Kitabı oku: «Männerphantasien - Hochhausromantik»

Yazı tipi:

Männerphantasien

Hochhausromantik

14 Geschichten aus dem Hier und Heute

von Yupag Chinasky

Impressum

Yupag Chinasky

Männerphantasien - Hochhausromantik

Copyright © 2018 Udo Pagga

epubli GmbH Berlin www.epubli.de

Inhaltsverzeichnis

  Übersicht

  Hochhausromantik Orangensaft (Unbenannt) Konkurrenz (Unbenannt) Desaster (Unbenannt) Neue Hoffnung

  Der Fahrstuhl

  Abwege

  Gefühlter Fisch

  Kaffee Togo ohne Negerküsse

  Außen vor

  Der Balkon

  Der grüne Punkt

  Fußballfieber

  Die Erscheinung

  Falsch verbunden

  Die Tangotänzer

  Der Coup

  Jacuzzi

Übersicht

Geschichten von Menschen im Hier und Heute, von sonderbaren Begegnungen, problematischen Beziehungen und unerwarteten Wendungen und das alles nicht in exotischen Gefilden, sondern direkt in der Nachbarschaft.

HOCHHAUSROMANTIK: Alles läuft schief, der Beruf, die Ehe. Es findet nur Trost im Hochhaus, auf der roten Couch bei Jessica. Aber da ist auch noch Naomi, ihre Mitbewohnerin, und die ist eigentlich viel attraktiver, auf den ersten Blick zumindest. Und was ist mit Sweet Cherry in Thailand?

DER FAHRSTUHL: Er traf sie jeden Morgen im Fahr­stuhl und schien sie krampfhaft zu ignorieren. Ihr entging je­doch nicht, dass er sie trotzdem heimlich und geradezu lüstern anstarrte. Sie schien es zu genießen, denn sie versuchte nichts zu verbergen.

ABWEGE: Wo war denn hier nur der Zigarettenautomat? Er stierte in die Runde. Die werden den doch nicht ins Frauenklo gehängt haben? Er öffnete die Tür. „Du Spanner, mach das du raus kommst“ kreischte die Frau am Waschbecken. „Tschuldigung, ich wollte nur…“. Dahinten war ja noch eine Tür, mit dem Hinweis „Privat“. Vielleicht war er dort?

GEFÜHLTER FISCH: Als Mitternacht vorbei war und sich noch immer kein weiterer Gast hatte sehen lassen, sagte die Frau mit schwerer, schleppender Stimme, dass sie jetzt diesen Scheißladen dichtmachen würde und dass sie vorschlüge, sich jetzt sofort mit einer Flasche Schampus auf sein zu verziehen, um es sich dort genial gemütlich zu machen.

KAFFEE TOGO OHNE NEGERKÜSSE: Warum gibt es in der Backfactory Kaffee Togo, aber keinen Kaffee Kamerun und muss man künftig Afrikanerküsse statt Negerküsse bestellen.

AUSSEN VOR Vielleicht kam der Besuch tatsächlich ungelegen. Aber musste man die Gäste gleich in den ersten Stock verbannen, nur weil der Chef mit Gattin und Töchterlein zu einem die Karriere fördernden Essen eingeladen worden war?

DER BALKON: Die Affenhitze machte den Aufenthalt in der Wohnung zur Qual. Er war nicht der Einzige, der es vorzog, die Nächte auf dem Balkon zu verbringen. Da war auch noch diese Frau im roten Kleid auf dem Balkon schräg gegenüber.

DER GRÜNE PUNKT: Die Begegnung zwischen den beiden dauerte höchstes eine Sekunde, hinterließ aber eine bleibenden Eindruck bei ihm, weil sie eine kleine Unregelmäßigkeit an sich hatte.

FUSSBALLFIEBER: Für ihn zählte nur Fußball, sonst nichts. Sie war mehr an anderen Dingen interessiert. Es kam, wie es kommen musste, aber am Ende bedauerten es beide.

DIE ERSCHEINUNG: Sie betrat das Opernfoyer und die Blicke all dieser Spießer und Etablierten richteten sich auf sie. Es lag nicht nur an ihrem Outfit sondern auch an dem etwas unangemessenen Verhalten.

FALSCH VERBUNDEN: „Hallo, ist dort Max?“ „Nein. Hier gibt es keinen Max. Sie sind falsch verbunden.“ Der Satz mit Max ist verdammt kurz, reicht aber aus, um ihn zu elektrisieren. Nicht der Inhalt, aber diese Stimme: dunkel, rauchig, geheimnisvoll. Nur vier Worte, aber sie lösen einen Schauer bei ihm aus. Unglaublich.

DIE TANGOTÄNZER: Tango, schöner, guter, romantischer Tango, der beruhigt und zugleich elektrisiert. Diszipliniert und unermüdlich drehen die Paare ihre Kreise, die Damen schmiegen sich eng an ihre Partner, suchen Körperkontakt. Dance or die – tanzen oder sterben.

DER COUP: Er hat seit kurzem eine Freundin und braucht Geld und er weiß auch, wie er beschaffen kann im Dschungel des Internets. Alles scheint zu funktionieren, der große Coup läuft hochpräziese ab, doch im Keller ist ein Feind am Werk, der alles und auch sich selbst zerstören wird.

JACUZZI: Die Auberge lag einsam im Wald, hatte aber eine gute Küche und der Wellnessbereich war mit Sauna und Jacuzzi ausgestattet. Er traf Kleityn nur an zwei Abenden, aber die hatten es in sich.

Hochhausromantik

Orangensaft

“You want to fuck me?” Die Frage (oder war es eine Feststellung?) war eindeutig und kam unvermittelt. Sie saßen auf der großen Couch mit der roten Überdecke, aßen Chips, tranken warmen Riesling und schwitzten. Es war stickig warm in dem Zimmer, aber das Fenster blieb zu, denn von draußen wäre an diesem Hochsommernachmittag noch mehr Hitze herein gekommen. Die Frage überraschte und verwirrte ihn. Er starrte sie an, ohne eine Antwort zu geben. Sie lachte, sagte an seiner Stelle „yeah“, stand auf, stellte sich vor ihm in Positur, knöpfte langsam die hellgrüne Bluse auf und zog am Reißverschluss der engen, verwaschenen Jeans. Dann begann sie, sich langsam um die eigene Achse zu drehen, wackelte dabei sanft mit dem Hintern und streifte zugleich die Bluse über die Schultern und die Jeans Zentimeter für Zentimeter die Hüfte hinab. Nach einigen Umdrehungen war sie völlig nackt, sie trug keine Unterwäsche, nur ein kleines Kreuz an einem goldenen Kettchen um ihren Hals, das sich deutlich von der dunklen Schokoladenhaut abhob. Ihre Figur war mädchenhaft niedlich, die Hüfte schmal, die Taille eng, der Busen klein, wenn auch etwas schlaff, dafür war der Po um so straffer und genauso wohl geformt, wie die etwas kurz geratenen Beine. Sie genoss offensichtlich die Überraschung, die sich in seinem Gesicht spiegelte, und verharrte ein Weilchen in einer herausfordernden Pose: Eine Hand stützte sich auf die abgewinkelte Hüfte, die andere vergrub sich in ihren Haaren. Der Busen und das Becken waren vorgereckt. Ein Schmollmund und ein lasziver Schlafzimmerblick vollendeten den Eindruck, den sie vermitteln wollte, den einer erfahrenen Verführerin. Dann setzte sie sich mit einem Kichern wieder auf das Sofa, rückte ganz nahe an in heran und begann seine Kleider auszuziehen.

