Kitabı oku: «Verirrungen»
Verirrungen
Drei Erzählungen
von
Yupag Chinasky
Impressum
Yupag Chinasky
Verirrungen
Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
Copyright 2016 Yupag Chinasky
Inhaltsverzeichnis
Verirrungen
Verloren im Labyrinth
Verspätung
Die Anmache
Der Waldweg
Auf Spurensuche
Die erneute Annäherung
Die Rache
Die Reaktion
Die Krise
Die Entscheidung
Showdown
Epilog
Wind
Verloren im Labyrinth
Der große Bahnhof war zu der Zeit, als er gebaut wurde, in den frühen fünfziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts, ein architektonisches und technisches Meisterwerk. Heute ist er weder schön noch funktional, aber immer noch eine wichtige Drehscheibe des Verkehrs. Die Freude an der nostalgischen Architektur, die sich einstellt, wenn man davor steht und die immer noch anhält, wenn man die große Halle betritt, wird von einer Beklemmung abgelöst, wenn man zu den Zügen hinab steigt. Sie nimmt zu, je tiefer man in den Untergrund vordringt, bis zu der funktionalen Ebene, den Bahnsteigen und Gleisen. Jeder Meter abwärts auf den altmodischen, holzverkleideten Rolltreppen steigert dieses Gefühl. Der klaustrophobe Höhepunkt ist erreicht, wenn man den Perron betritt, das reinste Inferno. Die Röhren, in denen die Rolltreppen verlaufen, sind eng und schmal, aber die Bahnsteige erscheinen noch enger, noch schmaler, noch schmutziger. Man wundert sich geradezu, dass sich hier Menschen aufhalten dürfen. Der kreischende Lärm der Züge, die in kurzem Takt aus den Tunnelröhren kommen, rattern, abbremsen, nur wenige Augenblicke verweilen und dann wieder ächzend und stöhnend anfahren, malträtiert die Ohren. Die Schwärze der ewigen Nacht wird nur durch den Schein der kalten Neonröhren unterbrochen, die statische Spots auf den Beton werfen und durch die gelben Lichter der Lokomotiven und der Wagenfenster, die mit den Zügen auftauchen und wieder verschwinden. Es stinkt nach Staub, Ruß, Dreck, Desinfektionsmittel und Menschenmassen. Zu den Stoßzeiten ist dieser Vorhof der Hölle von Hunderten von Menschen bevölkert. Sie laufen und rennen, schieben und stoßen, drängen sich in die Abteile, drängen sich auf die Rolltreppen, zerren Koffer hinter sich her und benutzen ihre vorgestreckten Aktentaschen als Waffe, um sich einen Weg durch die anderen zu bahnen, die genau dasselbe wollen. Jeder scheint nur einen Wunsch zu haben, weg von hier, raus aus diesem Chaos, diesem düsteren Orkus, hoch zum Licht und zur Luft oder wenigstens hinein in ein sicheres Zugabteil.
Oben, in der Bahnhofshalle, ist es in der Tat hell und erträglich und durch die Drehtüren strömt frische Luft herein. Hier kann man die nostalgische Architektur genießen, die kühnen Konstruktionen der damaligen Zeit, die lichte Höhe der Halle, das viele Glas in der Hauptfront und den Blick in Richtung Stadtzentrum. Auch wenn an manchen Stellen der Verputz von den Wänden bröckelt und die einstmals weißen Kunststoffpaneele der Decken gelb und schmutzig geworden sind, versteht man, warum dieses Gebäude Architekturgeschichte geschrieben hat. In der großen Halle kann man süße Waffeln kaufen, scharfe Würstchen essen, diverse Sorten Bier trinken, ja sogar an einem viel belagerten Stand Austern schlürfen – dégustation des fruits de mer. Es gibt Läden mit Blumen und Reisebedarf, Kioske mit Zeitschriften und Tabakwaren und einen Drogeriemarkt.
Man sieht alle möglichen Leute, Menschen jedweder Couleur und Hautfarbe. Hier der Geschäftsmann im gestreiften, schwarzen Nadelanzug oder sein weibliches Pendant im gedeckten Kostüm. Um den Bierausschank herum, eine Gruppe Touristen mit exotischen Kopfbedeckungen und Bergen von Koffern, die wohl direkt aus einem Urlaubsparadies gekommen sind. Zu Stoßzeiten bevölkern Massen von Pendlern die Halle, die rasch zum Arbeitsplatz oder noch rascher zurück nach Hause eilen. Die herumalbernden Schüler und die trödelnden Rentner scheinen es dagegen nicht eilig zu haben. Sie lungern herum, genauso wie manche unangenehme Typen, die betteln und ein paar Cent schnorren, indem sie vorgeben unbedingt eine Fahrkarte kaufen zu müssen oder wer weiß wie lange, nichts mehr gegessen hätten.
Das Chaos des Untergrunds setzt sich fort, wenn man das Gebäude durch den Hintereingang verlässt. Während der Haupteingang den Weg direkt in das Zentrum weist, in das pulsierende, gepflegte Herz der Stadt, öffnet sich ein neues Labyrinth, kaum dass man den Hintereingang durchschritten hat. Man irrt durch Unterführungen, steigt auf schmalen Treppen hinab zur Ebene der Gleise und hinauf zur Ebene der Hochstraßen, die die Bahnhofsanlage überqueren, umrundet gewaltige, betonierte Pfeiler, kommt an Laderampen und Eisentoren vorbei. Schwach beleuchtete Tunnel scheinen ins Ungewisse zu führen, an ihren Wänden abgerissene Plakate, aber auch Streetart, Kunst an einem Ort, wo man sie nicht erwartet. Verlässt man die unmittelbare Nähe des Bahnhofs, beginnt das Labyrinth der Wohn- und Geschäftsstraßen. Die Hausfronten sind heruntergekommen und hässlich, die Eingangstüren alt, die Briefkästen verlottert, die Türklingeln ein Wirrwarr, die Fenster aus billigem Glas mit altmodischen Klappläden oder ausgeblichenen Jalousien. Man geht an billigen Kneipen und an Ein-Euro-Läden vorbei, sieht aber auch nostalgische Tante-Emma-Läden und gelangt schließlich in das Gebiet der Sexshops, Spielhöllen und Wettbüros. Man eilt auf schmalen Bürgersteigen an stinkenden Autoschlangen entlang, umrundet falsch geparkte Wagen, die den spärlichen Platz weiter verengen, steigt über Fahrradständer, die das Trottoir versperren und ekelt sich vor den schwarzen, manchmal aufgeplatzten Müllsäcken vor den Haustüren, willkommene Edelfreßlokale für Ratten. All die Straßen, Gassen, Sackgassen, Plätze, Einfahrten scheinen kein logisches Muster zu bilden, sie scheinen ohne Plan entstanden zu sein, eine kongeniale Fortsetzung des Labyrinths im Keller des Bahnhofs, dem man nur scheinbar entronnen ist.
Mitten in diesem heruntergekommenen Viertel, liegen die Straßen mit den beleuchteten Schaufenstern. Die Lichter schimmern meist rot, aber auch blau, violett oder gelb und wenn es geregnet hat, spiegeln sich die Farben auf dem nassen Kopfsteinpflaster. Das bunte Licht stammt von kurzen Neonröhren, die an den Fenstern angebracht sind, meistens horizontal am oberen oder unteren Rand, manchmal aber auch vertikal an den Seiten. Hinter den Fensterscheiben sitzen die Frauen auf Hockern, Lehnstühlen und sogar in Polstersesseln. Junge, alte, dicke, dünne, meist allein, manchmal zu zweit, manche hübsch, andere unauffällig. Einige sind richtiggehend hässlich und das bei diesem Beruf, der vom schönen Schein lebt. Fast alle tragen sehr knappe Arbeitsbekleidung: Dessous, Korsetts, Ledermonturen, Netzstrümpfe, High-heels, Stiefel mit Schäften bis über die Knie. Viel nackte Haut wird zur Schau gestellt, herausgepresste Brüste, freie Pobacken, lange Beine. Manche erscheinen vulgär und nuttig, viele könnten aber aus jeder Reihenhaussiedlung kommen, aus den Vororten der Großstadt oder aus irgend einem Provinznest. Wenn er bei seinem Herumstreunen durch das Viertel die Straßen mit den bunten Lichtern aufsuchte, reizte ihn die Atmosphäre, der Widerschein der farbigen Lichter auf den Pflastersteinen, die Schatten der Männer, die von Fenster zu Fenster gingen, die Blicke der gelangweilt wartenden oder aggressiv fordernden Frauen. Er selbst näherte sich den Fenstern nicht, vor den Frauen hatte er Angst und wagte nicht, sich mit einer einzulassen.
Aber eines Tages ist er doch über seinen Schatten gesprungen und hat das getan, was ein Mann tut, wenn er hierherkommt. Er war in eine Gasse gelangt, in die sich kaum jemand verirrte und in der es nur ein einziges, schwach erleuchtetes Fenster gab. Er war in sicherer Entfernung vorbei gegangen und hatte in dem gelben Licht einer Stehlampe nur ein paar lange, schlanke Beine in schwarzen Leggins und roten Pumps gesehen. Der Rest des Körpers der Frau auf einem Hocker, befand sich im Schatten und war von seinem Standpunkt aus nicht zu erkennen. Die Frau saß ganz ruhig da und sandte keine Signale aus, die einen Mann kirre machen und in das Zimmer locken sollten. Genau diese ungewöhnliche, fast demonstrative Zurückhaltung faszinierte ihn und so beschloss er, endlich doch einmal einen Besuch zu wagen, endlich doch einmal seinen geheimen Wünschen nachzugeben. Er überquerte die Straße und stellte sich vor das Fenster, doch nichts geschah. Er meinte schon, die Frau hätte ihn nicht bemerkt, doch dann beugte sie sich schließlich etwas vor und öffnete das Fenster einen Spaltbreit. Sie schien fast unwillig über die Störung zu sein, als sie sagte, sie würde eigentlich nur Stammkundschaft empfangen und ihn hätte sie noch nie gesehen. Aber heute sei nichts los und sie erwarte auch niemanden mehr und er könne hereinkommen.
Dann erhob sie sich, schloss das Fenster, zog die Vorhänge vor, um anzuzeigen, dass das Etablissement besetzt war, und öffnete die Tür. Sie begrüßte ihn freundlich und führte ihn in ihren Arbeitsraum, ein schummeriges Zimmer mit einem großen Bett. Sie war sehr schlank, aber trotz der langen Beine deutlich kleiner als er. Wie sie da stand, eine selbstbewusste Autorität ausstrahlend, hätte man sie nicht für eine Nutte gehalten. Sie sah durchaus seriös aus, wie eine Geschäftsfrau, die in einem unkonventionellen, vielleicht in einem künstlerischen Bereich tätig war. Sie unterstrich diesen Anschein der Seriosität noch dadurch, dass sie seltsamerweise schwarze Netzhandschuhe trug, die ihm erst jetzt auffielen. Als er sie genauer taxierte, fiel ihm weiter auf, dass ihr leidlich hübsches Gesicht dick, wenn auch recht kunstvoll, geschminkt war und dass es dadurch einen starren, maskenhaften Ausdruck angenommen hatte. Er meinte auch zu erkennen, dass ihre langen, schwarzen Haare nicht ihre eigenen waren, es musste eine Perücke sein. Und er nahm einen Duft wahr, der zwar angenehm, aber doch schon leicht penetrant wirkte, das einzig Aufdringliche an dieser Frau. Während er sie anstarrte, war er sich nicht sicher, ob er eher enttäuscht oder doch lieber angenehm berührt sein sollte. Enttäuscht, dass sie ihn so gar nicht anmachte, dass sie alles andere als eine „femme fatale“ war, keine geborene Verführerin. Erleichtert, dass sie all das gerade nicht war, dass sie wie eine Frau wirkte, mit der man ins Theater ging oder die man vom Elternbeirat her kannte. Er war erleichtert, weil ihr „normales“ Aussehen und Verhalten seine Urängste über käufliche Liebe und die Gefahren, die von Prostituierten ausgingen, nicht bediente. Bevor er es sich doch noch anders überlegte, kramte er rasch die verlangte Summe aus seinem Geldbeutel, ziemlich viel Geld, wie er fand, und gab sie ihr und sie verstaute sie in ihrem Schrank. Dann fragte sie ihn, der keine Anstalten machte, sich auszuziehen und noch nicht einmal seine Jacke abgelegt hatte, was denn los sei, ob er nun wolle oder nicht. Sie selbst zögerte jedoch ebenfalls, sich zu entkleiden. Schließlich begann er seine Kleidung Stück für Stück abzulegen. Dabei zitterten seine Hände ein wenig, der Atem ging ein bisschen schneller und der Mund war auf einmal ganz trocken. Als er endlich fast nackt auf der Bettkante saß, nur die Unterhose hatte er noch an, begann auch sie, sich zu entkleiden. Der dabei angedeutete Striptease war wohl Teil ihres Programms. Sie wiegte sich in den Hüften, drehte und wendete ihren Oberkörper, streckte ihn vor und zurück und streifte dabei langsam ihre Bluse ab. Der rote BH war klein und was darin steckte, vermutlich auch, in dem rötlichen Dämmerlicht musste er mehr ahnen, als dass er sehen konnte. Dann wackelte sie ein paarmal mit dem Po, ließ den Minirock hinab gleiten und setzte sich dicht neben ihn auf die Bettkante.
Erst jetzt, als sie fast nackt war, nur noch in BH und Slip, und ihn fast berührte, merkte er, was andere sicher viel früher bemerkt hätte, was andere vielleicht davon abgehalten hätten, zu ihr zu kommen und auf einmal war er schockiert. Neben ihm saß eine Frau in deutlich fortgeschrittenem Alter, ja eine geradezu alte Frau. Die Haut war, bis auf das geschminkte Gesicht, faltig und fleckig. Sie war nicht nur schlank, sie war mager, die Knochen zeichneten sich deutlich ab, die Rippen, die Schulterblätter stachen hervor. Es war eine überreife Frau, die durch Kleidung, Bemalung und Verhalten ihr wahres Alter geschickt kaschiert hatte. Nun verstand er auch ihre Zurückhaltung, neuen Kunden gegenüber und ihren Wunsch, nur noch Stammkundschaft zu bedienen. Sie merkte, wie er reagierte, wie er sie enttäuscht anstarrte, wieder unschlüssig, was er machen sollte, bleiben oder doch lieber gehen. Es war sicher nicht das erste Mal, dass sie diese demütigende Situation erlebte. Sie blieb aber freundlich, bemerkte nur, dass sie zwar nicht mehr taufrisch, aber durchaus noch brauchbar sei und dass es eben nun mal so sei. Nach dem anfänglichen Schock fügte er sich in die Situation, weil auch er einsah, dass sie nun mal so war, wie sie war, und beschloss mit einem lang gedehnten „aaaaalors, bien“ zu bleiben. Der kritische Augenblick der Wahrheit war überstanden, die Frau seufzte erleichtert auf, wendete sich ihm zu, streichelte ihn sanft und begann ihn mit der Erfahrung einer reifen Frau, die ihr Handwerk versteht, zu verwöhnen. Es war für ihn am Ende sogar ein Erlebnis, wenn auch kein berauschendes und auch kein erotischer Höhepunkt, aber um einen solchen zu beurteilen, fehlten ihm ohnehin die Vergleichsmöglichkeiten. Jedenfalls war er, nachdem sie den Akt auf befriedigende Weise hinter sich gebracht hatten, wieder versöhnlich gestimmt. Und als sie sich beim Weggehen für seinen Besuch höflich bedankte, ihn mit „au revoir monsieur“ verabschiedete und ihn aufforderte, doch einmal wieder zu kommen, murmelte er „peut-être, on vais voir“ oder so etwas Ähnliches und steckte ihr nach kurzem Zögern sogar ein Trinkgeld in den roten BH, genau zwischen die beiden kleinen Brüstchen, die er gar nicht nackt zu sehen bekommen hatte. Aber aufgesucht hat er sie dann doch nie wieder.
