Sadece Litres'te okuyun

Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.

Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 11

Yazı tipi:

IX.
Der Schweizer-Teich

Jedermann kennt das in der schönen Jahreszeit bläuliche, schillernde, im Winter weiße, runzelige Viereck, das man noch heute den Schweizer-Teich nennt.

Eine Allee von Linden, die ihre röthlichen Arme freudig in der Sonne ausstrecken, begränzt jedes Ufer des Teiches; diese Allee ist von Spaziergängern jedes Alters und jedes Rangs bevölkert, die sich an dem Schauspiel der Schlitten und der Schlittschuhläufer ergötzen.

Die Toiletten der Frauen bieten das glänzende Gemische des ein wenig beengenden Luxus vom alten Hof und der etwas launenhaften Ungezwungenheit der neuen Mode.

Die hohen Frisuren, die dunkeln Schleier, jugendliche Stirnen beschattend, die Stoffhüte in großer Mehrheit, die Pelzmäntel und die weiten Falten der seidenen Kleider bilden ein wunderliches Gemenge mit den orangefarbigen Röcken, den himmelblauen Ueberröcken, den gelben Livreen und den großen weißen Leviten.

Die blau und rothen Bedienten durchschneiden diese ganze Menge wie Klatschrosen und Kornblumen, die der Wind zwischen den Aehren oder auf dem Klee wogen läßt.

Zuweilen ward ein Schrei in der Versammlung hörbar; Saint-Georges, der kühne Schlittschuhläufer, hat einen so vollkommenen Kreis ausgeführt, daß ein Geometer, der denselben messen würde, keinen merklichen Fehler fände.

Während die Ufer des Teiches mit einer solchen Anzahl von Zuschauern bedeckt sind, daß sie durch die Berührung erwärmen und von fern aussehen, wie ein buntscheckiger Teppich, über dem ein Dunst schwebt, der des Hauches, dessen sich die Kälte bemächtigt, bietet der Teich selbst, zu einem dichten Eisspiegel geworden, den geschmücktesten und besonders beweglichsten Anblick.

Hier ist es ein Schlitten, den drei ungeheure Molosser, nach russischer Manier angespannt, über das Eis hinfliegen machen.

In eine Sammetdecke gekleidet, darauf Wappen gestickt, auf dem Kopf flatternde Federn, gleichen die Hunde jenen chimärischen Thieren in den Teufelsscenen von Callot ober den Hexenbildern von Goya.

Nachlässig in seinem Schlitten sitzend, der mit Tigerfellen ausgestopft ist, neigt sich ihr Gebieter, Herr von Lauzun, auf die Seite, um frei zu athmen, was er wahrscheinlich nicht vermöchte, wenn er dem Strome des Windes folgen würde.

Einzelne Schlitten von bescheidenem Aussehen suchen da und dort sich abzusondern. Eine ohne Zweifel der Kälte wegen verlarvte Dame fährt in einem dieser Schlitten, während ein schöner Schlittschuhläufer in weitem Sammtüberrock mit goldenen Schnüren und Litzen sich auf die Lehnen neigt, um dem Schlitten, den er zugleich antreibt und lenkt, einen rascheren Impuls zu geben.

Die Worte werden zwischen der verlarvten Dame und dem Schlittschuhläufer im Sammetüberrock im Bereiche des Hauches ausgetauscht, und Niemand könnte diese Rendezvous unter dem Himmelsgewölbe im Angesicht von ganz Versailles tadeln.

Was ist den Andern daran gelegen, was sie sagen, da man sie sieht? was ist ihnen daran gelegen, daß man sie sieht, da man sie nicht hört? Sie führen offenbar inmitten dieser ganzen Welt ein abgesondertes Leben; sie ziehen durch die Menge wie Wandervögel. Wohin gehen sie? Nach der unbekannten Welt, welche jede Seele sucht und die man das Glück nennt. Plötzlich entsteht unter diesen Sylphen, die mehr gleiten als gehen, eine große Bewegung, erhebt sich ein gewaltiger Tumult.

Es ist nämlich die Königin beim Schweizer-Teich erschienen, man hat sie erkannt und schickt sich an, ihr den Platz zu überlassen; doch durch ein Zeichen mit der Hand bedeutet sie Jedem, er möge bleiben. Der Ruf: es lebe die Königin! ertönt; die ertheilte Erlaubniß benützend bilden die fliegenden Schlittschuhläufer und die Schlitten, die man treibt, wie durch eine electrische Bewegung einen Kreis um die Stelle, wo die erhabene Fürstin angehalten hat.

Die allgemeine Aufmerksamkeit ist auf sie gerichtet.

