen und das optimale Empfinden seiner selbst als reines Glück zu realisieren, wird im Mahayana-Buddhismus »Bodhicitta« oder »der zur Erleuchtung drängende Geist« genannt. Es ist »das große Selbst« oder dag-nyid chenpo in uns, das uns als »innerer Lehrer oder Meister« zum Überschreiten des kleinen Ich und seiner selbstreferenziellen Ängste und Wünsche inspiriert und uns zu grenzenloser Ausweitung des Erkennens und des Liebens ruft. Wenn wir beginnen, seinem Ruf zu folgen, erfahren wir immer deutlicher seine Führung in unserem Leben und hören und verstehen seine Worte und Zeichen immer besser. Es ist diese »Rück-Verbindung« oder re-ligio mit unserem wahren, innersten Selbst, die wir in der täglichen Praxis des »Yoga der Verbindung mit dem Meister« kultivieren können. Wenn wir zum Beispiel die darin enthaltene Zeile »Bitte gewähre mir den Segen, mein wahres Wesen zu erkennen!« nicht nur häufig formulieren, sondern wirklich empfinden, so öffnen wir uns bewusst dem Licht der höheren Erkenntnis in uns, das uns damit erleuchten und Kraft schenken kann auf dem Weg.
Das Leben der »Bodhisattvas« oder all derer, die bewusst den Weg einer systematischen Geistesschulung betreten haben und deren Curriculum folgen, geht von Anfang an über die selbstauferlegten Grenzen des Egos hinaus, denn es ist motiviert und getragen vom Wunsch, sich selbst und alle Wesen schließlich vom Leid und von den Ursachen des Leids zu befreien. Dieses Streben nach Erleuchtung ist beseligt vom Wunsch, alle Wesen glücklich zu sehen, nicht nur uns selbst. Das Streben drückt sich aus in der Übung der sechs das Leiden und Handeln der Welt transzendierenden Tugenden oder Paramitas, die da lauten Freigebigkeit, Geduld, freudiges Bemühen, Selbstdisziplin, geistige Sammlung und Weisheit. Es ist ohne Zweifel heilsam und gut, diesen Parametern entsprechend zu handeln; und es wird uns helfen, über uns selbst hinauszugehen und unser Verhalten dem Wesentlichen in uns anzugleichen. Es gilt natürlich, auf diesem Weg der Sublimierung und des Freiwerdens stets tiefer zu gehen und dem Ego auf die Schliche zu kommen, wo immer es sich in unser Verhalten einzumischen versucht. Solange wir noch unter dem Einfluss des Egos und der sogenannten Geistesgifte stehen, werden wir all diese Tugenden nur unvollständig und auf unreine Weise üben können. Der Bodhisattva soll deshalb weiterschreitend lernen zu handeln, ohne zu handeln; das heißt, er soll die Paramitas auf eine reine Weise üben. Und das heißt: ohne Konzept eines Handelnden, einer Handlung oder eines Resultats. Zum Beispiel übt sich der Bodhisattva im Geben ohne das Konzept, dass er es ist, der gibt, ohne Begriff von dem, was er gibt, und ohne ein Konzept von jemandem, der das Gegebene empfängt.
Es ist ein großer Fortschritt, wenn wir uns der sogenannten »Reinheit der drei Sphären« von Subjekt, Handlung, Praxis oder Erfahrung und von Objekt oder Resultat annähern und damit fähig werden, der Selbstlosigkeit und Leerheit aller Erscheinungen entsprechend zu handeln. Im Prajnaparamita-Sutra heißt es: »Der Bodhisattva übt sich in allen Tugenden, doch er hat keine Vorstellung wie ›Ich übe mich in der Tugend‹. Der Bodhisattva tut immer Gutes, aber er hat keine Vorstellung wie ›Ich tue Gutes‹.«
Es ist klar, dass wir uns dieser Reinheit nur durch die Übung des Ruhens in nichtkonzeptuellem Gewahrsein annähern können. »Lass deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut«, sagt Jesus in Bezug auf das Geben und Schenken, und er meint damit dasselbe – ein selbstloses Tun im Zustand der wahren Armut oder Leerheit des Geistes.
Die unkörperliche Klarheit des Geistes
Es ist ein gut bekanntes Faktum, dass Menschen mit einem religiösen oder spirituellen Hintergrund und Ausblick ein leichteres Sterben haben als solche ohne eine derart tröstliche Perspektive. Vor dem Tod tritt aber für die meisten Menschen auch eine Art von terminaler Luzidität ein, und das erstaunlicherweise sogar bei Alzheimer im letzten Stadium, also mit einem stark aufgelösten Gehirn. Die Betroffenen können dann ihre Angehörigen wieder erkennen und klar mit ihnen sprechen. Auch übersinnliches Vorauswissen und Telepathie sind hier möglich.
Es ist offensichtlich die ursprüngliche, unkörperliche Klarheit des Geistes, jenes klare Licht der Weisheit, von dem die Reanimierten erzählen, das auch hier an der Schwelle schon herüberleuchtet, wobei es natürlich auch am Einzelnen liegt, wie er darauf reagiert. Man kann sich dem öffnen oder bis zuletzt versuchen, jede Einsicht zu verdrängen.
Mit diesem Licht kommt auch eine spontane Einsicht, dass es keinen Tod gibt. So ergeht es auch Menschen, die sich selbst töten, im Augenblick des irreversiblen Sterbens, und sie erkennen schmerzlich die Absurdität und Falschheit ihrer Handlung. Für Menschen, die, von der Annahme ausgehend, dass mit dem Tod alles aus ist oder dass dieser Eingriff sie dann nicht mehr negativ affizieren kann, einer Organentnahme zugestimmt haben, mag dies ähnlich sein. Vitale Organe können nur dann verpflanzt werden, wenn der schwerverletzte »Spender« noch lebend auf dem Operationstisch liegt. Der tibetische Buddhismus rät, den Körper eines Verstorbenen für drei Tage nicht einmal zu berühren. Er sollte in der beim Sterben eingenommenen Position belassen werden, um den Todesprozess nicht zu stören und um eine möglich tiefe geistige Ruhe im Sterben und damit seine Erlösung oder eine positive Wiedergeburt nicht zu vereiteln.
Jemand, der eine materialistische Sichtweise verinnerlicht hat, seinen Lebenssinn ganz in dieser Welt sieht und sich völlig mit dem Körper identifiziert, stirbt im Glauben, dass der Tod das Ende von allem sei. Aber dem ist natürlich nicht so. Diese Seelen sind nach dem Exitus selbstverständlich überzeugt davon, noch zu leben. Sie verstehen lange nicht, dass sie gestorben sind, und bleiben deshalb länger erdgebunden und versuchen, sich bemerkbar zu machen. Es gibt immer mehr Fälle dieser Art – besonders wenn die Menschen durch einen Unfall, also plötzlich, aus dem Leben gerissen wurden.
Die spirituelle Praxis des Chöd Praktizierende haben sich darin geübt, ihren Körper zu verlassen, von oben herab der Zerstückelung ihres Körpers durch imaginierte Opferungsgöttinnen zuzuschauen und wie diese ihr Fleisch und Blut dann allen Wesen zu opfern. Sie mögen deshalb zu einem solchen Opfer ihrer Organe, von großem Mitgefühl motiviert, fähig sein.
Für andere aber kann die Szene der chirurgischen Organentnahme aus ihrem noch lebendigen und fühlenden Körper, der sie im Operationssaal beiwohnen, zu starken Gefühlen der Irritation, der Abwehr und des Ärgers führen. Negative Gefühle jedoch können leider im entscheidenden Augenblick des Todes und des Übergangs eine schlechte Wiedergeburt bewirken, so lehrt es das Totenbuch.
Die wenigsten Menschen wissen, dass Organspender mit den stärksten Schmerzmitteln betäubt und auf dem OP-Tisch festgebunden werden müssen, weil sich ihr Körper immer wieder aufbäumt und gegen den Eingriff wehrt. Der Patient, dessen Hirntod festgestellt wurde, ist nicht tot, sondern stirbt erst durch die Organentnahme. Organe werden sehr teuer gehandelt, die Transplantationschirurgie ist äußerst lukrativ, und die Medikamente, die die immunologische Abstoßung der Spenderorgane unterdrücken sollen, kosten jährlich pro Patient ein Vermögen.
Es gab auch immer wieder Patienten, bei denen »der Hirntod« festgestellt, aber keine Organe entnommen wurden, die nach adäquater Behandlung des verletzten Gehirns und Wochen oder Monaten der richtigen Pflege wieder aufwachten und völlig gesund wurden.
Der Tod wird dem materialistischen Glaubenssystem entsprechend entweder positiv als Erlösung von allem Leid oder negativ als endgültige Auslöschung der eigenen Existenz gesehen, und beides ist falsch. Der Geist stirbt nicht, sondern nur der menschliche Körper, eine seiner vielen möglichen Formen. Er wird mit seinen Gedanken, Emotionen und Wünschen wieder Form annehmen, und deshalb wird sein Zustand beim Sterben als bestimmend für seine künftige Existenz gesehen.

Wird Sterben als Katastrophe und der Tod als Feind des Lebens gesehen, der einem alles entreißt, was einem lieb und wert ist, so muss er unbedingt und um jeden Preis verhindert und hinausgeschoben werden. Das gebräuchliche Vokabular im Umgang mit Krankheit und Tod ist deshalb martialisch. Man muss gegen sie kämpfen und sie endgültig besiegen. Krankheit ist ein Fehler im System, den man beheben muss, der aber keinen Sinn hat, der einen etwas lehren könnte. Die Medizin suggeriert zunehmend, dass man schließlich alle Krankheiten heilen können wird, wenn nur die Freiheit der Forschung nicht mehr durch »ethische Grenzen« behindert wäre. Aber solange die Ursachen von Leid nicht durch innere Arbeit im Geist gereinigt sind, werden lediglich neue Krankheiten anstelle der alten erscheinen.
Wir alle sind natürlich dankbar für eine gut funktionierende moderne Medizin, und wo sie noch dem ärztlichen Eid des Hippokrates folgt, wird sie auch die zu beachtenden heilsamen Grenzen, wie zum Beispiel das Tötungsverbot, achten. Es ist aber zu beobachten, dass in Folge der die akademische Ausbildung und die Wissenschaft seit Längerem dominierenden positivistischen und materialistischen Sichtweise die Neigung besteht, sich über ethische Bedenken hinwegzusetzen und alles zu machen, was man inzwischen machen kann. Hier sind bereits gravierende Fehlentwicklungen eingeleitet worden, und wir sollten deren Natur und die dahinterstehende Mentalität verstehen und ihnen rechtzeitig Einhalt gebieten, wo wir betroffen sind oder Gelegenheit dazu haben.
Es ist erfreulich, dass nun auch vermehrt andere Stimmen in der Ärzteschaft laut werden, die die derzeit gängigen Sicht- und Verfahrensweisen im Medizinbetrieb offen infrage stellen und, etwa wie Dr. Giovanni Maio, die Grenzen der Machbarkeit und des Wachstums aufzeigend, für eine humane Medizin im Sinne des Hippokrates eintreten.
Jeder von uns kann, in seinem persönlichen Umfeld beginnend, helfen, klare ethische Richtlinien zu vertreten und zu bezeugen. Auch in unserer privaten Kommunikation im Internet, in Vorträgen auf Kongressen und in Publikationen können wir unsere Meinung äußern. Was die Ärzte »guten Willens« betrifft, so hoffe ich, dass sie sich miteinander verbinden, um einem deutlichen Trend zur Dehumanisierung entgegenzuwirken, auch wenn dies in den auf finanziellen Profit hin orientierten Kliniken und Anstalten immer schwieriger wird.
Vonseiten der Psychologie können die vitale Wichtigkeit einer ganzheitlichen, das heißt Leiden und Sterben nicht verdrängenden Einstellung und die Möglichkeiten und Vorteile von Entspannungstechniken und Mitgefühlsübungen als Maßnahmen der Psychohygiene für das überlastete Klinikpersonal und als Unterstützung für die Patienten aufgezeigt und von den positiven Erfahrungen her, die bereits damit gemacht wurden, begründet werden. Es wäre wünschenswert, dass diese psychisch entlastenden und eine von Empathie getragene Motivation stärkenden Methoden häufiger in Kursen für das Pflegepersonal eingeführt und vermehrt in einer Gruppenarbeit mit Patienten angewendet würden, um dehumanisierenden Tendenzen entgegenzuwirken, die durch Überlastung gefördert werden.
Mitgefühlsübungen und Meditation sind eine Quelle der Kraft, weil sie uns öffnen und uns unsere erdachten persönlichen Grenzen vergessen lassen. Einschränkende persönliche Glaubenssätze und Auffassungen, die die Empathiefähigkeit verringern, können durch die bewusste Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf heilsame, holistische Sätze wie »Mögen alle Wesen gesegnet sein, denen ich heute begegne« oder »Mögen alle Wesen glücklich sein« ersetzt und erfolgreich transzendiert werden. All das sind Ansätze, die weiter ausgebaut werden können.
Viel Erfreuliches ist ja bereits auf diesem Gebiet geschehen, die Hospizbewegung verbreitet sich, und vielerorts werden jetzt Kurse für Sterbebegleitung angeboten. Ich wünsche mir, dass auch die Übungen in diesem Buch dabei eine immer breitere Verwendung finden werden und noch vielen Menschen helfen können.
Wenn man mehr mit gemeinsamen Entspannungs- und Ruheübungen wie dem »alles befreienden Atem des A« und mit Mitgefühlsmeditationen, wie zum Beispiel dem »unzerstörbaren Atem von Segen und Mitgefühl«, arbeitete, die im dritten Teil dieses Buchs beschrieben sind, so könnte man sich viele andere medizinische Maßnahmen sparen. Kombiniert mit einer guten palliativen Versorgung, wäre eine größere Lebensqualität und Sinnhaftigkeit in der letzten Lebensphase und eine hilfreiche Vorbereitung auf das Sterben möglich, sodass wohl die wenigsten auf die Idee kämen, sich umbringen zu lassen oder ihren Tod vorzeitig selbst herbeizuführen.

Wo die Wissenschaft und Medizin subliminal und offen die bevorstehende Befreiung von allem Leid verspricht, aber gleichzeitig von unternehmerischen, finanziellen Interessen und von Gewinnmaximierung motiviert erfindet und handelt, ist große Vorsicht und auch ein Hinterfragen der angebotenen und häufig als »alternativlos« ausgegebenen Leistungen und »Machbarkeiten« geboten, denn bereits die von gewinnorientierten, finanziellen Interessen verunreinigte Motivation weicht ja vom Hippokratischen Eid ab und führt in eine andere Richtung. Rein marktwirtschaftlich gesehen, gilt es, möglichst gewinnbringende Leistungen zu generieren und solche, die weniger lohnen, zu reduzieren. Betrachten wir es genau, so steht hinter ethisch bedenklichen Eingriffen der Medizin heute oft in Wahrheit diese Logik.
Es zeigt sich folglich eine mangelnde Bereitschaft, die eigentlichen Ursachen des Leids zu erkennen, zu benennen und zu beseitigen, und bedingt durch ein mechanistisches, körperfixiertes Menschenbild und die axiomatische Negation eines Weiterlebens nach dem Tod zugleich ein falsches Verständnis davon, was wirkliche Gesundheit von Körper und Psyche und ein gutes, kostbares Menschenleben eigentlich bedeuten.
Ich denke, es wäre gut und eine wertvolle Entscheidungshilfe, wenn sich unsere heutigen Ärzte in ihrem eigenen Interesse und in dem ihrer Patienten weiterhin oder wieder nach dem klassischen Eid des Hippokrates orientierten. In diesem heißt es nämlich: »Ich schwöre Apollon den Arzt und Asklepios und Hygieia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zum Zeugen anrufend, dass ich nach bestem Vermögen und Urteil diesen Eid und diese Verpflichtung erfüllen werde: Meine Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen und Frommen der Kranken nach bestem Vermögen und Urteil. Ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht. Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten. Auch werde ich nie einer Frau ein Abtreibungsmittel geben. Heilig und rein werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren …«
Da, wo es früher wohl oder übel hieß: »Dein Wille geschehe«, wird heute dem Menschen nahegelegt, selbst zu entscheiden, was annehmbar ist und was nicht; und er oder sie »lässt es machen«, wenn es angeboten wird, erlaubt und möglich und finanzierbar ist.
Der Mensch glaubt, er entscheidet dabei frei, aber in Wahrheit haben ihm zumeist Werbekampagnen und Fernsehsendungen die Ideen sehr gezielt, offen und subliminal in den Kopf gesetzt und seinen Willen gelenkt. Der Wandel von ethischen Paradigmen, dessen Zeuge wir sind, geschieht nicht von ungefähr, sondern war und ist medial beeinflusst. Bei einer Vielzahl widerstreitender Meinungen und Argumente scheint es so manchem nicht mehr leicht, sich über die oben genannten, medial zumeist gepriesenen wissenschaftlichen Errungenschaften, Eingriffe und Manipulationen der Natur und ihren Sinn und Zweck ein sicheres Urteil zu bilden. Doch wenn Technologien wie zum Beispiel die Nanotechnologie und Gentechnik in den falschen Händen sind, so hat die Menschheit bereits früher leidvoll erfahren müssen, dienen sie meist leider nicht dem Wohl und der Befreiung der Menschen, sondern werden für ihre Unterdrückung, Steuerung, Manipulation und für eugenische Auswahl und Reduktion der Bevölkerung verwendet.
Was die gravierendsten Auswüchse dieser technischen »Fortschritte« – was das Töten von als »unerwünscht« oder »unwert« betrachteten Lebens betrifft, so brauchen wir uns eine richtige ethische Einschätzung dieser Handlungen sicher nicht zusammenzudenken, denn eine höhere Weisheit und Einsicht als der verwirrte menschliche Verstand hat gesprochen, als sie eine der Hauptregeln für ein nachhaltiges, heilsames Verhalten, und das in unserem eigenen Interesse, lehrte: »Du sollst nicht töten.« Und in der fünften Grundregel für ein ethisches Verhalten im Buddhismus heißt es dementsprechend: »Ich gelobe, kein Lebewesen zu verletzen oder zu töten.« Dilgo Khyentze Rinpoche erklärte hierzu, dass dies nicht nur bedeute, selbst vom Töten abzusehen, sondern auch die Verpflichtung impliziere, das Leben zu schützen und zu retten, wenn es uns möglich ist.
Es gibt also eine ganz klare ethische Richtlinie und Grenze, und wir sollten uns immer wieder darauf besinnen und berufen. Es ist wichtig, sie zu würdigen und in unserem Umfeld und in der Gesellschaft auch zu bezeugen.

