Kitabı oku: «Männerphantasien - Erxotic (erotische exotische Geschichten)»

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Männerphantasien – E[r][x]otic

Fünfzehn erotische exotische Geschichten

von

Yupag Chinasky

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Männerphantasien – Erxotic

Fünfzehn erotische exotische Geschichten

Yupag Chinasky

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Inhaltsverzeichnis

  Männerphantasien – E[r][x]otic Übersicht Die Hängematte Schneefall Die Chinesin Die Versuchung Die Falle Ein heißer Tag Der Kontakt Die Rache Der Liebesbaum Überraschungen Ein heller Fleck Wonnen im Übermaß Obskure Reinigung Finale Erkenntnis Im Dschungel Der Regen, der Hund, die Hühner und die Kaninchen Der Ausflug Auf den Vulkan Die Tage danach Epilog Victoria Hill Streifzug Wie immer Die Reise Weitere Bücher des Autors

Übersicht

Geschichten um erotisch-exotische, seltsame Begegnungen, die von Verwicklungen, Überraschungen und (Ent)täuschungen handeln. Von Männern, die ihr Glück in der Ferne suchen und (nicht) finden und von ihren Erinnerungen zehren. Und von Frauen, die oftmals das Heft in der Hand halten, manchmal das Opfer sind und bisweilen einfach nur da sind, in der Geschichte.

DIE HÄNGEMATTE: Der Unfall ereignete sich ganz plötzlich und doch hatte er ihn genau beobachtet. Ein kleiner Junge war einen Moment lang der Aufsicht seiner Mutter entkommen und lief auf die Reling zu. Die Mutter war aufgestanden und lief ihm nach, für den Jungen ein Zeichen, dass sie mit ihm Fangen spielen wollte.

SCHNEEFALL: Er war allein mit dem Auto am Ende der Welt, als ihn der Wetterumschwung heimsuchte. Es hörte nicht auf zu schneien und er musste sich nach einer Unterkunft umsehen, die ihm eine neue Erfahrung und einen längeren Aufenthalt als geplant bescherte.

DIE CHINESIN: Er musste unfreiwillig in der tiefsten chinesischen Provinz ausharren und hatte dazu noch das Pech, sich den Fuß zu verknacksen. Doch gerade deswegen traf er auf eine erstaunliche Frau.

DIE VERSUCHUNG: Sie war attraktiv trotz oder wegen ihrer spärlichen, ja ärmlichen Garderobe. Überraschend war jedoch ein kleiner Diamant in einem Schneidezahn, der aufblitzte, wenn ihn ein Sonnenstrahl traf. Er wunderte sich, dass dieses Mädchen sich so etwas leisten konnte.

DIE FALLE; „Hast’e Hunger?“ Als er in die schmale Gasse einbog, stand sie plötzlich direkt vor ihm. Überrascht und irritiert, zögerte er mit einer Antwort, da ihm überhaupt nicht klar war, was die Frau mit ihrer Frage wollte. „Nein, eigentlich nicht. Warum?“ „Du kannst mich haben. Mich essen.“

DER LIEBESBAUM: Schließlich stand er vor ihr und starrte sie an. Sie schlug die Augen auf und sah ihn ebenfalls an, ohne ein Zeichen des Erschreckens oder der Überraschung. Ein freudiges Lächeln umspielte ihre Lippen, wie wenn endlich jemand eingetroffen ist, den man schon lange erwartet hat.

ÜBERRASCHUNGEN: Am nächsten Morgen erzählte er beim Frühstück einem anderen Gast von seinen nächtlichen Erlebnissen. Er berichtete fast beiläufig von seinem seltsamen Erlebnis mit den liebestollen Frauen. Er wollte nicht prahlen, aber er hatte das Bedürfnis, darüber zu reden und die unglaubliche Geschichte an einen bereitwillig Lauschenden loszuwerden.

IM DSCHUNGEL: Sie gingen ein paar Straßen weiter, weg von der Glitzerwelt, dabei hielt sie auf Distanz. Er beobachtete, wie sie sich mit ihren kurzen Beine in eiligen Trippelschritten fortbewegte und wie ihr Hintern in dem kurzen, schwarzen Kleid dabei leicht wackelte. Es war eine Frau, die wusste, was sie wollte.

Der Regen, der Hund, die Hühner und die Kaninchen: Er hatte einen Platten und ein Mann half ihm, den Reifen zu reparieren. Als er sich bedankte, lernte er dessen Schwester kennen und änderte daraufhin seine Reisepläne, um am nächsten Tag, an einem schwülen Nachmittag, mehrfache. gewaltige Gewitter zu erleben.

DER AUSFLUG: Wenn man seinen Urlaub in einem der all-inclusive-Klubs verbringt, gehören Ausflüge zum Programm, das Abwechslung in den öden Tagesablauf bringen soll. Doch da kann manches schief gehen und der Streß in der Gruppe steigt an.

VICTORIA HILL........Er verbringt ein paar Tage am Meer. Tagsüber das übliche Strandleben unterbrochen von kleinen Ausflüge. In den Nächten erkundet er Victoria Hill, die Gegend mit dem vielen roten Licht und den Frauen, die nur auf ihn zu warten scheinen.

STREIFZUG...........Kaum dass er das Hotel verlassen, die schon fast unangenehme Kühle gegen die noch unangenehmere Schwüle der Straße vertauscht hatte und ihm seine beschlagene Brille wieder eine klare Sicht erlaubte, sah er die Gruppe junger Mädchen, die ihn herbeiwinkten und riefen: „Come, friend, good massage. Very cheap.“

WIE IMMER .......Das Haus befand sich an der Biegung des Flusses, weit außerhalb der kleinen Stadt. Tagsüber kamen Familien mit Kindern, um in dem kalten Wasser zu baden. Nachts kamen die einsamen Männer, die andere Dinge von der einsamen Frau erhofften und auch erhielten.

DIE REISE.........Er besuchte das Mädchen regelmäßig an ihrer Arbeitsstelle. Eines Tages fragte sie ihn, ob er keine Lust habe, sie auf einer Reise in ihre Heimat Afrika zu begleiten. Dort geschahen seltsame Dinge, die ihre Auswirkungen immer noch hatten, als beide schon wieder daheim waren.

HAPPY HOUR IN USHUAIA.......Am Ende der Welt beginnt der interessantere Teil des Lebens, wenn es Nacht wird. Man kann gut Königskrabben essen, erlangt auf- und anregende Erkenntnisse in einem Privatclub und muss aufpassen, zu wem man sich ins Auto setzt, nur weil man nach dem Weg gefragt hat.

Die Hängematte

Die „Imperatrice du soleil“ fuhr langsam den breiten Strom hinunter, dessen braunes Wasser zahllose kleine Wirbel und Strudel bildete, die beim Auftreffen auf Hindernisse größer und kraftvoller wurden und die Gewalt der Strömung ahnen ließen. Stundenlang glitt das Schiff an der einförmigen, grünen Front des Urwalds vorbei, die nur hie und da von kleinen Inseln unterbrochen wurde und von Sandbänken, auf denen träge Krokodile einträchtig neben großen, weißen Vögeln lagerten. Manchmal tauchten kleine Ansiedlungen auf, Hütten mit Wellblech- oder Grasdächern, deren Bewohner eilfertig mit Kanus längsseits kamen, um Waren zu tauschen, Passagiere zu befördern oder Lebensmittel zu verkaufen. Im Gegensatz zu ihrem hochtrabenden Namen war die „Imperatrice du soleil“ ein alter, rostiger Kahn, der schon seit Jahrzehnten die wichtigste, ja fast die einzige funktionierende Verkehrsmöglichkeit in diesem unwegsamen Teil des Landes darstellte.

Es war um die Mittagszeit und die Sonne brannte auf das fast leere Deck. Die Passagiere hatten sich in den Schatten geflochtener Matten oder Sonnensegel geflüchtet, um zu schlafen oder vor sich hin zu dösen. Das Tuckern des Motors war das einzige laute Geräusch, das den Frieden störte. Er hatte den Schatten seiner Kajüte trotz der Hitze verlassen, um diese eintönige, wiewohl faszinierende Landschaft in sich aufzunehmen. Er war froh, mit eigenen Augen zu sehen, was er bisher nur aus Filmen wie Africa Queen, Aguirre oder Fitzcarraldo kannte.

Der Unfall ereignete sich ganz plötzlich und er hatte ihn genau beobachtet. Ein kleiner Junge war einen Moment lang der Aufsicht seiner Mutter entkommen und lief auf die Reling zu. Die Mutter war aufgestanden und lief ihm nach, für den Jungen ein Zeichen, dass sie mit ihm Fangen spielen wollte. Er lief hüpfend und lachend weiter, bis zur einer Stelle, an der zwei altersschwache Pfosten umgeknickt auf dem Boden lagen und als notdürftige Sicherung nur ein Seil gespannt war. Der Kleine drehte sich nach der Mutter um, stolperte dabei über einen der Pfosten, strauchelte und fiel ins Wasser. Die entsetzte Mutter schrie auf und das Deck, das eben noch ausgestorben war, bevölkerte sich im Nu mit Passagieren, die ebenfalls in lautes Geschrei und Geheul ausbrachen. Sie riefen um Hilfe und nach dem Kapitän und forderte den Steuermann auf, das Schiff anzuhalten, aber abgesehen davon machte niemand Anstalten, etwas für die Rettung des Kindes zu unternehmen; Rettungsringe, Seile oder lange Stangen waren nirgends zu sehen.

Auch er war an die Reling geeilt und sah, wie das Kind im Wasser strampelte und bald hinter dem Schiff zurückblieb. Ohne lange zu zögern, streifte er seine Schuhe ab und sprang in das Wasser, obwohl er wusste, dass dies wegen der Strömung, der Parasiten und der Krokodile nicht ungefährlich war. Er war ein guter Schwimmer und hatte nach ein paar kräftigen Zügen das Kind erreicht, das sich durch sein heftiges Strampeln an der Oberfläche gehalten hatte. Er packte es an einem Arm, achtete darauf, dass der Kopf aus dem Wasser ragte, und zog es hinter sich her zurück zum Schiff, das inzwischen nur noch langsam dahintrieb. Zahlreiche Hände halfen den beiden an Deck. Der Junge hatte den Unfall unbeschadet überstanden und heulte jetzt Rotz und Wasser in den Armen seiner ebenfalls weinenden Mutter. Sie war so aufgeregt, dass sie nicht einmal Danke sagte.

Er zog Hemd und Hose aus, hängte sie zum Trocknen auf und holte frische Kleider aus seinem Rucksack. Dann ging er in seine Erste-Klasse-Kajüte, um sich nach dieser Anstrengung auszuruhen. Die Kajüte unterschied sich vom Rest des Passagierdecks nur dadurch, dass ein dreckiger Vorhang Sichtschutz und ein Blechdach Schatten bot. Die gesamte Einrichtung bestand aus einer sehr breiten Hängematte, die für eine ganze Familie ausgereicht hätte und eine sehr komfortable Schlafgelegenheit darstellte, sowie, als Gipfel des Luxus, eine kahle, ziemlich trübe Glühbirne. Dieser Komfort, vor allem aber die Möglichkeit sich zurückzuziehen, war den höheren Preis bei Weitem wert.

So ausgestorben das Deck in der Hitze und Schwüle des Tages war, so rasch belebte es sich am Abend. Kaum war die Sonne untergegangen, brach ein lebhaftes Treiben los; es wurden Feuer gemacht, Suppen gekocht, Fleisch gegrillt, geredet, palavert und gesungen. Bierbüchsen machten die Runde und trotz des Angriffs zahlloser Mücken war die Stimmung ausgelassen. Er hatte den Vorhang zur Seite geschlagen, saß in der Hängematte, trank ein wunderbar kühles Bier und beobachtete die Szenerie. Seine abenteuerliche Reise hatte ihn an das äußerste Ende dieses großen Landes geführt. Nun war er auf dem Weg zurück in die Provinzhauptstadt und die nächsten drei Tage würde er auf diesem alten Seelenverkäufer verbringen. Er genoss die langsame Art zu reisen, die exotische Landschaft und die friedliche Abendstimmung und er war auch etwas stolz auf sich, weil er ein Menschenleben gerettet hatte.

Als er müde wurde, zog er den Vorhang zu, putzte sich die Zähne mit einem Schluck Whisky, löschte das Licht und legte sich in die Hängematte. Kurz darauf sah er jedoch, wie sich der Vorhang bewegte und eine Gestalt in die Kajüte schlüpfte. Er richtete sich auf, knipste die Glühbirne an und erkannte die Mutter mit dem geretteten Kind in den Armen. Sie legte es, da es bereits schlief und kein anderer Platz vorhanden war, ohne ihn zu fragen in die Hängematte neben seine Füße. Dann begann sie, in schlechtem Französisch auf ihn einzureden. Sie sei ja so dankbar und froh, dass er ihr Kind gerettet habe, ihr einziges, liebstes Kind. Es tue ihr leid, dass sie erst jetzt zu ihm komme, aber sie habe sich geschämt, weil sie ihm für seine Heldentat, diesen acte héroique, nichts geben könne; sie habe kein Geld und auch sonst nichts. Sie weinte und küsste seine Hand, die er ihr zu entziehen suchte. Dann fuhr sie fort, ihr Name sei Aimée und der ihres Sohnes Titi, er sei drei Jahre alt und ihr Mann, der Vater von Titi, habe sie vor kurzem wegen einer anderen verlassen und sie könne jetzt in dem Dorf nicht mehr bleiben und würde deshalb mit Titi zurück zu ihren Eltern fahren.

Er kam kaum zu Wort und sagte schließlich, dass das, was er getan habe, doch selbstverständlich sei und dass er kein Geld brauche und keine Geschenke wolle. Sie beharrte jedoch darauf, dass sie ihm etwas schenken müsse, weil sie sonst ihr ganzes Leben lang in seiner Schuld stünde. Das wolle sie nicht und außerdem sei es eine Schande, wenn sie auf die Frage, was sie dem Retter ihres Kindes geschenkt habe, sagen müsse „rien – nichts“. Dann verstummte sie für eine Weile, während sie erneut seine Hand streichelte und küsste und sagte schließlich, zögernd und verlegen, dass sie nur ihren Körper und ihre Liebe habe, die sie ihm geben wolle. Nachdem das gesagt war, fügte sie, wieder etwas sicherer, hinzu, dass sie ihm im Bett jeden Wunsch erfüllen wolle und dass sie auf die Annahme dieses Geschenks bestehen müsse. Bevor er etwas erwidern konnte, zog sie sich aus und stieg zu ihm in die Hängematte. Er fühlte sich zuerst überrumpelt und wollte sie abwehren, aber sie war so entschlossen, so zielstrebig und so geschickt in ihrem weiteren Vorgehen, dass er sich nicht nur in sein Schicksal fügte, sondern es sogar begrüßte. Schließlich war er ja nur ein Mann mit allen Schwächen und sie eine junge und durchaus attraktive Frau. Titi schlief derweil ruhig und ungerührt, trotz des heftigen Geschaukels, das sich dann ergab.

