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Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 26

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XXXIII.
Das Haupt der Familie Taverney

Während diese Dinge sich in der Rue Neuve-Saint-Gilles ereigneten, ging Herr von Taverney, Vater, in seinem Garten spazieren, gefolgt von zwei Lakaien, die einen Lehnstuhl schoben.

Es gab in Versailles und gibt vielleicht noch einige jener alten Hotels mit französischen Gärten, die, durch eine knechtische Nachahmung des Geschmackes und der Ideen des Gebieters, im Kleinen an das Versailles von Le Nôtre und Mansard erinnerten.

Mehrere Höflinge, Herr de la Feuillade war das Muster von ihnen, hatten sich in verjüngtem Maßstäbe eine unterirdische Orangerie, einen Schweizer-Teich und Apollo-Bäder bauen lassen.

Man fand auch den Ehrenhof und die Trianons, Alles in einem fünfhundertstels Maßstab: jedes Bassin war von einem Eimer Wasser dargestellt.

Herr von Taverney hatte dasselbe gethan, seitdem von S. M. Ludwig XV. die Trianons beliebt worden waren. Das Haus in Versailles hatte seine Trianons, seine Obstgärten und seine Blumenbeete bekommen. Seitdem S. M. König Ludwig XVI. seine Schlosserwerkstätte und seine Drechselbank eingerichtet, besaß Herr von Taverney seine Schmiede und seine Hobelbank. Seitdem Marie-Antoinette englische Gärten, künstliche Flüsse, Prairien und Schweizerhütten gezeichnet, hatte Herr von Taverney in einer Ecke seines Gartens ein Trianon für Puppen und einen Bach für junge Enten gemacht.

In dem Augenblick, wo wir ihn auffassen, schlürfte er indessen die Sonne in der einzigen Allee vom großen Jahrhundert ein, die ihm blieb, in einer Allee von Linden mit den langen Fasern, so roth wie der Eisendraht, der aus dem Feuer kommt. Er ging in kurzen Schritten, die Hände im Aermel, und alle fünf Minuten näherte sich ihm der Stuhl, der von den Bedienten geschoben wurde, um ihm nach der Leibesübung Ruhe anzubieten.

Er genoß, der großen Sonne zublinzelnd, diese Ruhe, als vom Hause ein Portier herbeilief und ihm zurief:

»Der Herr Chevalier!«

»Mein Sohn!« sagte der Greis mit stolzer Freude.

Dann wandte er sich und sprach, als er Philipp erblickte, der dem Portier folgte:

»Mein lieber Chevalier!«

Und durch eine Geberde entließ er die Bedienten.

»Komm, Philipp, komm,« fuhr der Baron fort, »Du erscheinst zu rechter Zeit, mein Geist ist voll freudiger Gedanken. Ei! was für ein Gesicht machst Du denn? Du schmollst?«

»Ich, mein Vater, nein.«

»Du weißt schon das Resultat der Sache?«

»Welcher Sache?«

Der Greis wandte sich um, als wollte er sehen, ob man horchte.

»Sie können sprechen, Niemand horcht, mein Herr,« sagte Philipp.

»Ich meine die Geschichte vom Ball.«

»Ich begreife noch weniger.«

»Vom Opernball.«

Philipp erröthete, der boshafte Greis bemerkte es.

»Unkluger!« sagte er, »Du machst es wie die schlechten Seeleute: sobald sie günstigen Wind haben, setzen sie alle Segel ein. Auf, setze Dich auf diese Bank und höre meine Moral.«

»Mein Herr …«

»Du treibst Mißbrauch, Du schneidest zu scharf durch; während Du einst so schüchtern, so zart, so zurückhaltend warst, compromittirst Du sie jetzt.«

Philipp stand auf.

»Von wem sprechen Sie, mein Herr?«

»Von ihr, bei Gott, von ihr.«

»Wer ist das?«

»Ah! Du glaubst, ich wisse nichts von Deinem muthwilligen Streich, von dem Streich, den Ihr Beide auf dem Opernball machtet? das ist hübsch.«

»Mein Herr, ich betheure Ihnen …«

»Aergere Dich nicht; was ich Dir sage, sage ich Dir zu Deinem Besten; Du hast keine Vorsicht, was Teufels, man wird Dich erwischen! Man hat Dich dießmal mit ihr auf dem Ball gesehen, man wird Dich ein anderes Mal anderswo sehen.«

»Man hat mich gesehen?«

»Bei Gott! hattest Du, ja oder nein, einen blauen Domino?«

Taverney wollte aufschreien, er habe keinen blauen Domino, und man täusche sich, er sei nicht auf dem Ball gewesen, er wisse nicht, welchen Ball sein Vater meine; aber es widerstrebt gewissen Herzen, sich bei so delicaten Umständen zu vertheidigen; nur diejenigen vertheidigen sich energisch, welche wissen, daß man sie liebt, und daß sie, indem sie sich vertheidigen, dem Freund, der sie anschuldigt, einen Dienst thun.