Generell ist die Identifizierung mit und die Fixierung auf den Körper einfach zu groß geworden in diesem Zeitalter, aber nicht im Körper liegt unser Leben und unser künftiges Schicksal, und dieses ist nicht zufällig, sondern es wird durch unser Denken, Fühlen, Wollen und Handeln in diesem Leben und genau jetzt vorbereitet und wirkt sich in allen unseren weiteren Leben aus.
Dazu fällt mir an dieser Stelle ein weiteres Jesus-Wort ein, das auch für die anderen fragwürdigen Manifestationen des Zeitgeistes zutrifft, über die wir hier nur deshalb sprechen, weil sie inzwischen jeden Menschen affizieren und zu seinen psychischen und physischen Leiden beitragen: »Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, dabei aber seine Seele Schaden leidet?«

Leider wird der kontextuelle Zusammenhang von Ursache und Wirkung in Bezug auf das eigene Handeln und die Vorteile eines altruistischen, ethischen Handelns selbst unverständlich und inkohärent, wo der Mensch in der Überzeugung lebt, dass mit dem Tod alles aus ist und es folglich keine Nachwirkungen seiner Handlungen für ihn selbst geben kann. Dass aber unter den Folgen des unvernünftigen Wirtschaftens und Verhaltens der heutigen Elterngeneration deren Kinder und noch viele Generationen nach diesen und alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten leiden werden, wenn sie nicht ohnehin schon ausgerottet sind, ist nun eigentlich unübersehbar geworden.
Die meisten Menschen verdrängen das Unangenehme einfach, und so wollen sie die Brisanz dieser nachhaltig die Lebensqualität einschränkenden umweltlichen und gesellschaftlichen Veränderungen nicht wahrhaben und schauen lieber gebannt auf ihre Bildschirme, wo eine virtuelle Pseudorealität ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkt, sie bindet und durch oberflächlich angenehme und faszinierende Unterhaltung von der unmittelbaren Wahrnehmung der eigenen, tatsächlichen Umwelt und Lebensumstände ablenkt.
Medial wird langsam ein postfaktisches, ein hochgradig fiktionales Sehen und Verhalten – also ohne »Realitätsbezug« in bisher noch gültiger psychologischer Diktion – eingeführt und kultiviert, in denen Lüge mit Wahrheit und Wahrheit mit Lüge gleichgesetzt und als gleich geachtet wird. Damit wird es immer schwerer für den heutigen Menschen, Heilsames von Unheilsamem zu unterscheiden.
Die Vergeblichkeit allen weltlichen Strebens
In der letzten Phase des Lebens wird die Vanitas oder Vergeblichkeit allen weltlichen Strebens für jeden Menschen offenbar, und das persönliche Weltende kommt in Sicht. Doch Leiden und Tod, die beiden großen Lehrmeister sind dem, der ihre Botschaft nicht hören will lediglich sinnlos, absurd und unerwünscht.
Man will ihre Lektion nicht mehr lernen, stellen sie doch das vertraute Leben und das Streben nach weltlichen Zielen infrage. Es nimmt also nicht wunder, dass viele von dieser Leistungsgesellschaft geprägten Menschen, die sich mit deren Werten identifiziert und keine andere Perspektive kennengelernt haben, nun sogar die letzte Phase ihres Lebens, in der die wohlvertraute Identifikation mit dem Körper und mit den angestrebten Zielen fragwürdig und brüchig wird und in der man Vergänglichkeit, den Verfall der Kräfte und den immanenten Tod nicht mehr verdrängen kann, als ihrer unwürdig und mit ihrem Stolz nicht vereinbar finden. Viele fordern nun ein Recht darauf, sich selbst vergiften zu dürfen. Warum gerade heute, so könnte man fragen, wo die Medizin so weit fortgeschritten ist, dass sie viele Leben künstlich verlängern kann, die eigentlich bald enden würden? Die Realität ist, dass sie in der »Konsumgesellschaft« zumeist niemand mehr haben, der sie wertschätzt und der sagt, dass er sie noch braucht.
Eine Gesellschaft, in der niemand mehr Zeit hat, deren falsches »Ideal« in höchster körperlicher und geistiger Fitness und im Ertrag und der Wirtschaftsleistung jedes Einzelnen besteht, isoliert und verdrängt die Alten. Wird in besagter Gesellschaft der assistierte Suizid gesetzlich erlaubt, so wächst in der letzten Lebensphase, in der wir der Hilfe anderer bedürfen, auch der soziale Druck, sich das Leben zu nehmen.
Alte Menschen halten es für eine selbstbestimmte Handlung, sich selbst zu töten, und sagen oft, sie wollen den anderen nicht zur Last fallen. Doch leider werden auch ihre Helfer in eine negativ belastete Tat involviert, wenn sie den Menschen auf seinen Wunsch hin töten. Es ist nicht angebracht, dies einen »guten Tod« oder einen »Freitod« zu nennen; denn diese Handlung ist ein Ausdruck von Verdrängung, Not oder Verzweiflung, und sie geht von der falschen Annahme aus, dass mit dem Tod des Körpers auch alles Leiden endet.
Wenn es im Christentum und im Buddhismus Gebote gibt, die den Selbstmord untersagen, dann nicht aus mangelndem Mitgefühl für den leidenden Menschen, der keinen anderen Ausweg mehr sieht, sondern aus dem sicheren Wissen heraus, dass dieser seinem Leiden durch das Töten des Körpers nicht entfliehen kann und stattdessen dadurch nur neue Ursachen des Leidens für sich schafft.
Es gibt aber immer auch eine andere Möglichkeit, einen anderen, einen guten Weg. Die Folge einer absichtlichen Tötungshandlung wie Mord, Abtreibung oder auch Selbstmord sind nach der buddhistischen und hinduistischen Karmalehre eine verkürzte Lebensspanne und gesundheitliche Probleme im nächsten Leben. Auch sinken die Chancen, wieder ein menschliches Leben zu erlangen, wenn man es jemandem oder sich selbst genommen hat. Einmal mehr: Actio est Reactio.
In christlicher Sicht sind die Folgen ebenfalls sehr negativ und von langer Dauer. Wer sein menschliches Leben selbst beendet, ist wie jemand, der einen großen Schatz wegwirft, denn als Mensch geboren zu werden ist, auch wenn es oberflächlich betrachtet kontraintuitiv klingt, in Wirklichkeit etwas extrem Seltenes. Und nur in einem menschlichen Leben kann man Erleuchtung und damit Befreiung vom Daseinskreislauf erlangen.
Wie selten eine menschliche Geburt ist, so lehren die buddhistischen Meister, könne man daran sehen, wie wenig Menschen es auf der Welt gebe im Vergleich zu den unzähligen anderen Lebewesen, wie zum Beispiel die Zahl der Tiere, der Insekten in einem einzigen Wald oder den Abermillionen von Kleinlebewesen in einer einzigen Meereswoge mit Plankton. Außerdem gibt es unzählige Wesen in anderen, für uns unsichtbaren Bereichen und Ebenen, aber keiner von diesen Bereichen ist der Erleuchtung so förderlich wie der menschliche.

Jeder Tag eines menschlichen Leben ist trotz aller Leiden, ja oft wegen der Leiden, von denen es auch in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter genügend gibt, kostbar, denn Leiden kann für einen Menschen immer auch Ansporn zu tieferem Erkennen sein. Wir können aus unseren Fehlern lernen und aus Schaden klug werden.
Viktor E. Frankl sagte, es gebe bis zum letzten Augenblick unseres Lebens die Möglichkeit, eine scheinbare Tragödie und auch unsere größte Not in eine sinnvolle Leistung zu verwandeln, und das sei sogar die größte Leistung, deren der Mensch fähig sei.
Es ist ein bekanntes Faktum menschlicher Erfahrung, dass besonders in Krisensituationen, in unserem Scheitern, in extremis, in tiefer Not, in Todesnähe – in Bedrängnis und Hilflosigkeit, wenn das Ego nicht mehr weiterkann und seinen Halt aufgibt – die Seele nach Hilfe ruft und dass sich überpersönliche Erkenntnis, Glück und Erleuchtung dann ungehindert und plötzlich offenbaren können. Die Wirklichkeit kann sich da zeigen und bewahrheiten, wo unsere Konstrukte und unser Eigenwille scheitern.
»Die Not des Menschen ist die Gelegenheit Gottes«, so heißt ein altes Sprichwort, und ein anderer, unerwarteter, in seiner Bedeutung nicht hoch genug zu schätzender Effekt der Gerätemedizin bestätigt dies und kontrastiert das materialistische Denken und seine Glaubenssätze seit einiger Zeit auf unerwartet effektive Weise. Durch die Fortschritte in der Reanimationstechnik haben viele Menschen an der Schwelle des Todes und im Koma liegend Einblicke und tiefe Einsichten gewonnen, welche in den meisten Fällen ihren Blick auf das Leben verwandelten und zu einem achtsameren und liebevolleren Verhalten, gepaart mit einer großen Wertschätzung für das Geschenk des Lebens, führte, und das unabhängig davon, ob sie vorher religiös waren oder nicht. Diese Menschen haben den Körper zeitweise verlassen und damit eine zweifelsfreie Gewissheit gewonnen, dass der Tod des Körpers nicht das Ende des Lebens, sondern nur ein »Exitus«, das Hinaustreten in eine andere Dimension und Seinsform ist.
Das Zurückkommen eines Menschen aus dem »Jenseits« war in früheren Zeiten ein recht seltenes Ereignis, aber es gewann doch, wie wir zum Beispiel an der langen und bedeutenden Nachwirkung der von Platon in der Politeia erzählten »Geschichte des Kriegers Er« sehen können, eine große Bedeutung für die Gesellschaft und inspirierte das einfache Volk ebenso wie Dichter und Philosophen. In Tibet genossen solche Menschen große Verehrung, und ihre Erzählungen bilden eine eigene Literaturgattung.
Heute erleben täglich viele Menschen diese Zustände, und ihre Berichte bereichern eine wiedererstehende Ars Moriendi mit der Frische des unmittelbar selbst Erlebten. Sie sind Zeugnisse direkter, persönlicher Erfahrung, von jeder Ideologie freie Offenbarungen von dem, »was wirklich wichtig ist im Leben«, und ich lese sie deshalb immer gern.
Ihre große Übereinstimmung erweist das Erleben des »Exitus« als eine Urerfahrung des Menschen, die ihre Entsprechung im »Introitus« der Geburt hat. Und dass wir bei beiden durch einen Tunnel gehen, ist nicht die einzige Ähnlichkeit.
Mögen manche Mediziner ihrem Glaubenssystem entsprechend auch versuchen, diese außergewöhnlichen und übersinnlichen Erfahrungen auf körperchemische Prozesse zu reduzieren, dass solch tiefgreifende Metanoia in einer Nahtoderfahrung möglich ist und geschieht, dass eine kurze Begegnung mit dem, was in den Tibetischen Totenbüchern »das klare Licht der Wirklichkeit« genannt wird, ein unvergessliches, intuitives Erkennen des Sinns des Lebens ermöglichen kann, das so tief ist, dass der Mensch gleichsam wie aus einem Erleuchtungserlebnis als ein Verwandelter und ganz auf das Heilsame hin orientiert hervorgeht, ist eigentlich das Erstaunlichste und Überzeugendste daran.
Der Körper liegt in Narkose und schwer verletzt im Bett, doch der Erlebende erfährt außerhalb des Körpers einen Frieden, ein Wohlbefinden, eine höhere Luzidität und mitfühlende Weisheit, die ihm in seinem Körper und Gehirn im normalen Wachzustand nicht zugänglich waren. Er verfügt in seinem feinstofflichen Körper außerdem über übersinnliche Fähigkeiten wie Gedankenlesen und ein panoramisches Gewahrsein, das Situationen wie den Operationssaal oder den Unfallort sehr genau wahrnimmt und sich detailliert an sie erinnert.
Dies entspricht also der Aussage des Tibetischen Totenbuchs, dass der Verstorbene im Jenseits über eine neunmal stärkere Luzidität verfügt als im physischen Körper.
Menschsein als einmalige Chance, völlige Erleuchtung zu erlangen
In dieser Welt als Mensch geboren zu werden ist der Lehre des Buddha nach eine einmalige Chance, denn nur als Mensch hat man genügend Intelligenz, um die befreienden Lehren zu verstehen, und gleichzeitig das richtige Maß an Leidensdruck, um sie in die Tat umzusetzen.
Nur jetzt in dieser menschlichen Existenz besitzen wir eine gewisse Entscheidungsfreiheit in Bezug auf unsere Taten und ein Maß an Vernunft und Erinnerung, welche uns den Zusammenhang von Ursache und Wirkung erkennen lassen. Wir besitzen im Grunde eine Geistesklarheit oder Luzidität, welche, wenn es gelingt, sie zu fördern und von den Schleiern des konzeptuellen Denkens und der Störgefühle zu befreien, die wahre Natur der Erscheinungen und die des erkennenden Geistes intuitiv verstehen kann; und es ist allein das Erkennen der Wahrheit, das uns von Täuschung und damit von Leid befreien kann.
Durch unmittelbare Wahrheitsschau und Selbsterkenntnis, luzide geworden im höchsten Sinn, erkennen wir uns schließlich als immer schon frei von jeder eingebildeten Begrenzung und werden frei von Fehlwahrnehmungen und Traumbefangenheit. Dann sind wir Buddha.
Als Mensch können wir in diesem Leben Buddha werden – aber das Leben ist kurz, und keiner von uns weiß, ob er am morgigen Tag noch lebt, denn gestorben wird in jedem Alter und aus vielen Ursachen. Sicher ist nur, dass wir sterben werden, so wie alle Menschen vor uns und so wie die vielen unserer Bekannten und Verwandten, welche uns in diesem Leben bereits vorausgegangen sind.
»Mache ein stetes Gedenken des Todes zur Richtschnur für all dein Handeln«, so ermahnte der Stoiker Marc Aurel sich selbst. Wenn ein Mensch in der Perspektive seines nahen Todes lebt, dann wird er Wesentliches von Unwesentlichem und Wichtiges von Unwichtigem klarer trennen können.
Wenn wir uns von unnötigen, zerstreuenden Interessen und selbstauferlegten Ansprüchen, Wichtigkeiten, Aufgaben und Beschäftigungen befreien können, kann jeder weitere Tag, der uns noch bleibt, eine kostbare Gelegenheit für die bewusste Erzeugung von positiven Impulsen in unserem Geistesstrom und die Übung des Ruhens in nichtkonzeptuellem Gewahrsein sein. Durch diese zwei Aspekte der Geistesschulung – also die heilsame, konzentrierte Anwendung des Denkens und das achtsame Ruhen in der Natur des Geistes – können wir unser künftiges Schicksal bleibend zum Positiven hin verändern. Und ist uns ihre Übung so vertraut geworden, dass sie auch im Schlaf weiterwirkt, so wird sie uns sicher auch im Sterben tragen.
Aus der Realisation der Vergänglichkeit unsrer momentan privilegierten Situation kann spontan eine große Wertschätzung für die Kostbarkeit der menschlichen Verkörperung und für die Lebenszeit entstehen, die uns noch vergönnt ist. Besonders das vierte Lebensalter, bei uns mit dem schönen Wort »Ruhestand« umschrieben, ist bei den Indern traditionell der spirituellen Praxis und der Loslösung von allem Weltlichen gewidmet. Die Pflichten und Gedanken eines Haushaltsvorstands werden dann bewusst losgelassen, der Besitz vorab verteilt; und sich von allem Angenommenen und Unnötigen entledigend, kann man in aller Ruhe und Beschaulichkeit die geistige Armut verwirklichen, welche Jesus als selig gepriesen hat und die darin besteht, dass man nichts mehr hat, nichts mehr will und nichts mehr weiß. Der Ruhestand ist für diese Loslösung, für dieses »Sterben vor dem Sterben«, wirklich ideal, wenn man den tiefen Sinn der Geistesschulung verstanden hat.
Könnte es eine bessere Einstimmung auf den Tod als die endgültige Erlösung vom Körper und vom Ich in der Verschmelzung mit dem klaren Licht am Ende des Sterbeprozesses geben, als sich schon vorher darin zu üben, alle Anhaftung aufzugeben und in tiefer Entspannung jede Vorstellung von Körper und Geist abfallen zu lassen? Wie sonst könnte Erlösung geschehen?
Alles loslassen zu können ist immer die Vorbedingung möglicher Befreiung. Niemand anders kann das für uns übernehmen. Wer jetzt nicht Ruhe geben will, der gibt natürlich auch im Postmortem nicht Ruhe und wird sich deshalb wiederverkörpern, auch wenn wir uns wünschen: »Der Herr gebe ihm die ewige Ruhe!«
Auch »Phowa« kann nicht gelingen, »die Übertragung des Bewusstseins in einen Buddha-Bereich«, wenn wir noch an irgendetwas haften, so sagen die Meister.

Stellen wir uns also die Frage, was wirklich wichtig ist angesichts des Todes, der uns jederzeit ereilen kann. Wir werden alles zurücklassen müssen; und nur das Gute, das wir in diesem Leben getan haben, und nur die sichere Ausrichtung und die Gelassenheit, Ruhe und Klarheit unseres Geistes, die wir kultiviert haben, können uns dann noch helfen und von größtem Nutzen sein.
In seiner Schrift Von der Kürze des Lebens betonte Seneca, dass man immer eingedenk der Unausweichlichkeit und Nichtvoraussagbarkeit des Todes jeden Tag weise nutzen und in Vorbereitung auf das Sterben leben sollte. Er sah, wie Marc Aurel, Leben und Tod im Licht der Lehren der griechischen Stoa, und deren gesunde und entspannte Haltung gegenüber dem Tod war begründet in ihrer Doktrin der ewigen Wiederkehr, welche lehrte, dass das Universum, aber auch der Mensch ständig geboren, aufgelöst und wiedergeboren wird. Im erleuchten Verständnis dieser Lehre, welche wir in ähnlicher Form auch im Hinduismus und Buddhismus finden, ist der Tod nur Übergang in ein anderes Leben; und das Einzige, was wirklich zu fürchten ist, sind die Folgen eines unheilsamen Denkens und Wollens in uns und alle Handlungen, welche wir von den Geistesgiften motiviert ausführen, die, zu schlechten Gewohnheiten werdend, die Macht haben, uns weiter an den Daseinskreislauf zu binden. Sie werden uns weiter Leiden verursachen, wenn wir uns nicht davon befreien und diesen Circulus vitiosus in diesem Leben und Körper noch zu unterbrechen lernen.