Am nächsten Tag war Aimée sichtlich aufgedreht, besonders nachdem er ihr, aus Mitleid und als Dank für das nächtliche Vergnügen, ein Erste-Klasse-Essen spendiert hatte: Reis, Bohnen, Hühnchenschlegel und eiskaltes Bier. Sie erzählte auf dem Deck wortreich von dem acte héroique des weißen Mannes, der jetzt ihr Geliebter sei, mit dem sie jetzt reisen werde und der sie, wer weiß, vielleicht sogar heiraten würde. Sie verbreitete auch, dass er viel Geld habe und es mit ihr teilen wolle und führte als Beweis das gemeinsame Mittagessen an. Zumindest entnahm er dies ihren Worten, die sporadisch an seine Ohren drangen. Am Abend war ihr Besuch in der Kajüte schon selbstverständlich und ihre Absicht bei ihm zu bleiben wurde dadurch unterstrichen, dass sie ihre wenigen Habseligkeiten mitbrachte und in der Kajüte verteilte. Er fügte sich erneut in sein Schicksal und die Nacht war für beide recht kurzweilig, Titi quengelte zwischendurch, bekam dann ein Schlückchen Bier und schlief weiter.

Der dritte und letzte Tag war angebrochen. Aimée wich keine Minute von seiner Seite, und als sie anfing, Pläne für die kommenden, gemeinsamen Tage zu schmieden, die sicher sehr schön würden, begann sie ihm zunehmend lästig zu werden. Und auch Titi, der ständig um seine Beine strich, an seinem Rucksack herum fummelte oder in der Hängematte tobte, ging ihm mittlerweile gehörig auf die Nerven. Daher machte er ihr schließlich klar, dass die gemeinsame Reise am Abend, nach der Ankunft in der Provinzhauptstadt, zu Ende sei. Als sie laut zu heulen und zu lamentieren anfing, hatte er endgültig genug. Er herrschte sie an, sie solle ihre Sachen zusammenpacken und die Kajüte verlassen; er gehe jetzt an Deck, und wenn er zurückkäme, wolle er sie nicht mehr sehen.

Als er das Deck betrat, verebbten die Gespräche, eine gespannte, lähmende Stille breitete sich aus und die Leute beobachteten ihn aufmerksam, jedoch anders als an den Vortagen, als er zwar auch ihre Neugier erregt hatte, aber nicht so offensichtlich im Mittelpunkt ihres Interesses stand. Er hatte sich ein paar Schritte von seiner Kajüte entfernt und stand fast an derselben Stelle, von der aus er den Unfall beobachtet hatte. Und auch diesmal sah er alles klar und deutlich, nur dass die Mutter ihr Kind nicht zurückhalten wollte und auch nicht aufschrie, als es von einem Mann an das Loch in der Reling gezerrt und über Bord gestoßen wurde. Alle starrten ihn an und warteten darauf, dass er ins Wasser spränge.

Schneefall

Man hatte ihn gewarnt, das Wetter könne um diese Jahreszeit rasch umschlagen. Aber als der Tag begann, war es ein solch strahlender, warmer Herbstmorgen, ohne eine Wolke am tiefblauen Himmel, dass er unbedingt diesen Ausflug machen wollte, die Fahrt über den Pass zu dem heiligen See. Er hatte schon immer davon geträumt, einen „power place“ aufzusuchen, einen Ort, an dem der magische Einfluss des Überirdischen oder, wenn man daran glaubt, des Göttlichen, unmittelbarer und direkter zu spüren sei als an anderen. So wurde der See in seinem Reiseführer beschrieben und die Landschaft als einmalig schön und sehr einsam gelobt.

Schon beim Anstieg zum Pass bestätigten sich die Aussagen zur Schönheit und zur Einsamkeit. Die Hinfahrt verlief problemlos, wenn auch die Straße viel schlechter als befürchtet und der Pass viel steiler als erwartet war. Er musste eine Reihe von Haarnadelkurven bewältigen und höllisch aufpassen, beim Umrunden der tiefen Schlaglöcher nicht zu dicht an den unbefestigten Straßenrand zu kommen. Auf der Talseite tat sich über weite Strecken ein tiefer Abgrund auf, in den zu schauen er nach Möglichkeit vermied. Auf der Passhöhe hielt er an und genoss den phantastischen Blick über das weite Land. Hinter ihm das enge Tal und der steile Anstieg mit der sich windenden Straße. Vor ihm eine weite, sanfte Hochebene, die bis zu den Bergen reichte, die den heiligen See umgaben. Die Ebene war in eine dünne Schneedecke gehüllt und wirkte fast monochrom. Auch auf der Straße, die nun sanft abfiel, lag Schnee, jungfräulicher Schnee. Keine Spuren wiesen darauf hin, dass hier jemand gefahren oder gegangen wäre. Hie und da sah er ein paar verstreute Jurten der Nomaden und Tiere in deren Nähe: Yaks, Schafe, Hunde. Eines der Zelte, nicht weit vom Pass entfernt, stand sogar ganz dicht neben der Straße. Ansonsten waren die einzigen Lebewesen, die er zu Gesicht bekam, kleine Mäuse oder Hamster, die umher huschten und ihre Spuren im Schnee hinterließen und wunderschöne Raubvögel anzogen, die auf exponierten Plätzen saßen oder langsam am Himmel kreisten.

Nicht nur die Landschaft auch das Wetter hatte sich verändert. Der Himmel war bewölkt und trübte sich immer mehr ein und nur noch in Richtung Pass war die Bläue zu sehen. Die Sonne war ein diffuser, heller Ball mit einem hauchzarten Halo umgeben hinter grauen Wolkenschleiern. Der See, den er nach zügiger Fahrt schließlich erreichte, lag äußerst malerisch in einem kleinen Talkessel. Die umgebenden Berge spiegelten sich, soweit sie nicht in dem Wolkennebel verschwanden, in seinem klaren, ruhigen Wasser. Es war ein Bild vollkommener Harmonie, eine vollendete, meisterhafte Komposition der Natur. So unwirklich wie die Landschaft war auch die Stille. Sie war absolut, aber nicht lähmend oder bedrohlich, sondern von unendlicher Sanftmut und Friedlichkeit. Er genoss diesen intensiven Eindruck der unberührten Natur und glaubte tatsächlich etwas zu spüren, das er vorher nicht gefühlt hatte, etwas Erhabenes, eine mystische Erregung. Aber das konnte er sich auch eingebildet haben, weil er sich so sehr gewünscht hatte, etwas Besonderes zu verspüren. Er saß lange am Ufer, betrachtete das Wasser und die Berge und malte sich aus, wie es sein müsste, wenn im Sommer die Pilger den See umrundeten.

Es kostete ihn einiges an Überwindung, um sich von dem Zauber dieses Ortes loszureißen, aber sein Verstand sagte ihm, er müsse aufbrechen, um rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit die steile Passabfahrt hinter sich zu bringen. Als er sich auf den Rückweg machte, war der Himmel völlig zugezogen und es begann zu schneien, erst langsam und zögerlich, dann aber immer heftiger. Er wusste, dass in dieser Region plötzliche Wetterumschwünge nichts Ungewöhnliches waren, aber das Chaos von rasant tanzenden Schneeflocken, in das er eintauchte, überraschte ihn dennoch. Um nicht von der Straße abzukommen, musste er langsam und vorsichtig fahren, und als er sich dem Pass näherte, wurde die Fahrt immer schwieriger, die Räder drehten ab und zu durch und es begann nun auch dunkel und empfindlich kalt zu werden. Ihm war klar, dass er an diesem Tag die Rückfahrt nicht mehr schaffen würde und er überlegte, was er tun sollte. Die Nacht in dem kalten Auto verbringen? Besser wäre es, eines der Nomadenzelte aufzusuchen, um dort den Schneefall und den neuen Tag abzuwarten.

Er erinnerte sich an das eine schwarze Zelt, das kurz hinter dem Pass nahe an der Straße stand und er achtete darauf, es nicht zu verpassen. Als es undeutlich in dem weißen Wattebausch auftauchte, stellte er den Wagen am Straßenrand ab, stieg aus, nahm den Rucksack mit den paar Sachen, die er bei sich hatte und stapfte durch den Schnee. Ein Hund schlug an und er blieb stehen. Aus der Jurte kam eine Gestalt, die erst den Hund beruhigte und ihn dann zu sich winkte. Es war ein ziemlich kleiner Mann in einem grauen Schafspelz und einem Filzhut auf dem zu groß geratenen Kopf. Beide begannen zu reden, aber eine Verständigung war wegen des heulenden Windes und der fehlenden gemeinsamen Sprache nicht möglich, er entnahm jedoch den Gesten, dass er eintreten solle. Als die Haustür, eine dicke Filzdecke, beiseite geschlagen wurde, drang warme, dumpfe Luft aus dem Inneren der Jurte. Es roch nach Rauch und Schweiß und nach der verbrannten Butter der Butterlampen, die für ein trübes Licht sorgten. Es waren aber zu wenige, um die Dunkelheit wirksam zu erhellen und erst als sich seine Augen an die Umgebung gewöhnt hatten, nahm er die Einzelheiten des Zeltinneren wahr. In der Mitte des kreisrunden Raums befand sich eine steinerne Feuerstelle, eine Art offener Herd, auf dem ein großer, schwarzer Kessel stand. Um das Feuer herum, das nur noch schwach glimmte, saßen zwei Frauen und drei Kinder. Der Mann bedeutete ihm, sich ebenfalls an das Feuer zu setzen.

Eine der Frauen war deutlich älter als die andere, aber der Unterschied war nicht so groß, als dass es Mutter und Tochter hätten sein können. Vielleicht waren es Schwestern oder Schwägerinnen oder der Mann hatte zwei Ehefrauen. Beide hatten tiefschwarze Haare, die zu langen Zöpfen geflochten waren. Ein buntes, zusammen geknotetes Tuch umgab ihren Kopf wie ein Schweißband. Die Gesichter waren sehr dunkel, vermutlich von der intensiven Sonne in dieser Höhe, aber auch von dem Dreck, der wohl nur selten abgewaschen wurde und der als eine Art Sonnencreme diente. Beide trugen lange, schwarze Kleider und bunte Schürzen, die von ähnlichen bunten Farben waren wie die Kopftücher. Beide Frauen waren trotz der Schwärze ihrer Gesichter von einer herben Schönheit. Ein Typ, dem man in diesem Land oft begegnete. Und von beiden ging auch ein herber Geruch aus.

Dann betrachtete er die Kinder. Nach und nach konnte er sie identifizieren und stellte fest, dass es vier waren. Das Kleinste, ein Säugling, lag in einem Fellbündel etwas abseits und schlief. Zwei Mädchen sahen aus, als ob sie gleich alt seien, vermutlich waren es Zwillinge. Das größte Kind war ein Junge, so um die 10 Jahre alt. Sie waren still und schauten ihn mit großen, neugierigen Augen an, eine so seltsame Gestalt hatten sie wohl noch nie gesehen.

Schließlich nahm er auch den Gastgeber näher in Augenschein. Vor dem Zelt hatte er nur bemerkt, dass er von ziemlich kleiner Gestalt war, nun sah er, dass er auch recht alt wirkte, jedenfalls deutlich älter als die Frauen. Er hatte einen schütteren Bart und dichte, verfilzte Haare, die unter dem Rand seines Hutes hervorschauten, der seinen Kopf so groß gemacht hatte. Er hatte seinen Pelz von den Schultern gestreift und man sah nun eine Jacke von undefinierbarer Farbe. Er erzählte den Frauen etwas in einem lebhaften Ton, dabei deutete er auf ihn und in Richtung der Straße und diese lachten.

Die ältere Frau gab ihm eine Emailleschüssel und einen Porzellanlöffel und forderte ihn gestenreich auf, sich aus dem Kessel zu bedienen. Die jüngere Frau hatte derweil in einem hölzernen Zuber Buttertee zubereitet und schenkte ihm eine Tasse ein. Den Tee nahm er dankend an, nach einem kritischen Blick in den Kessel, gab er aber vor, keinen Hunger zu haben, obwohl das nicht stimmte. Er verspürte jedenfalls keinen Appetit auf das undefinierbare Ragout, das vermutlich schon seit Tagen vor sich hin köchelte, und nahm sich vor, später, wenn er nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses stehen würde, ein paar Kekse aus seinem Vorrat zu knabbern.

Nachdem er den Tee getrunken und sich aufgewärmt hatte, versuchte er seinen Gastgebern klarzumachen, dass er mit dem Auto stecken geblieben sei, nicht weiter könne und den Schneefall abwarten wolle. Überraschenderweise stellte diese Kommunikation kein Problem dar, sie verstanden die Botschaft trotz der fehlenden Worte. Der Mann, an den er sich eigentlich gewandt hatte, sagte nichts, aber die Frauen redeten auf ihn ein und zeigten ihm einen Platz am Rande des Zeltes, weit weg von der wärmenden Feuerstelle, wo er sich hinlegen könne. Ihm schien, als ob sie nicht nur auf ihn einredeten, sondern auch miteinander stritten, jedenfalls wurden ihre Stimmen zunehmend lauter und aggressiver. Der Mann saß immer noch wie unbeteiligt daneben und lächelte verlegen und die Kinder starrten ihn nach wie vor mit großen Augen an und mucksten sich nicht. Nach einer Weile begann die Familie, sich auf diverse Liegeplätze zu verteilen. Als Erstes waren die Kinder verschwunden. Dann zog der Mann seinen Schafspelz vollends aus, entledigte sich seiner Filzstiefel, nahm als Letztes den Hut ab, legte sich dicht neben das Feuer und begann kurz darauf zu schnarchen. Die Frauen kicherten etwas verlegen, banden die Schürzen ab, zogen die schwarzen Kleider aus, löschten die Butterlampen und verschwanden in einem Haufen aus Decken und Fellen.

Die rote Glut des Feuers verbreitete ein spärliches Licht und eine wohlige Wärme. Er starrte noch eine Weile wie hypnotisiert in dieses glimmende Rot, dankbar, dass er eine komfortable Bleibe für die Nacht gefunden hatte. Dann kroch er zu dem Platz, dem man ihm zugewiesen hatte, und zog die schweren Stiefel und die Jacke aus, die er anbehalten hatte, obwohl er schon seit einer Weil stark schwitzen musste. Er legte sich auf die Felle und deckte sich notdürftig zu. Es war ein langer und anstrengender Tag gewesen und er dachte an die Schönheit und Einsamkeit der Natur, an die fremdartige Gastfamilie und, bereits im Halbschlaf, an den Weg über den Pass, den er morgen vor sich hatte. Dann war er eingeschlafen.