Die Männer nähern sich durch geschickte Manöver; die Frauen machen sich mit einer ehrfurchtsvollen Wohlanständigkeit zurecht; Jeder findet ein Mittel, sich mit der Gruppe der Cavaliere und der hohen Officiere zu vermischen, welche der Königin ihre Huldigung darbringen.

Unter den Hauptpersonen, die das Publikum wahrgenommen hat, ist eine sehr bemerkenswerthe, die, statt dem allgemeinen Impuls zu folgen und der Königin entgegen zu kommen, sobald sie ihre Toilette und ihre Umgebung erkennt, ihren Schlitten verläßt und sich in eine Gegenallee wirft, wo sie mit den Leuten ihres Gefolges verschwindet.

Der Graf von Artois, den man unter der Zahl der leichtesten und zierlichsten Schlittschuhläufer gewahrte, durcheilte nicht zuletzt den Raum, der ihn von seiner Schwägerin trennte.

Er küßte ihr die Hand und flüsterte ihr zugleich zu:

»Sehen Sie, wie unser Bruder, Herr von Provence, uns aus dem Wege geht.«

So sprechend, deutete er mit dem Finger auf die Königliche Hoheit, die mit großen Schlitten in das mit Reif bedeckte Gehölz ging, um auf einem Umweg ihren Wagen aufzusuchen.

»Er will nicht, daß ich ihm Vorwürfe mache,« sagte die Königin.

»Oh! was die Vorwürfe betrifft, die er erwartet, so ist das meine Sache, und nicht darum fürchtet er Sie.«

»Seines Gewissens wegen also?« fragte die Königin mit ernstem Tone.

»Aus einem andern Grund, meine Schwester.«

»Warum denn?«

»Ich will es Ihnen sagen. Er hat erfahren, daß Herr von Suffren, der glorreiche Sieger, diesen Abend ankommen soll, und da die Nachricht wichtig ist, so will er Sie dieselbe nicht wissen lassen.«

Die Königin sah um sich her einige Neugierige, deren Ohren der Respect nicht so sehr entfernte, daß sie nicht die Worte ihres Schwagers hören konnten. »Herr von Taverney,« sagte sie, »haben Sie die Güte, für meinen Schlitten besorgt zu sein, und wenn Ihr Vater da ist, umarmen Sie ihn; ich gebe Ihnen für eine Viertelstunde Urlaub.«

Der junge Mann verbeugte sich und durchschritt die Menge, um den Befehl der Königin zu vollziehen.

Auch die Menge hatte begriffen, sie hat zuweilen wunderbare Instincte; sie erweiterte den Kreis, und die Königin und der Graf von Artois waren bequemer gestellt.

»Mein Bruder,« sagte nun die Königin, »ich bitte, erklären Sie mir, was mein Schwager dabei gewinnt, daß er mir die Ankunft des Herrn von Suffren nicht mittheilt?«

»Oh! meine Schwester, ist es denn möglich, daß Sie, Weib, Königin und Feindin, die Absicht dieser schlauen Politik nicht sogleich auffassen? Herr von Suffren kommt an, Niemand weiß es bei Hofe. Herr von Suffren ist der Held der indischen Meere und hat folglich auf einen prachtvollen Empfang in Versailles Anspruch zu machen. Herr von Suffren kommt also an. Dem König ist seine Ankunft unbekannt; der König vernachlässigt ihn, ohne es zu wissen, und folglich, ohne es zu wollen; Sie ebenso, meine Schwester. Während dieser Zeit empfängt Herr von Provence, der die Ankunft des Herrn von Suffren weiß, ganz im Gegentheil den siegreichen Seemann, lächelt ihm zu, schmeichelt ihm, macht Verse auf ihn und wird, indem er sich an den Helden Indiens anhängt, der Held Frankreichs.«

»Das ist klar,« sagte die Königin.

»Ich glaube wohl, bei Gott!«

»Sie vergessen nur einen Punkt, mein lieber Zeitungsmann.«

»Welchen?«

»Woher wissen Sie dieses ganze schöne Project unseres lieben Bruders und Schwagers?«

»Woher ich es weiß! Das ist ganz einfach! wie ich Alles weiß, was er thut. Da ich bemerkte, daß Herr von Provence es sich zur Aufgabe machte, Alles in Erfahrung zu bringen, was ich thue, so bezahle ich Leute, die mir Alles sagen, was er thut. Oh! das kann mir dereinst nützlich sein, meine Schwester, – und Ihnen auch.«

»Ich danke für Ihr Bündniß, mein Bruder; doch der König?«

»Oh! der König ist benachrichtigt.«

»Durch Sie?«

»Nein, durch seinen Marineminister, den ich zu ihm geschickt habe. Sie begreifen; dieß Alles geht mich Nichts an; ich bin zu leichtfertig, zu sehr Verschwender, zu tollköpfig, um mich um Dinge von dieser Wichtigkeit zu bekümmern.«

