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Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 36

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Zehntes und elftes Bändchen

LII.
Delirium

Gott hatte ohne Zweifel das Gebet Andrée's gehört. Herr von Charny unterlag seinem Fieberanfall nicht.

Am andern Tage, als sie voll Gierde alle Nachrichten verschlang, die ihr von dem Verwundeten zukamen, ging dieser durch die Wege des guten Doctors Louis vom Tode zum Leben über. Die Entzündung hatte der Energie und dem Gegenmittel nachgegeben. Die Heilung begann.

Sobald Charny gerettet war, beschäftigte sich Louis um die Hälfte weniger mit ihm; der Gegenstand hörte auf, interessant zu sein. Für den Arzt ist der Lebende sehr wenig, besonders wenn er in der Genesung begriffen ist, oder wenn er sich wohl befindet.

Nach Verlauf von acht Tagen jedoch, in denen sich Andrée völlig beruhigte, hielt es Louis, der alle Offenbarungen des Kranken während der Krise auf dem Herzen hatte, für gut, Charny an einen entfernten Ort bringen zu lassen. Er wollte das Delirium in eine andere Gegend versetzen.

Aber Charny weigerte sich bei den ersten Versuchen, welche gemacht wurden. Er schlug von Zorn funkelnde Augen zum Doctor auf und sagte ihm, er sei beim König, und Niemand habe das Recht, einen Mann wegzujagen, dem Seine Majestät ein Asyl gebe.

Der Doctor, der gegen widerspänstige Genesende nicht geduldig war, ließ ganz einfach vier Knechte eintreten und befahl ihnen, den Verwundeten aufzuheben.

Aber Charny klammerte sich an das Holz seines Bettes an, schlug heftig einen der Männer und bedrohte die Anderen wie Carl XII. bei Bender. Der Doctor versuchte es mit vernünftigem Zureden. Charny war Anfangs ziemlich logisch; als aber die Knechte beharrlich ihre Arbeit fortsetzen wollten, machte er eine so gewaltige Gegenanstrengung, daß seine Wunde sich wieder öffnete und mit seinem Blute seine Vernunft entfloh. Er war in einen Anfall von Delirium zurückgekehrt, der heftiger wurde, als der erste.

Da fing er an zu schreien, man wolle ihn entfernen, um ihn der Visionen zu berauben, die er im Schlafe gehabt, aber es sei vergebens, die Visionen lächeln ihm immer zu, man liebe ihn und werde trotz des Doctors kommen, um ihn zu besuchen: diejenige, welche ihn liebe, sei von einem Range, daß sie keines Menschen Zurückweisung fürchte.

Bei diesen Worten schickte der Doctor zitternd in aller Eile die Knechte weg, legte einen Verband auf die Wunde, und versetzte, entschlossen die Vernunft mit dem Körper zu pflegen, die Wunden in einen befriedigenden Zustand, hielt aber das Fieber nicht auf, was ihn zu erschrecken anfing, in Betracht, daß der Kranke von der Verirrung des Verstandes zur Tollheit übergehen konnte.

Alles verschlimmerte sich an einem Tag, so daß der Doctor Louis an die heroischsten Mittel dachte. Der Kranke stürzte nicht nur sich, sondern auch die Königin in's Verderben; dadurch, daß er viel sprach, schrie er; dadurch, daß er sich viel erinnerte, erfand er; das Schlimmste dabei war, daß Charny in seinen lichten Augenblicken, und er hatte deren viele, toller war, als in seiner Tollheit.

Im höchsten Grad verlegen, beschloß Louis, der sich nicht auf die Autorität des Königs stützen konnte, denn der Kranke stützte sich auch darauf, zu der Königin zu gehen und ihr Alles zu sagen, und er benützte, um diesen Schritt zu thun, einen Augenblick, wo Charny, müde durch das Erzählen seiner Träume und das Herbeirufen seiner Vision, schlief.

Er fand Marie Antoinette ganz nachdenklich und ganz strahlend zugleich, denn sie dachte, der Doctor würde ihr gute Nachricht von seinem Kranken bringen. Aber sie war sehr erstaunt; gleich bei ihrer ersten Frage antwortete Louis gerade heraus, der Kranke sei sehr krank.

