Kitabı oku: «Dialektik der Ordnung»
War der Holocaust ein „Betriebsunfall“ der Moderne oder deren innere Konsequenz? Zygmunt Bauman zeigt in seinem Hauptwerk, wie die Soziologie mit diesem Phänomen methodisch umgehen könnte, mehr noch: was der Holocaust für die Soziologie bedeutet. Keine der traditionellen Lehrmeinungen der Soziologie kann in Zygmunt Baumans Analyse bestehen. Weder diejenige, die den Holocaust als ein Ereignis der jüdischen Geschichte interpretiert, noch diejenige, die den Holocaust als Produkt »barbarischer« Verhaltensweisen betrachtet, die vom zivilisatorischen Fortschritt langsam überwunden werden. Im Gegenteil, der Holocaust selbst muss als Ausdruck der Moderne verstanden werden: in diesem Sinne ein »normaler Vorgang« – immer und überall wiederholbar.
Für die vorliegende vierte Auflage dieses vielbeachteten Werks von Zygmunt Bauman hat Ulrich Bielefeld ein informatives Nachwort verfasst, welches das Gesamtwerk Baumans analysiert und in einen biografischen Zusammenhang stellt.
Zygmunt Bauman (1925–2017), Professor für Soziologie an den Universitäten Warschau, Tel Aviv und Leeds. Veröffentlichungen u. a.: »Legislators and Interpreters« (1987), Freedom« (1988), »Thinking Sociologically« (1990), »Modernity and Ambivalence« (1990; dt. 1992 »Modernität und Ambivalenz«), »Leben in der Flüchtigen Moderne« (Frankfurt, 2007), »Wir Lebenskünstler« (Berlin, 2010), »Die Angst vor den anderen« (Berlin 2016). Zahlreiche Preise und Ehrungen, darunter der Amalfi-Preis für Soziologie.
Zygmunt Bauman
Dialektik der Ordnung
Die Moderne
und der Holocaust
Aus dem Englischen übersetzt von Uwe Ahrens
Mit einem Nachwort von Ulrich Bielefeld

E-Book (ePub)
© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021
Alle Rechte vorbehalten.
Covergestaltung: nach Entwürfen von MetaDesign
Signet: Dorothee Wallner nach Caspar Neher »Europa« (1945)
ePub:
ISBN 978-3-86393-573-3
Auch als gedrucktes Buch erhältlich:
4. Auflage mit einem Nachwort von Ulrich Bielefeld: © CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021
Deutsche Erstausgabe © EVA Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1992
die Originalausgabe erschien unter dem Titel
Modernity and the Holocaust
© 1989 Polity Press, Basil Blackwell, Oxford
Print: ISBN 978-3-86393-098-1
Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter www.europaeischeverlagsanstalt.de
INHALT
Vorwort
1 Einführung: Die Soziologie nach dem Holocaust
2 Moderne, Rassismus und Vernichtung I
3 Moderne, Rassismus und Vernichtung II
4 Einzigartigkeit und Normalität des Holocaust
5 Die Kooperation der Opfer
6 Ethik des Gehorsams (Milgram lesen)
7 Vorüberlegungen zu einer soziologischen Theorie der Moral
8 Nachbetrachtung: Rationalität und Scham
Anmerkungen
Bibliographie
Zygmunt Bauman Die soziale Manipulation der Moral: Moralisierung der Handelnden, Adiaphorisierung des Handelns
Ulrich Bielefeld Zygmunt Bauman – Ein europäischer Intellektueller
Für Janina und alle,
die überlebten, um die Wahrheit zu berichten.
Während ich dies schreibe, sitzen über mir hochzivilisierte Menschen in ihren Flugzeugen und versuchen, mich umzubringen. Nicht daß sie gegen mich als Individuum Feindschaft hegten, oder ich gegen sie. Sie »tun nur ihre Pflicht«, wie es so schön heißt. Ohne Zweifel sind die meisten von ihnen gutherzige, gesetzestreue Zeitgenossen, die in ihrem Privatleben nicht einmal im Traum an einen Mord dächten. Andererseits wird es keinem von ihnen den Schlaf rauben, wenn eine gutplazierte Bombe mich in Stücke reißt. Schließlich dienen alle ihrem Vaterland, das die Autorität hat, sie von allem Bösen freizusprechen.
George Orwell, England your England (1951)
Nichts ist so erschütternd wie Schweigen.
Leo Baeck, Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden, 1933–1943
Es muß unser Interesse sein, daß die große historische und soziale Frage »Wie konnte das passieren?« ihr ganzes Gewicht, ihre grelle Nacktheit, ihren Schrecken behält.
Gershom Scholem in der Begründung seiner Ablehnung der Hinrichtung Eichmanns
Vorwort
Nachdem Janina ihre Erinnerungen an die Zeit im Ghetto und im Untergrund niedergeschrieben hatte, dankte sie mir, ihrem Ehemann, für das Verständnis während ihrer langen Abwesenheit in den zwei Jahren, in denen sie an ihrem Buch schrieb und die sie in eine Welt zurückführte, die »nicht die seine« war. Mir war es gelungen, dem Schrecken und der Unmenschlichkeit zu entkommen, als sie in die fernsten Winkel Europas vordrangen. Und wie viele meiner Zeitgenossen unternahm ich später niemals den Versuch, das Geschehene zu ergründen, sondern überließ es den Alpträumen und den niemals heilenden Wunden jener, die ihre Angehörigen verloren hatten oder ihrer Persönlichkeit beraubt worden waren.
Natürlich wußte ich genug über den Holocaust. Das Bild, das ich davon hatte, entsprach dem vieler anderer aus meiner Generation oder dem der Jüngeren: ein entsetzliches Verbrechen, das die Bösen an den Unschuldigen verübt hatten. Die Welt des Holocaust zerfiel in anomale Mörder und hilflose Opfer und jene, die versucht hatten, den Opfern zu helfen, soweit es eben ging. Nach dieser Vorstellung begingen die Mörder ihre Verbrechen, weil sie Psychopathen waren oder von einer wahnwitzigen Idee besessen; die Opfer wurden hingeschlachtet, weil sie dem übermächtigen, schwer bewaffneten Gegner nichts entgegenzusetzen hatten; und die übrige Welt hatte erschüttert zusehen müssen, bis der Sieg der Alliierten über die Nationalsozialisten dem unsäglichen Leiden ein Ende bereitete. Meine Vorstellung vom Holocaust war wie ein gerahmtes Bild an der Wand, das von seiner Umgebung sauber getrennt ist und mit dem Rest des Mobiliars nichts zu tun hat.
Nach der Lektüre von Janinas Buch wurde mir bewußt, wie gering mein Wissen war – oder besser, wie wenig ich nachgedacht hatte. Mir dämmerte, daß ich überhaupt keine Vorstellung hatte von jener Welt, die »nicht die meine war«. Was dort geschehen war, entzog sich allen einfachen und gedanklich befriedigenden Erklärungsversuchen, die ich bis dahin für ausreichend gehalten hatte. Der Holocaust war nicht nur ein finsteres, schreckliches Geschehnis, sondern ließ sich mit gewohnten, »normalen« Kategorien nicht erfassen. Der Holocaust besaß seinen eigenen Code, den es zu entschlüsseln galt.
Ich begann mich dafür zu interessieren, was Historiker, Sozialwissenschaftler und Psychologen über den Holocaust herausgefunden hatten. Ich stöberte in Bibliotheksregalen, die ich nie zuvor gesehen hatte. Der Faktenreichtum der vielen historischen Studien und die Seriosität der theologischen Traktate, auf die ich stieß, war außerordentlich. Es gab sogar einige wenige sorgfältig recherchierte und gut beschriebene soziologische Untersuchungen. Die Analyse der von den Historikern zusammengetragenen Fakten ließ nur eine Schlußfolgerung zu: Der Holocaust war kein Bild an der Wand, sondern ein Fenster, durch das Dinge sichtbar wurden, die normalerweise unentdeckt bleiben. Und was zum Vorschein kam, geht nicht nur die Urheber, die Opfer und die Zeugen des Verbrechens etwas an, sondern ist von größter Bedeutung für alle, die heute leben und auch in Zukunft leben wollen. Der Blick durch dieses Fenster verstörte mich zutiefst, aber je bedrückter ich wurde, desto mehr wuchs in mir die Überzeugung, daß es äußerst gefährlich ist, diesen Blick nicht zu tun.
Anfangs war der Blick durch dieses Fenster für mich fremd, und darin glich ich vielen meiner Fachkollegen. Wie die meisten Soziologen nahm ich an, der Holocaust sei bestenfalls ein Untersuchungsgegenstand für die Sozialwissenschaften; daß der Holocaust seinerseits unseren Untersuchungsgegenstand erhellen könnte, ahnte ich nicht. Der Holocaust schien mir (weil ich es nicht besser wußte) eine Unterbrechung des normalen Ganges der Geschichte, ein Krebsgeschwür am Körper der zivilisierten Gesellschaften, ein Fall von Wahnsinn inmitten gesunder Verhältnisse. Nur deshalb konnte ich meinen Studenten ein Bild von der normalen, gesunden Gesellschaft zeichnen, denn ich glaubte, den Holocaust den Spezialisten für Pathologisches überlassen zu können.
Meine Selbstzufriedenheit und die meiner Kollegen wurde gefördert (auch wenn dies keine Entschuldigung sein darf) durch die Art und Weise, in der das Vermächtnis des Holocaust vereinnahmt und behandelt wurde. Im kollektiven Bewußtsein gilt der Holocaust als Tragödie der Juden und der Juden allein; von den anderen wird nicht viel mehr als Bedauern, Mitleid, vielleicht auch Rechtfertigung verlangt. Wieder und wieder von Juden und Nichtjuden wurde der Holocaust als kollektives Schicksal und Privatangelegenheit der Juden dargestellt, argwöhnisch bewacht von denen, die den Erschießungen und Gaskammern entkommen waren, oder von den Kindern der Ermordeten. Unter dem Strich ergänzten sich die »Innen«- und die »Außenperspektive«. Selbsternannte Sprecher der Opfer warnten vor einer Verschwörung derer, die den Juden den Holocaust entreißen und »christianisieren« oder sein spezifisch jüdisches Gepräge zu einer Frage der »Humanität« machen wollten. Der Staat Israel versuchte, die tragische Erinnerung in ein Zertifikat seiner politischen Legitimität, in einen Freibrief für die frühere und zukünftige Politik und sozusagen als Vorschuß auf das von ihm selbst begangene Unrecht umzumünzen. Alle diese Gründe trugen dazu bei, daß sich der Holocaust in das öffentliche Bewußtsein als rein jüdische Angelegenheit eingrub, die von nur geringer Bedeutung für die heutige Gesellschaft und die in ihr Lebenden (seien sie nun Juden oder nicht) ist. Wie sehr die Bedeutung des Holocaust fatalerweise auf die des privaten Traumas einer einzigen Nation reduziert worden ist, erlebte ich an einem gelehrten, klugen Freund. Als ich mich darüber beklagte, wie wenig allgemeingültige Schlußfolgerungen aus dem Holocaust in der soziologischen Literatur zu finden seien, war seine Reaktion: »Das finde ich auch erstaunlich, wenn man bedenkt, wieviel jüdische Soziologen es doch gibt.«
Der Holocaust wird zu Jahrestagen und besonderen Anlässen thematisiert, normalerweise in jüdischen Gemeinden oder vor einer jüdischen Zuhörerschaft. Universitäten bieten Kurse über die Geschichte des Holocaust an, wenn auch außerhalb der normalen Lehrveranstaltungen. Der Holocaust gilt als Spezialthema der jüdischen Geschichte, es gibt Fachleute, die einander auf Tagungen und Symposien immer wieder begegnen. Doch ihre produktive und äußerst interessante Forschungsarbeit findet nur selten Eingang in die allgemeine Fachwissenschaft oder das kulturelle Leben – was natürlich auf viele Spezialgebiete in unserer Welt der Spezialisten und des Spezialistentums zutrifft.
Wenn Erkenntnisse diesen Weg schließlich doch einmal finden, dann betritt der Holocaust die öffentliche Bühne in der Regel in gereinigter, demobilisierender und abgemilderter Form. Im Einvernehmen mit den gängigen Mythen rüttelt der Holocaust das Publikum als menschliche Tragödie auf, ohne jedoch die Selbstzufriedenheit zu tangieren. Ein Beispiel ist die amerikanische Fernsehserie Holocaust: Sie zeigte, wie gebildete, kultivierte Arztfamilien aufrecht, würdevoll und moralisch unversehrt in die Gaskammer gingen, geführt von widerlichen, degenerierten Nazischergen und ihren ungeschlachten, blutrünstigen slawischen Gehilfen. David G. Roskies, ein scharfsinniger und einfühlsamer Beobachter der jüdischen Reaktionen auf die Apokalypse, hat in diesem Zusammenhang eine wichtige Beobachtung gemacht: Sei die Ghetto-Dichtung zunächst durch Nachdenklichkeit gekennzeichnet gewesen, so habe sich in den späteren Versionen – wie durch schleichende Selbstzensur – jüdisches Selbstbewußtsein durchgesetzt. »Je mehr die Zwischentöne verdrängt wurden«, so Roskies, »desto mehr bildeten sich die bekannten archetypischen Konturen des Holocaust heraus: Die jüdischen Opfer waren absolut gut, die Nazis und ihre Kollaborateure absolut böse.«1 Hannah Arendt löste einen Sturm der Empörung aus, als sie die These wagte, die Opfer eines unmenschlichen Regimes hätten auf dem Weg in die Vernichtung notgedrungen einen Teil ihrer Menschlichkeit verloren. Der Holocaust war ohne Zweifel eine jüdische Tragödie. Zwar waren die Juden nicht die einzigen, die dem Naziregime zum Opfer fielen (auf Geheiß Hitlers starben 20 Millionen Menschen, davon 6 Millionen Juden), doch nur für die Juden war die vollständige Vernichtung geplant, da sie in der Neuen Ordnung der Nationalsozialisten keinen Platz hatten. Dennoch: Der Holocaust ist nicht einfach ein jüdisches Problem und nicht ausschließlich ein Element jüdischer Geschichte. Der Holocaust wurde inmitten der modernen, rationalen Gesellschaft konzipiert und durchgeführt, in einer hochentwickelten Zivilisation und im Umfeld außergewöhnlicher kultureller Leistungen; er muß daher als Problem dieser Gesellschaft, Zivilisation und Kultur betrachtet werden. Die Verdrängungsprozesse im historischen Gedächtnis unserer modernen Gesellschaft sind aus diesem Grunde mehr als nur Ignoranz, die die Opfer der Genozids verletzen muß; sie sind auch ein Indiz für eine gefährliche, potentiell suizidale Blindheit.
Wenn hier von einem Verdrängungsprozeß die Rede ist, bedeutet das nicht, daß der Holocaust aus dem Gedächtnis schwindet. Im Gegenteil. Abgesehen von einigen revisionistischen Kreisen, die die historischen Fakten abstreiten (und so durch die Schlagzeilen, die sie machen, ungewollt für mehr Aufsehen sorgen), nimmt das öffentliche Interesse an den grausamen Fakten des Holocaust eher noch zu. Das gesamte Thema hat – zumindest als Rahmenthema – einen festen Platz in Filmen, im Fernsehen und in der Literatur gefunden. Dennoch findet der Verdrängungsprozeß statt, denn zwei Vorgänge wirken zusammen.
Zum einen wird die Geschichte des Holocaust zunehmend in ein Spezialgebiet mit eigenen wissenschaftlichen Instituten, Stiftungen und Symposien abgedrängt. Ein bekannter Effekt dieser Verzweigung in Fachdisziplinen ist, daß das Spezialgebiet eine nur sehr lockere Verbindung mit der allgemeinen Forschung hält; die allgemeine Forschung bezieht nur wenige Impulse aus den Erkenntnissen der Spezialisten, insbesondere dann, wenn diese ihre eigene Sprache und Begrifflichkeit entwickeln. Das wissenschaftliche Spezialgebiet wird gewissermaßen partikularisiert und marginalisiert, das heißt, es verliert an Bedeutung für die wissenschaftliche Praxis. Die Folge ist, daß der Umfang und die wissenschaftliche Qualität der Spezialuntersuchungen zum Holocaust zwar in beeindruckender Weise zunehmen, daß die Beschäftigung mit diesem Thema aber kaum noch Eingang in allgemeinhistorische Darstellungen findet.
Ein weiterer Vorgang ist die bereits erwähnte Einfriedung des Holocaust im öffentlichen Bewußtsein. Der Holocaust ist an Gedenkfeiern und die damit verbundenen Reden geknüpft. Veranstaltungen dieser Art haben ihren Sinn, doch sie tragen nur wenig zur Analyse des Phänomens Holocaust und seiner beunruhigenden, unbequemen Aspekte bei. Eine weitere Tatsache ist, daß die Informationsmedien noch hinter diesem ohnehin beschränkten Diskussionsstand zurückbleiben.
Wenn die Öffentlichkeit mit der schrecklichsten Frage konfrontiert wird, nämlich »Wie war das Entsetzliche im Herzen des zivilisierten Teils der Welt möglich?«, geraten nur wenige darüber aus dem seelischen Gleichgewicht. Untersuchung der Schuld wird verwechselt mit der Forschung nach den Ursachen. Die Wurzeln des Bösen, so hören wir, seien im Wahn Hitlers, in der Unterwürfigkeit seiner Henker, der Brutalität seiner Anhänger und in der von seinen Ideen gesäten Morbidität zu suchen. Außerdem wird darauf verwiesen, die Windungen der deutschen Geschichte, die moralische Abstumpfung der Deutschen als Folge offenen oder latenten Antisemitismus hätten eine wichtige Rolle gespielt. Als Antwort auf die Frage, »wie so etwas möglich gewesen« ist, folgt in der Regel eine Litanei von Fakten über den SS-Horrorstaat, die Bestialität der Nazis oder andere Aspekte der »deutschen Krankheit«, die, wie man uns versichert, »der Entwicklung der Welt zuwiderlaufen«2. Nur wenn die Unmenschlichkeit der Nationalsozialisten und die Ursachen in unserer aller Bewußtsein kämen, sei es möglich »die Wunden, die der Nationalsozialismus der westlichen Zivilisation beigebracht habe, wenn sie schon nicht heilbar sind, wenigstens zu lindern«3. Das könnte heißen, daß die Ursachenforschung abgeschlossen wäre, wenn Deutschland, den Deutschen und den Nationalsozialisten ihre Schuld moralisch und materiell nachgewiesen sei.
Aber die Betonung und Erklärung des Holocaust als deutsches Verbrechen ist verhängnisvoll, denn sie führt dazu, daß alle anderen und insbesondere alles andere entlastet sind. Die Annahme, daß die Vollstrecker des Holocaust eine Wunde oder eine Krankheit unserer Zivilisation und nicht ihr schreckliches, doch legitimes Produkt waren, führt nicht nur zu ungerechtfertigter moralischer Selbstzufriedenheit, sondern kommt einer bedrohlichen moralischen und politischen Kapitulation gleich: Geschah das alles nicht »damals«, in einem anderen Land und einer anderen Zeit? Je mehr Schuld wir »den anderen« zuweisen können, desto mehr wiegen »wir« uns in Sicherheit. Wer die Schuldzuweisung mit Ursachenforschung verwechselt, verschließt die Augen vor dem labilen Zustand der Schuldlosigkeit und Gesundheit unserer Lebensverhältnisse.
Insgesamt gesehen verliert der Holocaust so paradoxerweise viel von seiner Bedrohlichkeit. Seine Botschaft für die Gegenwart und die Gesellschaftsordnung, in der wir leben, das heißt ihre Institutionen, denen wir vertrauen, oder ihre Wertmaßstäbe, von denen wir unser Handeln und unsere Interaktionsformen leiten lassen, verhallt weitgehend ungehört. Sofern sich Fachleute damit auseinandersetzen, bleiben ihre Erkenntnisse auf den kleinen Kreis der Eingeweihten beschränkt. Es ist an der Zeit, diese Erkenntnisse in das allgemeine Bewußtsein, und wichtiger noch, in die moderne Praxis zu übersetzen.
Die vorliegende Studie ist ein Beitrag zu einer längst überfälligen Aufgabe von großer kultureller und politischer Bedeutung: Diese Aufgabe besteht darin, die soziologischen, psychologischen und politischen Implikationen des Phänomens Holocaust für das Selbstverständnis und die Praxis der Institutionen wie auch der Mitglieder der Gesellschaft zu verdeutlichen. Ich habe mit diesem Buch nicht den Versuch einer neuen historischen Deutung des Holocaust unternommen, sondern mich vielmehr auf die hervorragenden vorliegenden Forschungsarbeiten gestützt. Ziel meiner Studie ist die Kritik zentraler Bereiche der Sozialwissenschaften (möglicherweise auch der Sozialpolitik), die sich aus den Fakten, Dimensionen und dem verborgenen Potential des Holocaust herleitet. Der Zweck der in dieser Untersuchung vollzogenen Analyse ist nicht, einen weiteren Beitrag für eines der Spezialgebiete der Sozialwissenschaften zu liefern, sondern die Ergebnisse von Spezialuntersuchungen für die Sozialwissenschaften allgemein zugänglich und ihre Relevanz für deren Untersuchungen deutlich zu machen und sie somit in den Fokus der sozialen Theorie und Praxis zurückzuführen.