»Und der Marineminister wußte auch nichts von der Ankunft des Herrn von Suffren in Frankreich?«

»Ei! mein Gott, meine liebe Schwester, nicht wahr, Sie haben in den vierzehn Jahren, seit Sie Dauphine oder Königin von Frankreich sind, genug Minister kennen gelernt, um zu wissen, daß eine wichtige Sache diesen Herrn stets unbekannt ist? Nun denn! ich habe den unsern in Kenntniß gesetzt, und er ist enthusiasmirt.«

»Ich glaube es wohl.«

»Sie begreifen, meine Schwester, das ist ein Mensch, der mir sein Leben lang dankbar sein wird, und ich bedarf gerade seiner Dankbarkeit.«

»Wozu?«

»Um ein Anlehen zu negociren.«

»Oh!« rief die Königin lachend, »nun verderben Sie mir Ihre schöne Handlung.«

»Meine Schwester,« erwiderte der Graf von Artois mit ernster Miene, »Sie müssen Geld nöthig haben, und ich stelle, so wahr ich ein Sohn Frankreichs bin, die Hälfte der Summe, die ich erhalten werde, zu Ihrer Verfügung.«

»Oh! mein Bruder,« rief Marie Antoinette, »behalten Sie das Ganze; ich brauche, Gott sei Dank, in diesem Augenblicke nichts.«

»Teufel! warten Sie nicht so lange, um meine Zusage in Anspruch zu nehmen.«

»Warum dieß?«

»Weil ich, wenn Sie länger warten würden, nicht mehr im Stande sein dürfte, mein Versprechen zu halten.«

»Nun, in diesem Fall werde ich es auch so einrichten, daß ich irgend ein Staatsgeheimniß entdecke.«

»Meine Schwester, Sie bekommen kalt,« versetzte der Graf von Artois. »Ihre Wangen werden blau, das muß ich Ihnen sagen.«

»Hier kehrt Herr von Taverney mit meinem Schlitten zurück.« – »Dann bedürfen Sie meiner nicht mehr?« – »Nein.« – »So jagen Sie mich fort, ich bitte Sie.« – »Warum? Bilden Sie sich etwa ein, Sie beengen mich in irgend einer Hinsicht?« – »Nein; aber ich bedarf meiner Freiheit.« – »Gott befohlen also!« – »Auf Wiedersehen, theure Schwester.« – »Wann?« – »Diesen Abend.« – »Was ist denn diesen Abend?« – »Es ist noch Nichts, aber es wird Etwas sein.« – »Was denn?« – »Große Gesellschaft beim Spiel des Königs.« – »Warum dieß?« – »Weil der Herr Minister heute Abend Herrn von Suffren bringen wird.« – »Sehr gut. Heute Abend also.«

Bei diesen Worten grüßte der junge Prinz seine Schwägerin mit der ihm angeborenen anmuthsvollen Artigkeit und verschwand in der Menge.

Taverney Vater hatte seinem Sohne nachgeschaut, während er sich von der Königin entfernte, um sich mit dem Schlitten zu beschäftigen.

Bald aber war sein wachsamer Blick zu der Königin zurückgekehrt.

Das belebte Gespräch zwischen Marie Antoinette und ihrem Schwager bereitete ihm einige Unruhe, denn dieses Gespräch schnitt die seinem Sohn kurz zuvor von der Königin erwiesene Vertraulichkeit entzwei.

Er beschränkte sich auch darauf, daß er Philipp eine freundliche Geberde machte, als dieser vollends die zur Abfahrt des Schlittens unerläßlichen Vorbereitungen traf; und als der junge Mann nach der Vorschrift der Königin seinen Vater umarmen wollte, den er zehn Jahre nicht umarmt hatte, wies ihn dieser zurück und sagte:

»Später, später; komm nach Deinem Dienst heim, dann wollen wir plaudern.«

Philipp entfernte sich, und der Baron sah zu seiner Freude, daß der Graf von Artois von der Königin Abschied genommen hatte.

Diese stieg in den Schlitten und ließ Andrée mit sich einsteigen; als aber zwei große Heiducken erschienen, um den Schlitten anzutreiben, sagte sie:

»Nein, nein, ich will nicht auf diese Art fahren; laufen Sie nicht Schlittschuh, Herr von Taverney?«

»Verzeihen Sie, Madame,« erwiderte Philipp.

»Geben Sie dem Herrn Chevalier Schlittschuhe,« befahl die Königin,

Dann wandte sie sich zu ihm um und fügte bei:

»Ich weiß nicht, was mir sagt, Sie laufen so gut Schlittschuh als Saint-Georges.«

»Früher schon lief Philipp sehr zierlich,« sagte Andrée.

