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Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 23
XXIX.
Der Handel
Nun verstand sich der Herr Gesandte dazu, das Halsband im Einzelnen zu untersuchen.
Herr Böhmer zeigte begierig jedes Stück und hob jede Schönheit hervor.
»Ueber die Gesammtheit dieser Steine,« sagte Beausire, mit dem Don Manoel portugiesisch gesprochen hatte, »über die Gesammtheit weiß der Herr Gesandte nichts zu sagen, diese ist befriedigend. Was die Diamanten selbst betrifft, so ist nicht dasselbe der Fall: Seine Excellenz hat zehn ein wenig gepickte, ein wenig fleckige gezählt.«
»Oh!« machte Böhmer.
»Seine Excellenz,« unterbrach ihn Beausire, »versteht sich besser als Sie auf Diamanten; die adeligen Portugiesen spielen in Brasilien mit Diamanten, wie hier die Kinder mit Glas.«
Don Manoel legte wirklich den Finger auf mehrere Diamanten hinter einander, und machte mit bewunderungswürdiger Scharfsicht die unscheinbaren Fehler bemerkbar, die vielleicht sogar ein Kenner nicht getadelt hätte.
»So aber, wie es ist,« sprach Böhmer, etwas erstaunt darüber, daß er in einem so vornehmen Herrn einen so feinen Juwelier erblickte, »so wie es ist, ist dieses Halsband die schönste Verbindung von Diamanten, die es in diesem Augenblick in Europa gibt.«
»Das ist wahr,« erwiderte Don Manoel, und auf ein Zeichen fügte Beausire bei:
»Wohl, Herr Böhmer, hören Sie, wie sich die Sache verhält. Ihre Majestät die Königin von Portugal hat von dem Halsband sprechen gehört; sie hat Seine Excellenz beauftragt, über den Ankauf zu unterhandeln, nachdem der Herr Gesandte die Diamanten gesehen. Die Diamanten sagen Seiner Excellenz zu; was verlangen Sie für das Halsband?«
»Sechzehnmal hunderttausend Livres.«
Beausire wiederholte seinem Gesandten die Zahl.
»Das ist um hunderttausend Livres zu theuer,« sprach Don Manoel.
»Gnädiger Herr,« erwiderte Böhmer, »man kann den Nutzen bei einem Gegenstand von dieser Bedeutung nicht genau berechnen; es waren, um einen Schmuck von diesem Werth zu verfertigen, Nachforschungen und Reisen erforderlich, über die man erschrecken würde, wenn man sie kännte, wie ich.«
»Hunderttausend Livres zu theuer,« wiederholte der zähe Portugiese.
»Und wenn Ihnen der Herr Gesandte dieß sagt,« fügte Beausire bei, »so muß es bei ihm Ueberzeugung sein, denn Seine Excellenz handelt nie.«
Böhmer schien ein wenig erschüttert. Nichts beruhigt argwöhnische Kaufleute so sehr, als ein Käufer, der handelt.
Nachdem er einen Augenblick gezögert, sprach er:
»Ich kann unmöglich eine Preisherabsetzung unterschreiben, welche die Differenz des Gewinns oder Verlustes zwischen meinem Associé und mir bildet.«
Don Manoel hörte die Übersetzung von Beausire und stand auf.
Beausire schloß das Etui und gab es Böhmer.
»Ich werde indessen mit Herrn Bossange reden,« sagte der Letztere; »ist das Euer Excellenz genehm?«
»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Beausire.
»Ich will damit sagen, der Herr Gesandte scheine fünfzehnmal hunderttausend Livres für das Halsband geboten zu haben.«
»Ja.«
»Bleibt Seine Excellenz bei ihrem Preis?«
»Seine Excellenz geht nie von dem, was sie gesagt hat, zurück,« erwiderte Beausire, »aber Seine Excellenz weicht nicht immer vor dem Verdruß zurück, zu handeln oder mit sich handeln zu lassen.«
»Herr Secretär, begreifen Sie nicht, daß ich mit meinem Associé sprechen muß?«
»Oh! vollkommen, Herr Böhmer.«
»Vollkommen,« erwiderte in portugiesischer Sprache Don Manoel, zu welchem die Aeußerung Böhmers gelangt war; »aber für mich ist auch eine rasche Lösung nothwendig.«
»Wohl! gnädiger Herr, wenn mein Associé die Herabsetzung annimmt, so nehme ich sie zum Voraus an.«
»Gut.«
»Der Preis ist also nun fünfzehnmal hunderttausend Livres.«
»Es sei.«
»Es bleibt nur noch,« sagte Böhmer, »abgesehen von der Ratification des Herrn Bossange …«
»Natürlich.«
»Es bleibt nur noch die Zahlungsweise.«
»Sie werden in dieser Hinsicht nicht die geringste Schwierigkeit haben,« erwiderte Beausire. »Wie wollen Sie bezahlt sein?«
»Ei! in baarem Gelde, wenn es möglich ist!« rief Böhmer lachend.
