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Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 16

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Wir nehmen sie ohne Umschweife in Angriff.

Die Wohnung theilte sich in zwei Hauptsäle.

Hatte man die Vorzimmer durchschritten und die nothwendigen Pässe dem Huissier vom Dienst vorgezeigt, so wurde man in einen großen Salon eingelassen, dessen Fenster, hermetisch verschlossen, das Licht und die Luft bei Tage, das Geräusch und die Luft bei der Nacht auffingen und zurückhielten.

Mitten im Salon, unter einem Kronleuchter, dessen Kerzen nur eine gedämpfte und beinahe sterbende Helle gaben, bemerkte man eine große, mittelst eines Deckels geschlossene Kufe.

Diese Kufe hatte nichts Zierliches in ihrer Form; sie war nicht geschmückt, keine Draperie verbarg die Nacktheit ihrer metallenen Seiten.

Diese Kufe war es, was man den Bottich Mesmers nannte.

Welche Eigenschaft enthielt dieser Bottich? nichts ist leichter zu erklären.

Er war beinahe ganz angefüllt mit Wasser, das mit schwefeligen Bestandteilen geschwängert war, und dieses Wasser concentrirte seine Miasmen unter dem Deckel, um damit wiederum methodisch auf dem Grunde des Bottichs in umgekehrten Stellungen aufgereihte Flaschen zu sättigen.

So fand eine Kreuzung mysteriöser Strömungen statt, deren Einfluß die Kranken ihre Heilung verdankten.

An den Deckel war ein eiserner Ring angelöthet, der eine lange Schnur hielt, deren Bestimmung wir kennen lernen, wenn wir einen Blick auf die Kranken werfen.

Diese, die wir so eben in's Hotel eintreten sahen, saßen bleich und schmachtend in Lehnstühlen, die um die Kufe her aufgestellt waren.

Männer und Frauen erwarteten, mit einander vermischt, gleichgültig, ernst oder unruhig, das Resultat des Versuches.

Ein Bedienter nahm das Ende der langen, am Deckel des Bottichs befestigten Schnur und rollte sie ringförmig um die kranken Glieder, so daß alle durch dieselbe Kette Gebundenen gleichzeitig die Wirkungen der im Bottich enthaltenen Electricität empfingen.

Um sodann auf seine Weise die Thätigkeit der an jede Natur übertragenen thierischen Fluida zu unterbrechen, waren die Kranken auf die Empfehlung des Arztes dafür besorgt, daß sie einander mit dem Ellenbogen oder den Schultern oder mit den Füßen berührten, so daß der rettende Bottich gleichzeitig allen Körpern seine mächtige Wärme und Wiedergeburt zusandte.

Sie bot allerdings ein seltsames Schauspiel, diese ärztliche Zeremonie, und man wird nicht darüber staunen, daß sie die Neugierde der Pariser in so hohem Grade erregte.

Zwanzig bis dreißig Kranke um diese Kufe gereiht; ein Bedienter, stumm wie die Umhersitzenden und sie mit einer Schnur umschlingend, wie einst Laokoon und seine Söhne von ihren Schlangen umwunden waren; dann dieser Mensch selbst, der sich in aller Stille wegschlich, nachdem er den Kranken die eisernen Stangen bezeichnet hatte, welche, in gewisse Löcher der Kufe eingefügt, der heilsamen Thätigkeit des Mesmer'schen Fluidums als mehr unmittelbar örtliche Leiter dienen sollten.

Und vor Allem begann, sobald die Sitzung eröffnet war, eine gewisse sanfte und eindringliche Wärme im Saale zu kreisen; sie erweichte die ein wenig gespannten Fibern der Kranken; sie stieg stufenweise vom Boden zur Decke auf und schwängerte sich mit zarten Wohlgerüchen, unter deren Dunst sich die widerspenstigen Gehirne beschwert neigten.

Dann sah man die Kranken dem ganz wollüstigen Eindruck dieser Atmosphäre sich hingeben, als plötzlich eine sanfte, vibrirende Musik, ausgeführt von unsichtbaren Instrumenten und unsichtbaren Musikern, sich wie eine milde Flamme inmitten dieser Wohlgerüche und dieser Wärme verlor.

Rein wie der Krystall, an dessen Rand sie ihren Ursprung nahm, traf diese Musik die Nerven mit einer unwiderstehlichen Macht. Man hätte glauben sollen, es wäre eines von jenen unbekannten und geheimnißvollen Geräuschen, welche selbst die Thiere in Erstaunen setzen und entzücken, eine Klage des Windes, in den sonoren Schneckengewinden der Felsen.