»Und nun kennen Sie keinen Nebenbuhler mehr, nicht wahr, Herr von Taverney?«

»Madame,« antwortete Philipp, »da Eure Majestät dieses Zutrauen zu mir hat, so werde ich thun, was ich nur immer vermag.«

So sprechend, hatte sich Philipp schon mit Schlittschuhen, so scharf und einschneidend, wie Klingen, versehen.

Er stellte sich hierauf hinter den Schlitten, gab ihm mit einer Hand den Impuls und die Fahrt begann.

Man sah nun ein seltsames Schauspiel.

Saint-Georges, der König der Gymnasten, Saint-Georges, der zierliche Mulatte, der Mann der Mode, der in allen Leibesübungen Ausgezeichnete, Samt-Georges erhielt einen Nebenbuhler in dem jungen Mann, der es wagte, sich neben ihm auf die Laufbahn zu werfen.

Augenblicklich umschwebte er auch den Schlitten der Königin mit so ehrerbietigen, so reizenden Verbeugungen, daß nie ein auf dem Boden von Versailles sehr fester Höfling sich so verführerisch angestellt hatte. Er beschrieb um den Schlitten die raschesten und richtigsten Kreise; er umschlang ihn mit einer Reihe von wunderbar verschlungenen Ringen, so daß die neue krumme Linie immer der Ankunft des Schlittens zuvorkam, der ihn hinter sich ließ, worauf er mit einem kräftigen Schlittschuhstoß Alles wieder gewann, was er durch den Umkreis verloren hatte.

Keiner konnte, auch nur mit dem Blick, ohne betäubt und geblendet zu werden, diesem Manöver folgen.

Hierdurch angespornt, faßte Philipp einen verwegenen Entschluß; er trieb den Schlitten mit einer so furchtbaren Geschwindigkeit an, daß Saint-Georges, statt sich vor ihm zu befinden, seinen Kreis hinter ihm vollendete, und als die Schnelligkeit des Schlittens vielen Leuten Angstschreie auspreßte, welche die Königin hätten erschrecken können, sagte er:

»Wenn Eure Majestät es wünscht, werde ich anhalten oder wenigstens langsamer fahren.«

»Oh! nein, nein,« rief die Königin mit dem Ungestüm, mit dem sie bei der Arbeit, wie bei dem Vergnügen zu Werke ging, »nein, ich habe keine Angst. Schneller, wenn Sie können, Chevalier, schneller!«

»Oh! desto besser! Ich danke für die Erlaubniß, Madame. Ich halte Sie gut, verlassen Sie sich auf mich.«

Und als seine kräftige Hand sich abermals am Triangel der Lehne befestigte, war die Bewegung so gewaltig, daß der ganze Schlitten zitterte.

Es war als hätte er ihn mit ausgestrecktem Arm aufgehoben.

Dann legte er seine zweite Hand an den Schlitten, was er bis jetzt zu thun verachtet hatte, und riß die Maschine fort, die ein Spielzeug unter seinen stählernen Armen geworden war.

Von diesem Augenblick an kreuzte er jeden der Kreise von Saint-Georges durch noch größere Kreise, so daß sich der Schlitten wie der geschmeidigste Mensch bewegte und sich seiner ganzen Länge nach hin und her drehte, als handelte es sich um die einfachen Sohlen, auf denen Saint-Georges das Eis bearbeitete. Trotz des Gewichts, trotz der Ausdehnung, hatte sich der Schlitten der Königin zum Schlittschuh gemacht. Er drehte sich, er flog, er wirbelte wie ein Tänzer.

Anmuthiger, feiner, pünktlicher in seinen Wendungen, fing Saint-Georges an, unruhig zu werden; er lief schon seit einer Stunde Schlittschuh. Als ihn Philipp ganz in Schweiß gebadet sah, als er die Anstrengungen seiner bebenden Kniebeugungen wahrnahm, beschloß er, ihn durch die Ermattung niederzukämpfen.

Er veränderte den Lauf, verzichtete auf die Kreise, die ihm die Mühe machten, den Schlitten jedesmal aufzuheben, und trieb die Equipage gerade aus.

Der Schlitten schoß rascher als ein Pfeil fort.

Saint-Georges hätte ihn mit einem einzigen Stoße bald eingeholt, aber Philipp ergriff den Augenblick, wo der zweite Impuls den Schwung des ersten vervielfältigt; er trieb auf eine noch unberührte Eislage und zwar von solcher Starrheit, daß er selbst zurückblieb.