»Was nennen Sie baares Geld?« fragte Beausire kalt.
»Oh! ich weiß wohl, daß Niemand anderthalb Millionen in klingender Münze zu geben hat!« rief Böhmer seufzend.
»Und Sie würden selbst darüber in Verlegenheit sein, Herr Böhmer.«
»Herr Secretär, ich werde indessen nie in den Verkauf ohne Barzahlung einwilligen.«
»Das ist nicht mehr als billig,« erwiderte Beausire.
Und er wandte sich gegen Don Manoel und fragte:
»Wie viel würde Euere Excellenz Herrn Böhmer baares Geld geben?«
»Hunderttausend Livres,« antwortete der Portugiese.
»Hunderttausend Livres bei Unterzeichnung des Kaufes,« sagte Beausire zu Böhmer.
»Und das Uebrige?« fragte dieser.
»In der Zeit, die eine Tratte braucht, um von Paris nach Lissabon zu gehen, wenn Sie nicht lieber den von Lissabon nach Paris abgeschickten Avis abwarten wollen.«
»Oh!« erwiderte Böhmer, »wir haben einen Correspondenten in Lissabon; schreiben wir ihm …«
»Gut,« sagte Beausire, spöttisch lachend, »schreiben Sie ihm; fragen Sie ihn, ob Herr von Suza zahlungsfähig und ob Ihre Majestät die Königin für vierzehnmal hunderttausend Livres gut sei.«
»Mein Herr,« stammelte Böhmer ganz verwirrt.
»Nehmen Sie an, oder ziehen Sie andere Bedingungen vor?«
»Die, welche der Herr Secretär mir zuerst stellen wollte, scheinen mir annehmbar. Sollen Raten bei der Bezahlung stattfinden?«
»Drei Raten, jede von fünfmalhunderttausend Livres, und daraus ginge für Sie eine schöne Reise hervor.«
»Eine Reise nach Lissabon?«
»Warum nicht? In drei Monaten anderthalb Millionen eincassiren, das lohnt sich doch der kleinen Mühe.«
»Oh! gewiß, aber …«
»Ueberdieß reisen Sie auf Kosten der Gesandtschaft, und ich, oder der Herr Kanzler, wir werden Sie begleiten.«
»Ich würde die Diamanten bei mir haben?«
»Ohne allen Zweifel, wenn Sie es nicht vorziehen, die Tratten von hier abzuschicken und die Diamanten allein gehen zu lassen.«
»Ich weiß nicht … ich … glaube … die Reise wäre unnöthig, und …«
»Das ist auch meine Ansicht. Man würde hier unterzeichnen. Sie würden Ihre hunderttausend Livres baar Geld hier in Empfang nehmen, den Verkauf unterzeichnen und die Diamanten Ihrer Majestät überbringen … Wer ist Ihr Correspondent?«
»Die Herren Nunez Balboa und Gebrüder.«
Don Manoel schaute empor und sprach lächelnd:
»Das sind meine Banquiers.«
»Das sind die Banquiers Seiner Excellenz,« sagte Beausire ebenfalls lächelnd.
Böhmer schien zu strahlen; sein Gesicht hatte keine Wolke behalten; er verbeugte sich, als wollte er danken und Abschied nehmen.
Plötzlich führte ihn eine Betrachtung zurück.
»Was gibt es?« fragte Beausire unruhig.
»Das Wort ist gegeben?« sagte Böhmer.
»Ja gegeben.«
»Abgesehen …«
»Abgesehen von der Ratifikation des Herrn Bossange, das haben wir gesagt.«
»Abgesehen von einem andern Fall,« fügte Böhmer bei.
»Ah! ah!«
»Mein Herr, das ist ganz zarter Natur, und die Ehre des portugiesischen Namens ist ein zu mächtiges Gefühl, als daß Seine Excellenz meinen Gedanken nicht begreifen sollte.«
»Welche Umschweife! Zur Sache!«
»Hören Sie. Das Halsband ist Ihrer Majestät der Königin von Frankreich angeboten worden.«
»Die es ausgeschlagen hat. Weiter?«
»Wir können das Halsband nicht für immer aus Frankreich weggehen lassen, ohne die Königin davon zu benachrichtigen; und die Ehrfurcht, die Loyalität sogar fordern, daß wir Ihrer Majestät der Königin den Vorzug geben.«
»Das ist richtig,« sprach Don Manoel mit Würde. »Ich wollte, ein portugiesischer Kaufmann würde ebenso sprechen, wie Herr Böhmer.«
»Ich bin sehr glücklich und sehr stolz, daß Seine Excellenz mir beizustimmen die Gnade hat. Folgendes sind also die zwei vorhergesehenen Fälle: Ratifikation der Bedingungen durch Bossange, zweite und definitive abschlägige Antwort Ihrer Majestät der Königin von Frankreich. Hiezu bitte ich Sie um drei Tage.«
»Von unserer Seite,« sagte Beausire, »hunderttausend Livres baar Geld, drei Tratten von fünfmal hunderttausend Livres in Ihre Hände gelegt, das Diamantkästchen dem Herrn Kanzler der Gesandtschaft oder mir übergeben, die wir geneigt sind, Sie nach Lissabon zu den Herren Nunez Balboa und Gebrüder zu begleiten. Vollständige Zahlung in drei Monaten. Reisekosten frei.