Bald verbanden sich mit den Tönen der Harmonie wohlklingende Stimmen, gruppirt wie eine Masse von Blumen deren Noten, verstreut wie Blätter, den Anwesenden auf die Köpfe fielen.

Auf allen den Gesichtern, die das Erstaunen Anfangs belebt hatte, trat allmälig die materielle Befriedigung, der an allen ihren empfindlichen Stellen geschmeichelt wurde, hervor. Die Seele gab nach; sie verließ den Zufluchtsort, wo sie sich verbirgt, wenn die Leiden des Körpers sie belagern, und frei und freudig sich in der ganzen Organisation verbreitend bezähmte sich die Materie und verwandelte sich.

Dieß war bei Augenblick, wo jeder von den Kranken eine an den Deckel der Kufe angefügte eiserne Stange in seine Finger genommen hatte und diese Stange auf seine Brust, auf sein Herz, oder auf seinen Kopf, den specielleren Sitz der Krankheit richtete.

Man stellt sich nun die Glückseligkeit vor, die auf allen Gesichtern an die Stelle des Leidens und der Bangigkeit trat; man denke sich die selbstsüchtige Schlaftrunkenheit dieser absorbirenden Befriedigungen, das von Seufzern unterbrochene Stillschweigen, das auf der ganzen Versammlung lastet, und man wird die möglichst genaue Idee von der Scene haben, die wir zwei Drittelsjahrhunderte vor dem Tage, wo sie stattfand, skizzirt haben.

Nun einige besondere Worte über die theilnehmenden Personen.

Vor Allem zerfielen diese Personen in zwei Classen.

Die einen Kranken, die sich wenig um das bekümmerten, was man den menschlichen Respect nennt, – eine von den Leuten von mittelmäßiger Lebensstellung tief verehrte Grenze, aber stets übersprungen von den sehr Großen oder sehr Kleinen, die Einen, sagen wir, wahre Theilnehmer, waren nur in diesen Salon gekommen, um geheilt zu werden, und sie suchten mit ganzem Herzen zu diesem Ziel gelangen.

Die Anderen, Skeptiker oder einfache Neugierige, an seiner Krankheit leidend, waren in das Haus Mesmers gedrungen, wie man in ein Theater eintritt, hatten sie sich nun Rechenschaft von der Wirkung geben wollen, deren man in der Umgebung des Zauberbottichs theilhaftig wurde, oder war es ihre Absicht nur, als Zuschauer einfach dieses neue physische System zu studiren, und beschäftigten sie sich nur damit, daß sie die Kranken und sogar diejenigen anschauten, welche an der Cur theilnahmen, während sie sich wohl befanden.

Unter den ersten leidenschaftlichen Adepten Mesmers, an seine Lehre vielleicht durch die Dankbarkeit gebunden, bemerkte man eine junge Frau von schönem Wuchse, von schönem Gesicht, vielleicht etwas ausschweifend gekleidet, die, der Thätigkeit des Fluidums unterworfen und sich selbst mittelst der Stange die stärksten Dosen auf den Kopf und den Oberleib zulenkend, ihre schönen Augen zu verdrehen anfing, als ob Alles in ihr schmachtete, während ihre Hände unter diesem ersten Nervenkitzel bebten, der den übermächtig werdenden Einfluß des magnetischen Fluidums anzeigt.

Warf sich ihr Kopf auf die Lehne des Stuhles zurück, so konnten die Anwesenden nach Belieben diese bleiche Stirne, diese krampfhaften Lippen und diesen schönen, allmälig durch den rascheren Strom und Rückstrom des Blutes gemarmorten Hals anschauen.

Unter den Anwesenden, von denen Viele ihre Augen mit Erstaunen auf diese junge Frau hefteten, theilten sich dann ein paar Köpfe, die sich gegen einander neigten, eine ohne Zweifel seltsame Idee mit, welche die gegenseitige Aufmerksamkeit dieser Neugierigen verdoppelte.

Unter der Zahl dieser Neugierigen war Frau von La Mothe; keine Erkennung fürchtend oder vielleicht auch sich nicht darum bekümmernd, hielt sie die Atlasmaske, die sie auf ihr Gesicht gesetzt hatte, um die Menge zu durchschreiten, in der Hand.

Durch die Art, wie sie sich gestellt hatte, entging sie übrigens beinahe allen Blicken.

Sie stand bei der Thüre an einen Pfeiler angelehnt, war durch eine Draperie verschleiert, und sah von hier aus Alles, ohne gesehen zu werden.

Doch unter Allem, was sie sah, war das, was ihr am meisten der Aufmerksamkeit würdig schien, ohne Zweifel das Antlitz der durch das Mesmer'sche Fluidum electrisirten jungen Frau.