Wenn wir die uns gegebene Freizeit und Ruhezeit ab jetzt weniger für unnötige Unterhaltungen, Gedanken und Tätigkeiten verschwenden, sondern für die Geistesschulung nutzen, so können wir unserem Geist eine entschieden heilsame Richtung geben und uns in der Dzogchen-Meditation des von allen Konzepten freien, gelassenen Ruhens in der Natur des Geistes üben. Diese Übung ist völlig unkompliziert, weil es eigentlich dabei nichts zu tun gibt, aber den meisten Menschen, die an ständiges Tätigsein gewöhnt sind, fällt genau das heutzutage am schwersten. Aus diesem Grund ist es vorteilhaft, sich zuerst in der Sammlung des Geistes auf ein einziges Objekt, zum Beispiel auf das A, zu üben. Ruhen wir unabgelenkt im A, so fällt auch dieser Gedanke weg, und wir ruhen im ungeborenen Zustand des Geistes. Wir können am Anfang unserer Meditationssitzungen für einige lange Ausatmungen den Ton A singen. Alle Konzepte lösen sich dabei auf und Körper und Geist entspannen sich. Dann ruhen wir einfach, den Blick vor uns auf den leeren Raum gerichtet im natürlichen Zustand – ohne etwas von dem, was spontan aufsteigt oder erscheint, festzuhalten oder abzuweisen. Das ist alles. Das ist die grundlegende Einübung völliger Gelassenheit und damit völliger geistiger Freiheit.
Wenn wir bemerken, dass wir abgelenkt sind, also beginnen, Gedanken oder Erscheinungen zu folgen, tönen wir wieder das A und kehren direkt wieder zum ursprünglichen Zustand offenen, formlosen Erkennens zurück. Wenn wir frei von allen anderen Gedanken, nur auf das A gesammelt am Abend einschlafen, so werden wir immer mehr im Traumzustand luzide Phasen, also Klarträume erleben. So wird es im Dzogchen gelehrt.
Wenn es uns gelingt, vollkommene geistige Stabilität im natürlichen Zustand und damit nach und nach eine alle Bewusstseinsschichten durchdringende Luzidität zu erlangen, so werden wir im Tod zur Buddhaschaft erwachen können. Von den Menschen, die wirklich praktiziert haben, von den Seligen, Heiligen und Verwirklichten aller spirituellen Traditionen wird berichtet, dass sie in der Todesstunde voll Freude, Frieden und Zuversicht sind. Sie sind ihrer selbst sicher, haben nichts zu bedauern und nichts mehr zu beichten. Sie wissen, wohin sie gehen – zieht es doch den Menschen ganz natürlich dorthin, wo sein Herz ist und wohin sein Sinnen geht.
»Mensch, in das, was du liebst, wirst du verwandelt werden, Gott wirst du, liebst du Gott, und Erde, liebst du Erden«, heißt es im Cherubinischen Wandersmann des Angelus Silesius. Unser künftiges Schicksal wird ganz natürlich den Neigungen entsprechen, die wir am meisten kultiviert haben. Sogenannte Wunderkinder wie Mozart sind der Beweis dafür. Ihre besondere Fähigkeit ist kein Zufall, sondern die Frucht ihrer früheren Übung und Meisterschaft im Feld der Musik, der Mathematik, der Meditation und so weiter.

Die meisten von uns finden es selbstverständlich, als Mensch geboren zu sein; und selbst wenn wir an Wiedergeburt glauben, nehmen wir automatisch an, als Mensch reinkarniert zu werden. Doch tatsächlich ist beides nicht selbstverständlich, und wir wissen normalerweise nicht, wohin wir nach dem Tod als Nächstes gehen werden.
In unserem Unterbewusstsein schlummern die Spuren zahlloser früherer Erfahrungen, Handlungen, Wünsche und Gewohnheitsmuster, die in vielen Leben angesammelt wurden – Kraut und Unkraut, Heilsames und Unheilsames, Heilendes und Giftiges, Tierisches, Menschliches, Göttliches und Teuflisches schlummern in uns, und diese Spuren unzähliger Existenzen warten wie Samen in der Erde darauf, sich auszuwirken, wenn geeignete sekundäre Ursachen wie Sonne und Wasser oder äußere Ereignisse im Wachen oder auch nur Visionen wie im Traum oder im Postmortem hinzukommen.
Erfahrung kommt uns von außen entgegen, und wir reagieren darauf spontan mit all dem, was bereits in uns ist. Wir nehmen es unserem Charakter und unseren Konditionierungen entsprechend wahr, und wir reagieren demgemäß. Wir sehen etwas, was uns gefällt, und wir wollen es haben. Wir besitzen etwas und wollen es behalten. Wir hängen eifersüchtig daran; und will es uns jemand nehmen, so entsteht Hass, und im schlimmsten Fall schlagen oder töten wir den Rivalen und die geliebte Frau, welche uns betrogen hat oder verlassen will. Oder wir sehen etwas Furchterregendes, haben Angst und fliehen. Unsere Reaktionen kommen spontan und instinktiv aus dem Unterbewusstsein; und wenn wir fast in einen Abgrund stürzen, so fühlen wir auch im Traum die Todesangst im Bauch. Im Wachen und im Träumen reagieren wir unserem persönlichen Charakter entsprechend auf Erfahrung oder Vision, und normalerweise, also ohne vorherige Übung der Meditation, haben wir über unsere Gedanken ebenso wenig Kontrolle wie über unseren Traum.
Deswegen ist es mit dem Sterben ähnlich wie mit dem Schlaf – dem kleinen Bruder des Todes –: Wir legen uns hin, aber wir wissen nicht, was wir im Traum erleben und denken werden; und die Chance, dass wir das, was wir träumen, als unsere eigene Vision, als unsere eigenen Gedanken erkennen, ist äußerst gering, es sei denn, wir haben die Fähigkeit der Luzidität im Traum entwickelt. Einer kürzlich durchgeführten Befragung zufolge erinnern sich die meisten Menschen einmal pro Woche an einen Traum, und luzide Träume sind ein äußerst seltenes Erlebnis.
Nun ist aus der Traumforschung gut bekannt, dass jeder, der sich darum bemüht und es sich fest vornimmt, sich immer häufiger und lückenloser an seine Träume erinnern und im luziden Bewusstsein, dass er gerade träumt, erfahren kann. Wenn Luzidität den Traumzustand durchdringt, weiß man, dass das Erlebte keine eigenständige Wirklichkeit hat und dass es eigentlich ganz von uns abhängt, was wir erleben. Mit dieser Erkenntnis erlangen wir potenziell die Freiheit, den Trauminhalt spielerisch zu verändern; und mit präziser und konsequent fortgeführter Übung kann man im Traumzustand dieselbe Luzidität und Willensfreiheit erlangen wie im Wachzustand.
Wenn uns dies gelingt, haben wir viel erreicht und können unsere spirituelle Praxis dann auch im Schlaf fortsetzen.
Wir können uns zum Beispiel bewusst dafür entscheiden, in einen höheren Seinsbereich, in ein sogenanntes Buddha-Land, zu gehen und dort Belehrungen zu hören – wir können mit unserem Traumkörper auch andere Orte auf dieser »materiellen« Welt besuchen und wahrnehmen, was dort geschieht. Oder wir können stabil in klarem und leerem Gewahrsein ruhen und einfach erscheinen lassen, was erscheint, und all das im wortlosen Verstehen, dass es der eigene Traum, dass es Selbsterfahrung ist. Wir können damit also auch unsere Dzogchen-Praxis von Trekchö und Thögäl im Schlaf fortsetzen und entwickeln.
Am Beispiel der Luzidität im Traum können wir Wesentliches über unser Menschsein lernen, nämlich erstens, dass wir zwar mit luzidem Gewahrsein begabt sind, dieses momentan aber sehr beschränkt ist. Zweitens, dass Luzidität kultiviert werden und auch die unbewussten Schichten unseres Erlebens durchdringen kann. Drittens, dass dadurch das imaginäre, durch Unbewusstheit erzeugte und fortbestehende Leiden und die Störgefühle im Traum aufgelöst werden können. Und viertens, dass wir durch das Erkennen der wahren Natur unserer Erfahrungen als Traum oder Selbsterscheinung schließlich vollkommen frei werden können. Frei von Unwissenheit, frei von Gedanken, frei vom Haften an etwas und frei von Aversion gegen etwas und damit frei von Geburt und Tod.
Fünftens – so können wir ebenfalls aus dem Obigen verstehen – kommt diese erhöhte gesteigerte Luzidität nicht von selbst, sondern muss kultiviert werden. Bemühen wir uns nicht darum, so werden die in unserem Unterbewusstsein eingelagerten Spuren, werden Unwissenheit, Gewohnheitsmuster, dualistische Gedanken und Störgefühle weiterhin sowohl unsere Träume wie auch unsere emotionale Reaktion auf sie bestimmen.

Falls jemand noch nach dem tieferen Sinn seines Lebens, seine wahre Lebensaufgabe, den direkten Weg zur Erleuchtung oder eine sinnvolle Beschäftigung für die Jahre seines Ruhestands sucht – er findet all das in der Kultivierung der Luzidität, in der Entfaltung des Erleuchtungsgeistes.
Padmasambhava, der Autor des Tibetischen Totenbuchs, lehrt den Kernpunkt der Praxis des tibetischen Traum-Yoga, wenn er sagt: »Befreie dich davon, das, was dir begegnet, durch den Schleier deiner karmischen Konditionierungen zu sehen. Sieh es stattdessen als rein, vollkommen und von der Natur des Lichts. Übe dich darin, all deine Erfahrungen tagsüber als einen Traum, als illusionär zu sehen. Komm zu einer durchdringenden Luzidität, indem du dich immer wieder daran erinnerst, dass deine ganze Umgebung, die Stadt, in der du lebst, deine Wohnung, deine Mitmenschen und all deine Unterhaltungen mit ihnen Traum sind. Alles, was du tust, all deine Handlungen von Körper, Rede und Geist sind Traumhandlungen. Sag deshalb oft zu dir selbst: ›Das ist ein Traum.‹ Und manchmal sag es auch laut, oder schrei dich selbst an. Am Abend, wenn du dich schlafen legst, nimm dir fest vor: ›Zum Wohl aller Wesen will ich Erleuchtung erlangen und mich heute Nacht darin üben, den Traum als Traum zu erkennen und zu meistern.‹ Wenn du dich so darin übst, all deine Erfahrungen als illusionär und als Traum zu sehen, wird diese Luzidität auch im Nachtodzustand weiterwirken, denn auch dieser ist von traumgleicher Natur. Wenn es dir gelingt, siebenmal in einer Nacht im Traum luzide zu werden, so wirst du ohne Zweifel auch die Visionen des Postmortem als illusionär erkennen und damit Befreiung finden.«
Vom Status quo unserer normal eingeschränkten Luzidität und geistigen Unruhe ausgehend, besteht also der Weg zur Erleuchtung oder vollen Luzidität darin, uns in der reinen Sichtweise zu üben, die ohne Konzepte die Reinheit schaut und gleichzeitig die illusionäre Natur und Leerheit der Wesen und der Dinge klar erkennt. Hierzu ist es zuerst nötig, den eigenen Geist zu zähmen und zur Ruhe kommen zu lassen und verstärkt darauf zu achten, möglichst nur heilsam zu denken, zu reden und zu handeln.
Alle relativen, das heißt mit Konzepten verbundenen Übungen wie der Saatgedanke »Wer ist es, der das alles träumt?« und häufig wiederholte Affirmationen oder Wunschgebete wie »Mögen alle Wesen glücklich sein« haben den Zweck, so starke heilsame Tendenzen und Gewohnheitsmuster im Geist zu erzeugen, dass diese schließlich sogar im Traum weiterwirken und dessen Wahrnehmung, Inhalt und Richtung bestimmen.
Wenn wir nur noch positive Träume haben, die häufig luzide sind und im Wachzustand kaum mehr Störgefühle erfahren, so ist dies das einzig sichere Zeichen, dass unser Üben wirklich in die Tiefe gedrungen ist und dass die positiven Tendenzen in uns oder das »Bodhicitta«, der luzide Geist von Weisheit, Achtsamkeit und Mitgefühl, nun in unserem Erleben im Wachen und Schlafen vorherrschend geworden sind. Damit ist schon viel vom großen Werk erreicht, und wir haben, was die relative Wirklichkeit betrifft, viel positives, verdienstvolles Karma angesammelt, das uns nun trägt.
Der andere Aspekt des Wegs, die Ansammlung von Weisheit, wird durch die häufige Übung des völlig gelassenen Ruhens im Zustand reinen Gewahrseins, frei von allen Gedanken und in der inneren, wortlosen Gewissheit »Alle Erfahrung ist Traum« vollendet.
Gelingt es uns, im Urzustand des Geistes, in der Untrennbarkeit von luzider Klarheit und völliger Offenheit unabgelenkt zu ruhen, so erfahren wir alle Gedanken, Erscheinungen und Visionen immer mehr als die spontanen Manifestationen des klaren Lichts unseres eigenen Geistes.
Wenn wir gelernt haben, alle dualisierenden Gedanken der Selbstbefreiung zu überlassen, erleben wir die Vielfalt der Erscheinungen als eins mit uns selbst, frei von einem Gefühl von Subjekt oder Objekt. Und wenn diese alldurchdringende Luzidität andauert und kontinuierlich wird, haben wir vollkommene Erleuchtung erlangt.
Wenn wir ab jetzt jeden Tag so leben, als ob es unser letzter wäre, werden wir keine Zeit mehr verlieren und uns, ohne zu zögern, der Übung der Selbstbefreiung aller Gedanken widmen. Wie jemand, der plötzlich entdeckt, dass sein Haus in Flammen steht, werden wir alles zurücklassen und versuchen, ins Freie zu entkommen. Ins Freie zu entkommen bedeutet im Dzogchen, in die Freiheit von allen Gedanken zu kommen, in den weit offenen Raum des Gewahrseins, frei von jedem Bezugspunkt.
Im Wachzustand haben wir die Freiheit, Körper, Atem und Geist zur Ruhe kommen zu lassen und den Antrieben der aufsteigenden Gefühle und Gedanken nicht zu folgen. Im Traum und im Postmortem haben wir diese Freiheit jetzt noch nicht und sind, wie das Totenbuch sagt, gleich einem trockenen Blatt im Wind, den Antrieben unserer alten Gewohnheitsmuster ausgeliefert. Nur jetzt, im Bardo dieses Lebens und hier vor allem im Wachzustand, besitzen wir genügend Stabilität, Luzidität und freien Willen, um uns einsgerichtet der geistigen Übung des Wegs widmen zu können; und so heißt es im Evangelium: »Wachet und betet, denn der Teufel geht umher und sucht jene, die er schlafend findet zu verschlingen.«
Die »Übung der Wachsamkeit«, die darin besteht, weder schlechte noch gute Gedanken in die Burg des Herzens, wo unser wahres Selbst, wo der Meister als unser eigenes Gewahrsein und Gewissen immer gegenwärtig ist, eindringen zu lassen, ist in allen Systemen kontemplativer Geistesschulung das innerste, formlose Exerzitium.
»Freiheit von allen Gedanken ist der höchste Gottesdienst und das höchste Opfer«, lehrte Nisargadatta Maharaj. Geistige Freiheit besteht nicht nur darin, sich dieses und jenes vorstellen zu können – erst wenn der Geist beliebig lang ohne jede Vorstellung in tiefem Frieden in sich selbst ruhen kann, hat er die Freiheit, zu denken und zu glauben, was er will.
Es ist die Fähigkeit, den Geist auf eines allein zu sammeln und ihn, in diesem Einen, zu unzerstreuter Ruhe und Stabilität kommen zu lassen, welche dann als ein zweifelsfreier Glaube, wenn er sich auf etwas richtet, Wunder und Zeichen vollbringt und die imaginierten Naturgesetze eines kleineren Glaubens überschreiten kann. »Gehe hin in Frieden, du bist gesund!«, sagt der vollendete Meister der Kunst, der sich selbst und damit die Welt überwunden hat, und es verwirklicht sich im selben Augenblick.
»Wenn man keine Gedanken mehr hat, kommen die besten Gedanken«, so lautet ein tibetisches Sprichwort. Es weist darauf hin, dass Intuition an die Stelle des Verstandes tritt, wenn wir dem Denken nicht mehr folgen. Und diese zeigt sich in uns, wenn wir regelmäßig meditieren, immer verlässlicher.
Wächst unsere Vertrautheit mit dem Zustand nichtkonzeptueller Wachheit, und können wir Geistesruhe und Luzidität auch im Bardo-Zustand des Schlafs bewahren, so können dadurch allmählich die Ursachen aller Fehlwahrnehmung und allen Leids gründlich gereinigt werden. Diese sind die zwei Arten der Ignoranz, das heißt erstens jene, die im »Verlust der Luzidität in der Begegnung mit der eigenen Vision« besteht, und zweitens »die Ignoranz, welche alles begrifflich erfassen will«. Die karmischen Spuren von Verdrängung, Aversion und Anhaftung im Speicherbewusstsein lösen sich nach und nach von selbst in das klare Licht des Geistes auf. Dadurch, dass wir unseres Gewahrseins wieder gewahr werden und es nicht mehr vergessen, und dadurch, dass wir lernen, gelassen zu bleiben und alle Gedanken direkt ihrer natürlichen Auflösung zu überlassen, werden diese zwei grundlegenden Arten der Nichtluzidität aufgehoben, und wir sind wieder erleuchtet und erlöst.
Gelungene Individuation im Sinne des Dzogchen bedeutet, zu unserer wahren Individualität als der Untrennbarkeit von Leerheit und Gewahrsein zu erwachen. In der Erleuchtung aber gewinnen wir nichts Neues, sondern sind lediglich nach langem Schlaf und vielen unbewussten Träumen zu unserem Urzustand, zum völlig luziden Wahrnehmungsmodus eines »Buddha«, das heißt eines »völlig erwachten Wesens«, zurückgekehrt.
Wer nach dem Sinn seines Lebens fragt, der nähert sich dem Sinn; und verläuft seine Suche glücklich, so führt sie ihn von außen nach innen – schließlich sein eigenes Sinnen und sein Sein als eins erkennend, kommt dieses Wesen wieder in sich selbst zur Ruhe, wenn es dereinst den, der sucht, also sich selbst, gefunden und erkannt hat.
Es ist diese Kreisbewegung im Grunde die Bewegung des Geistes in sich selbst, im allumfassenden Kreis des Lebens, welcher im Dzogchen »der Pfad« genannt wird. Zu ihm gehören alle Erfahrungen des In-die-Irre-Gehens und alle Erfahrungen auf dem Weg zurück zur Erleuchtung, die wir im Daseinskreislauf in vielen Leben und Existenzformen gemacht haben und noch machen werden. Sie alle sind im großen Raum des Gewahrseins erschienen und erscheinen darin, sie erscheinen in ihm und aus ihm als der Basis und Quelle alles Erfahrbaren, und sie lösen sich in ihm wieder auf.
Wenn wir uns selbst wieder als leeres, unwandelbares Gewahrsein erkennen, sind wir angekommen – sind frei vom Kreislauf zwanghaften Denkens und Strebens und damit frei von Geburt und Tod.
Den verborgenen Schatz entdecken
Ich hoffe, so einen kleinen Überblick über die Themen des Buchs gegeben zu haben, und bitte meine geneigten Leser hier auch um Geduld, wenn bestimmte Begriffe wie »Natur des Geistes«, »Gewahrsein«, »Luzidität«, »Weisheit«, »Liebe«, »Störgefühle« oder »Vergänglichkeit« in den folgenden Kapiteln immer wieder auftauchen. Es lässt sich leider nicht vermeiden und ist auch in den tibetischen Texten zum Thema nicht anders, denn wir sprechen hier immer über dasselbe, nämlich über unseren eigenen Geist und seine Wahrnehmungen. Und worüber könnte man sonst auch sprechen? We talk about the furniture of our own house.
Gewiss hat der Buddhismus im Laufe seiner Geschichte und Selbsterforschung das reichste Vokabular in Bezug auf Geist, Bewusstsein, Sinneserfahrung, Wahrnehmungsmodi in Verbindung mit seinen stofflichen oder energetischen Körpern hervorgebracht, und so werden im Abhidharma, als ein Beispiel unter vielen, achtzig gedanklich-emotionale Geisteszustände oder sechzehn Arten der Erfahrung von Leerheit mit spezifischen Namen genannt, aber es ist nicht möglich, sie alle zu »übersetzen«; und es ist zum Verständnis des Wesentlichen auch nicht nötig, sie alle zu kennen. Denn sie kommen auch in den mündlichen Belehrungen der tibetischen Meister selten vor. Hier ist es mir ein Anliegen, die wesentlichen Dinge so einfach und verständlich wie möglich darzustellen.
Es geht hier darum, den Diamanten des Geistes von immer neuen Seiten her zu beleuchten, um die unzähligen Facetten und wunderbaren Funktionen dieses wunscherfüllenden Juwels aufleuchten zu lassen. Wenn wir dann das Licht der Aufmerksamkeit zurückwenden, so werden wir den verborgenen Schatz entdecken, der in unserem Herzen und im Herzen eines jeden fühlenden Wesens als Quelle des Lichts und der Erscheinung und als unser wahres Selbst und ewiges Leben wohnt.
Mögen alle Wesen – in welchem Körper, in welchem Bereich, in welchem Lebenstraum sie sich gerade auch befinden mögen – in diesem Augenblick innehalten und, zurückschauend auf ihr eigenes Sehen, sich selbst als leeres Gewahrsein erkennen: frei von Geburt und Tod.
2
Vanitas oder Der Traum des Sisyphos
Verlieren und wieder verlieren ist der Weg des Tao.
Laotse
Der Weise ist frei von Geschäftigkeit, der Tor ist gebunden durch sich selbst.
Szoszan
Weise erblicken nichts, was zu tun wäre, wie Schlummernde ruhen sie in sich selbst.
Ashtavakragita
Halte an nichts fest, und du wirst frei sein, wo immer du auch bist.
Rinzai
Was ein gutes und sinnerfülltes Leben ist und wie es verwirklicht werden kann, war seit der griechischen Antike bis in die frühe Neuzeit hinein auch im Westen das eigentliche Thema der Philosophie, und in den meisten Überlegungen hierzu zeigt sich, dass die Suche nach dem Sinn unseres Lebens von der Suche nach einem Zustand bleibenden Glücks und innerer Zufriedenheit nicht zu trennen ist.
Für Aristoteles führte ein gutes Leben zum Zustand der »Eudaimonie«, zu einem »glücklichen Geist«, in dem unser Wesen schließlich alle in ihm angelegten Qualitäten des höchsten Guten in sich selbst erkennt und so Ganzheit erlangt. Auch für ihn, den Schüler des Platon, ist tugendhaftes Handeln und Selbsterkenntnis noch der Weg zu wahrer Glückseligkeit, und der Erwerb vortrefflicher Tugenden, Fähigkeiten und Charaktereigenschaften auf dem Weg ist ihm das Zeichen eines geglückten Lebens.
Den Lehren Platons habe ich in diesem Buch viel Raum gewidmet, da sie das wichtigste Bindeglied zwischen der wahren, einer zeitlosen Lebensweisheit verpflichteten Philosophie des Westens und den philosophischen Lehren des Buddhismus und des Hinduismus darstellen.
Der Sisyphos-Mythos ist eine immer wieder berührende lehrhafte Darstellung der Conditio humana, und als solche wurde sie in der Antike auch gern erzählt. In der existenzialistischen und marxistischen Auffassung des Mythos wird Sisyphos als ein treffendes Bild für den modernen Menschen in seiner »Geworfenheit« betrachtet, ein Held des Absurden und der Arbeit, welcher den alten Göttern widersteht und mutig ihrem Gebot entgegenhandelt. Weil er so schlau ist, gelingt es ihm mehrmals, Thanatos, den Tod, zu überlisten. Durch einen Trick entflieht er diesem sogar einmal aus dem Hades, und zur Strafe wird er zwar von den Göttern zu einer sinnlosen, sich immer wiederholenden Tätigkeit verdammt, aber er ist stolz auf seine Kraft und seinen Widerstand und lässt sich nicht entmutigen.
Trotz der »vollkommenen Sinnlosigkeit« seines Tuns führt er seine monotone Arbeit mit munterem Sinn aus, und: »Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen«, so heißt es am Ende des bekannten existenzialistischen Essays von Camus über den Mythos des Sisyphos.
Es ist interessant zu beobachten, wie in dieser gewagten Umdeutung aus dem, was den Griechen der Antike noch eine Strafe und Verdammung war – weil Sisyphos ähnlich dem Prometheus, der das Feuer stahl, in seiner Hybris gegen göttliches Gesetz verstoßen hatte –, für moderne Denker nun ein Gleichnis für den Normalzustand des heutigen Menschen und seines angeblich sinnlosen Lebens geworden ist.
Ich erwähne dies hier nur deswegen, weil auch heute noch viele, vor allem junge Menschen, vom deprimierend nihilistischen Denken des Existenzialismus und Absurdismus geprägt und beeinflusst werden, denn im schulischen und im universitären Rahmen sind diese Denkrichtungen immer noch en vogue.
In der zeitgenössischen akademischen Philosophie gelten die Themen »Sinnsuche« und »Lebenskunst« schon seit Längerem als überholt, als veraltet und kindisch, um nicht zu sagen: als Fauxpas – von Gedanken über die Natur des Geistes vor jedem Gedanken gar nicht zu reden. Sieht man doch in der Nachfolge Descartes’ stehend das eigene Sein als mit dem gehirnlichen Denkprozess identisch und von diesem abhängig an.
Man möchte sich als professioneller Denker, als originell und auf der Höhe der heutigen Zeit und Wissenschaft zeigen und sicher nicht als Idealist – als rückwärtsgewandt, unwissenschaftlich oder gar religiös auffallen.