Verspätung
Die Anmache
„Like it?“
Die Worte hatte sie nur halblaut hervorgestoßen, aber sie waren nicht zu überhören gewesen und der, für den sie bestimmt waren, hatte sie gehört und auch ihren Sinn verstanden. Als die Frau direkt auf ihn zu kam, ihm direkt in die Augen sah und dann so dicht an ihm vorbei ging, dass er nicht nur die beiden Worte hörte, sondern auch ihren Geruch wahrnahm, ja wahrnehmen musste, eine Mischung aus billigem Parfüm und strengem Schweiß, wusste er, was sie wollte. Der Geruch irritierte ihn mehr als die Worte und der Blick, aber es war kein Wunder, dass sie bei dieser Hitze eine solche intensive Aura um sich verbreitete. Als er sie in dem kurzen Moment des Vorbeigehens anstarrte, hatte er die Schweißtropfen auf ihrer Stirn gesehen, wasserhelle Perlen, in denen sich die Sonne spiegelte, genauso wie in den Gläsern der übergroßen Sonnenbrille. Er wusste, was sie wollte und sie hatte wohl auch gespürt, dass er für ihre Reize empfänglich sein würde, spätestens als er sie diese halbe Sekunde lang anstarrte. Aber vermutlich hatte sie das schon geahnt, als sie ihn auf dem leeren Platz ortete wie er dastand, mit seinem Handy beschäftigt. Nur deswegen war sie so nahe an ihm vorbei gegangen. Er konnte gar nicht anders, er musste sie anschauen und als sie dann seinen hungrigen Blick mehr spürte als wirklich sah, war sie sich sicher. Sie kannte diese Blicke, dieses auf sie gerichtete Starren zu genüge und sie empfand es nicht einmal als Belästigung. Es gefiel ihr, es stärkte ihr Selbstbewusstsein, es gab ihr Sicherheit. Solange Männer sie anstarrten, war sie immer noch attraktiv und das wollte sie sein, das musste sie sein. Sie wusste sehr wohl, dass sie auf Männer wirkte, besonders auf Typen wie diesen, die ständig mit ihren Blicken auf der Suche nach Frauen waren, süchtige Männer in ihren besten Jahren, die keine Gelegenheit ausließen, Frauen zu taxieren, mit Blicken abzutasten und zumindest in Gedanken zu vernaschen. Sie wusste genau, wo diese Männer hinstarrten, erst auf die Beine, dann hoch über die Hüfte zur Taille und zum Busen. Das Gesicht kam zum Schluss dran. Selbst wenn sie von hinten beäugt wurde, spürte sie, wie die Blicke über die wohlgeformten Waden, die strammen Oberschenkel zu dem ausgeprägten Po wanderten, dort kurz verweilten, dann über die Taille und den Rücken zu den schwarzen, halblangen, etwas wuscheligen Haaren. Sie hatte diese Blickabfolge schon so oft beobachtet und gefühlt, an sich selbst, an anderen attraktiven Frauen, manche Männer hatten ihr das auch gesagt, wenn sie zusammengekommen waren. Auch bei diesem Mann hatte sie gemerkt, wie seine Augen fickerig wurden, wie die Pupillen sich weiteten, ein sicheres Zeichen, dass sie es geschafft hatte, seine Gier zu erwecken, seine Geilheit anzustacheln. Dann war sie auch schon an ihm vorbei, blieb aber nach ein paar Metern stehen und drehte den Kopf zu ihm zurück. Der Mann stand immer noch wie festgenagelt, aber er hatte sich voll zu ihr hin gedreht, mit dem ganzen Körper und seine Augen flatterten immer noch, als er sie jetzt, wie vorausgesagt, von hinten abtastete, die Füße, die Waden, die Oberschenkel, den Hintern und nun auch das Gesicht. Sie beobachtete ihn aus den Augenwinkeln und war sich jetzt ganz sicher, dass sie sein Typ war, dass er sie wollte.
Sie dreht sich langsam um, wendet sich ihm zu, nimmt ihre Sonnenbrille ab, schaut ihm direkt in die Augen und wiederholt ihre Frage.
„Like it or not? Like it to come with me?“
Doch der Angesprochene bleibt stumm, gibt keine Antwort, regt sich nicht, starrt sie weiter an, direkt, unverhohlen, das Handy immer noch in der Hand, aber es ist nicht mehr interessant. Da er sich gar nicht rührt und keine Antwort gibt, ist sie sich auf einmal doch nicht mehr ganz sicher, ob er bereits angebissen hat. Um ihre Attraktivität zu erhöhen, setzt sie ihr verführerischstes Lächeln auf, ihr unwiderstehliches, nicht ganz perfektes Lächeln, denn zwischen ihren oberen Schneidezähnen klafft eine deutliche Lücke. Diese Lücke ist ihr unangenehm, passt nicht zu der Schönheit, die sie verkörpern möchte, aber sie ist da, war von Geburt an da. Es ist kein Zahn, der fehlt, sondern eine natürliche, breite Lücke, die ihr aber nicht gefällt und wenn sie merkt, dass ihr jemand auf den Mund schaut, zieht sie die Oberlippe über die Zahnreihe und verdeckt so diese Lücke. Aber sie denkt nicht immer dran und wenn sie lächelt oder wenn sie spricht, sieht man die Zähne und natürlich auch die Lücke. Der schwitzende Mann stört sich nicht an der Lücke, obwohl sie ihm auffällt, denn alles andere ist verdammt verführerisch an dieser Frau. Sie ist groß und schlank, hat ausgeprägte Körperformen, lange, nackte Beine, die Füße in roten High-heels, kräftige Hüften, einen ausgeprägten Po, eine schmale Taille, einen formidablen Busen und wilde Haare. Das Schönste aber ist, findet der Mann, dass diese ganze Pracht aus feinster Schokolade besteht: Schoko mit Sahne, Edelbitter und zugleich extra süß, genau sein Geschmack. Er ist verrückt nach solchen Frauen und diese hier kommt seiner Traumfrau verdammt nahe.
„Why you not come with me?“
fragt sie ihn nun mit einer leicht rauchigen Stimme und dabei tänzelt sie ein wenig auf der Stelle, macht ein Schrittchen vor, dreht sich halb von ihm weg, wackelt mit dem Hintern. Was für ein Hintern in diesen engen, kurzen Jeans, fest, rund, nicht zu groß, nicht zu klein, einfach perfekt. Dann wieder ein Schrittchen zurück, die halbe Drehung zurück, zu ihm hin, um ihm nun den Oberkörper provokativ hinzurecken und den Busen vorzustrecken. Diesen formidablen, festen Busen in dem schwarzen T-Shirt mit dem großen, pinkfarbenen Dreieck auf der Brust, dessen Spitze nach unten zeigt und um das herum in in großer Schrift steht: „Have you yet done it today? If not – come“. Doch auch das Busenrecken bewirkt immer noch nicht, dass er reagiert, obwohl sie genau sieht, wie sein Blick auf ihren Brüsten hängen bleibt. Sie verstärkt ihre provokativen Bewegungen, ein erneutes Zucken mit dem Oberkörper, ein zusätzliches Wackeln mit dem Hintern und ihr Lächeln ist noch einen Tick verführerischer. Jetzt endlich, grinst er zurück, ein wenig dämlich, so wie Männer grinsen, wenn die Traumfrau ihnen unerwartet gegenüber steht und sie nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Sein Blick ist nun ganz auf ihrem Gesicht angekommen. Es ist schmal, mit hohen Backenknochen, aber nicht ganz so attraktiv wie ihre Figur. Sie sieht etwas verlebt aus, denkt er, nicht mehr ganz taufrisch, aber durchaus hübsch, keine Frage. Sie hat eine überraschend gerade Nase, schmale Lippen, eine hohe Stirn und sehr schöne, sehr dunkle, sehr geheimnisvolle Augen mit langen Wimpern und gezupften Brauen. Jetzt, nachdem sie die große Brille abgenommen hat, fallen ihm auch die beiden kleinen, parallelen Narben auf der Stirn über dem linken Auge auf. Sie sind deutlich zu sehen stören ihn aber nicht, genauso wenig wie die Zahnlücke, die jetzt auch deutlich sichtbar ist, weil die Frau nun ständig lächelt. Äthiopien denkt er oder Somalia, ein Gesicht wie diese Wüstenblume in dem Film, den er erst neulich gesehen hat. Was das wohl für Narben auf ihrer Stirn sind? Sie sind symmetrisch angeordnet, vielleicht Schönheitsnarben oder doch Messerstiche, Unfallverletzungen? Vielleicht musste sie aus ihrer Heimat fliehen und hat sich die Verletzungen auf der Flucht zugezogen. Vielleicht wurden sie ihr von einem dieser Schlepper verpasst, von denen man so viel liest. Die Narben und die Zahnlücken sind kleine Makel, die diese Frau noch rätselhafter, noch interessanter machen.
Als er ihr jetzt direkt in die Augen schaut, weiß sie, dass sie gewonnen hat. Er hat angebissen, denkt sie und nun erst taxiert sie ihn genauer. Passt er? Ist er einer, den sie sucht? Mittleres Alter, schlank, gut angezogen. Trotz der Hitze trägt er einen dunklen Anzug und hat dazu noch eine Krawatte umgebunden, pink mit einer lächerlichen Figur. Sie sieht seine teure Armbanduhr, die Ringe an den Fingern. Er hat bestimmt Geld und einen ordentlichen Beruf und ordentliche Manieren. Sonst hätte er doch wenigstens die Jacke ausgezogen bei dieser Affenhitze und die Ärmel seines weißen Hemdes hochgekrempelt. Ja, er passt. Den will sie. Sie muss ihn nur noch ein ganz klein wenig anstoßen, noch ein kleiner Kick, dann hat sie ihn, diesen geilen Typ, dem gleich der Sabber aus dem Maul triefen wird und dessen Blick sich wieder von ihren Augen gelöst hat und über ihre nackten Arme, den steilen Busen, zur Taille, zur Hüfte, zu den braunen Beinen hinab wandert, auf der verführerischen Haut verweilt: Ritter Sport Vollmilch Nuss oder doch eher Zartbitter?
Während er sie immer noch abtastet, wartet sie, dass er endlich zustimmt, ihr Werben annimmt, ein Kopfnicken, ein bestätigender Blick, eine eindeutige Handbewegung, ein Schritt auf sie zu, ein Wort. Sie stemmt nun die Hände in die Hüften, schlanke Hände mit kunstvoll bemalten Nägeln und etlichen Ringen und deutet damit eine gewisse Ungeduld an. Sie ist irritiert, weil er offensichtlich immer noch nicht so recht weiß, dass auch er will. Dieser Lahmarsch, dieser Penner, denkt sie, traut sich einfach nicht am helllichten Tag.
Auch der Mann weiß, dass er sich entscheiden muss, dass er nicht ewig so dastehen und dieser Frau nachsehen kann. Soll er sie ansprechen, soll er auf ihre eindeutige Aufforderung eingehen? Sie will doch, dass er mitgeht, irgendwo hin, in ein abgedunkeltes Zimmer, in ein billiges Hotel oder in eine Absteige, für eine halbe Stunde oder noch weniger. Sie will, dass er mitkommt, sie will sein Geld, das ist doch klar, nicht ihn, nur sein Geld und eigentlich will er auch, seine Hormone, die in ihm wallen, drängen. Aber es geht nicht, nein, jetzt geht es nicht, denn eigentlich hat er gar keine Zeit für so was, für so eine. Er schaut auf seine Omega. Es ist kurz vor vier. Okey, er hat noch ein wenig Zeit, um diese Frau noch ein Weilchen anzuglotzen, aber nicht genug, um mit ihr zu gehen, nicht, um das zu machen, was sie will, was er will, was beide wollen. Denn eigentlich ist er auf dem Weg zum Bahnhof, um seine Frau abzuholen. Er muss nur noch durch die Unterführung zu den Gleisen und dann auf den Bahnsteig. Es ist nicht mehr weit, keine fünf Minuten. Er hatte seiner Frau dummerweise versprochen, selbst zu kommen, statt ihr zu sagen, sie solle ein Taxi nehmen. Seine Frau verlässt sich darauf, dass er sie abholt. Er kennt sie ja zu genüge, sie legt großen Wert auf solche Dinge, abgeholt oder weggebracht, begrüßt oder verabschiedet zu werden. Diese Rituale sind immer noch wichtig, obwohl es sonst nicht mehr zum allerbesten steht zwischen ihnen beiden. Aber das erwartet sie jetzt, sie wartet auf ihn und er muss rechtzeitig am Zug sein, sonst gibt es Ärger und Ärger kann er sich nicht leisten, nicht mit seiner Frau. Schade. Tschüss Schokomietze.
Er dreht sich langsam um, setzt seinen Weg fort in Richtung Bahnhof, aber seine Gedanken kreisen nur noch um die Schokomietze, die so verführerisch, so verdammt verführerisch da stand und wohl immer noch da steht und ihn einlädt, sie am hellen Nachmittag zu vernaschen. Er schaut noch einmal auf die Uhr, immer noch kurz vor vier, wie könnte es auch anders sein. Dann merkt er, dass er das Handy immer noch in der Hand hat. Was wollte er eigentlich? Die Uhrzeit kannte er doch. Ach ja, den Bahnsteig, den kannte er noch nicht. Doch anstatt das Handy nun zu benutzen, dreht er sich im Gehen noch einmal kurz um, ein letzter Blick, ein letztes kurzes visuelles Vergnügen und tatsächlich wartet sie immer noch, mittlerweile ein Dutzend Meter entfernt. Soll sie warten, diese schwarze Nutte, denkt er, die ja doch nichts anderes will, als ihn zu verführen, abzuschleppen und vermutlich auch auszunehmen. Das tun doch solche Weiber. Die stellen sich doch nicht bei dieser elenden Affenhitze auf die Straße, nur um ein paar müde Euro zu kassieren. Die wollen doch mehr als ein paar Kröten für eine schnelle Viertelstunde. Warum treibt sie sich um diese Zeit überhaupt hier herum? Abends, nachts, ja, okey, da verirren sich schon mal ein paar Bordsteinschwalben auch in diese Gegend, obwohl sie es nicht dürften, aber das einschlägige Viertel ist ja ganz nahe. Dort sitzen sie in den Bars, stehen an den Straßenecken und in den Hauseingängen. Aber jetzt, hier? Am helllichten Tag, am sonnigen Nachmittag, direkt hinter dem Bahnhof? Wenn die Polizei merkt, dass sie Passanten anmacht, ist sie rasch weg, ganz fix geht das, und wenn die sehen, dass er mit ihr anbandelt, kriegt auch er noch Ärger. Aber den Cops ist es jetzt auch zu heiß. Die kommen bestimmt nicht. Überhaupt, was glaubt die eigentlich, wer um diese Zeit Lust auf sie hat.
Doch während die eine Hirnhälfte alles zusammenkramt, was gegen eine schnelle Viertelstunde spricht, fragt die andere „warum eigentlich nicht“. Er bleibt stehen. Wenn ich mich beeile, könnte es doch etwas werden mit der halbbitteren Schokolade. Aber wirklich maximal eine Viertelstunde, ein rascher Quickie, mehr geht nicht und dann zurück im Schweinsgalopp und auf den Bahnsteig. Dabei wird es ihm bestimmt noch heißer, erst diese vermaledeite Sommerhitze, dann das heiße Weib, das wilde Kopulieren auf dem heißen Bett und anschließend zum Bahnhof rennen, damit er noch rechtzeitig ankommt. Sein Frau wird auf jeden Fall merken, dass mit ihm etwas nicht stimmt, dass er sich verausgabt hat, total verschwitzt sein wird. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn, will zugleich auch seine Gedanken wegwischen, aber er kann nicht verhindern, dass sie pendeln, zwischen Zug und Schoko, hin und her, zwischen Pflicht und Verlangen. Was soll der Quatsch, sagt die Kontra-Hirnhälfte. Du hast doch gar keine Zeit. Der Zug kommt um halb fünf und jetzt ist es schon gleich vier. Wann war das noch genau? Sechzehn Uhr dreiunddreißig? Ja, sechzehn Uhr dreiunddreißig, nur das Gleis musste er noch nachschauen. Also noch eine gute halbe Stunde. Du musst pünktlich da sein, unbedingt. Quatsch, sagt die Pro-Hirnhälfte, du hast genug Zeit für ein bisschen Spaß, für diesen Quickie am Nachmittag. Was ist schon dabei? Das merkt doch niemand, deine Frau schon gar nicht. Außerdem haben die Züge doch regelmäßig Verspätung, bestimmt noch mal eine Viertelstunde und wenn sie ein paar Minuten warten muss, wird sie auch nicht sterben. Du kannst ja behaupten, keinen Parkplatz gefunden zu haben, das stimmt doch immer. Also, die Zeit ist kein Problem und die Hitze auch nicht. Wenn du es erst mal hinter dir hast, kühlst du rasch ab. Tu es einfach.
Während ihm so langsam klar wird, wer verloren hat und dass er nur noch mit dem Kopf nicken muss, wartet die Frau weiter auf genau diese eindeutige Reaktion, auf die längst überfällige Zustimmung. Zunehmend ungeduldig denkt sie genauso wie er, an die Zeit, die verstreicht und den möglichen Ärger, den sie bekommen kann. Hier ist um diese Zeit nicht viel los und es fällt sofort auf, wenn sie sich so provokativ anbietet. Sie hat sich schon viel zu lange um diesen Typ bemüht. Nur noch eine Minute, denkt sie, wenn du dann immer noch nicht weißt, was du willst, geh ich, dann kannst du mich mal am Arsch, du Arsch. Nur noch eine Minute und wenn du dann nicht kommst, suche ich mir einen anderen. Aber wen? Es sind nicht viele geeignete Männer um diese Zeit hier auf der Straße und der hier ist genau der, den ich brauche, so wie der nach mir giert und mich anglotzt, so wie der aussieht und förmlich nach Geld stinkt. Als letzte Aufforderung noch ein Tanzschrittchen, eine kurze Drehung der Hüfte, ein leichtes Arschgewackel, den Busen noch ein wenig weiter vorstrecken und zum wirklich letzten Mal diese rauchige, heisere, verführerische Stimme.
„Schatzi, come on, let's go!“
Die Minute ist um. Das Signal ist ausgeblieben. Sie dreht sich von ihm weg, geht davon, im Catwalk, jedes Bein vorsichtig aufsetzend, wegen dieser bescheuerten High-heels.