Kapitel 1 referiert die spärlichen Antworten der Soziologie auf theoretisch problematische und praktisch relevante Fragen aus dem Umkreis der Studien zum Holocaust. Einige der Aspekte werden in den folgenden Kapitel aufgegriffen und weiterverfolgt. In den Kapiteln 2 und 3 geht es um die Spannungen, die aus den grenzziehenden Tendenzen unter den Bedingungen der Modernisierung, des Zusammenbruchs der traditionellen Ordnung und der Konsolidierung der modernen Nationalstaaten hervorgegangen sind; ferner werden die Zusammenhänge zwischen bestimmten Merkmalen der modernen Zivilisation (besonders ist hier die auf zunehmender Verwissenschaftlichung beruhende Legitimation der sozialplanerischen Ambitionen zu nennen), das Aufkommen rassistischer Umdeutungen kommunaler Antagonismen und der Zusammenhang zwischen Rassismus und dem Genozid untersucht. Ausgehend von meiner These, daß der Holocaust als charakteristisches modernes Phänomen zu sehen ist, dessen Erklärung innerhalb des Kontextes moderner kultureller Tendenzen und technischer Entwicklungen zu suchen ist, behandelt Kapitel 4 das Problem der wahrhaft dialektischen Beziehung von Einzigartigkeit und Normalität des Holocaust (die seinen Status als modernes Phänomen ausmachen); meine Schlußfolgerung: Der Holocaust war das Resultat eines einzigartigen Zusammentreffens im Grunde normaler und gewöhnlicher Faktoren; die Möglichkeit dieses Zusammentreffens entstand in erster Linie durch die Entlassung des politischen Staates aus der sozialen Kontrolle, wodurch wichtige nichtpolitische Machtzentren und die Institutionen sozialer Selbststeuerung zerstört wurden. Das Ergebnis: Aus der Konzentration des staatlichen Gewaltmonopols erwuchs der Spielraum für sozialpolitische Ambitionen. Kapitel 5 geht die undankbare und schmerzvolle Aufgabe an, sich mit dem auseinanderzusetzen, »was wir lieber unausgesprochen ließen«4: nämlich mit den modernen Mechanismen, die die Kooperation der Opfer herbeiführen und den entmenschlichenden Effekt einer auf Zwang beruhenden Autorität verstärken – im Widerspruch zur Vorstellung von der veredelnden und moralisierenden Wirkung des Zivilisationsprozesses. Der »moderne Bezug« des Holocaust, sein Zusammenhang mit der von der modernen Bürokratie bis zur Perfektion entwickelten Form von Autorität, ist Gegenstand des Kapitels 6. Darin werden die hochinteressanten soziopsychologischen Experimente von Milgram und Zimbardo behandelt. Kapitel 7 liefert die theoretische Synthese und Konklusion, erörtert den gegenwärtigen Status der Moral in den vorherrschenden sozialen Theorien und schlägt eine grundlegende Revision vor – ein neues Konzept müßte die gefährliche soziale Manipulation durch physische wie geistige Distanzierung berücksichtigen.
Trotz der Vielfältigkeit der in diesem Buch behandelten Aspekte hoffe ich, daß alle Kapitel inhaltlich in eine Richtung weisen: Ich plädiere dafür, die Lehren aus dem Holocaust in die vorherrschenden Theorien der Moderne und des Zivilisationsprozesses aufzunehmen. Meiner Überzeugung nach sollte die Untersuchung des Phänomens Holocaust für die Diagnose der Gesellschaftsform, in der wir leben, genutzt werden.
Der Holocaust entstand aus dem Zusammentreffen alter, von der Moderne ignorierter, unterschätzter oder ungelöster Spannungen mit den mächtigen Instrumenten rationalen, zielgerichteten Handelns, die ein Ergebnis der Moderne selbst waren. Obwohl dieses Zusammentreffen einzigartig war und eine seltene Kombination von Umständen voraussetzte, sind die einzelnen Faktoren allgegenwärtig und »normal«. Es ist bisher versäumt worden, das furchtbare Potential dieser Faktoren weit genug zu ergründen und, vor allen Dingen, ihre grauenhafte Wirksamkeit zu verhindern.
In der Arbeit an diesem Buch habe ich besonders profitiert von der Kritik und dem Rat von Bryan Cheyette, Shmuel Eisenstadt, Ferenc Fehèr, Agnes Heller, Lukasz Hirszowicz und Victor Zaslavsky. Ich hoffe, die Genannten finden auf den folgenden Seiten mehr als nur flüchtige Spuren ihrer Gedanken und Anregungen. Mein besonderer Dank gilt Anthony Giddens für die aufmerksame Lektüre der verschiedenen Fassungen des Buches, für kluge Kritik und viele wertvolle Ratschläge. Meinem Herausgeber David Roberts danke ich für die Unterstützung und Geduld.
1
Einführung: Die Soziologie nach dem Holocaust
In Zukunft werden auch die Todeslager und ›Muselmänner‹ zu den materiellen und geistigen Hervorbringungen der Zivilisation zu zählen sein.
Richard Rubenstein und John Roth, »Approaches to Auschwitz«.
Wir begegnen in der Soziologie zwei Formen der Bewußtseinstrübung und Blindheit gegenüber dem Holocaust und seinen Konsequenzen für eine Theorie der Zivilisation und Moderne.
Das soziologische Denken wertet den Holocaust einerseits als etwas, das den Juden widerfuhr, als Ereignis spezifisch jüdischer Geschichte und damit als singuläres Ereignis, nicht weiter beunruhigend und ohne Relevanz für die soziologische Theorie. Der Holocaust gilt dann als Kulminationspunkt des christlich-europäischen Antisemitismus, als solcher seinerseits singulär und ohne Vergleich in einer langen, facettenreichen Tradition ethnischer und religiöser Vorurteile und Übergriffe. Derart ragt der Antisemitismus wegen seiner geschichtlich einzigartigen Systematik, seiner ideologischen Intensität und Internationalität, aber auch aufgrund seines besonderen regionalen und konfessionellen Nährbodens aus allen anderen gesellschaftlichen Antagonismen heraus. Der Holocaust, gedacht gewissermaßen als Fortsetzung des Antisemitismus mit anderen Mitteln, wird vor diesem Hintergrund zur monströsen historischen Ausnahme stilisiert. Die daraus abzuleitenden Erklärungen erhellen zwar die Pathologie der ihn hervorbringenden Gesellschaft, lassen aber keine Rückschlüsse auf ihren »gesunden/normalen« Zustand zu. Weder der orthodoxe soziologische Modernitätsund Zivilisationsbegriff, noch gar die Grundlagen dieser Wissenschaft scheinen von daher revisionsbedürftig.
Die andere Richtung soziologischer Betrachtung versucht diesen Fehler im Ansatz zu vermeiden, führt jedoch zur selben Konsequenz. Der Holocaust ist demnach in seiner Anhäufung von Monstrositäten zwar ein Extremfall – die einzelnen Phänomene, isoliert betrachtet, jedoch durchaus »normal«. Die These: Man könne (und müsse) mit diesen resistenten und universell anzutreffenden Phänomenen leben, da die soziale Ordnung sie normalerweise zähme, wenn nicht sogar neutralisiere. Der Holocaust erhält in dieser Sicht den Status eines Extremfalles unter vielen anderen »analogen« sozialen Konflikten oder Übergriffen. Die radikalste Denkrichtung behauptet gar, für den Holocaust seien bestimmte archaische, kulturell nicht auslöschbare, das hieße also »naturgegebene« Prädispositionen des Menschen verantwortlich – etwa unter Berufung auf Lorenz und die Aggression als Instinkt oder die von Arthur Koestler postulierte emotionale Prävalenz der stammesgeschichtlich älteren Hirnschichten.1 Die für den Holocaust vermeintlich verantwortlichen Faktoren werden aus dem Feld soziologischer Betrachtung eliminiert, wenn man sie als »präsozial« und immun gegen kulturelle Einflüsse betrachtet. Man kann den Holocaust dann allenfalls noch unter der schrecklich-finsteren – aber zumindest theoretisch faßbaren – Kategorie des Genozids subsumieren; oder ihn dem Kapitel ethnisch, kulturell oder rassistisch motivierter Unterdrückung und Verfolgung zuweisen.2
Unabhängig davon, welchem der beiden Ansätze die Soziologie folgt – der Holocaust läßt sich in die Kontinuität von Geschichte einfügen:
Das Kunststück, den Holocaust bei aller Singularität als normales Ereignis aufzufassen, gelingt unter Hinweis auf andere historisch belegte Greuel, von den Kreuzzügen über das Gemetzel an katharischen Ketzern und den türkischen Völkermord an den Armeniern bis hin zur britischen Erfindung des Konzentrationslagers in den Burenkriegen.3
Der Holocaust wird vielfach in die jahrhundertealte Tradition der jüdischen Ghettoisierung, Diskriminierung und Pogrome gestellt – als grauenerregende, wenngleich logische Konsequenz ethnisch und religiös motivierten Hasses. Derart ist die Sprengkraft des Schreckens entschärft, die grundlegende Revision der soziologischen Theorien überflüssig. Der gängige Modernitätsbegriff gerät nicht in Zweifel, daß die Analyse ihres latenten Potentials unterbleibt. Die ›erklärenden‹ und ›sinnstiftenden‹ Axiome und Methoden der Soziologie werden als perfektes gesellschaftspolitisches Rüstzeug angesehen. Das Resultat ist allgemeine Selbstzufriedenheit. Die modernen soziologischen Erklärungsmodelle, in einer bestimmten Konstellationsebene als theoretischer Rahmen wie pragmatischer Leitfaden soziologischen Handelns bewährt, bleiben der Kritik entzogen – auch trotz und nach dem Holocaust.
Kritik an dieser saturierten Soziologie wird bisher in erster Linie von Historikern und Theologen vorgetragen – ohne von der Soziologie ernsthaft zur Kenntnis genommen worden zu sein. Verglichen mit der beeindrukkenden Menge der gründlichen Studien von Historikern und der Weite der Auseinandersetzung unter christlichen und jüdischen Theologen nimmt sich der Beitrag der Soziologie zur Untersuchung des Holocaust dürftig und überflüssig aus. Ein Blick auf den gegenwärtigen soziologischen Forschungsstand zu diesem Thema offenbart das Paradox: Der Holocaust gibt mehr Aufschluß über den Stand der Soziologie, als diese in der jetzigen Form imstande ist, zur Erklärung des Holocaust beizutragen. Die Soziologen haben sich diesem alarmierenden Befund bisher nicht gestellt, geschweige denn sich damit auseinandergesetzt.
Wie man sich die soziologische Bewältigung des ›Komplexes Holocaust‹ vorzustellen hat, belegt ein Zitat des berühmten Everett C. Hughes:
Das nationalsozialistische Regime in Deutschland befahl das ungeheuerlichste Stück ›Vernichtungsarbeit‹, das die Juden in ihrer Geschichte zu erleiden hatten. Die entscheidenden Fragen angesichts eines solchen historischen Faktums lauten: (1) Wer erledigte dieser Arbeit? – und (2) Warum leisteten die ›guten‹ Menschen dagegen keinen Widerstand? Was wir brauchen, ist genaue Kenntnis über ihren Aufstieg zur Macht und bessere Mittel, sie von der Macht fernzuhalten.
Ganz im bewährten Stil soziologischer Praxis fordert Hughes eine gründliche psychosoziale Diagnose. Untersuchungsgegenstand sei die spezifische Kombination von Faktoren, die spezifische Verhaltensmuster bei den Erfüllungsgehilfen von ›Vernichtungsarbeit‹ auslösen (bzw. die damit korrelieren). Außerdem jene Faktoren, die den latenten Widerstand gegen diese Tendenz unterdrücken. Ziel dieses soziologischen Ansatzes: ein prädiktives Erklärungsmodell – basierend auf der Vorstellung von einer rational durchorganisierten, kausalen Gesetzmäßigkeiten und statistischer Wahrscheinlichkeit unterworfenen Welt – das den Ausbruch von ›Vernichtungstendenzen‹ verhindern helfen soll. Man hofft, die moderne Zivilisation durch eine konsequente Anwendung jener präventiven soziologischen Modelle garantieren zu können, denen sie angeblich ursächlich ihre rationale ›Beherrschbarkeit‹ verdankt. Allenfalls ein gewisser Nachbesserungsbedarf des – vermeintlich nicht diskreditierten – ›Social Engineering‹ wird eingeräumt.
In einer lesenswerten Studie vom Holocaust hat Helen Fein5 die von Hughes empfohlene Methodik Schritt für Schritt angewandt. Fein untersucht den Zusammenhang einer Reihe psychologischer, ideologischer und struktureller Variablen und der prozentualen Verteilung von Opfern und Überlebenden unter der jüdischen Bevölkerung im nationalsozialistisch besetzten Europa. Nach herkömmlichen soziologischen Maßstäben gelingt Helen Fein eine beeindruckende Forschungsleistung. Faktoren wie die nationale Ausprägung des Antisemitismus, der Grad der jüdischen Akkulturation und Assimilation sowie die daraus resultierende gesellschaftliche Solidarität in den einzelnen Ländern sind sorgfältig analysiert und präzise erfaßt. Einige Korrelationen konnten statistisch erhärtet werden, etwa die zwischen fehlender Solidarität und der Tendenz zur ›Aufhebung persönlicher moralischer Zwänge‹. Gerade die vorbildliche Arbeitsweise H. Feins legt aber die Schwächen der orthodoxen Soziologie auf diesem Gebiet in diesem Zusammenhang, wenn auch schonungslos, bloß. Tatsächlich gibt es ohne eine Revision der grundlegend stillschweigend akzeptierten Prämissen des soziologischen Diskurses keine Alternative zu dem von Fein beschrittenen Weg. Der Holocaust resultiert dieser Betrachtungsweise zufolge aus einer verhängnisvollen, zeitlich begrenzten Verkettung sozialer und psychologischer Faktoren. Das implizit oder explizit bemühte Modell eines human prägenden, prä- und antisoziale Triebe bändigenden zivilisatorischen Korsetts hat auch vor dem Holocaust Bestand. Die These: Moralisches Handeln verdankt sich der sozialen Ordnung, Erosionserscheinungen lassen auf gesellschaftliche Funktionsstörungen schließen. ›Im anomischen – das heißt ›gesetzlosen‹ – Zustand neigt der Mensch zur Rücksichtslosigkeit gegenüber dem anderen.‹6 Im Umkehrschluß hieße dies, daß funktionierende soziale Regeln diese Skrupellosigkeit weitgehend ausschließen. Die Leistung der sozialen Ordnung – und damit auch der modernen Zivilisation, in der bekanntlich das regulative Element einen nie zuvor bekannten Entwicklungsstand erreicht – bestünde demzufolge darin, den Egoismus und die angeborene animalische Grausamkeit des Menschen im moralischen Zaum zu halten. Die enge, durch die eigene methodologische Zurichtung verfälschte These der orthodoxen Soziologie zum Holocaust kann daher nur lauten: Der Holocaust ist ein Betriebsunfall, nicht das Produkt der Moderne.
In einer anderen bemerkenswerten soziologischen Studie zum Thema Holocaust durchleuchtet Nechama Tec das soziale Spektrum von der entgegengesetzten Seite her: Wer waren die Helfer der Verfolgten? [Wer waren] jene, die sich der »Vernichtungsarbeit« widersetzten und ihr Leben für leidende Mitmenschen aufs Spiel setzten, wo ringsum Egoismus herrschte; wer waren sie, die inmitten amoralischer Zeiten moralisch blieben. Getreu dem Gebot der soziologischen Lehre versucht die Autorin zu ergründen, inwieweit ein nach damaliger Anschauung »abartiges« Verhalten sozial determiniert war. Nacheinander prüft sie die Hypothesen, die jeder ernstzunehmende Soziologe in einem solchen Forschungsprojekt herangezogen hätte. Allein die erwünschten Korrelationen zwischen Hilfsbereitschaft auf der einen und den verschiedenen Faktoren wie soziale Schicht, Bildungsstand, Konfessions- und Parteizugehörigkeit auf der anderen Seite lassen sich nicht nachweisen. Tecs Fazit fällt anders aus, als sie selbst – und der soziologisch beschlagene Leser – es erwartet hatte: »Die Retter empfanden ihr eigenes Verhalten als selbstverständlich – sie wandten sich spontan gegen die Schrecken ihrer Zeit.«7 Anders ausgedrückt: Diese Menschen bewiesen Hilfsbereitschaft, weil es in ihrer Natur lag. Daß sie keiner bestimmten Bevölkerungsgruppe und -schicht zuzuordnen waren, bedeutete einen herben Schlag für das Konzept einer »sozialen Determinanz« moralischen Verhaltens. Wenn überhaupt, so wirkten derartige Determinanten nur indirekt, indem sie nämlich nicht stark genug waren, den »Helferinstinkt« zu neutralisieren. Im Gegensatz zu vielen ihrer Fachkollegen kommt Tec der eigentlichen soziologischen Fragestellung nahe: diese nämlich lautet nicht »Wie können wir Soziologen den Holocaust erklären«, sondern »Welche Konsequenzen hat der Holocaust für unser Fach und unsere Methoden«.
Daß diese Frage ungestellt blieb, zeigt, welche sträflichen Versäumnisse in der soziologischen Aufarbeitung des Holocaust immer noch gemacht werden. Die Schlußfolgerungen daraus müssen jedoch genau bedacht sein. Die Bankrotterklärung der etablierten Soziologie zu diesem Thema führt allzu leicht zu Überreaktionen. Wer die Hoffnung aufgegeben hat, den Holocaust in den theoretischen Rahmen eines Scheiterns der Moderne an ihrem selbstgestellten Programm (dazu gehören: Unterdrückung der ewig fremdartigen Momente des Irrationalen, Zähmung der emotional-aggressiven Triebe durch den Zivilisationsprozeß, moralische Bildung durch Sozialisation) zu subsumieren, wählt nur zu gern einen »natürlichen« Ausweg aus dem Dilemma: der Holocaust als »Paradigma« der modernen Zivilisation, im Range eines »natürlichen«, »normalen«, wenn nicht gar alltäglichen Produktes und einer »historischen Tendenz«. Derart wird der Holocaust in den Status einer Wahrheit der Moderne erhoben, anstatt erkannt zu werden als eine der Moderne inhärente Möglichkeit – wobei diese Wahrheit von den ideologischen Phrasen derjenigen, die von der »großen Lüge« zu profitieren hoffen, nur unvollkommen verschleiert werden kann. Auf geradezu perverse Weise führt dieses Denken (von dem im vierten Kapitel noch zu reden sein wird) dazu, daß der Holocaust, dessen historische Bedeutung und theoretische Relevanz man zu betonen meint, im Gegenteil gerade relativiert wird. Mit anderen Worten: Die Schrecken des Holocaust werden tatsächlich identisch mit jenen Leiden, die die moderne Gesellschaft ohne Zweifel tagtäglich im Überfluß verursacht.
Der Holocaust als Test der Moderne
Vor einigen Jahren interviewte ein Journalist von Le Monde ehemalige Geiselopfer. Einer seiner bemerkenswertesten Befunde war eine besonders hohe Scheidungsrate unter Ehepaaren, die eine Geiselnahme gemeinsam als Opfer durchlitten hatten. Irritiert befragte der Journalist die Beteiligten nach den Gründen für ihren Schritt. Nur in wenigen Fällen war die Scheidung bereits vor der Geiselnahme in Erwägung gezogen worden.
Die Befragten beschrieben ihre Erfahrungen unter den alptraumhaften Bedingungen der Geiselnahme jedoch als »augenöffnend«, weil sie den Partner in einem »gänzlich neuen Licht« erlebt hatten. Brave Ehemänner »entpuppten« sich als selbstsüchtige Individuen, die nur die eigene Haut retten wollten; dynamische Geschäftsleute wurden zu erbärmlichen Feiglingen; souveräne »Männer von Welt« verfielen der Lethargie und bejammerten ihr nahes Ende. Der Journalist stieß auf eine heikle Frage: Welche Inkarnation dieser im Sinne des Wortes janusköpfigen Individuen sollte man das »wahre Gesicht« und welches die Maske nennen? Er erkannte, daß die Fragestellung falsch war. Keine Ausprägung war »wahrer« als die andere. Als Möglichkeiten schon immer im Charakter des einzelnen enthalten, zeigten sie sich nur zu unterschiedlicher Zeit und unter andersartigen Umständen. Das »gute« Gesicht schien nur deshalb normal zu sein, da es durch normale Umstände begünstigt wurde. Dennoch war auch die dunkle Seite immer präsent, wenn auch unter der Oberfläche. Der faszinierendste Aspekt dieser Recherchen ist, daß das »andere Gesicht« ohne die Geiselnahme vermutlich für alle Zeit verborgen geblieben wäre. Die Partner hätten ihr Eheglück weiter genießen können, ohne sich der unangenehmen Eigenschaften dessen, den sie zu kennen meinten, je bewußt zu werden. Erst unerwartete und außergewöhnliche Umstände waren imstande, diese ans Licht zu bringen.
Die oben zitierte Stelle aus der Studie von Nechama Tec endet mit folgender Beobachtung: »Ohne den Holocaust hätten die meisten dieser Helfer ihren Lebensweg relativ ungestört fortgesetzt, vielleicht mit sozialem Engagement, jedoch im allgemeinen ein unauffälliges Leben führend. Wir hätten es mit verkappten Helden zu tun gehabt, die von ihren Mitmenschen nicht zu unterscheiden gewesen wären.« Eine der wichtigsten (und überzeugendsten) Schlußfolgerungen ihrer Untersuchung: Es sei unmöglich, Anzeichen, Symptome oder Indikatoren für individuelle Hilfs- und Opferbereitschaft, oder auch Feigheit, angesichts einer Gefahr zu »isolieren«; mithin unmöglich, auch die Wahrscheinlichkeit solcher Manifestationen unabhängig vom »auslösenden« Kontext statistisch zu ermitteln.