Man kann über vieles nachdenken und immer neue Auffassungen formulieren, doch im Grunde sind in der westlichen Philosophiegeschichte, was das Verständnis der ganzheitlichen Natur des Menschen und seiner Erfahrungen und Welt betrifft, Platon und sein später Schüler Plotin unübertroffen und oft von zeitloser Aktualität.

Die Natur muss nicht korrigiert und verbessert, die Wirklichkeit kann und braucht nicht erfunden und erdacht werden, sie ist immer schon da. Sie ist das, was ist, oder »Thatata« – die »Soheit« des Seins. Wir lernen gut, und auch große Erfindungen sind möglich, wenn wir durch direkte Beobachtung von der Natur lernen.
Die Suche nach gewollter Originalität ist eine Sache des Verstandes und führt nur in immer neues verwirrtes Denken, in immer neue persönliche Ansichten.
Das Erkennen der Wahrheit aber ist völlig unpersönlich, denn je weniger man das Geschaute interpretiert, umso unmittelbarer schaut man die Wahrheit.

Es gibt natürlich im Grunde nichts Neues im Wesen und Funktionieren unseres Geistes und auch nichts Neues in der Beschaffenheit eines menschlichen Körpers und der sechs Sinne. Sie waren beide zur Zeit des Buddha und lange davor schon dieselben wie heute.
Als der Buddha am Anfang seines öffentlichen Wirkens einmal gefragt wurde, warum er lehre, antwortete er: »Ich lehre, weil alle Wesen glücklich sein wollen und niemand leiden will.« Als er dann des Weiteren gefragt wurde, was er denn lehre, antwortete er: »Ich lehre, wie die Dinge sind.«
Direkt an die unmittelbare Erfahrung jedes Menschen anknüpfend, lehrte der Buddha zuerst, der »Vergänglichkeit aller Erscheinungen« gewahr zu werden und sich durch direkte, nichturteilende und ruhige Beobachtung von dieser Wahrheit selbst zu überzeugen. Auch lehrte er, sich mit offenem Geist und Herzen des Leidens und der Unzufriedenheit als allgegenwärtig in der täglichen Erfahrung aller Wesen und im eigenen Geist gewahr zu werden und Geburt, Krankheit, Alter und Tod als die natürliche Folge unseres Geborenseins in einem Körper zu erkennen. Unser Geborenwerden in einem materiellen Körper erklärte er als eine natürliche Folge unseres Lebensdurstes und unseres Festhaltens an flüchtiger Erscheinung. So legte er die Hand auf den Puls eines jeden Wesens wie ein guter Arzt, und nach der Diagnose des Leidens lehrte er »die Ursachen des Leidens«. Nämlich dass zwar alle Wesen glücklich und gesund sein wollen, aber wegen ihrer offensichtlichen Unvernunft oder Unwissenheit die allesamt vergänglichen Phänomene ihrer Erfahrungswelt festhalten, so als ob sie bleibend wären. Durch diese falsche Annahme und Prämisse geht der Einklang mit der Natur der Dinge verloren, und eine Kette von Fehlwahrnehmungen und falschen Interpretationen entsteht daraus, die unweigerlich zu Leiden und Enttäuschung führen.
Der eigene Geist, eigentlich völlig offen, wird für ein Selbst »gehalten«, und die eigenen Erfahrungen, ihrer Natur nach frei und fließend, werden für dies und jenes und für etwas anderes als man selbst »gehalten«. Dieses »Halten« aufgrund von Unwissenheit ist die Ursache all unserer vielfältigen Störungen, Irrtümer und Leiden. Aus diesem grundlegenden Irrtum entstehen die 84 000 neurotischen Störungen, welche eingeteilt werden können in jene des Spektrums der Dummheit oder Uneinsichtigkeit, in die des Anhaftens und Verlangens und die der Aversions- und Angststörungen.
Als Nächstes lehrte der Buddha die heilende Therapie oder den »Weg zur Aufhebung der Ursachen des Leidens«. Er lehrte, dass auch diese Störungen vergänglich sind und nur eingebildet und dass sie deswegen aufgelöst werden können. Wir sind im Grunde völlig gesund und heil und ganz, und das ist unsre wahre Natur. Der Weg besteht darin, die Vergänglichkeit zur Kenntnis zu nehmen und zu würdigen. Wenn wir an nichts mehr gedanklich festhalten oder anhaften, wird uns die Vergänglichkeit aller Phänomene zu einer unerschöpflichen Quelle des Trostes und der Freude.
Durch die meditative Übung der Geistesruhe, frei von Konzeptualisierung und durch achtsame Beobachtung der eigenen Erfahrungen, ohne darauf mit Anhaften oder Aversion zu reagieren, reinigt sich der Geist von der Dunkelheit der Unachtsamkeit und von der tief eingefahrenen Gewohnheit des Festhaltens und Konzeptualisierens seiner Erfahrungen. Auf diese Weise können die Ursachen des Leidens in uns aufgelöst werden.
Das sogenannte »Nirvana« am Ende des Wegs ist der Zustand des höchsten Friedens und nichts anderes als der uranfängliche Zustand der Gesundheit und Ganzheit unseres Geistes. Dieser ist frei von Unwissenheit, frei von Durst, frei von Fieber, frei von Anhaftung, frei von Fehlwahrnehmungen, wie der Buddha sagt. Er ist höchstes Glück – deswegen heißen die Buddhas auch »Sugatas« oder »die, welche in das Glück gegangen sind«. Und er ist höchste Luzidität, deshalb eben heißen sie »Buddhas« oder »die, welche erwacht sind«.
Nun sind wir alle zu unserem Leidwesen noch nicht völlig aus dem Traum erwacht. Insoweit mag die Parabel von dem Widerstand des Menschen gegen das, was ist, und von seinem selbstgeschaffenen Fatum eines vergeblichen und andauernden Mühens, welches der Mythos des Sisyphos uns erzählt, auch für uns zutreffen. Sodass es hier für uns durchaus noch etwas zu lernen gibt – sind wir ja den früheren Generationen in unserem Fühlen, Denken und Verhalten nicht so unähnlich, wie wir meinen.

König Sisyphos, so geht die Erzählung, war so stark wie zwei Männer, und er war sehr schlau. Sein Name selbst bedeutet »der Schlaue«, und es gelang ihm dank seiner Intelligenz wie gesagt mehrmals, den Gott Thanatos zu überlisten und so sein Sterben hinauszuzögern. Und selbst aus dem Hades entfloh er durch einen Trick. Thanatos klagte ihn daraufhin bei den Göttern an; und weil er sich mit seinem Handeln dem göttlichen Gesetz (der Vergänglichkeit) widersetzt hatte, wurde er dazu verdammt, im Schattenreich, im Hades, eine sinnlose Handlung immer wieder aufs Neue zu wiederholen.
Homer erzählt im elften Gesang der Odyssee, wie Odysseus ihn und viele andere Verstorbene sah, nachdem er den Schatten des Jenseits ein großes Totenopfer dargebracht hatte und ihm Einblick gewährt wurde in das unterirdische Reich der Toten: »Auch den Sisyphos sah ich, von schrecklicher Mühe gefoltert einen schweren Felsen mit großer Kraft bewegen. Er stemmt sich dagegen und müht sich mit Händen und Füßen, ihn vom Talgrund den Berg hinauf zu wälzen. Doch hat er ihn auf dem Gipfel, da entfällt ihm die Last, und hurtig, mit Donnergepolter, entrollt ihm der tückische Stein. Und von vorne arbeitet er, stemmt sich dagegen, dass der Angstschweiß seinen Gliedern entströmt und Staub sein Antlitz umwölkt.«
Hier ist für eine dem Geist der griechischen Antike angemessene Deutung anzumerken, dass für das philosophische und aristokratische Denken dieser Zeit arbeiten müssen und Handel treiben kein Privileg oder der »Edelheit« des Menschen angemessener Zustand, sondern eher die Folge eines Verlusts unserer ursprünglichen Unschuld, Bedürfnislosigkeit und Freiheit war. Die unsterblichen Götter selbst genießen, von allem Irdischen, von aller Tätigkeit, Notwendigkeit und Zeit entbunden, ein erhabenes Glück und ewige Ruhe. So hatten die Griechen auch zwei Worte für Zeit. »Kairos« bezeichnete die »göttliche Zeit oder den ewigen Augenblick«, das Gegenwartsbewusstsein – und »Kronos« die profane, säkulare, sequenzielle Zeit des menschlichen Denkens und Ermessens.
Die Moral der Sisyphos-Erzählung impliziert ein Verständnis von Arbeit, das mit dem in der biblischen Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies vergleichbar ist. Dort heißt es nach der Übertretung des göttlichen Gebots, »nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen«: »… und im Schweiße eures Angesichts sollt ihr ab jetzt euer Brot verdienen!« Und damit sind wir beim Fall in den Modus eines dualistischen Erkennens und der daraus folgenden Exilierung aus dem Paradies, aus einer reinen, unschuldigen und leidlosen Schau.
Die Paradieserzählung entspricht dem Mythos von einem goldenen Zeitalter, der sich zum Beispiel auch im Taoismus, Hinduismus und Buddhismus findet. Im Mahabarata wird vom »Satya-Yuga«, vom »Äon der Wahrheit« erzählt – Hesiod sprach vom chrýseon génos oder dem »Goldenen Geschlecht« und die römischen Dichter Vergil und Ovid vom aurea aetas.
Nach diesem ersten Äon der Unschuld folgen drei weitere, die nach Metallen von geringerem Wert benannt sind, weil in ihrem Verlauf gleichzeitig mit einer Zunahme weltlicher Wünsche und Arbeiten eine Abnahme der Tugenden und des Friedens und ein zunehmender moralischer Verfall einhergeht, bis schließlich im eisernen Zeitalter ein eigensüchtiges, diskursives Denken und destruktive Emotionen wie unstillbares Verlangen und viele Ängste die Menschen beherrschen, welche folglich ständige Unruhezustände, Kriege, Unzufriedenheit und vielerlei Leiden erzeugen und erdulden müssen. Tröstlich zu wissen, dass, auf dem großen Rad der Zeit, nach den Zerstörungen und Kataklysmen am Ende eines ehernen Äons immer wieder ein neuer Anfang, ein neues goldenes Zeitalter kommt.
Ein Neubeginn ist dann wieder für die Menschheit möglich. So wie der Einzelne als neugeborener Säugling die Spuren seiner früheren Erfahrungen zwar in sich trägt, doch sich an diese weder erinnert noch seine früheren »Besitztümer, Errungenschaften, Erfindungen und Geräte« im Außen seines neuen Lebens wiederfindet, kann auch die Menschheit, auf der durch ein Diluvium gereinigten Erde, von dieser Position einer anfänglichen, unbewussten Unschuld aus einen neuen Anfang machen.
Es ist der Sage nach nicht das erste Mal, dass sich eine Menschheit durch ihre eigenen hochentwickelten »technischen Errungenschaften« und wegen ihrer unterentwickelten Vernunft, Weisheit und Empathie, schließlich selbst zugrunde gerichtet hat.

Am goldenen Beginn der vier Zeitalter, so heißt es, hatten die Menschen noch keine überflüssigen Gedanken, und sie mussten keinerlei Nahrung zu sich nehmen. Ihre Körper waren Körper aus Licht, es gab keine Leiden, und ihre Lebensdauer betrug über zehntausend Jahre. Ein Äon später dann begannen sie, eine von selbst erscheinende, nährende Substanz zu sich zu nehmen, ähnlich dem göttlichen Nektar, Amrita oder Manna; und da sie eine Anhaftung an diese Speise entwickelten, vergröberten sich ihre Körper und ihre geistigen Sinne mit der Zeit. Langsam entstand ein diskursives Denkbewusstsein in ihnen, und sie verloren dadurch ihre intuitiven Fähigkeiten. Im nächsten Äon entwickelten sich Geschlechtsorgane und ein Verdauungssystem, und die Lebenszeit verkürzte sich weiter.
Schließlich mussten sie selbst grobstoffliche Nahrung, wie Getreide anbauen und zu sich nehmen, um leben zu können, und ihre Wünsche wurden mehr. Die Lebenszeit sinkt im eisernen Zeitalter auf hundert Jahre. Die Menschen erfinden Waffen, töten sich damit gegenseitig, und sie töten Tiere, um von ihrem Fleisch zu leben. Selbstsucht und gehirnliche Denkfähigkeit entwickeln sich, und der Anspruch, etwas allein zu besitzen, wird mit der Waffe und als das »Recht des Stärkeren« verteidigt.
Akzelerierend dominiert schließlich ein ständiges Denken, Wünschen und Handeln, ein fortwährendes Erfinden, Erwerben und Wegwerfen, Bauen und Wiederzerstören im »Menschheitstraum« dieser ehernen Zeit; und immer unruhig, strebend und arbeitend, müht sich der listenreiche Mensch, sich die Welt untertan zu machen und die äußere Natur zu unterwerfen und zu »verbessern«.
Die Lehre von den vier Zeitaltern erzählt vom Urzustand des Menschen als Zustand der Vollendung und Zufriedenheit und von seiner »Evolution« als Degeneration, als stufenweiser Verfall und Verlust seiner höheren Fähigkeiten und Tugenden. Das heißt, sie stellt dar, wie der Mensch im Außen suchend und immer weiter fortschreitend zwar vieles findet und sich aneignet, sich selbst und seine Einheit mit der Natur dabei aber immer mehr vergisst und, von selbstgeschaffenen Ketten und Zwängen gebunden, in heilloser, destruktiver Tätigkeit am Ende sogar die Welt und damit die Grundlage seiner physischen Existenz und die seiner Kinder zerstört.

Die Hybris des menschlichen Strebens, angetrieben von Begehrlichkeit und gestützt von einem listigen, aber kurzsichtigen Verstand, war den lebensweisen Menschen der Antike so sehr bewusst, dass sie deren unheilsame Folgen in Parabeln wie in der des Ikaros, des Prometheus, des Sisyphos und des Tantalos darstellten und als ein Caveat in ihre volkstümlichen Erzählungen flochten. So konnte man sich ihrer, als eines abschreckenden Beispiels, immer wieder erinnern und eine gute Lehre daraus ziehen. Über die Dummheit des Königs Midas machte man sich gern lustig, welcher einen Wunsch frei hatte und sich in seiner Besitzgier wünschte, dass alles, was er berühre, zu Gold werden möge – und dann erst erkannte, dass man Gold nicht essen kann.