„Moment, mach mal langsam. You wait! Understand?“
Sie bleibt stehen, dreht sich wieder zu ihm hin. Er kramt sein Handy aus der Hosentasche. Drückt auf den App mit dem Zugfahrplan. Der Akku ist fast leer, die Anzeige schwach, aber er erfährt noch, dass der Zug tatsächlich Verspätung hat. Ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Eine Viertelstunde bis zwanzig Minuten hat er zusätzlich. Müsste eigentlich reichen. Jetzt ist es kurz nach vier, noch eine halbe Stunde, dazu die zwanzig Minuten, macht fünfzig, das ist ja fast eine Stunde, das reicht auf jeden Fall, sonst wird es eh zu teuer. Solche Nutten kommen ja immer schnell zur Sache, die verdienen mit den Quickies mehr als mit stundenlangem Getue. Die haben ja nur Zeit, wenn sie Geld sehen, doch von ihm werden sie nur das Nötigste bekommen, nur das, was unumgänglich ist. Er steckt das Handy wieder ein. Fasst an sein Portemonnaie in der Hosentasche. Gut, dass er noch am Bankautomat war. Was die wohl kostet?
„Wie viel? Wie viel willst du? Understand? How much money?“
„No much money. No problem. Come on. Love first. Business later. Come on Schatzi.”
Jetzt weiß sie, dass sie gewonnen hat. Er wird hinter ihr her schleichen, wie ein Pudel an der Leine. Und wenn er das doch nicht macht, hat sie Pech gehabt. Sie kann und will nicht mehr investieren, weder an Zeit noch an Geduld noch an Überredung. Sie dreht sich um und wackelt davon, mit diesem erotisch unterkühlten, durch die Schuhe bedingten Staksen und Balancieren, diesem ständigen Zwang, auf die Unebenheiten der Straße zu achten, um ja nicht umzuknicken. Schon deswegen kann sie nicht zurückblicken.Es ist aber auch nicht nötig, denn er trottet tatsächlich hinter ihr her, im sicheren Abstand, sich betont unbeteiligt gebend, aber gekettet und mitgezogen von diesem erotischen Magneten, der ein paar Meter voraus, ihn unbeirrt anzieht. Seine Gedanken kreisen nicht mehr um den Zug, den er rechtzeitig erreichen muss, nur noch um diese Frau, die er nun fast erreicht hat und bleiben dort hängen, wo männliche Blicke und Gedanken meistens enden: Arsch, Busen, Beine.
Sie geht, aber nicht dahin, wo er meinte, dass sie hingehen müsse. Nicht in Richtung des Viertels mit den etwas verwahrlosten Häusern, den maroden Hauseingänge, den etwas heruntergekommenen Straßen. Sie steuert keine von den Bars an, in der um diese Zeit vermutlich nur halbtote Fliegen anzutreffen sind und schon gar nicht zu der Gasse mit den Schaufenstern, die er manchmal aufsucht. Dass diese Frau ihn dorthin lotsen würde, hatte er auch nicht erwartet. Das ist keine, die sich in ein Schaufenster setzt, denkt er. Vielleicht würde sie ja gerne dort ihr Geld verdienen, hat aber keinen Platz bekommen oder mit ihren Papieren stimmt etwas nicht. Wenn alles legal und in Ordnung wäre, müsste sie doch nicht am hellen, heißen Nachmittag auf der Straße anbaggern. Sie stelzt weiter vor ihm her, mit diesen roten Waffen, die sich Schuhe nennen und diesen endlosen braunen Beinen, diesem knackigen Hintern, der rhythmisch in den viel zu kurzen Jeans wackelt, mit der schmalen Taille, dem dunklen T-Shirt, der schwarzen Mähne. Sie zieht ihn nach sich, ganz mechanisch, ganz automatisch, wie ein Kind ein Spielzeug auf Rädern an einem Bindfaden hinter sich her zieht. Ihm wird noch heißer. Der Schweiß rinnt ihm von der Stirn. Sein Hemd klebt. Die Anzugjacke ist viel zu schwer. Warum hat er die nicht im Auto gelassen? Warum hat er eigentlich immer noch die pinke Krawatte um mit der lächerlichen Mickymaus? Wo will sie denn hin? Wir kommen ja aus der City raus. Das Viertel ist doch hier schon zu Ende und die Brache fängt an, die Industriegegend. Hierher verirrt sich doch kein Mensch. Aber sie stolziert unbeirrt weiter. Er ist verunsichert, zögert. Soll er doch lieber zurück? Folgt ihr aber dennoch, als sie um eine Ecke biegt. Doch auch dann ist das Ziel noch nicht erreicht. Welches Ziel? Hier gibt es doch kaum noch Häuser. Durch sein Zögern hat sie sich ein beträchtliches Stück von ihm entfernt. Wo hat die nur ihre Bleibe, ihre Wohnung, ihren Arbeitsraum oder nennt man das Atelier? So weit hat er sich den Weg nicht vorgestellt. Und er muss das alles wieder zurück, das wird eng, verdammt noch mal. Wenn er das geahnt hätte, wäre er nicht mitgegangen. Er schaut auf die Uhr. Aber es sind erst fünf Minuten vergangen, es ist erst zehn nach vier. Er hätte gewettet, dass er schon eine Viertelstunde hinter ihr her läuft. Trotzdem ist es lang und dazu diese Hitze. Eigentlich lohnt sich das ganze Unternehmen gar nicht mehr. Wenn er dann noch den Zug verpasst, Mann oh Mann, dann gibt es Ärger. Parkplatz kommt ihm wieder in den Sinn. Kein Parkplatz ist immer gut als Ausrede für das Zuspätkommen. Das muss sie einfach schlucken, selbst bei dieser Hitze sind am Bahnhof alle Plätze belegt und freie Parkplätze kann man nicht einfach herbeizaubern. Er atmet wieder etwas freier, aber das lange Gehen ärgert ihn und die Hitze und dass er sich überhaupt auf das Abenteuer eingelassen hat, anstatt in einem Stehimbiss im Bahnhof ein kühles Bier zu trinken.
Er ist drauf und dran, einfach umzudrehen, doch da biegt die Frau auf einen Platz ein, einen kleinen, verlassenen Platz mit vielen Büschen und Bäumen am Rand, ein Platz, der wohl als Parkplatz dient, aber jetzt weitgehend leer ist. Sie dreht sich um und wartet, bis er bei ihr ist.
„Alles klar? We are here.“
Sie fasst seine Hand an. Fasst ihn zum ersten Mal an. Er ist baff. Parkplatz. Um diese Zeit. Parkplatz ist doch nur nachts gefragt, bunte Neonröhren an Wohnwagen oder auf dem Dach von Kleinwagen. Sie lässt ihm keine Zeit zum Nachdenken, zieht ihn an der Hand mit, steuert ein Wohnmobil an. Älteres Modell, Typ Kastenwagen, sehr schmutzig, voller Sand und Lehm. Vielleicht war das Fahrzeug einmal weiß. Das Kennzeichen ist total verdreckt, Buchstaben oder Zahlen sind nicht zu erkenne. Auffällig ist nur ein Aufkleber am Heck mit einem Elch, so einer, wie sie Urlauber aus Skandinavien mitbringen. Er ist leicht verwirrt. Will die, dass ich mit ihr in diesem alten Kasten bumse? Glaubt die, dass ich da rein gehe? Liebe im Campingwagen, so etwas hat er sich nicht vorgestellt. Da drin muss es doch verdammt eng und unbequem und erst recht heiß sein. Hat er es nötig, in einem Campingwagen zu ficken? Aber die Gier hat ihn wieder fest im Griff, nachdem die Frau ihn an die Hand genommen hat und er ihre überraschend raue Handfläche in seiner spürt. Und außerdem sollte der ganze Aufwand, der ganze Anmarsch umsonst gewesen sein? Während er noch zögert, hat „die“ einen Schlüssel aus ihren Jeans gekramt und öffnet die Schiebetür auf der Beifahrerseite, steigt ein, reicht ihm wieder die Hand und zieht ihn die kleine Treppe hoch. Beim Einsteigen fällt ihm noch etwas an dem Campingbus auf, aber es bleibt ihm keine Zeit, es sich einzuprägen. Er weiß später nicht einmal genau, was es war, denn die Frau, die ihn zu sich hoch gezogen hat, begrüßt ihn nun sehr freundlich.
„Come in Schatzi. Welcome in my home.“
Innen ist tatsächlich noch heißer, dazu ist die Luft stickig und es müffelt irgendwie, vielleicht nach alten Klamotten oder ungewaschenen Socken. Nach dem hellen Sonnenlicht ist es zudem sehr dunkel, anfangs sieht er gar nichts und er beginnt noch stärker zu schwitzen. Sein Taschentuch, das er sich an die Stirn hält, kann den Schweiß schon längst nicht mehr aufnehmen. Die Frau hat seine Hand losgelassen, knipst eine Lampe an und schließt die Tür. Rotes Licht natürlich. Er schaut sich um. Direkt gegenüber der Schiebetür ist ein ziemlich schmales Bett, in Richtung der Fahrerkabine eine Art Küchenzeile und am Heck ein Fenster mit einem dichten Vorhang. Von außen dringt kein Licht in den Raum. Aber das vorhandene Licht reicht aus, um sich jetzt auf die Frau zu konzentrieren. Die hat sich auf das Bett gesetzt. Sie weiß wohl, dass sie keine Zeit verlieren dürfen, dass es jetzt flott gehen muss. Hat er ihr eigentlich schon gesagt, dass er nur ganz wenig Zeit hat? Er sieht nun ganz deutlich, dass sie auch schwitzt, fast noch mehr als er. Er sieht die Schweißperlen auf ihrer Stirn und auf dem üppigen Dekolletee.
„Get off cloths. So hot here.“
Sie selbst macht keine Anstalten, die paar Sache abzulegen, die sie an hat. Stattdessen fragt sie.
„Some drink?“
Er schüttelt den Kopf. Er hat zwar Durst, will aber nicht mit überhöhten Preisen verarscht werden. Er denkt an den teuren, minderwertigen Sekt, der in mittelmäßigen Nachtbars ausgeschenkt wird und den man gefälligst spendieren muss, um mit einer der Damen überhaupt zu reden und den man reichlich bestellen muss, um vielleicht ein bisschen zu knutschen. Das kennt er, das hat er schon mitgemacht, diese Erfahrung reicht. In einer Nachtbar ist der Sekt teuer, aber wenigstens kalt. Hier, in dem heißen Bus, kann sich doch kein Getränk der Hitze entziehen. Andererseits plagt ihn der Durst, sein Mund ist trocken, nicht nur wegen der Hitze. Die unmittelbare Nähe der Frau, der Geruch ihres Parfüms, ihres Schweißes, die Berührung ihrer Hand, die Erwartung, was gleich geschehen wird, das alles macht ihn noch heißer, noch durstiger. Als sie die Frage wiederholt und noch ein „really“ dran hängt, nickt er und wischt sich wieder die Stirn ab. Wie kann man es bei dieser Hitze nur in so einer Karre aushalten, geht es ihm durch den Kopf. Wie kann man es überhaupt in so einer Karre aushalten? Dann fällt ihm ein, dass er eine wichtige Sache immer noch nicht geklärt hat.
„Wie teuer, das Vergnügen? Alles zusammen. Drink and sex. How much? Only short time, only a quicky, you understand. No much time. Train is coming. I need go to station. So, hurry up, please!“
„Yes, yes. Alles klar. Softdrink no money. All inclusive. So hot here. Coke? Get off cloths!“
Wenigstens will sie ihm keinen Sekt andrehen. Er zieht endlich die Jacke aus und löst die Krawatte, legt sie aber noch nicht ab. Die Frau steht auf, öffnet einen Minikühlschrank in der Küchenzeile, nimmt eine Cola und zeigt ihm die Dose. Er nickt wieder. Sie verteilt den Inhalt auf zwei Pappbecher und reicht ihm einen. Er nimmt einen tiefen Schluck. Die Cola ist bestenfalls laukalt, schmeckt fade und beschissen. Er weiß gar nicht, wann er seine letzte Cola getrunken hat. Er mag das süße Zeug nicht, besonders dann nicht, wenn es warm ist, aber zumindest ist der Mund nicht mehr so trocken. Die Frau setzt sich wieder auf das Bett, deutet mit der Hand an, dass er sich auch setzen soll und rückt sofort ganz nahe an ihn heran. Eine Hand hält den Pappbecher, die andere wandert auf seinem Rücken herum, hinab zu seinem Gesäß, dann finden sie den Weg auf einen seiner Oberschenkel und tastet sie sich weiter vor, in Richtung seiner Männlichkeit. Die Hand findet sein steifes Glied, ohne aber die Hose zu öffnen, greift, presst, drückt. Es ist ihm schon fast unangenehm, wie sie da an ihm herum grapscht, aber es tut dennoch gut. Doch das Vergnügen ist nur kurz, sie zieht die Hand rasch wieder ab und gibt ihm dafür einen leichten Kuss auf die Wange. So abrupt, wie sie sich an ihn geschmiegt hat, wie sie sich im wahrsten Sinne des Wortes, an ihm vergriffen hat, so plötzlich lässt sie auch wieder von ihm ab und rückt ein Stückchen von ihm weg, dabei fordert sie ihn erneut auf, sich endlich ganz auszuziehen, ohne aber selbst etwas abzulegen. Er nimmt nun die Krawatte vollends ab, streift sein feuchtes Hemd über den Kopf, ohne die Knöpfe zu öffnen, zieht die Schuhe aus, behält aber die Socken an. Schließlich steht er noch einmal auf, zieht die Hose aus und setzt sich wieder auf das Bett. Nun ist er fast nackt bis auf die Unterhose und eine schwere Goldkette um den Hals, die erst zum Vorschein kam, nachdem er das Hemd abgestreift hatte, eine echte Strizzikette, wie sie Zuhälter und Angeber lieben. Außerdem hat er noch vier Ringe an den Fingern, ein Ehering und drei von ähnlicher Scheußlichkeit und natürlich die vergoldete Omega, aber diese Dinge kann man ja nicht zur Kleidung rechnen.
„Und du? Auch nackig, oder? You striptease, please.“
Sie bleibt auf dem Bett sitzen und lacht.
„Yes, wait. We have time. Drink. Good for you, Schatzi. Relax a moment. You will need much power to make me happy.“
Er nimmt noch einen Schluck, dann sagt er laut und scharf:
„No time. No relax. Keine Zeit. Ich muss zum Bahnhof. Verstehst du. Keine Zeit. Next time more time. Aber jetzt not. Also mach schon.“
Sie erschrickt über seine heftige Reaktion, stellt endlich den Becher auf den Boden und streift sich das T-Shirt über eine Schulter, sodass ihr BH zur Hälfte sichtbar wird. Er ist sehr rot, signalrot und sehr knapp, einer vom Typ Push-BH, einer der die Brüste steil nach oben presst. Sie holt eine dieser gepressten Brüste aus dem Körbchen, legt aber sofort ihre Hand darauf, bedeckt sie, als ob sie dieses ausgeprägte Merkmal ihrer Weiblichkeit schützen müsse. Dann regt sie sich erst mal gar nicht, bleibt wie angenagelt sitzen. Er schaut sie erstaunt an und diese kurze Pause, diese erzwungene Konzentration führt dazu, dass er auf einmal ihren Geruch wieder deutlich wahrnimmt. Die Frau riecht noch süßlicher und strenger als beim flüchtigen Vorbeigehen, eine Mischung aus aufdringlichem Parfüm und starkem Schweiß. Der Geruch bewirkt, dass seine Gedanken den engen Bus verlassen und hinaus wandern, zu seiner Frau, die auf ihn wartet, obwohl der Zug noch unterwegs sein müsste. Dieses Scheissparfüm, denkt er einen Moment lang, wie bekomme ich das nur wieder los? Meine Frau riecht das bestimmt sofort. Ich kann mich doch nicht mehr duschen. Auf einmal ekelt er sich fast und denkt nur noch, dass eine Dusche ihnen beiden guttäte. Aber diese Gedanken verdrängt er rasch wieder. Hier gibt es keine Dusche und duschen wäre nur Zeitverzögerung. Er wird sich etwas einfallen lassen müssen, darin ist er ja geübt. So konzentriert er sich wieder auf den Anblick der Frau mit der marginal geschützten Brust und fühlt, wie er sich weiter erregt vielleicht durch diese verdammte Duftmischung oder wegen der Enge und der Hitze, auf jeden Fall aber wegen der direkten Nähe und der Erwartung, dass der Höhepunkt bald auf ihn zukommen wird, auf sie beide zukommen wird. Und tatsächlich wird die Frau wieder aktiv. Sie hält zwar ihre eine Hand immer noch vor die Brust, aber mit der anderen tastet sie erneut nach seinen Oberschenkeln und er spürt, wie ihre raue Handfläche auf seiner nackten, feuchten Haut hin und her fährt. Die Berührung kitzelt ihn und das Gefühl Haut auf Haut erregt ihn zusätzlich. Trotz der leichten Blindheit, die mit dem Zustand der Erregung verbunden ist, fallen ihm nicht nur die Ringe an ihren Fingern auf, sondern auch eine Tätowierung auf dem Handrücken, die ihm bisher entgangen war. Es ist eine Art Insekt, nein, das Vieh hat acht Beine, eine Spinne, eine Tarantel. Schwarze Spinne auf brauner Haut. Die Hand mit der Tarantel ist schmal und die Fingernägel sind lang und kunstvoll lackiert, jeder Nagel hat eine andere Farbe und ein anderes Motiv. Das Nagelstudio muss gut verdient haben, geht es ihm durch den Kopf. Not scheint diese Schöne nicht zu leiden. Sein Blick löst sich von der Hand und wandert wieder in Richtung Busen und zu der zweiten Hand hin. Auch die hat Ringe und lackierte Nägel, aber keine Tätowierung. Aber das interessiert ihn nicht so sehr. Er stört sich, dass er die freie Brust immer noch nicht sehen kann, dass sie sozusagen immer noch nicht freigegeben ist. So kann es nicht bleiben, denkt er und schiebt mit seiner freien Hand das Hindernis beiseite und fasst nach dieser Brust, grapscht nach ihr und beginnt sie zu drücken. Sie lässt es sich gefallen, entzieht sich ihm nicht weiter und auf einmal weiß er, warum sie so zurückhaltend war, sich so schamhaft gab. Der große Busen fühlt sich ohne das Stützkorsett verdammt schlaff an und auch seine hochgeputschte Gier bekommt dadurch einen kleinen Dämpfer. Die Frau lacht bei der Berührung auf, gurrend, kehlig, gekünstelt, verlegen, doch wie zur Ablenkung oder als Wiedergutmachung hat ihre tätowierte Hand erneut den Weg zu seinen „most private parts“ gefunden, zerrt an seiner Unterhose, zieht sie über die Oberschenkel und beginnt sein steil aufgerichtetes Glied zu drücken und daran zu zupfen, es zu massieren und zu karessieren, als ob sie mit einem billigen Handjob rasch zum Ende des Geschäfts kommen wolle.