Dieses Gesicht war ihr in der That so sehr aufgefallen, daß sie seit mehreren Minuten, gefesselt durch eine unüberwindliche Gierde, zu sehen und zu erfahren, an ihrem Platze blieb.

»Oh!« murmelte sie, ohne mit den Augen von der schönen Kranken zu lassen, »das ist – es läßt sich nicht bezweifeln – die Dame vom guten Werke, die mich eines Abends besucht hat, die seltsame Ursache aller Theilnahme, die mir Herr von Rohan bezeigt.«

Und fest überzeugt, sie täusche sich nicht, begierig den Zufall zu benützen, der für sie that, was ihre Nachforschungen nicht hatten thun können, trat sie näher hinzu.

Doch in diesem Augenblick schloß die junge Convulsionärin ihre Augen, zog ihren Mund krampfhaft zusammen und schlug mit ihren beiden Händen schwach die Luft.

Mit ihren beiden Händen, die, es muß hier bemerkt werden, nicht jene feinen, zarten, wachsartig weißen Hände waren, welche Frau von La Mothe in ihrer Wohnung einige Tage zuvor bewundert hatte.

Die Ansteckung der Crise war electrisch bei der Mehrzahl der Kranken, das Gehirn hatte sich gesättigt mit Geräuschen und Wohlgerüchen. Die ganze Nervenaufreizung war angestrebt. Durch das Beispiel ihrer jungen Gefährtin fortgerissen, fingen bald Männer und Frauen an, Seufzer, Gemurmel, Schreie von sich zu geben, bewegten Arme, Beine und Köpfe, und überließen sich frei und ohne Widerstand dem Anfall, dem der Meister den Namen Crise gegeben hatte.

In diesem Augenblick erschien ein Mann im Saale, ohne daß ihn Jemand hatte eintreten sehen, ohne daß Jemand sagen konnte, wie er eingetreten.

Kam er wie Phöbus aus der Kufe hervor? War er, ein Apollo des Wassers, der balsamische und harmonische Dunst des Saales, der sich verdichtete? So viel ist immerhin gewiß, daß er sich plötzlich anwesend fand, und daß sein lila Kleid, sanft und frisch für das Auge, und sein schönes, bleiches, verständiges und heiteres Antlitz den ein wenig göttlichen Character dieser Erscheinung nicht Lügen straften.

Er hielt in der Hand einen langen Stab, der auf den gepriesenen Bottich gestützt, oder vielmehr so zu sagen an diesem befestigt war.

Er machte ein Zeichen, die Thüren öffneten sich, zwanzig kräftige Diener liefen herbei, ergriffen behend und geschickt jeden von den Kranken, die auf ihren Stühlen das Gleichgewicht zu verlieren anfingen, und trugen sie in weniger als einer Minute in den anstoßenden Saal.

In dem Augenblick, wo diese Operation vorging, welche besonders durch den Paroxismus wüthender Glückseligkeit, dem sich die junge Convulsionärin hingab, anziehend geworden war, hörte Frau von La Mothe, die mit den Neugierigen bis zu diesem neuen, für die Kranken bestimmten Saal vorgerückt war, einen Mann schreien:

»Oh! sie ist es, sie ist es!«

Frau von La Mothe wollte eben diesen Mann fragen:

»Wer sie?«

Da erschienen plötzlich im ersten Saal, an einander gelehnt, zwei Frauen, denen in einiger Entfernung ein Mann folgte, der ganz das Aussehen eines vertrauten Dieners hatte, obgleich er das Kleid eines Bürgers trug.

Die Haltung dieser zwei Frauen, der einen besonders, fiel der Gräfin dergestalt auf, daß sie einen Schritt gegen dieselbe machte.

Ein gewaltiger Schrei, der aus dem zweiten Saal und von den Lippen der Convulsionärin kam, zog in diesem Augenblick Jedermann nach der Verzückten hin.

Alsbald rief der Mann, der schon gesagt hatte: »Sie ist es!« und der sich in der Nähe der Frau von La Mothe befand, mit dumpfem, geheimnißvollem Ton:

»Aber, meine Herren, schauen Sie doch, es ist die Königin!«

Bei diesem Worte bebte Jeanne.

»Die Königin!« riefen gleichzeitig mehrere erschrockene und erstaunte Stimmen.

»Die Königin bei Mesmer!«

»Die Königin in einer Crise!« wiederholten andere Stimmen.

»Oh! das unmöglich!« sagte der Eine.