Vergeblich und eitel, Vanitas ist das Sichmühen des Menschen, der Glück und Erfüllung in vergänglichen Dingen sucht und der wie Sisyphos, gleichzeitig die Vergänglichkeit, das göttliche Gesetz der Natur nicht wahrhaben will, dagegen ankämpft und ihm zuwiderhandelt. Er kämpft mit seiner Schläue gegen die Natur und gegen den Tod, doch erkennt er nicht, dass gerade, weil er sein Leben festhält, er dieses immer wieder schmerzlich verlieren muss. Obwohl er sich so sehr müht, etwas zu erwerben, und das Erworbene festhält mit aller Kraft, wird ihm das so schwer Erreichte und Erworbene doch immer wieder entgleiten wie dem Sisyphos sein Fels.
Er leidet daran, und doch kann er seine Last und unruhig gespannte Tätigkeit von Körper, Rede und Geist nicht lassen. Alles ist Mühe an ihm, aber sein Mühen ist vergeblich und endet seine Schmerzen nicht, denn an etwas anhaften, das seiner Natur nach vergänglich ist, erzeugt notwendigerweise Angst vor Verlust und viele andere Leiden.
Sisyphos ist nicht durch die Götter verdammt, sondern durch sich selbst. Er selbst kann nicht loslassen, will noch nicht loslassen und leidet an seinem Widerstand gegen die Natur und an seiner selbstauferlegten Last. Niemand wird sie ihm nehmen, wenn er sie selbst noch behalten will – so ist es eingerichtet, dass ein jeder für sich selbst erkennen soll, was sein Tun für Folgen hat, und selbst spüren, ob er genug getan und nun bereit zur Ruhe ist.
Wenn der Mensch aber bereit ist, lässt er los; und wenn er sich nicht mehr selbst bindet, ist er frei. Frei und unsterblich sind wir dann, denn nur wegen unseres Festhaltens ist es, dass wir einen materiellen Körper haben, der dem Tod unterworfen ist.
Sei es durch Enttäuschungen oder eine direkte Begegnung mit dem Tod in der Verwandtschaft oder im Kreis der Freunde und Bekannten oder ohne ersichtlichen Anlass von innen her, von der Stimme im eigenen Herzen erweckt – ich glaube, jeder Mensch beginnt sich irgendwann im Laufe seiner persönlichen Entwicklung zu fragen, ob seine Bemühungen um vergängliche Objekte und weltliche Ziele über das nötige Maß hinaus überhaupt sinnvoll sind. Er beginnt mit Recht zu zweifeln, ob sie das Glück, die Erfüllung und Zufriedenheit, die er in ihnen sucht und sich wünscht, wirklich geben können; und vom ständigen Wiederholen derselben Erwartungen und Handlungen frustriert, versucht er, deren Sinn und Wirkung zu verstehen. Vielleicht wird auch er dann ein Suchender nach Wahrheit, einer, der sein Leben und Tun infrage stellt und beginnt, das Treiben und Denken, das Wünschen und Fürchten in sich selbst zu beobachten.
Im Menschen denkt ja der Geist über sich selbst nach und versucht, sich selbst zu verstehen und zu erkennen. Das ist das eine, und wir suchen mit unserem Denken im Außen und in vielerlei Schriften nach Antwort.
Das andere ist, dass wir um der Wahrheit willen schließlich über Denken und Philosophie hinausgehen und in unseren stillen Meditationssitzungen lernen, das Kommen und Gehen unserer Gedanken zu beobachten, ohne auf diese zu reagieren. Dadurch erkennen wir nach und nach deren Qualität und Natur und entdecken den Zustand reiner Präsenz, frei von allen Gedanken. In der Stille reinen Erkennens ruhend, erfahren wir Sinn und Sein als eins. Wir ruhen dann im unaussprechlichen Sinn, wie es im Dzogchen genannt wird.
Es ist nicht einfach, sich aus der Bezauberung durch die Vielfalt der eigenen Wahrnehmungen und die sie begleitende Trance des begrifflichen Denkens zu befreien. Es ist, wie der erste Patriarch des Zen in China Bodhidharma sagte, das schwerste und gleichzeitig sinnvollste Werk, das ein Mensch vollbringen kann.
Die Träume des Mikrokosmos Mensch steigen aus den Tiefen seines Unterbewussten auf, in dem die Spuren all seiner früheren Erfahrungen und Handlungen mit ihrem Wohl und Wehe gespeichert sind; und er hat schöpferisch und leidend Anteil am Traum des Makrokosmos, am Traum der gesamten sichtbaren und unsichtbaren Universen, die ihrerseits aus dem kollektiven Speicherbewusstsein aller Wesen entstehen und von ihrem Denken aufrechterhalten werden.
Dem Buddhismus nach erscheint ein jeder Traum, der ja nur aus dem Lebenslicht des eigenen Geistes gebildet ist, als Ausdruck eines bestimmten Denkens und Wollens und einer Sehweise, welche normalerweise selektiv und völlig von früheren Gewohnheiten konditioniert ist. Einstein formulierte eine Erkenntnis aus seinen Forschungen mit den Worten: »Die sogenannte Realität ist eine Illusion, wenn auch eine hartnäckige.«

Wir sind in der Begegnung mit unserer eigenen Vision genauso eingeschränkt und verblendet wie in unserer Begegnung mit der Welt da draußen, die wir fälschlich für wirklicher halten als unsere Vision im Traum.
Zum besseren Verständnis will ich einen Traum erzählen, den ich vor vielen Jahren hatte und der mir manchmal einfällt, weil er sehr signifikant war. Ich träumte, in einem weiten, leeren Raum zu schweben, als plötzlich eine große Kugel neben mir auftauchte. Sie war etwas kleiner als einer dieser Heißluftballons, aber offensichtlich aus Eisen oder Stahl und sehr massiv.
Ich schwebte direkt neben ihr und konnte sie mit Händen berühren und an ihr kratzen. Ich klopfte darauf, um das Material zu erkunden, und hörte, dass sie hohl war. In diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich gerade träume, und mir kam die Idee, einfach in das Innere der Kugel hineinzugehen. Ich versuchte es, aber es gelang nicht. Ich versuchte es einige Male, doch vergeblich. Es gelang mir nicht, obwohl ich wusste, dass es ein Traum ist.
Warum gelang es nicht? Wir berühren hier einen ganz wichtigen, signifikanten und entscheidenden Punkt der Bardo-Lehren, auch für den Zustand des Postmortem. Es gab offensichtlich etwas in meinem Unterbewusstsein, eine sehr tiefsitzende Überzeugung, dass eine so hart und realistisch aussehende Materie einfach undurchdringlich ist. Da es ja nur ein Traum war, ist klar, dass nur etwas in mir selbst mich daran hinderte, meinen Willen zu erfüllen – und genau so ist es.
Nur unsere tiefsitzenden Überzeugungen und fixen Vorstellungen, wie die Dinge sind und was wir sind, hindern uns daran, uns frei zu bewegen, zu fliegen und durch Wände zu gehen, alles das ist möglich für den, der sich von diesen Konzepten und unbewussten Glaubenssätzen wirklich gereinigt hat. Viele Yogis der Mahamudra- und Dzogchen-Linien haben in den letzten Jahrhunderten durch die Methode der kontinuierlichen Selbstbefreiung aller Konzepte diese Reinigung karmischer Spuren erreicht und diese freie Beweglichkeit durch vollkommene Luzidität verwirklicht. Sie sind geflogen, konnten ihre Gestalt verändern, konnten durch Wände gehen, haben ihre Hände in Felsen gedrückt, als ob es Butter wäre, sind über das Wasser gegangen und vieles mehr.
Der Tertön Pema Lingpa lebte im 15. Jahrhundert in Bhutan, und eines Tages verkündete er, einen Terma-Schatz des Guru Padmasambhava heben zu wollen. Über hundert Menschen kamen in seinem Geleit und wurden Zeugen eines wunderbaren Schauspiels. Am Ort des ihm geweissagten Schatzes angelangt, einem tiefen Fluss im Gebirge, stieg er mit einer brennenden Kerze in der Hand und voll angekleidet in das reißende Wasser und verschwand in den Fluten. Nach einiger Zeit stieg er zum Erstaunen aller aus dem Fluss wieder herauf und hielt unter seinem Arm eine kleine Truhe mit dem Schatz und in der anderen Hand die noch immer brennende Kerze. Seine kostbaren Kleider aus Seide und Brokat waren vollkommen trocken.
Dieses sublime Wesen, Inkarnationen vorher schon einer der engen Schüler des Meisters Padmasambhava, war ein Siddha, ein Verwirklichter, der schon lange vor diesem Ereignis vollkommene Luzidität erlangt hatte. Er hat die Leerheit aller Erscheinungen realisiert und war selbst völlig leer von jeder Vorstellung.
Den von Padmasambhava sechs Jahrhunderte vor dieser Entdeckung verborgenen Terma-Zyklus von Sadhanas und Dzogchen-Texten haben wir heute noch, und ich habe einige Übertragungen aus diesem Zyklus von S. E. Gangteng Tulku Rinpoche erhalten, einem meiner Lehrer.
Viele Yogis haben durch die systematische Praxis des Dzogchen am Ende ihres Lebens ihren physischen Körper der fünf Elemente aufgelöst in die fünf Farben des klaren Lichts und haben so ein wunderbares Zeichen ihrer völligen Befreiung vom Samsara gegeben.
Der Yogi ruht hierbei in tiefem Samadhi noch im Körper, und dieser wird in einem Zeitraum von bis zu sieben Tagen nach dem Tod immer kleiner, bis er verschwindet, und nur die unbeseelten Teile des Körpers, also Haare und die Nägel von Fingern und Zehen, bleiben zurück. Gleichzeitig erscheinen Regenbogenlichter am Himmel und um das Haus, die auch für normale Sterbliche sichtbar sind. Es sind dies die untrüglichen Zeichen, dass ein Individuum vollkommene Buddhaschaft erlangt hat.
Fälle von dieser Art von Verwirklichung, die durch die Methoden des Dzogchen auch heute noch erreichbar ist, waren in Tibet häufig; und auch bis in unsere Zeit sind noch einige Fälle gut bezeugt. 1998 zum Beispiel erreichte in Azi Rong in Osttibet ein alter Mönch der Nyingma-Linie, Khenpo Chöying Rangdröl, achtzig Jahre alt, den jah-lüh oder »Regenbogenkörper«. Er ließ nicht einmal Haare und Nägel zurück.
Der Buddha lehrte, dass alles, dem wir ein Sein und Wirklichkeit zuschreiben, uns nur als solches und als dauerhaft und fest erscheint, weil wir uns an diese Sichtweise und Zuschreibung seit Langem gewöhnt haben und diese selektive Sichtweise mit Gedanken und Worten immer wieder festhalten. So ist es auch mit unserem Körper. Dauerhaftes Festhalten an Körper, Ich und Welt erzeugt die Illusion einer scheinbar dauerhaften Existenz, die vollkommen illusionär ist. So heißt es in einem Sutra: »Mit dem Denken erscheinen die Myriaden von Welten, wenn das Denken aufhört, so verschwinden diese.«
So erscheinen alle Welten für einen Buddha als sein eigener Geist und als sein eigenes Licht und reine Energie, für jene aber, die noch im Denken und Wünschen befangen sind, erscheinen sie als eine eigenständige Wirklichkeit, als Körper, Ich und Welt, als Gott und Teufel, als Leben und Tod, als ein Etwas oder als drohende Vernichtung, als zu Begehrendes oder zu Fürchtendes, als Fremdes, Gewaltiges und Übermächtiges. Bis endlich ein jedes Wesen Buddha wird, indem es wieder zu sich kommt und erwacht, werden leider noch viel nichtluzide, von Ignoranz und den Störgefühlen bestimmte Träume erlebt werden, doch sie alle sind vergänglich und ohne wirkliche Substanz.
Das aber, was wirklich ist, ist von selbst wirklich und damit beständig, und was nur zugeschriebene Wirklichkeit besitzt, muss immer neu gedacht, behauptet und geglaubt werden; und es verschwindet augenblicklich, wenn man nicht daran denkt. So ist es zum Beispiel mit allen Gedanken und Vorstellungen von uns selbst. Wir denken etwas, und im selben Augenblick löst es sich auf, denn es hat keine Wirklichkeit.
Vergänglich sind alle Träume von Welt und Mensch, von Dämonen und von Gott – Träume, in denen der Sinnende den Sinn sucht, Geist den Geist begehrt und hasst und verblendetes Denken, immer zwischen eingebildeten Gegensätzen kreisend, seine eigenen Schöpfungen für wirklich haltend, das Rad des Lebens antreibt und sich in immer neuen Gestalten verkörpert.

Alle Dinge, Gefühle und Gedanken sind ohne Zweifel vergänglich, nicht verlässlich, und so erweisen sich all unsre Bemühungen im Lebenstraum, diese zu erwerben und festzuhalten, als vergeblich und werden von der Gewissheit unseres Todes als dem sicheren Ende dieses Traums immer kontrastiert und infrage gestellt.
Vergeblich sind unsere Bemühungen um Ansehen und Anerkennung, mühsam ist es, Besitz zu erwerben, eine Stellung zu erreichen und zu halten – mühsam wie das Mühen des Sisyphos, der dazu verdammt ist, immer wieder einen Felsen den Berg hinaufzuwälzen. Oben angelangt, versucht er, diesen festzuhalten, um gleich darauf mit ansehen zu müssen, wie er ihm entgleitet und wieder den Berg hinabrollt.
Das Hinaufwälzen und Festhalten ist voller Mühen, das Hinabrollen und Im-Talgrund-zur-Ruhe-Kommen aber völlig mühelos, denn es folgt der Natur der Dinge. Das gibt uns also zu denken über Vanitas und Wahn, über Schein und Sein und über das Vergebliche und Verblendete oder Sinnvolle in unserem Tun und Streben. Alles, was angehäuft wurde, wird wieder zerstreut. Was sich getroffen hat und eine Zeit lang unzertrennlich schien, geht wieder auseinander.
Wir treffen uns hier, um gemeinsam zu praktizieren; und ein paar Stunden später ist der Raum, wo wir zusammen waren, wieder leer. Und so ist es mit allen Dingen und Situationen. Nichts davon bleibt – alles ist vergänglich.
Die Ursachen von Leid und Glück im eigenen Geist erkennend, stellt sich Sisyphos nicht mehr gegen die Vergänglichkeit und den Tod und damit gegen das göttliche Gesetz. Er lässt alles los, an dem er mühevoll festgehalten hat, und läuft irgendwann nicht mehr flüchtigen Erscheinungen hinterher wie ein Narr.
Hermann Hesse schreibt in einer seiner Erzählungen, es sei alles so einfach. Die ganze Kunst sei, sich fallen zu lassen! Habe man das einmal getan, habe man einmal sich dahingegeben, sich anheimgestellt, sich ergeben, einmal auf alle Stützen und jeden festen Boden unter sich verzichtet, höre man ganz und gar nur noch auf den Führer im eigenen Herzen, dann sei alles gewonnen, dann sei alles gut, man habe keine Angst mehr, es bestehe keine Gefahr mehr.
Eine wunderbare Stelle, die genau den Kernpunkt beschreibt: Wenn wir selbst nichts mehr festhalten, dann ist alles befreit.
Dann ist der Fluch und auch das schwere Schicksal des Menschen »Sisyphos« aufgehoben, die nur in der eigenen Anhaftung bestanden.
Das Leben erscheint ihm nun auch öfter wie ein Traum und leicht – er träumt, dass er träumt; und sich beim Träumen beobachtend, erkennt er, dass alles, was ihn scheinbar hemmte, band und zwang, immer nur sein eigenes Denken, sein Widerstand und Begehren oder dessen Folge war. Er kommt zur Ruhe und irrt nicht mehr dahin in den Gängen des Labyrinths des Denkens, in seinem unbewussten Lebenstraum Vergnügen suchend und dem Leid entfliehend. Er tritt hinaus in die frische Luft der offenen Weite, und gleichsam über sich schwebend schaut er den Spielplan des Lebens. Das Labyrinth in seiner Gesamtheit schaut er dann in sich selbst, und schauend versteht er, wie eines aus dem anderen folgte und wo der Anfang und der Ausgang aus dem Labyrinth des eigenen Denkens sind und dass das torlose Tor zur Freiheit immer offen steht.
Alle Gedanken kommen aus dem Zustand des Nicht-Denkens, dem Ungeborenen, so erkennt er; und zu guter Letzt über alles Denken und Glauben, über jede Vorstellung hinausgehend, erfährt er alle scheinbaren Gegensatzpaare des Spiels, wie Leben und Tod, Ordnung und Chaos, Selbst und Welt, Schein und Sein und alle anderen dualistischen Konzepte und Wahrnehmungen als immer schon aufgehoben, immer schon vereint und erlöst in der alles umfassenden Weite des eigenen ungeborenen, unsterblichen Gewahrseins.
Wenn uns durch exzellente Belehrungen über das Wesen der absoluten Wirklichkeit des Geistes und der relativen Wirklichkeit seiner Wahrnehmungen, wie zum Beispiel die des Buddha Padmasambhava im Tibetischen Totenbuch oder die in buddhistischen Schriften wie dem Lankavatara-Sutra oder dem Diamant-Sutra und in Dzogchen-Texten wie dem Drönma Drug, den »Sechs Leuchten«, immer klarer wird, dass alles Erfahrbare, die Projektion, die Vorstellung des eigenen Geistes ist, so lösen sich all unsere Erwartungen, Erkenntnis, Liebe, Glück, Beständigkeit und Sicherheit im Außen auf, und wir erfahren den unaussprechlichen Sinn dieser Lehren in der Stille der Meditation.
Durch häufige Übung erlangen wir Vertrautheit mit unserem ursprünglichen Zustand; und heimgekehrt in uns selbst, wieder zur Ruhe gekommen im leeren Gewahrsein aller Buddhas, genießen wir die Fülle der Qualitäten des erleuchteten Geistes, und nichts und niemand kann sie uns mehr nehmen. Erst wenn wir völlige Luzidität erlangen, können wir inmitten der Fülle unserer Visionen frei von Selbstverblendung leben. Frei von Störgefühlen, frei von unnötigen Anstrengungen und frei von Leiden. Frei von dualistischen Gedanken sind wir glücklich, denn wir erfahren uns als eins mit allem und alles als eins mit uns.
Das ist der Erfahrungsmodus eines Buddha, eines völlig erwachten Wesens. Das ist der höchste Level von Lebenskunst und Sterbekunst, und alle Kunst und jede Methode können dann vergessen werden.