»Ja, Ew. Excellenz, ja, mein Herr,« sprach Böhmer sich verbeugend.
»Oh!« sagte Don Manoel, der nur Portugiesisch sprach.
»Was denn?« versetzte Böhmer, nun ebenfalls unruhig.
»Als Nadelgeld,« sprach der Gesandte, »einen Ring von tausend Pistolen für meinen Secretär, einen für meinen Kanzler, Ihren Reisegefährten, Herr Juwelier.«
»Das ist nur zu billig, gnädiger Herr,« murmelte Böhmer »ich hatte diese Ausgabe schon in meinem Geiste gemacht.«
Don Manoel entließ den Juwelier mit der Geberde eines vornehmen Herrn.
Die zwei Verbündeten blieben allein.
»Wollen Sie mir erklären,« sagte Don Manoel mit einer gewissen Heftigkeit zu Beausire, »erklären Sie mir, was für einen Teufelsgedanken Sie gehabt haben, daß die Diamanten nicht hier ausgeliefert werden sollen? Eine Reise nach Portugal, sind Sie verrückt? Konnte man nicht den Juwelieren die hunderttausend Livres geben und ihre Diamanten dagegen nehmen?«
»Sie nehmen Ihre Gesandtenrolle zu sehr im Ernst,« erwiderte Beausire. »Sie sind noch nicht ganz Herr von Suza für Herrn Böhmer.«
»Würde er unterhandelt haben, wenn er Verdacht gehabt hätte?«
»So lange es Ihnen beliebt. Es ist möglich, er hätte nicht unterhandelt; aber jeder Mensch, der fünfzehnmal hunderttausend Livres besitzt, glaubt sich über allen Königen und allen Gesandten der Welt. Jeder Mensch, der fünfzehnmal hunderttausend Livres gegen Papierstücke tauscht, will wissen, ob diese Papiere etwas werth sind.«
»Sie gehen also nach Portugal, Sie, der Sie gar nicht Portugiesisch verstehen? Ich sage Ihnen, Sie sind verrückt.«
»Keines Wegs. Sie werden selbst dahin gehen.«
»Oh! nein!« rief Don Manoel, »ich, nach Portugal zurückkehren, ich habe zu vortreffliche Gründe! Nein, nein.«
»Ich erkläre Ihnen, daß Böhmer seine Diamanten nie gegen Papiere gegeben hätte.«
»Papiere mit der Unterschrift eines Suza!«
»Ich sagte ja, er hält sich für Suza!« rief Beausire, in die Hände klatschend.
»Ich will lieber sagen hören, das Geschäft sei verfehlt.«
»Entfernt nicht. Kommen Sie hierher, Herr Commandeur,« sprach Beausire zu dem Kammerdiener, der auf der Schwelle erschien. »Nicht wahr, Sie wissen, um was es sich handelt?«
»Ja.«
»Sie behorchten mich?«
»Gewiß.«
»Sehr gut. Sind Sie der Ansicht, ich habe eine Dummheit begangen?«
»Ich bin der Ansicht, daß Sie hunderttausendmal Recht haben.«
»Sagen Sie, warum?«
»Herr Böhmer hätte nie aufgehört, das Hotel der Gesandtschaft und den Gesandten zu überwachen.«
»Nun?« fragte Don Manoel.
»Mit seinem Geld in der Hand, seinem Etui an der Seite wird Herr Böhmer keinen Verdacht haben und ruhig nach Portugal abreisen.«
»Wir werden nicht so weit gehen, Herr Gesandter,« sagte der Kammerdiener, »nicht wahr, Herr Chevalier von Beausire?«
»Oh! das ist ein Junge von Geist!« rief der Liebhaber Oliva's.
»Erklären Sie Ihren Plan,« sprach Don Manoel ziemlich kalt.
