Kitabı oku: «Missgeschicke»
Inhaltsverzeichnis
Missgeschicke
Übersicht
Beachvolleyball
Animalische Komplikationen Der Bunker
Ein Desaster
Jetzt fahr’n wir über'n See
Kettenbrücke
Einkaufsparadies
Jesus liebt dich
Nothalt
Killbilly
Kur mit Schatten
Hotel mit Meeresblick Ramstein Die Bombe
Monsterfisch Die Hunde von der Friesenheimer Insel Rattenmord Passwortschutz Hundeklau Ein alter Freund Eine Verbündete Der Augenblick der Wahrheit
Das Schloss
Der Fall
Ein Fall von Geringfügigkeit
Hundert Meter Die afrikanischen Schwestern Die Brustschwimmerin Der Lustbeamer Im Café Im Hotel Ernüchterung und rosige Zukunft Weitere Bücher des Autors
Missgeschicke
Dreiundzwanzig fatale Geschichten
Yupag Chinasky
2018
erschienen bei epubli Berlin
Copyright Udo Pagga 2018
upag@hotmail.de
Übersicht
Geschichten von Missgeschicken, die passieren können, wenn man sich zu sehr in eine Sache hineinsteigert oder sie zu sehr ablehnt, wenn man zu egoistisch oder unbedacht handelt. Ereignissen, die seltsam sind und oft tragisch enden oder die einfach nur passieren, weil man sie nicht vermeiden kann – Schicksal eben.
BEACHVOLLEYBALL: Der Wunsch beim Volleyball mitzuspielen wurde ganz maßgeblich durch den Anblick einer jungen Frau genährt, die den auffälligsten Tupfer in der bunten Mischung bildete. Sie war wie ein großer, rosaroter Ball, der ständig hin und her hüpfte, auf und nieder sprang, über das Feld wuselte und sich deutlich sowohl optisch, von ihrem Aussehen, als auch akustisch, durch ihre ständigen lauten Rufe, von den Mitspielern abhob.
ANIMALISCHE KOMPLIKATIONEN: Er hatte Indien bisher gemieden. Indien? Nein, das musste nicht sein! Doch dann kam ganz plötzlich die Erkenntnis, wenn nicht jetzt, dann nie und er buchte eine Indienreise. Drei Wochen mit Mietwagen und Fahrer durch Südindien. Er hätte mit seiner Reise sehr zufrieden sein können, wenn da nicht diese Viecher gewesen wären.
DER BUNKER: Der Junge und das Mädchen entdecken einen verlassenen Bunker in einem Steinbruch. Er bietet sich an zum ungestörten Küssen und zum abenteuerlichen Erkunden. Doch sie wären besser nicht hineingegangen, denn hier begann das Ende ihrer Liebe.
EIN DESASTER: Die Überraschung stand G. im Gesicht geschrieben, als er die Haustür öffnete. Der Besuch kam nicht nur unerwartet, sondern auch ungelegen, wie er ihnen bei einem Glas Sprudel im Wohnzimmer eröffnete. Doch sie blieben und G. würde diesen Abend nie mehr vergessen können.
JETZT FAR'N WIR ÜBER'N SEE: Ein Mann und eine Frau trachten danach, voneinander los zu kommen. Eine Bootsfahrt, die in eine Nebelwand führt, bringt die Entscheidung.
KETTENBRÜCKE: Die Nacht war schön und lau, als er sein Geld in die Donau flattern ließ, dann in die Hotelbar ging und zu sah, wie ein fetter Arsch ein Bündel Banknoten in Flammen aufgehen ließ.
EINKAUFSPARADIES: Überall in der Stadt hingen Plakate, die Presse war voll mit wohlwollenden Artikeln und im lokalen Fernsehen und Radio kamen euphorische Vorabberichte. Am Donnerstag, dem 1. Juli, wird das neue Einkaufsparadies eröffnet. Für ihn würde dort kein Platz sein, das wusste er.
JESUS LEBT DICH: Jesus liebt dich, sagte der junge Mann im schwarzen Anzug. Aber er hatte die Nase von allem gestrichen voll. Er wollte weder Jesus noch Paradies noch Erlösung, sondern nur seine Ruhe und immer dringender ein Klo.
NOTHALT: Er sah, wie ein großes, schwarzes Cabriolet erstaunlich langsam auf den Nothalt zufuhr. Bis auf den Fahrer erhoben sich die Insassen aus ihren Sitzen, winkten und johlten. Er, überrascht, dass ihn die fremden Leute so herzlich begrüßten, lächelte ihnen zu und hob eine Hand, um zurückzuwinken.
KILLBILLY: Diese verdammte Angst, die ihn schon sein ganzes Leben lang verfolgte und immer wieder ausbrach. Angst vor der Dunkelheit, vor schwierigen Situationen, vor fremden Menschen und nicht zuletzt vor vermeintlich gefährlichen Tieren. Diese Angst wurde immer stärker, je näher der Hund auf ihn zu schwamm.
KUR MIT SCHATTEN: Er hatte schon nach wenigen Tagen Reha vollauf genug. Doch dann lernte er die schöne Bademeisterin kennen und musste anschließen seine Kur verlängern, aber aus einem ganz anderen Grund, als er gedacht hatte.
HOTEL MIT MEERESBLICK: Eine seiner schlechten Angewohnheiten war es, jeden Bissen mit einem kräftigen Schluck Wein hinunter zu spülen. Ein Zeichen mangelnder Manieren, oder ein todsicheres Mittel die Aromen der Speisen und das Bouquet des Weins zur optimalen Geschmacksentfaltung zu bringen? Jedenfalls ein todsicheres Mittel.
RAMSTEIN: Als sein Fotoclub zu dem Flugtag der Amerikaner nach Ramstein ging, beteiligte er sich. Um 15.44 geschah das tragische Unglück. Um 15.43 war er mit seinem Söhnchen noch genau an der Stelle gewesen, wo die meisten Menschen sta: rben.
DIE BOMBE: Im Jahr 1967 brauchte er für seine Studentenbude eine stabile Buchstütze, ein Kumpel, der auch bei der Bundeswehr gewesen war, gab sie ihm. 1974 entsorgte er das gute Ding über den Sperrmüll. Bombenexperten entschärften sie noch rechtzeitig.
MONSTERFISCH: Der riesige Fisch war ganz einfach zu groß für ihn. Er wollte es aber nicht einsehen und daher war das tragische Ende für beide unausweichlich.
DIE HUNDE VON DER FRIESENHEIMER INSEL: In einem Speziallabor der größten Chemiefirma der Welt ereignen sich rätselhafte Vorfälle. Ratten sterben, ein Password ist falsch, Hunde, die für wichtige Versuche vorgesehen sind, werden entführt. Dank eines geniales Plans wird der Schuldige auf frischer Tat gestellt.
DAS SCHLOSS: „Arschloch“ rief er dem Mädchen auf dem Fahrrad nach, laut und auf Deutsch. Dieses hielt an, setzte einen Fuß auf den Boden, drehte sich halb zu ihm um und rief genauso laut zurück „selber Arschloch“. Fünf Minuten später saßen sie in dem Tankstellenbistro, tranken Café au lait und aßen Croissants und das Mädchen lud ihn ein, sie im Schloss zu besuchen.
DER FALL: Nachdem er der Frau, die auf der Straße lag, geholfen hatte, hoffte er auf Anerkennung oder Dankbarkeit, doch stattdessen sah er nur Neugier, Ablehnung, Wut und Bosheit um sich herum. Eine Alte schrie, sehr laut, sehr hysterisch – Du hast sie berührt, du hast sie geküsst, du hast sie geschlagen, du wirst sie töten.
EIN FALL VON GERINGFÜGIGKEIT: Endlich war er fertig und die Schwester sagte: wonderful honey, you are great. Jetzt brauche ich nur noch eine Kreditkarte. Wir brauchen Sicherheit, you know, es kommen viele, die kein Geld haben und dann bleiben wir auf den Kosten sitzen. Kreditkarte oder 100 Dollar cash. I hope you understand.
HUNDERT METER: Er wollte nur noch ein paar Bilder am Strand machen, während sie im Hotel wartete. Nur hundert Meter entfernt vom rettenden Hoteleingang geschah das Unfassbare.
DIE AFRIKANISCHEN SCHWESTERN: Er sah sie zum ersten Mal im Kaufhaus, auf der Rolltreppe, ihr rasanter Hintern direkt vor seiner Nase. Er ahnte nicht, was sich aus dieser Begegnung alles entwickeln würde.
DIE BRUSTSCHWIMMERIN: Jeden Freitag beobachtete er sie, wie sie sich ganz entspannt im warmen Wasser aalte, aber er wusste, dass sie Leistungssport betrieb und das brachte ihn auf eine fatale Idee.
DER LUSTBEAMER: Eine Frau mit den Strahlen eines Handys liebestoll zu machen, der Traum jedes Machos, aber er war Wissenschaftler und kurz vor einer Erfindung, die die Welt verändern würde, so wie damals Viagra.
Beachvolleyball
„Punkt!“
„Wechsel!“
„Pass doch auf!“
„Aufschlag!“
„Block, ihr müsst besser blocken!“
„Touche, gilt nicht! Gilt doch, ich war nicht dran!“
„Der Ball war eindeutig im Aus!“
„Satzball“
Die Rufe und Kommandos schallten zu ihm herüber. Dazwischen Gelächter, Freudenschreie, enttäuschtes Aufstöhnen. Er lag im Schatten der hohen Pappeln und konnte sich auf „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ nicht mehr konzentrieren, seit die Gruppe angefangen hatte, Volleyball zu spielen. Er stützte sich auf seine Ellenbogen und beobachtete die jungen Leute, in der Mehrzahl Männer, aber auch zwei, drei Frauen, die auf dem aufgeschütteten Sand herumhüpften und sich freiwillig dem Staub und der prallen Sonne aussetzten. Sie spielten nicht besonders gut, aber auch nicht wirklich schlecht, durchschnittliche Freizeitvolleyballer, die sich am Sonntag Nachmittag im Strandbad getroffen hatten. Lesen ging nicht mehr, dafür zuschauen. Um das Geschehen besser verfolgen zu können, setzte er sich und lehnte sich an einen der Baumstämme. Es waren, wie fast immer, nicht genügend Leute da, um zwei komplette Mannschaften zu bilden und langsam, aber stetig kam in ihm der Wunsch auf, mitzuspielen. Dieser Wunsch wurde ganz maßgeblich durch den Anblick einer jungen Frau genährt, die den auffälligsten Tupfer in der bunten Mischung bildete. Sie war wie ein großer, rosaroter Ball, der ständig hin und her hüpfte, auf und nieder sprang, über das Feld wuselte und sich deutlich sowohl optisch, von ihrem Aussehen, als auch akustisch, durch ihre ständigen lauten Rufe, von den Mitspielern abhob. Rosaroter Ball deshalb, weil ein sehr kompakter, sehr kurviger, partiell wabbeliger, insgesamt aber straffer Körper in einem sehr kurzen, sehr engen rosaroten Kleid steckte, das nichts von den Kurven und Rundungen, den Hügeln und Tälern ihrer Statur verbarg. Ihre Oberschenkel waren fest Säulen, die sich durch nichts erschüttern ließen, ihre Hüften und der Po bildeten den stabilen Kern der Kugel, ihr ansehnlicher, ständig hüpfender Busen waren die ausgleichende Schwungmasse, um das Gleichgewicht zu halten und ihre kurzen, stämmigen Arme mit den Patschhänden waren unentwegt bemüht, den Ball, wenn er in ihre Nähe kam, zu baggern, zu schlagen und zu pritschen. Die Formen ihres Körpers zeichneten sich bis in kleine Details auf dem rosa Kleidchen ab, sowohl in den statischen Momenten, in denen sie nur da stand und auf den Ball wartete als auch in den dynamischen Phasen, wenn sie hektisch in das aktuelle Spielgeschehen eingriff. Man sah deutlich in der Mitte des leicht vor gewölbten Bauchs die Delle des Bauchnabel, auf den Halbkugeln ihrer Brüste die aufgerichteten Brustwarzen und am Ende des Rückens den Beginn der Falte, die ihre breiten Pobacken teilte, die im weiteren Verlauf durch den schmalen Stoffrest ihres Minikleids verborgen wurde. Sie war, so schätzte er aus der mäßigen Ferne, in der er sich befand, so gegen Ende zwanzig, drall und kompakt, aber durchaus schnell und beweglich. Ihre schöne, gebräunte Haut, von der man viel sah - Beine, Arme, Ausschnitt, Gesicht - befand sich in farblich perfekter Harmonie mit diesem kurzen, rosaroten Kleid. Ihr Gesicht war leider nur mäßig hübsch. Es war nicht gerade das wichtigste Pfund, mit dem sie wuchern konnte, aber hässlich war es beileibe auch nicht, nur etwas zu breit, zu flach, zu gemütlich. Eine Prise Frechheit hätte ihm gut getan. Das Bild einer auf ihre Weise attraktiven Frau wurde durch die dicken, dunkelblonden Haare abgerundet, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren, der ständig wippte, egal was sie tat. Er verguckte sich in sie in dem selben Moment, in dem er sie sah und so war es ganz natürlich, dass er nach einer Weile des Beobachtens beschloss, sich an diese Frau heranzumachen, sie kennen zu lernen, um sie noch heute, an diesem schönen, sonnigen Tag, abzuschleppen. Wenn er das geschafft hätte, und dass er es schaffen würde, daran hegte er nicht den geringsten Zweifel, dann könnte er sich noch am selben Abend mit diesem rundum drallen, straffen Körper aus nächster Nähe befassen, im wahrsten Sinne des Wortes befassen, diese braune Haut streicheln, die Kurven und Rundungen ertasten und die Wärme spüren und genießen, wenn sie sich schlussendlich lustvoll aneinander schmiegen würden. Er wartete nicht länger, stand auf, schlenderte zu der Gruppe und wurde, nachdem der laufende Satz beendet war, als neuer Mitspieler gern aufgenommen.