Damit ist er natürlich nicht einverstanden, stellt den Pappbecher mit dem Rest der lauen Cola auf den Boden, um auch die zweite Hand freizuhaben, um die Frau an sich zu ziehen, um sie zu drücken und seinem Drang nach Nähe, Nähe, Nähe nachzugeben. Zugleich fordert er sie auf, sich endlich auch auszuziehen, damit sie vorankämen. Doch er erreicht das Gegenteil, denn statt auf seine Forderungen einzugehen, wendet sie sich plötzlich von ihm ab, zieht ihre Hand aus seinem Intimbereich zurück und steht auf. Er ist irritiert, noch mehr Schweiß bricht aus und rinnt an ihm herunter, zugleich wird sein Mund wieder trocken. Warum lässt sie ihn ausgerechnet jetzt sitzen, als sein Ziel in greifbarer Nähe ist und sein Verlangen dem Höhepunkt zustrebt, jetzt, da sein Prachtstück ungeduldig wird, an Größe nicht mehr zu überbieten ist und nach Erlösung drängt.
„Come on. Leg dich hin. Mach schon“, stöhnt er, aber sie legt sich nicht hin, statt dessen verstaut sie die Brust wieder in dem Körbchen, geht zu der Schiebetür und öffnet sie.
„One moment please. Need pipi. Wait please, Schatzi.“
Bevor er protestieren kann, sie zurück halten kann, sie auffordern kann, später zu pinkeln, danach, wenn sie fertig sind, ist sie schon halb draußen, dreht sich aber noch einmal zu ihm um und schaut ihm nun direkt in die Augen.
„Wait a second. Then it will be nice. You and me. Fucky, fucky.“
Er schaut ihr belämmert nach und ruft ihr noch zu, sie solle sich bloß beeilen, er habe keine Zeit und das habe er doch deutlich gesagt. Doch dann wird die Tür zugezogen. Wozu? Damit er nicht sieht, wie sie sich irgendwo hinhockt? Er wartet. Nichts passiert, nur seine Erregung klingt ab. Er schaut auf seine Uhr. Fünf nach halb vier. Er wird zu spät kommen, selbst wenn es jetzt vollends schnell geht, wenn es überhaupt noch geht. Die Gedanken an seine Frau haben die an diese Frau mit ihrem Harndrang verdrängt. Irgendwas wird er sich einfallen lassen müssen. Parkplatz ist vielleicht doch nicht so gut. Besser dringender Anrufe im Büro, im letzten Moment, gerade als er gehen wollte. Ja, das ist besser. Und dass er seine Frau nicht angerufen und sein Zuspätkommen angekündigt hat, lässt sich mit dem leeren Akku vom Handy begründen, das wäre ja nicht einmal gelogen. Wo bleibt nur die Tussi? Die wird sich noch die Seele aus dem Leib pinkeln. Die Tür bleibt zu, das schwarze Glück kommt nicht zurück und seine Erregung ist jetzt gar nicht mehr vorhanden. Er flucht, wie soll er jetzt wieder auf Touren kommen. Wie soll er das in den paar Minuten schaffen, die ihm noch bleiben. Er steht auf, will einen Blick aus dem Heckfenster hinaus werfen, schauen, wo sie ist, ob sie immer noch in den Büschen hockt, doch in diesem Moment wird der Motor angelassen und der Wagen setzt sich rumpelnd in Bewegung.
Der Waldweg
„Was soll der Scheiß“, brüllt er und will die Tür öffnen. Doch es geht nicht, sie rührt sich nicht, sie ist abgeschlossen, er ist eingeschlossen. Er geht zum Fenster und zieht einen der Vorhänge zur Seite. Das Fenster ist von außen mit dunkler Folie beklebt, es lässt sich nicht öffnen. Er trommelt an die Wand zur Fahrerkabine. Brüllt sich die Seele aus dem Leib. Als Antwort wird das rote Licht ausgeschaltet und es ist nun stockdunkel in dem Kabuff. Er versucht sich nochmals an der Tür, an dem Fenster. Beide sind sehr stabil. Der Wagen fährt, erst langsam, dann schneller, dann merkt er, dass es kurvig wird. Ein paarmal hält der Bus, fährt kurz darauf wieder an, er hört andere Autos, laute Startgeräusche, es müssen wohl Ampeln gewesen sein. Irgendwann hat der Wagen die Stadt anscheinend verlassen, denn jetzt fährt er gleichmäßig, nur selten Kurven, keine Stopps. Er flucht weiter, trommelt, rüttelt. Die Hitze wird immer unerträglicher. Genauso wie die Gedanken an seine Lage, an die Probleme, die auf ihn zukommen werden, seine Frau, sein Auto, Polizei. Erschöpft setzt er sich auf das Bett. Da fällt ihm sein Handy ein, vielleicht geht es doch noch, vielleicht ist noch genug Saft im Akku, um die Polizei anzurufen. Doch das Display zeigt nur noch einen matten Schein, eine Verbindung zur Außenwelt nicht mehr möglich. Er tastet die Taschen seines Anzugs ab. Es ist noch alles da, der Geldbeutel, die Brieftasche, der Schlüsselbund mit Auto-, Wohnungs-, Büroschlüssel, sogar der Parkschein für sein Auto. Dann zieht er die Hose an, die Socken, die Schuhe, das Hemd, nur das Jackett nicht. Er schaut auf die Uhr, die Leuchtziffern glimmen. Der Zug ist schon längst angekommen, trotz Verspätung, aber das ist im Moment nicht sein Problem.
Eine halbe Stunde später, oder war es eine Stunde, fühlt er, wie der Wagen langsamer wird und schließlich in einer engen Kurve abbiegt. Nun wird der Weg erst holprig, aber dann wieder glatt mit sanften Wellen. Wieder dehnen sich die Minuten zu kleinen Ewigkeiten. Der Wagen fährt sehr langsam und dann hält er an. Endlich ist wenigstens diese quälende, ungewisse Fahrerei beendet. Er schreit wieder, trommelt gegen die Fahrerkabine, doch nichts passiert. Erst nach einer halben Ewigkeit hört er, wie eine Tür geöffnet wird, der Wagen schaukelt leicht, jemand hat die Fahrerkabine verlassen. Diese verdammte Frau? Oder ihr Zuhälter? Es dauert wieder ein paar Minuten, dann wird die Tür zu seinem Gefängnis geöffnet. Helles Sonnenlicht dringt ein und blendet ihn. Er muss die Augen zukneifen. Zugleich will er seiner Wut freien Lauf lassen, will eine Erklärung haben, will raus aus der Hitze, der Enge, der Schande. Aber zwei Dinge hindern ihn. Zum einen der Mann, der vor der Tür steht: breit, massig, schwarze Lederjacke. Sein Gesicht ist gegen das Licht nicht zu erkennen und als sich seine Augen an die Helligkeit adaptiert haben, sieht er, dass es von einem Tuch weitgehend verdeckt wird und dass der Mann trotz der Hitze eine schwarze Pudelmütze auf hat. Zum andern das Ding, das der Mann in der Hand hält und das auf ihn gerichtet ist, der dunkle, matt glänzende Lauf einer Pistole. Der Protest bleibt ihm im Hals stecken, die Wut wird von Angst abgelöst, von nackter Angst. Bevor er sich wieder fassen kann, etwas sagen kann, Fragen stellen kann, gar erneut losbrüllen kann, spricht der Mann zu ihm, mit leiser Stimme, die keinen Widerspruch duldet.
„Du hältst jetzt erst mal dein Maul und machst genau, was ich dir sag. Dann bassiert dir nix. Sonst seh ich mich gezwungen, dir Schaden zuzufügen.“
Neben die Angst mischt sich nun Erstaunen. Der Mann spricht in gewählten, ja gestelzten Worten. Der Ton der Stimme ist ihm seltsamerweise nicht einmal unsympathisch. Komisch, dieser Gedanke in solch einer Situation. Zwei weitere Dinge fallen ihm auf. Der Mann hat keine schwarze Hautfarbe, wie sein Lockvogel, sondern eine helle, bleiche, wie er an dem bisschen Haut erkennt, das am Hals zu sehen ist und um die Augen herum und natürlich an den Händen. Und der Ort fällt ihm auf, als er an dem Mann vorbei schaut und sieht, dass sich der Wagen in einem Wald befindet, auf einer Lichtung oder einem breiten Waldweg.
„Ich seh, dass du dich anzogen hast. Du ziehst dich jetzt wieder aus. Verstanden? Du legst alles ab, was du an hast, alles was an dir dran ist und wenn ich sag alles, mein ich auch alles.“
Die Worte prallen an ihm ab. Er starrt weiter sein Gegenüber an, reglos, sprachlos, angsterfüllt, wie gelähmt. Er rührt sich nicht. Er kann sich nicht rühren. Der Mann vor der Tür wartet eine Minute.
„So, jetzt ist der Schock vorbei. Fang an. Dalli, dalli. Wir haben kei Zeit.“
Dabei fuchtelt er zur Bestätigung seiner Worte mit der Pistole hin und her und stößt den Lauf auffordernd in seine Richtung. Die Lähmung ist vorbei. Er versucht es nun mit Worten, doch noch ehe er etwas sagen kann, noch ehe überhaupt ein Wort über sein Lippen kommt, herrscht ihn der Türsteher an.
„Halt's Maul und tu, was ich sag. Oder hast mich noch immer net verstanden. Zieh dich aus und halt's Maul. Also los, mach schon.“
Der Angesprochene stößt einen Fluch aus und fängt an, sich auszuziehen. Er verstreut die Kleider auf dem Fußboden, nur die Unterhose behält er an.
„Alles hab ich gsagt, hörst schlecht oder glaubst net, was ich dir sag? Alles, aber flott.“
Nun liegt auch die Unterhose auf dem Boden.
„Du hältst mich wohl für blöd oder hast immer noch net kabiert, was ich gsagt hab. Die Kette, die Ringe, die Uhr, bittschön.“
Der Pistolero redet mit einem Akzent, der auf Franken oder Sachsen hindeutet. Einer aus dem Osten, denkt der Nackte, während er schweren Herzens auch die restlichen Dinge ablegt. Einer aus dem Osten mit einem schwarzen Flittchen, einem Fliegenfänger, einem Bauernfänger, einem Lockvogel. Ein Straßenräuber, ein Wegelagerer, ein Buschjäger, einer, der auf dumme Arschlöcher wie ihn aus ist. Ein Arsch, der andere Ärsche verarscht.
„Schön, dass wir uns einig sind. Steh auf, dreh dich um, Hände auf den Rücken.“
Der Nackte zögert wieder. Jetzt wäre der Moment zu reagieren, vorzuschnellen, dem fiesen Typ eine in die Fresse zu hauen, ihn auf den Boden zu schmeißen, die Pistole an sich zu nehmen, ihn abzuknallen, zumindest einzuschüchtern, auf Distanz zu halten, sich dann an das Steuer zu setzen und abzuhauen. Doch er bleibt reglos, dafür fällt ihm plötzlich ein, das er die schwarze Nutte noch gar nicht gesehen hat. Wo ist das schwarze Flittchen? Hat sie auch eine Pistole, die heimlich auf ihn gerichtet ist? Aber es ist nicht dieser Gedanke, der ihn abhält, irgend etwas zu unternehmen, einen Vorstoß zu machen, um seine Lage zu ändern. Er macht nichts, weil er Angst hat, höllische Angst, vor diesem Mann und mehr noch vor seiner Pistole. Diese flößt ihm Respekt ein, obwohl er sich nicht sicher ist, ob sie überhaupt echt ist, aber auf diesen Nachweis will er es lieber nicht ankommen lassen. Neben der Scheißangst, traut er sich eine solche Überrumpelung auch gar nicht zu. Er wäre zu langsam, zu zögerlich, die Wut allein würde ihn nicht in die Lage eines Helden versetzen und so macht er das, was der Dicke ihm befohlen hat. Er steht auf, dreht sich um, streckt die Hände auf den Rücken, fühlt, wie ein Kabelbinder um die Handgelenke gelegt und festgezurrt wird. Das Ganze dauert nur ein paar Sekunden.
„Bleib stehn, wie du stehst. Rücken zur Tür. Bleib ganz ruhig, dann bassiert dir nichts. Bis jetzt warst ja vernünftig, bleib so.“
Erneut fragt er sich, wo die schwarze Frau abgeblieben ist. Die muss doch irgendwo sein, denn der Dicke sagt etwas mit halblauter Stimme, die nicht an ihn gerichtet ist.
„Take this and put it around his eyes. Hurry up.“
Der Nackte spürt, wie der Wagen wieder leicht schwankt, dann riecht er das Parfum und den Schweiß. Er dreht den Kopf zu Seite, doch das Einzige, was er sieht, ist die Pistole, die ihm klar bedeutet, sich wieder abzuwenden. Dann spürt er die rauen Hände an seinem Kopf und sieht, dass seine Krawatte als Augenbinde verwendet wird, das rote Ding mit der Mickymaus. Sie sitzt schief, ist lose und er kann über den Rand blinzeln.
„Not so. Silly cow. Make it better.“
Die Frau fummelt erneut, knotet noch einmal. Jetzt sitzt der Schlips stramm. Er kann nichts mehr sehen.
„And now the Daschentuch in his mouth. Look in his pocket.”
Erst will er den Mund nicht öffnen, doch dann spürt er einen Druck in seinem Rücken, den Druck der Pistolenmündung. Das Taschentuch ist schweißnass, ekelig und füllt seinen Mund voll aus. Er kann nur noch schwer atmen, er röchelt und hustet und will den Stoff mit der Zunge wieder aus dem Mund drücken. Es geht nicht, denn die Frau hat noch irgend etwas, ein Band, eine Schnur, so um seinen Kopf gebunden, dass das Taschentuch nicht ausgespuckt werden kann.
„Help him, to leave the car.“
Die Hände, die noch vor kurzer Zeit seinen Körper betastet, seine Oberschenkel gestreichelt und sein Geschlecht gedrückt hatten, fassen ihn geradezu sanft an den Schultern und ziehen ihn rückwärts in Richtung Tür. Mit ihrer gurrenden, rauchigen Stimme sagt sie leise.
„I’m sorry, darling. Take care, the step.“
Er stolpert. Sie hält ihn fest und zieht ihn sanft. Seine Füße tasten sich die kleine Steigleiter hinab. Dann ist er draußen. Er spürt das Gras an den Fußsohlen und die spitzen Zweige und die kleinen Steinchen.
„Na siehst, s'ging doch. Wir lassen dich jetzt allein. Du wirst schon zurechtkommen. Du findst schon jemand oder jemand find dich. Erfriern kannst net bei der Hitzen und a Sonnenstich wirst schon net kriegen. Tschüss und danke für’s Mitmachen. Und noch was, denk dir was Schönes aus, wie du in die Scheiße graten bist. Sag ja net die Wahrheit. Wenn ich merk, dass du mich suchst und mir Schwierigkeiten machen willst, bist du dran, aber wie, dann bin ich net mehr so sanft zu dir. Merk dir das.”
Und wieder in eine andere Richtung: “Come on baby, let’s go.“
Dann, noch einmal, zum letzten Mal, die rauchige Stimme: „Tschüss Schatzi. Next time we will have more fun. You and me.”
Die Frau hat diese Worte fast geflüstert, sie muss ganz nahe neben ihm gewesen sein, denn er riecht sehr intensiv und zum letzten Mal die Mischung aus süßem Parfüm und strengem Schweiß. Dann lacht sie, ihr kehliges Lachen und einen kurzen Moment spürt er die raue Hand auf seinem Rücken, die ihm zum Abschied einen freundschaftlichen Klaps und eine kleine Streicheleinheit verpasst. Er hört noch, wie die Tür zum Kasten zugeschoben wird und wie die beiden Wagentüren nacheinander ins Schloss fallen. Der Motor wird angelassen. Abgase treffen seine Nase. Ein kurzes Hupen zum Abschied, dann rollt der Wagen leicht knirschend auf dem Sand des Waldwegs davon.