Er wachte auf, weil er spürte, dass sich jemanden an seiner Seite gelegt hatte und nahm, noch ganz benommen, den herben Geruch wahr. Es war nun völlig dunkel und er konnte nicht erkennen, wer neben ihm lag, aber er merkte rasch, dass es eine der Frauen sein musste und im wurde auch schnell klar, was sie von ihm wollte. Ihr Vorgehen war eindeutig und systematisch. Anfangs war er überrascht, ging aber dann auf ihre Wünsche ein. Das Ganze dauerte nicht lange und ging ohne Worte vonstatten, ohne Ächzen und Stöhnen und dann verschwand die Frau so plötzlich und geräuschlos, wie sie gekommen war.

Er lag heftig atmend da, verwirrt und doch irgendwie beglückt. Nach einer Weile hatte er sich beruhigt und die bleierne Müdigkeit kehrte zurück. Doch als er gerade dabei war, wieder einzuschlafen, spürte er erneut jemand neben sich, vermutlich die zweite Frau. Auch sie forderte den Tribut, den er offensichtlich für die Übernachtung zu bezahlen hatte. Aus ihren Gesten und Bewegungen und ihren unsanften Griffen entnahm er, dass sie mit der Auferstehung seines Fleisches unzufrieden war. Diesmal dauerte es länger als beim ersten Mal und es war deutlich mühseliger, aber endlich war auch dieser Akt erfolgreich abgeschlossen und die Frau verschwand. Er war noch mehr verwirrt und erschöpft und die Befürchtung, dass die Begierde der Frauen so groß war, dass sie noch einmal kommen würden, ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Aber dies geschah nicht und schließlich schlief er ein.

Als er erwachte, war er immer noch benommen und konnte die Erlebnisse der Nacht nicht zuordnen. Waren die Frauen tatsächlich zu ihm gekommen oder hatte er sich das alles nur eingebildet? Hat ihn das Wunschdenken, der animalische männliche Trieb genarrt? Das Tageslicht fiel durch den offenen Zelteingang und die Kinder saßen um das Feuer herum, das nun hell loderte. Von den Erwachsenen befand sich keiner im Zelt. Er stand auf, zog sich an und trat ins Freie. Es hatte aufgehört zu schneien, die Morgensonne stand schon ein Stück über den Bergen und ein schöner, klarer Tag kündigte sich an. Er sah, wie seine Gastgeber in einiger Entfernung von dem Zelt mit ihren Yaks und Schafen beschäftigt waren, zum Glück war der Hund bei ihnen. Er beschloss, sich sofort auf den Weg zu machen, ohne Frühstück und ohne langes Abschiednehmen. Einen Moment lang erwog er, etwas Geld da zu lassen, kam dann aber zu dem Schluss, dass seine nächtlichen Erlebnisse real gewesen waren und er für die Übernachtung ausreichend bezahlt habe und so legte er nur ein paar Kekse und eine Tafel Schokolade neben die Feuerstelle. Er versuchte den Kindern die Wange zu streicheln, diese wichen aber erschreckt zurück. Den Erwachsenen rief er ein paar Worte des Dankes zu und ging dann zu seinem eingeschneiten Auto. Er würde es sicher schaffen, den Pass zu überqueren, die Sicht war klar und auf der Straße lag weniger Schnee, als er befürchtet hatte. Erst als er ganz nahe an sein Fahrzeug herangekommen war, bemerkte er, dass sich etwas verändert hatte. Das Auto war kleiner geworden, alle vier Reifen waren zerstochen.

Die Chinesin

Er liebte es, zu reisen. Meistens allein, manchmal in Gesellschaft, aber immer möglichst weit weg, zu exotischen Orten und auf der Suche nach ungewöhnlichen Erfahrungen und Erlebnissen. Bei einer dieser Reisen, einer Fahrt mit einer kleinen Gruppe in einem robusten Minibus durch das südöstliche China, hatte er ein solches Erlebnis, als sie gezwungenermaßen ein paar Tage in den Bergen verbringen mussten. Der Reiseplan sah einen Besuch der berühmten Yandong-Höhlen mit ihren frühen buddhistischen Wandmalereien vor. Diese Höhlen befinden sich in einem abgelegenen, schwer zugänglichen Tal und die letzte, anstrengende Wegstrecke kann nur zu Fuß von der kleinen Stadt Shancheng aus zurückgelegt werden. Heftiger Dauerregen machte jedoch einen Strich durch ihre Pläne. Er verhinderte nicht nur den Besuch der Höhlen, sondern blockierte auch durch Erdrutsche die einzige Straße, die Shancheng mit der Außenwelt verbindet. Sie waren froh, überhaupt heil in dem einzigen Touristenhotel der Gegend angekommen zu sein und mussten sich nun in Geduld üben, bis das Wetter besser, die Höhlen besuchbar und die Straße wieder passierbar sein würde.

Laut Reiseführer lag die Stadt sehr schön am Südhang eines weiten Tales und der Blick von dem etwas außerhalb gelegenen Hotel auf die gegenüberliegenden, schneebedeckten Berge wurde ganz besonders gerühmt. Dies konnten sie jedoch nicht bestätigen, weil die ganze Umgebung im grauen Nebel des schier unaufhörlichen Regens absoff. Shancheng selbst war ein äußerst langweiliges Nest, besonders bei diesem Wetter, das alles Leben von der Straße in die Häuser verbannte. Von ihren sporadischen, kurzen Spaziergängen durch die engen, menschenleeren Gassen kehrten sie frustriert, frierend und vor Nässe triefend in das Hotel zurück, in dem sie nur eine Nacht verbringen wollten und das nun zu einem Gefängnis für eine unbestimmte, wenn auch hoffentlich überschaubare Zeitspanne geworden war.

Bedingt durch die Unbilden des Wetters hatten sie reichlich Gelegenheit den morbiden, sozialistischen Charme ihrer Unterkunft zu genießen, die dunklen Räume mit Plastikblumen auf den Tischen, die bunten Farbdrucke an den Wänden, die desinteressierte Gelangweiltheit des Personals und die gewöhnungsbedürftige Gleichförmigkeit der an sich lobenswerten chinesischen Küche. Weiteres Ungemach bereiteten die Spannungen, die sich in diesem Mikrokosmos aufbauten und die Tristesse ihres Zwangsaufenthalts beträchtlich verschlimmerten. Zuerst saßen sie noch in scheinbar fröhlicher Runde zusammen, zeigten demonstrativ Galgenhumor, erzählten von ihren diversen Reisen zu all den Plätzen dieser Welt, die man gesehen haben musste, bevor man starb oder erregten sich über politische und gesellschaftskritische Ansichten ihrer Gefährten. Doch es zeigte sich bald, dass die Gemeinsamkeiten kaum ausreichten, einige total verregnete Tage mit ungewissem Ende in einem abgelegenen, trostlosen chinesischen Kaff zu überstehen. So versiegte allmählich ihr Gesprächsstoff, das Interesse an den Mitmenschen und ihren Geschichten erlahmte und sie gingen sich immer mehr auf den Geist. Sie saßen nun allein oder in kleinen Grüppchen in der Empfangshalle, stierten auf den künstlichen Springbrunnen in der Mitte des Raums, beobachteten die traurigen Fische in dem veralgten Aquarium oder lungerten im Speisesaal herum, der auch als Bar fungierte und tranken lauwarmes Bier, süße Chrysanthemenlimonade oder heißen Tee. Die Höhepunkte des Tages waren trotz ihrer qualitativen Mängel die Mahlzeiten, bei denen etwas Leben aufkam und zu denen auch hie und da Leute aus der Stadt kamen und für etwas Abwechslung sorgten.

In dieser an sich schon traurigen Situation hatte er das Pech, bei einem seiner Spaziergänge auf dem nassen, unregelmäßigen Kopfsteinpflaster einer steilen Gasse auszurutschen und sich den Fuß zu verknacksen. Die Verletzung war nicht schlimm, aber dennoch schmerzhaft. Er humpelte, musste sich schonen und zog es vor, allein in seinem Zimmer zu bleiben und die ätzende Langeweile auszuhalten. Dieses Zimmer lag im ersten Stock und er hätte vom Balkon aus den berühmten Blick auf das Tal genießen können, aber unter den gegebenen Umständen konnte man ihn allenfalls in den kurzen Perioden der Aufklarung ahnen. So blieb ihm nur, den umfriedeten Hof des Hotels zu beobachten, in dessen Mitte eine pyramidenförmige Säule mit einem roten Stern auf der Spitze stand. Doch im Hof spielte sich nur selten etwas Bemerkenswertes ab. Manchmal ging jemand vom Personal in eines der Nebengebäude, zu den Essenszeiten konnte man die Restaurantbesucher kommen und gehen sehen. Neue Hotelgäste, die für etwas mehr Abwechslung hätten sorgen können, kamen natürlich wegen der Straßenblockade nicht. Ein Lichtblick wäre noch der Hofhund gewesen, ein schmutzig gelber Mischling, der nachts oft jämmerlich heulte, doch der hatte unter einer Plane einen halbwegs trockenen Platz gefunden und rührte sich nicht fort.

Am Sonntag änderte sich dann das Wetter und damit auch die Stimmung der Gruppe schlagartig. Der Regen hatte schon in der Nacht aufgehört und der Blick am frühen Morgen auf die frisch gewaschene Landschaft war in der Tat phantastisch und nährte die Hoffnung, dem Gefängnis am nächsten Tag entkommen zu können. Der Reiseleiter hatte zudem beim Frühstück angekündigt, heute die verschobene Wanderung zu den Höhlen zu machen und so redeten sie schon beim Frühstück wieder miteinander, akzeptierten die faden Dampfnudeln mitsamt der pampigen Soyasuppe, scherzten und lachten und waren zufrieden. Da der Ausflug den ganzen Tag in Anspruch nehmen würde, hatte die Küche Lunchpakete vorbereitet, kalten Reis, weiches Gemüse, harte Eier und marinierte Hähnchenschlegel. Kurz nach dem Frühstück trafen sie sich in der Halle, perfekt gekleidet und mit all den Dingen ausgestattet, die zum Wandern notwendig sind wie Kamera, Fernglas und Nordic-walking-Stöcken. Alle waren froh und gut gelaunt, bis auf ihn, der sich wegen seines immer noch geschwollenen, schmerzenden Fußes an dem Ausflug nicht beteiligen konnte und zwangsläufig einen weiteren einsamen Tag im Hotel überstehen musste. Diese Aussicht und der Verzicht auf den Besuch der Höhlen, auf den er sich natürlich gefreut hatte, ärgerte ihn, aber er hatte keine andere Wahl und so nahm er reichlich scheel die aufrichtig gemeinten Beileidsbezeugungen der Mitreisenden entgegen.

Nun, da er allein und das Wetter schön war, stellte er einen Stuhl auf den kleinen Balkon seines Zimmers, nahm sich ein Buch, das er von einem Mitreisenden ausgeliehen hatte und begann zu lesen. Doch schon nach einigen Seiten stellte er fest, dass ihn die Geschichte überhaupt nicht interessiert, ja er ärgerte sich, dass man solch einen Mist überhaupt als Reiselektüre einpacken konnte. Statt zu lesen, genoss er die langersehnte Sonne, verlor sich im Anblick der vorbeiziehenden Wolken am klaren, tiefblauen Himmel, verfolgte ihre Schatten, die durch das Tal eilten und stellte sich vor, auf einem der blendend weißen Schneeberge zu sitzen und Lama Anagarika Govindas Buch „Der Weg der weißen Wolken“ zu lesen.

Irgendwann im Laufe des Vormittags, als er aufstand und über die Betonbrüstung des Balkons auf den Hof schaute, fiel ihm die Frau auf, die auf der niedrigen Umgrenzungsmauer zur Straße saß. Es war eine etwas rundliche und, wie ihm schien, nicht mehr ganz junge Frau, die einfach nur da saß und nichts tat. Sie hatte offensichtlich viel Zeit und an diesem Tag nichts Besseres vor, denn als er nach dem Mittagessen wieder auf den Balkon kam, saß sie immer noch in ihrem Sonntagsstaat da, rote Bluse, gelber Rock, weiße Handschuhe und ein Strohhut mit einer künstlichen, grellroten Rose. Ein winziges Handtäschchen lag neben ihr auf der Mauer. Die Frau und ihr seltsames, statisches Verhalten irritierte und faszinierte ihn und so stand er immer öfters auf, lehnte sich an die Brüstung und betrachtete sie. Auch sie hatte ihn, den einzigen Gast des Hotels natürlich wahrgenommen, schaute zu ihm hoch, lächelte freundlich und winkte ihm zu, er möge doch zu ihr herunter kommen. Er winkte zurück und war über die Aussicht in Gesellschaft zu sein und mit jemandem reden zu können ganz froh. Mit dem altersschwachen Fahrstuhl fuhr er ins Erdgeschoss, durchquerte humpelnd die Eingangshalle und den Hof und setzte sich neben sie auf die Mauer. Doch schon nach sehr kurzer Zeit musste er feststellen, dass eine Unterhaltung nicht möglich war. Sie hatten keine gemeinsame Sprache und fanden nur sehr wenige Worte, die sie austauschen und verstehen konnten.

Aber ihr Lächeln funktionierte und mit Mimik und Gestik kam doch eine Art von Konversation zustande. So machte er ihr zum Beispiel vor, wie er sich seine Verletzung geholt hatte und erläuterte, warum er hier und seine Mitreisenden bei den Höhlen waren. Die Beschreibung, wie sehr ihn der ewige Regen der letzten Tage genervt hatte, gelang ihm so gut, dass sie herzlich lachte. Ansonsten sah sie seinen Bemühungen eher höflich interessiert zu und steuerte selbst nur wenig zu dieser Unterhaltung bei, die von zwei Taubstummen hätte geführt werden können. Und so erlahmte seine Gesprächsbereitschaft bald wieder und die Langeweile stellte sich erneut ein, obwohl er ja nun in Gesellschaft war. Eine ganze Weile saßen beide stumm und steif da und warteten, dass irgendetwas geschehen möge. Er hätte dieser Frau, die ihm nicht unsympathisch war, gerne vorgeschlagen, einen gemeinsamen Spaziergang durch den Ort zu machen. Da dies aber nicht möglich war, schlug er stattdessen vor, in der Hotelbar etwas zu trinken. Sie verstand seine Einladung, lächelte und nickte. Beide erhoben sich und gingen, er humpelnd, sie zwei Schritte hinter ihm, über den Hof in Richtung Hoteleingangstür.

In der Halle steuerten sie zuerst den künstlichen Springbrunnen an, blieben dann eine Weile vor dem Aquarium stehen, ließen die lange Theke mit der Rezeption rechterhand liegen und betraten schließlich den Speiseraum, der zu dieser frühen Nachmittagsstunde leer war. Das Mittagessen war beendet, die Tische abgeräumt und nur die fleckigen, roten Tischdecken kündeten von dem „Gelage“, das vor einer Stunde hier stattgefunden hatte. Die Bedienung, eine junge, fette Frau, die sie ob der Störung ihrer Mittagsruhe unwirsch ansah, kam an den Tisch. Er bestellte ein Bier, sie orderte cha und bestätigte sein Vorurteil, dass Chinesen zu jeder Gelegenheit Tee trinken. Sie nippten an ihren Getränken und fuhren fort, sich anzuschweigen und sich trotzdem interessiert anzusehen. Sie war weit davon entfernt eine dieser schlanken, attraktiven Suzy Wongs zu sein, mit geschlitztem Kleid bis an die Hüfte, Seidenhaaren bis an den Hintern und schmachtenden Mandelaugen. Nein, sie sah bodenständig, solide und auch etwas langweilig aus und passte gut in diese herbe Berglandschaft. In gewisserweise erinnerte sie ihn an die Schauspielerin Gong Li, die in einem Film eine handfeste Bäuerin spielte, die mit Charme und Tatkraft ihr hartes Leben meisterte. Gong Li war selbstredend viel schöner und aparter als seine Nachmittagsbekanntschaft, aber auch diese übte einen gewissen Reiz auf ihn aus.