Weil er der Gegenmannschaft der Rosaroten zugeteilt worden war, konnte er sie nun eingehend studieren. Majena, der Name wurde von den anderen in kritischen und euphorischen Situationen, das heißt nahezu ständig, gerufen, Majena machte öfters als die anderen einen Fehler, verpasste fast jede Annahme, vermasselte jeden zweiten Aufschlag und beim Block war sie, wegen ihrer Körpergröße, ein totaler Ausfall. Es lag nicht selten an ihr, dass seine, also ihre gegnerische Mannschaft punktete und dann musste sie sich Vorwürfe anhören, die sie jedoch lachend, mit einem hellen, kehligen Lachen, an sich abprallen ließ. Die meisten Vorwürfe kamen von einem Wladimir, einem schwarzhaarigen, bärtigen, griesgrämigen Typ, der in allem das Gegenteil von Majena war. Er war lang und hager, sah ungepflegt und unappetitlich aus und spielte sehr gut. Er blockte perfekt, nahm noch die unmöglichsten Bälle an, und wenn er eine Angabe machte, brachte diese seiner Mannschaft fast immer einen Punkt. Ohne Wladimir wäre das Team der Rosaroten auf verlorenem Posten gestanden.
Für ihn, den Neuzugang, war der Spielverlauf fast bedeutungslos. Er war ein mittelmäßiger Spieler, dem ab und zu etwas Gutes gelang, der aber auch selten Anlass zur Enttäuschung bot, weil er das leistete, was die Mitspieler erwarteten und sich gut in ein Team einfügen konnte. Er wollte nicht brillieren, spielte daher oft selbstlos und mannschaftsdienlich. Das kam bei den Mitspielern gut an und er hatte durchaus Anteil, dass der Gegner immer wieder ins Hintertreffen geriet. Aber er hätte noch besser sein können. Seine Konzentration galt nicht den angeschnittenen Bällen, nicht der Blocksicherung und nicht dem effizienten Stellungsspiel, sie galt ausschließlich Majena und ihrem knappen rosa Kleid. Er stöhnte leise auf, wenn sie sich hochreckte und die Arme weit emporstreckte, um an einen Ball zu kommen. Er sah nur sie und nicht den Ball, wenn sie, bei einem ihrer vergeblichen Versuche zu blocken, einen viel zu kurzen Sprung am Netz wagte und alles an ihr bebte. Er achtete nicht mehr auf seine Mitspieler, wenn sie sich zur Ballannahme bereit machte: den Oberkörper vorgebeugt, die Arme vorgestreckt, den Po weit nach hinten gereckt. In diesen Situationen konnte sie ihre schwerste Waffe am effizientesten einsetzen und bei dem männlichen Teil der gegnerischen Mannschaft totale Verwirrung stiften. Wenn sie nämlich ihren formidablen, tiefen Ausschnitt dem Netz zu wandte und die Männer nur noch auf ihre beiden Halbkugeln, aber nicht mehr auf den Spielball achteten. Majena war, dank ihrer Anatomie und ihrer erotischen Ausstrahlung, die perfekte Ablenkungsmaschine. Die Spieler glotzten sie an und sahen nur noch Rosa, nur noch Rundungen, hüpfende, tanzende Brüste, eine wulstige Taille, breite Hüften und den deutlichen Bauch mit der Delle. Nur selten sahen sie in ihr angespanntes Gesicht, mit den hellen Augen und den fast fehlenden Brauen. Majena war, ehrlich gesagt, trotz ihrer eklatanten spielerischen Schwächen die effizienteste Spielerin ihrer Mannschaft. So manches Mal flog ein Ball, den einer der intensiven Gaffer noch gut hätte annehmen können, knapp neben ihm in den Sand und einige Bälle, die man problemlos hätte zurück schlagen können, landeten im Netz. Wenn Majena ihrerseits zum Schmettern ansetzte und einen kläglichen Hüpfer machte, drängte sich der Block überflüssigerweise dicht an das Netz, um ein Teilchen dieses magischen Körpers durch die Maschen hindurch zu berühren. Besonders faszinierend war es, wenn Majena immer und immer wieder und immer vergeblich versuchte, ihr kurzes Kleid etwas weiter nach unten zu ziehen, um ihre bordeauxrote Unterwäsche zu verbergen. Es war definitiv kein Bikini, den sie anhatte. Unten war es ein knappes Höschen mit bestickten Rändern, das man oft, sehr oft aufblitzen sah, oben ein knapper, mit Spitzen verzierter Büstenhalter, der ihren Busen in dem tief ausgeschnittenen rosa Kleid exzellent zur Geltung brachte - ihre Wunderwaffe.
Die meisten der Spieler in Majenas Team stammten aus einem osteuropäischen Land. Sie riefen sich auf Russisch oder Polnisch oder in irgendeiner anderen, ihm unbekannten slawischen Sprache Befehle, Flüche, Lob und Tadel zu, dazwischen tauchte sporadisch auch mal ein deutsches Wort auf. Am lautesten rief, am meisten zwitscherte und fast als Einzige lachte Majena ständig. Sie war nicht nur die Geheimwaffe zur Verwirrung des Gegners, sondern auch eine Motivationsbombe für die eigene Mannschaft. Sie war beständig lustig und sichtlich gut gelaunt und munterte ihre Mitspieler in verzweifelten Situationen immer wieder auf. Auf diese Weise gestaltete sie das Match, zwar ohne Ahnung von Taktik und Strategie und ohne spielerisches Können, allein durch ihre bloße Präsenz. Der letzte Satzball war erfolgreich, das Match entschieden, Majena jubelte. Die einen haderten, die anderen beglückwünschten sich. Man stand ein Weilchen zusammen, kritisierte einige Passagen, freute sich noch nachträglich über gelungene Spielzüge oder bedauerte verpasste Gelegenheiten. Der eine oder andere wurde für seine guten Einsätze gelobt und unterm Strich waren alle zufrieden. Alle waren auch müde, verstaubt und durstig und man ging gemeinsam zu dem Kiosk, das mit Reklametafeln für Eis, bunten Sonnenschirmen, Klappbänken und Brauereitischen zur Erholung einlud.
Er hatte, gleich nach Spielende, angefangen Majena anzubaggern, in dem er pausenlos auf sie einredete. Er lobte sie wegen der wenigen, erfolgreichen Aktionen, bewunderte ihre Flinkheit, rühmte ihr „überirdisches“ Reaktionsvermögen und bedankte sich, speziell bei ihr, dass er hatte mitspielen dürfen. Sie lachte, freute sich über seine Komplimente und antwortete in einem schwerfälligen Deutsch „ichch bin doch garr nicht gutt und das weißt du auch“. Am Kiosk fragte er sie, ob er ihr ein Wasser oder eine Limo oder ein Eis spendieren könne. Sie schüttelte den Kopf, schaute ihn schelmisch an und sagte „piwo“. Er bestellte ihr ein Bier und für sich ein Wasser. Sie setzte die Flasche sofort an und trank sie fast auf einen Zug leer. Denn lächelte sie wieder und sagte: „Danke serr.“ Er lächelte zurück und fragte, ob sie noch ein „piwo“ wolle, dabei starrte er unverhohlen auf ihre braune Haut mit den vielen kleinen Schweißperlen, auf den Pferdeschwanz, der endlich zur Ruhe gekommen war und natürlich auf ihre Rundungen und Wölbungen, auf ihren Ausschnitt, die kompakten Arme, die massiven Oberschenkel, den festen Po, dessen unteres Ende von dem rosaroten Kleid kaum verborgen wurde. Sie setzten sich auf eine der Brauereibänke und er rutschte immer dichter, immer näher an sie heran, bis er sich eng an sie schmiegte. Sie wollte ihn auf Distanz halten, aber das ging nicht, weil sie sonst von der Bank gefallen wäre. Sie konnte deshalb nicht vermeiden, dass er immer näher kam, aber sie schien auch nicht direkt etwas dagegen zu haben. Jedenfalls wehrte sie sich nicht deutlich, sagte nicht „nein, genug jetzt, bleib wo du bist“ und suchte sich auch keinen anderen Sitzplatz. Im Gegenteil, nach einer Weile kokettierte sie und machte ihrem aficionado schöne Augen, gurrte und lachte kehlig. Auch den anderen, die sich um das Kiosk geschart hatten, konnte nicht entgangen sein, wie er sie anstarrte, anmachte, ja geradezu anhimmelte und weiter heftig auf sie einredete, um endlich die angestrebte abendliche Verabredung unter Dach und Fach zu bringen. Dabei legte er seine Hand wie unbeabsichtigt erst auf ihren Arm, dann um ihre Taille und sein Oberschenkel drückte fest den ihren.
Einem jedenfalls war das Gebalze nicht entgangen, aber er sagte nichts, dafür handelte er. Wladimir beobachtete eine Weile dies Treiben, dann stellte er die halbleere Bierflasche auf den Tisch, stand auf, baute sich vor den beiden Schäkernden auf und verpasste ohne Vorwarnung, ohne ein klärendes Wort, ohne eine Frage dem verliebten Geck einen Nasenstüber, der schon fast eine rechte Gerade war. Verblüfft starrte dieser seinen Gegner an, den er bis jetzt als solchen gar nicht wahrgenommen hatte und der sich nun um so eindringlicher und eindeutiger bemerkbar gemacht hatte. Mit den Worten „du Arsch, lass bloß deine dreckige Finger von diese Frau“ packte er Majena bei der Hand, zerrte sie von der Bank hoch und sie machten sich, unter dem betretenen Schweigen der anderen, auf den Weg zu ihrem Liegeplatz. Majena sagte kein Wort, drehte sich nicht um, ihr Körper wackelte, als sie sich bemühte, Anschluss an den davon stürmenden Wladimir zu halten. Mit der freien Hand versuchte sie, mehrfach vergebens, ihr rosa Kleid nach unten zu ziehen.
Der Geschlagene saß perplex da, merkte dann, dass etwas aus seiner Nase lief, fasste hin, sah, dass seine Finger rot geworden waren. Er stand auf, ging wortlos zurück zu seinem Buch und seinen Sachen, kramte in der Hose nach einem Taschentuch, hielt es sich an die blutende Nase und verfluchte den Tag.
Animalische Komplikationen
Er hatte Indien bisher gemieden. Indien? Nein, das musste nicht sein! Die Menschenmassen, das Elend auf der Straße, das diskriminierende Kastenwesen, die wenigen unglaublich Reichen einerseits und die vielen, die absolut nichts haben. Dazu die verwirrende Religion mit ihren 30 Millionen Göttern, die fremdartige, für uns seltsame Kultur, die Unkenntnis über geschichtliche Zusammenhänge in diesem Raum, all das hatte ihn abgehalten, Indien als Reiseland überhaupt in Erwägung zu ziehen. Doch dann kam ganz plötzlich die Erkenntnis, wenn nicht jetzt, dann nie und er buchte eine Indienreise. Drei Wochen mit Mietwagen und Fahrer durch Südindien. Natürlich sah er Menschenmassen, beobachtete überfüllte Busse und Bahnen und wurde, wenn auch nur passiv, mit dem Wahnsinnsverkehr in den Städten konfrontiert. Auch das Elend und den Unrat auf den Straßen sah er, wenn dies auch, wie er von Reisebekanntschaften hörte, längst nicht so drastisch ausgeprägt war wie im Norden. Vom Kastenwesen bekam er gar nichts mit und die positiven Eindrücke der Religion und der Kultur überwogen. Er war sehr angetan von dem uralten kulturellen Erbe, von den phantastischen Tempeln, von der sichtbaren, ja geradezu greifbaren Frömmigkeit der Menschen. Auch die Natur, das angenehme Klima und die fast ständige Abwesenheit von Regen, trugen zu diesem positiven Bild bei. Er hätte mit seiner Reise sehr zufrieden sein können, wenn da nicht diese Viecher gewesen wären. Nicht die Mücken, die manchmal schon sehr lästig waren, nicht die giftigen Kobras oder die menschenfressenden Tiger, die keinem Touristen jemals gefährlich werden können, weil man ihnen nur im Zoo begegnet. Nein, es waren andere animalische Erfahrungen und Verwicklungen, auf die er lieber verzichtet hätte.
Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel verschaffte ihm einen ersten Eindruck von dem chaotischen Verkehr, der ihn auf seiner weiteren Reise ständig umtosen würde: das ewige Hupen, das ständige Aufjaulen der Motoren, das nervige Blubbern der Diesel, das „tuk-tuk“ der gelb-schwarzen Motorrad-Rikschas. Alle fuhren durcheinander, gerade wie sie wollten, nutzten jede Lücke, die sich bot, rücksichtslos, draufgängerisch, uneinsichtig. Es war ihm schleierhaft, wie man in diesem Chaos abbiegen, wenden oder überholen konnte, ja selbst das Überqueren einer größeren Straße zu Fuß war eine Kunst, die man erlernen musste. Zum Glück konnte er die meiste Zeit das Gewusel, das sich letztlich aber doch selbst organisierte und irgendwie funktionierte, aus seiner klimatisierten Schutzzelle namens Suzuki verfolgen. Und er konnte auch die heiligen Kühe beobachten, die wie erwartet seelenruhig durch die Straßen schlenderten, sich mitten im Verkehr hinlegten, als ob sie auf einer herrlichen grünen Weide wären. Sie genossen höchste Priorität, kein Autofahrer wagte es, sie zu vertreiben oder gar anzufahren, welch Sakrileg wäre das. Bei einem abendlichen Spaziergang sah er eine Kuh, die im Müll, direkt neben einer vielbefahrenen Straße wühlte. Er war fasziniert von ihrem Tun und wollte die Schmankerl, die sie sich ins Maul beförderte, besonders gut aufnehmen. Deshalb machte er, die Kuh fest im Sucher der Kamera, einen Schritt nach rückwärts auf die Straße, mit ihrem brandenden Verkehr. Ein wütender Schrei, ein schepperndes Klingeln, das kratzende, schleifende Geräusch einer Vollbremsung, im letzten Moment konnte der Fahrer eines Tuk-tuks in den Verkehrsstrom eintauchen, der Zusammenstoß war vermieden. Erschrocken hielt er kurz inne, um dann von einem sichereren Standpunkt aus weiterhin aufzunehmen, was die Kuh fraß: Palmblätter, Bananenschalen, Kokosnusshüllen, Zeitungen, Packpapier, Pappendeckel, Plastiktüten.