Der nackte Mann bleibt eine Weile stehen, so wie die Frau ihn hingestellt hatte. Er zerrt an seiner Fessel, aber die gibt nicht nach. Dann setzt er sich fluchend in Bewegung, langsam, vorsichtig, die Füße tasten sich auf dem Sandweg vorwärts. Es ist ekelig und schmerzhaft. Er denkt, dass er jeden Moment in irgend eine Scheiße treten wird und diese vielen kleinen, spitzen Dinge, die sich in seine Fußsohlen bohren, nerven ihn. Wenn er an den Rand des Weges kommt und den Sand nicht mehr spürt, dafür mehr Gras, mehr Zweige, eine Böschung, einen Graben, verändert er die Richtung. Er hat keine Ahnung, in welche Richtung er gehen soll. Er hat keinerlei Orientierung, nicht einmal die helle Sonnenscheibe kann er im schattigen Wald erahnen. Während er langsam, vorsichtig dahin schleicht, die zunehmenden Schmerzen an den Füssen und die vielen Stiche blutrünstiger Mücken tapfer ignorierend, denkt er angestrengt nach. Er hat viel Zeit nachzudenken, denn er kommt nur langsam vorwärts. Seine Wut, seine Angst, seine Scham verebben und neben den Überlegungen, wie er aus diesem Schlamassel herauskommen soll, erreichen ihn die ersten Gedanken an Rache. Aber das hat Zeit, jetzt muss er Entscheidungen treffen, die unmittelbar wichtig sind: wie aus diesem Wald heraus kommen, wie zu einer Straße gelangt, auf Autos fahren, wie sich der Fessel, der Augenbinde, des Knebels entledigen. Die Rache kann warten. Obwohl ihn dieser Gedanke mehr und mehr beherrscht und ob er will oder nicht, er fängt an Rachepläne zu schmieden. Soll er zur Polizei? Aber auch das hat Zeit. Auf einmal, ganz plötzlich beherrscht wieder seine Frau sein Denken, als ob es nichts Wichtigeres gäbe. Er will sich lieber gar nicht vorstellen, wie er ihr diese Scheiße möglichst plausibel erklären soll. Aber auch das hat Zeit. Ausreden kann er sich später ausdenken. Dann versucht er, all diese unangenehmen Gedanken zu verdrängen. Nicht verdrängen kann und will er die Rachegedanken. Sie halten ihn aufrecht, sie treiben ihn voran. Wie kann er sich an dem Scheißkerl und seinem Paradiesvogel rächen? Wie, nur wie? Er weiß doch gar nicht, wer die beiden sind und wo er sie finden kann. Erst muss er den Bär haben, bevor er das Fell aufteilen kann. Das Sprichwort fällt ihm ein. Dann, als er wieder einmal auf einen spitzen Ast getreten ist und vor Schmerz aufschreit, wie man mit einem Knebel im Mund aufschreien kann, überkommt ihn ein Schwall von Selbstmitleid. Warum musste ihm das passieren? Ausgerechnet ihm? Die Schmach, die Schande und alles weg, Geld, Uhr, Ausweise, Kreditkarten, Schmuck. Der Ehering fällt ihm ein, der auch. Warum auch der? Das erfordert noch mehr Erklärungsbedarf. Seine Gedanken sind wieder bei seiner Frau gelandet und bei seinem Auto, das am Bahnhof steht, vor einer längst abgelaufenen Parkuhr. Auch das wird noch Ärger machen. Dann kreisen die Gedanken um den Anfang dieser grandiosen Scheiße, als er auf dem Weg zum Bahnhof dieser verdammten Nutte begegnet ist. Auf was hat er sich da nur eingelassen. Er geht wieder ein paar Schritte, dann stolpert er, fällt hin, rappelt sich auf. Der Kabelbinder scheuert an den Handgelenken, die Hände fühlen sich pelzig, kribbelig an. Er fürchtet auf einmal, dass sich das Blut staut, dass sie in Fäulnis übergehen und amputiert werden müssen. Die Krawatte ist etwas verrutscht, er sieht nun einen leichten Schimmer. Und dann ist da noch ein anderer Hoffnungsschimmer. Das Taschentuch konnte er dank intensiver Zungenarbeit aus dem Mund schieben, das Band war nicht besonders fest geknotet. Er schreit aus voller Brust.
„Was für eine grandiose Scheiße, was für eine grandiose Verspätung.“
Auf Spurensuche
Der Gang durch den Wald war höchst unangenehm gewesen. Zum Glück hatte er es geschafft, auf dem Waldweg zu bleiben, dank des vorsichtigen Vortastens mit den nackten Füßen. Es war schrecklich gewesen, denn der Waldweg war voller spitzer Steine. Unglaublich, dachte er, was soll all dieser Schotter im Wald. Wenn er vom Weg abkam, hatten die Dornen der Büsche am Wegrand seine Haut aufgekratzt, ihm aber auch den richtigen Weg gewiesen. Von Zeit zu Zeit schlug ihm ein Ast in das Gesicht und dazu kam die Hitze, die ihm selbst in dem schattigen Wald zusetzte und das, obwohl er splitternackt war. Neben den Verletzungen und der Hitze plagte ihn zunehmend großer Durst. Nach schier endlos langer Zeit, nach vielen Metern auf dem Schotter, nach vielen Irrungen und Wirrungen, verbunden mit unzähligen Flüchen, war ihm wenigstens eine gute Idee gekommen. Als ihn wieder einmal ein kräftiger Ast an der Wange streifte, drängte er sich in die Nähe des zugehörigen Baums. Er suchte, tastete, forschte mit den Schultern und dem Gesicht und auch mit der Zunge und fand endlich einen geeigneten Aststumpf, der fest genug und in der richtigen Höhe, geeignet war, die verdammte Krawatte einzuhängen und abzustreifen. Das gelang ihm schließlich nach einigen vergeblichen Versuchen und er fragte sich, warum er nicht schon früher auf diese Idee gekommen war. Er sah wieder. Sah, wo er war, sah seine Füße voller Wunden und Abschürfungen, sah auch, dass die Sonne sich schon dem Horizont näherte und schloss, dass es vermutlich schon deutlich nach acht Uhr sein musste. Aber die Nacht müsste er nicht im Wald verbringen, denn nun war das Vorankommen einfacher. Er ging zügig auf dem Waldweg, die peinigenden Schmerzen an den Fußsohlen ignorierend, bis dieser in eine Landstraße mündete.
An deren Rand stellte er sich hin und dort hatte er sogar Glück, das erste Mal an diesem verdammten Tag, denn schon das erste Auto, das vorbei kam, hielt tatsächlich an. Die Fahrerin, eine unerschrockene, ältere Lehrerin, ließ den nackten Irren mit den auf dem Rücken gefesselten Händen in ihr Auto, sie besaß kein geeignetes Werkzeug, um den Kabelbinder durchzuschneiden, wickelte ihm aber eine Decke um die Hüfte. Sie wollte ihn natürlich sofort zur nächsten Polizeiwache bringen, hätte sicher auch bei der Polizei angerufen, hatte jedoch ihr Handy nicht dabei. Aber auf sein inständiges Bitten, ob es nicht doch noch eine andere Möglichkeit gäbe, ihm zu helfen, nahm sie ihn mit, zu sich nach Hause. Dort durchschnitt sie endlich die Fessel und schenkte ihm dann eine kühle Apfelschorle ein, das beste Getränk, das der Gepeinigte in seinem ganzen Leben je bekommen hatte. Danach zeigte ihm die Unerschrockene die Dusche und trug, während er das kühle Wasser auf seiner Haut ebenfalls im höchsten Maße genoss, ein paar alte Kleidungsstücke ihres Mannes zusammen, der gerade nicht zu Hause war, und suchte auch alles auf, was sie an Pflastern und Binden besaß. Als der seltsame Mensch gesäubert, versorgt und angezogen war, bestellte sie ein Taxi und versicherte ihm mehrfach, bevor er einstieg, dass sie die Kleider nicht mehr brauche, und wünschte ihm alles Gute.
Er hatte der Lehrerin während der Fahrt erzählt, dass er überfallen worden war, als er mitten im Wald auf einem einsamen Wanderparkplatz pinkeln musste. Er sei ein paar Meter von seinem Auto weg gewesen, als plötzlich ein Mann aus dem Gebüsch aufgetaucht sei und ihn mit einem starken Knüppel niedergeschlagen habe. Ihm sei schwarz vor den Augen geworden, und als er wieder zu sich kam, habe er sich allein und völlig nackt, mit gefesselten Händen, mit einer Binde vor den Augen und einem Knebel im Mund mitten im Wald gefunden. Er habe keine Ahnung, was das für ein Typ war, er habe ihn kaum gesehen und außerdem sei er vermummt gewesen. Er habe eine Riesenwut, weil nun sein Auto, seine Kleidung, seine Papiere, seine Wertsachen, sogar sein Ehering und diverse Schlüssel weg seien, alles, was er bei sich hatte, sei weg, einschließlich seines schönen Autos und dass das eine Riesensauerei sei und er jetzt viel Zeit und Geld investieren müsse, um den Schaden zu reparieren. Auf ihre Frage, warum er den Überfall denn nicht anzeigen und die Polizei zum Tatort führe, um eventuelle Spuren zu sichern, sie schien durch häufige Kriminalromane auf diesem Gebiet gut bewandert zu sein, erklärte er, dass er das so rasch wie möglich tun werde, aber erst müsse er seine Frau beruhigen, die sicher vor Angst umkäme. Sie habe es mit dem Herzen und deswegen wolle er sie nicht anrufen, sondern ihr das Desaster schonend beibringen und dann mit ihr das weitere Vorgehen besprechen und dann würde er selbstverständlich zur Polizei gehen, aber der verdammte Täter sei ja längst über alle Berge und deswegen, würde das nicht so eilen, Spuren könne man im Wald sowieso nicht finden. Im Moment sei er viel zu aufgeregt und zu erledigt, um vernünftige Entscheidungen zu treffen und außerdem würde er sich maßlos schämen und müsse erst sein inneres Gleichgewicht finden, auf jeden Fall sei er aber ihr, seiner Retterin, seiner Samariterin, außerordentlich dankbar, dass sie ihm geholfen habe und ihn mitgenommen habe, obwohl er ja alles andere als vertrauenswürdig ausgesehen habe, eher wie einer, der aus einer Nervenklinik geflüchtet sei, ein gefährlicher Verbrecher, vielleicht ein masochistischer Exhibitionist. Die Lehrerin meinte nur lakonisch, Hilfe in so einer Situation sei doch selbstverständlich, außerdem sei er ja gefesselt gewesen und daher weniger gefährlich, selbst wenn er ein gefährlicher Verbrecher oder gar Mörder wäre. In diesem Zustand wäre sie sicher mit ihm fertig geworden, wenn er frech geworden wäre, das hätte sie schon ihr Beruf gelehrt und als Biologielehrerin könne sie auch ein nackter Mann nicht irritieren und so masochistisch könne ja wohl keiner sein, dass er freiwillig, ohne triftigen Grund gefesselt und nackt im Wald umherirren würde und das bei dieser Hitze. Ihre berufliche Erfahrung war wohl auch der Grund, warum ihn die Lehrerin höchst skeptisch ansah, als er seine Geschichte los geworden war und die Erklärungen seiner misslichen Lage abgegeben hatte. Sie hatte genügend Erfahrung mit Lügen, drang aber nicht weiter in ihn. Dafür war er ihr sehr dankbar und beschloss, sich bei Gelegenheit großzügig bei seiner Retterin zu bedanken.
Die Geschichte, die er der Lehrerin aufgetischt hatte, erzählte er auch in leichten Abwandlungen seiner Frau und auch diese glaubte ihm kein Wort. Warum war er überhaupt in einem Wald unterwegs gewesen, statt zum Bahnhof zu kommen und sie abzuholen? Überhaupt das Auto, es war doch absolut unlogisch, dass es immer noch auf dem Parkplatz in der Nähe des Hauptbahnhofs stehen soll, wie er denn in diesen Wald gekommen sei. Er sei nicht mit seinem eigenen Auto gefahren, erklärte er, sondern mit einem Mietwagen. Er habe schon seit Längerem mit dem Gedanken gespielt, ein neues Auto zu kaufen, ein anderes Modell und das habe er ausprobieren wollen, um sich ein Bild zu machen, bevor er viel Geld ausgibt. Er habe an diesem Nachmittag überraschend etwas Zeit gehabt und kurzerhand ein Auto für ein paar Stunden gemietet, um eine kleine Spritztour zu machen, zum Ausprobieren, wie gesagt und dann diese Kacke. Das einzig Gute sei, dass nun die Autovermietung sich mit dem Verlust herumärgern müsse, er habe ja Kasko gehabt und die schließe Diebstahl zum Glück mit ein. Seine Frau schaute ihn weiter voller Zweifel an. Von einem neuen Auto sei doch noch nie die Rede gewesen, das alte sei doch noch gar nicht so alt. Eben, meinte er, es sollte ja eine Überraschung sein, deswegen habe er die Testfahrt gemacht, als sie weg war.
„Schatzi, eine richtig schöne Überraschung sollte das werden, glaub mir.“
Sie blickte ihn mit noch mehr Zweifeln an, soviel Überraschung war sie schon seit Jahren nicht mehr gewohnt und das es den Ausdruck „Schatzi“, ein Wort, das sie früher oft gehört hatte, überhaupt noch gab, irritierte sie zusätzlich. Sie blieb skeptisch und kam gleich zur nächsten Ungereimtheit. Warum er sich um alles in der Welt weigere, zur Polizei zu gehen, das verstehe sie absolut nicht. Das sei doch ein blödsinniges Verhalten. Eine Anzeige bei der Polizei sei doch das einzig Logische und Sinnvolle, schon wegen der Versicherungen, denen er ja etwas vorlegen müsse. Was die Versicherung betreffe, sagte er resigniert, könne man gar nichts erwarten, die würden erstens sowieso nie zahlen und zweitens bei einem solchen Überfall schon gar nicht, von denen bekäme er keinen Pfennig, das sei völlig klar, die bräuchte er erst gar nicht anzusprechen, außerdem, sei das Auto ja gar nicht sein Problem, das sei das Problem des Händlers, den er im Übrigen bereits informiert habe. Diese Sache sei schon weitgehend ausgestanden. Wozu gäbe es denn Versicherungen. Und was die Polizei beträfe, die sei doch schlicht unfähig, die würden sich doch keine Mühe geben, um solche Banalitäten aufzuklären, die würden schlichtweg in der Bürokratie versanden. Es käme erfahrungsgemäß bei solchen Sachen nichts heraus. Auf ihre berechtigte Frage, wie viel Erfahrung er denn mit „solchen Sachen“ schon habe, zog er es vor, keine Antwort zu geben, statt dessen wiederholte er, sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen, sei genauso überflüssig, wie mit der Versicherung zu verhandeln. Er müsse die Sache in die eigenen Hände nehmen, nur dann hätte er eine Chance dieses Miststück zu finden, das ihn überfallen habe. Er sagte seiner Frau jedoch nicht, was er unter Miststück verstand und ließ sie in dem Glauben, es handele sich um den Unbekannten mit dem Knüppel.
Der materielle Verlust, den er durch das Ereignis im Wald, wie er es nannte, erlitten hatte, war beträchtlich, aber überschaubar. Alles, was er bei sich gehabt hatte, Bargeld, Kreditkarten, Wertsachen, war natürlich weg. Die beiden Kreditkarten waren bis zum Limit belastet worden, obwohl er sie noch in der Nacht hatte sperren lassen. Die Wiederbeschaffung der wichtigsten Papiere, wie Ersatzführerschein und Personalausweis, würde dauern und natürlich kosten, aber besonders teuer würde der Austausch der Schlösser im Haus und im Büro werden. Er erklärte seiner Frau, dass dies unbedingt notwendig sei, da dieser Typ sowohl die Schlüssel als auch seine Adresse habe und sich jederzeit bedienen könne. Zum Glück hatte das Auto immer noch auf dem Parkplatz gestanden, als er es am nächsten Morgen aufsuchte und seltsamerweise klebte nicht einmal ein Strafzettel an der Windschutzscheibe, als wollte ihm das Schicksal eine weitere Streicheleinheit verpassen, zusätzlich zu der Samariterin. Nachdem er die notwendigsten Schritte bereits am folgenden Tag eingeleitet hatte, nur zu einem Arzt wollte er nicht gehen, genauso wenig wie zur Polizei, obwohl ihn seine Frau zu beidem drängte, hätte sein normaler Alltag fortgesetzt werden können. Aber es war nichts mehr normal, nichts war mehr so wie vor dem Ereignis im Wald. Seine Psyche war beschädigt, er war gedemütigt und verletzt worden, die Schmach musste getilgt werden und sein ganzes Denken war nur noch auf Rache ausgerichtet. Er brütete, sinnierte, plante, verwarf, verschob, plante erneut und konnte sich dennoch zu nichts Konkretem durchringen. Das Fatale war, dass er sich in diesem Zustand auf seine eigentliche Arbeit nicht mehr konzentrieren konnte. Das Geschäft litt, so lange ihn der Wunsch nach Aufklärung, Ermittlung der Täter, Wiedergutmachung, Rache beherrschte und alles andere übertönte und blockierte. Da er aber nicht wusste, wie er anfangen sollte, gegen wen er vorgehen konnte, wer ihn in diese peinliche, entwürdigende Lage gebracht hatte, musste er zunächst die Spurensuche ernsthaft aufnehmen, bevor er seine Rache systematisch planen konnte.