Samt-Georges rannte fort, um den Schlitten einzuholen. Aber alle seine Kräfte zusammenraffend, glitt Philipp so fein auf der äußersten Krümmung des Schlittschuhs, daß er Saint-Georges voranfuhr und seine beiden Hände auf den Schlitten legte. Mit einer herculischen Bewegung drehte er hierauf den Schlitten völlig um und trieb ihn abermals in entgegengesetzter Richtung an, wahrend Saint-Georges, durch eine äußerste Anstrengung fortgerissen, im Laufe nicht anhalten konnte und, einen unwiederbringlichen Raum verlierend, ganz in der Entfernung blieb.

Die Luft erscholl von einem solchen Beifallsgeschrei, daß Philipp vor Scham erröthete.

Er war jedoch sehr erstaunt, als die Königin, nachdem sie selbst in die Hände geklatscht hatte, sich gegen ihn umwandte und mit dem Ausdruck einer wollüstigen Beklemmung zu ihm sagte:

»Oh! Herr von Taverney, nun, da der Sieg Ihnen geblieben ist, Gnade! Gnade! Sie würden mich tödten!«

X.
Der Versucher

Auf diesen Befehl oder vielmehr auf diese Bitte der Königin zog Philipp seine stählernen Muskeln zusammen, klammerte sich auf seinen Kniebeugen fest, und der Schlitten hielt kurz an, wie das arabische Pferd, das im Sande der Ebene auf seinen Häcksen bebt.

»Und nun ruhen Sie aus,« sagte die Königin, während sie ganz schwankend aus dem Schlitten stieg. »Ich hätte in der That nie geglaubt, daß die Geschwindigkeit so berauschend ist. Sie hätten mich beinahe toll gemacht.«

Und sie stützte sich wirklich ganz wankend auf Philipps Arm.

Ein Beben des Erstaunens, das diese ganze goldbetreßte, buntscheckige Menge durchlief, verkündigte ihr, daß sie abermals einen jener Fehler gegen die Etikette begangen hatte, die in den Augen der Eifersucht und des Knechtsinnes so unverzeihlich sind.

Ganz betäubt durch dieses Uebermaß von Ehre zitterte Philipp stärker und war beschämter, als wenn seine Fürstin ihn öffentlich beleidigt hätte.

Er schlug die Augen nieder; sein Herz pochte, daß die Brust beinahe zersprungen wäre.

Eine seltsame Aufregung, ohne Zweifel von ihrer Fahrt herrührend, erfaßte auch die Königin, denn sie zog ihren Arm sogleich wieder zurück, nahm den des Fräuleins von Taverney und forderte einen Stuhl.

Man brachte ihr einen kleinen Feldstuhl.

»Verzeihen Sie, Herr von Taverney,« sagte sie zu Philipp.

Dann fügte sie plötzlich leise bei:

»Mein Gott! es ist doch ein großes Unglück, unablässig von Neugierigen und Einfaltspinseln umgeben zu sein.«

Die gewöhnlichen Kavaliere und die Ehrendamen hatten ihre Nähe wieder erreicht, und verschlangen mit ihren Augen Philipp, der, um seine Röthe zu verbergen, seine Schlittschuhe aufschnürte.

Nachdem dieß geschehen war, wich Philipp zurück, um den Höflingen den Platz zu überlassen.

Die Königin blieb einige Augenblicke nachdenklich. Dann erhob sie das Haupt und sprach:

»Oh! ich fühle, daß ich mich erkälten würde, wenn ich so unbeweglich bliebe; noch eine Fahrt.«

Und sie stieg wieder in den Schlitten.

Philipp wartete auf einen Befehl, aber vergebens.

Da traten zwanzig Edelleute heran.

»Nein, meine Herren, ich danke Ihnen; meine Heiducken,« sagte sie.

Dann, als die Bedienten an ihren Posten waren, sprach sie zu diesen:

»Sachte, nur sachte.«

Und sie schloß die Augen und überließ sich einer inneren Träumerei.

Der Schlitten entfernte sich, wie es die Königin befohlen hatte, sachte, gefolgt von einer Menge von Gierigen, Neugierigen und Eifersüchtigen.

Philipp blieb allein und wischte die Schweißtropfen von seiner Stirne.

Er suchte mit den Augen Saint-Georges, um ihn über seine Niederlage durch irgend ein redliches Compliment zu trösten.

Doch dieser hatte eine Botschaft vom Herzog von Orléans, seinem Protector, erhalten und war schon vom Schlachtfeld abgegangen.

Ein wenig traurig, ein wenig müde und beinahe selbst erschrocken über das Vorgefallene, blieb Philipp unbeweglich an seinem Platz und schaute dem Schlitten der Königin nach, als er etwas seine Seite streifen fühlte.