John R. Roth hat diesen Gedanken einer Opposition von Potentialität und Realität (zusammenhängenden Modi, von denen nur der eine manifest, d. h. empirisch faßbar wird) in direkten Zusammenhang mit unserem Thema gebracht:
Hätte das Nazi-Regime obsiegt, wäre kraft seiner Autorität befunden worden, im Holocaust seien keine fundamentalen/natürlichen Gesetze mißachtet und kein Verbrechen gegen Gott und die Menschlichkeit begangen worden. Früher oder später hätte vermutlich das Zwangsarbeitssystem zur Disposition gestanden, wobei man die Entscheidung sicherlich nach rationalen Kriterien getroffen hätte.
Insgeheim wird die kollektive Erinnerung an den Holocaust (und geradezu ursächlich auch die Furcht vor der Konfrontation mit dessen historischer Realität) von der Horrorvision und dem nagenden Verdacht überlagert, der Holocaust sei vielleicht gar keine Verirrung vom geraden Weg des Fortschritts, kein Krebsgeschwür am gesunden Organismus der zivilisierten Gesellschaft. Wenn nun der Holocaust gar nicht die Antithese zur modernen Zivilisation (und all dessen, was wir damit verbinden) wäre? Der uneingestandene Verdacht lautet, der Holocaust könne ein verborgenes Antlitz derselben modernen Gesellschaft zutage gefördert haben, deren Erscheinungsbild uns so vertraut ist. Als hätten wir es mit zwei Gesichtern eines einzigen Organismus zu tun. Keine Vorstellung ist unerträglicher als die, daß keins der beiden ohne das andere existiere: wie die zwei Gesichter einer Münze.
Viele wagen nicht den letzten Schritt bis zu dieser schrecklichen Wahrheit. Henry Feingold z. B. besteht darauf, der Holocaust sei ein Bruch in der langen und insgesamt makellosen Entwicklungsgeschichte der modernen Gesellschaft. Der Schritt dorthin sei ebensowenig vorhersehbar gewesen wie etwa der gefährliche neue Stamm eines bezwungen geglaubten Virus.
Die »Endlösung« bezeichnet die Bruchstelle innerhalb der industriellen Entwicklung Europas, die, statt in ein besseres Leben – ursprünglich das Ziel der Aufklärung – in Selbstvernichtung mündete. Es war dasselbe industrielle System und Ethos, das Europa ursprünglich die Vorherrschaft in der Welt gebracht hatte.
Hier wird postuliert, das Rüstzeug für die Weltherrschaft sei qualitativ verschieden von den instrumentalen Voraussetzungen einer funktionierenden »Endlösung«. Und doch verkennt Feingold die Tatsachen nicht:
[Auschwitz] war auch eine sachlich-nüchterne Ausweitung des modernen Fabriksystems. Statt Güter zu produzieren, wurden hier aus dem Rohstoff Mensch Leichen produziert, die man in Einheiten pro Tag säuberlich in Schaubildern festhalten konnte. Die Schornsteine, Inbegriff der Fabrikproduktion, stießen den beißenden, für Verbrennung von Leichen typischen Rauch aus. Über das weitverzweigte europäische Eisenbahnnetz wurde der neuartige Rohstoff herangeschafft wie normales Frachtgut. In den Gaskammern starben die Opfer im Blausäuregas der weltweit führenden deutschen Chemieindustrie. Ingenieure entwarfen die Krematorien; die Bürokratie arbeitete mit einem Elan und einer Effizienz, um die rückständige Länder sie hätten beneiden können. Und selbst das Projekt insgesamt wurde bestimmt von modernem, wenn auch fehlgeleitetem wissenschaftlichen Geist. Das Ganze war im Grunde ein monströser Entwurf sozialen ›Engineerings‹ …9.
Die Wahrheit ist, daß die einzelnen »Elemente« des Holocaust – die ihn in ihrer Summe erst möglich machten – durchaus normal waren – »normal« nicht im Sinne vertrauter, gründlich beschriebener und klassifizierter Phänomene (dazu war die Erfahrung des Holocaust zu neu), sondern weil diese sich dem Begriff der Zivilisation und ihrer Zielvorstellungen, Prioritäten und inhärenten Visionen unterordneten – allen voran dem Streben nach menschlichem Glück und der perfekten Gesellschaft. Stillman und Pfaff schreiben dazu:
Es besteht ein gewiß nicht zufälliger Zusammenhang zwischen der angewandten Technologie der industriellen Massenproduktion, die auf schier unerschöpfliche Ressourcen gestützt ist, und der Tötungsmaschinerie des Konzentrationslagers und dem hemmungslosen Umgang mit dem Leben. Man mag jeden Zusammenhang bestreiten, aber Buchenwald gehört zur westlichen Zivilisation wie »River Rouge« in Detroit – wir dürfen Buchenwald nicht als Verirrung einer sonst heilen industriellen Welt hinstellen.10
Erinnern wir uns an die Schlußfolgerung, zu der Raul Hilberg in seiner unübertroffenen, vorbildhaften Studie zum Holocaust gelangt ist: »Die Vernichtungsmaschinerie unterschied sich grundsätzlich nicht von der gesellschaftlichen Ordnung Deutschlands insgesamt. Die Vernichtungsmaschine war eine spezifische Ausprägung dieser Ordnung.«11
Richard L. Rubenstein formuliert die meiner Ansicht nach fundamentale Lehre aus dem Holocaust: »Er trägt die Signatur des zivilisatorischen Fortschritts.« Ein janusköpfiger Fortschritt, wie man hinzufügen sollte: In der Endlösung haben das industrielle Potential und das technologische Know-how, dessen sich unsere Zivilisation brüstet, eine Aufgabe nie dagewesener Größenordnung gefunden und diese gemeistert. Und in der Endlösung offenbarte die moderne Gesellschaft erstmalig, welcher Taten sie fähig ist. Nachdem technische Effizienz und perfekte Planung zum Maß aller Dinge erhoben worden sind, müssen wir nun einsehen, daß wir über dem Lobpreis materiellen Fortschritts, den wir der Zivilisation verdanken, dieses wahre Potential sträflich unterschätzt haben.
Die Welt der Konzentrationslager und der Gesellschaft, die sie hervorbrachte, enthüllt eine eskalierende dunkle Seite der jüdisch-christlichen Zivilisation. Zivilisation bedeutet Sklaverei, Krieg, Ausbeutung und Todeslager. Zivilisation bedeutet aber auch Heilkunst, religöses Ethos, Kunst und Musik. Man hüte sich, Zivilisation und barbarische Grausamkeit als Antithese zu denken … In unserer Zeit wird Grausamkeit, wie fast alle anderen Aspekte des Lebens, nur wesentlich effizienter verwaltet als je zuvor. Grausamkeit ist nicht verschwunden und wird nie verschwinden. Kreativität und Destruktivität sind untrennbare Aspekte dessen, was wir Zivilisation nennen.12
Hilberg ist Historiker, Rubenstein Theologe. Wo sind die soziologischen Studien, in denen ein vergleichbares Problembewußtsein anklingt, in denen der Holocaust als eine Herausforderung für das Selbstverständnis und die Forschungsarbeit der Soziologen begriffen wird? Gemessen am Maßstab der Untersuchungen von Historikern und Theologen wirkt der Beitrag der Soziologie überwiegend wie ein Akt kollektiven Vergessens und Verdrängens.
Im großen und ganzen gesehen hat die Lektion des Holocaust kaum Spuren in der soziologischen Lehrmeinung hinterlassen. Deren bekannte Axiome postulieren die heilsame Vorherrschaft der Vernunft über die Emotionen; die Überlegenheit des Rationalen über irrationales Handeln (als verstünde es sich von selbst); oder sie konstatieren den unvermeidlichen Konflikt zwischen Zweckrationalismus und den moralischen Anforderungen, die eine problembelastete Domäne »persönlicher Beziehungen« sind.
Mir sind nicht viele offizielle Anlässe bekannt, bei denen sich Soziologen in ihrer Eigenschaft als Soziologen mit dem Faktum Holocaust auseinandersetzten. Eine dieser (wenn auch recht kleinen) Veranstaltungen war das Symposium »Western Society after the Holocaust« des »Institute for the Study of Contemporary Social Problems« 1978.13 Bei diesem Symposium unternahm Richard L. Rubenstein den phantasievollen, vielleicht überemotionalen Versuch einer Neuinterpretation der wesentlichen Weberschen Befunde über die Tendenzen der modernen Gesellschaft, und zwar vor dem Hintergrund der Holocaust-Erfahrung. Rubenstein fragte, ob die uns bekannten Tatsachen mit dem theoretischen Instrumentarium Max Webers (von diesem selbst oder seinen Rezipienten) hätten vorausgesehen werden können. Rubenstein meinte diese Frage bejahen zu können, zumindest suggerieren dies seine Thesen: innerhalb der Weberschen Begrifflichkeit von moderner Bürokratie, rationalem Geist, wissenschaftlicher Mentalität, Auslagerung von Werten in den Bereich der Subjektivität sei kein einziger Mechanismus isoliert worden, der nicht auch die Möglichkeit zu Nazigreueln in sich trüge; und mehr noch: aus der von Weber vorgeschlagenen Idealtypik heraus seien die Taten der Nationalsozialisten nicht notwendigerweise als Greuel zu bezeichnen. Beispiel: »Kein von deutschen Medizinern oder Technokraten verübtes Verbrechen steht im Widerspruch zu der Auffassung, daß moralische Werte an sich subjektiv und die Wissenschaft rein instrumenteller Natur und wertfrei sei.« Guenther Roth, bedeutender Weberianer und zurecht anerkannter Soziologe, reagierte mit unverhohlenem Mißfallen: »Ich stimme mit Professor Rubenstein absolut nicht überein. Seine Darlegungen enthalten keinen einzigen Satz, den ich unwidersprochen lassen würde.« Erbost vermutlich über diesen vermeintlichen Angriff auf das Webersche Vermächtnis (provoziert durch die Frage nach der Vorhersehbarkeit) erinnerte Guenther Roth die Versammelten daran, daß Max Weber ein Liberaler gewesen sei, der die Verfassung geliebt und das Wahlrecht für Arbeiter befürwortet habe (wohl um auf diese Weise die Nennung Webers in Zusammenhang mit einer so abscheulichen Angelegenheit wie dem Holocaust ad absurdum zu führen). Roth unterließ es indes, sich inhaltlich mit der These Rubensteins auseinanderzusetzen, und begab sich damit zugleich der Möglichkeit, die »unvorhersehbaren Folgen« jener zunehmenden Herrschaft der Rationalität einer strengen Analyse zu unterziehen, die Weber als wichtigstes Merkmal der Moderne identifiziert und für deren Analyse gerade er so viel geleistet hatte. So verstrich eine Chance ungenutzt, sich mit der furchtbaren »Kehrseite« der scharfsichtigen Theoreme eines Klassikers der Soziologie zu befassen; dabei brauchen wir die Reflexion darüber, ob nicht gerade unser schmerzvolles Wissen vom Holocaust, das wir den Gründervätern der Soziologie natürlich voraushaben, neue Einblicke in früher allenfalls zu erahnende Zusammenhänge und Konsequenzen erlaubt.
Man darf erwarten, daß Guenther Roth unter Soziologen nicht allein dasteht, wenn es darum geht, geheiligte Wahrheiten der Soziologie angesichts erdrückender Fakten zu verteidigen. Die meisten Soziologen werden jedoch kaum je so aus der Reserve gelockt.
Man kann sich in unserem beruflichen Alltag recht gut ohne die Herausforderung Holocaust einrichten. Der soziologische Berufsstand hat den Holocaust nahezu vergessen oder an »Spezialgebiete« delegiert, von wo aus kein Einbrechen in die laufende wissenschaftliche Diskussion droht. Wenn der Holocaust überhaupt soziologisch untersucht wird, gilt er als tragisches Exempel für das, was ungezähmte, angeborene Aggression des Menschen anzurichten vermag. Man verlangt daher, dieses Potential durch Steigerung des Zivilisationsdruckes zu bändigen, und mahnt unermüdlich fachmännische Problemlösungen an. Bisweilen wird der Holocaust gar als Einzelschicksal der Juden, als Konflikt zwischen Juden und Judenhassern abgehandelt (»Fürsprecher« des Staates Israel haben diese Tendenz zur »Privatisierung« häufig gefördert, nicht immer aus eschatologischen Gründen).14
Dieser Stand der Dinge ist nicht nur, und keinesfalls in erster Linie, beunruhigend aus fachlicher Sicht – wenngleich hier natürlich der Intelligenz und gesellschaftlichen Relevanz der Soziologie beträchtlicher Schaden droht. Viel schwerer wiegt eine andere Dimension des Holocaust: »Was in einem solchen Maßstab passieren konnte, kann überall wieder passieren. Es liegt im Bereich menschlicher Möglichkeiten – Auschwitz, ob wir es wollen oder nicht, hat das menschliche Bewußtsein um einen ebenso entscheidenden Schritt erweitert wie die Landung auf dem Mond.«15 Eine entsetzenerregende Vorstellung, da die gesellschaftlichen Bedingungen für Auschwitz eigentlich nicht verschwunden sind. Keine wirksamen Schritte wurden unternommen, die potentiell und prinzipiell mögliche Wiederholung einer Auschwitz-artigen Katastrophe zu verhindern. Leo Kuper schrieb erst kürzlich, daß »souveräne Nationalstaaten ihren Hoheitsanspruch, wenn sie wollen, auf die Verübung von Genozid, Massakern an bestimmten Volksgruppen und ihrem Staatsvolk ausdehnen können …, wobei die UNO dieses Recht sogar noch verteidigt.«16
Wenn uns der Holocaust posthum doch wenigstens diesen Dienst erweisen könnte: einen Einblick in die sonst ignorierten »andersartigen Aspekte« jener gesellschaftlichen Prinzipien zu geben, die in die Entwicklung der Moderne eingebettet sind. Meiner Ansicht nach sollte der Holocaust, inzwischen zum Gegenstand ernsthafter historischer Forschung aufgerückt, als gewissermaßen soziologischer »Versuchsaufbau« aufgefaßt werden: Er hat Merkmale unserer Gesellschaft freigelegt, die sich unter »nicht-experimentellen« Bedingungen nicht hätten beobachten und empirisch nachweisen lassen, um den Holocaust als einzigartigen, aber signifikanten und zuverlässigen Test des latenten Potentials der modernen Gesellschaft zu betrachten.
Die Bedeutung des Zivilisationsprozesses
Die Vorstellung, Humanität sei aus präsozialer Barbarei erwachsen, wirkt moralisch aufbauend und ist als diagnostischer Mythos tief in das Bewußtsein unserer westlichen Kultur eingegraben. Dieser Mythos macht den Reiz und die Popularität mancher einflußreichen soziologischen Theorie und mancher historischen Abhandlung aus, wurde von diesen umgekehrt aber auch wissenschaftlich-intellektuell untermauert; jüngstes Beispiel ist Berühmtheit und überraschender Erfolg des von Elias beschriebenen »Zivilisationsprozesses«. Abweichlerische Sozialforscher wie etwa Michael Mann oder Anthony Giddens, die sich aus historisch-vergleichender beziehungsweise analytisch-theoretischer Sicht gründlich mit dem vielschichtigen Zivilisationsprozeß befaßt haben und im Gegensatz dazu die Zunahme militärischer Gewalt und staatlicher Repressalien als entscheidende Attribute einer sich entwickelnden Zivilisation sehen, haben es entsprechend schwer, diesen Mythos aus dem Handbuchwissen der wissenschaftlichen Zunft oder gar dem öffentlichen Bewußtsein zu verdrängen. Der Volksglaube ist von jeher nahezu immun gegen die Anfechtung seiner Mythen. Der traditionelle Zivilisationsbegriff wird getragen von einer großen Koalition wissenschaftlich-intellektueller Lehrmeinungen, zu der die liberalkonservative Vorstellung vom glorreichen Ringen zwischen Vernunft und Aberglauben zählt; Max Webers Konzept von der Zweckrationalität, die immer mehr mit immer weniger Aufwand erreicht; das psychoanalytische Versprechen, das Animalische im Menschen zu entlarven, zu packen und zu bändigen; die Marxsche Prophezeiung, Leben und Geschichte würden schließlich, seien die Beschränkungen der Produktivkräfte nur erst abgeworfen, vom Menschen beherrscht; die Zivilisationstheorie von Norbert Elias, die eine Verdrängung der Gewalt aus dem Alltagsleben annimmt; und nicht zuletzt die zahllosen Fachleute, die versichern, soziale Probleme könnten durch vernünftige Politik behoben werden. Im Kern stützt sich diese Allianz auf eine Vorstellung vom »Gartenstaat«, die die regierte Gesellschaft als Feld der Planung, Veredelung und Unkrautvernichtung begreift.
Wie sollte man unter dem Einfluß dieses im modernen Alltagsbewußtsein tief verwurzelten Mythos den Holocaust anders beschreiben denn als Entgleisung der Zivilisation (und damit des zweckrationalen, vernunftgeleiteten menschlichen Handelns) bei der Bändigung aggressiver Triebreste? Mit anderen Worten: Die Hobbessche Vision gilt nach wie vor, das Hobbessche Dilemma ist noch immer nicht bewältigt. Oder: Wir haben noch nicht genug Zivilisation, der Zivilisationsprozeß harrt noch seiner Vollendung. Die wichtigste Lehre aus dem organisierten Massenmord wäre demnach: Größere zivilisatorische Anstrengungen sind vonnöten, sollen derartige Rückfälle in die Barbarei vermieden werden. Zweifel an der Wirksamkeit solcher Bemühungen und deren Ergebnis sind selten. Wir wähnen uns auf dem richtigen Kurs, alles andere ist eine Frage des Tempos.
In dem Maße, wie die historische Forschung die Fakten freilegt, gewinnt eine alternative, womöglich glaubwürdigere Interpretation des Holocaust an Kontur: Der Holocaust habe gezeigt, wie schwach und zerbrechlich die menschliche Natur (das heißt die natürliche Abscheu und Abneigung gegenüber Mord und Gewalt, die Angst vor Schuldbewußtsein und immanentes Verantwortungsgefühl) sich erwiesen habe, konfrontiert mit der nüchtern-sachlichen Effizienz der gepriesenen Produkte der Zivilisation: der Technologie, den rationalen Entscheidungskriterien und der Tendenz, Denken und Handeln rational zu begründen und berechenbar zu machen. Die Hobbessche Dimension des Holocaust erhob sich nicht aus einem zu flach geratenen Grab und kam nicht in einem Tumult irrationaler Gefühle über die Menschen. Der Holocaust kam in einer Gestalt, die Hobbes ganz und gar fremd gewesen wäre, auf einem fabrikneuen Vehikel, mit Waffen, die fortschrittlichste Wissenschaft erst ermöglicht hatte, und nach einem wissenschaftlicher Präzision folgenden Schlachtplan. Die moderne Zivilisation war gewiß nicht die einzige, mit größter Wahrscheinlichkeit aber eine notwendige Voraussetzung des Holocaust. Ohne die Zivilisation ist der Holocaust undenkbar. Erst die rational bestimmte Welt der modernen Zivilisation macht den Holocaust möglich. »Der von den Nazis verübte Massenmord an den europäischen Juden stützte sich nicht nur auf die technologischen Errungenschaften der Industriegesellschaft, sondern auch auf die organisatorische Effizienz ihrer Bürokratie.«17 Man führe sich vor Augen, wodurch der Holocaust einzigartig in der Zivilisationsgeschichte wird, die an Beispielen von Massenmord nicht gerade arm ist:
Aus der Beamtenschaft gewann das hierarchische System das Organisationstalent und die bürokratische Gründlichkeit. Vom Militär übernahm die Vernichtungsmaschinerie Präzision, Disziplin und die Affektlosigkeit. Der Einfluß der Industrie machte sich in der Betonung von genauer Buchführung, Wirtschaftlichkeit und optimaler Verwertung sowie in der industriellen Effizienz der Todeslager bemerkbar. Die Partei schließlich durchtränkte den gesamten Apparat mit ›Idealismus‹, ›Sendungsbewußtsein‹ und einem Gefühl historischer Bedeutung …
Wir haben es hier in der Tat mit gesellschaftlichen Organisationsstrukturen in einer ganz spezifischen Variante zu tun. Obwohl es um einen Massenmord ungeheuren Ausmaßes ging, kümmerte sich der riesige Beamtenapparat um die korrekten bürokratischen Verfahren, feilte an präzisen Begriffsbestimmungen und regulativen Details und sorgte sich um die Einhaltung bestehender Gesetze und Verordnungen.18
Die Abteilung der SS-Führung, die mit der Vernichtung der europäischen Juden befaßt war, hieß offiziell Wirtschaftsverwaltungshauptamt (WVHA) – das war nur zum Teil als Deckname gedacht und nur zum Teil erklärbar als »Sprachregelung« mit dem Zweck, zufällige Beobachter von außen zu täuschen, oder um die weniger Hartgesottenen in den eigenen Reihen zu beruhigen. Die Bezeichnung spiegelt auch getreu den organisatorischen Charakter der Abteilung wider und ist daher um so beunruhigender. Von der Abscheulichkeit ihrer Aufgabe (oder genaugenommen der moralischen Größenordnung) abgesehen, ähnelten die Maßnahmen der Abteilung in formaler Hinsicht (der einzigen bürokratisch legitimen Form von Sinngebung) denen »normaler«, geplanter und durchorganisierter Maßnahmen in Verwaltung oder Wirtschaft. Denn für jede Handlung, die einer bürokratischen Rationalisierung unterzogen werden kann, ist Max Webers nüchterne Charakterisierung der modernen Verwaltung zutreffend:
Genauigkeit, Schnelligkeit, Eindeutigkeit, Kenntnis der Akten, Kontinuität, Diskretion, Einmütigkeit, strenger Gehorsam, reduzierte Reibungsverluste sowie Material- und Personalkosten – all das erreicht in einer streng bürokratischen Verwaltung einen Kulminationspunkt … Die Bürokratisierung bietet zuallererst die Möglichkeit der Spezialisierung von Verwaltungsfunktionen auf der Basis völlig objektiver Kriterien. … ›Objektive‹ Amtsausübung richtet sich nach berechenbaren Regeln und wird ›ohne Ansehen der Person‹ vollzogen.19
Die Übertragung dieser Definition von Bürokratie auf den Holocaust mag vielen als furchterregende Travestie oder als Zynismus besonderer Grausamkeit erscheinen.