»Wozu soll es nützen, daß ich meinem Vater Erklärungen gebe?« dachte Philipp, »überdieß muß ich Alles wissen.«

Er neigte das Haupt, wie ein Schuldiger, der gesteht.

»Du siehst wohl,« fuhr der Greis triumphirend fort, »Du bist erkannt worden, dessen war ich sicher. Herr von Richelieu, der Dich ungemein liebt, und der, trotz seiner einundachtzig Jahre, auf dem Ball war, Herr von Richelieu forschte nach, wer der blaue Domino sein könnte, dem die Königin den Arm gab, und er fand nur Dich, den er im Verdacht haben konnte; denn er hat alle andern gesehen, und Du weißt, ob er sich darauf versteht, der Herr Marschall.«

»Daß man mich im Verdacht gehabt hat. begreife ich,« erwiderte Philipp mit kaltem Tone; »daß man aber die Königin erkannt hat, das ist noch viel auffallender.«

»Es war nicht schwer, sie zu erkennen, da sie die Maske abnahm! Oh! siehst Du, das übersteigt jede Einbildungskraft. Eine solche Verwegenheit! Diese Frau muß rasend in Dich verliebt sein.«

Philipp erröthete. Weiter zu gehen und das Gespräch im Gang zu erhalten, war ihm unmöglich geworden.

»Wenn es nicht Verwegenheit ist,« fuhr Taverney fort, »so kann es nur ein sehr ärgerlicher Zufall sein. Nimm Dich in Acht, es gibt Eifersüchtige, und zwar Eifersüchtige, die zu fürchten sind. Es ist ein beneideter Posten, der Posten des Günstlings der Königin, besonders wenn die Königin der wahre König ist,« fügte Vater Taverney bei.

Und er nahm langsam eine Prise Tabak.

»Du wirst mir meine Moral verzeihen, nicht wahr, Chevalier? Verzeih' sie mir, mein Lieber. Ich hege Dankbarkeit gegen Dich, und ich möchte es gern verhüten, daß der Hauch des Zufalls, da es nun einmal der Zufall ist, das Gerüste zerstöre, welches Du so geschickt aufgebaut hast.«

Philipp erhob sich in Schweiß gebadet, die Fäuste krampfhaft zusammengezogen. Er schickte sich an wegzugehen, um das Gespräch abzubrechen, mit der Freude, mit der man einer Schlange das Wirbelbein abbricht; doch ein Gefühl hielt ihn zurück, ein Gefühl schmerzlicher Neugierde, eine jener wüthenden Begierden, das Schlimme zu erfahren, ein unbarmherziger Stachel, der die liebevollen Herzen antreibt.

»Ich sagte also, man beneide uns,« sprach der Greis; »das ist ganz einfach. Wir haben indessen den Gipfel noch nicht erreicht, zu dem Du uns hinaufsteigen machst. Dir gebührt der Ruhm, Dir haben wir es zu verdanken, daß der Name Taverney über seine demüthige Quelle emporgesprungen ist. Nur sei klug, sonst werden wir nicht zum Ziele gelangen und Deine Pläne werden unter Wegs scheitern. Es wäre in der That Schade. Wir gehen wacker voran.«

Philipp wandte sich ab, um den tiefen Ekel, die blutige Verachtung zu verbergen, die seinen Zügen in diesem Augenblick einen Ausdruck verlieh, worüber der Greis erstaunt, vielleicht erschrocken wäre.

»In einiger Zeit wirst Du eine hohe Stelle verlangen,« sagte der Greis, sich belebend. »Du lässest mir irgendwo, doch nicht zu fern von Paris, eine königliche Lieutenance geben; Du lässest sodann Taverney-Maison-Rouge zu einer Pairie erheben; Du lässest mich bei der nächsten Promotion des Ordens in die Liste aufnehmen. Du kannst Herzog, Pair und Generallieutenant werden. In zwei Jahren lebe ich noch, dann lässest Du mir …«

»Genug! genug!« brummte Philipp.