Er wandte sich um und erkannte seinen Vater.

Ganz zusammengeschrumpft wie eine Hoffmann'sche Figur, ganz in Pelze gehüllt wie ein Samojede, hatte der kleine Greis seinen Sohn mit dem Ellenbogen gestoßen, um die Hände nicht aus seinem Muff thun zu müssen, den er an seinem Kragen trug.

Seine Augen blitzten vor Freude.

»Du umarmst mich nicht, mein Sohn?« sagte er.

Er sprach diese Worte mit dem Ton, den der Vater des griechischen Athleten annehmen mußte, wenn er dem Sohn für den Sieg dankte, den er im Circus davongetragen.

»Mein lieber Vater, von ganzem Herzen,« erwiderte Philipp.

Aber es ließ sich begreifen, daß keine Harmonie zwischen dem Ton der Worte und ihrer Bedeutung herrschte.

»Gut, gut, und nun, da Du mich umarmt hast, geh geschwind!« sagte der Baron.

Und er schob seinen Sohn vorwärts.

»Wohin soll ich denn gehen, mein Herr?« fragte Philipp.

»Dorthin, bei Gott.«

»Dorthin?«

»Ja, zur Königin.«

»Oh! nein! mein Vater, ich danke.«

»Wie, nein! Wie, ich danke! Bist Du verrückt? Du willst nicht die Königin wieder einholen?«

»Nein, das ist unmöglich; es kann nicht Ihr Ernst sein, mein Vater.«

»Wie! unmöglich, die Königin einzuholen, die Dich erwartet?«

»Die mich erwartet?«

»Ja, ja, die Königin, die nach Dir begehrt?«

»Die nach mir begehrt?« sprach Taverney, den Baron starr anschauend.

Und er fügte kalt bei:

»In der That, mein Vater, ich glaube, Sie vergessen sich.«

»Bei meinem Ehrenwort, das ist zum Erstaunen!« rief der Greis, indem er sich aufrichtete und mit dem Fuß stampfte. »Ah! Philipp, mache mir das Vergnügen, und sage mir ein wenig, ob Du verrückt bist?«

»Mein Herr,« erwiderte der Chevalier traurig, »wahrlich, ich fürchte eine Gewißheit zu erlangen.«

»Welche?«

»Daß Sie meiner spotten, oder daß…«

»Oder daß?«

»Verzeihen Sie, mein Vater, – daß Sie närrisch werden.«

Der Greis packte seinen Sohn mit einer so energischen, nervösen Bewegung beim Arme, daß der junge Mann vor Schmerz die Stirne faltete.

»Hören Sie, Herr Philipp,« sagte der Greis, »ich weiß wohl, America ist ein von Frankreich sehr weit entferntes Land.«

»Ja, mein Vater, weit entfernt,« wiederholte Philipp; »aber ich begreife nicht, was Sie damit sagen wollen. Ich bitte, erklären Sie sich doch.«

»Ein Land, wo es weder einen König noch eine Königin gibt.«

»Noch Unterthanen.«

»Sehr gut! Auch keine Unterthanen, Herr Philosoph; ich leugne das nicht. Dieser Punkt interessirt mich keineswegs und ist mir sehr gleichgültig; was mir aber nicht gleichgültig ist, was mich peinigt, was mich demüthigt, ist, daß ich auch eine Gewißheit zu erlange fürchte.«

»Welche, mein Vater? Ich denke, daß in jedem Fall unsere Gewißheiten sehr von einander verschieden sind.«

»Die meinige ist die, daß Du ein Einfaltspinsel bist, mein Sohn. Und das ist einem großen Burschen von Deinem Körperbau nicht erlaubt. Aber sieh, sieh doch dorthin!«

»Ich sehe, mein Herr.«

»Nun! die Königin wendet sich um, und zwar zum dritten Mal. Ja, mein Herr, die Königin hat sich dreimal umgedreht. Und schau doch! sie dreht sich abermals um; sie sucht wen? den Herrn Einfaltspinsel, den Herrn Puritaner, den Herrn von America. Oh!…«

Und der kleine Greis biß, nicht mehr mit den Zähnen, sondern mit dem Zahnfleisch, auf den grauen hirschledernen Handschuh, der zwei Hände, wie die seinige, aufgenommen hätte.

»Wohl, mein Herr,« sprach der junge Mann, »wenn es wahr wäre, was aber nicht wahrscheinlich ist, daß die Königin mich suchte?«

»Oh!« rief der Greis, mit dem Fuß stampfend, »er hat gesagt, wenn es wahr wäre! Oh! dieser Mensch ist nicht von meinem Blut, dieser Mensch ist kein Taverney.«

»Ich bin nicht von Ihrem Blut!« murmelte Philipp.