Und doch: Der Holocaust liefert eine wichtige Hilfe zum Verständnis der modernen bürokratischen Rationalisierung, und zwar nicht nur, weil daran erkennbar wird, was ohnehin jedermann weiß, daß nämlich bürokratisches Streben nach Effizienz mit formaler und ethischer Blindheit erkauft wird. Die Bedeutung des Holocaust erschöpft sich ebensowenig darin, daß wir erkennen, in welchem Maße dieser beispiellose Massenmord hochentwikkelte Qualifikation und präzise Arbeitsteilung voraussetzte, den reibungslosen Fluß von Anweisung und Information ebenso wie die unpersönliche und perfekt synchronisierte Einzelaktion – mit einem Wort all jene Qualifikationen und Fähigkeiten, die in einer Büro- und Verwaltungsatmosphäre kultiviert werden. Nein, der Holocaust rückt unser Wissen von der bürokratischen Rationalität in ein viel grelleres Licht, sobald wir uns bewußt werden, daß das Konzept der Endlösung* geradezu als Ergebnis der bürokratischen Kultur zu betrachten ist.
Karl Schleuner20 verdanken wir die Einsicht, daß die physische Vernichtung der europäischen Juden einen sehr komplexen Verlauf nahm. Die Endlösung entsprang weder der Vision eines wahnsinnigen Monsters, noch vollzog sie sich nach wohlüberlegten Entscheidungen im Sinne einer »Problemlösung« ideologisch motivierter Führer. Der Gedanke der Endlösung entwickelte sich allmählich und nahm in jedem Stadium Richtungswechsel vor, dabei auf Krisen reagierend und vorangetrieben von der »Entschlossenheit, jedes sich bietende Hindernis zu überwinden«. Schleuners Konzept faßt anschaulich die Erkenntnisse der »Funktionalisten« unter den Historikern des Holocaust zusammen, die sich in den letzten Jahren zunehmend gegen die »Intentionalisten« durchsetzten, deren Kausalerklärung des Holocaust, das heißt die Vorstellung einer dem Genozid an den Juden eigenen Motivationslogik oder Konsistenz, kaum noch haltbar ist.
Die Funktionalisten sehen die Dinge so: Hitler benannte das Ziel des Nazismus: »Entfernung der Juden, das heißt ein judenfreies* deutsches Reich* – legte jedoch nicht fest, wie dieses Ziel zu verwirklichen sei.21 In dem Augenblick, als Klarheit über das Ziel herrschte, folgte alles dem von Max Weber hellsichtig beschriebenen Schema: »Der ›politische Führer‹ sieht sich in der Rolle des ›Dilettanten‹, konfrontiert mit dem ›Fachmann‹, einem ausgebildeten Technokraten aus den Reihen der Verwaltungshierarchie.«22 Der Befehl lautete, das Ziel zu verwirklichen, das »Wie« richtete sich nach den Umständen, nach der »fachmännischen« Beurteilung von Durchführbarkeit, nach Kostengesichtspunkten sowie alternativen Lösungsmodellen. So entschied man sich zunächst für die Emigration als praktische Umsetzung der Wünsche des Führers; hätten sich andere Länder aufnahmebereiter gegenüber den jüdischen Flüchtlingen gezeigt, wäre das judenfreie* Deutschland vielleicht auf diese Weise zu verwirklichen gewesen. Nach dem »Anschluß« Österreichs verdiente sich Eichmann erste Lorbeeren mit der Forcierung der jüdischen Massenemigration. Aber das von den Nazis beherrschte Territorium wuchs. Zunächst schwebte der Nazi-Bürokratie die Eroberung und Verwendung semikolonialer Territorien als Wunschlösung im Sinne des Führers vor: Generalgouvernements* schienen die geeigneten Auffangräume für die Juden aus dem rassisch zu säubernden Reichsgebiet. Als künftiges »Judenreservat« war Nisko in Mittelpolen (Westgalizien) im Gespräch. Die deutsche Bürokratie in den eroberten polnischen Gebieten stellte sich jedoch quer. Man hatte zu viele Probleme mit den »eigenen« Juden. Eichmann beschäftigte sich nun ein ganzes Jahr mit dem Madagaskar-Projekt: Warum nicht jetzt, da Frankreich besiegt war, die ferne Kolonie in einen Judenstaat verwandeln, der in Europa nicht realisierbar war? Dieses Projekt wurde jedoch für undurchführbar erklärt, zu groß waren die Entfernung und die damit verbundenen logistischen Probleme, zumal angesichts britischer Präsenz auf den Weltmeeren. Unterdessen vergrößerte sich das okkupierte Gebiet und damit die Zahl der unter Naziherrschaft geratenden Juden weiter. Ein von den Nazis beherrschtes Gesamteuropa (nicht nur ein neuerliches »Großdeutschland«) zeichnete sich ab, das »Tausendjährige Reich«* nahm allmählich aber unaufhaltsam die Gestalt des deutsch beherschten Europa an. Die Forderung eines judenfreien Deutschlands geriet in diesen Sog und wandelte sich fast unmerklich zur Vision eines judenfreien* Europa. Für ein derartig monumentales Projekt reichte eine »Überseelösung« nicht aus. (Eberhard Jäckel verweist jedoch darauf, daß es noch im Juli 1941, als Hitler mit der Bezwingung der Sowjetunion binnen weniger Wochen rechnete, Pläne gab, alle europäischen Juden in die russischen Weiten jenseits der Linie Archangelsk-Astrachan zu deportieren.) Als sich der Zusammenbruch Rußlands hinauszögerte und alternative Lösungen mit der wachsenden Dringlichkeit des Problems nicht Schritt hielten, ordnete Himmler am 1. Oktober 1941 die Beendigung sämtlicher Emigrationsmaßnahmen an. Die »Entfernung der Juden« wurde auf andere Weise angestrebt: Die Massenvernichtung wurde als einzig praktikables und effizientes Mittel für die ursprüngliche, inzwischen aber erweiterte Zielsetzung erkoren. Alles andere war nur noch eine Frage der Kooperation der beteiligten bürokratischen Abteilungen; eine Frage der minutiösen Planung, der Entwicklung geeigneter Technologien und Geräte, der finanziellen Etats und Bereitstellung notwendiger Ressourcen – das heißt also, eine bürokratische Routineangelegenheit.
Das ist die erschütterndste Lehre aus der Analyse des »komplexen Phänomens Auschwitz«, die Tatsache, daß die Wahl physischer Vernichtung als des richtigen Mittels zur Entfernung* der Juden das Ergebnis eines bürokratischen Entscheidungsprozesses war, bei dem Kosten-Nutzen-Überlegungen, Finanzfragen und einheitliche Regelauslegung eine Rolle spielten. Um es noch deutlicher zu formulieren: Die Entscheidung wurde im ernsthaften Bemühen um möglichst rationelle Lösungen für sich verändernde Problemstellungen getroffen. Auch die vielzitierte Tendenz der Bürokratie zur Erweiterung von Zielsetzungen – so normal wie bürokratische Routine – hatte daran wesentlichen Anteil. Allein die Tatsache, daß es Funktionäre mit speziellen Aufgaben gab, hatte zur Folge, daß immer neue Initiativen ergriffen und die ursprünglichen Ziele ständig höher gesteckt wurden. Das Expertenwissen – das eigentlich nur instrumentellen Charakter hatte – bewies wieder einmal seine Eigendynamik und eine ausgeprägte Neigung, die ursprünglich gesetzten Ziele zu übertreffen und umzudefinieren.
Allein die Tatsache, daß es eine Gruppe von Fachleuten für Judenfragen gab, verlieh der nazistischen Judenpolitik eine bürokratische Eigendynamik. Noch 1942, als Deportationen und Massenmord bereits begonnen hatten, wurde es den Juden gesetzlich untersagt, Haustiere zu halten, arische Friseure aufzusuchen oder das Reichssportabzeichen zu erwerben. Es bedurfte keiner besonderen Weisungen von oben – das Aufgabengebiet eines »Fachmannes« für Judenfragen bot die Gewähr, daß die Kontinuität der diskriminierenden Gesetzgebung nicht abriß.23
Zu keinem Zeitpunkt ihrer langen, qualvollen Vollstreckung geriet die Endlösung in Widerspruch zu den Grundsätzen der Rationalität. In keiner Phase kollidierte die »Endlösung« mit dem rationalistischen Credo effizienter, optimaler Zielverwirklichung. Im Gegenteil, der Holocaust entsprang genuin rationalistischen Überlegungen und wurde von einer Bürokratie in Reinkultur produziert. Die Menschheit hat Massaker, Pogrome und Massenmorde in der Nähe des Genozids erlebt, die ohne moderne bürokratische Unterstützung, ohne deren administrativ-technische Möglichkeiten und rational begründete Organisationsstrukturen vollzogen wurden. Der Holocaust war ohne eine solche Bürokratie jedoch undenkbar. Er ist keineswegs das irrationale Hervorbrechen nicht überwundener Relikte prämoderner Barbarei. Der Holocaust ist ein legitimer Bewohner im Haus der Moderne, er könnte in der Tat in keinem anderen je zu Hause sein.
Das soll nicht heißen, der Holocaust sei durch die moderne Bürokratie oder die in ihr verkörperte Kultur des instrumentellen Rationalismus determiniert gewesen; die moderne Bürokatie bringt nicht notwendig holocaustartige Phänomene hervor. Dennoch, so lautet meine These, sind die Grundsätze eines instrumentellen Rationalismus eindeutig ungeeignet, derartige Phänomene zu verhindern; auf der Ebene dieser Grundsätze lassen sich die Methoden des Holocaust nicht von »sauberem Social Engineering« trennen, weil nämlich deren irrationaler Charakter unerkannt bleibt. Ich gehe noch weiter: Gerade die bürokratische Kultur, die Gesellschaft ja als administratives Objekt und Konglomerat von »Problemen« begreift, die einer Lösung harren, schuf die Atmosphäre, in welcher der Gedanke des Holocaust langsam, aber kontinuierlich reifen und zur Vollstreckung gebracht werden konnte. Die Problemstellungen, deren Lösung das »Social Engineering« in Angriff nimmt, entsprechen einer »Natur«, die »beherrscht«, »gebändigt«, und »gebessert« oder »umgestaltet« werden muß wie ein Garten, dessen Planung notfalls gewaltsam durchzusetzen und zu sichern ist (in der Terminologie des Gärtners besteht eine strenge Trennung zwischen »Kulturpflanzen« und »Unkraut», das ausgemerzt werden muß). Ich behaupte schließlich, daß der Geist des instrumentellen Rationalismus und seine moderne bürokratisch-institutionalisierte Ausprägung die Lösungmöglichkeiten in der Art des Holocaust nicht nur ermöglichte, sondern »rational« begründbar machte – und damit die Wahrscheinlichkeit erhöhte, daß man sich für sie entschied. Unterstützt wurde diese Tendenz nicht zuletzt durch die Fähigkeit moderner bürokratischer Systeme, das Handeln vieler, an sich ethisch eingestellter Individuen derart zu koordinieren, daß am Ende jedes noch so unethische Ziel zu verwirklichen ist.
Die soziale Erzeugung moralischer Indifferenz
Dr. Servatius, der Verteidiger Eichmanns in Jerusalem, faßte seine Verteidigungslinie so zusammen: Eichmann beging Taten, für die man als Sieger dekoriert, als Unterlegener aber an den Galgen kommt. Die Botschaft dieser Aussage – zynischere hat es in diesem an provozierenden Einsichten nicht gerade armen Jahrhundert kaum gegeben – ist banal: Wer die Macht hat, hat das Recht.
Die zweite Botschaft, versteckter, jedoch nicht weniger zynisch und viel alarmierender ist diese: Eichmann habe im Prinzip nichts getan, was nicht auch auf seiten der Sieger geschehen sei. Handeln an sich hat keine ethische Dimension und kann daher auch nicht unmoralisch sein. Die moralische Beurteilung wird der Handlung von außen aufgepfropft und ist grundsätzlich anderen Kriterien unterworfen, als jene es sind, die das Handeln selbst bestimmen.
Das Beunruhigende an der Botschaft des Dr. Servatius ist, daß sie – losgelöst von den Umständen, unter denen sie formuliert wurde, und reduziert auf ihren überindividuellen, universalen Kern – von den traditionellen Thesen der Soziologie nicht zu unterscheiden ist, mehr noch: nicht zu unterscheiden von dem, was das Selbstverständnis unserer – kaum je hinterfragten, geschweige denn umstrittenen – modernen rationalistischen Gesellschaft ist. Das ist der eigentliche Grund dafür, daß die Aussage von Dr. Servatius so schockierend ist. Sie enthält eine »Wahrheit«, vor der wir lieber die Augen schließen: Legt man diese Überzeugung der Wahrheitsfindung zugrunde, dann kann auch der Fall Eichmann, soziologisch gesehen, von dieser Wahrheit nicht ausgenommen werden.
Der Holocaust kann mittlerweile nicht mehr, wie anfänglich, als Greueltat von geborenen Verbrechern, Sadisten, Psychopathen, Soziopathen oder moralisch defekten Individuen interpretiert werden. Die Fakten widerlegen diese Theorie, obwohl die historische Forschung zu diesem Komplex keineswegs als abgeschlossen gelten kann. Repräsentativ für den gegenwärtigen Stand der Forschung sind Kren und Rappoport:
Legt man herkömmliche klinische Kriterien zugrunde, könnte man höchstens 10 Prozent der SS-Leute als ›anomal‹ bezeichnen. Diese Beobachtung läßt sich mit Aussagen von KZ-Überlebenden belegen, denen zufolge in den meisten Lagern nur einige wenige SS-Aufseher wegen besonders sadistischer Grausamkeiten berüchtigt waren. Galten die übrigen auch nicht unbedingt als anständig, so doch zumindest als berechenbar …
Wir sind der Überzeugung, daß die überwiegende Mehrheit der SS-Männer, Führer sowohl als Mannschaften, ohne Probleme die Anforderungen der psychologischen Standardtests für amerikanische Rekruten oder Polizisten erfüllt hätten.24
Daß die Mehrzahl der Vollstrecker des Genozids normale Menschen waren, die man selbst mit strengen herkömmlichen psychologischen Tests nicht hätte aussieben können, verletzt unser moralisches Empfinden. Aus wissenschaftlicher Sicht muß ferner zu denken geben, daß gleichzeitig auch die organisatorisch-administrativen Strukturen, die individuelles Handeln zu dem Gesamtprojekt Genozid zusammenfaßten, ganz »normal« waren. Wir haben bereits gesehen, daß die für den Holocaust verantwortlichen Institutionen zwar kriminelle, jedoch im eigentlichen soziologischen Sinn keine pathologischen oder anomalen Merkmale aufwiesen. Und nun erkennen wir, daß auch die handelnden Personen im wesentlichen nicht von der Norm abwichen. Dieses theoretische Dilemma zwingt uns, die vermeintlich unproblematischen, normalen Muster modernen, rationalen Handelns genauer zu durchleuchten, denn sie tragen in sich ein Potential, das im Holocaust so dramatisch ans Licht getreten ist.
Nach dem berühmt gewordenen Wort von Hannah Arendt bestand das größte (allerdings mit erstaunlichem Erfolg gemeisterte) Problem der Urheber der Endlösung* darin, »das animalische Mitleid auszuschalten, das jeder normale Mensch angesichts physischer Leiden empfindet«25. Die Personen, die den an der Massenvernichtung direkt involvierten Organisationen angehörten, waren weder anomal sadistisch veranlagt, noch ausgesprochene Fanatiker. Man darf annehmen, daß sie die instinktive menschliche Aversion gegen das Zufügen von Leid besaßen und höchstwahrscheinlich auch die universale Tötungshemmung. Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang, daß übereifrige, emotionalisierte und ideologisch fanatisierte Personen aus den Reihen der Einsatzgruppen* und ähnlicher Einheiten, die direkt an Tötungsaktionen teilnahmen, ausgemustert wurden. Man wollte die individuelle Initiative bremsen und bemühte sich um eine betont sachliche, unpersönliche »Erledigung« der Aufgabe. Persönliche Bereicherung und persönliche Motive waren unter Strafandrohung verboten. Wurden »niedere Beweggründe« – und nicht die befohlene organisierte Aktion – als Motiv nachgewiesen, führte dies (zumindest auf dem Papier) zu einer Bestrafung wegen Mordes oder Totschlags. Himmler hat bei zahlreichen Anlässen eine aller Wahrscheinlichkeit nach echte Besorgnis geäußert, wie die geistige Gesundheit und Moral seiner tagtäglich mit dem inhumanen Geschäft befaßten Untergebenen aufrechtzuerhalten sei; bei anderer Gelegenheit zeigte er sich sichtlich stolz, daß Gesundheit und Moral seiner Männer unter dieser Belastungsprobe nicht gelitten hätten. Die SS distanzierte sich gerade wegen ihrer Sachlichkeit* von ›emotionalen‹ Typen wie Streicher, dem »unrealistischen Narren«, und auch von gewissen »Parteibonzen, die sich teutonisch-germanisch gebärdeten, als wären sie mit Hörnern und Fell bekleidet«.26 Die SS-Führung wußte, warum sie sich lieber auf organisatorische Routine verließ als auf individuellen Eifer; Disziplin war wichtiger als ideologisches Engagement. Die pflichtgetreue Durchführung des blutigen Geschäfts ließ sich in der Tat nur mit bedingungsloser Funktionalität im Rahmen der Organisation absichern.
Man konnte »animalisches Mitleid« nicht ausschalten, indem man andere primitive Instikte freisetzte; diese mußten sich eher störend auf organisatorische Handlungsfähigkeit auswirken. Blutrünstige, mordlüsterne Horden können sich mit der kalten Effizienz eines kleinen, disziplinierten und streng durchorganisierten bürokratischen Stabes nicht messen. Eine aktive Beteiligung am Töten hätten die Tausende von normalen Beamten und Fachleuten, ohne deren Mitwirken auf den verschiedensten Ebenen dieses gigantische Unternehmen undurchführbar gewesen wäre, weit von sich gewiesen. Hilberg schreibt dazu:
Die Täter wurden unter der deutschen Bevölkerung nicht eigens ausgewählt … Es lag in der Natur der administrativen Organisation, des juristischen Systems und der Finanzverwaltung, daß eine spezielle Auswahl und Schulung gar nicht nötig war. Jedes Mitglied der Ordnungspolizei konnte als Aufseher eines Ghettos oder Deportationszuges eingesetzt werden. Von jedem Juristen des Reichssicherheitshauptamtes wurde erwartet, eine Einsatzgruppe führen zu können. Und jeder Finanzfachmann des Wirtschaftsverwaltungshauptamtes hatte die Vorausetzungen für den Dienst in einem Todeslager. Die gesamte Aufgabe ließ sich also mit dem bereits vorhandenen Personal bewältigen.27
Und wie wurden ganz normale Deutsche zu Massenmördern? Folgt man Herbert C. Kelman28, so werden moralische Hemmungen gegen Gewalt und Greueltaten abgebaut, wenn drei Bedingungen erfüllt sind, ganz gleich ob diese einzeln oder in Kombination auftreten. Die Gewalt muß durch Befehl von oben autorisiert sein, die Handlungen müssen Routinesache sein (durch eine regelbestimme Praxis und exakte Aufgabenzuweisung) und die Opfer müssen einem Prozeß der Dehumanisierung unterliegen (durch ideologische Definition und Indoktrination). Mit der dritten Bedingung werden wir uns erst später befassen, doch die beiden ersten klingen vertraut. Wir kennen sie als Prinzipien rationalen Handelns, in denen die repräsentativsten Institutionen der Moderne universal verankert sind.