Nach einer Weile kam die Bedienung erneut angewatschelt und stellte eine Frage. Als Gong Li den Kopf schüttelte, räumte sie das Geschirr ab und schaute provozierend und demonstrativ auf ihre winzige Armbanduhr. Ein Zeichen, dass der Ausländer mit seiner Braut endlich verschwinden möge, damit sie ihr Mittagsschläfchen fortführen konnte. Er verstand die Aufforderung, blickte Gong Li fragend an und erhob sich zögernd und unschlüssig. Sie nickte wieder, zog kokett ihre Handschuhe wieder an, die sie abgelegt hatte, den Hut hatte sie aufbehalten und ergriff das Handtäschchen aus blauem Kunststoff mit silberner Schnalle. Dann stand sie ebenfalls auf und hängte sich zu seiner Überraschung bei ihm ein. Ihre linke Hand glitt unter seinen rechten Arm, ihr Unterarm legte sich auf seinen und sie schmiegte sich ganz leicht an ihn und er roch zum ersten Mal ihr süßliches Parfüm. Sie zog ihn, das Tempo und die Richtung bestimmend, ein leicht triumphierendes Lächeln auf den Lippen, zurück in die Empfangshalle. Jetzt ließen sie die Theke links liegen, ignorierten den künstlichen Springbrunnen, warfen nur einen kurzen Blick auf das Aquarium und gingen weiter in Richtung Eingangstür. Dort blieb Gong Li stehen und betrachtete ein paar Minuten lang das Geschehen auf dem weißlich flimmernden Bildschirm des Hotelfernsehers, der seltsamerweise seinen Platz neben der Eingangstür gefunden hatte. Sie kicherte, er verstand nichts von dem, was er sah. Dann standen sie vor dem Aufzug und warteten, bis er hörbar rumpelnd ankam. Während sie warteten, sah er sie amüsiert, aber auch leicht irritiert an und bewunderte ihr zielgerichtetes, entschlossenes Handeln. Er war neugierig, wie es nun weitergehen würde, doch eigentlich war diese Frage rein rhetorischer Natur, denn er wusste sehr wohl, was sie beide wollten und er malte sich aus, was nun in seinem Zimmer geschehen würde. Er war bereit, alle Spielchen mitzumachen.

Sie betreten das Zimmer mit den dunklen Holzdielen und den grell-bunten Tapeten. In der Mitte steht ein großes Himmelbett, auf dem eine blau-rote Steppdecke liegt. An der Wand befindet sich eine Anrichte mit einem großen Spiegel, Schmink- und Schreibtisch in einem, daneben steht ein mit Schnitzwerk verzierter Holzschrank. Neben dem Bett auf dem Fußboden liegt sein Koffer, sorgfältig abgeschlossen wie immer, wenn er das Hotelzimmer verlässt. Die Tür zum Balkon ist geöffnet. Dort steht noch der Stuhl mit dem langweiligen Buch. Sie löst sich von seinem Arm und schaut sich, halb neugierig, halb wissend um. Geht um das Bett herum zu der Anrichte und betrachtet sich eine Weile sehr aufmerksam im Spiegel. Schließlich legt sie das Handtäschchen auf das Bett, zieht die Handschuhe aus, legt sie sorgfältig daneben, nimmt danach den Hut ab und legt auch den auf das Bett. Zum ersten Mal sieht er die beiden neckischen, kurzen Pferdeschwänzchen, die ihm einen Tick zu jung für eine Frau ihres Alters vorkommen, die ihr aber ein gewisses unschuldiges Aussehen verleihen. Nun setzt sie sich selbst auf das Bett, nimmt das Handtäschchen, öffnet es, kramt darin und zieht einen Lippenstift heraus. Sehr sorgfältig fährt sie die Konturen ihres kleinen Mundes nach. Sie verreibt die grellrote Farbe, indem sie die Lippen mehrfach hin und her bewegt und aufeinander presst. Zum Schluss holt sie noch ein Döschen aus dem Täschchen und trägt mit einem winzigen Wattebausch Rouge auf die Wangen. Auch das Rouge ist von kräftiger Farbe und sie sieht nun aus wie eine Konkubine aus einer Pekingoper.

Er ist die ganze Zeit neben der Tür stehen geblieben und hat interessiert ihre Verschönerungsarbeit verfolgt. Nun, da sie fertig ist, aufsteht und sich ihm zu wendet, erwartet er, dass sie anfangen möge sich auszuziehen, sich auf das Bett zu legen oder auf ihn zuzukommen. Doch was nun folgt, erstaunt und irritiert ihn erneut, denn sie fordert ihn mit einer unmissverständlichen Handbewegung auf, seine Hose auszuziehen. Er schaut sie ungläubig an, obwohl ihm natürlich klar ist, dass Gong Li nicht nur wegen des Schminktischs auf sein Zimmer gekommen ist. Aber die direkte Art und Weise wie diese so simpel, so ländlich und unbedarft wirkende Frau die Initiative ergreift, wie sie ihre Vorstellung von dem Tête-à-Tête durchsetzt, ja ihn regelrecht instrumentalisiert, verwundet ihn. Sie, eine Chinesin, die in Sachen Sex doch eher als zurückhaltend und phantasielos gelten, weiß ganz genau, was sie will. Sie wiederholt ihre Aufforderung und unterstreicht sie mit ihrem asiatisch bestätigenden Nicken. Er zögert, öffnet aber dann den Gürtel und lässt die Hose zu Boden fallen. Dann steigt er, etwas umständlich die Füße schüttelnd aus dem Hosenknäuel. Sie lächelt ihn an und macht mit der rechten Hand, zwei, drei kreisende Bewegungen. Mach weiter, na los doch. Er fasst sich an die Unterhose, dann fällt ihm aber ein, dass er ja noch seine Schuhe, seine Socken und sein Hemd anhat. Er bückt sich, nestelt an den Schuhbändern, zieht einen Schuh aus, dann den Socken, dann den anderen Schuh und den anderen Socken. Zwischendurch schaut er von unten, aus einer komischen, lächerlich wirkenden gebückten Haltung auf die ruhige, selbstsichere Frau, die neben dem Spiegel steht, abwartend, fordernd, lächelnd.

Nachdem er sich wieder aufgerichtet hat, befördert er Schuhe, Socken und Hose mit ein paar Tritten in eine Ecke des Zimmers und knöpft sich dann das Hemd auf, langsam, provozierend, wie bei einem Striptease. Er lässt es zu Boden gleiten und schickt es den anderen Kleidungsstücken nach. Nun trennt ihn nur noch die Unterhose von der natürlichsten aller Erscheinungen, nur sie schützt ihn noch. Aber wovor eigentlich? Vor ihren abschätzenden Blicken, weil er, wie sie deutlich sehen würde, noch nicht bereit ist oder vielleicht auch gar nicht bereit werden würde? Er ist verunsichert und ungeduldig und sagt ihr, sie solle nun auch anfangen, sich auszuziehen, wohl wissend, dass sie seine Worte nicht verstehen, aber ihren Sinn durchaus begreifen könne. Wieder nickt sie, wieder dieses stereotype Nicken, bewegt sich aber trotzdem nicht. Sie schaut unverwandt auf seine Unterhose. Schließlich streift er sie ab und steht nun nackt da, mit leicht erigiertem Penis, in der Rolle des Untertans, der darauf wartet, die Gunst einer Domina gnädig in Empfang nehmen zu dürfen.

Sie scheint jedoch mit dem halbgaren Anblick, der sich ihr bietet, zufrieden zu sein, denn sie klatscht beifällig in die Hände und beginnt endlich selbst aktiv zu werden. Und wieder geschieht etwas, was er nicht erwartet hatte und was ihn in großes Erstaunen versetzt. Als sie nämlich anfängt, langsam die rote Bluse aufzuknöpfen und ihr ebenfalls roter BH und ihre üppigen Brüste zum Vorschein kommen, ist dieser BH vorne offen. Die Brüste werden durch ihn hochgehoben und vorgereckt und die aufgerichteten, rosa Brustwarzen sind frei sichtbar auf ihn gerichtet. Der Anblick dieser Brüste, mehr aber noch der des seltsamen, erotischen Kleidungsstücks, das absolut nicht hierher, in die tiefste chinesische Provinz passen will, versetzt ihn auf einen Schlag in eine erotisierte Stimmung, die ihn bisher noch nicht erreicht hatte. Er ist geil geworden, richtig geil und will sie haben, diese seltsam raffinierte Bäuerin. Er will, dass sie sich auf das Bett legt, dass er ihr den Rock abstreift, den Slip herunterzieht, dass sie die Beine breitmacht, damit er in sie eindringen kann, immer wieder eindringen kann. Aber als er keuchend und mit glasigen Augen einen Schritt auf sie zumacht, bedeutet sie ihm mit einer erneuten Handbewegung, stehen zu bleiben. Sie dreht sich nun um, bis sie ihm den Rücken zuwendet, fasst mit einer Hand nach dem Schrank, bückt sich langsam, bis ihr Rücken waagrecht ist und ihr Hinterteil sich ihm provozierend entgegenstreckt. Und dann fängt sie an, Stückchen für Stückchen, den gelben Rock mit der freien Hand hochzuraffen, bis die nackten Hinterbacken sichtbar sind und der Rock auf ihrem Rücken liegt. Sie hat unter dem Rock nichts an, nichts zum Abstreifen, nichts zum Ausziehen. Ihr blanker Hintern ist rund und fest und prall und sie beginnt ihn langsam, wollüstig zu kreisen, einladend, provozierend, erregend, sexuell. Er starrt auf diese rotierende Versuchung, seine Erregung wächst und er kann sich kaum noch beherrschen. So rasch er kann, humpelt er um das Bett herum, um sie endlich, endlich zu begrapschen, zu betasten, zu streicheln. Er presst seinen nun steil aufgerichteten Penis an den kreisenden Hintern, sucht ihn zwischen die Backen zu drängen, fasst mit beiden Händen nach ihren Brüsten und beginnt sie zu drücken und zu kneten. Sie stöhnt, schaut starr auf den Schrank, weicht aber mit ihren rotierenden Beckenbewegungen seinem Drängen aus und verhindert, dass er in sie eindringt. Denn noch ist sie nicht bereit und bietet ihm, der schnell und ungeduldig zum Höhepunkt kommen will, eine weitere überraschende Variante ihres raffinierten Liebesspiels an. Sie richtet sich aus ihrer gebückten Haltung auf, lässt den Schrank los und ergreift seine beiden Hände, die immer noch ihre Brüste durchwalken, und zerrte ihn, der wie ein Straßenköter auf ihr hängt, zur Balkontür. Sie zerrte ihn an diesem hellen Sonntagnachmittag ins Freie, auf den einsehbaren Balkon und beugt sich über die Brüstung. Nun ist sie auch hoch erregt, ihr Kopf wackelt ekstatisch vor und zurück, ihre Brüste wippen, sie stößt kleine, halblaute Schreie aus, aber ihr Hintern ist ganz ruhig geworden, hat aufgehört zu kreisen, sie ist für ihn bereit. Schnaufend und stöhnend umfasst er mit beiden Händen ihre Hüften. Doch bevor sein Penis sein Ziel sucht und schließlich auch findet, wandert sein Blick auf ihren Nacken, auf die ekstatisch wippenden Pferdeschwänzchen, dann auf den Hof, auf den roten Stern und schließlich auf das weite Tal. Er sieht die eilenden Schatten der Wolken und in seine heiße Erregung mischt sich eine tiefe Ruhe. Er dringt in sie ein und seine Ekstase entlädt sich in einigen wenigen, heftigen Stößen. Beide sind endlich an ihrem Ziel.

Als er mit seinem Rammeln fertig und wieder ruhiger geworden ist, wendet sie sich schnell von der Brüstung ab und drückt ihn sanft zurück in das Zimmer, knöpft ihre Bluse zu, streicht den Rock glatt und nimmt Handtasche, Hut und Handschuhe an sich. Noch ein kurzer Blick in den Spiegel, ein dankbares Lächeln für ihn und dann hat sie wort- und grußlos das Zimmer verlassen. Er steht konsterniert und erschöpft in der Balkontür. Nicht einmal das Geld, das sie sicher erwartet hat und er ihr auch geben wollte, hat sie genommen. Dann löst er sich aus der Starre, legt sich auf das unberührte Bett und in seinem Kopf kreisen Bilder mit gelben Röcken, roten Blusen, steifen Brüsten, prallen Hintern, roten Lippen und wippenden Pferdeschwänzen und über alles streifen unaufhörlich die Schatten der dahineilenden Wolken.

Am nächsten Tag war die Straße wieder frei und sie konnten ihre Reise fortsetzten.

Die Versuchung

Sie stand am Straßenrand im Schatten eines Baumes und hob die Hand. Als er anhielt und sie einstieg, sah er ihr an, wie erleichtert sie war. Es war kein Vergnügen in der Mittagshitze hier zu stehen und auf Autos zu warten, die nur selten vorbeikamen. Er war froh, dass der gemietete Toyota eine Klimaanlage hatte und auch das Mädchen genoss sichtlich die Kühle. Obwohl verschwitzt und etwas mitgenommen, machte sie der Charme der Jugend dennoch attraktiv, mit ihrem hübschen Gesicht, ihrer hellbraunen Haut und dem schwarzen, zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden Haar. Sie war attraktiv trotz oder wegen ihrer spärlichen, ja ärmlichen Garderobe, die gerade mal aus einem sehr kurzen, rosa Rock, einem dunkelblauen, verwaschenen Top mit Spaghettiträgern und abgetragenen Flip-Flops bestand. Auf der Vorderseite des Tops konnte man einen undefinierbaren Aufdruck erkennen und darunter sah man das Oberteil eines bunten Bikinis. Am auffälligsten und für ihn am überraschendsten war jedoch ein kleiner Diamant in einem Schneidezahn, der aufblitzte, wenn ihn ein Sonnenstrahl traf. Er wunderte sich, dass dieses Mädchen sich so etwas leisten konnte.