Dann sprach er ganz leise und die Augen zum Himmel erhoben:

»Soll ich Gott dafür danken?«

»Mein Herr,« rief der Greis, »ich sage Ihnen, daß die Königin nach Ihnen verlangt; ich sage Ihnen, daß die Königin Sie sucht.«

»Sie haben ein gutes Gesicht, mein Vater,« erwiderte Philipp trocken.

»Höre,« fuhr der Greis sanfter fort, indem er seine Ungeduld zu mäßigen suchte, »laß mich Dir etwas erklären. Es ist wahr, Du hast Deine Gründe, aber ich, ich habe die Erfahrung. Sprich, Philipp, bist Du ein Mann, oder bist Du keiner?«

Philipp zuckte leicht die Achseln und erwiderte nichts.

Als der Greis sah, daß er vergebens auf eine Antwort wartete, heftete er seine Augen, mehr aus Verachtung als aus Bedürfnis, auf seinen Sohn, und gewahrte nun die ganze Würde, die ganze undurchdringliche Zurückhaltung, den ganzen unerklärlichen Willen, womit dieses Gesicht, leider! für das Gute bewaffnet war.

Er unterdrückte seinen Schmerz, strich sich mit dem Aermel über seine rothe Nasenspitze und sagte mit einer Stimme, so süß wie die von Orpheus, als er zu den thessalischen Felsen sprach:

»Philipp, mein Freund, höre mich.«

»Ei!« erwiderte der junge Mann, »mir scheint, ich thue seit einer Viertelstunde nichts Anderes, mein Vater.«

»Oh!« dachte der Greis, »ich will Dich von Deiner Höhe herabfallen machen, Herr Americaner, Du hast wohl Deine schwache Seite, Koloß. Laß mich diese Seite mit meinen alten Klauen packen, und Du sollst sehen.«

Dann sprach er laut:

»Du hast Eines nicht bemerkt.«

»Was?«

»Etwas, was Deiner Naivetät Ehre macht.«

»Sagen Sie es, mein Herr.«

»Es ist ganz einfach: Du kommst von America. Du bist in einem Augenblick abgereist, wo es nur noch einen König gab, und keine Königin mehr, außer etwa die Dubarry, eine nicht sehr achtbare Majestät; Du kommst zurück. Du siehst eine Königin, und sagst zu Dir: Achten wir sie.«

»Allerdings.«

»Armes Kind!« rief der Greis.

Und er erstickte in seinem Aermel zugleich einen Husten und ein Gelächter.

»Wie!« fragte Philipp, »Sie beklagen mich, weil ich das Königthum achte, Sie, ein Taverney Maison-Rouge, Sie, einer der guten Edelleute Frankreichs?«

»Warte doch, ich spreche nicht vom Königthum, ich spreche von der Königin.«

»Und Sie machen einen Unterschied?«

»Bei Gott! Was ist das Königthum, mein Lieber? eine Krone. Teufel! das rührt man nicht an! Was ist die Königin? eine Frau. Oh! eine Frau, das ist etwas Anderes, das rührt man an.«

»Das rührt man an!« rief Philipp erröthend vor Zorn und dieses Wort mit einer so stolzen Geberde begleitend, daß ihn keine Frau hätte sehen können ohne ihn zu lieben, keine Königin ohne ihn anzubeten.

»Du glaubst das nicht? Nun!« fuhr der kleine Greis mit einem beinahe grimmigen Ausdruck fort, so viel Cynismus legte er in das Lächeln, das zugleich auf seinem Gesichte hervortrat, »nun! so frage Herrn von Coigny, frage Herrn von Lauzun, frage Herrn von Vaudreuil.«

»Stille, stille, mein Vater,« rief Philipp mit dumpfem Tone, »oder ich werde für diese drei Blasphemien, da ich Sie nicht dreimal mit meinem Schwerte dafür schlagen kann, mich selbst schlagen, das schwöre ich Ihnen, und zwar ohne Mitleid, auf der Stelle!«

Taverney machte einen Schritt rückwärts, und drehte sich auf dem Absatz um, wie es Richelieu seinen Aermel schüttelnd mit dreißig Jahren gethan hätte.

»Oh! wahrhaftig,« sagte er, »das Thier ist dumm, das Pferd ist ein Esel, der Adler eine Gans, der Hahn ein Kapaun. Guten Abend, Du hast mich ergötzt. Ich hielt mich für den Ahnherrn, für den Kassander, und nun bin ich der Adonis, der Apollo. Guten Abend.«

Und er pirouettirte noch einmal auf seinen Absätzen.