Das erste für unsere Fragestellung offensichtlich relevante Prinzip innerhalb bürokratischer Apparate ist das der Disziplin, konkret also der Anspruch, alle Handlungsantriebe dem Gehorsam gegenüber Vorgesetzten unterzuordnen und sich dem durch Anweisung des Vorgesetzten definierten Funktionieren des Apparates mit ausschließlicher Hingabe zu widmen. Unter den möglichen »externen« Störfaktoren gelten persönliche Ansichten und Vorlieben als besonders bedenklich, daher werden sie unterdrückt und möglichst beseitigt. Idealerweise strebt die Disziplin eine totale Identifikation mit dem Apparat an oder, anders ausgedrückt, die Bereitschaft, die eigene Identität und die eigenen Ziele zu opfern (sofern sie nicht sowieso schon in den Zielen des Apparates aufgehen). In der Ideologie von Apparaten wird die Bereitschaft zu dieser extremen Form der Selbstaufopferung als moralische Tugend bezeichnet, und zwar als Kardinaltugend, die jeden anderen moralischen Anspruch verdrängt. Die selbstlose Unterordnung unter diese Tugend wird mit Max Webers berühmtem Wort zur »Ehre des Beamten«: »Die Ebene des Beamten liegt begründet in seiner Fähigkeit, die Befehle seiner Vorgesetzten so auszuführen, als beruhten sie auf eigener Überzeugung. Das gilt auch dann, wenn der Befehl ihm falsch erscheint und der Vorgesetzte trotz der Einwände des Beamten daran festhält.« Diese Verhaltensweise erfordere vom Beamten »moralische Disziplin und hochgradige Selbstverleugnung«29. Im Begriff der Ehre wird moralische Verantwortung durch Disziplin ersetzt. Die Legitimierung allein durch Geist und Buchstaben der Regeln des Apparates und, verbunden damit, die Entmachtung der autoritativen Kraft des Gewissens gelten als höchste Tugend. Unbehagen bei der praktischen Umsetzung ist nicht grundsätzlich auszuschließen, kann aber durch die Zusicherung des Vorgesetzten im Lot gehalten werden, er allein trage die Verantwortung für das Handeln des Untergebenen (solange der Befehl genau ausgeführt wird). Max Weber hob in seiner umfassenden Darstellung der Beamtenehre die »ausschließliche persönliche Verantwortung« des Vorgesetzten hervor, die dieser »nicht verweigern oder übertragen kann und darf«. Als Ohlendorf während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse gefragt wurde, warum er von seinem Posten als Leiter der Einsatzgruppe*, deren Aktionen er persönlich mißbilligte, nicht zurückgetreten sei, berief er sich auf dieses Verantwortungsprinzip: Um sich der verhaßten Verantwortung entziehen zu können, hätte er die Taten seiner Einheiten aufdecken und seine Männer »falschen Anschuldigungen« aussetzen müssen. Ohlendorf zählte andererseits auf die gleiche fürsorgliche Einstellung seitens seiner eigenen Vorgesetzten, so daß er sich entsprechend von moralischen Skrupeln entlastet fühlte – diese überließ er getrost den eigenen Befehlsgebern – »Ich glaube, ich bin nicht in der Lage zu beurteilen, ob die mir befohlenen Maßnahmen … moralisch einwandfrei waren. Gewissensfragen konnte ich mir als Soldat mit niedrigem Dienstgrad und daher als Rad in einer großen Maschinerie nicht erlauben.«30
So wie alles, was Midas berührte, zu Gold wurde, so verwandelte die SS-Verwaltung alles, was in ihren Machtbereich geriet – einschließlich der Opfer – ihren hierarchischen Befehlsstrukturen an, in denen strenge Disziplin und moralisch gesehen ein Vakuum herrschte. Der Genozid war eine Kollektivproduktion; wie Hilberg gezeigt hat, gehörten dazu die von Deutschen begangenen Taten und die – auf deutschen Befehl, aber mit an Selbstaufgabe grenzendem Gehorsam geleistete – Mitwirkung der jüdischen Opfer. Besonders darin erweist sich die technische Überlegenheit einer zielgerichteten, rationell organisierten Massenvernichtung gegenüber ungeordnet gewalttätigen Ausschreitungen. Die Mitwirkung der Opfer eines Pogroms ist schlechterdings nicht vorstellbar. Die Unterstützung der SS-Bürokratie im Holocaust durch die Opfer war vorausgeplant und sogar eine entscheidende Voraussetzung für dessen Gelingen. »Der gesamte Prozeß hing in großem Maße von der jüdischen Mitwirkung ab – sowohl in individueller Form als auch organisiert seitens der Judenräte … die deutschen Behörden verlangten von den Judenräten Informationen, Geld, Arbeits- oder Ordnungskräfte, und diese wurden zur Verfügung gestellt.« Die Ausweitung der bürokratischen Regeln, bei der gleichzeitig jedes andere Loyalitätsverhältnis und jedes moralische Motiv zum Schaden der Opfer dieser Bürokratie kriminalisiert wurde, um sie schließlich mit deren eigener Intelligenz und Arbeitskraft zu vernichten, entsetzt. Entsprechende Mechanismen lassen sich aber in jeder Form von Bürokratie, ob nun bösartig oder mildtätig, entdecken. Im Fall des Holocaust gelang dies zum einen durch die Organisation der Ghettos, die die Judenräte und die Ghettobewohner in jeder Hinsicht den »funktionalen« Zwecken der Deutschen unterwarf. »Was die Lebensfähigkeit [des Ghettos] aufrechterhielt, diente automatisch deutschen Zielen… das jüdische Geschick bei der Zuteilung von Wohnraum oder der Verteilung der Lebensmittelrationen erhöhte die deutsche Effizienz. Jüdische Rigorosität in der Steuereintreibung oder bei der Arbeitseinteilung diente der Durchsetzung deutscher Härte, selbst die Unbestechlichkeit konnte der deutschen Verwaltung noch nützlich sein.« Zum zweiten wurde in jeder Etappe der Vernichtung Wert darauf gelegt, den Opfern eine Wahlmöglichkeit nach Maßgabe rationaler Kriterien zu bieten, wobei die rational sinnvolle Entscheidung automatisch dem »geplanten Ziel« diente. »Die phasenweise Deportation der Juden war raffiniert, weil diejenigen, die zunächst verschont geblieben waren, sich damit trösten konnten, manchmal müßten einige Wenige für die Gesamtheit geopfert werden.« Selbst den Deportierten ließ man bis zu ihrem Ende zum Schein die Möglichkeit rationaler Entscheidung. Die Gaskammern wurden als »Waschräume« bezeichnet – nach Tagen in überfüllten, verdreckten Viehwaggons eine willkommene Vorstellung. Und selbst diejenigen, die sich keiner Illusion mehr hingaben, konnten entscheiden zwischen dem »schnellen und schmerzlosen« Tod oder dem zusätzlichen unsäglichen Leiden, das die Widerspenstigen erwartete. Nicht nur die von den Opfern unbeeinflußte Einbindung der Ghettos in die Vernichtungsmaschinerie war bis ins Detail durchgeplant; man machte sich auch die rationalen Fähigkeiten der »Funktionsträger« zunutze, um Verhalten zu erzeugen, das von Pflichterfüllung und Kooperation im Sinne des bürokratisch definierten Zwecks erfüllt war.
Soziale Erzeugung moralischer Unsichtbarkeit
Bisher haben wir uns um die Rekonstruktion jener sozialen Mechanismen bemüht, die »animalisches Mitleid ausschalten«; um die soziale Erzeugung seines Verhaltens, das angeborenen moralischen Hemmungen entgegenwirkt und das Individuen, die im Sinne der »Normalität« keineswegs »moralisch degeneriert« sind, in Mörder oder vorsätzlich handelnde Komplizen zu verwandeln vermag. Die Erfahrung des Holocaust deckt nun noch einen weiteren sozialen Mechanismus auf; dieser ist in seinen Möglichkeiten noch weit gefährlicher, da er eine viel größere Anzahl von Menschen als Täter in den Genozid einbezieht, ohne daß diese dabei bewußt mit schwierigen moralischen Entscheidungen oder quälenden Gewissensfragen konfrontiert würden. An moralischen Fragen entzünden sich immer dann keine Kontroversen, wenn die moralische Dimension des Handelns nicht erkennbar ist oder deren Aufdeckung oder Diskussion bewußt vermieden wird. Anders formuliert: Die moralische Dimension des Handelns kann unsichtbar sein oder bewußt verschleiert werden.
In diesem Zusammenhang ein weiteres Zitat von Hilberg: »Man muß sich bewußt machen, daß die meisten Mittäter [des Holocaust] keine Gewehre auf jüdische Kinder abfeuerten oder Gas in die Gaskammern leiteten … es waren Bürokraten, die Schriftsätze formulierten, Zeichnungen anfertigen, die telefonierten und an Besprechungen teilnahmen. Sie betrieben die Vernichtung eines ganzen Volkes von ihren Schreibtischen aus.«32 Das wenige, was man von den Konsequenzen oder vermeintlich harmlosen Geschäftigkeit wußte, war schnell verdrängt. Kausale Zusammenhänge zwischen bürokratischem Handeln und dem Massenmord ließen sich nur schwer entdecken. Es galt moralisch nicht als verwerflich, einer vermeintlich natürlichen Neigung nachzugeben und sich nicht über Gebühr Gedanken zu machen, die Konsequenzen des eigenen Tuns nicht bis zum Ende weiterzudenken. Wer nicht verstehen kann, wie derartige moralische Blindheit überhaupt möglich ist, denke nur an unsere Zeit: Die Beschäftigten einer Waffenfabrik feiern einen »arbeitsplatzsichernden« Rüstungsauftrag, um abends vor dem Fernsehschirm ehrlich erschüttert über die Massaker zwischen Äthiopiern und Eriträern zu sein; oder man denke daran, daß »fallende Rohstoffpreise« als gute Nachricht begrüßt werden, während man über »hungernde Kinder in Afrika« tief bestürzt ist.
Vor einigen Jahren prägte John Lachs den Begriff der Mediatisierung, der Vermittlung des Handelns, für eines der herausragendsten und folgenreichsten Merkmale der modernen Gesellschaft: Handlungen werden von einem Dritten ausgeführt, der »zwischen mir und den Folgen meines Tuns steht, so daß diese mir verborgen bleiben«. Zwischen Plan und Ausführung entsteht eine Distanz, die mit einer Unzahl minutiöser Handlungen von Befehlsempfängern ausgefüllt ist, die jeder Verantwortung enthoben sind. Die »Mittelsmänner« schirmen die Folgen der Handlungen vor den Handelnden selbst ab.
Das Resultat ist, daß es viele Handlungen gibt, für die niemand mit vollem Bewußtsein Verantwortung übernimmt. Für den Auftraggeber existieren sie nur als Wort oder in der Vorstellung; er betrachtet sie nicht als die eigenen, weil er ihre Ausführung nicht miterlebt. Der Mann, der sie tatsächlich ausführt, identifiziert sich andererseits nicht damit, weil er glaubt, selbst nur das schuldlose Instrument fremden Willens zu sein…
Ohne die unmittelbare Erfahrung der Konsequenzen eigenen Handelns agiert auch der Untadeligste in einem moralischen Vakuum: die abstrakte Kenntnis des Bösen ist weder ein zuverlässiger Leitfaden noch ein hinreichendes Motiv … wir sollten über das Ausmaß der weitgehend nicht vorsätzlichen Grausamkeit an sich unbescholtener Menschen nicht überrascht sein…
Bemerkenswert ist, daß wir durchaus in der Lage sind, falsches Handeln und schreiende Ungerechtigkeit als solche zu erkennen. Was bestürzt, ist, wie es dazu kommen konnte, wenn jeder einzelne eigentlich nur harmlose Dinge tat … Es fällt schwer zu akzeptieren, daß es häufig weder einen einzelnen noch eine Gruppe gibt, die verantwortlich sind. Noch schwerer fällt es zu akzeptieren, daß das eigene Handeln an anderer Stelle Leiden verursacht hat.33
Die wachsende physische und psychische Distanz zwischen dem eigenen Handeln und dessen Folgen bewirkt nicht nur, daß moralische Hemmungen wegfallen, sondern verschleiert auch die moralische Tragweite des Handelns und verhindert auf diese Weise das Auseinanderbrechen von individuellen ethischen Grundsätzen und den sozialen Konsequenzen der Handlung. Indem die meisten sozial signifikanten Handlungen durch eine lange Kette komplexer Kausal- und Funktionszusammenhänge vermittelt sind, rücken moralische Probleme aus dem Blickfeld, denn es bietet sich nur selten die Gelegenheit zu Überprüfung und bewußter moralischer Entscheidung.
Ein psychologischer Effekt von noch größerer Tragweite wird dadurch erzielt, daß die Opfer selbst unsichtbar sind. Es handelt sich hier um einen der wichtigsten Faktoren für die Eskalation menschlichen Leidens in der modernen Kriegsführung. Nach Ansicht von Philip Caputo entwickelt sich das Ethos des Krieges »mit zunehmender Distanz und Technologie. Wer andere mit hochentwickelten Waffen über große Entfernung tötet, macht sich nicht schuldig«34. Töten »auf Distanz« beläßt den Zusammenhang zwischen Blutvergießen und den dafür nötigen harmlosen Handgriffen – wie etwa das Bestätigen eines Auslösers, eines Stromschalters oder einer Computertastatur – auf einer rein theoretischen Ebene, nicht zuletzt weil die Diskrepanz von Resultat und direkter Ursache schon von der Größenordnung her das normale Vorstellungsvermögen übersteigt. Wie sonst hätten Piloten Bomben über Hiroshima und Dresden abwerfen können, wie sonst kann man gewissenhaft Dienst in einer Raketenbasis tun oder immer umfassendere atomare Sprengköpfe entwickeln – ohne daß darüber die ethische Grundauffassung ins Wanken (oder gar zum Zusammenbruch) käme (die Unsichtbarkeit der Opfer war sicherlich auch für Milgrams berühmte Experimente eine wichtige Voraussetzung). Bedenkt man die Unsichtbarkeit der Opfer, begreift man besser, wie es zu der schrittweisen Vervollkommnung der Vernichtungsethik des Holocaust kommen konnte. Die Einsatzgruppen* trieben die Opfer vor den Maschinengewehren zusammen und erschossen sie aus relativ kurzer Entfernung; der Abstand zu den Gräben, in die die Ermordeten dann fielen, wurde zwar relativ groß gehalten, die Schützen konnten jedoch die Folgen ihres Tuns nicht übersehen. Die Organisatoren der Vernichtung hielten diese Methode daher auch für primitiv, ineffizient und potentiell schädlich für die Moral der Ausführenden. Andere Mordmittel wurden gesucht, bei denen der Sichtkontakt zwischen Mörder und Ermordeten unterbrochen war: zunächst die Gaswagen, dann die Gaskammern. Die Gaskammer reduzierte – in der von den Nazis prefektionierten Form – die Rolle des Mörders auf die eines »Sanitätsoffiziers«, der lediglich einen Sack »Desinfektionsmittel« in einen dafür vorgesehenen Schacht auf dem Dach des Gebäudes schüttete, ohne es jemals selbst betreten zu müssen.
Die technisch-administrative Effizienz des Holocaust erklärt sich zum Teil auch aus der geschickten Verwendung »moralischer Beruhigungsmittel«, wie sie die moderne Bürokratie und Technokratie bereithalten. Die mangelnde Transparenz von Kausalzusammenhängen in komplexen Interaktionsnetzen und die »Distanzierung« abstoßender und moralisch verwerflicher Konsequenzen bis hin zur Nichtsichtbarkeit für die Täter spielten dabei eine entscheidende Rolle. Die Nazis entwickelten eine dritte, vielleicht noch raffiniertere Methode, die sie zwar ebenfalls nicht selbst erfunden hatten, die sie jedoch zu einem bis dahin unbekannten Grad perfektionierten: die Dehumanisierung der Opfer. Die sozio-psychologischen Faktoren, die für die furchtbare Effizienz dieser Methode ausschlaggebend waren, sind weitgehend in Helen Feins Konzept eines »Bezugssystems von Verpflichtungen« (universe of obligation) enthalten. Fein definiert dieses als »Kreis von Personen, die eine wechselseitige Schutzverpflichtung haben, hergeleitet aus der speziellen Beziehung zu einer Gottheit oder geheiligten Quelle der Macht«35. Dieses »Bezugssystem« ist ein soziales Terrain, innerhalb dessen moralische Regeln Gültigkeit haben, die außerhalb dieser Grenzen jedoch ebenso ihre Verbindlichkeit verlieren wie Gewissensentscheidungen ihre Legitimation. Um die Menschlichkeit der Opfer zu zerstören, genügt es, diese aus dem »Bezugssystem« auszugrenzen.
Nach den Maßstäben des alles überragenden Wertes der nationalsozialistischen Weltanschauung, des Rechts auf Deutschsein, ließen sich die Juden aus dem »universe of obligation« ausgrenzen, indem man ihnen die Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft aberkannte. Hilberg formuliert schneidend: »In dem Augenblick, als Anfang 1933 ein Beamter erstmalig die Definition für ›Nicht-Arier‹ in einer Verordnung niederlegte, war das Schicksal der europäischen Juden besiegelt.«36 Um aber die Kooperation (oder auch nur Passivität oder Gleichgültigkeit) der europäischen Staaten zu erlangen, bedurfte es anderer Mittel. Der Ausstoß der Juden aus der deutschen Volksgemeinschaft mochte für die SS hinreichen, weckte jedoch selbst bei den Nationen, die insgeheim mit den Zielen der neuen Beherrscher Europas sympathisierten, Furcht und Mißtrauen. Als nicht mehr Deutschland allein, sondern ganz Europa judenfrei* werden sollte, mußte der Ausstoß aus der Volksgemeinschaft ersetzt werden durch die Entmenschlichung an sich. Franks Vorliebe für das Bild vom »jüdischen Ungeziefer« und der Wandel in der rhetorischen Behandlung der »Judenfrage« vom »Schutz der Rasse» zur »Säuberung» und »politischen Hygiene« gehörten ebenso dazu wie die vor Typhus warnenden Plakate an den Mauern der Ghettos und der Name der Firma, die das Gift für die Massenvernichtung lieferte: Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung*.
Die moralischen Konsequenzen des Zivilisationsprozesses
Es gibt in der Soziologie verschiedene Konzepte für den Zivilisationsprozeß, doch das geläufigste nennt zwei Kernpunkte: Der Zivilisationsprozeß unterdrückt irrationale und im wesentliche antisoziale Triebe und drängt die Gewalt unwiderruflich, wenn auch nur allmählich aus dem sozialen Leben (genauer: der Zivilisationsprozeß konzentriert die Gewalt unter der Kontrolle des Staates, der das Machtmonopol zur Sicherung der Außengrenzen der nationalen Gemeinschaft und der sozialen Ordnung nutzt). Die beiden Kernpunkte werden in einer zivilisierten Gesellschaft – zumindest nach westlich-moderner Auffassung – durch eine moralische Kraft zusammengehalten. Institutionen kooperieren und ergänzen einander bei der Durchsetzung einer normativen und durch Gesetze geregelten Ordnung, die ein in vor-zivilisierten Gesellschaften unbekanntes Maß an sozialem Frieden und Sicherheit des einzelnen garantieren.
Diese Vorstellung ist nicht grundsätzlich falsch, wirkt in Kenntnis des Holocaust jedoch naiv und einseitig. Zwar sind in diesem Zusammenhang wichtige historische Entwicklungslinien offenbar geworden, die Untersuchung nicht minder folgenreicher Tendenzen wurde aber vernachlässigt. Man konzentrierte sich auf einen einzigen Aspekt des historischen Zivilisationsprozesses und zog eine willkürliche Trennungslinie zwischen Normalität und Anomalie. Verstörende Aspekte der Zivilisation wurden kriminalisiert und mit ihrem zufälligen, vorübergehenden Charakter erklärt; gleichzeitig überging man die auffallende Kongruenz zwischen einigen konstitutiven Merkmalen dieser ausgegrenzten Phänomene und den normativen Annahmen der Moderne. Die Kontinuität des alternativen, destruktiven Potentials des Zivilisationsprozesses blieb weitgehend unbeachtet, Theoretiker, die auf die Doppelgesichtigkeit moderner sozialer Ordnungen hinwiesen, wurden ignoriert und ins Abseits gerückt.
Die wichtigste Lehre aus dem Holocaust muß sein, diese Kritik ernst zu nehmen und das Modell des Zivilisationsprozesses derart zu erweitern, daß dessen Tendenz zur Entkräftung ethischer Motive für soziales Handeln deutlich wird. Man muß der Tatsache Rechnung tragen, daß der Zivilisationsprozeß unter anderem den Einsatz von Gewalt aus dem Bereich moralischen Entscheidens herausgelöst und die Anforderungen der Rationalität von ethischen Normen und moralischen Skrupeln befreit hat. Das Vordringen der Rationalität auf Kosten anderer möglicher Handlungskriterien und insbesondere die Tendenz, rational begründbare Gewaltanwendung zuzulassen, ist schon früh als konstitutives Merkmal der modernen Zivilisation erkannt worden. Phänomene von der Dimension eines Holocaust sind daher als gesetzmäßige Folgen des Zivilisationsprozesses und als dessen latentes Potential zu betrachten.
Max Webers erhellende Darstellung der Bedingungen und Mechanismen des Rationalismus enthüllt, mit nachträglicher Einsicht gelesen, wichtige und doch bisher weitgehend unterschätzte Zusammenhänge. Die Bedingungen rationaler Geschäftsführung – wie etwa die bekannte Trennung zwischen privatem Haushalt und Wirtschaft, Privateinkommen und öffentlichen Ausgaben – bergen zugleich bedrohliche Tendenzen, da sie zweckorientiertes, rationales Handeln von der Berührung mit anders (das heißt irrational) gesteuerten Prozessen isolieren und so eine Immunisierung vor potentiell hemmenden Faktoren wie Hilfsbereitschaft (gegenseitiger Unterstützung), Solidarität, gegenseitigem Respekt bewirken können, die den Bereich nichtwirtschaftlicher Gebilde bestimmen. Diese Tendenz zur Rationalisierung tritt uns in der modernen Bürokratie idealtypisch systematisiert und institutionalisiert entgegen. Liest man Max Weber aus heutiger Sicht, so ist die Ausschaltung moralischer Aspekte eines der Hauptanliegen der Bürokratie, ja sogar die Grundvoraussetzung für deren Erfolg als Koordinationsinstanz rationalen Handelns. Und das schließt die Kapazität zur Erzeugung Holocaust-ähnlicher Lösungen ein, die im Rahmen der alltäglichen Problembewältigung vollzogen werden.
Jede Neuformulierung der Theorie des Zivilisationsprozesses in diese Richtung erfordert notwendig eine Neubesinnung der Soziologie selbst. Art und Stil der Soziologie haben sich der modernen Gesellschaft analysierend angepaßt. Seit ihrer Entstehung unterhält die Soziologie eine mimetische Beziehung mit ihrem Gegenstand – oder, zutreffender vielleicht, mit der Vorstellung von diesem Gegenstand, als Bezugspunkt für den eigenen Diskurs konstruiert und akzeptiert. Derart bekennt sich die Soziologie zu eben den Prinzipien rationalen Handelns, die sie für ihren Gegenstand’ als konstitutiv ansieht. Die Unzulässigkeit ethischer Problemstellungen ist verbindlich für den eigenen Diskurs, da diese begrenzt gültigen Ideologien zugeschrieben werden und soziologischer, d. h. rationalwissenschaftlicher Beschäftigung nicht angemessen scheinen. Begriffe wie die »Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens« oder »moralische Pflicht« klingen daher in einem Soziologieseminar ähnlich fremdartig wie in den desinfizierten sterilen Büros des Verwaltungsapparates.