Er hatte sie im Supermarkt kennengelernt, als er am Weinregal stand, die Brille hochgeschoben, eine Flasche Rioja in der Hand, deren Etikett er aufmerksam las. Ein leiser Aufschrei hinter ihm, „oh, shit!“ ,veranlasste ihn, sich umzudrehen und die junge Frau fragend anzusehen, die bei den Obstsäften stand und in einem Portemonnaie kramte. Ihre Blicke trafen sich. Sie fühlte sich ertappt und sah ihn verlegen lächelnd an. Er wollte sich schon wieder seinem Wein zu wenden, als sie ihn unvermittelt fragte, ob er ihr fünf Euro leihen könne. Sie habe nicht genug Geld dabei und brauche unbedingt Orangensaft. „Es ist so heiß, so very hot, und ich viel Durst, very thirsty, you know“, fügte sie entschuldigend hinzu. Erst wollte er unwirsch abwinken, er war keiner, der anderen bereitwillig etwas gab, aber dann rührte ihn dieses verlegene, hilflose Lächeln und der auf ihn gerichtete Blick irritierte ihn, ein Blick aus Augen mit tiefbrauner Iris und nachtschwarzer Pupille in dem weißen Oval der Augäpfel.

Kleine Menschen, sagt man, erregen eher Mitleid als große und hübsche Menschen, besonders hübsche Frauen, erregen Aufmerksamkeit. Sie war klein und zierlich, reichte ihm vermutlich gerade mal bis an die Schulter und sie war alles andere als hässlich. So war es nahezu zwangsläufig, dass er sie nun doch genauer in Augenschein nahm. Auf den zweiten Blick fand er sie sogar richtig attraktiv. Das Gesicht mit den großen Augen, die ihn so unschuldig anschauten, fand er richtig sympathisch. Es war auffallend schmal, die Nase und die Lippen zeigten eher nubisch-ägyptische als negride Züge. Attraktiv fand er auch die Farbe ihrer Haut, ein schokoladenfarbenes Goldbraun und ihre Haar, diese dichten, buschigen, schwarz-glänzenden Haare, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren. Es waren, wie sie ihm später sagte, Fremdhaare, die sie alle vier Wochen erneuern musste und die nicht mit Wasser in Berührung kommen durften, „sonst Frisur kaputt und ich wieder zu Frisör and Frisör very expensive“. Jedenfalls las er nicht weiter das Etikett, sondern legte den Rotwein in den Einkaufswagen und kramte in seiner Hosentasche nach einem Fünf-Euro-Schein. Sie sagte „Thank you so much, Danke scheen. I give you back, be sure“, noch bevor er ihr das Geld zureichte.

Selbst etwas verwundert über seine Großzügigkeit, das Geld würde er sicher nie mehr zurück bekommen, nickte er ihr freundlich zu und murmelte „no problem“. Dann drehte er sich, den Blick nur zögerlich von ihr lassend, wieder dem Weinregal zu und suchte einen Riesling, der herb und zugleich süffig war. Das war eine nicht ganz einfache Angelegenheit, aber er hatte Glück und war rasch fündig. Nun ging er weiter zu den Milchprodukten, griff nach einem Viererpack Joghurt ohne Geschmack und einem Kefir. Auf dem Weg zur Kasse packte er noch zweit Tüten Kartoffelchips mit Zwiebelaroma in den Einkaufswagen. An der Kasse sah er sie wieder. Sie hatte schon bezahlt und wartete offensichtlich auf ihn. Als er sie bemerkte, lächelte sie ihm dankbar zu. In ihrem Wagen lag nicht viel, ein paar Tüten und Dosen, eine Plastikflasche mit Wasser und zwei Tetrapack mit dem besagten Orangensaft. Es war aber doch so viel, dass sie sich schwer tat, alles auf ihren Armen zu verstauen, als sie den Wagen zurück in die Reihe stellen wollte. Er sah, wie sie sich abmühte, und bot ihr scherzhaft an, ihre Sachen vielleicht lieber in seiner großen Einkaufstasche unterzubringen. Doch sie nahm das Angebot für bare Münze und ging sofort darauf ein. „Danke für Hilfe. Habe Geld und Tasche vergessen, wie dumm ich bin.“ Auf seine Frage, warum sie nicht einfach eine Plastiktüte kaufen würde, meinte sie bedauernd „No more money. Alles weg. I’ve spent all, you know.“ „Nicht einmal die paar Cent für eine Plastiktüte“, fragte er erstaunt. „No. No penny any more.“ Bei diesen Worten fühlte er sich an Auslandsreisen erinnert, wenn er vor dem Rückflug im Duty-free stand und seine letzten Münzen zusammen kramte, um noch einen billigen Kaugummi oder eine Tafel Schokolade zu erstehen. Aber das war eine völlig andere Situation. Er wollte ihr gerade anbieten, eine Tüte zu kaufen, als sie ihm zuvor kam. „Wenn Sie helfen tragen, ich gebe Geld zurück. Come with me to my place, you know.“ Sie wohne ganz in der Nähe, in dem Hochhaus da drüben, das man von hier aus sehen könne. Im achten Stock, fügte sie hinzu, als sie ihre Sachen in seine Tasche packte. Dann ging sie hinaus auf die Straße und er folgte ihr.

Das Hochhaus machte denselben verkommenen Eindruck, wie das ganze Viertel. An den Wänden prangten Schmierereien, im Flur standen Fahrräder und Kinderwagen. Zum Glück gab es einen Aufzug, klein und quietschend und ebenfalls mit Graffiti verschmiert. Als er die Tür aufzog, schlug ihm ein undefinierbarer, unangenehmer Geruch entgegen. Abgestandene Pisse vermutete er. „Achter Stock“, sagte sie, „aber das weißt du ja schon.“ Sie war spontan zum Du übergegangen, bisher hatte sie in ihrem schlechten Deutsch Sie gesagt. Er nahm die Gelegenheit wahr, seinen Namen zu nennen. „Jessica“, sagte sie darauf, „my name is Jessica. I am from Ghana. Call me Jessi. It is anyway not my real name. My real name is difficult for you. You can it neither pronounce nor remember.”

Im kleinen Flur der Wohnung herrschte ebenfalls Unordnung. Jede Ecke war belegt, mit Schuhen und Umzugskartons, mit einem prall gefüllten Mülleimer, mit Kleidern und Jacken, die an der übervollen Wandgarderobe hingen. In dem großen Spiegel begrüßte ihn das Bild eines verschwitzen, älteren Mannes mit Brille, schütteren Haaren und deutlichem Bauchansatz, der sich einen Moment neugierig selbst anschaute, dann weiter seine Umgebung musterte. Die Tür zum Bad stand offen und er sah auch dort dasselbe Chaos. Auf dem Fußboden Kleidungsstücke und Handtücher, in der Badewanne ein Wäscheständer voller Unterwäsche. Als Jessi sah, wie er einen freien Platz für die Einkaufstasche suchte, sagte sie entschuldigend „Freundin nicht ordentlich, große Schlampe“, und ergänzte, dass sie als Untermieterin, sie kannte das Wort, bei ihre wohne. Sie heiße Naomi und käme ebenfalls aus Ghana. Er solle die Sachen in die Küche bringen und irgendwo hinstellen, sie wolle rasch das Wohnzimmer aufräumen. In der Küche waren alle Ablageflächen mit Tellern, Tassen, Besteck, Resten von Lebensmitteln, Tüten, Konserven und allerlei sonstigem Kram belegt. Er musste einige Teller aufeinanderschichten, um den Einkauf zu deponieren. Jessi rief ihm derweil aus dem Wohnzimmer zu: „You have time for an orange juice or is mummy waiting for her darling?“ Sie lachte über ihren Witz, er auch, wenn auch etwas gequält und rief zurück „Ja klar, aber wenn schon, dann lieber ein Glas Wein“.