Philipp war düster geworden; er hielt den Greis bei der halben Wendung an und sagte:

»Nicht wahr, mein Vater, Sie haben nicht im Ernste gesprochen? denn ein Edelmann von so gutem Geschlecht wie Sie kann unmöglich solchen Verläumdungen, die von den Feinden, nicht nur der Königin, sondern auch des Königthums, ausgestreut worden sind, länger Glauben beimessen.«

»Er zweifelt noch, der doppelte Dummkopf,« rief Taverney.

»Sie haben nicht mit mir gesprochen, wie Sie vor Gott sprechen?«

»Wahrhaftig!«

»Vor Gott, dem Sie sich jeden Tag nähern?«

Der junge Mann hatte das von ihm so verächtlich abgebrochene Gespräch wieder aufgenommen.

Das war ein Sieg für den Baron. Er trat näher zu ihm und sagte:

»Mir scheint, ich bin ein ziemlich guter Edelmann, mein Herr Sohn, und ich lüge nicht immer!«

Dieses immer war ein wenig lächerlich, Philipp lachte jedoch nicht.

»Mein Herr,« sprach er, »es ist also Ihre Meinung, die Königin habe Liebhaber gehabt?«

»Eine schöne Neuigkeit.«

»Diejenigen, welche Sie angeführt?«

»Und Andere, was weiß ich? Befrage die Stadt und den Hof; man muß von America zurückkommen, um nicht zu wissen, was man sagt.«

»Und wer sagt das? gemeine Pamphletisten!«

»Ho! ho! hältst Du mich etwa für einen Zeitungsschreiber?«

»Nein! und das ist gerade das Unglück, daß Menschen wie Sie dergleichen Schändlichkeiten wiederholen, die sich sonst wie die schädlichen Dünste auflösen würden, welche zuweilen die schönste Sonne verdunkeln. Sie und die Leute von Stand geben solchen Schmähungen, indem Sie dieselben wiederholen, eine erschreckliche Haltbarkeit! Oh! mein Herr, aus Religion wiederholen Sie dergleichen Dinge nicht.«

»Ich wiederhole sie dennoch.«

»Und warum thun Sie das?«

»Ei!« erwiderte der Greis, indem er sich am Arm seines Sohnes anklammerte und ihn mit seinem dämonischen Gelächter anschaute, »um Dir zu beweisen, daß ich nicht Unrecht hatte, wenn ich zu Dir sagte: Philipp, die Königin wendet sich um; Philipp, die Königin sucht Dich; Philipp, die Königin begehrt nach Dir; Philipp, lauf, lauf, die Königin wartet auf Dich.«

»Oh!« rief der junge Mann, sein Gesicht in seinen Händen verbergend, »um Gottes willen, mein Vater, schweigen Sie, Sie würden mich wahnsinnig machen.«

»In der That, Philipp, ich begreife Dich nicht,« sagte der Greis. »Ist es ein Verbrechen zu lieben? Das beweist, daß man Herz hat; und fühlt man nicht in den Augen dieser Frau, in ihrer Stimme, ihrem Benehmen ihr Herz? Sie liebt; liebt sie Dich? ich weiß es nicht; einen Andern, es ist möglich; glaube aber in diesem Augenblick meiner alten Erfahrung, sie liebt oder fängt an, Einen zu lieben, sage ich Dir, doch Du bist ein Philosoph, ein Puritaner, ein Quäker, ein Americaner; Du liebst nicht, laß sie also schauen, laß sie sich umwenden, laß sie warten, beleidige sie, verachte sie, stoße sie zurück, Philipp, das heißt Joseph von Taverney.«

Nach diesen Worten, die er mit einer derben Ironie betonte, entfloh der Greis, da er sah, welche Wirkung er hervorgebracht, wie der Versucher, nachdem er den ersten Rath zum Verbrechen gegeben.

Philipp blieb mit betäubtem Herzen und pochendem Hirne allein; er dachte nicht mehr daran, daß er seit einer halben Stunde an dieselbe Stelle gefesselt gewesen war, daß die Königin ihre Spazierfahrt beendigt hatte, daß sie zurückkam, daß sie ihn anschaute und ihm, aus ihrem Gefolge heraus, im Vorüberfahren zurief:

»Sie müssen nun ausgeruht haben, Herr von Taverney! Kommen Sie doch, nur Sie allein vermögen eine Königin königlich spazieren zu führen. Treten sie auf die Seite, meine Herren.«

Philipp lief geblendet, betäubt, trunken auf sie zu.

Indem er die Hand auf die Lehne des Schlittens legte, war es ihm als brenne er; die Königin war nachlässig auf ihrem Sitze zurückgeworfen; die Finger des jungen Mannes hatten Marie Antoinette's schöne Hände gestreift.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
04 aralık 2019
Hacim:
1015 s. 9 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain