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Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 15

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XVI.
Mesmer und Saint-Martin

Es gab eine Zeit, wo Paris ganz geschäftslos und voll Muße in Leidenschaft für Fragen glühte, welche in unsern Tagen das Monopol der Reichen sind, die man die Unnützen, und der Gelehrten, die man die Faullenzer nennt.

Im Jahre 1782, das heißt in der Zeit, zu der wir gelangt sind, war die Modefrage, die Frage, die obenauf schwamm, die in der Luft schwebte, die in allen ein wenig erhabenen Köpfen festhielt, wie die Dünste an den Bergen, der Mesmerismus, eine mystische Wissenschaft, schlecht definirt durch ihre Erfinder, die, da sie das Bedürfniß nicht fühlten, eine Entdeckung schon bei ihrer Geburt volksthümlich zu machen, diese den Namen eines Mannes, das heißt, einen aristokratischen Titel annehmen ließen, statt eines von den aus dem Griechischen geschöpften wissenschaftlichen Namen, mit deren Hilfe die schamhafte Bescheidenheit der modernen Gelehrten heut zu Tage jedes scientivische Element verallgemeinert.

Wozu sollte es in der That im Jahre 1784 nützen, eine Wissenschaft zu democratisiren? Das Volk, das seit mehr als anderthalb Jahrhunderten von denen, die es regierten, nicht zu Rathe gezogen worden war, zählte es für Etwas im Staat? nein: das Volk war die fruchtbare Erde, die da einbrachte, es war die reiche Ernte, die man schnitt, der Herr der Erde aber war der König, und die Schnitter waren der Adel.

Heute hat sich Alles geändert: Frankreich gleicht einer uralten Sanduhr; neunhundert Jahre hat sie die Stunde des Königthums angegeben; die mächtige Hand des Herrn hat sie umgedreht; Jahrhunderte hindurch wird sie die Aera des Volks bezeichnen.

Im Jahre 1784 war also der Name eines Mannes eine Empfehlung. Heute würde im Gegentheil der höhere Werth einem von Dingen herrührenden Manne zuerkannt werden.

Doch lassen wir heute, um den Blick auf gestern zu werfen. Was ist bei der Rechnung der Ewigkeit diese Entfernung von einem halben Jahrhundert? nicht einmal so groß wie die zwischen dem gestrigen Tage und dem morgigen bestehende.

Der Doctor Mesmer war in Paris, wie Marie Antoinette selbst, da sie den König um Erlaubniß bat, ihm einen Besuch zu machen, uns mitgetheilt hat. Man erlaube uns also, ein paar Worte über Doctor Mesmer zu sagen, dessen Name, heute nur noch im Gedächtniß einer kleinen Anzahl von Adepten, in der Zeit, die wir zu schildern versuchen, in Aller Mund war.

Der Doctor Mesmer hatte im Jahre 1777 aus Deutschland, diesem Land der nebeligen Träume, eine ganz von Wolken und Blitzen angeschwollene Wissenschaft gebracht. Beim Schimmer dieser Blitze sah der Gelehrte nichts, als die Wolken, die über seinem Kopfe ein düsteres Gewölbe bildeten; der große Haufen sah nur die Blitze.

Mesmer war in Deutschland zuerst mit einer These über den Einfluß der Planeten aufgetreten. Er hatte zu begründen gesucht, die Himmelskörper üben mittelst der Kraft, die ihre gegenseitige Anziehung hervorbringt, einen Einfluß auf die belebten Körper und besonders auf das Nervensystem durch die Vermittelung eines zarten Fluidums aus, welches das ganze Weltall erfülle. Diese erste Theorie war aber sehr abstract. Um sie zu begreifen, mußte man in die Wissenschaft eines Galilei und Newton eingeweiht sein. Es war eine Mischung von großen astronomischen Wahrheiten mit den astrologischen Träumereien, die, wie gesagt, nicht volksthümlich, sondern nur aristocratisch werden konnte. Denn hiezu hätte sich die Adelskörperschaft in eine gelehrte Gesellschaft verwandeln müssen. Mesmer gab daher dieses System auf, um sich in das der Magnete zu werfen.

Die Magnete wurden in jener Zeit stark studirt; ihre sympathetischen oder antipathetischen Eigenschaften verliehen den Mineralien ein Leben beinahe dem menschlichen ähnlich, indem sie ihnen die zwei großen Leidenschaften des menschlichen Lebens, die Liebe und den Haß, gaben. Demzufolge schrieb man den Magneten erstaunliche Kräfte, Heilung der Krankheiten zu. Mesmer verband die Wirksamkeit der Magnete mit seinem ersten System und versuchte zu sehen, was er aus dieser Zufügung ziehen könnte.

Zu seinem Unglück fand Mesmer, als er nach Wien kam, einen Nebenbuhler, der sich schon festgestellt hatte. Dieser Nebenbuhler hieß Hall und behauptete, Mesmer habe ihm sein Verfahren gestohlen. Sobald dieß Mesmer sah, erklärte er, als ein Mann von Phantasie, er gebe die Magnete als unnütz auf und werde nicht mehr mit dem mineralischen Magnetismus, sondern mit dem animalischen heilen.

Dieses Wort, als ein neues ausgesprochen, bezeichnete indessen keine neue Entdeckung; den Alten bekannt, bei den ägyptischen Einweihungen und dem griechischen Pythismus angewendet, hatte sich der Magnetismus im Mittelalter im Zustand der Überlieferung erhalten; einige gesammelte Fetzen von dieser Wissenschaft hatten die Hexenmeister des dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts gebildet; Viele, die man verbrannte, bekannten sich mitten in den Flammen zu der seltsamen Religion, deren Märtyrer sie waren.

Urbain Grandier war nichts Anderes als ein Magnetiseur.

Mesmer hörte von den Wundern dieser Wissenschaft sprechen.

Joseph Balsamo, der Held eines unserer Bücher, hatte eine Spur von seinem Durchzug in Deutschland und besonders in Straßburg zurückgelassen. Mesmer forschte nach dieser Wissenschaft, welche so zerstreut und flatternd war, wie jene Irrlichter, die des Nachts über die Teiche hinlaufen; er machte eine vollständige Theorie, ein gleichförmiges System daraus, dem er den Namen Mesmerismus gab.

Zu diesem Punkte gelangt, theilte Mesmer sein System der Academie der Wissenschaften von Paris, der königlichen Gesellschaft von London und der Academie von Berlin mit; die zwei ersten antworteten nicht einmal, die dritte sagte, er sei ein Narr.

Mesmer erinnerte sich des griechischen Philosophen, der die Bewegung leugnete und den sein Gegner dadurch, daß er ging, in Verwirrung brachte. Er kam nach Frankreich, nahm aus den Händen des Doctors Storck und des berühmten Augenarztes Wenzel ein Mädchen von siebenzehn Jahren, das mit einer Leberkrankheit und mit dem schwarzen Staar behaftet war, und nach einer Behandlung von drei Monaten war die Kranke geheilt, sah die Blinde hell.

Diese Kur hatte viele Leute überzeugt, und unter andern einen Arzt Namens Deslon: aus einem Feinde wurde nun ein Apostel.

Von diesem Augenblick an nahm Mesmers Ruf immer mehr zu; die Academie hatte sich gegen den Neuerer erklärt, der Hof erklärte sich für ihn: es wurden Unterhandlungen vom Ministerium angeknüpft, um Mesmer zu veranlassen, die Menschheit durch Veröffentlichung seiner Lehre zu bereichern. Der Doctor machte seinen Preis; Herr von Breteuil bot ihm im Namen des Königs eine Leibrente von zwanzigtausend Livres und eine Besoldung von zehntausend, um drei von der Regierung bezeichnete Personen zur Ausübung seines Verfahrens heranzubilden. Aber entrüstet über die königliche Sparsamkeit schlug Mesmer das aus und reiste mit einigen seiner Kranken nach den Heilquellen von Spaa ab.

Eine unerwartete Katastrophe bedrohte Mesmer, Deslon, sein Schüler, Deslon, der Besitzer des großen Geheimnisses, das Mesmer um dreißigtausend Livres jährlich zu verkaufen sich geweigert hatte, Deslon eröffnete in seinem Hause eine öffentliche Behandlung durch die Mesmer'sche Methode.

Mesmer erfuhr diese schmerzliche Kunde; er schrie über Diebstahl, Verrath, Betrug; er glaubte ein Narr zu werden. Da hatte einer seiner Kranken, Herr von Bergasse, den glücklichen Einfall, mit der Wissenschaft des ausgezeichneten Professors eine Commandite zu errichten; es wurde ein Ausschuß von hundert Personen mit einem Capital von dreimalhundert und vierzigtausend Livres unter der Bedingung gebildet, daß er seine Lehren den Actionären enthülle. Mesmer machte sich zu dieser Enthüllung anheischig, nahm das Capital in Empfang und kehrte nach Paris zurück.

Die Stunde war günstig. Es gibt Augenblicke im Alter der Völker, diejenigen, welche die Epoche der Verwandlung berühren, wo die ganze Nation wie vor einem unbekannten Hindernisse stehen bleibt, zögert und den Abgrund fühlt, an dessen Rand sie gelangt ist, den sie erräth, ohne ihn zu sehen.

Frankreich befand sich in einem dieser Augenblicke; es bot den Anblick einer Gesellschaft, deren Geist bewegt ist; man war gleichsam in einem scheinbaren Glück erstarrt, dessen Ende man nur dunkel erschaut, wie man, am Saume eines Waldes anlangend, die Ebene durch die Zwischenräume der Bäume erräth. Diese Ruhe, welche nichts Beständiges, nichts Rechtes hatte, ermüdete; man suchte überall Aufregungen, und die Neuigkeiten, wie sie auch beschaffen sein mochten, wurden gut aufgenommen. Man war zu frivol, um sich, wie früher, mit ernsten Fragen der Regierung und des Molinismus zu beschäftigen. Aber man stritt sich über die Musik, man nahm Partei für Gluck oder für Piccini, man passionirte sich für die Musik, man entflammte für die Denkwürdigkeiten von Beaumarchais.

Die Erscheinung einer neuen Oper nahm mehr Phantasien in Anspruch, als der Friedensvertrag mit England und die Anerkennung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. Kurz, es war eine jener Perioden, wo die Geister durch die Philosophen zum Wahren, das heißt zur Entzauberung hingeführt, der Durchsichtigkeit des Möglichen müde werden, die den Grund jeder Sache erscheinen läßt und durch einen Schritt vorwärts die Grenzen der wirklichen Welt zu überschreiten sucht, um in die Welt der Träume und Fictionen einzutreten.

In der That, wenn es bewiesen ist, daß die sehr klaren, sehr durchsichtigen Wahrheiten die einzigen sind, die sich schnell volkstümlich machen, so ist es nicht minder bewiesen, daß die Mysterien eine allmächtige Anziehungskraft auf das Volk ausüben.

Das französische Volk wurde daher auf eine unwiderstehliche Weise durch das seltsame Geheimniß des Mesmerischen Fluidums hingerissen, das nach der Behauptung der Aerzte den Kranken Gesundheit, den Narren Geist und den Weisen Narrheit verlieh.

Ueberall bekümmerte man sich um Mesmer. Was hatte er gethan? an wem hatte er seine göttlichen Wunder verrichtet? welchem vornehmen Mann hatte er das Gesicht und die Kraft wieder gegeben? welcher von einer durchwachten Nacht oder vom Spiel ermatteten Dame hatte er die Nerven wieder geschmeidig gemacht? welches Mädchen hatte er die Zukunft in einer magnetischen Crise vorhersehen lassen?

Die Zukunft! dieses große Wort aller Zeiten, dieses große Interesse aller Geister, die Lösung aller Probleme. Was war denn die Gegenwart?

Ein Königthum ohne Strahlen, ein Adel ohne Gewicht, ein Land ohne Handel, ein Volk ohne Rechte, eine Gesellschaft ohne Vertrauen.

Von der auf ihrem Throne besorgten und vereinzelten königlichen Familie an bis zu der in ihrer Dachkammer ausgehungerten Plebejerfamilie Armuth, Schmach, Angst.

Andere zu vergessen; um nur an sich zu denken; aus neuen, fremden, unbekannten Quellen die Sicherheit eines längeren Lebens und einer während dieser Daseinsverlängerung unstörbaren Gesundheit zu schöpfen; dem geizigen Himmel etwas zu entreißen, war das nicht der Gegenstand eines leicht begreiflichen Anstrebens zu dem Unbekannten, von dem Mesmer eine Falte enthüllte?

Voltaire war todt, und es fand sich in Frankreich kein einziges lautes Gelächter mehr, das Lachen von Beaumarchais ausgenommen, das noch bitterer war als das des Meisters. Rousseau war todt; es gab in Frankreich keine religiöse Philosophie mehr. Rousseau wollte Gott aufrecht halten; seitdem aber Rousseau nicht mehr lebte, mochte es Niemand wagen, um nicht unter der Last erdrückt zu werden.

Der Krieg war früher eine ernste Beschäftigung für die Franzosen gewesen. Die Könige unterhielten auf ihre Rechnung den nationalen Heldenmuth; nun war der einzige französische Krieg ein amerikanischer Krieg, um den sich überdieß der König persönlich nicht bekümmerte. Schlug man sich denn nicht wirklich für die unbekannte Sache, welche die Americaner Unabhängigkeit nennen, ein Wort, das die Franzosen durch eine Abstraktion mit Freiheit übersetzen?

Dabei hatte dieser entfernte Krieg, dieser Krieg nicht nur eines andern Volks, sondern einer andern Welt, sein Ende erreicht.

War es, Alles wohl erwogen, nicht besser, sich mit Mesmer, diesem deutschen Arzt, zu beschäftigen, der zum zweiten Mal seit sechs Jahren Frankreich in Leidenschaft versetzte, als mit Lord Cornwallis oder mit Herrn Washington, die so weit entfernt waren, daß man wahrscheinlich niemals den Einen oder den Andern zu sehen bekam?

Indeß man Mesmer, der anwesend war, sehen, berühren und, was der höchste Ehrgeiz von drei Vierteln von Paris war, von ihm berührt werden konnte.

Dieser Mann also, der bei seiner Ankunft von Niemand, nicht einmal von der Königin, seiner Landsmännin, unterstützt worden war, während er sogar die Leute seiner Heimath unterstützte, dieser Mann, der ohne den Doctor Deslon, welcher ihn seitdem verrathen, in der Dunkelheit geblieben wäre, beherrschte wahrhaft die öffentliche Meinung und ließ den König, von dem man nie gesprochen, Herrn von Lafayette, von dem man noch nicht sprach, und Herrn von Necker, von dem man nicht mehr sprach, weit hinter sich.

Und als hätte dieses Jahrhundert sich's zur Aufgabe gemacht, jedem Geist nach seiner Fähigkeit, jedem Herzen nach seiner Sympathie, jedem Körper nach seinen Bedürfnissen zu geben, erhob sich Mesmer, dem Mann des Materialismus, gegenüber Saint-Martin, der Mann des Spiritualismus, dessen Lehre alle Seelen getröstet hatte, welche die Positivität des deutschen Doctors verwundete.

Man denke sich den Atheisten mit einer Religion, milder als die Religion selbst; man denke sich einen Republicaner voll von Artigkeiten und Rücksichten gegen die Könige, einen Edelmann liberal und zärtlich gegen das Volk; man denke sich den dreifachen Angriff dieses mit der logischsten, verführerischsten Beredtsamkeit begabten Mannes gegen die Culte der Erde, die er wahnsinnig nennt, einzig und allein aus dem Grunde, weil sie göttlich sind.

Man denke sich endlich Epikur weiß gepudert, in gesticktem Frack, in einer Weste mit Flittern, in Atlasbeinkleidern, mit seidenen Strümpfen und rothen Absätzen; Epikur nicht mit dem Sturze der Götter zufrieden, an die er nicht glaubt, sondern die Regierungen erschütternd, die er wie die Culte behandelt, weil sie nie übereinstimmen und beinahe immer nur auf das Unglück der Menschen auslaufen; gegen das Gesellschaftliche Gesetz wirkend, das er mit dem einzigen Worte: »es bestraft auf gleiche Weise ungleiche Vergehen, es bestraft die Wirkung, ohne die Ursache zu würdigen,« entkräftet.

Man denke sich nun, dieser Versucher, der sich den Titel: »der unbekannte Philosoph« gibt, vereinige, um die Menschen in einen Kreis von verschiedenartigen Ideen zu bannen, alle Reize, welche die Einbildungskraft den Versprechungen eines moralischen Paradieses beizufügen vermag, und statt zu sagen, die Menschen seien sich gleich, was eine Albernheit ist, erfinde er folgende Formel, welche eben dem Munde, der sie läugnet, entsprungen zu sein scheint:

Alle verständige Menschen sind Könige.

Und dann gebe man sich Rechenschaft von einer solchen Moral, welche plötzlich mitten in eine Gesellschaft ohne Hoffnungen, ohne Führer fiel, in eine Gesellschaft, die ein mit Ideen, das heißt mit Klippen besäter Archipel war. Man erinnere sich, daß in jener Zeit die Frauen zärtlich und toll, die Männer gierig nach Macht, Ehrenstellen und Vergnügungen waren, daß die Könige die Krone hängen ließen, auf die sich zum ersten Mal, im Schatten verloren, ein zugleich neugieriger und drohender Blick heftete – wird man es dann noch wunderbar finden, daß sie Proselyten fand, diese Lehre, die zu den Seelen sprach:

»Wählt unter euch die erhabene Seele, aber die Seele, die erhaben ist durch die Liebe, durch die Leutseligkeit, durch den mächtigen Willen, sehr zu lieben, sehr glücklich zu machen. Hat sich dann diese Seele zum Menschen gemacht, geoffenbart, so beugt euch, vernichtet euch, alle ihr untergeordneten, niedrigen Seelen, um der Dictatur dieser Seele Raum zu lassen, deren Aufgabe es ist, euch wieder einzusetzen in euer wesentliches Princip, das heißt in die Gleichheit der Leiden im Schooße der gezwungenen Ungleichheit der Fähigkeiten und Verrichtungen.«

Dem füge man bei, daß sich der unbekannte Philosoph mit Mysterien umgab, daß er den Schatten wählte, um im Frieden fern von Spähern und Schmarotzern die große sociale Theorie zu erörtern, welche die Politik der Welt werden konnte.

»Höret mich,« sagte er, »getreue Seelen, gläubige Herzen, höret mich und suchet mich zu verstehen, oder vielmehr, höret mich nur, wenn ihr Interesse und Begierde habt, mich zu verstehen, denn es wird euch Anstrengung kosten, und ich gebe meine Geheimnisse denen nicht preis, die den Schleier nicht davon abreißen werden.

»Ich sage Dinge, die ich nicht zu sagen scheinen will, darum werde ich oft Anderes zu sagen scheinen, als ich sage.«

Und Saint-Martin hatte Recht, und er hatte wirklich um sein Werk die schweigsamen, düsteren, auf keine Ideen eifersüchtigen Vertheidiger, ein geheimnißvolles Coenaculum, dessen dunkle und religiöse Mysticität Niemand durchdrang.

So arbeiteten an der Verherrlichung sowohl der Seele als der Materie, während sie von der Vernichtung Gottes und der Vernichtung der Religion Christi träumten, diese zwei Männer, welche alle intelligenten, alle auserwählten Naturen Frankreichs in zwei Lager vertheilt hatten.

So gruppirten sich um den Bottich Mesmers, aus dem das Wohlergehen hervorsprang, das ganze Leben der Sinnlichkeit, der ganze elegante Materialismus dieser entarteten Nation, während sich um das Buch der Irrthümer und der Wahrheit die frommen, wohlthätigen, liebenden Seelen vereinigten, die, nachdem sie Chimären genossen, jetzt nach Wirklichkeit dürsteten.

Ob nun unter diesen privilegirten Sphären die Ideen divergirten oder in Verwirrung geriethen, ob die daraus entschlüpfenden Geräusche sich in Donner verwandelten, wie sich die Schimmer in Blitze verwandelt hatten, immerhin wird man den Zustand des Anflugs begreifen, in dem die subalterne Gesellschaft, das heißt, das Bürgerthum und das Volk, was man später den dritten Stand nannte, verblieb, dieser Stand, der nur errieth, daß man sich mit ihm beschäftigte, und der in seiner Ungeduld und in seiner Resignation vor Verlangen brannte, wie Prometheus das heilige Feuer zu stehlen und damit eine Welt zu beleben, welche die seinige wäre und worin er seine Angelegenheiten selbst handhaben würde.

Die Conspirationen im Zustand von Unterredungen, die Associationen im Zustand von gesellschaftlichen Kreisen, die socialen Parteien im Zustand von Quadrillen, nämlich der Bürgerkrieg und die Anarchie, das ist es, was unter dem Allem dem Denker erschien, der das zweite Leben dieser Gesellschaft noch nicht sah.

Ach! heute, da die Schleier zerrissen, heute, da die Völkerprometheuse zehnmal durch das Feuer, das sie selbst gestohlen, niedergeworfen worden sind, sagt uns, was der Denker in dem Ende dieses seltsamen achtzehnten Jahrhunderts sehen konnte, außer etwas dem Aehnliches, was nach Cäsars Tod und vor Augusts Throngelangung vorfiel.

Augustus war der Mann, der die heidnische Welt von der christlichen Welt trennte, wie Napoleon der Mann war, der die feudale Welt von der democratischen Welt trennte.

Vielleicht haben wir unsere Leser in eine Abschweifung geworfen und nachgezogen, die ihnen ein wenig lang vorkommen mußte, aber es wäre in der That schwierig gewesen, diese Epoche zu schildern, ohne mit der Feder die ernsten Fragen zu berühren, die das Fleisch und das Leben derselben sind.

Nun ist der Versuch gemacht, der Versuch eines Kindes, das mit seinem Nagel den Rost von einer antiken Statue abkratzen würde, um unter diesem Roste eine zu drei Vierteln verwischte Inschrift zu lesen.

Kehren wir zum äußeren Ansehen zurück. Wollten wir uns länger mit der Wirklichkeit beschäftigen, so würden wir zu viel für den Romandichter, zu wenig für den Geschichtschreiber sagen.

XVII.
Der Bottich

Das Gemälde, das wir im vorhergehenden Capitel sowohl von der Zeit, in der man lebte, als von den Menschen, mit denen man sich in diesem Augenblick beschäftigte, zu entwerfen gesucht haben, kann in den Augen unserer Leser den unerklärlichen Eifer der Pariser für das Schauspiel der von Herrn Mesmer öffentlich bewerkstelligten Curen rechtfertigen.

König Ludwig XVI., der, wenn er auch nicht sehr begierig in Betreff der Neuigkeiten war, die in seiner guten Stadt Paris Aufsehen erregten, dieselben doch wenigstens zu würdigen wußte, hatte der Königin, unter der Bedingung, daß sich der erhabene Besuch von einer Prinzessin begleiten lasse, die Erlaubniß gegeben, einmal ebenfalls das zu sehen, was die ganze Welt gesehen.

Es begab sich dieß zwei Tage nach dem Besuch, den der Herr Cardinal von Rohan bei Frau von La Mothe gemacht hatte.

Das Wetter war milder geworden und ein kräftiges Aufthauen eingetreten. Eine Armee von Gassenkehrern, glücklich und stolz, mit dem Winter ein Ende zu machen, fegte mit dem Feuereifer der Soldaten, die einen Laufgraben eröffnen, den letzten, ganz beschmutzten und in schwarzen Bächen hinschmelzenden Schnee in die Gossen.

Blau und durchsichtig beleuchtete sich der Himmel mit den ersten Sternen, als Frau von La Mothe in eleganter Kleidung und von allem Anschein des Reichthums umgeben, in einem Fiaker, den Frau Clotilde so neu als möglich gewählt hatte, auf der Place Vendôme erschien, wo sie an einem Hause von großartigem Aussehen, dessen hohe Fenster an der ganzen Façade glänzend erleuchtet waren, anhielt.

Dieses Haus war das von Doctor Mesmer.

Außer dem Fiaker von Frau La Mothe hielten viele Equipagen oder Chaisen vor diesem Hause, und außer diesen Equipagen oder Chaisen gingen zwei bis drei hundert Neugierige im Koth umher und warteten auf das Herauskommen der geheilten Kranken oder auf den Eintritt der zu heilenden Kranken.

Diese – beinahe insgesammt reich und mit Titeln versehen – kamen in ihren mit Wappen geschmückten Wagen an, ließen sich von ihren Lakaien herausheben und tragen, und die in Pelze gewickelten oder in Atlasmäntel gehüllten Ballen neuer Art waren kein geringer Trost für die ausgehungerten, halbnackten Unglücklichen, die vor der Thüre auf den schlagenden Beweis lauerten, daß Gott die Menschen krank mache, ohne ihren Stammbaum um Rath zu fragen.

War einer von diesen Kranken mit bleicher Gesichtsfarbe und matten Gliedern unter dem großen Thor verschwunden, so entstand ein Gemurmel unter den Anwesenden, und es kam selten vor, daß diese neugierige und verständige Menge, die vor der Thüre der Ballsäle und unter den Säulenlauben der Theater die ganze vergnügungssüchtige Aristocratie sich drängen sah, was ihr Vergnügen war, nicht diesen an einem Arm oder Bein gelähmten Herzog oder jenen Marschall erkannte, dem die Füße den Dienst versagten, weniger wegen der Strapazen bei militärischen Märschen, als wegen Erstarrung in Folge von Besuchen bei den Damen der Oper oder der italienischen Comödie.

Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Menge mit ihren Forschungen nicht bei den Männern stehen blieb.

Auch die Frau, die man in den Armen ihrer Heiducken, mit hängendem Kopf und glanzlosen Augen, gleich wie die römischen Damen, die sich nach dem Mahle von ihren Thessaliern herumtragen ließen, hatte vorüberkommen sehen, auch diese Dame, welche Nervenleiden unterworfen, oder durch Ausschweifungen und Nachtwachen geschwächt war, und von den Modecomödianten oder von den kräftigen Engeln, von denen Madame Dugazon so wunderbare Erzählungen zu machen wußte, nicht hatte geheilt oder wieder erweckt werden können, verlangte von Mesmers Bottich, was sie vergebens anderswo gesucht hatte.

Und man glaube nicht, daß wir hier zu unserem Vergnügen die Sittenverderbniß übertreiben. Man muß zugestehen, daß in jener Zeit ein Wettstreit zwischen den Damen des Hofes und den Demoisellen des Theaters stattfand. Die letztern nahmen den Frauen der vornehmen Welt ihre Liebhaber und ihre Männer, jene stahlen den Theaterfräulein ihre Cameraden und ihre selbstgemachten Vetter.

Einige dieser Damen waren eben so bekannt, als die Männer, und ihre Namen kreisten in der Menge auf eine nicht minder geräuschvolle Art; aber viele, und ohne Zweifel waren dieß nicht diejenigen, deren Namen das geringste ärgerliche Aufsehen erregt hatte, viele entgingen an dem genannten Abend wenigstens dem Lärmen und der Oeffentlichkeit, da sie, das Gesicht mit einer Atlasmaske bedeckt, zu Mesmer kamen.

An demselben Tage, der die Mitte des Faschings bezeichnete, fand nämlich ein Maskenball in der Oper statt, und diese Damen gedachten die Place-Vendome nur zu verlassen, um sich unmittelbar nach dem Palais-Royal zu begeben.

Mitten durch die Menge, die sich in Klagen, in Gespötte, in Bewunderung und besonders in Gemurre ausließ, schritt die Frau Gräfin von La Mothe, eine Larve vor dem Gesicht, aufrecht und fest, und ohne andere Spuren von ihrem Durchzug zurückzulassen als die auf dem Wege oft wiederholten Worte:

»Ah! diese muß nicht sehr krank sein.«

Man täusche sich hierin nicht, diese Worte schloßen keineswegs die Commentare aus.

Denn wenn Frau von La Mothe nicht krank war, was machte sie bei Mesmer?

Wäre die Menge, wie wir, mit den Ereignissen vertraut gewesen, die wir erzählt, so hätte sie gefunden, nichts sei einfacher, als diese Wahrheit.

Frau von La Mothe hatte wirklich viel über ihre Unterredung mit dem Herrn Cardinal von Rohan und besonders über die ganz eigenthümliche Aufmerksamkeit nachgedacht, womit der Cardinal die bei ihr vergessene oder vielmehr verlorene Büchse mit dem Porträt beehrt hatte.

Und da in dem Namen der Eigenthümerin dieser Büchse die ganze Enthüllung der plötzlichen Liebfreundlichkeit des Cardinals lag, so hatte Frau von La Mothe zwei Mittel ausgesonnen, um diesen Namen zu erfahren.

Zuerst nahm sie ihre Zuflucht zum einfacheren.

Sie ging nach Fontainebleau, um sich beim Wohlthätigkeitsbüreau der deutschen Damen zu erkundigen.

Hier erhielt sie, wie man sich leicht denken kann, keine Auskunft.

Es waren der deutschen Damen, die in Versailles wohnten, sehr viele, in Folge der offenen Sympathie, welche die Königin für ihre Landsmänninnen hegte: man zählte hundert und fünfzig bis zweihundert.

Alle waren sehr wohltätig, doch es hatte keine den Gedanken gehabt, ein Schild an das Wohlthätigkeitsbüreau zu hängen.

Vergebens erkundigte sich daher Jeanne nach den zwei Damen, die sie besucht hatten; vergebens sagte sie, eine von den zwei Namen heiße Andrée. Man kannte in Versailles keine deutsche Dame dieses Namens, der überdieß sehr wenig deutsch war.

Die Nachforschungen führten also auf dieser Seite kein Resultat herbei.