»Schauen Sie,« erwiderte ruhig der Unbekannte, »kennen Sie die Königin, ja oder nein?«

»In der That,« murmelten die meisten Anwesenden, »die Aehnlichkeit ist unglaublich.«

Frau von La Mothe hatte eine Maske, wie alle Frauen, die, wenn sie von Mesmer weggingen, sich auf den Ball im Opernhause begeben wollten.

Sie konnte also, ohne Gefahr zu laufen, sich erkundigen.

»Mein Herr,« fragte sie den Mann der Ausrufungen, der einen umfangreichen Körper, ein volles, gefärbtes Gesicht und funkelnde, scharf beobachtende Augen hatte, »sagen Sie nicht, die Königin sei hier?«

»Oh! Madame, es ist nicht zu bezweifeln,« erwiderte der Unbekannte.

»Und wo dieß?«

»Jene junge Frau, die Sie dort auf veilchenblauen Kissen in einer so heftigen Crise erblicken, daß sie ihre Entzückungen nicht mäßigen kann, ist die Königin.«

»Aber, mein Herr, worauf gründen Sie die Idee, diese Frau sei die Königin?«

»Ganz einfach darauf, Madame, daß diese Frau die Königin ist,« erwiderte unstörbar der Anschuldigende.

Und er verließ Jeanne, um die Kunde in den Gruppen zu begründen und zu verbreiten.

Jeanne wandte sich von dem fast empörenden Schauspiel ab, das die Epileptische bot. Doch kaum hatte sie ein paar Schritte nach der Thüre gemacht, als sie sich von Angesicht zu Angesicht den zwei Damen gegenüber befand, die, bis sie zu den Convulsionären übergehen sollten, nicht ohne ein lebhaftes Interesse den Bottich, die Stangen und den Deckel anschauten.

Kaum hatte Jeanne das Gesicht der älteren von den zwei Damen gesehen, als sie ebenfalls einen Schrei ausstieß.

»Was gibt es?« fragte diese.

Jeanne riß rasch die Maske ab und fragte:

»Erkennen Sie mich?«

Die Dame machte eine Bewegung, bewältigte sie aber beinahe in demselben Augenblick wieder.

»Nein,« antwortete sie mit einer gewissen Befangenheit.

»Wohl, ich erkenne Sie, und will Ihnen einen Beweis hievon geben.«

Bei dieser Anrufung preßten sich die Damen ängstlich einander an.

Jeanne zog aus ihrer Tasche die Büchse und sagte:

»Sie haben das bei mir liegen lassen.«

»Aber wenn dem so wäre,« fragte die Aeltere, »warum sind Sie so bewegt?«

»Ich bin erschrocken über die Gefahr, die Eure Majestät hier läuft.«

»Erklären Sie sich.«

»Oh! nicht eher, als bis Sie diese Maske vorgenommen haben.«

Und sie reichte ihre Maske der Königin, doch diese zögerte, da sie sich unter ihrer Haube hinlänglich verborgen glaubte.

»Ich bitte, es ist kein Augenblick zu verlieren,« fuhr Jeanne fort.

»Thun Sie es, thun Sie es, Madame,« sagte leise die zweite Frau zur Königin.

Die Königin setzte maschinenmäßig die Larve auf ihr Gesicht.

»Und nun kommen Sie,« sprach Jeanne.

Und sie zog die zwei Frauen so rasch fort, daß sie erst bei der Hausthüre, wo sie sich in einigen Secunden befanden, anhielten.

»Aber was ist es denn?« fragte die Königin athmend.

»Eure Majestät ist von Niemand gesehen worden?«

»Ich glaube nicht.«

»Desto besser.«

»Werden Sie uns wohl erklären…«

»Für den Augenblick glaube Eure Majestät ihrer getreuen Dienerin, wenn diese ihr sagt, sie laufe die größte Gefahr.«

»Was für eine Gefahr ist es denn?«

»Ich werde die Ehre haben, Ew. Majestät Alles zu sagen, wenn sie mir eines Tags eine Stunde Audienz zu bewilligen geruht. Doch die Sache ist lang, Ew. Majestät kann erkannt, kann bemerkt werden.«

Und als sie wahrnahm, daß die Königin einige Ungeduld kundgab, sagte sie zu der Prinzessin von Lamballe:

»Oh! Madame, ich flehe Sie an, verbinden Sie sich mit mir, um Ihre Majestät zu bewegen, daß sie sich entfernt und zwar auf der Stelle.«

Die Prinzessin machte eine flehende Geberde.

»Gehen wir, da Sie es wollen,« sprach die Königin.