Wenn die Soziologie diese Prinzipien in der fachlichen Praxis beachtete, so hielt sie sich damit durchaus an die Gepflogenheiten der Wissenschaftskultur allgemein. Auch diese hat als Teil des Rationalisierungsprozesses eine genaue Analyse bitter nötig. Die Verdrängung moralischer Fragestellungen in der Wissenschaft kann böse Folgen haben: Man erinnere sich, daß der Massenmord und die Beseitigung der Leichen in Auschwitz als »medizinisches Problem« angegangen wurden. Franklin M. Littells Warnung vor einer Glaubwürdigkeitskrise der modernen Universität ist nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen: »Welche medizinische Fakultät brachte Mengele und seine Komplizen hervor? Welche anthropologische Abteilung lieferte die Mitarbeiter für das ›Institut für Erbforschung‹ an der Straßburger Universität?«37 Um Mißverständnissen darüber vorzubeugen, wer sich durch solche Fragen angesprochen fühlen sollte – sie sind keineswegs von nur zeitgeschichtlicher Bedeutung, wie Colin Grays Untersuchung über die Motive des Wettrüstens zeigt: »Wissenschaftler und Technologen auf beiden Seiten treten in erster Linie an, um eigenes Wissen zu vermehren (der Gegner ist weniger die sowjetische Technologie, vielmehr das Unbekannte, das die wissenschaftliche Neugier anzieht) … Wen wundert es da, daß motivierte, fachlich hochqualifizierte und finanziell gut ausgestattete Forscherteams am laufenden Band neue, raffinierte Waffenkonzepte produzierten?«38
Eine erste Fassung dieses Kapitels erschien im Dezember 1988 im British Journal of Sociology.
* im Original deutsch
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Moderne, Rassismus und Vernichtung I
Der Kausalzusammenhang zwischen Antisemitismus und Holocaust scheint vielen klar genug: Demzufolge wurden die europäischen Juden von den Deutschen ermordet, weil diese, und ebenso ihre Erfüllungsgehilfen, Judenhasser waren. Der Holocaust also als entsetzlicher Höhepunkt einer jahrhundertealten Tradition religiöser, ökonomischer, kultureller und nationaler Feindseligkeit gegenüber den Juden? Diese Erklärung des Holocaust ist populär und klingt ja auch »vernünftig« (wenn mir dieses Paradox gestattet ist). – Und doch, die Plausibilität dieses kausalen Zusammenhanges ist eine scheinbare und hält einer genaueren Prüfung nicht stand.
Fundierte historische Untersuchungen der letzten Jahrzehnte haben nachgewiesen, daß der Antisemitismus in Deutschland vor der Machtergreifung und auch noch nach der Konsolidierung nationalsozialistischer Herrschaft allgemein weitaus geringer ausgeprägt war als in vielen anderen Ländern Europas. Und lange bevor der schwierigere gesellschaftliche Emanzipationsprozeß der Juden in der Weimarer Republik vollendet wurde, galt Deutschland bei Juden in aller Welt geradezu als Insel religiöser, nationaler Gleichheit und Toleranz. In Deutschland gab es zu Beginn dieses Jahrhunderts mehr jüdische Akademiker und Angehöriger freier Berufe als in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien. Antijüdische Ressentiments in der Bevölkerung waren weder tief verwurzelt noch sehr verbreitet. Und gewalttätige öffentliche Übergriffe kamen, anders als in anderen Teilen Europas, äußerst selten vor. Nationalsozialistische Versuche, latenten Antisemitismus im Volk durch inszenierte antijüdische Gewaltspektakel zu schüren, erreichten eher das Gegenteil und spielten daher eine untergeordnete Rolle. Henry L. Feingold, einer der bekanntesten Historiker des Holocaust, nimmt an, daß Meinungsumfragen zum Grad des Antisemitismus, hätte es solche gegeben, »im Deutschland der Weimarer Republik vermutlich eine geringere Abneigung gegenüber den Juden nachgewiesen hätten als in Frankreich«.1 Zu keinem Zeitpunkt der Vernichtung übernahm allgemeiner Antisemitismus eine tragende Rolle. Antisemitismus hat jedoch zweifellos indirekt zur Durchführung des Massenmordes beigetragen, indem er jene Lethargie erzeugte, mit der die meisten Deutschen der Tatsache der Massenvernichtung begegneten, um sich später auf Unwissenheit zu berufen. Norman Cohn schreibt dazu: »Die Menschen mochten sich nicht aufraffen, den Juden beizustehen. Die allgemein verbreitete Indifferenz und Leichtigkeit, mit der die Bevölkerung sich von den Juden distanzierte, entsprang sicherlich dem unbestimmten Gefühl … die Juden seien irgendwie unheimlich und gefährlich.«2 Richard L. Rubenstein geht noch ein Stück weiter: Die Lethargie unter den Deutschen – mit anderen Worten die kollektive Komplizenschaft durch Unterlassung – lasse sich einfach klären: »Glaubte nicht die Mehrheit der Deutschen, von der Beseitigung der Juden zu profitieren?«3 Andere Historiker jedoch haben die »Komplizenschaft durch fehlenden Widerstand« mit Faktoren erklärt, die nicht unbedingt Ansichten über das jüdische Wesen einschließen. Walter Laqueur etwa betont, »nur sehr wenige interessierten sich für das Schicksal des Juden. Die meisten Menschen hatten andere Probleme. Das Thema war unerfreulich, Spekulationen nutzlos; insgesamt sah man es nicht gern, wenn über das jüdische Schicksal gesprochen wurde. Die Erörterung dieser Frage wurde verdrängt und fürs erste hinausgeschoben.«4
Wer den Antisemitismus als einzige Ursache des Holocaust begreift, übersieht ein anderes schwieriges Problem. Der Antisemitismus – ob in religiöser oder wirtschaftlicher, kultureller oder rassischer, gewalttätiger oder versteckter Form – ist seit Jahrtausenden ein fast weltweit anzutreffendes Phänomen, der Holocaust dagegen ist beispiellos. Fast alle seine Merkmale sind einzigartig und mit keinem anderen historischen Massaker in der Judenverfolgung vergleichbar, egal wie grausam man vorging oder als wie fremd, feindselig oder gefährlich die Opfer zuvor hingestellt worden waren. Der Antisemitismus als zeitlose und allgegenwärtige Erscheinung ist kaum allein für die Singularität des Holocaust verantwortlich zu machen. Aber das Problem ist noch komplizierter, denn es kann keineswegs als sicher gelten, daß antisemitische Tendenzen überhaupt zu antijüdischer Gewalt führen müssen; sie sind zwar ohne Zweifel eine notwendige Bedingung, nicht unbedingt jedoch für sich genommen eine hinreichende Voraussetzung. Für Norman Cohn bilden organisierte Gruppen »professioneller Judenmörder« (die natürlich Beweis für antisemitische Tendenzen sind, ohne allerdings mit diesen gleichgesetzt werden dürfen) die eigentliche Substanz und Ursache gewalttätiger Übergriffe gegen Juden; ohne diese Gruppen wären antijüdische Ressentiments niemals und nirgends in dieser Weise gegen jüdische Mitmenschen eskaliert.
Es ist ein Mythos, Pogrome seien spontane Ausbrüche des Volkszorns. Wir kennen keinen einzigen nachgewiesenen Fall, in dem die Bewohner einer Stadt oder eines Dorfes aus heiterem Himmel über ihre jüdischen Nachbarn hergefallen sind und sie umgebracht haben, selbst im Mittelalter nicht. … In der Neuzeit finden sich ebenfalls keine Indizien für solche auf breiter Basis ruhenden Gewalttätigkeiten, zumal selbst die organisierten Gruppen immer erst in Erscheinung traten, wenn sie von irgendeiner Obrigkeit ermuntert beziehungsweise unterstützt wurden.5
Formulieren wir es so: Weder historische noch zeitgenössische Belege erlauben es, die populäre These zu erhärten, antijüdische Gewalt im allgemeinen und das singuläre Phänomen Holocaust im besonderen seien der »Kulminationspunkt antijüdischer Ressentiments«, »Antisemitismus in seiner radikalsten Form« oder das »Hervorbrechen weit verbreiteter antijüdischer Ressentiments«. Isoliert betrachtet, bietet der Antisemitismus keine hinreichende Erklärung für den Holocaust (Ressentiments bieten generell keine hinreichende Erklärung für Genozid). Wenn es zutrifft, daß antisemitische Tendenzen für die Planung und Durchführung des Holocaust eine wichtige Rolle spielten, ja sogar unersetzlich waren, so ist mit gleichem Recht zu konstatieren, daß die antisemitische Haltung der Urheber und Planer des Massenmords in wesentlichen Punkten von den antijüdischen Emotionen der Vollstrecker, Kollaborateure und willfährigen Mitwisser abwich. Damit der Holocaust möglich wurde, mußte ein (wie auch immer geprägter) Antisemitismus zuvor mit Faktoren ganz anderer Provenienz verschmolzen werden. Unser Augenmerk wird sich daher, statt schwer zu erhellenden Fragen der Individualpsychologie nachzugehen, auf die sozialen und politischen Mechanismen richten müssen, die diese zusätzlichen Faktoren hervorbrachten und deren potentiell explosive Reaktion mit traditionellen, gesellschaftlich-sozialen Antagonismen ermöglichten.
Charakteristiken der jüdischen Sonderstellung
Der Begriff »Antisemitismus« wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts geprägt und war schnell popularisiert. Von Anfang an herrschte Einigkeit darüber, daß damit ein Phänomen bezeichnet sei, das weit in die Vergangenheit zurückreichte. Zwei Jahrtausende antijüdischer Ressentiments und Diskriminierung wurden als ungebrochene Kontinuität betrachtet. Historiker setzten die Anfänge des Antisemitismus nahezu einhellig mit der Zerstörung des Zweiten Tempels (70v. Chr.) und dem Beginn der eigentlichen Diaspora an, obgleich sogar Forschungen über sozusagen protoantisemitische Tendenzen im Babylonischen Exil betrieben wurden. (Der sowjetische Historiker Salomo Luria legte Anfang der zwanziger Jahre eine recht spekulative Untersuchung über »heidnischen« Antisemitismus vor.)
Ethymologisch gesehen ist der Begriff »Antisemitismus« unglücklich gewählt, da er sein Signifikat ungenügend (weil zu allgemein) definiert und das Objekt seiner Praktiken im Grunde verfehlt. (Die Nazis, die sicherlich radikalsten Verfechter des Antisemitismus, rückten im Verlauf des Krieges von dem Begriff zusehends ab, da seine vermeintliche Eindeutigkeit politische Sprengkraft enthielt, denn auch einige der treuesten Bündnispartner Deutschlands fühlten sich dadurch bedroht.) Da semantische Probleme in der grausamen Praxis jedoch nur eine untergeordnete Rolle spielten, war die Zielsicherheit des antijüdischen Programms nie ernsthaft gefährdet. »Antisemitismus« war stets gleichbedeutend mit antijüdischen Ressentiments, beruhend auf dem Konzept von den Juden als fremdartige, feindselige und unerwünschte Gruppe, und bezeichnet die daraus hervorgehenden und dieses Konzept stützenden Praktiken.
Der Antisemitismus unterscheidet sich von traditionellen Formen des Hasses zwischen Völkern und Gruppen in einem wichtigen Punkt. Die Theorie und Praxis des Antisemitismus widmet sich einer besonderen Kategorie sozialer Beziehungen – im Mittelpunkt steht nicht das Verhältnis zweier territorial etablierter Gruppen, die sich gleichberechtigt gegenüberstehen, sondern das Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit, »Wirts«-Population und einer relativ kleinen Gruppe, die in ihrer Mitte lebt und, weil sie die eigene Identität wahrt und der schwächere Partner ist, als stigmatisierter Gegensatz begriffen wird, aus dem sich das »wir« der einheimischen Mehrheit gegenüber »denen da« definiert. Die vom Antisemitismus Betroffenen haben in der Regel den semantisch verwirrenden und psychologisch verunsichernden Status von Fremden im Innern und halten damit eine wichtige gesellschaftliche Demarkationslinie nicht ein, die man sich klar definiert und unüberwindbar wünscht. Die Intensität des Antisemitismus verhält sich in der Regel proportional zur Heftigkeit des Bestrebens nach Grenzziehung und Grenzdefinition einer Gesellschaft.6 In den meisten Fällen manifestieren sich im Antisemitismus greifbar starke grenzbewahrende Tendenzen und die damit verbundenen Emotionen und Verhaltensweisen.
Offenkundig sind die besonderen Merkmale des Antisemitismus unauflöslich mit dem Phänomen der Diaspora verwoben. Aber auch die jüdische Diaspora unterscheidet sich von fast allen historischen Völkerwanderungen oder Siedlungsbewegungen. Ein fundamentales Charakteristikum der jüdischen Diaspora ist bereits die zeitlich-historische Dimension der Absonderung dieser »Fremden in unserer Mitte« – sowohl diachronisch wie synchronisch, also sowohl im Hinblick auf historische Kontinuität wie auch auf das jüdische Identitätsbewußtsein. Anders als bei normaler Einwanderung verfestigten sich die grenzdefinierenden Reaktionen auf die Präsenz der Juden über diesen langen Zeitraum und wurden als kodifizierte Rituale institutionalisiert, die die Dauerhaftigkeit der Trennung noch verstärkten. Ein weiteres einzigartiges Charakteristikum der jüdischen Diaspora ist die Totalität der jüdischen Heimatlosigkeit, die nur mit jener der Sinti und Roma vergleichbar ist. Die ursprüngliche Verbindung der Juden mit dem Lande Israel wurde mit den Jahrhunderten immer schwächer und war am Ende nur mehr eine geistige Dimension, wobei selbst diese von der Wirtsbevölkerung angefochten wurde, da das biblische Land inzwischen von den Christen selbst für das religiöse Erbe beansprucht wurde. Die Ressentiments gegenüber den absonderlichen »Fremdlingen« wurden zumeist noch übertroffen vom Zorn über deren Ansprüche auf das gelobte Land, zumal man die Juden als illegitime Heuchler ansah.
Die Juden faßten ihre ewige und unumkehrbare Heimatlosigkeit seit Beginn der Diaspora als integralen Bestandteil der eigenen Identität auf. Die Nazis leiteten daraus später das Hauptargument für die Verfolgung ab; Hitler versuchte mit der jüdischen Heimatlosigkeit zu begründen, warum die Feindschaft gegenüber diesem Volk eine ganz andere Dimension habe als normale Feindseligkeit zwischen rivalisierenden Nationen oder Rassen.
(Eberhard Jäckel7 hat rekonstruiert, daß die ewige und totale Heimatlosigkeit die Juden in Hitlers Augen grundsätzlich von allen anderen Völkern unterschied, die er haßte und zu unterwerfen oder auszulöschen gedachte. Hitler glaubte8, daß die Juden wegen des fehlenden Staatsterritoriums von der normalen, kriegerischen Form des Machtkampfes durch Eroberungen ausgeschlossen seien und daher zu schmutzigen, betrügerischen und hinterlistigen Methoden greifen müßten, was sie zu einem besonders ernstzunehmenden, gefährlichen Gegner mache; nicht zuletzt weil dieser Gegner wohl kaum je zu saturieren sei, müsse er vollständig vernichtet werden.)
Nun darf man allerdings nicht übersehen, daß die besondere Qualität des jüdischen Andersseins im vormodernen Europa eine gewisse Integration in die vorherrschende soziale Ordnung durchaus nicht verhinderte. Diese Integration war möglich, weil die von den grenzziehenden und -definierenden Prozessen herrührenden Spannungen und Konflikte relativ schwach ausgeprägt waren. Hinzu kam noch, daß der vormoderne Ständestaat ohnehin sozial stark segmentiert war. In einer in Stände oder Klassen unterteilten Gesellschaft waren die Juden nur ein Stand unter vielen. Der einzelne Jude wurde – wie alle anderen Mitglieder der Gesellschaft – definiert durch die Privilegien und Stigmata des Standes, dem er angehörte. Die Juden waren stärker isoliert, aber darin lag nichts Außergewöhnliches. Ihr Status war, wie in allen kastenartigen Gruppierungen, hervorgegangen und diktiert durch das Gebot der Reinheit und das Verbot der Vermischung. Bei allen Unterschieden dienten diese Praktiken einem einheitlichen Zweck und sollten einen sicheren und, wenn möglich, unüberbrückbaren Abstand schaffen. Die Isolation der Gruppen untereinander wurde auf verschiedene Art erreicht, so etwa durch Segregation, wobei ein Minimum an Kontakt in streng kontrollierter und ritualisierter Form möglich war. Es gab auch die Möglichkeit, die Mitglieder einer sozialen Gruppe rein äußerlich als Fremde zu markieren, wenn nicht sowieso geistig-religiöse Unterschiede gepflegt wurden, die eine kulturelle Osmose oder Nivellierung kultureller Gegensätze weitgehend ausschlossen. Über Jahrhunderte lebten die Juden in eigenen Vierteln und waren an ihrer besonderen Kleidung erkennbar, die mitunter per Gesetz vorgeschrieben war, wenn nämlich die Stringenz der Trennung nicht durch das Brauchtum abgesichert war. Die Trennung der Lebensbereiche erwies sich als nicht ausreichend, da Ghetto und Wohnland in den meisten Fällen so sehr verschränkt waren, daß sie regelmäßig in Berührung kamen. Die räumliche Trennung mußte folglich ergänzt werden durch strikt ritualisierte Umgangsformen, wo gewisse Berührungspunkte unumgänglich waren. Soziale Beziehungen, die sich nicht formalisieren und funktional begründen ließen, waren im allgemeinen verboten oder nicht gern gesehen. Wie bei den meisten Ritualen, die Kasten bewahren und Vermischung bekämpfen sollen, üblich, waren Eheschließung und gemeinsame Lebensführung streng verboten; selbst der allgemeine gesellschaftliche Umgang war auf die nötigsten Bereiche beschränkt.
Man darf nicht übersehen, daß alle diese anscheinend antagonistischen Maßnahmen durchaus Instrumente der sozialen Integration darstellten. Insgesamt minderten sie die von einem »Fremden im Innern« unvermeidlich ausgehenden Gefahren für die Identität der Gastgruppe. Auf diese Weise entstanden Bedingungen, unter denen das Zusammenleben ohne Reibung prinzipiell möglich war. Der Verhaltenskodex gewährleistete, wurde er strikt genug eingehalten, die friedliche Koexistenz in einer spannungsgeladenen, potentiell explosiven Situation. Simmel hat beschrieben, wie eine Institutionalisierung des Rituals Konflikte in Instrumente der Sozialisation und sozialen Kohäsion transformiert. Solange die Rituale der Trennung wirksam blieben, bestand kein Grund für Feindseligkeit. Der gesellschaftliche Umgang wurde auf streng ritualisierte Bereiche reduziert, die Regeln wurden genau eingehalten und jede Übertretung mit Abscheu registriert. Natürlich mußten auch die Mitglieder der isolierten Gruppe den ihnen zugewiesenen minderwertigen gesellschaftlichen Status akzeptieren und damit zugleich, daß die Mehrheit diesen Status definieren, kontrollieren und jederzeit ändern durfte. Betrachtet man die Diaspora historisch, gilt dabei zu bedenken, daß das Rechtswesen in der Regel kaum mehr war als ein System von Privilegien und legitimierter Ausbeutung. Gleichheit vor dem Gesetz, insbesondere in sozialer Hinsicht, war lange unbekannt oder zumindest ein unerreichbares Ideal. Am Vorabend der Moderne kann man sich die jüdische Sonderstellung durchaus als exemplarisch für die lückenlos hierarchische Segmentierung der als gottgewollt gedachten Ordnung vorstellen.
Jüdische Inkongruenz von den Anfängen des Christentums bis in die Moderne
Das heißt nicht, daß die Segregation der Juden nicht schon früh als Sonderfall betrachtet und theoretisch mit besonderer Signifikanz bedacht wurde. Für die gelehrten Kreise des vormodernen Europas – christlicher Klerus, Theologen und Philosophen, deren Geschäft es war, den Sinn des Zufälligen und die Logik des scheinbar eruptiven Weltgeschehens freizulegen – waren die Juden eine Merkwürdigkeit; eine Wesenheit, die sich kognitiver Klarheit und der moralischen Harmonie der Welt widersetzte. Weder zu den konvertierenden Heiden, noch zu den göttliche Gnade verschmähenden Ketzern gehörend, standen die Juden nicht innerhalb und nicht außerhalb der eifernd verteidigten Grenzen des Christentums. Sie besetzten gewissermaßen die Barrikaden und straften deren Unüberwindlichkeit Lügen. Die Juden waren zugleich die altehrwürdigen Väter des Christentums und dessen hassenswerte, verabscheute Lästerer. Die jüdische Ablehnung der christlichen Lehre ließ sich nicht als heidnische Ignoranz betrachten, es sei denn unter Gefahr für die christliche Wahrheit. Und sie war andererseits auch nicht als – prinzipiell – korrigierbarer Irrtum verlorener Seelen hinstellbar. Die Juden waren nicht Ungläubige vor oder nach der Konversion, sondern Menschen, die sich der christlichen Wahrheit nicht beugen mochten. Der jüdische Glaube stellte eine permanente Herausforderung für die Unfehlbarkeit der christlichen Lehre dar. Dieser Herausforderung zu begegnen oder ihr wenigstens einen Teil der Gefährlichkeit zu nehmen, war nur möglich, wenn man den Starrsinn der Juden als böse Absicht und moralische Korruptheit auslegte. Hinzu kommt ein Aspekt, in dem wir das folgenreichste Merkmal des Antisemitismus erkennen: die Existenz der Juden wurde an die christliche Heilslehre geknüpft, Anfang und Ende beider Religionen schienen zusammenzugehören. Das unterschied die Juden von allen anderen störenden und nicht assimilierten Segmenten der christlichen Welt. Im Gegensatz zu den Ketzern bildeten die Juden weder örtlich begrenzte Unruheherde, noch waren sie historisch durch Ursprung oder Ende einzuordnen. Das Judentum war eine allgegenwärtige, kontinuierliche Begleiterscheinung der Christenheit, sozusagen ein alter ego der christlichen Kirche.