»Oh! wenn Du mich für befriedigt hältst, ich bin es nicht. Du hast ein ganzes Leben; ich habe nur ein paar Monate. Diese Monate müssen mir die traurige, mittelmäßige Vergangenheit bezahlen. Uebrigens habe ich mich nicht zu beklagen, Gott schenkte mir zwei Kinder. Das ist viel von einem Mann ohne Vermögen; doch wenn meine Tochter für unser Haus unnütz geblieben ist, so machst Du es wieder gut. Du bist der Baumeister des Tempels. Ich sehe in Dir den großen Taverney, den Helden. Du flößest mir Respekt ein, und siehst Du, das ist etwas. Allerdings ist Dein Benehmen gegen den Hof bewunderungswürdig. Oh! ich habe noch nichts Geschickteres gesehen.«

»Was denn?« versetzte der junge Mann, den es beunruhigte, daß er sich von dieser Schlange gelobt sah.

»Dein Benehmen ist herrlich. Du zeigst keine Eifersucht. Du lässest das Feld scheinbar Jedermann frei und behauptest es in Wirklichkeit. Das ist stark, aber es zeugt von Beobachtung.«

»Ich verstehe nicht,« entgegnete Philipp, immer mehr gereizt.

»Keine Bescheidenheit, siehst Du, das ist Wort für Wort das Benehmen des Herrn von Potemkin, der die Welt durch sein Glück in Erstaunen setzte. Er sah, daß Katharina die Eitelkeit besonders bei ihren Liebschaften liebte; daß sie, wenn man sie frei ließe, von Blume zu Blume flattern und dann zu der fruchtbarsten und schönsten zurückkehren würde; daß sie, wenn man sie verfolgte, über jeden Bereich hinaus entfliehen würde. Er faßte seinen Entschluß. Er war es, der der Kaiserin die neuen Günstlinge, die sie auszeichnete, angenehmer machte; indem er sie auf einer Seite gelten ließ, behielt er sich ihre verwundbare Seite vor; er ermüdete die Fürstin mit den vorübergehenden Launen, statt sie seiner eigenen Vorzüge überdrüssig zu machen. Indem er das ephemere Reich der Günstlinge, die man ironisch die zwölf Cäsaren nennt, vorbereitete, machte Potemkin seine Herrschaft ewig, unzerstörbar.«

»Aber das sind unbegreifliche Schändlichkeiten,« murmelte der arme Philipp, indem er seinen Vater erstaunt ansah.

Der Greis fuhr unstörbar fort:

»Nach Potemkins System wirst Du indessen einen kleinen Fehler begehen. Er gab die Ueberwachung nicht zu sehr auf, und Du erschlaffst. Freilich ist die französische Politik nicht die russische.«

Bei diesen Worten, mit einer Affectation von Feinheit gesprochen, die selbst den stärksten diplomatischen Kopf aus seinem Gange gebracht hätte, glaubte Philipp, sein Vater delirire, und antwortete nur mit einem nicht ehrfurchtsvollen Achselzucken.

»Ja, ja,« sagte der Greis, »Du glaubst, ich habe Dich nicht errathen? Du sollst es sehen.«

»Sprechen Sie, mein Herr.«

Taverney kreuzte sich die Arme.

»Wirst Du mir etwa sagen,« sprach er, »daß Du Deinen Nachfolger nicht heranziehest?«

»Meinen Nachfolger?« versetzte Philipp erbleichend.

»Wirst Du mir sagen, Du wissest nicht, welche Entschiedenheit in den Liebesgedanken der Königin liegt, wenn sie besessen ist, und in der Voraussicht der Veränderung von ihrer Seite wollest Du nicht völlig geopfert, aus dem Besitze gesetzt werden? was immer bei der Königin geschieht, denn sie kann nicht die Gegenwart lieben und die Vergangenheit dulden.«

»Sie sprechen hebräisch, mein Herr Baron.«

Der Greis brach in jenes scharfe, unheimliche Gelächter aus, das Philipp, wie der Ruf eines bösen Geistes, beben machte.