»Fünfzig Meilen von Paris,« sagte Beausire, »zeigt dieser Junge von Geist, mit einer Maske vor dem Gesicht, unserem Postillon ein paar Pistolen; er raubt uns unsere Tratten, unsere Diamanten, prügelt Herrn Böhmer durch, und Alles ist abgethan.«
»Ich verstand das nicht so,« sagte der Kammerdiener. »Ich sah Herrn Beausire sich mit Herrn Böhmer nach Portugal einschiffen.«
»Sehr gut.«
»Herr Böhmer liebt, wie alle Deutsche, das Meer und geht auf dem Verdeck spazieren. An einem Tag, wo das Schiff schwankt, neigt er sich hinaus und fällt. Man glaubt, das Etui sei mit ihm hinabgefallen. Warum sollte die See nicht für fünfzehnmal hunderttausend Livres Diamanten behalten, während sie die indischen Galionen behalten hat?«
»Ah! ja, ich begreife,« sagte der Portugiese.
»Das ist ein Glück,« brummte Beausire.
»Nur,« versetzte Don Manoel, »nur wird man dafür, daß man Diamanten entwendet, in die Bastille geworfen, dafür, daß man den Herrn Juwelier hat in's Meer schauen lassen, gehenkt.«
»Hat man Diamanten gestohlen, so kann man festgenommen werden,« entgegnete der Commandeur; »dafür aber, daß man diesen Menschen ertränkt, kann man nicht eine Minute in Verdacht kommen.«
»Wir werden überdieß sehen, wenn wir einmal dort sind,« sagte Beausire. »Nun zu unseren Rollen. Betreiben wir die Gesandtschaft als Muster-Portugiesen, damit man von uns sage: Waren sie nicht ächte Gesandte, so sahen sie wenigstens so aus. Das ist immerhin schmeichelhaft. Warten wir die drei Tage ab.«
XXX.
Das Haus des Zeitungsschreibers
Es war am Tage, nachdem die Portugiesen mit Böhmer das Geschäft gemacht hatten, und drei Tage nach dem Opernball, dem wir einige von den Hauptpersonen dieser Geschichte beiwohnen sahen.
In der Rue Montorgueil, im Hintergrunde eines durch ein Gitter geschlossenen Hofes, erhob sich ein kleines, langes, schmales Haus, geschützt vor dem Geräusch der Straße durch Läden, welche an das Provinzleben erinnerten.
Im Hintergrunde dieses Hofes bot das Erdgeschoß, das man mittelst einer Sondirung der verschiedenen Furten von zwei oder drei stinkenden Pfützen suchen mußte, eine Art von halboffener Bude, wenn man das Hinderniß des Gitters überwunden und den Raum des Hofes durchschritten hatte.
Es war dieß das Haus eines ziemlich bekannten Journalisten, eines Zeitungsschreibers, wie man damals sagte. Der Redacteur bewohnte den ersten Stock. Das Erdgeschoß diente zur Aufhäufung der Zeitungslieferungen, welche mit Nummern versehen waren. Die zwei andern Stockwerke gehörten ruhigen Leuten, welche sehr wohlfeil die Unannehmlichkeit bezahlten, mehrere Male im Hofe geräuschvollen Scenen beizuwohnen, die dem Zeitungsschreiber durch Polizeiagenten, durch beleidigte Privatleute oder durch Schauspieler, welche er als Heloten behandelt hatte, gemacht wurden.
An diesem Tage schloßen die Miethleute vom Hause mit dem Gitter, so nannte man es im Quartier, ihre vorderen Fenster, um besser das Gezänke des Zeitungsschreibers zu hören, der, wenn er verfolgt wurde, sich gewöhnlich in die Rue des Vieux-Augustins durch einen Ausgang flüchtete, welcher auf gleichem Boden mit seinem Zimmer lag.
Eine Geheimthüre öffnete und schloß sich wieder, der Lärm hörte auf; der bedrohte Mensch war verschwunden; die Angreifer befanden sich allein vor vier Füsilieren der französischen Garde, welche eine Magd in der Eile bei dem Posten in der Halle requirirt hatte.
Es geschah wohl zuweilen, daß die Angreifenden, wenn sie Niemand fanden, gegen den sie ihren Zorn losbrechen lassen konnten, sich an die befeuchteten Papierwische des Erdgeschosses hielten und eine Anzahl schuldiger Papiere zerrissen, zerstampften oder verbrannten, wenn sich unglücklicher Weise Feuer in der Gegend befand.
Aber was ist ein Stück Zeitung für eine Rache, welche Stücke von der Haut des Zeitungsschreibers fordert?
Abgesehen von diesen Scenen war die Ruhe des Hauses mit dem Gitter beinahe sprichwörtlich.
Herr Reteau ging Morgens aus, machte seine Runde auf den Quais, auf den Plätzen und den Boulevards. Er fand die Lächerlichkeiten, die Laster, schrieb Noten dazu, zeichnete sie nach der Natur und nahm sie ganz porträtirt in seine nächste Nummer auf.