Dann das Erlebnis mit dem Hund, einem der Viecher, die in Massen Straßen und Plätze bevölkern. Der Wagen fuhr langsam auf den Tempel zu. Er sah seinen ersten, grandiosen, vielfarbigen Tempelturm, war begeistert, öffnete die Tür, schaute ehrfurchtsvoll hinauf zu den überbordenden Massen steinerner Götter und menschlicher Helden, um schließlich mit einem weiten Schritt aus dem Auto zu steigen, den Blick zwar noch nicht im Sucher der Kamera, aber bei dem Pantheon. Bei diesem unüberlegten Schritt trat er einem der faul herumdösenden Köter auf den Schwanz. Dieser jaulte auf, sprang hoch, drehte sich um seine eigene Achse und wehrte sich, indem er nach dem Bein des Angreifers schnappte. Der Biss war nicht tief, nicht bösartig, mehr ein Kneifen, aber es blutete. Ihm wurde mulmig. Indien, das wusste er, war das Land mit den meisten Tollwutfällen. Tollwut ist unheilbar, hatte er gelesen, man ist unausweichlich zum Tode verurteilt, wenn man nicht geimpft ist. Der faszinierende Tempel wurde nicht besucht, stattdessen trieb er den Fahrer an, so rasch wie möglich in das nächste Krankenhaus zu fahren. Spritzen, Tests, Untersuchungen, viel, viel Zeit ging mit Warten drauf. Zum Glück, zum großen Glück, brachte das Ergebnis Entwarnung. Der Hund war sauber und der Biss nicht Folge eines tollwütigen, sondern nur seines tollpatschigen Verhaltens.
Ein Höhepunkt der Reise war der Aufenthalt im Tiger Sanctuary, einem schönen Wildreservat mit irreführendem Namen. Es gibt dort keine Tiger und auch die anderen Tiere sieht der durchrasende Tourist meist nur eher sporadisch: kletternde Streifenhörnchen, freche Affen, ab und zu einen grasenden Hirsch oder ein suhlendes Wildschwein, auf jeden Fall aber viele Vögel. Auch Elefanten waren dort, jawohl, allerdings nur zahme, nur solche, die dazu dienten, Touristen in schaukelnden Sänften für eine Stunde in den Dschungel, der hier ein sehr lichter Wald war, zu tragen. Auf dem Elefantenparkplatz beobachtete er, wie ein Mahout, seinen Elefanten einige Kunststücke vorführen ließ. Er warf einen Stock, der Elefant apportierte ihn. Ein griff an sein Ohr, das Tier trompete. Eine Handbewegung zum Teich und die graue Masse legte sich wohlig in das Wasser und ließ sich die Haut bürsten, nicht nur von seinem Mahout, von jedem, der bereit war, ein paar Rupien zu spendieren. Zum Schluss hielt das frisch gewaschene Tier seinen Rüssel segnend über den Kopf der Leute, die ihm dafür ein Geldstück in den Rüssel steckten. Von den reichen Touristen erwarteten sowohl der Elefant als auch sein Herr einen Schein. Er wich von der Regel ab, steckte dem Tier eine Münze zu, eine Rupie, die kleinste Münze, die es gibt. Der Mahout protestierte lauthals, doch der mildtätige Spender dreht sich achselzuckend um und ging davon. Ein leise geflüsterter Befehl, der Rüssel tauchte in den Teich und ein wohldosierter, voluminöser Wasserstrahl traf den Rücken des Geizhalses.
Das allein wäre schon ein Grund, den Wildpark in fataler Erinnerung zu behalten, doch ein weiteres animalisches Schlüsselerlebnis sollte hinzukommen. Nach einem „soft walk“, einem Rundgang mit Führer durch den leicht begehbaren Teil des Waldes mit botanischen und zoologischen Erklärungen und Hinweisen – here you see a giant beetle, there is termite hill and over there, the strange tree with the long leaves, is a eucalyptus, origin Australia - war er wieder am Parkplatz angekommen. Hungrig und durstig von dem Gang in der Mittagshitze, beschloss er eine Kleinigkeit in der vegetarischen Imbissstube – pure veg - zu essen. Er bestellte Massala, tunkte knackigen Binis in rote Soße und beobachtete die Affen, die scharenweise umherstreiften, sich um weggeworfene Bananenschalen balgten, sich lausten, sich aneinander klammerten, zwischendurch kopulierten und immer die Bäume rauf und runter, rauf und runter. Das Gewusel gefiel ihm und er fotografierte eifrig mit seiner kleinen, verchromten Canon. Nach einer Weile stand er auf, ging zur Theke, um sich noch eine Lassie zu holen, eines dieser köstlichen Joghurtgetränke. Fatalerweise ließ er nicht nur das erst halb aufgegessene Mittagsmahl unbeaufsichtigt auf dem Tisch stehen, auch seine Kamera, seine schöne, neue, nicht ganz billige Kamera ließ er liegen. Noch ehe er die Theke erreicht hatte, hörte er die Leute am Nebentisch schreien. Er dreht sich um und sah, wie sie die Affen verscheuchten, die sich gerade über sein Mittagessen hermachen wollten. Sie ließen auch tatsächlich von ihrem verwerflichen Tun ab und trollten sich, zurück auf die Bäume. Doch der Letzte, wirklich der Letzte aus der Horde, vermutlich ein übermütiger Teenager mit zu viel Testosteron, grabschte im Wegrennen die Kamera und nahm sie mit in den Wald, in dem er mit seiner kostbaren Beute sofort verschwand. Einen Trost in dem aufgekommenen Ärger gab es. Kameras sind ersetzbar und in Indien, einem partiellen High-tech-Land auch erhältlich und nicht allzu teuer.
Das animalischste und scheußlichste aller animalischen Schreckenserlebnisse traf ihn jedoch am Strand, kurz vor Ende der Reise. Er hatte zum Entspannen nach all dem Sightseeing, den vielen Tempeln, den Hunderten von Kilometern stressigen Indienverkehrs und den in unzähligen Fotos festgehaltenen Eindrücken von Land und Leuten noch ein paar Tage in einem Ressort gebucht. Es lag an einem dieser Traumstrände, an denen angenehm warmes Wasser in einer leichten Dünung den feinen weißen Sand umspült und die wiegenden Palmen die einzige Gefahr darstellten, weil eine schwere Kokosnuss, die aus großer Höhe herabfällt, beträchtlichen Schaden anrichten kann. Das Schönste war, dass es, obwohl Hauptreisezeit, kaum Touristen gab und er sich wunderte, wie der Betrieb aufrechterhalten werden konnte. Die Umgebung war geschmackvoll, mit sehr viel Grün, vielen Bäumen und Büschen, Rasenflächen und Teichen, Vögeln und Streifenhörnchen. Ein Paradies und er mitten drin. Er wohnt in einem komfortablen Holzhaus, speiste in dem Freiluftrestaurant und genoss den exzellenten Service des zahlreichen, unausgelasteten Personals. Aus der abgeschlossenen Komfortwelt des Ressorts gelangte man durch eine Tür im Zaun direkt an den Strand. Neben der Tür saß ein Wächter, der jeden nach seiner Zimmernummer fragte, aus Sicherheitsgründen, falls man abhandenkam, abgetrieben oder von Haifischen angefallen. Wenn man den abgesteckten, gesicherten Bereich des Traumstrands verließ, gelangte man zu den Hütten der Anwohner, früher hätte man Eingeborene gesagt, aber das Wort kann man heute nicht mehr verwenden. Die Männer saßen im Schatten ihrer malerischen, meistens bunt angestrichenen Fischerboote, die sie ein weites Stück vom Meer weg auf den Sand gezogen hatten, und flickten die Netze. Ein Idyll, wie aus dem Bilderbuch. Jenseits der Sandzone, im Schatten der Palmen grasten Kühe und Wasserbüffel. Kaum sahen die Kinder des Dorfs den Fremden, kamen sie in Scharen herbeigelaufen und riefen „come from? pen please“.
Am zweiten Tag hatte er den Hotelstrand verlassen und war lange am Meer entlang gewandert, bis zu einer Halbinsel, die sich bogenförmig ein paar Hundert Meter in das Meer hinein erstreckte. Auf der Halbinsel standen ein paar Hütten und eine Menge Palmen. Kühe grasten, Hühner liefen herum, er sah keine Menschen, nur ein paar Hunde, die knurrten, als er näher kam, sich aber dann trollten. Das Ufer bestand hier aus Felsen, es war wilder und deutlich steiler und die heftigere Brandung versprach ein größeres Badevergnügen. Er zog sich aus und legte seine Kleider unter eine Palme, die Hose, das Hemd, die Unterhose, die Sandalen, ein Buch, alles, was man so dabei hat. Dummerweise hatte er auch seinen Brustbeutel aus olivgrünem Stoff mitgenommen, statt ihn in dem sicheren Zimmer des Bungalows gelassen zu haben. Das war wirklich dumm, aber, so sein nächster Gedanke, wer sollte hier schon vorbeikommen und ihn beklauen. Sorgfältig legte er den Beutel unter die Kleider und ging ins Meer. Das Schwimmen war herrlich, die Brandung hielt, was sie versprochen hatte, er tauchte, ließ sich vom Wasser hin und her treiben, hochschaukeln und niederziehen. Dann paddelte vom Ufer weg, bis die Dünung wieder ganz sanft wurde, legte sich auf den Rücken, ließ sich sanft wiegen, blinzelte in die Sonne, schloss die Augen und träumte. Nachdem er die Freuden des Badens im Meer genügend ausgekostet hatte, schwamm er zurück und die kurze Phase des Traumurlaubs war in dem Moment zu Ende, als er aus dem Wasser stieg und zu seiner Palme gehen wollte. Er erstarrte. An dieser, seiner Palme stand eine Kuh und entledigte sich gerade einer großen Ladung dunkler Kuhscheiße. Aber das war nicht der Grund seiner Erstarrung, nicht das Hinterteil, nein das Maul war es. Der Anblick dieses Mauls veranlasste ihn, seine Schockstarre schleunigst aufzugeben, loszurennen und auf das Tier einzuschreien. Die Kuh, die in seinen Kleidern gewühlt hatte, sah erstaunt auf und hoppelte dann eilig davon. Er hinterher, fluchend schimpfen, mit den Armen rudernd und weiterhin schreiend. Denn das, was er für einen kurzen Moment gesehen hatte, war fürchterlich. Er hatte gesehen, wie der handliche, grünliche Brustbeutel mit seinem wertvollen Inhalt, Bargeld, Kreditkarte, Pass im Maul der Kuh verschwand und nur noch die weiße Schnur heraushing. Als er die Kuh eingeholt hatte, schlug er auf sie ein, packte sie am Horn und versuchte den Beutel an dem Bändel wieder herauszuziehen. Doch das misslang, der Bändel riss und die Kuh riss sich, den Kopf heftig hin- und herschüttelnd von seiner Hand los. Eine alte Frau war aus einer der Hütten gekommen, hatte gesehen, wie einer dieser Fremden es wagte eine heilige Kuh zu beleidigen, zu beschimpfen, festzuhalten, gar zu schlagen. Sie begann ihrerseits zu kreischen und auf den Frevler einzuschimpfen. Weitere Dorfbewohner eilten aus ihren Hütten und scharten sich um den Unhold. Dieser versuchte ihnen klarzumachen, was passiert war und sie durchschauten die Sachlage überraschenderweise sehr schnell und ihre anfängliche Feindseligkeit verwandelte sich in Hilfsbereitschaft. Ein Mann fing die Kuh ein und öffneten ihr das Maul, doch das war leer. Der grüne Brustbeutel war wohl schon im Pansen angekommen. Der einzige Trost, der ihm blieb, war, dass sein Konto mit der gestohlenen Kreditkarte nicht geplündert werden würde. Doch der Frust war groß, die Scherereien vielfältig. Finanziell war das Desaster erträglich. Die Rundumsorglosreiseversicherung ersetzte alle materiellen Schäden, doch die entgangenen Freuden unter Palmen, ersetzte ihm niemand.
Der Bunker
Sie kannten sich erst seit ein paar Tagen und ihr Glück war noch ganz frisch. Sie waren sich mehrfach beim Fahrrad fahren begegnet, er hatte sie angesprochen und seither fuhren sie zusammen, suchten die Einsamkeit, ruhige Plätze, an denen sie ungestört waren, um zu ergründen, ob sie zueinanderpassten. Er, der Draufgänger, immer ein freches Wort auf den Lippen, der Durchblicker, der genau die richtige Lösung für jedes Problem kannte. Und sie, die Schüchterne, Verklemmte, die aus lauter Unsicherheit an den Nägeln kaute und für ihre vielfältigen Probleme fast nie eine Lösung sah.
Am Sonntag Nachmittag fuhren sie in das große Waldgebiet, das einige Kilometer entfernt war. Auf dem freien Feld war es stickig und heiß und sie waren froh, als sie den Wald erreichten. Im Schatten war es angenehm und sie trafen auf keine Menschen. Auf einer Lichtung machten sie Pause, genossen den Duft des Kieferharzes und die Wärme des Bodens, aßen ihre mitgebrachten Brote und tranken eine inzwischen lauwarme Cola. Der Wald um sie herum war eine dichte, schwarze Mauer und sie sagte, dass es ihr ein bisschen unheimlich sei. Nachdem sie sich ausgiebig geküsst und geschmust und im Gras herum gewälzt hatten, wollte sie sich ein Weilchen ausruhen, während er beschloss, die Umgebung zu erkunden, bevor sie sich wieder auf den Heimweg machten.