Nachdem sie eine Weile gefahren waren, verspürte er Durst und als eine Tankstelle kam, bog er von der Straße ab. Sie gingen in den Kiosk und er bestellte zwei eiskalte Colas. Sie trank schnell und gierig und gab ihm zu verstehen, dass sie Cola sehr mochte, sich aber schon lange keine mehr hatte leisten können. Als er ihren sehnsüchtigen, auf eine Glasvitrine mit Snacks gerichteten Blick bemerkte, bestellte er, ohne sie zu fragen, eine kalte Pizza und noch ein Getränk. Während sie aß, steckte er sich die Kopfhörer seines neuen, sündhaft teuren Spielzeugs in die Ohren. Ein kleines Wunderding, mit dem man auch telefonieren, fotografieren und im Internet surfen konnte. Sie schaute interessiert hin und er erklärte ihr stolz die Funktionen, dabei ließ er nicht unerwähnt, dass solch ein Gerät in seiner Heimat tausend Euro kostet und hier sicher nicht erhältlich sei. Dann machte er ein Bild von ihr. Sie war entzückt, und er versuchte ihr vergeblich zu erklären, dass er alle seine Urlaubsfotos in diesem kleinen Apparat gespeichert habe. Schließlich überließ er ihr die Kopfhörer und sie war sofort von der Musik begeistert und wollte den Player nicht mehr hergeben.

Als sie weiterfuhren, hockte sie sich auf den Vordersitz, die Füße auf der Sitzfläche, die angewinkelten Knie ragten nach oben. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Beifahrertür, hatte ihren Oberkörper ihm voll zugewandt und sah ihn mit großen Augen an. Ihr Blick, anfangs noch schüchtern und neugierig, war zunehmend herausfordernder und provokativer geworden. Ihr knapper Rock war hochgerutscht, und wenn er sie von Zeit zu Zeit verstohlen anstarrte, sah er nicht nur den leichten, hellen Flaum auf ihren schlanken Beinen, sondern auch ihren rosa Slip. Obwohl sie konzentriert der Musik zu lauschen oder intensiv nachzudenken schien, bemerkte sie dieses Anstarren sehr wohl und sie registrierte auch, wohin er sah, aber sie war keineswegs verlegen. Im Gegenteil, sie beugte sich im Takt der Musik, die er ganz leise mithören konnte, vor und zurück und es schien ihm, dass sie sich ganz bewusst tief herab beugte, damit er ihre kleinen Brüste sehen konnte. Er fand sie nett und sympathisch und überlegte, was er ihr schenken könnte, wenn die gemeinsame Fahrt zu Ende war.

Nach einer guten Stunde veranlasste ihn das dringende Bedürfnis zu pinkeln auf einen Rastplatz abzubiegen. Auf dem Platz, der durch dichte Büsche von der Straße abgetrennt war, stand ein alter, ramponierter Straßenkreuzer mit weit geöffneten Türen. Zwei junge Männer saßen auf dem Kühler und hörten laute Musik. Er fuhr an ihnen vorbei an das andere Ende des Platzes. Dort hielt er an, sagte dem Mädchen, sie solle unbedingt im Auto sitzen bleiben, stieg dann aus und ging zu einem Baum in einiger Entfernung, um sich zu erleichtern. Kaum hatte er ihr den Rücken zugewandt, verließ sie den Wagen und lief zu den beiden Männern. Als er, noch immer pinkelnd, über seine Schulter blickte, sah er, wie sie auf die beiden einredete und dass der eine sich die Kopfhörer aufgesetzt hatte. Er war verärgert und wollte ihr zurufen, sie solle zum Auto zurückgehen, als sich einige Dinge fast gleichzeitig ereigneten. Das Mädchen setzte sich auf den Rücksitz der alten Karre, einer der Männer rannte in Richtung seines Autos, der Zweite startete den Motor und fuhr, die Beifahrertür immer noch geöffnet, langsam in dieselbe Richtung. Der, der gerannt war, bückte sich kurz hinter dem Toyota und sprang dann zu seinem Kumpel auf den Beifahrersitz. Der Motor heulte auf, die Reifen wirbelten Staub auf, der Wagen machte einen Satz und raste auf die Straße.

Dies alles spielte sich so rasch ab, dass er, auch durch sein lang andauerndes Pinkeln gehindert, in das Geschehen nicht eingreifen konnte. Als er endlich fertig war, rannte er auf die Straße und stieß laute Flüche und Verwünschungen aus, aber das Auto war schon so weit weg, dass eine Verfolgung sinnlos war. Er war zwar froh, dass die beiden nicht versucht hatten sein Auto oder sein Gepäck zu klauen und ihm war auch sofort klar, dass mit seiner Schönen auch sein teures Spielzeug verschwunden war, aber er brauchte ein Weile, ehe er bemerkte, dass sie ihm einen Reifen zerstochen hatten. Weiterhin fluchend, begann er das Ersatzrad zu montieren. Zu allem Übel waren die Schrauben teilweise eingerostet und er musste heftig am Schraubenschlüssel zerren, um sie zu lockern. Dabei fiel ihm sein Portemonnaie aus der Tasche seiner Shorts und er warf es auf den Rücksitz.

Dann fuhr er weiter. Nach ein paar Kilometern sah er zu seiner Überraschung das Mädchen wieder am Straßenrand stehen. Sie winkte, senkte aber den Arm, als sie seinen Wagen erkannte. Langsam fuhr er an ihr vorbei und starrte sie wütend an. Traurig erwiderte sie seinen Blick. Als sie im Rückspiegel auftauchte, gab er Gas und ihre Gestalt wurde immer kleiner. Doch plötzlich bremste er, hielt an, stieg aus und bedeutete ihr mit einer ausholenden Armbewegung, zu kommen. Langsam und zögernd setzte sie sich in Bewegung. Als sie ankam, öffnete er die Tür und sie setzte sich neben ihn. Sie hatte Tränen in den Augen und begann schluchzend und wortreich etwas zu erzählen, das er nicht verstand und auch gar nicht verstehen wollte. Er herrschte sie lautstark an, sie solle den Mund halten. Sie schwieg, dreht ärgerlich den Kopf von ihm weg und starrte auf den Rücksitz und dort sah sie, durch ihre Tränen hindurch, sein Portemonnaie liegen. Sie setzten ihre unterbrochene Fahrt fort und neue Hoffnung keimte in ihr auf.

Die Falle
Ein heißer Tag

„Hast’e Hunger?“ Als er in die schmale Gasse einbog, stand sie plötzlich direkt vor ihm, breitbeinig, die Hände in die Hüften gestützt, leicht hin und her wippend und sah ihn provozierend an. Sie versperrte den Weg und zwang ihn, ebenfalls stehen zu bleiben. Überrascht und irritiert zögerte er mit einer Antwort, da ihm überhaupt nicht klar war, was die Frau mit ihrer Frage wollte. „Nein, eigentlich nicht. Warum?“ „Du kannst mich haben. Mich essen.“

Sie war ihm aufgefallen, weil sie das einzige Lebewesen zu sein schien, das an diesem heißen Sonntagvormittag in dem öden, heruntergekommenen Viertel unterwegs war. Mit Ausnahme von ihm, natürlich, der ab und zu auf solch abwegige Ideen kam. Doch diese Tatsache allein hätte sein Interesse nicht unbedingt erregt, nein, sie war ihm wegen ihres Gangs und ihres Arschs aufgefallen. Prall und kompakt in zu engen Jeans hin und her wackelnd, hatte dieser Körperteil seinen Blick sofort magisch angezogen. Verstohlen hatte er sie angeglotzt, was ihr offensichtlich nicht entgangen war, obwohl sie sich in einiger Entfernung auf der anderen Straßenseite befand, denn bei der zweiten Begegnung hatte sie noch heftiger mit den Pobacken gewackelt. Es war offensichtlich, dass sie ihn abgepasst hatte, um eine Weile direkt vor ihm herzustaksen. Fasziniert hatte er diesem Epizentrum wollüstiger Triebhaftigkeit nach gestarrt, bis die Frau in eine Seitenstraße einbog, ein Haus betrat und so aus seinem Blickfeld verschwand. Er schaute noch eine ganze Weile auf die nun wieder leere Straße und stellte verwundert fest, dass ein Verlangen in ihm aufkeimte, das immer heftiger wurde. „Mit solch einer, das wäre doch mal was. Mit der zu zweit allein.“ Gedanken dieser Art tanzten durch sein sonnenerhitztes, von fleischlicher Begierde vernebeltes Gehirn, als er seinen plan- und ziellosen Weg durch die Tristesse fortsetzte.

Doch als sie nun bei ihrer Dritten, auch wieder alles andere als zufälligen, Begegnung vor ihm stand, in Reichweite seiner verschwitzten, verkrampften Hände und ihn auf so primitive Weise anbaggerte, war er nur schockiert. Verlegen glitt sein Blick an ihrem Körper entlang, von unten nach oben und von oben nach unten, um schließlich auf ihrer roten Bluse hängen zu bleiben. Diese, nur knapp zugeknöpft und über dem deutlich vorhandenen Bauch geknotet, erlaubte ausreichende Sicht auf viel schwarze Haut. Sie verbarg weder die kompakte Taille noch den Ansatz immer breiter werdender Hüften, auf dem sich die schmalen Streifen eines schwarzen Tangas in das Fleisch einkerbten, bis sie von einem schweren, braunen Ledergürtel verdeckt wurden. Nur nach einem prallen Busen, den er bei dieser stämmigen Gestalt vermutet hätte, suchte er vergebens. Ihr Busen war überraschend klein und wurde durch den knappen Stoff der Bluse vollständig verborgen. Erst nachdem er den Rest ihres Körper ausgiebig taxiert hatte, die schmalen Füße mit rot bemalten Zehennägeln in billigen Flip-Flops, die rundlichen Waden, die strammen Oberschenkel, die zu dem dunklen Dreieck ihres Schoßes führten, dann die nackten, feisten Arme mit den plumpen Händen mit ebenfalls rot lackierten, angekauten Fingernägeln, erst nachdem er auf diese Weise Zeit und Sicherheit gewonnen hatte, wandte er sich ihrem Gesicht zu und wagte es, in ihre Augen zu blicken. Sie war nicht besonders hübsch, nein, das konnte man nicht sagen. Aber sie schien jünger zu sein, als ihre ausladende Figur vermuten ließ. Die Nase war breit und flach, die Lippen ziemlich dick. Die Augen mit langen, falschen Wimpern wirkten leicht verschlafen. Ihre krausen Haare waren im Rastalook zu vielen kleinen Zöpfchen geflochten und hie und da mit bunten Bändchen durchsetzt. Ansonsten bestand der einzige Schmuck, den sie trug, aus einem Paar baumelnder Plastikohrringe und einem dünnen Silberkettchen mit einem kleinen Löwen um eines der Fußgelenke. Sie war alles andere als die schöne, schlanke, begehrenswerte schwarze Venus, die ihn in seinen Träumen manchmal heimsuchte, aber sie stand real vor ihm, war jung und hatte durchaus Sexappeal, als sie ihm ihren Körper präsentierte und ihm auffordernd in die Augen sah. Für ein paar Dollar war sie anscheinend bereit und willig, sich mit ihm einzulassen und er stellte fest, dass dieses kribbelnde, sehnsüchtige Gefühl, das ihn schon bei ihrem Anblick übermannt hatte, ihm nun befahl, die paar Dollar unbedingt auszugeben. Es war ein regelrechter Zwang, dem er sich nicht zu widersetzen vermochte, obwohl er zugleich ein ungutes Gefühl hatte. Seine Erfahrungen mit Frauen waren denkbar gering, insbesondere mit solchen, die sich auf so unverschämt, direkte Weise und dazu noch am helllichten Tag auf der Straße anboten. Eine derartige Erfahrung hatte er, um präzise zu sein, noch nie gemacht. Von seinen Gefühlten und Ängsten hin und her gerissen, grinste er sie unbeholfen an und sie lächelte zurück und er musste aus lauter Verlegenheit seinen Blick wieder von ihren Augen abwenden und ihn erneut über ihren Körper wandern lassen, erneut rauf und runter. Doch sie fühlte sich ihrem Ziel schon sehr nahe und, um ihn vollends kirre zu machen, wiegte sie sich noch stärker in den Hüften, drehte sich lasziv halb um die eigene Achse und reckte ihm nun ihren Hintern zu, wohl wissend, dass der ihr Kapital war, ihr Pfund im wörtlichen Sinn, mit dem sie wuchern konnte. Er war jedoch noch nicht ganz so weit. „Jetzt um diese Zeit?“ „Warum nich! Was hast’e gegen jetzt?“ Ihr zunächst offener Blick verwandelte sich auf einmal in einen professionellen Schlafzimmerblick mit halb geschlossenen Lidern. Die wulstigen Lippen formten sich zu einem halbwegs spitzen Kussmund, aus dem immer wieder die rosa Spitze ihrer Zunge hervorstößt und die Lippen leckt. Dies war anscheinend ihre Vorstellung von Verführung. “Geh'n wir!“ Er gab bei dieser Show den letzten Rest seines Widerstands auf und nickte mechanisch, selbst überrascht von seiner Zustimmung.

Sie setzte sich in Bewegung. Er folgte ihr im Abstand von ein paar Metern durch die Mittagshitze, durch die menschenleeren Straßen, vorbei an den ausgestorben wirkenden Häusern. Die grelle, heiße Sonne brannte auf sie, denn ihr Weg führte sie kaum durch Schattenzonen, die etwas Erlösung geboten hätten. Wohin sie gingen, war ihm egal. Er nahm den Weg nur halb bewusst wahr, denn seine Augen verfolgten gebannt und fast ausschließlich das Wackeln, Vibrieren und Schaukeln ihres Hinterns. Doch trotz der permanenten Anmache und trotz der Hitze kühlte seine Begierde langsam ab, dafür breiteten sich Skepsis und Angst immer stärker aus und er verfluchte, dass er sich auf dieses Abenteuer eingelassen hatte. Was hatte er da nur gemacht? Zudem wurde seine Kehle immer trockener, die heiße Luft flimmerte immer stärker vor seinen Augen, sein T-Shirt war schweißnass und das Mädchen ging immer noch weiter, immer noch vor ihm her, bis sie schließlich in eine Nebenstraße einbog, dann in einen kleinen Vorgarten und schließlich an der Eingangstür eines schäbigen Bungalow stehen blieb. Auf dem vergammelten Straßenschild hatte er „Luke Road“ gelesen.