»Du wirst mich glauben machen, daß es nicht Tactik sei, Herrn von Charny zu schonen?«

»Charny?«

»Ja, Deinen zukünftigen Nachfolger, den Mann, der Dich, wenn er einmal regiert, verbannen lassen kann, wie Du die Herren von Coigny, von Vaudreuil und Andere verbannen lassen kannst.«

Das Blut stieg Philipp gewaltig zu den Schläfen, und er rief noch einmal:

»Genug, mein Herr! genug; ich schäme mich in der That, daß ich so lange zugehört habe! Wer sagt, die Königin von Frankreich sei eine Messaline, der ist ein verbrecherischer Verleumder.«

»Gut! sehr gut!« rief der Greis. »Du hast Recht, das ist Deine Rolle; doch ich versichere Dich, daß uns Niemand hören kann.«

»Oh!«

»Und was Charny betrifft, Du siehst, daß ich Dich ergründet habe. So geschickt auch Dein Plan sein mag, siehst Du, das Errathen liegt im Blute der Taverney. Fahre fort, Philipp, fahre fort. Schmeichle Charny; besänftige, tröste ihn, hilf ihm sanft und ohne Unannehmlichkeit vom Zustande des Grases zum Zustande der Blume übergehen und sei versichert, er ist ein Edelmann, der Dir später, wenn er in der Gunst steht, vergelten wird, was Du für ihn gethan hast.«

Nach diesen Worten machte Herr von Taverney, ganz stolz auf die Auseinandersetzung seiner Scharfsicht, einen kleinen Luftsprung, der an den jungen Mann, und zwar an den durch sein Glück frech gewordenen jungen Mann erinnerte.

Philipp packte ihn beim Aermel, hielt ihn wüthend auf und rief:

»So ist es, wohl! mein Herr, Ihre Logik ist bewunderungswürdig.«

»Ich habe errathen, nicht wahr, und Du bist mir deßhalb böse? Bah! Du verzeihst mir meiner Aufmerksamkeit wegen. Ich liebe übrigens Charny, und es freut mich sehr, daß Du so gegen ihn verfährst.«

»Ihr Herr von Charny ist zu dieser Stunde so sehr mein Günstling, mein Liebling, mein von mir geätzter Vogel, daß ich ihm in der That soeben einen Fuß von dieser Klinge durch die Rippen gestoßen habe.«

Und Philipp zeigte seinem Vater seinen Degen.

»Wie!« versetzte Taverney, erschrocken bei dem Anblick dieser flammenden Augen, bei der Kunde von diesem kriegerischen Ausfall, »sagst Du nicht, Du habest Dich mit Herrn von Charny geschlagen?«

»Und ich habe ihn gespießt! Ja.«

»Großer Gott!«

»Das ist meine Manier, meine Nachfolger zu besänftigen, zu pflegen und zu schonen,« fügte Philipp bei; »nun, da Sie dieselbe kennen, wenden Sie Ihre Theorie auf meine Praxis an.«

Und er machte eine verzweifelte Bewegung, um zu entfliehen. Der Greis klammerte sich an seinen Arm an.

»Philipp! Philipp! sage mir, daß Du scherztest.«

»Nennen Sie das einen Scherz, wenn Sie wollen, doch es ist geschehen.«

Der Greis schlug die Augen zum Himmel auf, murmelte ein paar zusammenhangslose Worte, verließ seinen Sohn und lief bis in sein Vorzimmer.

»Geschwind! geschwind! ein Berittener! man eile zu Herrn von Charny, der verwundet worden ist, man erkundige sich nach ihm und vergesse nicht, zu sagen, man komme in meinem Auftrage! Dieser Verräther Philipp,« sprach er, während er in seine Wohnung zurückkehrte, »ist er nicht der Bruder seiner Schwester! Und ich, der ich ihn für gebessert hielt! Oh! es gab nur Einen Kopf in der Familie, den meinigen.«

XXXIV.
Der Vers des Herrn von Provence

Während alle diese Ereignisse in Paris und in Versailles vorfielen, befand sich der König, ruhig wie gewöhnlich, seitdem er seine Flotten siegreich und den Winter besiegt wußte, in seinem Cabinet, mitten unter kleinen Karten und Weltkarten, kleinen mechanischen Plänen, und beschäftigte sich damit, neue Furchen auf dem Meere für die Schiffe des Herrn von Lapérouse zu ziehen.

Ein leichtes Klopfen an der Thüre entzog ihn seinen durch ein gutes Vesperbrod, das er zu sich genommen, ganz erhitzten Träumereien.

In diesem Augenblick machte sich eine Stimme hörbar.

»Darf ich hinein, mein Bruder?« fragte sie.

»Der Herr Graf von Provence, der Unwillkommene!« brummte der König, indem er ein offenes Buch voll der größten Figuren von sich schob.

»Treten Sie ein,« sagte er.

Ein dicker, kurzer, rothbackiger Mann mit lebhaften Augen trat ein; sein Schritt war zu ehrfurchtsvoll für einen Bruder, zu vertraulich für einen Unterthanen.

»Sie erwarteten mich nicht, mein Bruder,« sprach er.

»Meiner Treue, nein.«

»Ich störe Sie?«

»Nein, doch sollten Sie mir etwas Interessantes zu sagen haben?«

»Ein Gerücht, so drollig, so grotesk …«

»Ah! ah! eine Verleumdung.«

»Meiner Treue, ja, mein Bruder.«

»Die Sie belustigt hat?«

»Oh! ihrer Seltsamkeit wegen.«

»Irgend eine Bosheit gegen mich?«

»Gott ist mein Zeuge, daß ich, wenn dem so wäre, nicht lachen würde.«

»Gegen die Königin also?«

»Sire, stellen Sie sich vor, daß man mir im Ernste, ganz im Ernste gesagt hat … oh! ich lasse Sie hundertmal, ich lasse Sie tausendmal rathen.«

»Mein Bruder, seitdem mein Lehrer mich diese oratorische Vorsicht als Muster des Genre bei Frau von Sévigné hat bewundern lassen, bewundere ich sie nicht mehr … Zur Sache.«

»Wohl! mein Bruder,« sprach der Graf von Provence, etwas abgekühlt durch diesen brutalen Empfang, »man sagt, die Königin habe einmal auswärts geschlafen, ha! ha! ha!« Und er strengte sich an, zu lachen.

»Das wäre sehr traurig, wenn es wahr wäre,« sagte der König voll Ernst.

»Aber das ist nicht wahr mein Bruder?«

»Nein.«

»Es ist ebenso nicht wahr, daß man die Königin vor dem Thore des Reservoirs hat warten sehen?«

»Nein.«

»Sie wissen, an dem Tag, wo Sie das Thor um eilf Uhr zu schließen befahlen.«

»Ich weiß nicht.«

»Wohl! stellen Sie sich vor, mein Bruder, das Gerücht behauptet …«

»Was ist das, das Gerücht? wo ist es? wer ist es?«

»Das ist ein tiefer Zug, mein Bruder, ein sehr tiefer. In der That, wer ist das Gerücht? Wohl! dieses unfaßbare, unbegreifliche Wesen, welches man Gerücht nennt, behauptet, man habe die Königin mit dem Grafen von Artois Arm in Arm eine halbe Stunde nach Mitternacht an diesem Tage gesehen.«

»Wo?«

»Auf dem Weg nach einem Hause, das Herr von Artois besitzt, hinter den Ställen. Hat Eure Majestät nicht von dieser seltsamen Geschichte sprechen hören?«

»Doch wohl, mein Bruder, ich muß davon gehört haben.«

»Wie so, Sire?«

»Ja, haben Sie nicht etwas gemacht, damit ich davon sprechen höre?«

»Ich?«

»Sie.«

»Was denn, Sire, was habe ich gemacht?«

»Einen Quatrain z. B., der im Mercure abgedruckt worden ist.«

»Einen Quatrain?« versetzte der Graf, röther als bei seinem Eintritt.

»Man erklärt Sie für einen Liebling der Musen.«

»Nicht in dem Grade, um …«

»Um einen Quatrain zu machen, der mit dem Verse endigt:

»Héléne n'en dit rien au bon roi Ménelas6

»Ich, Sire?«

»Leugnen Sie es nicht, hier ist das Autograph des Gedichtes; Ihre Handschrift! Ich verstehe mich schlecht auf Poesie, aber auf Handschriften, oh! wie ein Experter.«

»Sire, eine Thorheit zieht eine andere nach sich.«

»Herr von Provence, ich versichere Sie, daß nur auf Ihrer Seite eine Thorheit stattgefunden, und ich wundere mich, daß ein Philosoph diese Thorheit begangen hat; behalten wir diese Betitelung für Ihr Gedicht.«

»Sire, Eure Majestät ist hart gegen mich.«

»Die Strafe der Wiedervergeltung, mein Bruder! Statt Ihr Gedicht zu machen, hätten Sie sich über das Geschehene unterrichten lassen können; ich habe das gethan; und statt des Quatrain gegen Ihre Schwägerin, folglich gegen mich, würden Sie ein Madrigal für sie geschrieben haben. Sie werden am Ende sagen, das sei kein Gegenstand, der begeistere; aber eine schlechte Epistel ist mir immer lieber, als eine gute Satyre. Horaz sagt das auch, Horaz, Ihr Dichter.«

»Sire, Sie beugen mich nieder.«

»Wären Sie der Unschuld der Königin nicht sicher gewesen, wie ich es bin,« fuhr der König mit Heftigkeit fort, »so hätten Sie wohl daran gethan, Ihren Horaz wieder zu lesen. Hat er nicht die schönen Worte gesagt? verzeihen Sie, ich radebreche das Lateinische:

Rectius hoc est:

Hoc faciens vivam melius, sic dulcis amicis

Occurram.

›Das ist besser; wenn ich das thue, werde ich redlicher sein; wenn ich es thue, werde ich gut gegen meine Freunde sein.‹

»Sie, mein Bruder, würden das zierlicher übersetzen.«

Und der gute König, nachdem er diese Lection mehr als Vater, denn als Bruder gegeben, wartete, daß der Schuldige eine Rechtfertigung begänne.

Der Graf sann eine Zeit lang über seine Antwort nach, doch dieß nicht gerade wie ein verlegener Mensch, sondern mehr wie ein Redner, der Delicatessen sucht.

»Sire, sagte er, »so streng auch der Spruch Eurer Majestät ist, ich habe ein Mittel der Entschuldigung, und darf hoffen, daß Sie mir verzeihen werden.«

»Sprechen Sie, mein Bruder.«

»Nicht wahr. Sie beschuldigen mich, ich habe mich getäuscht, und nicht, ich habe eine schlimme Absicht gehabt?«

»Einverstanden.«

»Wenn dem so ist, so wird Eure Majestät, welche weiß, daß derjenige, welcher sich nicht täuscht, kein Mensch ist, zugeben, daß ich mich nicht grundlos getäuscht habe.«

»Nie werde ich Ihren Geist anklagen, denn er ist groß und erhaben, mein Bruder.«

»Wohl, Sire, warum sollte ich mich nicht dadurch getäuscht haben, daß ich Alles anhöre, was preisgegeben wird? Wir Prinzen, wir leben in der Luft der Verleumdung, wir sind damit geschwängert. Ich sage nicht, ich habe geglaubt, ich sage, man habe mir erzählt.«

»Ah! gut, wenn dem so ist; doch …«

»Das Gedicht? Oh! die Dichter sind bizarre Wesen; und dann, ist es nicht besser, durch eine sanfte Kritik, die eine Warnung sein kann, als durch eine gefaltete Stirne zu antworten? Drohende Stellungen in Verse gebracht beleidigen nicht, Sire; es ist nicht wie bei den Pamphleten, in Beziehung auf welche man so heftige Zwangsmaßregeln von Eurer Majestät verlangte; Pamphlete wie das, welches ich selbst Eurer Majestät zeigen werde.«

»Ein Pamphlet!«

»Ja, Sire: ich brauche nothwendig einen Haftbefehl gegen den elenden Verfasser dieser Schändlichkeit.«

Der König erhob sich ungestüm und rief:

»Lassen Sie hören!«

»Ich weiß nicht, ob ich soll, Sire …«

»Gewiß, Sie müssen; es ist hiebei nichts zu schonen. Haben Sie dieses Pamphlet?«

»Ja, Sire.«

»Geben Sie.«

Der Graf von Provence zog aus seiner Tasche ein Exemplar von der Geschichte Etteniotna's, ein unseliges Beweisstück, das der Degen Philipps, der Stock Charny's, das Feuer Cagliostro's der Circulation nicht entzogen hatten.

Der König warf die Augen auf das Papier, wie Jemand, der gewohnt ist, die interessanten Stellen eines Buches oder einer Zeitung zu lesen.

»Schändlichkeit!« sagte er, »Schändlichkeit!«

»Sie sehen, Sire, daß man behauptet, meine Schwägerin sei bei der Kufe von Mesmer gewesen.«

»Nun wohl! ja, sie ist dort gewesen!«

»Sie ist dort gewesen!« rief der Graf von Provence.

»Mit meiner Genehmigung.«

»Oh! Sire!«

»Und nicht wegen ihrer Gegenwart erhebe ich eine Anschuldigung gegen ihre Weisheit, da ich ihr den Gang nach der Place Vendôme erlaubt hatte.«

»Eure Majestät hat aber der Königin nicht erlaubt, sich der Kufe zu nähern, um in eigener Person zu versuchen …«

Der König stampfte mit dem Fuße. Der Graf hatte diese Worte gerade in dem Moment ausgesprochen, wo die Augen Ludwigs XVI. die für Marie Antoinette beleidigendste Stelle durchliefen, die Geschichte von ihrer vorgeblichen Crise, von ihren Verdrehungen, von ihrer wollüstigen Unordnung, von allem dem endlich, was den Besuch Oliva's bei Mesmer bezeichnet hatte.

»Unmöglich! unmöglich!« sagte der König, der bleich geworden war. »Oh! die Policei muß wissen, was sie hiebei zu thun hat!«

Er läutete.

»Herr von Crosne,« rief er, »man hole mir Herrn von Crosne!«

»Sire, es ist heute der Tag des Wochenberichts, Herr von Crosne wartet im Oeil-de-Boeuf.«

»Er trete ein.«

»Erlauben Sie mir, mein Bruder,« sagte der Graf von Provence mit heuchlerischem Tone. Und er machte Miene, wegzugehen.

»Bleiben Sie,« sprach Ludwig XVI. zu ihm. »Ist die Königin schuldig, wohl! mein Herr, so gehören Sie zur Familie und dürfen es wissen; ist sie unschuldig, so müssen Sie es ebenfalls wissen, da Sie meine Gemahlin im Verdacht hatten.«

Herr von Crosne trat ein.

Als dieser Beamte Herrn von Provence beim König sah, begann er damit, daß er den zwei Größten des Reiches seine Huldigung darbrachte; dann wandte er sich an den König und sprach:

»Der Bericht ist fertig, Sire.«

»Vor Allem, mein Herr,« sagte Ludwig XVI., »erklären Sie mir, wie in Paris ein so schändliches Pamphlet gegen die Königin veröffentlicht werden konnte?«

»Etteniotna?« fragte Herr von Crosne.

»Ja.«

»Wohl, Sire, das ist ein Zeitungsschreiber Namens Reteau.«

»Ja. Sie wissen seinen Namen und haben ihn nicht an der Veröffentlichung verhindert, oder nach der Veröffentlichung verhaftet!«

»Sire, nichts war leichter, als ihn zu verhaften: ich will Eurer Majestät den Einsperrungsbefehl ganz ausgefertigt in meinem Portefeuille zeigen.«

»Warum ist dann die Verhaftung nicht erfolgt?«

Herr von Crosne wandte sich gegen Herrn von Provence.

»Ich verabschiede mich von Eurer Majestät,« sprach dieser langsam.

»Nein, nein,« erwiderte der König. »Ich habe Ihnen schon gesagt, Sie sollen bleiben. Bleiben Sie.«

Der Graf verbeugte sich.

»Sprechen Sie, Herr von Crosne; sprechen Sie offenherzig, ohne Rückhalt: sprechen Sie rasch und unumwunden.«

»Wohl, also,« sagte der Policei-Lieutenant, »ich habe den Zeitungsschreiber Reteau nicht verhaften lassen, weil ich ganz nothwendig, ehe ich diesen Schritt that, eine Erklärung mit Eurer Majestät gehabt haben mußte.«

»Ich ersuche Sie darum.«

»Sire, es wäre vielleicht besser, diesem Zeitungsschreiber einen Sack Geld zu geben und ihn fortzuschicken, daß er anderswo, sehr fern von hier, gehenkt würde.«

»Warum?«

»Sire, weil, wenn diese Elenden eine Lüge sagen, das Publicum, dem man es beweist, sehr erfreut ist, sie peitschen, ihnen die Ohren abschneiden, sie sogar aufhängen zu sehen. Wenn sie aber unglücklicher Weise eine Wahrheit aufgreifen …«

»Eine Wahrheit?«

Herr von Crosne verbeugte sich.

»Ja, ich weiß es. Die Königin ist in der That bei der Kufe Mesmers gewesen. Sie ist dort gewesen, das ist ein Unglück, wie Sie sagen, aber ich habe es ihr erlaubt.«

»Oh! Sire!« rief Herr von Crosne.

Dieser Ausruf des ehrfurchtsvollen Unterthanen fiel dem König noch mehr auf, als er ihm aus dem Munde des eifersüchtigen Verwandten aufgefallen war.

»Die Königin ist aber darum nicht verloren, denke ich,« sprach er.

»Nein, Sire, aber compromittirt.«

»Herr von Crosne, lassen Sie hören, was hat Ihnen Ihre Policei gesagt?«

»Sire, viele Dinge, die bei aller Achtung, welche ich Eurer Majestät schuldig bin, bei aller ehrfurchtsvollen Anbetung, die ich für die Königin hege, mit einigen Angaben des Pamphlets im Einklang stehen.«

»Im Einklang, sagen Sie?«

»Hören Sie, wie. Eine Königin von Frankreich, die in der Tracht einer gewöhnlichen Frau, angelockt von den magnetischen Bizarrerien Mesmers, in diese zweideutige Gesellschaft geht, und die allein geht …«

»Allein!« rief der König.

»Ja, Sire.«

»Sie täuschen sich, Herr von Crosne.«

»Ich glaube nicht, Sire.«

»Sie haben schlechte Berichte.«

»So genaue, Sire, daß ich die Einzelnheiten der Toilette Ihrer Majestät, die Gesammterscheinung ihrer Person, ihre Schritte, ihre Geberden, ihre Schreie angeben kann.«

»Ihre Schreie!«

Der König erbleichte und zerknitterte die Broschüre.

»Ihre Seufzer sogar sind von meinen Agenten aufgezeichnet worden,« fügte Herr von Crosne schüchtern bei.

»Ihre Seufzer! Die Königin hätte sich dergestalt vergessen! … Die Königin hätte so wohlfeil meine Ehre als König, ihre Ehre als Frau gegeben!«

»Das ist unmöglich,« sprach der Graf von Provence, »das wäre mehr als scandalös, und Ihre Majestät ist unfähig …«

Diese Worte waren mehr eine neue Anklage, als eine Entschuldigung. Der König fühlte das. Alles in ihm empörte sich.

»Mein Herr,« sprach er zum Policei-Lieutenant, »Sie behaupten, was Sie gesagt haben?«

»Ach! bis zum letzten Worte, Sire.«

»Ihnen, mein Bruder,« sagte Ludwig XVI., indem er mit dem Sacktuch über seine von Schweiß befeuchtete Stirne fuhr, »Ihnen bin ich einen Beweis für meine Erklärung schuldig. Die Ehre der Königin ist die Ehre meines ganzen Hauses. Ich gebe sie nie preis. Ich habe der Königin erlaubt, zur Kufe Mesmers zu gehen, sie aber zugleich beauftragt, eine sichere, tadellose, sogar fromme Person mitzunehmen.«

»Ah!« versetzte Herr von Crosne, »wenn es so gewesen wäre …«

»Ja,« sprach der Graf von Provence, »wenn eine Dame wie Frau von Lamballe z. B. …«

»Ganz richtig, mein Bruder, es ist die Frau Prinzessin von Lamballe, die ich der Königin bezeichnet hatte.«

»Leider, Sire, ist die Prinzessin nicht mitgenommen worden.«

»Wohl,« fügte der König bei, »wenn der Ungehorsam so weit gegangen ist, so muß ich bestrafen, und ich werde strafen.«

Ein ungeheurer Seufzer schloß ihm die Lippen, nachdem er ihm das Herz zerrissen.

»Nur,« fügte er leiser bei, »nur bleibt mir ein Zweifel; diesen Zweifel theilen Sie nicht, das ist natürlich; Sie sind nicht der König, der Gatte, der Freund derjenigen, welche man anschuldigt … diesen Zweifel, ich will ihn aufklären.«

Er läutete; der Officier vom Dienst erschien.

»Man sehe nach, ob die Frau Prinzessin von Lamballe nicht bei der Königin oder in ihrer Wohnung ist,« sagte der König.

»Sire, Frau von Lamballe geht in dem kleinen Garten mit Ihrer Majestät und einer andern Dame spazieren.«

»Bitten Sie die Frau Prinzessin, sogleich heraufzukommen.«

Der Officier trat ab.

»Nun, meine Herren, noch zehn Minuten; bis dahin kann ich keinen Entschluß fassen.«

Gegen seine Gewohnheit faltete Ludwig XVI. seine Stirne und warf auf die zwei Zeugen seines tiefen Schmerzes einen beinahe drohenden Blick.

Die zwei Zeugen schwiegen. Herr von Crosne war von einer wirklichen Traurigkeit erfüllt, Herr von Provence heuchelte eine Traurigkeit, die sich dem Gotte Momus in Person mitgetheilt hätte.

Ein leichtes Rauschen von Seidestoff hinter den Thüren verkündigte dem König die Ankunft der Prinzessin von Lamballe.

6.Helena sagt dem guten König Menelaus nichts davon.

Türler ve etiketler

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04 aralık 2019
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