Die Zeitung erschien wöchentlich.
Das heißt vier Tage hindurch machte Herr Reteau seine Artikeljagd, die drei andern Tage ließ er drucken, und der Tag, an dem er die Nummer veröffentlichte, war für seine Belustigung bestimmt.
Das Blatt war an dem Tag, von dem wir sprechen, erschienen, gerade zweiundsiebenzig Stunden nach dem Opernball, wo Mlle. Oliva so viel Vergnügen am Arm eines blauen Domino gefunden hatte.
Herr Reteau stand um acht Uhr auf und empfing von seiner alten Magd die noch feuchte und unter ihrem graurothen Umschlag stinkende Nummer des Tages.
Er beeilte sich, diese Nummer mit der Sorgfalt zu lesen, die ein zärtlicher Vater darauf verwendet, daß er die guten Eigenschaften oder Fehler seines geliebten Sohnes die Revue passieren läßt.
Als er geendigt hatte, sagte er zu der Alten:
»Aldegonde, das ist eine hübsche Nummer, hast Du sie gelesen?«
»Nein, noch nicht, meine Suppe ist noch nicht fertig,« antwortete die Alte.
»Ich bin mit dieser Nummer zufrieden,« sagte der Zeitungsschreiber, indem er über seinem mageren Bett seine noch viel magereren Arme erhob.
»Ja,« versetzte Aldegonde, »doch wissen Sie, was man in der Druckerei sagt?«
»Was sagt man?«
»Man sagt, sicherlich werden Sie dießmal der Bastille nicht entgehen.«
Reteau setzte sich auf und sprach mit ruhigem Tone:
»Aldegonde, Aldegonde! mach mir eine gute Suppe und mische Dich nicht in die Literatur.
»Oh! immer derselbe!« rief die Alte, »frech wie ein Spatz!«
»Ich kaufe Dir Ohrringe mit der heutigen Nummer,« sprach der Zeitungsschreiber, während er sich in sein zweideutig weißes Leintuch hüllte. »Hat man schon viele Exemplare gekauft?«
»Noch nicht, und meine Ohrringe werden nicht sehr glänzend sein, wenn das so fortgeht. Erinnern Sie sich der guten Nummer gegen Herrn von Broglie? Es war noch nicht zehn Uhr, als man schon hundert Nummern verkauft hatte.«
»Und ich war dreimal durch die Rue des Vieux-Augustins passirt,« sagte Reteau; »jedes Geräusch machte mir Fieber; diese Militäre sind so roh.«
»Daraus schließe ich,« fuhr die alte zähe Aldegonde fort, »daß die heutige Nummer nicht so viel Werth sein wird, als die des Herrn von Broglie.«
»Es mag sein; doch ich werde nicht so viel zu laufen haben und in Ruhe meine Suppe essen. Weißt Du warum, Aldegonde?«
»Meiner Treue, nein, Herr.«
»Statt einen Menschen anzugreifen, greife ich einen Körper an; statt einen Militär anzugreifen, greife ich eine Königin an.«
»Die Königin! Gott sei gelobt,« murmelte die Alte; »dann seien Sie unbesorgt, greifen Sie die Königin an, so werden Sie im Triumph getragen; wir verkaufen die Nummern, und ich bekomme meine Ohrringe.«
»Man läutet,« sagte Reteau, der wieder in sein Bett zurückgekehrt war.
Die Alte lief nach der Bude, um den Besuch zu empfangen. Nach einem Augenblick kam sie leuchtend, triumphirend wieder herauf.
»Tausend Exemplare auf einmal, tausend: das ist eine Bestellung.«
»In wessen Namen?« fragte Reteau lebhaft.
»Ich weiß es nicht.«
»Ich muß es wissen, lauf geschwind.«
»Oh! wir haben Zeit; es ist keine Kleinigkeit, tausend Nummern zu zählen, mit Schnur zu umbinden und aufzuladen.«
»Lauf geschwind, sage ich Dir, und frage den Bedienten … ist es ein Bedienter?«
»Es ist ein Commissionär, ein Auvergnate, mit seinem Reff.«
»Gut! forsche ihn aus, frage ihn, wohin er diese Nummern trage.«
Aldegonde beeilte sich; ihre plumpen Beine machten die hölzerne Treppe ächzen und ihre fragende Stimme ertönte unablässig durch die Bretter.
Der Commissionär erwiderte, er trage diese Nummern nach der Rue Neuve-Saint-Gilles im Marais zu dem Grafen von Cagliostro.