Als er zurückkam, lag sie im Gras und schlief. Sie war sehr schmal, sehr zerbrechlich, mit schönen, feinen Gesichtszügen und langem, dichten Haar. Ihr kurzes helles Sommerkleid war weit hochgerutscht und er bewunderte ihre schlanken Beine. Sie gefiel ihm zweifelsohne, aber er war sich nicht sicher, ob er sie liebte. Er fand sie zu naiv, zu unsicher und unausgegoren. Er hätte lieber eine selbstsichere, robuste Freundin gehabt. Aber nun waren sie zusammen und das war gut so. Er setzte sich neben sie, und als sie aufwachte, erzählte er ihr, dass er einen ziemlich versteckt gelegenen, verlassenen Steinbruch entdeckt habe, und schlug vor, ihn zu erkunden, ein kleines Abenteuer als Höhepunkt ihres Sonntagsausflugs. Sie zögerte, wollte nicht so recht, machte Einwendungen, aber als er sie einen Angsthasen nannte, stimmte sie schließlich zu. Auf einem zugewachsenen Waldweg fuhren sie zu dem Gelände, das von einem hohen, stabilen Zaun umgeben war, eine zusätzlichen Lage Stacheldraht sollte jedes Eindringen unterbinden. Das breite Eingangstor war mit mehreren Schlössern gesichert. Sie ließen die Räder stehen und suchten eine Stelle, die zum Überklettern geeignet war. Sie fanden sie in einiger Entfernung, ein umgestürzter Baum hatte den Zaun auf den Boden gedrückt.
Die Reifenspuren auf dem Platz hinter dem Eingangstor waren vom Wind und Regen eingeebnet und kaum mehr zu erkennen. Der Steinbruch musste wohl schon vor langer Zeit aufgegeben worden sein und offensichtlich war lange niemand mehr hier gewesen. Eine Straße führte abwärts zu einem großen Halbrund, das von den Felswänden umgeben war, aus denen die Steine gebrochen worden waren. Der Wald hatte begonnen, das Gelände zurückzuerobern, selbst an den steilen Wänden wuchsen vereinzelte Büsche und kleine Bäumchen.
An einer Seite der Felswand stand ein Gebäude, besser gesagt, es war der vordere Teil eines Bunkers, der in den Fels hineinragte. Man sah nur die Fassade mit einer Stahltür in der Mitte und einem vergitterten Fenster auf jeder Seite. Als sie auf die Tür zugingen, sagte sie, es sähe aus wie ein Gesicht, das sie böse anstarrte und dass sie ein beklemmendes Gefühl habe. Aber dann redete sie nicht weiter, weil sie nicht nochmals als Angsthase aufgezogen werden wollte. Die Tür war überraschenderweise nicht verschlossen, aber sie hing schief in der Zarge und ließ sich nur einen kleinen Spalt weit öffnen. Erst als beide heftig gegen eine starke Spannung anzogen, gelang es ihnen sie so weit zu öffnen, dass sie in einen kleinen, fensterlosen Flur schlüpfen konnten. Sie sahen sich in dem schummerigen Licht um. An jeder Wand war eine Tür. Eine war halb geöffnet und der Raum, den sie betraten, war offensichtlich ein Aufenthaltsraum gewesen. Vor dem vergitterten Fenster standen ein schiefer Tisch und drei Stühle. An der einen Wand war ein Regal, in dem noch ein Kochtopf aus Email, eine gusseiserne Pfanne und ein paar Teller und Gläser standen. An der anderen Wand war eine Steinplatte befestigt, mit einem Loch, vermutlich ein Ausguss, sie sahen jedoch keine Wasserleitung. Dafür stand auf der Platte eine rostige, elektrische Kochplatte. Der zweite Raum war eine Werkstatt mit einer alten Werkbank aus Holz vor dem Fenster. An einer Seitenwand standen drei schmale, leere Schränke, vermutlich Garderobenschränke, an der anderen eine Kommode mit Schubladen, die ebenfalls leer waren. Sie gingen zurück in den Flur. Die dritte Tür war verschlossen, ein gelbes Warnschild verbot den Umgang mit Feuer und offenem Licht wegen Explosionsgefahr. Er sagte, dass dies sicher das Sprengstofflager gewesen sei, das würde die Stahltür und die vergitterten Fenster erklären. Dann frage er sie, ob sie glaube, dass in dem Lager noch Dynamit sei. Nachdem sie vergeblich versucht hatten, die Tür zu öffnen, gingen sie zurück in den Aufenthaltsraum und malten sich aus, wer hier was gekocht und gegessen habe und wie es sein würde, wenn sie hier ein paar Tage verbringen würde. Es wäre jedenfalls sehr ruhig, meinte sie.
Allmählich war ihr Forscherdrang erschöpft und sie wollten zurück ins Freie. Er ging zu der Stahltür und stemmte sich mit viel Kraft dagegen, um sie weit genug zu öffnen. Die Tür ächzte und gab nach und er spürte erneut die starke Spannung und den Druck auf seine Arme. Als sie schon neben ihm stand und hinaus wollte, sah sie, etwas versteckt, einen Wandkalender hängen. Sie hatten spekuliert, wann der Steinbruch aufgegeben worden war und sie beschloss, noch schnell die Jahreszahl nachzusehen, dann wüssten sie es genau. Statt hinauszugehen, dreht sie sich um und ohne sich zu überlegen, dass er die Tür nur mit Mühe aufhielt, packte sie ihn am Arm und sagte, er solle doch mit hinsehen. Irritiert von ihrem unerwarteten, heftigen Griff, gab er für einen Moment dem Druck der Tür nach, diese entspannte sich und flog mit lautem Knall zu. Beide erschraken, dann sagte er trocken, jetzt haben wir den Salat und schickten sich an, die Tür wieder zu öffnen. Aber sie bewegte sich nicht. Der Türgriff ließ sich zwar drehen, aber das Schloss reagierte nicht. Wie er auch drückte und zerrte, nichts geschah. Er wurde wütend und fuhr sie an, sie sei schuld an dieser Situation und sie solle jetzt ruhig bleiben, obwohl sie kein Wort gesagt hatte und ihm würde schon etwas einfallen. Als er einsah, dass sein Tun erfolglos war, suchte er nach einem Werkzeug, um die Tür anzuheben und aus dem Schloss zu drücken. Er fand nichts, das auch nur im Entferntesten geeignet gewesen wäre, außer der Pfanne. Aber bei einem seiner wilden Versuche, den Pfannenstiel als Hebel zu verwenden, brach dieser ab. Daraufhin wandte er sich den Fenstern zu, aber auch diese boten keine Möglichkeit des Entkommens. Sie ließen sich zwar öffnen, aber die Gitter waren stabil und auch hier half alles Rütteln nichts. Er wurde immer aufgeregter und wütender und schimpfte und fluchte. Sie blieb dagegen seltsamerweise weiterhin ruhig und gefasst. Als er schließlich einsah, dass sie sich aus eigener Kraft nicht befreien konnten, herrschte er sie an, sie solle laut schreien. Sie riefen und riefen, obwohl ihnen klar war, dass sie niemand hören würde.
Die Zeit verging, sie waren nun schon ein paar Stunden in ihrem Gefängnis, alle ihre Bemühungen zu entkommen waren gescheitert und die hereinbrechende Dunkelheit verstärkte ihre Angst. Sie setzten sie sich auf den Fußboden. Er wiederholte ständig seine Vorwürfe, dass sie an allem Schuld habe, beschimpfte sie und nannte sie eine dumme Kuh. Sie weinte, entschuldigte sich immer wieder und wollte sich, Trost suchend, an ihn schmiegen, aber er stieß sie wütend von sich. Sie wurde nun ebenfalls wütend und ging in den anderen Raum. Irgendwann schliefen sie schließlich ein und wachten auf, als das erste Licht des Tages durch die Fenster drang und die Vögel laut und fröhlich sangen. Erneut versuchten sie die Tür und die Gitter zu bewegen, suchten die Räume nach Werkzeugen ab und schrien durch die offenen Fenster laut nach Hilfe.
Die Sonne stieg hoch und senkte sich wieder zum Horizont. Sie hatten Durst und Hunger und Angst und Verzweiflung und waren voller Wut aufeinander. Zu Hause würde man sie schon seit gestern Abend vermissen, aber niemand wusste, wo sie hingefahren waren. Ihre ganze Hoffnung war, dass jemand die Fahrräder vor dem Tor sehen oder ihre nur noch vereinzelten, krächzenden Hilferufe hören würde. Sie mussten einen weiteren Tag und eine verzweifelte Nacht über sich ergehen lassen, bevor sie das Glück dann doch noch erreichte. Im Radio war über das Verschwinden der jungen Leute berichtet worden und ein Waldarbeiter, der ihre Fahrräder sah, gab der Polizei den entscheidenden Hinweis. Sie waren nach ihrer Befreiung überglücklich, aber ihre Liebe war in dem Bunker geblieben.
Ein Desaster
R. kannte G. über dessen Frau, sie war Studienkollegin gewesen. Sie hatten im selben Semester die gleichen Kurse belegt und sich bei der Prüfungsvorbereitung geholfen. Nach dem Studium hatten sie sich aus den Augen verloren, und erst als sie sich zufällig in derselben Stadt trafen, in die sie die Arbeit verschlagen hatte, nahmen sie wieder losen Kontakt auf. Sie gingen manchmal mit den Kindern im Wald spazieren, beide waren verheiratet und hatten Familie oder luden sich zum Essen ein. Nicht oft, nicht regelmäßig und auch nur mit mäßiger Begeisterung. Als G. versetzt wurde, brach der Kontakt wieder fast ab. Nur zu Weihnachten schrieben sie sich Karten und manchmal riefen sich die Frauen an, sie kamen gut miteinander aus.
Dann ergab es sich, dass die R.’s in der Gegend Urlaub machten, in der die G’s jetzt wohnten. Eine beschauliche Gegend, abseits aller kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftsrelevanten Strömungen. Flaches Land pur, Kühe, Mais, Kartoffeln. Nur ein Arbeitgeber von Bedeutung, die Fabrik, in der G. eine mittlere Führungsposition bekleidete. Als die G.’s weggezogen waren, hatten sie eine Einladung ausgesprochen - besucht uns doch mal, ihr könnt jederzeit kommen, wir würden uns freuen - die vielleicht nicht ganz ernst gemeinte, aber auch nie widerrufen worden war, denn so etwas macht man ja auch nicht ohne triftigen Grund. Nun machte es R. also wahr und mit Frau und achtjähriger Tochter unangemeldet vor G.’s Haustür. Sie hatten ein Ferienhaus gemietet, das wie üblich nur von Samstag zu Samstag gebucht werden konnte. Die Anfahrt war aber lang und so fuhren sie am Freitag los und hofften, ein Hotel für die eine Nacht zu finden. Sie fanden aber kein freies Zimmer und da kam ihnen die Idee mit dem Besuch bei G., zumal G.’s Frau bei einem ihrer letzten Anrufe von ihrem neuen Haus geschwärmt hatte, einem neuen, großen Haus mit viel Platz für Besucher - ihr könnt jederzeit unterkommen, kein Problem.
Die Überraschung stand G. im Gesicht geschrieben, als er die Haustür öffnete. Der Besuch kam nicht nur unerwartet, sondern auch ungelegen, wie er ihnen bei einem Glas Sprudel im Wohnzimmer eröffnete. Seine Frau sei gerade einkaufen, denn er erwarte heute Abend Besuch, seinen Chef mit Frau, eine wichtige Einladung, wichtig für seine berufliche Karriere. Bevor R. auf die Nöte der von der Fahrt ermüdeten, nach Ruhe lechzenden Besucher einging, legte er ausführlich dar, wie wichtig ihm der Besuch sei, nicht der der G’s, sondern der seines Chefs. Wenn wir einen guten Eindruck hinterlassen, du weißt ja, neben dem Fachlichen spielt die Chemie eine Rolle, die gegenseitige Sympathie, nicht zuletzt die Wirkung seiner Frau auf den Chef und den Eindruck, den sie beide, er und seine Frau, auf die Frau des Chefs hinterlassen müssten, dieser ganze Psychologiekram, du weißt schon. Wenn also heute alles gut ginge, könnte er sich Hoffnung auf eine Stelle machen, die demnächst altersbedingt frei würde. Eine gute Stelle, mit viel Potential, der Einstieg in die Hierarchie. Du weißt ja, wie wichtig Vitamin B ist, genauso wichtig wie Seilschaften, man kommt nur weiter, wenn man Beziehungen pflegt, man muss sich bekannt und unentbehrlich machen. Dass er dieses Feld eifrig bestellte, um im Beruf weiterzukommen, hatte R. schon von früher gewusst, er war ein Schleimer und ein Rackerer. Neu für ihn war, dass G. nun auch im öffentlich Leben Position bezogen hatte. Er kandidierte für die kleinere der beiden Regierungsparteien als Direktkandidat, wie er stolz berichtete, zwar ohne Aussicht auf Einzug in den Bundestag, seine Partei hatte noch nie in ihrer Geschichte ein Direktmandat gewonnen, aber das sei nicht so wichtig, er wolle ja gar nicht gewählt werden, er wolle in der Firma Karriere machen. Jedenfalls hing sein Porträt an allen Straßenecken, was R. auch schon bei der Anfahrt bemerkt hatte, ein wichtiger Schritt zur Vergrößerung seines Bekanntheitsgrads. Diese Kandidatur und seine Strebsamkeit, er war zweifellos ein pfiffiges Kerlchen mit ausgeprägtem Ego, machten ihn für die Firma interessant und genau damit wollte er wuchern und der heutige Abend sollte die Weichen für eine vielversprechende Zukunft stellen.