Die Koexistenz von Christentum und Judentum definierte sich demzufolge nicht schlicht aus Konflikt und Feindschaft. Sicher gab es auch diese, doch das christlich-jüdische Verhältnis war komplexer. Das Christentum war nicht in der Lage, sich zu entwickeln – und schon gar nicht seine ökumenische Vormachtstellung zu betreiben, ohne gleichzeitig die jüdische Sonderstellung zu kontrollieren und zu festigen – mit der Vorstellung nämlich, Erbe und Überwinder Israels zu sein. Die christliche Identität speiste sich aus der Sonderstellung der Juden. Das Christentum wurde geboren aus der Ablehnung durch die Juden und bezog seine Vitalität aus der Feindschaft gegen die Juden. Christliches Theoretisieren über die eigene Daseinsberechtigung entsprang dem Bewußtsein, Widerpart der Juden zu sein. Je starrsinniger die Juden, desto dringender die Aufgabe, die christliche Mission zu vollenden. Man sehnte den Tag christlichen Triumphes herbei, an dem die Juden ihren Irrtum würden eingestehen müssen – in einer Vision der massenhaften jüdischen Konversion zum christlichen Glauben. Die Christenheit verlieh den Juden – eines alter ego wahrhaft würdig – einen eschatologischen Sinn. Die jüdische Gegenwart und Bedeutung wurde überhöht, den Juden eine machtvolle, aber auch finstere Faszination zuerkannt, die sie anders nie hätten erlangen können.
Die territoriale und historische Präsenz der Juden unter den Christen war daher weder marginal noch zufällig. Ihre Unterschiedlichkeit war nicht vergleichbar mit der anderer Minoritäten, denn sie bildete einen Aspekt christlicher Identität. Das christliche Dogma ging im Hinblick auf die Juden weit über generalisierte Abgrenzungspraktiken hinaus; es zielte auf mehr als die Systematisierung jener vagen und diffusen Erfahrung des Andersseins, die mit einer kastenähnlichen Segregation verbunden ist. Das christliche Dogma über die Juden reflektierte nicht alltägliche soziale Reibungen, sondern folgte einer anderen Logik – der der Selbsterneuerung der Kirche und ihrer ökumenischen Vormachtstellung. Hier liegt der Grund für die relative Autonomie der »jüdischen Frage« in der sozialen, ökonomischen und kulturellen Erfahrung. Und aus diesem Grund ließ sich diese Frage relativ leicht aus dem Kontext des täglichen Lebens herauslösen und gegenüber der Prüfung durch die Alltagserfahrung immunisieren. Die christlichen »Gastgeber« erlebten die Juden konkret im täglichen gesellschaftlichen Umgang, gleichzeitig aber vor dem Hintergrund von Kategorien, die losgelöst von diesem Umgang definiert waren. Dieses zweite Merkmal der Juden war weder konstituierend, noch ergab es sich zwangsläufig aus dem ersten, es stand daher relativ problemlos – d. h. isoliert – für Handlungen zur Verfügung, die so gut wie keinen Zusammenhang mit der Alltagspraxis hatten. Im christlichen Dogma bildete sich ein Antisemitismus heraus, der »kaum einen Bezug zur realen gesellschaftlichen Situation der Juden hatte. Dieser Antisemitismus zeigte sich verblüffenderweise bei Menschen, die noch nie einem Juden begegnet waren, oder trat in Ländern auf, in denen es seit Jahrhunderten keine Juden gab«.9 Diese Form des Antisemitismus erwies sich als äußerst resistent und wirkte über die Zeit der geistigen Herrschaft der Kirche hinaus bis in das säkularisierte Weltbild. Das moderne Zeitalter erbte ein Bild »des Juden« schlechthin, das sich grundsätzlich von den jüdischen Männern und Frauen in der Nachbarschaft unterschied. Dem Judentum wurde von den säkularisierten Instanzen sozialer Integration eine Rolle zugewiesen, die Merkmale des alter ego des Christentums in sich aufnahm.
Das auffälligste und folgenreichste Merkmal des von der christlichen Kirche geförderten »Judenbildes« war die ihm innewohnende Widersprüchlichkeit. Es verknüpfte disparate, nicht in Einklang zu bringende Elemente. Die Inkohärenz des Bildes hatte mythische Dimension, die auf dämonische Kräfte hinzuweisen schien und die daher so faszinierend und abstoßend und zuallerst so furchteinflößend war. Im Bild des Juden kam der immerwährende Kampf der christlichen Kirche um die eigene Identität, den eigenen zeitlichen und räumlichen Ort zum Ausdruck. Das Judenbild war semantisch derart überladen, daß der typisierte Jude Eigenschaften vereinigte, die man sich sorgfältig getrennt wünschte. Er galt daher als natürlicher Feind aller Kräfte, die auf streng definierte, unüberwindbare Grenzlinien bedacht waren. Der typisierte Jude war »schleimig« (visqueux nach Sartre oder »slimy« – so Mary Douglas) – kompromittierte damit die Ordnung der Dinge und widersetzte sich ihr, war zugleich aber auch der Inbegriff dieses Widerstandes (die Wechselwirkung der universellen kulturellen Aktivität des Grenzziehens und der ebenfalls universellen Zuweisung des Schleimigen habe ich ausführlich im dritten Kapitel meines Buches »Culture as Praxis« erörtert). Der typisierte Jude erfüllte einen wichtigen Zweck. Er symbolisierte die grauenhaften Folgen der Grenzüberschreitung, die jedem drohten, der nicht an seinem Platz blieb und versuchte, bedingungsloser Loyalität oder eindeutiger Entscheidung auszuweichen; der Jude war Prototyp und Urbild von Nonkonformismus, Heterodoxie, Anomalität und Verirrung. Der typisierte Jude galt als sichtbarer Beweis für die wahnwitzige, unheimliche Vernunft des Abweichlerischen und diskreditierte von vornherein jeden Gegenentwurf zur kirchlich definierten, tradierten und praktizierten Ordnung. Der Jude war aus diesem Grunde der zuverlässigste Wächter dieser Ordnung. Der typisierte Jude trug eine Botschaft; jeder Versuch einer anderen Ordnung im Hier und Jetzt muß scheitern und wird nur Chaos und Untergang verursachen.
Die Produktion der jüdischen Inkongruenz ist ein Nebenprodukt der Selbstkonstitutierung und Selbstreproduktion der christlichen Kirche und meiner Ansicht nach ein Hauptgrund dafür, daß die Juden zu den »inneren Dämonen Europas« zu zählen sind (»Europe’s Inner Demons« ist der Titel der denkwürdigen Untersuchung von Norman Cohn über die Hexenverfolgung in Europa). Einer der wichtigsten Befunde Cohns (den viele andere Arbeiten zu diesem Thema nachdrücklich bestätigt haben) ist die auffällig geringe Korrelation zwischen der Intensität des Hexenwahns und entsprechend irrationaler Ängste einerseits und dem Fortschritt wissenschaftlichen Denkens und dem Vordringen der Rationalität im Alltagsleben andererseits. Das Gegenteil ist der Fall: Die explosionsartige Vermehrung modern-wissenschaftlicher Methoden und die Beschleunigung der Rationalisierung des Lebens in der Frühphase der Moderne ging einher mit dem grimmigsten und unbarmherzigsten Abschnitt in der Geschichte der Hexenverfolgung. Die Irrationalität des Hexenwahns und der Hexenverfolgung sollte keineswegs als retardierendes Element im Siegeszug der Vernunft aufgefaßt werden. Diese Irrationalität erklärt sich vielmehr aus Ängsten und Spannungen, die aus dem Zusammenbruch des ancien régime und dem Heraufdämmern der neuen Ordnung erwuchsen. Alte Sicherheiten schwanden, während sich neue noch nicht abzeichneten und überhaupt die Festigkeit der alten nie wieder erreichbar schien. Jahrhundertealte Separationslinien wurden mißachtet, sichere Distanz schrumpfte, Fremde tauchten auf und siedelten in unmittelbarer Nachbarschaft, Identitäten lösten sich auf und verloren ihre Gewißheit. Was von den alten Demarkationslinien übrig blieb, bedurfte erbitterter Verteidigung, neue Identitäten verlangten nach neuen Grenzziehungen – inzwischen aber unter den erschwerenden Bedingungen eines alles erfassenden und rasenden sozialen Wandels. Die Bekämpfung des »Schleims«, des archetypischen Feinds von Klarheit, Abgrenzung und Identität, war zur Erfüllung beider Aufgaben von größter Bedeutung. Daß dieser Kampf eine nie gekannte Grausamkeit erreichen sollte, lag daran, daß die Umbrüche und die damit verbundenen Aufgaben nie gekannte Dimensionen erreichten.
Es ist die These dieser Untersuchung, daß die prägnantesten Merkmale des Judenbildes aus der aktiven oder passiven, direkten oder verborgenen Verwicklung des typisierten Juden in das intensive Ringen der Moderne um Grenzziehung und Grenzerhaltung entstanden sind. Ich behaupte, daß der typisierte Jude historisch gesehen als universelle Viskosität in der westlichen Welt konstruiert wurde. Die Juden saßen auf ziemlich allen Barrikaden, die für die unterschiedlichen Konflikte in der Entwicklung der westlichen Gesellschaft aufgetürmt worden waren. Die Tatsache, daß der typisierte Jude auf so vielen verschiedenen Barrikaden gesichtet wurde, verstrickt in Konflikte unterschiedlichster Art, ließ seine Viskosität exorbitant erscheinen. Die Multi-Dimensionalität der jüdischen Unschärfe bildete eine zusätzliche kognitive Inkongruenz, die selbst mit der »Viskosität« in den einzelnen Grenzziehungskonflikten nicht mehr vollkommen faßbar war.
Rittlings auf den Barrikaden
Aus den oben erörterten Gründen kann man das Phänomen Antisemitismus nicht als Unterkategorie nationaler, religiöser oder kultureller Antagonismen auffassen. Der Antisemitismus hat auch nur wenig mit widerstreitenden ökonomischen Interessen zu tun (ein häufig anzutreffender Versuch, den Antisemitismus in moderne wirtschaftliche Verteilungskämpfe einzubetten, die man sich als Nullsummenspiel konkurrierender Interessengruppen vorstellt) – der Antisemitismus diente ausschließlich den selbstdefinitorischen und identitätsstiftenden Zielen seiner Propagandisten. Diesen ging es um Grenzziehung, nicht um den Grenzkonflikt. Jeder Ansatz, regionale/lokale und zufällige Faktorenkonstellationen als Ursachen heranzuziehen, greift daher zu kurz. Die Tatsache, daß der Antisemitismus für die verschiedenartigsten und voneinander völlig unabhängige Interessen und Anliegen eingespannt wurde, erklärt sich gerade aus seiner nicht an Raum und Zeit gebundenen Universalität. Er paßte sich den vielen örtlich begrenzten Konflikten gerade deshalb an, weil es keinerlei kausalen Zusammenhang gab. Die Einbindung des typisierten Juden in ungleichartige, zum Teil widersprüchliche, aber stets heftig umstrittene Fragen verschärfte die ihm eigentümliche Inkongruenz zusätzlich. In gleichem Maße wuchsen die vermeintliche Erklärungskraft und auch die dämonische Potenz dieses Judenbildes. Für keine andere soziale Gruppe traf zu, was Leo Pinsker 1882 über die Juden schrieb: »Für die Lebenden ist der Jude ein Toter; für die Einheimischen ein Fremder und ein Vagabund; für die Armen und Ausgebeuteten ein Millionär; für die Patrioten ein Heimatloser.«10 Oder wie es in moderner Version, im Kern unverändert, 1946 hieß: »Der Jude galt als Verkörperung all dessen, was man verabscheute und fürchtete. Er war der Träger des Bolschewismus und stand zugleich für den liberalen Geist der dekadenten westlichen Demokratie. Wirtschaftlich gesehen war er Kapitalist und Sozialist in einer Person. Man verunglimpfte ihn als trägen Pazifisten, und merkwürdigerweise galt er gleichzeitig als Anstifter zum Krieg.«11 Und W. D. Rubinstein schreibt über einen der vielen Aspekte der jüdischen Viskosität: Der gegen die jüdischen Unterschichten gerichtete Antisemitismus sei durch die Kombination mit »seiner auf die jüdische Elite zielenden Variante womöglich für die besondere Heftigkeit des europäischen Antisemitismus verantwortlich: Während andere Gruppen entweder als privilegiert oder unterprivilegiert stigmatisiert wurden, galten die Juden als beides zugleich.«12
Die prismatische Gruppe
Anna
uk von der Universität Lublin bezeichnet die Juden als »mobile Klasse«, »da sie gleichzeitig Emotionen hervorriefen, die normalerweise von den höheren sozialen Schichten auf die unteren Schichten und umgekehrt von den niedrigeren sozialen Straten auf höhere soziale Ränge gerichtet sind.«13 Anna Źuk hat das Aufeinanderprallen der Wahrnehmungsperspektiven im Polen des 18. Jahrhunderts eingehend untersucht und ist dabei auf ein allgemeines, den Antisemitismus erhellendes soziologisches Phänomen gestoßen. Im letzten Jahrhundert vor den Polnischen Teilungen dienten die Juden im Lande in erster Linie dem Adel und der Oberschicht. Sie übten eine Vielzahl äußerst ungeliebter öffentlicher Funktionen aus, die für die politische und ökonomische Vormachtstellung der adligen Großgrundbesitzer unerläßlich waren, etwa die Zinseintreibung oder den Vertrieb landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Die Juden fungierten als »Mittelsmänner« oder, sozio-psychologisch gesehen, als Abschirmung der eigentlichen Herren. Die Juden waren für diese Rolle besser geeignet als jede andere Gruppe, konnten sie doch keinesfalls hoffen, in den Genuß des mit dieser wichtigen Funktion normalerweise verbundenen sozialen Aufstiegs zu kommen. Da die soziale und politische Rivalität mit ihren Herren ausgeschlossen war, begnügten sich die Juden mit rein finanziellen Gegenleistungen. Die soziale und politische Minderwertigkeit gegenüber den Herren wurde auf diese Weise festgeschrieben. Die Herren behandelten die Juden mit sozialer Verachtung und kultureller Aversion wie alle der Unterschicht zugehörigen Diener. Das im Adel vorherrschende Bild der Juden unterschied sich nicht von den Stereotypen gegenüber sozial Unterprivilegierten. Ebenso wie die Bauern und das städtische Kleinbürgertum galten die Juden als unzivilisiert, schmutzig, dumm und geizig, Pöbel, den man sich am besten vom Leibe hielt. Da die ökonomische Funktion der Juden gewisse Berührungspunkte unumgänglich machte, mußte deren soziale Absonderung strikter sanktioniert und festgelegt sein als die anderer sozialer Klassen, deren Position unverrückbar feststand.
Der bäuerlichen und der städtischen Bevölkerung mußten die Juden in ganz anderem Licht erscheinen. Man darf nicht vergessen, daß die jüdischen Dienste gegenüber den Großgrundbesitzern und Ausbeutern der Landwirtschaft nicht nur ökonomischer Natur waren – sie bildeten einen Schutzschild des Adels und der Oberschicht gegen den Volkszorn. Statt die wahren Urheber zu treffen, entlud sich der Unwille auf die Mittelsmänner. Die Unterschichten betrachteten die Juden als den eigentlichen Feind, denn es waren diese, die ihnen als Ausbeuter entgegentraten. Unmittelbar kannte das Volk nur jüdische Unbarmherzigkeit. Aus dieser beschränkten Perspektive waren die Juden die Herrscher. Was Wunder, daß »die Juden, obwohl sozial ebenso unterprivilegiert wie ihre Angreifer, Zielscheibe der eigentlich auf die Oberschicht gerichteten Aggressionen wurden«. Die Juden gerieten in eine »Mittlerrolle, die sie als sichtbares Verbindungsglied in den Fokus der Aggression der ausgebeuteten sozialen Schichten rückte«.
Die Juden waren in zweifacher Weise in diese soziale Auseinandersetzung verstrickt – zunächst ein Phänomen ohne spezifisch jüdischen Bezug und per se nicht verantwortlich für die besonderen Merkmale der Judenphobie. Was die Besonderheit der jüdischen Position ausmachte, war, daß sie von zwei entgegengesetzten Seiten her zum Objekt eines Klassenantagonismus wurden. Für jedes der feindlichen Lager standen die jüdischen Mittelsmänner jenseits der Barrikade. Die Metapher von der prismatischen Gruppe trifft diesen Umstand besser als die der »mobilen Klasse«: Je nach Perspektive und sozialer Brechung der Wahrnehmung entstand ein doppeltes Judenbild: entweder rohe, unkultivierte und brutale Unterschicht oder skrupellose, hochmütige Obrigkeit.
uks Untersuchung beschränkt sich auf die Epoche bis unmittelbar vor Beginn der Modernisierung in Polen. Daher ist die Doppelung des Judenbildes, die sie so brillant herausarbeitete, nicht in allen weiteren historischen Konsequenzen erkennbar. Im vormodernen Ständestaat fand zwischen den Ständen Kommunikation praktisch nicht statt, so daß die beiden Perspektiven und die daraus hervorgehenden Stereotypen zunächst nicht zu jener inkongruenten, den modernen Antisemitismus kennzeichnenden Mixtur verschmelzen konnten. Da es keine Berührungspunkte zwischen den sozialen Klassen gab, führten die Antagonisten sozusagen einen »Privatkrieg« gegen die Juden, der – besonders im Fall der Unterschicht – von der Kirche in Dogmen eingebunden werden konnte, die den eigentlichen verschleierten. (Während der von Peter von Amiens im Rheinland angezettelten Massaker versuchten Landesväter und Bischöfe allerdings, »ihre Juden« gegen krasse Verleumdungen und ungerechtfertigten Zorn in Schutz zu nehmen.)
Erst mit dem Aufkommen der Moderne kollidierten die verschiedenen, logisch disparaten Erscheinungsbilder der (nicht zuletzt erst durch systematische Segregation) fremdartig gewordenen jüdischen Gruppe – und überlagerten einander allmählich. Die Moderne wies ja auch den Ideen eine ganz neue Aufgabe zu, denn der moderne Staat bedarf der ideologischen Mobilisierung, um funktional effizient zu sein; das betonte die Tendenz zur Uniformität und brachte ein »zivilisatorisches« und proselytisches Missionarsbewußtsein mit sich.14 Ehemalige Randgruppen sollten in engen geistigen Kontakt mit dem ideenerzeugenden Zentrum des Staatskörpers treten. Insgesamt führten diese neuen Entwicklungen zu einer engeren und intensiveren Kommunikation zwischen den Klassen und Schichten; traditionelle Formen der Klassenherrschaft wandelten sich und wurden als geistiger Führungsanspruch definiert: Kulturell verbreitet wurden insbesondere Ideen und Formeln, die auf politische Loyalität abzielten. Es war unvermeidlich, daß die je verschiedenen Bilder des Juden aufeinanderprallten. Hatte man bis dahin gar nicht bemerkt, wie widersprüchlich sie waren, erwies sich dies nun als Problem und Herausforderung. Charakteristisch für die schnell sich modernisierende Gesellschaft, galt es, auch dieses Problem zu »rationalisieren« und seine Widersprüchlichkeit aufzulösen. Es gab zwei Möglichkeiten: die überkommene und in sich inkongruente Bildwelt zu zerschlagen, oder die alte Inkongruenz neu und rational zu untermauern.
Tatsächlich sind beide Strategien im frühneuzeitlichen Europa nachzuweisen. Auf der einen Seite brandmarkte man die irrationale Statuszuweisung der Juden als Beispiel für die Absurdität der feudalen Ordnung und als Aberglauben, der den Sieg der Vernunft behindere. Die Andersartigkeit und Eigentümlichkeit der Juden wurde mit den zahllosen, vom ancient régime tolerierten Partikularismen auf eine Stufe gestellt, die die neue Ordnung hinwegfegen würde. Ein ursächlich kulturelles Problem, als lokale Absonderlichkeit gedeutet, sollte durch sorgfältige Aufklärung überwunden werden. Sobald die neu errungene Gleichheit vor dem Gesetz auch für Juden gelte, so prophezeiten viele, würden auch deren Andersartigkeit in nichts sich auflösen – die Juden als freie Individuen; ausgestattet mit allen bürgerlichen Rechten, würden ununterscheidbar in der kulturell und gesetzlich einheitlichen Gesellschaft aufgehen.
Die Moderne war andererseits jedoch von Prozessen begleitet, die in eine entgegengesetzte Richtung wiesen. Einerseits verfestigte sich das Stereotyp der jüdischen Inkongruenz und nahm das Stigma der jüdischen »Viskosität«, semantischer Ungreifbarkeit und Subversivität in einer sonst transparenten und sauberen Ordnung in sich auf, andererseits schien es sich den veränderten Umständen anzupassen und weitere, neue Inkongruenzen aufzusaugen; in neuer Dimension und ohne logische Querverbindungen entstand eine Inkongruenz auf höherer Ebene, gewissermaßen eine Meta-Inkongruenz. Mehr als jede andere Gruppe waren die Juden, eben wegen der ihnen in religiöser und sozialer Hinsicht zugewiesenen Viskosität, anfällig gegenüber den Auswirkungen von Spannungen und Antagonismen, wie sie in den sozialen Umwälzungen und vielfältigen Umbrüchen der Moderne auftraten. Für die meisten Mitglieder der Gesellschaft bedeutete die heraufziehende Moderne die Zerstörung alter Ordnung und Sicherheit. Und erneut sah man die Juden nahe dem Zentrum dieses destruktiven Prozesses. Ihr schneller sozialer Aufstieg und ihre als unheimlich empfundene Verwandlung schienen die Verkörperung der Zerstörungskraft der sich ankündigenden Moderne gegenüber allem Vertrauten, Gewohnten und Sicheren.