Der Zeitungsschreiber machte einen Freudensprung, der sein Lager beinahe umgestürzt hätte. Er stand auf und beschleunigte selbst die Expedition, die der Sorge eines einzigen Commis, einer Art von hungrigem Schatten, noch durchsichtiger als die gedruckten Blätter, anvertraut war. Die tausend Exemplare wurden auf das Reff des Auvergnaten geladen und dieser verschwand, gebückt unter seiner Last, durch das Gitter.
Herr Reteau schickte sich an, für die nächste Nummer den günstigen Erfolg von dieser aufzuzeichnen und einige Zeilen dem edelmüthigen Mann zu widmen, der die Gnade gehabt, tausend Nummern von einem angeblich politischen Pamphlet zu nehmen. Herr Reteau, sagen wir, wünschte sich Glück, eine so vortreffliche Bekanntschaft gemacht zu haben, als die Klingel abermals im Hofe ertönte.
»Noch einmal tausend Exemplare,« sagte Aldegonde, angelockt durch die erste Gunst des Schicksals. »Ah! Herr, darüber darf man sich nicht wundern; sobald es sich um die Oesterreicherin handelt, macht alle Welt Chorus.«
»Stille! stille, Aldegonde: sprich nicht so laut, das ist eine Beleidigung, die mir die Bastille eintragen würde, welche Du mir geweissagt hast.«
»Nun! was,« versetzte die Alte mit bissigem Ton, »ja oder nein, ist sie die Oesterreicherin?«
»Das ist ein Wort, welches wir Journalisten in Umlauf bringen, mit dem man aber nicht verschwenderisch umgehen darf.«
Abermaliges Läuten.
»Sieh nach, Aldegonde, ich glaube nicht, daß dieß ist, um Nummern zu kaufen.«
»Warum glauben Sie das?« fragte die Alte hinabsteigend.
»Ich weiß es nicht; mir scheint, ich sehe einen Menschen von unheilverkündendem Gesicht am Gitter.«
Aldegonde stieg fortwährend hinab, um zu öffnen.
Herr Reteau schaute mit einer Aufmerksamkeit, die man begreifen wird, nachdem wir den Menschen und seine Officin geschildert haben.
Aldegonde öffnete in der That einem einfach gekleideten Mann, der sich erkundigte, ob man den Redacteur der Zeitung zu Hause finde.
»Was haben Sie ihm zu sagen?« fragte Aldegonde etwas mißtrauisch.
Und sie machte die Thüre kaum ein wenig auf, bereit, sie beim ersten Anschein von Gefahr wieder zuzuschlagen.
Der Mann ließ Thaler in seiner Tasche klingen.
Dieser Metallton erweiterte das Herz der Alten.
»Ich komme,« sagte er, »um die tausend Exemplare der heutigen Zeitung zu bezahlen, die man im Namen des Herrn Grafen von Cagliostro geholt hat.«
»Ah! wenn es so ist, treten Sie ein.«
Der Mann ging durch das Gitter; doch er hatte es noch nicht wieder geschlossen, als hinter ihm ein anderer Besuch, ein großer junger Mann von schönem Aussehen, dieses Gitter mit den Worten: »Verzeihen Sie, mein Herr!« zurückhielt.
Und ohne anders um Erlaubniß zu bitten, schlüpfte er hinter dem vom Grafen von Cagliostro abgesandten Bezahler herein.
Ganz nur mit dem Gewinn beschäftigt, bezaubert durch den Klang der Thaler, kam Aldegonde zu ihrem Gebieter.
»Ah!« sagte sie, »Alles geht gut. Hier sind die fünfhundert Livres von dem Herrn mit den tausend Exemplaren.«
»Empfangen wir sie auf eine noble Weise,« sprach Reteau, Larive in seiner neuesten Schöpfung parodirend.
Und er drapirte sich mit einem ziemlich schönen Schlafrock, den er der Freigebigkeit oder vielmehr der Angst von Madame Dugazon zu verdanken hatte, welcher er seit ihrem Abenteuer mit dem Kunstreiter Astley viele Geschenke aller Art entlockte.
Der Bezahler des Grafen von Cagliostro erschien, legte ein Säckchen mit Sechs-Livres-Thalern auf den Tisch und zählte davon bis hundert, die er in zwölf Haufen setzte.
Reteau zählte sehr genau nach und schaute, ob die Stücke nicht beschnitten waren. Als er die Rechnung richtig fand, dankte er, gab eine Quittung und entließ mit einem freundlichen Lächeln den Zahler, bei dem er sich boshafter Weise nach dem Befinden des Herrn Grafen von Cagliostro erkundigte.
Der Mann mit den Thalern dankte wie für ein ganz natürliches Compliment und zog sich zurück.