Nachdem er diese wichtige Botschaft und Erklärung los geworden war, legte er ziemlich unverblümt und schnörkellos den R.’s nahe, für diese Nacht doch lieber ein Hotelzimmer zu suchen, am nächsten Tag, da seien sie herzlich willkommen, dann stehe sein Haus ihnen selbstverständlich zur Verfügung und bla, bla, bla. Doch ein Hotelzimmer zu bekommen war nicht möglich. Diese Erfahrung hatten sie ja schon gemacht, und als G., von seiner Omnipotenz überzeugt, selbst diverse Anrufe tätigte, musste auch er schließlich resigniert feststellen, dass kein Zimmer zu haben war. Den Grund hätte er eigentlich wissen müssen. In der Stadt fand an diesem Wochenende ein überregionales Schützenfest statt, es sollte sogar der deutsche Schützenkönig gekrönt werden und G. würde am Sonntag als Direktkandidat auch seine Aufwartung machen. Jedenfalls waren alle Hotels und Pensionen, alle Privatquartiere und Absteigen ausgebucht und das nicht nur in der Stadt selbst, sondern auch im näheren Umland. Im weiteren Umland gab es sowieso keine Beherbergungsmöglichkeiten mit Ausnahme der Ferienwohnungen in unberührter Landschaft, die aber wie gesagt, nur von Samstag bis Samstag buchbar waren. Eine Weiterfahrt in eine ungewisse Nacht mit der Aussicht auf stundenlanges vergebliches Suchen wollte R. weder sich noch seiner Familie zumuten und das verstand selbst G. Eine verzwickte Situation, die sich auch nicht lösen ließ, als G.’s Frau eintraf und die Gäste herzlich begrüßte. Den naheliegenden Vorschlag, für die R.’s einfach drei Teller mehr hinzustellen, bei Aldi noch eine Flasche Cabernet Sauvignon und ein paar Tiefkühlpizzas zu holen, machte G. nicht. Das passte ihm nicht in den Kram, es würde seine sorgfältig geplante Strategie stören. Und R., der diese Lösung als selbstverständlich erachtet hätte, brachte diesen Vorschlag selbstverständlich nicht aufs Tapet.
Schließlich fanden sie doch eine Lösung, die G. als optimal anpries, der G’.s Frau nach einigem herum drucksen nicht widersprach und die die R’s notgedrungen akzeptieren mussten. G’s Frau würde für die R’s ein einfaches, köstliches Nachtmahl bereiten, Wurstsalat mit Tomaten und dazu gäbe es einen wirklich guten Riesling. Dann sollten die beiden Alten ins Kino gehen, es laufen sehr gute Filme in unserem Programmkino und die Tochter könnte mit den eigenen Kindern noch spielen, obwohl diese deutlich jünger und somit keine adäquaten Spielpartner waren und dann könne sie ja früh zu Bett gehen. Die Kinolösung war zwar nur suboptimal, aber immer noch besser als bei Nacht und Nebel herumzuirren und ein Zimmer zu suchen. Die Tochter nölte etwas, war aber müde von der Reise und versprach, nachdem ihr für das Wochenende diverse Eisportionen und Schokoriegel in Aussicht gestellt wurden, brav zu sein. Doch nachdem der Riesling zur Hälfte geleert war und R. Zeit gefunden hatte, die unangenehme Situation mit seiner Frau in Ruhe durchzugehen, verkündete er G., sie wollen lieber doch nicht ins Kino gehen, sie hätten keine Lust, auch nicht auf einen Programmkinofilm und auch wegen der Tochter und so, sie würden lieber still auf ihrem Zimmer bleiben und warten, bis der Herr Chef mit Gattin wieder abgezogen sei.
So geschah es. Die R’s saßen in einem der Gästezimmer und lasen den Stern und die Tageszeitung. Die Tochter war in der Tat müde und in ihrem Beistellbett rasch eingeschlafen. Die G.’s hatten pünktlich um acht Uhr den Herrn Chef mit Gattin und Töchterchen in ihr Haus gebeten. Der Tisch war mit edlem Linnen, Rosenthalporzellan und WFM-Besteck gedeckt und mit Blumen geschmückt, zu denen sich nun der Strauß gesellte, den der Chef G’s Frau überreicht hatte. Das Essen fand in der großen Halle im Erdgeschoss statt, die Teil des Wohn-Koch-Bereichs war, während die Schlaf- und Gästeräume im ersten Stock lagen, die durch eine großzügige Galerie miteinander verbunden waren. Es war in der Tat ein extraordinäres, ja ein durchaus repräsentatives Haus, das sich G. in der Gewissheit auf Beförderung und Gehaltserhöhung und unter Aufnahme beträchtlicher Schulden geleistet hatte. Aber er hatte ja eine sichere Stelle und war deshalb für die örtliche Bank ein höchst genehmer Kunde. Wenn die R’s die Tür des Gästezimmers leise öffneten, rochen sie den verführerischen Duft von Lammbraten und Minzsoße und hörten das muntere Geplauder der Abendgesellschaft, wobei der Gastgeber mit seinem lautstarken Schwadronieren bei Weitem dominierte. Am Anfang vernahmen sie auch noch das Geplapper des Cheftöchterchens, das aber bald verstummte. Dieses Mädchen von vielleicht zehn, zwölf Jahren war überraschend mitgekommen. Wenn man das früher gewusst hätte, stellte G. bei der Begrüßung bedauernd fest, hätte man vielleicht auch noch für die eigenen Kinder mit gedeckt. Aber die waren dafür noch zu klein und schliefen bereits. Ob G. in diesem Moment ein wenig bedauerte, R.’s Tochter, die fast gleich alt war, nicht zur Verfügung zu haben, sei dahingestellt. Jedenfalls musste sich das Cheftöchterlein allein mit den doofen Erwachsenen vergnügen.
Der Abend hätte friedlich und schiedlich enden können, wenn nicht R. dringend auf die Toilette gemusst hätte und das kleine Mädchen von großer Langeweile geplagt gewesen wäre. Am Riesling hatte es sicher nicht gelegen, aber möglicherweise hatte der rustikale Wurstsalat schon einen Stick gehabt. R. schlich sich jedenfalls über die Galerie in Richtung Badezimmer und wagte nicht, nachdem er sein Geschäft erledigt und sein Wohlbefinden zurückgewonnen hatte, die Wasserspülung zu betätigen, um keine Aufmerksamkeit auf die klandestinen Mitbewohner zu richten. Fast nackt, nur in einer Miniunterhose anstelle eines Pyjamas, war er auf dem Weg zurück in das rettende Gästezimmer, als er eine kleine Gestalt die Treppe heraufkommen sah. Schnell versteckte er sich hinter einer mächtigen, üppigen Yuccapalme, einem ungeliebten und daher hierher verbannten Geschenk der Eltern oder Schwiegereltern zum Einzug in das neue Haus.
Während R. mit seiner Verdauung kämpfte und schließlich einem natürlichen Drang nachgehen musste, hatte sich im Stockwerk darunter die Lage verändert. Nach der erlesenen Vorspeise und dem höchst erfolgreichen Hauptgang hatte die Frau des Chefs angeboten, bei der Zubereitung des Nachtischs, frisches Limettensorbet mit raffinierter Schokosauce, behilflich zu sein. Sie kamen sich bei dieser anspruchsvollen Küchenarbeit durchaus näher und konnten für eine strategisch wichtige Weile, das Wohnzimmer den beiden Männern überlassen, denn diese sollten sich ja auch nahe kommen, das war schließlich der Sinn und Zweck der Einladung. Und sie kamen sich näher. G. war zur Höchstform aufgelaufen, erläuterte seine Pläne, Ideen, Strategien, Visionen. Der Chef war angetan. Ei der daus, was für ein Potential schlummerte da in seiner Abteilung, was für ein Eisen, das man nur richtig schmieden musste, um es bei Bedarf als scharfe Waffe einsetzen zu können. G. redete und redete, holte sich einen Schreibblock, um seine Gedanken zu veranschaulichen, schenkte Bordeaux nach und schloss aus dem wohlwollend aufmerksamen Verhalten seines Vorgesetzten, dass er auf dem richtigen Weg war. Die Leidtragende, ja die Verliererin des Abends war das Töchterchen, ein munteres Ding voll Tatendrang, das sich allein unter den Erwachsenen fürchterlich langweilte. Erst das grässliche Essen, dann die endlosen, unverständlichen Gespräche, Mama weg, Papa auch irgendwie weg, obwohl er am Tisch saß. Sie streifte durch die Halle, schaute hier hin und da hin und stieg schließlich unbemerkt die Treppe hoch, um in unbekannten Gefilden weiterzuforschen. Ein Ding war schon mal ganz interessant, ein großer Baum, mitten in einer Wohnung, im Halbdunkel des spärlichen Lichts kaum zu erkennen.
Was dann geschah, geschah recht schnell, die Abläufe überschlugen sich. Das kleine Mädchen öffnete in ihrem Forscherdrang die nächste Tür. Es war die zum Bad. Doch als sie eintreten wollte, umgab sie ein ekeliger Gestank. Sie hielt sich die Nase zu, machte kehrt und ging schnell wieder zurück auf die Galerie. Und genau in diesem Moment sah sie, wie ein nackter Mann hinter dem großen Baum hervorkam und geradeswegs auf sie zu eilte. Sie erschrak fürchterlich, schrie gellend auf und stürzte auf die Treppe zu, um schnell zu Mama und Papa zu gelangen. In ihrer Hast und Angst stolperte sie auf deren Mitte und stürzte die letzten Stufen hinab, dabei verknackste sie sich das rechte Sprunggelenk und schrie nun erst recht und das mit gutem Grund. Durch den Lärm wachte die Tochter von R. auf, wähnte sich in einem Albtraum, rannte auf die Galerie und schrie ebenfalls, allerdings ohne Grund. Und auch die G-Kinder waren aufgewacht, tappten auf die Galerie und stimmten in das Schreikonzert ein. R. stand, macht- und hilflos in seiner ganzen Schönheit und seinem Tanga oben auf der Treppe, angezogen durch das Poltern des stürzenden Mädchens und hörte sich die bitteren Vorwürfe seiner Frau an, die natürlich auch auf der Galerie erschienen war, nicht wusste, was los war und schwankte, ob sie zuerst die Tochter beruhigen und dann ihren Mann ausschimpfen sollte, der selbstverständlich für das Chaos verantwortlich war oder umgekehrt. Das Sorbet wurde schnöde im Stich gelassen, die beiden Frauen eilten beim ersten schrillen Schrei aus der Küche und sahen entsetzt, wie das Kind die Treppe herab taumelte und dann herab purzelte. Die beiden Männer, zwar vor Ort, aber mental weggetreten, wurden brutal in die Wirklichkeit zurückgeholt. Alle Pläne und Visionen, alles, was zwischen Hauptgang und nicht serviertem Nachtisch so kunstvoll aufgebaut und eingefädelt worden war, zerstob in einem kurzen Moment. Es war ein Desaster.
Die Knoten all dieser Komplikationen entwirrten sich nach und nach. Die beiden kleinen G-Kinder auf der Galerie beruhigten sich und gingen von selbst in ihr Zimmer zurück, um friedlich weiterzuschlafen. Der Chef, auf dem Arm das jammernde Kind, und seine Frau verabschiedeten sich hastig. R. versuchte einige halblaue Erklärungen anzubringen, doch niemand hörte zu. Seine Frau, immer noch mächtig wütend, war damit beschäftigt die eigene Tochter zu beruhigen, die, brutal aus dem Tiefschlaf gerissen, hemmungslos schluchzte. G’s sanfte Frau hatte sich in ihr Reich, die Küche zurückgezogen, lehnte sich an die Spüle und weinte, weil das Sorbet unvollendet geblieben war. G. selbst war abwechselnd puterrot und kreidebleich. Ihm war immer noch nicht klar, was eigentlich so richtig vorgefallen war und haderte mit dem Schicksal, dass solch ein Scheiß ausgerechnet an diesem Abend hatte passieren müssen. Ihm war aber überdeutlich klar, was er an diesem Abend alles verspielt hatte.
Die R’s reisten am frühen Morgen fast grußlos ab. Der Kontakt erstarb damit vollends. Aus der Beförderung von G. wurde nichts, ein Konkurrent war aus dem Hut gezaubert worden und hatte die Nase vorn. Die Wahl ging gründlich daneben, die Anzahl der Zweitstimmen war weniger und die der Erststimmen viel schlimmer als erwartet. Die Ehe der G.’s wurde nach einiger Zeit geschieden, die Karrieresucht von G. wollte und wollte mit den simpleren Ansprüchen und Ansichten seiner mit mehr Vernunft ausgestatteten Frau nicht harmonieren. Die R’s suchten nie wieder unangemeldet jemanden auf und mieden, nachdem die drei Wochen in der Ferienwohnung überstanden waren, die Gegend, in der G.’s Haus lange Zeit vergeblich zum Verkauf angeboten wurde.
Jetzt fahr’n wir über'n See
Der Tag war sonnig und friedlich. Sie hatten für das Wochenende ein Zimmer in einem komfortablen Hotel gebucht, das für seine Lage am See und seine Sterneküche berühmt war. Sie wollten den Alltag vergessen, abschalten, allen Frust und Ärger für ein paar Stunden hinter sich lassen. Ein langer Spaziergang am Vormittag, dann das übersichtliche, feine Mittagsmenü und nach dem Essen Entspannung im weitläufigen Park. Gegen Spätnachmittag, die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, schlug er eine Bootsfahrt vor, um sich vor dem opulenten Abendessen den notwendigen Appetit zu verschaffen. Er war überrascht, als sie sofort einwilligte, da sie spontanen Unternehmen eher zögerlich gegenüberstand und sie meistens ablehnte.