Das erste, dringendste Problem war die Identität seines Entführers und des Lockvogels. Wer waren die beiden? Gab es Hinweise auf ähnliche Ereignisse? Wenn ja, wo bekommt man solche Informationen her. Von der Polizei? Nein, auf keinen Fall. Er hat aus gutem Grund auf eine Anzeige verzichtet, nicht nur weil er die Wahrheit vor seiner Frau verschleiern wollte, irgendwie wären die Einzelheiten bei einer offiziellen Ermittlung doch ans Licht gekommen, sondern weil er die ganze Chose selbst in der Hand behalten wollte. Er wollte Rache und Genugtuung, aber nicht Gerechtigkeit und bei diesen Plänen hätte ihn die Polizei nur gestört oder sie höchstwahrscheinlich vereiteln. Wo also anfangen? Im Internet, bei den Suchmaschinen im Internet, beschloss er. Er surfte, gab alle möglichen Stichwörter ein und fand auch einige vielversprechende Webseiten und Portale, wie www.straftaten-unaufgeklaert.de oder http://www.mysterioese-vorfaelle.de. Er las Berichte von vielen haarsträubenden Ereignissen, von seltsamen Vorfällen, von Ungerechtigkeiten, von Rätseln en masse, aber nichts brachte ihn weiter, nichts war zu finden, was er mit seinem konkreten Fall in Verbindung hätte bringen können. Er merkte rasch, dass er so nicht weiter kam, dass er professionelle Hilfe brauchte und so suchte er eine Detektei auf, die ihm geeignet erschien. Ein älterer, unscheinbar wirkender Mann, der so gar nicht dem Klischeebild eines Detektivs entsprach, hörte ihm geduldig zu, als er seinen Fall ausführlich und emotionsgeladen schilderte und in diesem Fall auch bei der Wahrheit blieb. Am Ende zeigte sich der Detektiv interessiert, erklärte sich bereit, Recherchen durchzuführen und nannte die Kosten, die auf den Auftraggeber zukommen würden, eine nicht ganz unbeträchtliche Summe ohne die Spesen, die noch dazu kämen. Sie verabredeten sich für ein weiteres Treffen und bis dahin solle er sehr gründlich nachdenken, als ob das nicht schon die ganze Zeit getan hätte, und alles, aber wirklich alles, was in seiner Erinnerung hängen geblieben war, und die sei ja noch sehr frisch, aufschreiben. Dann erklärte der Detektiv, dass er versuchen werde, herauszufinden, ob, wo und wann es in letzter Zeit Fälle von Prostitution in einem Wohnwagen in Verbindung mit Entführung, Raub oder Nötigung gegeben habe. Seltsam sei, dass ihn bisher niemand erpresst habe, aber das könne noch kommen und das sei gar nicht einmal so schlecht, denn dann hätten sie einen Anhaltspunkt, einen Hinweis auf den Täter, eine Spur, die möglicherweise zu ihm führte. Aber darauf sollten sie jetzt nicht warten. Erpressung sei in jedem Fall scheußlich. Dann tröstete ihn der Detektiv noch ein bisschen, denn so etwas, die Sache, die ihm widerfahren sei, käme zum Glück selten vor und er habe ja dann auch nichts mehr machen können, als er in der Falle saß, er habe sich im Gegenteil ganz richtig verhalten, denn was hätte er davon, so die etwas ironische Schlussfolgerung, wenn er jtzt tot im Wald läge und die Ameisen würden ihn auffressen. Er, der Detektiv, würde sich bemühen, ähnliche Fälle zu prüfen. Er habe da so seine Quellen und Beziehungen, wenn auch keine praktische Erfahrung mit Entführungen, aber garantieren könne er natürlich für nichts, dafür seien die vorliegenden Hinweise auf die Täter einfach zu mickrig. Auch der Detektiv hatte ihn zum Anfang des Gesprächs gefragt, warum er partout nicht die Polizei einschalten wolle und auch er hatte ihm nicht geglaubt, als er ihm versicherte, er wolle seinen untadeligen Ruf nicht beschmutzen, das sei schlecht für das Geschäft, die Kunden dürften ihn mit so zwielichtigen Sachen wie Prostitution, Entführung und Raub nicht in Verbindung bringen, dann lieber gar keine Aufklärung als mit solch einem Makel leben. Das Immobiliengeschäft sei sensibel, da dürfe man sich keine Ausrutscher leisten.
Als sie sich am übernächsten Tag wieder gegenüber saßen, eröffnete ihm der Detektiv, dass er trotz seiner Beziehungen keine Hinweise gefunden habe, die auch nur halbwegs zielführend seien, aber sie dürften sich nicht entmutigen lassen, es sei nun mal ein schwieriger Fall. Dann gingen sie gemeinsam die Aufzeichnungen durch und der Fachmann ließ sich jedes kleinste Detail bestätigen, jede noch so belanglos erscheinende Nebensächlichkeit erklären. Die Frau könne er ja gut beschreiben, die habe er sich wohl gut eingeprägt und die zu finden, sei nicht unmöglich, aber den Mann, der sei ja nur höchst diffus in seiner Erinnerung vorhanden, eigentlich nur als Phänomen, nicht als Mensch. Der Campingbus sei ein weiterer Ansatzpunkt, auf den müsse man sich konzentrieren und hier müsse er noch weiter in seiner Erinnerung kramen, noch etwas mehr Milch liefern, genau so drückte sich der Detektiv aus.
Da er nichts Konkretes geboten bekommen hatte, aber immer noch auf eine schnelle Lösung hoffte, suchte er in seiner wachsenden Ungeduld sogar eine Wahrsagerin auf, deren Inserat er im Internet gefunden hatte. Er saß dann keiner Wetterhexe mit Kristallkugel und Eule auf der Schulter gegenüber, sondern eine taffe Geschäftsfrau in einem schicken Büro, die ihm die perfekte Lösung all seiner Probleme versprach, aber als sie ihm ihre horrenden Honorarforderungen nannte, für eine Reihe von Seancen, die nun einmal erforderlich seien, denn mit einer Sitzung wäre es natürlich nicht getan, kehrte sein Verstand wieder zurück und er verzichtete auf ein detailliertes Angebot und weitere Kontakte. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als sich, wie von dem Detektiv empfohlen, auf das Auto zu konzentrieren. Schon die ganze Zeit hatte er sein Gehirn zermartert, was für ein Typ das Wohnmobil gewesen sein könnte, noch nicht einmal die Automarke hatte er erkannt. Er suchte wieder im Internet und blätterte seitenweise Kataloge durch. Die Kastenform und der Elch waren in seinem Gedächtnis hängen geblieben und die seitliche Schiebetür und das Heckfenster und dass der Wagen voller Schlamm und Dreck gewesen war und dass er deswegen nicht einmal die Farbe richtig zuordnen konnte, nur dass sie hell war, vermutlich weiß oder beige. Jedenfalls war es kein Modell, das er kannte, kein VW-Bus, kein üblicher Campingbus. Wieder und wieder versetzte er sich in die Situation, als er hinter der Schwarzen auf dem Parkplatz angekommen war, wie erstaunt er war, dass sie ihn in ein Wohnmobil mitschleppen wollte, ihn, den eleganten Geschäftsmann, der trotz der Hitze das Jackett und sogar den Schlips anbehalten hatte, ihn wollte diese Nutte in ein altmodisches, völlig verdrecktes Fahrzeug locken. Wenn diese verdammte Gier nicht gewesen wäre, dachte er nun, hätte er sich auf so etwas doch nie eingelassen. Jetzt ärgerte er sich auch, dass er genau deswegen, wegen dieser blinden Gier, nur die Frau angestarrt und sich das Auto so gut wie gar nicht eingeprägt hatte, geschweige denn das Nummernschild, aber das war ja ohnehin unleserlich gewesen, voller Dreck und Staub. Nur in einem war er sich sicher, es war mit seiner Kombination aus Buchstaben und Zahlen, obwohl nicht erkennbar, ein deutsches, also war es ein in Deutschland zugelassenes Auto. Da war doch noch dieser Aufkleber gewesen, dieser Elch, den Skandinavienfahrer gerne verwendeten. Aber ein Auto an Hand eines Aufklebers zu ermitteln, war absurd. Dann fiel ihm der Begriff altmodisch wieder ein, genau das war der plumpe Kasten des Wohnteils, altmodisch. Ein altmodischer Campingbus, sinnierte er und plötzlich sah er etwas vor sich, etwas, das ihm aufgefallen war, das er aber sofort wieder vergessen hatte, weil ihn die Schwarze zum Einsteigen gedrängt hatte. Dieser altmodische Kasten bestand zum Teil aus Wellblech, jedenfalls so etwas Ähnliches wie Wellblech. Ein Material, das bei der Konstruktion von früher schon selten war und heute natürlich überhaupt keine Rolle mehr spielte. Wellblech und Auto? Ja richtig! Solche Autos hatte es tatsächlich gegeben und sie hatten in alten, französischen Krimi ein Rolle gespielt. Besonders ein Film mit Jean Gabin, ein film noir, dessen Titel er vergessen hatte, aber in dem ein Lieferwagen eine wichtige Rolle gespielt hatte, ein altmodischer, wenig eleganter Kastenwagen mit einer Wellblechkarosserie. Sofort begann er die Suche nach französischen Campingbussen im Internet. Manche dieser Wagen hatten tatsächlich solche Karosserien oder zumindest bestanden sie zum Teil aus Wellblech. Eine alte Version des berühmten Citroen Deux Cheveaux zum Beispiel, das war die reinste Wellblechschaukel gewesen, erinnerte er sich nun. Der Aufbau des Wagens auf dem Parkplatz war nicht völlig aus diesem Material gewesen, da war er sich sicher, aber zumindest ein Stück Wellblech war für die Karosserie verwendet worden. So langsam stellten sich die Erinnerung wieder ein und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Ja doch, dieser Streifen an der Seite, eine Verzierung in etwa in einem Meter Höhe, der war ihm aufgefallen, als er einsteigen wollte. Nur weil ihn die Nutte genau in diesem Moment gedrängt, ja regelrecht hochgezogen hatte, war ihm dieses Detail nicht im Gedächtnis hängen geblieben. Wie blöd von ihm. Aber jetzt war er sich absolut sicher. Das war ein wichtiges Merkmal, mit dem er etwas anfangen konnte. Er fuhr fort, das Internet fieberhaft nach französischen Campingbussen abzugrasen. Er arbeitete sich durch lange Seiten mit allen möglichen, meist hässlichen Kastenwagen. Viele Typen konnte er aussortieren, sie sahen ganz anders aus, manche Marken, wie Simca, gab es gar nicht mehr. Da die französischen Autobauer überschaubar sind, konzentrierte er sich auf Renault, Citroen und Peugeot. Ein eckiges, wenig attraktives Wohnmobil mit Wellblechteilen. Am Ende war er sich sicher, es war ein Peugeot. Genau! Das musste der Wagen gewesen sein. Wieder und wieder schloss er die Augen und strengte sein Gehirn an. Ja, das war er. Er war sich sicher.
Der Detektiv, dem er die neue Erkenntnis sofort mitteilte, kannte einen Polizisten, der Zugang zu der zentralen Zulassungskartei hatte, und fand so heraus, dass es von diesem Typ nur noch wenige zugelassene Wagen in Deutschland gab. Nach ein paar Tagen faxte er ihm eine Liste mit den Kennzeichen und den Adressen der Halter. Um die Recherchekosten in Grenzen zu halten, hatte ihm der Detektiv vorgeschlagen, dass er selbst die Orte aufsuchen und herausfinden solle, ob er den Wagen irgendwo auf der Straße entdeckte. Wegen der weiteren Ermittlungen könne er, der Detektiv, dann wieder in Aktion treten. Und so eröffnete er seiner Frau, dass er an den nächsten Wochenenden einige dringende, geschäftliche Termine wahrnehmen müsse. Sie wunderte sich über diesen ungewöhnlichen beruflichen Einsatz, er habe doch noch nie am Wochenende weg müssen und jetzt gleich so oft. Sie glaubte ihm wieder kein Wort, als er wortreich erklärte, er wolle sich erweitern, seinen Geschäftsbereich über die Stadtgrenzen, ja über die Landesgrenzen ausdehnen und dazu müsse er sich selbst ein Bild von den Regionen machen, die infrage kämen.
„Du hast bestimmt eine andere in einer deiner Regionen, mit der du dich am Wochenende rumtreibst. Genauso wie du bei einer anderen warst, als du mich abholen solltest. Ihr habt Sexspielchen im Wald gemacht oder komische Wetten abgeschlossen oder euch in einem Sado-Maso-Club vergnügt und dann ist ihr Freund oder Zuhälter unerwartet aufgetaucht und hat dir eine auf den Rüssel gegeben. Oder die Spielchen sind aus dem Ruder gelaufen, du hast verloren und musstest als Strafe nackt durch die Prärie tappen, sozusagen die schlimmste aller Strafen. So war es, lüg mich nicht an und jetzt willst du neue Abenteuer suche, du Giermorchel.“
Er schwieg, sie bohrte nicht weiter nach, war sich aber ihrer Sache sicher.
Vier Mal fuhr er vergebens zu einer der Adressen. Drei Mal Fehlalarm, obwohl er das Auto sah, aber entweder stimmte die Farbe nicht oder der kastenförmige Aufbau sah ganz anders aus. Einmal fand er das Auto nicht. Es war nach Aussage von Nachbarn, denen er Kaufinteresse vorgegaukelt hatte, vor Kurzem verschrottet oder verkauft worden, weil der Besitzer, ein alter Mann, ins Altersheim umgezogen sei. Dann endlich, am fünften Wochenende, wurde er fündig. Er war in ein kleines Dorf gekommen, ein typischer Schlafort in der Nähe einer Großstadt. Er sah den Peugeot bereits im Vorbeifahren vor einem Haus stehen und erkannte die typische Kastenform mit dem Wellblechstreifen am Rand, auf Anhieb wieder. Er war immer noch schmutzig, wenn auch nicht mehr gar so sehr wie auf dem Parkplatz damals. Das Nummernschild war jetzt deutlich zu erkennen und er notierte sich die Nummer. Als er zum zweiten Mal vorbei fuhr, sah er auch den Aufkleber mit dem Elch. Er atmete tief durch, das war es also. Warte nur Freundchen, bald habe ich dich. Dann suchte er sich einen Platz, von dem aus er das Auto und das Haus beobachten konnte, nicht zu nah, nicht zu weit weg, eine heikle Sache in einem kleinen Dorf. Aus seinem Auto heraus machte er mit seinem Handy ein paar Fotos von dem Objekt und von dem Haus, auf dessen Hof das Auto stand. Es sah ziemlich heruntergekommen aus, ein freistehendes Einfamilienhaus mit einem großem Hof und einem kleinen Vorgarten. Er konnte nicht erkennen, ob jemand zu Hause war und so beschloss er, in seinem Auto zu warten und das Haus zu beobachten. Die Zeit verging im Schneckentempo. Nichts rührt sich. Niemand kam, keiner ging. Ab und zu kamen zwar Menschen vorbei, auch ein Nachbar tauchte wiederholt auf und äugte neugierig zu ihm hin, aber ansonsten gab es so gut wie keine Veränderungen, die ganze Gegend war wie ausgestorben. Er blieb die ganze Zeit im Auto sitzen, ziemlich abgetaucht, um möglichst wenig aufzufallen, um kein Aufsehen zu erregen. Er wollte nur beobachten, nur feststellen, wie der Besitzer aussahe und ob auch eine schwarze Frau auftauchen würde. Sie wäre sozusagen der letzte Beweis. „Euch Arschlöchern werde ich auf die Spur kommen“, dachte er und gähnte. Dieser Job war unsäglich langweilig und einschläfernd. Im Auto sitzen und warten und beobachten, nein, Detektiv wäre kein Beruf für ihn. Das Autoradio ging schon längst nicht mehr, die Energiesicherung hatte es abgeschaltet. Den Motor anlassen wollte er natürlich nicht. Er hatte Hunger und Durst und gähnte wieder, kniff die Augen zusammen und blinzelte. Die Augenlider wurden immer schwer. Es wurde dunkel. Die Fahrt war lang und anstrengend gewesen. Viel Verkehr, ständig hatte er sich konzentrieren müssen und auch jetzt war nicht die Zeit zum Ausspannen und Erholen. Erst duselte er vor sich hin, dann nickte er ein, schrak noch ein paarmal hoch, doch schließlich schlief er, obwohl er sich vorgenommen hatte, genau das zu vermeiden und obwohl es unbequem ist, auf dem Vordersitz eines Autos zu schlafen, mit dem Steuer vor der Brust und den Pedalen vor den Füßen. Als er aufwachte, begann es gerade wieder hell zu werden. Er blinzelte erneut und riss dann die Augen auf. Das Wohnmobil war weg. Er fluchte, was für eine Kacke.