»Sagen Sie dem Herrn Grafen, ich erwarte ihn bei seinem ersten Wunsche,« sagte Reteau, »und fügen Sie bei, er möge ruhig sein, ich wisse ein Geheimniß zu bewahren.«
»Es ist unnöthig,« erwiderte der Zahler, »der Herr Graf von Cagliostro ist unabhängig, er glaubt nicht an den Magnetismus; er will, daß man über Herrn Mesmer spotte, und verbreitet das Abenteuer mit der Kufe zu seinem kleinen Vergnügen.«
»Gut!« murmelte eine Stimme auf der Thürschwelle, »wir werden bemüht sein, daß man auch auf Kosten des Herrn von Cagliostro lacht.«
Und Herr Reteau sah in seinem Zimmer eine Person erscheinen, die ihm noch viel finsterer als die erste vorkam.
Es war, wie gesagt, ein kräftiger junger Mann, doch Reteau theilte keines Wegs die Ansicht, die wir über sein gutes Aussehen ausgesprochen haben.
Er hatte in der That die linke Hand auf dem Knopf eines Degens und die rechte Hand auf dem Knopf eines Stockes.
»Was steht zu Ihren Diensten, mein Herr?« fragte Reteau mit einem gewissen Zittern, das ihn bei jeder etwas schwierigen Gelegenheit befiel.
Daraus geht hervor, daß Reteau, da die schwierigen Gelegenheiten nicht selten waren, oft zitterte.
»Sind Sie Herr Reteau?« fragte der Unbekannte.
»Ich bin es.«
»Der sich de Villette nennt?«
»Ich bin es, mein Herr.«
»Zeitungsschreiber?«
»Das bin ich immer.«
»Verfasser dieses Artikels?« sagte kalt der Unbekannte, indem er aus seiner Tasche eine noch frische Nummer der Zeitung des Tages zog.
»Ich bin in Wirklichkeit nicht der Verfasser, sondern der Veröffentlicher.«
»Sehr gut; das kommt genau auf dasselbe heraus, denn wenn Sie nicht den Muth besaßen, den Artikel zu schreiben, so hatten Sie doch wenigstens die Feigheit, ihn erscheinen zu lassen. Ich sage, Feigheit,« fuhr der Unbekannte mit kaltem Tone fort, »denn als Edelmann bin ich bemüht, meine Ausdrücke selbst in dieser Baracke abzumessen. Doch Sie dürfen das, was ich sage, nicht buchstäblich nehmen, denn was ich sage, drückt meinen Gedanken nicht aus. Drückte ich meinen Gedanken aus, so würde ich sagen: Derjenige, welcher den Artikel geschrieben hat, ist ein Schandbube; derjenige, welcher ihn veröffentlicht hat, ist ein Elender.«
»Mein Herr!« rief Reteau erbleichend.
»Ah! bei Gott! das ist eine schlimme Geschichte, es ist wahr,« fuhr der junge Mann fort, der sich immer mehr belebte, je mehr er sprach. »Aber hören Sie doch, mein Herr Schmierer, jedes Ding hat seine Zeit; soeben haben Sie die Thaler erhalten, nun sollen Sie die Prügel bekommen,«
»Oh! wir wollen sehen!« rief Reteau.
»Und was wollen wir sehen?« versetzte mit kurzem, ganz militärischem Ton der junge Mann, der, während er diese Worte sprach, auf seinen Gegner zuging.
Doch Reteau war nicht bei dem ersten Fall dieser Art; er kannte die Gelegenheit seines Hauses, er brauchte sich nur umzuwenden, um eine Thüre zu finden, durch diese hinauszuschlüpfen, den Flügel zuzuschlagen, sich desselben als eines Schildes zu bedienen und von da in ein anliegendes Zimmer zu eilen, das nach dem erwähnten Nebenausgang ausmündete, der auf die Rue des Vieux-Augustins führte.
Sobald er hier war, war er auch in Sicherheit: er fand ein anderes Gitter, das er mit einem Umdrehen des Schlüssels – und der Schlüssel war immer bereit – öffnete, wonach er aus Leibeskräften entlaufen konnte.
Dieser Tag war aber ein Unglückstag für den armen Zeitungsschreiber, denn in dem Augenblick, wo er die Hand an den Schlüssel legte, erblickte er durch die Oeffnung in der Mauer einen andern Mann, der ihm, ohne Zweifel vergrößert durch die Aufregung des Blutes, wie ein Hercules vorkam, und der, unbeweglich, drohend, zu warten schien, wie der hesperische Drache auf die Esser der goldenen Aepfel wartete.
Reteau wäre gern umgekehrt, aber der junge Mann mit dem Stock, derjenige, welcher zuerst vor seinen Augen erschienen war, hatte mit einem Fußtritt die Thüre eingestoßen, war ihm gefolgt und durfte nun, da Reteau durch den Anblick der anderen, ebenfalls mit Stock und Degen bewaffneten Schildwache zurückgehalten wurde, nur die Hand ausstrecken, um ihn zu packen.