Ein altes chinesisches Zen-Gedicht sagt: »Das Wort des Buddha hilft uns, des Denkens Raum zu überqueren. Ist still geworden der Gedanken Spiel, was braucht es dann noch des Buddha Lehren?«
Wenn wir glücklich sind, ohne glücklich sein zu wollen, wenn wir nichts anderes mehr wollen als das, was wir bereits haben. Nichts anderes mehr werden wollen als das, was wir bereits sind.
Zurückgekehrt zum Urzustand des Geistes, luzide, wie vor dem Fall in die projektive Fehlwahrnehmung, sind wir eins mit der Wahrheit, eins mit Gott. Und alles Gute in uns selbst besitzend, verstehen wir nicht mehr, wie wir auf das Zukunftsversprechen der Schlange im Paradies, »Ihr werdet sein wie Gott und Gutes und Böses erkennen«, dieses falsche Versprechen, das uns ins Werden und damit in die Illusion einer linearen Zeit und in den zwanghaften Prozess dualistischen Denkens und Werdens geführt hat, jemals hören konnten. Auch dies ist eine gleichnishafte Szene und ein starkes Bild dafür, wie wir in den nichtluziden Modus der Fehlwahrnehmungen geraten sind.
Die Dzogchen-Lehren zu diesem Thema sind außerordentlich detailliert, und wir werden hier immer wieder davon sprechen, denn nicht nur am Anfang unseres persönlichen »Geistesstroms« vor vielen, vielen Leben, sondern am Ende jeder Verkörperung geschieht dieser »Fall«, dieser Verlust der Luzidität erneut, und er geschieht nicht nur dann, sondern in jedem Augenblick, wenn wir auf die uns spontan begegnenden Erscheinungen mit dualistischer Konzeptualisierung und mit widerstreitenden, neurotischen Gefühlen reagieren.
Deshalb: »Lasst uns über alle Vorstellungen hinausgehen, darüber hinaus und noch jenseits des Darüberhinaus und völlig erwachen. So sei es!«
Gate Gate Parasamgate Bodhi Svaha!

Mit diesen Worten am Ende des Herz-Sutras, welches viele Male am Tag in jedem Zen-Kloster rezitiert wird, bekräftigen wir unsere Motivation zum Wohl aller Wesen, die vollkommene Erleuchtung zu realisieren, um so fähig zu werden, allen Wesen zu ihrer ursprünglichen Freiheit zu verhelfen, wissend, dass sie im Grunde bereits frei und erleuchtet sind!

3
Der Vergänglichkeit aller Erscheinungen gewahr werden
Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell unendlichen Leids – und ein Quell unendlichen Trostes.
Marie von Ebner-Eschenbach
The golden leafs, that jewell the ground,they know the art of dying,they leave with joy their glad gold hearts,in the silent shadow lying.
The Incredible String Band
Wer sich der Vergänglichkeit gewahr wird, dem schwindet aller Lebensdurst dahin.
Tantra der Vereinigung von Sonne und Mond
Von allen Spuren ist die des Elefanten die größte. Von allen Achtsamkeitsmeditationen ist die, der Vergänglichkeit gewahr zu sein, die höchste.
Buddha Shakyamuni
Woran der eine leidet, weil es seiner Anhaftung und seinem Streben zuwiderläuft, das ist dem anderen Anlass zur Freude und ein ständiger Garant der sicheren Erlösung alles Seienden.
Möchten wir nicht alle, dass etwas für uns Schmerzliches möglichst schnell vorübergeht, und sind wir dann nicht froh über Vergänglichkeit; und wer wünschte sich nicht, dass ein glückliches Erleben länger dauern möge und dass uns Abschied, Verlust und Tod noch lange nicht ereilen?

Alle Wesen fliehen das Unangenehme und wollen es nach Möglichkeit nicht mehr erleben, und sie suchen das Angenehme und wollen es immer wieder erleben und wiederholen.
Das ist auch aus der Verhaltensforschung gut bekannt, und der Mensch reagiert hier nicht anders als alle anderen fühlenden Wesen. Genau das verbindet uns, und dieses Fühlen und Sich-Hinfühlen an das Glück als optimaler Erlebensmodus ist die Basis für alles Mitgefühl und für alles aus der Empathie wachsende Verstehen des Sinns.
Die Verdrängung der Vergänglichkeit kontrastierend, ja, die Vergänglichkeit als Lehrer in der Lebenskunst des Nicht-Verweilens und als sublime, von allem Angenommenen befreiende Tröstung erkennend, nimmt der Mensch, der sich geistiger Einsicht und Selbsterkenntnis öffnet, den »Bruder Tod« als ständigen Wegbegleiter an. Ohne einen vorzeitigen Tod zu suchen, stellt er sich der Herausforderung, der Entmachtung des Egos in der Krankheit und akzeptiert das Altern und die Schwächung des Körpers in der letzten Lebensphase, und er reift durch sie.
Der Vergänglichkeit und der Vanitas aller Erscheinungen gewahr, können wir uns gewiss sein, dass es, wie in den Worten des Ave Maria so wunderbar ausgedrückt, in dieser Welt nur zwei Momente gibt, die uns sicher sind: »das Jetzt« und »die Stunde unseres Todes« – nunc et hora mortis nostrae. Genau jetzt, in diesem präzisen, ewigen Augenblick reinen Gewahrseins, sind Leben und Tod eins, sind Form und Formlosigkeit eins, wenn wir in nichts verweilen.
In etwas zu verweilen ist Evasion, ist Erinnerung oder Erwartung und Festhalten an der fixen Idee von etwas Bleibendem in einer fließenden Welt, die uns in jedem Augenblick entschwindet und ihre Vergänglichkeit beweist. Als menschliche Wesen fühlen wir eine ungreifbare Unzufriedenheit und Unsicherheit in uns, die daher rührt, dass wir nicht wirklich wissen, was und wer wir sind.
Natürlich zeigen wir unsere Unsicherheit nicht gern, lassen es nicht gern an die Oberfläche kommen oder sich äußern, aber es nagt an uns, denn wir fühlen, dass wir unserem Selbstbild nicht trauen können, ist es doch recht zerbrechlich und muss mühsam gegen Selbstzweifel und Kritik von außen geschützt werden. Wir spüren, dass diese Vorstellung von uns selbst etwas sehr Ephemeres ist – etwas Konstruiertes, das immer bedroht ist von Auflösung. Wir erzählen uns ständig selbst, was wir sind, und unsere inneren Dialoge basieren alle auf der Annahme, dass wir etwas Besonderes sind – verschieden von der Welt und anders als die »anderen«, besser als die anderen oder auch schlechter. So oder so – es ändert nichts an unserer Grundauffassung; denn diese Vorstellung, getrennt und anders zu sein, ist die Basis unseres Selbstbewusstseins, und sie ist der Grund für unser Ichgefühl und seine inhärente Unruhe.
Die Überzeugung, ein abgetrenntes Ich zu sein, wird ausgeschmückt, gestärkt und genährt von falschen Identitäten oder Selbstvorstellungen wie »Ich bin … so und so« oder »Nein … so und so bin ich nicht«. Was immer wir von uns glauben, die Meinung, die wir von uns selbst und unserer Geschichte haben und bewahren, sehen wir in wunderbarer Weise auch von unserer Umgebung bestätigt. Unsere Ausstrahlung oder Projektion strahlt zurück auf uns selbst. Auch ist unsere Konstruktion verknüpft mit der Vorstellung, die sich unsere Eltern und andere uns prägende Personen über uns gebildet, geäußert oder nicht, und bewusst oder unbewusst, in grober oder subliminaler Form auf uns übertragen haben. Es ist deshalb ein schwieriges Unterfangen und eine große Herausforderung, die Illusion des eigenen Ichs und seiner Überzeugungen und Glaubenssätze zu dekonstruieren. Immer wenn wir »über uns selbst« nachdenken, wird unser Ich aufgeladen; und jeder dieser selbstbezogenen Gedanken ist wie ein neuer Stein, der, ob wir es bewusst tun oder unbewusst, unser illusorisches Selbstbild untermauert.
Aber gleichzeitig ist in uns der berechtigte Verdacht, dass diese Konstruktion sehr zerbrechlich ist. Wir identifizieren uns gewohnheitsmäßig und ganz selbstverständlich mit den fünf Komponenten oder »Skhandas« unseres Erlebens, das heißt also mit unserem Körper, unseren Empfindungen, unseren Gedanken, mit dem, was wir mögen und nicht mögen oder wollen, und mit dem Bewusstsein, das diese Erlebnisse verarbeitet. Hierbei ergreifen wir vor allem unser Denkbewusstsein, obwohl es selbst ja nur eine Wahrnehmung ist, fälschlicherweise als den Wahrnehmenden. Dieser Wahrnehmende sagt: »Ich habe das so oder so empfunden.« Dieses Ich sagt: »Ich finde das gut.« Oder: »Ich finde das nicht gut, weil …« Und so weiter.
Nun wird die Identifikation mit dem Körper belastend und erzeugt Leid, wenn wir eine schiefe Nase haben oder wenn wir altern und unser Bild im Spiegel immer mehr Falten bekommt, während unsere Identifikation mit Vorstellungen belastend und anstrengend, ja beängstigend und leidvoll wird, wenn diese infrage gestellt oder kritisiert werden. Das Leben arbeitet mit seiner Vergänglichkeit immer daran, uns zu enttäuschen und uns jeden falschen Halt zu nehmen. Und unsere innere Weisheit, die nicht zulässt, dass wir uns selbst betrügen, und die uns nicht erlaubt, in Lüge und Unwahrheit oder falschem Handeln Ruhe zu finden, zeigt uns mit Unzufriedenheit und seelischer Unruhe, dass etwas in uns nicht stimmt und nicht mit dem »Sinn«, dem »Tao« in Einklang ist. Auf diese Unzufriedenheit über das eigene Leben oder »Dukkha« können wir reagieren. Wir können sie verdrängen und versuchen, sie mit mehr Aktivitäten und Zerstreuungen zu überdecken, und damit vor uns selbst fliehen. Doch dadurch wird die Spannung der Grundangst eher verstärkt. Je mehr man verdrängt und sich verteidigt, umso dicker ist der Panzer, in dem man sich eingeschlossen wähnt, und umso größer die Verletzlichkeit und Angreifbarkeit.
»Fliehe den furchtbaren Herrn des Todes nicht, sondern erkenne, dass er deine eigene Vorstellung ist – er ist nur deine eigene Projektion. Niemand kann dir schaden, denn Leerheit und Offenheit ist deine wirkliche Natur, und diese Leerheit und Offenheit ist dein bester Schutz.« So lehrt Padmasambhava im sogenannten Tibetischen Totenbuch, das recht eigentlich ein Buch der höchsten Lebensweisheit ist. Seine Instruktionen sind in allen Erlebnisformen des Geistes gleichermaßen gültig und befreiend, denn alles, was erfahrbar ist, das ist wandelbar, ist leere Vision. Und ob sie uns bindet oder nicht, liegt im Grunde ganz bei uns. Wenn wir glauben, dass etwas existiert, dann ist es für uns wirklich und wirksam.
Wenn wir an etwas festhalten und darauf bestehen, kann niemand es uns nehmen. Wenn wir es loslassen, kann niemand es mehr halten und darauf bestehen.
Nun ist eine andere, durchaus förderliche Art mit dieser Unzufriedenheit, mit diesem nagenden Zweifel, mit dieser Fragwürdigkeit von allem umzugehen, sie nicht zu fliehen, sondern sie anzunehmen und eins zu werden mit der Sinnfrage. Damit fliehen wir nicht mehr vor unserem höheren Selbst und kreisen an der Peripherie gedanklich um uns selbst, mit einem oberflächlichen, unbewussten Spiel von Frage und Antwort beschäftigt. Sondern uns selbst und alles bereitwillig infrage stellend, können wir uns dem zentrifugalen Sog einer objekt- und antwortlosen Kognitivität hingeben, einem Feuer reinen Erkennens, das alle Gegenstände zerstört und alle Projektionen in seine Quelle, in das gestaltlose Licht des Geistes zurückführt.
Uns selbst infrage zu stellen mit den Worten »Wer bin ich?« lockert den Knoten des »Selbstbilds«, befreit uns von einschränkenden Konstrukten und falschen Sicherheiten und führt uns direkt zurück zum reinen Gewahrsein, zu unserem wahren, selbstlosen Selbst zurück. Dieser Weg zur Verwirklichung und Luzidität ist nichts Neues und auch keine Theorie unter vielen. Es ist der Weg, der aus der unbewussten, instinktiven Projektion direkt zurück zum Projektor führt.
Bleibt unser Blick nach außen gerichtet, so hat unser Suchen und Forschen kein Ende, denn das Licht erschafft immer neue Träume, beleuchtet immer neue Gegenstände. Nur wenn wir das Licht der Aufmerksamkeit zurückwenden auf uns selbst, entdecken wir den Schöpfer aller Dinge, und all unser Suchen ist zu Ende.
Der Ursprung des Universums ist nicht außen, die Welt entsteht hier in diesem Augenblick im eigenen Geist, und wie es in der Tabula Smaragdina heißt, ist alles eins, und durch das Denken des einen ist alles entstanden.
Buddha hat diesen Weg der Selbsterkenntnis durch Selbsterforschung selbst beschritten und nach seiner Erleuchtung gelehrt, welcher uns das eigene Selbst als leer, als ichlos und frei von jeder Form erkennen lässt. Zahllose Wesen haben auf ihm bereits völlige Erleuchtung und Befreiung vom Leid verwirklicht.
Im Anenjasappāya-Sutta heißt es: »Die edle Befreiung ist das Aufhören von Verlangen und Anhaftung. Diese ist frei vom Tod – sie ist die Befreiung des Geistes durch Nicht-Anhaften.« Wenn man die unterbewussten Tendenzen, die zur falschen Annahme eines Ichs verleiten, völlig auflöst – also alle und jegliche Konzepte des »Ich bin« –, dann gibt es auch »niemanden« mehr, der sterben könnte. Dieses Aufhören der »Ströme des begrifflichen Nachdenkens« über das eigene, vorgestellte Ich und der daraus resultierende Friede, der leer ist von Geburt, von Alter und Tod, wird vom Buddha im Dhatuvibhanga-Sutta erklärt:
»Zur Ruhe ist einer gekommen, wenn die Wellen konzeptuellen Denkens sich gelegt haben; und wenn dieses begriffliche Denken in ihm aufgehört hat, wird einer ein Weiser genannt, der Frieden gefunden hat. Warum hat dieser Frieden gefunden, und von was ist er frei? Ihr Mönche – ein solcher ist frei von der Vorstellung ›Ich bin‹, er ist frei von der Vorstellung ›Ich werde sein‹, er ist frei von der Vorstellung ›Ich werde nicht sein‹. Er ist frei von der Vorstellung ›Ich werde eine Form haben‹, ›Ich werde formlos sein‹, ›Ich werde wahrnehmen‹, ›Ich werde nichts mehr wahrnehmen‹, ›Ich werde weder etwas wahrnehmen noch nichts wahrnehmen‹ – denn auch das ist eine Vorstellung. Vorstellung ist eine Krankheit, Vorstellung ist wie ein Cancer, Vorstellung ist wie ein Pfeil, der verwundet. Wenn ein Mensch jenseits allen Vorstellens und begrifflichen Erfassens geht, so wird er zu einem Weisen, der Frieden erlangt hat. Ein solcher Weiser im Frieden wird weder geboren, noch altert er, noch stirbt er.
Er wird von nichts beunruhigt und er ist frei von Verlangen. Deshalb hat er keine Ursache, keinen Beweggrund, geboren zu werden.
Weil er nicht geboren wird, wie könnte er altern? Weil er nicht altert, wie könnte er sterben?
Nicht sterbend, unsterblich, was könnte ihn beunruhigen? Von nichts beunruhigt – wie könnte Verlangen in ihm entstehen?«
Hier zeigt der Buddha auf den Geisteszustand eines Menschen, der endgültigen Frieden erlangt hat. Und wir können daran ablesen, ob wir selbst für solchen Frieden schon bereit wären oder wo und wie wir noch an Vorstellungen und Dingen festhalten und unsere Unruhe damit selbst bewirken.
Hinter der Maske unserer sterblichen »Persona« steht der, der durch sie hindurchschaut, durch sie hindurchspricht, der, der sie tragen oder fallen lassen kann. Denn das kleine Selbst ist nichts als die Gestalt und Vorstellung, die wir von uns selbst haben, und es definiert sich durch die verschiedenen Rollen, die wir im Leben spielen. Wenn wir an diesen festhalten, erleben wir uns als sterblich und als beunruhigt – wenn wir sie loslassen, als unsterblich und in Frieden.
Nun wird diese falsche Identifikation mit unserer Person oder den fünf Skhandas vor allem durch ihre Vergänglichkeit und durch den Tod immer wieder heilsam infrage gestellt. Der große Zen-Meister Hakuin Zenji empfahl seinen Schülern deshalb: »Heftet dieses eine Wort ›Tod‹ zwischen eure Augenbrauen, und behaltet es Tag und Nacht im Sinn. Egal, ob ihr steht, sitzt oder liegt, fragt euch ständig: ›Was bin ich, wenn mein Körper tot und verbrannt ist?‹«
»Was bleibt von mir, was bleibt von diesem Leben?«, so fragt sich wohl jeder, der mit seinem baldigen Tod konfrontiert ist und damit, Abschied nehmen zu müssen. Hakuin empfiehlt uns, auch diese Frage nicht zu verdrängen, sondern direkt in sie hineinzugehen und völlig eins mit ihr zu werden. Er schreibt weiter: »Diese Frage wird euch als Schlüssel zu jener Dimension dienen, wo ihr frei von Geburt und Tod seid und wo ihr, wie der unzerstörbare Diamant, nicht alternd und niemals sterbend euer ungeborenes, unsterbliches Vajra-Wesen erkennt.«
Damit wirklich ein tiefer Wunsch in uns entsteht zu praktizieren, um den instinktiven Kreislauf des Denkens und damit den zwanghaften Kreislauf vom Geborenwerden und vom Sterbenmüssen zu überschreiten, müssen wir die vergängliche Natur des Lebens wirklich an uns heranlassen und realisieren, dass der Freund, dem wir gestern noch die Hand geschüttelt haben, vielleicht morgen schon tot ist – wie viele andere unserer Bekannten auch – und dass es für uns selbst natürlich nicht anders ist, insofern es keinerlei echte Garantie gibt, nur eine eingebildete und erhoffte, dass wir selbst noch lange leben werden.
Die Augenblicke, in denen wir angerührt sind vom Tod und uns die eigene Sterblichkeit bewusst wird, sind ein kostbarer Stimulus, um das Ausmaß unserer Anhaftung an banale Zerstreuungen und Zeitvertreibe zu erkennen und infrage zu stellen. Die Geistesschulung, egal, ob christlich, hinduistisch oder buddhistisch, verlangt von den Übenden, aller verdrängten Ängste und Anhaftungen, aller Gedanken und Gefühle durch die fortgesetzte Pflege von Geistesruhe, Wachheit und Selbstbeobachtung gewahr zu werden. Wenn wir sie direkt anschauen, können wir sie als das erkennen, was sie sind, und uns von unheilsamen karmischen Spuren und Gewohnheitstendenzen reinigen.
Alles Unbewusste kann, wie sonst nur post mortem möglich, bereits jetzt hervorkommen und jede Erfahrung, ob als Freude oder als Leid empfunden, wird uns zum Brennstoff, um das heilige Feuer des reinen Gewahrseins zu nähren.
Wenn wir lernen, allen Erfahrungen mit Gleichmut zu begegnen, ohne das eine festzuhalten und das andere zu verdrängen, erkennen wir deutlicher die wahre Natur aller Erscheinungen als die Untrennbarkeit von Form und Leere. Alle Phänomene sind gleichermaßen reine Energie – der Stoff, aus dem alle Träume sind, und schön und hässlich, angenehm und unangenehm sind nur Zuschreibungen gewesen, die der unterscheidende Verstand sich selbst gemacht hat.
Betrachten wir sie frei vom begrifflichen Denken, haben alle Dinge, scheinbar so verschieden, denselben Sinn und denselben Geschmack von Klarheit, Seligkeit und Leerheit. Es ist der Geschmack der unbegrenzten, undefinierbaren Freiheit aller Dinge und des Geistes.