Er nahm die Flasche Riesling und die Chips aus der Tasche und ging in das Wohnzimmer. In der Tür stehend sah er zu, wie Jessi die letzten herumliegenden Gegenstände unter die Couch schob. Es war eine überdimensionale, blutrote Couch, die das kleine Wohnzimmer dominierte und nur wenig Platz für die dunkelbraune Schrankwand mit dem großen Fernseher in ihrer Mitte und den kleinen, gläsernen Couchtisch ließ. „Also dann trinken wir einen Schluck“, sagte er und fragte, ob es hier einen Korkenzieher gäbe. „Wir trinken nicht Wein. Wir brauchen keine, wie hast du gesagt, Krockenzieher.“ Er war einen Moment ratlos, aber es gibt auch andere Möglichkeiten, eine Flasche zu öffnen, ein spitzes Küchenmesser tut es auch. Der Riesling war warm, dazu schwammen Korkreste auf der gelblichen Flüssigkeit. Die Gläser, die sie aus der Küche geholt hatte, waren absolut unpassend, Kindergläser mit Mickymaus Dekor. Aber das alles war in diesem Moment nicht wichtig, obwohl er sonst ziemlich etepetete war und Wert auf Stil legte. Viel wichtiger war, dass diese seltsame, kleine Frau ihn gebeten hatte, noch zu bleiben und dass sie jetzt zusammen auf der Couch saßen und dass er seit einiger Zeit ein seltsames, leises Kribbeln im Bauch spürte, das um so stärker wurde, je näher sie sich kamen. Obwohl, von wirklicher Nähe konnte keine Rede sein. Sie saß an dem einen, er an dem anderen Ende und um anzustoßen, mussten sie ihre Arme gehörig ausstrecken. Aber das irritierende Kribbeln war da und um sich abzulenken und weil er Durst hatte, leerte er das erste Glas mit dem warmen Riesling auf einen Zug. Sie nippte nur. „Great.“ „Der ist zu warm.“ “No problem.“ Er schenkte nach und riss die Tüte mit den Chips auf. “Ich mag Chips.“ „Me too.“ „Trink doch, der Wein ist sehr gut, das kannst du mir glauben. War auch nicht ganz billig.“ „I prefer orange juice.“ Sie stand auf, holte sich eine der Packungen aus der Küche und ein weiteres Mickymausglas und goss die gelbe Brühe hinein. Das Gespräch plätscherte noch eine Weile dahin, ein Austausch von Belanglosigkeiten und Nettigkeiten, eine Aneinanderreihung von nichtssagenden Anmerkungen. Für eine ernsthafte Unterhaltung war es einerseits zu heiß und andererseits, was hätten sie auch ernsthaft miteinander reden sollen, es gab ja so gut wie keine Gemeinsamkeiten. Doch dann kam unvermittelt ihre Frage.

Danach lagen sie dicht nebeneinander auf der Couch, tranken die Flasche Wein leer, eigentlich trank nur er, aßen die Chips auf, eigentlich aß nur sie. Sie hatte den Fernseher eingeschaltet und verfolgte Videoclips. Er war nach dem Akt erschöpft und träge, döste vor sich hin und betrachtete den spärlichen Nippes in den Fächern der Schrankwand, ein paar afrikanische Skulpturen, ein Aschenbecher aus schwarzem Holz. Vor allem aber wanderte sein Blick immer wieder zu dem großen Bild, das hinter der Couch hing. Es war ein billiges Stück von der Art, wie sie in Kaufhäusern angeboten werden, jedoch kein röhrender Hirsch im Morgenrot und auch keine farbenprächtige Zigeunerin. Frauen waren jedoch schon abgebildet, zwei nackte, schwarze Frauen mit hochgetürmten Haaren und spitzen Brüsten, die sich gegenübersaßen und ihre Hände auf seltsame Weise ineinander verschränkt hatten. Das Bild war scheußlich, die Farben kitschig, die Situation total gekünstelt, die Gesichter und besonders die Hände höchst dilettantisch gemalt. Aber es erregte sein Interesse und nicht nur das. Er musste immer wieder hinschauen, besonders auf die spitzen Brüste. Nach einer Weile des stillen Herumliegens meinte Jessi, es sei besser ihre Freundin anzurufen und ihr zu sagen, dass sie noch ein Weilchen wegbleiben solle. „Dann haben wir mehr Zeit zusammen and we can do something together“, sagte sie als Begründung in ihrem witzigen Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch. Auf seine Frage, ob es nicht ärgerlich für die Freundin sei, dass sie in ihre eigene Wohnung nicht kommen könne, wann sie wolle, meinte sie: „Nein, für Freundin egal. Ich manchmal auch warten, wenn Freundin Besuch. That’s normal, you know.“ Er fragte sich, was diese Absprache zwischen den beiden Frauen wohl zu bedeuten habe und ahnte schon die richtige Antwort.

Nach dem Anruf, die beiden hatten nur kurz und in einer für ihn unverständlichen Sprache, vermutlich Ghanesisch, miteinander geredet, fragte er sie, was sie eigentlich mit dem „to do something together“ gemeinte habe. Sie lachte und sagte „make a proposal.“ Als er wieder keine Antwort wusste, kam sie mit einer weiteren Überraschung. „You like a shower? It is so hot and we are stinking“. Er hatte diese Möglichkeit sich zu erfrischen überhaupt nicht in Erwägung gezogen und stimmte erfreut zu, denn nun merkte auch er, wie fies er roch und dass auch sie nicht gerade Frische ausstrahlte. „Ja, das wäre prima, bei der Hitze kaltes Wasser auf die Haut“, bekräftigte er. Sie stand auf, ging in das Bad, räumte den Wäscheständer in den Flur, den man nun kaum noch betreten konnte, und schichtete alles, was sie vom Boden des Badezimmers aufklaubte, auf die halbtrockene Wäsche. Dann standen beide in der schmalen Wanne und sie hielt in einer Hand den Duschschlauch in die Höhe. Das lauwarme Wasser floss an ihren Körpern herab, die eng aneinander gepresst waren, ihr schmaler, glatter, schwarzer Leib an seinem, weißen, faltigen Wanst. Mit der anderen Hand verteilte sie Shampoo in seinen Haaren. Sie selbst hatte sich vorsichtshalber eine Plastikhaube aufgesetzt. „Because of my artificial hair, you know.“ Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen und beide Arme ziemlich hoch recken. Er half ihr, indem er ihre Taille mit beiden Händen umklammerte und sie ab und an ein paar Zentimeter hochhob. Sie lachte jedes Mal laut auf. „Was sie an mir nur findet“, fragte er sich, während er diese seltsame Situation durchaus genoss. „Sie will bestimmt Geld. Die beiden sind sicher frei schaffende Huren oder verdienen sich auf diese Weise ein Zubrot.“ Er schaute sich im Bad um, als ob er einen Hinweis für seine Vermutung finden könnte. Die Ablage des Waschbeckens war voll mit Tuben, Flaschen, Deos, Kämmen und all solchem Kram. Weiberkram, dachte er, alles überflüssig, das was man im Bad braucht, sind eine Zahnbürste, ein Stück Seife und als Mann noch einen Rasierapparat. „Aber bisher hat sie nur einmal von Geld geredet, im Supermarkt, sonst hat sie das Wort überhaupt nicht in den Mund genommen.“ Nachdem die Haare gesäubert waren, sagte sie, „wait a moment“, stieg aus der Wanne und verließ das Bad. Als sie wieder kam, schwenkte sie verheißungsvoll die Schachtel mit den Parisern, die er von dem Couching her schon kannte. Sie riss eine Packung auf und zog den Gummi heraus, musste aber, ehe sie ihn überstreifen konnte, erst einmal ziemlich handgreiflich werden. Ihre Hände, schlank mit gepflegten Nägeln, arbeiteten unermüdlich. „Ob ich das schaffe, so kurz hintereinander,“ ging es ihm durch seinen verwirrten Kopf. „Früher, da hätte ich fünfmal am Tag ...“. Doch dann war es so weit, er stand und sie liebten sich noch einmal, diesmal im Stehen, in der Badewanne, während das lauwarme Wasser weiter über ihre Körper rann. Er hielt ihren schmalen Po mit seinen Händen umfasst und hatte sie so weit hochgehoben, bis sie in der bestmöglichen Position war. Sie umklammerte ihn mit Armen und Beinen und bewegte ihren Unterleib rhythmisch hin und her, erst langsam, dann immer schneller. Sie musste heftig arbeiten, denn die Stellung, ja der ganze Akt war eine reichlich mühsame Sache. Es dauerte lange, bis er endlich, grunzend und aufseufzend, kam und das Geschiebe und Gestoße ein Ende hatte und Jessica zu seiner Verwunderung fröhlich „Gott sei Dank“ rief. Er sagte aufatmend „Sofa ist doch besser“. Sie lachte und antwortete „muss man alles mal gemacht haben, new experience, you know,“ dabei säuberte sie nun auch seinen restlichen Leib und voller Inbrunst nun auch sein „most privat part“, wie sie seinen Schwanz liebevoll bezeichnete, der nun wieder zur Normalgröße geschrumpft war.

Nachdem sie sich abgetrocknet hatten, gingen sie zurück in das Wohnzimmer und zogen sich an, sie schlüpfte in ein knappes, sehr buntes Kleid und erneut ohne Unterwäsche anzuziehen. Als sie fertig war, warf sie einen Blick auf ihr Handy und sagte hastig und unvermittelt, er müsse jetzt gehen, es sei Zeit wegen der Freundin. Sie würde ihm ihre Telefonnummer geben und er solle sie doch mal anrufen, es sei schön mit ihm gewesen, „it was nice with you, let’s meet again.“ Sie suchte in den Taschen ihrer Jeans, die noch immer auf dem Fußboden lagen, den Kassenzettel vom Supermarkt und schrieb die Nummer auf. Er wunderte sich, dass sie ihn so offensichtlich und so plötzlich hinauskomplimentierte, nachdem sie gerade beteuert hatte, welch schöne Zeit sie miteinander verbracht hatten. Letztlich hatte er aber nichts dagegen zu gehen, denn auch für ihn wurde es langsam Zeit. Als er ihr zum Abschied einen Kuss auf den Mund geben wollte, nach soviel Intimität fühlte er sich dazu berechtigt, bog sie ihren Kopf zur Seite und küsste ihn dafür flüchtig auf die Wange. „Kusse auf Mund, nicht gut.“ Es war, als ob er mit dieser versuchten Zärtlichkeit ein Tabu verletzt habe, denn auf einmal schaute sie ihn gar nicht mehr freundlich an und drängte ihn ziemlich ungeduldig in Richtung Wohnungstür. Wegen all der Eile hätte er beinahe noch seine Einkaufstasche in der Küche vergessen, mit den Joghurts, dem Kefir und dem Rotwein. Als er schon in der Flurtür stand und ihr die Hand reichte, behielt sie diese länger als nötig in der ihren, druckste verlegen herum und schaute ihn dabei genauso an, wie sie ihn am Weinregal angeschaut hatte. „Hast du ein paar Euro für mich? For the nice afternoon. Ich ziemlich blank.“ Er wunderte sich, dass sie die Ausdrücke „ziemlich“ und „blank“ kannte, und kramte noch einmal in seiner Hosentasche. „Hab ich doch recht gehabt“, sagte er zu sich, als er auf den Aufzug wartete. Zugleich musste er sich aber eingestehen, dass er sehr zufrieden, ja fast schon glücklich war.

Konkurrenz

Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, Jessi samstags am späten Vormittag anzurufen und sich mit ihr zum Essen zu verabreden. An diesem Tag hatte er frei, sowohl von der Arbeit als auch von seinen häuslichen Pflichten, außer wenn etwas Unvorhergesehenes eintrat oder etwas Besonderes anstand, etwa eine größere Reparatur im Haus oder ein größerer Einkauf, doch das war selten der Fall. Das Reihenhaus in dem ruhigen, verschlafenen Vorort, in dem er mit seiner Frau wohnte, war solide gebaut und da er keinen handwerklichen oder gestalterischen Ehrgeiz besaß, gab es für ihn nicht viel zu tun, auch nicht in dem kleinen Garten, dem Reich seiner Frau. Sie waren kinderlos und beide berufstätig, er in einer Softwarefirma, sie als Lehrerin an einer Realschule. Ihr Einkommen war nicht übermäßig, aber es reichte zu einem unbeschwerten Leben, sogar mit etwas Luxus. In ihrer Beziehung hatte sich im Laufe der Zeit eine gewisse Gleichgültigkeit eingestellt, ein Trend vom Miteinander der frühen Jahre zu einem weitgehend reibungslosen Nebeneinander. Reibungen kamen von anderer Seite. Bei ihm war es der Beruf. Er war als Spezialist für Internetbanking mit Projekten befasst, die als höchst wichtig und höchst dringlich galten. Man erwartete von den Mitarbeitern, dass sie sich voll einsetzten, ihr Bestes gaben, ohne Rücksicht auf private Dinge. Oberstes Ziel war, die Auftraggeber mehr als zufriedenzustellen. Er spielte selbstverständlich mit, weniger aus Überzeugung als aus der Einsicht, dass trotz aller Spezialisierung und Erfahrung ein anderer recht schnell seine Stelle einnehmen könnte, der Konkurrenzdruck war sehr hoch. Als Folge dieser Ausbeutung, denn nichts anderes war es, stand er unter permanentem Druck und musste viel mehr Zeit in die Arbeit investieren, als ihm eigentlich recht war. Seine Freizeit war viel zu knapp, viel zu kurz, um sich zu erholen, geschweige denn, um noch anspruchsvollen Interessen nachzugehen oder gar an etwas Kreatives zu denken. In seinem außerberuflichen Leben herrschte ein apathisches Desinteresse und seine Lebensfreude fand er fast nur noch auf kulinarischem Gebiet. An Sonntagen gingen er und seine Frau in ein angesagtes Restaurant, suchten einen exquisiten Landgasthof auf oder kochten selbst ein aufwändiges Menü. Bei diesen Gelegenheiten, aber nicht nur bei diesen, sprach er reichlich den dazu passenden, teuren Getränken zu, meist mehr als ihm gut tat.

Seine Frau hatte ebenfalls mit einigen permanenten, berufsbedingten Unannehmlichkeiten zu kämpfen. Ihr Klientel waren vor allem unerzogene, pubertierende Jugendliche, denen sie Tag für Tag gegenüber stehen musste und deren Aggressivität, gepaart mit Desinteresse, sie in Dauerstress versetzte. An diese Belastung hatte sie sich in all den vielen Jahren nicht gewöhnen können und es bestand auch keine Aussicht, dass sich daran etwas ändern würde, jedenfalls solange nicht, wie sie berufstätig war. Noch problematischer, wenn auch erst seit einigen Monaten, war die Sache mit ihren Eltern. Sie wohnten in einem Dorf in der Nähe und die Samstage verbrachte sie damit, für sie einzukaufen und zu kochen, meist für eine Woche im Voraus. Dann aßen sie zusammen und nach dem Essen half sie ihnen, all den Kram zu erledigen, den sie allein nicht mehr schafften und das war jetzt schon das meiste und wurde immer mehr. Schließlich fühlte sie sich auch noch verpflichtet, mit ihnen einen Spaziergang oder einen kleinen Ausflug zu machen, weil „die beiden sonst gar nicht mehr ihre Festung verlassen“, wie sie ihrem Mann erklärte. Für gewöhnlich kam sie erst am frühen Abend wieder zurück und war dann ziemlich erledigt. Von Zeit zu Zeit war auch er gefragt, wenn an Geburtstagen oder an manchen Feiertagen ein Besuch unumgänglich war oder wenn sein spärliches handwerkliches Geschick benötigt wurde. Aber das waren Ausnahmen und er war froh, dass seine Frau ihn nicht mehr anforderte. Zum Glück gab es auf seiner Seite kaum Verwandtschaft, nur eine entfernt lebende Cousine, der er regelmäßig zum Geburtstag und zu Weihnachten eine Karte schickte, sie hin und wieder anrief und nur alle Jubeljahre besuchte.

An Samstagen hatte er also ausreichend Zeit für sich und nutzte sie. Er fuhr meistens in die Innenstadt, erledigte, was zu erledigen war oder ließ sich auch nur in dem Menschenstrom der Samstagseinkäufer durch die Straßen treiben. Wenn er bei schönem Wetter keine Lust auf Stadt hatte, ging er am Fluss oder in einem Park spazieren. War es warm genug, radelte er gerne zu einem nah gelegenen Weiher, schwamm ein paar Minuten, legte sich die meiste Zeit aber nur auf die Wiese, hörte Musik mit seinem Handy, schmiedete Pläne, die er selten umsetzte und beobachtete die Menschen um sich herum, vorzugsweise Mädchen und Frauen in knappen Bikinis. Bei schlechtem Wetter fand er Vergnügen darin, einen Kinofilm im Nachmittagsprogramm anzusehen, die Chance, dass er dabei nicht einschlief, war deutlich größer, als bei einem Kinobesuch am Abend. Wenn kein interessanter Film lief, besuchte er schon mal ein Museum oder in eine Ausstellung. Die Beschäftigung mit Kunst war eine der wenigen Interessen, die er noch pflegte. Mittags aß er eine Kleinigkeit, wirklich nicht viel, denn der Samstag war der Abnehmtag, meistens in einem Schnellimbiss oder in der Nordsee, er liebte Fisch und alles, was aus dem Meer kam. Seine Samstage waren weder aufregend noch aufwändig noch abwechslungsreich, sie waren so, wie sein Leben. Sie entsprachen seinem Naturell, waren die Folge seiner latenten Lethargie des Privatlebens, die in deutlichem Kontrast zu der im Beruf geforderten hohen Aktivität stand. Aber er ging immer aus dem Haus, ob das Wetter nun gut oder schlecht war, allein wollte er nicht daheimbleiben. Allerdings war er aber auch außer Haus allein. Seine Lethargie zeigte sich auch in einem Mangel an Kommunikation. Er besaß keine Freunde, mit denen er sich hätte regelmäßig treffen wollen und er suchte auch keine. Ihm reichte der tägliche Umgang mit den Arbeitskollegen und die gelegentlichen gemeinsamen Besäufnisse zum Abladen der permanenten Frust, die, wenn überhaupt freitags nach der Arbeit stattfanden und regelmäßig den Zorn seiner Frau hervorriefen, die allerdings weniger Angst um seine Gesundheit als um seinen Führerschein hatte. Er war sich also meistens selbst genug. Gegen Abend kehrte er nach Hause zurück. Manchmal war er früher daheim, manchmal seine Frau. Sie aßen dann gemeinsam zu Abend und tauschten die Erfahrungen und Erlebnisse des Tages aus, das heißt, eigentlich redete nur sie, um ihren angesammelten Frust loszuwerden. Er steuerte meist nur ein paar Stichworte zur Unterhaltung bei. Auf Nachfrage sagte er dann, dass es so wie immer gewesen sei. Doch seine Frau fragte selten nach, sie war zu sehr mit ihrem eigenen Kram beschäftigt. Bei diesem geregelten Programm war es kein Problem für ihn, Jessi in den Ablauf der Samstage einzubauen. Von ihr erzählte er seiner Frau natürlich nichts.

Er traf Jessi regelmäßig bei einem Italiener in ihrer Nähe zum Mittagessen. Beide mochten Spaghetti und frische Salate. Er schätzte es, immer in demselben Restaurant zu essen, weil seine Frau italienisches Essen nicht mochte und so keine Gefahr bestand, dass der Kellner sich in ihrer Anwesenheit nach der netten piccola negra erkundigen könnte. Das „Adria“ gehörte zu der beruhigenden Routine fester Gewohnheiten, die sich in ihrer Beziehung sehr rasch eingestellt hatte. Diese Routine wurde auch in dem nachfolgenden Tagesprogramm beibehalten. Er fuhr mit Jessis in eines dieser Einkaufszentren am Stadtrand, eine Örtlichkeit den seine Frau nie aufsuchen würde. Dort bummelten sie durch die Geschäfte und er erledigte, was er zu erledigen hatte. Jessi ging gerne mit, denn für sie fiel immer eine Kleinigkeit ab: ein T-Shirt, Kosmetika oder eine Packung Pralinen. Manchmal, wenn er gut drauf war, bekam sie sogar etwas Größeres: Unterwäsche, was eigentlich überflüssig war, weil sie selten etwas darunter trug, schon eher eine schicke Bluse oder ein paar Schuhe. Und einmal, an ihrem Geburtstag im Oktober, war er besonders großzügig und schenkte ihr eine Perlenkette, die in einem Juwelierladen gerade im Angebot war. Sie war über dieses Geschenk so begeistert, dass sie die Kette gar nicht mehr ablegen wollte und auch er fand den Kontrast der weißen Perlen zu ihrer Schokoladenhaut sehr apart. Wenn sie nicht einkaufen gingen, gab es bei schönem Wetter eine Spritztour in die Umgebung und bei Regen Kino oder ein Museum. Im Kino saß Jessi ganz still neben ihm und verfolgte den Film, obwohl sie, wie sie ihm gestand, nur wenig von dem mitbekam, was geredet wurde. Sie begleitete ihn genau so gern in ein Museum. Sie liebte Museen, allerdings nicht das, was dort ausgestellt war, sondern das Gebäude, die Räume, die Ruhe, die langweilige Behaglichkeit. „Hier alles sauber und schön und ruhig, viel ruhig. Man nicht muss essen, nicht muss trinken, nur sitzen. Du sehen Bilder, ich sehen dich, wie du sehen Bilder. I like it, you know.” Das Museum bot ihr etwas, was sie sonst nicht hatte, ein angenehmes, entspanntes, ruhiges Zuhause.

So gegen drei oder vier, je nach Programm, begann der Höhepunkt des Tages. Sie gingen in das Hochhaus und hatten Sex auf der roten Couch. Es gab natürlich auch ein Schlafzimmer, aber das war tabu, das war die unbedingte Privatsphäre der beiden Frauen. Die Tür war immer zu, er vermutete sogar abgeschlossen. Er hatte es in der ganzen Zeit seiner Besuche nicht einmal betreten. Sex im Badezimmer blieb außen vor, wie auch alle andere Experimente oder Extravaganzen. Ihr Sex war im Grunde genommen einfallslos und lief immer nach dem gleichen Schema ab: Ein wenig variantenreiches Vorspiel, etwas gegenseitiges befummeln und herum lecken an den intimsten Stellen, niemals richtige Küsse, dann ein kurzer Höhepunkt, fast immer in derselben Stellung, der konventionellen Missionarsstellung oder auch mal von hinten, aber immer nur in die richtige Öffnung. Dem Akt folgte dann eine lange Ausruhephase, obwohl sich beide gewiss nicht übernommen hatten. Ihr Liebesleben war rasch zu einer eingespielten Routine gelangt. Sie mussten sich nichts beweisen und wollten nichts Neues erforschen. Nur einmal machte er etwas Ungewöhnliches. Er hatte eine kleine Digitalkamera mitgebracht und schoss ein paar Bilder von der Wohnung, von ihr und von sich beiden, wie sie nackt auf der Couch lagen. Er streckte die Kamera mit der einen Hand so weit wie möglich von sich weg, die andere hatte er um ihre Schulter gelegt. Jessi, die sich eng an ihn schmiegte und mit ihren Armen und Beinen umklammert hatte, musste den Kopf gehörig verrenken, um auch in die Kamera blicken zu können. Er drückte ein paar Mal ab, die Bilder waren zwar scharf, aber dennoch schlecht. Er schauten reichlich dämlich in die Kamera, Jessi war etwas entspannter, ihr Blick, wie immer, süß, aber die Perspektive war dämlich, das ganze Bild war zum Wimmern. Es sollten Andenken an die schönsten Momente in seinem derzeitigen Leben sein, das sagte er ihr jedenfalls. Er ahnte nicht, dass sich genau diese Bilder als ziemlich verhängnisvoll erweisen sollten.

Mit ihrem eingespielten Minimalprogramm war er durchaus zufrieden. Seine Ambitionen hielten sich auch auf diesem Gebiet in Grenzen. Er genoss es einfach nur, wieder regelmäßig Sex zu haben und die notwendige Partnerin nicht mühsam suchen zu müssen. Die sexuellen Beziehungen zu seiner Frau hatten sich nämlich stark abgekühlt, aber er hatte trotzdem bisher keinen regelmäßigen Kontakt zu einer anderen Frau gesucht. Er hatte nie ein Verhältnis mit einer festen Freundin angestrebt und mit Prostituierten hatte er sich eigentlich auch nicht vergnügt. Er suchte sie nur gelegentlich auf, um den Druck, der sich in ihm aufstaute, abzulassen und immer nur dann, wenn ihm die einförmige Masturbation, die er gewöhnlich dafür anwendete, zum Hals heraus hing. Er war, im Grunde genommen, sexuell recht genügsam, wunderte sich aber, dass auch Jessi im Bett anscheinend ebenfalls genügsam war. Als Nutte, so seine Vorstellung, müsse sie doch die Raffinessen des Liebeslebens kennen und schätzen. Doch als er sie eines Tages fragte, gestand sie ihm, dass sie ihn gerade wegen seines langweiligen Verhaltens gut fand. „The time with you is so relaxing for me, you know. It is private, no job. I have not to show that I am good and sexy.“ Das leuchtete ihm ein und er war froh, dass es so war. Nach der Pflicht lagen sie, wie gesagt, entspannt auf der Couch, knabberten Nüsse, sahen sich das Fernsehprogramm oder Videoclips auf seinem Laptop an. Er döste dann ein und holte seinen Mittagsschlaf nach. Es waren Gewohnheiten, die sich einstellten, wenn ein Paar lang genug zusammen war und Jessi schien selbst diese langweilige Routine zu genießen, denn sie ermunterte ihn ausdrücklich zu seinen Nickerchen und seinen anderen Ritualen, so wie die Sache mit den Drinks. Am Anfang hatte er immer eine Falsche Wein mitgebracht, die er aber allein austrinken musste, da Jessi Wein nicht mochte. Das war ihm dann mit der Zeit zu viel geworden, eine ganze Flasche Wein am Nachmittag und deshalb ging er dazu über, sich regelmäßig einen Longdrink zu genehmigen, einen Martini oder Campari. Einen der Aperitifs, die speziell für die Kunden immer im Haus waren. Wenn er sich in der entspannten Ruhephase auf der Couch noch keinen Drink genehmigt hatte, ermunterte ihn Jessi dazu, ja sie ging sogar selbst in die Küche, um die Flasche zu holen. Für sich brachte sie ein Glas Orangensaft mit und manchmal goss sie sogar einen kleinen Schluck von dem roten Zeug in die gelbe Brühe. Campari-orange war der einzige Drink, den sie mochte. Pünktlich um halb sechs ging er. Wenn er sich nicht selbst fertigmachte, die Schuhe anzog, in die Jacke schlüpfte, seine Sachen zusammen kramte, wurde er regelrecht hinauskomplimentiert. Die Wohnung musste ab sechs frei sein, frei für Naomi, für die Kunden und das Abendprogramm.

Seine Vermutung, welchem Broterwerb die beiden Frauen nachgingen, hatte sich bereits bei seinem zweiten Besuch bestätigt. Auf seine Frage, womit sie ihr Geld verdiene, antwortete Jessi lakonisch „sex, of course, what did you think?“ Sie erzählte ihm recht freimütig, dass beide als Prostituierte arbeiteten und wie sie ihr Geschäft organisiert hatten. Ja, sie würden Männer in ihrer Wohnung empfangen. Ob das bereits ein illegales Bordell sei, diese Frage könne sie ihm nicht beantworten, weil sie keine Ahnung von all dem Kram habe, das mache alles Naomi. Hier in dem Hochhaus würde der häufige Männerbesuch jedenfalls niemanden stören. Das war auch seine Erfahrung. Nur einmal hatten ein paar freche Kinder ihm im Hausflur Hurenbock nachgerufen, als er am Lift das achte Stockwerk drückte. Ansonsten interessierte es anscheinend niemanden, wer in diesem Haus ein und aus ging. Meistens sei nur eine von beiden tätig, fuhr Jessi fort, während die andere spazieren ging oder in einem nahe gelegenen Lokal wartete oder sich ruhig im Schlafzimmer aufhielt. Ja, die Arbeit fand auf der roten Couch statt, niemals, sie betonte das Wort, niemals im Schlafzimmer, das sei privat und tabu, genau so wie küssen auf den Mund, fügte sie lachend hinzu. Manchmal würden sie zu zweit arbeiten, wenn ein Kunde den Wunsch auf einen flotten Dreier habe, das sei aber für den doppelt so teuer und daher käme es nicht oft vor. Sie hätten keine Laufkundschaft, sie kannte den Ausdruck, zu ihnen kämen entweder Stammkunden oder solche auf Empfehlung, auch dieses Wort war ihr geläufig. Nein, Kontaktanzeigen würden sie keine aufgeben, das sei nicht nötig, die Empfehlungen der Stammkunden und eine Website, das würde völlig ausreichen, sie hätten genug zu tun. Ja, sie würden jeden Tag arbeiten, vor allem abends, aber auch in der Mittagspause sei der Andrang groß. „We are every evening on the job, you know“, auch am Wochenende, aber da kämen tagsüber nur wenige, viele dagegen am Samstag Abend. Sie stöhnte wegen seiner Neugier, als er wissen wollte, wie lange die Kunden blieben und was sie geboten bekämen. Selten länger als eine Stunde, die Mittagskunden oft nur zehn oder zwanzig Minuten und was sie bekämen? Alles, was sie wollten, nur keine Mundküsse. Samstags sei es tagsüber flau, die üblichen Kunden seien im Baumarkt oder mit der Familie unterwegs und erst am Abend ginge das Geschäft wieder los. Deshalb könne sie ihn am Samstag treffen, auch am Sonntag, wenn er wolle. Er winkte ab, sonntags nie. Warum sie gerade ihn wolle, er sei doch weder schön noch attraktiv? Sie lachte, er sei aber so herrlich langweilig und dazu noch nett und nicht anspruchsvoll, was ihre Dienstleistung beträfe und zudem zuverlässig. Er sei einfach normal, „you are damn normal, you know“. Gerade deswegen würde er ihr ein Gefühl von Familienleben vermitteln, ein Gefühl, das sie sehr vermisse. Was wolle man mehr von einem Mann, außer Geld und Treue, lachte sie? Aber so versicherte sie ihm umgehend, er sei für sie mehr, viel mehr als nur ein beliebiger Kunde. Sie würde nicht nur wegen des Geldes jeden Samstag mit ihm zusammen sein. Sie hatten sich in der Tat stillschweigend darauf geeinigt, dass er bei der Verabschiedung einen Geldschein auf den Couchtisch legte, außer wenn er ihr ein aufwändiges Geschenk gemacht hatte. Er fühlte sich zwar nicht als Kunde, das keineswegs, aber er wusste, dass sie auf sein Geld angewiesen war und er sah sich nicht in der Situation eines beliebigen Freiers, der für jeden Fick bezahlen musste. Er fühlte sich, als....? Beim Nachdenken war ihm ein Begriff eingefallen, der ihm zutreffend erschien, er fühlte sich als eigennütziger Entwicklungshelfer.

Eines Tages war Naomi in der Wohnung, als sie von einem Museumsbesuch zurückkamen. Es regnete in Strömen und Naomi sagte, sie habe absolut keine Lust gehabt, irgendwohin zu gehen. Er vermutete, dass sie einfach auf ihn neugierig war und ihn sehen wollte, den Mann, der sich seit einiger Zeit regelmäßig mit ihrer Freundin traf. Doch genau das hatte Jessi stets zu vermeiden versucht. Immer wenn er sie gefragt hatte, ob er nicht einmal ihre Mitbewohnerin sehen könne, hatte sie mit allerlei Ausflüchten und Ausreden reagiert. Doch nun war er da und sie war auch da und sie standen sich gegenüber und er gab ihr die Hand und sie gab ihm ein Küsschen auf die Wangen und schon in diesem Moment, von Anfang an, funkte es zwischen ihnen. Er war höchst angetan von ihrem Anblick und wie elektrisiert von ihren knappen Berührungen. Jessi stand daneben und schaute scheel, sie musste sofort geahnt haben, was da passierte. Dann gingen sie in das Wohnzimmer. Er setzte sich auf die Couch. Naomi blieb stehen und sah ihn direkt und unverfroren und höchst interessiert an. Er hatte das Gefühl, dass sie ihn regelrecht taxierte, ihn mit ihrem professionellen Männerprüfblick abschätzte, den sie brauchte, um nicht mit irgendeinem Arschloch Scherereien zu bekommen. Es ging nicht um sein Aussehen, dessen war er sich sicher, denn in der Hinsicht gab er sich keinen Illusionen hin. Er war absolut keine Schönheit und auch nicht attraktiv, Jessi hatte es deutlich gesagt. Mit seinem Aussehen hätte er eine wie Naomi sicher nicht beeindrucken können. Mit seinem Geld schon eher. Aber das spielte im Moment keine Rolle. Sie sah ihn an, dann spielte ein Lächeln um ihre Lippen. Er schien den Test bestanden zu haben und es schien ihm, dass sogar eine gewisse Sympathie aufkam. Nach einer Weile des unschlüssigen, untätigen Herumstehens und Herumsitzens, das eine ausgesprochene Unordnung in den gewohnten Ablauf der Jessi-Nachmittage brachte, bot Naomi spöttisch an, die beiden Verliebten allein zu lassen und sich in das Schlafzimmer zurückzuziehen. Sie würde sich ganz ruhig verhalten, bis die beiden ihr Geschäft erledigt hätten. Sie lachte über ihren eigenen Witz und fügte provokativ hinzu, dass sie sich auch ganz gut einen Dreier vorstellen könne, von ihrer Seite natürlich gratis, dann hätten alle was davon. Wovon, sagte sie nicht, das war auch nicht nötig, denn alle wussten was sie meinte und Jessi schaute sie daraufhin noch böser an als ohnehin schon und begann laut und fast schon kreischend in der ihm unverständlichen Sprache auf Naomi einzureden und schon waren beide in einen heftigen Streit verwickelt, an dessen Ende Naomi sich eine Jacke und einen Regenschirm schnappte und die Wohnung laut schimpfend und unter Zuknallen der Etagentür verließ.

Jessi hatte wohl geahnt, was geschehen würde, wenn er auf Naomi träfe. Daher war sie immer so vorsichtig gewesen und hatte sie ihm regelrecht vorenthalten. Dann war es aber doch geschehen und er hatte genau so reagiert, wie sie es befürchtet hatte und wie vermutlich jeder paarungsbereite Mann reagieren würde, wenn er einem Vollblutweib wie Naomi so nahe kommen könnte. Er war von dieser Frau sofort angetan. Naomi war das Licht, das die Motten erst anzog und dann verbrannte. Sie war ein ganz anderer Typ als Jessi. Deutlich größer, mit einem auffallenden Busen, einem dicken Hintern und stämmigen Beinen. Sie war bestimmt das Doppelte von Jessi, aber ihre Proportionen stimmten. Ihr Körper war üppig und sinnlich, dennoch attraktiv und aufsehenerregend und ihre Formen wurden durch das kurze, bunte Sommerkleid, das sie trug, sehr vorteilhaft betont. Der glatte Stoff schmiegte sich perfekt an diesen ausladenden Leib und modellierte jede Einzelheit, jede Kurve, jede Wölbung, jede Rundung. Ihr Gesicht war hübsch und durchaus attraktiv, wenn auch nicht so apart und ebenmäßig, wie das ihrer berühmten Namensschwester. Ihr Gesicht wies im Gegensatz zu dem ihrer Freundin, deutlich mehr negroide Züge auf, die Nase kurz, die Lippen voll, die Stirn hoch, war aber dennoch anziehend. Ihre Haut noch dunkler als die von Jessi, dafür hatte sie ihre Haare mittelbraun, an manchen Stellen sogar blond, gefärbt und trug sie im Rastalook, also zu zahlreichen Zöpfchen geflochten und mit kleinen bunten Bändchen versetzt. Sie hatte sich sehr dezent und geschmackvoll geschminkt, in einem Nasenflügel und einem Ohrläppchen glitzerten kleine Diamanten. Allerdings hatten ihre Augen, obwohl sehr lebhaft, nicht die Ausstrahlung von Jessis schönen Augen. Ihre langen, künstlichen Fingernägel waren mit aufwändigem Dekor bemalt und sie trug fast an jedem Finger einen Ring, aber die konnten nicht kaschieren, dass ihre Hände längst nicht so schlank und elegant wie die ihrer Freundin waren. Es waren eher Patschhände, die andauernd mit einem Handy spielten, das sehr teuer war, wie er an dem angebissenen Apfel schnell erkannte. Sie schien Geld zu haben, diese Naomi, und vermutlich war sie deswegen recht selbstsicher. Sie redete viel und laut, benutzte ständig vulgäre Ausdrücke und hatte durchaus Sexappeal, sogar viel Sexappeal, den sie offensiv einsetzte. In Verbindung mit dem zarten, erotisierenden Hauch eines vermutlich ebenfalls teuren Parfüms war sie für ihn höchst begehrenswert, ja geradezu unwiderstehlich. Er flog sofort auf sie ab.

Naomi war in fast jeder Hinsicht das Kontrastprogramm zu Jessi, diesem kleinen, zarten, schmächtigen, sanften Typ mit einer ausgeprägten, sozialen Ader. Jessi hatte ihm erzählt, dass sie neben vielen anderen Geschwistern, es waren acht oder sogar zehn, auch eine Zwillingsschwester hatte, die wenige Minuten älter war als sie. Bei dieser Lieblingsschwester wuchsen ihre beiden eigenen Kinder auf. Der Vater, ein Nichtsnutz und Herumtreiber, sie sagte „a no-good man and a dodger“, war abgehauen, als er die Nase von Familie voll hatte. Die Kinder, ein Junge und ein Mädchen, gingen bereits in die Schule und erhielten von ihrer Mutter dafür jeden Monat Geld und auch das Essen und die Kleidung mussten regelmäßig bezahlt werden. Sie musste viel arbeiten für diese Zahlungen, auch weil sie genau wusste, dass von diesem Geld nicht nur ihre Schwester, sondern auch einige andere Familienmitglieder profitierten. Doch niemand in der Familie, außer der Schwester, wusste, was sie in dem fernen Land eigentlich tat, womit sie das viele Geld verdiente, das so regelmäßig kam. Man glaubte, sie sei Sekretärin in einer großen Firma oder besäße eine Boutique mit Geschenkartikel oder würde in einem Hotel arbeiten. Sie äußerte sich nie klar, wenn sie gefragt wurde, aber letztlich interessierte das auch niemanden so recht, wichtig waren nur, dass das Geld kam und die Geschenke, die sie mitbrachte, wenn sie die Kinder besuchte oder ab und zu per Post schickte.

Naomi hatte dagegen niemanden, den sie glaubte versorgen zu müssen, obwohl sie ebenfalls aus Ghana stammte und obwohl sie natürlich auch Verwandtschaft hatte, Eltern, Brüder, Schwestern, ein ähnlicher Clan wie der von Jessi, aber keine eigenen Kinder. Sie hatte alle Kontakte zu ihrer Heimat abgebrochen und lebte nun schon längere Zeit in Deutschland, sprach ganz gut Deutsch und war mit dem Dschungel des hiesigen, alltäglichen Lebens bestens vertraut. Sie hatte gelernt, mit einer Kombination aus Bauernschläue und charmanter Unverfrorenheit, klarzukommen und sie hatte auch sehr schnell gelernt, wie man hier als Frau zu Geld kommen konnte, sogar zu recht viel Geld. Sie arbeitete hart und war gut in ihrem Beruf. Sie wusste sehr gut, wie man mit Männern umgehen musste, um sie um den Finger zu wickeln und ihnen das Geld aus der Brieftasche zu luchsen. Daher konnte sie inzwischen ein ziemlich anspruchsvolles Leben führen. Ihre Kleidung stammte nicht mehr aus den Second-hand-shops, wie am Anfang. Ein beträchtlicher Teil ihres Einkommens landete bei H&M oder in teuren Boutiquen. Ihr Make-up und ihre Nägel ließ sie sich regelmäßig in einem Studio gestalten und ihre Friseuse verdiente gut an ihr. Das waren Betriebskosten, denn eigentlich war sie recht geizig, sie gönnte sich nicht viel Extras und hielt ihr Geld weitgehend zusammen. Sie hatte ein fernes Ziel, auf das sie hinarbeitete. Ihre Sparsamkeit hatte sie veranlasst, eine Untermieterin in die Wohnung aufzunehmen, die für die Hälfte ihrer Wohnungskosten aufkam, weil sie eine Art Geschäftspartnerin war. Ein Landsmann hatte Jessi vermittelt, die nun seit einem knappen Jahr bei ihr wohnte und letztlich für sie arbeitete.

Jessi war ein braves Mädchen, das dummerweise in einem gar nicht braven Metier gelandet war. Sie hatte ihm einmal gestanden, dass sie ihrem Beruf nur höchst ungern nachging, dass sie Männer zwar nicht verabscheute, aber auch ganz gut ohne sie auskommen könnte. Die Sexarbeit war für sie kein Vergnügen, sondern eine Last und eine Notwendigkeit, nicht anders als das Schuften in einer Fabrik oder die Ausbeutung als Putzfrau, nur dass sie so viel mehr Geld verdiente. Es gab aber noch einen weiteren Grund, dass sie längst nicht so erfolgreich war wie Naomi. Sie war gut katholisch, ja eigentlich zu katholisch für das praktische Leben. Er hatte es schon am ersten Tag geahnt, als er das kleine Kreuz an ihrem Hals gesehen hatte, nachdem sie so unerwartet nackt vor ihm gestanden war. Sein Verdacht bestätigte sich, als er sie am Anfang ihrer Beziehung mit seinen negativen Ansichten über Gott, Glauben und Kirche nervte. Sie reagierte höchst pikiert und verärgert, sodass sie dieses Thema später geflissentlich mieden. Die Gebote der Kirche, denen sie einerseits folgen wollte, andererseits aus Gründen des Überlebens nicht konnte, waren der Grund, dass sie bei ihrer Arbeit permanent ein schlechtes Gewissen hatte. Dabei war sie eine moralische Person, ein guter Mensch, der niemandem etwas Böses zufügen konnte und auch nicht damit rechnete, dass ihm Böses widerfuhr. Doch inzwischen war sie mehr im realen Leben angekommen und hatte brauchbare Überlebensstrategien entwickelt. Aber ein Vollblutprofi wie Naomi würde sie nie werden.

Naomi war nicht nur wegen ihres Aussehens und ihres Lebensstils ganz anders. Sie war auf Männerfang aus, sie wollte Männer, sie war geradezu süchtig auf Schwänze, während Jessi sie notgedrungen akzeptierte. Naomi war egoistisch, unsensibel und von Religiosität, die sie in ihrem Beruf und in ihrem Begehren hätte hemmen können, war keine Spur vorhanden. Sie hatte Spaß zu ficken und tat das ausgiebig. Und das merkten die Männer rasch, die in das Hochhaus kamen, die meisten wollten spätestens beim zweiten Mal zu Naomi. Sie verdiente das Geld, sie bekam die Extrascheine in den BH gestopft oder in ihre Körperöffnungen gesteckt, sie hatte die Wohnung gemietet, sie erledigte alles, was zu erledigen war, sie regelte alles, was zu regeln war. Jessi war lediglich auch noch da, ganz nützlich in manchen Situationen, nützlich zum Zuhören, nützlich zum Kochen, zum Einkaufen, zum Aufräumen, zum Putzen und zu all den ungeliebten Nebenarbeiten. Sie war Zugehfrau, Küchenhilfe, Putzfrau und last, but not least, sie bezahlte die Hälfte der Miete. Und, auch das war wichtig, sie musste immer ran, wenn Naomi nicht wollte oder den Typ ablehnte.

Dass Naomi voll auf ihn wirkte, ihn gefangen nahm und nicht mehr losließ, merkte Jessi sofort. Naomi hatte ihn sofort elektrisiert, in einem viel stärkeren Ausmaß, als es seine Konkubine je vermochte. So war es nicht verwunderlich, dass Jessi recht feindselig reagierte, wenn er das Gespräch auf Naomi brachte. Aber sie konnte nicht vermeiden, dass sich die gewollt ungewollten Begegnungen häuften. Naomi ging später als vorgesehen, kam früher als geplant, tauchte plötzlich, also zur Unzeit, in der Wohnung auf oder machte dann keine Anstalten, die beiden allein zu lassen. Dann saßen Jessi und er untätig herum, sie höchst unzufrieden und gereizt, er entspannt und neugierig auf all das, was Naomi tat und glücklich, sie eingehend und von der Nähe betrachten zu können. Er lachte über ihre Witzchen, die sie gerne über das alte Ehepaar, also über ihn und Jessi machte, und hörte sich vergnügt all die Belanglosigkeiten an, die sie so von sich gab. Er verschlang sie mit geilen Blicken, wenn sie sich auf der großen Couch räkelte, sich wie eine Katze zusammenrollte oder alle viere weit von sich streckte. Er glotzte ihr gierig hinterher, wenn sie barfuß in der kleinen Wohnung herumstolzierte, das kurze Kleid, sie trug immer kurze Kleider, bis an den Po hoch gerafft, um es angeblich vor all dem Staub und Dreck zu schützen, den Jessi nicht entfernt habe. Er konnte nicht genug kriegen, selbst wenn sie sich einfach nur hinstellte und die Hände vor die deutliche Wölbung ihres Bauchs spreizte. Frauen mit Bauch, mit dezentem Bauch, erregten ihn, vor allem wenn sie dann noch die Brust vor reckten, so wie Naomi es gern tat, ihr Busen war wirklich wunderbar, eine Erholung für seine Blicke, die Jessis eher kümmerliches Vorwerk schon längst nicht mehr schätzten. Wenn sie nur so da stand und sonst gar nichts tat und vor allem auch mal eine Weile den Mund hielt, begann es in ihm zu pochen. Er linste durch die halb geöffnete Badezimmertür, wenn sie duschte oder ihr Make-up auffrischte, sah aber kaum etwas. Er war vollends atemlos und konnte den Blick dann nicht mehr von ihr lösen, wenn sie an warmen Tagen ihr Kleid oder das T-Shirt und die Hose ablegte und nur noch in BH und Slip herumlief, weil sie angeblich die unerträgliche Hitze in der Wohnung nicht aushalten könne. Allerdings nackt, völlig nackt oder auch nur ihren nackten Busen, hatte er bisher nicht zu sehen bekommen. Jessi war, wenn sie diese deutliche Anmache registrierte, frustriert und wütend, konnte aber nichts dagegen machen. Sie war von beiden abhängig, von Naomi sogar total abhängig.

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