Sie bückt sich und zieht, ohne zu suchen und zu zögern, unter der Fußmatte einen altmodischen, großen Hausschlüssel hervor und schließt auf. Sie betreten die warme, stickige Wohnung. Kein Lufthauch. „Da sind wir“, sagt sie überflüssigerweise. Geht nach links in die Küche, öffnet den Kühlschrank. Gähnende Leere, bis auf eine angebrochene Tüte Chips. Halb entschuldigend dreht sie sich zu ihm, der in der offenen Tür gewartet hat, um. „Tut mir leid.“ Dann nimmt sie von einer Ablage zwei Gläser. Füllt sie mit Wasser aus dem fleckigen Messinghahn über dem grauen Spülstein. Reicht ihm eins, führt das andere an ihre Lippen. Sie sind, wie er erst jetzt so richtig bemerkt, spröde und aufgesprungen, mit Herpes und Resten eines popfarbenen Lippenstifts verunziert. Er nimmt einen Schluck. Das Wasser ekelt ihn an, es ist warm, schmeckt muffig nach Chlor. Er zwingt sich noch zwei, drei Schlucke zu nehmen, spült aber nur den Mund aus und spuckt die Brühe wieder aus. Obwohl er Durst hat, kann er diese Pisse einfach nicht hinunterschlucken. Das Wasser im Mund hat jedoch seine Trockenheit etwas gemildert und seine Geilheit wieder auf Touren gebracht. Sie merkt, wie er sie erneut gierig anstarrt, ihren kleinen Busen sucht, ihre Jeans abtastet, ihren üppigen Körper mit seinen Blicken verschlingt. Sie lacht kokett, ergreift seine Hand und führt ihn in den nächsten Raum, in ein abgedunkeltes Schlafzimmer. In der Mitte steht ein ungemachtes Bett mit dreckigem Laken und einem zerschlissenen Kopfkissen, keine Decke, daneben ein kleiner Tisch und ein einziger Stuhl. Vor dem Fenster hängt eine vergammelte Jalousie aus Holzstäben, an der Decke, direkt über dem Bett ein Ventilator. Sie schaltet ihn mit der herabhängenden Kordel ein. Er dreht sich nicht. „Kein Strom. Tut mir leid.“ Unschlüssig bleiben sie ein paar Augenblicke in dem engen Raum stehen. Dann geht sie an das Fenster, zieht die Jalousie hoch. Blendend helles Licht dringt in den Raum. Sie schiebt den unteren Teil des Fensters hoch, schließt es aber sofort wieder, als ein Schwall noch heißerer Luft in das Zimmer strömt. Dann lässt sie auch die Jalousie wieder herunter. Das angenehme, Kühle vorgaukelnde Halbdunkel kehrt zurück. Schließlich setzt sie sich auf die Bettkante und fragt ihn, der immer noch im Türrahmen steht „Was rückst du denn raus?“ Darüber hat er sich noch gar keine Gedanken gemacht. Na klar, sie will Geld. Sie ist ja schließlich auf Geld aus, lebt vermutlich von dem Geschäft. Aber wie viel? Er hat keine Ahnung, ist völlig unbedarft und das nicht nur in dieser Hinsicht. „Zwanzig?“ Sie lacht auf, schaute ihn amüsiert an. „Du machst wohl einen Witz, glaubst wohl ich bin eine billige Nutte. Hundert!“ Das erscheint selbst ihm, dem unwissenden alten Geizkragen, eindeutig übertrieben. Er holt seinen Geldbeutel aus der Hosentasche. „Vierzig.“ Er zieht zwei Zwanziger heraus und hält sie ihr hin. Sie nimmt sie, lässt aber ihre Hand ausgestreckt. Zögernd holt er noch einen Zehner. Sie nimmt auch den und faltet dann die Scheine zu einem winzigen Päckchen, das sie in eine kleine Tasche am Knie ihrer Jeans steckt.

Das Geschäftliche ist erfolgreich abgewickelt und sie beginnt den Knoten der roten Bluse zu lösen und die Knöpfe zu öffnen. Streift sie langsam, lasziv über die Schultern und lässt sie auf das Bett gleiten. Dabei streckt sie ihren Oberkörper vor und hat wieder diesen Schlafzimmerblick, dieses halbtote Blinzeln. Ihr BH ist grau und völlig unattraktiv. Er war sicher einmal weiß, jetzt ist er nur noch grau, altbacken und verschlissen, mit deutlichen Löchern, ein Träger ist geknotet. Sie nestelt an den grauen Trägern, an den Körbchen, in denen sich die Hügel der kleinen Brüste verlieren. Er hat sich nach der Geldübergabe wieder zum Türrahmen geflüchtet, lehnt sich an ihn, unsicher, schwitzend, die Kehle trocken. „Na was is? Wills ‘te oder wills’te nich?“ Sie öffnet den breiten Gürtel, dann den Reißverschluss vor dem strammen Bauch und beginnt die Jeans langsam nach unten zu ziehen und über die Hüfte zu streifen. Der straffe, schwarze Tanga wird nun deutlich sichtbar. Er hat überall Wülste in der schwarzen Haut verursacht. Sie muss kurz aufstehen, um die verdammt engen Hosen bis auf die Oberschenkel zu zwängen und setzt sich dann wieder hin und zerrt mühsam erst an dem einen, dann an dem andern Hosenbein, bis sie die Jeans schließlich mit einem Seufzer der Erleichterung auf den Boden wirft. Nach dieser anstrengenden Tätigkeit schaut sie ihn amüsiert an. „Hast wohl Hemmung? Keine Erfahrung mit Nutten, was?“ Sie lacht und lässt sich, noch immer in ihrer Unterwäsche, auf das Bett fallen und schließt demonstrativ die Augen. Vielleicht tut sie es aus Erschöpfung, die Hitze setzt auch ihr sichtbar zu, Schweißtropfen vereinen sich zu Rinnsalen und fließen auf das Laken, vielleicht aber auch, um seine Unsicherheit abzumildern. Nun rafft er sich endlich auf, macht einige Schritte in Richtung des Betts und stellt sich neben sie. Er streift sein nasses T-Shirt ab und wirft es auf den Boden. Derweil tastet sie, die Augen immer noch geschlossen, nach ihm, fasst seine Hose, findet den Gürtel, folgt ihm bis zum Hosenladen und nestelt am Reißverschluss. Hinter dem beginnt sich etwas zu regen, mächtig zu regen. Sie kichert, doch plötzlich hält sie inne und schaut ihn an. „Zieh doch endlich deine Schuhe aus!“ Er gehorcht. Setzt sich auf die Bettkante, öffnet mit fahrigen Händen die Schnürsenkel, zieht erst den einen, dann den anderen Fuß aus den schweren Stiefeln. Nun ist er auf einmal ganz fickerig, ganz geil auf das schwarze Fleisch und während er noch auf der Bettkante sitzt, fängt er an, sie zu begrapschen, an ihrem Busen herumzufummeln, ihren Bauch zu streicheln und sogar trotz der mächtigen Barriere aus Oberschenkeln bis in ihre Schamgegend vorzudringen, die immer noch von dem engen, schwarzen Tange notdürftig verdeckt wird.

Sie fängt bei seinem Gefummel auf einstudierte Weise an zu stöhnen und zu seufzen und sich die spröden Lippen wollüstig zu lecken. Sie hat wieder diesen weggetretenen Schlafzimmerblick angenommen, mit diesen halb geschlossen Augen, die ihm den Beginn höchster Erregung vorgaukeln und ihm ankündigen sollen, dass ein Superorgasmus unmittelbar bevorsteht. Sein Atem wird schneller, sein Herz schlägt bis zum Hals, sein Mund ist trockener denn je. Seine Wahrnehmung ist eingeschränkt, wie bei einem brünftigen Hirsch, wie bei einem liebesblinden, balzenden Auerhahn, selbst die Hitze hat er verdrängt. Er wird immer mutiger und will sich nun an die Quelle seiner Begierde, an diesen drallen, prallen Hintern heranmachen, ihn endlich kneten und drücken. Aber er kann es nicht, denn sie liegt immer noch auf dem Rücken. Er fasst sie an den Schultern, um sie zum Umdrehen zu bewegen. Sie gibt für einen Moment ihre Schauspielerei auf und schaut ihn ganz normal an. Nein, sie schaut ihn nicht ganz normal an, sie schaut an ihm vorbei, in Richtung Schlafzimmertür und ihre Augen weiten sich vor Entsetzen und ein unterdrückter Schrei entringt sich ihrem halb geöffneten Mund. Er bekommt ihre plötzliche Veränderung trotz seiner Erregung mit, ist irritiert und merkt schließlich auch, dass etwas nicht stimmt, dass der Halbschatten, der in dem Raum herrscht, eine Nuance dunkler geworden ist. Er lässt sie los, richtet seinen Oberkörper auf und dreht sich der Tür zu. Im Rahmen steht eine dunkle Gestalt, die sich scharf gegen das helle Licht des Flurs abhebt. Eine weitere Gestalt wird dahinter sichtbar.

Zwei Männer betreten den Raum. Der eine klein und kompakt, der andere groß und hager, beide von schwarzer Hautfarbe, dasselbe bräunliche Schwarz wie die Tussy. Der Große trägt trotz der Hitze eine schwarze Lederjacke. Seine Lackschuhe glänzen, genauso wie die Pomade in seinen glatt zurückgekämmten Haaren. Er ist eindeutig der Chef, der Wortführer. Er setzt sich auf den Stuhl. „Wen haben wir denn da in unserer Wohnung?“ Seine Freundlichkeit ist ätzend und unecht. Der Kleine, wesentlich prosaischer, in abgewetzten Jeans und einem schrecklich bunten Hawaiihemd, geifert „Gib’s ihnen, schmeiß sie aus der Furzfalle raus.“ „Keine schlechte Idee, aber vorher müssen sie noch die Miete bezahlen.“ Die sexuelle Erregung des Mannes auf der Bettkante ist auf einen Schlag verschwunden, stattdessen ergreift ihn eine unbestimmte und dennoch konkrete Angst. Er glotzt die Eindringlinge an und überlegt sich krampfhaft, was er sagen, was er tun soll. Auch das Mädchen hat alles verführerische Gehabe abgelegt. Sie hat sich im Bett aufgesetzt und die Beine angezogen, die Arme umklammern die Knie. Ängstlich und verachtungsvoll starrt sie auf die Typen. Der Hagere würdigt sie kaum eines Blicks. „Lilly hau ab,“ krächzt er mit heiserer Stimme. Sie steht auf, zieht die Jeans so rasch sie kann an, schlüpft in die Bluse, stopft sie in den Hosenbund, steigt in die Sandalen und will verschwinden. „Lilly!“ Die ausgestreckte Hand des Hageren deutet auf ihre kleine Jeanstasche. Sie murmelt “Arschloch”, holt aber das Päckchen heraus, entfaltet es und gibt ihm zwei Scheine. Dann ist sie draußen. „Wollen wir nicht für das Vergnügen bezahlen?“ Der Hagere schleimt und gibt sich immer noch aufgesetzt höflich. „Los rück die Kohle raus!“ schreit jetzt der Kleine und als er immer noch zögert, steht er schon neben ihm und seine Finger wühlen in den Hosentaschen und werden fündig. Er schwenkt die Geldbörse, schaut hinein, pfeift anerkennend und wirft sie dem Großen zu. Der steckt sie achtlos in seine Jackentasche und sagt stattdessen: „Die Uhr!“ „Verdammt, reicht denen das Geld nicht“ denkt er und streift seine schöne Omega, seine zuverlässiger Begleiter, an der er sehr hängt vom Handgelenk. Schon hat sie ihm der Kleine aus der Hand gerissen und dem Hageren zugeworfen. Der beäugt sie, steckt sie ebenfalls ein und hat noch etwas entdeckt. „Den Ring!“ „Nein, den nicht.“ Aus seiner Hosentasche zieht der Gangster ein Klappmesser, öffnet es und fängt an, seine Fingernägel zu reinigen. „Den Finger brauchen wir nicht. Den werfen wir weg. Also, was ist?“

Er schwitzt noch stärker. Streift den Ring ab, wirft ihn auf den Boden. Er rutscht ein Stück, dann hat ihn der Kleine mit seinem Fuß gestoppt und bückt sich nach ihm. Jetzt scheinen die beiden zufrieden zu sein. Der Hagere hat das Messer wieder in der Hose verstaut. Der Kleine betrachtet kurzsichtig den Ring mit dem großen Siegel aus nächster Nähe. Als nichts weiter geschieht, hebt der Mann sein nasses T-Shirt auf und streift es über. Dann schlüpft in die Stiefel, bindet sie zu und steht auf. Auf dem Weg zur Tür muss er an dem Hageren auf dem Stuhl vorbei. Der packt ihn unvermittelt am Arm und hält ihn fest. „Kein Wort zu niemandem! Kein Wort zu den Bullen, sonst geht es dir dreckig. Verdammt dreckig. Klar?“ Er befreit sich unwillig, nickt, geht in den Flur, zur Haustür, ergreift die Klinke, da schreit der Kleine „Halt!“ Er zögert, dreht sich um. „Die Hose runter! Hast du nicht gehört? Die Hose runter.“ „Scheiße“, denkt er und ist versucht, die Tür aufzureißen und einfach wegzurennen. Doch da ist der Kleine schon bei ihm und drängt ihn zurück in das Schlafzimmer. Der Hagere zieht wieder das Messer aus der Tasche und öffnet es, provozierend langsam. Der Kleine steht nun hinter ihm und löst seinen Gürtel, streift die Hose nach unten. „Na also!“, schreit er, als er die Gurttasche am Oberschenkel sieht. Der Hagere hält dem Kleinen das Messer hin. Er nimmt es und schneidet den Gurt entzwei. Dann durchwühlt er gierig die braune Ledertasche und wirft den Inhalt auf das Bett. Geldscheine, eine Kreditkarte, ein Führerschein, ein Pass. Die beiden Gangster lachen. „Gebt mir wenigstens den Pass“, sagt der Bestohlene tonlos. Der Hagere hört sehr plötzlich mit dem Lachen auf und schaut ihn böse an. „Den Pass? Nachdem du uns reinlegen wolltest? Das war das erste und letzte Mal, dass du uns reinlegen wolltest, du Arschloch, du dumme Sau. Kapiert? Komm her! Los komm her.“ Er zieht die Hose wieder hoch, der Kleine drängt ihn an den Tisch. „Leg die Hand auf den Tisch.“ „Warum, was soll der Scheiß?“ „Die Fragen stellen wir, nicht du.“ Und schon hat der Kleine seine Hand ergriffen und presst sie, die Finger auseinandergezogen, auf die Tischplatte. Der Hagere wippt sein Messer, dann fängt er an, erst langsam, dann immer schneller, zuletzt in einem Affenzacken, die Klinge zwischen den Fingern auf die Platte zu hämmern. Von links nach rechts, von rechts nach links. Am Schluss, ganz am Schluss seiner makellosen Vorstellung, schneidet er mit einer gezielten, gekonnten, vielfach erprobten Bewegung die Kuppe des kleinen Fingers ab. Der Kleine lässt die Hand los. Der Schnitt tut nicht einmal weh, blutet aber stark. Er wird bleich, hält sich mit beiden Händen an der Tischkante fest und meint, kotzen zu müssen. „Und jetzt hau ab, du Versager! Hau ab aus der Stadt und lass dich hier ja nie mehr blicken. Sei froh, dass wir dich laufen lassen.“ Der Hagere schaut ihn eindringlich an, mit stechenden, brutalen, erbarmungslosen Augen. Seine Stimme ist unterkühlt, heiser, gnadenlos. Diesen Blick und diese Stimme würde er sein Leben lang nicht mehr vergessen. Das war keine leere Drohung, dessen ist er sich sicher, als er auf die Straße wankt, die Zunge auf den immer noch blutenden kleinen Finger gepresst.