Der Mensch, der den Tod verdrängt und dem die Kostbarkeit und Begrenztheit seiner Lebenszeit deshalb nicht bewusst sind, hat meistens die Neigung dahinzuleben, als würde er ewig leben. Der Buddha hat deshalb empfohlen, sich der eigenen Sterblichkeit täglich mehrmals zu erinnern, um den daraus entstehenden Impetus für die Praxis zu nutzen.
Die ruhige, nichturteilende Achtsamkeit auf die »vergänglichen Natur« all unserer Erfahrungen, anicca, in jedem Augenblick neu und frisch, ist die grundlegende Praxis des Vipassana, die uns durch direkte Wahrnehmung aus der konzeptuellen Fantasiewelt eigener Erwartungen und Befürchtungen zurückführt in die Wirklichkeit des ewigen Jetzt. Deshalb sagte der Buddha: »Von allen Spuren ist die des Elefanten die größte. Von allen Achtsamkeitsmeditationen ist die, der Vergänglichkeit gewahr zu sein, die höchste.«
Nach Buddhagosha, dem Verfasser des Vishuddhimagga, des »Pfads der Reinheit«, gibt es nur zwei meditative Praktiken, die jederzeit, überall und in den verschiedensten Situationen der inneren Entfaltung förderlich sind. Diese sind erstens die Kultivierung des unendlichen Wohlwollens für alle Wesen durch den Gedanken »Mögen alle Wesen glücklich sein« und zweitens das Gewahrsein der Vergänglichkeit und die Erinnerung des Todes. Auch wenn dies dem normal weltlichen Empfinden zuwiderläuft, oder besser gerade deswegen, verhilft uns die wache Achtsamkeit auf das, was gerade ist, dazu, in jedem Augenblick präsent und lebendig zu sein und nicht in einer eingebildeten, konzeptuellen Vergangenheit oder Zukunft zu leben.
Wenn wir uns betrachtend und kontemplativ mit Vergänglichkeit sowie mit dem Prozess des Sterbens und dem Postmortem vertraut machen, so tun wir dies mit einer Achtsamkeit, die aller dabei aufsteigenden Emotionen, auch der Angst zu sterben, gewahr ist und können dadurch immer tiefere Schichten des Unbewussten erkunden und belichten. Wir verstehen daraus, dass das Beängstigende eigentlich nicht das Sterben und der Tod ist, sondern die falsche Vorstellung, die wir davon haben. Indem wir uns bewusst in das Szenario des Sterbens versetzen, können wir experimentell die Angst vor Kontrollverlust und vor dem Unbekannten kontaktieren und zulassen und gleichzeitig erfahren, dass der Spiegel unseres Gewahrseins von jeder Erfahrung unverändert bleibt. Wir entdecken unsere Unsterblichkeit, wenn wir unser Sterben und Geborenwerden beobachten. Der tibetische Buddhismus hat die therapeutische Technik der Exposition im Rahmen von Fantasiereisen und kreativer Visualisationen bereits mehr als tausend Jahre vor deren Wiederentdeckung in der modernen Psychotherapie angewandt.
Ein anderes Beispiel hierfür ist die selten geübte, vorbereitende Dzogchen-Übung des »äußeren Ru-shän«, bei der wir uns in einer längeren Klausur imaginativ nacheinander in die Lebens- und Leidenssituationen der Wesen in der Menschenwelt, Götterwelt, Tierwelt, in die der hungrigen Geister und der Wesen in der paranoiden Erlebniswelt der Hölle hineinversetzen. Wir können dabei die karmischen Spuren dieser Erlebnisse aus vielen Reinkarnationen aus unserem Unterbewusstsein nach oben bringen und spontan ausagieren. Diese Erfahrungsspuren sind in feinstofflicher, energetischer Form in unseren Chakras gespeichert.
Indem wir gleichzeitig luzide bleibend erkennen, dass wir wie ein Spiegel von seinen Reflexionen von all diesen Erfahrungen immer frei sind und waren, reinigen wir uns von diesen Spuren durch authentische Selbsterkenntnis, und wir vertiefen gleichzeitig unser Mitgefühl mit allen Wesen der sechs Bereiche.
Es ist der Gedanke an den Tod, der uns an die Kostbarkeit dieses Lebens erinnert und mit Dringlichkeit ermahnt, im gegenwärtigen Augenblick voll bewusst zu leben und zu handeln. Es ist der Gedanke, dass wir morgen bereits tot sein können, der die nach außen gerichteten Triebkräfte des Egos kontrastiert und die Rückwendung auf unser unvergängliches, betrachtendes Gewahrsein inspiriert. Longchenpa rät uns deshalb: »Selbst wenn du nun das, was so schwer zu erlangen ist, nämlich diese menschliche Geburt, endlich gefunden hast – auch dieses Leben wird nicht lange dauern und kann jederzeit plötzlich zu Ende sein. Und weil du dem, was wie eine Luftblase ist, nicht vertrauen kannst – erinnere dich Tag und Nacht an die Gewissheit deines Todes!«

Da wir geneigt sind, den Tod zu verdrängen und die Praxis gern auf morgen verschieben, empfiehlt uns die buddhistische Geistesschulung, jeden Tag mit einem kurzen Resümee der folgenden Punkte zu beginnen. Wenn wir sie präzise drücken, schmerzt es etwas, aber sie versetzen uns in eine realistische Perspektive und frische Geistesgegenwart, die eine gute Grundlage für einen neuen Tag in intensiver, heilsamer Praxis der Achtsamkeit und Luzidität bildet:
Es ist unvermeidlich, dass dieser Körper sterben wird und ich ihn verlassen muss.
Die mir gegebene Lebenszeit wird täglich und stündlich geringer.
Die Zeit, die mir noch zur Selbstentwicklung zur Verfügung steht, ist begrenzt.
Wann meine Todesstunde kommt, ist ungewiss, wo es sein wird und wie und durch was der Tod verursacht wird, ist unsicher. Aber dass er kommt, ist sicher.
Es gibt viele Ursachen, die zum Tod führen können, denn der menschliche Körper ist sehr anfällig und verletzlich.
Nur das, was ich durch die Schulung und Reinigung meines Geistes realisiert habe, kann mir im Tod und im Postmortem helfen.
All mein Geld und Besitz und alle äußeren Mittel und Objekte können mir dann nicht helfen. Im Gegenteil, ich will mich frühzeitig von ihnen lösen, um nicht von meinem Haften daran im Sterben irritiert und herabgezogen zu werden.
Nur unsere Taten folgen uns nach. Deshalb will ich mich heute in der Ansammlung von Weisheit durch Studium und Meditation und in der Ansammlung von Verdiensten durch heilsame Gedanken, Worte und altruistische Handlungen üben.
Freunde und Angehörige können mir in der Todesstunde nicht helfen. In der Gegenwart meines wahren Selbst will ich eute leben und mich unzerstreut und liebevoll auf die unvergängliche Zuflucht, die Quelle des Segens und der Erleuchtung, den »Herrn des großen Mitgefühls« ausrichten.
»In deine Hände lege ich meinen Geist« – das sei mein letzter, liebevoller Gedanke im Augenblick des Todes; und mit der letzten Ausatmung will ich in seiner Gegenwart sein und aus dem Traum dieses und aller anderen Leben endgültig erwachen!
So oder ähnlich sind die heilsamen, ernüchternden Betrachtungen, die uns von der prekären Anhaftung an vergängliche Erfahrung heilen und unserem Streben nach Selbsterkenntnis und bleibendem Glück die Richtung weisen können.
Eine klare, vor dem Tod schon kultivierte Richtung, wohin wir nach diesem Leben gehen wollen, ist wichtig. Anderenfalls sind wir wie Reisende auf einem Bahnhof, die vergessen haben, wohin sie fahren wollten. Sie werden folglich einem spontanen Einfall oder der Anregung eines Mitreisenden, sprich, sie werden ihren früheren Prägungen folgen, genau wie in einem nichtluziden Traum.
Longchen Rabjam lädt uns ein, nachdem er die idealen Umstände einer Eremitage inmitten der Natur beschrieben hat, wo unser Geist zur Ruhe kommen kann, zunächst die Wandlungen in unserer Umgebung zu beobachten und Anlass für weitere Realisationen der Vergänglichkeit werden zu lassen. Er schreibt: »Nachdem du dir deinen Sitz bereitet, ihn eingenommen hast und zur Ruhe gekommen bist, beobachte das Knospen, Blühen, Reifen, Welken, das Herabfallen und die Auflösung der Blätter der Bäume um dich herum, und realisiere, dass auch dein Körper, deine Jugend, die Sinne und alles Erworbene sich ständig ändern und hinfällig sind. Wie die Blätter sich trennen vom Baum, so werden auch deine Freunde, Feinde und dein Körper und alles, woran du hängst, unaufhaltsam von dir abfallen und verloren gehen. Siehst du ausgetrocknete Lotosteiche, so realisiere, dass alle Objekte des Begehrens, dass Reichtum und Wohlstand sich wandeln und alles, was angesammelt wurde, wieder zerstreut wird. Die Stunden, Tage, Monate und Jahreszeiten vergehen ohne Halt, und wie diese Frühlingsblumen, so vergeht auch dein blühender Körper. Ihre jugendliche Erscheinung verwelkt, und der Herr des Todes kommt bestimmt. Und so, wie reife Früchte herabfallen, so sterben Junge und Alte, wenn ihre Zeit gekommen ist. Der Zeitpunkt des Todes ist nicht sicher, doch sicher ist es, dass alles, was geboren wurde, sterben muss. Siehst du die Spiegelungen der Dinge auf einer ruhigen Wasserfläche, so realisiere, dass alle Phänomene zwar erscheinen und doch, wie diese Spiegelungen, keine greifbare Existenz, keine eigene Wirklichkeit besitzen.«

Wenn wir die Vorgänge und Wandlungen in den Erscheinungen der Natur beobachten, so wird uns dieses ständige Werden und Vergehen immer deutlicher erlebbar. Und wenn wir uns Zeit nehmen und ruhig und entspannt sitzend, achtsam, der Bewegungen unseres Atems, der Körperempfindungen, der Gefühle und des Fließens unserer Gedanken gewahr werden, erlangen wir eine unmittelbare Erkenntnis der Natur all dieser Phänomene. Durch reine, unvoreingenommene Beobachtung erkennen wir: Alles ist vergänglich. Das Panta rhei des Heraklit, das »Alles fließt«, ist ein einfaches Resümee dieser empirischen Beobachtung. Werden und Vergehen sind die Wellenbewegung dieses Stroms des Lebens. Eine Welle oder Erscheinung formt sich und sinkt wieder ins Formlose zurück. Das, was Form annimmt, ist Energie, der Atem des Lebens; und wenn sie sich auflöst, kehrt diese geformte Energie wieder zurück in das formlose Meer der Lebensenergie, in das, was die Alten mit »Chaos« meinten. Heutige Physiker nennen es das »Quantenfeld« oder die »Matrix«, und auch sie sagen, dass von dieser gesamten Energie des Universums nie etwas verloren geht. Jede Erscheinung ist ihnen eine Welle dieser Energie, die nur dann scheinbar Form annimmt, wenn sie in einem Bewusstsein erscheint. Unbeobachtet aber bleibt sie in ihrem formlosen, nicht wahrnehmbaren Zustand. Max Planck zog daraus den Schluss: »Es gibt keine Fakten, nur Interpretationen.« Mit anderen Worten: Alles erscheint so, wie es von einem spezifischen Bewusstsein und Sensorium aus wahrgenommen wird.

Diese neuesten Erkenntnisse der Quantenphysik stimmen in auffallender Weise mit dem überein, was buddhistische Texte bereits vor etwa zweitausend Jahren über das Wesen der Wirklichkeit aussagten. Im Herz-Sutra heißt es: »Form ist Leere, und Leere ist Form, mit Gefühl, Wahrnehmung, Willensregungen und Bewusstsein verhält es sich ebenso.« Es wird hier auch gelehrt, dass das eigentliche Wesen des Geistes und eines jeden Phänomens unerkennbar ist, nur die Wahrnehmung desselben ist erkennbar.
Zusammenfassend können wir sagen, dass ein Mensch, der jede Welle und Erfahrung gleichzeitig als reine, formlose Energie erkennt, ein ganzheitliches, der nichtdualen Wirklichkeit entsprechendes Verständnis besitzt. Und wer weder an Form und Idee noch an Formlosigkeit oder Leerheit haftet, der ist dieser Lehre nach wahrhaft frei.
Laotse formulierte dies im Taoteking wunderbar mit den Worten: »Verlieren und wieder verlieren – das ist der Weg des Tao.«
Niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass alle Dinge und Bewusstseinszustände vergänglich und fließend sind, das ist die offensichtliche, für jeden nachprüfbare Natur aller Phänomene. Folglich befinde ich mich in Übereinstimmung mit der Natur, wenn ich an diesen nicht anhafte und sie nicht festzuhalten versuche. Wenn ich aber an ihnen zwanghaft anhafte, so wie wir es normalerweise gewohnt sind, so handle ich in unvernünftiger Weise gegen die Natur, und Disharmonie und Leiden sind die natürliche Folge. Wenn ich diesen Fehler in meinem Verhalten erkannt habe und mich von der Gewohnheitstendenz befreit habe, ihn zu wiederholen, ja, mich stattdessen daran gewöhnt habe, an nichts zu haften, so kann auch das damit verbundene Leiden enden.

Ein Zen-Schüler fragte: »Wie kann ich Buddhaschaft erlangen?«
Der Meister antwortete: »Folge dem Strom.«
Wenn wir also an Leben und Erlebtem nicht haftend, losgelöst von allen Formen und Gedanken, die hohe Kunst verstehen, dem Leben gleich, ständig fließend in nichts zu verweilen, erreichen wir frei von Fixierung höchste Lebendigkeit, Unsterblichkeit; und selbst formlos, sind wir dann frei, alle Formen spielend anzunehmen.
Das japanische Wort für einen Zen-Mönch ist Unsui – das heißt »Wolken und Wasser«. Wer es versteht, sich ganz zu lassen, dahinströmend wie Wasser und Wolken, der bleibt in der Wahrheit und im Fluss, und Glück und Heiterkeit strömen immer neu aus dem harmonischen Einklang mit dem ewig vergänglichen Wesen der Natur, und die fließende Welt des Samsara ist für diesen wahrhaft armen Menschen, für diesen ewigen Verlierer, so, wie sie ist, das zeitlose Nirvana des In-nichts-Verweilens.
Ein jeder Tag ist neu, ein jeder Augenblick ist neu und unter jedem Schritt weht eine frische Brise. Emaho! Wunderbar!
Buddha zu sein heißt, völlig vergänglich zu sein! Der Geist, der in nichts verweilt, weder in Leerheit noch in Form, weder im Leben noch im Tod, weder im Glück noch im Unglück, weder im Samsara noch im Nirvana – das ist der erlöste Buddha-Geist.
4
Wenn wir träumen, dass wir träumen, sind wir dem Erwachen nah
Wir sind aus solchem Stoff, wie Träume sind, und unser kleines Leben ist von einem Schlaf umringt.
William Shakespeare
Verehrung sei dir, der im Erwachen zur Wahrheit alle Erscheinungen als die eigene Maya erkennt.
Ashtavakragita
Die Umgebungen und ihre Bewohner, Buddhas und fühlende Wesen, die gesamte Welt der Erscheinungen sind vom Geist geschaffen, und sie sind eins mit dem Geist.
Kungyed Gyalpo Tantra
Gott ist alles, was wirklich ist, denn er selbst schafft alle Dinge und wird in ihnen allen erschaffen.
Scotus Eriugena
Nach der Lehre des Tibetischen Totenbuchs oder Bardo Thödröl Chenmo, »der Befreiung durch Hören im Bardo«, die ein integraler Teil der Lehren des Dzogpachenpo oder »der großen Vollendung« ist, sind alle fühlenden, mit Geist begabten Wesen im Universum seit dem Anfang ihrer Kette von Reinkarnationen an verblendet durch ihre eigene Vision, die nichts anderes ist als der spontane, ununterbrochene kreative Ausdruck ihrer eigenen Lebensenergie, welche die unzerstörbare Lichtessenz der fünf Elemente ist.
»Alle Wesen sind ihrer Natur nach frei und erleuchtet«, so rezitieren wir in der Bodhicitta-Praxis, in der wir täglich mit wenigen Worten unsere Motivation bekräftigen, zum Wohle aller Wesen Erleuchtung zu erlangen, »aber betäubt von Unwissenheit und geblendet von der überwältigenden Vielfalt ihrer eigenen Erfahrungen, halten sie ihren eigenen Traum für Wirklichkeit. Und alter Gewohnheit folgend, reagieren sie auf das Erlebte mit Verlangen, Aversion und Furcht. Umhergestoßen von den acht weltlichen Winden, dem Anhaften an angenehmer Erfahrung, an Besitz, Lob und Beachtetwerden und der Aversion gegen unangenehme Erfahrung, Verlust, Kritik und Nicht-beachtet-Werden, irren sie hilflos im Kreislauf der Wiedergeburten umher; und jede Erfahrung bringt weitere Verblendung und erneutes Leid mit sich, solange unser karmisch konditionierter Geist noch daran haftet.«
Tief eingefahren sind unsere Konditionierungen und Gewohnheitsmuster, und die Geschichte unserer Verblendung und unserer Fehlwahrnehmungen im nichtluziden Modus der Wahrnehmung ist offensichtlich lang. Die Spuren all dieser Erfahrungen sind tief in unser Unterbewusstsein abgesunken und werden, dem Oberbewusstsein normalerweise unerreichbar, dort bewahrt.