Zumindest wusste er jetzt, dass jemand da war, dass jemand die ganze Zeit dagewesen oder in der Nacht gekommen war und dann weggefahren ist. Obwohl immer noch kein Mensch auf der Straße war, fühlte er sich beobachtet und traute sich nicht, auszusteigen und zu pinkeln. Er öffnete die Tür gerade soweit wie nötig und pinkelte ins Freie. Der Mund war nun völlig ausgetrocknet, er hatte Hunger, aber es musste ohne Kaffee, ohne Frühstück gehen. Dummerweise hat er nicht daran gedacht, sich etwas mitzunehmen, nicht einmal eine Flasche Wasser und um diese Zeit war kein Geschäft auf. Es war Sonntag und außerdem würde er in diesem Kaff sowieso nichts finden. Er war frustriert und auf einmal hatte er von dem Warten und dem Beobachten die Nase voll, von diesem überaus lästigen und langweiligen Warten. Er war absolut kein Wartetyp. Was würde er denn noch herausfinden, wenn er weiter hier bliebe. Ja, vielleicht würde er die Frau sehen und wiedererkennen, den Mann bestimmt nicht, den hatte er ja gar nicht richtig gesehen. Dann fiel ihm ein, dass er sich den Namen auf der Haustürklingel notieren sollte, um zu prüfen, ob er mit dem auf der Liste übereinstimmte, die er von dem Detektiv erhalten hatte. Er stieg nun doch aus und ging, wie zufällig, die Straße entlang. Ein Blick auf das Schild neben der Klingel zeigte, dass der Name Joachim G. tatsächlich derselbe war. In großem Bogen ging er zurück zu seinem Auto und dann machte er sich auf den Weg nach Hause, überzeugt, dass er gefunden hatte, wonach er so dringend gesucht hatte, überzeugt, dass hier der Täter zu Hause war, auch ohne den letzten Beweis, ohne die schwarze Schöne gesehen zu haben. Drei Stunden Fahrt lagen vor ihm. Seine Frau wunderte sich, dass er so früh wieder da war, stellte aber keine Fragen.
Die erneute Annäherung
Gleich am Montag früh rief er den Detektiv an und sie verabredeten sich für den späten Vormittag. Er berichtete von seinem teilweisen Erfolg, übergab selbst angefertigte Ausdrucke der aufgenommenen Bilder, wenn auch in schlechter Qualität und gab eine umfassende Recherche in Auftrag. Er wolle möglichst viel über die Zielpersonen wissen. Der Detektiv solle ermitteln, aber ohne Verdacht und ohne die Neugier der Dorfbewohner zu erregen. Die beiden Verdächtigen dürften auf keinen Fall merken, dass sie ausgekundschaftet werden, schärfte er dem Detektiv ein, lieber weniger zusammentragen als auffallen. Der Detektiv war durch diese Belehrung etwas verschnupft, das sei doch selbstverständlich, er sei schließlich Profi. Eine Woche später trafen sie sich erneut und der Detektiv berichtete, was er in Erfahrung gebracht hat.
Der Mann, Joachim G., ist 41 Jahre alt und stammt aus Franken, daher der Akzent. Er ist in dem Dorf aufgewachsen, in dem er wohnt. Nach der Schule hatte er eine Banklehre begonnen, sie aber ohne Abschluss abgebrochen. Kurz danach wurde er zur Bundeswehr eingezogen und verpflichtete sich für vier Jahre. In dieser Zeit kam er auch im Ausland in Einsatz, angeblich auf dem Balkan und in Afrika, Einzelheiten hierzu waren nicht in Erfahrung zu bringen. Nach dem Bund übte G. diverse Tätigkeiten aus, nichts Festes, nichts Längeres, nichts, was ihm eine solide ökonomische Basis verschafft hätte. Auch hier waren die Erkenntnisse lückenhaft. Er habe sich angeblich mit Gelegenheitsjobs und Zeitverträgen durchgeschlagen, unter anderem als Animateur oder Manager in einem Ferienklub in Afrika, in dem sich sonnenhungrige Mitteleuropäer, vornehmlich alleinstehende Männer, mit allem auftanken, was exotisch ist und was ihr Leben bereichert. Ein Club, der Relax pur anbietet. Er wisse doch, was das sei. Der Detektiv schaute ihn fragend an. So hätte sich eine Nachbarin ausgedrückt, die über die Umstände im Leben ihres Nachbarn ziemlich genau Bescheid wusste. Sie habe aber gleich eingeschränkt, dass G. über diese Zeit nie viel erzählen würde, irgend etwas Unangenehmes muss dort passiert sein, mutmaßte sie. Während er in Afrika war, sind seine Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen und deshalb sei er wieder zurückgekommen und lebe seitdem in dem geerbten Elternhaus. Für einige Aufregung im Dorf hatte die Tatsache gesorgt, dass G. eine Frau mitgebracht hatte, eine dunkelhäutige Schönheit, die natürlich das allgemeine Interesse erregte und Anlass für Fragen, Gerüchte und allerlei Spekulationen bot. Seit er wieder da ist, sei es sicher, dass G. freiberuflich tätig und in diesem Zusammenhang auch viel unterwegs sei. Er verdiene sein Geld mit Internethandel und nutzte das Haus und die Garage als Lager für Waren aller Art, vornehmlich technische Geräte und Gegenstände, die er sich von Werthöfen, bei Haushaltsauflösungen und Zwangsversteigerungen oder auf Flohmärkten besorge. Er reinige sie, repariere sie wenn nötig, hübsche sie perfekt auf, verpacke sie fachgerecht und sorgfältig und verschicke sie dann per Paketdienst an seine Kunden. Freischaffender Händler, das würde er sagen, wenn man ihn nach seiner Arbeit frage und das sei es auch, was er bei der Steuer angebe, so die wissende Nachbarin, aber vermutlich befasse er sich auch mit illegalen Dingen, ganz bestimmt mit Hehlerwaren, möglicherweise auch mit Geldwäsche und mit Drogen. Man wisse nichts Genaues, aber man würde da so einiges munkeln. Ein anderer Nachbar war sich sicher, dass er „einen Fuß in der Internetkriminalität habe“, doch um diese zwielichtigen Geschäfte genauer zu recherchieren, hätte sich der Detektiv weiter hinauslehnen müssen und das sollte er ja nicht tun. Aktenkundig straffällig sei G. jedenfalls nie geworden, wenn es auch auf manchen Portalen Beschwerden über die Qualität der gelieferten Waren gab. Das könne er leicht selbst nachlesen, sagte der Detektiv und schrieb ihm die entsprechenden Links auf ein Blatt Papier. Jedenfalls war er bei seinen Aktivitäten, auch bei denen die nicht koscher waren, nie erwischt und angezeigt worden.
Nun zu der Frau, fuhr der Detektiv fort, einer gewissen Myra, geborene V., jetzt verheiratete G. Sie ist Mitte zwanzig und stammt aus Westafrika, aus dem Land, in dem G. sich einige Zeit aufgehalten hatte. Dort, in Afrika, hatten sie auch geheiratet. Sie seien rechtmäßig verheiratet, betonte der Detektiv, ob es aber eine Scheinehe sei, mit dem Ziel, die Frau nach Deutschland zu bringen, sei für die Nachbarn nicht so ganz klar. Jedenfalls lebt diese Myra mit ihm zusammen, hat als Ehefrau eine Aufenthaltserlaubnis und einen deutschen Pass. Der Detektiv hielt kurz inne und verbessert sich, das könne so nicht ganz stimmen, sie könne allenfalls einen Reiseausweis für Ausländer haben, einen sogenannten e-Reiseausweis, denn einen richtigen Pass könne sie erst nach der Einbürgerung erhalten und das sei frühestens nach acht Jahren möglich. Um im Land bleiben zu können, genüge ein sogenannter e-Aufenthaltstitel und um den zu behalten, müsse sie mindestens drei Jahre verheiratet sein und mit dem Ehepartner zusammenwohnen. Er habe sich extra im Internet schlau gemacht, so der Detektiv, weil er sich mit diesen Formalien auch nicht auskenne. Was diese Myra G. betreffe, fuhr er fort, müsse sie darauf achten, dieses Zusammenleben glaubhaft nachzuweisen, denn sonst gelte die Beziehung in der Tat als Scheinehe und dann könnte sie ausgewiesen und er bestraft werden. Diese Zeit müssen sie also unbedingt durchhalten, erklärte der Detektiv, erst dann sei auch eine Scheidung wieder problemlos möglich. Es gäbe noch eine pikante Besonderheit, wenn ihr Ehemann in dieser Zeit stürbe, dürfe sie auch im Land bleiben und auch, wenn er ins Gefängnis käme. Soweit sei alles klar, aber irgendwie problematisch sei diese Ehe doch, denn es ist anscheinend ein offenes Geheimnis, dass Myra anschaffen geht. G. habe wohl erst versucht, seine Frau in dem Wohnmobil „an den Mann zu bringen“, jemand aus dem Dorf hatte den Bus auf einem dafür spezialisierten Parkplatz gesehen und Myra zweifelsfrei erkannt, aber das habe wohl nicht geklappt. Jetzt habe Myra im Rotlichtviertel der nah gelegenen Großstadt ein Zimmer in der Fensterstraße, er wisse doch, was das sei, und würde ihre Dienste unter dem Künstlernamen Spyder anbieten. Aber nachdem Prostitution in diesem Land ein legaler Beruf sei, der Detektiv seufzte vielsagend, könne man ihr das nicht verwehren und es hätte auch keinen Einfluss auf ihre Aufenthaltsgenehmigung. Im Übrigen wurde Myra von denen, mit denen er gesprochen hatte, als freundlich und hilfsbereit und sehr intelligent geschildert, aber da sie kaum Deutsch spricht und exotisch aussieht, besser gesagt, zu gut aussieht und von ihrem Aussehen lebt, habe sie Probleme in dem konservativen Dorf, in dem es einige Neider gäbe, wie er herausgehört habe. Vor allem seien viele Frauen skeptisch, weil sie wohl um die Treue ihrer Ehemänner fürchten, wenn sie dieser Myra nachts auf der Dorfstraße begegneten.
Aber noch einmal zurück zu G., der im Dorf allgemein Fat Joe genannt würde. Auch er komme bei den Nachbarn ganz gut weg. Das sei kein Wunder, denn er stamme aus einer alteingesessenen Familie, habe reichlich Verwandtschaft hier und zahlreiche Freunde seit seiner frühesten Jugend. In seiner vertrauten Umgebung habe er sich auch nie etwas zuschulden kommen lassen, keine Betrügereien, keine Schlägereien oder Ähnliches, Dinge, die in seinem Leben jedoch durchaus eine Rolle gespielt hätten, wie ein anderer Nachbar ihm hinter vorgehaltener Hand gesagt hatte. Im Gegenteil, er gilt als hilfsbereit und guter Typ, der für manch einen Tipp gut sei, wenn man auf der Suche nach einem Schnäppchen sei. Ein etwas mürrischer Brummbär, so die allwissende Nachbarin, dem man allenfalls krummgenommen habe, dass er diese schwarze Nutte mitgebracht hatte. Die gehöre einfach hier nicht her und heiraten könne man eine solche schon gar nicht, heiraten und anschließend auf den Strich schicken, das gehe zweimal nicht. Das komme nur daher, dass ihn die Bundeswehr versaut habe und die Fremdenlegion, in der er angeblich auch gedient habe, was aber nachweislich nicht stimmen würde, so der Detektiv. Auch dass er seinen Lebensunterhalt mit diesen dubiosen Internetgeschäften verdiene, diesem Second-hand-Handel, der doch nichts Rechtes sei und dass er seine solide Ausbildung nicht abgeschlossen habe, hatte ihm diese Nachbarin krummgenommen und war sich damit wohl mit vielen anderen einig. Aber davon abgesehen, war er auch in ihren Augen ein guter Nachbar, wenn auch ein wenig verschroben und zu cholerischen Ausbrüchen neigend. Die Meinungen schwanken, so resümierte der Detektiv, zwischen taffem Typ und armer Sau. Materiell sei es ihm jedenfalls nie gut gegangen und auch die Ehe muss wohl alles andere als harmonisch sein. Man höre gelegentlich lautes Geschrei, so wieder die Nachbarin, und danach verschwände die Myra für ein paar Tage, aber sie komme immer wieder zurück. Wo solle sie auch hin? Sie habe ja niemanden, und wenn sie sich scheiden lasse, müsse sie ja das Land verlassen und zurück in ihren Kral. Diese Frau will auch beobachtet haben, dass gelegentlich Kontrollen „vom Amt“ kämen, um zu überprüfen, ob das mit der Ehe auch tatsächlich stimme. Man höre ja da so viel über Scheinehen und diesen Asylanten müsse man ja alles zutrauen. Aber so verliebt, wie der Fat Joe dann wieder mit ihr täte, hätte sie, die Nachbarin, in der Hinsicht keine Bedenken, mit dem regelmäßigen Vollzug der Ehe, wie sie kichernd bemerkte. Die Myra, so die Frau weiter, sei im Grunde genommen eine genauso arme Sau wie ihr Mann, mit dem Unterschied, dass sie schwarz sei und dass sie als Asylantin jederzeit abgeschoben werden könne. Zum Schluss habe diese besonders auskunftswillige Nachbarin nicht ganz ohne Neid noch gesagt, dass sie schon verdammt gut aussehen täte, diese Myra, und dass sie die Männer anlocken würde, wie ein Fliegenfänger und bestätigte damit die latente Angst der Dorffrauen vor dieser exotischen Konkurrenz.
Wie er das alles herausbekommen habe, so viel und so detailliert, fragte er den Detektiv. Der zuckte mit den Achseln. Das sei sein Beruf und die Leute seien sehr mitteilsam, und wenn man sie geschickt in ein Gespräch verwickele, könne man fast alles erfahren, nicht nur das, was sie wissen, sondern auch das, was sie nur vermuten, aber auch das sei oft wichtig und richtig. Dann wollte er wissen, ob er Fotos gemacht habe, von dem Mann und der Frau. Der Detektiv schaute ihn etwas verlegen an. Zu seiner Schande müsse er gestehen, dass die Bilder, die er gemacht habe, es seien ziemlich viele und auch ziemlich gute gewesen, nichts geworden seien. Zu Hause habe er festgestellt, dass seine Speicherkarte defekt war. Somit seien alle Bilder verloren, unrettbar, wie er betonte. Wenn der Kunde es wolle, würde er noch einmal hinfahren und Bilder machen, aber das müsse er leider extra berechnen. Wenn es ohne Bilder gehe, würde er ihm einen Nachlass auf den vereinbaren Preis gewähren. Sie einigten sich auf letztere Version und er gab dem Detektiv das Honorar in bar, trotz des Nachlasses eine hübsche Summe, und nahm dafür die schriftliche Fassung des Berichts entgegen. Er war zufrieden, auch ohne Bilder und auch der Detektiv war zufrieden und bot ihm an, ihm jedezeit wieder behilflich zu sein, zu Sonderkonditionen, die er nur Stammkunden gewähre.
Jetzt hat er die Informationen, die er braucht und nach ein paar Tagen intensiven Nachdenkens, eröffnet er zunächst seiner Frau, dass er wieder für ein paar Tage verreisen müsse, selbstverständlich wieder beruflich und leider wohl auch wieder am Wochenende. Er würde zwar am Freitag fahren, müsse aber, wenn es nicht anders ginge, bis Sonntag bleiben. Dann erläutert er ihr wortreich, dass die Aussichten auf eine Erweiterung des Geschäftsbereichs ganz gut seien. Als Immobilienmakler ist er zwar oft unterwegs, aber immer in der hiesigen Gegend und höchstens nur einen Tag. Sofort keimt in ihr der Verdacht von wegen der Rivalin erneut auf.
„Wo wollt ihr euch den diesmal durchvögeln? Erzähl mir bloß nicht, dass es geschäftlich ist. Erst diese Fahrten an den Wochenenden und jetzt machst du wohl Jahresurlaub zusammen mit so`ner Schlampe. Domrep oder Türkei, du falscher Fuffziger. Aber warte, ich krieg das noch raus und dann.…"
Sie sagt nicht, was dann passiert. Er kann sich aber ausmalen, was geschehen würde, wenn sie es tatsächlich ernst meinte und ihn verließe. Das wäre eine Katastrophe, der GAU, der Super-GAU. Ohne ihr Kapital, ohne die Wohnung, die ihr gehörte, wie sollte da sein Leben weitergehen, wie sollte alles funktionieren? Er beruhigt sie, besänftigt sie, verspricht ihr ein teures Kleid, „das, was du schon immer wolltest, das blaue“ und erklärt ihr zum wiederholten Mal, dass es nur darum gehe, auszukundschaften, ob er sein Geschäft ausdehnen solle und dazu müsse es sich unbedingt selbst ein Bild von der Immobilienlage in den Regionen verschaffen, die in Frage kämen. Er habe schon immer mit dem Gedanken an Ausweitung gespielt, habe aber noch nie etwas gesagt, weil er keinen Überblick hatte, denn dann käme mehr Geld rein und davon würden sie alle beide schlussendlich profitieren. Es sei rein geschäftlich, versichert er ein um das andere Mal nachdrücklich, in den Augen seiner Frau ein um das andere Mal zu oft und zu nachdrücklich, und er würde allein fahren, ganz allein. „Ich schwöre es“, so seine kaum noch zu überbietende Bestärkung und sie solle ja nicht glauben, dass solche Reisen angenehm seien, immer in diesen miesen Hotels übernachten, immer das karge Frühstück, immer allein, immer unterwegs, die Bequemlichkeit eines festen Zuhauses sei doch, bei Gott, Gold wert. Sie schnaubt nur verächtlich und lacht bei dem „immer allein“ höhnisch auf und fragt spitz, was für Nachforschungen er denn an den Wochenenden machen würde. An Wochenenden sei doch auf dem Immobiliensektor nichts los, soviel habe sie doch auch schon mitbekommen. Immer an den Wochenenden, nölt sie noch herum, das sei doch ganz klar, dass es da um andere Geschäfte gehe und überhaupt, dass da eine andere dahinter stecke, das könne er ihr nicht ausreden.