Der Kontakt

Asshole Spyder ärgerte sich, wenn man ihn so nannte. Aber er konnte es selten verhindern. Lieber war ihm Spyder, nur Spyder, wie Spinne, aber mit y. Ja, er war die Spinne, die geduldig in ihrem Netz saß und wartete und wartete und im entscheidenden Moment zuschlug. Aber Asshole? Nein, ein Arschloch war er nicht. Er war doch clever, ein cleverer Junge. Nun ja, eigentlich auch kein Junge mehr, mit Mitte vierzig, aber immer noch klein und drahtig, mit dünnen Haaren, die von Jahr zu Jahr spärlicher wurden und einem leicht verschlagenen Gesichtsausdruck. Seine Qualitäten wurden ständig missachtet. Er war nun mal ein Underdog, allenfalls geduldet, selbst von seinen wenigen Freunden. Dabei war er ein Mann, den man brauchen konnte, jedenfalls manchmal, denn er hatte unbestritten eine Eigenschaft, die anderen fehlte. Er besaß telepathische Fähigkeiten. Er konnte mit Leuten reden, die nicht da waren. Er konnte ihnen etwas mitteilen, sie fragen, sie warnen. Das klappte nicht immer und nicht mit jedem, aber oft genug, um seine Dienste für ein paar mickerige Dollar anbieten zu können. Nun könnte man sagen, was soll diese Eigenschaft im Zeitalter von Handys und Internet? Es war mehr, als nur Telepathie, sie hatte auch einen leicht hellseherischen Touch. Er erhielt manche Informationen einfach schneller als andere und sie waren oft zuverlässiger. Die Fähigkeit reichte bei Weitem nicht für die Vorhersage der richtigen Lottozahlen oder des richtigen Blatts beim Poker, aber den einen oder anderen Vorteil erlangte er dennoch. Nun hätte man meinen sollen, dass ein Mann mit dieser Gabe mehr aus seinem Leben machen könnte. Aber die Vorteile wurden leider von einer Fülle menschlicher und charakterlicher Nachteile mehr als ausgeglichen und so hatte er es letztlich nur dazu gebracht, in Kneipen herumzuhängen, zu lauschen was andere sagten, zu beobachten was andere taten, all die Informationen zu sammeln und auszuwerten und Gelegenheiten zu suchen, sein Wissen zu verhökern und damit etwas Geld zu verdienen. Um sein schmales, unregelmäßiges Einkommen aufzubessern, normale Arbeit kam für ihn nicht infrage, übernahm er hin und wieder einen illegalen Detektivjob. Vor allem Frauen, die ihre Männer in Verdacht hatten, fremd zu gehen, heuerten Spyder für einen Bruchteil dessen an, was sie einem Detektiv mit Lizenz hätten bezahlen müssen. Wenn er Erfolg hatte, empfahlen sie ihn ihren Freundinnen weiter. Wenn er jedoch herausfand, dass sich ihr Mann nur in Spielhöllen, aber nicht mit anderen Weibern herumtrieb, redeten sie ihn schlecht. Wegen dieser Schnüffelarbeit bekam er immer wieder mit den etablierten Detektivkollegen Ärger, die ihm zusetzten und natürlich auch mit den Überwachten und den Überführten, wenn die erfuhren, wer sie enttarnt und ihre kleinen Geheimnisse gelüftet hatte. Und eine weitere Gefahr begleitete Spyder latent. Es ließ sich nun mal nicht vermeiden, dass er bei der Ausübung seiner Tätigkeiten auch mit Kriminellen und Gangstern in Konflikt kam und ihre Kreise störte. Aber meistens ließen sie ihn in Ruhe, weil sie manchmal selbst seine Dienste in Anspruch nahmen. Das allein war der Grund, dass er bis jetzt überlebt hatte und nicht schon längst Opfer eines ungeklärten Unfalls geworden war oder auf andere Weise diese Welt verlassen hatte. Spyder war jedenfalls gut vernetzt und gut informiert, er kannte Gott und die Welt und sein Berufsrisiko war es nun mal, mit der Gefahr zu leben und sich irgendwie durchzuschlagen.

Spyder verbrachte die Tage bevorzugt in Cafés und billigen Lokalen, wenn er nicht in der öffentlichen Bibliothek stundenlang im Internet surfe. Die nächtlichen Einsatzorte waren Bars und Spielstuben und allerlei Spelunken. Jeder Ort war ihm recht, an dem er Informationen sammeln konnte und der ihn von seinem schäbigen Zimmer fernhielt. Er saß dann stundenlang vor einem Whisky oder einem Bier, lauschte, beobachtete, merkte sich alles, was ihm wichtig erschien, vergaß selbst das scheinbar Unwichtige nicht. Sein Gedächtnis war legendär und seine Kombinationsgabe ebenfalls.

Einen halben Tag lang hatte er im Kings Club, einem dieser Billiglokale mit überdimensioniertem Flachfernseher und ärmlicher Kundschaft, diesen rätselhaften Typ beobachtet, der nicht in die Umgebung passen wollte. Nicht nur, weil er ihn hier noch nie gesehen hatte, sein Äußeres und vor allem sein Gesichtsausdruck, zeigten, dass er nicht von hier war und das war verdächtig. Wer kam schon freiwillig hierher und verbrachte Stunden in dieser mickrigen Kneipe? Hatte er nichts Besseres zu tun? Zudem machte er einen ziemlich verzweifelten Eindruck und starrte immer wieder auf einen großen, weißen Verband am kleinen Finger seiner rechten Hand. Als er ihn am nächsten Tag wieder sah, wieder stundenlang vor einem halb vollen Glas vor sich hin brüten, konnte er seine Neugier nicht mehr zügeln. Er schlängelte sich an den Tisch des Fremden, fragte, ob der Platz neben ihm noch frei sei, und begann ein joviales Gespräch. Der Angesprochene sah erst überrascht auf, schien dann aber ganz froh zu sein, einen Gesprächspartner, besser gesagt einen Zuhörer gefunden zu haben und es dauerte nicht lange, bis Spyder alles wusste, was er wissen wollte. Er hörte sich die Geschichte von der Nutte und den beiden Gangstern an, von dem Verlust des Geldes, der Kreditkarten und des Passes und, am allerschlimmsten, den der Fingerkuppe. Er erfuhr, dass der Fremde am liebsten sofort abgereist wäre, obwohl er gerade erst angekommen war, dass er aber bleiben musste, um sich neues Geld und einen Passersatz zu beschaffen. Es dauere nun mal, bis die Banküberweisung eintreffe und das Konsulat hatte ihm dringend empfohlen, hier zu bleiben, um den Ersatzpass in Empfang zu nehmen. Er sei sehr froh, dass man ihm sein Zimmer gelassen und ihm sogar ein paar Dollar geliehen habe. Dann jammerte er, wie sehr er durch das Ereignis traumatisiert sei und sich kaum noch auf die Straße traue und sich nur noch in der Nähe des Hotels aufhalten könne. Das sei besonders ärgerlich, weil er so seine kostbare Zeit nutzlos verplempern würde, statt das zu tun, weswegen er her eigentlich hergekommen sei.

Und, weswegen sei er denn hergekommen, in diese langweilige, verkommene Stadt, wollte Spyder wissen. Aber bevor er eine Antwort erhielt, musste er sich erst noch ausführlich alle Zweifel und Gewissensbisse anhören, die sein Gegenüber plagten. Ob es nicht doch besser gewesen wäre, trotz der deutlichen Warnung der Gangster, zur Polizei zu gehen? Ob er jetzt noch gehen solle, obwohl man ihn dann fragen würde, warum er so spät käme? Dann müsse er gestehen, dass er es aus lauter Angst nicht gemacht habe und solch ein Geständnis sei ihm sehr peinlich. Er offenbarte Spyder schließlich auch, dass er unablässig finstere Rachepläne schmiede, in denen er die Gangster aufsuchen und bestrafen und sogar ermorden würde, dass er aber nicht die geringste Ahnung habe, wie er diese Pläne umsetzen könnte. Er wisse ja noch nicht einmal, wer die Typen waren und wie er an sie herankommen sollte. Über Lilly? Ja, vielleicht, das war der einzige Name, den er kannte. Wo das Ganze stattgefunden habe? Ach ja richtig, den Straßennamen habe er sich auch gemerkt: Luke Road. Aber Lilly hatte sicher auch Angst und würde nichts raus lassen, obwohl oder weil sie die Gangster ja offensichtlich kannte. Und vor allem, was konnte er tun, er der unbedarfte Ausländer, gegen solche brutalen Gegner? Spyder musste sich auch anhören, was für ein rechtschaffener Mensch vor ihm saß, von Beruf Lehrer, glücklich verheiratet und ohne einen Hang zu Eskapaden. Nur dieses eine Mal habe er der Versuchung nachgegeben, wohl wegen der Hitze und der aggressiven, sinnlichen Ausstrahlung dieser schwarzen Nutte oder weil der Satan selbst ihn in Versuchung geführt und er kläglich versagt habe. Ach ja, warum er hier sei? Nun, er zierte sich etwas und gab sich verlegen, sein ganz großes Hobby sei die Paläontologie, die Wissenschaft von den versteinerten Pflanzen und Tieren, den Fossilien. Spyder habe doch sicher schon von den Dinosaurieren gehört und von Jurassic Park. Hier, in der Nähe dieser verdammten Stadt, gäbe es hochinteressante paläontologische Ausgrabungen. Er habe die Schulferien genutzt und die weite Reise gemacht, um sich diese Kostbarkeiten vor Ort anzusehen, solange sie noch zugänglich seien. Dann sei diese Scheiße passiert, und weil er kein Geld habe und sich deswegen kein Auto mieten könne, verstreiche, wie schon gesagt, seine kostbare Zeit nutzlos. Er seufzte, fasste sich aber und legte nun lang und breit dar, welches sein Spezialgebiet sei und was ihn an den alten Steinen so fasziniere. Es seien keineswegs die spektakulären Saurier, wie Spyder vielleicht denke, sondern vielmehr die kleinen wunderschönen Ammoniten und Seelilien und...... Sein Redefluss war nicht mehr zu stoppen. Spyder gähnte.

Bei den ersten Ausführungen seines Gegenübers hatte Spyder jedoch sehr konzentriert und schweigend zugehört. Er war sehr schnell im Bilde gewesen, was da passiert war. Er schielte auf die Narbe an der Kuppe seines eigenen kleinen Fingers. Aus leidvoller Erfahrung wusste er genau, wer auf das Kappen von Fingerkuppen spezialisiert war. Doch statt dieses Wissen preiszugeben, schwieg er. Er schwieg, dachte angestrengt nach und gab, um Zeit zu gewinnen, vor, sich erst einmal schlaumachen und Nachforschungen anstellen zu müssen. Lilly kannte er ja in der Tat nicht. Er versprach, dass er bestimmt am nächsten Morgen mehr wüsste und sie sollten sich wieder im Kings Club treffen, gleich nachdem er geöffnet habe. Dann könnten sie sich überlegen, wie sie weiter vorgehen wollten. Er, Spyder, würde ihm selbstverständlich in seiner Notlage helfen. Es sei doch Ehrensache, einem hilflosen Fremden zu helfen, der in seiner Stadt solche schrecklichen Dinge erdulden musste. Ach ja, Spyder hatte sich schon erhoben, wenn er, der geschätzte Freund, wieder flüssig sei, könne er, Spyder, doch damit rechnen, eine angemessene Entschädigung für seinen Aufwand zu erhalten.

Am nächsten Morgen stand der frustrierte und gedemütigte Fossilienforscher in aller Frühe vor der Tür des Kings Clubs und wartete sehnlich darauf, dass man aufmachte. Dann trank er einen Kaffee nach dem andern und wartete noch sehnlicher auf Spyder. Doch der ließ sich bewusst Zeit. Von einem gut geschützten Platz auf der anderen Straßenseite aus, konnte er bequem durch die großen Fenster in die Kneipe schauen und beobachten, wie der unruhige Gast auf seinem Stuhl hin und her rutschte, an seinem Kaffee nippte und dauernd auf die Wanduhr sah. Er ließ ihn eine ganze Weile zappeln, bevor er endlich das Lokal betrat und sich zu ihm setzte, dabei lächelte er geheimnisvoll und nickte auf die bange Frage, ob er etwas erreicht habe, verständnisvoll mit dem Kopf. Ja, er habe etwas erfahren, etwas das durchaus interessant sein könnte, aber er brauche zunächst mal einen Whisky, um nach der anstrengenden Nacht einen klaren Kopf zu bekommen.

Dann legte Spyder ausführlich dar, welchen Aufwand und welche Mühen es ihn gekostet habe, in so kurzer Zeit an die notwendigen Informationen zu gelangen, aber es habe sich gelohnt. Er könne nun mit Sicherheit sagen, dass der Hagere ein berüchtigter Krimineller und Schutzgeldeintreiber sei, Cut-off-Joe, der wegen seiner Spezialität, unwilligen Kunden und säumigen Zahlern die Fingerkuppen abzutrennen, so genannt wurde. Sein Gehilfe sei ein dämliches, unbedeutendes Arschloch mit dem Spitznamen Jackass Drummer. Und Lilly? Da sei er sich nicht ganz so sicher, aber er habe gehört, dass sich in dem besagten Viertel eine dralle, junge Schwarze herumtreibe, Lilian Wesley, das könnte Lilly sein, andererseits gäbe es viele, die auf die gleiche Weise wie sie, ihr Geld verdienten. Vielleicht gelänge es ihm, ein Bild von ihr aufzutreiben, dann wüssten sie es genauer. Aber was er überhaupt von Lilly wolle. Sie habe ja schließlich nichts Schlimmes gemacht, außer sein Geld zu nehmen, ohne die versprochene Gegenleistung zu erbringen und das sei ja nicht ihr Verschulden gewesen. Sie waren sich rasch einig, Lilly aus der Planung der Rache, in die sie nun vehement einstiegen, herauszulassen.

Spyder entwarf die Pläne, verwarf sie wieder, grübelte lange über Details nach, ohne ein Wort zu sagen, dann heischte er wieder nach Zustimmung. Es schien, dass er nicht nur wegen der Aussicht auf eine fette Belohnung so eifrig war, sondern weil er selbst an einer Bestrafung von Cut-off-Joe und seinem Kumpel höchst interessiert war. Er wollte, so seine Worte, dass dieser Abschaum, diese Pest, dieses Geschwür ausgerottet würde und seine Vorschläge, was man mit den Beiden machen sollte, so man sie denn hatte, waren krasser als alles, was der Geschädigte selbst zu denken wagte. Aber im Laufe des Vormittags erreichten sie wieder den Boden des Machbaren und schließlich einigten sie sich auf einen Plan, den Spyder genial und perfekt fand. Und Spyder hatte das Sagen, er war nun mal derjenige, der mit den hiesigen Gegebenheiten vertraut war und eindeutig die größere Erfahrung im Gangstermilieu hatte.