Wir brauchen die instinktiven, neurotischen und selbstreferenziellen Reaktionen auf unsere Wahrnehmungen nicht zu kultivieren, denn diese sind bereits automatisch und selbstaffirmierend geworden. Von selbst steigen dualistische, selbstische Gedanken in unserem Geistesstrom Tag und Nacht ständig und normalerweise unaufhaltsam auf.
Schwierig ist es also, sehr schwierig – und der Patriarch des Zen Bodhidharma sagte, es ist die schwierigste und höchste Aufgabe eines Menschen Erleuchtung –, völlige Luzidität zu erlangen und sich von der vertrauten, aber verkehrten Sichtweise des Egos und seinen unheilsamen, eingefahrenen Reaktionsmustern zu befreien.
Die heilsamen Eigenschaften des selbstlosen, großen Selbst – wie intuitive Weisheit, Offenheit, Mitgefühl, Gleichmut, Nichtanhaften und Friede des Geistes – können dann mehr und mehr hervorkommen; und sind die zwei Schleier, nämlich des konzeptuellen Denkens und der neurotischen Störgefühle, beseitigt, so kann sich unsere Buddha-Natur, das »höchste Gute«, das »Summum Bonum« oder »Samanta-Bhadra«, wie die Sonne, wenn sie hinter dichten Wolken hervorkommt, wieder in absichtslosen und selbstlosen Handlungen zum Wohl aller Wesen manifestieren.
In der luziden Wahrnehmung gibt es keinen Stand, kein Subjekt, und es gibt keinen Gegenstand, das heißt kein Objekt. Im Zustand höchster Luzidität sind wir alles selbst und haben keinerlei Zweifel daran – wir wissen, dass alles unser eigener Traum ist.
Der Verlust der Luzidität ist der eigentliche »Sündenfall«, der Fall in ein sonderndes, in ein aussonderndes, trennendes und dualistisches Erkennen, das in den Begriffen von »ich und das andere« empfindet und denkt. Ausgelöst wird der Verlust der Luzidität immer neu in der Begegnung mit der faszinierenden und überzeugend realistischen Vielfalt unserer »Erfahrungen« oder »Visionen«. In Dzogchen-Texten wird für diese beiden Begriffe das Wort »Nangba« verwendet, da alles, was der Geist erfährt, sein Traum oder seine Vision ist.
Wir fallen in einen nichtluziden Modus der Wahrnehmung in der Begegnung mit dem drachenhaft lebendigen Licht unseres eigenen Geistes, das sich spontan in unaufhaltsamen Visionen manifestiert, und wir sind verblendet, sind vollkommen fasziniert vom Anblick dieses Basilisken, wir erstarren beim Anblick dieser Medusa, und das sowohl im Traum wie auch im Wachzustand und im Postmortem. In der aus der Verblendung resultierenden Kontraktion vergessen wir uns selbst, sind irritiert und ruhen dann nicht mehr in leerem Gewahrsein. Simultan mit dem verlangenden oder aversiven Haften an unserer Erscheinung halten wir uns selbst für die Empfindung, wir identifizieren uns mit dem Gedanken, der in uns aufgrund der Verblendung als Reaktion entstanden ist. Wir vergessen den Gewahrseinsaspekt unseres Geistes und verlieren uns an den Aspekt seiner Erscheinung.
Aus subtilem und noch sporadischem Haften entstand grobes Haften und schließlich ein kontinuierliches Ergreifen und »Verbegrifflichen« des eigenen, leeren Gewahrseins und seiner ebenso leeren, spontanen Erscheinungen. Mit gravierenden Folgen für uns, denn schon das Gefühl, getrennt zu sein, ist Unsicherheit, Selbstentfremdung und ist Leid; und mit jedem weiteren dualistischen Gedanken wird diese Psychopathie weiter fortgesetzt und untermauert.
Das ist eine kurze Darstellung der Genese des nichtluziden Wahrnehmungsmodus und der damit verbundenen Fehlwahrnehmungen und Leiden in unserem Geist, wie sie das Dzogchen lehrt.
Nun sind wir unserer Art nach, die Dinge zu begreifen, versucht, die Erscheinungen unserer Krankheit, die Symptome unserer Störung festmachen und bekämpfen zu wollen und Unheilsames durch Heilsames zu ersetzen. Und das ist gut und förderlich. Leider aber beseitigt solche Tugend und Therapie allein noch nicht die zwei Hauptursachen unseres Verrücktseins, das ständige Nach-außen-Schauen und Projizieren und das andauernde Festhalten und »Verbegrifflichen« der eigenen Erfahrung.
Halten wir an einem Krankheitsbild oder Symptom und an seinem Gegenmittel wie gewohnt fest, so hat sich noch nichts Wesentliches an unserer Sichtweise geändert. Der Buddha rät uns stattdessen, alle Erscheinungen und Gedanken, auch die von Krankheit, nicht gedanklich zu verfestigen, sondern sie der natürlichen Selbstbefreiung zu überlassen. Besser ist es, die Grundursache selbst zu beseitigen, die am Anfang der Kette von Fehlwahrnehmungen steht, die der Buddha als die zwölf Glieder der Kette des abhängigen Entstehens beschrieben hat.
Das erste Glied der Verkettung ist der Verlust der Luzidität, das Einschlafen, die Trübung der »leeren Klarheit des eigenen Gewahrseins« oder sältong-rigpa und das gleichzeitig damit entstandene Ergreifen der eigenen Erfahrung. Dzogchen zeigt den unmittelbaren Weg zurück zum Urzustand vor dem Fall, indem es uns dazu auffordert, nicht mehr selbstverloren ständig auf unsere inneren und äußeren Erfahrungen zu schauen, sondern den Blick umzuwenden auf uns selbst und so den wirklichen Erkenner von allem, die Quelle aller Erscheinungen selbst zu erkennen, unser eigenes leeres Gewahrsein. Dieses Gewahrsein, frei von aller Form und Stofflichkeit, ist wie ein leerer Spiegel. Offen für alle Spiegelungen, ist er die Basis für alles Erkennen; und weder verweigert er sich einer Erfahrung, noch folgt er ihr und hält sie fest. Unzerstörbar leer und wach ist diese Natur unseres Geistes, frei von Geburt und Tod. Sie ist frei von allen Erscheinungen. Denn nichts, keine einzige der unzähligen Reflexionen bleibt in diesem Spiegel haften, und immer offen und klar ist sie, immer frei für alle Erscheinungen, immer offen für das absichtslose Spiel des Geistes, für die Wunder der Wahrnehmung und Erkenntnis, die unaufhörlich in ihr entstehen und in ihr, in ihrer Leerheit und Einheit mit sich selbst aufgehoben sind.
Der Weg zur Erleuchtung beginnt also mit dieser wesentlichen Umkehr der Aufmerksamkeit. Bleiben aber unsere Aufmerksamkeit und unser Forschen nach außen gerichtet, so mögen sie zwar unendliche, faszinierende Phänomene finden und entdecken, und diesem Spiel der Imagination sind wie im Traum keine Grenzen gesetzt, aber den Schöpfer von allem, die Basis all unseres Erkennens, in der alles lebt und webt, wird dabei weiter übersehen. Er ist der Eckstein, die Basis vom Gebäude der Welt, der von den Bauleuten verworfen und vergessen wurde.
Wer den Blick nach innen wendet auf den eigenen Geist, der kann den Anfang und das Ende der Welt erkennen, ohne das eigene Haus zu verlassen, und er wird »den schauen, den noch kein Auge geschaut hat« – den »König des Gewahrseins«, rigpai gyalpo, in seinem eigenen Herzen thronend in einer Aureole von fünffarbigem Licht.
In den Dzogchen-Texten finden sich detaillierte Belehrungen dazu, wie der Ur-Buddha Samantabhadra und die »friedvollen und zornvollen Gottheiten« bereits jetzt in den feinstofflichen Kanälen und Chakras unseres Energiekörpers oder unserer Aura gegenwärtig sind. Der Weg zum völligen Erwachen beginnt also im Buddhismus generell gesprochen damit, auf den erkennenden Geist selbst zurückzublicken und sein Wesen unmittelbar zu erkennen.
Durch die Kultivierung von Geistesruhe und Achtsamkeit in unseren Meditationssitzungen gewöhnen wir uns daran, im Augenblick zu leben und die eigenen geistigen Prozesse, Gedanken, Gefühle, instinktiven Reaktionen und Gewohnheitsmuster zu beobachten, ohne zu urteilen und ohne sie konzeptuell zu analysieren. Was auch in unserem Gewahrsein erscheint – es ist weder nötig, ihm zu folgen und sich damit zu identifizieren; noch ist es erforderlich, es zu kontrollieren oder zu verdrängen. Es genügt völlig, einfach präsent zu bleiben, und das von selbst Erschienene wird sich auch von selbst wieder auflösen, seien es nun Gedanken oder Emotionen. Auf die Selbstbefreiung aller Gedanken ist Verlass. Wir können wirklich darauf vertrauen, denn es gibt nichts Verlässlicheres als die Vergänglichkeit dieser Erscheinungen des Geistes. Sie kann in jedem Augenblick beobachtet und verifiziert werden.
In diesem Sinne sagte der Zen-Meister Dogen: »Die Lehre des Buddha zu studieren bedeutet, sich selbst zu studieren.«
Im Samyuttanikaya lehrte der Buddha: »Was ist denn, ihr Mönche, das All? Es ist das Auge und die Formen, es ist die Nase und die Gerüche, ist die Zunge und die Geschmäcker, ist der Körper und die Empfindungen und ist das Denkbewusstsein und seine Objekte, die Gedanken.«
Erst im Spiegel eines Gewahrseins wird die Welt erlebbar; und weil dies so ist, liegt es an uns, ob wir das Erlebte ergreifen oder seiner selbstbefreiten Natur überlassen.
Im Angutaranikaya sagte er: »Ich verkündige, dass in diesem ein paar Ellen großen Körper mit seinen Wahrnehmungen und seinem Denken das Universum gegenwärtig ist, die Entstehung des Universums, das Vergehen des Universums und der Weg zur Aufhebung und Erlösung des Universums.«
Wer all seine Erfahrungen mit ruhigem und klarem Gewahrsein beobachtet, erfährt immer deutlicher deren vergängliche und traumhafte Natur, und diese Erkenntnis macht uns schließlich frei und ledig von uns selbst und frei vom Glauben an die eigenständige Wirklichkeit der Dinge.

Im Diamantsutra lehrt der Buddha, dass wir uns, um zu erwachen, in der Prajna-Paramita, der übersinnlichen Weisheit, üben sollten, die alle Erscheinungen als Illusion erkennt, und er erklärt deren Wesen anhand von Gleichnissen: »Der illusionäre Charakter aller Wahrnehmungen gleicht einem Traum, er gleicht einer Luftspiegelung in der Wüste, einer Halluzination, einem Echo, er gleicht der Spiegelung des Mondes im Wasser, gleicht einem Trugbild, erzeugt von der hypnotischen Suggestion eines Magiers, und er gleicht einem Regenbogen.«
Alle Erscheinungen sind, wie an jedem einzelnen Gleichnis verständlich wird, zwar ohne Zweifel erfahrbar, aber gleichzeitig haben sie keinen Bestand, und man kann sie nicht festhalten, denn sie sind alle ihrer Natur nach vergänglich, fließend, ungreifbar und leer.
Durch die direkte, nichturteilende Beobachtung der uns umgebenden Natur und unseres Körpers, unseres Atems und der ständigen Veränderungen in unserem Geist werden wir der vergänglichen Natur all dieser Phänomene gewahr, und nach und nach verstehen wir, was damit gemeint ist, dass sie alle wie die Erfahrungen in einem Traum sind – nämlich erfahrbar, faszinierend und doch unfassbar, unbeständig, leer und in Wahrheit nicht von uns getrennt. Wir kommen durch dieses Exerzitium zu einer Gewissheit, dass sie zwar erscheinen, aber doch leer sind, und dass sie, obwohl leer und nichtig, doch erscheinen.
Wenn wir realisiert haben, dass alle Erfahrungen der Traum unseres Geistes sind, gewinnen wir damit eine Luzidität, die uns, wenn wir uns weiter im »Erkennen des Wesens der Illusion« üben, schließlich zu völliger Erleuchtung führen wird.

Im Lankavatara-Sutra heißt es: »Wenn wir verstanden haben, was mit der Anhaftung an der vorgestellten Existenz aller Dinge und was mit der Losgelöstheit davon gemeint ist, so werden wir all unsere durch Worte geschaffenen Unterscheidungen von Sein und Nichtsein überschreiten. Im Erwachen zur Wahrheit alle Dinge als Traum erkennend, sind wir ein Buddha, umgeben von seinem reinen Land.«
Nun wird niemand bezweifeln, was den Traumzustand betrifft, dass der Träumende und sein Traum ganz innig verbunden, ja eins und untrennbar sind, und so stellte auch der Dichter und Philosoph Novalis (1772 bis 1801) in einem seiner wunderbaren Aphorismen lakonisch fest: »Im Traume sind wir alles selbst.«
Alles, was wir im Traum denken und empfinden – das Gefühl, ein wahrnehmendes Subjekt oder Ich zu sein, das ein bestimmtes Etwas oder ein Objekt erfährt –, die Bilder, die wir im Traum sehen, schön und hässlich, Begehren oder furchterregend: Sie alle entstehen in uns selbst, und auch unsere Reaktionen auf das imaginär Erlebte, Anhaftung oder Aversion existieren nur in unsrem eigenen Geist.
Leben und Tod, Selbst und Welt und ihr Zunichtewerden klaffen nur in Worten scheinbar auseinander – denn alles, was der Geist erfahren kann, hat der Lehre des Buddha nach keine andere Wirklichkeit als die eines Traums; und wie dieser ist auch alles andere Wahrnehmbare Selbsterfahrung, Selbsterscheinung des Geistes.
Geboren werden und aufwachsen, alt werden und schließlich sterben und der Zustand frei vom physischen Körper nach dem Tod, all diese Erfahrungen werden nur vom Geist wahrgenommen und sind nur der eigene Geist, und dieser selbst, die wahre Natur unseres Geistes, wurde nie geboren und wird nie sterben. Er ist seiner Natur nach leer, ist reine, formlose Energie und die unzerstörbare, immaterielle Basis allen Erkennens. Alle Erfahrungen des Geistes wie alle Erscheinungen der Natur sind vergänglich, sind ebenfalls leer, sind selbst befreit.
Wenn es uns gelingt, den Traum des Lebens und Sterbens als Traum zu erkennen und zu meistern, werden wir frei von unangemessenen, emotionalen Reaktionen auf das Geträumte wie Begehren, Aversion und Furcht, die nur entstehen konnten, weil uns nicht mehr bewusst war, dass wir träumen.

Ein Zen-Meister des 12. Jahrhunderts wurde gefragt: »Was ist Erleuchtung?«
Er antwortete: »Erleuchtung ist das klare Erkennen der Täuschung.«
Ein Buddha, das heißt ein völlig erwachtes Wesen, erkennt in jedem Augenblick das Wesen und die Beschaffenheit aller ihm spontan erscheinenden Erfahrungen oder Visionen und erkennt sie als untrennbar von sich selbst und damit als eigentlich, das heißt in sich selbst, unerkennbar, leer und ohne eigene Wirklichkeit.
Für all jene Wesen jedoch, die unbewusst unterscheidend oder bewusst in dualistischen Begriffen denkend an ihrer eigenen Vision noch haften oder diese fliehen oder verabscheuen, ist der Traum, den sie gerade in dieser Welt und anderen Bereichen träumen, echte, spürbare, erlittene und genossene, ersehnte Wirklichkeit, und der Schmerz ist für den Träumenden leider so wahr wie die erlebte Freude.
All unsere Gedanken, Handlungen und Erfahrungen, insofern sie sich einprägen und im Unterbewusstsein gespeichert werden, beeinflussen in der relativen Wirklichkeit des Traums wiederum die zukünftige Art unserer Erfahrung und Lebensumstände und unsere emotionale und gedankliche Reaktion auf diese. Unsere Träume entstehen aus den Spuren unserer früheren Erlebnisse und daraus, wie wir auf sie reagieren – das, was wir jetzt tun und denken, prägt ebenso unser zukünftiges Traumerleben. Unheilsame, trennende Gedanken erzeugen, obwohl völlig imaginär und nur eingebildet, leidvolle Erfahrungen und Visionen. Heilsame, liebevolle Gedanken, ebenso imaginär, führen zu glücklichen Erfahrungen und Lebensumständen in unserem weiteren Erleben. Wer dies weiß, wird achtsam in seinem Traum; und darauf achtend, was er denkt und wie er handelt, wird er zum Lehrling und irgendwann zum Meister in der Kunst des Lebens, oder sollten wir besser sagen des Träumens? Denn Leben, Sterben und das Postmortem sind trotz ihrer scheinbaren Verschiedenheiten alle gleichermaßen ihrer Natur nach Traum und Illusion.
Der Wachzustand, der Traumzustand und die Jenseitserfahrung sind die visionäre Selbsterfahrung des Geistes, und in allen unterscheidet der verblendete Geist instinktiv zwischen Subjekt und Objekt; und die im nichtluziden Zustand erfahrenen Bewusstseinszustände und Visionen sind in allen gleichermaßen von Unwissenheit und folglich von dualistischen Gedanken und widerstreitenden Emotionen geprägt.

Ein anderer Aphorismus Novalis’, der auch als Vorlage für die Überschrift dieses Kapitels dient, lautet: »Wir sind dem Aufwachen nah, wenn wir träumen, dass wir träumen.« Er stellt diese einfache Beobachtung, dieses Faktum menschlicher Traumerfahrung, einfach so hin, und doch klingt auch die Verheißung eines großen, völligen Erwachens deutlich in diesen wenigen, einfachen Worten an. Wenn uns im Traum bewusst wird, dass wir träumen – zum Beispiel anlässlich eines Falltraums –, erwachen wir meist kurz danach, oder wir erfahren eine Phase luziden Träumens. Das hat jeder schon einmal erlebt, doch für die meisten von uns, die sich nicht in Traum-Yoga geübt haben, ist es ein ganz besonderer Zustand und ein seltenes Ereignis. Viele Menschen sagen auch, sie haben noch nie einen Klartraum gehabt, einige wenige berichten bei Befragungen, dass sie ihn des Öfteren erfahren. Glücklicherweise lässt sich Luzidität im Traum durch systematische Übung kultivieren. Die ausführlichen Instruktionen hierzu werden im tibetischen Traumyoga gelehrt, und ihre Umsetzung in der »Praxis der Nacht« bildet die wesentliche Vorbereitung und Grundlage für ein Erlangen der Luzidität im Bardo der Nachtodvisionen. Um nach und nach im Wachen und Schlafen zu einer kontinuierlicheren Luzidität zu kommen und auch in Bewegung und Tätigkeit immer wieder luzide zu werden, empfiehlt es sich, über längere Zeit »die Übung der Selbsterinnerung« zu kultivieren, indem wir uns immer wieder während des Wachzustands und während des Traumerlebens in der Nacht fragen: »Wer ist es, der das alles träumt?« Wenn wir uns mithilfe dieser Frage immer wieder selbst erwecken, werden wir sowohl die selbstlose Leerheit der Erscheinungen als auch die selbstlose Leerheit unseres Geistes erkennen. Beide sind, wie wir schon vernommen haben, untrennbar.
Es versteht sich von selbst, dass jede konzeptuelle Antwort auf diese Frage verkehrt ist, da alle Konzepte ja nur Teil des Traums sind. Wir sollten deshalb für ihre Beantwortung nicht den Verstand verwenden. Unser innerstes Wesen wird darauf antworten und sich offenbaren.
Der »Sündenfall« als der Lapsus in den Modus dualistischer Wahrnehmung ist nicht nur am »Anfang der Zeiten« geschehen, er geschieht in jedem Augenblick, wenn wir das unmittelbar Erlebte wieder konzeptualisieren und verfestigen. Immer wenn wir bemerken, dass wir die Luzidität eingebüßt und uns wieder in Gedanken verloren haben, bringt uns diese Fragestellung direkt in unsere Mitte und in das Hier und Jetzt zurück und erinnert uns, dass alles Erleben des Geistes Traum ist. Das in der Frage implizierte wortlos ahnende Erinnern der absoluten, unbegreiflichen Natur unseres Gewahrseins befreit uns im selben Augenblick von der Bezauberung durch die eigenen Wahrnehmungen und Visionen und kann, wenn diese Rückbesinnung nicht mehr vergessen wird, seine Reife in völliger Gewissheit und kontinuierlicher Luzidität erlangen.
Wenn es uns schließlich gelungen ist, vollkommene Erleuchtung und damit kontinuierliche Luzidität zu erlangen, ist alle Ignoranz in uns gereinigt; und von allen Störgefühlen befreit, endet das traumhafte Karma unbewusst-instinktiven Reagierens und Handelns und damit jegliches Leid. Und die göttlichen Qualitäten von Friede, Liebe, Weisheit, Mitgefühl und Gleichmut können sich ungehindert und spontan offenbaren.
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