Sie gingen zu dem nahegelegenen Bootsverleih und er vereinbarte mit dem Besitzer, einem alten Mann mit grünem Jägerhut, dass sie erst nach Rückkunft und dann für die tatsächliche Dauer bezahlen würden. Der Verleiher drückte das schmale Boot fest an den Bootssteg und half ihnen beim Einsteigen, konnte aber nicht verhindern, dass es stark schwankte, als sie sich mit ihrem beträchtlichen Gewicht auf den hinteren Sitz plumpsen ließ. Sie atmete tief durch, setzte ihre Sonnenbrille auf und drückte die kleine, weiße Handtasche resolut auf ihren Schoß, während ihr Mann sich geschickt an ihr vorbei schlängelte, den Ruderplatz einnahm und die Ruder in die Dollen einhängte. Dann gab der alte Mann dem Kahn einen kräftigen Stoß.
Er hatte schon lange nicht mehr gerudert und tat sich anfangs schwer, wurde aber bald immer sicherer und legte sich, nachdem er seinen Rhythmus gefunden hatte, mächtig ins Zeug. Das Boot entfernte sich rasch vom Bootssteg, der schon bald nur noch undeutlich auszumachen war, das Ufer verschwamm im Dunst des Nachmittags. Es war kühler geworden und in einiger Entfernung war eine Nebelbank, auf die sie geradeswegs zusteuerten. Die Frau schauerte und bedauerte wortreich, ihre Strickjacke nicht mitgenommen zu haben, während er sich durch die Ruderarbeit warmhielt und ihr Jammern ignorierte. Nach einer Weile schwieg sie resigniert, hielt aber ihr Schweigen nicht lange durch. Sie würde sich mit Sicherheit eine Erkältung holen und darauf habe sie gar keine Lust und er solle doch bitte umkehren, sofort umkehren, bitte schön. Der Mann, derartige Stimmungsschwankungen gewohnt, antwortete auch jetzt nicht, sondern ruderte verbissen weiter, wegen der Anstrengung heftig schnaufend und schwitzend.
In der Nebelbank angekommen, legte sich die helle, weiße Suppe augenblicklich feucht, kühl und watteartig auf sie und die Sonne war nur noch als diffuser Fleck zu erkennen. Es gab in dieser seltsamen Nebelstille nichts, an dem sich die Augen hätten orientieren und nichts was die Ohren hätten orten können. Doch diese einlullende Stille wurde schon bald durch das erneut einsetzende Klagen und Nölen der verfrorenen, inzwischen auch noch verängstigten Frau unterbrochen, das an und abschwoll, mal ein deutliches Fordern, mal ein hilfloses Wimmern war. Sie spüre ihre Arme und Beine vor lauter Kälte schon nicht mehr und sie würden aus diesem Nebel nie mehr herausfinden, nie mehr und sie habe jetzt Hunger und Angst, jawohl Angst dass sie sich verirrten und er solle nur nicht so dreckig lachen. Denn statt auf ihr Klagen einzugehen oder sie gar zu trösten, hatte er nur sarkastisch gelacht und aufgehört zu rudern. Er holte die Ruder ein und legte sie in das Boot, dann beugte er sich mehrmals vor und zurück, um seinen verspannten Rücken zu lockern. Das Boot begann zu schwanken, zuerst ganz sanft, ganz leicht, dann jedoch stärker und immer stärker. Für sie ein neuer Grund zu zetern, er solle mit diesem Quatsch aufhören, sie würden noch beide ins Wasser fallen. Ihre Angst zu ertrinken war sehr groß, seit sie als Kind in einen Teich gefallen und erst im letzten Moment gerettet worden war. Sie hatte daraufhin nie mehr einen Versuch unternommen, schwimmen zu lernen. Er kannte ihr Angst, hörte jedoch mit seinen provokativen Entspannungsübungen nicht auf und nannte sie einen Angsthasen, mit dem man nichts, aber auch gar nichts anfangen könne. Sie schwieg beleidigt. Als er merkte, dass er ihre Angst mit seinem kindischen Gewackel nicht weiter steigern konnte, stellte er es ein und verstieg sich stattdessen in Schimpf- und Hasstiraden. Was denn schon dabei sei, in eine Nebelbank zu fahren, es sei ja schließlich Sommer und solange man die Sonne noch erahnen könne, würde er auf jeden Fall, er betonte „auf jeden Fall“, zurück finden und außerdem sei der See nicht so groß als dass man sich verirren könnte und sie solle endlich den Mund halten, obwohl sie seit dem Ende des Geschaukels kein einziges Wort gesagt hatte. Einmal in Fahrt gekommen, beschränkte er sich nicht mehr auf den konkreten Anlass seiner Wut, sondern landete beim Grundsätzlichen, bei seinem Lieblingsthema, bei ihren schwelenden Beziehungsproblemen. Sie gehe ihm schon seit Langem auf den Geist. Sie sei eine doofe Nuss und er wisse gar nicht, wie er auf die Schnapsidee gekommen sei, sie zu heiraten und er frage sich jeden Tag, warum er immer noch mit ihr zusammen sei.
Das Boot dümpelte vor sich hin und schaukelte sanft im Takt der kleinen Wellen, die ein aufkommender leichter Wind verursachte. Er hatte sich in Rage geredet und losgeworden, was er loswerden wollte. Nun schwiegen beide. Nach einer Weile bückte er sich, um die Ruder wieder einzuhängen und die Rückfahrt anzutreten. Sie jedoch glaubte, er wolle wieder mit dem Schaukeln anfangen und ihre aufgestaute, mühsam zurückgehaltene Wut, ihre halb versiegte Angst, ihr permanenter Frust brachen sich plötzlich Bahn. Sie schrie ihn an, er solle sich unterstehen das Boot wieder umkippen zu wollen. Er sei ein sadistisches, gefühlloses Arschloch, ein Idiot, der sie immerzu quäle. Er, gründlich missverstanden, war über diesen Ausbruch zunächst sichtlich verblüfft, doch dann blickte er sie böse an und begann aus Trotz und Sadismus nun erst recht, das Boot zum Schwanken zu bringen. Er wackelte heftig mit seinem Oberkörper von links nach rechts, von vorne nach hinten und das Boot reagierte auf seine Bewegungen, immer schneller, immer heftiger. Sie hielt sich mit beiden Händen an dem schmalen Sitzbrett fest, die Handtasche war auf den Boden gefallen, auf dem auch die Sonnenbrille lag und schrie mit sich überschlagender Stimme, er solle aufhören, sofort aufhören. Sie wolle mit solch einem Blödmann keinen Abend, keine Nacht mehr verbringen, sie scheiße auf das Abendessen, auf das Hotel, auf das Wochenende und reise noch heute ab. Da er unbeeindruckt seine Bewegungen fortsetzte, hielt sie erschöpft und außer Atem inne und versuchte nach einer Weile ihn mit Flehen und Betteln umzustimmen. Er solle doch bitte, bitte aufhören und sie wolle auch wieder gut zu ihm sein und sie könnten doch ihren Zwist vergessen und jetzt umkehren. Doch nun war er störrig und statt einzulenken, richtete er sich in dem schmalen Boot auf und verstärkte die Schlingerwirkung. Sie weinte und sagte wieder, dass sie endgültig gehen wolle, nicht nur abreisen, nein, sie wolle sich scheiden lassen und ihre Worte erstickten fast in ihren Tränen. Doch er stellte nur höhnisch fest, sie wisse doch gar nicht, was sie da sage, von was sie denn, bitte schön, leben wolle, sie hinge doch voll von ihm ab, voll und ganz, von ihm und nicht nur von seinem Geld. Sie sei doch ohne ihn ein Nichts, ein Garnichts, ein Fliegenschiss. So ging es noch eine Weile weiter, bis er sich abreagiert hatte, dann setzte er sich wieder hin, hörte mit dem Gewackel auf und beide schwiegen erneut. In diese Stille, die einige Minuten andauerte und schon fast das Ende ihres Streits zu sein schien, sagte sie dann ganz ruhig, ganz leise, ganz ohne Schluchzen, seltsam gefasst und entschlossen, dass sie ihn nicht brauche, dass sie ohne ihn leben könne, er werde es schon sehen.
Diese ruhigen Worte ärgerten ihn seltsamerweise mehr als ihr Geschrei und ihr Geheul, mehr als ihre Tränen und ihre Wut. Er packte eines der Ruder und fuchtelte damit drohend über ihrem Kopf, stieß wüste Flüche und Verwünschungen aus, stand erneut auf, stieg sogar, um sein Tun und seine Worte zu verstärken auf die Ruderbank und wuchtete mit langen, ausholenden Bewegungen das Ruder von links nach rechts und von rechts nach links. Daraufhin schwankte der Kahn so bedrohlich, dass ein Schwall Wasser nach dem anderen über Bord schwappte und die Pfütze zu ihren Füßen immer größer wurde. Angesichts dieser konkreten Bedrohung, angesichts des unabwendbaren Ertrinkens oder Erschlagenwerdens und angesichts des rasenden Mannes, ihres Mannes, der hoch über ihr stand und mit dem Ruder so bedrohlich gestikulierte, wuchs ihre Angst zur Todesangst und mobilisierte ungeahnte Kräfte. Als er, so glaubte sie, zu einem endgültigen, einem finalen Todesschlag auf ihren Kopf ausholte, ließ sie sich rückwärts von dem schmalen Brett fallen, riss dabei mit einer unvermutet schnellen Bewegung ein Bein hoch und trat ihm mit aller Kraft den spitzen Absatz ihres Stöckelschuhs zwischen die Beine. Er versuchte dem Tritt auszuweichen, heulte auf, als sie ihn dennoch traf, ließ das Ruder los, das aufklatschend ins Wasser fiel, und griff sich, Linderung suchend, in den Schritt. Dabei verlor er das Gleichgewicht, schwankte noch stärker als das Boot und eine Sekunde später erfolgt ein zweites, diesmal weit heftigeres Aufklatschen.
Sie zog sich langsam an der Bordwand hoch und setzte sich auf das Brett. Dann sah sie, wie ihr Mann, ein, zwei Meter vom Boot entfernt, heftig mit den Armen ruderte, nach Luft japste, keuchte, Wasser soff und aus spie und dazwischen atemlos rief, sie solle ihm helfen, verdammt noch mal, und ihm endlich das Ruder hinstrecken, das zweite, das auf der Bank liege. Sie strich sich die Haare zurück und ergriff dann das Ruder mit beiden Händen. Er war mit seinem wilden Herumgefuchtel, mit seinen unsystematischen, hilflosen Schwimmbewegungen immerhin bis an das Boot herangekommen, hielt sich mit beiden Händen an der Bordwand fest und versuchte sich daran hochzuziehen. Sie schaute zu, machte aber keine Anstalten, ihm zu helfen. Als er schon ein Bein über die Bordwand gehievt hatte und das Boot sich dadurch so weit neigte, dass es fast umkippte, kehrte die Todesangst vor dem Ertrinken, die sich nach ihrem Befreiungstritt gelegt hatte, auf einen Schlag wieder zurück. Sie wollte nur noch diese entsetzliche Gefahr abwenden, dieser bedrohlichen Situation endgültig entkommen. Sie fasste das Ruder noch fester, hob es über ihren Kopf und schlug mit aller Kraft auf die klammernden Finger. Ein tierischer Schrei, ein lautes Platschen, als er losließ, ein erneutes heftiges Schwanken des Bootes in die andere Richtung, ein blubbernder, erstickter Ruf. Seine wild um sich schlagenden Arme wirbelten das Wasser auf, er näherte sich wieder dem Boot, da schlug sie noch einmal zu. Sie schlug mit aller Kraft auf seinen Kopf, der aus dem Wasser ragte, dann ging er unter. Alle Geräusche waren verstummt, das Wasser beruhigte sich, das Boot fand in eine stabile Lage zurück. Die nebelig wattige Stille wurde durch nichts mehr gestört.
Sie starrte eine Weile wie gelähmt auf das Wasser, auf die Stelle, an der er versunken war, als fürchtete sie sich, dass er wieder auftauchen könne. Dann tauchte sie das Ruder in das Wasser und versuchte paddelnd voranzukommen. Das Boot drehte sich im Kreis und schlingerte, doch schließlich schaffte sie es, aus dem Nebel hinauszufinden. Sie sah wieder die Sonne, die gerade dabei war, unterzugehen und sie sah in einiger Entfernung einen Fischer in einem kleinen Kahn, der seine Netze auslegte und von dem Geschehen in der Nebelbank offensichtlich nichts mitbekommen hatte. Bevor sie anfing, laut zu rufen und das hochgehaltene Ruder zu schwenken, hob sie das Handtäschchen aus der Pfütze auf, entnahm ihren Taschenspiegel und prüfte ihr Aussehen. Als der Fischer sie endlich bemerkte, kam er rasch auf sie zu. Sie verspürte plötzlich großen Hunger.
Kettenbrücke
Das warme Wasser tat nach dem anstrengenden Tag gut. Er hatte es genossen, entspannt Runde für Runde in dem großen Becken der Jugendstilhalle des Hotels zu drehen und sich die Säulen, die Skulpturen, das Dekor der Wände ausgiebig anzuschauen. Er hatte die alten Männer beobachtet, die in einem kleinen Nebenbecken, bis zum Hals im Wasser, Schach auf schwimmenden Brettern spielten. Immer wieder guckte er den jungen, hübschen Frauen nach, die in gewagten Bikinis oder in Badetücher gehüllt über die Marmorfliesen schritten und nach lohnenden Kontakten Ausschau hielten. Ihr Lächeln war verhalten, ihre Blicke dezent herausfordernd, gerade so, dass es nicht als offensichtliche Anmache ausgelegt werden konnte. Aber vermutlich waren die dezenten halb versteckt im Hintergrund wartenden Herren, die unendlich viel Zeit zu haben schienen, ohnehin eingeweiht oder gar die Strippenzieher der angestrebten Fraternisierungen. Nachdem er diesen Blicken widerstanden hatte, lag er nun auf einem wohlig warmen Steintisch und ein bärtiger Masseur, ein kariertes Handtuch um die schmalen Lenden geschlungen, durchwalkte seine Oberschenkel, seinen Po und seinen Rücken und murmelte pausenlos, welche Schnäppchen der verehrte Gast für seine begehrten Devisen „erwäärben könne - Zigaretten, Marillenschnaps, original Salami aus der Puschta oder ächt beehmische Krischtallglääser“.