Dann wandte sie sich gegen Frau von La Mothe um und sagte:

»Sie haben mich um eine Audienz gebeten.«

»Ich strebe nach der Ehre, Eurer Majestät eine Erklärung über mein Benehmen zu geben.«

»Wohl, bringen Sie mir diese Büchse zurück, und fragen Sie nach dem Concierge Laurent, er wird unterrichtet sein.«

Hierauf rief sie deutsch nach der Straße hinaus:

»Kommen Sie hieher, Weber!«

Rasch näherte sich ein Wagen, die zwei Prinzessinnen sprangen hinein.

Frau von La Mothe blieb bei der Thüre, bis sie die Carrosse aus dem Gesicht verloren hatte.

»Oh!« sagte sie ganz leise, »es war gut, daß ich gethan, was ich gethan, auch für die Folge, … überlegen wir.«

XVIII.
Mademoiselle Oliva

Der Mann, der die angebliche Königin den Blicken der Anwesenden bezeichnet hatte, schlug während dieser Zeit einem von den Zuschauern, einem Menschen mit gierigem Auge und abgetragenem Kleid, auf die Schulter und sagte zu ihm:

»Für Sie, der Sie ein Journalist sind, ist dieß ein schöner Stoff zu einem Artikel.«

»Wie so?« erwiderte der Zeitungsschreiber.

»Wollen Sie den Hauptinhalt davon?«

»Gern.«

»Hören Sie: »»Ueber die Gefahr als Unterthan eines Landes geboren zu sein, dessen König von der Königin beherrscht wird, welche Königin die Crisen liebt.««

Der Zeitungsschreiber lachte.

»Und die Bastille?« entgegnete er.

»Bah! bah! hat man nicht die Anagramme, mit deren Hilfe man alle königliche Censoren vermeidet? Ich frage Sie, ob Ihnen je ein Censor verbieten wird, die Geschichte des Prinzen Silou und der Prinzessin Etteniotna, Beherrscherin von Narfec, zu erzählen. Nun, was sagen Sie?«

»Oh! ja,« rief der Zeitungsschreiber entflammt, »die Idee ist bewundernswürdig.«

»Und ich bitte Sie, zu glauben, daß einem Capitel, betitelt: »Die Crisen der Prinzessin Etteniotna bei dem Fakir Remsem,« eine sehr günstige Aufnahme in den Salons zu Theil würde.«

»Ich glaube es, wie Sie.«

»Gehen Sie und schreiben Sie uns das mit Ihrer besten Tinte.«

Der Journalist drückte dem Unbekannten die Hand.

»Soll ich Ihnen einige Nummern schicken?« fragte er; »ich thue es mit großem Vergnügen, wenn Sie mir gefälligst Ihren Namen sagen wollen.«

»Gewiß, ja! Dieser Gedanke entzückt mich, und von Ihnen ausgeführt, wird er hundert Procent gewinnen. Wie viel Exemplare lassen Sie gewöhnlich von Ihren Pamphleten abziehen?«

»Zweitausend.«

»Erweisen Sie mir einen Gefallen.«

»Gern.«

»Nehmen Sie diese fünfzig Louisd'or und lassen Sie sechstausend drucken.«

»Wie, mein Herr! oh! Sie sind allzu gütig. Darf ich wenigstens den Namen eines so großmüthigen Beschützers der Wissenschaften kennen?«

»Sie sollen ihn erfahren, wenn ich bei Ihnen tausend Exemplare zu zwei Livres das Stück holen lasse – in acht Tagen, nicht wahr?«

»Ich werde Tag und Nacht daran arbeiten, mein Herr.«

»Und es sei belustigend.«

»Daß ganz Paris bis zu Thränen darüber lacht … eine Person ausgenommen.«

»Nicht wahr, die Blut weinen wird?«

»Oh! mein Herr, wie viel Geist haben Sie?«

»Sie sind sehr gut. Ah! datiren Sie den Artikel von London.«

»Wie immer.«

»Mein Herr, ich bin Ihr Diener.«

Hiemit entließ der dicke Unbekannte den Zeitungsschreiber, der mit seinen fünfzig Louisd'or in der Tasche leicht wie ein Vogel von schlimmer Vorbedeutung entfloh.

Der Unbekannte, der allein, oder vielmehr ohne Gefährten geblieben war, schaute noch einmal im Saale der Elisen nach der jungen Frau; an die Stelle der Ekstae war bei dieser eine gänzliche Entkräftung getreten, und eine Kammerfrau, bestimmt für die Damen in der Arbeit der Crise, schlug züchtiger Weise die etwas indiscreten Röcke nieder.

Er bemerkte in dieser zarten Schönheit jene feinen, wollüstigen Züge, die edle Grazie jenes sich hingebenden Schlummers, kehrte dann um und sagte zu sich selbst:

»Die Aehnlichkeit ist offenbar zum Erschrecken; Gott, der sie geschaffen, hatte seine Absichten; er hat zum Voraus jene dort, der diese hier gleicht, verurtheilt.«

In dem Augenblick, wo er diesen drohenden Gedanken vollendete, erhob sich die junge Frau von ihren Kissen und war, indem sie sich der Hilfe des Armes von einem schon aus der Extase erwachten Nachbar bediente, bemüht, ein wenig Ordnung in ihre die Gesetze des Wohlanstandes stark verletzende Toilette zu bringen.

Sie erröthete ein wenig, als sie sah, welche Aufmerksamkeit ihr die Anwesenden schenkten, und antwortete mit coketter Höflichkeit auf die ernsten und zugleich artigen Fragen Mesmers; dann streckte sie ihre runden Arme und ihre hübschen Beine aus, wie eine Katze, die aus dem Schlaf erwacht, durchschritt die drei Salons und erntete dabei, ohne einen einzigen zu verlieren, die theils spöttischen, theils begehrlichen, theils scheuen Blicke ein, die ihr die Anwesenden zusandten.

Was sie aber dergestalt in Erstaunen setzte, daß sie darüber lächeln mußte, war der Umstand, daß ihr, als sie an einer in einer Ecke des Salons flüsternden Gruppe vorüberging, statt meuterischer Blicke oder galanter Redensarten eine Ladung ehrfurchtsvoller Verbeugungen zu Theil wurde, die kein französischer Hofmann steifer und ernster hätte finden können, um die Königin zu begrüßen.

Diese erstaunte, ehrerbietige Gruppe war in der That von dem unermüdlichen Unbekannten zusammengebracht worden, der, hinter der Gruppe verborgen, zu ihr sagte:

»Gleichviel, gleichviel, meine Herren, es ist nichtsdestoweniger die Königin von Frankreich; verbeugen wir uns, verbeugen wir uns tief.«

Die kleine Person, der Gegenstand von so viel Respect, ging mit einer gewissen Bangigkeit durch die letzte Hausflur und kam in den Hof.

Hier suchten ihre matten Augen einen Fiaker oder eine Sänfte; sie fand keines von beiden; doch ungefähr nach einer Minute der Unentschlossenheit, als sie schon ihren niedlichen Fuß auf das Pflaster setzte, näherte sich ihr ein großer Lakai und sagte:

»Der Wagen von Madame.«

»Ich habe keinen Wagen,« entgegnete die junge Frau.

»Madame ist in einem Fiaker gekommen?«

»Ja.«

»Von bei Rue Dauphine?«

»Ja.«

»Ich werde Madame nach Hause führen.«

»Gut, führen Sie mich,« sprach die kleine Person mit einer sehr ungezwungenen, entschlossenen Miene, ohne daß sie nur eine Minute die Unruhe behalten hatte, welche ein so unvorhergesehener Antrag bei jeder andern Frau verursacht hätte.

Der Lakai machte ein Zeichen, auf das sogleich eine hübsche Carrosse antwortete, von der die Dame aufgenommen wurde.

Der Lakai hob den Fußtritt auf und rief dem Kutscher zu:

»Rue Dauphine.«

Die Pferde entfernten sich rasch: als sie den Pont-Neuf erreicht hatte, bedauerte die kleine Dame, die viel Geschmack an dieser Art der Fortbewegung fand, ungemein, daß sie nicht am Jardin des Plantes wohnte.

Der Wagen hielt an. Der Fußtritt sank nieder; schon streckte der wohlunterichtete Lakai die Hand aus, um von der Dame den Hauptschlüssel zu empfangen, mittelst dessen die Bewohner von dreißigtausend Häusern in Paris, die keine Hotels waren und weder Hausmeister noch Schweizer hatten, heimkehrten.

Der Lakai öffnete also die Thüre, um die Finger der kleinen Dame zu schonen; dann in dem Augenblick, wo diese in den finstern Gang eindrang, grüßte er sie und schloß die Thüre wieder.

Die Carrosse rollte weiter und verschwand.

»Das ist wahrhaftig ein angenehmes Abenteuer,« rief die junge Frau. »Es ist sehr galant von Herrn Mesmer. O! wie müde bin ich! Er wird sich vorhergesehen haben. Er ist ein sehr großer Arzt.«

So sprechend, gelangte sie zum zweiten Stockwerk des Hauses, auf einen Ruheplatz, der von zwei Thüren beherrscht war.

Sobald sie geklopft hatte, öffnete ihr eine Alte.

»Oh! guten Abend. Mutter; ist das Nachtessen bereit?«

»Ja, es wird sogar kalt.«

»Ist er da?«

»Nein, noch nicht; doch der Herr ist da.«

»Welcher Herr?«

»Der, welchen Sie heute Abend nothwendig sprechen müssen.«

»Ich?«

»Ja. Sie.«

Diese Unterredung fand in einem kleinen, mit Glasscheiben versehenen Vorzimmer statt, das den Ruheplatz von einer großen, nach der Straße gehenden Stube trennte.

Durch das Fensterwerk sah man deutlich die Lampe, die diese Stube erhellte, deren Anblick, wenn nicht befriedigend, doch wenigstens erträglich war.

Alte Vorhänge von einer gelben Seide, welche die Zeit stellenweise geädert und abgebleicht hatte, einige Stühle von grünlichem Utrechter Sammet, ein großer Schrank mit zwölf Schubladen und mit eingelegter Arbeit, ein alter gelber Sopha, das waren die Herrlichkeiten des Gemaches.

Sie erkannte diesen Mann nicht, aber unsere Leser werden ihn wohl erkennen: es war derjenige, welcher die Neugierigen in Beziehung auf die angebliche Königin aufgewiegelt und die fünfzig Louisd'or für das Pamphlet gegeben hatte.

Die junge Frau öffnete ungestüm die Glasthüre, und kam bis zum Sopha, auf dem sie ruhig einen mehr fetten als mageren Mann von gutem Aussehen sitzen sah, dessen sehr schöne weiße Hand mit einem äußerst reichen Spitzenjabot spielte.

Die junge Frau hatte nicht Zeit, das Gespräch zu beginnen.

Dieser seltsame Mensch machte eine Art von Gruß, halb Bewegung, halb Verbeugung, heftete einen glänzenden Blick voll Wohlwollen auf seine Wirthin und sprach:

»Ich weiß, um was Sie mich ersuchen wollen, doch ich werde Ihnen besser antworten, wenn ich Sie selbst befrage. Sie sind Mademoiselle Oliva?«

»Ja, mein Herr.«

»Eine reizende, äußerst nervöse und für das System Messmers eingenommene Frau?«

»Ich komme gerade von ihm.«

»Sehr gut! das erklärt Ihnen nicht, wie mir Ihre schönen Augen sagen, warum Sie mich auf Ihrem Sopha finden, und das ist es doch, was Sie besonders zu wissen wünschen.«

»Sie haben richtig errathen, mein Herr.«

»Wollen Sie mir den Gefallen erweisen, sich zu setzen; wenn Sie stehen blieben, wäre ich genöthigt, mich auch zu erheben; dann würden wir nicht bequem plaudern.«

»Sie können sich schmeicheln, sehr außerordentliche Manieren zu haben,« erwiderte die junge Frau, die wir fortan Mademoiselle Oliva nennen werden, da sie auf diesen Namen zu antworten sich herbeiließ.

»Mademoiselle, ich habe Sie vorhin bei Mesmer gesehen und so gefunden, wie ich Sie wünschte.«

»Mein Herr!«

»Oh! erschrecken Sie nicht; ich sage Ihnen nicht, ich habe Sie reizend gefunden; nein, das würde auf Sie die Wirkung einer Liebeserklärung machen, und das ist nicht meine Absicht. Ich bitte, weichen Sie nicht zurück, Sie nöthigen mich, zu schreien, wie ein Tauber.«

»Was wollen Sie denn?« versetzte Oliva naiv.

»Ich weiß, daß Sie gewohnt sind, sich schön nennen zu hören,« fuhr der Unbekannte fort; »ich, der ich dieß übrigens auch denke, habe Ihnen etwas Anderes vorzuschlagen.«

»Mein Herr, Sie sprechen wahrhaftig in einem Ton mit mir…«

»Brausen Sie nicht auf, ehe Sie mich gehört haben… Ist Jemand hier verborgen?«

»Niemand ist hier verborgen, aber…«

»Wenn Niemand hier verborgen ist, so sprechen wir ohne Scheu. Was würden Sie zu einem kleinen Bündniß zwischen uns sagen?«

»Ein Bündniß … Sie sehen wohl…«

»Sie verwechseln abermals. Ich sage Ihnen nicht, Bund, sondern Bündniß. Ich spreche nicht von Liebe, sondern von Geschäften.«

»Was für Geschäfte meinen Sie?« fragte Oliva, deren Neugierde sich durch ein sichtbares Erstaunen verrieth.

»Was thun Sie den ganzen Tag?«

»Aber…«

»Seien Sie ohne Furcht; es fällt mir nicht ein, Sie zu tadeln; sagen Sie mir, was Ihnen beliebt.«

»Ich thue Nichts, oder mindestens so wenig, als möglich.«

»Sie sind träge.«

»Oh!«

»Sehr gut.«

»Oh! Sie sagen, sehr gut.«

»Allerdings. Was macht es mir, daß Sie träge sind? Gehen Sie gern spazieren?«

»Sehr gern.«

»Lieben Sie die Schauspiele, die Bälle?«

»Stets.«

»Das Wohlleben?«

»Ganz besonders.«

»Wenn ich Ihnen fünfundzwanzig Louisd'or monatlich geben wollte, würden Sie es ausschlagen?«

»Mein Herr!«

»Meine liebe Demoiselle Oliva, Sie fangen wieder an zu zweifeln. Es war doch unter uns verabredet, daß Sie sich nicht erzürnen sollten. Ich sagte fünfundzwanzig Louisd'or, wie ich fünfzig gesagt hätte.«

»Fünfzig wären mir lieber, als fünfundzwanzig, doch was ich fünfzig vorziehe, das ist das Recht, mir meinen Geliebten zu wählen.«

»Zum Henker! ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich nicht Ihr Liebhaber sein will: hören Sie mich also ruhig an.«

»Nun denn auch zum Henker, was soll ich thun, um Ihre fünfzig Louisd'or zu verdienen?«

»Haben wir gesagt: fünfzig?«

»Ja.«

»Gut, fünfzig. Sie empfangen mich bei sich, Sie machen mir das möglichst freundliche Gesicht, Sie geben mir den Arm, wenn ich es wünsche, Sie erwarten mich, wo ich Sie mich erwarten heiße.«

»Aber ich habt einen Liebhaber, mein Herr,« – »Nun, was dann?« – »Wie, was dann?« – »Ja, jagen Sie ihn zum Teufel!« – »Oh! man jagt Beausire nicht fort, wie man will.« – »Soll ich Ihnen dabei helfen?« – »Nein, ich liebe ihn.« – »Oh!« – »Ein wenig.« – »Das ist gerade zu viel.« – »Es ist so.« – »So will ich mir den Beausire gefallen lassen.« – »Sie sind bequem, mein Herr.« – »Unter dem Vorbehalte der Wiedervergeltung; sind Ihnen die Bedingungen genehm?« – »Sie sind es mir, wenn Sie mir dieselben vollständig gesagt haben.« – »Hören Sie, meine Liebe, ich habe Alles gesagt, was ich für den Augenblick zu sagen hatte.« – »Bei Ihrem Ehrenwort?« – »Bei meinem Ehrenwort. Doch Sie begreifen Eines?« – »Was?« – »Daß, wenn ich zufällig nöthig hätte, daß Sie wirklich meine Geliebte wären …« – »Ah! sehen Sie! man hat das nie nöthig, mein Herr.« – »Doch es zu scheinen.« – »Das will ich mir auch gefallen lassen.« – »Gut, abgemacht also.« – »Topp!« – »Hier ist der erste Monat zum Voraus.«

Er reichte ihr eine Rolle von fünfzig Louisd'or, ohne nur das Ende ihrer Finger zu berühren. Und da sie zögerte, ließ er die Rolle in die Tasche ihres Rockes gleiten, ohne diese so runden und so beweglichen Hüften, welche die Feinschmecker Spaniens nicht verachtet hätten, wie er, auch nur zu streifen.

Kaum war das Gold auf den Grund der Tasche gelangt, als ein zweimaliges Klopfen an die Hausthüre Oliva nach dem Fenster springen machte.

»Guter Gott!« rief sie, »entfliehen Sie geschwind, er ist es.«

»Er. Wer?«

»Beausire … mein Liebhaber; rühren Sie sich doch.«

»Oh! meiner Treue, mir gleichviel.«

»Wie, gleichviel? er wird Sie in Stücke hauen.«

»Bah!«

»Hören Sie, wie er klopft; er wird die Thüre sprengen.«

»Lassen Sie ihm öffnen; warum des Teufels geben Sie ihm denn keinen Hauptschlüssel?«


Hiermit streckte sich der Unbekannte auf dem Sopha aus und sagte leise:

»Ich muß diesen Burschen sehen und ihn beurtheilen.«

Das Klopfen wurde fortgesetzt, darunter mischten sich Flüche, welche noch viel höher hinaufstiegen, als bis zum zweiten Stockwerk.

»Gehen Sie, Mutter, öffnen Sie,« sagte Oliva ganz wüthend. »Und was Sie betrifft, mein Herr, mir gleichviel, wenn Ihnen ein Unglück widerfährt.«

»Wie Sie sagen, gleichviel,« erwiderte der unempfindliche Unbekannte, ohne sich vom Sopha zu rühren.

Oliva horchte bebend auf dem Ruheplatz.

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04 aralık 2019
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