Die Rache

Als Erstes, erklärte ihm Spyder, müsse in diesem Milieu verbreitet werden, dass sich der Fremde entschlossen habe, die Schande zu rächen, die man ihm angetan habe. Feige Gangster hätten ihn reingelegt und seine Schwäche ausgenutzt. Wenn es zu einem fairen Kampf am selben Ort käme, würde er den Hosenscheißern zeigen, wer das Sagen habe. Eine solche Beleidigung könne sich Cut-off-Joe nicht bieten lassen. Er müsse sich stellen und dem Fremden gewaltig auf sein großes Maul hauen, um seine Reputation zu retten, denn Reputation sei in diesen Kreisen alles, erklärte Spyder. Wenn jemand lächerlich gemacht und beleidigt würde, ohne sich zu rächen, sei die Reputation dahin, dann könne er sich nicht mehr lange halten. Cut-off-Joe würde also sicher in die Luke Road kommen und er, der Fremde, würde ihn dort schon erwarten. Natürlich nicht allein und nicht unbewaffnet. Er, Spyder, würde sich mit ein paar Freunden versteckt halten und im entscheidenden Moment eingreifen. Es könne nichts schief gehen. Und was die Bewaffnung anging, so würde er, Spyder, ihm eine Pistole besorgen, mit der er die Gangster notfalls in Schach halten könne. Auf den Einwand, noch nie eine Pistole in der Hand gehalten zu haben und in Wahrheit gar nicht daran denke, jemanden zu erschießen, beruhigte ihn Spyder. Er brauche sich deswegen keine Gedanken zu machen, die Pistole sei ungeladen und solle nur den Anschein erwecken, dass er bewaffnet und zu allem entschlossen sei. Er, Spyder, und seine Freunde würden ja rechtzeitig eingreifen und die Typen überwältigen, bevor die Waffe zum Einsatz käme. Und dann, wenn sie die Gangster gefangen genommen hätten, dann... Er geriet ins Schwärmen und ein kruder, krasser Vorschlag folgte dem anderen. Auf jeden Fall, so sein Resümee, müssten sie den Gaunern einen gehörigen Denkzettel verpassen. Den unbedarften Vorschlag, dann doch lieber die Polizei einzuschalten, hielt Spyder nicht für besonders gut. Er kenne die hiesige Polizei und die würden nur einen Haufen unangenehmer Fragen stellen. Alle Polizisten seien durch die Bank korrupt und er sei sich sicher, dass die Gangster am Ende ungeschoren davon kämen.

Spyders Plan schien arg simpel und voller Unwägbarkeiten zu sein, aber seine Wut war immer noch groß und die Aussicht auf andere Weise Rache nehme zu können, so gering, dass er schließlich einwilligte. Umgehend drehte Spyder sich von ihm ab, schloss die Augen halb und murmelte nahezu unverständliche Worte, die nur in Fetzen zu verstehen waren: morgen, später Nachmittag, Luke Road, Treffen, Herausforderung, Cut-off-Joe .... Als Spyder mit seiner Seance fertig war und den immer noch erstaunten, verständnislosen Blick seines Gegenübers bemerkte, klärte er ihn über seine telepathischen Fähigkeiten auf. Als er die Zweifel förmlich spürte, ob das den so klappen würde, beruhigte er ihn erneut. Er würde im Laufe des Tages und des Abends noch andere Wege der Kommunikation einsetzen, Telefon, Handy, Internet und einige wichtige Leute würde er sogar persönlich aufsuchen. Dann beschrieb er ihm mehrfach den Weg in die Luke Road und schärfte ihm ein, dass er pünktlich um halb vier Uhr dort sein solle, nicht früher und auf keinen Fall später. Er solle sofort in das Haus gehen, der Schlüssel sei unter der Matte, wie er ja schon wisse und er solle im Schlafzimmer warten. Die Hilfstruppen, er benutze tatsächlich dieses Wort aus der Militärsprache, stünde dann bereits gut versteckt in Bereitschaft. Auf keinen Fall solle er im Haus herumgehen und sie suchen, um sich nicht verdächtig zu machen, falls man ihn beobachtete. Die Pistole bekäme er morgen früh, nein nicht hier in der Kneipe, das sei zu gefährlich, sondern in einer der kleinen Nebenstraßen, nicht weit von hier. Als er spürte, wie unangenehm das Thema Pistole für den Fremden war, wiederholte er nochmals sehr eindringlich, dass er sich keine Gedanken machen müsse, weil er ja nur für kurze Zeit, es seien wirklich nur ein paar Sekunden, die Pistole auf die Gangster richten müsse und ihnen befehlen solle, sich still zu verhalten und die Hände zu heben. Dann sei er, Spyder, garantiert mit der Hilfstruppe zur Stelle und würde den Rest erledigen.

Trotz dieser Beschwichtigungen hat er ein arg mulmiges Gefühl, als er am späten Nachmittag des nächsten Tages pünktlich um halb vier in die Luke Road einbiegt. Die Erinnerung an die Typen und an seine Hand, die auf die Tischplatte gepresst wird und den raschen Schnitt, mit dem seine Fingerkuppe abgetrennt worden war, steigen übermächtig in ihm hoch. Etwas Ruhe und Sicherheit gibt ihm die braune Papiertüte mit der Pistole, die er in der Hand hält. Es ist ein überraschend großes, schweres Ding, das ihm Spyder am Morgen übergeben hatte. Er hatte ihm nicht viel erklärt, nur wie man sie entsichern müsse und ihm eingeschärft, sie mit beiden Händen zu halten. Der Befehl zum Stillhalten sei „freeze“ und dann noch „hands up“, aber das kenne er ja sicher aus den Krimis. Nachdem er ihm noch das leere Magazin gezeigt hatte, war die Waffenkunde beendet und Spyder erklärte ihm zum x-ten Mal, Schritt für Schritt, seinen Plan. Er hatte zugehört und genickt und vor lauter Aufregung ganz vergessen, Spyder zu fragen, warum er eine ungeladene Pistole überhaupt entsichern müsse. Schlimmer noch, er hatte hast vergessen, die braune Tüte an sich zu nehmen, als sie sich trennten, jedenfalls war ihm Spyder ein paar Schritte nachgelaufen und hatte ihm die braune Tüte in die Hand gedrückt.

Der Schlüssel liegt, wie beim ersten Mal, unter der Fußmatte. Er betritt die Wohnung, lauscht, kein Geräusch ist zu vernehmen. Er geht, wie ihm Spyder befohlen hatte, sofort in das Schlafzimmer. Das Bett ist noch in demselben Zustand, wie er es verlassen hatte und auf der Tischplatte und dem Fußboden sieht er die großen, dunkelbraunen, eingetrockneten Flecken seines eigenen Blutes. Er stellt den Stuhl so hin, dass er die Schlafzimmertür im Auge hat, selbst aber vom Flur aus nicht gleich gesehen werden kann. Dann setzt er sich, wischt sich den Schweiß von der Stirn und nimmt die Pistole aus der Tüte. Was für ein schweres Ding. Er hebt sie mit beiden Händen ein paar Mal hoch, mit einer wäre das kaum zu machen. Dann entsichert er sie und wartet. Was, wenn Spyder nicht rechtzeitig kommt? Was, wenn die Gangster gar nicht kommen? Die Minuten schleichen quälend langsam dahin. Eine fette Fliege ist auf einmal im Raum und umkreist ihn. Ihr Gesumme nervt ihn. Sie setzt sich auf den Tisch, leckt an den braunen Flecken. Startet wieder und kommt auf ihn zugeflogen, um sich kühn auf den Lauf der Pistole zu setzen. Er verscheucht sie mit einem knappen Schwenk nach oben. Wenn das Ding jetzt losgegangen wäre, denkt er erschaudernd. Warum nur, warum hat er sich auf diese Scheiße eingelassen? Der Anfang von „Spiel mir das Lied vom Tod“ fällt ihm ein. Das langgezogene Gequäke der Mundharmonika kreist in seinem Gehirn und verdrängt kurzfristig die Angst, dass Spyder nicht rechtzeitig erscheinen würde.

Spyder hatte verbreitet, dass der Fremde die Gangster pünktlich um vier Uhr zum Show-down erwarten würde, Wenn sie nicht kämen, seien sie Feiglinge und Memmen und er, der Fremde, habe es nicht nötig auf Feiglinge und Memmen zu warten und würde um viertel nach vier wieder gehen. Zweifel stiegen in ihm auf, ob die Gangster sich tatsächlich diese Bedingungen diktieren ließen. An das Risiko, beim Verlassen des Hauses überwältigt oder abgeknallt zu werden, denkt er lieber erst gar nicht. Er schaut auf die billige Armbanduhr, die er nun anstelle der teuren Omega trägt. Es ist Viertel vor vier. Er schwitzt noch mehr. Große Tropfen perlen über die Brauen und fließen in die Augen. Diese brennen und ein Schleier breitet sich vor ihm aus. Er fürchtet, im entscheidenden Moment gar nichts mehr sehen zu können. Er hätte zu gerne gewusst, wo sich Spyder und seine Kumpel versteckt hielten, in diesem kleinen Haus, in dem es doch nur wenig Räume gibt. Vielleicht im Keller? Gibt es überhaupt einen Keller? Er wundert sich, dass mehrere Leute sich so vollkommen ruhig verhielten. Wie viele Leute wollte Spyder eigentlich als „Hilfstruppe“ dabei haben? Aber er wagt nicht, sie zu suchen oder nach ihnen zu rufen, nachdem ihm Spyder das mehrfach und eindringlich verboten hatte. Dann beruhigt er sich wieder und klammert sich an Spyders Worte, dass alles perfekt geplant sei. „Du musst absolut keine Angst haben. Du kannst absolut nichts falsch machen.“

Die Digitalanzeige der Plastikarmbanduhr hat 4.00 p. m. schon deutlich überschritten. Er wird wieder unruhig. „Ist das hier überhaupt real oder träume ich? Sitze ich tatsächlich hier mit einer Pistole und warte auf kaltblütige Gangster? Ein schlechter Film, gleich wache ich auf“. Zehn nach vier hört er ein leises Geräusch aus dem Flur. Die Tür zum Flur ist zwar offen, aber er sieht nicht, was dort vor sich geht. Die Haustür muss aber kurz geöffnet worden sein, denn der Lichtschein im Flur war ein paar Sekunden lang etwas heller gewesen. Er lauscht angestrengt, hört aber er, keine Schritte, kein Atmen, kein Knarren, allenfalls ein gedämpftes Schleichen. Noch mehr dicke Schweißtropfen haben sich auf der Stirn gesammelt und laufen ihm über das Gesicht. Er wagt nicht, sie wegzuwischen. Sein Atem geht schneller, sein Mund ist staubtrocken, seine feuchten Hände halten krampfhaft die Pistole, der Lauf ist auf die Tür gerichtet und zittert. Jetzt, gleich jetzt, kommt der entscheidende Moment. Hoffentlich ist dann Spyder zur Stelle. Spyder und seine Freunde. Wer waren die eigentlich? Er hatte Spyder nicht danach gefragt. Er hatte ihn viel zu wenig gefragt. Er hatte alles, die ganze Planung, die Vorbereitung seinem neuen Freund überlassen, den er ja überhaupt nicht kannte und dem er nur vertraute, weil er dieselbe Wut auf Cutt-off-Joe zu haben schien, wie er. Doch jetzt, im Augenblick der Wahrheit, fühlte er sich allein gelassen. Er hat schon lange nicht mehr gebetet, doch nun murmelt er „Lieber Gott, lass Spyder da sein.“

Dann überschlagen sich die Ereignisse. Statt Spyder steht plötzlich eine Gestalt im Türrahmen. Nicht der große Hagere, den er erwartet hat und auch nicht sein untersetzter Kumpan. Es ist die dunkle Silhouette einer Frau mit ausgeprägten Kurven. Es ist, die Erkenntnis trifft ihn schlagartig, Lilly. „Freeze!“, bellt der krächzend mit seinem trockenen Mund. „Bleib um Gottes willen stehen. Nein, hau ab, verschwinde, mach, dass du wegkommst.“ Aber Lilly denkt nicht daran zu verschwinden, sie kann gar nicht, denn hinter hier erscheint die erwartete, hagere Gestalt und die verdammte, heisere Stimme ruft „Wirf die Pistole weg, aber sofort. Sonst ist Lilly dran und dann du, du Mistkerl und diesmal bleibt es nicht bei der Fingerkuppe!“ Bei diesen Worten steigt Wut in ihm auf, die Gedanken rasen durch seinen Kopf. „Nein, das Spielchen spiele ich nicht noch einmal mit.“ Aber was sollte er nur tun? Er hat doch keine Zeit mehr zum Nachdenken. Wo bleibt denn Spyder, verdammt noch mal, wo bleibt denn dieses Arschloch, Asshole-Spyder. Noch während in seinem Kopf dieser eine Gedanke kreist, schreit Lilly auf und stolpert, nach einem heftigen Stoß in den Rücken, in das Schlafzimmer, direkt auf ihn zu. Er erschrickt, als der Schatten auf ihn zu kommt und drückt, mehr instinktiv als gewollt, ab, der Abzug lässt sich fast ohne Widerstand betätigen. Ein reiner Reflex, der ja ohne Folgen bleiben würde, abgesehen von einem nutzlosen Klacken. Doch der Knall ist so laut, so unerwartet laut, dass er meint, dass Trommelfell müsse platzen. Lilly schreit erneut gellend auf und wird, wie von einer starken Hand, in die Gegenrichtung geworfen, zurück in die offene Tür. Und ein zweiter Schrei dringt zu ihm, ein heiserer diesmal. Seine Hände zittern, er ist total verwirrt, sein Zeigefinger ist immer noch am Abzug, er drückt nochmals ab, nochmals und nochmals. Beizender Geruch nach Verbranntem liegt in der Luft. Nachdem der letzte Knall verhallt war, herrscht Stille, eine unnatürlich Stille und die Hitze, die verdammte Hitze.

In der Ferne hört er die Sirenen der Polizei, die offenbar schon vor seinen Schüssen alarmiert worden war. Sie finden einen aufgelösten, weinenden Mann auf einem Stuhl im Schlafzimmer. In der Hand eine großkalibrige Pistole, ein teuflisches Mordinstrument. Vier der acht Patronen fehlen im Magazin. Eine steckt im Türrahmen, drei in der Wand des Flurs. Diese Drei hatten zuvor den Körpern einer Frau und eines Mannes glatt durchschlagen und ihren sofortigen Tod herbeigeführt. Die Personen werden später als Lilian Wesley und John Bernstein, genannt Cutt-off-Joe, identifiziert. Die beiden waren, von einem ungeöffneten Klappmesser in Bernsteins Hosentasche abgesehen, unbewaffnet. Sie waren allem Anschein nach in eine Falle gelockt und dann kaltblütig erschossen worden. Ein klarer Fall von Doppelmord, für den es sowohl einen eindeutigen Täter als auch ein hinreichend nachvollziehbares Motiv gab.

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