Jahrhundertelang hatten die Juden in der sicheren Distanz selbstgewählter oder aufgezwungener Ansiedlungen gelebt; plötzlich tauchten sie auf, kauften Grundstücke oder mieteten Häuser in einstmals rein christlichen Gegenden und wurden auf diese Weise Bestandteil des täglichen Lebens und Partner im diffusen Diskurs eines nicht mehr ritualisierten sozialen Umganges. Jahrhundertelang waren die Juden rein äußerlich zu identifizieren gewesen, sie trugen ihre Andersartigkeit gewissermaßen am Körper, im übertragenen wie im wörtlichen Sinne. Plötzlich kleideten sie sich wie alle anderen, nämlich nach sozialem Status und nicht mehr nach Kastenzugehörigkeit. Jahrhundertelang waren die Juden Parias, auf die noch die Geringsten unter den Christen voller Verachtung herabsehen durften. Plötzlich rückten die Parias in sozial einflußreiche, prestigeträchtige Positionen, sei es aufgrund intellektueller Fähigkeiten oder wegen ihres Geldes, dessen statusdefinierende, Stand und Herkunft auslöschende Kraft inzwischen akzeptiert war. Ohne Zweifel, das Schicksal der Juden verkörperte das ganze dramatische Ausmaß der sozialen Umwälzungen und zeigte plakativ die Erosion der alten Ordnung auf. Was von ewiger Dauer geschienen hatte, zerrann und löste sich auf. Wer empfand, daß die Welt aus den Fugen geriet, wer in seiner sozialen Existenz sich bedroht oder verdrängt fühlte, der hatte die Möglichkeit, die eigenen Ängste vor den stürmischen Zeiten auch rational als Folge der subversiven Inkongruenz der Juden zu erklären.
Die Juden gerieten auf diese Weise in den tiefgreifenden historischen Konflikt zwischen traditioneller, vormoderner Welt und sich anbahnender Moderne. Dieser Konflikt fand zunächst Ausdruck im offenen Widerstand der von Entwurzelung, Verarmung und sozialer Verdrängung bedrohten Klassen und Schichten gegenüber der neuen Ordnung, die als drohendes Chaos aufgefaßt wurde. Mit der Niederlage der ursprünglichen antimodernistischen Rebellion und dem nicht aufzuhaltenden Triumph der Moderne verschwand dieser Konflikt, schwelte latent jedoch unter der Oberfläche weiter: als Angst vor dem Nichts, als unstillbares Verlangen nach Sicherheit, in paranoiden Verschwörungstheorien ebenso wie in der hektischen Suche nach der immer schwerer faßbaren Identität. Eines Tages sollte die Moderne ihren Widersachern jene raffinierten Waffen in die Hand legen, die erst durch die Niederlage des antimodernistischen Widerstandes denkbar geworden waren. Die Ironie der Geschichte wollte es, daß antimodernistische Phobien Kanäle und Instrumente fanden, die allein die Moderne zu entwikkeln imstande war. Die inneren Dämonen Europas sollten schließlich mit den beispiellosen Errungenschaften der Moderne – technologisch hochentwickelten Produkten, wissenschaftlicher Methodik und zentralisierter Staatsmacht – ausgetrieben werden.
Die jüdische Inkongruenz war wie gemacht für diese historische Entwicklung, die selbst einzigartig inkongruent verlief. Die Juden waren Verkörperung der inneren Dämonen und blieben es, als der Exorzismus längst offiziell verboten und in die Unsichtbarkeit getaucht war. Immer wieder in der Neuzeit weckten die Juden Spannungen und Ängste, die von der Moderne für überwunden erklärt worden waren, dann jedoch beispiellos verstärkt und schließlich mit furchterregenden Instrumenten ausgerüstet wurden.
Moderne Dimensionen der Inkongruenz
Früh fungierten die reichen, aber verachteten Juden als natürliche Blitzableiter für Entladungen antimodernistischer Energien. Sie bezeichneten eben jene Zone, in der die anrüchige Macht des Geldes mit sozialer Verachtung und moralisch-ästhetischer Aversion zur Deckung kam. Die Gegner der Moderne, insbesondere in ihrer kapitalistischen Form, fanden hier einen idealen Fixpunkt. Der Kapitalismus brauchte nur mit den Juden in Zusammenhang gebracht zu werden, um als fremd, unnatürlich, gefährlich und moralisch abstoßend zu gelten. Und dieser Zusammenhang schien offensichtlich: Der Umgang mit Geld hatte lange im gesellschaftlichen Abseits gestanden und wurde allgemein als Wucher verurteilt und verachtet, solange die Juden in der Ausgrenzung des mittelalterlichen Ghettos lebten. Man wollte nicht an Zufall glauben, als sie sich in den Geschäftsstraßen der Metropolen niederließen und gleichzeitig finanzielle Macht unter dem klangvollen Namen Kapital in das vitale gesellschaftliche Zentrum rückte und zu sozialem Ansehen kam.
Die erste Auswirkung der Moderne auf die Lage der europäischen Juden war, daß diese zur wichtigsten Zielscheibe des antimodernistischen Widerstandes wurden. Die führenden Denker in den Anfängen des modernen Antisemitismus, Fourier, Proudhon, Toussenel, waren überzeugte Antimodernisten und stritten gegen die Macht des Geldes, gegen Kapitalismus, Technik und Industrialisierung. Die Vorstellung, die heraufziehende kapitalistische Gesellschaftsordnung könne aufgehalten werden, verband in der frühen Industriegesellschaft radikalen Antisemitismus und antikapitalische Tendenzen, um so die reale oder erträumte »natürliche« Ordnung wiederherzustellen, der die Geldbarone ein Ende zu bereiten drohten. In dieser Vorstellung verschmolzen die Juden mit der Macht des Geldes: Ein kausaler Zusammenhang wurde suggeriert und metaphorisch untermauert – von »geistiger Affinität« war die Rede oder, um einen von Max Weber häufig benutzten Begriff zu verwenden, von »Wahlverwandtschaft«. Widerstand gegen den Kapitalismus, der seinen Schatten auf Arbeitsethos und Unabhängigkeit des Handwerks warf, war leichter mobilisierbar, wenn dieser mit einem fremdartigen und als verwerflich geltenden Urheber identifizierbar war. Für Fourier und Toussenel repräsentierten die Juden alles, was am vorrückenden Kapitalismus und den sich ausbreitenden Metropolen hassenswert erschien. Ihre Haßtiraden gegen die Juden zielten in der Tat auf die furchteinflößende neue Gesellschaftsordnung. Proudhon bezeichnete die Juden »als Antiproduzenten von Natur aus, ganz im Gegensatz zum Bauern oder jedem ordentlichen Händler«.15
Die antimodernistische Version des Antisemitismus konnte (per definitionem) den Anschein von Rationalismus wahren und damit ihre Popularität, solange die Hoffnung berechtigt schien, die neue Ordnung könne verhindert und statt dessen ein kleinbürgerliches Utopia in Gestalt des verlorenen Paradieses errichtet werden. Diese Version des Antisemitismus hatte jedoch bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in dem Maße an Schubkraft verloren, in dem das Aufbegehren gegen die neue Zeit verpufft und die neue Ordnung als endgültig und unumkehrbar akzeptiert hatte werden müssen. Dieses Stereotyp der Verschmelzung von finanzieller Macht und jüdischem Charakter oder Geist, in der frühen kleinbürgerlich-konservativen, antimodernistischen Version des Antikapitalismus entwickelt, wurde gleichwohl von deren späteren Formen absorbiert und erschien dort in neuem Gewand. Zumeist im Verborgenen schwelend und nur gelegentlich an die Oberfläche dringend, war der Antisemitismus eine wichtige Strömung der antikapitalistischen Opposition und somit auch ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Geschichte des europäischen Sozialismus.
Es blieb Karl Marx, dem Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, vorbehalten, den antikapitalistischen Antisemitismus von einer rückwärts in eine vorwärts gewandte Anschauung zu verwandeln. (Neu an diesem Denken war, daß es sich die Überwindung und nicht die Fesselung der kapitalistischen Entwicklung zum Ziel setzte; es akzeptierte die Unumkehrbarkeit der kapitalistischen Umwälzungen und deren Dynamik; es sah eine bessere Gesellschaft von dem Moment an voraus, in dem kapitalistischer Fortschritt in allgemeinen und daher humanen Fortschritt umschlug.) In dieser modernisierten Version blieb der Antisemitismus der antikapitalistischen Opposition auch dann zugänglich, als jegliche Illusion zerstoben war, der Kapitalismus sei eine vorübergehende Krankheit, die geheilt oder ausgetrieben werden könne. Marx sah eine Wahlverwandtschaft zwischen dem »Geist des Judentums« und dem Geist das Kapitalismus als gegeben an, beide am Eigennutz orientiert und mit ausgeprägter Neigung zum Schacher und zur Habgier. Beide gelte es demzufolge zu überwinden, damit das menschliche Zusammenleben auf einer solideren und gesünderen Basis ruhen könne. Kapitalismus und Judentum erwarte ein gemeinsames Schicksal. Ihrem gemeinsamen Triumph werde der gemeinsame Untergang folgen, da keiner auf sich gestellt überlebensfähig sei. Um den einen zerstören zu können, müsse der andere zerstört werden; Emanzipation vom Kapitalismus als gleichzeitige Emanzipation vom Judentum und umgekehrt.
Die Tendenz, das Judentum ebenso mit finanziellem Einfluß wie mit den Übeln des Kapitalismus gleichzusetzen, war allen sozialistischen Bewegungen Europas immanent, wenn auch vielfach unter der Oberfläche. Antisemitische Verunglimpfungen aus den sozialdemokratischen Bewegungen Deutschlands und denen Österreich-Ungarns, den damals größten des europäischen Kontinentes, waren an der Tagesordnung. August Bebel, Mitbegründer der deutschen Arbeiterbewegung, zollte 1874 den radikal antisemitischen Lehren Karl Eugen Dührings größtes Lob – Anlaß für Friedrich Engels, diesem zwei Jahre später als Entgegnung ein ganzes Buch zu widmen; nicht, wie man denken könnte, um die Juden zu verteidigen, sondern weil er die Marxsche Autorität für die Belange der wachsenden Arbeiterbewegung stärken wollte. Nicht immer gelang es allerdings, die antijüdischen Ressentiments auf die ihnen zugedachte Funktion zu beschränken – nämlich die einer unausweichlichen, wenn auch zweitrangigen Variante antikapitalistischer Gesinnung; mitunter verkehrten sich die Prioritäten derart, daß der Kapitalismus zu einer Folgeerscheinung der jüdischen Bedrohung wurde. So lief in Frankreich fast die gesamte Gefolgschaft von August Blanqui, dem unbeugsamen Kämpfer im antikapitalistischen Feldzug, unter Führung seines engsten Vertrauten Ernest Granger von den Barrikaden der Pariser Kommune direkt zur aufstrebenden nationalsozialistischen Bewegung Frankreichs über. Erst mit dem Auftauchen der Nazibewegung spaltete und polarisierte sich diese populäre Opposition zum Kapitalismus, wobei die sozialistische Linie die erbitterte Gegnerschaft zum Antisemitismus als notwendiges Element im Kampf gegen den erstarkenden Faschismus aufgriff.
Während im westlichen Europa der hartnäckigste Widerstand gegen die neue industrielle Ordnung aus den Reihen der Kleinbürger in Stadt und Land kam, ruhte die antikapitalistische, antistädtische und antiliberale Einstellung im Osten auf einer gewichtigeren Basis. Wegen des fast ungebrochenen sozialen Einflusses und der politischen Vorherrschaft der begüterten Aristokratie rangierten die städtischen Berufe am untersten Ende der Prestigeskala und wurden mit einer Mischung aus Abscheu und Verachtung bedacht. Jeder Reichtum, der nicht auf Heirat oder landwirtschaftlichem Ertrag beruhte, galt dem Adel als unwürdig; selbst die Landwirtschaft und die damit verbundenen ökonomischen Aktivitäten wurden Verwaltern oder sozial und menschlich auf niederer Stufe stehenden Pächtern überlassen. Da die nationalen Eliten indifferent oder ablehnend gegenüber den Herausforderungen der Modernisierung blieben, waren die Juden – kulturelle Außenseiter – in ihrer Gesamtheit eine der wenigen Gruppen, die nicht dem lähmenden Einfluß der Wertvorstellungen des Adels unterlagen und die auf diese Weise von der industriell-technologischen und finanziellen Revolution profitieren konnten. Angesichts einer von Wertvorstellungen des Adels dominierten Welt mußte das Ablehnung hervorrufen. Joseph Marcus zeigt in seiner gründlichen Untersuchung der (für die Entwicklung im übrigen Osteuropa durchaus exemplarischen) Industrialisierung Polens im neunzehnten Jahrhundert, daß der Vormarsch der Industrialisierung von der polnischen Elite, die weithin Wertvorstellungen des Adels verhaftet war, als nationale Katastrophe aufgefaßt wurde.
Während jüdische Unternehmer den Eisenbahnbau vorantrieben, klagte J. Supinski, ein führender polnischer Nationalökonom, die ›Eisenbahn ist ein bodenloser Schlund, in dem gewaltige finanzielle Mittel verschwinden, ohne daß mehr davon übrig bleibt als ein Damm und die darauf entlangführenden Schienen‹. Als die Juden Fabriken bauten, warfen ihnen die Landbesitzer vor, die Landwirtschaft zu zerstören, der angeblich die Arbeitskräfte ausgingen. Als die Fabriken mit der Produktion begannen, zogen deren Besitzer nicht nur den Haß der polnischen Intelligenz und der gesellschaftlichen Elite auf sich – sie wurden auch belächelt, weil sie unbeschwertes Landleben, Libertinage und Unkonventionalität gegen die triste Atmosphäre der Fabrik eingetauscht hätten, die den Menschen zum Sklaven mache und schließlich zerstöre.
Es versteht sich, daß eine Gesellschaft, in der derartige Einstellungen vorherrschten, in der materielle Fragen als zweitrangig angesehen und Geldverdienen mit Verachtung gestraft wurde, nicht die unternehmerischen Qualitäten hervorbringen konnte, die in der kapitalistischen Industrialisierung gefordert waren. Es überrascht daher nicht, daß die einzige Unterstützung des industriellen Fortschritts in Polen von einheimischen Juden und ausländischen Siedlern ausging.
Die jüdische Bourgeoisie entwickelte sich außerdem zum wichtigsten Propagandisten des westlich geprägten Liberalismus. Demgegenüber betrachteten die polnische Aristokratie und katholisch-konservative Kreise diese politischen Ideen und den ›westlichen Materialismus‹ insgesamt als Gefahr für die polnische Tradition und den ›Nationalcharakter‹16
Als sich die polnischen Juden zum Erstaunen der Oberschicht in eine jüdische Bourgeoisie wandelten, wurde dies in mehrfacher Hinsicht als Bedrohung empfunden. Es entstand hier eine neue, auf Geld und Industrieproduktion gestützte soziale Kraft, die in Konkurrenz trat zur traditionellen auf Landbesitz und ererbtem Patronatentum beruhenden Macht. Die Juden symbolisierten außerdem das Auseinanderbrechen der bis dahin engen Verbindung von Prestige und Einfluß; die Knechte von einst, angesiedelt auf der untersten Stufe der Wertschätzung, schickten sich an, Machtpositionen zu besetzen, und führten ihre eigene, falsche soziale Stufenleiter ein. Für den Adel, auf Wahrung seiner nationalen Führungsstellung bedacht, stellte die aufkommende Industrialisierung eine doppelte Bedrohung dar. Das lag nicht nur an der Art der Bedrohung, sondern auch an dem, von dem sie ausging. In der wirtschaftlichen Initiative der Juden schien die direkte Gefahr für die Herrschaft des Adels mit der Unterminierung der gesamten sozialen Hierarchie, auf die sich diese Herrschaft stützte, verbunden. Es lag also nahe, die Juden selbst mit den Umwälzungen und der drohenden Instabilität zu identifizieren. Die Juden erschienen als heimtückische, destruktive Kraft, als Urheber von Chaos und Unruhe; als klebrige Substanz, die die Grenzlinie zwischen dem, was es zu scheiden galt, verschmierte, die die hierarchische Stufenleiter schlüpfrig machte, Festes aufweichte und alles, was heilig war, in den Strudel der Profanisierung zog.
Als die jüdischen Assimilationsbestrebungen in den verschiedenen Ländern allmählich an die Grenzen der gesellschaftlichen Absorptionsbereitschaft stießen, schwenkte die jüdische Bildungselite mehr und mehr zur Sozialkritik um und galt konservativem Denken daher bald als (von Natur aus) destabilisierendes Element. David Biale schreibt in seiner scharfsichtigen Analyse über den Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts: »Jüdische Liberale, Nationalisten und Revolutionäre waren sich damals trotz aller Kontroversen in einem einig: Die Gesellschaftsordnung in Europa benachteiligte die Juden. Daher sah man in der Veränderung der Gesellschaft oder in einer gewandelten Beziehung der Juden zu ihr die einzige Möglichkeit zur Verbesserung der jüdischen Situation in Europa… unter ›Normalität‹ verstand man nunmehr das soziale Experiment und utopische, nie zuvor praktizierte Ideale.«17
Die Affinität der Juden zum liberalen Erbe der Aufklärung verlieh der jüdischen »Viskosität« eine neue Dimension. Wie keine andere gesellschaftliche Gruppe hatten die Juden ein Interesse an der vom Liberalismus geforderten Staatsbürgerschaft. Hannah Arendt hat es prägnant formuliert: »Im Gegensatz zu allen anderen Gruppen wurden die Juden und ihre gesellschaftliche Position durch den politischen Körper bestimmt und definiert. Da dieser politische Körper jedoch keine eigenständige soziale Realität besaß, bewegten sich die Juden in einem sozialen Niemandsland.«18 Das gilt für die gesamte vormoderne europäische Geschichte; Juden waren Hofjuden* und, je nach Ausprägung der Feudalordnung, Eigentum und Schützlinge des Königs, der Fürsten oder Kriegsherrn. Der Status dieser Juden diente politischen Zwecken und war entsprechend abgesichert. Aus dem gleichen Grund waren sie von allen sozialen Verpflichtungen entbunden und standen außerhalb der sozialen Ordnung, so daß Loyalitätskonflikte durch Klassenzugehörigkeit nur sehr selten entstanden. Die Juden waren eine Verlängerung des Staates inmitten der Gesellschaft und existierten, sozial gesehen, exterritorial. Aus diesem Grunde waren sie im gespannten und konfliktreichen Umgang zwischen Untertanen und politisch Herrschenden ein willkommener Prellbock, an dem sich die ersten und härtesten Schläge entluden. Da ihr einziger Schutz der des Staates war, waren sie auf Gedeih und Verderb dem Wohlwollen des Herrschers ausgeliefert und standen königlicher Willkür oder Geldgier ohnmächtig gegenüber. Die Inkongruenz der jüdischen Lage – im Vakuum zwischen Staat und Gesellschaft – schlug sich in einer ebenso inkongruenten Reaktion auf die sozialen und politischen Verwerfungen der aufkommenden Moderne nieder. Das Durchbrechen der uralten Abhängigkeit von den politisch Herrschenden setzte eine unpolitische soziale Basis und damit politische Autonomie voraus. Der Liberalismus versprach dies, indem er die Emanzipation des Individuums betonte. Damit die Juden aber tatsächlich vom liberalen Gedankengut profitieren konnten, waren, wie bei Privilegien früher, politische Entscheidungen notwendig. Die Emanzipation vom Staat schien nur vom Staat selbst ausgehen zu können. Während andere gesellschaftliche Gruppen sich darauf konzentrierten, die eigene soziale Stellung vor übertriebener Einmischung des Staates zu sichern, waren mehr Rechte für die Juden undenkbar ohne einen Staat, der bereit war, die Machtmonopole und Privilegien des überkommenen Ständestaates niederzureißen. Den etablierten Eliten mußten die Juden daher wie eine Keimzelle der Zerstörung vorkommen – nicht allein wegen ihres schnellen gesellschaftlichen Aufstiegs, sondern weil dieser Aufstieg den Zusammenbruch der alten Sicherheit symbolisierte. P. G. J. Pulzer hat Zeugnisse der damaligen Stimmung gesammelt: »Die gefährlichste Waffe des Judaismus ist die Demokratie der Nichtjuden«; »Der Jude nutzt die Gedanken der Aufklärung und des Individualismus für sich aus, um das deutsche Sozialgefüge aus dessen Kern heraus zu sprengen. Er muß sich daher gesellschaftlichen Einfluß nicht mehr erschmeicheln, sondern hat den Deutschen eine Sozialtheorie aufgezwungen, die den Juden in eine gesellschaftliche Spitzenstellung katapultiert.«19 Auf der anderen Seite führten die Anstrengungen der Juden, politische Protektion zu erlangen, dazu, daß das selbstbewußte und auf die eigenen Fähigkeiten stolze Bürgertum die Juden im Lager der Feinde ihrer sozialen und politischen Emanzipation ausmachte. Es entstand ein »liberaler Ableger des Antisemitismus, der Juden und Oberschicht über einen Kamm schor und diese als eine antibürgerliche, auf finanziellem Interesse gegründete Koalition hinstellte«.20
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