Er fährt am nächsten Freitag in die besagte Großstadt und nimmt sich ein Zimmer in einem mittelprächtigen Hotel. Das Frühstück ist, wie er es seiner Frau gesagt hatte, in der Tat sehr bescheiden, aber das Haus liegt zentral in der Innenstadt, nicht weit weg vom Rotlichtviertel. Den Tag verbringt er sogar damit, die Immobilienangebote und die Preise zu studieren und er schaut sich auch das eine und andere Objekt von außen an, quasi eine Alibifunktion seiner Frau gegenüber. Am späten Nachmittag geht er in eine der Bars am Rande des Viertels und erkundigt er sich nach einer gewissen Spyder, einer hübschen, rasanten Schwarzen. Er habe von ihr gehört, ein Freund sei sehr angetan gewesen, aber der wisse nicht mehr, wo diese Traumfrau arbeitet, er war wohl zu besoffen. Man verweist ihn an eine Agentur, die Zimmer vermittelt, spezielle Zimmer mit großen Fenstern. Er geht hin und gibt sich als Geschäftsmann aus, der in einer anderen, weit entfernten Großstadt, ein ähnliches Gewerbe betreibe und der zufällig hier sei und Kontakt zu Frauen suche, die sich vielleicht verändern möchten. Dezent bringt er den Namen Spyder ins Spiel, von der er gehört habe. Der Zimmervermittler gibt großzügig Auskunft, gute geschäftliche Beziehungen können in der Branche ja nicht schaden. Ja, eine Spyder würde er kennen, sie käme einigermaßen regelmäßig und sei dort und dort zu finden. Aber, so der künstlich gebräunte Mann mit Halskettchen, weg wolle die bestimmt nicht, sie sei ja mehr so eine Feierabendnutte und habe bestimmt Familie in der Gegend.
Er bedankt sich, geht zurück in sein Hotel und wartet, bis es dunkel ist. Dann schlendert er durch das besagte Viertel und die Fenstergasse. Unterwegs hatte er sich auf einer Toilette ein wenig verändert, Perücke, Bart, Brille, alles ziemlich primitiv und dilettantisch, aber es ist ja dunkel und es muss auch nicht lange halten. Wichtig ist nur, dass ihn diese Spyder nicht auf Anhieb erkennt und sofort den Kontakt abbricht. Er muss nicht lange schlendern und auch nicht lange suchen. Es gibt nur wenige dunkelhäutige Damen und hinter einem der Fenster sitzt sie, unverkennbar die Frau, die ihn in den Bus gelockt und so schmählich hereingelegt hatte. Selbst im Sitzen ist sie groß und schlank und ihr Busen steckt wieder in einem Push-BH, doch diesmal nicht unter einem schwarzen T-Shirt, sondern frei sichtbar, feinste Schokoladehügel in pink-rosa Körbchen mit schwarzen Punkten. Er stellt sich in einiger Entfernung in eine schattige Ecke und beobachtet. Spyder wirkt entspannt, lehnt sich nicht aus dem Fenster, ruft den Männern nicht nach. Sie gibt sich fast desinteressiert, wartet, bis sie angesprochen wird. Sie weiß wohl, wie sie auf Männer wirkt, dass sie Männer anzieht. Es herrscht reger Verkehr auf der Gasse und es kommen auch einige Kunden an Spyders Fenster, aber niemand geht hinein. Um nicht als Spanner unangenehm aufzufallen, geht er, nachdem er sich seiner Sache sicher ist, in eine nahe Kneipe und bestellt ein Bier. Er will nachdenken und auch prüfen, ob seine amateurhafte Verkleidung noch sitzt und nicht zu auffällig ist. Niemand stört sich daran, niemand spricht ihn an. Viel Grund zum Nachdenken hat er auch nicht. Er hatte sich in den vergangenen Wochen immer und immer wieder die Situation vorgestellt, wie er vor dieser Frau steht und was er sagen und tun wird. Sein Wunsch nach Rache hatte gewaltige Kapriolen geschlagen, aber, da er sich selbst nicht gefährden will und schon gar nicht in diesem Milieu Krach mit irgend welchen Ordnungshütern bekommen will, hatte er beschlossen, sich der Frau als Kunde zu nähern, ihr aber dann die Wahrheit zu sagen, um auf diese Weise an ihren Mann, den Drahtzieher, die treibende Kraft, heranzukommen und sich den dann vorzuknöpfen.
Er war dann doch ziemlich lange in der Kneipe geblieben und hatte einige Bier getrunken, um seine Nervosität einzudämmen und so ist es schon bald Mitternacht, als er in die Gasse zurückkehrt. Der „Verkehr“ hat nachgelassen, einige Frauen, an denen er vorbei gehen muss, versuchen ihn anzulocken. Aber dieses Mal schlendert er nicht, sondern geht zielstrebig direkt zu Spyders Fenster und bleibt dicht davor stehen. Die Frau schaut scheinbar sehr interessiert auf ihr Handy und hebt nur langsam den Kopf, als sie ihn bemerkt. Er schaut sie nicht direkt an. Vielleicht erkennt sie ihn trotz der Verkleidung und lässt ihn erst gar nicht rein. Aber nein, als sie das Handy weglegt und das Fenster öffnet, ist sie ganz die etwas gelangweilte Nutte, die einen mittelprächtigen Freier bedienen muss. Das ist offensichtlich kein Spaß für sie, bringt aber Geld. Schönheit allein reicht nicht zum Überleben. Er gibt sich etwas zögerlich, täuscht Schüchternheit vor, schaut bewusst an ihr vorbei und erkundigt sich leise und heiser, wie viel sie denn wolle und was sie so zu bieten habe und lässt durchblicken, dass er auch für eine halbe Stunde, vielleicht sogar für eine Stunde bezahlen würde, wenn sie es gut machen würde. Nun ist sie doch interessiert, eine Stunde ist schon etwas, wofür es sich lohnt, nett zu sein. Sie erklärt kurz, in einer Mischung aus Deutsch und Englisch und wieder mit dieser rauchigen, sexy Stimme, was er zu erwarten habe, was es koste, dass er ganz bestimmt nicht enttäuscht sein würde, dass sie es gut machen würde, und endet mit einem:
„Come on Schatzi. Hereinspaziert. It will be nice. Let's go.“
Ja, es ist dieselbe erregende Stimme, dieselbe unmiss-verständliche Aufforderung, dasselbe Versprechen, wie hinter dem Bahnhof. Er nickt, geht zur Tür. Sie betätigt den Öffner, erwartet ihn im Flur. Wieder umgibt sie ein intensiver Duft, wieder ein reichlich billiges Parfüm, aber diesmal ohne die ausgeprägte Schweißkomponente. Nur mit seinem inneren Auge sieht er noch einmal die vielen Schweißperlen auf ihrer Stirn. Mit seinen richtigen Augen sieht er die beiden Narben, die Zeichen ihrer etwas unvollkommene Schönheit. Und diese erregende Unvoll-kommenheit fasziniert ihn wieder, genauso wie diese Stimme, die sich in sein Gehirn eingeprägt hat. Sie gibt ihm flüchtig die Hand, sieht ihn kaum an, steigt sofort die Treppe hoch in den ersten Stock, in ihr Arbeitszimmer, ihr Studio, den Beischlafraum. Beim Hochsteigen wackelt ihr perfekt geformter Hintern dicht vor seinen Augen. Das rosa Bikiniunterteil mit den schwarzen Punkten verbirgt hinten so gut wie gar nichts. Die braune Haut, die unter den Haaren beginnt und an den goldfarbenen High-heels endet, ist nur von zwei schmalen, horizontalen Stoffstreifen unterbrochen und von einem dunklen Korsett zwischen diesen Streifen. Fast widerwillig merkt er beim Hochsteigen, dass er schon wieder beginnt, sich zu erregen, dass diese Frau schon wieder dabei ist, ihre Macht auf ihn auszuüben.
Der Arbeitsraum ist eine in Rot getauchte Grotte. An den Wänden dunkelrote Tapeten, auf dem Bett, das auf einem schwarzen Podest steht und fast den ganzen Raum einnimmt, eine ebenfalls dunkelrote Decke. An der Wand mit dem Bett ein Spiegel, genau so lang wie das Bett und ab der Bettkannte etwa einen Meter hoch. Darüber ein großes Plakat mit Strichmännchen und Strichweibchen, Figuren, wie sie die den Weg zu Toiletten und Notausgängen weisen, aber hier in allen möglichen Posen der Kopulation. Wenn der Blick noch höher wandert, über das Plakat hinaus, bis zur Decke, sieht man den zweiten Spiegel, der, genauso groß, dort oben angebracht ist. Auf dem Nachttischchen steht ein kleiner Fernseher, ein altmodisches Röhrengerät. Es läuft ein Musikvideo, der Ton ist leise, die Bildqualität schlecht. Neben dem Fernseher eine kleine Schale voller Kondome in roten Plastikhüllen. Spyder hat ihn immer noch nicht angesehen, denn kaum hat sie das Zimmer betreten, geht sie an das einzige Fenster, öffnet es, bleibt eine Weile sehen und lässt dann die Jalousie herunter. Das ist der Moment für ihn, und noch während sie mit dem Fenster beschäftigt ist, bevor sie sich ihm zuwendet, sie ihn wieder auffordern kann, die Kleider auszuziehen, sagt er mit normaler, unverstellter Stimme:
„Hello Spyder. How are you?“
Sie dreht sich abrupt um und starrt ihn ratlos an. Er sieht die Narben auf ihrer Stirn leicht hervortreten, schaut ihr direkt, in die nachtschwarzen Augen, in denen er die Irritation erkennt. Nun nimmt er erst die Brille ab, dann die Perücke, zuletzt reißt er sich den Schnurrbart von der Oberlippe. Wenn schwarze Haut erbleichen kann, dann jetzt. Spyder ist fassungslos, aber sie fängt sich schnell und sagt mit ihrer rauchigen Stimme, die einen Tick heiserer geworden ist:
„You? What are you going to do here?“
„Ich komme, um meine Schuld zu bezahlen. Verstehst du? I will pay for the last time. Kapierst du? Letztes Mal ging alles so schnell. Last time so quickly. Viel zu schnell. Ich schulde dir noch Geld. I must give you money. Kapiert?.“
Sie schaut ihn noch ungläubiger an. Die Augen kreisrund, der Mund leicht geöffnet. Jetzt sieht er wieder ganz deutlich die Zahnlücke in der Mitte der Reihe der oberen Schneidezähne, das zweite Zeichen der Unperfektheit.
„I do not understand. What are you going to do? Police? Du willst Polizei. Mich ins Gefängnis. Willst du?“
Er spürt, dass ihre Unsicherheit in Angst übergegangen ist, aber dass sie zugleich erleichtert wirkt. Auch er fühlt sich wohler, nachdem er seine Identität preisgegeben hat. Er setzt sich auf das Bett. Sie bleibt stehen. Beide schweigen, schauen sich nur skeptisch an. Und in diesen wenigen Sekunden beginnt eine Verwandlung, eine Annäherung, wie bei Marionetten, die von unsichtbaren Fäden dirigiert, sich aufeinander zu bewegen. Bei ihm fängt die Wut auf diese Frau, die er all die Wochen gehegt und gepflegt hatte, an zu verrauchen, zu verebben, dahinzuschwinden. Seine Rachegelüste werden von anderen Gefühlen verdrängt. Von Gefühlen, die schon beim ersten Mal aufgekommen waren, als sie sich hinter dem Bahnhof begegneten, als sie ihn anmachte und er ihr kopflos in der Gluthitze zu diesem verdammten Parkplatz folgte. Auch jetzt spürt er wieder dieselbe Sehnsucht und Geilheit, dieselbe drängende Lust, die ihn damals angetrieben hatte. Schon als er sie im Fenster sah, hatte es angefangen, und als er ihr auf der schmalen Treppe nachstieg, den wackelnden Hintern dicht vor der Nase, waren diese Gefühle immer stärker aufgewallt. Und jetzt, als sie immer noch am Fenster verharrt, sieht er nur noch eine attraktive Frau, die ihn ängstlich anschaut, anscheinend bereit, um Verzeihung zu bitten und wieder gut zu machen, was sie ihm angetan hat.
Sein drastischer Stimmungsumschwung wird auch von ihrem Verhalten bestimmt, das sich in der kurzen Zeit ihres Zusammenseins deutlich verändert hat. Eben noch eine professionelle Liebesanbieterin, die einen Kunden mit routinierter Gelassenheit empfing, einen unter vielen, den sie genau so bedienen würde, wie alle anderen, den sie zufriedenstellen würde, damit er wieder kommt, ihr Erfolgsrezept, dann auf einmal maßloses Erstaunen, als sie erkennt, wer da in ihr Studio gekommen ist. Erstaunen, das sich rasch in Verunsicherung und Angst verwandelt, weil sie nicht weiß, was dieser Mensch, dieser Schatten aus der Vergangenheit, von ihr will. Aber auch die Verunsicherung ist rasch verflogen, den instinktiv erkennt sie, dass sie erneut Macht über diesen Mann gewinnen kann, wie schon einmal, dass er schon wieder drauf und dran ist, ihrem Charme, ihrer Weiblichkeit zu unterliegen. Sie weiß, dass es nur an ihr liegt, dass sie nur ihre Talente, ihre Verführungskünste einsetzen muss, um ihn umzustimmen. Rasch spielt sie in Gedanken die wenigen Möglichkeiten durch, die sie hat, um diese gefährliche Situation glimpflich zu überstehen. Soll sie sich dumm stellen? Das Ganze als läppischen Ausreißer darstellen? Ignorieren kann sie weder den Mann noch das Geschehen in dem Campingbus. Sie kann nicht mehr alles ableugnen, nachdem ihr das Erkennen so herausgerutscht ist. Oder soll sie alle Schuld auf ihren Mann schieben, der sie verleitet und missbraucht hat? Ja, das ist wohl der beste Weg. Schuld von sich weisen und mit großem Einsatz die Verführte und zugleich die Verführerin mimen. Nach einer kurzen Phase des sich gegenseitigen Anstarrens hat sie sich durchgerungen, aber dann merkt sie auf einmal, wie ihre Beine weich werden. Die unerwartete Begegnung, die Heimsuchung, das Auftauchen dieses Mannes ist ein Schock, selbst für eine abgebrühte Frau wie Myra, die nur noch wenig erschüttern kann. Sie muss sich setzen, durchatmen und dann diesen Mann umstimmen, umpolen, instrumentalisieren. Sie geht langsam, zögerlich zu dem großen Bett und setzt sich neben ihn.
Dem Mann auf dem Bettrand kommt es auf einmal vor, als säße er wieder in dem stickigen Wohnwagen und seltsamerweise wünscht er sich, dass sie wieder seine Schenkel streicheln möge und dass sie ohne viel Worte, ohne die ganze Aufarbeitung der unerfreulichen Vergangenheit, anfangen möge, ihn zu liebkosen, sein Glied zu malträtieren, das sich regt und mächtig zuckt. Die simplen, aber mächtigen biologischen Bedürfnisse haben alle Vernunft, alle Vorsicht, alle Lehren aus der Vergangenheit verdrängt und wollen befriedigt werden. Doch die Frau hält Distanz, fasst ihn nicht an, rückt nicht näher. Sie merkt natürlich, wie dieser Mann nach ihr giert, spürt sein Verlangen, weiß, dass sie für den Augenblick leichtes Spiel hätte. Aber sie will mehr, will sich ihrer Sache sicher sein, will, dass er seine Rache an ihr nicht weiter verfolgt, dass er nicht die Polizei einschalten wird. Deswegen will sie ihm keine rasche Befriedigung verschaffen, will erst sein Vertrauen gewinnen, um mit ihm auf einer emotionalen Ebene in Kontakt zu kommen. Erst müsse er zuhören und ihre Version des Geschehens akzeptieren, erst dann könnte er den Sex bekommen, den er zweifellos suchte, erst dann könnte die körperliche Vereinigung beginnt. Das alles sagt sie ihm nicht, sie sagt nur, dass sie erst miteinander reden müssten, dass er ihre Version des Geschehens kennen müsse. Und dann müsse sie noch wissen, wie es ihm ergangen sei, wie er aus der misslichen Lage heraus gefunden habe, was er danach gemacht habe und wie er sie aufspüren konnte. Und sie wolle wissen, was er denkt und was er vorhat. Wenn sie nicht als erstes reden würden, würde sie umkommen vor Neugier, erst dann könnte sie sich auf ihn konzentrieren und er könne von ihr alles bekommen, was sie geben könne. Ganz bestimmt, er könne sich darauf verlassen.
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