»Wie!« rief die Königin, »gestern ging es so gut.«

»Nein, Madame, es ging sehr schlecht.«

»Ich schickte doch Misery zu ihnen, und Sie antworteten durch ein gutes Bulletin.«

»Ich gab mich einer tollen Hoffnung hin und wollte Sie hoffen lassen.«

»Was soll das bedeuten?« erwiderte die Königin sehr bleich; »wenn es schlecht geht, warum es mir verbergen? Was habe ich Anderes zu fürchten, Doctor, als ein leider allzu gewöhnliches Unglück?«

»Madame …«

»Und wenn es gut geht, warum mich in eine Unruhe versetzen, die ganz natürlich ist, da es sich um einen guten Diener des Königs handelt? Antworten Sie also offenherzig mit ja oder nein. Wie steht es mit der Krankheit, wie steht es mit dem Kranken? Ist Gefahr vorhanden?«

»Für ihn noch weniger, als für Andere, Madame.«

»Da fangen die Räthsel an!« rief die Königin ungeduldig. «Erklären Sie sich.«

»Das ist schwer,« antwortete der Doctor. »Es genüge Ihnen, zu erfahren, daß das Uebel des Grafen von Charny lediglich ein moralisches ist. Die Wunde ist nur eine Beigabe zu dem Leiden, ein Vorwand für das Delirium.«

»Ein moralisches Uebel! Herr von Charny!«

»Ja, Madame, und ich nenne moralisch Alles, was sich nicht mit dem Zergliederungsmesser analysiren läßt. Erlassen Sie mir, Eurer Majestät mehr zu sagen.«

»Sie meinen, der Graf …« versetzte die Königin.

»Sie wollen?«

»Gewiß, ich will.«

»Ich will sagen, der Graf sei verliebt, das will ich sagen. Eure Majestät fordert eine Erklärung; ich erkläre mich.«

Die Königin machte eine kleine Bewegung mit den Schultern, welche bedeutete: eine schöne Geschichte!

»Und Sie glauben, man genese hievon, wie von einer Wunde?« fuhr der Doctor fort; »nein, das Uebel wird schlimmer, und vom vorübergehenden Delirium wird Herr von Charny in eine tödtliche Monomanie verfallen. Dann …«

»Dann, Doctor?«

»Dann werden Sie den jungen Mann in's Verderben gestürzt haben, Madame.«

»In der That, Doctor, man muß sich wundern über Ihre Manieren. Ich werde diesen jungen Mann in's Verderben gestürzt haben! Bin ich die Ursache, wenn er verrückt ist?«

»Allerdings.«

»Sie empören mich, Doctor.«

»Sind Sie nicht in diesem Augenblick schuld,« fuhr der unbeugsame Doctor, die Achseln zuckend, fort, »so werden Sie es später sein.«

»Geben Sie also einen Rath, wie dieß Ihr Gewerbe ist,« sagte die Königin ein wenig besänftigt.

»Das heißt, ich soll eine Verordnung machen?«

»Wenn Sie wollen.«

»Hören Sie, Madame. Der junge Mann werde durch den Balsam oder durch das Eisen geheilt; die Frau, deren Namen er jeden Augenblick anruft, tödte oder heile ihn.«

»Das sind wieder Ihre Extreme,« unterbrach die Königin, auf's Neue in ihre Ungeduld verfallend. »Tödten! … heilen! … große Worte! Tödtet man einen Mann mit einer Härte? heilt man einen armen Narren mit einem Lächeln?«

»Ah! wenn Sie auch ungläubig sind, so habe ich nichts mehr zu thun, als Eurer Majestät meinen unterthänigsten Respect zu bezeugen.«

»Lassen Sie vor Allem hören, handelt es sich um mich?«

»Ich weiß nichts davon und will nichts davon wissen; ich wiederhole Ihnen nur, daß Herr von Charny ein vernünftiger Narr ist, daß die Vernunft zugleich wahnsinnig machen und tödten kann, daß die Tollheit zugleich vernünftig machen und heilen kann. Wenn Sie also dieses Schloß von Schreien, von Träumen und von Aergerniß befreien wollen, so werden Sie einen Entschluß fassen.«

»Welchen?«

»Ah! ja, welchen? Ich mache nur Verordnungen und rathe nicht. Bin ich ganz sicher, gehört zu haben, was ich gehört habe, gesehen zu haben, was meine Augen gesehen?«

»Nehmen Sie an, ich verstehe Sie, was wird daraus hervorgehen?«

»Ein zweifaches Glück: das eine, das Bessere für Sie wie für Alle, ist, daß der Kranke, durch das untrügliche Stilett, welches man die Vernunft nennt, im Herzen getroffen, seinen Todeskampf, welcher beginnt, endigen sieht; das andere … nun wohl … das andere … Oh! Madame, entschuldigen Sie mich, ich habe mir das Unrecht zu Schulden kommen lassen, zwei Ausgänge aus dem Labyrinth zu sehen. Es gibt nur einen für Marie Antoinette, die Königin von Frankreich.«

»Ich verstehe Sie, Sie haben offenherzig gesprochen, Doctor. Die Frau, für welche Herr von Charny die Vernunft verloren hat, soll ihm diese Vernunft gutwillig oder mit Gewalt zurückgeben.«

»Sehr gut, das ist es.«

»Sie soll den Muth haben, ihm seine Träume, das heißt, die nagende Schlange, zu entreißen, welche aufgerollt im tiefsten Grunde seines Herzens liegt.«

»Ja, Eure Majestät.«

»Lassen Sie Jemand benachrichtigen; Fräulein von Taverney zum Beispiel.«

»Fräulein von Taverney?« versetzte der Doctor.

»Ja, Sie werden Alles einrichten, daß uns der Kranke auf eine geziemende Weise empfängt.«

»Das ist geschehen, Madame.«

»Ohne irgend eine Schonung?«

»Es muß wohl sein.«

»Aber, Doctor,« murmelte die Königin, »es ist trauriger, als Sie glauben, so das Leben oder den Tod eines Menschen aufzusuchen.«

»Das thue ich alle Tage, wenn ich eine unbekannte Krankheit anfasse. Werde ich sie durch das Mittel angreifen, welches das Uebel tödtet, oder durch das Mittel, das den Kranken tödtet?«

»Sie, Sie sind sicher, die Krankheit zu tödten?« fragte bebend die Königin.

»Ei!« erwiderte der Doctor mit düsterer Miene, »wenn auch ein Mann für die Ehre einer Königin stürbe, wie viele sterben nicht alle Tage für die Laune eines Königs? – Gehen wir, Madame.«

Die Königin seufzte und folgte dem alten Doctor, ohne daß sie Andrée hatte finden können.

Es war elf Uhr Morgens. Charny schlief ganz angekleidet in einem Lehnstuhl nach der Aufregung einer furchtbaren Nacht. Sorgfältig geschlossen, ließen die Laden nur einen schwachen Reflex des Tageslichtes durch. Alles war darauf eingerichtet, von dem Kranken die nervöse Empfindlichkeit, die erste Ursache seines Leidens, abzuhalten.

Kein Lärm, keine Berührung, kein Anblick. Der Doctor Louis faßte geschickt alle Vorwände zu einem Wiederaufleben krankhafter Erscheinungen an, und dennoch wich er, entschlossen einen großen Schlag zu thun, nicht vor einer Krise zurück, die seinen Kranken tödten könnte. Allerdings konnte sie ihn auch retten.

In einem Morgenkleide, mit einer ganz nachlässigen Eleganz frisirt, trat die Königin ungestüm in die Hausflur, welche zu Charny's Zimmer führte. Der Doctor hatte ihr empfohlen, nicht zu zögern, nicht zu versuchen, sondern auf der Stelle mit einer Entschlossenheit zu erscheinen, um eine heftige Wirkung hervorzubringen.

Sie drehte so rasch den ciselirten Knopf der ersten Thüre des Vorzimmers um, daß eine Person, die sich gegen die Thüre von Charny's Zimmer neigte, eine in ihre Mantille gehüllte Frau, nur Zeit hatte, sich aufzurichten und eine Haltung anzunehmen, deren Ruhe ihr verstörtes Gesicht und ihre zitternden Hände Lügen straften.

»Andrée!« rief die Königin erstaunt. »Sie hier!«

»Ich!« antwortete Andrée, bleich und ängstlich, »ja, Eure Majestät. Doch ist Eure Majestät nicht auch selbst hier?«

»Ho! ho! Verwickelung!« murmelte der Doctor.

»Ich suchte Sie überall,« sagte die Königin; »wo waren Sie?«

Es lag in diesen Worten der Königin ein Ausdruck, welcher nicht der ihrer gewöhnlichen Güte war. Es war wie das Vorspiel eines Verhörs, wie das Symptom eines Verdachtes.

Andrée hatte bange; sie fürchtete besonders, ihr unüberlegter Schritt könnte den Schlüssel zu ihren für sie so furchtbaren Gefühlen geben. So stolz sie auch war, so entschloß sie sich doch, zum zweiten Male zu lügen.

»Hier, wie Sie sehen.«

»Allerdings, doch, wie hier?«

»Madame,« erwiderte sie, »man hat mir gesagt, Eure Majestät lasse mich suchen; ich bin gekommen.«

Die Königin war nicht am Ende mit ihrem Mißtrauen, sie blieb beharrlich und fuhr fort:

»Wie haben Sie es gemacht, um zu errathen, wohin ich ging?«

»Das war leicht, Madame; Sie waren mit dem Doctor Louis, und man hatte Sie durch die kleinen Gemächer gehen sehen; von da an hatten Sie kein anderes Ziel, als diesen Pavillon.«

»Gut errathen,« erwiderte die Königin, immer noch unentschieden, aber ohne Härte, »gut errathen.«

Andrée strengte sich gewaltig an und sprach lächelnd:

»Madame, wenn es die Absicht Eurer Majestät war, sich zu verbergen, so hätte sie sich nicht auf den unbedeckten Gallerieen zeigen müssen, wie sie es so eben gethan, um hieher zu kommen. Schreitet die Königin über die Terrasse, so sieht Fräulein von Taverney sie von ihrer Wohnung aus, und es ist nicht schwierig, Jemand zu folgen oder voranzugehen, den man von ferne gesehen hat.«

»Sie hat Recht,« sagte die Königin, »und zwar hundertmal Recht. Ich habe eine unglückliche Gewohnheit, welche darin besteht, daß ich nie errathe; wenig nachdenkend, glaube ich nicht an die Reflexionen der Andern.«

Die Königin fühlte, sie würde vielleicht der Nachsicht bedürfen, weil sie der Vertrauten bedurfte.

Ihre Seele war überdieß keine Zusammensetzung von Coketterie und Mißtrauen, wie die der gewöhnlichen Weiber; sie hatte Glauben an ihre Freundschaften, denn sie wußte, daß sie lieben konnte. Die Frauen, welche sich selbst mißtrauen, mißtrauen noch viel mehr den Andern. Ein großes Unglück, das die Coketten bestraft, ist, daß sie sich nie von ihren Liebhabern geliebt glauben.

Marie Antoinette vergaß also sehr rasch den Eindruck, den Fräulein von Taverney vor Charny's Thüre auf sie gemacht hatte. Sie nahm Andrée bei der Hand, ließ sie den Schlüssel dieser Thüre umdrehen und drang mit einer außerordentlichen Schnelligkeit in das Zimmer des Kranken, während der Doctor mit Andrée außen blieb.

Kaum hatte diese die Königin verschwinden sehen, als sie zum Himmel einen Blick voll Zorn und Schmerz erhob, einen Blick, dessen Ausdruck einer wüthenden Verwünschung glich.

Der gute Doctor nahm ihren Arm, durchschritt mit ihr die Flur und sagte:

»Glauben Sie, daß es ihr gelingen wird?«

»Gelingen? mein Gott! was?« rief Andrée.

»Den armen Narren, der hier sterben wird, wenn sein Fieber noch ein wenig fortdauert, anderswohin bringen zu lassen.«

»Anderswo wird er also genesen?« fragte Andrée hastig.

Der Doctor schaute sie erstaunt, unruhig an und antwortete: »Ich glaube, ja.«

»Oh! dann möge es ihr gelingen!« rief das arme Mädchen.

LIII.
Genesung

Die Königin war indessen gerade auf den Lehnstuhl Charny's zugegangen.

Dieser erhob den Kopf beim Geräusche der Pantoffeln, welche auf dem Boden krachten.

»Die Königin,« murmelte er, indem er aufzustehen suchte.

»Die Königin, ja, mein Herr,« erwiderte rasch Marie Antoinette. »Die Königin, welche weiß, wie Sie daran arbeiten, die Vernunft und das Leben zu verlieren, die Königin, welche Sie in Ihren Träumen und wachend beleidigen, die Königin, welche für ihre eigene Ehre, und für Ihre Sicherheit, mein Herr, besorgt ist. Darum kommt sie zu Ihnen, mein Herr, und Sie sollten sie nicht so empfangen.«

Charny war zitternd, verwirrt aufgestanden, dann, bei den letzten Worten war er auf seine Kniee gesunken, so zermalmt durch den physischen und den moralischen Schmerz, daß er, gebeugt wie ein Schuldiger, sich weder erheben wollte noch konnte.

»Ist es möglich,« fuhr die Königin, gerührt von dieser Ehrfurcht und diesem Stillschweigen, fort, »ist es möglich, daß ein Edelmann, den man einst den loyalsten beizählte, sich wie ein Feind an den Ruf einer Frau hängt! Denn bemerken Sie wohl, Herr von Charny, schon bei unserem ersten Zusammensein war es nicht die Königin, was Sie gesehen, und was ich Ihnen gezeigt habe, es war eine Frau, und das hätten Sie nie vergessen müssen.«

Hingerissen durch diese aus dem Herzen hervorgegangenen Worte, wollte Charny versuchen, etwas zu seiner Verteidigung zu sprechen, aber Marie Antoinette ließ ihm nicht Zeit dazu.

»Was werden meine Feinde thun,« sagte sie, »wenn Sie das Beispiel des Verraths geben?«

»Verrath!« stammelte Charny.

»Mein Herr, wollen Sie wählen? entweder sind Sie ein Wahnsinniger, und ich werde Ihnen das Mittel, Schlimmes zu thun, entziehen, oder Sie sind ein Verräther, und ich werde Sie bestrafen.«

»Madame, sagen Sie nicht, ich sei ein Verräther. Im Munde der Königin geht diese Anklage dem Todesurtheil voran, im Munde einer Frau entehrt sie. Als Königin tödten Sie mich, als Frau schonen Sie mich.«

»Sind Sie bei gesundem Verstande, Herr von Charny?« sagte die Königin mit bewegter Stimme.

»Ja, Madame.«

»Haben Sie das Bewußtsein Ihres Unrechts gegen mich, Ihres Verbrechens gegen den König?«

»Mein Gott!« murmelte der Unglückliche.

»Denn Ihr vergeßt es zu leicht, Ihr Herren Edelleute, der König ist der Gemahl der Frau, die Ihr Alle beleidigt, indem Ihr die Augen zu ihr erhebt; der König ist der Vater Eures zukünftigen Herrn, meines Dauphin. Der König ist ein größerer und besserer Mann, als Ihr Alle, ein Mann, den ich verehre und liebe.«

»Oh!« murmelte Charny, einen dumpfen Seufzer ausstoßend; und um nicht vollends niederzustürzen, war er genöthigt, eine seiner Hände auf den Boden zu stützen.

Sein Schrei durchdrang das Herz der Königin. Sie las in dem erloschenen Blick des jungen Mannes, daß er auf den Tod getroffen war, wenn sie nicht rasch den Pfeil, den sie gegen ihn abgedrückt, aus der Wunde zog.

Barmherzig und sanft, erschrak sie deßhalb über die Blässe und Schwäche des Schuldigen, und sie war einen Augenblick nahe daran, um Hilfe zu rufen.

Aber sie bedachte, der Doctor und Andrée würden diese Ohnmacht des Kranken schlecht deuten. Sie hob ihn mit ihren Händen auf und sagte:

»Sprechen wir, ich als Königin, Sie als Mann. Der Doctor Louis hat es versucht, Sie zu heilen; diese Wunde, welche nichts war, verschlimmert sich durch die Ausschweifungen Ihres Gehirns. Wann wird sie geheilt sein, diese Wunde? Wann werden Sie aufhören, dem Doctor das ärgerliche Schauspiel einer Tollheit zu geben, die ihn beunruhigt? Wann werden Sie vom Schlosse abreisen?«

»Madame,« stammelte Charny, »Eure Majestät jagt mich fort … Ich gehe! ich gehe!«

Und er machte eine so heftige Bewegung, um wegzugehen, daß er, aus seinem Gleichgewicht herausgeworfen, sich schwankend in den Armen der Königin drehte, die ihm den Weg versperrte.

Kaum hatte er die Berührung dieser glühenden Brust, die ihn zurückhielt, gefühlt, kaum hatte er sich unter dem unwillkürlichen Drucke des Armes, der ihn trug, gebogen, als seine Vernunft ihn eilig verließ, als sein Mund sich öffnete, um einen verzehrenden Hauch durchzulassen, der kein Wort war und kein Kuß zu sein wagte.

Durch diese Berührung selbst versengt, durch diese Schwäche bewegt, hatte die Königin nicht die Zeit, den leblosen Körper auf seinen Stuhl zurückzustoßen. Sie wollte entfliehen, aber Charny's Kopf war rückwärts gefallen; er schlug an das Holz des Stuhles, eine leichte rosenrothe Nuance färbte den Schaum seiner Lippen, ein lauer rosenfarbener Tropfen war von seiner Stirne auf die Hand der Königin gefallen.

»Oh! so ist es gut,« murmelte er, »so ist es gut! ich sterbe von Ihrer Hand.«

Die Königin vergaß Alles. Sie kam zurück, nahm Charny in ihre Arme, preßte seinen todten Kopf an ihren Busen und legte eine eiskalte Hand auf das Herz des jungen Mannes.

Die Liebe bewirkte ein Wunder. Charny erwachte wieder. Er öffnete die Augen. Die Erscheinung verschwand. Die Frau erschrack, eine Erinnerung da zurückgelassen zu haben, wo sie nur ein letztes Lebewohl zu geben glaubte. Sie machte drei Schritte gegen die Thüre mit einer solchen Hast, daß Charny kaum Zeit hatte, den Saum ihres Kleides zu ergreifen und auszurufen:

»Madame, bei all meiner Verehrung für Gott, die weniger groß ist als meine Verehrung für Sie …«

»Leben Sie wohl!« rief die Königin.

»Madame! oh! verzeihen Sie mir!«

»Ich verzeihe Ihnen, Herr von Charny!-

»Madame, einen letzten Blick!«

»Herr von Charny,« sprach die Königin zitternd vor Aufregung und Zorn, »wenn Sie nicht der elendeste Mensch sind, so werden Sie heute Abend oder jedenfalls morgen entweder todt oder vom Schlosse abgereist sein.«

Eine Königin bittet, wenn sie in solchen Ausdrücken befiehlt. Charny faltete voll Trunkenheit die Hände und schleppte sich auf den Knieen bis zu den Füßen von Marie Antoinette.

Diese hatte schon die Thüre geöffnet, um schneller der Gefahr zu entfliehen.

Andrée, deren Augen diese Thüre seit dem Anfang der Unterredung verschlungen, sah den jungen Mann niedergeworfen, die Königin schwankend; sie sah die Augen jenes vor Stolz und Hoffnung glänzen, die Blicke dieser sich erloschen gegen den Boden senken.

Im Herzen getroffen, verzweiflungsvoll, erfüllt von Haß und Verachtung, beugte sie den Kopf nicht. Als sie die Königin zurückkommen sah, schien es ihr, Gott habe dieser Frau zu viel gegeben, indem er ihr als Ueberfluß einen Thron und die Schönheit gegeben, da er ihr so eben nun auch diese halbe Stunde mit Herrn von Charny geschenkt.

Der Doctor sah zu viele Dinge, um eines zu bemerken.

Ganz dem Erfolg der gepflogenen Unterhandlung entgegenhaltend, begnügte er sich, zu fragen:

»Nun, Madame?«

Die Königin brauchte eine Minute, um sich zu erholen und ihre durch die Schläge ihres Herzens erstickte Stimme wiederzuerlangen.

»Was wird er thun?« wiederholte der Doctor.

»Er wird abreisen,« murmelte die Königin.

Und ohne auf Andrée, welche die Stirne faltete, und auf Louis zu achten, der sich die Hände rieb, durchschritt sie rasch die Flur und die Gallerie, hüllte sich maschinenmäßig in ihre Mantille mit einer Spitzenkrause, und kehrte in ihre Wohnung zurück.

Andrée drückte dem Doctor, der wieder zu seinem Kranken eilte, die Hand; dann kehrte sie ebenfalls, mit einem Schritt so feierlich wie der eines Schattens, gesenkten Kopfes, starren Auges und abwesenden Geistes, in ihr Zimmer zurück.

Es war ihr nicht einmal eingefallen, die Königin nach ihren Befehlen zu fragen. Für eine Natur wie Andrée ist die Königin nichts, die Nebenbuhlerin Alles.

Wieder der Sorge von Louis anheimgegeben, schien Charny nicht mehr derselbe Mensch wie am Tage vorher zu sein.

Stark bis zur Uebertreibung, kühn bis zur Prahlerei, richtete er an den guten Doctor so dringende, so energische Fragen über seine nahe bevorstehende Genesung, über die zu befolgende Diät, über die Transportmittel, daß Louis glaubte, es sei ein noch gefährlicherer Rückfall, hervorgebracht durch eine Manie anderer Art, eingetreten.

Charny enttäuschte ihn bald; er glich jenen im Feuer gerötheten Eisen, deren Färbung sich vor dem Auge in dem Maße schwächt, in welchem die Hitze an Intensität abnimmt. Das Eisen ist schwarz und spricht nicht mehr zu dem Blick, aber es ist noch glühend genug, um Alles zu verzehren, was man ihm darbieten wird.

Louis sah den jungen Mann wieder seine Ruhe und seine Logik aus den guten Tagen annehmen. Charny war in der That so vernünftig, daß er sich für verpflichtet hielt, dem Arzt die plötzliche Veränderung seines Entschlusses zu erklären.

»Die Königin,« sagte er, »hat mich, indem sie mich beschämte, mehr geheilt, als Ihre Wissenschaft, mein lieber Doctor, dieß mit vortrefflichen Mitteln gethan hätte. Wer mich bei der Eitelkeit packt, sehen Sie, der bändigt mich wie man ein Pferd mit dem Gebiß bändigt.«

»Desto besser, desto besser,« murmelte der Doctor.

»Ja, ich erinnere mich, daß ein Spanier – sie sind prahlerisch genug – eines Tags, um mir seine Willensstärke zu beweisen, zu mir sagte, bei einem Duell, in dem er verwundet worden, habe es für ihn genügt, sein Blut zurückhalten zu wollen, damit sein Gegner sich nicht am Anblick seines Blutes habe erlaben können. Ich habe über diesen Spanier gelacht, indessen bin ich ein wenig wie er: wenn mein Fieber, wenn das Delirium, das Sie mir vorwerfen, wiedererscheinen wollten, so würde ich sie, darauf wette ich, verjagen, indem ich sagte: Delirium und Fieber, ihr werdet nicht wiedererscheinen.«

»Wir haben Beispiele von diesem Phänomen,« sprach der Doctor mit ernstem Tone. »Jedenfalls erlauben Sie mir, daß ich Ihnen Glück wünsche. Sie sind nun moralisch geheilt.«

»Oh! ja.«

»Wohl! Sie werden alsbald sehen, welcher Zusammenhang zwischen dem moralischen und dem physischen Theil des Menschen stattfindet. Das ist eine schöne Theorie, die ich in einem Buche ausführen würde, wenn ich Zeit dazu hätte. Gesund an Geist, werden Sie in acht Tagen auch körperlich gesund sein.«

»Lieber Doctor, ich danke Ihnen.«

»Und um anzufangen: werden Sie also abreisen?«

»Wann es Ihnen beliebt. Auf der Stelle.«

»Wir wollen diesen Abend abwarten. Mäßigen wir uns. Mit Extremen zu Werke gehen, heißt Alles auf's Spiel setzen.«

»Warten wir bis zum Abend, Doctor.«

»Werden Sie weit gehen?«

»Bis an's Ende der Welt, wenn es sein muß.«

»Das ist zu weit für einen ersten Ausflug,« sprach der Doctor mit demselben Phlegma. »Begnügen wir uns vorerst mit Versailles.«

»Versailles, es sei, da Sie es wollen.«

»Mir scheint, die Heilung Ihrer Wunde ist für Sie kein Grund, das Land zu verlassen.«

Diese studirte Kaltblütigkeit bewog Charny vollends, auf seiner Hut zu sein.

»Es ist wahr, Doctor, ich habe ein Haus in Versailles.«

»Gut! das ist es, was wir brauchen, man wird Sie heute Abend dahin bringen.«

»Sie haben mich nicht recht verstanden, Doctor, ich wünschte eine Fahrt nach meinen Gütern zu machen.«

»Ah! ja wohl. Ihre Güter, was Teufels, Ihre Güter sind nicht am Ende der Welt.«

»Sie liegen an der Gränze der Picardie, fünfzehn bis zwanzig Meilen von hier.«

»Ah! Sie sehen wohl.«

Charny drückte dem Doctor die Hand, als wollte er ihm für alle seine Zartheiten danken.

Am Abend trugen die vier Knechte, die er bei ihrem ersten Versuche so heftig zurückgeschlagen hatte, Charny bis zu seinem Wagen, der ihn vor dem Pförtchen des Gesindehauses erwartete.

Der König hatte den ganzen Tag gejagt, sodann zu Nacht gespeist und schlief nun. Charny, welcher ein wenig darüber besorgt war, daß er sich, ohne Abschied zu nehmen, entfernte, wurde durch den Doctor vollständig beruhigt; dieser versprach ihm, seinen Abgang zu entschuldigen und durch das Bedürfniß der Ortsveränderung zu motiviren.

Ehe Charny in seinen Wagen stieg, gab er sich die schmerzliche Befriedigung, bis zum letzten Augenblick nach den Fenstern der Wohnung der Königin zu schauen. Niemand konnte ihn sehen. Einer von den Lakaien, der eine Fackel in der Hand trug, beleuchtete den Weg, ohne das Gesicht zu beleuchten.

Charny traf auf den Stufen nur mehrere Officiere, seine Freunde, welche zeitig genug benachrichtigt worden waren, daß sein Abgang nicht das Ansehen einer Flucht hatte.

Von diesen heiteren Gefährten bis an den Wagen begleitet, konnte Charny seinen Augen wohl erlauben, an den Fenstern umherzuschweifen; die der Königin glänzten von Licht. Ein wenig leidend, hatte Ihre Majestät die Damen in ihrem Schlafzimmer empfangen. Düster und schwarz, verbargen die Fenster Andrée's hinter den Falten ihres Damastvorhangs eine ganz angsterfüllte, ganz zitternde Frau, welche, ohne bemerkt zu werden, jeder Bewegung des Kranken und seines Geleites folgte.

Der Wagen fuhr endlich ab, doch so langsam, daß man jedes Hufeisen der Pferde auf dem schallenden Pflaster hörte.

»Wenn er nicht mir gehört, so gehört er doch wenigstens Niemand mehr,« murmelte Andrée.

»Erfaßt ihn wieder die Lust, zu sterben,« sagte der Doctor, während er in seine Wohnung zurückkehrte, »so wird er doch wenigstens weder bei mir, noch in meinen Händen sterben. Der Teufel hole die Seelenkrankheiten, man ist nicht der Arzt von Antiochus und Stratonice, um solche Krankheiten zu heilen.«

Charny kam gesund und wohlbehalten in seinem Hause an. Der Doctor besuchte ihn am Abend und fand ihn so gut, daß er ihm sogleich ankündigte, es sei dieß sein letzter Besuch.

Der Kranke aß von einer Hühnerbrust und einen Löffel voll eingemachtes Obst von Orleans.

Am andern Tag erhielt er einen Besuch von seinem Oheim, Herrn von Suffren, einen von Herrn von Lafayette, sowie von einem Abgesandten des Königs. Es war ungefähr dasselbe am zweiten Tag, und dann kümmerte man sich nicht mehr um ihn.

Er stand auf und ging in seinen Garten.

Nach acht Tagen konnte er ein frommes Pferd besteigen; seine Kräfte waren wiedergekehrt. Da sein Haus noch nicht ganz verlassen war, so verlangte er nach dem Arzte seines Oheims, und ließ den Doctor Louis um Erlaubniß bitten, nach seinen Gütern abreisen zu dürfen.

Louis antwortete mit Zuversicht, die Bewegung von einem Ort zum andern sei der letzte Grad der ärztlichen Behandlung der Wunden: Herr von Charny habe einen guten Wagen, die Straße nach der Picardie sei glatt wie ein Spiegel, und es wäre eine Narrheit in Versailles zu bleiben, wenn man so gut und so glücklich reisen könne.

Charny ließ einen großen Wagen mit Gepäcke beladen, verabschiedete sich beim König, der ihn mit Aeußerungen seines Wohlwollens überhäufte, bat Herrn von Suffren, der Königin seine Ehrfurcht zu bezeugen, stieg dann vor dem Thore des königlichen Schlosses in seinen Wagen und reiste nach dem Städtchen Villers-Cotterêts ab, von wo aus er das Schloß Boursonnes erreichen sollte; dieses lag eine halbe Meile von dem Städtchen, welches die ersten Poesien von Demoustier bereits verherrlichten.

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04 aralık 2019
Hacim:
1015 s. 9 illüstrasyon
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