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Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 27

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XXXV.
Die Prinzessin von Lamballe

Die Prinzessin von Lamballe trat ein, schön und ruhig, die Stirne entblößt, die zerstreuten Locken ihrer hohen Frisur stolz hinter die Schläfe zurückgeworfen, ihre Augbrauen schwarz und fein, wie zwei Sepiastriche, ihre Augen blau, durchsichtig, ausgedehnt, voll Perlmutter, die Nase gerade und rein, ihre Lippen keusch und wollüstig zugleich: all diese Schönheit auf einem Körper von unvergleichlicher Schönheit entzückte und beherrschte zugleich.

Die Prinzessin brachte mit und um sich jenen Duft von Tugend, Anmuth, Unkörperlichkeit, den Lavallière ehe sie in Gunst gekommen und seitdem sie in Ungnade gefallen, verbreitete.

Als der König sie lächelnd und bescheiden erscheinen sah, fühlte er sich von Schmerz durchdrungen.

»Ach!« dachte er, »was aus diesem Munde hervorgeht, wird eine Verurteilung sein, gegen welche keine Appellation möglich ist.«

»Setzen Sie sich, Prinzessin.« sprach er, indem er sich tief vor ihr verbeugte.

Herr von Provence näherte sich, um ihr die Hand zu küssen.

Der König sammelte sich.

»Was wünscht Eure Majestät von mir?« fragte die Prinzessin mit der Stimme eines Engels.

»Eine Mittheilung, Madame, eine genaue Mittheilung, meine Cousine.«

»Ich warte, Sire.«

»An welchem Tag sind Sie in Gesellschaft der Königin nach Paris gefahren? Besinnen Sie sich wohl!«

Herr von Crosne und der Graf von Provence schauten sich erstaunt an.

»Sie begreifen, meine Herren,« sagte der König, »Sie zweifeln nicht, ich zweifle noch; ich frage folglich wie ein Mensch, der zweifelt.«

»Am Mittwoch, Sire,« erwiderte die Prinzessin.

»Sie verzeihen mir,« fuhr Ludwig XVI. fort, »aber, meine Cousine, ich wünsche die Wahrheit zu hören.«

»Sie werden sie hören, Sire, indem Sie mich fragen.«

»Was machten Sie in Paris, meine Cousine?«

»Ich ging zu Herrn Mesmer, auf der Place Vendôme, Sire.«

Die zwei Zeugen bebten, der König erröthete vor Aufregung.

»Allein?« fragte er.

»Nein, Sire, mit Ihrer Majestät der Königin.«

»Mit der Königin? Sie sagen, mit der Königin!« rief Ludwig XVI, indem er sie gierig bei den Händen nahm.

»Ja, Sire.«

Herr von Provence und Herr von Crosne näherten sich erstaunt.

»Eure Majestät hatte der Königin Erlaubniß dazu gegeben,« sprach Frau von Lamballe; »wenigstens sagte mir das Ihre Majestät.«

»Und Ihre Majestät hatte Recht, meine Cousine. Nun … athme ich wieder auf; denn Frau von Lamballe lügt nie.«

»Nie, Sire,« erwiderte die Prinzessin mit sanftem Tone.

»Oh! nie!« rief Herr von Crosne mit der achtungsvollsten Ueberzeugung. »Doch dann erlauben Sie mir, Sire …«

»Oh! ja, ich erlaube Ihnen, Herr von Crosne; fragen, verhören Sie, ich setze meine arme Prinzessin auf das Schemelchen des Verbrechers, ich überlasse sie Ihnen.«

Frau von Lamballe lächelte und erwiderte:

»Ich bin bereit; doch die Folter ist aufgehoben, Sire.«

»Ja, ich habe sie für die Anderen aufgehoben, aber man hat sie nicht für mich aufgehoben,« sagte der König mit einem Lächeln.

»Madame,« sprach der Policei-Lieutenant, »haben Sie die Güte, dem König zu sagen, was Sie mit Ihrer Majestät bei Herrn Mesmer machten, und vor Allem: wie war die Königin gekleidet?«

»Ihre Majestät trug ein Kleid von perlgrauem Taft, eine Mante von gestickter Mousseline, einen Muff von Hermelin, einen Hut von rosa Sammet, mit großen schwarzen Bändern.«

Dieses Signalement widersprach dem für Oliva angegebenen gänzlich.

Herr von Crosne offenbarte ein lebhaftes Erstaunen, der Graf von Provence biß sich auf die Lippen.

Der König rieb sich die Hände.

»Und was hat die Königin bei ihrem Eintritt gethan?« fragte er.

»Sire, Sie haben Recht, zu sagen, bei ihrem Eintritt, denn kaum waren wir eingetreten …«

»Mit einander?«

»Ja, Sire, mit einander; kaum waren wir in den ersten Salon eingetreten, wo uns Niemand hatte wahrnehmen können, so groß war die Aufmerksamkeit, die man den magnetischen Geheimnissen widmete, als eine Frau sich Ihrer Majestät näherte, ihr eine Maske bot und sie anflehte, nicht weiter zu gehen.«

»Und Sie gingen nicht weiter?« fragte lebhaft der Graf von Provence.

»Nein, mein Herr««

»Und Sie haben die Schwelle des ersten Salons nicht überschritten?« fragte Herr von Crosne.

»Nein, mein Herr.«

»Und Sie haben den Arm der Königin nicht verlassen?« fragte der König mit einem Reste von Angst.

»Nicht eine Secunde; der Arm Ihrer Majestät war unablässig auf den meinigen gestützt.«

»Nun!« rief plötzlich der König, »was denken Sie hievon. Herr von Crosne? Was sagen Sie hiezu, mein Bruder?«

»Das ist außerordentlich, übernatürlich,« sprach Herr von Provence, der eine Heiterkeit heuchelte, welche mehr als jeder Zweifel seinen ganzen Aerger über den Widerspruch offenbarte.

»Darin ist nichts Uebernatürliches,« erwiderte eilig Herr von Crosne, dem die sehr natürliche Freude des Königs eine Art von Gewissensbiß bereitete; »was die Frau Prinzessin gesagt hat, kann nur die Wahrheit sein.«

»Daraus geht hervor …« sagte Herr von Provence.

»Daraus geht hervor, Monseigneur, daß meine Agenten sich getäuscht haben.«

»Sprechen Sie im Ernste?« fragte Herr von Provence mit demselben Nervenzittern.

»Ganz im Ernste, Monseigneur, meine Agenten haben sich getäuscht; Ihre Majestät hat gethan, was Frau von Lamballe so eben gesagt, und nichts Anderes. Was den Zeitungsschreiber betrifft: wenn ich von den vollkommen wahren Worten der Frau Prinzessin überzeugt bin, so muß es dieser Kerl auch sein, und ich lasse den Befehl abgehen, ihn sogleich einzusperren.«

Frau von Lamballe drehte den Kopf hin und her, mit der Freundlichkeit der Unschuld, die sich mit mehr Neugierde als Furcht erkundigt.

»Einen Augenblick Geduld,« sprach der König, »es wird immer noch Zeit sein, den Zeitungsschreiber festnehmen zu lassen. Sie haben von einer Frau gesprochen, welche die Königin am Eingang des Salons zurückgehalten: Prinzessin, sagen Sie uns, wer diese Frau war?«

»Ihre Majestät scheint sie zu kennen; Sire, ich sage sogar, gerade weil ich nicht lüge, Ihre Majestät kennt sie, ich weiß es.«

»Cousine, ich muß diese Frau sprechen, das ist unerläßlich. Dort liegt die ganze Wahrheit; dort nur ist der Schlüssel des Geheimnisses.«

»Das ist auch meine Meinung,« sagte Herr von Crosne, gegen den sich der König gewandt hatte.

»Geschwätz,« murmelte der Graf von Provence. »Es ist eine Frau die den Eindruck des Gottes der Konfliktlösung auf mich macht.«

»Meine Cousine,« sprach er laut, »die Königin hat Ihnen gestanden, Sie kenne diese Frau?«

»Ihre Majestät hat mir nicht gestanden, sie hat mir erzählt.«

»Ja, ja, verzeihen Sie.«

»Mein Bruder will Ihnen damit sagen,« unterbrach der König, »wenn die Königin diese Frau kenne, so wissen Sie ihren Namen auch.«

»Es ist Frau von La Mothe-Valois.«

»Die Intrigantin!« rief der König ärgerlich.

»Diese Bettlerin!« sagte der Graf. »Teufel! Teufel! sie wird schwer zu befragen sein; sie ist sein.«

»Wir werden so fein sein als sie,« sprach Herr von Crosne. »Und überdieß bedarf es, seit der Erklärung der Frau von Lamballe, keiner Feinheit. Ich werde auch auf das erste Wort des Königs …«

»Nein, nein,« sprach Ludwig XVI. entmuthigt, »ich bin müde, diese schlechte Gesellschaft um die Königin zu sehen. Die Königin ist so gut, daß der Vorwand der Dürftigkeit Alles zu ihr führt, was es an zweideutigen Leuten beim niedrigsten Adel des Königreiches gibt.«

»Frau von La Mothe ist wirklich eine Valois,« entgegnete Frau von Lamballe.

»Mag sie sein, was sie will, meine Cousine, sie soll keinen Fuß hierher setzen. Ich will lieber die unermeßliche Freude entbehren, die mir die vollständige Freisprechung der Königin gemacht hätte, ja, ich will lieber auf diese Freude verzichten, als dieser Creatur in's Gesicht sehen.«

»Und dennoch werden Sie diese Frau sehen!« rief die Königin, welche, bleich vor Zorn, die Thüre des Cabinets öffnete und sich, schön von Adel und Entrüstung, vor den geblendeten Augen des Grafen von Provence zeigte, der sich linkisch hinter dem gegen ihn zurückgeschobenen Thürflügel verbeugte.

»Ja, Sire,« fuhr die Königin fort, »es handelt sich nicht darum, zu sagen: Ich will diese Creatur gern sehen, oder ich fürchte, diese Creatur zu sehen, diese Creatur ist eine Zeugin, welche der Verstand meiner Ankläger …«

Sie schaute ihren Schwager an.

»Und die Freimüthigkeit meiner Richter …«

Und sie wandte sich gegen den König und Herrn von Crosne.

»Welcher endlich ihr eigenes Gewissen, so entartet es auch sein mag, einen Schrei der Wahrheit entreißen wird. Ich, die Angeklagte, verlange, daß man sie höre, und man wird sie hören.«

»Madame,« erwiderte der König hastig, »Sie begreifen wohl, daß man Frau von La Mothe nicht holen lassen wird, um ihr die Ehre zu erweisen, für oder gegen Sie aussagen zu dürfen. Ich lege Ihre Ehre nicht mit der Wahrhaftigkeit dieser Frau in die Wagschale.«

»Man wird Frau von La Mothe nicht holen lassen, Sire, denn sie ist hier.«

»Hier!« rief der König, indem er sich umwandte, als wäre er auf eine Schlange getreten, »hier!«

»Sire, ich hatte, wie Sie wissen, eine unglückliche Frau besucht, welche einen berühmten Namen führt. An diesem Tag, an welchem man, wie Sie wissen, so viele Dinge gesagt hat …«

Und sie schaute fest über die Achsel den Grafen von Provence an, der gern hundert Fuß unter der Erde gewesen wäre, während sein breites Gesicht einen grimassenhaften Ausdruck der Anschmiegung annahm.

»Nun?« fragte Ludwig XVI.

»Nun! Sire, an diesem Tage ließ ich bei Frau von La Mothe ein Porträt, eine Büchse liegen. Sie bringt sie mir heute zurück und sie ist hier.«

»Nein, nein … ich bin überzeugt!« rief der König, »und das ist mir lieber.«

»Oh! ich bin nicht befriedigt,« sprach die Königin; »ich will sie einführen. Warum übrigens dieses Widerstreben? wer ist sie denn? was hat sie denn gethan? Wenn ich es nicht weiß, so belehren Sie mich. Auf, Herr von Crosne, sprechen Sie, der Sie Alles wissen …«

»Ich weiß nichts, was dieser Dame nachtheilig wäre,« erwiderte der Beamte.

»Wahrhaftig?«

»Gewiß. Sie ist nur arm; ein wenig ehrgeizig vielleicht.«

»Der Ehrgeiz, das ist die Stimme des Blutes. Haben Sie nur dieses gegen sie einzuwenden, so kann sie der König wohl zulassen, um Zeugniß abzulegen.«

»Ich weiß nicht,« erwiderte Ludwig XVI., »aber ich habe Ahnungen, Instincte; ich fühle, daß diese Frau ein Unglück, eine Widerwärtigkeit in meinem Leben veranlassen wird … und das ist genug.«

»Oh! Sire, Aberglauben! Hole sie geschwind,« sagte die Königin zur Prinzessin von Lamballe.

Nach fünf Minuten trat Jeanne ganz bescheiden, ganz verschämt, aber vornehm in ihrer Haltung wie in ihrem Anzug, in das Cabinet des Königs ein.

Unüberwindlich in seiner Antipathie, hatte der König der Thüre den Rücken zugewendet. Die zwei Ellenbogen auf seinem Schreibtische, den Kopf in seinen Händen, schien er ein Fremder mitten unter den Anwesenden.

Der Graf von Provence schoß auf Jeanne so forschende und belästigende Blicke ab, daß, wenn die Bescheidenheit von Jeanne eine ächte gewesen wäre, diese Frau alle Fassung verloren und kein Wort aus dem Munde gebracht hätte.

Aber es brauchte etwas Anderes, um Jeanne's Gehirn zu stören und zu beunruhigen.

Weder König, noch Kaiser mit ihren Sceptern, noch der Papst mit seiner Tiare, noch himmlische Mächte, noch Mächte der Finsterniß hätten auf diesen ehernen Geist durch Furcht oder Verehrung eingewirkt.

»Madame,« sprach die Königin, indem sie die Gräfin hinter den König führte, »ich bitte Sie, sagen Sie gefälligst, was Sie am Tage meines Besuches bei Herrn Mesmer gethan haben; wollen Sie es von Punkt zu Punkt sagen.«

Jeanne schwieg.

»Kein Verschweigen, keine Schonung. Nichts als die Wahrheit, so wie sie in Ihrem Gedächtniß ist.«

Nach diesen Worten setzte sich die Königin in einen Lehnstuhl, um nicht durch ihren Blick einen Einfluß auf die Zeugin zu üben.

Welche Rolle für Jeanne! Für sie, die schon errathen hatte, daß ihre Souveränin ihrer bedurfte, für sie, welche fühlte, daß Marie Antoinette in falschem Verdachte stand, und daß man sie, ohne sich von der Wahrheit zu entfernen, rechtfertigen konnte.

Jede Andere hätte bei dieser Ueberzeugung dem Vergnügen nachgegeben, die Unschuld der Königin durch die Uebertreibung der Beweise darzuthun.

Jeanne war aber eine so verschmitzte, so feine und so starke Natur, daß sie sich innerhalb des reinen Ausdruckes der Thatsache hielt.

»Sire,« sprach sie, »ich ging zu Herrn Mesmer aus Neugierde, wie ganz Paris dahin geht. Das Schauspiel kam mir ein wenig plump vor. Ich wandte mich um, als ich plötzlich auf der Schwelle der Eingangsthüre Ihre Majestät erblickte, die ich zwei Tage vorher, ohne sie zu kennen, zu sehen die Ehre gehabt hatte, Ihre Majestät, deren Freigebigkeit mir ihren Rang verrathen hat. Als ich ihre erhabenen Züge sah, die nie meinem Gedächtnisse entschwinden werden, da schien es mir, die Gegenwart Ihrer Majestät sei nicht an ihrem Orte in jenem Haus, wo viele Leiden und Heilungen als Schauspiele ausgestellt werden. Ich bitte Ihre Majestät in Demuth um Verzeihung, daß ich es gewagt habe, so frei über ihr Benehmen zu denken, aber es war ein Blitz, ein weiblicher Instinct; ich bitte auf den Knieen um Verzeihung, wenn ich die Linie der Ehrfurcht, die ich den geringsten Bewegungen Ihrer Majestät schuldig bin, überschritten habe.«

Eine tiefe Gemüthsbewegung heuchelnd, den Kopf senkend und durch eine unerhörte Kunst beinahe zu der Stockung des Athems gelangt, welche den Thränen vorhergeht, hielt sie inne.

Herr von Crosne war dadurch ergriffen. Frau von Lamballe fühlte sich zum Herzen dieser Frau hingezogen, die zugleich zart, schüchtern, geistreich und gut zu sein schien.

Herr von Provence war betäubt.

Die Königin dankte Jeanne durch einen Blick, den der Blick der Gräfin nachsuchte oder vielmehr duckmäuserisch belauerte.

»Nun! Sire, Sie haben gehört,« sagte die Königin.

Der König rührte sich nicht.

»Ich bedurfte des Zeugnisses dieser Frau nicht,« sagte er.

»Man hat mich sprechen heißen, und ich mußte gehorchen,« warf Jeanne schüchtern ein.

»Genug!« sprach Ludwig XVI. mit brutalem Tone; »wenn die Königin etwas sagt, so braucht sie keine Zeugen, um ihre Aussagen zu controliren. Hat die Königin meine Billigung, so braucht sie von Niemand Etwas zu verlangen, und sie hat meine Billigung.«

Nach diesen Worten, welche Herrn von Provence niederschlugen, stand er auf.

Die Königin ermangelte nicht, ein verächtliches Lächeln beizufügen.

Der König wandte seinem Bruder den Rücken zu und küßte Marie Antoinette, sowie der Prinzessin von Lamballe die Hand.

Er entließ die letztere, indem er sie um Verzeihung bat, daß er sie, wie er beifügte, um Nichts belästigt habe.

An Frau von La Mothe richtete er weder ein Wort, noch einen Blick; da er aber an ihr vorübergehen mußte, um zu seinem Lehnstuhl zurückzukehren, und da er die Königin zu beleidigen fürchtete, wenn er es in ihrer Gegenwart an Höflichkeit gegen eine von ihr empfangene Dame fehlen ließe, so zwang er sich zu einem kurzen Gruß gegen Jeanne, den diese ohne Hast durch eine tiefe Verbeugung erwiderte, die ihren ganzen Anstand geltend zu machen fähig war.

Frau von Lamballe verließ zuerst das Cabinet, dann Frau von La Mothe, welche die Königin vor sich herschob, endlich die Königin, die einen letzten, beinahe liebkosenden Blick mit dem König wechselte.

Und dann hörte man in der Flur die drei Frauenstimmen, die sich zischelnd entfernten.

»Mein Bruder,« sprach nun Ludwig XVI. zum Grafen von Provence, »ich halte Sie nicht mehr zurück. Ich muß meine Wochenarbeit mit dem Herrn Policeilieutenant beendigen. Ich danke Ihnen jedoch, daß Sie dieser vollständigen und glänzenden Rechtfertigung Ihrer Schwägerin Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben. Es ist leicht zu sehen, daß Sie sich ebensosehr darüber freuen, als ich, und das will nicht wenig sagen. Nun ist die Reihe an uns Beiden, Herr von Crosne. Ich bitte Sie, setzen Sie sich hierher.«

Der Graf von Provence verbeugte sich, beständig lächelnd, und ging hinaus, als er die Damen nicht mehr hörte und sich außer dem Bereiche eines boshaften Blickes oder eines bitteren Wortes glaubte.

XXXVI.
Bei der Königin

Als die Königin das Cabinet Ludwigs XVI. verlassen hatte, untersuchte sie die ganze Tiefe der Gefahr, die sie gelaufen war.

Sie wußte zu würdigen, mit welcher Zartheit und Zurückhaltung Jeanne bei ihrer improvisirten Angabe zu Werke gegangen war, sie wußte auch den wahrhaft merkwürdigen Takt zu schätzen, mit dem sie nach dem günstigen Erfolge im Schatten blieb.

Jeanne, die durch ein unerhörtes Glück mit dem ersten Schlag in jene vertraulichen Geheimnisse eingeweiht worden war, nach denen die Höflinge zehn Jahre lang jagen, ohne sie zu erreichen, und folglich sicher darauf rechnen konnte, fortan von großem Gewicht an einem für die Königin bedeutungsvollen Tage zu sein, verrieth hierüber nicht jene Freude, welche die hoffärtige Empfindlichkeit der Großen auf den Gesichtern von Untergeordneten zu errathen weiß.

Statt das Anerbieten Jeanne's, der Königin ihre Ehrfurcht zu bezeigen und dann wegzugehen, anzunehmen, hielt daher Marie Antoinette Frau von La Mothe durch ein liebenswürdiges Lächeln zurück und sagte zu ihr:

»Es ist ein wahres Glück, Gräfin, daß Sie mich abgehalten haben mit der Prinzessin von Lamballe bei Mesmer einzutreten, denn sehen Sie die Anschwärzung, man hat mich bei der Thüre oder im Vorzimmer gesehen und dieß zum Anlaß genommen, um zu behaupten, ich sei in dem gewesen, was Sie den Saal der Crisen nennen, nicht so?«

»Den Saal der Crisen, ja, Madame.«

»Aber,« sprach Frau von Lamballe, »wie kommt es, daß, wenn die Anwesenden wußten, die Königin sei da, die Agenten des Herrn von Crosne sich getäuscht haben? Darin liegt das Geheimniß meiner Ansicht nach; die Agenten des Policeilieutenants versichern in der That, die Königin sei im Saale der Crisen gewesen.«

»Das ist wahr,« sprach die Königin nachdenkend. »Und es waltet kein Interesse von Seiten des Herrn von Crosne ob, der ein ehrlicher Mann ist und mich liebt, doch die Agenten können bestochen worden sein, meine liebe Lamballe. Ich habe Feinde, wie Sie sehen. Dieses Gerücht muß indessen immer auf etwas beruhen. Sagen Sie uns die einzelnen Umstände, Gräfin. Vor Allem stellt mich die schändliche Broschüre berauscht, bezaubert, dergestalt magnetisirt dar, daß ich alle weibliche Würde verloren haben soll. Was ist Wahrscheinliches hieran? Ist wirklich an jenem Tag eine Frau dort gewesen? …«

Jeanne erröthete. Das Geheimniß stellte sich hier abermals dar, das Geheimniß, von dem ein einziges Wort ihren unseligen Einfluß auf das Geschick der Königin zerstören konnte.

Enthüllte Jeanne dieses Geheimniß, so verlor sie die Gelegenheit, Ihrer Majestät nützlich, sogar unentbehrlich zu sein. Diese Lage richtete ihre Zukunft zu Grunde; sie blieb zurückhaltend, wie das erste Mal.

»Madame,« sagte sie, »es war wirklich eine sehr bewegte Frau dort, die sich durch ihre Verdrehungen und ihr Delirium ungemein zur Schau stellte. Doch mir scheint …«

»Es scheint Ihnen,« fiel die Königin rasch ein, »diese Frau war eine Frau vom Theater oder das. was man ein Weltmädchen nennt, und nicht die Königin von Frankreich, nicht wahr?«

»Gewiß nicht. Madame.«

»Gräfin, Sie haben dem König sehr gut geantwortet, und nun ist es an mir, für Sie zu sprechen. Lassen Sie hören, wie weit sind Sie mit Ihren Angelegenheiten? zu welcher Zeit gedenken Sie Ihre Rechte zur Anerkennung zu bringen? Doch ist nicht Jemand hier, Prinzessin?«

Frau von Misery trat ein.

»Will Eure Majestät Fräulein von Taverney empfangen?« fragte die Kammerfrau.

»Sie! sicherlich. Oh! das ceremoniöse Ding! nie würde sie sich gegen die Etikette verfehlen. Andrée! Andrée! kommen Sie doch.«

»Eure Majestät ist zu gut gegen mich,« sprach diese, indem sie sich anmuthig verbeugte.

Und sie erblickte Jeanne, welche, da sie die zweite Dame vom Unterstützungsbureau erkannte, eine Röthe und eine Bescheidenheit auf Kommando sich zu Hilfe rief.

Die Prinzessin von Lamballe benützte die Verstärkung, die der Königin zugekommen, um nach Sceaux zum Herzog von Penthièvre zurückzukehren. Andrée setzte sich an die Seite von Marie Antoinette und heftete ihren ruhigen, forschenden Blick auf Frau von La Mothe.

»Nun! Andrée,« sagte die Königin, »hier ist die Dame, die wir am letzten Tage des Eises besuchten.«

»Ich habe sie erkannt,« erwiderte Andrée sich verneigend.

Schon hochmüthig, beeilte sich Jeanne, auf den Zügen Andrée's ein Symptom von Eifersucht zu suchen, doch sie fand nichts als völlige Gleichgültigkeit.

Andrée, mit denselben Leidenschaften, wie die Königin, Andrée, eine Frau und erhaben über alle Frauen an Güte, an Geist und an Großmuth, wenn sie glücklich gewesen wäre, Andrée verschloß sich in ihre undurchdringliche Verstellung, welche der ganze Hof für die stolze Schamhaftigkeit der jungfräulichen Diana hielt.

»Wissen Sie,« sprach die Königin zu ihr, »wissen Sie, was man dem König über mich sagte?«

»Oh! man mußte ihm Alles sagen, was es Schlimmes gibt,« erwiderte Andrée, »gerade weil man ihm nicht zu sagen vermöchte, was Gutes an Ihnen ist.«

»Das ist das schönste Wort, das ich gehört,« sprach Jeanne einfach. »Ich sage, das schönste, weil es in seiner ganzen Stärke das Gefühl wiedergibt, welches das meines Lebens ist, und das mein schwacher Geist nie so auszudrücken vermocht hätte.«

»Ich werde Ihnen die Sache erzählen, Andrée.«

»Oh! ich weiß sie,« sagte diese; »der Herr Graf von Provence hat sie so eben erzählt, und eine Freundin von mir hat zugehört.«

»Das ist ein glückliches Mittel, die Lüge zu verbreiten, nachdem man der Wahrheit gehuldigt hat,« sprach zornig die Königin. »Doch lassen wir das. Ich war eben mit der Gräfin an der Auseinandersetzung ihrer Lage. Wer protegirt Sie, Gräfin?«

»Sie, Madame,« erwiderte Jeanne muthig, »Sie, die Sie mir erlauben, Ihnen die Hand zu küssen.«

»Sie hat Gemüth, und ich liebe ihre Ergüsse,« sagte Marie Antoinette zu Andrée.

Andrée antwortete nicht.

»Madame,« fuhr Jeanne fort, »wenige Personen haben es gewagt, mich zu protegiren, als ich in der Noth und in der Dunkelheit war; nun aber, wenn man mich einmal in Versailles gesehen, wird sich alle Welt um das Recht streiten, der Königin, ich will sagen, einer Person angenehm zu sein, die Ihre Majestät eines Blickes zu würdigen die Gnade gehabt hat.«

»Wie!« rief die Königin, indem sie sich setzte; »Niemand war muthig oder verdorben genug, Sie zu protegiren?«

»Ich hatte Anfangs Frau von Boulainvilliers,« antwortete Jeanne, »eine wackere Frau; dann Herrn von Boulainvilliers, einen verdorbenen Beschützer; doch seit meiner Verheirathung Niemand, oh! Niemand!« sagte sie mit einer äußerst geschickten Uebergehung. »Oh! verzeihen Sie, ich vergaß einen braven Mann, einen edelmüthigen Prinzen …«

»Einen Prinzen! wen denn, Gräfin?«

»Den Herrn Cardinal von Rohan.«

Die Königin machte eine ungestüme Bewegung gegen Jeanne.

»Mein Feind!« sagte sie lächelnd.

»Feind Eurer Majestät! Er! der Cardinal!« rief Jeanne. »Oh! Madame!«

»Man sollte glauben, Gräfin, Sie wundern sich darüber, daß eine Königin einen Feind hat. Wie sieht man doch, daß Sie nicht bei Hofe gelebt haben!«

»Madame, der Cardinal betet Eure Majestät an, wenigstens glaubte ich das zu wissen, und wenn ich mich nicht getäuscht habe, so kommt seine Ehrfurcht für die erhabene Gemahlin des Königs seiner Ergebenheit gleich.«

»Oh! ich glaube Ihnen, Gräfin,« erwiderte Marie Antoinette, die sich wieder ihrer gewöhnlichen Heiterkeit überließ, »ich glaube Ihnen theilweise. Ja, so ist es, der Cardinal betet mich an.«

Und so sprechend wandte sie sich mit einem treuherzigen Gelächter gegen Andrée von Taverney.

»Nun! Gräfin, ja, der Cardinal betet mich an, und darum ist er mein Feind.«

Jeanne von La Mothe heuchelte das Erstaunen einer Frau aus der Provinz.

»Ah! Sie sind der Schützling des Herrn Prinzen Erzbischofs Louis von Rohan?« fuhr die Königin fort. »Erzählen Sie uns das, Gräfin.«

»Das ist ganz einfach, Madame. Seine Excellenz hat mich auf die großmüthigste, zarteste Weise mit der geistreichsten Freigebigkeit unterstützt.«

»Sehr gut. Der Prinz Louis ist verschwenderisch, das kann man ihm nicht streitig machen. Denken Sie nicht, Andrée, der Herr Cardinal könnte wohl auch einige Anbetung für diese hübsche Gräfin fühlen? Wie? Gräfin, sagen Sie es uns.«

Marie Antoinette fing wieder ihr freudiges, treuherziges, glückliches Gelächter an, wozu indeß die fortwährend ernste Andrée sie nicht ermuthigte.

»Diese geräuschvolle Heiterkeit muß nothwendig bloß scheinbar sein,« dachte Jeanne. »Wir wollen sehen.«

»Madame,« sprach sie mit einer ernsten Miene und einem Ausdruck inniger Rührung, »ich habe die Ehre Eure Majestät zu versichern, daß Herr von Rohan …«

»Es ist gut, es ist gut,« unterbrach die Königin. »Da Sie so eifrig für ihn sind … da Sie seine Freundin sind …«

»Oh! Madame,« machte Jeanne mit einem köstlichen Ausdruck von Schamhaftigkeit und Ehrfurcht.

»Gut! liebe Kleine, gut,« fuhr die Königin mit einem sanften Lächeln fort; »aber fragen Sie ihn doch einmal, was er mit gewissen Haaren gethan, welche er mir durch einen Friseur hat stehlen lassen, den dieser Spaß theuer zu stehen kam, denn ich jagte ihn fort.«

»Eure Majestät setzt mich in Erstaunen,« sagte Jeanne. »Wie! Herr von Rohan hätte dieß gethan?«

»Ah! ja … die Anbetung, immer die Anbetung. Nachdem er mich in Wien verwünscht, nachdem er Alles angewendet, Alles versucht hatte, um die zwischen dem Könige und mir beabsichtigte Heirath abzubrechen, bemerkte er eines Tages, daß ich Frau und seine Königin war; daß er, ein großer Diplomat, eine Schule durchgemacht, und daß er immerhin mit mir viel zu kämpfen bekommen würde. Da hatte er bange für seine Zukunft, der liebe Prinz, und er machte es dann, wie alle Leute von seinem Gewerbe, die denjenigen am meisten schmeicheln, vor welchen sie sich am meisten fürchten; und da er wußte, daß ich jung war, da er mich für albern und eitel hielt, so verwandelte er sich in den Seladon. Nach den Seufzern und den schmachtenden Gesichtern hat er sich in die Anbetung versetzt, wie Sie sagen. Er betet mich an, nicht wahr, Andrée?«

»Madame!« erwiderte diese sich verbeugend.

»Ja. Andrée will sich auch nicht gefährden; doch ich, ich wage es; das Königthum muß doch zu etwas nütz sein, Gräfin; ich weiß und Sie wissen, daß der Cardinal mich anbetet. Das ist eine abgemachte Sache; sagen Sie ihm, sagen Sie ihm, ich grolle ihm darum nicht.«

Diese Worte, welche eine bittere Ironie enthielten, berührten tief das brandige Herz Jeanne's von La Mothe.

Wäre sie edel, rein und redlich gewesen, so hätte sie hierin nichts gesehen, als die stolze Verachtung der Frau mit dem erhabenen Herzen, die gänzliche Geringschätzung einer großen Seele gegen die niedrigen Intriguen, die sich unter ihr bewegen. Diese Art von Frauen, diese so seltenen Engel vertheidigen ihren Ruf nie gegen die Hinterhalte, die ihnen auf Erden gelegt werden.

Sie wollen ihn nicht einmal ahnen, den Koth, an dem sie sich beschmutzen, den Vogelleim, an dem sie die glänzendsten Federn ihrer Flügel hängen lassen.

Jeanne, eine gemeine und verdorbene Natur, erblickte einen großen Aerger bei der Königin in der Kundgebung dieses Zornes über das Benehmen des Herrn Cardinals von Rohan. Sie erinnerte sich der Gerüchte des Hofes, Gerüchte mit ärgerlichen Sylben, die sich aus dem Innern des Schlosses bis in die Tiefe der Vorstädte von Paris verbreitet und so viel Echo gefunden hatten.

Der Cardinal, der die Frauen wegen ihres Geschlechtes liebte, hatte zu Ludwig XV., welcher die Frauen auch auf diese Art liebte, gesagt, die Dauphine sei nur eine unvollständige Frau. Man kennt die seltsamen Ausdrücke Ludwigs XV. im Augenblick der Verheirathung seines Enkels und seine Fragen an einen gewissen neuen Botschafter.

Jeanne, eine vollständige Frau, wie es nur eine geben konnte, ein Weib vom Scheitel bis zu den Zehen, eitel auf ein einziges von ihren Haaren, die sie auszeichneten, Jeanne, die das Bedürfniß zu gefallen und durch alle ihre Vorzüge zu siegen empfand, konnte nicht glauben, eine Frau denke anders, als sie, über diese zarte Materie.

»Ihre Majestät hat einen Aerger,« sagte sie zu sich selbst. »Wenn sie aber einen Aerger hat, so muß noch etwas Anderes obwalten.«

Bedenkend, daß der Anstoß die Einsicht erzeugt, fing sie an, Herrn von Rohan mit all dem Geiste zu vertheidigen, mit dem die Natur als gütige Mutter sie so reichlich begabt hatte.

Die Königin hörte zu.

»Sie hört zu,« sagte Jeanne zu sich selbst.

Und getäuscht durch ihre schlimme Natur, bemerkte Jeanne nicht einmal, daß die Königin aus Edelmuth zuhörte, weil es bei Hofe gebräuchlich ist, daß nie ein Mensch Gutes von denjenigen spricht, von denen der Gebieter Schlimmes denkt.

Dieser Eingriff in die Traditionen, dieses Abgehen von den Gewohnheiten des Schlosses machten die Königin zufrieden und beinahe glücklich.

Marie Antoinette sah ein Herz da, wohin Gott nur einen trockenen, verdorbenen Schwamm gelegt hatte.

Das Gespräch ging so auf dem Fuße wohlwollender Vertraulichkeit von Seiten der Königin fort. Jeanne war auf Nadeln, sie fühlte sich verlegen, denn sie wußte nicht mehr, wie sie wegkommen sollte, ohne entlassen zu werden; sie, die so eben noch diese schöne Rolle der Fremden hatte, welche um Abschied bittet; doch plötzlich erscholl eine muntere, geräuschvolle, junge Stimme im anstoßenden Cabinet.

»Der Graf von Artois!« sagte die Königin.

Andrée stand sogleich auf. Jeanne schickte sich an, wegzugehen, aber der Prinz war so rasch in das Zimmer, wo sich die Königin befand, eingedrungen, daß der Abgang beinahe unmöglich wurde. Frau von La Mothe that jedoch das, was man auf dem Theater einen Abgang nehmen nennt.

Der Prinz blieb stehen, als er diese hübsche Person sah, und grüßte sie.

»Die Frau Gräfin von La Mothe,« sagte die Königin, Jeanne dem Prinzen vorstellend.

»Ah! ah!« versetzte der Graf von Artois. »Ich will Sie nicht vertreiben, Frau Gräfin.«

Die Königin machte Andrée ein Zeichen, und diese hielt Jeanne zurück.

Das Zeichen wollte besagen: Ich hatte Frau von La Mothe ein Geschenk zu machen; ich habe nicht die Zeit dazu gehabt, verschieben wir es auf später.

»Sie sind also von der Wolfsjagd zurückgekehrt?« sagte die Königin, indem sie dem Prinzen nach der englischen Mode, die damals schon in Gunst kam, die Hand reichte.

»Ja, meine Schwägerin, und ich habe eine gute Jagd gemacht, denn ich habe sieben erlegt, und das ist ungeheuer,« erwiderte der Prinz.

Türler ve etiketler

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04 aralık 2019
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