Reteau fand sich zwischen zwei Feuern gefaßt, oder vielmehr zwischen zwei Stöcken, in einem kleinen, dunkeln, dumpfen Hofe, der zwischen den letzten Zimmern der Wohnung und dem glückseligen Gitter lag, das auf die Rue des Vieux-Augustins ging, d. h. wenn der Weg unbesetzt gewesen wäre, Rettung und Freiheit gebracht hätte.
»Mein Herr, lassen Sie mich gehen, ich bitte Sie,« sagte Reteau zu dem jungen Mann, der das Gitter bewachte.
»Mein Herr!« rief der junge Mann, der Reteau verfolgte, »mein Herr, nehmen Sie diesen Elenden fest.«
»Seien Sie unbesorgt, Herr von Charny, er wird nicht durchkommen,« erwiederte der junge Mann vom Gitter.
»Herr von Taverney, Sie hier!« rief Charny, denn er war es wirklich, der sich zuerst bei Reteau hinter dem Bezahler und durch die Rue Montorgueil eingefunden hatte.
Beiden war am Morgen, als sie die Zeitung gelesen, derselbe Gedanke gekommen, weil sie dasselbe Gefühl im Herzen trugen, und ohne denselben auch nur entfernt einander mitzutheilen, hatten sie diesen Gedanken in Ausführung gebracht. Sie wollten zu dem Zeitungsschreiber gehen, Genugthuung von ihm verlangen und ihn durchprügeln, im Fall er keine geben wollte.
Nur empfand Jeder von ihnen, als er den Andern erblickte, eine Regung übler Laune; Jeder errieth einen Nebenbuhler in dem Mann, der dasselbe Gefühl, wie er, gehabt hatte.
Herr von Charny sprach daher mit einem ziemlich verdrießlichen Ausdruck die fünf Worte: »Herr von Taverney, Sie hier?«
»Ich selbst,« erwiderte Philipp mit demselben Ausdruck der Stimme, wahrend er seinerseits eine Bewegung gegen den flehenden Zeitungsschreiber machte, der seine beiden Arme durch das Gitter streckte, »ich selbst, doch mir scheint, ich bin zu spät gekommen. Nun wohl, ich werde nur dem Feste beiwohnen, wofern Sie nicht die Güte haben, mir die Thüre zu öffnen.«
»Dem Feste,« murmelte erschrocken der Zeitungsschreiber, »dem Feste, was sagen Sie da? Wollen Sie mich etwa erwürgen, meine Herren?«
»Oh!« erwiderte Charny, »das Wort ist stark. Nein, mein Herr, wir wollen Sie nicht erwürgen, aber wir werden Sie befragen und dann sehen. Sie erlauben, Herr von Taverney, daß ich nach meinem Gutdünken gegen diesen Menschen verfahre?«
»Gewiß, mein Herr.« erwiderte Philipp, »Sie haben den Vortritt, da Sie zuerst gekommen sind.«
»Lehnen Sie sich an die Wand und rühren Sie sich nicht,« sprach Charny zu dem Zeitungsschreiber, während er zugleich mit der Geberde dankte. »Sie gestehen also, mein lieber Herr, daß Sie gegen die Königin das kurzweilige Mährchen, so nennen Sie es, das diesen Morgen in Ihrer Zeitung erschienen ist, geschrieben und veröffentlicht haben?«
»Mein Herr, es ist nicht gegen die Königin.«
»Ah! das fehlte nur noch.«
»Ah! Sie sind sehr geduldig, mein Herr!« rief Philipp von der andern Seite des Gitters.
»Seien Sie unbesorgt,« erwiderte Charny, »der Bursche wird durch das Warten nicht verlieren.«
»Ja,« murmelte Philipp, »aber ich warte auch.«
Charny antwortete nicht, wenigstens nicht Taverney. Aber wandte sich gegen den unglücklichen Reteau und sagte:
»Etteniotna ist umgekehrt Antoinette … Oh! lügen Sie nicht, mein Herr, das wäre so gemein, daß ich Sie, statt Sie zu schlagen oder anständig umzubringen, bei lebendigem Leibe schinden würde. Antworten Sie also und zwar kategorisch. Ich frage Sie, ob Sie der einzige Urheber dieses Pamphlets sind?«
»Ich bin kein Angeber,« erwiderte Reteau, sich aufrichtend.
»Sehr gut! damit sagen Sie, daß Sie einen Mitschuldigen haben; vor Allem der Mann, der Ihnen tausend Exemplare von dieser Schmähschrift abkaufen ließ, der Graf von Cagliostro, wie Sie vorhin sagten, wohl! der Graf wird für sich selbst bezahlen, wenn Sie für Ihre Person bezahlt haben werden.«