Wenn sie Herrn von Rohan unmittelbar nach dem Namen fragte, den er muthmaßte, so zeigte sie ihm, daß sie Gedanken über ihn hatte, und es sah aus als ob sie das Vergnügen und das Verdienst einer aller Welt zum Trotz und außer allen Möglichkeiten gemachten Entdeckung sich selbst zueignen wollte.

Da aber Geheimniß in dem Schritte dieser Damen bei Jeanne, Geheimniß in dem Erstaunen und den Halbsagereien des Herrn von Rohan gewesen war, so mußte man mit Geheimniß zu dem Schlüssel von so vielen Räthseln gelangen.

Es lag überdieß in Jeanne's Charakter eine gewaltige Neigung zu diesem Kampf mit dem Unbekannten.

Sie hatte in Paris sagen hören, es habe seit einiger Zeit ein Mann, ein Erleuchteter, das Mittel gefunden, aus dem Körper des Menschen die Krankheiten und Schmerzen auszutreiben, wie einst Christus die Teufel aus dem Leib der Besessenen ausgetrieben.

Sie wußte, daß dieser Mann nicht nur die körperlichen Uebel heilte, sondern daß er auch der Seele das schmerzliche Geheimniß entriß, das sie unterwühlte. Man hatte unter seiner allmächtigen Beschwörung den hartnäckigen Willen seiner Clienten sich erweichen und in eine sclavische Gelehrigkeit verwandeln sehen.

In dem Schlaf, der auf die Schmerzen folgte, nachdem der gelehrte Arzt die aufgeregteste Organisation, dadurch, daß er sie in die völligste Vergessenheit versenkt, beschwichtigt hatte, stellte sich also die über die Ruhe, welche sie dem Zauberer zu verdanken hatte, entzückte Seele ganz und gar zur Verfügung dieses neuen Gebieters; er leitete fortan alle ihre Operationen; er lenkte alle Fäden derselben; auch erschien ihm jeder Gedanke dieser dankbaren Seele übertragen durch eine Sprache, die gegen die menschliche Sprache den Vorzug oder den Nachtheil hatte, daß sie nie log.

Mehr noch, aus dem Leib, der ihr als Gefängniß diente, auf den ersten Befehl desjenigen, der sie für den Augenblick beherrschte, hervortretend, lief diese Seele in der Welt umher, vermengte sich mit den andern Seelen, sondirte sie ohne Unterlaß, durchforschte sie unbarmherzig und ging so gut zu Werke, daß sie, wie der Jagdhund, der das Wild aus dem Gebüsch heraustreibt, worin es sich verbirgt, da es sich hier in Sicherheit glaubt, am Ende dieses Geheimniß aus dem Herzen herauskommen machte, wo es begraben war, es verfolgte, einholte und schließlich zu den Füßen des Gebieters niederlegte – ein getreues Bild des Falken oder des wohldressirten Sperbers, der unter den Wolken für Rechnung des Falkners, seines Herrn, den Reiher, das Rebhuhn oder die seinem grausam knechtischen Gehorsam bezeichnete Lerche sucht.

Daher die Enthüllung einer Menge von wunderbaren Geimnissen.

So fand Frau von Duras ein bei der Amme gestohlenes Kind wieder, Frau von Chantons einen faustgroßen englischen Hund, für den sie alle Kinder der Erde gegeben hätte, und Herr von Vaudreuil eine Haarlocke, für die er ein halbes Vermögen gegeben haben würde.

Diese Geständnisse waren von Sehern oder Seherinnen in Folge magnetischer Operationen des Doctors Mesmer gemacht worden.

Man konnte auch in dem Hause des berühmten Doctors die Geheimnisse wählen, welche am meisten geeignet waren, diese übernatürliche Divinationsgabe zu üben, und Frau von La Mothe zählte wohl darauf, sie würde, wenn sie einer Sitzung beiwohnte, den Phönix ihrer seltsamen Nachforschungen treffen und durch seine Vermittlung die Eigenthümerin der Büchse entdecken, die in diesem Augenblick den Gegenstand der glühendsten Wünsche ihres Innern bildete.

Darum begab sie sich in so großer Hast in den Saal, wo sich die Kranken versammelten.

Dieser Saal – wir bitten unsere Leser um Verzeihung – heischt eine ganz besondere Beschreibung.

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Litres'teki yayın tarihi:
04 aralık 2019
Hacim:
1015 s. 9 illüstrasyon
Telif hakkı:
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