Er war geschäftlich in Budapest und es war die Zeit des real existierenden Sozialismus, des Kalten Kriegs, des Eisernen Vorhangs, der den revolutionär dahinsiechenden Osten vom dekadenten, kapitalistischen Westen trennte. Sein Zimmer war im Gellert, das in dieser grauen, eintönigen Welt, die nach Zweitakterabgasen und Desinfektionsmittel auf Karbolbasis roch, den Charme der glanzvollen k-u-k-Zeit bewahrt hatte. Er fühlte sich wohl, genoss das vorzügliche Essen, die aufmerksame Bedienung, das Baden in den Art-nouveau-Gewölben, die Massage durch den bärtigen Chefmasseur und nahm sogar die Pediküre in Anspruch, die zu einem Spottpreis gebucht werden konnte. Seine Geschäfte waren gut, das heißt wie geplant verlaufen. Er war mit sich und der Welt zufrieden und wollte den letzten Abend noch voll genießen, doch dazu brauchte er ein paar Forint, sein beim Eintreffen umgetauschtes Kontingent war nahezu vollständig ausgegeben. Doch statt nun seine begehrten D-Mark in einer Bank oder an der Rezeption des Hotels zum kümmerlich niedrigen, offiziellen Wechselkurs zu tauschen oder wenigstens einen der Kellner auf das WC zu begleiten, die ihm zwischen Suppe und Schweinebraten den aktuellen Schwarzmarktkurs zuflüsterten, wollte er den Geldtausch auf der Straße ausprobieren. Er war bei seinen Gängen durch die Straßen permanent angesprochen worden, rasch, heimlich, im Vorbeigehen und die jungen Männer, es waren ausschließlich junge Männer, hatten ihm unglaubliche Kurse genannt. Die Gier trieb ihn an und er hoffte, am Schluss der Reise noch ein besonderes Schnäppchen machen zu können.
An einer stillen, dunklen Straßenecke kamen zwei junge Burschen auf ihn zu und nannten ihm ungefragt, in der sicheren Annahme, er könne an einem solch klandestinen Ort nur Geld tauschen wollen, einmal mehr den phantastischen Kurs. Im selben Moment gingen zwei andere junge Männer an ihnen vorbei, schauten leicht spöttisch auf die Drei und sagten etwas, das wie „Achtung Dina“ klang. Er hatte keine Ahnung, was sie damit meinten. Der eine Typ hielt mittlerweile ein Päckchen ungarischer Banknoten in seinen Händen, blätterten es durch und zählten ihm die Summe, die er für einhundert Mark erhalten sollte, schön langsam und deutlich vor. Alles stimmte exakt, alles war in Ordnung. Die Beiden waren nur etwas enttäuscht, als er sagte, dass er nur zwanzig tauschen wolle, das reiche ihm für ein gutes Abendessen, er sei ja nur noch heute im Land. Daraufhin zog der Mann flugs ein neues Päckchen aus der Hosentasche, es schien dieselbe Größe zu haben, wie das Erste, und zählten erneut. Die ganze Zeit späten die Beiden vorsichtig um sich, ob kein unerwünschter Beobachter oder gar ein verkappter Polizist in Zivil in der Nähe war, immer bereit gegebenenfalls rasch im Dunkeln zu verschwinden. Nachdem er sich versichert hatte, dass die Summe auch für das neue Angebot stimmte, holte er aus seinem Portemonnaie einen Zwanziger hervor. Der Austausch ging dann blitzschnell vonstatten. Der eine Bursche entriss ihm die grüne Anette von Droste-Hülshoff und drückte ihm dafür das abgezählte Bündel in die Hand, dann rannten beide los und waren im Nu in den engen Nebenstraßen verschwunden. Dieses Verhalten kam ihm etwas seltsam vor, und als er das Geldbündel genauer ansah, merkte er, dass nur das Deckblatt eine Forintnote war, der Rest waren wertlose jugoslawische Dinare und jetzt verstand er auch die Warnung. Erst ärgerte er sich, doch dann nahm er das Geschehen hin, wie es nun einmal war. Das war halt sein Eintrittsgeld für die Stadt und der Preis für eine nützliche Lebenserfahrung. Es war ein lauer, schöner Frühlingsabend, er ging auf die Kettenbrücke und in der Mitte, zwischen Buda und Pest, ließ er einen Dinarschein nach dem anderen in die Donau flattern.
Für das Abendessen in einem schicken Restaurant musste er dem Kellner etwas mehr als die veranschlagten 20 Mark hinblättern. Aber das Essen war gut und er lauschte den einschmeichelnden Klängen einer Soloklarinette, die ein Zigeuner, ein Ausdruck den man zu dieser Zeit noch ohne Schamgefühl verwendete, für eine Hochzeitsgesellschaft im Nebenraum zum wirklich allerbesten gab.
Zum Schluss des Abends, der trotz des Eintrittsgeldes alles in allem gar nicht so unangenehm gewesen war, ging er in die Bar seines Hotels, dort konnte man natürlich direkt mit Devisen bezahlen. Die Bar war fast leer, nur in einer Nische saß eine Gruppe, die durch lautstarkes Reden und Lachen auf sich aufmerksam machte. Es waren drei Deutsche, die mit einer Frau zusammen waren, wahrscheinlich einer Bardame oder eine der zbV-Damen, der Damen zur besonderen Verwendung, die immer einen ganz bestimmten Auftrag hatten und nicht nur Geld gegen Liebe, sondern auch Informationen austauschen sollten. Sie hatte, wie er im Halbdunkel der schummerigen Bar erkennen konnte, rote Haare, ein sehr weißes Gesicht mit grell rot geschminkten Lippen, dazu trug sie ein farblich passendes, knallrotes Cocktailkleid, das sehr kurz und sowohl vorne als auch hinten tief ausgeschnitten war und deshalb einen Blick auf ihren recht mageren Busen erlaubte. Die drei Männer, offensichtlich Geschäftsleute in dunklen Anzügen, waren in bester Stimmung. Der Wortführer, vermutlich der Chef der Gruppe, ein dicker, großer Mann mit hochrotem Gesicht und Halbglatze erzählte laufend Witze und seine Kollegen lachten wiehernd und auch die Bardame kreischte immer wieder laut auf. Auf dem Tisch standen einige leere Flaschen und aus einem Sektkühler ragte der Hals einer weiteren. Der Dicke hatte die Bardame voll im Griff, das heißt er fingerte pausenlos an ihr herum, steckte seine Hand mal in den vorderen, mal in den Hinteren Ausschnitt oder zwickte sie in den Po, was sie jedes Mal zu einem lauten Gekreische, einem scheinbaren Protest, veranlasste. Nur als er seine Hand unter ihren Rock stecken wollte, wehrte sie ab und er ließ es bleiben. Der Chef bestellte beim Barmann „echte kubanische Zigarren, die besten, die du hast, hörst du“ und beauftragte dann die Rote, „den besten Cognac zu holen, den dieser Schuppen zu bieten hat. Geld spielt keine Rolle.“ Um das zu beweisen, zog er ein Bündel Forintscheine aus seiner Hosentasche, sicher ein kleines Vermögen für die Frau, rollte es zusammen und steckte es an der Glut seiner Zigarre in Brand. „Da, euer Scheißgeld, guck mal wie das abfackelt“, grölte er und warf die brennenden Scheine in den Aschenbecher. Diesmal lachten nur seine Begleiter, die Frau blieb stumm und zog sich hinter die Bar zurück, ohne den geforderten Cognac zu bringen. Nach einer Weile wurde es den Männern offensichtlich langweilig, sie standen auf, der Dicke rief „alles auf meine Zimmerrechnung“ und sie gingen schwankend und immer noch lärmend zur Tür.
Die Barfrau blickte ihnen wortlos nach, sie schien erleichtert zu sein und sah plötzlich gar nicht mehr jung und attraktiv aus, sondern alt und verbraucht und frustriert. Sie schaute in einen kleinen Taschenspiegel, fuhr ihre Lippen nach und ordnete ihre Haare. Dann sah sie ihn, der in einer Ecke saß und das unwürdige Schauspiel mit Ekel beobachtet hatte. Das professionelle Lächeln, die bezahlte Heiterkeit erschien wieder auf ihrem Gesicht, sie kam auf ihn zu und sagte in charmantem, ungarisch gefärbtem Deutsch „Na mein Sießer, willst du mir einen Drink spendieren? Was maachen wir denn noch zusammen? Wie ist denn deine Ziimmernuummer?“
Einkaufsparadies
Überall in der Stadt hingen Plakate, die Presse war voll mit wohlwollenden Artikeln und im lokalen Fernsehen und Radio kamen euphorische Vorabberichte: am Donnerstag, dem 1. Juli, wird das neue Einkaufsparadies eröffnet, Erlebniseinkauf auf 30000 Quadratmetern, Einkaufsspaß pur für die ganze Familie, unschlagbare Sonderangebote in Hülle und Fülle. Zu der Eröffnungsparty, diesem Mega-Fun-Event, wurden bekannte Stars aus Funk und Fernsehen angekündigt und als besonderes Bonbon für das sparbewusste Premierenpublikum würde das Parken auf den 2000 Plätzen an diesem Tag nichts kosten. Die Kunden wurden eingestimmt und waren froh gestimmt und das Management war sich sicher, dass sie in großen Scharen herbeiströmen würde. Die Besitzer und die Geschäftsführer der Läden könnten sich am Abend die Hände reiben und die Sektkorken knallen lassen.
Für ihn würde dort jedoch kein Platz sein, das wusste er. Leute wie er, Stadtstreicher, Berber, Obdachlose, waren unerwünscht. Für sie war in den lichtdurchfluteten Konsumtempeln mit ihrer Dauerberieselung durch beruhigende und zum Kaufen animierende Softmusik kein Raum vorgesehen. Den gab es jedoch hinter den Kulissen, auf den Andienhöfen, in den Entsorgungszentren, auf den Stellplätzen der Müllcontainer. Hier fanden sie das, was sie zum Leben brauchten: in Folie eingeschweißte, leicht verfärbte Hähnchenbrüste, Edamerscheiben mit überschrittenem Verfallsdatums, Restsemmeln vom Vortag, verwelktes Gemüse, weiche Tomaten. Es waren im Übrigen nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch fehlerhafte Kleidungsstücke, einzelne Schuhe und vieles mehr, was der verwöhnten, satten Konsumgesellschaft nicht mehr verkauft werden konnte und demzufolge entsorgt werden musste. Klar, die Leute von der Security mochten ihn und seinesgleichen nicht und verwehrten oder erschwerten ihnen zumindest den Zugang zu den Fleischtöpfen, aber man konnte die Sheriffs austricksen. Die zeitliche und räumliche Abfolge ihrer sporadischen Rundgänge in der Nacht war leicht zu entschlüsseln und die Zäune und Türen, die das Paradies abschotteten, konnte man problemlos überwinden. Nur wenn sie Hunde einsetzten, dann wurde es schwierig, dann musste man unter Umständen passen. Aber Hunde setzten sie nur selten ein, dafür waren die Schutzwerte nicht hoch genug und die Bedrohung des Konsumfriedens durch ein paar Assis zu gering.
Er hatte die Örtlichkeiten schon in der Bauphase gründlich erkundet. Es war einfach für ihn den Handwerker zu spielen und anscheinend geschäftig durch die Baustelle zu streifen, in seinem vorigen Leben war er Schreiner gewesen und er achtete immer noch, so gut es eben ging, auf sein Aussehen. Früher war er richtiggehend ansehnlich gewesen, ein Bild von einem Mann. Ein Mann, der bei Frauen ankam, leider zu gut. Nach einer Reihe von misslichen Ereignissen, die seinen Lebensplan völlig durcheinandergewirbelt hatten, war er am Rande der Gesellschaft angekommen. Erst war das Geld weg, dann die Arbeit, dann die Beziehungskisten und schließlich auch die Wohnung. Es war genauso abgelaufen, wie ein übles Klischee in einem drittklassigen Tatortfilm. Aber er hatte gelernt, in dieser neuen Welt zu überleben, sich durchzuschlagen und nicht nur vor sich hinzuvegetieren. Ja, hin und wieder ergab sich sogar ein Grund das Leben richtiggehend zu genießen, immer dann, wenn er in einem der Abfallcontainern etwas Exquisites fand, eine angebrochene Flasche Bordeaux, ein paar verbeulte Dosen Pilsner Urquell, überteuerte Gänseleberpastete mit weit überschrittenem Verfalldatum oder angegraute Lindt-Edelpralinen. Wenn er einen solchen Fund gemacht hatte, redete er mit niemandem darüber, geschweige denn, dass er seine Schätze mit jemandem geteilt hätte. Er lebte allein, aß allein, besoff sich allein, schlief allein und lehnte dankend ab, wenn ihn eine Frau aus dem Milieu anmachen wollte. Wenn er Bedarf nach Frau hatte, wusste er, wo er hingehen konnte, aber er hatte meist keinen.
In der Bauphase lernte er das Einkaufsparadies wie seine Westentasche kennen. Wenn er, was nur selten vorkam, angesprochen wurde, gab er sich als Handwerker aus, der etwas suchte, neu auf der Baustelle angekommen war oder eine bestimmte Firma ausfindig machen musste. Er fand heraus, wo die Maurer, die Elektriker, die Gipser ihre Bierkisten deponierten und nahm sich ab und zu eine Flasche, aber immer nur so wenig, dass es nicht auffiel. Da er sich angewöhnt hatte, genau darauf zu achten, was um ihn herum geredet wurde, bekam er auch den Ablaufplan der Eröffnungsparty mit und wusste, dass schon am Vorabend alles für den Massenandrang am nächsten Morgen vorbereitet sein würde. Er beschloss, die Nacht im Paradies zu verbringen und sich seinen Anteil an der Konsumgala vorab zu sichern. Für seine Überlegungen, wie das vonstattengehen sollte, hatte er den Ort ausgesucht, von dem aus er auf seinen späteren Lieblingsplatz herabsehen konnte. Er stand im ersten Stock der Galerie, lehnte sich über das Geländer und betrachtete das Bistro de Paris, eine Art Straßencafé in der Mitte des Zentrums mit Tischen, Stühlen und unnötigen Sonnenschirmen, die um einen kleinen Teich gruppiert waren. Das Wasser für den Teich würde später einmal aus einem Springbrunnen sprudeln, einem markanten Stahlobjekt in Form einer überdimensionierten, himmelwärts gerichteten Sternenzacke. Auf einer Plakette im Fußboden standen der Name des Künstlers und der Titel des Kunstwerks: per aspera ex merda. Er hat sich sagen lassen, dass dies „über raue Pfade raus aus der Scheiße“ hieß und dieser Titel gefiel ihm sehr.
An den Tagen kurz vor der Eröffnung hielt er sich nur noch selten im Paradies auf. Die Handwerker waren weitgehend fertig und die Geschäftsleute hatten begonnen, die Läden einzurichten. Es wimmelte von hektischen Menschen und er wollte nicht im Weg stehen oder sich gar unangenehmen Fragen ausgesetzt sehen. Dennoch bekam er mit, dass sich die Betreibergesellschaft einen Gag für das Publikum ausgedacht hatte. An verschiedenen Stellen im Gebäude wurden lebensnahe, menschliche Figuren aufgestellt, Figuren, die von Duane Hanson hätten stammen können. Sie sollten die Besucher verblüffen und irritieren, wenn diese merkten, dass die Hausfrau am Bistrotisch, die ewig an ihrem Kuchen aß oder der alte Opa, der den Fahrstuhl dauernd wegfahren ließ, gar keine echten Menschen waren.
Als er am späten Mittwochabend durch einen der Lieferanteneingänge das Einkaufszentrum betrat, herrschte noch immer emsiges Treiben und so suchte er gleich den Raum auf, den er als perfektes Versteck ausgemacht hatte. Es war ein Lagerraum für leeres Verpackungsmaterial, der von allen Geschäften genutzt und nie abgeschlossen wurde. Hier konnte er es sich im Schein der Notausgangsleuchte gemütlich machen und sich am nächsten Morgen einfach unter die Besucher mischen. Er wartete, bis er sicher sein konnte, dass die Security geschlossen vor dem Fernseher saß. An diesem Abend spielten die Bayern gegen Manchester United und diesen Schlager ließ sich auch der gewissenhafteste Wachmann nicht entgehen. Als er sein Versteck schließlich verließ, waren die letzten Einräumer fort und alle Lichter bis auf die Notbeleuchtung erloschen. Er ging zielstrebig hoch auf die Galerie, hin zu der Stelle mit dem schönen Blick auf sein Bistro. Aber er ging nicht wegen der Aussicht hin, nein, der Grund war viel handfester und viel angenehmer. Hier, genau hier, war alles für die Eröffnung der Filiale einer bekannte Feinschmeckerkette vorbereitet: Sekt, Wein und Platten mit Häppchen, was heißt da Häppchen, mit edlen Canapées, unter Plastikfolien.
Zufrieden stellte er fest, dass die Feinschmeckerheinis nicht knauserig waren. Er nahm sich eine der verlockend aussehenden Platten, eine Flasche Rotwein und eine Flasche Sekt und ging zurück in seinen Abstellraum, wo er es sich zwischen Kartons und gelben Säcken gemütlich machte. Er aß und trank und war vergnügt, so vergnügt und tatendurstig, dass er, nachdem er alles vertilgt und geleert hatte, beschloss, sich noch ein Fläschchen zu holen. Nun stand er wieder auf der Galerie, in der einen Hand die bereits halb geleerte, neue Rotweinflasche, mit der anderen Halt am Geländer suchend, um sein Schwanken zu zügeln, und schaute in die Tiefe. Im Schummerlicht sah er undeutlich die Tische und die Stühle und den Teich mit der Skulptur. Er rülpste und war unschlüssig, was er nun machen sollte und so begann er zu räsonieren und über sein Leben nachzudenken und auf einmal wurde ihm klar, dass es ihm doch nicht so gut ging, wie er es sich angesichts des Festessens eingeredet hatte und es überkam ihn ein gewaltiger Katzenjammer und eine große Traurigkeit. Tränen stiegen ihm in die Augen und auch an anderer Stelle drückte das Wasser, er musste immer dringender pinkeln. Schließlich reifte in seinem umnebelten Hirn der Entschluss, sich zum einen hier und jetzt sofort zu erleichtern und zum andern ein Zeichen zu setzen, ein Zeichen der Rache an dieser verdammten, überheblichen Konsumgesellschaft, die ihn so schmählich ausgestoßen hatte. Er stellte sich ganz nahe an das Geländer und pinkelte mehr oder weniger zielsicher in die Tiefe, zumindest hörte er es dort unten deutlich plätschern, denn der Springbrunnen war ja noch nicht eingeschaltet. Er freute sich kindisch und beugte sich noch weiter vor, um den Ort der Entweihung besser einsehen zu können. Es kam dann, wie es kommen musste, wenn sich ein Besoffener zu viel zumutet. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte mit einem lauten Aufschrei in die Tiefe.
Am nächsten Morgen öffnete das Einkaufszentrum pünktlich um acht Uhr seine Türen. Die Menschen strömten herein, die Geschäfte füllten sich, die Scanner piepten, die Kassen klingelten. Alle waren frohgelaunt und nicht nur einkaufswillig, sondern geradezu einkaufswütig. Die ersten müden, durstigen Passanten gingen in das Bistro de Paris, bestellten Latte machiato und Croissants, genossen das Ambiente, bewunderten den Teich und den Springbrunnen und fragten sich nur, was den Künstler, von dem diese lustigen Menschenfiguren stammten, wohl bewogen haben mochte, eine seiner Figuren ausgerechnet auf die Spitze des Springbrunnens zu stecken.
Jesus liebt dich
Als er zum vierten Mal „Jesus liebt dich“ hörte, es klang sehr amerikanisch, so wie „Dschieses libt dick“, rastete er aus. Mit einer weit ausholenden Bewegung wollte er den schlaksigen jungen Mann zum Schweigen bringen, weg scheuchen, ruhigstellen. Diesen geschniegelten Typ im schwarzen Anzug und weißem Hemd, mit grün-weiß gestreifter Krawatte, schwarzer Aktentasche und schwarzem Rucksack auf dem schmalen Rücken. Er wollte nichts mehr hören von Liebe und Erlösung, Glück und Frieden und auch nicht, dass Jesus ihn liebe. Er wollte einfach nur da stehen und warten, bis der Zug endlich einfährt und anhält, um dann schnell, sehr schnell einzusteigen. Dann würde er sofort auf das Klo rasen, weil er ein inzwischen äußerst dringendes Bedürfnis hatte, die 50 Cent für das vollautomatische Bahnhofsklo aber immer noch sparen wollen.
Seine Laune war beschissen an diesem frühen Morgen. Er hatte einen wichtigen Termin und hatte ausgerechnet heute seinen Zug verpasst. Verpasst, weil die Straßenbahn gebummelt hatte, unverantwortlich gebummelt, eine Unverschämtheit, im Berufsverkehr so zu bummeln. Er stand jetzt völlig sinnlos und überflüssig vor dem Bahnhof und schlug die Zeit mit Warten tot, eine Stunde warten auf den nächsten ICE. Er stand direkt neben dem Bahnhofseingang und der strahlend schöne, unschuldige Morgen stand in krassem Widerspruch zu dieser, seiner üblen Laune. Er stand müßig herum und beobachtete die Menschen, wie sie von der Straßenbahn oder von den Bussen in den Bahnhof rannten, manche jedenfalls. Richtige Sprinter waren darunter, Schüler mit überdimensionierten Schultaschen, junge Frauen mit fliegenden Haaren, manche mit Kopftuch, aber auch ein alter Knacker mit Turnschuhen und knallrotem Rucksack musste rennen, um seinen Zug zu bekommen. Warum können die nicht einfach früher los, früher raus aus der warmen Falle? Er sah viele hübsche junge Mädchen, man sieht sie zu dieser Tageszeit, wenn sie auf dem Weg zur Uni oder in die Schule oder zur Arbeit sind. Tagsüber sind sie unsichtbar, verschwunden, aufgelöst. Aber am Morgen und am Abend ballen sie sich auf den Bahnhöfen, in den Zügen, den Bussen, den Straßenbahnen. Junge Männer natürlich auch, aber was interessierten ihn junge Männer? Eine, die es nicht eilig hatte, eine hübsche, sehr schlanke mit langen blonden Haaren, lächelte er verkrampft an. Ihr Blick, mit dem sie ihn bedachte, sprach Bände und trug nicht zur Hebung seiner Laune bei.
Er verließ seinen Stehplatz und fuhr mit der Rolltreppe in die Lobby, wie die Ansammlung von Geschäften, besser gesagt von Shops im derzeitigen Bahnjargon genannt wird. Bei Ditsch gab es duftenden Croissants, gleich daneben bei „Ihre Frisch Backstube“ konnte er coffee to go für 1,00 € ordern. Eine junge Frau mit roter Schürze trug Stellwände und Auslagen vor die Tür von Nanu Nana und die eiligen Passanten hasteten auf ihrem Weg zum Bahnsteig noch rasch zu Relay, um die Bildzeitung mit dem Foto einer Amokläuferin zu kaufen. Bei Barberino lockte die Möglichkeit für ein paar Euro den Jackpot mit 8 Millionen zu knacken, aber heute war nicht Mittwoch und auch nicht Samstag und was sind schon 8 Millionen, keiner ging rein. Manche der Passanten hatten ihre eigenen Beförderungsmittel dabei, Klappfahrräder oder Aluroller mit winzigen Rädern. Er sah auf die Uhr, bald war die Wartezeit vorbei und er überlegte sich, ob er noch einen togo mitnehmen sollte, aber dann müsste er noch dringender aufs Klo und daher verzichtete er lieber.
Die letzte Viertelstunde wollte er auf dem Bahnsteig warten und da stand dieser schwarzgekleidete Mormone oder Mennonit oder Scientologe, egal, jedenfalls stand dieses geschniegelte und gebügelte Bürschchen plötzlich neben ihm und begann auf ihn einzureden. „Dschieses libt dick“ und dann viel von Sünde und Vergebung und vom Paradies, in das man komme, wenn man das tue, was Jesus sagte. Erst hörte er noch halbamüsiert zu, wagte das eine oder andere Argument dagegen, fragte nach, widerlegte, diskutierte, lächelte. Der Ami aus Georgia oder Utah fühlte sich durch sein Halbinteresse in seinem Missionsdrang bestärkt. Immer schneller, immer eindringlicher, zwischen schlechtem Deutsch und unverständlichem Englisch pendelnd, redete er auf ihn ein, versuchte ihn zu überzeugen, zu bekehren, einen glücklichen Menschen aus ihm zu machen.
Aber er, das Opfer, hatte bald die Nase gestrichen voll. Er wollte weder Jesus noch Paradies noch Erlösung, sondern nur seine Ruhe, endlich den Zug und immer dringender ein Klo. Aber wie wird man eine Klette los, eine Zecke, die Blut gewittert hat? Abwenden nützt nichts, ein „nein danke“, ein „shut up“ reicht auch nicht aus, wenn der Missionsdrang so übermächtig ist. Er suchte nach einem starken Argument, nach einem überzeugenden Signal, mit dem er nicht nur den penetranten Missionar los werden, sondern auch seine schlechte Laune, seinen Frust, seine latente Wut in die Welt hinausschreien konnte. Für den Mormonen kam der Ausbruch, die ausholende Geste mit beiden Armen, das wütende Gesicht, der überlaute Ton „Hau ab, du Arsch“ völlig unerwartet und er erschrak heftig. Bisher war dieser Mensch doch ganz friedlich gewesen, ja sogar interessiert, er hatte zugehört, hatte geantwortet und Fragen gestellt und sogar etwas gequält gelächelt. Dieser Angriff kam völlig aus dem Nichts und er wich instinktiv zurück, machte einen Schritt nach hinten, einen Schritt in die falsche Richtung. Sein entsetzter Schrei wurde durch den einfahrenden Zug übertönt.
Doch im letzten Moment packte ihn dieser irre Mensch am Arm, riss ihn aus dem Gefahrenbereich, schaute ihn entgeistert und erschrocken an und umklammerte ihn fest. So standen die beide tief atmend einen kurzen Moment lang dicht an dicht auf dem Bahnsteig. Die paar Leute, die das Geschehen beobachtet hatten, waren längst eingestiegen, die anderen, die aus dem Zug kamen, vorbei gehastet. Eine Stimme aus dem Lautsprecher forderte zum Einsteigen auf. Hastig gab der Irre den Missionar frei und drückte sich, um diesen Zug nicht auch noch zu verpassen, gerade noch durch die schon halb geschlossene Tür. Immer noch verwirrt und geschockt schaute der Zurückgebliebene dem Zug nach, der erst langsam und dann immer schneller an ihm vorbeiglitt und murmelte „Dschieses, Dschieses“.
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